Hund haben (22).

Falls Sie auch das Glück haben, einen Hund in Ihr Leben aufgenommen zu haben, werden Sie Folgendes mit Sicherheit kennen: Es ist ein regnerischer, trüber und kühler Tag, an dem Sie null Lust haben, einen Fuß (oder gar zwei) vor die Tür zu setzen. Nach nichts verlangt es Sie mehr, als den Großteil des Tages mit guter Musik oder Lektüre (oder beidem) auf der Couch herumzulümmeln. Aber das geht nicht, weil Sie heute ehegattensplittingbedingt die Arschkarte gezogen haben und „dran“ sind, d.h. derjenige sind, der mit dem Hund raus darf muss.

Routenplanung mit nachträglich eingefügtem gelben Pfeil zur Kenntlichmachung des kulinarischen Highlights.

Sie raffen sich also unter größten Mühen auf, kleiden sich wettergerecht und überwinden sich sogar, mit dem Tier ein Stück hinauszufahren, obwohl es hoch unwahrscheinlich ist, dass es 25 Kilometer südlich der Stadt weniger unwirtlich ist, aber zumindest können Sie dann dieses verregnete Qualprogramm musikalisch ein bisschen umrahmen. Von Dylans neuestem Genäsel beschallt fahren Sie dann Richtung Starnberger See, die Scheibenwischer haben trotz Dauereinsatz nur den Regen, nicht aber Ihre Granaten-Unlust wegwischen können. Sie parken, ziehen sich die Kapuze über den Kopf und treten ins klitschnasse Laub.

Und plötzlich, während Sie so Gassi gehen mit Ihrem Hund und Ihrem Grant, da wendet sich das Blatt und Ihr gerade noch als so unsäglich trostlos und mühevoll empfundenes Regentaghundebesitzerschicksal erstrahlt unerwartet in neuem Licht und Glanze.

Denn nicht nur die ausgewählte Spazierrunde ist viel schöner als gedacht, weil Sie neue Orte und Wege entdecken, sondern auch das Wetter berappelt sich während der sechs Kilometer allmählich, unterwegs verstehen Sie sich außerdem faszinierend wortlos gut mit Ihrem Vierbeiner und dann läuft Ihnen auch noch ein Zwetschgenfleckerl über den Weg, Menschen hingegen treffen Sie fast gar keine, bloß ein paar andere Gassigeher, so dass Sie die herrliche Herbstkulisse am Seeufer mehr oder weniger für sich alleine haben.

Nach drei Stunden ist schier die ganze vormals so graue und grässliche Samstagswelt zu einem kleinen Paradies mutiert und Sie (mal wieder) zum glücklichsten Mensch Hundebesitzer unter der oberbayerischen Oktobersonne.

Der Gatte, dieser Glückspilz, hat am heutigen Sonntag Gassidienst – und natürlich scheint seit dem frühen Morgen unentwegt die Sonne. Die Stimmung im Rudel ist also gleich viel heiterer als gestern, wobei dazu auch andere Einflüsse beigetragen haben mögen, wie beispielsweise das gestrige 5:0 gegen die Eintracht oder der zufällig bei der Frühstückslektüre wiederentdeckte Cartoon mit dem Titel „Die Zeitumstellung – der Jetlag des Proletariats“ (was mich an einen wunderbaren Satz zum selben Thema aus einem Roman von Christoph Hein erinnert, ich muss das umgehend nachschlagen, sobald ich proletarisch ausgekichert und die Winterzeit verinnerlicht habe).

Der Zeitumstellungs-Gag wird gegen Mittag von einem anderen Witz übertrumpft. Weil ich meine hundefreie Zeit ebenso nutzen möchte wie das tolle Wetter, beschließe ich, ein bisschen mit dem Rad durch die Stadt zu fahren (eine Unternehmung, die mit Hund unmöglich ist, weil der Hund davon nix hat und man selbst auch nicht), mir vielleicht ein Sonnenplätzchen in einem Café zu suchen (falls nicht zu viel los ist), oder mich irgendwo auf einer Parkbank niederzulassen (und dort ein Getränk zu genießen). Als ich meine Schuhe anziehe, fragt mich der Gatte, seinerseits auch gerade im Aufbruch (zu seinem Glückspilzgassi) begriffen, ob ich denn nachher wieder zuhause sei, wenn das Dackelfräulein und er zurückkämen oder ob ich länger unterwegs wäre. „Ich bin mit dem Rad weg und setz‘ mich mal irgendwo hin, um über mein Leben nachzudenken“, antworte ich ihm. „Achso, na dann bist du ja spätestens in einer Stunde wieder daheim!„, kommentiert er ohne Umschweife, und ich muss sofort schallend lachen über diese seine Bemerkung, wir verabschieden uns folglich froh und heiter voneinander und jeder entschwindet in seinen Nachmittag.

