Ist nichts, was ich tue, gut genug für dich, Mutter!? (Ein Kinotipp.)

Wenn Sie einen Hund (oder ein anderes Haustier) und mal Lust auf 86 Minuten Abschalten und Verhaltensstörungen-Gucken mit 3D-Brille haben – dann ab ins Kino!

Wir hatten 2016 bereits „Pets 1“ gesehen, weil mir der Arzt meines Vertrauens seinerzeit dieses Rezept für Stimmungsaufheller diesen Trailer/Videoclip zuschickte:

Eine meiner Lieblingsszenen aus der vor zehn Tagen im Kino angelaufenen Fortsetzung des Haustier-Spektakels:

 

Gut, ich will nicht verschweigen, dass wir seit dem Umzug die Kinopräferenzen etwas angepasst haben.
Hier im Viertel gibt es ein Kino, das so nah liegt, dass es sich nicht mal lohnt, das Fahrrad aufzuschließen und rüberzuradeln – man braucht keine 5 Minuten zu Fuß dorthin.
Leider ist es kein Programmkino, sondern da werden fast nur Blockbuster und eine Handvoll Filme gezeigt, von denen wir sonst nicht mal mitbekamen, dass es sie überhaupt gibt.

Der Riesen-Vorteil an diesem Kino: man kann die Tickets in der Badewanne liegend online bestellen (ich liebe sowieso die feste Reservierung von Reihe und Platz) und daher so knapp zur Vorstellung rüberlaufen, dass man bei normalen Filmlängen kaum mehr 2 Stunden außer Haus ist, was natürlich dem Dackelfräulein sehr zupass kommt.

Eine derart kurze Abwesenheit kann man sich glatt öfter mal erlauben – also gucke ich nun gelegentlich Blockbuster.
„A Star Is Born“, „Bohemian Rhapsody“, „Rocketman“ und so Sachen.
Und gestern eben „Pets 2“.

Hier noch der Appetizer für die Katzenhalter-Fraktion:

Falls Sie hingehen, versuchen Sie unbedingt, eine 3D-Vorstellung zu erwischen.
Eine Dackelschnauze, die so weit aus der Leinwand in den Kinosaal hineinragt, dass sie Sie fast an Kinn kitzelt, erleben Sie als Nicht-Dackelbesitzer ja wirklich nicht alle Tage.

Einen guten Wochenstart wünscht Ihnen –
Die Kraulquappe.

10 Dinge, die ich in 5 Jahren Bloggen gelernt habe.

WordPress gratuliert mir morgens um kurz vor 4 zum 5-jährigen Jubiläum. Zeit für ein kleines Resümee.

1. Die Blogosphäre: Eine unendliche Spielwiese für Identitätsentwürfe aller Art und Unart. Ein Blick durchs Schlüsselloch in die Reinräume diverser Selbsttherapien und in die Verliese vermeintlich Austherapierter – ein weites Feld und noch mehr, das alles.

2. Zwischen bloggender Kunstfigur und realer Person hinter Text/Bild unterscheiden zu können, ist gleichfalls Kunst. Eine, die ich mangels diesbezüglicher Phantasie oft nur ungenügend beherrsche.

3. Es gibt Blogger, die unter lautstarkem Vorgeben von Authentizität schreibenderweise eine komplette Biographie erfinden. Um sich dann ganz authentisch darüber zu freuen, wenn andere das lesenderweise für bare Münze nehmen.

4. Man kann überall Freunde finden. Auch in der World of WordPress.

5. Beim Bloggen über Fußball hört der Spaß auf. Bei bestimmten Vereinen sowieso.

6. Worte verbinden nur dort, wo Wellenlängen übereinstimmen. Da hatte Max Frisch schon recht.

7. Dass jemand Follower wird, heißt noch lange nicht, dass derjenige dir folgt (im Wortsinne) oder dem, was du schreibst, folgen kann (im Hirn- oder Humorsinne). Und es heißt erst recht nicht, dass er deinen Blog aufmerksam oder überhaupt verfolgt.

8. Ein Like bedeutet manchmal weder, dass der Liker deinen Beitrag gelesen hat, noch, dass er ihm gefällt. Manchen rutscht einfach nur die Maus oder der Finger aus.

9. Ein Dackelfoto (be)wirkt mehr als 1000 Worte. Diese Erkenntnis sollte womöglich ernster genommen werden (doch besser zu Instagram auswandern?).

10. Mehrere Fotos von zwei Dackeln (wie gestern) – und die Aufrufzahlen gehen durch die Decke (ich bin noch nicht im Stande, „viral“ korrekt in einen anständigen Satz einzubauen, daher die altmodische „Decke“, aber immerhin eine im Altbau). Das gibt mir ziemlich zu denken.

Standing on a ledge oder: Der Krebs und sein Gang.

Traf ich dieser Tage den J. wieder.
In herrlich milder Luft sitzen wir draußen und trinken Tee.
Der Name des Cafés so verheißungsvoll wie das Wetter: Der LENZ ist da (tralala & verhext & grün & hopsasa).

Lange hatte ich ihn nicht gesehen, er war sehr absorbiert. Von einem hartnäckigen Karzinom. Und noch mehr von all den Medikamenten und den Therapien vorher und nachher und überhaupt. Hatte sich sehr zurückgezogen. So sehr, dass ich das mit dem Krebs zunächst von einer gemeinsamen Bekannten erfuhr und nicht von ihm.

