Zum Feste der leiblichen Gegenwart…

…empfehle ich Ihnen diese ebenso weltliche wie weise elfminütige Lesung von einem, den ich ausgesprochen schätze, was auch für seinen Heimatort und den dazugehörigen Biergarten mit Seeblick und Unertl-Weiße gilt.

„Das Leben muss bis zum Tod hin gelebt werden können, sonst kann der Tod nicht gestorben werden.“

Den vollen Genuss bieten nur die vollen 11 Minuten und 12 Sekunden, aber wenn’s denn unbedingt die Instant-Version sein muss, weil sie gerade fronleichnamsprozessieren oder sonstwo herummarschieren an diesem Feiertag, dann hören Sie sich in Gottes Namen erstmal nur den Epilog an (ab 8:54).

Für heute will ich’s dabei belassen, der erste Schwimmausflug – so wunderbar er auch war, und so leiblich ich mich durch ihn auch endlich wieder in der Gegenwart verankern konnte – steckt mir noch ein wenig in den Oberarmmuskeln.

Genauere Berichterstattung folgt, sobald ich von der lokalen Pressefotografin das Bildmaterial erhalten habe und sofern ich darauf halbwegs chlorreich aussehe bei meinen ersten Schwimmzügen nach fast drei Monaten.

Scherz! Oder nicht?
Warten Sie’s ab.

Matrjoschka (4).

Halbzeit: Die Figur in der Mitte ist heute dran, Matrjoschka Nr. 4. Sie stottert ein bisschen und ihre Finger sind etwas klamm und ihre Bäckchen leuchten so rot.

*****

Heute vor vier Jahren, die Tochter saß gerade in ihrem neuen Büro, von wo aus sie als administrative Leitung den ihr anvertrauten kleinen Verband zu leiten versuchte, was eine ziemliche Herausforderung war, weil die Chefin des ganzen Unternehmens zwar sehr nett, aber ein kreativer Chaot war, womit die Tochter zwar menschlich, aber nicht beruflich zurechtkam, außerdem noch ganz unter dem Schock der Beerdigung des viel zu jung und unerwartet gestorbenen Freundes stand, dessen Urne vor drei Tagen recht sang- und klanglos in die Erde eines Waldfriedhofs südlich von München versenkt worden war, klingelte ihr Telefon. Nicht das Bürotelefon, sondern das Handy.
Es war kurz vor 10 Uhr. Eine unbekannte Münchner Nummer stand im Display. Die Tochter nahm den Anruf entgegen („nahm ab“ kann man ja in Zeiten, in denen eine Gesprächsannahme via Smartphone ein seltsamer Wischvorgang ist, der dem einfingrigen Wegwischen eines verendeten Mini-Insekts auf dem Gartentisch ähnelt, nicht mehr guten Gewissens sagen).

*****

„Ihre Mutter ist heute Nacht verstorben, Ihre Telefonnummer hat uns die Betreuerin gegeben“, meldet sich mit Dialektunterdrückung eine bayrische Frauenstimme und fügte sogleich pflichtschuldigst ein „Mein herzliches Beileid zu diesem Verlust“ an.
Nach kurzem anfänglichen Holpern und Stottern und zwei, drei Rückfragen meinerseits, klärte man mich darüber auf, dass die Betreuerin der Mutter ab sofort nicht mehr zuständig sei (eine Sozialpädagogin, mit der ich nicht konnte: bei jedem Kommunikationsversuch verhedderten wir uns ungut, weil sie keine Gelegenheit ausließ, mir ihr Unverständnis darüber um die Ohren zu hauen, dass ich mich nicht selbst um die kranke Mutter kümmerte und regelrecht entsetzt war, als ich eine ihrer ungebührlichsten moralischen Nebenbemerkungen mit einem „Möchten Sie ernsthaft mal die Geschichte hören? Die ganze Geschichte von meiner Mutter und mir? Nein? Na dann verkneifen Sie sich bitte künftig Ihr unqualifiziertes Geunke!“).
Die Sozialpädagogin hätte „den Vorgang“ bereits abgeschlossen, hieß es seitens des Pflegeheims, sie stünde aber telefonisch noch für Rückfragen zur Verfügung.

Desweiteren erfuhr ich, dass der Leichnam der Mutter innerhalb von 24h aus dem Pflegeheim abgeholt werden müsse. Hui, dachte ich da, wie soll das denn so rasend schnell gehen?
Vorbereitet war ich auf diesen Moment oder Tag nicht, denn die Mutter starb schon seit über anderthalb Jahren mit kurzen Unterbrechungen vor sich hin, der Hirntumor wuchs viel langsamer als gedacht und die Mutter war viel zäher als angenommen.
Da hatte man es sich nach den ersten paar Alarmen wieder abgewöhnt, jedes Mal gleich völlig aus dem Häuschen zu sein, den Stift fallen zu lassen und in wilden Aktionismus zu verfallen, wohl wissend, dass es, also die Todesnachricht, einen dann eines Tages wie aus heiterem Himmel treffen würde.

Und in der Tat: der Himmel war heiter an diesem 1. Februar 2016. Die Sonne schien unaufhörlich, der Himmel war blau, der See, von dem mein Büro keine 250 Meter entfernt war, funkelte im Morgenlicht der gerade beginnenden Woche.
Als das Telefonat beendet war und ich zugesagt hatte, dass man alle Rechnungen an meine Adresse senden dürfe und entschieden hatte, dass ich die tote Mutter nicht mehr sehen wolle, was dem Pflegeheim sehr recht war, da man sie sonst noch länger in ihrem Zimmer hätte belassen müssen, so aber konnte sie gleich in den Keller verlegt werden (in dem es keine Kühlung gäbe, wie man mir mitteilte, deswegen ja die Eile mit der Abholung). Auch ihre paar persönlichen Dinge wollte ich weder sehen noch an mich nehmen, ich wusste, was da neben ihrem Bett stand, und es erinnerte mich nur an Zeiten und Geschehnisse, an die ich nicht mehr erinnert werden wollte.

*****

Ich starrte aus dem Bürofenster in den großen Garten hinaus. In der Eisschicht auf dem Fischteich war ein Sprung zu erkennen, es taute wohl. Die Katze der Chefin saß im Schilf und linste neugierig ins Wasser rein. Was machen so Teichfische eigentlich im Winter? – schoss es mir durch den Kopf.
Drumherum, auf der geschlossenen Schneedecke im Garten, waren diverse Hüpfspuren des Dackelfräuleins zu sehen. Pippa begleitete mich an den meisten Arbeitstagen nach Starnberg, mittags gingen wir immer am See spazieren, manchmal über eine Stunde lang, denn die Arbeitszeit war frei einteilbar, die kreative Chaotin hatte selbst keinen festen Rhythmus und gestand Selbiges auch ihren paar Angestellten zu.

Nachdem ich ausreichend lange aus dem Fenster gestarrt hatte, sagte ich halblaut zu mir selbst: Nun gut, jetzt bist du nochmal dran, du musst das jetzt auf die Reihe kriegen!
Ich rief die Sozialpädagogin an, die mir kondolierte und danach meinte, sie hätte jetzt leider keine Zeit, den Kontostand der Mutter nachzusehen, der läge in irgendeinem Ordner und sie müsse die Sachen eh in den nächsten Tagen in die Hand nehmen, um alle Unterlagen zum Betreuungsgericht zu schicken, aber leider, leider könne sie das jetzt nicht vorziehen.

Meine Befürchtung war die, dass die Mutter Schulden hinterlassen haben könnte oder aber nur so wenig Guthaben auf ihrem Konto vorhanden wäre, dass die Kosten für die Beerdigung davon nicht getragen werden könnten.
Auf meinem Konto sah es zu der Zeit ohnehin nicht rosig aus: es war die fünfte Woche im neuen Job, das erste Gehalt war noch nicht eingegangen und in den Monaten davor gab es sowieso keine Geldeingänge zu verzeichnen, und den Gatten wollte ich aus der Sache raushalten, wenn es denn irgendwie ging, er hatte die Mutter schließlich nie kennengelernt.
Aber keine Chance, aus der Betreuerin eine Zahl (und ihr Vorzeichen) herauszubekommen. Dann musste es eben ein Blindflug werden.

