Mountaindog.

Die Goldigkeit dieses Oktobers nimmt einfach kein Ende.

So der Papa heut Morgen am Telefon. Und: Dort draußen in den Bergen sei schönstes Wetter.

Echt? Der Blick aus dem Fenster der Münchner Wohnung verlor sich nach wenigen Metern im dichten Nebelgrau!

Wenngleich in post-konzertanter und frauenspezifisch etwas angeschlagener Verfassung gab ich mir um 11 Uhr doch noch einen Ruck, packte die Bergsachen, etwas Verpflegung und natürlich das Dackelfräulein ein – und fuhr los.


Zu einem der Hausberge, der Benediktenwand. Wie oft ich da wohl in meinem Leben schon war? 20x, 25x, noch öfter? Und es wird nie langweilig!

Weil der Berg ja jedesmal anders ist zu dir, und du dich auf ihm auch jedesmal anders bewegst, weil du dich nie gleich fühlst, weil du immer in anderer Verfassung hochsteigst als du hinunterkommst, weil dein Gepäck stets ein anderes ist und weil sowieso nichts im Leben wiederholbar ist (wir gaukeln uns das manchmal nur gern vor).

Heute also von Benediktbeuern aus durchs Lainbachtal hinauf, ein Traumweg zu jeder Jahreszeit. Nicht ganz hoch auf die Wand, versteht sich, weil da muss man schon früher aufstehen und fitter sein, das dauert mit Auf-, Abstieg, Pausen und Grat-Querung mal locker 8 Stunden.

Heute nur auf die Tutzinger Hütte, aber was heißt „nur“? Bei flottem Tempo sind das hoch und runter auch schon gut viereinhalb Stunden, plus Rast auf der Hütte.

Übrigens eine der am schönsten gelegenen Hütten im Voralpenland, sollten Sie mal in der Gegend sein, lassen Sie sich das nicht entgehen. Herrliches Hochplateau am Fuße der Felswand. Wirkt viel höher und alpiner als es ist.

Eine Stunde dort gesessen und geradeaus geguckt. In der Ferne ein paar Steinböcke gehört. Die herbstliche Bergluft inhaliert. Dazu ein Reutberger. Mich sehr heimisch gefühlt dort oben und überhaupt.

Große Harmonie heute auch zwischen Pippa und mir. Perfekte Kommunikation unterwegs, einer achtet auf den anderen. Die Trageübungen klappen auch immer besser. Man muss sowas ja frühzeitig trainieren, damit es dann sitzt, wenn man mal regelmäßiger drauf angewiesen sein wird.

Heut erstmals das klare Gefühl: Sie wird das lernen, mir zu signalisieren, wenn sie nicht mehr kann. Und ich werde lernen, dass ich das Gewicht – hinten Rucksack, vorne Hund – so verteile, dass ich sicheren Schrittes weitergehen kann und sich die Nackenschmerzen anschließend in Grenzen halten.

Noch ein, zwei heftigere Herbststürme und das letzte Laub wird zu Boden gegangen sein. Der Lauf der Dinge: ein ewiges Erblühen und Verblühen. Alles Leben ist letztendlich kompostierbar – mich persönlich beruhigt das.


In der Dämmerung wieder unten im Tal angekommen.

Der Abendnebel wickelt sich gerade um die Türme des Benediktinerklosters. Ich wickle den müden Mountaindog in eine Decke, mich in meine Fleecejacke und fahre zufrieden heimwärts.

Vergessene Berge.

Treffpunkt: Kochel am See. 16 Grad, Nebel, ein feuchtkühler Herbstsamstag.

Mit seiner alten BMW biegt B. auf den Parkplatz ein, steigt ab und hält mir die Wanderkarte unter die Nase. Sein erster Vorschlag ist die Sonnenspitz, ich studiere kurz die Karte und willige ein. Denn das sieht exakt nach der Art von Tour aus, die das Dackelfräulein am meisten liebt: null Forststraße, null Asphalt, ausschließlich schmale Bergpfade.

Wir gehen die 700 Höhenmeter auf die Sonnenspitz (die sich heute Mittag leider überwiegend in Wolken hüllt) sehr flott hoch. Und das nicht etwa, weil wir Lust auf einen Bergsprint haben (ganz im Gegenteil: B. steht kurz vor seiner zweiten Hüft-OP und ich spüre noch die Tour vom Donnerstag in den Waden, außerdem ist es das erste Wiedersehen seit Wochen, so dass es viel zu erzählen gäbe).

Nein! Wir gehen so zügig da hinauf, weil Pippa so freudig und vital vorauswieselt wie seit Monaten nicht mehr. Den Spaß will ich ihr unbedingt lassen, also hecheln wir hurtig hinter ihr her und staunen, wie sie in dem wild zugewachsenen Bergwald überall sofort den richtigen Pfad findet – was gar nicht so einfach ist, denn die Zustiege auf die Sonnenspitz werden seit ein paar Jahren nicht mehr gepflegt, weil die Berge drumrum (Herzogstand, Heimgarten, Jochberg) allesamt beliebter sind als die etwas schroffe, steile Sonnenspitz. Man ist x-mal an ihr vorbeigefahren und hat ihr nie Beachtung geschenkt, geschweige denn, dass man auf sie hinaufgestiegen wäre. Zu Unrecht!