Erst einige Zeit später, auf der Parkbank sitzend und über mein Leben nachdenkend (bzw. nachgedacht habend), frage ich mich, ob mein Spontangelächter wirklich die adäquate Entgegenung war. Bin ich etwa jemand, der tatsächlich in der Dauer des Kurzreinigungsprogramms der Geschirrspülmaschine über sein Leben nachzudenken imstande ist? Oder braucht’s dafür nicht eher eine mindestens einwöchige Klausur in der Abgeschiedenheit der Berge? Oder genügt mir am Ende gar das halbe Stündchen auf der sonnigen Bank, in dem die leichte Weiße getrunken, den Eichhörnchen beim treehopping zugeguckt und die Feststellung gemacht wurde, dass das Leben, zumindest heute, völlig unbegrübelt ein recht gutes ist?

Apropos Parkbank und Nachdenken – schließen möchte ich für heute mit der Schilderung eines der vielen Phänomene, die ich immer wieder beobachte und intensiv bedenke, aber beim besten Willen nicht verstehe: Als ich mich auf der Bank niederlasse, entdecke ich zu meinen Füßen eine rote Tüte. Es handelt sich um ein erfolgreich befülltes (und sogar erfolgreich zugeknotetes!) Gassisackerl. Es liegt da. Auf dem Boden, unter der Bank. Und nur einen Meter neben der Parkbank steht ein Mülleimer. Was ist da schiefgelaufen, frage ich mich, wie um alles in der Welt kann das passieren? Dieses absurde Phänomen, das übrigens weit weniger selten auftritt als der Vernunftbegabte nun vielleicht meinen möchte, beschert mir manchmal erheblich mehr Grübelzeit als mein Leben.

Auf der Himmelsleiter.

Zum Frühstück schickt der hübsch Bewimperte eine Gassigehanfrage und einen verlockenden Kartenausschnitt aufs Smartphone…

…nebst dem noch verlockenderen Hinweis, dass das Ganze mühelos um einen Abstecher in ein Café abseits der Route und des Ausflüglerandrangs erweitert werden könne…

Das Café Max II im hübsch restaurierten Bahnhofsgebäude zu Feldafing.

…selbstverständlich erst, nachdem die beiden Fräuleins ausgiebig sausen und baden durften…

Der Hundeflüsterer bei der Arbeit.

…und wir es angesichts der zahlreichen Kampfradler auf dem seenahen Spazierweg den Gänsen zu gern gleichgetan hätten.

Einfach mal abtauchen!

Aber nach dem Verlassen des Uferwegs bei Possenhofen wurde es gottseidank deutlich ruhiger und in der lauschigen Wolfsschlucht waren wir dann weitgehend allein unterwegs, vor allem nach der Starzenbachquerung via Baumstamm und dem Herumturnen auf noch einsameren Pfaden im Steilhang.

Das Tortenstück in Feldafing war dann hochverdient und über die Himmelsleiter, die gegenüber begann, schwebten wir wieder hinab zum See.

Vielen Dank an M. für diese wunderbare Ausflugsidee am gestrigen Samstag: wir schätzen es neben vielem anderen wirklich sehr, dass Du unsere Trampelpfad- und Torten-Landkarte kontinuierlich zu erweitern verstehst 🙂

[Eigentlich sollte dieser Blogbeitrag Teil der Serie „Song des Tages“ werden, denn wenn es schon zufällig einen passgenauen (!) Titel von Bruce hierzu gibt…, aber ich konnt‘ mich dann doch nicht dazu durchringen, weil mir der Song einfach kolossal auf den Wecker geht mit seinem Bigband-Sound, den enervierenden Rhythmus und seinen schlichten Lyrics (ja, da staunen Sie jetzt, aber diese Rubrik Springsteen-Songs gibt es tatsächlich – und sie ist nicht zu knapp bestückt, leider!]