*****

Bis der Leichnam der Mutter das Pflegeheim zu verlassen hatte, waren es jetzt nur noch 22 Stunden. Ich musste heulen, weil ich überfordert war. Kniete mich neben den Hundekorb und drückte das Dackelmädchen an mich (nebenbei bemerkt: Heulen ist mit diesem Hund absolut unmöglich, weil die Trostbemühungen so extrem und so zudringlich sind, dass man meist lieber ganz schnell aufhört mit dem Tränenvergießen, nur damit der Hund sich endlich wieder beruhigt).

Dann rief ich den Gatten an. Keine Erinnerung mehr an das, worüber wir gesprochen haben oder auch nicht, ich habe vermutlich wieder geheult.
Irgendwann betrat die Chefin mein Büro, sah mich am Schreibtisch sitzen, kein einziges Fenster einer Anwendung auf dem Monitor zu sehen, nur Springsteen als Bildschirmschoner (ich erinnere noch: als sie den zum ersten Mal sah, fragte sie allen Ernstes „Ist das Ihr Mann?“, und ich sagte „Dann säße ich jetzt nicht hier, sondern auf einer Ranch in New Jersey und würde edle Pferde striegeln!“, naja, die Gute war 72, da konnte man ihr so einen Faux pas schon nachsehen) und daher guckte sie mich verdutzt an und als sie fragen wollte, was denn los sei, sah sie gerade noch rechtzeitig mein rotfleckiges, verquollenes Gesicht und fragte nichts mehr, sondern sagte sehr anteilnehmend: „Oh je, Sie Arme, das ist wegen dem verstorbenen Freund, nehme ich mal an!?“.

„Nein, meine Mutter ist heute gestorben.“, antwortete ich.
Das muss man sich ja auch mal vorstellen: Da stellt man jemanden neu ein, betraut ihn mit einer Leitungsfunktion und in den ersten fünf Wochen hat der/die Neue gleich zwei Todesfälle an der Backe und kommt aus dem Heulen nicht mehr raus (Randnotiz: bevor es aber im Herbst 2016 den nächsten Toten zu beweinen gegeben hätte, hatte ich schon über ein halbes Jahr den Dienst quittiert, Ende März kündigte ich, löschte den schönen Bildschirmschoner, packte das Hundekörbchen und meine Siebensachen wieder ein, und nun weinten die Chefin und ich zur Abwechslung mal beide, weil wir zwar wussten, dass es von den Arbeitsweisen her nicht zusammenpasste, aber uns eben wirklich mochten, so dass es neben aller Notwendigkeit, auch ein trauriger Abschied war, es war wirklich ein nervenaufreibendes erstes Quartal, damals in 2016).

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Der restliche 1. Februar des Jahres 2016 verging damit, dass ich nachhause fuhr, eine Breze aß, die der Gatte für mich geholt hatte, weil er weiß, dass mich frische Brezen immer aufbauen und zu den konstant guten und lebensfroh stimmenden Dingen in meinem Leben gehören, mich zwei Stunden an den Schreibtisch setzte und eine sogenannte Discount-Beerdigung organisierte. Nie zuvor gehört, diesen Begriff – Sie etwa?
Ein Euphemismus zudem, denn trotz Discount geht sowas nicht unter 1.800€, wie ich dann bald bemerkte.
Fragen über Fragen waren zu beantworten und zig Entscheidungen zu treffen: Leichenhemd ja/nein?, Holzart des Sarges? (- Hä, wieso Holz, die Mutter soll doch verbrannt werden und ihre Asche in einer Urne beigesetzt werden? – Ja schon, aber sie wird vor der Einäscherung in einen Sarg gelegt und samt Sarg verbrannt. – Achso, wusste ich nicht.) Sammelgrab oder Einzelgrab? Anonymes Grab oder mit Schild? Traueranzeige ja/nein, Benachrichtigung von Verwandten gewünscht?

Mir zitterten die Hände, als ich den Bestattungsvertrag inklusive Vollmacht für die Abwicklung von nahezu allem unterzeichnete, einscannte und nach Leipzig schickte, wo sich der Mitarbeiter eines Bestattungsunternehmens emsig um mich kümmerte. Er hieß Thomas Mann, irgendwie hatte das was, und es passte prima zu der Absurdität all dieser im Hauruckverfahren zu erledigenden Dinge.

Thomas Mann und ich telefonierten etliche Male in diesen Stunden. Dazwischen musste ich den Papa, den ich natürlich auch schon über das plötzliche und endgültige Sterben der Mutter informiert hatte, darum bitten, eine Leiter aus seinem Keller zu holen, um trotz seines Parkinsons, der ihm solche Klettereien eigentlich nicht mehr erlaubte, im obersten Regal seines Arbeitszimmers den Scheidungsordner hervorzukramen, da Thomas Mann für das Ausstellen der Sterbeurkunde für die Mutter eine beglaubigte Abschrift des Scheidungsurteils (aus dem Jahre 1989!) benötigte. Formalitäten und Anforderungen, die man ja kaum glauben mag, aber so waren die amtlichen Vorschriften. Ordentlich wie der Papa ist, hatte er das Dokument nach fünf Minuten zur Hand, steckte es in ein Kuvert und schickte es direkt per Einschreiben nach Leipzig, vertraulich und zu Händen von Herrn Thomas Mann.

Um 15 Uhr informierte ich das Pflegeheim, dass die Mutter heute noch abgeholt werden würde. Man war zufrieden. Und ich war fertig mit der Welt für diesen Montag und überhaupt. Vor lauter Formalkrempel alles Emotionale ebenso stumm und tot wie die Mutter.
Der Gatte bot jedwede Unterstützung an, ich wusste aber nicht, wobei ich nun akut hätte unterstützt werden müssen. Ich wusste eigentlich gar nichts mehr. Alle Blätter waren unterschrieben, alles ging seinen Gang. Auf Thomas Mann, so sagte mir mein Gefühl, wäre Verlass. Der klang kompetent und professionell und so, als hätte er die Sache im Griff.
Was also sollte ich nun tun, was wollte ich tun, was konnte ich tun, an einem solchen Tag?

Gegen 16 Uhr sprang ich in das golden glitzernde Wasser des Winterfreibades und schwamm um mein Leben und als ich wieder aus dem Becken kletterte, ging die Sonne bereits langsam unter und tauchte das Schwimmbadgelände in ein wunderschönes, tiefrotes Licht.

Rot wie die Liebe, die wir vor langer Zeit schon beigesetzt hatten.
Rot wie jenes vom Neurochirurgen bei der OP zugeschaltete Licht die Tumorzellen im Kopf der Mutter fluoreszieren ließ.
Rot wie das lodernde Feuer, in dem die Mutter, von schlichtem Birkenholz und einem Leinenhemd umgeben, in einem sächsischen Ofen verbrennen würde.

Rot wie das Blut, das in unseren Adern fließt, und das die Herrschaft hat über Leben und Tod.

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Matrjoschka (3).

Am mütterlichsten war die Mutter, wenn das Kind krank war.

Vielleicht war die Tochter ja deshalb als Kleinkind so häufig krank. Um so ein bisschen mehr Mütterlichkeit abzubekommen als es im normalen Alltag je drin gewesen wäre. Wobei die Tochter in ihrer Erinnerung gar nicht so häufig krank war wie die Mutter es früher stets behauptet hatte.
Vielleicht hatte sie es ja vor allem deshalb behauptet, um die Schuld, in der die Tochter ihr gegenüber bereits qua Geburt stand, noch zu erhöhen. Denn ihrem unermüdlichen Einsatz fürs kranke Kind war mindestens eine Extraportion Dankbarkeit zu zollen.

Aber wie das mit Kindern eben so ist: von moralischem Gedöns noch völlig unverbogen sind sie halt einfach nur krank und bedürftig (und in diesem Zustand naiven Versehrtseins wohl auch undankbar, sofern das bereits eine Kategorie für sie wäre, was ziemlich sicher aber nicht der Fall ist in ihrem kindlichen Universum, das sie leider meist eh zu früh verlassen müssen).

Matrjoschka Nr. 3 putzt sich das Näschen, räuspert sich, kratzt sich noch eine Narbe blutig, steht langsam auf und spricht. Über Grießbrei und andere Torturen.

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In der Lebensphilosophie der Mutter gehörte Undankbarkeit bestraft.

Bei jeder grippal bedingten Bettlägerigkeit wurde ich von der Mutter mit Lindenblütentee und Hühnersuppe malträtiert. Alternative: Kamillentee und Rinderbrühe. Alles nah am Brechreiz für mich, bis heute. Was an damals liegt, denn nichts davon habe ich je freiwillig zu mir nehmen können. Als Kind wurde mir regelrecht übel, wenn der Geruch einer dieser vier Plörren durch die Wohnung bis zu meinem Krankenlager kroch oder mir dampfend unter die Nase gehalten wurde.

