Cross your heart. Ein Erinnerungsfragment.

Wachgelegen in einer schwülen Nacht voller Blutegelträume und mich erinnert.
Aufgesetzt im dunklen Zimmer, Tom Waits gehört. Wasted and wounded, it ain’t what the moon did, I got what I paid for now.
Subtropische Siriusnacht, Schweiß- und Wortausbrüche im Wechsel, wie ein Fieberanfall.
Irgendwann Ruhe, der Schlaf zur Rechten beflankt vom gleichmäßigen Herzschlag des Hundes und zur Linken von einem zerquetschten Blutsauger an der Wand.

Taucher hätte er werden sollen, dachte ich oft.
Am besten Tiefseetaucher.

Kaum war er aufgetaucht zu einem ersten gemeinsamen Landgang, der uns beide beschwingte und begeisterte, tauchte er wortlos wieder ab.
Kaum hatte ich mich halbwegs damit abgefunden, kam er plötzlich wieder aus seinen Untiefen empor.
Schwamm drüber, dachte ich damals, freute mich an der Fortsetzung und – schwupps! – weg war er.

Und so sollte es fortan sein zwischen uns.
Bis eines Tages einem von uns, unter Wasser oder an Land, der Sauerstoff ausgehen würde.
Ein ewiger Kreislauf aus Abtauchen, Wegtauchen, Untertauchen, Auftauchen, Eintauchen – das war seine Königsdisziplin.

Seine Tauchgänge entschuldigte er mal charmant, mal unbeholfen, mal gar nicht – die Gründe dafür nannte er nie.
Möglich, dass er sie selbst nicht kannte. Ebenso möglich, dass ich sie nicht kennen sollte.
(Im Rückblick frage ich mich ohnehin, ob wir einander auch nur annähernd kannten oder erkannten.)

Er nannte diese Phasen Notabschaltung. Als er wieder auftauchte, fragte ich vorsichtig nach, worin die Not denn bestanden hatte.
Er wolle da mal persönlich drüber reden, meinte er – tauchte ab und schwieg.

*****

Früh sprach er von Freundschaft und spät begriff ich, dass das eher die Mitteilung einer großen Sehnsucht war als ein reales Vorhaben oder gar ein Zutrauen in selbiges.
Mit Leichtigkeit überspielte er die Schwere und mit Kraft manche Schwäche, auch das ein wiederkehrendes Spiel, das er oft gewann und genauso oft verlor.

Nach Klarheit und Intensität strebte er und betäubte seine Sinne bisweilen fast bis zur Besinnungslosigkeit.
Ein Spagat zwischen absoluter Präsenz und totaler Ablenkung, der ihn ständig zu zerreissen drohte.

Also übte er sich in der Kunst des Spagats:
ein Tierfreund zu sein – und ohne Gewissensbisse in Billigfleisch beißen,
ein Empathiker zu sein – und über die Nöte anderer geflissentlich hinwegsehen,
ein Nähesuchender zu sein, sich wieder mehr mit dem Leben und den Menschen zu verbinden – und flüchten, wenn jemand leibhaftig die Tür weit öffnet,
ein Kommunikationsvirtuose zu sein, im Monolog zu brillieren – und allem Dialogischen, das in die Quere oder zu nahe kommt, ausweichen.
Und wie in allem, worin er sich intensiv übte, kam er auch hier der Perfektion recht nahe.

Ansonsten war er ein Meister des Alles-oder-Nichts-Prinzips. Die Pole seiner Welt hießen Null und Hundert, dazwischen schien es nur schäbiges Mittelmaß zu geben, das ihm zuwider war.
War er auf Hundert, überstrahlte er mit seiner Energie und seinem Übermut mühelos den leisen Hauch an Größenwahn und Narzissmus, der ihn umwehte. Sein Humor genoss dann den Auslauf und tollte mit meinem ausgelassen herum, Bäume hätten wir ausreißen können, Berge versetzen.
War er bei Null angekommen, hatte er die Aura einer Mondlandschaft – die Seele von Erschöpfung zu einem kargen Krater erodiert, der Lebenshunger zu bizarren, mageren Formationen erstarrt, alles an ihm wirkte versteinert, verstaubt, verschüttet. Jede Zuwendung und Ansprache prallte an ihm ab wie an einem schweren, verriegelten Metalltor, das unter Strom steht.
Die Schläge, die man sich auch beim noch so zaghaften Anklopfen zuzog, trafen einen bis ins Herz.