Der Reiz solch vergessener Berge besteht nämlich genau darin, dass sie vergessen wurden. Dass sie nicht gut genug waren für die Top Ten im Blauen Land, nicht spektakulär/hoch/aussichtsreich genug. Das hat zur Folge, dass sie nie überlaufen sind und ihre Wege unberührt wirken. Trifft man doch mal auf andere Bergsteiger, sind es Einheimische, Mountainbiker verirren sich gar keine hierher.

Das Beste: es herrscht völlige Ruhe auf einem vergessenen Berg. Und für die Hundenase herrschen paradiesische Zustände. Hier gibt es bereits mitten auf den Wegen die pure Natur (fast schon: Wildnis!) zu entdecken (anstatt von Bergstiefeln und Fahrradreifen zermalmte Böden). Wunderbare Tour, da waren wir sicher nicht zum letzten Mal!

Und als wir zufrieden und erschöpft wieder im Tal ankommen, trollt sich dann auch das letzte Wölkchen gen Osten, in die Jachenau oder ins Karwendel, so dass der Tag am Seeufer ausklingen kann, weil die Spätnachmittagssonne glatt noch die durchgeschwitzen Klamotten zu trocknen vermag.

Was für eine Woche, was für ein schöner Oktober!

Himmel der Bayern (65): Wieder daheim.

Eine Tafel von der Ettaler Klosterbrauerei in Sichtweite, ein netter Verschreiber drauf.
Über der Krone der leichten Weißen der Zugspitzgipfel, etwas weiter links der Fernblick bis in die kleinsten Zacken des Wettersteingebirges, irgendwo noch weiter links ein paar Karwendelspitzen.

Jetzt spür ich’s definitiv: wir sind wieder daheim.

Und ich spüre ebenfalls die 820 Höhenmeter in den Hax’n, immer wieder überraschend, dass sich ein paar Wochen Bergpause sofort bemerkbar machen und man doch fast ein Stündchen braucht, bis man wieder drin ist im Bergaufgehmodus.

Das Dackelfräulein heut von Anfang an besser unterwegs als ich, stets 20 Teckelmeter vorneweg, wie in alten Zeiten. Die Sonne strahlt, es ist wenig los, es ist herrlich still, es ist Zeit und Gelegenheit, das in den letzten Wochen Erlebte noch Revue passieren zu lassen, sich zu sortieren und zu rüsten für all das nun Anstehende.

Schweigend laufen wir hinauf auf den Laber – ein hübscher Kontrast, nicht wahr? -, auf der Panoramaterrasse des Gipfellokals wird eh schon genug gelabert. Erstaunlich viele mopsige Amerikaner hocken da heut herum, aber klar, es geht ja auch eine Gondel hinauf, sonst säßen die hier nicht an ihrem „Wiesn-Break“-Tag, wie ich den Gesprächsfetzen entnehmen kann. Das bestätigt mal wieder meine Abneigung gegen Berge, auf die eine Bahn hochfährt, so gegen Ende der Saison geht’s dann wenigstens mit dem Andrang und auf dem Weg selbst trifft man die Bahntouristen ja auch nicht.

Ziehen wir also bald Leine, um das schöne Gefühl des Wiederangekommenseins nicht zu (zer)stören. Das wird ja drunten im Tal schon von genug Dingen gestört: ein möglicherweise kaputtes Radlager (ein Dröhnen, das seit Dänemark immer lauter wird und dem es dann nächste Woche hoffentlich nicht zu kostspielig an den Kragen geht), der allherbstliche Horror vor der Steuererklärung (viel Verwirrendes und Neues diesmal, ohne meinen großen Freund S. werd‘ ich wohl nicht durchblicken) und – allem voran – der erschütternden Nachricht, dass Lurchi nicht mehr läuft.

Ja, so hat er’s formuliert, der Herr Papa, als wir miteinander sprachen. Nachdem ich zunächst lange von Schweden erzählt und seine Fragen beantwortet hatte, fragte ich natürlich nach, wie es ihm in den letzten Wochen ergangen war und wie seine Reise gewesen sei.
„Der Lurchi läuft nicht mehr“, antwortete er einleitend, vielleicht um irgendwie Distanz herzustellen, denn der Lurchi, das ist schließlich er selbst, wenngleich ich zu den wenigen gehöre, die ihn nicht so nennen. Er habe die zu bewältigenden (kurzen!) Laufstrecken auf seiner Reise nicht mehr geschafft, habe dauernd die kleine Gruppe aufgehalten, mehrfach sei er fast gestürzt. Mit dem Rollstuhl, den man ihm sehr fix organisiert habe, sei es dann gegangen, aber da ihm die Kraft in den Armen fehle, um den Rollstuhl selbst zu voran zu bewegen, musste ihn immer jemand schieben.

Eine Information, die eine neue Ära einläutet.
Er will es noch nicht wahrhaben und versucht sich an abwiegelnden Scherzen zu dem Thema, aber mir ist schmerzlich sonnenklar, dass damit eine neue Ära begonnen hat, selbst wenn er derzeit seinen Radius auf Haus und Garten beschränkt und daher rollstuhlfrei „unterwegs“ sein kann.

Und sonst so?

Der Fünfer-Looping rattert täglich 12 Stunden vor der Tür, unaufhörlich seine kreischenden Insassen durchrüttelnd. Wenn man abends vors Haus tritt, schwappt einem ein Schwall Gebrannte-Mandeln-Duft entgegen. Insgesamt ist die Lage vor Ort viel harmloser als befürchtet. Bei Sonnenschein ist es tagsüber sogar so nett, dass man da mal auf eine Mandel oder zwei rüberspaziert, ist ja kein Aufwand.

