Kleines Daumenkino oder: So eine Art Wochenrückblick.

Die Tage am Tegernsee waren nicht ganz unanstrengend.
Zum einen wegen der Tiefschneestapferei bergauf- und abwärts, über die wir natürlich nicht ernsthaft jammern wollen, weil das herrliche Wetter und das Tagestouristenverbot, das ja nun schon wieder aufgehoben wurde, einmalige, ach was sag ich: geradezu paradiesische Rahmenbedingungen für diese Ausflüge schufen.

Allein auf weiter Flur, das Fräulein putzmunter auf der Piste, problemlos stundenlang ohne Mantel, ich meist ohne Mütze/Handschuhe/Jacke hinterher, Mittagsrast in der Sonne, mit Krapfen und Knackwürstchen, bei einem der Abstiege kamen uns bereits die ersten Einheimischen in kurzen Hosen und Hemden entgegengehikt, ein Hauch von Frühlingsgefühlen umflatterte einen im gleißenden Glitzerlicht der Spätnachmittagssonne, den restlichen Abend flatterten dann allerdings die Beine von dem Surfen im sulzigen Schnee.

Zum anderen war’s anstrengend aufgrund der pandemie- und parkinsonbedingten Lage des Papas und der Lebensgefährtin.
Gelinde gesagt spitzen sich die diversen Schwierigkeiten, die freilich schon in der alten Normalität vorhanden waren, dort aber noch nicht gar so ins Gewicht fielen, im (Zusammen-)Leben der beiden allmählich zu. Der Papa nimmt nur noch die nötigsten Therapien wahr (das Angebot wurde wg. Corona eingeschränkt) und hat darüberhinaus irgendwie die Motivation verloren, sich ernsthaft für eine Verbesserung seiner Situation zu engagieren („Die Treppengeherei hier im Haus strengt mich schon genug an!“ ) und sieht als Betriebswirt auch nach dem Ende des Coronawinters noch so viel Düsternis und Kahlschlag nahen, dass er sich einem gewissen Grundpessimismus anheimgibt („Das wird da draußen in der Welt eh alles nix mehr!“ ). Die Lebensgefährtin muss alle Besorgungen des Alltags alleine bewältigen, weil der Papa seinen Radius recht konsequent auf die paar Meter zwischen Sofa, Küche und Esstisch beschränkt. Ihre Canastarunde, ihre Tennisstunden und das wöchentliche Freitags-Damenkaffeekränzchen – nichts davon findet mehr statt. Die Enkel kommen aus Sicherheitsgründen auch nicht mehr vorbei. Freunde sowieso nicht.
Nur ich, ab und zu, und das fällt für die Lebensgefährtin nicht gerade unter die Rubrik „Highlights“, soweit hat es noch nicht mal der wochenlange Lockdown gebracht (unser Verhältnis wird in diesem Leben nicht mehr über das einer befriedeten Koexistenz hinausgehen, in etwa vergleichbar mit der von Katz‘ & Hund, die nicht von kleinauf aneinander gewöhnt wurden, sondern zwangsweise lernen mussten, gelegentlich auf demselben Hof zu leben und in den Zeiten solcher Zusammentreffen Zank und Zwist aus Gründen der Ressourcenschonung so gut es geht zu vermeiden).
Da der Input der Außenwelt nicht mehr aus Begegnungen/Reisen/Kultur besteht, sondern Post und Nachrichten das Einzige sind, was derzeit noch von draußen hineindringt zu den beiden, gibt es während meines Besuchs neben der nicht endenwollenden Pandemie und der gottseidank beendeten Präsidentschaft Trumps nicht allzu viele Gesprächsthemen. „Es passiert ja nichts mehr bei uns“ , klagen beide, alles fühle sich an wie in diesem Film mit dem Murmeltier, ein Tag gleiche dem anderen.
Leider haben die beiden sich – womöglich um das Alltagseinerlei zu durchbrechen? – angewöhnt, sinnlose Streitereien über Kleinkram zu führen, kleinlichste Klärungen von Schuldfragen werden auf einmal ganz groß ausgefochten und selbst das Ergebnis dieser Fehden ist genauso wie der Murmeltiertag: beliebig, austauschbar, ermüdend.
Für den Papa ist es sichtlich schön, dass das Dackelfräulein und ich für ein paar Tage im Haus sind, das beschert seinem Tag eine andere Struktur und bringt neue Aufgaben mit sich („Hast du einen Wunsch, was du essen möchtest?“). Jeder Handgriff in der Küche geht quälend langsam vonstatten, helfen lassen will er sich nicht (nicht aus falschem Ehrgeiz heraus, sondern weil er es – genau wie ich – hasst, wenn ihm jemand in der Küche reinredet oder reinpfuscht, unter Teamplayern wird das Mithelfen genannt und ist stets gut gemeinter Terror), sein Bemühen um die Mahlzeiten rührt mich, vermischt sich aber spürbar mit einer schweren Sorge: Wie lange schafft er das noch? Und wenn er’s mal nicht mehr schafft – was ist dann?

Richtig rührselig wird es schließlich in zwei Momenten.
Der eine: als ich mir abends das Akkordeon schnappe und meine bisherigen La-Paloma-Versuche zum Besten gebe – da hat er Tränen in den Augen und lobt mich (beides eine absolute Ausnahmeerscheinung). Wir besprechen, welches Repertoire ich mir noch aneignen könnte, damit es dereinst im Pflegeheim genug zu singen gibt. Lili Marleen wünscht er sich sehr, ebenso Hey Jude und Wir lagen vor Madagaskar, und ich bestelle mir sofort die Noten.
Der andere: die Telekom schreibt ihm, dass sein Uralt-Handy ab dem Zeitpunkt der Abschaltung des 3G-Netzes nicht mehr funktionieren wird und offeriert einen neuen Vertrag samt neuem Gerät, natürlich ein Smartphone, was er aber für seine letzten Lebensjahre unbedingt vermeiden wollte. Mit zittriger Hand reicht er mir das Schreiben und fragt, was er denn nun tun solle und gesteht mir im selben Atemzug, er habe noch so einen blöden Brief bekommen, nämlich von seiner Bank, die ihn darauf einstimmt, dass er die fürs Online-Banking benötigte TAN künftig von einer App generieren lassen müsse („…und App, das heißt doch dann auch wieder Smartphone, oder?“ ).

Beide sind wir noch immer recht ungeübt in diesem Rollentausch, obwohl der sich an manchen Punkten eh längst vollzogen hat, der Startschuss dazu fiel ja schon vor fünfeinhalb Jahren auf unserer letzten gemeinsamen Reise, nämlich am Abreisemorgen in dem kleinen, hektischen Hotel mitten in Helsinki, in dem sie nur Finnisch, Schwedisch, Russisch oder Englisch sprachen, was den Papa sichtlich überforderte, so dass er zum allerersten Mal die Abwicklung des Auscheckens und das Ordern des Taxis, das uns zum Flughafen bringen sollte, mir überließ, und ich fast ins Stottern geriet, als ich mit der Rezeptionistin sprach und ihn währenddessen mit etwas verlorenem Blick neben unseren Koffern in der Lobby sitzen sah, er, der mir bis zu diesem Augenblick jahrzehntelang das Gefühl gegeben hatte, immerzu alles im Griff zu haben und geregelt zu bekommen – und nun war plötzlich ich an der Reihe…

Zurück zur vergangenen Woche.
Die letzten beiden Stunden meines Besuchs am Tegernsse verbringe ich also damit, den Herrn Vater zu beruhigen, dass der Wechsel von seinem Nokia 3310 auf ein Smartphone nicht den Weltuntergang einläuten wird, sondern er auch mit „so einem Scheißgerät“ weiterhin ganz normal würde telefonieren können, ohne Verwendung „fürchterlicher Apps“ , denn die bräuchte er nur für ein paar wenige andere Dinge. Er guckte grantig, hörte mir aber geduldig zu, fuhr nebenbei mit dem Zeigefinger seiner nicht-parkinson-betroffenen Hand unaufhörlich und Rille für Rille des vor ihm liegenden Tischsets ab und nickte ab und zu stumm. Schwer zu sagen, ob er das Tun seines eigenen Fingers abnickte oder meinen Vortrag über die Vorzüge eines Smartphones, ich tippe eher auf Ersteres.
Bevor ich mich ins Auto setze, um nachhause zu fahren, verspreche ich ihm, mich daheim in München bald um die Vertragsänderung zu kümmern.
Mal langsam!“ , interveniert er, das müsse man doch jetzt nicht überstürzen, das liefe einem ja nicht davon und da wolle er schon noch ein Weilchen selbst den Daumen drauf haben.
Und damit beschloss er das Thema.

