Herbstpredigt aus Colts Neck. Ein homiletischer Interpretationsversuch.

„In this life nobody gets away unhurt.“ (Bruce Springsteen in his movie „Western Stars“)

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Als Bruce Springsteen die ausgehungerte Fangemeinde im Juni mit seinem 19. Album namens „Western Stars“ beehrte, befand ich mich gerade in der ersten forenbacherschen Vollvernebelung und konnte deshalb anfangs nur sehr am Rande Notiz nehmen von dem neuesten Werk meines seit frühester Jugend so bewährten Allzeitseelenretters.

Erst viele Wochen später wandte ich mich nach und nach den 13 (!) Songs zu und fand langsam einen Zugang zu dem Album, wenngleich nur zu einem Drittel der neu veröffentlichten Lieder.
Spontan mochte ich bloß die Lieder, bei denen durchgehend oder zumindest zwischen den Zeilen und Akkorden diese tiefe Melancholie und be(d)rückende Authentizität hindurchschimmerte, die „Nebraska“ (für mein Empfinden eines seiner wichtigsten Alben überhaupt) uns Langzeit-Fans vor ein paar Jahrzehnten unter die Haut geätzt und dort für immer konserviert hatte – ein Widerfahrnis, das wir mit Ehrfurcht und Stolz in und an uns tragen wie andere ihre Tattoos oder Schmisse.

Die anderen beiden Drittel empfand ich zunächst wie ein etwas ausgeleiertes Echo von bereits Gesagtem bzw. Gesungenem. Das wäre nicht weiter schlimm, wenn die Referenzsongs die passenden gewesen wären und die Ingredienzen dieser neuen Stücke nicht dem Topf der Bedeutungslosigkeit und Unerheblichkeit entnommen worden wären, den der Boss mit einigen Kellen voll Songs aus seinen letzten Alben (allen voran „Magic“ und das bald darauf folgene „Working on a dream“) schon reichlich gefüllt hatte (was ich ihm gleichwohl längst verziehen habe, aus alter, immerwährender Zuneigung und Verbundenheit).
Aber genau aus diesem Topf schienen sie mir zu entstammen, sie klangen wie etwas, das wirklich nicht zwingend hätte erzählt und vertont werden müssen – und genau deshalb wurde ich mit mehr als der Hälfte der Songs dieses neuen Albums nicht so recht warm.

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Nun also, vier Monate später, der Film zum Album: „Western Stars“, gestern Abend europaweit als einmalige (!) Kinoaufführung zelebriert. Für mich eine weitere Chance zur Annäherung an dieses Werk, die durchaus als gelungen bezeichnet werden kann.

Schöne Vorstellung, dass fast all meine Fanfreundinnen und -freunde gestern zeitgleich im Kinosessel saßen, die meisten sogar um Schlag 20 Uhr, so wie ich. Großes Synchrongucken und -hören war somit angesagt, eine Prise brotherhood-feeling, wenn auch meilenweit von jenem entfernt, das man in Live-Konzerten spüren kann. Eher so die Feierabend-Couch-Community-Variante, dafür ohne Rückenschmerzen und Heiserkeit am nächsten Morgen, aber eben auch ohne dieses tiefe, tagelang anhaltende und vorübergehend seelenheilende und lebensverändernde Glücksgefühl solch gemeinsam erlebter, dreistündiger Live-Segnungen.

Ansonsten nervt diese Eventisierung total: Nur an einem einzigen Abend, nur in ausgewählten Kinos… – absurd!

Ich meine, als Bruce-Fan seit bald 35 Jahren fühl ich mich ja sowieso längst auserwählt, da braucht’s diesen Kult doch überhaupt nicht.
Und die damit einhergehende Vermarktung nervt ebenso: Natürlich folgt jetzt noch eine CD zum Film, die dieselben 13, im Juni veröffentlichten Songs enthält, nur eben in den Live-Versionen aus dem Film, die allerdings nicht so bahnbrechend anders klingen als die Studio-Versionen, aber damit auch jener Konsument anbeißt, der genau so denkt, packen sie noch einen Bonus-Track mit drauf, der bislang nirgendwo anders zu hören war als im Kinofilm, nämlich ein Cover von „Rhinestone Cowboy“, und selbstverständlich singt und interpretiert Bruce diesen Uralt-Country-Hit von Glen Campbell um Welten besser als dieser ihn je hätte darbieten können (und trägt dazu auch noch die bessere Frisur und das schönere Hemd als seinerzeit Mr. Campbell).
Trotzdem kauf‘ ich die CD nicht, ein bisschen mehr muss man mir schon bieten!

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München, gestern Abend um 19:45 Uhr.
Etliche Brucianer und Tramps hatten sich an diesem nasskalten Oktoberabend vor Saal 5 des Cinemaxx am Isartor eingefunden, um der groß angekündigten, einmaligen Herbstpredigt zu lauschen.

“Bruce Springsteen turns a concert film into a transcendental experience”, schrieb der Rolling Stone ein paar Tage zuvor, und so waren manche der Zuschauer mit Taschentuchpäckchen bewaffnet angerückt, andere mit zwei Flaschen Bier, denn wenn womöglich ein Transzendenzerlebnis bevorsteht, dann will ja man entsprechend gerüstet sein, um diesem zu begegnen (ich hatte den Gatten dabei sowie ein halbes Päckchen Tempos, eine Flasche Wasser und ein paar Gummibärchen).

Was haben wir zu sehen und zu hören bekommen?
Wie war es um die Transzendenz bestellt? Und kamen die Taschentücher zum Einsatz?