Normalerweise verabreden wir uns nicht, J. und ich, sondern laufen uns zufällig über den Weg (wie das üblicherweise zwischen uns war, können Sie hier nachlesen, dann sind Sie im Bilde).
Eine Krebserkrankung kann solche Verhaltensmuster schon mal verändern. Plötzlich ein Gefühl von Endlichkeit oder zumindest eines von Nicht-mehr-blind-drauf-vertrauen-Wollen, dass man einander schon – wie in den 20 Jahren zuvor – alle zwei Jahre im Park, auf der Straße, an der Isar, im Schwimmbad oder auf dem Berg begegnen würde.
Nun sitzen wir also, explizit verabredet, in einem Café. Das ist neu für uns.

Ich mustere ihn verstohlen. Ob die Krankheit ihn verändert hat. Ob sie seiner Sportlerstatur etwas anhaben konnte. Ob die grauen Locken noch dieselbe Länge und Dichte haben. Ob die Gesichtszüge andere sind als bei unserer letzten Begegnung. Ob man ihm mittlerweile sein Alter ansehen kann, ihm, dem völlig Zeitlosen und ewig Frischen.
Seine Stimme zu hören, und sie auch so gänzlich unverändert wahrzunehmen, tut mir gut. Sie gehört zu den wenigen Stimmen, die ich mit geschlossenen Augen memorieren kann und das schon seit über 30 Jahren. Ein schönes, weiches Münchnerisch, durchsetzt von ein paar Dialektsprengseln des Oberlands, vielleicht aus Mittenwald, wo J. geboren wurde oder aus Lenggries, wo er aufwuchs.
Der Blick hinter seiner John-Lennon-Brille ist noch derselbe wie eh und je, froh, wach und lebendig, nur vielleicht etwas müder geworden, aber diese Interpretation kann auch meiner eigenen momentanen Müdigkeit geschuldet sein.

Wir haben uns nebeneinander gesetzt, so können wir beide den Rücken an die Hauswand lehnen und in die Sonne gucken.
Sprechen über dies und das. Über alte Zeiten. Über gemeinsame Stationen, damals. Über den Papa, natürlich. Über das letzte Jahr. Über das Jetzt. Über den Krebs. Über den Umgang damit. Über Metastasen und Chemotherapie und Bestrahlung. Über Heilung, Chancen und Heilungschancen.

„Jetzt sitzen wir hier, wir zwei Krebse“, sagt er, „und sprechen über Krebs!“.
Er lacht verschmitzt und meint, das sei eh die ganze Zeit über seine Devise gewesen: drauf zu vertrauen, dass ein Tag komme, an dem Krebs wieder einfach nur (s)ein Sternzeichen sei, dem er keine größere Bedeutung schenken müsse. Und dass er ja momentan als geheilt gälte.
Ich frage nach, will die ganze Geschichte hören, sofern er sie erzählen möchte, denn es ist ja manchmal so eine Sache mit den eigenen Krankheitsgeschichten: sie nerven einen ab einer gewissen Wiederholung – wie eine Platte, die hängengeblieben ist – und machen einen dann bei jeder weiteren eher noch kränker als dass einem das Erzählen noch irgendeine Erleichterung verschaffte.

J. stört das nicht, er erzählt mir bereitwillig alles, chronologisch, ruhig, mit einigen Pausen dazwischen.
Wir sehen uns die meiste Zeit dabei nicht an, weil wir ja nebeneinander sitzen und Richtung Sonne blicken, das fühlt sich entspannt an. Auch daran erkennt man vertraute Menschen: dass man auch nach langer Zeit ohne Warmwerdenmüssen und ohne Holprigkeiten über alles miteinander sprechen kann, dass man sich nicht dauernd ansehen muss (es gleichwohl mühelos könnte), dass man Pausen gut aushält, dass man nebeneinander sitzen kann und sich keine Gedanken über den passenden Abstand machen muss.

Fasziniert bin ich vor allem davon, dass J. während der gesamten Chemotherapie wöchentlich 1x auf einen Berg stieg, immer am Tag vor der Infusion, immer alleine.
Einmal habe er sich im Wochentag geirrt („es war ja alles so gleich in diesen Monaten“) und da rief die Assistentin aus der Onkologie vom Rechts der Isar ihn dann auf dem Handy an und fragte, wo er denn sei.
– Draußen sei er.
Ja wo denn „draußen“, wollte sie wissen.
– Auf einem Felsvorsprung sei er, in dem Ammergauer Bergen.
Aber das dürfe er doch nicht, er solle doch zuhause sein und sich schonen oder draußen nur mit Mundschutz unterwegs sein und schon gar nicht bergauf, das sei viel zu anstrengend, viel zu riskant.
– Na das hätte er ihr auch nicht freiwillig erzählt, aber sie habe ja nicht aufgehört, ihn zu fragen.
Jedenfalls zwang sie ihn dann doch zur Umkehr, weil die Infusion noch an dem Tag hat sein müssen, also stieg er halt wieder hinab („schad‘ um die Klammspitze, ich war fast schon oben!“) und fuhr zurück in die Stadt, direkt zur Klinik.

Er legt mir die Hand auf den Arm nach diesen Worten und schaut mich von der Seite an und sagt: „Ich wusste, dass ich hinauf gehen muss. Weil ich das doch mein Leben lang gemacht habe. Seit fast 60 Jahren gehe ich immer hinauf, erst recht, wenn es hier unten beklemmend wird. Ich wusste, wenn ich das jetzt bleiben lasse und mich daheim einsperre und mit Mundschutz auf den nächsten Termin warte, dann geh ich drauf.“
(Dass er sich das an dem einen oder anderen Felsvorsprung, den er in dieser Phase passierte, ebenfalls gedacht habe, auch das verschweigt er mir nicht.)

