Knarzende Scharniere oder: I got my finger on the trigger.

Mit Süßkram hab ich’s nicht so sehr.
Würde sich der gezuckerte Teil der Welt auf Nutella, Pistazieneis und Streuselkuchen beschränken, würde mir nichts Wesentliches fehlen (wenn mir hingegen die Brezen genommen würden – dann gute Nacht!). Letzterer, also der Streuselkuchen, hat jetzt Hochsaison, das erntereife Obst, so wirkt’s, wenn man den Blick über die Kuchenvitrinen schweifen lässt, kann es kaum erwarten, sich dicht aneinander geschmiegt unter die buttrigknusprigen, goldbraunen Streusel zu legen und sein Fruchtfleisch genüsslich auf Hefe- oder Mürbteigböden auszustrecken.

Heute Morgen rief mich überraschend B. an. Ob er kurz vorbeikommen dürfe, er hätte zwei Bleche Streuselkuchen gebacken und das sei eigentlich als kleines kulinarisches Beiwerk für den geplanten Umtrunk im Büro zu viel des Guten. Die Kollegen wüssten das eh nicht zu schätzen. Da habe er an mich gedacht.
Eher Birne oder Zwetschge, habe er sich gefragt, sich dann aber erinnert, dass ich in derlei Gebäck lediglich die Matschigkeit von Äpfeln nicht allzu sehr goutiere. Ob der Gatte da sei, dann brächte er gern die doppelte Menge. Er könne ruhig die doppelte Menge bringen, obwohl der Gatte in Frankfurt sei, entgegnete ich. Bei Streuselkuchen darf man mir ruhig was zutrauen.
Und so fuhr er mittags zu mir, stellte mir vier große Stücke des duftenden Kuchens in die Küche, drückte mich kurz, sah mich an, machte eine Bemerkung zur Müdigkeit, die mir wohl ins Gesicht geschrieben stand sowie zur Herpesinvasion auf meiner Oberlippe, gab damit zu erkennen, dass er in etwa wusste, wie es mir geht, schnürte daraus noch einen anteilnehmenden Schlusssatz und musste leider gleich wieder los, zurück ins Büro.

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Als ich die Tür hinter ihm schloss, war mir nach Heulen zumute.
Weil B. – obwohl sehr sprachgewandt und sicher im Ausdruck – Gefühle kaum je mit schönen Worthülsen ummantelt, sondern überwiegend in Taten ausdrückt.
In den anderthalb Jahrzehnten, die wir uns kennen, hat er mit einer Kontinuität hinhören, sehen und wissen wollen, wie ich sie nur bei wenigen Menschen erlebt habe. Beständig stellte er Fragen, wenn er nicht verstand, und gab Antworten, wenn ich verstehen wollte. Mit Kritik hielt er ebensowenig hinterm Berg wie mit Zuspruch. Von allergrößter Einigkeit bis hin zu kaum überbrückbaren Differenzen haben wir alle Stadien an Mitteilungslust und -frust durchlaufen. Beide hassen wir Rumsitzen und Rumtrödeln, beide lieben wir es, wenn der andere Ideen hat und die Initiative ergreift, beide freuen wie uns, den anderen mitreißen zu können, beide sind wir bekennende Resonanzjunkies und ekelhafte Korinthenkacker, wenn es um Klippen und Klappen der Kommunikation geht.
Es gibt nicht viele Menschen, von denen ich behaupten würde, dass sie mich wirklich kennen oder erkannt haben (und umgekehrt), B. gehört jedenfalls zu ihnen.

Dieses Glück ist wie ein Scheck, den man überall und jederzeit einlösen kann, selbst wenn man einander zwischendurch, so wie B. und ich, zweimal zwei Jahre nicht gesehen hat, unterbrochen nur von einer Beerdigung und einem Krankenhausbesuch (absurd eigentlich, aber so ergab es sich).
Man steht sich gegenüber, nimmt den Faden wieder auf als hätte man ihn erst gestern fallen lassen oder sowieso nie aus der Hand gelegt, nichts ist verloren oder vergessen, aber alles verziehen und verwunden.
Ein Glück, dass wir seit ein paar Monaten wieder in Verbindung sind.