Da ich zu einer Zeit aufwuchs, in der manche noch an den ehernen Gesetzen der vorigen Generation festhielten, die in dem Fall lauteten „Es wird gegessen, was auf den Tisch kommt!“ und „Wenn dir das nicht schmeckt, hast du eben Pech gehabt – was anderes gibt’s nicht!“, hatte ich doppelt Pech.
Zum einen war ich krank und zum anderen bekam ich nichts zu essen, was ich mochte. „Verzogene Göre“, hieß es dann, und im Krieg und danach wäre man froh gewesen und so weiter… – na, Sie wissen schon. Dabei hätte mir schon etwas Zwieback und Hagebuttentee völlig gereicht, aber wenn die Mutter der Ansicht war, diese Krankheit müsse mit Hühnersuppe und Lindenblütentee und jene mit Rinderbrühe und Kamillentee kuriert werden, dann war das so.
Denn die Mutter war Legislative, Exekutive und Judikative in ein und derselben Person.

War ich auf dem Weg der Besserung, drohte mir die nächste kulinarische Eskalationsstufe. Unter der Überschrift „Dem Kind was Gutes tun“ kochte mir die Mutter Grießbrei oder briet Pfannkuchen. Pur wäre das vielleicht tatsächlich eine Leckerei für mich gewesen, die Crux war nur: es wurden Äpfel zugesetzt. Säuerliche, mehlige Äpfel, die ich nicht mochte. Im Grießbrei wurden sie als Stückchen mitgekocht, von denen nur die Schale übrigblieb, die sich immer in den Zahnzwischenräumen verfing, in die Pfannkuchen kamen sie als große Spalten hinein, die nie gar wurden und beim Draufbeißen sauer, morsch und eben halbgar schmeckten.
Die ultimative Krönung hieß schließlich Zimtzucker. Der kam über beide Speisen drüber, recht reichlich sogar, damit das Saure der Äpfel abgemildert wurde. Dummerweise mochte ich keinen Zimt, was die Mutter auch wusste, aber mit einem strengen „Alle Kinder mögen Zimt“ beiseite zu wischen pflegte.

Denken Sie jetzt bitte nicht, ich sei ein geschmäcklerisches Kind gewesen. So eines, das fast nichts essen mag und immer die Nase rümpft, egal, was man ihm vorsetzt. So war das nicht. Ich aß gerne und gut, ich liebte sogar Bitteres wie Chicorrée und Endivie, ich mochte eben nur diese Krankheitsgerichte der Mutter nicht. Schon in gesundem Zustand war ich kein Apfel- oder Zimtfan und auch kein Freund von klaren Brühen, aber wenn ich krank war, wurde ich davon eher noch kränker. Es war einfach anstrengend, sich ein Essen oder ein Getränk reinzuwürgen, das einem nicht schmeckte.

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Zwanzig Jahre nach diesen Kinderkrankheitsjahren, die Mutter und ich gingen schon längst getrennter Wege, mussten meine Mandeln entfernt werden.

Ich verließ die Studienstadt und fuhr für die Operation und den kurzen Krankenhausaufenthalt heim nach München. Durch eine Verkettung unglücklicher Umstände hatte der Papa der Mutter am Telefon berichtet, dass ich in München im Krankenhaus läge und die Mutter entschloss sich zu einem Überraschungsbesuch. Schließlich war das Kind krank – eine Situation, der sie sich gewachsen fühlte.

Dummerweise hatte der Operateur mir nach der Entfernung der Mandeln den Mund nicht achtsam genug geschlossen. Die Zunge war zwischen die Backenzähne geraten und beim Zusammenklappen des Kiefers eingeklemmt worden. Als ich aus der Narkose erwachte, hatte ich scheußliche Schmerzen im Rachen, die ich nicht zuordnen konnte und zunächst auf die OP an sich schob.
Erst am Tag drauf entdeckte eine Schwester das eitrige Loch hinten in meiner Zunge, ich hatte sie mir fast durchgebissen. Konnte nichts schlucken und auch kaum ein Wort sprechen.

In genau diese Phase fiel der Überraschungsbesuch der Mutter. Wir hatten uns über zwei Jahre nicht mehr gesehen, nur ein paar wenige unerfreuliche Telefonate geführt oder wegen irgendwelcher Formalitäten führen müssen. Da saß sie nun neben meinem Bett, redete auf mich ein, hielt mein ersticktes Krächzen für Getue, wunderte sich lautstark darüber, wie man nur nach einer läppischen Mandeloperation so fertig sein könne („Das ist doch heuzutage ein Routineeingriff!“), mokierte sich über meine Einsilbigkeit und drängte mir – Sie ahnen es, was jetzt kommt?! – ihren mitgebrachten Grießbrei mit Apfelstücken und Zimt auf. Allen Ernstes derselbe verdammte Brei mit  Apfelstücken und Zimt, den ich schon als Kind gehasst hatte! – und als ich mich abwandte und ihr andeutete, dass ich vor lauter Schmerzen nichts schlucken könne, setzte sie sich auf den Rand meines Bettes und wollte mich füttern.

Hätte ich eine Stimme gehabt, hätte ich geschrien, aber ich hatte keine, ich hatte nur meine Hände, um mich zu wehren, und so fegte ich mit einem Handschlag den Breipott von meiner Bettdecke, er fiel polternd zu Boden, und während die Mutter sich unter wütenden Exklamationen nach dem Gefäß bückte, riss ich die Klingel aus ihrer Halterung über meinem Kopf und läutete nach einer Schwester, die kurz darauf das Krankenzimmer betrat.
Ich heulte mittlerweile vor Anstrengung, Halsschmerzen und Verzweiflung, die Mutter stand schimpfend mit einem Fuß im Brei und hielt den halbleeren Pott in ihrer Hand wie eine Granate, die nur auf ihren Einsatz wartete, die Schwester beugte sich zu mir und fragte, was denn los sei und mit zerquetscher Stimme und letzter Kraft presste ich noch ganze drei Worte aus meiner wunden Kehle: SIE SOLL GEHEN!

*****

Und sie ging.

Als wir uns weitere zwanzig Jahre später wiedersahen (dazwischen gab es nur noch zwei Begegnungen, von denen möglicherweise ein andermal die Rede sein wird), lag sie abgemagert und leichenblass und von zig Schläuchen umgeben, die irgendetwas in sie hinein- oder aus ihr herausleiteten im Krankenbett der Palliativstation, musste gefüttert werden, konnte nicht mehr sprechen, vermochte nur noch eine Hand und die Augenlider minimal zu bewegen, alles andere hatte der Hirntumor komplett lahmgelegt.

Ich besuchte sie, um mich von ihr zu verabschieden, saß neben ihrem Bett und saß überwiegend schweigend dort. Es gab nicht mehr viel, das ihr hätte sagen wollen oder können nach all den Jahren und bei dieser unserer letzten Begegnung. Zwischen uns war manches zu oft gesagt worden und vieles unsagbar geblieben. Es war stimmig, dass es nun sprachlos endete. Reglos lag sie in ihrem Bett, sah mich ab und zu an und blinzelte oder zupfte mit der Hand an ihrer Bettdecke. Ich sah sie an und dachte: „Jetzt ist es wenigstens einmal friedlich zwischen uns.

Eine Pflegerin durchbrach dann diese Stille und betrat den Raum. Sie brachte einen Tee und ein Schälchen Grießbrei mit, stellte die Sachen auf den Nachttisch der Mutter, guckte mich an und fragte: „Wollen Sie vielleicht Ihre Mutter mit dem Grießbrei füttern?“
Die Frage traf mich wie ein Blitz. Völlig paralysiert starrte ich erst auf den Grießbrei, dann auf die bleiche Mutter und schließlich zur Pflegerin – alles fühlte sich an wie eingefroren oder wie in Zeitlupe, kein Wort wollte über meine Lippen kommen, mein Hals war wie zugeklebt. Irgendwann gelang es mir, verneinend den Kopf zu schütteln.

Kurz darauf bin ich gegangen.
Und sie dann auch.

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Living snoopy.

Oder, wie schon Faust zu Helena sagte: Dasein ist Pflicht, und wär’s ein Augenblick!
(Goethe, „Faust. Der Tragödie zweiter Teil.“, Kapitel 43.)

