Himmel der Bayern (30): 3x weiß & blau. 

Tougher than the rest.

Der großartige Oktober hat sich in Bayern ein letztes Mal von seiner zähen Seite gezeigt…


…und gestattete es, nach dem Weißwurstfrühstück beim Papa am Tegernsee nochmal bei T-Shirt-Wetter ein Stück in die Höhe zu gehen…


…wenn’s auch mehr ein Bergspaziergang als ’ne richtige Tour war.

Eine Belohnung gab es trotzdem!

Und während man da so sitzt und schaut und lauscht und denkt, kommt der Hüttenwirt hochgefahren und montiert bei bester Musik seinen Anhänger ab, dreht ihn um und parkt ihn genau am Rande meines Blickfelds.

Natürlich rufe ich rüber, ob die letzte Zeile der Aufschrift das ist, wofür ich sie halte – und: jawohl, das ist sie. Sofort ist man im Gespräch über Mannheim 2007, Frankfurt 2009,  Leipzig 2013, München 2016 und überhaupt.
Ein schöner Moment der Verbundenheit!

Dieses Foto ist für euch – Marko, Sori, Peter, Helen, Thorsten und all die anderen, die verstehen, dass ein Fan-Herz in solchen Momenten freudvoll hüpft!

Mit dieser Mega-Schnulze verabschiede ich mich in die wohlverdiente Nachtruhe, träume von den 1980er-Jahren, als Bruce und Patti noch aussahen wie frisch dem High-School-Abschlussball entsprungen und ich mich gerade beim Sommerferienjob in Lenggries in einen Kölner verliebt hatte.

Eine gute Nacht & greetings from a land of hope and dreams!
Die Kraulquappe.

Der Identitätsrausch oder: Lachende Hunde.

Dauerregen in München. 

12 Grad, ein leeres, bestens beschwimmbares Freibad, danach ein Saunagang, den die vom Berggang strapazierte Muskulatur dankbar annimmt. Ins Frotteetuch eingewickelt lesen.

Mit Tränen in den Augen muss ich die Lektüre beiseite legen.

„Gern, wenn ich, auf meinem Stuhl in der Mauerecke des Gartens oder draußen im Gras, den Rücken an einen bevorzugten Baum gelehnt, in einem Buch lese, unterbreche ich mich in meiner geistigen Beschäftigung, um etwas mit Bauschan zu sprechen und zu spielen. Was ich denn zu ihm spreche? Meist sage ich ihm seinen Namen vor, den Laut, der ihn unter allen am meisten angeht, weil er ihn selbst bezeichnet, und der darum auf sein ganzes Wesen elektrisierend wirkt – stachle und befeuere sein Ichgefühl, indem ich ihm mit verschiedener Betonung versichere und recht zu bedenken gebe, daß er Bauschan heißt und ist; und wenn ich dies eine Weile fortsetze, kann ich ihn dadurch in eine wahre Verzückung, eine Art von Identitätsrausch versetzen, so daß er anfängt, sich um sich selber zu drehen und aus der stolzen Bedrängnis seiner Brust laut und jubelnd gen Himmel zu bellen. Oder wir unterhalten uns, indem ich ihm auf die Nade stupse, und er nach meiner Hand schnappt wie nach einer Fliege. Dies bringt uns beide zum Lachen – ja, auch Bauschan muß lachen, und das ist für mich, der ebenfalls lacht, der wunderlichste und rührendste Anblick von der Welt. Es ist ergreifend zu sehen, wie unter dem Reiz der Neckerei es um seine Mundwinkel, in seiner tierisch hageren Wange, zuckt und ruckt, wie in der schwärzlichen Miene der Kreatur der physiognomische Ausdruck des menschlichen Lachens oder doch ein trüber, unbeholfener und melancholischer Abglanz davon erscheint, wieder verschwindet, um den Merkmalen der Erschrockenheit und Verlegenheit Platz zu machen, und abermals zerrend hervortritt… Aber ich will hier abbrechen und mich nicht weiter in Einzelheiten verlieren. Ohnedies macht der Umfang mir Sorge, den diese kleine Beschreibung ganz gegen mein Vorhaben anzunehmen droht.“

[Aus: Thomas Mann, „Herr und Hund. Ein Idyll.“]

Pippa meets Bauschan. Gmund am Tegernsee, im Juni 2017.

It’s raining cats and dogs.

Den dritten Tag in Folge ist alles grau in grau, nasskalt, verregnet. Keinen Hund möchte man da vor die Tür scheuchen (und sich selbst erst recht nicht).

Perfektes Steuererklärungswetter, da ich aber in einer zurückliegenden Regenphase schon vorgearbeitet hatte, ging das nun erstaunlich flott.