Ich legte mir eines der Kuchenstücke auf den Teller, nahm es mit an den Schreibtisch, begann genussvoll zu essen und riss mir bereits beim zweiten Bissen eines meiner Beulenpestbläschen an einer krustigen Streuselkante auf. Es war nicht das Bläschen, das ich mir morgens beim Abtrocknen mit dem Frotteehandtuch aufgehobelt hatte, sondern ein anderes. Etwas Blut tropfte hinunter und landete recht adrett exakt zwischen zwei Zwetschgenschnitzen.
Man wird also beim Zubeißen in den nächsten Tagen ebenso Acht geben müssen wie beim Lachen oder Schreien oder Zähneputzen.

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Manche Menschen überschütten einen mit Liebesschwüren, man fühlt sich wonnig überzogen von ihrem verbalen Zuckerguss, schleckt mal links, mal rechts an der süßen Schicht, überfrisst sich vielleicht sogar ein bisschen an der köstlichen Klebrigkeit. Und stellt wenig später erstaunt fest: praktisch und faktisch bleibt nicht viel mehr davon übrig außer einem klebrigen Gefühl auf der Zunge.

Den größten Worten folgen oft nicht mal die kleinsten Taten. Eine leise Kritik, ein falsches Wort, ein einziges mitgeteiltes eigenes Bedürfnis kann ausreichen und schon treten sie den Rückzug an, wenden sich gekränkt ab. Flugs verwandelt sich das gerade noch lodernde Feuer ihrer Zuneigung zum kläglich glimmenden Kohleklumpen, der noch ein Weilchen die Temperatur hält und wenig später in stummer Kälte erlischt.

Sie lieben sich in ihrem Liebestaumel und in der Vorstellung ihrer selbst als Liebende so sehr, sonnen sich in ihren Bekundungen, wälzen sich wohlig darin und vergessen darüber völlig, dass sie den anderen, die Zielscheibe ihrer Schwüre, entweder gar nicht oder nicht gut genug kennen, um ihn überhaupt und noch dazu mit diesem Überschwang lieben zu können.

Aber ums Kennen geht es ihnen ja auch nicht, schon gar nicht ums Erkennen, dazu sind sie viel zu verstrickt in sich selbst, verheddert in die ewige Nabelschau ihres von der Welt ach so missachteten oder beschädigten Ichs oder völlig aufgeweicht vom Bad in ihren zerquälten Seelentümpeln, in denen schon seit Jahren keine Rose mehr gedeihen möchte und alles Lebendige mangels Licht und Pflege längst veralgt oder verendet ist.

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Auch die Mutter war so gestrickt.
Sie gefiel sich so sehr in den wenigen Szenen unseres 17 Jahre währenden Theaterstücks, in denen sie als „die Liebende“ auftrat. Dankbarkeit und Applaus waren angesagt, wurden geradezu eingefordert: „Schau her, wie ich dich liebe und was ich dir alles opferte!“ lag in jedem ihrer Schritte, mit denen sie über die Bühne stolzierte, das Haar in den Nacken und mir ein Lächeln zuwerfend.

Dankbar sollte ich sein, wenn sie, die ewig Angeschlagene, trotz allem in der Lage war, mir dieses Lächeln zu schenken.
Einmal im Jahr gab es Streuselkuchen, mit matschigen Äpfeln darin, dankbar sollte ich sein für diese Anstrengung, die sie meinetwegen auf sich genommen hatte.
Hatte sie sich tagelang von allem zurückgezogen und kam für einen Moment wieder hervorgekrochen aus ihrem Elendssumpf, hätte ich besonders dankbar sein müssen, denn schließlich hatte sie diesen Kraftakt nur für mich vollbracht.