Von Verlässlichkeit, Fortpflanzungstrieb und Gerichtspflege.

„Der Mensch hat zwei Beine und zwei Überzeugungen: eine, wenns ihm gut geht, und eine, wenns ihm schlecht geht. Die letztere heißt Religion.

Der Mensch ist ein Wirbeltier und hat eine unsterbliche Seele, sowie auch ein Vaterland, damit er nicht zu übermütig wird.

Der Mensch wird auf natürlichem Wege hergestellt, doch empfindet er dies als unnatürlich und spricht nicht gern davon. Er wird gemacht, hingegen nicht gefragt, ob er auch gemacht werden wolle. (…)

Der Mensch hat neben dem Trieb der Fortpflanzung und dem, zu essen und zu trinken, zwei Leidenschaften: Krach zu machen und nicht zuzuhören. Man könnte den Menschen gradezu als ein Wesen definieren, das nie zuhört. Wenn er weise ist, tut er damit recht: denn Gescheites bekommt er nur selten zu hören. Sehr gern hören Menschen: Versprechungen, Schmeicheleien, Anerkennungen und Komplimente. Bei Schmeicheleien empfiehlt es sich, immer drei Nummern gröber zu verfahren als man es grade noch für möglich hält.

Der Mensch gönnt seiner Gattung nichts, daher hat er die Gesetze erfunden. Er darf nicht, also sollen die andern auch nicht.

Um sich auf einen Menschen zu verlassen, tut man gut, sich auf ihn zu setzen; man ist dann wenigstens für diese Zeit sicher, daß er nicht davonläuft. Manche verlassen sich auch auf den Charakter.

Der Mensch zerfällt in zwei Teile:

In einen männlichen, der nicht denken will, und in einen weiblichen, der nicht denken kann. Beide haben sogenannte Gefühle: man ruft diese am sichersten dadurch hervor, daß man gewisse Nervenpunkte des Organismus in Funktion setzt. In diesen Fällen sondern manche Menschen Lyrik ab.

Der Mensch ist ein pflanzen- und fleischfressendes Wesen; auf Nordpolfahrten frißt er hier und da auch Exemplare seiner eigenen Gattung; doch wird das durch den Faschismus wieder ausgeglichen.

Der Mensch ist ein politisches Geschöpf, das am liebsten zu Klumpen geballt sein Leben verbringt. Jeder Klumpen haßt die andern Klumpen, weil sie die andern sind, und haßt die eignen, weil sie die eignen sind. Den letzteren Haß nennt man Patriotismus.

Jeder Mensch hat eine Leber, eine Milz, eine Lunge und eine Fahne; sämtliche vier Organe sind lebenswichtig. Es soll Menschen ohne Leber, ohne Milz und mit halber Lunge geben; Menschen ohne Fahne gibt es nicht.

Schwache Fortpflanzungstätigkeit facht der Mensch gern an, und dazu hat er mancherlei Mittel: den Stierkampf, das Verbrechen, den Sport und die Gerichtspflege.

Menschen miteinander gibt es nicht. Es gibt nur Menschen, die herrschen, und solche, die beherrscht werden. Doch hat noch niemand sich selber beherrscht; weil der opponierende Sklave immer mächtiger ist als der regierungssüchtige Herr. Jeder Mensch ist sich selber unterlegen.

Wenn der Mensch fühlt, daß er nicht mehr hinten hoch kann, wird er fromm und weise; er verzichtet dann auf die sauern Trauben der Welt. Dieses nennt man innere Einkehr. Die verschiedenen Altersstufen des Menschen halten einander für verschiedne Rassen: Alte haben gewöhnlich vergessen, daß sie jung gewesen sind, oder sie vergessen, daß sie alt sind, und Junge begreifen nie, daß sie alt werden können.

Der Mensch möchte nicht gern sterben, weil er nicht weiß, was dann kommt. Bildet er sich ein, es zu wissen, dann möchte er es auch nicht gern; weil er das Alte noch ein wenig mitmachen will. Ein wenig heißt hier: ewig.

Im übrigen ist der Mensch ein Lebewesen, das klopft, schlechte Musik macht und seinen Hund bellen läßt. Manchmal gibt er auch Ruhe, aber dann ist er tot.

Neben den Menschen gibt es noch Sachsen und Amerikaner, aber die haben wir noch nicht gehabt und bekommen Zoologie erst in der nächsten Klasse.“

{Kurt Tucholsky: „Der Mensch“. Aus: Gesammelte Werke in zehn Bänden. Band 9, Reinbek bei Hamburg 1975, S. 230-231.]

Himmel der Bayern (8): Ubi bene, ibi patria.

„Wo die Benediktenwand ist, dort ist die Heimat“
(frei verhunzdst nach Cicero)

Nach einer Woche voller Krankenhausgerüche und Eindrücke, die alles andere als gute Laune machen, fliegt unser kleines Rudel jetzt aus.
Zum Durchatmen, zum Kopf-Freilaufen, zum Einfangen der vielleicht vorletzten Strahlen dieses Sommers, zum Berghütten-Fotoshooting für den nächsten Artikel, zu einem weiteren Hüttentauglichkeitstest des Dackelmädchens und zur Hüttenpremiere für den Gatten (Zeit wird’s).

Wir sind gerade in Benediktbeuern angekommen, von wo aus wir durchs Lainbachtal zur Benediktenwand hochlaufen. In einem der wenigen Steinbockgebiete Bayerns werden wir dann auch nächtigen, oben auf der Tutzinger Hütte, wo es den leckersten Nusskuchen gibt und hoffentlich auch ein anständiges Abendessen.
Flipper und Nuluensis stehen schon seit gestern Abend in den Startlöchern…

…unsere Stiefel sind nun geschnürt…

…und so heißt es wieder mal: „Kompanie, Marsch!“
Heute stellen wir den Marsch unter das Benn’sche Motto „Kommt, reden wir zusammen, wer redet, ist nicht tot“. Unser Nachbar und Freund P. (über den ich neulich berichtete), ein Leben lang aufs Innigste mit Benn verbunden, möchte nicht mehr reden. Wenn sein Wille denn erhört wird – von seinem Körper, von den Ärzten in der Klinik – darf er das hoffentlich auch bald endgültig.

Wir, die noch (Über-)Lebenden, wollen uns bewegen, über Stock und Steine, über Wasser und Brücken, solange wir das können.

„Leben ist Brückenschlagen über Ströme, die vergehen.“
(Gottfried Benn)

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Ein lebendiges, bewegtes Wochenende wünscht
Die Kraulquappe.

Die Raumforderung. (Ein Vorruf.)

Wie ihr gemerkt habt: Es herrschte einige Tage lang Blubberpause im Hause Kraulquappe. Heute kann ich erzählen, wieso. Allerdings muss ich dazu ziemlich weit ausholen.

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Geburtstagstisch von Herrn M. (August 2015)

Seit 16 Jahren lebe ich in der zweiten Etage eines 20-Parteien-Mietshauses gegenüber von Herrn M.. Als ich hier einzog, wohnte Herr M. schon ca. zwei Jahre in dem Haus. Mit Beginn seiner Pensionierung hatte er Berlin verlassen und war nach München übersiedelt. Anfangs ging unser Kontakt kaum über ein höfliches Grüß Gott hinaus, gelegentlich vielleicht noch garniert mit einer alltäglichen, meteorologischen oder saisonalen Floskel. Mehr hatten wir nicht miteinander zu tun, dieses Wenige aber in friedlichem Einklang.

Ich erinnere nicht mehr, wann und wie ich erfuhr, dass Herr M. sein Moabiter Berufsleben als Oberstudienrat für Latein und Französisch verbracht hatte. Vermutlich tratschte mir das die damalige Hausmeisterin Frau S. irgendwann im Gemeinschafts-Wäschekeller zu, wo sie besonders gern diejenigen Mieter abpasste, die sich sonst bei Treppenhaus-Begegnungen erdreisteten, ihrem Redefluss mit einer schnellen Ausrede zu entkommen – mitten im Wäscheaufhängen ließ es sich schlecht flüchten. So manche Information über die Nachbarn verdanke ich daher meiner Aversion gegen Wäscheständer in der Wohnung und der Gabe von Frau S., genau zu erlauschen, wann einer der Gesprächsverweigerer auf dem Weg in den Wäschekeller war.

