Bestzeit.

„I feel most at home in the water. I disappear. That’s where I belong.“ (Michael Phelps)

Als ich die Umkleide betrat und in den Gang einbog, in dem ich mir üblicherweise ein Garderobenschränkchen nehme, stand sie splitternackt vor mir und wir guckten einander ziemlich verdutzt an.

Zuletzt hatte ich A. vor ungefähr drei Jahren gesehen. Damals war unsere gemeinsame Zeit als Kolleginnen in der IT-Abteilung gerade zu Ende gegangen. A. ging mit 60 in Frührente und sah dabei aus wie 42, ich fühlte mich wie 60 und quittierte mit 42 den langjährigen Dienst, den ich hinterm Monitor und vor mehr oder minder lernfreudigen Seminarteilnehmern verbracht hatte. Bald verloren wir einander aus den Augen, wie das leider oft so ist, wenn sich Menschen in einen neuen Lebensabschnitt aufmachen.

Seit einem gemeinsamen Schwimmbadbesuch vor vielen Jahren war A. eine Art Vorbild für mich. Damals schluckte ich eine Menge Wasser, weil ich ständig zu ihrer Bahn rüberschielte, um ihren Schwimmstil zu studieren und dabei vor lauter Staunen völlig aus dem Takt geriet. Diese Geschmeidigkeit, diese Kraft, diese Anmut! Fast 20 Jahre älter als ich schwamm sie schneller, technisch besser, insgesamt eleganter sowie mit mehr Leichtigkeit und weniger Widerstand. Und zugleich wirkte sie dabei nie wie verbissen trainierend oder überhaupt auf irgendein Ziel hinarbeitend.
Für mich war sofort klar: Das wollte ich auch können, und wenn ich mir darüberhinaus etwas wünschen dürfte für mein Leben in 20 Jahren, sähe es exakt so aus wie A. beim Rückenschwimmen. Ein Bild, das ich unauslöschbar in mir trage und das zu einer der hoffnungsfrohen Überschriften wurde für das, was man Zukunft nennt.

Ich fragte sie seinerzeit nach Strich und Faden über ihre Schwimmbiographie aus, wir verabredeten uns ein paarmal im Freibad, unternahmen auch mal eine Bergtour (ihre andere große Leidenschaft neben dem Wasser, auch das eine schöne Parallele zwischen uns), bei der sie mir nicht davonwieselte, denn zu Land konnte ich besser mit ihr mithalten als im Wasser, was meine Hoffnung nährte, dass das auch schwimmend irgendwie machbar sein müsste.

Schließlich schenkte sie mir Flossen und zeigte mir den effektivsten und knieschonendsten Beinschlag. Mit meinen neuen gelben Turbogummis an den Füßen ging es ganz gut voran. Zwei Kraulkurse besuchte ich noch, übte und übte, ließ mich von einem ehemaligen Deutschen Meister im Lehrbecken der TU München instruieren, filmen und analysieren, übte weiter bis eines Tages die Technik endlich saß, was man daran spürt, dass die Anstrenung nachlässt und der Genuss zunimmt.
Ich dachte noch oft an A., wenn eine dieser besonders beglückenden Schwimmstunden gelang, in denen alles harmoniert, in denen ich eins werde mit dem fließenden Element, in den Dialog mit ihm abtauche, um anschließend vollständig erfrischt wieder aufzutauchen (all das leider nicht nur eine Frage des Könnens oder Wollens, sondern von etlichen anderen Faktoren im Innen und Außen abhängig).

Gestern gingen A. und ich also nach Jahren mal wieder zusammen zum Schwimmbecken, legten unsere Flossen an, zogen die Brillen auf, guckten kurz auf die Stadionuhr, sprangen ins Wasser und legten los. Zugegeben: ich war gespannt, sehr gespannt sogar und das, obwohl mir jegliche Wettkampfmentalität schon immer abging. Nach 300m stellte ich fest, dass A. und ich noch auf gleicher Höhe schwammen. Und das ohne jede Anstrenung! Damals wäre sie längst eine halbe Bahn vor mir gewesen.
Ich freute mich wie ein Kind darüber und verspürte auf einmal, dass ich Lust bekam, das Tempo etwas anzuziehen. Nach 1.000m guckte ich erneut zur Bahn neben mir: A. war nicht mehr zu sehen. Als ich nach 2.000m am Beckenrand anhielt und zur Uhr blickte, war ich meine persönliche Bestzeit auf diese Distanz geschwommen.