Für mich, die ich sie qua meiner Existenz in dieses Jammertal verbannt hatte, weil man als Frau mit Kind am Hals in den 70er Jahren nun mal nicht hätte davonlaufen können aus einer Ehe, die nichts weiter war als die Eintrittskarte in das Tal der Tränen.
Also schickte sie den Mann davon, diesen undankbaren Klotz, dem sie doch ihre besten Jahre geschenkt hatte, die ihr nun niemand mehr zurückgeben konnte. Blieb, wo sie war, behielt das Kind und den Hund, und war fortan noch überforderter.

Mit aufgeschlagenen Kinderknien konnte sie noch umgehen, auch mit Erkältungen, aber als die Wunden und Infekte des Heranwachsens größer und schwieriger wurden, begann ein Wettstreit, bei dem der Sieger bereits feststand. Egal, was ich auch hatte: ihr Leid war größer, wichtiger, langwieriger.
Die wenigen Male, die ich es wagte, trotz ihres schwereren Leidens um Aufmerksamkeit, Zuwendung oder Trost für mich zu bitten, wies sie mich schroff und zutiefst erschüttert von sich.
Ob ich denn nicht sähe, wie schlecht es ihr ginge und dass es ihr nicht möglich sei, sich jetzt auch noch mit mir zu befassen. Es ginge um ihr Überleben, ob ich das denn nicht begreifen würde. Noch ein Mucks und sie verstummte mit einer Dramatik, die einem Angst und Bange werden ließ (von den Strafen soll hier und heute nicht die Rede sein).
Schon Jahre vor dem ersten Krebs gab es dieses gefühlte „Es“, dieses unheimliche Etwas, das größer war als sie und das über sie kam wie eine Heimsuchung, der sich alles zu beugen hatte. Ich beugte mich. So tief ich konnte, aber nur bis zu einem Punkt, von dem aus es immer noch möglich war, hinaufzuschielen zu der Mater dolorosa, um die ich mich zu kümmern hatte und nach deren Befinden alles ausgerichtet werden musste.

Ich verschwand ganz und gar hinter dieser Aufgabe, wurde unsichtbar und zugleich an der Oberfläche zur perfekten Marionette und zur allzeit aufmerksamen Besorgerin, wie die Haushaltshilfen in Österreich so schnöde tituliert werden. Und wetzte des nachts in meinen Träumen die Messer, mit denen ich eines Tages diese Schnüre alle durchtrennen würde.

Ab und an ließ ich eine der noch unfertigen Klingen aufblitzen, wenn ich in Diskussionen merkte, dass meine Argumente die besseren waren und ich sie damit mühelos in die Enge hätte treiben können, was ich freilich niemals gewagt hätte (die drohende Strafe, nicht auszudenken!), ritzte meine Worte damit heimlich unter die Tischplatte, wo ich sie später, in den vielen so hilflosen Momenten, zumindest noch mit den Fingerspitzen ertasten konnte wie ein Blinder die Brailleschrift.
Zur Selbstvergewisserung und zur Ablenkung von dem Unsäglichen, das sich oberhalb der Tischplatte zutrug.

Als der erste Krebs kam, und er kam leider recht früh, hatte sie zeitgleich mit der Diagnose auch ihr ultimatives Totschlagargument erhalten. Sie nutzte es reichlich.
Selbst in den Runden, in denen sie das schlechtere Blatt hatte, zog sie dieses düstere Ass aus ihrem Ärmel und warf es mit versteinerter Miene auf den Tisch. Game over.
Da lag es, glotzte uns mit seinen fahlen Augen drohend an und verdammte uns für die noch folgenden Jahrzehnte ihres Überlebens zum Schweigen.

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I got my finger on the trigger
But I don’t know who to trust
When I look into your eyes
There’s just devils and dust
We’re a long, long way from home
Home’s a long, long way from us
I feel a dirty wind blowing
Devils and dust

Well I dreamed of you last night
In a field of mud and bone
Your blood began to dry
And the smell began to rise

And I’m just trying to survive
What if what you do to survive
Kills the things you love
Fear’s a dangerous thing
It can turn your heart black you can trust
It’ll take your God filled soul
Fill it with devils and dust

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Hier stehe ich nun. Das ist meine Geschichte.
Nun kann ich sie erzählen, die Zeit ist reif dafür.

