Für diese Woche reicht’s.

An Tag 5 mit den Corroventen schon morgens Augenjucken und einen trockenen Hals.

Die Morgenlektüre hebt kurzfristig die Stimmung:

Danke, liebe Süddeutsche Zeitung, eine Doppelseite von DEM zu Kaffee und Quittengeleebrot – das muss ein gutes Omen sein!

Vormittags dann der Gutachtertermin, der Vermieter und eine Tante von der Allianz tapern eine Stunde lang durch alle betroffenen Räume. Viele Ohhhs und Herrjes und allseits Gegrübel darüber, was nun am besten wann & wo zuerst & wie. Badumbau vorziehen? Hätte Lolek überhaupt Zeit dafür? Wie lang wird die Trocknung dauern? Wer saniert die Wände? Wie lang zieht sich das alles hin? Wie soll man mitten in diesem Verhau wohnen? Fragen über Fragen.

Um viele Details wird man sich selbst kümmern dürfen, ja müssen. Das alles war jetzt überhaupt nicht dran, ganz anderes war geplant. Aber noch 5 Tage mit den Corroventen und ich werde eh vergessen haben, was das war. Und dann ist ja erst Halbzeit in Sachen Trocknung.

Draußen Traumwetter, drinnen Chaos. Am Montag meldet sich der Vermieter mit einem Vorschlag zu meinem ihm bereits gestern überreichten Erwartungskatalog, in dem Schlagworte wie „Gesundheitliche Beeinträchtigungen“, „Unbewohnbarkeit der halben Wohnung“ und „Mietminderung“ u.v.m. enthalten sind.

Betrachten wir es nun irgendwie als eine Kombination von „Augen zu und durch!“ und einer Art Winterschlaf: Wenn die letzte Fliese klebt und der letzte Pinselstrich über die gelbverfleckten Wände gezogen wurde, steh ich wieder auf und stürze mich in den Sommer.

[Sagte sie, setzte die Schwimmbrille auf, schlüpfte in die Flossen, schloss die Augen, holte Luft, sprang und vergrub sich auf unbestimmte Zeit ins Wasser.]

Was sonst noch so war (oder ist oder sein wird).

Der heutige Dienstag beginnt ungeahnt fröhlich: mit Lachtränen am Frühstückstisch. Mein Privater Pressespiegel, den ich seit Jahren abonniert habe und dessen morgendliche Präsenz neben meinem Schokostreuseltoast ich nicht mehr missen möchte, hat heute wieder ein paar besondere Schmankerl für mich vorgesehen, unter anderem einen Artikel von Max Scharnigg über das antiquierte Katalogwesen. Er lag ganz oben auf dem Stapel der sorgsam vom häuslichen Pressebeauftragten aus der Süddeutschen Zeitung herausgetrennten und gefalteten Seiten, auf denen jeweils mit buntem Leuchtstift der von mir zu lesende Artikel markiert ist, damit ich nicht aus Versehen meine wertvolle Lebenszeit mit nutzloser Lektüre vergeude. Aus allen Ressorts erhalte ich so stets das nach meinen individuellen Maßstäben Wichtigste (bzw. das nach denen des häuslichen Pressebeauftragten als solches Erachtete) – und das verzehrfertig portioniert. Besser geht es nicht, vor allem morgens.

