Strapaza del Sole.

Zweite Etappe des Heimwegs: Nirgendwohin. Wir bleiben in Goisern.
Ein Frevel wär’s, so eine geschenkte Nacht (samt dazugehörigem Tag) auszuschlagen. Oder wie sehen Sie das?

Bei 30 Grad und wolkenlosem Himmel bleibt heute nur die Wahl zwischen dolce far niente und strapaza del sole. Wir wählen beides.

Erst gibt’s eine gemächliche Flusswanderung durch die Traun, danach eine kleine, gerecht geteilte Brettljause.

Anschließend sind meine Notunterkunfts-Gemächer in der Sauna bezugsfertig, so dass sich das Fräulein in seiner neuen, kühlen Höhle schlafen legen und ich mich auf den Sole-Wanderweg zum Trailrunning begeben kann.

Ist trotz Schatten eine ziemliche Strapaze, aber ohne Schweiß kein Eis, zumindest keines mit Sahne obendrauf, und außerdem mag ich diese kleinen Bergläufe auch, wenn keine Belohnung winkt.
Nach einer guten Stunde bin ich zurück in meiner Sauna. Erst unter die Dusche und dann ab in den Liegestuhl zum Lufttrocknen. Bald drauf ruft die Eisdiele. Das Dackelfräulein ist mittlerweile auch wieder ausgeschlafen, gestärkt und startklar.

Wir verlassen unseren Wellnessbereich und auf dem Weg in den Ort denke ich: All das Spontane und wie sich eins aus dem andern ergibt und man es einfach annimmt, das fühlt sich an wie zu Studentenzeiten. Wie der brüllheiße Sommer im vorletzten Semester vor dem Diplom, in dem ich mir den Wilhelm Meister und seine Lehr- und Wanderjahre vorknöpfte und mich inspiriert vom Protagonisten des Romans von hier nach da treiben ließ (freilich auch an der Abschlussarbeit schrieb) und einem gefühlt noch die ganze Welt offenstand.

Was für Hundstage, was für ein Hundeleben, nicht wahr?

Sollten Sie jetzt Lust aufs Salzkammergut bekommen haben – die Pritsche neben uns wär noch frei. Nur an züchtige, ruhige Nicht-Schnarcher zu vergeben. Eh klar.
Sonst quartieren wir Sie sofort ins Dampfbad aus oder ins leere Tauchbecken.

Laura ist wieder nackt oder: Are you lonesome tonight?

Man kann ja dieser Tage kaum noch einen Schritt tun, ohne von dem Coronagedöns terrorisiert zu werden. Das Virus ist nahezu überall präsent, dabei hat die BILD München doch schon einen Plan, wie der Krise beizukommen ist: Laura soll sich wieder nackig machen. Dann wird alles gut und unser Land die Epidemie überstehen.

Sie hat das anscheinend auch gleich getan, die Laura (warum haben sie eigentlich keine Corin(n)a auftreiben können für diese Aktion, fragt man sich), wie man auf dem Titelblatt sieht.

Ich tat es ihr gleich und ging zum Schwimmen. Ein sehr schönes Sportstündchen heute, denn das Lieblingsbad ist krass leer.
Kein Wunder, sagt der Bademeister, denn jeder Zweite wäre verunsichert, ob das Virus einem nicht beim Luftholen (was ja knapp über der Wasseroberfläche stattfindet) in den Rachen oder beim Tauchen in die Nüstern geraten könne.
Die Belegschaft überlegt daher, ein Schild neben dem Kassentresen aufzustellen, um den besorgten Schwimmbadbesucher zu informieren, dass im Becken keinerlei Gefahr bestünde, sich mit Sars-CoV-2 zu infizieren, allein der Chlorgehalt (aber auch andere Faktoren) verhindere dies. Bis die Stadtwerke diesem Schild zugestimmt haben, wird sich die Kassiererin weiterhin den Mund fusselig reden.