Apropos Daumen. Hat irgendwer von Ihnen in den Wintermonaten vielleicht auch diese Probleme mit einreißenden Fingerkuppen? Und verwendet zur heilenden und schützenden Abdichtung solche Spezialpflaster (konkret: Compeed für Fingerkuppen)? Kriegen Sie das hin? Klappt das bei Ihnen?
Ich plage mich seit zwei Wochen mit deren Anwendung herum und wäre äußerst dankbar für jedweden Tipp zum zügigen, korrekten und vor allem zerstörungsfreien Anbringen jener Heilmittel auf kaputte Daumenkuppen.

Bis vor einigen Jahren nannte ich diese allwinterliche Daumenkuppendauerverletzung noch meinen „Langlaufdaumen“ , weil das Phänomen damals nur auftrat, wenn ich nach ein paar Stunden in der Loipe meine trotz dieses strapaziösen Sports immer noch dauereiskalten Finger aus den etwas zu starren und nicht optimal sitzenden Handschuhen entließ.
Manchmal blutete die Daumenkuppe sogar schon im Handschuh und wenn es besonders blöd lief, verklebte die Wunde noch während des Sports mit dem Stoff und das Abziehen des Handschuhs war dann ziemlich schmerzhaft.
Der Riss im Daumen wuchs während der Wintermonate nie so richtig zu, weil immer wieder ein neuer Langlaufausflug dazwischen kam und das Ganze damit wieder von vorne begann. Auch neue Handschuhe schufen keine Abhilfe, herkömmliche Pflaster sowieso nicht und diese Superdinger von Compeed gab es damals noch nicht.
Mittlerweile betreibe ich keinen Langlauf mehr (neben Gassigehen, Bergtouren und Joggingrunden habe ich definitiv keine Lust auf eine weitere Bewegungsvariante, die per pedes ausgeübt wird), nur der Langlaufdaumen, der ist mir geblieben bzw. kehrt zuverlässig Winter für Winter zurück.
Dafür gibt es zwischenzeitlich eine immense Erweiterung der Pflaster-Palette von Compeed, die ich zunächst zur Anwendung am zerschundenen Wanderstiefelfuß kennen- und schätzen lernte (simple Anwendung, tolle Wirkung), dann für lästigen Lippenherpes (schon nicht mehr ganz so simple Anwendung, falls es aber gelingt: gute Wirkung) und nun auch gern meinem winterwunden Däumchen angedeihen lassen würde, wenn ich denn in der Lage wäre, das blöde Teil so anzubringen, dass es dort haften bliebe und wirkte.

Und wo wir gerade bei den Gebrechen sind: Nach langer Suche habe ich ein Online-Yoga-Portal gefunden, das mich weder zu sehr mit spirituellem Beiwerk belastet noch in eine Community hineinzwängt, sondern mir einfach und für wenig Geld ermöglicht, meinen schwimmbadschließungsbedingten Schulter- und Nackenbeschwerden entgegenzuwirken und generell ein wenig an der ohnehin längst verlorengegangenen Geschmeidigkeit zu arbeiten.
Ja, ich formuliere das bewusst so: zu arbeiten. Denn Spaß ist das (noch) nicht, wenn man in mancher Haltung statt fünf Atemzügen nur zwei schafft oder bereits mit dem Erreichen der Haltung wie ein Mehlsack, der Schlagseite bekommen hat, auf seiner Matte umkippt, und dabei noch dazu von den Homeoffizieren im Haus gegenüber beobachtet werden könnte.
Nicht alles wird ja während so eines Lockdowns reduzierter oder distanzierter, im Gegenteil: manches enthemmt und entgrenzt sich geradezu schamlos, sind ja schließlich alle daheim und haben Fenster (und wer arbeitet oder trainiert schon bei heruntergelassener Jalousie oder zugezogenen Vorhängen).
Jedenfalls ist der Onlinekurs recht erträglich, vor allem sprachlich gefällt er mir, weil etliche der Lehrer, die einen schinden, Österreicher sind. Da klingt manches gleich viel charmanter und selbst wenn mal ein „Ommmm“ gebrummt wird, schwingt da viel mehr Gutturales mit, als es ein hochdeutsch sprechender Yogi je zustande bekäme.

Sonst ist alles murmeltiermäßig.
Die Konturen dieser Winterwochen verschwimmen allmählich. Ich schreibe wieder, auf einmal fließt es wieder, erfreulich ist das. Zwei Begegnungen pro Woche, 1x mit dem hübsch Bewimperten, 1x mit D., wie gehabt. Drei- bis viermal Sport oder sowas in der Art. Einmal wöchentlich ein Wannenschaumbad, bevorzugt nach dem Wochenendlauf im Park. Natur und Berge so oft es die Verpflichtungen erlauben. An fünf von sieben Abenden wird eine Dreiviertelstunde auf dem Akkordeon geübt. An ebenso vielen Abenden trifft sich das gesamte Rudel gegen 20:30 Uhr auf der Couch zum Serie-Gucken, mittlerweile sind wir in einem Alter, in dem man nach 8-10 Jahren dieselbe Serie glatt ein zweites Mal ansehen kann und sich genauso gruselt wie beim ersten Mal. Die Krapfensucht hat ihren Zenit noch nicht überschritten, obwohl ich ihr nun in Woche 2 nahezu täglich fröne, dummerweise ist die Konditorei Kustermann fußläufig nur drei Minuten von unserem Home & Office entfernt und macht die besten Hagebuttenkrapfen der Stadt (unfettig, schön groß, sehr luftig, mit nicht zu süßer, eher dunkler Hagebuttenmarmelade befüllt, die – wichtig! – nirgends raustrieft, wenn man den ersten Bissen nimmt und vor allem: die leckeren Dinger sind – so gehört sich das! – ausschließlich mit Puderzucker bestäubt, und zwar nicht zu dick – mit diesen lackierten Trümmern, womöglich noch mit Farbe im Lack, können Sie mich jagen, mit den diversen Füllungsvarianten erst recht).

München versinkt seit gestern im Schnee. In den Isarauen und auf der Schneeresienwiese wird Langlauf gemacht, die homeschoolingmüden Kinder aus dem Viertel rodeln neben der Bavaria den Hang hinunter. Die Zamperln dieser schönen Stadt kriegen sich nicht mehr ein vor Freude an der weißen Pracht, das Dackelfräulein gräbt unter der Schneedecke einen großen Ast hervor und rastet anschließend aus wie zu Welpentagen.

Himmel der Bayern (91): Dass ich das noch erleben darf!

Auf Besuch beim Papa, in dem Landkreis, der zwar keine Tagestouristen mehr reinlässt, aber eine Tochter, die sich vor Ort um ihren Risikogruppenvater kümmert, darf zu „Handlungen zur Versorgung von Tieren“ dort natürlich schon noch vor die Tür.