*****

Während seiner Landgänge schnitzte er für jeden, der sein Interesse geweckt hatte oder dessen Interesse er wecken wollte, schöne und passgenaue Sätze, die nicht nur wohl klangen, sondern auch wohl taten.
Ein Wohlgefühl, das sich alsbald in Wohlgefallen auflösen konnte, wenn manche der Worte sich als besessene Grenzgänger entpuppten zwischen gedachter Wirklichkeit und gelebter Realität.

Auf meine Fragen hatte er meist keine Antworten, er selbst stellte erst gar keine Fragen, so dass es für mich nichts zu beantworten gab.
Über etliche Strecken unseres gemeinsamen Weges winkten wir einander bestenfalls aus der Ferne zu, der eine im Separee des Schweigens sitzend, der andere im Bottich der Bezugslosigkeit ausharrend.
Während des Unterwegsseins begriff ich allmählich, dass aus diesem fortwährenden Auf und Ab nichts erwachsen würde, auf das er sich einlassen und ich mich verlassen könnte.

Das Ganze war auf ein paar Sprints ausgelegt und leider nicht für die Langstrecke gemacht.
Ein starkes, harmonisches Team, je geringer die Distanz war, bei größerem Abstand hingegen ein fragiles, disparates Konstrukt.

*****

Überreich mit Talenten gesegnet war er, doch ließ er viele davon achtlos herumliegen wie andere Menschen ihre Socken.
Aus Ideen entstanden in Windeseile Pläne, manche davon wurden zu Zusagen, doch eben noch klar umrissene Konturen lösten sich oft schneller auf als die Kondensstreifen eines Flugzeugs am Himmel.

Alles zerfiel zu nichts und aus dem Nichts erwuchs erneut alles.
Gabe und Fluch zugleich.
Ein Perpetuum Mobile.

Ein Leben zwischen Extremen, das sich an sich selbst über die Jahre so wund gewetzt hatte, dass er wie ein Rundumversehrter auf permanente Rücksichtnahme angewiesen war – und wo er sie nicht bekam, wandte er sich ab.
Überleben musste er allein, nach seiner Methode und ohne jede Hilfe, davon war er überzeugt, niemanden wollte er dabei brauchen – und vermutlich wagte auch kaum jemand mehr, ihn zu brauchen.

Nach gut einem Dutzend seiner Notabschaltungen fühlte ich mich schließlich so ausgeschaltet, dass meine Kraft für den nächsten Sprint schwand und ich die Notwendigkeit eines erneuten Einschaltens hinterfragte.
Die einzige Antwort, die ich auf diese Frage finden konnte, ließ mich leer und traurig zurück.

So kam der Tag, an dem mir die Luft ausging für dieses zermürbende Zirkeltraining aus Warten und Hoffen, aus On und Off, aus Irritation und Wut, aus Anfangen und Aufhören, aus Lachen und Weinen, aus Höhenflug und freiem Fall, aus Verstehenwollen und Gegen-die-Wand-Laufen.

Such a beautiful opportunity, würde er vielleicht sagen.
Ein Jammer, dass wir sie nicht ergreifen konnten, würde ich wohl entgegnen.
(Wenn es wenigstens zu einem persönlichen Abschied gekommen wäre.)

*****

Schon seltsam:
Es gibt Geschichten, deren Ende man bereits ahnt, wenn man das erste Kapitel gelesen hat und die man trotzdem und unbedingt bis zum Schluss lesen muss.
Nur um ja nichts unversucht gelassen zu haben, zu begreifen, dass diese ganze Geschichte un(be)greifbar ist und bleiben wird.