Dem Gatten gebührt wirklich ein Orden dafür, dass er seine Nebentätigkeit als häuslicher Pressebeauftragter schon seit Jahren zu meiner vollen Zufriedenheit ausübt (genauso wie seinen Job als Serienbeauftragter, der besonders dann, wenn eine Serie von Feiertagen ansteht, gewissenhafteste Planung voraussetzt, um Pannen wie z.B. jene, dass einem plötzlich am 25.12. gegen 20:37 Uhr der Stoff ausgehen könnte und man womöglich hinaus ins Kino müsste – oder überhaupt irgendwie hinaus in die Welt des weihnachtsfeiernden Volkes -, unbedingt zu vermeiden) und mir dadurch das Hantieren mit der für meinen Geschmack einfach viel zu großen, unhandlichen Gesamtzeitung konsequent erspart (und bitte kommen Sie mir jetzt nicht mit dem Hinweis auf digitale Abos: eine Zeitung ist und bleibt etwas, das ich auch mal anfassen können möchte und das keine teuren Reparaturen verursachen darf, wenn es mir in die Badewanne fällt).
Da der Private Pressespiegel meist im Laufe von ein paar Tagen entsteht, da er ja von Hand gesammelt und erstellt wird (der Begriff handverlesen erschließt sich einem hier ganz neu, fällt mir gerade auf) – je nachdem eben, wie der Gatte neben seinem universitären Hauptjob halt grad die Zeit findet für diese nebenberuflichen Sperenzchen – erspart er mir sogar die Druckerschwärze an den Fingern, da die Seiten bis dahin oft schon gut abgehangen sind.
Sehr angenehm, so ein Pressespiegel, ich kann es Ihnen nur empfehlen, falls Sie auch zu denen gehören, die sich nicht gern beim Umblättern von diesen monströsen Tageszeitungen die Butter vom Brot nehmen lassen.

Zurück zu dem Katalog-Artikel von Scharnigg. Toll geschrieben zum einen, zum anderen eine herrliche Erinnerung an uralte Zeiten, in denen ich mir abendelang mit H., als es noch nett und entspannt war mit ihm, aus dem Manufactum-Katalog vorlas und wir aus dem Gegackere und den Begeisterungsstürmen ob dieser Sprache gar nicht mehr herauskamen.
H. war übrigens der schwäbische Theologe und Psychologe, mit dem ich seinerzeit einen nicht mal einjährigen Beziehungsversuch praktizierte, der dann aber an Hs Eifersuchtswahn scheiterte (Bsp.: Ich, mit nassen Haaren, auf dem Rad sitzend, vom Schwimmen heimkehrend und ihn freundlich grüßend – er, mit trockener Miene, vor meiner Haustür wartend und mich sofort anmeckernd, wen ich denn im Schwimmbad getroffen hätte, da ich ja so glücklich aussähe – und wehe, es entfuhr einem dann auch noch ein Lachen), was insgesamt gut so war, denn auf lange Sicht hätte mich dieser Dialekt sowieso zu sehr strapaziert.

Auch Gemütslage und daraus resultierende Handlungsaussetzer bei der Lektüre des Sport-Schuster-Katalogs fasst Scharnigg grandios zusammen (dasselbe gälte auch für den Globetrotter-Katalog, mein erklärter Liebling unter den etablierten Outdoor-Œuvres). Mit den anderen drei Katalogen habe ich persönlich kaum Erfahrung, dennoch habe ich mehrfach geschmunzelt beim Lesen.

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Stirnrunzeln und Kopfschütteln löste hingegen dieser Tage die bahnbrechende Erkenntnis aus, dass ich meine ersten drei Lebensjahre ja im Glockenbachviertel verbracht habe. Es war daheim immer nur die Rede von „Auenstraße“, die Eltern haben nie das Viertel dazu genannt.
Hätte man in 47 Lebensjahren durchaus schon ein klein wenig eher herausfinden können. Es verhielt sich hiermit aber wohl wie mit Liedern, die man in frühester Kindheit gelernt hat: manche Worte, Sätze, Refrains hat man nie so recht verstanden, sie in ihrer Bedeutungsentleertheit aber auch nie hinterfragt, und erst Jahrzehnte später fiel’s einem wie Schuppen von den Augen, dass der See gar nicht stahlig herumlag, sondern dass es schlicht und einfach still und starr liegt der See hieß. Holla!