Und wie Sie sehen können, wurde das Tier ganz zu seiner Zufriedenheit versorgt:

Seit 20 Jahren habe ich die Neureuth noch nie an einem sonnigen Tag so unberührt und friedlich und leer gesehen wie heute. Normalerweise ist der gesamte Hang zertrampelt, zerrodelt und der Zustiegsweg zehnmal so breit. Heute ist er ein teckelgerechter Trampelpfad durch glitzernde, stille Schneefelder.

Ich betrachte das als unverhofftes Geschenk inmitten dieser langwierigen und anstrengenden Seuchenzeit, trinke allein auf dem Gipfelplateau in der milden Nachmittagsluft meinen Tee, beiße in den Hagebuttenkrapfen, die Blauberge grüßen aus der Ferne herüber und ich gucke dem vergnügten Dackelfräulein zu meinen Füßen bei ihren Rutsch- und Rodelversuchen zu.

Augenblicke, in denen alles wunderbar, ruhig und gut ist.
Zu denen man sagen möchte, sie mögen doch verweilen (eigentlich eines meiner Hasswörter), weil sie so schön sind (freilich nur ohne das im Originalzitat noch Folgende).

Im Tale taut es leider schon wieder kräftig, und auch sonst erwarten einen dort unten eher deprimierende Dinge.

Wenigstens konnte der zwirbelbärtige Marokkaner, den ich kurz vor Abreise in München noch schnell in seinem messiemäßigen Hinterhofbüro aufgesucht hatte, mein gestern mit einer hässlichen Fehlermeldung auf pechschwarzem Bildschirm abgeschmiertes Laptop binnen 25 Minuten wieder zum Leben erwecken, sonst könnte ich jetzt weder Bloggen noch die deprimierenden Dinge aus mir heraus- und in eine Datei hineinschreiben.

So that was Christmas (II).

Am Morgen nach dem Fest.
White Christmas in the Valley of Kreuth (near Sevenhuts).
Man beachte den dezenten Partnerlook.
Wildbad Kreuth: Jahrzehntelang die Tagungsklause der CSU, demnächst ein „Mental Retreat“.
(Merke: Willst Du über 200€ fürs Zimmer verlangen, muss Dein Hotel einen englischen Namen bekommen
oder einen Artikel davor oder einen Punkt dahinter.)

Nach dem Winterspaziergang geht’s zurück in die Stadt.
Auto ausladen, alles in Nullkommanix aufräumen. Feldsalat waschen. Erwähnte ich hier, glaube ich, noch gar nicht, dass ich seit Wochen süchtig bin nach Feldsalat. 3x die Woche eine Riesenportion davon, mindestens! Ich begrüße und bestaune diesen Trend, denn Zeit meines Lebens war ich ausschließlich süchtig nach Nahrungsmitteln, die zu fettig, zu salzig, zu süß oder aus anderen Gründen ungesund sind.
Wahrscheinlich bin ich jetzt erwachsen oder vernünftig oder sonstwie auf dem absteigenden Ast.
Der Gatte macht lecker Nudeln dazu und hat endlich mal Urlaub.

Nach dem Essen beginnt unser persönliches Weihnachtsfest.
Wir sinken zum Serienmarathon tief in die Couch, und ich freue mich, dass ich den neuen Smart-TV tatsächlich zum Laufen gebracht habe (der alte Fernseher gab doch glatt vier Tage vor Weihnachten den Geist auf, einen dämlicheren Zeitpunkt hätte er sich wirklich nicht aussuchen können, was sich der DHL-Bote auch gedacht haben wird, als er das neue Monster bis zu unserer Tür schleppte).

So that was Christmas (I).

Immer wieder ein Genuss, diese Fahrt ins Tegernseer Tal. Selbst an Weihnachten.

Der restliche Nachmittag und Abend auch soweit in Ordnung.
Dafür, dass wir das nur alle 12 Jahre mal machen, haben wir uns wohl ganz gut geschlagen, alle miteinander.

Nach sechs Stunden dennoch Kopfweh von der altergemäß arg überheizten Stube, all dem Essen und Trinken, dem abendfüllenden Trubel, den diversen musikalischen Einlagen und der Gesprächigkeit der Lebensgefährtin des Papas.

Wenigstens hat das Dackelfräulein nun endlich mal einen Weihnachtsbaum gesehen, das gehört schließlich zum Bildungskanon eines modernen Hundes von Welt.

Bergwieseln, allein.

Nach einer vergleichsweise längeren Bergpause – wider besseren Wissens zwar, aber bei allem, was war und ist, hab ich die Kurve einfach nicht gekiegt (oder es waren die falschen Gelegenheiten, wie z.B. am Wochenende, als B. eine Tour vorschlug, die ich aber wegen des zu erwartenden Andrangs ausschlug, weshalb es kurz knirschte zwischen uns, so wie es in diesen Zeiten ja mit manchen schnell mal kurz knirscht, weil die geltenden Regeln oder Empfehlungen unterschiedlichste und individuellste Deutungen und Dehnungen erfahren) – nach einer längeren Bergpause also, es mögen glatt gute drei Wochen gewesen sein, gab ich mir heute Morgen einen Ruck, packte das dazugehörige Säcklein und fuhr hinaus.

Ausnahmsweise mal ganz allein, ab und zu muss das sein, ohne Bezug und Begleitung, auch wenn es sich fremd und fast ein bisschen falsch anfühlte, nicht wenigstens das Dackelfräulein an meiner Seite zu haben (in der Jackentasche aber trotzdem ein Gassisackerl mit dabei und im Rucksack später auch noch ein Würstchen gefunden).

Früher genoss man das Leben ja in vollen Zügen, heutzutage ist man heilfroh, wenn selbige leer sind. Da wagt man sogar an Ort und Stelle das temporäre Ablegen der Maske, um die stadtbeste Breze zu verzehren.

Wo gestern noch eine Völkerwanderung unterwegs war, weil Sonntag war und die Wettervorhersage vier Sonnenstunden versprach, war heute keine Socke unterwegs.

Nur 2,5 Menschen auf der 12 Kilometer langen Strecke getroffen, in knapp 3 Stunden von Hausham am Schliersee über die Gindelalmschneid und die Neureuth runter nach Tegernsee am Tegernsee gewieselt, 20 Minuten Pause verteilt auf 2x zehn Minuten, man möchte ja nicht festfrieren da heroben im Schnee, alles in allem eine ordentliche Gehzeit für die 620 Höhenmeter hinauf und wieder hinab, dazu dieses beglückende Gefühl, dass man wenigstens das (noch) kann und wie viel Freude das macht.

Was in meinen Beinen an Kraft und Ausdauer steckt, das könnte mein Herz sich doch mal an Mut und Zuversicht zulegen.

So ungefähr formuliere ich beim Abstieg in der Abendsonne meinen diesjährigen Weihnachtswunsch.

Himmel der Bayern (89): See_lenfrieden (mit Lama und Panorama).

Von Umfangsvermehrung und Heiterkeitsreduzierung.

Immer nach vorne blicken!

Freitagabend vor fünf Tagen, am westlichen Rand des Oberhachinger Industriegebiets (für Nicht-Ortskundige: irgendwo in der südlichen Peripherie von München).

Als ich nach einer intensiven Dreiviertelstunde mit Pippa aus der Tierklinik hinausgehe in die Dunkelheit, steht Ludwig schon wieder schwanzwedelnd vor uns. Wir waren ihm zuvor schon im Wartezimmer begegnet. Der 12 Wochen alte Welpe wollte unbedingt mit Pippa spielen, die zitternd unter meinem Stuhl kauerte.