In der Schwimmbadumkleide stehe ich in Unterwäsche vor der großen Spiegelfront, um meine Haare trockenzupusten. Das Licht dort ist so grell (und erbarmungslos: nirgends habe ich so viele Falten und graue Haare wie vor dem verdammten Spiegel in der Schwimmbadumkleide) und ein paar Dachfenster sind so ungünstig gekippt, dass ich zur Pollensaison regelmäßig Niesanfälle bekomme, wenn ich mich an diesem Fleck länger als 2 Sekunden aufhalte. 15x hintereinander sind keine Seltenheit, neben der herumfliegenden Hasel befeuert der Lichtreiz das Ganze zusätzlich.

Hinter mir kräht ein kleines Mädchen, das das Geschniefe mitbekommt, weil man es gar nicht nicht mitbekommen kann, entsetzt: „Du, Mama, hat die Frau da vorn Corona?“
Der Mutter ist das peinlich, sie beschwichtigt die Tochter, nimmt sie beiseite und ermahnt sie, nicht so laut zu sprechen.
Ich drehe mich mit triefenden Augen und laufender Nase zu der Kleinen um und sage: „Keine Sorge, die Frau hat nur Heuschnupfen.“

Apropos Herumrotzen. Gestern Nachmittag beiläufig mein persönliches Wort der Woche entdeckt, in einem erfreulich informativen und sachlichen Beitrag der ZEIT zum Coronagedöns, den mein geschätzter Blogkollege Bernd kurz nach Erscheinen gepostet hatte: Niesetikette.

Niesetikette! Ist das nicht großartig? Sprechen Sie’s dreimal hintereinander laut und deutlich aus, spätestens dann werden Sie es lieben!
Ich war jedenfalls sofort völlig aus dem Häuschen und klickte alle weiterführenden Links in dem Artikel an, die dieses sprachliche Kleinod näher illustrierten.
So auch jenen, der zu einem Filmchen der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung führte, das mir das ganz genau erläuterte, was es mit der Niesetikette auf sich hat:

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, wenn Sie dieses putzige Rotz-Tutorial angucken – ich für meinen Teil muss zugeben, dass ich davon noch so manches (*hüstelhüstel* – natürlich auch dies nur noch hinter vorgehaltener Hand oder in die Armbeuge hinein oder wie hier: virtuell und damit automatisch mit gebührendem Abstand zu Ihnen) lernen kann. Ich stamme nämlich leider aus einer Familie der hemmungslosen Lautnieser und Taschentuchtrompeter und bin auch mit einem Gleichgenossenen (oder -geniesten?) verheiratet.

Anderes, das mir das Filmchen verklickern will, habe ich aber schon längst gewusst:
1. Zum ersten Date lässt man sich abholen oder gurkt zumindest nicht mit dem Bus dorthin, weil man sich in dem kurzen Röckchen beim Warten an der Haltestelle verkühlen könnte und außerdem auch nicht Gefahr laufen möchte, unterwegs den ollen Ex-Freund mit seinem neuen blonden Gspusi zu treffen, das verhagelt einem ja gleich die Laune.
2. Dem neuen Typen bringt man beim ersten Date doch keine so überdimensionierte Präsentbox mit, schon gar nicht, wenn der Bursche seinerseits nur eine dürftige Rose besorgt hat (sofern die nicht eh eine vom Restaurant gestellte Deko war), eine selbstgebrannte CD tut’s auch und wäre gleich ein erster Lackmustest, ob man sich denn nicht nur was zu sagen, sondern auch gemeinsam was zu hören hat.

