Song des Tages (19).

Hey, where did we go
Days when the rains came ?
Down in the hollow
Playing a new game,
Laughing and a-running, hey, hey,
Skipping and a-jumping

Das Dackelfräulein lässt sich auf 1.300m die Frühlingsbergluft um die Nase wehen.

Standing in the sunlight laughing
Hide behind a rainbow’s wall,
Slipping and a-sliding
All along the waterfall

With you, my brown-eyed girl,
You, my brown-eyed girl.

Ein Prosit der Gemütlichkeit!

Ablenken.

Zwei Tage bestes Ablenkungsprogramm!

Die Freundin hat nochmal die Nähnadel geschwungen und aus dem Billig-Babyhöschen einen feinen Dackelpyjama für die Nächte nach der OP fabriziert, aus dem sich das Fräulein hoffentlich nicht herauswinden kann.

Probetragen des Dackelhinterbein-OP-Schutzes…

…mit justierbaren Hosenträgern. Passt!

„Nettes Gewand für nur 8€“, denkt sich der Mensch.
„Was soll jetzt dieser Unsinn?“, fragt sich der Hund (macht aber für ein paar Stückerl Kärntner Bergkäse alles brav mit).

Das beim Medizinischen Fachhandel für malade Haustiere bestellte Teil für 18€ hat hinten und vorne nicht gepasst und ist schon wieder auf dem Weg retour. Es geht einfach nix über ordentliche Handarbeit & Maßanfertigungen.

Gestern dann, pünktlich zum Frühlingsbeginn im schönen Oberbayern, ganztags in die Berge zum Durchlüften.

Die Tannen auf 1.000 Metern Höhe verschneiter als an Weihnachten…

… und nach den zapfigen Stunden im Freien mit der Graseck-Gondel wieder hinab ins Tal.

„Die Phantasie ist ein ewiger Frühling.“ (Friedrich Schiller)

Viel Liebe, Freundschaft und Zuspruch von außen (ganz herzlichen Dank dafür!).

Zur Frühstücksbreze heute die erfreuliche Botschaft, dass der fesche Kiefer sich im Juni die Ehre gibt (und hoffentlich seinen dämlichen Cowboyhut daheim lässt) und kurz danach noch ein überaus nettes und lustiges Telefonat mit einer niedersächsischen Dame vom Kundenservice der Krankenkasse. Mein Orthopäde hat mir ein Tensgerät verordnet, das sei „so eine Art Vibrator für den Ellenbogen“, also ein „echt cooles Teil“, wie mir die Niedersächsin von der BARMER mit ihrer wunderbaren Sabine-Töpperwien-Stimme erläutert – „da werden Sie schon Spaß mit haben“ (uns beiden rutscht ein kurzes, dreckiges herzhaftes Lachen raus). Na dann!

Summa summarum nehme ich das mal als gutes Omen, hoffe auf ein paar Stunden Schlaf heute Nacht und einen reibungslosen Ablauf des für morgen Anstehenden.

Auf und Ab.

Vor vielen Jahren war ich an einem Punkt in meinem Leben angelangt, an dem ich mir nichts sehnlicher wünschte als umkehren zu können, was aber unmöglich war, da der Weg zurück genauso furchteinflößend war wie jeder weitere Schritt nach vorn.

Ich stand damals bei Nebel und Nieselregen vor der Friesenbergscharte, dem höchsten (und bei gutem Wetter wohl auch aussichtsreichsten) Punkt meiner Alpenüberquerung.
Ganz allein auf 2.904m Höhe, mit einem viel zu schweren Tourenrucksack, keinerlei Sicht und zittrigen Knien.

Es gab kein Zurück, der Aufstieg vom Spannnagelhaus bis hierher war rutschig und schwierig gewesen, und bis zur Olpererhütte, dem Ziel dieser Tagesetappe, war es nochmal genauso weit. In welche Richtung ich gehen würde, war also völlig egal.
Ich setzte meinen Rucksack ab, stopfte die Lekis hinein, wuchtete mir das schwere Trumm wieder auf die Schultern und schielte bang nach unten. Der Weg hinab war drahtseilgesichert und mit Trittstiften versehen, und im Nachhinein betrachtet musste ich dem Nebel fast dankbar sein, dass nicht auszumachen war, wie weit ich unter diesen Bedingungen würde absteigen müssen.

Zum allerersten Mal auf meinem Weg hatte ich Angst.

Dachte an den Papa, der in spätestens zwei Tagen auf ein Lebenszeichen warten würde, das dann nicht käme, und wie unlogisch und unverzeihbar es wäre, wenn ich vor ihm abtreten würde. Er käme zu spät, um mich aus der „Gletscherspalte“ (die zwar nur eine Scharte war, aber für das existentielle Gefühl dort oben war das unerheblich) abzuholen, ich hinge dort mit eingeklemmtem Bein oder Brustkorb und wäre über Nacht längst erfroren.