Noch seltsamer:
Als Kind war ich in der Lage, solche Bücher einfach nach ein paar Seiten zuzuklappen, ich wollte keine Geschichten lesen, deren Ende zu vorhersehbar war oder deren Einzelheiten mich überwiegend bestürzten oder bedrückten.
Vormals intakte Instinkte, über die Jahre deformiert zu fatalen Fehlschaltungen.
Als Erwachsene quäle ich mich nun Seite für Seite durch den Text, bis zum bitteren Ende, lege dabei eine erstaunliche Selbstverletzungsignoranz und Hartnäckigkeit an den Tag, die, würde ich sie auf andere Sphären anwenden, mich bestimmt schon zu manch Erfreulicherem geleitet hätten.

Und nur allzu gern hätte ich mich aus dieser Geschichte mit dem faulen Fazit davongestohlen, dass alles im Leben einen tieferen Sinn habe, auch wenn er sich einem oft erst viel später erschlösse, dieses so simple wie armselige „Wer weiß, wozu’s gut war!“, das ich als Trostversuch schon der Mutter stets übelnahm, für großen Unsinn halte und das ja in Schmeißfliegenmanier immer dann auf den Plan tritt, wenn es eigentlich drum ginge, etwas, das weh tut, aushalten zu müssen ohne es verstehen zu können.

Für diese Widerfahrnisse gibt es weder eine Wikipedia noch einen ICD-Schlüssel, so schwer es auch zu akzeptieren ist, sich erst in Unwissenheit zu winden und das Erlittene dann namenlos zu bestatten.

That’s how the cookie crumbles.

*****

All das und noch viel mehr dachte und fühlte sie als die Geschichte endete, sprang anschließend ins Wasser, tauchte tief ein in das schützende, kühlende, reinigende und so weiche Element. Ja, auch sie konnte tauchen!

Und schwimmen erst! Weit hinaus schwamm sie, so weit sie konnte, bis sie den Punkt erreichte, an dem das neue Ufer heller leuchtete und näher war als jenes, an dem der schmale Steg stand, von dem sie hineingesprungen war.

Weiter, immer weiter. Jeder Zug ein Befreiungsschlag, jedes Einatmen ein Akt der Lebendigkeit und des Vorwärtsbewegens, jedes Ausatmen ein Akt des Loslassens und des Abschiednehmens.

Goodbye, my almost friend.

*****

You can cross your heart and still be lying
You can count the reasons why you’ve thrown it away

Dream on, dream on.

Song des Tages (21).

Einfach mal so aus der aktuellen Gefühlslage heraus.

Und weil es sich schlecht einschlafen lässt, wenn im Hinterhof zwischen den Garagen und den Mülltonnen zwei aus dem Nest gefallene (oder verjagte) Amseljunge sitzen und fiepen. Ein Drittes hat sich tagsüber der Habicht schon aus einem anderen Hinterhof geholt und auf den Garagendächern verspeist – die Amselmutter nebenan im Baum panisch zeternd -, und mehr als ein Schälchen Beeren hinstellen (als Futterquelle ohne weite Flugwege) und regelmäßig aus dem Fenster gucken, ob sich Habichte oder Katzen nähern, kann (und soll) man halt nicht tun.

Schwer auszuhalten, wenn das Nervenkostüm sich grad eh etwas rissig anfühlt.

There’s a dark cloud rising from the desert floor
I packed my bags and I’m heading straight into the storm

Gonna be a twister to blow everything down
That ain’t got the faith to stand its ground

Blow away the dreams that tear you apart
Blow away the dreams that break your heart
Blow away the lies that leave you nothing but lost and brokenhearted

(The harmonica like a cheeping little blackbird, somehow.)

Ausruhen.

Das Daumendrücken hat geholfen!

Foto: Andrea Itze vom Blog „Anwolf“ (vielen Dank nochmal!)

Das Dackelfräulein hat Narkose und OP soweit gut überstanden…

– nun schnaufen wir erstmal durch, warten auf baldige Heilung der Wunde und den hoffentlich harmlosen Befund.

Hier ist jetzt also Ruhe angesagt sowie Fokussierung auf anderes, das vor lauter Rissen im Nervenkostüm und emotionalen Achterbahnfahrten doch etwas auf der Strecke blieb.