Wobei, wie mir gerade einfällt, das mit der selbstgebrannten CD auch ziemlich schiefgehen kann, also der Lackmustest gar kein solcher ist, sondern nur eine fiese Falle (und in dem Sinne dann aber ein Hardcore-Lackmustest), wie es mir zu Studienzeiten mal passiert ist.
Da überreichte mir der attraktive M. beim ersten richtigen Ausgehen (Würzburger Weinlokal mit Schummerlicht) eine CD, hübsch eingepackt, und fixierte mich mit neugierigem Blick während ich das Ding auswickeln sollte, um auch ja meine Erstreaktion haarklein mitzubekommen, total unangenehm war das, ich hasse es, wenn man mich beim Geschenkeauspacken so anstarrt, es macht einen so unfrei, erzeugt so einen Freu-Druck, zumindest, wenn man einander noch nicht jahrelang und gut kennt.
Und tja, was soll ich sagen?!? Prompt ging das auch schief.
Mir fiel nämlich justament die Kinnlade runter als ich das Papier entfernt hatte und eine Compilation der größten Hits von Chris de Burgh in Händen hielt. Und eine verräterische Röte stieg mir auch noch ins Gesicht, weil ja in dem Moment sonnenklar war, dass das nichts werden würde mit uns zwei Hübschen, trotz aller damaligen Hübschheit, denn alles an und in mir war mit Chris de Burgh absolut inkompatibel, aber vor mir saß der attraktive M. und strahlte mich im Kerzenlicht so schön an und wartete auf meine Reaktion, auf ein Zeichen der Rührung und Freude.
Herrje, war das gräßlich, ich stammelte irgendwas, um Zeit zu gewinnen für die Konstruktion eines halbwegs passenden, sozialverträglichen Satzes, da sah ich, dass M. immer noch strahlte und zugleich komisch verkniffen und verkrampft um die Mundpartie wirkte, was meine Augen sogleich genauer untersuchten, weil dieser seltsame Zug um die Lippen ganz untypisch war für M., den ich immerhin schon ein ganzes Semester lang gründlich beobachtet hatte, und dann konnte M. nicht mehr und seine Mimik lockerte sich, der Krampf um den Mund löste sich und er brach in schallendes Gelächter aus.
Weil er natürlich gewusst hatte, dass mich der Schlag träfe, wenn er mir eine CD von Chris de Burgh schenken würde, und mich aber genau damit auf die Probe stellen wollte, um sich daran zu ergötzen, wie wohl eine, die neben dem Boss nur noch Dylan und Waits ähnlich exzessiv hörte, mit der Schmalzmucke von Chris, dieser harmlosen Heulboje mit den Waigel-Augenbrauen und dem Schulbubenpony, umginge. Würde sie ihm Begeisterung vorheucheln? Würde sie sich irgendwie aus der Sache rauswinden, und wenn ja, wie? Oder würde sie die CD auf den Tisch knallen, ihre Serviette obendrauf schmeißen, aufstehen und gehen?

Nun, so weit kam es nicht.
Eben weil M. schon vorher vor Lachen platzte. Und dann in seinen Rucksack griff und zwei weitere Päckchen hervorholte: 1x Dylan und 1x Elvis.
Großartig, beides. Wir haben nächtelang Karaoke-Singen zu der zweiten CD veranstaltet und viele Bocksbeutel dazu geleert. Ich sehe M. noch vor der geöffneten Balkontür stehen und diese göttliche Sprechpassage aus „Are you lonesome tonight“ in die Nacht hinaus schmettern, Sie wissen schon, die, die so beginnt: „I wonder if you’re lonesome tonight, you know someone said that the world’s a stage and each of us must play a part…“
Ein Paar wurden wir übrigens nie, obwohl es vor allem vom Humor und auch vom Gesang her durchaus gepasst hätte.

Haben Sie einen guten Start ins Wochenende – und falls Sie Pollenallergiker sind: werfen Sie unbedingt genug Antihistaminika ein, damit Sie nicht für einen Corona-Infizierten gehalten werden, sich die Menschen also nicht unnötig von Ihnen abwenden oder kleine Kinder sich vor Ihnen ekeln.

Is your heart filled with pain, shall I come back again?
Tell me dear, are you lonesome tonight?