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Geschmeidig traben Wildpferde im Sonnenuntergang durch eine gigantische Steppenlandschaft. Dann Wechsel zu einer Gegenlichtszene, in der ein Rancher sein Pferd lässig am Zügel durch ebendiese Landschaft führt und uns bedächtig entgegenschreitet. Es dauert einen Moment, bis wir feststellen: Nein, das ist keine Zigaretten-Werbung, sondern der Film hat bereits begonnen, und der lässige Typ auf der Leinwand, das ist Mr. Bruce Springsteen aus Freehold, New Jersey, und kein cool vor sich hinqualmender Macho aus dem Marlboro-Country (die trugen ja außerdem weiße Westernhüte, was halt zunächst im Gegenlicht schwer zu erkennen war).

Zum einen präsentiert uns der Film „Western Stars“ alle Songs des zugehörigen Albums live und in der ebenso intimen wie feierlichen Umgebung einer alten Scheune auf Springsteens Anwesen in Colts Neck, die mit etwas Fantasie architektonisch und atmosphärisch locker als Kathedrale durchgeht: am Hauptaltar Bruce Almighty, gelegentlich bei Gesang und Gitarrenspiel unterstützt von Ehefrau Patti, im Chorraum drumherum die Band und ein beachtliches Orchester.

Manche der Lieder gehen mir plötzlich viel mehr unter die Haut, wenn ich nicht nur höre, wie er sie singt, sondern sein Gesicht dabei betrachten kann, eine Band im Hintergrund sehe, auf einer in blaues Licht getauchten Bühne. Beispielsweise kommen mir „Drive fast“ oder „Chasin‘ wild horses“ gestern beinahe wie ganz andere Songs vor als die, als die ich sie bisher wahrgenommen hatte. Ich kann auf einmal genauer hinhören, mich anders drauf einlassen, besonders Letzterer erreicht mich mehr denn je (die Frau neben mir schnieft heftig und aus der Reihe hinter uns ist ebenfalls Taschentuchpäckchenknistern vernehmbar) und als wir am späten Abend heimkommen, muss ich sofort die CD einlegen und den Song gleich nochmal anhören.
Anderes, wie beispielsweise „Sundown“ oder „There goes my miracle“, erscheint mir hingegen genauso unerheblich wie bislang auch, egal, welche Geschichte die Lyrics erzählen wollen, es erreicht mich musikalisch (und auch sonst) einfach nicht.

Überhaupt: Zu viele Backgroundsänger, zu viele Streicher, zu viel orchestrale Weichspülung und cineastisch zurechtgefiedelte Dramaturgie. In manchen Momenten des Films meint man fast, der optisch leider mehr und mehr wächsern anmutenden Patti könnten jeden Moment Engelsflügel unter ihrem Rotschopf hervorwachsen, die sie in die Kuppel der Kathedrale hinauftrügen und dank derer sie durch die alten Holzbalken der Scheune in den amerikanischen Nachthimmel entschweben würde, empor zu den Western Stars, die von dort oben auf uns Normalsterbliche hier unten herabstrahlen.

Etwas arg viel Pathos, so insgesamt, aber wenigstens die Grenze zum Kitsch wurde meistens gewahrt.

Zum anderen ist der Film ein elegischer Roadtrip, eine sehr persönliche Seelenschau und Bilanz, ein meditativer Marsch durch ein Lebenswerk und ein im Stil einer Messe inszeniertes, selbstreferentielles Vermächtnis, das uns der nunmehr 70-Jährige zu treuen Händen übergibt.

Der Boss streift nämlich zwischen den einzelnen Tracks philosophierend durch die Badlands of New Jersey, durch die kalifornische Wüste oder durch diverse Stationen seiner Vergangenheit. Dabei blickt er nicht nur fragend auf die vergilbten Seiten seiner Notizbücher oder durch die verschmierte Windschutzscheibe seines Pickups, sondern auch nachdenklich in die Ferne und lässt seinen teils müde wirkenden Blick über die unendlichen Weiten karger Canyons und staubiger Steppen schweifen, während ein Voiceover – natürlich von Springsteen selbst gesprochen – dem geneigten Zuschauer sehr wissend und teils sogar sehr weise vom Leben, von Heimat, von der Liebe, von Schmerz, Destruktion, Isolation sowie vom Davonlaufen und Zurückfinden (und vielleicht auch ein Stück weit vom Ankommen und Erlöstwerden) erzählt.

Manchmal leider etwas zu weise und aphoristisch, aber Schwamm drüber.
Mit 70 ist das schon ok so und als wahrer Fan sieht man ihm selbstverständlich die eine oder andere etwas triviale Sentenz nach, die man aus anderem Munde vernommen vielleicht als banal abgetan hätte, aber von der so geliebten Stimme verkündet erstrahlt eben manch noch so schlichte Aussage trotzdem in einem gewissen Glanz – und alles in allem spricht hier ja nach wie vor ein großer Geschichtenerzähler zu uns (und etliche der existenziellsten Dinge sind ja auch genau das: schlicht, banal, trivial).

Und gelegentlich spricht er wohl auch nur zu sich selbst: denn manche der Kommentare sind ganz persönliche Erkenntnisse (oder Bekenntnisse), hören sich wie Tagebucheinträge an, die oftmals erst im Herbst des Lebens verlesen werden können, wenn ihr Verfasser sich in all seinen Facetten (und auch in all seiner Verletzlichkeit) zu zeigen wagt und weitgehend Frieden mit sich und seinem So-Sein geschlossen hat: „The older you become the heavier the baggage becomes that you haven’t sorted through. So you run.“

Der schwarze Cattleman wirft einen Schatten auf sein Gesicht, er vermag die Spuren gelebten Lebens nicht zu verdecken und das haben er und das von ihm behütete Gesicht auch weder beabsichtigt noch nötig.