Wir bestellen ein zweites Getränk, reden über die Berge, auf denen jeder von uns in der letzten Zeit so herumturnte, in welcher Verfassung auch immer (man hätte sich mehrfach treffen können oder zumindest zuwinken), und darüber, was das mit uns macht, und wieso man das Glück und vielleicht sogar Heilung findet, dort oben.
Denn Heilung bedeutet auch, dass man spürt, was einen noch trägt, wenn vieles aufhört, einen zu tragen.

Die Sonne verabschiedet sich aus der Ludwigsvorstadt und verschwindet allmählich hinter der Ruhmeshalle, um ihre letzte Abendrunde durch die Schwanthalerhöhe zu drehen.
Innerlich randvoll (Gedanken, Gefühle: das Leben, der Tod, der eigene Weg, die Begleiter auf diesem, die Richtungswechsel, die Sackgassen, was war, was ist und was wird noch sein können?) gehe ich nach diesen Stunden nachhause und höre mir das Lied an, das mir zum Felsvorsprung gleich in den Sinn kam (I’m standing on a ledge…) und sowieso gut zu J. passt: some kind of gypsy boy, schon immer.

Der heutige, unerwartete Wintertag lässt’s zu, das Erlebte noch in Worte zu fassen, und auch der morgendliche Termin hat wieder einen Tropfen Öl in das viel zu oft klemmende innere Schloss eingebracht, auf dass es geschmeidiger und leichtgängiger werde und der Schlüssel sich drehen möge. Rechts herum!

Wochenende (poop-bag-free).

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Auf dem Weg zur U-Bahn greife ich in meine linke Jackentasche, um mich zu vergewissern, dass ich das Zugticket auch wirklich eingesteckt habe. Ich spüre die zusammengefaltete Fahrkarte und bin beruhigt. Und ich spüre ebenfalls: ein Gefühl von Freiheit. Nicht etwa wegen der bevorstehenden Bahnfahrt oder der kleinen Reise an sich, sondern wegen des Fehlens der Hundekotbeutel und den 5-10 Hundekeksen in eben jener linken Jackentasche.

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Als ich mich daheim vom Gatten und dem Dackelfräulein verabschiede und in meine Jacke schlüpfe, denke ich: Das gönnst du dir jetzt mal – aus dem Haus gehen ohne irgendeinen dieser Hundehalterappendizes. Ohne Leckerlis und ohne diese grünen, ökologisch abbaubaren poop-bags in der Jacke. Ohne Bällchen, Pfotenhandtuch und Leine im Rucksack. 30 Stunden ohne all das.

Glauben Sie’s mir: Wenn man das fast acht Monate lang nicht mehr hatte, dann hat das was.

Zugleich eine heimliche Vorfreude darauf, dass dort, wo man hinfährt, auch ein Hund sein wird. Sogar einer, der einen Plüschdackel als Lieblingsspielzeug hat. Also schnell noch ein Würstchen aus der Vorratskammer geholt und ins Reisegepäck gesteckt.

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„Wir erreichen nun die Frankenmetropole Nürnberg“, verkündet die das „r“ so fränggisch rollende Lautsprecherstimme.

Ich unterbreche meine Lektüre, schaue aus dem Zugfenster und mein Blick fällt als Erstes auf das InterCity Hotel, das hinter dem Bahnhof liegt und das vor langer Zeit mal Treffpunkt war für ein Umsteigen vom Auto des ersten Ehegatten (ein Franke, ich war noch sehr jung und flexibel damals!) ins Auto vom Papa.

Wir kamen aus Würzburg, der Papa war auf Dienstreise in Nürnberg. Der Erstehemann in spe fuhr dann weiter nach Erlangen zu seinen Eltern und ich mit dem Papa nach München. Es war die recht spät stattfindende Erstbegegnung zwischen Martin und meinem Vater, der damals – nachhaltig traumatisiert von einem Wochenende mit K., dem nach Kümmelduschgel riechenden Medizinstudenten aus Wien, den ich als die große Liebe präsentiert und gleich für mehrere Tage nach München eingeladen hatte – strikt verfügt hatte, den „nächsten Aspiranten“ erst dann kennenlernen zu wollen, „wenn der sich mal mindestens ein Quartal gehalten und bewährt“ hätte. Das war mit Martin der Fall, denn nach 4 Monaten hatten wir schon eine gemeinsame Wohnung mit Weinbergblick oberhalb von Würzburg bezogen und sogar tagelang zusammen eine Schrankwand aufgebaut.

Wir hielten auf dem Parkplatz des InterCity Hotels Nürnberg, der Papa stand dort bereits neben seinem Auto und erwartete uns. Mit einem fröhlichen „Grüß dich, Michael!“ streckte er dem Franken seine Hand entgegen. Ich war amüsiert und korrigierte ihn, der künftige Erstehemann tat so als würde er lächeln, der Papa lächelte ebenfalls, aber authentisch, klopfte M. auf die Schulter und meinte, immerhin habe ja der Anfangsbuchstabe gestimmt.

Der Franke rächte sich später damit, dass er seinen Schwiegervater nie Lurchi nannte, wie der Papa aber von allen genannt wird, mit denen er etwas privater oder familiärer zu tun hat. Er sprach ihn bis zu unserer Scheidung mit dem Vornamen an, der in seinem Ausweis steht und auf den er in etwa so gut hört wie das Dackelfräulein auf „Pfui!“ oder „Aus!“.