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Bei frühlingshaften Temperaturen geht’s morgen endlich mal wieder an den See, der putzmunter und ohne jede Eisscholle drauf im Föhnsturm vor sich hinwogen wird.
Das Fräulein und ich wollen den Papa besuchen, ein paar Dinge für ihn regeln, gemeinsam ein vorgezogenes Weihnachtsessen verdrücken, auch wenn die für morgen angekündigten 17 Grad am Alpenrand dem Wallberg das dünne Schneekapperl, das er schon trug, schnell wieder abziehen werden und dort dann nicht viel an Weihnachten oder Winter erinnern wird.
Mir aber eh wurscht, da ich ja mit diesem Fest nicht viel am Hut habe (und ehrlich gesagt auch nicht mal einen Hut besitze).

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Apropos Redewendungen: ein netter Österreicher, mit dem ich gelegentlich Mails tausche, schreibt mir neulich „Wünsche Dir baldige Besserung mit Deiner Backe“ und ich stutze und frage mich, was er damit wohl meinen könnte. Zahnprobleme hab ich ja nun keine. Und auch kein Furunkel am Allerwertesten.

Scrolle dann in der Mail weiter runter, bis zu meiner letzten Mail, um zu gucken: hab ich mich da vielleicht irgendwo vertippt? Nein, hab ich nicht, ich schrieb ihm dort lediglich, ich hätte grad „gesundheitliche Probleme an der Backe“.
Das lässt in der Tat zwei Lesarten zu – und es erheitert mich wirklich sehr, welche der beiden er gewählt hat.

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Nicht minder erheiterte mich die vom Postillon vor einigen Tagen veröffentlichte Liste der 25 häufigsten Google-Suchanfragen der Deutschen in 2019. Tatsächlich konnte ich nach zweifachem Genuss dieser Aufzählung lange nicht einschlafen, vor lauter Gekicher. Es gibt wahrliche schlimmere Ursachen für Schlaflosigkeit, sagte ich mir, und las die Liste gleich noch ein drittes Mal.
Falls Sie auch mal nicht einschlafen können, nehmen Sie doch einfach an einem kleinen Gewinnspiel teil: Finden Sie meine drei Favoriten in dieser Liste und Sie gewinnen eine selbstgebrannte Mandel oder Musik-CD, ganz nach Gusto (oder meinetwegen auch ganz nach Gustl).

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Zurück zur Gesundheit und dem, was da so an der Backe haftet. Ziemlich hartnäckig pappt es da. Aber man muss auch kleine Erfolge wertschätzen sowie das Drumrum dieser kleinen Erfolge. Der Osteopath hat einige Schmerzpunkte weggezaubert, ich check‘ es zwar nicht, wie der das macht, aber er macht’s. Sogar zum Freundschaftspreis, weil man kennt einander nun seit 15 Jahren, 10 davon als Privatpatient, da ist man quasi für magerere Jahre schon ein wenig in Vorleistung gegangen. Der Ellenbogen nun um Welten beweglicher, die Schulter tageweise schmerzfrei, der Nachtschlaf auch besser.

Und weil sich’s so ergab – er ist nämlich wirklich ein sehr netter Mensch, dieser Osteopath – bot er an, sich das Fräulein auch mal anzusehen. Umsonst, weil er ja keine spezielle Ausbildung für Tierbehandlung hätte.

Die Sitzung hat mich extrem angerührt: diese großen Therapeutenhände auf dem kleinen Hundekörper, und so erstaunlich, wie schnell sie ganz ruhig wurde und still hielt und ihn, den sie noch nie zuvor gesehen hatte, einfach machen ließ. Beruhigendes Ergebnis zudem, dass der Knubbel rechts neben der HWS, den ich seit längerem beim Kraulen spüre, eine muskuläre Sache ist – mir fällt ein Stein vom Herzen.

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Wenn aber momentan ein Stein vom Herzen fällt, kippt das Schicksal sogleich ein paar Brocken nach. Der Obdachlose aus der Unterführung hier in der Nähe ist nur zwei Wochen nach seinem Hund gestorben.
Mir bleibt die Spucke weg und wird noch kälter als mir eh schon ist, als ich’s erfahre.