Pippa wird in Kürze 9 Jahre alt und weiß bereits beim Aussteigen aus dem Auto, dass dieser Parkplatz zur Tierklinik gehört und wirft mir einen vorwurfsvollen Blick zu, wenn ich sie auffordere, mitzukommen. Kurz vor der Eingangstür beginnt dann das Schlottern.
Ludwig hingegen hat noch keine Ahnung von diesem Teil der Welt. Er findet absolut alles toll und spannend, weshalb er letzten Freitag auch in der Tierklinik ist – er hat nämlich einen Kaugummi verschluckt. Herrchen ist sehr nervös, Frauchen sitzt zitternd im Auto (wegen Corona darf seit Monaten nur noch eine Begleitperson pro Tier mit in die Klinik hinein), nur Ludwig hat blendende Laune und will mit dem Dackelfräulein spielen.

Da sie fast alle Welpen mag, stellt sie zumindest kurz ihr Schlottern ein, wendet sich dem kleinen Ludwig zu, bis er ihr dann zu stürmisch wird und sie sich wieder unter meinen Stuhl verzieht. Weil Ludwig daraufhin in schrillsten Tönen jammert und an der Leine zerrt, geht sein Herrchen mit ihm hinaus, so dass im Wartezimmer wieder Ruhe einkehrt. Er hat sowieso noch eine längere Wartezeit vor sich, da er ohne Termin gekommen ist – das mit dem Kaugummi läuft für ihn unter „Notfall“, sie haben sich sofort ins Auto gesetzt und sind zur Klinik geeilt.
So ist das am Anfang des Hund-Habens: man hat keine Ahnung, keine Erfahrung und derlei Notfälle treten äußert schnell und regelmäßig ein.

Für einen Moment bin ich geneigt, den Besitzer von Ludwig um diesen verschluckten Kaugummi zu beneiden, denn was würde ich drum geben, auch aus so einem Grund zur Tierklinik gefahren zu sein. Einen Gedanken später weiß ich aber wieder: das ist Quatsch, denn so ist das halt, es ist der Lauf der Zeit und des Lebens, dass man nach 9 Jahren eher aus anderem Anlass hier sitzt und wartet. Mit vereinbartem Termin bei der Ärztin des Vertrauens, die man bereits seit Jahren kennt. Mittlerweile ist der Hund der nervösere Gast im Wartezimmer, man selbst gibt sich alle Mühe, ruhig und gefasst zu sein, was meist auch gelingt (allein schon, damit der Hund nicht noch mehr zittert).

Frau Dr. G. ruft uns auf, ich erhebe mich, Pippa trottet hinter mir her, steigt unterwegs widerwillig auf die Waage (huch, 300 Gramm leichter als beim letzten Besuch?) und schlurft weiter ins Behandlungszimmer. Dort angekommen trage ich den Grund meines Besuchs vor.
Die Ärztin tastet Pippa ab, findet den Knoten, drückt prüfend ein bisschen hin und her, sieht mich an, sagt „Ein Lipom kann ich ausschließen“ und damit ist die Tendenz eigentlich schon umrissen.
Es ist ein Tumor, ob Adenom oder Karzinom bzw. gut- oder bösartig, werden wir erst wissen, wenn nach der operativen Entfernung der histologische Befund vorliegt.

Wir besprechen ausgiebig, wie es nun konkret weitergeht, die Einzelheiten erspare ich Ihnen. Auch eine detailliertere Erläuterung der klitzekleinen Restchance, dass es sich um eine seltene, zyklusbedingte Verkapselung an der Milchleiste handeln könne, ist unerheblich und nur insofern relevant, als wir jetzt noch bis zu Beginn des neuen Jahres abwarten, ob das Ding sich nicht wie durch ein Hormonwunder wieder zurückbildet, was wie gesagt leider äußerst unwahrscheinlich ist.
Ein paar Wochen kann man das jetzt gut rausschieben, weil der Knoten noch wirklich klein ist, dann aber muss gehandelt werden.
Das einzig Beruhigende an dem Termin ist die nach gründlicher Untersuchung erfolgte Aussage von Frau Dr. G., dass Pippa „für ihr Alter“ in einem sehr guten Allgemeinzustand sei: schlanke Figur, beste Muskulatur, Gelenke, Herz und Lunge ebenfalls in Ordnung. Immerhin gute Voraussetzungen für eine solche OP und das, was danach kommen kann.

Am Empfangstresen überreicht man mir die Rechnung. „Kleine Umfangsvermehrung kraniales Gesäuge“ steht da in holprigem Arztrechnungsdeutsch als Diagnose, es folgen die einzelnen Positionen.
Der Begriff Umfangsvermehrung fährt mir recht herb in die Eingeweide und erinnert mich an die Raumforderung… (na lassen wir das lieber, wenn Sie mögen, lesen Sie’s hier nach). Mir wird etwas flau, ich bezahle und wanke nach draußen.
Dort springt uns Ludwig aus der Dunkelheit entgegen und freut sich wie bekloppt, Pippa wiederzusehen, allein das Fräulein hat nun gar keinen Nerv mehr für den Jungspund und strebt entschlossen dem Parkplatz zu.
Ich wünsche seinem Herrchen noch viel Glück in der Kaugummisache, eile zum Auto, lasse mich auf den Sitz fallen und nehme erstmal einen großen Schluck aus meinem neuen Thermosbecher, den ich auf ewig Thermosbecher und niemals Travel Mug nennen werde, obwohl er laut Etikett so zu heißen scheint.

Etwas benommen fahre ich heimwärts, esse unterwegs einen Happen und scrolle dabei durch die beruhigend belanglose Bilderwelt auf Instagram, bis ich auf eine Rezeptempfehlung stoße, die von dem schlecht ausprogrammierten Algorithmus dieses (sozialen) Netzwerkes zeugt:

Ich mag weder Mandarinen allzu gern noch hab ich irgendwas mit Overnight Oat geschweige denn Meal-Preps am Hut. Und ich frage mich, ob es allen Ernstes Menschen gibt, die ihr Frühstück so titulieren und tatsächlich am Vorabend des Breakfast ganz hibbelig vor lauter Hipness kunstvoll solche Einweckgläschen mit Haferkörnern befüllen und in den heimischen Fridge bugsieren.

Aber die Welt ist ohnehin reich an Worten, Gestalten, Momenten und Eindrücken, die seltsam fremd anmuten.

Später am Abend spreche ich noch lange mit einer Freundin über den Tierklinik-Termin. Die Freundin war schon mal mit einer ähnlichen Situation konfrontiert und mir fällt angenehm auf, dass sie sachlich und anteilnehmend mit mir über alles redet, genau wie Frau Dr. G..
Vor allem aber fällt mir auf, dass sie nicht beschönigt oder beschwichtigt oder ins Blaue hinein tröstet. Das hilft mir sehr.
Alles wird gut!“ sagen ja gern die einen, oder „Ich habe ein gutes Gefühl!“ die anderen. Die Freundin sagt keines von beidem, weil wir beide wissen, dass wir nicht wissen können, ob alles gut wird oder nicht und welche Sorte Gefühl jetzt die angemessenste wäre, denn jedem der Gefühle, das man nun haben könnte oder hat, wohnt schließlich ein hoher Spekulationsfaktor inne (um ein Haar hätte ich vor Müdigkeit Spekulatiusfaktor geschrieben).

Das große Geheule sucht mich an den Folgetagen noch mehrfach heim und passt hervorragend zum Wetter. Jawohl, ich habe Angst und ich mache mir Sorgen, das ist nunmal so und ich finde: das darf jetzt auch so sein. Es wird ja nun nicht durchgehend bis Anfang Januar so sein, aber ab und zu wird es halt mal wolkenbruchartig über mich kommen.
Und wenn das mal wieder so ist, dann bin ich äußerst dankbar, wenn man mich nicht tröstet oder abzulenken versucht, wenn man nichts beschwichtigt oder schönredet, sondern wenn man mich einfach ängstlich und sorgenvoll sein lässt – und genaus das mit mir aushält.