Wir verabschieden uns daher bis zum Monatsende in die Rekonvaleszenz und Schreibklausur.
Euch allen herzlichen Dank für die große Anteilnahme und eine gute Zeit bis zum Wiederlesen/-sehen/-hören!

Ex umbra in solem!

Ablenken.

Zwei Tage bestes Ablenkungsprogramm!

Die Freundin hat nochmal die Nähnadel geschwungen und aus dem Billig-Babyhöschen einen feinen Dackelpyjama für die Nächte nach der OP fabriziert, aus dem sich das Fräulein hoffentlich nicht herauswinden kann.

Probetragen des Dackelhinterbein-OP-Schutzes…

…mit justierbaren Hosenträgern. Passt!

„Nettes Gewand für nur 8€“, denkt sich der Mensch.
„Was soll jetzt dieser Unsinn?“, fragt sich der Hund (macht aber für ein paar Stückerl Kärntner Bergkäse alles brav mit).

Das beim Medizinischen Fachhandel für malade Haustiere bestellte Teil für 18€ hat hinten und vorne nicht gepasst und ist schon wieder auf dem Weg retour. Es geht einfach nix über ordentliche Handarbeit & Maßanfertigungen.

Gestern dann, pünktlich zum Frühlingsbeginn im schönen Oberbayern, ganztags in die Berge zum Durchlüften.

Die Tannen auf 1.000 Metern Höhe verschneiter als an Weihnachten…

… und nach den zapfigen Stunden im Freien mit der Graseck-Gondel wieder hinab ins Tal.

„Die Phantasie ist ein ewiger Frühling.“ (Friedrich Schiller)

Viel Liebe, Freundschaft und Zuspruch von außen (ganz herzlichen Dank dafür!).

Zur Frühstücksbreze heute die erfreuliche Botschaft, dass der fesche Kiefer sich im Juni die Ehre gibt (und hoffentlich seinen dämlichen Cowboyhut daheim lässt) und kurz danach noch ein überaus nettes und lustiges Telefonat mit einer niedersächsischen Dame vom Kundenservice der Krankenkasse. Mein Orthopäde hat mir ein Tensgerät verordnet, das sei „so eine Art Vibrator für den Ellenbogen“, also ein „echt cooles Teil“, wie mir die Niedersächsin von der BARMER mit ihrer wunderbaren Sabine-Töpperwien-Stimme erläutert – „da werden Sie schon Spaß mit haben“ (uns beiden rutscht ein kurzes, dreckiges herzhaftes Lachen raus). Na dann!

Summa summarum nehme ich das mal als gutes Omen, hoffe auf ein paar Stunden Schlaf heute Nacht und einen reibungslosen Ablauf des für morgen Anstehenden.

Song des Tages (17).

Neue Woche, neue Wege.

Eine Schreibarbeit voranbringen, die OP hinter uns bringen. Und manches mehr.
Hoffentlich wirft’s einen nicht aus der Spur.

Im Küchenradio spuin’s an Hubert, lang‘ nicht mehr gehört!

Ein Open-Air-Konzert in Coburg fällt mir ein, kurz nach dem Independence Day muss es gewesen sein, eine Ameisenstraße unter einer Wolldecke im Wald, irgendwo zwischen Würzburg und Coburg, heiß war es, der Honda von P. ohne Klimaanlage. Die Stimmung schwierig, aber nicht aussichtslos, was man damals vor 24 Jahren zu gern geahnt hätte, aber erst viel später wissen durfte. Immerhin.

An dieser Stelle herzliche Grüße nach Berlin an P., den Läufer mit der feschen Russenmütze (frohes Zehennägelschneiden!) – und allen anderen einen guten Start in die Woche!

De Fiass de gengan wia von selber und de Strass’n
de fangt an vor meiner Tür
nur wo’s aufheat woass ma nie
und wo’s hiführt woass ma nie
und ob ma‘ z’ruckkommt woass ma nie

Grateful.

*****

Wenn ihn seine Medikamente mal wieder besonders müde machen, kommt ihm ihr Name manchmal nicht zu Bewusstsein.