30 Jahre sind vergangen seit „damals“.
30 Monate, seit sich ein Deckel für immer geschlossen hat. Ihrer.
Und ein anderer sich öffnen konnte. Meiner.

Ich drücke ihn nach oben, stemme mich gegen den Widerstand seiner knarzenden Scharniere, hebe ihn schließlich ganz hoch, bis er einrastet und ohne mein Zutun geöffnet bleibt, recke meinen Kopf empor und sehe den Himmel.

So rein die Luft – und so weit der Raum.

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Raumnot oder: Von Überlebensmechanismen.

In ihren sonnigen und heiteren Momenten erwärmte sie alles um sich herum mit ihrer Strahlkraft und ihrem Charme. Menschen lagen ihr ebenso zu Füßen wie Tiere und als ihre Tochter sah ich diesem Spektakel einerseits staunend zu, andererseits betrachtete ich diese Augenblicke stets mit innerem Bangen, weil ich wusste, sie würden nur von kurzer Dauer sein und immer dann abrupt enden, wenn man am wenigsten damit rechnete.

Dennoch ließ ich mir in ihren guten Stunden zu gern die Sonne ihrer überschwänglichen Liebe ins Gesicht scheinen, nahm jeden Sonnenbrand in Kauf und zog mir anschließend die Haut in Fetzen ab, wenn sie den Schalter wieder umlegte und alles Helle, Freundliche, Lichte erlosch. Im Dunkeln hatte ich Zeit, mich ungestört zu häuten und darauf zu warten, bis unter dem Schorf wieder neue, weiche, unversehrte Haut zum Vorschein kam. Während sie in einer ihrer Eiszeiten versank und keinen Funken Liebe mehr für irgendwen hatte, begann ich schockgefrostet eine weitere Einheit meines Überlebenstrainings. Manchmal kam sie kurz raus aus ihrer Kühlkammer, trampelte durch meine Zelle, störte mich in meinem Tun, drehte ein paar Pirouetten, damit ich ihr Elend auch ja von allen Seiten betrachten musste und wenn ich mich anschickte wegzusehen, prophezeite sie mir, ich würde genauso kalt und herzlos werden wie mein Vater (wenn ich es nicht eh schon wäre, an ihr läge das nicht, denn ich dürfe ihr glauben, sie hätte ihr Bestes gegeben, um aus mir einen anständigen Menschen zu machen).

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Im Grunde ging es ihr überwiegend schlecht.
Eine Krankheit jagte die nächste und das war nicht etwa Zufall, nein, dafür gab es Schuldige. Den Mann, die Tochter, das Verheiratetsein, das Muttersein, die Gegenwart, die Vergangenheit, die Kindheit, das Elternhaus, die Arbeitswelt, die Vorgesetzten – den ganzen biographischen Ballast und Morast eben, der sich über die Jahrzehnte angesammelt und festgebacken und sie zum Opfer geformt hatte. Fast alles war schwer und düster, der Zeitpunkt für passende Weichenstellungen lag immer in der Vergangenheit und war genauso dramatisch verpasst worden wie der Zug, der Richtung Zukunft fuhr. Eine große Verhinderte war sie, eine Königin des Konjunktivs: was hätte nicht alles aus ihr werden können, wenn alle anderen und überhaupt das ganze Leben nur anders gewesen wäre!

Das Leben der Mutter war ein fortwährender Ausnahmezustand. Und ebendieser Zustand war das Einzige, worauf wirklich Verlass war: jederzeit konnte alles kippen, schneller als ein Wetterumschwung in den Bergen, mit oder ohne erkennbaren Grund, bloß momenthaft oder für die Dauer vieler Tage oder Wochen.
So wurde das Stimmungsbarometer der Mutter zum Maß aller Dinge. Zum Takt, nach dem gelebt wurde (sofern Leben überhaupt erlaubt war). Zur Tonart, in der erst das Familien- und später unser Zusammenleben zu zweit komponiert wurde (mehr Moll als Dur, und als ich schließlich flüchtete: längst ein Requiem).