Ansonsten fiel mir an Herrn M. nur auf, dass er nachts Opern hörte (etwas arg laut), sich um eines der Blumenbeete vor dem Haus kümmerte (mit großem Eifer) und relativ viel Zeit mit Herrn H. aus dem Parterre (ein ehemaliger Schauspieler) verbrachte. Da ich in puncto Homosexualität schon immer Tomaten auf den Augen hatte, sofern sich nicht gerade alle Klischees auffälligst in einer Person ballten, habe ich erst nach vielen Jahren – vermutlich ebenfalls von Frau S. und im Wäschekeller – gesteckt bekommen, dass Herr M. nach Beendigung seines Berufslebens wegen Herrn H. nach München gezogen war und es sich damals glücklich fügte, dass zwei Etagen über Herrn H. eine Zweizimmerwohnung für Herrn M. frei wurde, so dass man einander nach 40 Jahren vertrauter Distanzbeziehung nicht zu nah auf der Pelle säße.

Nach zwei eher wortkargen Anfangsjahren als Nachbarin von Herrn M. überkam mich für die Dauer von drei Wintern die bislang einzige Backphase meines Lebens. Ich habe einige Wochenenden mit der Herstellung der aufwändigsten Plätzchensorten verbracht und bergeweise Gebäck produziert, verziert, verpackt und verschenkt (und selbst gegessen, ja sicher!). Nach derlei Küchenorgien stellte ich Herrn M. stets am Morgen danach einen Teller mit Plätzchen vor die Tür. Genauer gesagt: auf seine Süddeutsche Zeitung, die dort lag (auf dem Fußabstreifer haben Plätzchenteller ja nichts verloren). Wenige Tage später klingelte dann Herr M., um den gespülten Teller zurückzubringen und sich zu bedanken – er hatte für jede Sorte eine kurze, liebevolle Rezension parat, die er mir, klein und kugelig in meinem Türrahmen lehnend, vortrug.

So kamen wir allmählich näher in Kontakt. Bald wurde ich Fan seiner gewählten, altertümlichen und dadurch teilweise verschroben anmutenden Formulierungen. Fast noch besser als sein gesprochenes Wort waren seine Zettelchen. Wenn er mich zum Zwecke der Tellerrückgabe nicht antraf, fand ich den Teller mit einem Zettel darunter auf meiner Fußmatte vor (leere Plätzchenteller dürfen da schon stehen).

In etwa zu der Zeit begann sein Ex-Schauspieler-Lebensgefährte sehr zu kränkeln, so dass Herr M. mehr und mehr die Rolle des Versorgers übernahm, obwohl er selbst auch schon nicht mehr der Mobilste war.

Daher ergab es sich, dass ich gelegentlich vor Großeinkäufen (die ich an sich hasse, weil ich Großmärkte schrecklich finde, aber damals, mit Vollzeitjob, waren diese Art Einkäufe aus Zeitgründen noch unvermeidbar) bei Herrn M. nachfragte, ob ich für ihn und Herrn H. ein paar Dinge mitbesorgen könne. Auch aus dieser Aktion resultierten etliche Zettelchen, denn meine Nachfrage zog immer eine Liste nach sich, die Herr M. mir dann am Vorabend des geplanten Großeinkaufs vor die Tür legte, meist im Kuvert mit Geldschein anbei. Mit der Zeit wurden diese Listen immer unterhaltsamer, da ausführlicher oder mit kleinen Scherzen versehen, so dass ich anfing, sie aufzuheben.

Huius, 20 Uhr.
Für den morgigen Einkauf erbitte ich freundlichst:
– 3 Gläser Spreewaldgurken (die ganz dicken)
– 3 Flaschen Campari (wider die Vernunft)
– 2 Rotköhler
– 4 Amphoren Aioli
– 2 Gläser Dijonsenf (den teuersten)
usw. usw.
50 Linsen anbei.
Besten Dank, M.

Bei der Übergabe der Einkäufe wurde ich in die Wohnung gebeten, um die Tüten gleich in der Küche zu platzieren, so dass wir erstmals nicht mehr im öffentlichen Raum kommunizierten. Der eine oder andere Plausch ergab sich, wir lernten einander besser kennen und aus einem höflich-losen Nebeneinander wurde ein recht freundlicher Nachbarschaftskontakt.

Umso schändlicher, dass ausgerechnet parallel zu dieser Entwicklung das dunkle Kapitel unserer Nachbarschaftsbeziehung aufgeschlagen wurde. Und zwar von mir. Natürlich von mir. Denn Herr M. ist ein völlig lauterer, tadelloser Charakter. In mir hingegen tun sich gelegentlich Abgründe auf, aus denen ich mich zwar meist wieder emporarbeite, was aber leider der Tatsache keinen Abbruch tut, dass es sich um Abgründe handelt.
Als ich damals von der Selbständigkeit in ein Angestelltenverhältnis wechselte, veränderte sich meine Einkommenssituation drastisch. Nicht zu meinen Gunsten, versteht sich. Ich musste an vielen Ecken den Rotstift ansetzen, wenn ich weiterhin alleine hier wohnen bleiben wollte (die große Wohnung war eigentlich für eine Person mit Durschnittseinkommen viel zu teuer). Als eine von vielen Maßnahmen bestellte ich damals meine Tageszeitung ab und leistete mir bloß noch das Wochenend-Abo.
Herr M. las die gleiche Tageszeitung, stand aber deutlich später auf als ich. Meine Missetat begann damit, dass ich gelegentlich vor dem Frühstück im Nachthemd über den Flur huschte, mir seine Süddeutsche schnappte, sie für 15 Minuten „auslieh“ und sie dann nach dem Frühstück sorgsamst gefaltet und ohne Fettflecken und Knicke wieder ordentlich zurück auf seine Fußmatte legte. Selbst ein kleines Eselsohr wäre wohl unentedeckt geblieben, da Herr M. damals schon sehr schlecht sah und eine unglaublich dicke Brille trug (weswegen ich ihn, wenn ich in meinem Umfeld von ihm sprach, meist „Marmeladenglas“ nannte – auch dessen schäme ich mich heute ein wenig, selbst wenn es nicht so despektierlich gemeint war, wie es klingen mag).

Die Steigerung meiner kleinen Zeitungsgaunerei vollzog sich etliche Monate später, als Herr M. mittlerweile fast täglich mit der Pflege von Herrn H. beschäftigt war und nur noch für wenige Besorgungen das Haus verließ. Er erzählte mir damals, dass er nichts Kulturelles mehr unternehmen könne, weil seine Kräfte stark nachgelassen hätten und zeitlich würde er es eben auch gar nicht mehr schaffen, wegen der Versorung des Herrn H..
Und was schnitzte ich Gelegenheitscharakterschwein mir aus dieser Aussage zurecht?! Ich mopste ab und zu aus der Donnerstagsausgabe seiner Zeitung das Münchner Wochenkulturprogramm (eine extra Beilage) – und legte es nicht zurück. Mea culpa!
Mopsen sagen übrigens die Menschen, die auch lieber Schwindeln sagen als Lügen, weil sie ihre eigenen Vergehen in selbstgezimmerte Schweregrade einteilen und aus diesen gern mal die mildere Variante für die Etikettierung ihres Tuns wählen, um moralisch besser wegzukommen – das nur am Rande.
Das mit der gemopsten Beilage ging vielleicht ein Vierteljahr so dahin, dann endete diese Phase jäh, da plötzlich auch ich dank des Stresspegels meiner damaligen Beziehung mit U. nichts Kulturelles mehr unternahm.

Ich werde Herrn M. das mit der Mopserei eines Tages noch beichten. Vermutlich sogar bald. Es ist zwar schon über 10 Jahre her, dennoch spüre ich aus aktuellem Anlass ein Bedürfnis nach einer Art Geständnis dieser einzigen, aber umso hässlicheren Schramme in unserem Verhältnis, die ich zu verantworten habe und von der er ja nicht mal etwas ahnt.

Mein Leben nahm wieder eine bessere Richtung, nachdem ich U. aus selbigem rausgeworfen hatte. Einige Zeit später zog erstmals ein Mann mit in diese Wohnung ein – er wohnt immer noch hier und wir haben zwischenzeitlich sogar geheiratet.
Das nachbarschaftliche Verhältnis mit Herrn M. blieb wie es war, der Gatte wurde vorgestellt, durfte fortan auch mal Spreewaldgurken und Campariflaschen in die Wohnung gegenüber schleppen, wir hatten dann auch wieder unsere eigene Süddeutsche im Tagesabonnement, so dass bei mir keinerlei Rückfall in alte Verhaltensmuster zu befürchten war. Kurz: Alles ging seinen gewohnten Gang.