Ideale Witterung auch für Freibadbesuche während der bayerischen Sommerferien – man kann im menschenleeren Becken ausgiebig an der Technik feilen, wenn das Thermometer nur schlappe 13 Grad anzeigt.

Ebenfalls eignet sich so eine Auszeit, die der Sommer sich mal wieder nimmt, hervorragend zum Ausprobieren neuer Herbstrezepte: die Kürbis-Mangold-Lasagne gestern war ein Traum. Und zwar ein so großer, dass wir ihn nach der Rückkehr des Gatten vom DFB-Pokal-Glotz-und-Besprech-Nachmittag beim Nachbarn gleich weiterträumen werden, bevor wir dann zur 4. Abendsitzung in Folge auf die Couch sinken, um uns ganz „Elementary“ hinzugeben (nein, kein erotikbefeuerndes Spiel für Paare, sondern unser aktueller Serien-Favorit, in der 3. Staffel).

Oder man liest die Geschichten, die man selbst erlebt und verfasst hat…

…als einen noch die Sommersonne auf der Haut kitzelte und die Bergluft durch Haar und Fell blies.

Die neue WUFF wartet sogar schon mit Herbst- und Winterthemen auf…

… so dass sich die Lektüre auch für all jene lohnt, die an einem verregneten Wochenende gern mal die Stricknadel schwingen (oder Perücken basteln). Cuique suum.

Herzlich grüßt euch

Die Kraulquappe.

Hinauf.

Wenn da unten mal wieder etliche Wege verstellt sind, bleibt ja nur der Weg nach oben.

Ein kurzer Gruß aus der Blogpause!

Kucken, knipsen, kritzeln.

Hier gibt’s jetzt mal ein Weilchen nix zu gucken oder kucken…

… die Kraulquappe ist arbeitend und schauend unterwegs …

… und legt eine kleine Blog-Pause ein.

Euch allen schöne Pfingst(feri)en und möglichst viele sonnige Tage, innen & außen!

Lebensgeister.

Die alte Wohnung ist übergeben, die letzte Kiste ausgepackt, die Vorstellungsrunde bei den neuen Nachbarn absolviert. 

Einstandskekse für die Nachbarn.

Das Leben kann also endlich wieder vollständig fernab von Rumräumen und -werkeln weitergehen. 

Heute: Tegernsee-Tour, Teil 2. 

Drei Hundestrände besucht, zwei Panoramawege abmarschiert, eine Almwirtschaft leergetrunken (Schorle!). 

Den Großteil der gehfreien Zeit dagesessen und geschaut. 

Den Hund angeschaut – wie sie sich erfreut (die Wiesen, die Gerüche!), erfrischt (das Wasser, die Wellen!), echauffiert (der überflüssige, stylishe Chihuahua!). 

Sie ist mir so wertvoll, diese wunderbare Zeit mit dem Hund, „(…) die mich zerstreut und erheitert, die mir die Lebensgeister weckt und mich für den Rest des Tages, an dem noch manches zu leisten ist, wieder instand setzt.“

[Aus: Thomas Mann, „Herr und Hund. Ein Idyll.“]

Thomas-Mann-Skulptur an der Gmunder Mangfallbrücke.

Pippa beschnuppert Bauschan.

Komischer Köter, warum will der nicht spielen?

Schönes Fleckchen, da in Gmund, am Lago di Bonzo, wo man auch sehr preiswert mit der eigenen Brotzeitdose am Hundestrand im Kies rumlümmeln kann, mal ein Stöckchen wirft, mal eine Notiz anfertigt, mal ein paar Seiten liest.

„Für meine Person bekenne ich gern, (…) daß wahre Versunkenheit, wahres Selbstvergessen, die rechte Hinlösung des eigenen beschränkten Seins in das allgemeine mir nur in dieser Anschauung gewährt ist. Sie kann mich  (…) in einen Zustand so tiefer organischer Träumerei, so weiter Abwesenheit von mir selbst versetzen, daß jedes Zeitgefühl mir abhanden kommt (…), da Stunden in solcher Vereinigung und Gesellschaft mir wie Minuten vergehen.“

Und – schwupps! – ist er rum, der Tag. 

Noch schnell den Papa besucht, uns verköstigen lassen und so dem abendlichen Regenguss entkommen. 

Die von den 90 Umzugskartons etwas zerdrückten Lebensgeister sind wohl allmählich zurück.

Einen schönen Mai-Ausklang wünscht 

Die Kraulquappe. 

Song des Tages (9).

Warmmachen für den nächsten Beitrag.

Arbeitstitel: Was hat der Lago di Bonzo urlaubenden Hunde zu bieten?