Dieses elendige, zeitgeistige Wir-wollen-im-Hier-und-Jetzt-leben-Postulat – ja, nehmen wir das doch bitteschön auch mal in so einer Situation ernst.
Es ist nämlich eine vergleichsweise einfache Übung, bei Sonnenschein auf einen Berg zu steigen (oder sonstwo zu lustwandeln) und dabei nicht an das Tal oder den Gipfel zu denken, sondern an gar nichts oder einfach nur an den nächsten Schritt, damit man nicht danebentappt und stürzt. Gelingt einem das, so war man einen (Berg-)Tag lang mehr oder weniger im Hier und Jetzt, freut sich darüber und fühlt sich leichter oder auch bereichert, das wird bei jedem ja graduell ein wenig anders sein.
Heerscharen von Achtsamkeitsfreunden begeben sich auf Pilgerschaft zu diesem heißersehnten Verweilen im Augenblicke (mit dem ja schon der gute Faust ziemlich haderte), plagen sich teils gräßlich mit den unterschiedlichsten Hilfsmitteln, Techniken, Anleitungen und Atmosphären ab, um diesen gelobten Zustand zu „erreichen“, so als lauerte einzig in ihm das Allheilmittel gegen die Unbilden des Alltags (oder gar die Erlösung von unserer fehlbaren Existenz). Und nicht wenige dieser Hier&Jetzt-Streber sind dabei fast ausschließlich aufs Positive, auf gute, helle, wärmende Gefühle ausgerichtet oder fixiert.

Wie von der Verheißung eines Glückskeksspruches Getriebene gebärden wir uns und suchen immerzu und in allem nach einem Sinn, oder, wo dieses Unterfangen eine Nummer zu groß erscheint, zumindest nach dem Schönen und Guten und Glänzenden oder einem Mix daraus: dem Seelensmoothie.
Was aber ist mit Krisen, Krankheiten, Trennungen und Toden? Da herrscht oftmals das große Wisch-und-Weg-Prinzip, das darf nicht sein, das kann nicht sein, damit wollen wir nicht umgehen, daraus muss sich doch verdammt nochmal ein Sinn schnitzen lassen, und wenn nicht, dann wollen wir es wegradieren oder beiseitestellen, es fortunafarben anpinseln, obwohl es doch pechschwarz ist, oder es mit schnelltrocknendem Lebensfreudelack glattsprühen, obwohl an seiner zerfurchten Oberfläche ja doch nichts haften bleibt außer ein paar Zähren und Kummerkrusten.
Lasst mich bitte nach Herzensfrust leiden!, denke ich, sage es aber nicht und freue mich über die, die es trotzdem hören können.

Um das windige Nervenkostüm vollends zu zerfetzen, hat in der Wohnung über uns eine sechswöchige Generalsanierung begonnen. Zwar führt Lolek dort oben Regie und ist auch selbst zugegen (und ich mag Lolek, nicht nur, weil er zu den Menschen gehört, mit denen ich im Jahr 2020 mehr zu tun hatte als mit den meisten anderen), was den Höllenlärm aber auch nicht erträglicher macht.
Der Vermieter ist sofort beleidigt, als ich moniere, dass es schön gewesen wäre, wegen Homeoffice & Co. vorab über derartige Bauarbeiten informiert worden zu sein und in ein paar alten Themen verheddern wir uns dann auch gleich wieder. In Sachen Ruhe und Behaglichkeit kann die Bilanz dieses Miet-Jahres es beinahe mit Corona aufnehmen – es war 9 Monate lang oft ungemütlich und herausfordernd.

Wann immer Witterung und Tagesverfassung es erlauben, kehren wir der Stadt den Rücken und drehen thermosbecherbewaffnet weiter draußen längere Runden, falls das nicht klappt, absolvieren wir in den kurzen Lärmpausen (Lolek ist starker Raucher) kleine Übungseinheiten in der Wohnung (Filmbeweis folgt demnächst) und ziehen uns ansonsten die Decke über den Kopf.
Weil die Inzidenz in München nun wieder über der 200er-Marke liegt, darf ab sofort kein Einzel-Musikunterricht mehr stattfinden, das heißt, ich werde bis Mitte Januar „Jingle Bells“ in Endlosschleife vor mich hinspielen, vielleicht noch ein „Alle Jahre wieder“ dazunehmen, mal sehen.

Der Papa hört sich mittlerweile immer tonloser an, so dass ich mir erstmals seit 20 Jahren einen Ruck gebe und ihn frage, ob wir vielleicht an Weihnachten zu ihm kommen sollen. Er und die Lebensgefährtin wären sonst allein, üblicherweise feiern sie in großer, lauter Runde mit den Kindern und Enkeln der Lebensgefährtin, Zusammenkünfte und Personen, bei denen ich mich fehl am Platz und unwohl fühle, aber dieses Jahr fällt das alles flach, zu viele Generationen und potentielle Infektionssphären würden sich da vermischen, das geht nicht, das wollen glücklicherweise alle gemeinsam vermeiden.
Er reagiert mit fast kindlicher Freude auf mein Angebot und so gewöhne ich mich nun langsam an den Gedanken, doch noch einmal einen 24. Dezember mit Baum und Fondue zu verbringen, womöglich singen wir sogar ein paar Lieder, weil der Papa ja jetzt wieder gern singt, seit seine Logopädin ihn dazu animiert hat.

Offen gestanden weiß ich gar nicht mehr, wie Weihnachten geht, aber da kommt man sicher schnell wieder rein, so wie man ja das Autofahren durch eine mehrjährige Pause wohl auch nicht gänzlich verlernt.
Vorfreude verspüre ich bislang keine, eher so ein kleines, fieses Ziehen in Herzgegend bei dem Gedanken, dass es das letzte Weihnachten in dieser Konstellation sein könnte, was mich nicht etwa wegen des Christfestes an sich schmerzt (von dem ich längst annahm, es letztmals gefeiert zu haben), sondern wegen der heuer daran Teilnehmenden. Wir wollen die gedanklichen Varianten, die diesem Ziehen auf dem Fuße folgen, jetzt aber nicht vertiefen, denn wahrscheinlich kommt ja alles (wie so oft) ganz anders als gedacht und ich bin ab 2021 wieder weihnachtsfrei und wir sind auch Ende nächsten Jahres alle noch am Leben.

Ob ich in den nächsten Wochen einen Jahresrückblick gebloggt bekomme, vermag ich nicht zu sagen. Vielleicht fasse ich es einfach schon heute in ein paar Schlagworten zusammen, dieses kuriose Jahr mit der Doppelzwanzig, das klänge dann in etwa so:
Berge – Wasserschaden – Vermieterzwist – Bauarbeiten – Corona – Schwimmbadschließung – Berge – Corona – Staubläuse – Bauarbeiten – Staubläuse – Berge – Vermieterzwist – Corona – Schwimmbadschließung – (Rückkehr dreier Staubläuse) – Berge – Bauarbeiten – Corona – Vermieterzwist.
Final noch ein kleiner Tumor obendrauf, dazwischen ein paar Akkordeonklänge, und demnächst bellt Jingle nicht mehr durch die Totenstille unserer gelockdownten Stadt, sondern am Tegernsee den Tannenbaum an.