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Manchmal fühlt es sich so an, als hätte ich die Mutter zwar zeitlich überlebt, aber als steckten außer ihren Genen noch immer Rußpartikel ihres atmosphärischen Terrorismus‘ in mir, den ich noch immer nicht überlebt habe. Nach fast 30 Jahren klebt da noch immer etwas in den Verästelungen meiner Lungen, das ich abhuste, sobald ein auslösender Reiz daherkommt. Wenn mir jemand meinen Raum nimmt. Wenn mir mal wieder einer dieser Menschen begegnet, der mit seiner Fragilität den gesamten Raum für sich beansprucht und mit seiner Labilität alles plattwalzt. Wenn ich spüre, dass ich nach Luft ringe oder kurz vor dem Ersticken bin, weil ich mich zu nah an einem solchen Oxygeniumverschlinger aufhalte, der mir zu verstehen gibt, dass sein Überlebenskampf nun mal der härtere ist und er daher leider den gesamten Sauerstoff für sich braucht. Wenn ich anfange, zu beschwichtigen oder zu reparieren oder auszubalancieren, damit der andere nur ja die Kurve kriegt.

Dann ist es plötzlich wieder so, als säße sie noch immer nebenan und als müsse ich noch immer auf Zehenspitzen durch den Flur schleichen, heimlich durch den Türspalt in ihr Zimmer spähen, um das Ausmaß ihres aktuellen Befindlichkeitsdramas ermessen zu können. Immer auf der Hut, immer gewappnet. Immer abcheckend, wie es um ihren aktuellen oder nahenden oder gerade abklingenden Ausnahmezustand bestellt war.
Um sofort reagieren zu können. Um entweder umgehend das Prophylaxe-Programm anzuschmeißen, um das Schlimmste vielleicht noch abzuwenden oder aber augenblicklich den Beschwichtigungsmodus zu wählen, wenn das Schlimmste bereits da war. Oder – wenn es schon zu spät war – um mich wegzuducken, bevor ihr seelischer Murenabgang alles restlos unter sich begraben würde.

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Ja, es gibt Momente, in denen sie da ist, obwohl sie tot ist.
Momente, in denen ich mich wieder wie das Kind fühle, das sich nichts sehnlicher wünscht als einen eigenen Raum. Sogar mehr als das: eine große Ruhezone mit „Betreten verboten“-Schild an der Tür und einem Schlüssel, der nur mir gehört.
Um das Drama eines anderen auszusperren und Platz zu haben für mein eigenes.
Aber auch, um mir meinen Frohsinn nicht zertrampeln zu lassen.

Denn zu meinem eigenen Erstaunen bin ich trotzdem ein fröhlicher Mensch geworden.

Verloren.

Mein Ellenbogen und ich auf dem Weg in die orthopädische Praxis. Mal wieder.

Als ich in Großhadern aus der U-Bahn steige und die Treppe zum Ausgang hinaufschnaufe, höre ich ein vertrautes Schimpfen. Tschätschätschätschätschä schallt es mir von oben entgegen. Es klingt nah. Sehr nah sogar. Nach über 30-jährigem Zusammenleben in der Vergangenheit weiß ich a) sofort, wer der Verursacher ist und b) was das Gemecker zu bedeuten hat: Ein Wellensittich ist mit irgendetwas nicht einverstanden – und äußert das in aller Deutlichkeit (eine Deutlichkeit, die ich 12 Semester lang auf meiner Schulter oder der Schreibtischlampe sitzen hatte, während ich Seminararbeiten schreiben musste).

Auf den letzten Treppenstufen gucke ich bereits neugierig nach oben, dort ein nah gelegenes Wohnhaus vermutend, in dem auf einem Balkon der unteren Stockwerke ein Käfig zu sehen sein wird, in dem der kleine, energische Grantler hockt.

Stattdessen sitzt er auf dem Treppengeländer des U-Bahn-Aufgangs.