Dachte an die Sportuhr, die ein Freund mir Tage zuvor beim Aufbruch am Münchner Hauptbahnhof gegeben hatte und die sich längst wie ein Talisman anfühlte, der sich um mein Handgelenk schmiegte, und nun verloren wäre; dachte an B., den hübschen Abiturienten, mit dem ich am ersten Tourabend in Mittenwald meine letzte Zigarette geraucht hatte und der danach unbedingt mit auf mein Zimmer wollte, was ich aus purer Vernunft abgebogen hatte, wieso eigentlich?

Ich dachte an all das, woran ich an all den Tagen auf dieser Tour noch gar nicht gedacht hatte, obwohl ich mit dem festen Vorsatz aufgebrochen war, genau über all das nachzudenken, um zu großen Erkenntnissen und gewichtigen Schlüssen zu gelangen, und fand es ziemlich schade, dass mir diese ersehnte, umfassende Katharsis nicht mehr widerfahren würde (was ich hier noch nicht ahnte: dass ich am Ende des Trips feststellen würde, dass ich über nichts von all dem nachgedacht hatte und sich dennoch fast alles geklärt hatte – und der Rest unwichtig geworden war).

Alles Mögliche ging mir in diesen paar Minuten durch den Kopf, die ich verkrampft und verängstigt dort stand und diese blöde Idee mit der Alpenüberquerung ebenso verfluchte wie meine Liebe zu den Bergen.

Und dann holte ich tief Luft – und ging weiter.

Die Schuhsohlen fanden auf den feuchten Stiften schwer Halt, mit klammen Fingern krallte ich mich an das eiskalte, glitschige Drahtseil und tat einen ersten, wackligen Schritt. Und einen zweiten, und einen dritten…
Ich guckte nicht nach oben und nicht nach unten, sondern klebte ganz eng am Fels und hangelte mich vorsichtig stufenweise abwärts, bis ich wieder festen Boden unter den Füßen spürte.

Letztlich war die gefährliche Passage recht kurz, aber für mich war es einer der wichtigsten Momente in meinem Leben.

*****

Gestern Abend, am Ende eines zehrenden Tages und einer abgebrochenen Reise, den Film „Wild“ nochmal angeschaut (seinerzeit im Kino die Augen ausgeheult).
Man greift ja in manchen Stimmungen ganz bewusst zu bestimmten Filmen, Büchern oder Musikstücken.

Vieles fließt hier ineinander, was gerade in mir ist – an Schmerz, an Sehnsucht, an Hoffnung, an Aufbruchsstimmung, an zu dichter Abfolge von Euphorie und Enttäuschung.
Nach 33,5 Filmminuten dann der Moment, der die Schleusen öffnet.

Zwar keine Gletscherspalte oder Friesenbergscharte, nur eine kleine, schwierige Felspassage – erst plumpst der Rucksack hinab, dann der Mensch -, aber das Entscheidende wird sichtbar: Es ist ein ganz anderes, befreiteres Weitergehen danach, ein Zuwachs an Mut und Selbstvertrauen. Es folgt eine Brückenquerung (sowieso schon immer mein Ding: Brücken), dazu diese Musik, die ersten Töne noch kaum hörbar, dann wie ein anschwellender Herzschlag und schließlich eins werdend mit dem Blut, das rhythmisch durch die Adern pulsiert, wie man’s beim Bergsteigen ja nicht nur durch und durch spüren, sondern auch hören kann.

The road is dark
And it’s a thin thin line
But I want you to know
I’ll walk it for you any time

*****

Nochmal so eine Tour, denke ich gestern Abend, das wär’s.

Darauf vertrauen, dass man nicht abstürzt, sondern mit klarem Kopf heimkehrt.
Und das Herz wieder so weit, und so frei.

Ekstrem Turglede oder: Das Vorstellungsgespräch.

Zum gestrigen Tag der Liebe hatte ich mit dem Dackelfräulein vereinbart, dass wir uns diesmal keine Rosen/Knochen schenken, sondern stattdessen lieber was Gscheids für unsere Beziehung tun – etwas, das wir beide lieben.

Also ab in die Berge!
(Merke: Wähle einen Ort, an dem genug Ski-Firlefanz für die Faschingsleichen und Feriengäste angeboten wird und wähle dann den Berg gegenüber, an dem nix los ist.)

Lenggries!

Natürlich nicht das Gebiet rund ums Brauneck, sondern eben die andere Seite.
(Merke: Brich ruhig spät in München auf, dann kommen die paar Tourengeher schon wieder vom Berg runter, wenn du grad aufm Parkplatz eintriffst.)

Wenn es mich jemals aufs Land verschlägt, dann wohl hierher, in dieses Tal.

So sehr ich das Tegernseer Tal auch mag – in erster Linie mag ich es, weil der Papa dort lebt. Ein paar nette Berge dort, prima Loipen auch, schöne Ufer zum Baden, aber letztlich ist es mir dort zu eng (die Berge enden ja quasi im See) und in den Orten zu bonzig (Pelzmantelpublikum, teure Geschäfte, noble Lokale).