Absurderweise im Sommer 2020 so viel und so günstig gereist wie sonst nie, wenngleich stets nur für ein paar Tage, aber was heißt schon „nur“ in diesen Zeiten, ich bin zutiefst dankbar für all die erlebnisreichen Exkursionen in die DACH-Region, wie die Reiseprofis, zu denen ich mich nicht zähle, dazu sagen würden.
Am Geburtstag sogar mit dem Wunschtrupp auf dem Wunschgipfel gestanden, ohnehin ein Jahr der Freundschaft in vielerlei Hinsicht, der kriselnden & zerbröselnden sowie der neuen & altbewährten, die momentan so zahlreich eintrudelnden Care-Pakete sprechen eindeutig für eine Tendenz zur letztgenannten Kategorie, und ich möchte den wohlmeinenden, spendablen und kreativen Absendern an dieser Stelle erneut meinen innigsten Dank aussprechen.
Ich liebe Geschenke, sogar die mit verkehrtem Apostroph!

(Und wehe, dieser neue Mist-Editor in WordPress verpfuscht mir jetzt wieder die Bildergalerie, falls doch, geben Sie bitte kurz Bescheid.)

 

Himmel der Bayern (88): Mit der Lütten zu den Bütten.

Große Hunderunde bei Gmund: Weil das Dackelfräulein ausgeführt werden muss und weil vor dem Besuch beim Papa ein paar erfreuliche Eindrücke getankt werden sollen, um für die, die einen dann dort ereilen werden, besser gewappnet zu sein. Der zweite Lockdown (und überhaupt dieses ganze Jahr) hinterlässt so seine Spuren im Leben eines Parkinsonkranken.

Von Gmund-Seeglas den Uferweg entlang, inklusive Hundestrandbesuch, dann hinauf nach Elend, weiter über Niemandsbichl und von dort via Louisenthal zurück nach Gmund.

Muss ja nicht immer ein Berg sein, See und Hügelland sind auch mal schön. Und die Büttenpapierfabrik erst!

Abends dann Formularausfüllhilfe, Krankengeschichtsupdate, Haushaltsprobleme, Coronathemen und die unvermeidliche Weihnachtsfrage mit der altbekannten Antwort.

Das Fräulein guckt derweil genüsslich Hundefernsehen – so einen fetten Martinibraten bekommt sie daheim schließlich nie zu sehen.

Nach fünf Stunden dröhnt mein Kopf von all dem Besprochenen und der immer lauter werdenden Lebensgefährtin des Papas. Wie hält er das nur den ganzen Tag aus?

Als ich aufbreche, trete ich im dunklen Garten auf einen toten Igel und muss heulen.

Wollwurst statt Weißwurst! Eine Kampagne gegen die Kälte.

What a worst! – wie Helge Schneider es einst so treffend formulierte.

Zur Weißwurstfrühstückszeit spazieren wir gestern nach Weißach in die Hundebutike den Haustierhandel. Die Besitzerin erinnert sich sofort an mich und holt unter der Ladentheke die drei zurückgelegten Mäntel hervor und geleitet Pippa zum „Anprobier-Podest“. Ungünstigerweise ist das nur durch einen Flur zu erreichen, in dem auf Hundenasenhöhe (sagen wir mal: der eines Beagles, was aber auch einen Dackel nicht abhält, diese Höhe durch Halsrecken zu erreichen) ca. 10 riesige, offene Kartons mit allerlei Leckereien stehen, Sie wissen schon, diese Kisten, aus denen man sich seinen Mischun selbst zusammenstellen kann, jedenfalls eine saublöde Idee, so einen Verlockungsparcours zu errichten, weil der daran vorbeigeführte Hund natürlich gleich noch unwilliger ist, sich anschließend, immer noch in Riechweite der Tröge!, auf ein kleines, gepolstertes Podest hieven zu lassen, um dort diverse Klamotten über den Kopf gezogen zu bekommen.

Pippa zappelt also ordentlich herum, während die Verkäuferin langsam ins Schwitzen gerät, bei dem Versuch, den Lodenmantel an der wackelnden Wurst zu justieren.
Der Mantel sieht gut aus, ist auch von bester Qualität, aber preislich eher was für die Sorte Hundehalter, die hier in Villen haust und deren Hunde wahrscheinlich ganzjährig frieren, weil sie meist nur an der Seepromenade ausgeführt werden.
Das zweite Modell (innen Wolle, außen Kunststoff, dazwischen Goretex) scheidet am lebenden Subjekt sofort aus, es ist zu starr und sperrig, das Fräulein hätte darin nicht genug Bewegungsfreiheit.
Der dritte (und letzte) Versuch ist ein Exemplar von Hunter (nomen hoffentlich non est omen) und passt beinahe wie angegossen. Beinahe, weil der Pulli hinten, zur Rute hin, ein kleines Stück länger sein dürfte, aber die größere Größe schlabbert dann um den Körper herum zu sehr, was ja nicht Sinn der Sache wäre. „Eine sehr schlanke Lady haben Sie da„, kommentiert die Verkäuferin die sich im Wollpullover windende Pippa. „Ja“ , sage ich, „und jetzt habe ich eine kleine Wollwurst!“

Wir nehmen die kleinere Größe; die Farbwahl ist dann denkbar einfach, da es das Teil nur in nutshell oder lambwhite gibt (wer, so frage ich mich, kauft seinem Hund cremeweiße Klamotten? vermutlich auch die Seepromenadenfraktion…). Da so ein wollener Pullover natürlich nichts für eiskalte oder nasse Tage ist, wird zusätzlich noch eine Maßanfertigung für einen wasserdichten Zweitmantel bestellt, aber für trockene, kalte Tage scheint mir der Wollpulli eine gute Wahl zu sein.

Mit dem Nusschalenjäger im Rucksack verlassen wir den Laden eine halbe Stunde später wieder, natürlich nicht, ohne en passant ein paar Knabbereien aus den Kartons gemopst zu haben. Die Verkäuferin zwinkert dazu, klar doch, genau so funktioniert ja Kundenbindung (über dem Eingang prangt schließlich auch ein Schild mit der Aufschrift: „Hier ist der Hund König„, haha).

Das Fräulein blickt eher wenig königlich drein als ich sie vor dem Einsteigen ins Auto erneut in die Wollpelle stecke, aber was sein muss, muss sein. Nun steht einer kleinen Bergtour als Testlauf nichts mehr im Wege.

Und siehe da, schon nach wenigen Metern auf dem Wanderweg ist klar: die Wollwurst fühlt sich pudelwohl. Kein gekrümmter Rücken mehr, keine Bewegungsunlust, kein unglückliches Geschau, kein erbärmliches Gezitter. Wie wunderbar.

Gönnen wir uns also gleich ein kleines Experiment und gehen erstmals einen Weg, der von der Gemeinde seit Jahren als Sackgasse ausgewiesen ist, in meiner Wanderkarte aber als alter Jägersteig markiert ist. Bin ich nun jahrelang brav dran vorbeigelaufen, diesmal wagen wir es und biegen genau dort ab.

Der alte Jägersteig erweist sich als einsamer Pfad durch schönsten Bergwald, im bunten Laub rascheln wir serpentinenweise aufwärts und genießen die klare Luft und die schönen Ausblicke hinüber zum Wallberg.

Waldi (watching Wallberg).

Nach einer Stunde verliert sich der Pfad allmählich bzw. wird von einem Teppich aus Buchenblätter-Schnee-Mix verdeckt.
Ich muss mich nun ganz aufs Dackelfräulein verlassen, die vor mir herläuft, immer mit der Nase am Boden, und den Weg zu wissen scheint (in 99% der Fälle irrt sie auch nicht). Hoffen wir’s einfach mal, dass sie der Spur der Jägersohle folgt!

Keine Markierungen, nirgends, nur die Hundenase, die den Weg findet.

Die kleine Pfadfinderin macht ihre Sache ausgezeichnet – irgendwann gelangen wir aus dem Wald hinaus und im Schnee, auf der freiliegenden Kuppe kurz vor dem Gipfelanstieg zur Baumgartenschneid, ist der Weg auch für Menschen wieder einwandfrei zu erkennen.