„Bubi, du darfst mir nicht erfrieren!“, das sagte er noch vor rund einem Monat zu seinem alten Hund. Ich hörte es, weil ich durch die Unterführung joggte und meinem Walkman just der Saft ausgegangen war (genau wie mir, nachdem ich Zeuge dieser Szene geworden war).

Brachte ihm später eine Decke für seinen Bubi. Hat aber nichts mehr geholfen, der Hund starb trotzdem wenige Tage später. Und neulich, wieder durch die Unterführung zum Park laufend, sehe ich die alte Decke bei einem anderen Obdachlosen und frage spontan nach, wo denn der ursprüngliche Besitzer der Decke sei. „Is‘ tot“, sagt der Unterführungskollege, rollt sich in die Decke ein und dreht sich zur Seite.
Da gefriert einem echt das Blut in den Adern und der heimische Wasserschaden wirkt auf einmal reichlich banal.

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Dennoch möchte ich Ihnen den Status quo zu diesem kleinen, heimischen Desaster nicht vorenthalten, zumal mir klar ist, dass manch eine/r von Ihnen mich sonst eh per Mail oder fernmündlich um Auskunft ersuchen würde. Weil das ja schon ein arg hässlicher und fieser Fleck war, der sich da in unserer Kammer ausbreitete und die Regalreihen eine nach der anderen zu okkupieren drohte. Da würde ich auch nachfragen, wenn ich wüsste, ein Freund oder eine Freundin hätte einen solchen Fiesling mitten in der Wohnung sitzen.

Sage und schreibe 13 Tage nach meiner Schadensmeldung klingelte hier – natürlich zur absoluten Lieblingszeit (vor 8 Uhr morgens) – ein Mitarbeiter einer Firma mit dem verheißungsvollen, aber verlogenen Namen „Schaden365“. Verlogen, weil mindestens 13 Tage gehören hier ja abgezogen und man weiß nicht, wie’s anderen ergeht.

Ein freundlicher Mann in – mit noch schlafverklebten Augen betrachtet – Glen-Hansard-Optik, nur jünger und mit schlechter sitzenden Hosen, betritt schwer bewaffnet die Wohnung. Das Dackelfräulein begrüßt ihn aufs Herzlichste, denn sie weiß: Handwerker kommen grundsätzlich nur hier vorbei, um mit ihr zu spielen (und man muss sagen: manchmal ist das ja tatsächlich das einzig positive Ergebnis solcher Besuche). Sie bringen immer große Boxen mit, in denen viele Spielsachen drin sind, die sich toll von einer Dackelschnauze stibitzen lassen und wunderbar über den Parkettboden gekickt werden können. Außerdem gehen sie kurz nach Ankunft auf die Knie, um auch auf Augenhöhe mit ihr spielen zu können, nachdem sie sich zuvor intensiv die Ohren und den Bart säubern ließen. Pippa liebt Handwerker, Heizungsableser und Hausmeister, bislang beruhte das auch meist auf Gegenseitigkeit.

Der nette Herr von „Schaden365- minus-mindestens-13“ hat Spielsachen dabei, die auch ich noch nie gesehen habe. Eine Wärmebildkamera beispielsweise. Damit kann man den Verlauf der Rohre hinter der verschimmelten Wand nachvollziehen, wenn man Wasser hindurchschickt, und auch noch einiges andere wie heimliche Nebenpfade, die das Wasser sich gesucht hat, aufspüren. Klasse Sache!

Nach anderthalb Stunden ist die undichte Stelle hinter der Wannenarmatur gefunden und abgedichtet, in der Kammer der Putz oberflächlich, aber fürs Erste gründlich genug abgeschlagen und alles stinkt nach Chlorbleiche. Wir haben außerdem ein paar neue Begriffe aus der Wunderwelt der Wasserschäden gelernt und die Empfehlung erhalten, dass der gesamten Wand zwischen Bad und Kammer im Frühjahr, wenn das Bad erneuert wird, ein Neuaufbau gut täte. Na, das wird ein Spaß!