Biege ich hingegen von Tölz auf die Bundesstraße nach Lenggries ab, geht mir einfach – beim Gucken! – das Herz auf. Die Rückseite der Benediktenwand lugt hinterm Brauneck hervor, neben der Straße plätschert die Isar in ihrem breiten Bett dahin und auf den 9 km zwischen Tölz und Lenggries klebt beinahe an jedem Kilometer eine Erinnerung.
Alles dabei: vom Per-Anhalter-Fahren zum Tanzen nach Tölz über den Motorradunfall eines Jugendfreundes über Lagerfeuer auf Isarinseln mit Gitarren, Bierkästen und Küssen bis hin zum Kentern mit dem Kajak, damals, als ich an den freien Tagen meines Sommerferienjobs in der Jugendherberge die Zivildienstleistenden bei ihren Wasserausflügen begleiten durfte.

Dieses unerklärbare Gefühl, wenn ein Ort, eine Gegend, eine Landschaft einfach passt, wenn etwas in einem aufatmet und eine innere Stimme einem den Slogan der kurzen Spots im Bayerischen Fernsehen zuflüstert: „Da bin i dahoam.“ (in dem Fall mehr ein „Da kannt i dahoam sei.“).

Wir starten im Ortsteil Hohenburg bei bestem Bayernwetter und schönstem Schnee …

… und nehmen diesmal nicht den Sulzersteig, der überwiegend im Schatten liegt …

Blick bis ins Vorkarwendel.

… sondern den Grasleitensteig Richtung Seekarkreuz, auf dem der Blick nach vorn genauso schön ist wie der Blick zurück ins Tal, treffen keine Menschenseele …

Blick aufs Brauneck und nach Lenggries.

… und das Einzige, was ein bisserl beschwert, ist der spürbare Verlust der Kondition durch den Virus, so dass ich gar nicht anders kann, als die eine oder andere zusätzliche (Foto-)Pause einzulegen, damit wir die 650 Höhenmeter bis zur Hütte ohne Kreislaufkollaps schaffen (naja, das „wir“ ist gelogen, denn das Hündchen hat keine Schwierigkeiten und schaut dauernd von drei Serpentinen über mir hinab, wo ich denn nur bleibe) und auch die Marterl am Berg drosseln eher das Tempo, als Flügel zu verleihen …

… aber irgendwann guckt sie endlich hinter den Schneemassen hervor, die Hütte, das Ziel!

Wir richten uns ein: Die Matte fürs Dackelfräulein wird ausgebreitet, ich geh‘ mich – klitschnass geschwitzt! – erstmal Umziehen, dann wird das DAV-Mitglieder-Essen bestellt, ein Hohentanner dazu und erstmal gradaus geschaut, geruht und gegessen.

Ein Blick über die Schulter hinüber zum Seekar (Gipfelkreuz links neben der mittigen Tanne) – nein, das wird heut‘ nix mehr, das pack‘ ma nicht (zumindest ich nicht)!

Und dann, nach dem Essen, die Hütte leert sich schon, der Wirt hat jetzt etwas Zeit, da gebe ich mir einen Ruck, gehe zum Tresen und sprech‘ den Aushang im Hüttenflur an: „Mitarbeiter gesucht“.
Immer schon wollte ich das ja mal machen, seit der Jugendzeit, aber immer sprach ‚was dagegen: der Papa, die Lebensphase, das Studium, der Job, der Partner, die Karriere, das Geld, die Gesundheit, der Zeitmangel, die Umstände.
Nun, da manche dieser „Hindernisse“ sich in Luft aufgelöst haben (der Job, die Karriere, das Geld, der Zeitmangel), ist da plötzlich diese Freiheit, einfach mal nachzufragen.

Der Wirt gibt ein Getränk aus und setzt sich zu mir. Wir bereden das. Ob, wie, wann, warum.
Es ist das entspannteste Vorstellungsgespräch meines Lebens: mit verklebten Haaren, rotgefrorener Nase, Pippa zu meinen Füßen, Bergstiefel offen, Bier in der Hand sitze ich da und fühl‘ mich prima. Kein „Was sind Ihre Stärken und Schwächen“-Schwachsinn, sondern die Ansage „Es sollt‘ scho oana sei, der wo si do herobn auskennt, falls mal a Gast frogt, wie die Berg‘ do heißn oder wo’s obi geht“.
Letzte Saison hat er eine gehabt, die „ned mal an Scharfreiter oder die Zugspitz kennt hod“, also das geht gar nicht! Zupacken können sollte man auch, und dann strahlt er, als ich von den Lenggrieser Sommern erzähle, von der Großküche (und dem anderen Gewurschtel) unten in der Jugendherberge und von all den Touren hier in der Gegend.

Zwischendrin kommt Hüttenhündin Tessa angeschwänzelt und will gekrault werden, wir reden über die Hunde, wie alt und woher und welche Macken, beide heißen sie „Mäuschen“, was eigentlich nicht sein kann, denn die Entlebucherin ist eine recht Stämmige („vom Nibelungenblut“) und das Dackelfräulein im Vergleich ja so zart (und nur eine „vom Schwindauer Land“).