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Wenig später dümpelt der ICE an dem Würzburger Vorort vorbei, in dem einst die beiden Erstsittiche mit bester Aussicht auf den Main zur letzten Ruhe gebettet wurden und ich mir bei einem Sturz von der Schwalbe den Knöchel blutig schürfte, weil ich mit der rechten Hand noch unverändert am Gasdrehgriff hing und das Vehikel mich deshalb in munteren Kreisen über den Asphalt schleifte.

Was für eine braungraue Trostlosigkeit und architektonische Ödnis diesen fränkischen Käffern doch anhaftet.

Am Würzburger Bahnhof bleibt der Zug länger als geplant stehen, um auf Reisende aus einem anderen ICE zu warten.

Rechterhand vom Bahnhof in den Hügeln das Schloss Steinburg, dahinter ein paar Tannen, und ein Stück hinter dem kleinen Wäldchen vielleicht immer noch der Bungalow von Dr. Almuth S., meinem Erstversuch, die Sache mit der Mutter mal aufzuarbeiten.

Sehr beige und cremefarben war das dort, alles in dem Haus mehr Flokati als Psychiater, und ich dann auch schnell wieder weg, als mir diese makeupzugekleisterte Trulla in edler Kamelhaarjoppe in der zweiten Sitzung einreden wollte, dass ich womöglich auch ein Vater-Thema hätte und vorschlug, die vereinbarte Stundenzahl von 20 auf 50 zu erhöhen. Ein Jahr unsinniges Psychogestochere in diesem cremefarbenen Alptraum? Nein danke!

Habe dann den Job im Weinkeller angenommen, dort begonnen, rote Gauloises zu rauchen, erstmals den Kontakt zur Mutter ganz abgebrochen und schließlich noch das Studienfach gewechselt.

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Auch so eine späte Erkenntnis: dass man ja auch all das, was man gar nicht zu Ende studiert hat, im Lebenslauf unter „Studium der xy“ auflisten kann (und wohl sogar darf), so liest sich das ja gleich viel besser-länger-klüger.

Hab ich erst letztes Jahr geschnallt, dass andere das so machen und so eine erkleckliche Geistes-Vita zu Papier bringen und damit sogar auf dem Markt auftreten.

Ein echter Wettbewerbsnachteil, dass ich da immer bloß eine bescheidene Zeile stehen hatte, weil ich nur die für relevant hielt. Mittlerweile zwar auch schon wurscht, aber sollte ich je wieder einen CV zusammenbasteln müssen, stünden an der Stelle nun mindestens sieben Zeilen und dem potenziellen Arbeitgeber hoffentlich vor Staunen ob meiner breit gefächerten Interessen und umfassenden Bildungseifers der Mund offen.

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Bevor ich mich nun noch an den nächsten Haltestellen der Erinnerung – Fulda und Kassel – abarbeite, was diesen sonnigen Samstag unnötig mit wirklichem Seelenschmutz überzöge (v.a. die Erinnerung an drei Tage Fulda im Dezember 2013), greife ich nochmal in die kacktütenfreie linke Jackentasche, fummle ein paar Münzen heraus, hole mir im Bordbistro einen Kaffee to go & to verschütt in the shaky train, höre ein bisserl Musik und stimme mich mal auf die große Geburtstagssause ein, die in gut zwei Stunden im Park von Schloss Richmond beginnt.

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Auch Ihnen ein schönes Wochenende, mit guten Gedanken und ebensolcher Gesellschaft & herzliche Grüße an meine beiden Lieben daheim!

Cevedale oder: Neue Horizonte.

Heute die erste einer Handvoll (therapeutisch begleitender) Sitzungen, die zu Beginn dieses neuen Jahres (vielmehr aber zum Beginnen des Beendens eines langgehegten Lebensmusters) äußerst sinnvoll bzw. geradezu notwendig schienen.

Coach und Couch sind vertraut, das Dackelfräulein darf auch mit und rollt sich nach kurzem Begrüßungswälzen auf dem roten Teppich genüsslich auf selbigem ein (Donut-Style) und verschläft dort, selig berieselt von ihr bekannten Stimmen, das Stündchen.

Es geht heute um die „Blutegel“ in meinem Leben.
Nicht etwa um die, nach deren Ansetzen man angeblich schmerz- und entzündungsbefreit wie ein junges Reh durchs Leben springen würde. Sondern um die, deren Biss nichts als weh tut und deren Saugen überhaupt nichts bringt, sondern nur wertvollen Saft abzapft, der dann anderswo fehlt, nämlich im eigenen Energie- und Lebensfluss.

Warum aber – und das ist das eigentlich Spannende dabei – geht man wider besseren Wissens immer wieder in die Sümpfe hinein und holt sich dort einen neuen Blutegel? Und setzt den nutzlosen Sauger wieder an, mit dem ewig gleichen, negativen Resultat? Was soll diese Reinszenierung?

Etwas leer im Kopf verlasse ich die Praxis und spaziere durch die Altstadt Richtung Isar.
Am Isartorplatz fällt mein Blick in das Schaufenster eines großen Sport- und Outdoorladens. Auf einem der Riesenplakate erkenne ich die Birkkarspitze. Drüber zieht ein Adler seine Kreise, drunter steht „Neue Horizonte“.
Sehr ansprechend. Mir fallen sofort meine alten, undichten, abgelaufenen Bergstiefel ein, in denen ich neulich mit eiskalten Zehen durch den Schneesturm den Berg hinunterrutschte und in denen man dem Ruf des Adlers nicht mehr allzu gut folgen könnte.