Man staunt halt beim Blick aus dem Fenster hinunter auf die Straße über so Einiges: Menschen, die samstags vor 8 Uhr bereits Schlange stehen für den Einlass ins gelobte Wiesn-Land ab 9 Uhr (was um alles in der Welt, will man samstags um 9 Uhr in einem Bierzelt?) oder die Massenkostümierung, die mittlerweile ein so flächendeckendes Ausmaß erreicht hat, dass man das Ende der Einheitsuniformen schon kommen sehen kann (die Hingucker sind bald die, die ohne Tracht dort herumlaufen, da alles andere in einen großen optischen Brei ineinanderfließt).

Nächstes Jahr, so überleg ich, könnte ich an die morgendlichen Warteschlangenleute Kaffee und Muffins verkaufen und damit bestimmt ein gutes Geschäft machen, ohne viel Arbeit zu haben. Das noch bessere Geschäft würde man freilich mit der Vermietung eines Matratzenlagers im Wohnzimmer machen, da würde schon das Italiener-Wochenende reichen, aber die anschließend nötige Renovierung zu betreuen, danach dürstet uns gar nicht, zu nah noch all das schauerliche Gehandwerke nach dem Umzug hierher.

Gefühlt ist unsere Straße eine der sichersten und saubersten der ganzen Stadt: mindestens 3x täglich reinigt eine Putzkolonne alle Straßen, Wege, Grünstreifen, Gebüsche. Die Polizei patrouilliert ab Nachmittag permanent die Allee auf und ab. Abends fahren die Sanitäter die Straße entlang und leuchten mit Scheinwerfen in die Rabatten, ob da irgendwo ein Patient herumröchelt.

Man hat jetzt hier einen Wiesn-Sonderausweis für Anwohner und gehört neben der Polizeiflotte und den Sankas zu den einzigen Fahrzeugen, denen die Zufahrt zu dieser verkehrsfreien Hochsicherheitszone gestattet ist (jeweils nach Kontrolle an den zwei Checkpoints, versteht sich). Das hat irgendwie was.

Fast möchte man beim Entlangfahren (bei derzeit Tempolimit 10km/h) alle Fenster herunterkurbeln und wie einst Jackie Kennedy sonnenbebrillt, mit Pillbox-Hütchen und im Fahrtwind flatterndem Seidenschal lässig und mit einem mildem Lächeln dem ehrfürchtig guckenden Volk („Boah, wer darf denn hier herumfahren?“) zuwinken, das sich in der schönen Lindenallee tummelt und sich die Beine wartend in den verdirndelten oder lederhosenbelatzten Bauch steht und der langsam anrollenden Limousine Platz macht.

Ich habe aber weder Hütchen noch Seidenschal noch eine Hand frei zum Winken, da ich zumeist allein am Steuer der Nicht-Staatskarosse sitze.
Dafür beschalle ich sie alle mit Springsteen, Dylan und Forenbacher.

Schön, wieder zuhause zu sein.

Deckl drauf & bloß nicht Verweilen.

Gestern eine kleine Teststrecke gelaufen, um die Sache mit der aktuellen, alpinen Dackelperformance mal unter vernünftigen Bedingungen gründlich zu überprüfen. Ob es wirklich nur die FSH-Thematik ist oder doch noch was anderes. Lieblingsberg vom Fräulein ausgewählt, mit Lieblingsaufstieg und das auch mit besten Verhältnissen (genug getrunken, moderates Sommerwetter, gut geschlafen usw.).
Vom Ergebnis soll ein andermal die Rede sein, ich muss das noch ein wenig in mir hin und her wenden, mit dem Gatten besprechen und überdenken und dann weitersehen, was wir da tun werden.

Jedenfalls ist eines klar: das Hochgebirge lassen wir gemeinsam momentan mal schön bleiben, denn ich geh keine 6 Stunden (netto) mit Hund irgendwo hinauf, wenn ich nicht so gut wie sicher sein kann, dass das für sie auch wirklich gut geht, denn ich weiß ja nicht mal genau, wie gut es für mich geht, und dieser Umstand zweifacher, latenter Ungewissheit kollidiert dann mit meiner eisernen Devise: Geh mit deinem Hund nur die Touren, bei denen du neben der Kraft, die du für deinen eigenen Aufstieg/Abstieg und deinen Tourenrucksack brauchst, immer noch genug Kraftreserven hast, um den Hund über längere Strecke zu tragen, falls das nötig werden würde.
Also kommt das derzeit nicht in Frage.

Der heiterste Moment gestern, neben einer weiteren angenehmen und gesprächsintensiven Begegnung auf der Alm (Vater, 78, mit Sohn, Anfang 50, aus Deggendorf, sehr nett anzuhören, was Dialekt und auch Inhalt anging) war dieses Schild, das uns gleich nach dem Abstieg am Seeufer begrüßte:

Ich, noch ganz mit dem Abstreifen eines gewissen Reportagenschreibekels (was das typische Reisevokabular und bestimmte touristische Formulierungen angeht) beschäftigt, geh da so und seh dieses Schild und bin geradezu entzückt, dass mitten in dieser paradiesischen Natur an einem der oberbayrischen Parade-Seen ein Hinweis steht, dass an Ort und Stelle mal nichts zum Verweilen einlädt.

Weder irgendeine olle Aussichtsbank noch eine reizvolle Erhebung oder ein lauschiger Biergarten oder ein idyllischer Park oder gar ein romantischer Steg mit Panoramablick.