Song des Tages (58).

Langer und aufwühlender Ausflug heute. War so nicht geplant, ergab sich dann aber.

Wacklige Verfassung, trotz Morgenschwimmen. Müde, schwach, ständig nah am Unterzucker. Morgens viel zu früh wach, weil Loleks Bruder bereits um 6:58 Uhr im Hinterhof den ersten Hammerschlag tat. Dummerweise nachts von 3 bis 5 Uhr wachgelegen, weil ich wild geträumt hatte und das Fräulein wild nach einer Mücke schnappte, die wir beide hörten, aber nicht zu fassen bekamen.
Fürchterlich. Wird immer schlimmer, mit jedem Lebenjahr, jede dieser kleinen, leicht paranoiden Anwandlungen. Und zwar bei uns beiden.

Münsing, Holzhausen, Oberambach, Ambach, Seeheim und zurück.
Unterwegs zweimal umgezogen, Leinenhose aus, Shorts an, später wieder umgekehrt, und am Schluss war eh alles wurscht, weil alles nass war. Zweimal lange auf schönen Bänken gerastet.

Traumgegend, nur auf Nebenpfaden unterwegs, nichts los. Erst unten am See ein paar Radfahrer.
Beim „Fischmeister“ auch nichts los. Seltsam. Im Netz stand, bei gutem Wetter hätten sie ab 12 Uhr den Kiosk offen und ab 16 Uhr den Biergarten.

Es ist 15 Uhr und der Kiosk ist zu, dabei rinnt mir der Schweiß auf Stirn und Rücken hinunter und das Fräulein hechelt, weil die Sonne so vom Himmel brennt – wenn das nicht gutes Wetter bedeutet, dann weiß ich auch nicht..

Ich sehne mich nach einem Getränk und der nächsten Bank und Pippa sehnt sich nach einem Bad im See.
Die Seegrundstücke am Ostufer sind weitgehend verrammelt, alles Privatbesitz und eingezäunt oder mit hohen Hecken vor den sehnsüchtigen Blicken des Pöbels geschützt. Oder Erholungsgelände und damit von Mai bis September für Hunde verboten.
Der „Fischmeister“ hat gegenüber vom Biergarten ein kleines Areal direkt am Wasser, und wenn nicht viel los ist und man den Wirt nett fragt, lässt er einen dort auch mit Hund hinein. Was aber nur funktioniert, wenn der „Fischmeister“ wenigstens seinen Kiosk geöffnet hat.

Erst stehe ich ratlos herum, dann gehe ich frustriert weiter. Hinter einem Traktor am Straßenrand tritt ein Mann hervor, alles behäbigbeige und greisgrau an ihm, die Kleidung, die Haare, der Teint, der Gang. Nur die Augen so wach und funkelnd und in letzter Sekunde, ich bin schon fast an ihm vorbeigegangen, kapier ich, wer das ist: Sepp Bierbichler.
Mich reißt’s und ich dreh mich um und er guckt auch her und grüßt freundlich, so freundlich, wie einen nur die grüßen, die das gewöhnt sind, dass sie ständig erkannt werden und trotzdem im Herzen Philantropen geblieben sind.

Ich grüße zurück und starre ihn wahrscheinlich eine Sekunde zu lang an oder aber er ist einfach so nett, das soll’s ja auch geben, jedenfalls wendet er sich nun mit zwei weiteren freundlichen Sätzen an die Dackeldame.
Da jene immer noch hechelt, antworte ich stellvertretend für sie. Und als er daraufhin fragt, ob er uns irgendwie helfen könne, ob wir was suchen würden, weil wir vor dem „Fischmeister“ ja ein Weilchen herumgestanden wären, da frage ich zurück, ob er vielleicht eine Bademöglichkeit für meinen Hund wüsste, hier sei das ja überall so schwierig und ich hätte auf den Mini-Strand vom „Fischmeister“ gehofft, aber der hätte leider zu.