Der in solchen Momenten schmerzlich träge Geist greift dann gern zurück auf ein ehemals Vertrautes aus längst vergangenen Zeiten. Auf ein Früher, ein Damals, das „die beste Zeit seines Lebens“ zu nennen er sich konsequent verbietet, seit es ihm abhanden kam und das doch all die Jahrzehnte im Inneren so präsent war.

Er nennt sie dann Penny, wie unseren ersten Dackel, der damals, 1984, als die Mutter bereits im zweiten Jahr ihres Krankseins angekommen war, in unser im Ableben begriffenes Familienleben hineinpurzelte (wie ein wildes Aufbäumen des Schicksals gegen das leider eh schon Unvermeidbare und wie ein verzweifelter letzter Versuch, ein wenig Heiterkeit und Lebenslust zu retten – wäre da noch etwas zu retten gewesen).
Beugt er sich zu ihr hinunter und spricht sie mit Penny an, schaut sie genauso treuherzig zu ihm hinauf als hätte er Pippa gesagt und ihr Schwänzchen klopft dabei auf den Holzboden. Ein unerschütterliches tock-tock-tock, so als sei nicht das Geringste gewesen (und dem Papa tut die Kontinuität, die dieses Geräusch vermittelt, sichtlich gut).

Einmal versprach er sich völlig und nannte sie Pizza, was ja recht nah an Pippa ist, und ihm sogar gleich auffiel, kaum war das falsche Wort zwischen seinen Lippen hindurchgeschlüpft.
Wir mussten beide lachen. Der Hund zu unseren Füßen rollte sich dankbar zu einem kleinen Kringel ein, denn Hunde sind immer dankbar und beruhigt, wenn sie merken, dass ihre Menschen heiter sind. Sie spüren es an unserem Atem, am Tonfall, an der Körperhaltung, an der Art, wie man sich durchs Haar fährt oder die Brille zurechtrückt (und an vielen weiteren kleinen Zeichen, die wir Menschen an einander allenfalls in besonders wachen Momenten wahrzunehmen imstande sind, wenn überhaupt).

Vor vielen Jahren verkündete er bei einem Telefonat mit unverhohlen stolzem Unterton, dass ihm aufgefallen sei, wie sehr die Worte Papi und Pippa sich doch ähneln würden und wollte wissen, ob ich den Namen deshalb ausgewählt hätte.
„Nein“, musste ich ihn enttäuschen, „ich habe sie nach einer Romanfigur benannt – und außerdem entstammt sie ja einem P-Wurf, so dass der Anfangsbuchstabe bereits gesetzt war“.

Als er vor ein paar Tagen von Pippas bevorstehender Operation erfährt (die teurer wird, als wir zunächst annahmen), ruft er sofort an und weist mich ohne große Einleitung (und ohne sich zum eigentlichen Anlass zu äußern) an, ich solle mal in meinen Kontoauszug gucken, da müsse etwas für Penny eingegangen sein.
Genau genommen hat er nun den Großteil der OP-Kosten übernommen. Ich schlucke, als ich den Betrag sehe, bin hin und her gerissen zwischen Dankbarkeit und Rührung.

Der Verwendungszweck lautet „Von Papi für Pippa“.

Bei Bankgeschäften ist der Kopf also hellwach und klar, denke ich und nehme mir vor, diesen Gedanken zu konservieren, als kleines Bollwerk wider den viel zu oft wahrnehmbaren Verfall.

*****

It all will come out fine
I’ve learned it line by line
One common wire
One silver thread
All that you desire
Rolls on ahead

Hund haben (12).

Nach 6 Jahren und 5 Tagen innigen und relativ sorglosen Zusammenlebens wird es nun nächsten Donnerstag soweit sein: Das Dackelfräulein muss operiert werden.
Ihre erste Vollnarkose, für anderthalb Stunden…

Drei ominöse, dunkle Flecken am Hinterlauf sind nun doch zu groß geworden, sollten lieber früher als später herausgeschnitten und histologisch unter die Lupe genommen werden.

Neben diversen Sorgen und Ängsten, die so ein bevorstehendes Ereignis schürt, wollen auch praktische Aspekte der Post-OP-Phase bedacht werden. Als die Ärztin in der Tierklinik was von „10 Tagen Trichter“ faselt, wagen der Gatte und ich es kaum, uns anzusehen.