Bitte zügig durchschreiten und nicht verweilen – das ist auch mal toll, beinahe heilsam, zumindest eine wahre Wohltat für meine gestern noch recht strapazierte Wahrnehmung und Verfassung nach Abgabe meines letzten Magazinbeitrags.

Der Spaziergänger wird also gewarnt und ermahnt sowie zur seeseitigen Straßenseite geschickt, und auch dort lädt nichts zum Verweilen ein, sofern man den Blick vom Karwendelgebirge am Horizont und dem Türkisgrün des Wassers abwendet und ihn einfach mal übers Geländer wirft oder unter dem Geländer hindurch, so wie Pippa das alle paar Meter tat.

Irgendwann guckte ich dann auch mal nach, was sie da eigentlich dauernd zu gucken hat und staunte nicht schlecht: riesige, dicke Schlangen (für hiesige Verhältnisse), alle 2 Meter (!) so ein zusammengekringeltes reptiles Tau (Durchmesser 3 bis 5cm, Länge gottseidank nicht feststellbar, aber enorm viele Tauwindungen), das sich an der steilen Uferböschung sonnt oder munter den Kopf hebt und züngelnd den Hund anguckt, mal schwarz, mal grüngrau mit Muster, ich will’s gar nicht wissen, wie die Genossen heißen und was ihre Hobbies sind.

Am See unten sitzend, in einer schlangenfreien, aber ameisenreichen Wiese, vermissen wir dann die liebe D., die eigentlich mitkommen wollte, aber leider noch zu erkältet war, und überhaupt hängt ein Hauch Wehmut über fast allem an diesem Nachmittag, an dem passenderweise kaum etwas zum Verweilen einlädt.

Vater und Sohn, die nette Almbekanntschaft, holen uns nochmal ein, gemeinsam läuft man am Seeufer zurück zum Ausgangspunkt (was für eine Woche: gleich 2x mit Fremden gewandert), und auch die beiden umwittert ein Hauch von Wehmut, denn dem Vater tut das Knie sehr weh und dem Sohn schwant, dass das die letzte gemeinsame Tour gewesen sein könnte, und während Vater müde am See unten sitzenbleibt, steigen Sohn und ich nochmal ein Stück hinauf zum Parkplatz am Kesselberg, wo die Autos stehen, und reden über unsere Väter und das Älterwerden.

Und über unsere Hunde, seiner schon ein paar Jahre tot, aber allein die kurze Erwähnung der ach so guten Zeiten mit dem wunderbaren Cockerrüden treibt dem Sohn die Tränen in die Augen – und ich bin sehr froh um meine Sonnenbrille.

Nun soll’s hier nicht so trüb enden, das Erzählte war ja schließlich gestern und heut sieht die Welt schon wieder bunter aus, die Isar funkelte so schön in der Sonne und das Frisbeespielen im Wasser hat viel Freude gemacht, vor allem dem Dackelfräulein, und während ich die Handyfotos von gestern so durchscrolle, entdecke ich da noch eines, das den pragmatischen Charakter und das bayrische Gemüt der Wirtsleute oben auf der Alm (seit eh und je dasselbe Ehepaar) ebenso prima beschreibt wie die offenbar ständig deppert mit dem Milchkanndl herumhantierenden und herumpritschenden Gäste – und mit diesem Bild wollen wir heut enden.

Und denen, die nicht lesen können, sagt der Wirt einfach kurz Bescheid: Da Deckl bleibt drauf und a Rua is!
Haben Sie einen schönen, geruhsamen Abend.

Himmel der Bayern (62): Unterwegs mit dem FSH.

Nein, nein, beim FSH handelt es sich nicht um eine Motorenbezeichnung.
Wobei, im übertragenen Sinne vielleicht doch. Aber der Reihe nach.

Die bisherige Zwischenbilanz in Sachen Bewegung ist zwar sehr passabel, allerdings hauptsächlich an der Schwimmfront und was die Kontinuität der Park-Läufe betrifft. Der Bergsport hingegen kam in letzter Zeit etwas zu kurz. Aus mehreren Gründen, von denen der mitteilbarste noch der ist, dass ich diese Zwischensaison in den Bergen einfach nicht mag. Wenn noch überall graue, harsche Schneereste herumliegen (und im Mai kam ja noch haufenweise Neuschnee dazu), es unten im Tal schon warm, aber oben noch arschkalt ist. Das ist nix für mich.
Wintertouren sind total ok, kalt, mit oder ohne Schnee, alles recht, aber diesen Mix kann ich nicht leiden. Jacke-an-Jacke-aus nervt mich.

Also sind wir erst seit ein paar Wochen wieder gelegentlich im Voralpenland unterwegs. Konditionell bringt einem das Schwimmen hier nur bedingt Vorteile und da demnächst eine größere Hüttentour ansteht, wird es nun Zeit, vorher ein paar kleinere alpine Unternehmungen gemacht zu haben, damit das dann auch gut klappt (bzw. keiner zusammenklappt bei dem 5-Stunden-Aufstieg auf weit über 2.000 Meter – die zur Expedition angemeldeten Teilnehmer sind das Dackelfräulein und meine Wenigkeit).

Nun gut. Sind wir heut sehr früh aufgestanden, damit ich bis 11 Uhr noch arbeiten konnte, dann ins Auto und los.