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Das habe ich Ihnen, glaube ich, noch gar nicht berichtet, oder? Im Zuge des Wasserschadens und des Begehungstermins letzte Woche hier vor Ort, habe ich unserem Vermieter die Zusage für ein komplett neues Badezimmer aus den Rippen geleiert. Das war eigentlich so ein Fernziel von mir, für 2021 oder 2022, man muss ja die Wünsche an diese Münchner Vermieter sehr wohldosiert platzieren und bloß nicht zu viele oder zu kostspielige auf einmal, aber jetzt bot es sich an, das vorzuziehen, denn so schnell kommt so eine Gelegenheit nicht wieder, dass der Vermieter höchstselbst die vergilbten Silikonfugen am Wannenrand und die fragwürdigen Fugen im gesamten Fliesenspiegel mal zu Gesichte bekommt und ich mich live sowohl sehr glaubhaft als spießige Hausfrau als auch als bemitleidenswerte Allergikerin präsentieren kann.

„Schauen Sie, wir halten Ihre Wohnung wirklich sehr gut in Schuss und haben hier auch schon viel investiert, das sehen Sie ja, da wäre es doch schön, wenn ich nicht dauernd niesen müsste und mir endlich mal keine Sorgen mehr machen bräuchte, wo vielleicht als nächstes der Schimmel durchbricht…“ – bei diesem (inhaltlich weit übertriebenem) Satz den Vermieter wie beiläufig ins ordentlich gewienerte Bad geführt, so dass ihm der Kontrast zwischen der schon seit weit vor Einzug vorhandenen Baufälligkeit dieser Nasszelle und meinem redlichen Bemühen, das Beste daraus zu machen, zwangsläufig auffällt, ja: auffallen muss, und als ich zum nächsten, die Notwendigkeit eines neuen Badezimmers untermauernden Argument ausholen möchte, unterbricht er mich bereits und meint „Ja dann wird das jetzt einfach mal gemacht. Und zwar gleich im Februar oder März. Was hätten Sie denn gern alles erneuert? Fliesen? Wanne? Der Boden, geht der noch?“
Nein, natürlich geht auch der Boden nicht mehr bzw. der vorhande wird dann nicht mehr zu den Fliesen passen, die wir uns vorstellen. Alles muss raus. Wenn schon, denn schon.

In die große Vorfreude auf eine nahende Badzukunft ohne Ekelsilikon und Schimmelsporen mischt sich allerdings auch bald blanker Realismus.
Zu präsent sind sie noch, die Wochen der Umzüge und der Handwerkeleien aus den Jahren 2017 und 2018, zu präsent ist auch noch die Erinnerung daran, dass Renovierungen jeder Art immer auch Baustellen jenseits der eigentlichen Baustelle mit sich bringen, neben all den anderen möglichen Seiteneffekten, dem Dreck, dem Terminchaos und dem unvermeidbaren Verhau hier herinnen.

Im Hinterkopf formiert sich daher schon seit Tagen ein Fluchtszenario: Wenn man das Ganze so richtig gut vorbereiten würde, sich da selbst organisatorisch reinhängen würde, anstatt das alles dem Vermieter zu überlassen, dann wäre es ja eventuell denkbar, dass man nach ein paar Tagen, in denen man Lolek & Bolek (treue Leser erinnern sich vielleicht noch an die beiden und tatsächlich besteht nun die Aussicht auf ein „Lolek&Bolek 2.0“, ja wer hätte das gedacht?, aber die können halt alles, von der Türschwellenschreinerei über Lackierungen und Anstriche bis hin zum Fliesenlegen) hier eingewiesen und ihnen ein bisschen auf die Finger geschaut hat, vielleicht die restliche Zeit allein werkeln lässt, sich währenddessen anderswo einquartiert, wo man auch Duschen und Baden kann – und erst dann wiederkehrt, wenn hier alles erledigt und alles wieder gut ist.