Wenig später tauchte A. neben mir auf und zwickte mich lachend in die Seite. Nun müsse ich mir wohl ein neues Vorbild suchen, meinte sie – oder sie müsse beim nächsten Mal ihre Flossen über das Einschwimmen hinaus anbehalten.

Tja.
So viel zu Vorbildern, Bestzeiten, Gegenwart und Zukunft.

 

Palm positive (if thinking is too complicated).

Der Schwimmsport ist ja an sich ein recht preiswertes Hobby. Equipment und Eintrittspreise halten sich verglichen mit den meisten anderen Sportarten absolut im Rahmen: Eintritt zwischen 3,50 und 7,60€ pro Besuch, alle 2 Jahre einen neuen Badeanzug und eine neue Schwimmbrille, alle 3 Jahre neue Badelatschen und anderer Kram wie Flossen, Pull-buoy, Pull-kick und Handtuch halten sogar noch länger (um das gleich vorwegzunehmen: diesen unaussprechbaren Pull-Kram hab‘ ich zwar, nutze ihn aber selten!).

Da ich seit Jahresbeginn meine Distanzen im Wasser etwas gesteigert habe, dachte ich mir, ich könnt‘ mir mal etwas Schickschnack gönnen, um dem Ganzen auch ein bisschen neuen Schwung (=Tempo) zu verleihen.

Kaum mit kaputten Füßen aus Ruhpolding zurück, waren sie auch schon eingetroffen: meine ersten Paddles. Für 17,95€, das ist schon mal drin!

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Mir gefiel zwar nicht, dass die Dinger von der Marke „Finis“ sind (so wie auch meine ebenfalls gelben Trainingsflossen), denn als ehemalige Lateinschülerin weckte das nicht die besten Assoziationen (warum kann die Marke nicht „principium“ oder „velocitas“ heißen?). Was mir aber sofort gefiel, war dieses aerodynamische Design und das patentierte neue „strapless“-Prinzip. Und wenn dann noch auf der Packung ein schmissiger Satz wie „Learn to stay palm positive“ steht, den ich mir zwar nur rudimentär erschließen kann, aber der ja sowas von gut klingt, hat man mich als Kunden sofort in der Tasche.

Um meinen Langlaufmuskelkater zu zähmen und weil ich mit den zwei 1€-Stück-großen Blasen an den Fersen eh keinen anderen Sport ausüben könnte, hab ich mich heute Vormittag sofort zum Schwimmbad aufgemacht.

Was soll ich sagen? Dieses Schwimmerlebnis kam einer Revolution gleich!

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Zwar ist es zunächst etwas gewöhnungsbedürftig, mit diesen nur durch den hindurchgesteckten Daumen an der Hand befestigten Paddles zu schwimmen, zumal man sie bei jeder technischen Unschärfe zu verlieren droht (dummerweise saufen sie auch noch ab!), aber wenn man sich erst mal drauf eingelassen hat, jeden Armzug in jedem Schwimmstil korrekt auszuführen, dann ist es ein Dahingleiten ungeahnter Geschmeidigkeit und Geschwindigkeit.
Ein toller flow, ein swimmer’s high quasi! Das muss es sein, was mit „learn to stay palm positive“ gemeint ist!

Gönnt man sich dann noch für die Hälfte der Zeit zusätzlich Trainingsflossen, ist man (resp. ich) erstmals auch jenseits der 40 in der Lage, locker mit den kraulenden Sportstudenten mitzuhalten und springt nach dem Stündchen wie ein junger HighHai aus dem Becken. Vergessen der Muskelkater, vergessen die schmerzenden Fersen!