Die ersten 30 Minuten Aufstieg eine einzige Qual. Nicht für mich, es war eine schnöde, wenn auch etwas steile Forststraße. Aber Pippa hing in den Seilen wie noch nie, trotz bester Witterung (Wolken, Sonne, 20 Grad im Tal, keinesfalls zu heiß). Als die Forststraße dann in einen Waldweg überging, der weniger steil war, besserte sich die Lage ein bisschen, verschlechterte sich aber umgehend wieder, als das letzte steile Stück vor dem Ziel anstand.

Zwischendurch zog ich schon eine Umkehr in Erwägung, weil ich meinen Hund nicht schinden oder dauernd antreiben möchte. Grübelte, ob sie eventuell gesundheitliche Probleme haben könnte, beobachtete sie beim Hinaufschlurfen sehr genau – aber nichts wies auf irgendwelche Gelenkschmerzen oder andere Beeinträchtigungen hin. Fragte mich, ob sich nun einfach ihr Alter bemerkbar macht, mit siebeneinhalb Jahren ist sie ja jetzt kein junger Hund mehr, aber eigentlich doch für einen Dackel in den besten Jahren.

Auf der Hütte angekommen, wirkte alles wieder normaler: Der Hüttenhund wurde auf jeder seiner Patrouillen über die Terrasse 1x angewufft, nach jeder Fliege wurde geschnappt, der Napf in der üblichen Zeit geleert. Alles wie immer. Gottseidank! Ich schöpfte Hoffnung, dass es sich um eine vorübergehende Unpässlichkeit gehandelt hatte und beim Abstieg sowieso alles leichter liefe.

Beim Aufbruch – und nun ging’s ja wohlgemerkt ständig bergab! – Pippa aber sogleich wieder in Zeitlupe unterwegs, extremes Kriechtempo, unglücklicher Blick, sogar gelegentliches Hinsetzen. Sofort machte ich mir noch größere Sorgen als beim Aufstieg. Was war denn nur mit dem Hund los?

Nach den ersten 150 Höhenmetern Abstieg im Schneckentempo kamen wir an eine Abzweigung. Ein kleiner Steig ging rechts Richtung Sonnenspitze ab.
Ich wollte den breiten Wanderweg, den wir hinaufgegangen waren, auch wieder hinuntergehen. Pippa aber bog in den schmalen Bergpfad ein, sah dann, dass ich den anderen Weg nahm, hockte sich hin wie ein Pflock, ein Geschau dazu wie der personifizierte Vorwurf, und war nicht mehr weiterzubewegen.
Also gut, sagte ich, dann gehen wir eben deinen Weg, du kleiner, sturer Stinker.

Schild stand keines an der Abzweigung, was sicher an den Holzarbeiten lag, die überall noch im Gange sind (wegen der zahlreichen Schäden, die der heftige Winter hinterlassen hat) und wo manch bekanntes Wegstück kaum wiederzuerkennen ist. Ich erinnerte mich aber, diesen Steig vor ca. 15 Jahren schon mal gegangen zu sein, vergaß allerdings, dass ich damals jünger, fitter und ohne Hund unterwegs war.

Und dann vollzog sich eine Wandlung, mit der ich heute nicht mehr gerechnet hätte: Als Pippa merkte, dass es ab sofort auf dem von ihr präferierten Weg weitergehen würde, peste sie voraus. Munter und bester Laune wieselte sie den schmalen Steig entlang, kein Hinsetzen mehr, der Blick ein völlig anderer, der ganze Hund wie ausgewechselt, und das, obwohl der Weg sich permanent bergauf und bergab dahinschlängelte und wirklich anstrengend zu gehen war.

Tja, hätte ich mal ein bisschen intensiver nachgedacht, hätte mir durchaus einfallen können, dass das Dackelfräulein ja Forststraßen hasst. Zumindest die, die bergauf führen (und nun offenbar auch bergabführende). Das ist schon seit Jahren so und im Nachhinein ist mir schleierhaft, wie ich nur nicht daran denken konnte, wo ich das doch eigentlich weiß.
Mein Fokus lag heute ausschließlich auf: Jetzt gehen wir mal ein paar bequemere Strecken, bis wir wieder in Übung sind.

Seit der Forststraßenhasser (kurz: FSH – womit wir die Kurve zum Beitragstitel bekommen hätten, was nach dem Tag und um die Uhrzeit keine Selbstverständlichkeit mehr ist) sich wieder auf einem Weg befand, der – und das scheint das entscheidende Kriterium zu sein – maximal dreimal so breit ist wie er selbst schmal ist, waren die Bergwelt und die performance für und von Fräulein Hund wieder vollkommen in Ordnung.

Ich war einerseits erleichtert, dass mit Pippa alles ok ist, andererseits ad hoc ziemlich gefordert. Denn mir war eigentlich nach Abstieg und Dahintrotten auf breiterem Weg. Nach ein paar Eingewöhnungsminuten ging’s dann schon. Bis der Pfad schmaler und schmaler wurde und irgendwann die erste drahtseilversicherte Stelle kam.

Ja verdammt, auch das hatte ich nicht mehr parat.
Also Stöcke an den Rucksack und Hund in die eine Hand, die andere Hand fest ans Seil. Wenn’s steil runtergeht, ist das aber vorwärts so nicht machbar (wegen der Gefahr des Übergewichts und Vornüberfallens), daher das Ganze rückwärts. Auf sowas war ich heut nicht vorbereitet und entsprechend hat’s mich beansprucht.

Ich kürze jetzt mal etwas ab, denn diese Alpinabenteuer anderer Leute, bei denen jeder Tropfen Angstschweiß und jede Serpentine wortreich gewürdigt wird, gehen einem ja schnell auf den Wecker.