Trichter? Ja, schon klar, damit das Fräulein nicht an der frisch genähten Wunde nagt. Mal abgesehen davon, dass eh fast alle Hunde diesen sperrigen Plastikkragen hassen wie die Pest: wie soll das denn nachts gehen, unter einer gemeinsamen Bettdecke, mit Hund und Trichter? Fragen wir natürlich nicht die Tierärztin, sondern diskutieren das anschließend diskret im Auto.

Meine Freundin Andrea, die ich sofort kontaktierte, gibt mir den Tipp, bei medpets nach einem Hinterbein-OP-Schutz zu schauen. Manchmal muss man ja überhaupt erstmal wissen, wie das Zeug heißt, nach dem man suchen könnte! Haben wir sofort bestellt. Ebenso eine vielgepriesene Trichter-Alternative: Comfy-Collar zum Aufblasen, mit verstellbarem Klettverschluss.

Was es nicht alles gibt!

Offenbar gibt es auch Hunde zum Aufblasen: Siehe Aufkleber auf der Hinterbeinschutz-Tüte.

Für die Nächte brauchen wir aber was großflächiger Abdeckendes ums Bein herum. Und da so ein Dackel ja ähnliche Maße hat wie ein Baby, komme ich mit meinen 45 Jahren glatt noch in den späten Genuss, die Babyklamottenabteilung im Kaufhaus zu durchstöbern. Natürlich mit Spickzettel (alle Maße des Fräuleins gründlich notiert) und Maßband in der Jackentasche.

Eine Verkäuferin eilt herbei, als sie mich mit einem zartrosafarbenen Strampelanzug und dem Maßband herumhantieren sieht.

Sie: „Kann ich Ihnen helfen? Was suchen Sie denn?“
Ich: „Einen Strampelanzug ohne Ärmel, aber mit geschlossenen Beinen.“

Sie: „Ich nehme an, es ist ein Mädchen?!“ (deutet auf das rosa Teil in meinen Händen)
Ich: „Äh, ja. Aber Farbe und Design sind trotzdem völlig egal.“

Sie: „Wie alt ist das Mäuschen denn?“

Tja, an der Stelle muss ich Farbe bekennen und antworte, dass es sich um ein sechsjähriges Rauhaardackelmäuschen handelt.

Da ich an eine professionelle Verkäuferin geraten bin, entsteht keine Sekunde der Peinlichkeit und das Verkaufsgespräch geht nahtlos weiter.
Die Dame legt sich nun richtig ins Zeug: Es käme gar nicht so selten vor, dass sowas für Hunde nachgefragt würde, sagt sie, und lässt sich meinen Notizzettel mit den Maßen zeigen.

Wenig später ist klar, dass wir Größe 92 bräuchten, was die Länge des Stramplers angeht, nur passt dann der Umfang überhaupt nicht mehr (zu viel Stoffgeschlabber). Die Verkäuferin meint, dass es geschickter sei, eine Hose mit offenem Bein zu nehmen, ungefähr in Größe 80, so dass sie etwas besser an der Dackeltaille anläge und der Wunde an der Schenkelinnenseite ausreichend Schutz böte. Zudem würde der Hund nicht im Ganzkörperdress schwitzen oder sich zu eingeengt fühlen. Die offenen Beinenden müssten natürlich zugenäht werden, damit Pippa die Schnauze nicht durch diese Öffnung zwängt, um an der Wunde herumzubeißen. Und ein Loch fürs Schwänzchen muss noch hineingeschnitten werden – dann sollte alles passen.

Nach etlichem Herummessen und -suchen breitet die Verkäuferin schließlich 5 Hosen vor mir aus, die alle meiner Vorgabe „möglichst unter 10€“ entsprechen:

  • Die pinke mit glitzernden Prinzessinnenapplikationen lege ich sofort beiseite – der Gatte würde mich erschlagen!
  • Das winterliche Modell aus Nickistoff scheidet auch aus – viel zu warm für nachts unter der Decke.
  • Eine Frotteehose in Ringel-Optik behagt nun mir nicht – erinnert mich an Pyjamas der Grundschulzeit.
  • Am Schluss muss ich wählen zwischen zwei im Grundton grauen Modellen. Das eine mit lustigen Kolibris und Schmetterlingen drauf, das andere mit maritimen Motiven.