Auf dem Weg zur Dusche eine kleine Ernüchterung: „Mami, was hat die Frau da Ekliges an den Füßen?“, ertönt eine Piepsstimme hinter mir. Gemeint sind meine beiden monströsen, aufgequollenen Compeed-Blasenpflaster. Ich drehe mich um und beantworte die Frage des Knirpses: „Die Frau hat eklige Langlaufschuhe angehabt.“

In der Umkleide werde ich vollends aus meinem  flow gerissen. Fragt die Frau am Spind neben mir, die ich noch nie zuvor gesehen habe und die gerade mit dem Frottieren fertig geworden ist, als ich mich abzutrocknen beginne: „Könnten Sie mir bitte den Rücken eincremen?“
Ja geht’s noch?!?
„Nein“ entgegne ich knapp.
Sie: „Warum denn nicht?“
„Muss ich mich dafür wirklich rechtfertigen?“ will ich gerade sagen, muss dann aber losprusten…

Oder wie seht ihr das: schon mal jemand Wildfremden den Rücken eingecremt? Wie ist das so? Ist das gut, hab‘ ich was verpasst?

Wie dem auch sei: auch ohne näheren Körperkontakt war das ein durchweg positiver Tag, so frisch ge_palmt, mit den tollen Paddles – und überhaupt.

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Ohne Worte – gelungene Kommunikation zwischen Mensch und Hund. Selten, aber nicht unmöglich.

Das Hündchen ist dank der im Vergleich zu Ruhpolding fast tropisch anmutenden Temperaturen rasend schnell wieder genesen und Freundin D. trug mal wieder zur Entzerrung unserer kleinen Symbiose bei, indem sie uns beim Gassigehen begleitete.

Alles im Lot also. Und die Fersen werden schon wieder, wenn man sie nicht mit fiesen Bemerkungen beim Verheilen stört.

Einen guten Start ins Wochenende wünscht euch –
Die Kraulquappe.

Wieder daheim oder: Where’s the ball?

Nach 50 Stunden Blogpause wird es mal wieder Zeit für ein Lebenszeichen.

München empfing mich mit 16 Grad und Regen und einer – na, sagen wir’s mal so: etwas prekären Situation daheim. Derjenige von uns, der einige Tage bei überwiegend schlechtem Wetter alleinerziehend ist, hat dann immer ziemlich die Nase davon voll, 3x am Tag den Hund im Regen zu bespaßen, dreckige Pfoten sauber zu rubbeln und das eigene Regen-Outfit im Bad zum Trocknen aufzuhängen. Das schlägt einem ab dem dritten Tag immer etwas auf die Stimmung, was der Hund leider auch spürt, so dass man auch gemeinsam nicht mehr durchgehend in Top-Laune ist, sondern eine latente Gereiztheit auf beiden Seiten Einzug hält. Da ist dann die Freude über die Rückkehr des Partners wirklich besonders groß.

Prekär aber war die Situation daheim nicht nur deswegen, sondern weil wir just vor meiner Abreise nach Wien festgestellt hatten, was die wahre Ursache der bereits wochenlang andauernden Schlappheitssymptome unserer Dackeldame ist. Da wir beide der ausschließlichen Hormontheorie (Läufigkeit, Scheinträchtigkeit und eingebildete Welpenaufzuchtphase – alles in allem übrigens ein Zeitraum von über 3 Monaten am Stück, in dem die Hündin neben der Spur sein kann) sowie dem psychischen „Reset“ durch die Phosphorus-Heilwirkung misstrauten, sind wir nochmal alle Möglichkeiten und Beobachtungen durchgegangen, die jeder von uns in den letzten Monaten so gemacht hatte: Wann tritt die Schlappheit auf, wie lange hält sie an, wodurch verschwindet sie usw.. So kamen wir schließlich dahinter, dass sie nur draußen auftritt und auch nur, nachdem Pippa mit ihrem Bällchen spielen durfte oder aber auch, wenn wir Spaziergänge machten, bei denen das Bällchen nicht mit von der Partie war. Fazit: Die Schlappheit ist ziemlich sicher Ausdruck eines extremen Frusts, dass der Ball weg ist oder dass er gar nicht erst da war. Wir stöberten ins unseren Hundebüchern und im Internet zu diesem Phänomen – und wurden in unserer üblen Vorahnung schnell bestätigt: Unsere Pippa ist ball-süchtig geworden.