Es ging eine Stunde lang so dahin: mal an der Seilsicherung nach oben, mal nach unten steigend, mal mit Hund im Arm, mal mit Hund im Tragetuch vor der Brust (wir haben jetzt so ein Baby-Ding, perfektes Dackelformat, nur ein elendes Gefummel, bis die Vergurtung fest sitzt und der Hund drin ist), vorwärts, rückwärts, freihändig, festgekrallt. Das Dackelfräulein hat das alles super gemacht, ist sofort stehengeblieben, wenn so eine Drahtseilstelle kam und hat toll stillgehalten während sie getragen wurde, ich wie eine Irre schnaufte und absurde Kurzmonologe hielt (alles dabei, was es an existenziellen Restgedanken so geben kann).
Physisch und psychisch war’s ein bisschen wie dies hier (nur ohne Schlucht in der Mitte) oder wie das (nur ohne Tiefschnee und Sturm).

Auf der ersten Almwiese nach dieser Kletterpartie – es war zwischenzeitlich nach halb sechs, was so auch nicht geplant war und auf dem anderen Weg nie passiert wäre – erstmal große Erleichterung: ein Gemeinschaftspipi und eine Verschnaufpause mit dem letzten Käsebrot (fair geteilt in der Seilschaft) und dem restlichen halben Liter Wasser.

Schließlich auch wieder auf den Weg gestoßen, den wir hochgekommen waren, dort eine Beschilderung entdeckt, die auf der anderen Seite des Berges, wo wir auf diesen Steig abgebogen waren, leider fehlte, aber echt hilfreich gewesen wäre, weil ich den Weg nach dem Hinweis nämlich nicht genommen hätte (auf das Risiko hin, dass der FSH dann halt einen Scheißtag gehabt hätte).

Ein paar Meter neben dem Schild noch der Beweis, dass solche Schilder wirklich wichtig und auch ernst zu nehmen sind, weil einfach nicht alle den Grat über die Sonnenspitze bewältigen.

Endlich den Kolbensattel erreicht, von dem aus es nur noch 40 Minuten bis ins Tal wären (wenn auch auf einer Forststraße), aber wegen etwas wackliger Knie doch mal am Sessellift gefragt, ob die einen da mit Hund noch hinunter befördern würden, obwohl sie schon Feierabend haben.

An meinem Charme kann’s nicht gelegen haben, dass das klappte, weil ich sah, wie Sie sehen können, schon etwas derangiert aus.
Das Dackelfräulein hingegen war bester Dinge und fand den Tag, den Abend, den Berg, die Menschen und sogar diesen Sessellift total prima, wedelte den Liftboy fröhlich an und der öffnete dann ebenso fröhlich nochmal den Zugang zum Lift („Kann er nimmer, der Waki? Ja dann kemmts her!“ – ich ließ das mal so stehen und konzentrierte mich aufs Einsteigen, denn Sessellift hatten wir zusammen auch noch nie).

Jedenfalls sind wir jetzt wieder in Übung. Ging wirklich ungeahnt schnell.
Das nächste Mal such ich vorher gleich Wege aus, die dem FSH liegen und auf die ich dann aber auch rundum vorbereitet bin.

Machen Sie so einen Mist, den wir heute gemacht haben, bloß nicht nach.
Egal, wie Ihr Hund Sie anguckt.
Bleiben Sie der Chef, sonst hängen Sie womöglich ungewollt in den Seilen – und das auch noch mit Ihrem Hund.

Gute Nacht!

Himmel der Bayern (55): Saisonende.

Hiermit erklären wir die Winterwandersaison für beendet.

Ab morgen steht anderes auf dem Programm und hier reicht’s ja jetzt auch erstmal mit all dem blau-weißen Bildmaterial…

…und den zahllosen Dachshundsilhouetten vor Schneebergen, nicht wahr?

Ein super Winter war das und heut‘ eine grandiose Abschlusstour im Zugspitzland!

Die ideale Bierbankfigur.

Im Schwimmbad liegen seit letzter Woche die ersten Hartgesottenen in Badehose und Bikini draußen auf den Stadiontreppen. Auch das Entenpärchen ist wieder zurück und zieht seine Runden durchs Warm-Freibad, bevorzugt quer zur Schwimmrichtung und die üblichen Grantler regen sich drüber auf.

Alle Zeichen stehen also auf Frühling!

Und auch die Mountainbikesaison scheint bereits begonnen zu haben…

…und selbst wenn man auf 1.400m das Gerät dann elend durch den sulzigen Schnee schieben muss – wurscht! Frühling is‘!

Wir trainieren ebenfalls für die Bikinifigur: Kraxeln durch Lawinenfelder, sinken hie und da mal ein, aber im Großen und Ganzen geht’s recht gut.

Das Wetter ein Traum, die Fernsicht exzellent.

Die ideale Bierbankfigur haben wir jedenfalls schon mal…

… denk‘ ich mir so, als wir da oben in der Sonne sitzen, beim sehr verspäteten Weißwurstfrühstück und Sonnetanken, bevor’s die 700Hm nun wieder talwärts geht.

Himmel der Bayern (53): Gschniebn.

Frühmorgendliches Telefonat mit dem Tegernseer Tourismusbüro, um zu erfragen, ob der Wanderweg durchs Söllbachtal oder durchs Zeiselbachtal einigermaßen begehbar ist, wenn man da ohne Tourenski, aber mit Dackel hinauf will.