Obwohl ich ein großer Vogelfreund bin und die Verkäuferin meint, dass das Bunte für ein Mädchen ja vielleicht „frischer und netter“ wäre, nehme ich die andere Hose. Anker, Boot und Schiffssteuer sind als regelmäßiges Muster aufgedruckt (ich mag eh keine wirren Muster). 7,99€, faire Sache.
Das Teil ist langweilig und beruhigend zugleich. Genau das, was ich für so einen Anlass brauche. Und außerdem steht dem Dackelfräulein das Nautische definitiv näher als das Ornithologische oder Lepidepterologische. Sie ist nunmal ein Wander- und Wasserhund – da kriegste beim besten Willen nicht die Kurve zu Kolibris und anderem Geflatter.

Jetzt üben wir schon mal ein bisschen „Schlafen mit Halskragen“.

Post-OP-Vorübung: Schlafen mit Halskragen (Stofftier als Kinnstütze).

Worrying about your little world falling apart.

*****

Dieser vorwiegend verjammerte Monat neigt sich nun erfreulicherweise seinem Ende zu. Der Inhalt des Jammertopfes ebenfalls.
Alles ist gesagt, gefühlt, beweint, beschrieben und beklagt worden.
Bei einem der Loopings während der emotionalen Achterbahnfahrten, die der Februar mir gratis und so reichlich zugedacht hatte, hat’s mich aus der Kurve gehauen.
Der Aufprall war unsanft, das System wurde ziemlich durchgerüttelt. Überall schepperte, wackelte oder flatterte es.
Nach all dem Aufruhr macht sich nun eine beinahe wohltuende Leere breit und bietet Gelegenheit, die Wunden zu lecken und zu verpflastern.

*****

Das für gestern Vormittag geplante Schwimmen verschob sich dann doch auf den späten Abend. Was sich gelohnt hat.
Zum einen, weil man rückschwimmend durch den Dampf direkt zum (Voll?)Mond im schwarzen Winternachthimmel hinaufschauen konnte, zum anderen, weil nach dem Bahnenziehen erstmals in meiner über 20-jährigen Schwimmkarriere die Badelatschen am Beckenrand festgefroren waren. Das gab’s noch nie.
Der Lieblingsbademeister eilte mit dem Heißwasserschlauch herbei, eiste meine gelben Crocs los und spendierte mir zur Entschädigung für die 15 Sekunden Extra-Frieren eine Gutschrift für den nächsten Besuch.
Ich liebe dieses Bad.

*****

Man kann nicht alles wegschwimmen, was einem im Nacken sitzt oder im Magen liegt.
Aber manches kann man leichterschwimmen oder schwimmend ins Wasser hineindenken und dann zugucken, wie es allmählich auf den Beckenboden (den gekachelten!) sinkt.
Kleine Verletzungen, große Enttäuschungen, nagende Zweifel, wiederkehrende Zukunftssorgen, fehlende Antworten, schwelende Ängste, spontane Lebensmüdigkeiten, kraftraubende Viren, zerplatzte Hoffnungen – bei jedem dritten Armzug vollständig Ausatmen, und ab damit Richtung schwarzer Balken auf türkisem Boden.
Man muss außerdem sehr viele Bahnen schwimmen, um seinen Ballast loszuwerden. Keine Ahnung, wie viele.
Jeder hat so seine Ventile. Das Schwimmen ist meines.
Ein weiteres ist die Musik.