Die Wollwurstpelle kann jetzt abgelegt werden, denn ohne tobt es sich besser durch den Schnee, und außerdem hat sich die Hundedame längst warmgelaufen.

Auf den letzten Metern hinauf zur Baumgartenschneid staune ich nicht schlecht über die Fernsicht, die sich von dort oben bietet.
Aus einer albernen Alpinistenarroganz heraus gehörte sie bislang zu den Bergtouren, die ich stets ausgelassen habe, wenn ich in der Tegernseer Region unterwegs war, denn drumherum stehen etliche prominentere und (vermeintlich) spektakulärere Berge, die ich vorzog.

Dabei entpuppt es sich oft als spektakulärer, auch mal den Kandidaten in der zweiten Reihe eine Chance zu geben (worauf manch einer ja auch in Sachen Partnerwahl schwört, wie man immer wieder hört), erst recht seit Beginn dieser Pandemie, denn dort ist weniger bis gar nichts los (ob das auch für Wochenenden so gilt, vermag ich nicht einzuschätzen, weil wir da prinzipiell nicht mehr ausfliegen) und das Gesamterlebnis daher umso nachhaltiger.

Beim Abstieg lassen wir den alten Jägersteig links liegen und laufen Richtung Riederstein, wo wir bei der winzigen Bergkapelle noch kurz den Blick ins Tal mitnehmen, nur kurz, weil Pippa diesen Ort nicht leiden kann, jenseits des Geländers geht’s nämlich dermaßen steil hinab und so beschloss sie schon vor Jahren, sich dort nur noch für ein paar Sekunden aufzuhalten, erst recht, wenn die kleine Loge bereits von einem Kollegen belegt ist, der durch treuherziges Gucken auch noch zwei Hundekekse abstaubt.

Noch eine Viertelstunde den Kreuzweg runter und dann gibt’s endlich die wohlverdiente Pause samt Feierabendbier, zwischenzeitlich sind wir gut drei Stunden unterwegs.

Das Dackelfräulein probiert nun meinen Mantel aus, denn trotz Liegeplatz auf der gepolsterten Sitzbank (freilich auf eigener, mitgeschleppter Matte) wird es empfindlich frisch, als die Sonne sich hinter die Tannen zurückzieht.

Nach einem Plausch mit der Wirtin, die alle paar Minuten sorgenvoll auf ihr Handy schaut oder zur vollen Stunde „an Radio oschoid“ , um die Beschlüsse der Regierung, die die Gastronomie betreffen werden, druckfrisch mitzubekommen – sie hatten sich wirtschaftlich gerade ein wenig erholt von den Folgen des ersten Lockdowns -, packen wir zusammen und wandern zum Parkplatz zurück.

Abstieg von der Galaun.

Im Auto angekommen schalte auch ich den Radio ein, nehme zur Kenntnis, was ab Montag alles nicht mehr geht, weil es eben leider, leider anders nicht ging, bin traurig, dass wieder schwimmbadlose Wochen bevorstehen, bin froh um diesen für längere Zeit letzten Bergtag inklusive Bewirtung, um die Sonne, die sich gelegentlich zeigte, um meinen kleinen Hund, der nicht mehr friert und um die Ruhe, die wir hier tanken konnten, bevor es am Donnerstagabend wieder zurück geht in die große Stadt mit ihrer 122er-Inzidenz (ein Wert, neulich noch als katastrophal klassifiziert, mittlerweile längst moderates Mittelfeld).

Vor Sonnenuntergang greift Sisyphos nochmal beherzt zur Harke…

…wohl wissend, dass das letzte Foto nichts weiter sein wird als eine Momentaufnahme von diesem schönen Abend im Tal.

Das Gereche rächt sich noch am selben Abend erneut mit Rückenschmerzen, ich plädiere daher für eine sofortige Umbennung des zugehörigen Gartengeräts in „Rächen“ und verabschiede mich mit dieser profanen Randnotiz in einen kleinen persönlichen Lockdown.

Bis die Tage & bleiben Sie gesund und munter!

Zwischen Lodenmantel und Laubhaufen oder: Das Landleben.

Seit 36 Stunden spiele ich Hausbesitzer.
Mit dem (Zwischen-)Fazit, dass es zwar großartig ist, mal ganz allein in diesem Haus zu wohnen (der morgendliche Blick aus dem Dachstudio auf den verschneiten Wallberg kommt mir gleich noch schöner vor, wenn ich weiß, dass mich im Erdgeschoss keine Dauerbeschallung erwartet) – ertappe mich sogar bei dem Gedanken, was ich hier alles verändern könnte, wenn ich die Hütte erben würde (unnütze Fantasterein, da die Immobilie ja nicht dem Papa gehört) – dass ich summa summarum aber einen miserablen Hausbesitzer abgäbe.

Ständig diese Lauferei, weil irgendeine Utensilie im Dachgeschoss liegt, man selbst aber gerade im Keller steht und genau dieses Trumm jetzt braucht, man ist dauernd am Überlegen und Herumschleppen (oder legt sich das Zeug, das hoch/runter muss für den nächsten Gang an den Treppenabsatz, hätte ich das täglich, so würde mir das wohl einen erheblichen Teil meiner Energie rauben, die ich doch lieber am Berg oder im Wasser auslebe als in einem Haus), oder die alltägliche Instandhaltung, die vier Wohnebenen halt so mit sich bringen (dabei ist das hier noch nicht mal ein großes Haus), und dann: der Garten (und auch der ist nicht mal allzu groß).

Als ich den thermalbadenden Papa in Italien anrufe und frage, ob ich, wenn ich denn schon hier reisidiere, damit daheim in München der Badewannenlack trocknen kann, irgendwas erledigen könne (neben dem Einkauf von ein paar Vorräten, damit die beiden Heimkehrer in ihrer Quarantäne was zu Essen haben), erwähnt er den Ahornbaum im Garten bzw. das Laub, dessen er sich entledigt hat. „Du könntest das Laub ein bisschen zusammenrechen und zur Hecke hin schieben“ , meint er, und ich sage fröhlich und pflichtbewusst: „Ja, mach ich doch gern!“ . Ich mache es auch, allerdings schon nach den ersten 60 Minuten nicht mehr gern, sondern mit zunehmendem Ziehen im unteren Rücken, und nach 75 Minuten – zwischenzeitlich ist es dunkel geworden – dann so ungern, dass ich den Laubhaufen erstmal neben dem Sandkastenhäuschen liegen lasse und ihm eine gute Nacht wünsche.

Nur das Draußensein bei dieser Tätigkeit, das gefällt mir sehr, und auch den Geruch der Blätter und das Vogelgezwitscher mag ich. Der Laubhaufen kommt mir riesig vor, dabei ist der Ahorn noch nicht mal komplett nackt und ich noch nicht mal komplett fertig mit dem Zusammenrechen – meine Güte, was für Blättermengen man da zu bewältigen hat wegen eines einzigen Baumes.
Bevor ich morgen Abend abreise, werde ich mein Rechenwerk noch vollenden, denn frustrierenderweise hat der Baum über Nacht schon wieder für ordentlich Nachschub gesorgt und bis morgen liegt sicher erneut die ganze Wiese voller Laub.