Ich gehe in den Laden hinein. Paradiesische Ruhe dort, so am späten Vormittag. Die Symmetrie, mit der die Langlaufski an der Wand lehnen, farblich und nach Größe geordnet, eine wahre Augenweide.
Ein netter Verkäufer, dem ich im Unterschied zum IKEA-Katalog das (an sich unpassende) Geduze sofort nachsehe, kümmert sich mit einer Engelsgeduld um die Neueinkleidung meiner Füße, vermisst sie, bemerkt die beiden Spezialzehen und erhält dafür sofort einen Vertrauensvorschuss.
Das Dackelfräulein beobachtet das Geschehen ebenfalls mit ungewöhnlicher Engelsgeduld (gestern noch, mit dem Gatten telefonierend, lang über ihre Unart geschimpft, sich nicht einfach mal ohne Umschweife an einem ihr zugewiesenen, warmen und sicheren Platz ruhig niederlassen zu können – sie muss es gehört und sich zu Herzen genommen haben) und erhält dafür sofort einen Fressensvorschuss.

Die Atmosphäre ist so angenehm, dass sogar Zeit ist, sich mal mit ausführlichen Instruktionen zu Schnürtechniken zu befassen (wahlweise straff am Rist oder an der Ferse oder oben gelockert für den Aufstieg) und schlussendlich staube ich nebenbei auch noch fürs Fräulein einen hilfreichen Bergtipp ab, weil ich – mittlerweile in Plauderlaune – von der Kängurunummer neulich berichte und der Verkäufer dazu eine Idee hat: „Kennst du die Filz- und Lodenmanufaktur in der Rumfordstraße? Der Chef fertigt spezielle Rucksäcke für Jäger, in die der Waldi neipasst, wenn er mal nimmer ko oder derf!“.
Nein, kenn‘ ich nicht. Ist aber der Brüller: Schau’n Sie sich DAS mal an (unter dem Menüpunkt „für den Hund“, ganz links unten) – ja da möchte man sich doch auf der Stelle einen Zweitteckel zulegen, damit die dann im Doppelpack so keck rausgucken aus dem Rucksack (und auch die lässige Hundetragtasche, echt spitze, braucht man nur noch einen Sponsor für die noble Dackelsänfte)!

So macht Einkaufen tatsächlich mal wieder Spaß, was für jemanden wie mich wichtig ist, da ich grundsätzlich nicht gern „shoppe“ oder „bummle“, sondern nur losgehe, wenn ich konkret was brauche und selbst dann dauert’s, bis ich mich zu der Besorgung aufraffen kann.

Der freundliche Verkaufsbursche holt mir vier Paar Bergstiefel in meiner Größe aus dem Lager. Ich turne nacheinander mit allen Modellen über die Fels-Attrappen, die als Teststrecke für den Schuhkauf dienen, steige Treppen hinauf und hinab, marschiere in aller Ruhe durch die gesamte, herrlich leere Bergsportetage.
Die seit 40 Jahren bewährte Marke bewährt sich auch jetzt wieder. Passt wie angegossen.
Sehen sogar fesch aus. Und sind nach dem Monte Cevedale benannt, den man beispielsweise über einen Grat von den Zufallsspitzen aus erreichen kann, was irgendwie leicht/locker und so gar nicht schicksalsträchtig/düster klingt, und die Region stimmt eh.

Eine Dreiviertelstunde später treten meine neuen Stiefel und ich hinaus in die Kälte. Auf der überdimensionierten Tasche, die ich stolz über meine Schulter gehängt habe, prangt ebenfalls der Schriftzug „Neue Horizonte“ (was bin ich nur für ein schlichtes Konsumentengemüt an diesem Montagvormittag nach Termin 1 zum Blutegel-Thema, nach den noch folgenden Terminen werde ich künftig sicherheitshalber mit der U-Bahn zur Isar fahren).

Die scarpe cevedale turchese werden locker drei Birkkarspitzen in Serie packen (was ich gar nicht vorhabe, aber es muss ja noch Luft nach oben sein bei solchen Anschaffungen).
Kein Tiefschnee der Welt wird ihnen etwas anhaben können und auch kein noch so sumpfiges Gelände.
Und mit ihrem „aggressiven Profil“ (Zitat aus dem Verkaufsvortrag) können sie auch jedem Blutegel auf Anhieb den Garaus machen oder der kleine Parasit beißt sich zumindest gscheid seine Zähne aus an der Hard-Shank-Brandsohle (nie gehört, klingt aber wichtig und wie eine Lebensversicherung).

So wie jeder Weg mit dem ersten Schritt beginnt, schreite man neuen Horizonten am besten mit geeignetem Schuhwerk entgegen.

Traumhaft.