Bis vor gut fünf Jahren Herr H. starb. Ich kam gerade etwas angeschickert von einer Büro-Weihnachtsfeier heim, als mir im Hausflur ein Arzt mit ernstem Blick aus der Wohnung von Herrn H. entgegenkam und mir sofort schwante, dass es nun “ so weit“ ist. So war es auch.
Der Gatte war nicht zuhause, so dass ich mich nicht beraten konnte, was am besten zu tun sei bzgl. Herrn M.. Rübergehen und Klingeln, um zu erkennen zu geben, dass man es mitbekommen hatte? Sofort oder erst am nächsten Tag? Was sagen? Schließlich setzte ich mich an den Schreibtisch und schrieb einen Brief an Herrn M., kein klassisches Kondolenzschreiben, sondern einfach das, was mir durch den Kopf ging in meiner Unerfahrenheit mit dem Tod und meiner Betroffenheit darüber, dass er nun ganz allein war. Herr M. hat nämlich kaum noch Freunde, nur einen alten Schulfreund, der in Linz lebt und mit dem er manchmal telefoniert, den er aber nie mehr sehen wird, weil beide zu gebrechlich sind, um zu reisen. Und ein befreundetes Ehepaar aus einem Münchner Vorort. Sowie uns Nachbarn (neben uns noch ein weiteres Paar, die auch mit ihm in Kontakt stehen). Das war’s. Keine Familie mehr, Berliner Kontakte auch keine mehr, viele schon gestorben, andere einfach aus den Augen verloren. Der Lebensmittelpunkt von Herrn M. war Herr H., und der war nun tot.

Ich legte meinen etwas holprigen und unbeholfenen Brief auf seine Fußmatte, in der Hoffnung, er würde ihn vielleicht am selben Abend noch finden und so erfahren, dass ich den Todesfall mitbekommen hatte.
Am späten Abend läutete Herr M.. Ich öffnete, im Nachthemd und mit Zahnbürste in der Hand, er stand im Hausmantel und mit bleichem Gesicht vor der Tür. Er wolle sich bedanken für den Brief, für die Anteilnahme, die Worte haben ihn berührt. Es sei gut zu wissen, dass jemand im Bilde sei über das Geschehene, mit dem er nun umzugehen habe.

Jener Abend war der Beginn unserer Freundschaft. Und zugleich das Ende der Campariflaschen, denn die waren eine Vorliebe des Herrn H. gewesen.

Seitdem besuchte ich ihn ohne äußere Anlässe, wir saßen einfach abends in seinem Wohnzimmer und tauschten uns über Gott und die Welt aus (mehr über Letztere). Bei einem Altersunterschied von fast 40 Jahren gab es gegenseitig immer wieder eine Menge zu staunen. Ich erfuhr viel über die Kriegsjahre und das Nachkriegs-Berlin, über Gottfried Benns Lyrik, die Briefwechsel von Thomas Mann; er ließ sich erklären und zeigen, was das Internet ist, in das ja heutzutage alle immer „hineingehen“ würden und wie es kommt, dass manche Leute 300 Facebook-„Freunde“ haben. In Google Maps wollte er den New Yorker Stadtplan großzoomen, per Streetview durch Manhattan „laufen“ und einfach mal was in Wikipedia nachschlagen („Unfassbar, dass  man da nicht mehr den Brockhaus bemühen muss!“). Einer der Höhepunkte unserer gemeinsamen Geschichte war für mich, als er mich eines Tages bat, ihm zwei CDs aufzunehmen: eine von Bruce Springsteen („Der Bursche sieht ja ganz proper aus!“) und eine von Pink Floyd („Wissen Sie, zu dieser Musik hatte ich vor langer Zeit in Berlin so meine Erlebnisse…“). Ich werde nicht vergessen, wie ich in einer Mondnacht unseren Dackel nochmal vor die Tür ließ und plötzlich „Comfortably numb“ statt Fischer-Dieskau aus dem 2. OG in die nächtliche Straße mäanderte.
Er kochte für mich Rouladen, ich besuchte ihn nach seiner Augenoperation, er las mir Proust vor, ich lud ihn zu uns zum Essen ein – vegetarische Gerichte waren eine neue Welt für ihn, der er, wie fast allem, neugierig gegenüberstand. Er war bei der Feier zu meinem 40. Geburtstag mit dabei, bekam unsere Hochzeit mit, hat sich rührend auf unseren kleinen Hund eingelassen – er, der nie zuvor etwas mit Tieren zu tun hatte (außer durch den Beruf seines Vaters, der Metzger war). Er schenkte uns „Und Pippa tanzt“ von Gerhart Hauptmann, weil er dachte, dass sie nach dieser Figur benannt sei, dabei heißt sie so, weil mich Rebecca Millers Roman „Pippa Lee“ so begeistert hat (und ich Gerhart Hauptmann schon nach der 9. Klasse, als uns viel zu früh das Schicksal des Bahnwärters Thiel serviert wurde, für alle Zeiten ungerechtfertigterweise aufs Abstellgleis verbannt hatte).

Seit dem Tod seines Lebensgefährten hat er fast jedes Weihnachten bei uns verbracht. Jeder von uns suchte vorher einen Text für den Abend aus, und wenn wir unser Dreigangmenü verspeist hatten, wurde vorgelesen. Das waren herrlich unweihnachtliche Weihnachten. Herr M. ist so erfrischend mit seinem Witz, seinem Sprachtalent und dem aufgrund seines Alters so ganz anders gelagerten Fundus an Bildung, Erfahrungen und Geschichten.

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Eines der Weihnachten mit Herrn M.

Er lud uns alle paar Monate in ein Lokal ein, was mit jedem Mal ein beschwerlicherer Ausflug wurde, da er aufgrund einer neurologischen Erkrankung in den Beinen immer unbeweglicher wurde. An seinem Geburtstag versammelt er jedes Jahr die sechs Personen, mit denen er noch in Verbindung steht, für ein Abendessen beim Italiener. Ein Ritual schon fast: mein Mann begleitet ihn samt Rollator mit dem Taxi zum Restaurant, ich kümmere mich vor Ort um die Tisch-Deko und bestelle den Aperitif, dann warten wir bis die anderen vier eintreffen, drei Stunden später alles wieder retour.

Aus Herrn M. wurde irgendwann P., was nach so vielen Jahren des Siezens eine große Umstellung war und zunächst auch unnötig erschien. Mittlerweile können wir uns kaum noch erinnern, dass es mal anders war.

Wir haben in den vergangenen fünf Jahren viel gelacht, angeregt diskutiert, ausgiebig geschlemmt, über ungeliebte Nachbarn gelästert, zusammen Champions League Finale geschaut, einander bei Krankheiten beigestanden und uns bei Schwierigkeiten aus der Patsche geholfen.
Als mir im Sommer 2013 mein nagelneues, mühsam zusammengespartes Fahrrad vor der Haustür geklaut wurde, stand er einige Wochen später mit einem Scheck vor der Tür und spendierte mir ein neues Rad. Einfach so. Weil er seine Rente eh nicht mehr komplett auf den Kopf hauen könne, so sei sie wenigstens sinnvoll investiert und er habe ja alles, was er brauche. Mehrfachdanksagungen waren bei ihm strengstens verboten, einmal Danke genügte, danach durfte über die Angelegenheit kein Wort mehr verloren werden.

Wir besorgen seit Jahren zweimal wöchentlich Brot für ihn, und sonntags, wenn der Gatte zum Bäcker geht, bekommt P.  zwei Laugencroissants oder Semmel und Breze an die Tür gehängt.
Da wir aufgrund des Pendelns des Gatten die Zeitung wieder auf ein Wochenend-Abo reduziert haben, legt P. seit Jahren das Herzstück der Süddeutschen, den Sportteil, jeden Tag für den Gatten beiseite bzw. auf die Fußmatte (wer weiß, vielleicht hätte er mir vor 10 Jahren die Kulturbeilage auch rausgelegt, wenn ich nur den Mut gehabt hätte, ihn danach zu fragen).

Das hätte jetzt noch ewig so weitergehen können. Wenn man nicht genau wüsste, dass auch solche Ewigkeiten ein „Verfallsdatum“ haben (das aber nicht am Deckelrand oder Packungsboden aufgedruckt ist, so dass man sich drauf einstellen könnte).