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Dass alles gut sein möge, diese Sehnsucht wohnt ja nicht nur still und leise in jedem Einzelnen von uns, sondern auch unüberhörbar in urbanen Treppenhäusern. Die Nachbarin, im Grunde eine ganz Nette und Unkomplizierte, ist auf dem besten Wege, sich den Status nett und unkompliziert, den sie bislang bei mir genoss, nachhaltig zu ruinieren. Seit einiger Zeit schleudert sie mir bei unseren Zufallsbegegnungen im Treppenhaus jedesmal ein mit Hast rausgeprustetes „Und? Wie isses? Geht’s euch gut?“ entgegen. Bislang habe ich das mit einem sozialverträglichen „Ja“ quittiert, wohl wissend, dass ein „Nein“ ja nicht das wäre, was die nette, unkomplizierte Nachbarin zu hören beabsichtigt.

Diese nachbarschaftliche Anpassungsleistung meinerseits war jedoch ein großer Fehler, denn jetzt hat sie ihre unselige Floskelfrage zu einem noch zeitsparenderen „Na, alles super?“ umgemodelt und sich damit nun das längst fällige „Nö!“ von mir eingehandelt.
Woraufhin wir dann ins Gespräch kamen, was eigentlich auch nicht in meiner Absicht lag, da ich es vorziehe, Treppenhausbegegnungen kurz, nett und unkompliziert zu halten und mich nicht in längere oder gar persönlichere Unterredungen verwickeln zu lassen.

Womöglich ist mein Wunsch, es bei einem freundlichen „Hallo“ samt Blickkontakt zu belassen auch nichts wesentlich Anderes als das ehemalige „Und? Wie isses? Geht’s euch gut?“ der Nachbarin. Hätte sie es nur dabei belassen!

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Für heute belasse ich es bei diesen Einblicken und Ausblicken, sende Ihnen herzliche Grüße, verbunden mit dem Wunsch, dass bei Ihnen alles gut oder sogar super sein möge – und sollte das nicht rundum der Fall sein, so wie bei mir ja auch, dann wünsch‘ ich Ihnen, dass Sie’s auch nicht zu bitter oder zu ernst nehmen, erst recht nicht in dieser für viele ja eh schon recht anstrengenden Vorweihnachtswoche.

Vom Wachstum gleichursprünglicher Dämlichkeit und Ermüdung.

Als Abonnentin der Süddeutschen erhalte ich freitäglich eine Email aus der hiesigen Zeitungsredaktion. Oft lese ich sie auch (schließlich ist sie an mich persönlich adressiert). Gelegentlich steht Erhellendes zum Weltgeschehen der ausklingenden Woche drin, selbst wenn es eine ist, die von Düsternis geprägt war.

Und ab und an – je nach Verfasser/in – enthält dieser Brief sprachliche Highlights, die so köstlich munden wie ein zartschmelzendes, kühles Sahnehäubchen auf einem Stück Streuselkuchen, das ich mir gelegentlich im Herbst gönne, wenn sich Zwetschgen unter der Streuselschicht aufhalten.

Die heutige Sahneportion der Redaktionspost würde sogar für mehrere Kuchenstücke, vielleicht gar für ein ganzes Blech Datschi reichen, deshalb kann ich sie glatt mal mit Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, teilen.

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Freitag, 21. Juni 2019

Sehr geehrte Frau Kraulquappe,

am Dienstag ist Jürgen Habermas neunzig geworden. Das SZ-Feuilleton hat ihn mit zwei großen Artikeln von Johan Schloemann und Jens Bisky gewürdigt. In der Welt des Digitalen nennt man heute solche Aufsätze long reads. Habermas ist nicht nur der bedeutendste Philosoph der Bundesrepublik, sondern er zählt auch zu den Gründervätern des very, bisweilen sogar des extremly long read. Sollten Sie Zeit haben, gar pensioniert sein, nehmen Sie doch zum Beispiel mal die „Theorie des kommunikativen Handelns“ zur Hand. Krass viele Seiten, würde mein Sohn sagen.