Um 2:14 Uhr aus einem Traum hochgeschreckt:
Der Gatte und ich sind – aus welchem Anlass auch immer – auf dem Weg zu einem Paartherapeuten, der identisch ist mit dem Arzt meines Vertrauens und dessen Praxis in der Münchner Innenstadt. Wir sitzen im Wartezimmer, sind bestens gelaunt, ich will mich oder den Gatten gerade fragen, wieso wir überhaupt hier sind, da kommt Dr. T. auf uns zu, begrüßt uns mit Vornamen, was Dr. T. real nie tun würde, und nimmt nur den Gatten mit ins Sprechzimmer. Ich gucke verdutzt, da ich dachte, die Stunde wäre für uns beide gemeinsam vorgesehen, warte aber zunächst brav ab. Die Sprechstundenhilfe Frau K. ruft mich bald auf und weist mir den Weg zu einem anderen Wartezimmer. Dort soll ich liegen, das gehöre bei solchen Terminen dazu. Aha?! Auf einer feldbettartigen Pritsche soll ich liegen, es stehen ca. 20 solcher Pritschen in dem Raum, fast alle belegt, irritiert lege ich mich hin, auf dem Bett neben mir liegt ein krebskrankes Kind und röchelt. Nach einer Stunde Warten und Rumliegen wird es mir zu blöd. Ich verlasse diese atmosphärisch beklemmende Mischung aus Krebsstation und OP-Vorraum und ich gehe wieder vor zum Tresen und frage Frau K., ob sie mich mal kurz zu Dr. T. und dem Gatten ins Sprechzimmer lassen würde, damit ich klären kann, wie das hier weitergeht. Sie lässt mich. Ich klopfe an, niemand reagiert, also gehe ich einfach hinein. Das Zimmer ist leer, der rote, runde Teppich grinst mich an, das Deko-Schaf blökt hämisch, ich wundere mich, was hier los ist. Frau K. kann es sich auch nicht erklären, meint aber dann, es könne sein, dass die beiden durch den Hinterausgang die Praxis verlassen hätten. Ich tue Selbiges. Und stehe plötzlich auf einem kopfsteingepflasterten Marktplatz, mitten in einer Altstadt, es sieht aus wie Tübingen oder Regensburg oder Würzburg. Zwischenzeitlich ist es dunkel geworden. Ich stolpere über den Platz und gucke suchend in alle Fenster. Und auf einmal sehe ich die beiden: nix Therapie oder so, sie sitzen in einer gesteckt vollen Kneipe, teilen sich eine Flasche Rotwein und schauen in dieselbe Richtung, geradeaus, zur Großbildleinwand, auf der ein Championsleague-Spiel des FC Bayern übertragen wird. Grad will ich mir noch denken „Aha, so läuft der Hase also!“, und schon wache ich auf.
(Später, beim realen Frühstück, wird mich der Gatte fragen, wie denn der Spielstand gewesen sei. Sehr witzig.)

Irgendwann kann ich dann weiterschlafen, bis 4:33 Uhr, dann wache ich erneut auf, wieder mitten aus einem Traum:
Media Markt hat die drei für die neue Wohnung bestellten Gegenstände nicht zusammen geliefert. Bestellt waren (im Traum wie in der Realität): Eine Waschmaschine, ein Wäschetrockner und ein Verbindungsrahmen, damit man einen Turm aus dem Ganzen bauen kann, der mir zwar nicht geheuer ist, aber der Keller der neuen Wohnung gibt räumlich nichts anderes her und da es keinen Trockenraum mehr gibt, hat der Papa uns einen Trockner spendiert, obwohl ich nie so ein Ding haben wollte und schon gar nicht als Turm. Media Markt liefert (hoffentlich nur im Traum) Trockner und Waschmaschine, nicht aber den Verbindungsrahmen. Wir wohnen noch gar nicht unter der Lieferadresse, glücklicherweise ist aber einer unserer neuen Nachbarn, Herr T. (mit dem ich real schon Emailkontakt hatte), zufällig gerade im Hausflur und nimmt die Ware an. Die beiden Monster werden in den Keller geschleppt und da Herr T. nicht weiß, dass der Verbindungsrahmen bestellt ist bzw. noch fehlt, lässt er die Monteure die Geräte lose aufeinander stapeln und anschließen. Sie erklären ihm, dass beide Maschinen vor der Inbetriebnahme einen leeren Wasch- bzw. Trocknungs-Gang durchlaufen müssten und schalten die Geräte ein. Inzwischen checke ich meine Emails und sehe die Lieferbestätigung von Media Markt. Setze mich ins Auto und fahre zur neuen Wohnung, gehe in den Keller und sehe dort die Katastrophe: Herr T. liegt erschlagen unter dem mangels Befestigung heruntergefallenen Trockner. Mein erster Gedanke: Komm ich nun ins Gefängnis? Nein, komme ich nicht, ich wache lediglich auf, um wieder eine Weile wachliegen zu dürfen.

An Traum Nr. 3 erinnere ich mich erfreulicherweise nicht, irgendwas Unangenehmes war da los, mit viel zu lauter Musik von Sepultura oder so Zeug, das ich nie höre. Ich weiß es nicht mehr. Vermutlich wurde ich zu schnell aus der Traumwelt gerissen – durch den wilden Trommelwirbel des Hundeschwänzchens neben dem Kopfkissen. Das spricht eine Sprache, die ich besser verstehe: „Hallo Tag! Juhu! Aufstehen!“.

Einen traumhaften Frühlingsdonnerstag wünscht
Die Kraulquappe.

Herbst-Schnäppchen „Die Parkplatznummer“ oder: Refresh your love.

Eigentlich wollte ich direkt nach dem Frühstück und ein paar Erledigungen im Haushalt zum Einkaufen aufbrechen, da nach dem Wochenende in unserem Kühlschrank meist gähnende Leere herrscht. Doch dann kam mir eine Mail dazwischen, die alles, aber auch wirklich alles, was ich mir für den Vormittag vorgenommen hatte, auf den Kopf stellte.