Denn unser Wandererprediger hat längst ein Stadium der Zeitlosigkeit und Unzerrüttbarkeit erreicht. Er ist zu einem Solitär geworden, genau wie die Josua-Palmlilie, die im Film gelegentlich seinen Wegesrand ziert und jeder Dürreperiode (ganz gleich ob es eine der Politik, der Gesellschaft oder der eigenen Kreativität, des persönlichen Lebensweges samt der begleitenden Gemütszustände ist) standhaft trotzt.
Die kalifornische Wüstensonne flirrt durch ihre schwertförmigen Blätter und unter der Hutkrempe des lonesome cowboys summt es womöglich ganz zart:

This is your sword, this is your shield
This is the power of love revealed
Carry them with you wherever you go
And give all the love that you have in your soul

The times they are dark, darkness covers the earth
But this world’s filled with the beauty of God’s work
Hold tight to your promise, stay righteous, stay strong
For the days of miracles will come along

Genau dieser Song vom Album „High Hopes“, um das es hier überhaupt nicht geht, kommt mir plötzlich in den Sinn während ich Springsteen ganz alleine durch den Joshua Tree Nationalpark marschieren oder in seinem Geländewagen durch die Gegend kurven sehe.

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Einigen der Dämonen, die wir aus dem springsteenschen Kosmos bereits kennen, begegnen wir auch in „Western Stars“ erneut. Und vielleicht schließt sich damit ein Kreis.

Denn wenn man so möchte ist „Western Stars“ an manchen Stellen quasi das Diapositiv zu „Nebraska“: vordergründig leichter und lichter kommt es daher, dringt man allerdings unter die Oberfläche, kann man wieder eintauchen in die Welt altbekannter Springsteen-Melodien, -Motive, -Bilder und -Charaktere. Dieselbe Medaille, nur ihre Kehrseite? Es ist alles eins geworden (oder vereint sich nun).

All das wirkt jetzt – zu Beginn seines letzten Lebensquartals – deutlich weniger düster und auch weniger resignativ als noch vor 37 Jahren im in jeder Hinsicht sehr schwarzweißen Nebraska. Als hätten Licht und Schatten einander erstmals die Hand gereicht und sich zum Tanz aufgefordert. Als hätten sich all die schmerzhaften Gegensätze zwar nicht gänzlich auflösen, aber doch ein wenig aussöhnen können.

Als hätte manch einer der früheren Johnnys sich nach durchlittenen Seelenqualen zum geläuterten John gemausert und hätte nach langen Irrwegen in abgewrackten Used Cars auf schier endlos erscheinenden, grauen, trostlosen Highways und trotz all der Narben, die ihm zahlreiche und hartnäckige Devils & Dust(s) während seiner langen Reise zugefügt haben, nun doch noch nachhause gefunden.

Was ja nicht die schlechteste Bilanz wäre, die man nach sieben Jahrzehnten ziehen kann.

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So meine Gedanken, Gefühle und Interpretationsversuche gestern nach dem Kino der abendlichen Herbstpredigt, auf dem Nachhauseweg durch die nächtliche Stadt, noch ganz im Bann der fast 90-minütigen Liturgie.

Vielleicht ist es so, vielleicht aber auch ganz anders.

Denn ein bisschen sieht/hört man ja immer auch das, was man sehen/hören möchte, weil das gerade einen Widerhall in der eigenen Innenwelt erzeugt, der morgen auch schon wieder irrelevant oder ein ganz anderer sein kann.

Oder, um es mit Springsteens Worten zu sagen:
„You lose track of time, it’s all just storms blowin‘ through“ (aus: „Chasin‘ wild horses“).

„That was it, I was in at the deep end where I still swim to this day.“

(Wir sind immer noch dort drüben unterwegs, aber dieser Beitrag muss unbedingt auch hier erscheinen, weil sonst was Wichtiges fehlen würden.)

Who’s the Boss?!?

23. September 2019.

Bereits Springsteens letzten runden Geburtstag verbrachte ich in Niedersachsen, damals auf der A7, unterwegs Richtung Heimat, nach einem Rügen-Urlaub, der NDR dudelte die großen Hits rauf und runter, es war eine herrliche Heimreise.
Zehn Jahre später verbringe ich ihn nun im Weltvogelpark Walsrode.

Deshalb bleibt am heutigen Morgen auch keine Zeit für lange Retrospektiven zu meiner lifelong relationship mit Bruce.
Mittags auch nicht, denn nach drei Stunden im Vogelpark steht das große Gassi mit dem Fräulein auf dem Programm, und danach geht’s nochmal in den Vogelpark. Abends werde ich nach all dem Gezwitscher wohl zu platt sein. Vielleicht werde ich im Hotelbett liegend noch den einen oder anderen Artikel lesen, der heute anlässlich dieses 70. Geburtstags erscheinen wird, und mit Sicherheit werden einige erscheinen.

„(…) now there’s wrinkles around my baby’s eyes“ (Quelle des Fotos leider unbekannt, ich erhielt es von einem anderen Fan per Mail.)

Mal sehen, ob es dann am Abend noch irgendeinem dieser Artikel gelingen wird, mich ähnlich zu berühren wie dieser hier, den ich bereits vor drei Tagen an der Nordsee las.