Er fischt mit seiner großen Hand einen Schlüsselbund aus der Tasche seiner beigen Hose, dreht sich schwerfällig um und sagt „Kommen’S mit, ich sperr Ihnen wo auf, da kann das Zamperl ins Wasser!“ und so gehen wir ein paar Meter weiter zu einem kleinen Seegrundstück, dessen Gartentürl er uns öffnet. Wendet den wuchtigen Körper wieder und sagt zum Abschied „Ziehen’S einfach die Tür wieder zu, wenn’S fertig san“ und weg ist er. Wenig später badet die Hundedame glücklich im See und ich hocke erschöpft auf einer Bank in der Sonne und trinke das im Rucksack viel zu warm gewordene Wasser.

Drüben in Possenhofen und Starnberg ist der Himmel schon dunkelblau bis schwarz, ein Wind zieht auf, die blöden Wespen weht’s allesamt davon, ein rauer Wellengang entsteht, der See saugt die Farben des Gewitterhimmels auf, mit jeder Woge schnappt er sich eine neue Farbe und verleibt sie sich gierig ein, und als wir aufbrechen, fallen erste, dicke Tropfen auf den Uferweg und eine halbe Stunde später erreichen wir, zuletzt durch Pfützen rennend, das Auto und sind von Kopf bis Fuß tropfnass.

*****

In der Mittagssonne lag es da, ganz unschuldig, am äußersten Rand der Holzbank. Daneben eine zusammengeknüllte Brotzeittüte mit dem blauweißen Aufdruck der Hofpfisterei und eine leere Halbliterflasche Maracujaschorle.

Das Büchlein wirkte auf mich zunächst wie ein Kalender: schnöde Optik, schwarzes Kunstleder, ein bisschen abgestoßen an den Ecken, ein Gummiband um seine Mitte, damit keiner der in seinem Inneren verborgenen Termine herauspurzeln würde.

Eine Stunde saßen wir ohne jede Berührung beisammen, das verschlossene Etwas und ich, bis mir klar wurde: der Besitzer oder die Besitzerin der kleinen Kladde würde wohl nicht mehr kommen, um sie zu holen.
Ich entsorgte Brotzeittüte und Flasche im Mülleimer hinter der Bank, nahm das schwarze Lederbüchlein in die Hand, löste den Gummi und schlug es auf. Möglicherweise fänden sich ja Kontaktdaten des Eigentümers darin.

Weder vorne noch hinten war ein Name, eine Telefonnummer oder Adresse zu finden. Stattdessen stand auf der Innenseite handgeschrieben und in Großbuchstaben DIESES BESCHISSENE JAHR UND ICH.
Um einen klassischen Terminkalender würde es sich wohl eher nicht handeln, schlussfolgerte ich, und begann zu lesen.

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Noch bevor sie einander näher kamen, also zu einem frühen Zeitpunkt ihrer Bekanntschaft, ließ er nebenbei die Bemerkung fallen, er habe sich schon vor vielen Jahren sterilisieren lassen. Sie hörte das wohl und obwohl es noch zu früh war, diese Information konkret auf das Geschehen zwischen ihr und ihm zu beziehen, merkte sie, wie diese Tatsache sie entspannte. Würde sie je – was natürlich hoch unwahrscheinlich war, weil sie beide anderweitig liiert waren – in seinen Armen landen, dann wäre im Falle des Falles das Fallenlassen ein leichteres und sorgloseres. In ihrem Alter wollte sie keine Kinder mehr und aufgrund ihrer labilen Gesundheit konnte sie sich auch sonst keine Eskapaden erlauben.

Die Ereignisse nahmen ihren Lauf, wenngleich von Anbeginn einen komplizierten, trotz dieser erleichternden Nebenbemerkung, die weit vor dem eigentlichen Anfang fiel. Nichts war einfach mit diesem Mann und seiner Persönlichkeitsstruktur, klug war er zwar und auch nicht ganz unpraktisch veranlagt, aber im Sozialen und Emotionalen überwiegend unbeholfen und von allem und jedem schnell überfordert. Mit dem Leben hatte er einerseits auf seltsame Weise bereits abgeschlossen, andererseits gierte er geradezu nach einer Zugabe, bevor der Vorhang endgültig fiele.