Hurra – ein ganzes Ufer für mich allein!

In einem der saubersten Seen Bayerns plantschen, während sich Herrchen und Frauchen an der Wiesseer Skulpturen-Promenade von der Muse küssen lassen?

Nicht ganz wie Kopenhagens Kleine Meerjungfrau, aber mei!

Auf eine Chance hoffen, dem Ex-Captain des FC Bayerns das Leder abzujagen? Einen norddeutschen Pudelrüden aufreißen, der auf Besuch bei Frauchen im Medical Park ist?
Unter einem der schattigen Tische im Bräustüberl geduldig aushaaren, bis man ein Stück Bierbratl ergattert?

Aus der Serie „Dackelbadewannen“. Hier: Vor dem Tegernseer Bräustüberl.

Pippa besucht am Tegernsee in erster Linie ihren Opi. Der schießt zwar keinen Fußball mehr, bietet aber stets genug Schatten, Schutz und Schmankerl. Aber das taugt nicht wirklich als Tipp für andere Hundehalter.

Pippa und ihr „Opi“.

Mir wird schon noch was einfallen. Nächste Woche, nächster Anlauf.

War jedenfalls ein schöner Tag mit meinem Papa. Vorgezogener Vatertag quasi, da uns so eine Katastrophe wie 2016 nicht mehr passieren wird: Völkerwanderung zur Alm, 45 Min Anstehen für 2 Stück Kuchen, lauter besoffene Mountainbikevätertrupps um uns herum.

Abends dann nach 10 Jahren regelmäßiger Aufenthalte am Tegernsee zufällig festgestellt, dass es dort ein Freibad mit 50-Meter-Becken gibt. Wie konnte mir das entgehen? Blind vor lauter Vorurteilen („Das haben die bei dem Altersdurchschnitt eh nicht“)? Hätte man da nicht 1x in 10 Jahren wirklich gründlich recherchieren können? Unfassbar! Schönste Sportschwimmerbahnen, nix los, Wallbergblick beim Rückenschwimmen, ja toll!

Leider komme ich bislang weder einen Tag lang in Ruhe zum Arbeiten, noch ausreichend zum Fotografieren oder Nachdenken. Dafür hat mir der Handwerker, der hier gestern 7 Stunden geschuftet hat (unter anderem haben wir jetzt Licht!), am Ende des gemeinsamen Arbeitsmarathons die Hand gedrückt und gemeint, er nähme mich jederzeit als Assistenz mit. Denselben Satz habe ich doch schon vor 4 Wochen vom Schreiner gehört…?

Vielleicht wäre das ja eine Karriereoption. Am Ende des Tages zu sehen, was man geschafft hat – das hat schon was. Genug Bewegung hätte man dabei auch. Und abends den Kopf so leer, dass einem eh nicht mehr einfiele, was man sonst noch so wollte oder wollen könnte, wenn man nicht so dermaßen müde und geschafft wäre.

Erleuchtet und erschöpft grüßt
Die Kraulquappe (beinahe fertig mit dem Projekt „Umzug“).

Himmel der Bayern (19): Monte & mare.

Tegernseer Sonnenterrasse

Kraulquappenflossen im See

Nach einem Aperol oder zwei ist’s voll das Matterhorn!

„Begleitperson an runden Geburtstagen“ ist ein cooler Job. 🙂

Einen sonnigen Wochenbeginn wünscht 

Die Kraulquappe.

In the wink of an eye oder: Notfälle.

Es muss in den Sommerferien 1989 gewesen sein, ich war also 17. Unterwegs auf einer Interrailreise hatten meine Freundin und ich zwei Jungs aus Hamburg kennengelernt, man schlenderte zu viert durch Paris, tauschte Adressen aus, nahm überschwänglich Abschied. Ich erwischte den Schreibfreudigeren der beiden (und auch den, der Motorrad fuhr) und nach einigen Briefwechseln erstritt ich mir zuhause die Erlaubnis, ihn noch kurz vor Ferienende besuchen zu dürfen.
Damals hatte ich vom Leben noch eine Vorstellung wie sie mir aus den Sha-la-la-la-Songs von Bruce Springsteen oder Van Morrison entgegenschwappte. Unternehmungslustige Kerle mit Chopper, Tiefgang, schöner Handschrift, einer Prise Poesie und den richtigen Schallplatten im Regal standen bei mir verdammt hoch im Kurs.