Mir ging es nahezu genauso wie dem Verfasser dieser kleinen, sehr privaten Laudatio, als ich am 10. Mai 2003 im Ludwigshafener Südweststadion zum ersten Mal „Racing in the street“ live hörte.
Und obgleich ich damals bereits über 17 Fan-Jahre hinter mir hatte, war ich wie vom Donner gerührt, als dieses 10-minütige Monument ertönte (dabei habe ich keinerlei Faible für Autos und Straßen und so Kram) und ich stand da neben M. und seinem Sohn und wir wagten es kaum, einander anzusehen, weil jeder von uns in diesen zehn Minuten mit den Tränen zu kämpfen hatte (den Song finden Sie ebenfalls in dem verlinkten Artikel).

Es war eines dieser musikalischen Erlebnisse, die sich einem für immer und ewig einbrennen und in dem ich fühlte, was der Autor des Artikels in einen einzigen Satz gegossen hat: „That was it, I was in at the deep end where I still swim to this day.“

Amen.
Mehr kann und muss ich dazu heute nicht sagen.

(Wobei es mir schon gut gefallen hätte, genau zum heutigen Tag Freundin H. ihre Frage zu beantworten, die sie mir vor anderthalb Wochen nachts recht unvermittelt per Whatsapp nach Stockholm schickte, und aus der – nach all den Jahrzehten, die man Bruce und einander nun kennt – fast eine gewisse Dringlichkeit sprach: „Welche sind eigentlich deine Lieblingslieder, falls es die gibt bzw. sich das nach der langen Zeit überhaupt so einfach sagen lässt…?“ – Ja, liebe H., das lässt sich sagen, nur nicht heute, denn der Schuhschnabel ruft!)

Happy birthday, Bruce.
Thank you for giving my life such a soundtrack & see you next summer!

You can’t start a fire without a spark oder: Ein Stück Lebensverfilmung.

Gestern Abend, 20:15 Uhr, München-Schwabing.
Endlich mal das neu umgebaute ARRI-Kino besucht. Eine fantastische Lounge, eine ansprechende, schummrige Bar und ein kleiner, extravaganter Kinosaal mit Wohnzimmerfeeling.
Umgeben von einer deckenhohen Bibliothek sitzt man dort, die Buchreihen werden von geschmackvollen Lämpchen beleuchtet, nix Halogen oder LED, sondern auch hier unaufdringliches Licht, schließlich ist es Abend und der Mensch möchte nicht von irgendeinem Drumrum erleuchtet oder bestrahlt werden, sondern sich dem Inneren zuwenden und den Feierabend vom Außen einläuten.

Die plüschigweichen, samtroten Fauteuils sind nicht nur herrlich groß und bequem, sondern können auch leicht nach hinten geneigt werden, für jene Fimmomente, in denen es einen innerlich umnietet, es die Seele sozusagen in die Kissen drückt (und dann ist es schon sehr schön, wenn sie so weich fällt wie hier).
Der Fußraum ermöglicht auch 2-Meter-Menschen komplette Beinfreiheit und könnte mühelos noch ein Dackelkörbchen beherbergen (ein lang gehegter Traum: den Hund ins Kino mitnehmen können, damit man nicht immer so hetzen muss, vor und nach dem Film).
Neben jedem Sessel breite Armlehnen, mit integrierten Abstellflächen und einem Flaschenkühler davor, ein Kellner im Frack schleicht mit einem Tablett dezent durch die Reihen und serviert Drinks, nicht zu fassen (die Getränkekarte liegt ebenfalls in der Armlehne und hätte man von diesem Luxus vorher gewusst, hätte man glatt die Penunzen für einen Mai Tai mitnehmen müssen, dank der Buy-online-and-print-at-home-Tickets hat man aber nix dabei).
Nicht unbedingt ein Kinosaal für Händchenhalten und Tauschen von Küssen, trotz der dunkelrot-heimeligen Atmosphäre, denn der Sitznachbar ist schon arg gut verschanzt hinter dem ausladenden Lehnstuhl.

Um 20:15 Uhr schiebt sich der Vorhang lautlos beiseite und die Vorführung beginnt.
Und ich muss sagen: Die britische Regisseurin Gurinder Chadha hat einen Film gedreht, der ohnehin kein Händchenhalten und Geknutsche nebenher zuließe. Weil dieses Movie im wahrsten Sinne des Wortes ein Movie ist: Es bewegt einen.
Erst recht, wenn die eigene Frühadoleszenz in dieselbe Zeitspanne fiel wie die des Protagonisten, wenngleich sie glücklicherweise nicht umgeben war von denselben Rassenunruhen und Trostlosigkeiten eines grauen Industriekaffs (dafür von den Scheidungsunruhen daheim).
Vor allem bewegt „Blinded by the light“ wegen seines Soundtracks. Obwohl dieser Satz, aus der Tastatur eines seit 35 Jahren eingefleischten Fans stammend, als tendenziös gewertet werden könnte – ist er dennoch objektiv und zutiefst wahr (lesen Sie die Rezensionen, sogar die taz hat etliche gute Haare an dem Streifen gelassen).