Sie wusste von Anfang an, dass eine Beziehung mit ihm – welcher Art auch immer – zum Scheitern verurteilt wäre, sie erkannte sehr früh, dass er ihr gegenüber nicht immer aufrichtig war und ihr schillernde Facetten seines Charakters vorspielte, die er momenthaft gut als Rolle inszenieren konnte, aber niemals auf lange Strecke durchhalten würde.
Das und noch vieles mehr fühlte sie mit starker Gewissheit und dennoch hechelte sie der Fährte, die gelegt worden war (von ihm, von ihr, von ihnen beiden?), hinterher wie eine läufige Hündin.

Sie kratzte ihr Geld zusammen, um ihn zu treffen oder um ihm – er war nahezu mittellos – die Fahrten zu gemeinsamen Treffpunkten zu bezahlen. Sie schrieben einander, telefonierten, hangelten sich von Wiedersehen zu Wiedersehen, und in den Zeiten dazwischen sehnten sie sich nach einander bzw. nach der Vorstellung, die sie sich bei ihren wenigen Begegnungen in der Realität von einander gemacht hatten.

Dennoch kam es eines Tages wie es wohl kommen musste, obwohl es besser nie so hätte kommen sollen und daher beileibe kein Schicksal war, sondern eine Entscheidung von zwei erwachsenen Menschen. Die Zeit des Balztanzes war jämmerlich kurz und die beiden fanden sich alsbald auf einem Laken wieder und zerwühlten es heftig.
Fortan wurden die Laken oft gewechselt, teils auch die Betten und die Orte, an denen der noch so frischen und so heimlichen Verbindung Kapitel um Kapitel beigefügt wurde. Dazwischen blieb es kompliziert, verworren und verlogen. Beide rangen in ihren Partnerschaften um das unauffällige Beibehalten einer Normalität, die schon längst zerbrochen war, weit vor dem, was man landläufig Betrug nannte.

„Vielleicht nennt man es ja „Fremdgehen“, weil man mit einem Fremdem geht?“, fragte sie sich. Aber sie wollte in ihm partout einen Vertrauten sehen, weil sie halb blind war vor Glück, dass da einer war, der vorgab, nur sie zu wollen, und das auch noch in einer Intensität, die ihr schon lange nicht mehr begegnet war.
Große Worte wechselten den Besitzer und es war schwer zu sagen, wer daraus mehr Wonne sog: der, der sie aussprach oder der, der sie empfing. Der ganze Reigen von Du bist die große Liebe meines Lebens bis hin zu Wir müssen zusammenleben wurde abgefackelt, in vergleichsweise kurzer Zeit. Sogar in sehr kurzer, bedenkt man, dass die beiden bis zu diesen Versprechungen zusammengerechnet höchstens drei Wochen miteinander verbracht hatten (und diese nicht mal am Stück, was ja, wie man weiß, die rosarote Brille schnell beschlagen lassen würde).

Eines schönen Sommertages dann der große Knall. Ihre Regelblutung war eine Weile ausgeblieben, für die Wechseljahre war es noch deutlich zu früh und so trieb sie schließlich die Sorge, es könne sich um eine Zyste oder ähnliches handeln, in eine Arztpraxis. Dort gratulierte man ihr jedoch nach kurzer Vergewisserung zu einer Zwillingsschwangerschaft.
Das kann nicht sein!, weinte sie in den Ultraschallmonitor hinein, den ihr der Arzt hindrehte, damit sie die zwei kleinen schwarzen Punkte selbst sehen konnte. Denn er sei doch sterilisiert, dieser Mann, mit dem sie das Bett und all die geheimen Pläne geteilt hatte. Ob er das je habe kontrollieren lassen, wollte der Arzt wissen, weil mit dem bloßen Eingriff sei die Sache ja noch nicht für alle Zeiten wasserdicht.

Natürlich hatte er es nicht kontrollieren lassen. In einem Leben, das längst außer Kontrolle geraten war, ließ er nichts mehr kontrollieren. Das erfuhr sie, als sie ihm davon erzählte, dass sie Zwillinge in sich trug.
Unter Schock stehend wollte zunächst sie sich umbringen. Kurz darauf, als die erste Wut unter dem Schock hervorkroch, ihn. Schlussendlich brachte sie die Zwillinge um, wenngleich sie es eher als Notwehr und Selbstschutz empfand, denn als Mord am ungeborenen Leben.