„Des konn i eana ned sogn wia da Weg ausschaugt seid’s no amoi gschniebn hod“ sagt die Dame am anderen Ende der Leitung. Äh, ja, genau deshalb ruf‘ ich ja an!?

Wurscht. Der Papa erwartet unseren Besuch – so mitteilungsbedürftig ist er zur Zeit, das ist ungewohnt, rührend und derzeit auch noch nicht lästig – und der Hund muss sowieso bewegt werden. Also fahren wir los und schauen halt einfach vor Ort.

Die Forststraße, die das Dackelfräulein Sommers geradezu anödet, findet sie nun, als 50cm breite, in den Schnee getrampelte Laufrinne, total super.

Die Hütte erreichen wir diesmal auch. Sogar der Platz am Kachelofen ist frei, das Fräulein darf dank eigens mitgeschlepptem Handtuch auf der gepolsterten Bank ruhen.

Die übrige Tischgesellschaft ist entzückt und will sofort Wurststücke spenden und erkundigt sich in säuselnder Tonlage beim Hund, wie man denn mit diesen kurzen Beinchen ganz allein da hinaufkommt, wo doch der Schnee so tief und der Weg so steil ist.

Wie ich das so packe, fragt wie immer niemand und manchmal ist das ja auch das Beste so und überhaupt ist so ein Hund bisweilen eine prima Ablenkung von dem ganzen eigenen Befindlichkeitskram und ein beständiger Verortungsappell im Gegenwärtigen sowieso.

Nebenbei.

Rottach-Egern, im Winter 2015.

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„Jetzt besitz‘ ich nur noch ein Paar Schuhe, das keinen Klettverschluss hat“, sagt der Papa nebenbei.
So wie man nebenbei sagt „Ich geh mal schnell Hände waschen“ oder „Nimmst du bitte nachher den Müll mit runter“ und schon spricht er weiter über seine Pläne zu Korfu und der Schiffsreise, die er ins Auge gefasst hat, weil Reisen, bei denen man sich irgendwie aus eigener Kraft vorwärts bewegen müsste, so ganz nebenbei ein Ding der Unmöglichkeit geworden sind.
Kaum zu glauben, wie schnell das doch gegangen ist, denke ich, die gemeinsame Reise nach Helsinki ist noch keine vier Jahre her und vor drei Jahren hütete er noch relativ munter ein ganzes Wochenende das Dackelfräulein, auch das ist mittlerweile undenkbar geworden, heute bereitet es ihm schon Mühe, sich zu ihr hinunterzubücken.

Als wir schon längst nicht mehr über Korfu reden, sondern über unser nächstes Wiedersehen, erfahre ich nebenbei, dass er Autofahrten vom Tegernsee nach München seit einiger Zeit vermeidet, wegen der schwächeren Sehkraft und den stärkeren Wassereinlagerungen in seinem „Gaspedalfuß“. Er lässt die Lebensgefährtin fahren oder steigt in die BOB oder – und dies vermutlich der häufigste der Fälle – er bleibt zuhause.

Den Polt hätte er vor ein paar Tagen mit „Braucht’s des?“ in Tölz gesehen, erzählt er, und das sei so gut gewesen, und ob ich noch wüsste, wie wir den zusammen im Florianstadl unterhalb vom Kloster Andechs gesehen hätten, damals vor soundsoviel Jahren, er hat’s vergessen und ich weiß auch nur noch, dass, aber nicht mehr, wann. Und ganz nebenbei merkt er an, jetzt hätte er den wohl zum letzten Mal gesehen.
Die Erwähnung dieser letzten Male ist eh seit geraumer Zeit eine seiner Spezialitäten und mit seinem rheinischen Humor heißt es dann trocken: „letzter Matratzenkauf vor Pflegeheim“, „letzte Saison Theater-Abo fürs Resi“, „letztes Auto vor dem Rollator“, „letztes neues Glassortiment vor der Schnabeltasse“.

Eine Weile spielte und lachte ich da noch mit, heute ertappte ich mich dabei, wie ich dem vermeintlich „letzten Polt“ entgegenhielt, dass er den doch bestimmt nochmal sehen würde.
Schon seltsam: so lange ich noch der Ansicht war, dass es sich ganz sicher noch nicht um die letzten Male handeln würde – wie bei Matratze, Theater-Abo, Auto und Gläsern – widersprach ich ihm nicht.
Und nun, da ich denke, er könne recht haben und den Polt tatsächlich zum letzten Mal gesehen haben, behaupte ich auf einmal das Gegenteil.
Was soll das denn? Werde ich ihm in ein paar Jahren womöglich erzählen, der Nikolaus hätte ihm die Schokolade mitgebracht oder das Christkind hätte ihm ein Päckchen geschickt?
Beginnt mit sich anpirschendem Ernst der Lage (um nicht zu sagen: Todernst) nun die Verstellung, das Theaterspielen, das So-tun-als-ob? Hilft das irgendwas oder irgendwem oder sollte man das nicht tunlichst bleibenlassen?

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Nebenbei habe ich die neuen Treter heute erstmals ausgeführt.
Zusammen mit Fräulein Hund, auf obigem Foto als Prinzessin Eisbart zu sehen, eine kleine, vertraute Tour bergauf. Leider kommen wir nicht bis zur Hütte.
Verlaufen (ich! – der Hund hätt‘ an der richtigen Stelle nach rechts gewollt!), da die Spur eingeschneit war und wir treudoof einem Schneeschuhgeher hinterher sind, der dann aber umkehrte, weil sein Trampelpfad nirgendwo hinführte, was er auch nur daran merkte, dass ihm zwei andere Wanderer entgegenkamen, die ebenfalls zur Umkehr gezwungen waren.