Ein paar späte Skitourengeher betreten die Stube und wir unterbrechen unser Gespräch, der Wirt muss rüber zum Tresen und in die Küche. Während er den Eintopf für die Neuankömmlinge erhitzt, schaut er aus einer Luke neben dem Kachelofen nochmal rüber in den Gastraum und ruft mir zu: „Hosd an Dudn?“
„Äh, ja, daheim hab‘ ich einen Duden.“
„Also dann kannst ein Wort da drin gleich streichen: „Hüttenromantik“. Des gibt’s da herobn ned!“.
Er grinst breit, ich nicke zustimmend, proste ihm mit dem Noagerl zu und wir verabschieden uns bis demnächst oder bis zum Saisonbeginn – dann probier’n wir das vielleicht tatsächlich mitanand, so tageweise zwischen meinen Schreibarbeiten und einfach mal für eine Saison, da herobn.

Aschermittwoch 2018: Ekstrem Turglede (= außergewöhnliches Tourenglück)!

Ganz neue Aussichten jedenfalls!

Himmel der Bayern (33): Wanderer, kommst du nach GaPa…

verkündige dorten, du habest den Rucksack bestücket, wie es der Vater einst befahl.
(frei nach Simonides von Keos)

Nach einigen Pannen zu Berge halte ich mich ja nun wieder strikt an das früh mir Anerzogene, das da lautete:

  1. Bereite deine Tour am Vorabend gewissenhaft vor.
  2. Nimm immer ausreichend Proviant, ein Erste-Hilfe-Set, Kleidung zum Wechseln und allerhand weiteres Glump mit, das du zwar nur 1x in 10 Jahren brauchen wirst, aber dann sowas von froh bist, wenn du’s im entscheidenen Moment dabei hast.
  3. Konkret mahnte der Vater vor allem zu vier Dingen unter dieser von mir als Glump verunglimpften Rubrik: eine Karte, ein Taschenmesser, eine Wäscheklammer und ein Stück Schnur.

Und so trug es sich zu, dass wir gestern, bei unserem vierstündigen Marsch oberhalb von GaPa (für die Nicht-Bayern unter den Lesern: Garmisch-Partenkirchen) dieses eine Mal in 10 Jahren erlebten und wirklich sowas von froh waren, weil sonst wären wir glatt verhungert!

Oberhalb von Grainau beginnt der Kramerplateauweg…

… ein Höhenweg am Fuße des Kramers, der sich zu jeder Jahreszeit lohnt, besonders aber dann, wenn die allgegenwärtigen GaPa-Touristen mit anderen Vergnügungen abgelenkt sind (diesmal: Skifahren, neue Zugspitzbahn).

Diesen herrlichen Panoramaweg kann man bis zur Burgruine Werdenfels (über Burgrain, dem nördlichsten Ortsteil von GaPa) in sanftem Auf und Ab entlangmarschieren.

Aus den alten Gemäuern tun sich neue Perspektiven auf, selbst der sonst eher langweilige Hausberg der Garmischer, der Wank, macht mit dieser Umrahmung was her…

…aber auch der Blick nach Farchant und ins Estergebirge lohnt sich von hier oben.

Die unterhalb der Ruine gelegene Werdenfelser Hütte hat ganzjährig geöffnet und bietet Riesenportionen für den Riesenhunger…

…und da wir uns gerade erst ein Paar Wiener (Würstchen!) geteilt haben, ziehen wir noch weiter, bergauf zum Pflegersee…

…der uns mit geschlossener Eisdecke, aber geöffneter Wirtschaft empfängt.

Der Magen knurrt, das Dackelfräulein wetzt schon zur Terrasse, ich pfeife sie zurück. Setze den Rucksack ab, öffne das obere Fach, um die Hundeleine herauszuholen – und greife ins Leere. Das ist das Doofe am Prinzip Zweitrucksack, der mit Thermoskanne und Hundefutter für danach – und heute auch mit Leine drin – auf dem Beifahrersitz schlummert, da kommt man beim Packen halt leicht durcheinander.

Aber: Nach Jahren nutzlosen Mitherumtragens ist nun die Stunde der Paketschnur gekommen!

Die drei Meter reichen problemlos für eine Kurzleinenkonstruktion samt Griffschlaufe und wenn der Hund nur 7kg wiegt, braucht man ja gottseidank kein Schiffstau, um ihn zu bändigen bzw. am Stuhlbein zu befestigen.

Ich schicke dem Papa live eine Mail mit diesem Foto, das ihm zwar spät, aber immerhin überhaupt beweist, dass seine Erziehungsbemühungen Früchte gezeitigt haben.

Noch schönere Früchte finden sich jedoch in dem Streuselkuchen, der mich auch darüber hinwegtröstet…

…dass ich wegen zu hoher Rüdendichte auf der Sonnenterrasse leider drinnen sitzen muss.