Er war nicht bei ihr an diesem Tag. Auch am Tag danach nicht.
Er überwies ihr in Raten seinen Anteil an diesem letzten Kapitel ihrer verkorksten gemeinsamen Geschichte. Er fragte nicht nach, wie es ihr ginge und er war auch dann nicht bei ihr, als es ihr schlecht ging und ihr Leben in lauter Einzelteile zerfiel, die sich nicht mehr zusammensetzen ließen.
Er hatte Angst, dass ihm dasselbe widerfahren könnte und verschwand auf Nimmerwiedersehen in den auf einmal so schützend erscheinenden Schoß seiner ausgeleierten Beziehung.

So stand sie allein vor den Trümmern ihres Lebens und denen des zerbrochenen Traumes von einer Zukunft mit ihm. Nach einiger Zeit fand sie einen Besen und begann nach und nach, in unendlicher Langsamkeit, aber größter Akribie, all den Schmutz und die Scherben dieses einen beschissenen Jahres aufzukehren und zu entsorgen.

„Lieben mal wieder mit Leiden verwechselt, trotzdem muss ich nicht alles verzeihen können, was ich erlitten habe.“, lautete der letzte Satz.

*****

Als ich die 30 eng beschriebenen Seiten gelesen habe, lege ich das Buch wieder neben mich. Überlege, ob ich es auf der Bank liegenlassen, es beim Fundbüro abgeben oder es mitnehmen und einen Aushang im Umkreis der Bank machen soll, auf der ich es gefunden habe.
Nach einigem Nachdenken entscheide ich mich gegen jede dieser Optionen.

Schließlich hatte die Verfasserin auf einer der mit türkisblauer Tinte beschriebenen Seiten, zwei klare Wünsche geäußert, was mit dieser ihrer Geschichte geschehen solle.
Zwei Wünsche, die ich hier nicht zitieren möchte, die ich ihr aber beide erfüllen werde bzw. nun schon zum Teil erfüllt habe.

Der letzte Eintrag in dem Buch war auf März 2019 datiert, die darauffolgenden Seiten allesamt leer geblieben.
Ganz hinten hatte sie noch ein Foto mit einer Büroklammer befestigt, darauf zwei Menschen, auf einer Bank sitzend und einander anblickend als ginge es um etwas und als bestünde Einigkeit darüber, dass man das um nichts in der Welt verlieren dürfe.

Meine Güte, wie der Schein doch trügen kann oder wie zerbrechlich so ein Augenblick ist, den eine Kamera als eindeutig und stimmig eingefangen hat.

*****

Als kleines Requiem am Buchgrabe, dessen Ort ich nicht benennen möchte, ein paar passende Worte von einem, den ich momentan manchmal vermisse, vor allem die alten Zeiten mit ihm.

When the promise is broken you go on living
But it steals something from down in your soul
Like when the truth is spoken, and it don’t make no difference
Something in your heart turns cold

Hund haben (21).

Gestern, nach einem in vielerlei Hinsicht aufwühlenden und anstrengenden Tag, gibt man sich abends um Viertel vor Acht noch einen Ruck und chauffiert das Dackelfräulein bei endlich moderaten Temperaturen zum Spazierengehen und Baden an den Starnberger See.

Wunderschöne, kleine Bucht gefunden. Geschwommen und gespielt.

Den Sonnenuntergang genossen. Durch- und aufgeatmet.

Bei Einbruch der Dunkelheit die Sachen zusammengepackt. Eine putzmuntere Pippa rennt im ufernahen Wäldchen übermütig ein paar Achter. Man freut sich des Lebens.

Und plötzlich hinkt der Hund und leckt sich wie wild die Pfote. Ameisen? Ein Dorn? Ich kann nichts ertasten. Die ganze Heimfahrt über wird ununterbrochen die Pfote abgeleckt. Es schwant einem deshalb allmählich (und auch aufgrund der Uhrzeit, denn – die Hundehalter unter den Lesern werden es mir bestätigen – die Dinge, wegen denen man zum Tierarzt muss, widerfahren einem meist spätabends, am Wochenende oder im Urlaub), dass da was passiert ist.