Also zu viert wieder ein Stück hinab und dann an eben jener Stelle der Hundenase gefolgt, die den Weg ja sofort gewusst hätte (wie auch immer das geht im tiefsten Tiefschnee und ohne, dass da Spuren ersichtlich waren – weiß sie’s tatsächlich noch vom letzten Sommer, wo wir mehrfach dort hinaufstiegen?), leider dann nach zehn Minuten schon wieder Ende Gelände, diesmal wegen eines Lawinenabgangs (naiv wie ich bin vermute ich sowas ja nicht auf 1.200m Höhe), der beeindruckend aussah.

Gut, dass man eine Banane (schwesterlich mit dem Wanderdackel geteilt) und ein Stück Lindt-extracremig dabeihatte, denn sonst wär’s happig geworden, weil wir ja fest mit der Hütteneinkehr gerechnet hatten und das ist dann schon blöd, wenn man den Dachfirst der Hütte zwar fast schon durch die obersten, lichten Tannen schimmern sieht, aber halt nicht hinaufkommt, zumindest nicht auf dem Weg, den man sich in den Kopf gesetzt hatte.

Trotzdem schön, der kleine Ausflug, denn die neuen Stiefel sind dicht und warm, und ihr Profil tatsächlich so „aggressiv – da hat der nette Verkäufer nicht geflunkert -, dass man nicht mal Grödel brauchte, zumindest nicht auf den Wegstücken mit glatter Schneedecke, an denen man mal nicht alle paar Meter mindestens knietief einbrach.

Schätzungsweise sind das meine vorvorletzten Bergstiefel dieser Güteklasse, wenn die neuen so lang halten, wie es die alten taten und ich noch in derselben Häufigkeit damit unterwegs sein werde.
Mein Berliner Freund M. meinte neulich mal nebenbei, als wir abends zusammensaßen und es auch grad um „letzte Male“ ging (konkret: werden wir Bruce nochmal sehen oder war’s das schon?), er hätte sich ziemlich erschreckt bei der Feststellung, dass er nur noch 4-5 Fußball-WMs miterleben würde – das sei ja nun an einer Hand abzuzählen und das habe ihn sehr beklemmt.

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Ach, Papa.

Und die grauen Strähnen auf dem Kopf von Prinzessin Eisbart werden mehr und mehr. Meine eigenen, nebenbei bemerkt, ebenso.
Was tun, wenn die, die so wichtig sind, sich eines Tages vor einem vom Acker machen werden?

Auf der Heimfahrt dann den Dylan gehört und danach den Ambros und daheim dann noch das hier gefunden.

Und das hier.

Di soll’s geb’n, solang’s die Welt gibt,
und die Welt soll’s immer geb’n,
ohne Angst und ohne Dummheit,
ohne Hochmut sollst Du leb’n.
Zu de Wunder und zur Seligkeit
is‘ dann bloß a Katzensprung,
und wann du wüist,
bleibst immer jung.
Du sollst wachsen bis in‘ Himmel,
wo du bist, soll Himmel sein,
du sollst Wahrheit reden, Wahrheit tun,
du sollst verzeih’n.

Wann’st Vertraun hast in di selber,
dann brauchst ka Versicherung
und wann du wüist
bleibst immer jung.
Du sollst nie aufhörn zum Lernen,
arbeit‘ mit der Phantasie,
wann’st dei Glück gerecht behandelst,
dann verlaßt’s di nie.
Und du sollst vor Liebe brennen,
und vor Begeisterung,
weil dann bleibst
für immer jung.

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Himmel der Bayern (49): Winterwege.

Wir gehen für ihn mit. Immer.

Denn er kann hier selbst nicht mehr hinaufgehen, nie mehr, er kann nur noch vom Wohnzimmerfenster hinaufschauen. Wenigstens das. Wobei das nicht viel ist, für einen, der die Berge so geliebt hat.

Von seiner Haustür aus – die Rede ist vom Papa – laufen das Dackelfräulein und ich auf den Wallberg hinauf. Der kleine Feger trotz Läufigkeit fitter als ich, und ganz aus dem Häuschen vor lauter Freude über den schönen Wintertag.

Oben treffen wir Finn, einen Viszla-Welpen, der mit seinen 4 Monaten noch keine Ahnung hat, was da so sensationell duftet, irgendwas ahnt er schon, aber der Spieltrieb gewinnt noch mühelos die Oberhand.

Das Fräulein interessiert sich mehr für den Schorsch, der mit seinem Gleitschirm zu starten versucht, das raschelt so toll. Die wenigen Wanderer hier oben applaudieren, als er nach einigen Anläufen in den Winterhimmel abhebt.

800 Höhenmeter sind mehr als genug, so ungewohnt mit den Grödeln im ersten tieferen Schnee und nicht ganz bei Kräften. Schweben wir also mit der Seilbahn hinab, zurück zum Papa, dort in die Badewanne und dann gemeinsam in die Küche. Eine Art Henkersmahlzeit, bevor er und Mr. Parkinson in Kürze für längere Zeit in die Klinik müssen.

Man muss die Zeit nutzen, ein „Wer weiß, wie lange noch“ schwebt längst über allem, da mag der Bayernhimmel noch so blau sein und der Schnee noch so unbescholten in der Wintersonne glitzern.