Gelesen wird Habermas in aller Welt. Mich würde, läse ich denn chinesisch, interessieren, wie sich Habermas auf Chinesisch liest. Als ich vor langer Zeit in München studierte, las ich ihn auf Deutsch. Na ja, nicht „ihn“, sondern erst mal seinen „Strukturwandel der Öffentlichkeit“. Das war nicht unbedingt einfach, denn der Philosoph als solcher drückt manchmal das, was er so denkt, in einer Sprache aus, die dazu führt, dass man erst einmal sehr nachdenken muss, was er sagt, bevor man sich der oft angenehmen, manchmal höchst mühsamen Arbeit unterzieht, verstehen zu wollen, was er meint.

Nun ist Jürgen Habermas auch ein politischer Philosoph, der als Kommunikationstheoretiker durchaus versteht, dass das Aufrichten von Barrieren aus Worten nicht dazu dient, die Kommunikation zu fördern. Lesen darf schon auch Arbeit sein. Aber wenn Lesen in erster Linie Arbeit ist, wenn man zum Beispiel niedergeheideggert wird, dann verfehlt ein Text, ein Aufsatz, ein Buch seinen Sinn. Wer etwas schreibt, entäußert sich seiner Gedanken – er (oder sie) gibt sie weg, teilt sie mit anderen, veröffentlicht sie im Sinne des Wortes. Werden diese Gedanken aber so formuliert, dass sie kaum jemand versteht, ist diese Form des Schreibens dann eben keine kommunikative Handlung, sondern irgendwas zwischen Selbsttherapie und verbalem Instagram (ich poste, also bin ich).

Nun ist die Philosophie in gewisser Weise so wie das Kochen oder der Gebrauchtwarenhandel in Mode gekommen. Im Fernsehen sieht man beim Zappen unablässig Menschen, die in einer Küche stehen oder essen und dabei von lustigen Köchen und Köchinnen bewertet, beaufsichtigt oder gemaßregelt werden. (Doch, ich glaube fest daran, dass diese Form der Kochsendungen etwas über den autoritären Charakter aussagt, dem sich der oft verständlich schreibende Philosoph Erich Fromm gewidmet hat.) Neben dem Kochen sieht man im Fernsehen auch viele Menschen, die sich dem Kaufen, Verkaufen und Ersteigern von Zeug jeder Art, das älter ist, hingeben. Die einen, zumeist tätowierte Amerikaner, kaufen in Doku-Soaps den Inhalt von Lagerräumen auf; die anderen bewerten Madonnen aus Familienbesitz oder zahlen vor Kameras 80 Euro für ein mobiles Bidet aus dem 19. Jahrhundert. Neben den alltäglichen Exhibitionisten aus den verschiedenen Casting-Shows sind Köchinnen und Altwarenhändler die Leitfiguren der modernen Populärkultur geworden. Dies spricht, um an die Begriffswelt von Habermas anzuknüpfen, nicht unbedingt für die Weiterentwicklung der deliberativen Demokratie, sondern eher für das Wachstum gleichursprünglicher Dämlichkeit und Ermüdung.

So wie es die Fernsehköche und die Fernsehantiquitätenhändler gibt, gibt es auch die Fernsehphilosophen. Sie haben gerne etwas längere Haare, was möglicherweise ein Ausdruck intellektueller Bonhommie ist, und/oder einen Bart. Es sind überwiegend Männer, wohl weil Männer eher dazu neigen, sich gegenseitig einfach durch ein Gespräch miteinander zu versichern, dass der jeweils andere bedeutend ist, ohne dies ausdrücklich sagen zu müssen.