Anschließend wandern wir auf dem selben Weg die ganze Strecke retour…

…das Weißblau hat der Bayernhimmel zwischenzeitlich durch Weißgrau ersetzt, aber dem Hund ist das genauso wurscht wie der Alp- und Zugspitzblick und wahrscheinlich das gesamte Panorama unterwegs.

Und wenn man heute Morgen so aus dem heimischen Fenster schaut, weiß man, dass man gestern alles richtig gemacht und nun in aller Ruhe die nächsten Tage am Schreibtisch sitzen kann.

Hund haben (10).

Woche 1 mit Waldi („Single-Version“).

Montag:
– hundefrei –

Dienstag:
[morgens: der Gatte verzieht sich für die nächsten 10 Tage nach Mainhattan]
Possenhofen bis Tutzing und zurück. Wunsch-Café hat zu (kein Verlass mehr aufs Internet). Verdammt. 16 km.

Mittwoch:
[morgens: kein Mann mehr im Haus => das Dackelfräulein legt los mit der Läufigkeit]
Frieding bis Kloster Andechs und zurück. Bräustüberl hat offen (auf Gott ist eben Verlass). 14 km.

Donnerstag:
[morgens: muss mal allein sein, gönne mir einen Schwimmbadbesuch]
Wald vor der Haustür bis Pullach im Isartal. Tee und Brot im Rucksack (am verlässlichsten). 11 km.

Freitag:
[vormittags: wir besuchen Freundin D. zwecks Maßkonfektion für den Dackelfräulein-Wintermantel und Zweitfrühstück]
Ehemalige Haus- und Hofstrecke durch den Olympiapark. 1 Becher Kaffee auf der Olympiaalm (ansonsten noch satt vom Frühstück). 7 km.

Samstag:
[morgens: zefix nochamal, kaputten Ellenbogen beim Getränkeholen erneut gezerrt => wo ist eigentlich der Gatte?]
Rundwanderweg Murnauer Moos. Ähndl hat offen, Kuchen ist alle (zu spät dran). Mist. 13 km.

Sonntag:
[vormittags: Care&Clean-Programm => vereinzelte Blutspuren auf dem Boden wegputzen, Slipeinlagen fürs Schutzhöschen halbieren, Hund bürsten, Ohren säubern usw.]
Umrundung Staffelsee. Keinen Bock auf Überraschungen, also von unterwegs aus im Ziel-Café Wunschplatz und -kuchen reserviert. 20 km.

Wochenbilanz:
81 km gelatscht (ohne Morgen- und Abendgassi + andere Wege), das ist wie 1x von München nach Garmisch.
2x Schwimmen, 1x Waldlauf (Letzteres grauenhaft und zäh).
4 lästige, lang aufgeschobene Dinge endlich vom Hals geschafft (sogleich besserer Nachtschlaf).
400 Fotos sortiert (ab sofort: Artikel schreiben & verkaufen).

Zufriedenstellendes Pensum an Bewegung, innen & außen.

Diesen Modus noch 4 Tage beibehalten, bis die Verstärkung wieder anrückt.
Überwiegend eine Einstellungs- und Aufstellungssache.
Schön, wenn man’s nach nur 6 Jahren endlich mal raushat.

Himmel der Bayern (32): Einmal Löwe, immer Löwe.

Starnberger See: 15°C und Frühlingsgefühle am Ostufer.

Hinweisschilder im teuersten Landkreis der Republik: Für uns erfreulicherweise irrelevant (da anderes Schuhwerk).

Waldi meets Wappentier.

Saharastaub am Seeufer & Föhnsturm in den Alpen.

See-Löwen-Siesta.

Zamperl vor Zugspitze.

Auf dem Rückweg: Spätnachmittagsstimmung bei Feldafing.

Red- and blacknosed reindeers.

Weihnachten, mal anders: Vom Spitzingsee los Richtung Taubenstein…

…auf menschenleeren Pfaden & mit Zeit zum Innehalten & viel Platz zum Spielen…

…hinauf zur Schönfeldhütte, die spontan beschlossen hat, bei dem Wetter ein Weißwurstfrühstück zu servieren…

…sogar bis 15 Uhr – weil mir ham ja Weihnachten, auch da heroben!

Himmel der Bayern (31): Better days with a girl like you.

Nach einer miserablen Nacht heute Früh nicht aus den Federn gekommen, schwieriger Tagesstart so insgesamt.

Erst am späten Vormittag die Kurve gekriegt. Kriegen müssen, denn das Dackelfräulein scharrte schon mit den Hufen.
Wetter nicht der Brüller hier in der Stadt, verflixt nochmal, wohin zum Gassigehen?
Der DAV sagt, in Garmisch scheint die Sonne. Also ab nach Garmisch? Lohnt sich das noch, ist ja schon fast Mittag?