„Blinded by the light“ ist ein großer kleiner Film.
Kein cineastisches Meisterwerk, keine bahnbrechende Filmkunst, aber ein ehrlicher Film über Familie und Freundschaft, über Heranwachsen und Identitätssuche, über Zwänge und Befreiung, über Politik und Kultur, über – und das ist das Herzstück des Films, sein Pulsschlag! – Musik und Liebe (und über die Liebe zur Musik und die erste Liebe mit der richtigen Musik im Herzen und Hintergrund).
Und es braucht wahrlich keine Kinosesselküsse mehr, wenn auf der Leinwand so ein erster Kuss geküsst wird (das sympathische junge Paar abgeschirmt von der Welt, weil beschirmt von den Kopfhörern eines SONY-Walkmans, den man selbst in den 80ern hatte, bloß in einer anderen Farbe) und diese Initiation auch noch zu dieser breathtaking-earthquaking Hammerstrophe aus „Prove it all night“ stattfindet… (was gäbe ich drum, wenn ich meinen ersten Kuss zu diesen Zeilen erlebt hätte, aber das kommt halt davon, wenn man sich vier Wochen vor dem ersten Springsteen-Konzert zum ersten Mal küssen lässt).

Naja, genug geteenelt & geträumt.
Schauen und hören Sie sich das an, wenn Sie bislang Bruce Springsteen nur mit dem totgedudelten „Born in the USA“-Gestampfe assoziieren oder wenn Sie damals in den 80ern jung waren und ebenfalls nicht viel mit Wham, a-ha und all dem Pop-Geplänkel anfangen konnten.
Und erst recht, wenn Sie womöglich einen ähnlichen Moment der Erweckung erlebt haben wie Javed, als er zum allerersten Mal eine Musik hört, die ihn durch und durch berührt, ergreift und aufrüttelt, die ihm einen Teil seiner Perspektivlosigkeit nimmt, von der er sich nicht nur verstanden, sondern behutsam in den Arm genommen fühlt und die ihn fortan ebenso zuversichtspendend wie zukunftweisend dabei begleitet, der zu werden, der er ist, sein möchte oder noch werden kann.

Springsteen selbst sah den Film weit vor Fertigstellung und Veröffentlichung, weil es der Regisseurin wichtig war, vorab zu erfahren, ob er mit der Story einverstanden wäre und gegebenfalls noch was am Plot ändern zu können.
Nach der Vorführung sagte er zunächst kein einziges Wort, dann stand er auf, umarmte Gurinder Chadha, küsste sie auf die Wange und meinte: „Danke, dass du dich so um meine Musik gekümmert hast. Es ist wunderschön. Ich liebe es. Bitte ändere kein einziges Detail.“

Heute in einem Monat wird Bruce Springsteen unglaubliche 70. Die Jahre rasen nur so dahin.
2016 stand ich im Berliner Olympiastadion, hörte mein erstes „Backstreets“ live und hatte das Gefühl, das könne es jetzt womöglich gewesen sein, das könne nun das letzte meiner vielen Springsteen-Konzerte gewesen sein. Weil er nie wieder durch Europa tourt, weil es niemals eine Farewell-Thunderroad-Tour geben wird, sondern es einfach eines Tages vorbei sein würde, ohne Ankündigung, ohne große Inszenierungen.

Seit ich mich gestern Abend aus dem gemütlichsten aller Kinosessel erhob, hinaus ins nächtliche Schwabing trat und mir auf dem Weg zu meinem Fahrrad ein paar Tränchen aus den Augenwinkeln tupfte, hoffe ich inständig, dass es das doch noch nicht gewesen ist.

Sondern dass er doch nochmal kommt und wir alle uns nochmal gemeinsam um diese Musik kümmern können – und diese Musik sich um uns.
Denn es ist wunderschön. Ich liebe es. Und bitte ändere kein einziges Detail, Bruce.

You sit around gettin‘ older
There’s a joke here somewhere and it’s on me
I’ll shake this world off my shoulders
Come on, baby, this laugh’s on me

Ganz besondere Grüße sende ich mit diesem Beitrag an meine lang- oder kurzjährigen Bruce-Weggefährten: Helen, Marko, Peter, Robert, Thorsten, Sori und Lukas. Keep on rockin‘, Tramps!

A certain kind of magic took place.

[Zitat aus dem Trailer „Western Stars“.]

Meine Güte, was für ein Kino-Jahr!

So you walk on, through the dark.
Because that’s where the next morning is.
[Zitat aus dem Trailer „Western Stars“.]

Das hört ja gar nicht mehr auf mit den Musikfilmen…, der Soundtrack meines Lebens (meiner Jugend!) nun endlich auf der großen Leinwand. Diese Stimme, dieser Blick, diese Musik!

Jetzt aber erstmal „Blinded by the light“, Kinostart am 22. August.

Ein bisschen Javed steckte 1985 auch in mir und mit den ersten Songs von Springsteen ging für mich tatsächlich ein Vorhang auf – zu einer neuen Ära, zu etwas nie zuvor Dagewesenem, zu etwas existenziell Wichtigem – empfundenermaßen war’s ein bisschen dieses I found the key to the universe, zwar nicht im Motor einer alten Karre, aber eben dort im Stadion, auf der Bühne.
Das war wie eine Offenbarung, eine Erweckung, und, hey, ich war noch keine 13!

(Das müssen Sie jetzt nicht verstehen, das kann man nur so oder so ähnlich fühlen und erlebt haben – oder auch nicht.)

Einen fulminanten Start in die neue Woche wünscht –
Die Kraulquappe.

Song des Tages (32).

Ein kleiner Ausschnitt aus dem Soundtrack meines Lebens (nach langer Zeit mal wieder gehört, auf dem nächtlichen Heimweg vom Schwimmbad): Something in the night.