Für den Papa standen zeitgleich meine Sicherheit und Unversehrtheit umso höher im Kurs. Es war ebenfalls der Sommer 1989, in dem er mir zum Geburtstag meine erste Kreditkarte schenkte. Eine Zweitkarte auf sein Konto. „Für den Notfall!“ – mit diesen Worten überreichte er sie mir. Ich fühlte mich unglaublich erwachsen und frei wie der Wind als ich gemeinsam mit der neuen VISA-Card (damaliger Slogan: „Die Freiheit nehm‘ ich mir!“) im Intercity nach Hamburg zu P. reiste.

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Mein neuer Brieffreund holte mich am Bahnhof ab, ich wurde den Eltern vorgestellt und bezog deren winziges Gästezimmer im Souterrain des Hauses in einem Hamburger Vorort. Noch am selben Abend brausten wir mit der Yamaha nach Hamburg. Ein laues Sommerlüftchen wehte uns um die Nasen, bis sich ein unangenehmer Geruch hinzumischte, den ich sogleich ebenso unwirsch wie naiv als Abgasgeruch abtat, um mir ja von nichts den perfekten Ausritt verderben zu lassen.

Bis ich vom Soziussitz abstieg. Und nicht mehr vernünftig laufen konnte, weil die dicke Sohle meines Turnschuhs an der Ferse halbmondartig ausgefräst war. Mein rechter Stiefel hatte die Spritztour nicht auf der Fußraste verbracht, sondern auf dem Auspuffrohr, dessen Chrom nun nicht mehr glänzte, sondern gummiverschmiert stank.

So humpelte ich dann recht unerwachsen über den Jungfernstieg, mit meinem kaputten Turnschuh. Mein schmales Reisebudget erlaubte definitiv keinen Schuhkauf. Da erinnerte ich mich der VISA-Card in meinem Portemonnaie und beschloss: Es handelte sich ganz klar um einen Notfall. Wir gingen ins nächstbeste Sportgeschäft und ich kaufte mit der Kreditkarte des Papas neue Schuhe. Sogar gleich noch robustere und motorradtauglichere Stiefel – wenn schon, denn schon!

Wieder zurück in München gab es natürlich Ärger und eine längere Diskussion über die Definition von „Notfall“. Die väterliche Auslegung dieses Begriffs unterschied sich fundamental von der meinen (durch Unachtsamkeit auf dem Auspuff „irgendeines Knilches“ verschmorte Sohlen gehörten seiner Ansicht nach z.B. ganz klar nicht in diese Rubrik). Derartige Differenzen sollten fast bis zum Ende meines Studiums – so lange besaß ich diese Zweitkarte – bestehen bleiben. Genauso wie ihr ewig gleiches Ergebnis: Wir debattierten pro Jahr 1-2x über „Notfälle“, aber jedes Mal ziemlich konsequenzenlos.

Das Leben mündete damals unaufhaltsam in eine Phase, in der ich mein eigenes Geld verdienen und meine Notfälle weitestgehend selbst ausbaden musste. Die Sha-la-la-la-Zeiten waren mehr oder weniger vorbei. Parallel dazu reduzierten sich auch die Diskrepanzen zwischen meiner Notfalldefinition und der des Papas auf ein Minimum.

Überhaupt waren das damals die Jahre, in denen wir am allermeisten teilten: nahezu jede Feier zu Geburtstagen und Silvester, die Freundeskreise, viele Bergtouren und Konzerte, Unmengen an Zigaretten und Bier, ein paar Reisen und in den Semesterferien sogar sein Büro und seine Wohnung.

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Gestern habe ich den Papa am Tegernsee besucht. Nach fast zweijährigem Drängen und Anschieben haben wir jetzt seine Vorsorgevollmacht und Patientenverfügung unter Dach und Fach gebracht. Alles ist unterschrieben, kopiert und abgeheftet. Anschließend noch ein gemeinsamer Gang zur Bank, um eine Vollmacht für mich ausstellen zu lassen: Für den Notfall.

So froh ich bin, dass nun alles geregelt ist, so sehr spüre ich bei alldem auch einen Kloß im Hals. Auf dem Heimweg – endlich allein im Auto – musste ich weinen beim Nachdenken darüber, was für eine Wandlung das Wort „Notfall“ in knapp drei Jahrzehnten vollzogen hat. Gestern wagte es keiner von uns beiden, das genauer zu definieren, denn eine neue Dimension von „Notfällen“ würde sich auftun, von der wir beide nichts wissen wollen und bei der begriffliche Einigkeit keine Rolle mehr spielt.

Dabei fühlt es sich an, als läge nur ein Wimpernschlag zwischen dem Sommer ’89 mit dem Streit über den hanseatischen Teenager-Turnschuh-Notfall und dem gestrigen Unterzeichnen der Bankvollmacht, während der Dauerregen das Tegernseer Tal unter einem grauen Schleier begrub.