Seit Februar hatten sich weitere gesundheitliche Probleme bei unserem Nachbarn eingeschlichen, die ihm die Lebensfreude nach und nach ziemlich zu vermiesen begannen und jetzt erneut einen Krankenhausaufenthalt bescherten.
Und im Zuge dessen uns dreien eine neue Vokabel: Die Raumforderung.

Bis dahin kannte ich nur die Raumpflegerin, als vermeintlich ehrbarere, politisch korrektere Bezeichnung der ehemaligen Putzfrau, die scheinbar (oder „anscheinend“, das lern‘ ich nicht mehr, hilf‘, Freundin B.!) zum Schimpfwort verkommen war, weil Putzen zu sehr an Dreck erinnert und mit dem wollen ja viele lieber nichts zu tun haben, weder real, noch verbal.
Die Raumforderung kommt auch erstmal wie so eine Verschleierung oder ein Ausweichmanöver daher, wenn man nicht gerade Mediziner und mit dem Fachjargon vertraut ist.

Als P. in den ersten Zeilen seines Befunds etwas von Raumforderung las, schüttelte er verwundert den Kopf, befragte den Arzt und erfuhr, dass sich dahinter ein Tumor verbirgt. „Ja dann sollen die das doch auch so hinschreiben“ raunte er ungehalten.
Mit Vor- und Zunamen heißt die Raumforderung: Hepatozelluläres Karzinom.
„Das Ding hat seinen Raum längst eingenommen und muss ihn doch gar nicht mehr fordern“ – meinte er trocken zu mir, als ich am Klinikbett saß und wir über die Untersuchungsergebnisse sprachen. Wir waren uns einig, dass wir der Raumforderung keinen 13-buchstabigen Raum einräumen wollen, sondern sie fortan Krebs nennen werden. Ist kürzer. Und klarer.

Es ist noch offen, wie es jetzt weitergeht. In den nächsten Tagen werden ihm die Therapiemöglichkeiten erläutert. Wir werden dann erfahren, ob ihm Monate bleiben könnten oder gar ein paar Jahre. Die Sache ist nur die: P. möchte am liebsten nichts von Therapiemöglichkeiten hören. Er möchte nämlich keine Jahre mehr haben. Sondern seine Ruhe.

Er habe sein Leben gelebt, sagte er zu uns. Er sei 82 und man solle ihn doch bitte in Ruhe lassen, er wolle keine Operation, auch keine Therapie, sondern am liebsten eine Tablette, mit der es zuende wäre. Was das denn jetzt noch bringen solle, das alles in die Länge zu ziehen. Es gäbe keine Perspektiven mehr, er hätte keine Ziele mehr, sein Radius sei bedrückend klein geworden und würde auch nicht mehr größer werden. Er sei fertig – das sagte er ohne Bitterkeit! – denn er habe ein gutes Leben gehabt. Jetzt sei es es aber auch mal genug. Vor dem Sterben hätte er gleichwohl etwas Bedenken und Respekt, denn man wisse ja nicht, wie sich das anfühle und ob das nicht doch weh täte.

Ich saß da, hörte ihm zu, und überlegte, was ich sagen sollte. Bis ich spürte, dass es nicht nötig ist, etwas zu sagen, sondern dass es genügt, ihn anzuhören und ernst zu nehmen.

Ich nickte stumm.

Anschließend bat er um drei Kugeln Krokant-Eis, vom Sarcletti, wenn es sich die Tage mal einrichten ließe.

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Weihnachtswunsch von P.: Gerne mal was mit Roter Bete.

Von der Versmoothieierung des Lebens.

Dank Villeroy und Boch hatte ich vor einigen Wochen eine Erkenntnis. Ihre Vorläufer schlummerten wohl schon seit Längerem unsortiert und nicht zu Ende gedacht in mir. Im Bad meines Hotelzimmers in Wien kam sie mir schließlich durch ein zufälliges Erlebnis zu Bewusstsein. So ist das ja oft mit Erkenntnissen, sie kommen nicht immer dann, wenn man nach ihnen sucht, sondern nebenbei.

Ich war auf dem Weg unter die Dusche, benutzte vorher noch die Toilette und wollte – da es neben der Dusche keinen Haken oder Handtuchhalter gab – mein Duschhandtuch auf dem Toilettendeckel ablegen, so dass ich nach der Dusche nicht tropfnass durchs Bad zum Handtuchhalter tappen musste, sondern das Handtuch in Griffweite läge. Ich wollte also den Toilettendeckel schließen, aber der Deckel war einer dieser hochmodernen Edel-Klodeckel, die nur nach einem kleinen Stupser verlangen, um sich dann sanft der Klobrille entgegen zu senken. Ein Vorgang, der ein wenig dauert (ich glaube, ich hatte zudem ein Wiener Modell erwischt, also ein besonders gemächliches). Und mich in dem Moment auch nervte, da ich einfach nur fix mein Duschtuch auf dem geschlossenen Deckel platzieren wollte, dann aber mit dieser Zeitlupenaktion konfrontiert wurde.

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Ich versuchte, das Ganze zu beschleunigen, indem ich den Deckel nach unten drückte, aber der Deckel leistete Widerstand! Um nicht am Ende diesen teuren Slow-Motion-WC-Sitz zu beschädigen, wartete ich lieber ab, bis er völlig geräuschlos seine Parkposition erreicht hatte.

Warum ich das erzähle? Weshalb mir ein Klodeckel ein Aha-Erlebnis bescherte?

Ganz einfach. Weil mir in dem Moment klar wurde, dass das Phänomen, dessen ich durch diesen modernen Klodeckel gewahr wurde, sich mittlerweile in alle möglichen und unmöglichen Nischen und Räume unseres Alltagslebens eingeschlichen hat. Ich taufe es jetzt einfach mal „Versmoothieierung“.

Was hat es auf sich mit der Versmoothieierung?

Moderne, gut verdienende Menschen, die ihre IKEA-Küche irgendwann gegen ein neues, womöglich vom Fachmann geplantes und durchgestyltes Modell eintauschen, gönnen sich neben hochwertigen Markengeräten und der Granit-Arbeitsplatte in jedem Fall auch Schubladen mit „Soft closing“. Das ist dieser gedämpfte Selbsteinzug, bei dem man die Schublade nur kurz antippen muss und den Rest erledigt die Schublade von alleine, untertänig und diskret.
Feine Sache, wenn man nicht mehr selbst darauf achten muss, die Schublade nicht aus Versehen zu heftig zuzuhauen, so dass das Besteck im Inneren lärmt und zittert. Vorbei die Zeiten, in denen man die Dämpfung in Form von kleinen Anschlagpuffer-Punkten selbst aufkleben musste, um zumindest die Geräusche der Schublade gering zu halten.

Dasselbe begegnet uns beim Neuwagen (oder bei neueren Gebrauchten), den man sich – entsprechende Solvenz vorausgesetzt – mit „Zusatzpaket Comfort“ bestellt: Die Heckklappe muss nur noch angestupst werden oder erhält per Fernbedienung den Befehl, sich zu schließen. Kein lästiges Herumfingern mehr nach der Griffmulde in der Kofferraumklappe, die man dann mit einem gekonnten Schwung nach unten ziehen muss (und rechtzeitig vorher die Hand rausziehen). Sitze und Spiegel huschen per Knopfdruck und bestenfalls begleitet von einem dezenten Surren in die einprogrammierte Position für den jeweiligen Fahrer.
Und wo der Cabriofahrer früher die Persenning noch von Hand aufgezogen hat, schnurrt heute – während der Fahrt! – eine automatische Abdeckung herunter, und – schwupps! –  hat sich das Autodach ohne Aussteigen, Schimpfen oder Scheppern von selbst verstaut.
Von der Servolenkung will ich hier gar nicht mehr reden – seit Jahrzehnten gehört die ja zum Standard. Ich würde auch einen Teufel tun und sie kritisieren, speziell jetzt, da mir meine Schulter viele Bewegungen zur Hölle macht, bin ich wirklich froh, dank einer butterweichen Lenkung völlig kräfteschonend mit dem Auto rangieren zu können.