Einer dieser Songs, die – wenn man so richtig eintaucht in Text und Ton – weit mehr als nur eine fünfminütige Momentaufnahme oder ein Schlaglicht sind.
Einer dieser Songs, die eine Geschichte erzählen, genauer gesagt: ein Drama.

Ein Drama, das über seine Handlung hinaus so reich an Platzhaltern und Metaphern ist, dass es einem jeden freisteht, hineinzufüllen und herauszulesen, wonach auch immer es ihn drängt. Oder die Leerstellen und Sinnbilder so zu belassen, wie sie sind – als ein Etwas in der Nacht.
Ein Etwas, das sowohl zum Jäger als auch zum Gejagten wird, ein ewiges Wechselspiel zwischen Vergeblichkeit und Verdammnis, dem man sich entweder ausliefert oder dessentwegen man sich tunlichst aus dem Staub macht.

Wohl besser Letzteres, um nicht als Versehrter zu enden oder von der einst so süßen Lady Luck, die sich während dieses Trips als bitterer Mister Misfortune entpuppte, gar den Schierlingsbecher in die klammen Hände gedrückt zu bekommen.

Dieser ebenso simple wie wuchtige Song: ein klassisches Drama, allerdings eines in nur vier Akten statt der üblichen fünf – denn es endet unmittelbar nach der Retardation.
In seinem vierten und finalen Akt werden die Lyrics nur noch von den Drums begleitet – doch was heißt „nur noch“?!

Diese Beats: einem wummerden Herzschlag gleich (so überdeutlich, wie durch ein Stethoskop), ob es der eigene oder der der Nacht ist, das bleibt ebenso im Dunkeln wie eigentlich der ganze Song – vom Piano-Intro über den Urschrei, die Story, das Verschwinden der Band bis hin zu diesem so reduzierten, schlichten, existenziellen Pulsieren – mehr oder minder blind durch die Finsternis irrt.

Es ist daher nur folgerichtig, dass das Stück vor dem fünften Akt, in dem es zur Katastrophe (sehr wahrscheinlich) oder zur Auflösung (hier eher unwahrscheinlich) kommen könnte, retardiert, dass es also sekundenlang in diesem eindringlichen Pochen verharrt und anschließend mit demselben Schrei, aus dem es geboren wurde, ausklingt, um nicht zu sagen abstirbt – und einen erschüttert und verloren zurücklässt (dieser Schrei: eine Reprise ist er, kein Schluss, denn das wäre zu einfach, viel zu einfach).

Einen zurücklässt in der Dunkelheit der Nacht, irgendwo auf einer dieser undeutlich eingezeichneten Straßen der eigenen Lebenslandkarte, auf denen die Gefahr lauert, sich gnadenlos zu verfahren, an den entscheidenden Kreuzungen falsch abzubiegen, irgendwo unterwegs in der Düsternis wegen Spritmangel liegenzubleiben oder wegen schlechter Sicht in die Leitplanke zu rauschen.

When we found the things we loved
They were crushed and dying in the dirt
We tried to pick up the pieces
And get away without getting hurt

Und hier der komplette Text zu den vier Akten:

Soundtrack meines Lebens (1): Keep pushin‘ till it’s understood.

Es kommt so gut wie nie vor, dass ich an einem Tag gleich 3x mit dem Papa telefoniere. Heute hat es sich so ergeben.

Nach einer nervenaufreibenden morgendlichen Arbeitseinheit – Beratungstelefonat mit dem Mieterverein zwecks erster aufscheinender Probleme mit der im Juni anstehenden Übergabe der alten Wohnung (die damenbärtige Vermieterin mit Großgrundbesitzerattitüde meint, uns vorschreiben zu können, wer hier die Renovierung durchführt – und auch wie), zwei Telefonaten mit dem Kreisverwaltungsreferat (eine Parklizenz erhalten Sie in München nur, wenn Sie bereits umgemeldet sind, Ummelden können Sie sich aber erst ab Einzug, d.h. Sie müssen im neuen Viertel mindestens 3 Wochen lang Parkscheine kaufen und das geht dann durchaus ins Geld) sowie einer langen Auseinandersetzung mit der Spedition, die den neuen Kühlschrank nach vorheriger Absprache zu liefern versprach (was aber nicht der Fall war, so dass ich mich samstags von einem grantigen Südländer am Telefon beschimpfen lassen durfte, wieso ich nicht die Tür öffnen würde, er stünde da mit einem Kühlschrank) – nach dieser nervenaufreibenden Arbeitseinheit also, die in dieser oder ähnlicher Form momentan zu meinem täglichen Brot gehört (vor allem jetzt, wo es nur noch 4 Werktage bis zum Umzug sind), wollte ich mir eine kleine, erfreuliche Pause gönnen und rief den Papa an.

Der fliegt morgen nach Norwegen und reist per Hurtigruten an der Küste entlang, was er schon immer mal tun wollte und nicht mehr lange wird tun können, da der Parkinson ihm das Reisen mehr und mehr erschwert. Etwas geknickt meinte er heute, dass er bei etlichen Landgängen wohl kaum noch weiter käme als bis zur Eisdiele im Hafen, aber so sei das eben nun.
Ich wünschte ihm eine gute Reise, er mir einen guten Umzug – und wie immer versprach er, sich 1x von unterwegs zu melden (und ich bat um eine Postkarte aus Bodø oder Bergen oder Trondheim, wir haben so unsere Rituale).