Und wie sich das gelohnt hat!
45 Minuten bis zum Parkplatz an der Olympiaschanze in Garmisch. Bergstiefel geschnürt, Rucksack geschultert.
Na bitte: Die Sonne scheint.

Pippa springt aus dem Auto und platzt vor Energie als sie den Schnee bemerkt. Sie war von klein auf ein Herbst-/Winterhund. Im Frühjahr hat sie ihre schlappste Phase, im Sommer geht’s ganz passabel, wenn man genug Bademöglichkeiten bietet oder in luftige Höhen ausweicht (und nicht gerade die Scheinschwangerschaft alle Lebensgeister ausbremst), aber erst mit dem Herbst kommt ihre fitteste Phase, und sobald sie Schnee riecht, gibt sie noch mehr Gas.

Ich also wie ein Zementsack hinterher, kurz nach dem Kainzenbad geht’s auch schon recht steil bergauf Richtung Wamberg. 

Ja sakradi ist das ein Tiefschnee, hätte man die Grödel doch gleich aufgezogen und nicht erst, wenn die Sohlen schon zentimeterdick mit Eis zugebacken sind. Mit Handschuhen kann man die Dinger nicht aufziehen, also geht’s nach dem Gefummel erstmal mit kalten Fingern weiter.

Winterwandern ist wie gesagt neu für mich und sorgt für ein Aha-Erlebnis nach dem anderen.

Wie beispielsweise die bahnbrechende Erkenntnis, dass man die Teleskopstöcke ja völlig anders einstellen muss als im Sommer. Weil wenn der halbe Stock im Tiefschnee versinkt, muss man diese Länge dazugeben! Achso geht das.

Irgendwann passt dann mal äußerlich alles und das Innere kann folgen: der Gehrhythmus, der Atem, die Körpertemperatur, das Wahrnehmen, das Nixdenken & Allesfühlen.

Nach zwei Stunden die nächste Überraschung: Was du im Sommer in gut einer Stunde hochgehst, kann im Tiefschnee schon mal fast doppelt so lang dauern. Ja sowas aber auch!
Es folgt die bange Ahnung, dass, wenn sich das mit den Gehzeiten so verhält, man definitiv früher hätte losgehen sollen und nicht mittags erst am Bergparkplatz aufschlagen kann. Ab 16 Uhr wird’s langsam dunkel und hinab will man ja auch noch bei Lichte gelangen (das Stirnlämpchen liegt gemütlich zuhause, denn es hieß ja, in Garmisch schiene die Sonne, wozu also das Ding mitnehmen?).

Als der Berggasthof Eckbauer endlich in Sicht ist, ich also quasi die dampfende Gemüsesuppe schon riechen kann, nehme ich mir nochmal Zeit für eine Extra-Fotosession mit dem glücklichen Winterhund vor dem Wettersteingebirge. Wir sind ja jetzt oben und können uns gleich stärken, da kommt’s auf die Viertelstunde auch nicht mehr an.

Leider hat der Berggasthof diese Woche geschlossen, was im Internet gestanden hätte, wenn man sich daheim (wie sonst immer) die Zeit genommen hätte, das vernünftig zu recherchieren und sich nicht ausschließlich unterwegs auf die Sommerwegweiser mit dem trügerischen  Zusatz „Montag Ruhetag“ verlassen hätte.

Im Rucksack befinden sich: 3 Hundewürstchen, 2 Lindor-Kugeln (die roten) und 0,5 Liter Wasser. Ich höre den Gatten, obwohl im fernen Frankfurt sitzend, schon schimpfen: „Man muss immer einen Müsliriegel dabeihaben!“ (jahaaa, ist ja gut, du hast recht!). Erstmals in unserer fast sechsjährigen Beziehung (mit dem Dackel) denke ich ernsthaft darüber nach, Pippa ihrer Würstchen zu berauben, mir ist nämlich nach deftig und nicht nach süß. Da ich klitschnass geschwitzt bin, ist schnelles Handeln angesagt, die Entscheidung fällt dann doch auf die Schokokugeln (innen tiefgefroren, aber immer noch besser als Hundewurst mit Pansen) sowie schnellstmögliches Weitergehen hinüber zum Graseck, denn so war die Tour geplant und es ist eh schon halb 3, aber erst fünf der zehn Kilometer sind gegangen (und auch das ist nur eine Schätzung, denn die Karte liegt ebenfalls daheim, schließlich kennt man ja die Garmischer Berge vom Sommer her so gut).

Zwei Bergsteiger kommen mir entgegen, ich vergesse vor lauter Dringlichkeit der Frage, die ich ihnen stellen will, zu grüßen (man grüßt immer in den Bergen) – „Hat der Gasthof beim Graseck offen?“ – „Ja, hat er.“ Vor lauter Erleichterung vergesse ich auch, mich zu bedanken und zu verabschieden. Nach dieser erfreulichen Antwort surfen wir nun quasi bergab, beseelt und erwartungsfroh in die Sonne blinzelnd, die Madame immer noch drei Serpentinen voraus, aber ich relativ geschickt und flott hinterher (mit Staunen bemerkt: das geht ja im Schnee viel leichter als sommers).