Das Phänomen zieht seine Kreise, wohin man nur schaut.
Wo es früher in Schwimmbädern Sprungtürme gab, stehen nun Wasserrutschen, damit wir ins Wasser gleiten, ohne Bauchplatscher.
In anderen sportlichen Kontexten ist es ähnlich. Als ich mit dem Laufen begann, irgendwann zu Studentenzeiten, tat ich das in dem einen Paar Turnschuhe, das ich für jede Art von Sport im Schrank hatte. Heute habe ich gedämpfte High-Tech-Asics, welche für Asphalt und ein Zweitpaar für Waldböden, in denen ich fast schweben kann (naja, wirklich nur „fast“, oft genug fühle ich mich trotz der Asics wie ein Betonklotz).

Alles gleitet, huscht, surrt geschmeidig und nahezu geräuschlos vor sich hin. Wie schön. Weniger Lärm, weniger Mühe, Aufprallschutz an allen Ecken und Enden. Der Alltag und das Leben wird optimiert und versmoothieiert.

Als ich klein war, stellte mir meine Mutter immer Obstteller hin, mundgerecht portioniert, alle zwei Obstschnitze ein Stückchen Schokolade dazwischen – irgendwie musste man ja das Kind zu den Vitaminen locken. Sie wusch das Obst, schälte, schnitt und entkernte es. Smoothie-Maker waren noch nicht erfunden. Man musste noch selbst ran. Gab es Spargel, stand sich mein Vater beim Schälen die Beine in den Bauch, es war mühsam, und daher blieb Spargel nicht nur aus Kostengründen ein besonderes und seltenes Essen.

Heute können wir den Spargel geschält und das Obst in pürierter, trinkfertiger Form kaufen.
Quasi „to go“. Ist praktisch, geht schneller.

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Vor der Versmoothieierung unseres Alltags enthielt Erdbeer- oder Himbeermarmelade grundsätzlich diese kleinen Kernchen, die sich zwischen den Zähnen verhakten und an denen man, war man unterwegs und die Zahnbürste daheim, den ganzen Tag mit der Zunge rumpopelte, um sie zu entfernen (was meist nicht gelang). Heute gibt es die Smooth-Version (heißt wirklich so) dieser Fruchtaufstriche. Hurra, wieder sind wir eine lästige Komponente losgeworden und können unsere Zungen schonen. Kommt bald das Essen in Breiform, so wie zu Beginn unseres Lebens und oft auch am Lebensende?

Wir entledigen uns des Zupacken-Müssens, des Anpackens, des Hinfassens, des Aufpralls, der Geräusche. Wir tippen nur noch an, geben kleine Initialschubser, wischen von „on“ nach „off“, tändeln und tindern auf unseren Smartphones herum, so halten wir Distanz, machen uns die Finger nicht weiter schmutzig und schonen unsere Kräfte, Nerven und Zeit. Wir müssen manche Arbeiten nicht mehr alleine vollenden, denn sie geschehen von selbst, im gefälligen, leisen Smooth-Modus. Outsourcing der Fährnisse des Alltags, wo immer möglich und finanzierbar. Härte unerwünscht. Das Leben, der Job, die Familie, der Alltag – alles hart genug. Also Dämpfen und Abfedern, Pürieren und Versmoothen, wo immer es geht.

Manches davon spart Zeit, vieles spart Kraft und Mühe. Mit der gewonnenen Zeit und Energie können wir uns Wichtigerem zuwenden. Was auch immer dieses Wichtigere sein mag. Quality time mit der Familie und Freunden? Selbstfindung oder Selbstverwirklichung? Oder einfach noch mehr Arbeit, noch eine Sprosse auf der Karriereleiter?

Nein, auch ich gebiete der Versmoothieierung nicht konsequent Einhalt. Gelegentlich – eigentlich nur an Bahnhöfen, wenn ich mich für die Zugfahrt rüste – kaufe ich einen Smoothie. Ich möchte auch nicht mehr ohne mein Smartphone sein. Oder ohne meinen iPod. Meine Laufschuhe schätze ich ebenfalls sehr. Unser Auto genauso, obwohl es kein Soft-Closing der Heckklappe beherrscht. Vieles davon ist angenehm und praktisch.
Ich bin daher keinesfalls der Ansicht, früher sei alles besser gewesen oder Technisierung sei Gift oder jeder solle sich immerzu seine Orangen selbst pressen (was ich zwischen 15. November und 15. März allerdings täglich tue) oder dürfe keinen Spargel essen, wenn er ihn nicht selbst zu schälen gewillt ist.

Trotzdem denke ich, die Versmoothieierung könnte uns auf lange Sicht, und wenn sie noch mehr um sich greift, ein bisschen „verderben“.
Weil sie teilweise eine Weichzeichner-Wirklichkeit konstruiert, die mit den originären Tatsachen nicht mehr viel gemein hat. Weil sie uns vielerorts vor Spelzen, Geräuschen, Anstrengungen und Widrigkeiten verschont, die aber zu den Gegenständen, Tätigeiten, Situationen, Elementen und Phänomenen dazugehören. Weil sie uns so mancher Erfahrung berauben könnte, wenn sie uns immer mehr abnimmt. Weil sie Konturen verwischt, den Alltag und das Leben womöglich an zu vielen Stellen in Watte packt, die uns Weichheit vorgaukeln, wo eigentlich Härte ist. Weil sie uns in manchen Bereichen die Entlastung nur um den Preis der Entfremdung beschert.

Die Versmoothiierung sollte eigentlich all denen vorbehalten sein und dienen, denen es an Fertigkeiten, Kraft, Eigenständigkeit oder Zeit mangelt: Säuglingen, Kleinkindern, alten Menschen, Menschen mit Behinderung oder kranken Menschen.
Alle anderen profitieren meiner Ansicht nur bedingt von dem Smooth-Modus. Es ist nämlich stinknormal, dass es im Alltag nicht flutscht wie püriert. Das ist, wie ich finde, nicht nur lästig, sondern schult einen auch. In Vorsicht, Rücksicht, Umsicht und Einsicht. Ein paar Mal den Finger an der Schublade eingeklemmt und schon ist man aufmerksamer (ich kann „achtsam“ nicht mehr hören), wenn man das nächste Mal mit diesem Möbelteil zu tun hat. Das Leben ist oft genug so gestrickt, dass es kein Soft-Closing und keinen Aufprallschutz beeinhaltet. Schon gar nicht, wenn es dem Ende entgegengeht.

Heute Nacht, ziemlich genau zur jetzigen Stunde, ist es ein halbes Jahr her, dass ein Freund von mir gestorben ist. Der Tag, an dessen Ende er starb, war grau und trüb, es war der Tag, an dem es keinen Radiosender gab, in dem nicht „Ashes to ashes“ mit „Heroes“ um die Wette lief.

Er war noch nicht mal Mitte 50, er war gesund, sportlich, geistig und körperlich fit. Nach dem abendlichen Laufen in den Isarauen ist er umgefallen, einfach so. Zack, bumm, aus und vorbei. Ungedämpft, knallhart.

Die einzig smoothe Komponente bei seinem Sterben war bestenfalls die, dass er auf eine dünne Schneedecke fiel, die der Winter in jener Nacht erstmals ausgebreitet hatte.

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Sommer an den Isarauen bei Großhesselohe.

Es war meine erste Bekanntschaft mit dem Tod eines Menschen. Und sie machte mir klar, dass es noch wesentlich härter kommen kann, wenn es mal Menschen trifft, die mir noch näher stehen.
Darauf kann man sich nicht vorbereiten, schon klar. Ich vermute aber, ich versuche es dennoch ein bisschen. Vielleicht, indem ich bewusst formuliere, dass er „gestorben“ und nun „tot“ ist (dieses „er ging von uns“ oder „er ist verstorben“ fühlt sich für mich zu abgefedert an). Vielleicht auch, indem ich bemüht bin, den Pakt mit der Versmoothieierung nicht zu eng werden zu lassen. Zu riskieren, mich beim Spargelschälen auch mal in den Finger zu schneiden. Zu ertragen, dass es nun mal einen Knall tut, wenn einem Klodeckel oder Schublade auskommen. Es ist einfach näher dran an der Realität.

Heute, ein halbes Jahr nach diesem Ereignis, kommt mir sein Tod langsam etwas vertrauter vor. Zumindest soweit vertraut, dass ich dir, lieber N., diesen Beitrag widme, der ganz in deinem Sinne gewesen wäre. Du, der du jeden Abend deinen Apfel samt Kernen gegessen hast und der du noch vor kurzem in deinem alten Nissan ohne Servolenkung um die Ecke gebogen kamst.

Das hier ist für dich, falls es im Jenseits, an das ich nicht glaube, Youtube geben sollte.