Eine gute Stunde später, ich saß gerade über dem Online-Banking-Portal und überprüfte mit weit aufgerissenen Augen die aktuellen Abbuchungen – allein bei der Zeile mit der heute fälligen Kaution für das neue Zuhause stockt einem schier der Atem! – entdeckte ich zu meiner Überraschung zwischen all den Beträgen mit vorangestelltem Minus doch auch glatt einen einzigen (!) mit einem Plus davor. Verwendungszweck: „Zuschuss zum Umzug (hoffentlich der letzte für längere Zeit!)“.

Der Papa war das. Dieser Obolus kam unerwartet, schließlich hatte er sich vor genau einem Jahr bereits recht spendabel gezeigt in Sachen Umzugsunterstützung und erst neulich auch noch einen Großteil der Operation vom Dackelfräulein übernommen. Wir reden nie über Geld, der Papa und ich, oder dass ich was brauchen könnte oder würde, er überweist das einfach so, dabei ist er selbst alles andere als Krösus oder ein wohlhabender Rentner.

Ich wählte also ein zweites Mal seine Nummer. Mit einem brummelnden „Was gibt’s denn noch?“ hob er ab, schwer schnaufend vom Gang zum Telefon. „Ich packe doch gerade meine Koffer und muss immer die Treppe runterlaufen zum Telefon!“ beschwerte er sich. Ich bedankte mich für seinen Zuschuss, war in recht gerührter Stimmung, er aber eher nicht, was ich daran merkte, dass er meinen Dank mit einem nüchternen „Seit 2 Jahren bin ich ja den Unterhalt an deine Mutter los, da kann ich dir schon ab und an was geben. Aber das ist jetzt hoffentlich euer letzter Umzug, bevor ich ins Gras beiße.“ quittierte.

Das klingt makaber, aber er meint es nicht so. Gewissermaßen ist das ein Teil seiner rheinischen Frohnatur, die bislang gottseidank nur ansatzweise dem Parkinson zum Opfer fiel. Dennoch weiß man nicht so recht, was man auf einen solchen Satz entgegnen soll. Ich versuche es mit einem unbeholfenen munter-optimistischen „Na, so schnell wirst du ja nicht ins Gras beißen!“ (und beiße mir danach heimlich ein wenig auf den Lippen herum, denn: Weiß man’s?!? Oft ist mein diesbezügliches Gefühl ja gar kein so zuversichtliches!).

Anschließend geht das wackere Werkeln in die nächste Runde.
Diese Woche gibt es für jeden Tag eine Liste, was zu tun ist und was nicht vergessen werden darf. Anders haut das nicht hin, wenn man mehr oder weniger alleiniger „Umzugsmanager“ ist und als solcher zwei ehrgeizige Ziele verfolgt: 1. Auf dem letztjährigen Pokal eine zweite Zeile eingraviert zu bekommen (da ist nämlich noch Platz!) und 2. bis zum Geburtstag mit allem (außer Antworten auf Vorhangstoff-Fragen) fertig zu sein.

Sie wollen diese 2-Monats-Liste nicht sehen, glauben Sie mir (und ich veröffentliche sie auch nicht).
Die neue Wohnung ist prima, aber weist diverse Baufälligkeiten auf bzw. erfordert an einigen Ecken kleinere oder größere Anpassungen und Umbauten, damit man überhaupt erstmal Auspacken oder gar Wohnen kann. Ein prima Handwerker ist zwar schon gefunden, der sich in den nächsten Wochen all dieser Dinge annehmen wird, auch der Projektplan ist zeitlich und organisatorisch bereits fixiert, trotzdem wartet da eine ganze Menge Arbeit.

Als ich gegen Mittag aus unserer Tiefgarage fahren möchte, die wirklich ein sadistisches Schmankerl des hiesigen Architekten war, da sie einem zumindest bei vollbeparkter Garage ein diffiziles, minutenlanges Gekurbel um Säulen, Wände und andere Stoßfänger abverlangt, streikt der seit Monaten lädierte Ellenbogen endgültig. Heulen könnte ich vor Schmerzen!

Schon letzte Woche rief ich nach einer ähnlichen Situation verzweifelt beim behandelnden Orthopäden an, der in seiner Praxis ja immerhin ein Schild hängen hat, dass man in Notfällen anrufen und einen kurzfristigen Termin vereinbaren solle, aber nach Auskunft der unfreundlichen Tresentussi wäre das „frühestens Mitte Juni“ möglich gewesen, woraufhin ich pampig sagte, den Notfall wolle ich mal sehen, der in der Lage sei, sechs Wochen auf einen „kurzfristigen Termin“ zu warten, und dann verärgert das Gespräch beendete (und meine Ibuprofenkur um eine weitere Woche verlängerte, bis ich sie wegen Ganzkörperausschlags, die sog. „Ibu-Masern“, und Magenschmerzen dann doch abbrechen musste).

Den Tränen nahe googelte ich in der Tiefgarage nach der Nummer der orthopädischen Praxis. Ein Anrufbeantworter informierte mich, dass ich außerhalb der Öffnungszeiten anriefe, um 14 Uhr könne ich wieder jemanden erreichen. Es war 13:45 Uhr.
Kurzerhand beschloss ich, einfach hinzufahren und mich notfalls an den Empfangstresen zu ketten und so lange um eine Spritze zu winseln, bis sie mich wohl oder übel drannehmen würden. Gleichwohl war mir klar, dass das bei der bärbeißigen Tresentussi verdammt schwierig werden würde.