Zuhause, mit Brille und bei gutem Licht, wird die Pfote untersucht.

Es hat die Daumenkralle erwischt. Sie ist zu zwei Dritteln abgebrochen und der Rest ist eingerissen und das sogenannte Leben schaut heraus und blutet.

Es ist mittlerweile 22:15 Uhr. Wir desinfizieren die Wunde mit Betaisodona und legen einen Verband an, fixieren diesen mit Leukoplast und freuen uns auf die Nacht. Die auch entsprechend unruhig wird.

Nach dem Frühstück in die Tierklinik, erst lange Wartezeit, dann herzzerreißendes Gejammer auf dem Behandlungstisch (wegen kleiner Beinrasur und großer Untersuchung) und schließlich die Botschaft, dass es mit Salbe, Desinfektion und täglichem Verbandswechsel schon gehen müsste und die Reise nach Graz angetreten werden könne, freilich ohne Badespaß in der Steiermark, man kann also nur hoffen, dass es dort nicht allzu heiß wird. Und falls sich der Zeh doch noch entzünden sollte, gibt es auch in Graz ein paar Tierärzte, die sich auskennen, man ist ja nicht in der Wildnis oder auf Hüttentour.

Schlussendlich muss ich zwischen fünf Verbandsfarben wählen, nehme kurzentschlossen die Vereinsfarben des Gatten, die zugleich die der österreichischen Flagge sind, und verlasse schweißgebadet und erleichtert zugleich die Tierklink.

Zum Feste der leiblichen Gegenwart…

…empfehle ich Ihnen diese ebenso weltliche wie weise elfminütige Lesung von einem, den ich ausgesprochen schätze, was auch für seinen Heimatort und den dazugehörigen Biergarten mit Seeblick und Unertl-Weiße gilt.

„Das Leben muss bis zum Tod hin gelebt werden können, sonst kann der Tod nicht gestorben werden.“

Den vollen Genuss bieten nur die vollen 11 Minuten und 12 Sekunden, aber wenn’s denn unbedingt die Instant-Version sein muss, weil sie gerade fronleichnamsprozessieren oder sonstwo herummarschieren an diesem Feiertag, dann hören Sie sich in Gottes Namen erstmal nur den Epilog an (ab 8:54).

Für heute will ich’s dabei belassen, der erste Schwimmausflug – so wunderbar er auch war, und so leiblich ich mich durch ihn auch endlich wieder in der Gegenwart verankern konnte – steckt mir noch ein wenig in den Oberarmmuskeln.

Genauere Berichterstattung folgt, sobald ich von der lokalen Pressefotografin das Bildmaterial erhalten habe und sofern ich darauf halbwegs chlorreich aussehe bei meinen ersten Schwimmzügen nach fast drei Monaten.

Scherz! Oder nicht?
Warten Sie’s ab.

Auf ein Unertl zum Fischmeister.

Hiermit erklären wir die Biergartensaison 2020 für eröffnet!

Draußensitzen ohne Jacke, fern der dröhnenden Trocknungsgeräte, die anderen Menschen halten einen angenehmen Abstand zu uns, da das Dackelfräulein sich auf dem Marsch hierher im frischen Odel gewälzt hat, aber die leichte Weiße schmeckt auch bei strenger Landluft, Hauptsache etwas Ruhe und die Sonne im Gesicht, dazu See- und Bergblick, dieses kleine Ambach ist so eine Oase, nur das Heckenschneidegeräusch stört mal kurz, ansonsten kann man wieder Durchatmen und die Gedanken ein Stück hinausschwimmen lassen auf den See, in einem Monat schon wird das Zuhause wieder wohnlich sein, bis dahin viele kleine und große Fluchten, und auch immer wieder das kleine Glück würdigen, erst heute Morgen Konzertkarten gewonnen für den Abend, schon das zweite Mal in dem Jahr, es ist ja gar nicht alles so schlecht wie die Wände in der Wohnung grad aussehen.

Von wegen kleiner Hund!

Von der Nachmittagssonne ganz vortrefflich zum Vorschein gebracht: der überragende Charakter und die große Persönlichkeit des Dackelfräuleins.