Dann sehen wir endlich das Graseck, auch bekannt unter „My Mountain Hideaway“, früher ein normales Forsthaus mit zünftiger Einkehr, heute ein sündteures „Boutique-Hotel“ mit Gesundheitsschwerpunkt: hier kann man sich z.B. rundum Liften lassen, frisch operiert vor der Welt verstecken, im SPA rumdümpeln oder Candle-Light-Dinner futtern, bis man sich mit abgeschwollenem Näschen neu und frisch wieder hinuntergondeln traut ins belebte Garmisch und den Preis für einen Kleinwagen dort oben im schönen Graseck gelassen hat.

Es gibt Erbsen-Kartoffel-Eintopf für mich und Pippa bekommt ihre drei Würstchen. Die Aussicht: keine schönheitsoprierten Fressen im Lokal, dafür unberührte Schneehänge vor weiß-blau-grau leuchtender Bergkulisse. Einzig die Schickimicki-Sippe im hinteren Teil des Restaurants, die sich in der kuhfellüberzogenen Kuschelecke neben der Bar niedergelassen hat, nervt etwas, da für die verwöhnten Schrazen heute schon die Bescherung stattfindet. Während die Küche meinen Eintopf erwärmt, wechsle ich die Klamotten in nobelstem, weitläufigem Toiletten-Ambiente (meine Schwimmbadumkleide ist klein und schlicht dagegen), denn wenn man schon keinen Müsliriegel dabei hat, sollte man wenigstens einen Satz trockene Kleidung mitgenommen haben, inkl. Zweimütze und Zweithandschuhen.

Die Welt ist wieder rund, der schlechte Tagesstart vergessen. Der Kellner erzählt, dass die kleine Graseck-Bergbahn für Gäste des Lokals weniger kostet. Das trifft sich gut, denn die Sonne ist gerade hinter den Dreitorspitzen versunken und da hätte es schon arg finster werden können beim Abstieg durch die ohnehin etwas düstere Partnachklamm. 

Ich lasse den Plan Plan sein, da heute eh das meiste ohne Plan auch recht plan lief und so schaukeln wir nach der Rast gemütlich hinab ins Tal.

Von dort noch ein 20 Minuten-Marsch zurück zum Auto, wo bereits der Hagebuttentee in der Thermoskanne sowie das Abendessen für Pippa warten. 

Anschließend bei bester Musik und mit zufrieden schnarchendem Hund auf der Rückbank heimwärts gebrettert.

These are better days: 

Nichts geht über so einen wundervollen Bergausflug mit diesem fröhlichen Dackelmädchen!

Every fool’s got a reason for feelin‘ sorry for himself
And turning his heart to stone
Tonight this fool’s halfway to heaven and just a mile outta hell
And I feel like I’m comin‘ home

These are better days baby
There’s better days shining through
These are better days
Better days with a girl like you

Verschwitzt oder: Die Gletscherspalte.

„Du schaffst das schon“, meinte er damals zu mir, als ich mich auf den Weg machte, alleine die Alpen zu überqueren, „und wenn nicht, dann hol‘ ich dich eben ab, in welcher Gletscherspalte auch immer du hängst.“

***

Heute sind das Dackelfräulein und ich auf den Riederstein gestiegen, um die Grödel und die Winterwanderhose einem ersten Härtetest zu unterziehen.

Auf dem Riederstein war ich bislang nur ein einziges Mal, mit dem Papa, als er noch fit war und ich noch keine Lust auf Bergtouren an freibadtauglichen Sommertagen hatte und daher mürrisch hinter ihm bergauf schnaufte. Rund 30 Jahre sind seitdem vergangen.

Vom südlichen Ortsende in Tegernsee brechen wir bei zähem Nebel auf…

…und ich wundere mich, wie der Papa morgens am Telefon behaupten konnte, im Tegernseer Tal schiene die Sonne…

…doch schließlich behielt er recht, wenn auch erst jenseits der 1.000 Höhenmeter.

Pippa kriegt sich nicht ein vor Freude, sobald sie Schnee unter den Pfoten spürt…

…und fliegt geradezu aufwärts, so dass man kaum hinterherkommt.

Folglich ist sie als Erste oben auf dem Gipfel…

…der eine kleine Kapelle mit Aussichtsbank beherbergt…

…von wo aus sich ein bombastischer Blick auf die Tegernseer Berge bis weit nach Tirol hinein auftut…

…nur der See ist komplett bedeckt von dem flauschigen Wolkenteppich.

Ich bin verschwitzt und etwas außer Atem (das Hinaufstapfen durch den Schnee strengt gewaltig an), aber das Dackelchen findet das Panorama völlig unerheblich und drängt schon bald ungeduldig zum Aufbruch.