Auf der Fahrt zur Praxis musste ich an einen Satz denken, den mir der Papa mit auf den (Lebens-)Weg gegeben hatte und an den er mich bis zum Erwachsenwerden (wann auch immer dieser Zustand „erreicht“ war oder sein würde) stetig erinnerte: „Wenn du etwas willst, das dir wichtig ist, dann musst du das auch ausstrahlen, und dafür musst du dir die passende innere Haltung zulegen, damit man die auch deutlich spüren kann.“

Vier Kilometer Autofahrt sind nicht viel, um sich, wenn man Schmerzen hat und auch sonst eher gestresst ist, diese Haltung zuzulegen, selbst wenn man extrem dringend seine Pein loswerden will. Glücklicherweise bekam ich vom Schicksal noch 5 zusätzliche Minuten auf den Stufen vor der Praxistür für diese innere Präparierung geschenkt, da die Tresentussi erst Punkt 14 Uhr um die Ecke bog und grantig die Tür aufschloss.
Alles an mir, sogar der kaum noch bewegliche rechte Arm, strahlte beim Betreten der Praxis aus, dass ich jetzt sofort eine Spritze will. Ich gab mir einen Ruck und begann den Dialog so charmant ich konnte. Trug ausgesucht höflich und zugleich bestimmt mein Anliegen vor, wurde aber sofort unterbrochen und mit „Haben Sie einen Termin?“ angebellt.
Nein, den habe ich nicht, aber es ist ein Notfall, die Diagnose ist seit Monaten dieselbe, und in 1 Woche ziehe ich um und das werde ich definitiv nur packen, wenn ich jetzt eine Spritze in den Ellenbogen bekomme.

Erwartungsgemäß rührte das den Praxis-Cerberus überhaupt nicht und ich wurde erneut in muffigem Tonfall belehrt, dass es die nächsten freien Termine erst ab Mitte Juni gäbe. Nun entspann sich eine heftige Diskussion, in der ich an dem einen oder anderen Punkt zu gern mal mit der Faust auf den Tresen gehauen hätte, wenn mein Arm das nur zugelassen hätte. Es blieb aussichtslos, der Tresen-Terminator stellte sich stur.

Ich betete mir innerlich nochmal den Satz des Papas vor, holte ein letztes Mal tief Luft und sagte „Hören Sie mir jetzt mal gut zu: Ich verlasse diese Praxis erst nach einer Spritze, im Wartezimmer sitzt gerade noch niemand, die Spritze dauert keine 2 Minuten und Sie fragen nun bitte Ihren Chef, ob er bereit ist, mir diese zu verpassen.“ Und das Ganze vorgetragen mit Oberterminator-Miene und einer Stimme so fest wie der Würgegriff einer Python!

Die Tresentussi ließ mich augenblicklich im Wartezimmer Platz nehmen. 3 Minuten später holte mich dort mein Orthopäde ab, war sehr freundlich und zugewandt, wie immer, ich mag diesen Arzt (der erste Orthopäde, von dem ich das behaupten kann). Er tastete meinen Ellenbogen ab, ich schrie mehrfach auf, wir besprachen noch kurz die Dosierung und die Ingredienzien der Spritze – und, zack!, setzte er auch schon die Nadel an meinen Arm. Ich biss die Zähne zusammen – zeitlebens war ich Spritzenphobiker! – dachte fest an den Umzug und an die Wirkung, die in spätestens 48 Stunden einsetzen würde.
Der Arzt begleitete mich anschließend noch hinaus und bevor wir uns verabschiedeten, drehte er sich um und rief dem Tresenterminator zu, dass Frau Kraulquappe in Notfällen zu ihm vorzulassen sei, da sie Stammpatientin ist.

30 Minuten nach Ankunft in der Praxis verließ ich diese wieder.
Gespritzt und zugenäht – was für ein Akt, was für ein Kampf! Im Auto heulte ich erstmal (vor Erleichterung und wegen überstandener Spritze) und fuhr dann weiter zum Einkaufen. Auf dem Supermarktparkplatz angekommen, blieb ich noch im Auto sitzen, nahm spontan das Handy und rief zum dritten Mal den Papa an.

Um ihm zu sagen, wie dankbar ich ihm bin für diesen Satz aus seinem väterlichen Survival-Baukasten und wie gut es war, dass er mir den so früh und so nachhaltig eingeimpft hat, und wie traurig es zugleich ist, dass ich schon so oft ich von dieser Empfehlung Gebrauch machen musste.

Danach hörte ich mir noch Springsteens Badlands an, ein Song aus dem musikalischen Fundus, den ich den Soundtrack meines Lebens zu nennen pflege.
Und als ich die für heute entscheidende Strophe mitgesungen hatte, in der es heißt: „keep pushin‘ till it’s understood and these badlands start treating us good“, da hatte ich mich wieder einigermaßen gefangen und konnte den Wagen verlassen, mich nochmal schütteln und frisch gespritzt den Supermarkt betreten.

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Freuen Sie sich schon heute auf den demnächst in der Rubrik „Keep pushin‘ till it’s unterstood“ erscheinenden Beitrag „Kafka on the phone“, den Sie sich gerne als Anleitung für die Beauftragung des Umzugs Ihres Telefon-, Internet- und TV-Anschlusses ausdrucken dürfen, falls Sie zu den armen Schweinen gehören, die einen Vertrag mit Vodafone abgeschlossen haben, an den Sie (mit Ihrem versehrten oder unversehrten Ellenbogen, das macht hier kaum einen Unterschied!) für 24 bittere Monate gefesselt sind.

Bis dahin grüßt Sie herzlich –
Die Kraulquappe.