Neben den bonhommistischen TV-Philosophen existieren dann auch noch jene, gerne ökologischen Denker, denen man auf den auch tagsüber nächtlichen Sendern wie Arte, 3sat oder gar ARD-alpha begegnet. Wenn ich einmal richtig erwachsen bin, würde ich gerne auf ARD-alpha eine Nachdenk-Sendung moderieren. Ich befürchte allerdings, dass ich nicht so lange am Leben sein werde, um jenen Reifegrad zu erreichen, den auf ARD-alpha schon manche deutlich Jüngere als ich an den Tag beziehungsweise in die Nacht legen.

Habermas ist kein Fernsehphilosoph, auch wenn es nicht grundsätzlich verwerflich ist, im Fernsehen aufzutreten, selbst als Philosoph. (Die Wahrscheinlichkeit, dass Habermas doch der Ansicht sein könnte, es sei verwerflich, als Philosoph im Fernsehen aufzutreten, ist größer als die Wahrscheinlichkeit, dass sich Sloterdijk mal die Haare schneiden lässt.) Man muss, wenn man das will, Habermas lesen, nicht unbedingt sehen.

Der bescheidene Philosophieboom hat auch dazu geführt, dass eine Menge interessanter Bücher über Philosophie und Philosophen erschienen sind, die einem unter anderem auch die Beschäftigung oder Wiederbeschäftigung mit den Originaltexten erleichtern. „Zeit der Zauberer“ von Wolfram Eilenberger ist so ein Buch; „Wiedersehen mit den Siebzigern“ von Ulrich Raulff ein anderes; auch die diversen Bücher von Yuval Noah Harari regen das Denken und Weiterlesen an.

Ob ich das im September erscheinende neue extremly long read von Habermas angehen werde (1700 Seiten, „Auch eine Geschichte der Philosophie“) weiß ich nicht. Kann aber schon sein.

Eine meiner philosophischen Lieblingserfahrungen nämlich ist eine Habermas-Erscheinung. Vor Jahren war ich mal in einer Buchhandlung in Starnberg, die es heute nicht mehr gibt. Vor einem Regal, in dem die anspruchsvolleren Sachen standen, erblickte ich einen weißhaarigen Mann, der einen Staubmantel trug. (Philosophen haben gerne Staubmäntel, welche die zivile Version des Trenchcoats sind.) Es war der Starnberger Jürgen Habermas, der ein Buch in der Hand hielt. Das Buch war von Jürgen Habermas. Wahrscheinlich war sich Habermas kurzzeitig seiner eigenen Existenz unsicher. In seinem Buch stellte er dann fest, dass es ihn gibt. Deswegen mag ich Philosophie.

Ich wünsche Ihnen ein weises Wochenende

Kurt Kister
Chefredakteur

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Parallel zum Genuss einer Scheibe Zitronenkuchen unter den türkisen Bastschirmen des Lieblingscafés, zu meinen Füßen das Dackelfräulein, das mit dem entzückenden Rüden der Café-Inhaberin schmust (neben dem Kuchen der Hauptgrund, weshalb wir regelmäßig hierher gehen), überlege ich, ob es nun das verbale Instagram, das mobile Bidet aus dem 19. Jahrhundert, die Bezeichnung von Köchinnen und Altwarenhändlern als Leitfiguren der modernen Popkultur, der Halbsatz über die bedeutsamen Männer, die Ausführungen über die Nachdenk-Sendungen, der Schlussabsatz zur Begebenheit in der Starnberger Buchhandlung oder die Skizzierung jener Entwicklung, die für „das Wachstum gleichursprünglicher Dämlichkeit und Ermüdung“ spricht, ist, die mir in meiner heutigen Freitagspost am besten gefällt.

Ein schönes Wochenende wünsche ich Ihnen allen – und dem Herrn Spike zum heutigen Tage einen feinen Kuchen mit einer extra großen Sahnehaube!