Ein so sensationelles Angebot flatterte mir da so unerwartet ins Postfach, dass ich es umgehend an euch, liebe Leser, weitergeben möchte. Genauer gesagt: an die Paare unter euch Lesern, an alle Schatzis, Mausis, Hasis, Spatzls und Darlings, die ihr euch zwar noch nicht im Herbst eures Lebens, aber ab und zu wie im Spätsommer eurer Beziehung/Partnerschaft/Ehe fühlt.
Und mal ehrlich: wer empfindet das nicht gelegentlich so, nachdem mal die ersten drei rauschenden Jahre mit Kennenlernen, Zusammenziehen, lodernder Leidenschaft und als Krönung womöglich gar dem schönsten Tag eures Lebens (=Hochzeit) wie im Flug vergangen sind?

Das muss nicht so bleiben, da kann man was tun! Und zwar im schönen Bayern, inmitten saftiger Almwiesen umrahmt von der imposanten Kulisse des Wettersteingebirges, in einem Berg-Hotel (Mountain Hideaway), das seinesgleichen sucht:

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Jetzt nicht angepisst ob der stilistischen Patzerchen wegklicken, bitte!
Wir wollen gnädig über die Form hinwegsehen und uns auf den Inhalt konzentrieren, denn darauf kommt’s schließlich an.

programm

Ehrlich – mich hatten sie schon nach den ersten beiden Punkten eingefangen, denn a) ich spiele für mein Leben gern, meinetwegen auch mit einem Therapeutenpaar, vor allem, wenn die zwei einen so netten Namen haben und b) drei Tage lang nicht Kochen und Abwaschen, das ist für mich schon sowas von Genuss und Erholung, damit kriegt man mich sofort rum.

Aber dann, der Hammer, dieser Punkt drei: das einzigartige Liebeswochenende offeriert einen kostenlosen Parkplatz! Is‘ nich‘ wahr, oder?! Da wird einem doch gleich ganz heiß zumute! Ich mein‘, was wir da alles anstellen könnten, auf dem Parkplatz, zumal, wenn’s nix kostet und man nicht gehetzt ist von der Uhrzeit, die auf irgendeinem Parkticket draufsteht…

Mir blieb fast die Spucke weg, dass das Ganze dann noch gekrönt wurde von inkludierten Gondelfahrten – sogar mehrfachen! – während des Aufenthalts (diese wundervolle Metapher! – ist so eine Partnerschaft nicht ein Auf und Ab, eine Berg- und Talfahrt?!) sowie kostenlosen Koffeinspritzen und WLAN im alpinen Liebesnest! Sogar die Minibar darf man leersaufen, um die Love zu refreshen, how amazing, und ich versteh‘ fei voll und ganz, dass das nur für den alkfreien Part des Zimmerkühlschranks gilt, denn ey, bei dem Schnäppchenpreis von knapp 2.000 Öcken pro Liebesunion in der preiswertesten Room-Category, ja was erwarten die Leute denn?!

Unsere Liebe, die sollte uns schon mal eine Investition wert sein, die über Discounter-Level liegt, oder nicht?

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Also, Leute, lasst uns doch im Oktober da oben in den Bergen treffen, zu diesen Love&Play-Park&Ride-Workshop von Liebling&Schatz, in drei Tagen stocknüchtern ein halbes Monatseinkommen verjubeln, gemeinsam auf und ab gondeln, ein- und ausparken, was das Zeug hält, einander mit der Espressomaschine einheizen und auf den Wellen des Highspeed-WLANs zu neuen Liebesabenteuern surfen, während wir unsere Aphro-Verwöhnpension abends am Zimmerkamin der Suite mit Wettersteinblick sacken lassen.

Mein Gatte und ich, wir sind auf alle Fälle dabei, wir buchen den zweiten Termin im Oktober, denn der passt besser zu den Bundesligaterminen des FC Bayern, diesem erfolgreichsten aller Aphrodisiaka für des Gatten Laune und unsere Beziehung. Man muss ja schon im Vorfeld drauf achten, dass die Basisparameter für so einen Wellnesskurs auch passen (einmal, da waren wir an einem lebenswichtigen CL-Wochenende in den Bergen und im Hotel schwächelte die Glotze, da war die Stimmung im Eimer, da hätten auch Liebling&Schatz nix mehr reparieren und refreshen können, das passiert mir nie wieder).

Jetzt muss ich dann mal los zum Einkaufen. Liebe geht schließlich auch durch den Magen, so im Alltag.

Euphorisierte Grüße und einen guten Start in die neue Woche wünscht euch,
Die Kraulquappe.

Wieder daheim oder: Where’s the ball?

Nach 50 Stunden Blogpause wird es mal wieder Zeit für ein Lebenszeichen.

München empfing mich mit 16 Grad und Regen und einer – na, sagen wir’s mal so: etwas prekären Situation daheim. Derjenige von uns, der einige Tage bei überwiegend schlechtem Wetter alleinerziehend ist, hat dann immer ziemlich die Nase davon voll, 3x am Tag den Hund im Regen zu bespaßen, dreckige Pfoten sauber zu rubbeln und das eigene Regen-Outfit im Bad zum Trocknen aufzuhängen. Das schlägt einem ab dem dritten Tag immer etwas auf die Stimmung, was der Hund leider auch spürt, so dass man auch gemeinsam nicht mehr durchgehend in Top-Laune ist, sondern eine latente Gereiztheit auf beiden Seiten Einzug hält. Da ist dann die Freude über die Rückkehr des Partners wirklich besonders groß.