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Pippas Lebensmittelpunkt: das gelbe Bällchen.

Das hat sich schleichend entwickelt, letztlich über Jahre, wie sich Süchte eben so entwickeln. In einem langen Artikel eines erfahrenen Hundetrainers fanden wir alle Phänomene der Ballsucht ausführlich beschrieben und mussten uns eingestehen, dass sie alle auf unseren Hund zutreffen.
So verging der Tag vor meiner Abreise mit dem Studium der Therapiemöglichkeiten: Welche Maßnahmen sind zu ergreifen? Wie soll man am besten vorgehen? Womit soll sie alternativ draußen beschäftigt werden? Ist der Ball nun für alle Zeiten tabu? Empfiehlt sich eine Substitution (Frisbeescheibe etc.) oder ist der kalte Entzug der beste? Wie lange dauert der ganze Scheiß und gibt es irgendwo eine Selbsthilfegruppe für co-abhängige Hundeeltern, bei der man sich Unterstützung holen oder einfach mal ausheulen kann?

Die Empfehlungen wiesen alle in dieselbe Richtung: Den Ball komplett entziehen, sofort und für lange Zeit, vielleicht für immer. Stattdessen völlig neue Spiele einführen, die allesamt den Hund gleichermaßen geistig wie körperlich fordern, so dass er von seinem Apportier-Turbo-Trip runterkommt und dennoch rundum gut ausgelastet wird. Zusätzlich an der Mensch-Hund-Bindung arbeiten, indem die Objektfixierung aufgelöst wird und gemeinsame Beschäftigung mehr in den Vordergrund gerückt wird. Ach du meine Güte…

Ganz ehrlich, ich war nicht allzu unglücklich, mich unmittelbar vor dem Start dieses neuen Programms (und es ist völlig klar: das wird keine Sache von ein paar Wochen, sondern eher von einigen Monaten!) drücken konnte, indem ich mich nach Wien verkrümelt habe.

Neben langen Arbeitstagen, Selbstverpflegung und dem Regen hatte mein Mann also noch mit einem Hund zu kämpfen, der massiv unter Entzugserscheinungen litt und auf Spaziergängen das Gefühl vermittelte, sein Leben habe ohne den Ball jeglichen Sinn verloren.

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Zufällig im Museumsquartier in Wien entdeckt: Comic zu ballsüchtigen Hunden (immerhin: wir sind offenbar nicht allein mit dem Problem!)

 

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Zwischen Hoffnung und Enttäuschung: ewiges Warten auf das Highlight

Wieder daheim wurde ich dann umgehend instruiert, wie die neuen Abläufe beim Gassigehen aussehen, wie die Therapie bislang verlaufen ist, welche ersten kleinen Erfolge sie bereits zeitigt und wie der Hund gut abgelenkt werden kann, sobald ihr der Entzugsfrust anzumerken ist.

Damit werden wir uns nach meiner Einschätzung wohl bis zum Herbst konsequent befassen dürfen – was für Aussichten!

Sollte sich der therapeutische Weg, den wir nun eingeschlagen haben, als unpassend erweisen, gibt es noch zahlreiche Alternativen, die speziell parallel zur EM und wenn man den gesamten Freundeskreis ein bisschen mobilisiert, durchaus Event-Charakter haben können:

Entscheidend ist jedenfalls, dass wir nicht vorschnell die Flinte ins Korn werfen, wenn es kleine Rückschläge gibt, sondern das Anti-Sucht-Training mit Geduld und Konsequenz durchziehen (fast hätte ich gesagt: am Ball bleiben, aber genau das ist ja jetzt verboten).

Die ersten 90 Minuten sind ja bekanntlich die schwersten, aber vom Feeling her haben wir ein gutes Gefühl, dass wir das schon hinbekommen werden.

Ein schönes Wochenende und viele spannende Bälle wünscht euch Nicht-Süchtigen
die Kraulquappe