Beim Abstieg rasten wir ausgiebig auf der Galaun, spielen Wurststückchensuchen im Pulverschnee…

…kehren auf ein Haferl Kaffee samt Kuchenstück in der Hütte ein…

…und ich versinke in einer Mischung aus Demut und Dankbarkeit: für diesen Tag, für die wärmende Sonne und den Kaffee, für das neue Equipment und für meine kleine, fröhliche Begleiterin.

Anschließend besuchen wir den Papa in Rottach-Egern.
Er ist recht angeschlagen zur Zeit. Schaut sich die Fotos von unserem Winterwanderglück an und seufzt ein bisschen. Die Berge sind für ihn nur noch Kulisse, der Parkinson und andere Beschwerden fesseln ihn ans Tal und mehr und mehr auch ans Haus. Das schmerzt, wenn man Jahrzehnte lang so gern gewandert ist, aber der Schmerz über den geschrumpften Aktionsradius ist mittlerweile einer unter vielen geworden, und beileibe nicht der größte.

Während ich unter die Dusche springe, fängt er an, in der Küche zu werkeln. Schnippelt Zuckerschoten klein, mariniert das Fleisch, pinselt den Wok mit Sesamöl aus. Als ich wieder dazukomme, rührt er gerade Pippas Futter um, Karotten und Fleisch sollen vermischt werden. Seine Hand zittert, die Bewegungen sind fahrig und zäh, die Gabel pflügt ungelenk durch die Schüssel.
Stets muss ich mir auf die Lippen beißen, wenn ich ihn so sehe. Immer hatte er alles im Griff – im Job, in der Freizeit und besonders in der Küche – und nun fordert eine Kleinigkeit wie Umrühren seine ganze Kraft und Aufmerksamkeit. Und obwohl dieser Prozess nun schon seit 5 Jahren voll im Gange ist, sträuben sich in mir immer noch eingebrannte Bilder und Erinnerungen aus 40 Jahren dagegen, die Realität endlich als solche anzuerkennen.

„Hast du schon auf dein Konto geguckt?“, fragt er.
„Ja“, sage ich, und füge hinzu, dass ja noch gar nicht Weihnachten sei.
„Aber du gehst doch jetzt in die Berge und nicht erst nach Weihnachten“, entgegnet er, „also besorg‘ dir bitte neue Stöcke und den Rest hebst du auf für die kleine Operation von Pippa.“

Beim Abendessen erzählt er mir, dass er neulich zum ersten Mal in seinem Leben einen Termin verschwitzt hat. Dabei hätte er den Termin doch notiert gehabt. An zwei Stellen sogar. Das beschäftigt ihn schwer. Er, der immer pünktlich war und dem nie etwas durch die Lappen ging. Ob er sich künftig etwa einen Zettel schreiben müsse, auf dem er vermerkt, dass er sich bereits Listen zu den anstehenden Erledigungen angefertigt hätte.
Er versucht, dem Ganzen mit den verbliebenen Resten seiner rheinischen Frohnatur einen galgenhumorvollen Anstrich zu geben, ich lache ihm zuliebe, spiele mit bei dem Gag, und empfehle ihm die gelben Haftnotizen wiederzubeleben, die er früher ergänzend zu seinen Listen (quasi als Meta-Liste) an Türrahmen klebte oder an innen an seine Haustür (damit ihn die Ermahnung rechtzeitig vor Verlassen der Wohnung anspränge). Er lacht zurück, Sekunden später fallen ihm unvermittelt die Augen zu, der Kopf sinkt Richtung Brustkorb, für einen Augenblick befindet er sich im Nirwana der Nebenwirkungen seiner täglichen Dopaminzufuhr, kurz darauf schaut er mich an und will wissen, ob er mal wieder kurz weg gewesen sei.

Als ich am späten Abend über vereiste Landstraßen und durch dichte Nebelschwaden nachhause fahre, muss ich heulen, weil mir plötzlich jener Satz einfällt, den er vor vielen Jahren zu mir sagte, als ich noch die Unsichere war und er der Fels in der Brandung: „Du schaffst das schon, und wenn nicht, dann hol‘ ich dich eben ab, in welcher Gletscherspalte auch immer du hängst.“
Er, der immer für alles eine Lösung wusste und mir immer das Gefühl gab, ich sei ebenso stark wie er (was er, wie ich heute weiß, gar nicht immer war, aber er strahlte es aus und ich glaubte daran), ist in den letzten Jahren langsam, aber unaufhaltsam ein anderer geworden.

Ich wünschte, nun könnte ich ihm mal ein „Du schaffst das schon“ mitgeben, aber es wäre nicht glaubhaft, denn wir wissen beide, dass wir schon froh sein können, wenn seine gesundheitliche Lage stagniert.
Und was die Gletscherspalte angeht: Er wird es nicht mehr sein, der mich dort rausholt, sollte ich da je hineingeraten.

Es fühlt sich beklemmend an, wenn eine Ahnung zur Gewissheit wird, selbst wenn man schon immer um die Metapher in diesem Part des väterlichen Satzes wusste und auch nicht ernsthaft auf Gletschern herumzuturnen gedachte.