Prekär aber war die Situation daheim nicht nur deswegen, sondern weil wir just vor meiner Abreise nach Wien festgestellt hatten, was die wahre Ursache der bereits wochenlang andauernden Schlappheitssymptome unserer Dackeldame ist. Da wir beide der ausschließlichen Hormontheorie (Läufigkeit, Scheinträchtigkeit und eingebildete Welpenaufzuchtphase – alles in allem übrigens ein Zeitraum von über 3 Monaten am Stück, in dem die Hündin neben der Spur sein kann) sowie dem psychischen „Reset“ durch die Phosphorus-Heilwirkung misstrauten, sind wir nochmal alle Möglichkeiten und Beobachtungen durchgegangen, die jeder von uns in den letzten Monaten so gemacht hatte: Wann tritt die Schlappheit auf, wie lange hält sie an, wodurch verschwindet sie usw.. So kamen wir schließlich dahinter, dass sie nur draußen auftritt und auch nur, nachdem Pippa mit ihrem Bällchen spielen durfte oder aber auch, wenn wir Spaziergänge machten, bei denen das Bällchen nicht mit von der Partie war. Fazit: Die Schlappheit ist ziemlich sicher Ausdruck eines extremen Frusts, dass der Ball weg ist oder dass er gar nicht erst da war. Wir stöberten ins unseren Hundebüchern und im Internet zu diesem Phänomen – und wurden in unserer üblen Vorahnung schnell bestätigt: Unsere Pippa ist ball-süchtig geworden.

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Pippas Lebensmittelpunkt: das gelbe Bällchen.

Das hat sich schleichend entwickelt, letztlich über Jahre, wie sich Süchte eben so entwickeln. In einem langen Artikel eines erfahrenen Hundetrainers fanden wir alle Phänomene der Ballsucht ausführlich beschrieben und mussten uns eingestehen, dass sie alle auf unseren Hund zutreffen.
So verging der Tag vor meiner Abreise mit dem Studium der Therapiemöglichkeiten: Welche Maßnahmen sind zu ergreifen? Wie soll man am besten vorgehen? Womit soll sie alternativ draußen beschäftigt werden? Ist der Ball nun für alle Zeiten tabu? Empfiehlt sich eine Substitution (Frisbeescheibe etc.) oder ist der kalte Entzug der beste? Wie lange dauert der ganze Scheiß und gibt es irgendwo eine Selbsthilfegruppe für co-abhängige Hundeeltern, bei der man sich Unterstützung holen oder einfach mal ausheulen kann?

Die Empfehlungen wiesen alle in dieselbe Richtung: Den Ball komplett entziehen, sofort und für lange Zeit, vielleicht für immer. Stattdessen völlig neue Spiele einführen, die allesamt den Hund gleichermaßen geistig wie körperlich fordern, so dass er von seinem Apportier-Turbo-Trip runterkommt und dennoch rundum gut ausgelastet wird. Zusätzlich an der Mensch-Hund-Bindung arbeiten, indem die Objektfixierung aufgelöst wird und gemeinsame Beschäftigung mehr in den Vordergrund gerückt wird. Ach du meine Güte…

Ganz ehrlich, ich war nicht allzu unglücklich, mich unmittelbar vor dem Start dieses neuen Programms (und es ist völlig klar: das wird keine Sache von ein paar Wochen, sondern eher von einigen Monaten!) drücken konnte, indem ich mich nach Wien verkrümelt habe.

Neben langen Arbeitstagen, Selbstverpflegung und dem Regen hatte mein Mann also noch mit einem Hund zu kämpfen, der massiv unter Entzugserscheinungen litt und auf Spaziergängen das Gefühl vermittelte, sein Leben habe ohne den Ball jeglichen Sinn verloren.

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Zufällig im Museumsquartier in Wien entdeckt: Comic zu ballsüchtigen Hunden (immerhin: wir sind offenbar nicht allein mit dem Problem!)

 

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Zwischen Hoffnung und Enttäuschung: ewiges Warten auf das Highlight

Wieder daheim wurde ich dann umgehend instruiert, wie die neuen Abläufe beim Gassigehen aussehen, wie die Therapie bislang verlaufen ist, welche ersten kleinen Erfolge sie bereits zeitigt und wie der Hund gut abgelenkt werden kann, sobald ihr der Entzugsfrust anzumerken ist.

Damit werden wir uns nach meiner Einschätzung wohl bis zum Herbst konsequent befassen dürfen – was für Aussichten!

Sollte sich der therapeutische Weg, den wir nun eingeschlagen haben, als unpassend erweisen, gibt es noch zahlreiche Alternativen, die speziell parallel zur EM und wenn man den gesamten Freundeskreis ein bisschen mobilisiert, durchaus Event-Charakter haben können:

Entscheidend ist jedenfalls, dass wir nicht vorschnell die Flinte ins Korn werfen, wenn es kleine Rückschläge gibt, sondern das Anti-Sucht-Training mit Geduld und Konsequenz durchziehen (fast hätte ich gesagt: am Ball bleiben, aber genau das ist ja jetzt verboten).

Die ersten 90 Minuten sind ja bekanntlich die schwersten, aber vom Feeling her haben wir ein gutes Gefühl, dass wir das schon hinbekommen werden.

Ein schönes Wochenende und viele spannende Bälle wünscht euch Nicht-Süchtigen
die Kraulquappe