Was mir am Haushaben aber ausnehmend gut gefällt: keine antiautoritär erzogenen und tagsüber körperlich nicht ausgelasteten Nachbarskinder trampeln einem täglich morgens ab 6:45 Uhr auf dem Kopf herum oder nerven einen ein verregnetes Wochenende lang ununterbrochen mit ihrem Geplärre und Gepolter (fairerweise muss ich dazu sagen: auch die Eltern dieser Kinder nerven – sie hat ein Lachen, das so unecht und schrill ist, dass ich mich immer frage, ob das nicht im Hals oder in den Bronchien weh tut, so zu lachen, er ist überarbeiteter und permanent müde dreinblickender Pneumologe, wahrscheinlich flüchtet er sich wegen des Lachens seiner Frau in die Praxis und schiebt dort freiwillig Corona-Sonderschichten, wenigstens packt er ab und zu seine zwei Racker und geht mit ihnen zum Radfahren, die Mutter scheint eher die inhäusige Beschäftigung oder das Laissez-faire zu bevorzugen).

Und was auch fein ist an einem Haus: der private Zugang zur Tiefgarage durch den eigenen Keller. Ein Traum! Niemanden treffen zu müssen, den man nicht treffen wil, wenn man los will, kein unnötiger Austausch von Floskeln in Treppenhäusern, keine Höflichkeitsantworten auf dämliche Verlegenheitsfragen wie „Naaaa, alles gut bei euch?“ (und probieren Sie das bloß nicht aus, wie Ihre Nachbarn Sie angucken, wenn Sie mal antworten: „Neiiiiiiin, alles scheiße bei uns!“ , auch wenn die Tatsache, diesen Satz gesagt zu haben, Sie für den Rest des Tages mit einer Heiterkeitsschicht gegen alles, was da an Nachbarschaftskram noch kommen mag, imprägniert).
Ich mag das Diskrete, das Unaufdringliche, für mich liegt eindeutig mehr Höflichkeit darin, sich einfach nur freundlich grüßen zu dürfen/können, aber nichts weiter reden zu müssen, wenn man das gerade nicht kann/möchte.

Hätte ich ein Haus, so müsste es daher ein freistehendes sein, mit so viel Abstandswiese bis zum nächsten Gebäude, dass man nie über Laub, Grillgestank, Gartenpartys, Trampolinquietschen, Andreas-Gabalier-Songs, Hundegebell oder Kinderkreischen streiten müsste.
Gern auch gleich mit einem Waldstück oder Hügel als Diskretionswall dazwischen. Außerdem ein Haus mit freiem Blick auf unverbaute Natur, beispieslweise auf die Berge oder weite Felder oder auf einen See.
Das vereinfacht das ganze Thema enorm: von sowas kann man in Oberbayern in aller Ruhe weiterhin träumen und braucht nicht wertvolle Lebenszeit damit verplempern, sich über Eigenheimfinanzierung den Kopf zu zerbrechen (dasselbe gilt für den Wohnungskauf in all den Regionen, in denen wir gerne wohnen würden). Auch das durchaus ein Aspekt von Freiheit!
Seit Beginn der Pandemie explodieren hier die Immobilienpreise auch in den ländlichen Gegenden noch mehr als zuvor – wer kann, kauft sich ein Distanzrefugium inklusive Gartenglück und Virenvakuum.

Der gestrige Dienstag beginnt recht bewölkt und eiskalt…

Blick vom Esstisch auf den Ringberg.

…und nach einem Arbeitsvormittag am Laptop fliegen das Fräulein und ich ins Kreuther Tal aus. Wenn es von Gmund bis Rottach wolkenverhangen ist, hat sich die Sonne manchmal nur nicht hinter dem Hirschberg hervorgetraut, es lohnt sich also meist, der Weißach ein Stück gen Süden zu folgen und dort auf besseres Wetter zu hoffen.

Auf dem Weg nach Kreuth, mit Blick auf auf den verschneiten Blaubergkamm.

Eine Hoffnung, die sich erst im Laufe unserer kleinen Wanderung erfüllen wird.

Was dann auch nichts mehr hilft, denn bis dahin mussten wir zusehen, dass es uns durch Bewegung einigermaßen warm wird oder uns vom Kachelofen in der Schwarztennalm wärmen lassen.

Das Dackelfräulein ist nicht gut beieinander. Irgendwas ist anders, ihr Gangbild wirkt unrund, ihre Stimmung ebenso, nach über acht Jahren Zusammenleben sieht man’s dem Tier ja schon am Blick an, wenn irgendwas nicht stimmt, sogar wenn das Tier einen Dackelblick hat, mit dem es einen nicht selten auch gehörig hinters Licht führt.
In der Almhütte angekommen, setze ich sie samt ihrer Matte neben mir auf die Bank und denke über ihr verändertes Verhalten nach. Magen-Darm? Post-Läufigkeits-Erschöpfung? Schneematsch?

Leergefegter Parkplatz bei Kreuth-Klamm.

Auf dem Rückweg zum Parkplatz fällt dann endlich der Groschen. In der ersten Viertelstunde läuft sie haklig vor mir her, teilweise mit leicht gekrümmtem Rücken. Als ich kurz stehenbleibe, um mir ein Taschentuch aus meinem Rucksack zu holen, sehe ich, wie sie abwechselnd die Vorderpfoten hebt und zittert.
Das ist völlig neu, um diese Jahreszeit und in so einer Situation. Gefroren hat sie bislang, wenn es richtig winterlich war, unter null Grad hatte und wir lange in der Kälte unterwegs waren.

Nun, da sie demnächst 9 Jahre alt wird, hat sich etwas verändert. Ein schleichender Prozess war bzw. ist das. Genau wie die Sache mit den eigenen Falten und grauen Haaren und all den anderen kleinen Zipperlein: man bemerkt es nicht sofort, sondern es dauert, bis man das als etwas registriert, das jetzt da ist und das auch dableibt.
Pippa saust schon länger nicht mehr gar so agil los, sobald sie aus dem Auto aussteigt, nach wie vor ist sie eine gute und ausdauernde Geherin, aber wenn sie erst einmal ins Frieren geraten ist, bedarf es einiger Zusatzbewegung, bis sie wieder warm wird, womit sie sich dann aber auf eine Weise auspowert, die ihr – je nach Witterung und Temperatur – nicht mehr bekommt. Der Gatte mag es nicht, wenn ich sage „Das ist das Alter!“ , aber was soll man denn sonst sagen? Es ist das Alter!

Und so bin ich tief betroffen, dass ich wohl schon ein paarmal diesen kleinen, tapferen Hund zu lang durch die Kälte gescheucht haben könnte, in dieser Saison und vielleicht auch schon in der letzten. Die Sitzheizung auf der Rückbank war genau die richtige Entscheidung, nur sollte die auch nicht dazu dienen, das durchfrorene Fräulein nun regelmäßig nach Spazierrunden aufzutauen, sondern wir brauchen eine Lösung fürs Unterwegssein in der Kälte, weshalb ich gleich auf der Heimfahrt noch bei einem Geschäft für Tierbedarf (ich meide das Wort „Hundeboutique“) anhalte und mich eine halbe Stunde zu wärmeisolierenden, wasserabweisenden Hundemänteln beraten lasse. Leider sitzt Pippa spotzdreckig im Auto und kann die Schutzkleidung nicht gleich anprobieren, ich lasse drei Teile zurücklegen für den heutigen Mittwochvormittag. Vielleicht wird es ein Stück aus Loden, ist mir wurscht, ob da jetzt irgendwer den Kopf schüttelt und spottet – ich möchte keinen Plastikschrott kaufen, sondern was Vernünftiges, das meine kleine Hundedame für den Rest ihres Lebens warmhält.

Sollten wir fündig werden, geht’s danach gleich hoch auf die Baumgartenschneid. Wenn nichts Passendes dabei ist, schlurfen wir an der Seepromenade entlang und setzen uns ein bisschen ins Café.
So lange man noch in Cafés gehen kann, wobei mir mein Schwimmbad deutlich mehr fehlen wird, man kann ja nun leider schon aus Erfahrung sprechen.

Umso wichtiger, dieser Mantelkauf, denn es wird in jeder Hinsicht ein langer, kalter Winter.