*****

Auf der nächtlichen Heimfahrt ist die alphabetische Tracklist der 16GB-Musiksammlung bei „M“ angelangt. Macdonald, Amy.
Sie singt darüber, was Glück für sie bedeutet. Netter Song, 4:49 lang. Dann Stille, das Gerät springt nicht automatisch weiter zum nächsten Titel, und ich denke sofort: „Verdammt, geht DAS jetzt auch noch kaputt in diesem versemmelten Monat.“
Weil die Straße glatt ist, kann ich nicht an der Anlage rumfummeln. Als ich an der nächsten Ampel stehe und mit dem Finger aufs Display zusteuere, singt die Amy plötzlich weiter, nach über 70 Sekunden Pause.
Siehe da, es sind ja noch 3 Minuten Restzeit für „What happiness means to me“ angezeigt, das Glück hat also einen Epilog, den ich bislang nie bemerkt habe (da könnte sich das Leben mal eine Scheibe von abschneiden).
Unverzeihlich, denn es folgt eine Acoustic-Zugabe in schottischem Akzent von „Dancing in the dark“. Ein Song, den ich zwar seit 33 Jahren in & auswendig kenne, aber früher mal so oft gehört habe, dass ich schon lange nicht mehr wirklich zuhörte (sofern er mir überhaupt ab und zu mal unterkam).
Manches hat man ja als Teenager ganz anders aufgefasst (oder noch gar nicht erfasst) – und gestern Nacht trafen diese Worte zum ersten Mal einen völlig neuen Punkt meines Bewusstseins (oder auch bloß einen der Nerven, die sich im Februar entzündet hatten).

*****

You sit around getting older
there’s a joke here somewhere and it’s on me
I’ll shake this world off my shoulders
come on baby this laugh’s on me

Stay on the streets of this town
and they’ll be carving you up alright
They say you gotta stay hungry
hey baby I’m just about starving tonight
I’m dying for some action
I’m sick of sitting ‚round here trying to write this book
I need a love reaction
come on now baby gimme just one look

You can’t start a fire sitting ‚round crying over a broken heart
This gun’s for hire
Even if we’re just dancing in the dark
You can’t start a fire worrying about your little world falling apart
This gun’s for hire
Even if we’re just dancing in the dark

*****

(This one’s for you, S.)

*****

Remembering Kölnarena, 13. Dezember 2007.

Grad noch fröhlich über Krapfenwerbung herumgeblödelt – und schon war Schluss mit lustig.

So einen Zusammenbruch zuletzt an jenem Abend vor über 10 Jahren in Köln erlebt: The Boss himself bespielte seinerzeit mit Inbrunst die Halle und ich bespie mit Inbrunst die Sanitärkeramik, am Ende des Abends auf du und du mit der Klofrau (es schweißt zusammen, wenn man ein spektakuläres 15-minütiges „The river“ gemeinsam im weißgefliesten WC-Vorraum hört, die Klofrau mir mit Tüchern den Schweiß von der Stirn tupfend). Santa Claus had been coming to town für 16.000 Fans, nur nicht für mich. Der beste Freund tauchte alle paar Songs vor den Damentoiletten auf, um mich zu überreden, mich wenigstens an den Hallenrand zu verfrachten (wo ja auch die Sanitäter sofort zur Stelle wären), aber nicht mal daran war zu denken. Zu schwach für alles. Dann noch eine gruselige Nacht, Tür an Tür, am nächsten Tag der Rückflug nach München mit Schüttelfrost und Immodium. Ein kurzer, heftiger Alptraum, so ein Norovirus.

Gestern ab 18 Uhr dann Norovirus 2.0. Diesmal ohne Springsteen in Köln, dafür mit Tierklinikbesuch in Oberhaching, dort leider ohne nette Klofrau und passende musikalische Untermalung. Das Dackelfräulein hatte ein Kauknochenendstück verschluckt und quer im Hals stecken, jaulte wie wir sie noch nie hatten jaulen hören. Gottseidank rutschte das Ding dann doch noch bis in den Magen durch. Gruseliger Abend, gruselige Nacht. Den kleinen Hundekörper ganz nah bei mir, mich immer wieder ihres Herzschlags vergewissernd (übertrieben & irrational).

Heute komatöser Zustand, aber mit allerbester Pflege: Auf einen Schluck Elektrolytelösung zwei Schluck Cola, das Ganze mit Zwieback abdichten, alle paar Stunden eine Palette Chemie reinpfeifen, der Gatte hatte schließlich die halbe Apotheke leergekauft, ansonsten Wärme und Schlaf, und am Abend feststellen, dass das Gröbste wohl schon überstanden ist.