Grün-gelb ist er, dünn vor Schreck oder Aufregung und seine Füßchen finden nicht richtig Halt auf dem glatten Handlauf des Metallgeländers. Für den Bruchteil einer Sekunde haben wir Blickkontakt, dann rutschen seine streichholzdünnen Beinchen endgültig ab und er flattert davon.

Ich renne ihm hinterher. Erst zur Mauer, dann zur Kastanie, doch von dort fliegt er in den Hinterhof einer Wohnanlage.

Der Hausmeister ist nicht da. Ein anderer Bewohner, bei dem ich läute, schnauzt mich an, dass ich mir fürs Hausieren eine bessere Story ausdenken müsse. Der dritte Versuch ist erfolgreich: eine Omi lässt mich ins Haus. Ich irre durchs Erdgeschoss und finde die Tür zum Hinterhof. Es ist ein riesiger Hof, mit vielen Bäumen. Ich stelle mich in die Mitte der Anlage und lausche. Fünf Minuten hoffe ich inständig, dass ich das Tschätschätschätschätschä höre. Nichts.

[Ganz schnell muss ich dann einen Gedanken verdrängen, der immer hochkommt beim Thema „entflogene Vögel“: Die Ex-Schwägerin, die sich zur Unterstützung in einer ihrer labilen Phasen mal ein Wellensittichpärchen angeschafft hatte, dann aber bald von Gezwitscher und Käfigputz überfordert war und den beiden vom Balkon ihrer Wohnung aus, die im 12. Stock eines Erlanger Hochhauses lag, „die Freiheit schenkte“, wie sie es damals relativ ungerührt berichtete und wäre es nicht das Kaffeekränzchen zum 70. der Ex-Schwiegermutter gewesen, hätte ich sie vermutlich angeschrien oder geohrfeigt (oder am liebsten beides).]

Ich verlasse den Hof wieder und trotte traurig die Straße entlang. Verloren ist er, der kleine Kerl. Mit großer Sicherheit ist er verloren.

Es sind oft diese kleinen Erlebnisse, die mir das Herz brechen, so unerwartet und mitten im Tag.

Unter den Glücksspielen bietet die Ehe noch die besten Gewinnchancen!

Liebe Leserinnen und Leser!

Diverse besorgte Nachfragen entzündeten sich an meinem gestrigen, spätabendlichen Beitrag, der ja im Abgang etwas melancholisch, ernst und schwermütig war. Ob es mir denn gut ginge bzw. ob es mir nun arg schlecht ginge, ob ich Hilfe bräuchte, ob man etwas zu meiner Erheiterung tun könne, so kurz vor dem anstehenden Geburtstag, an dem nun aufgrund der Sintflut, die erneut über das Alpenvorland gekommen ist, auch noch die geplante Karwendeltour entfallen muss, und dann noch die Kalkschulter und überhaupt…

Obwohl ich als Mitte-Juli-Geborene natürlich zu den Hochsensiblen gehöre, nah am Wasser gebaut habe und darüber hinaus einen latenten Drang zum Drama habe, möchte ich hiermit eure Sorgen zerstreuen!

Trotz des gestrigen Halbjahrestages, der mich traurig und nachdenklich stimmte, bin ich nicht in ein Loch gefallen, aus dem ich alleine nicht mehr herauskäme. Ich sitze also aktuell weder zuhause und heule mir die Augen aus, noch höre ich im Dauerregen am Grab des Freundes stehend Tom Waits in Endlosschleife.

Denn gestern gab es ein Highlight sondergleichen (Freud‘ und Leid liegen ja oft dicht beisammen):
Der Gatte hat einen Gewinn eingefahren!

Er hat nämlich die EM gewonnen, also das Tippspiel, bei dem wir mitgemacht hatten. Meine Erfolge haben die Gruppenphase leider nicht überlebt, denn danach habe ich mich zu sehr von meinen Gefühlen oder Hormonen leiten lassen: auf Buffon gesetzt, statt auf Neuer. Dann aber wieder auf Manu statt Hugo. Naja, lauter so Sachen eben. Musste ja schief gehen.

Der Gatte hielt sich lange irgendwo im Mittelfeld der Tipp-Rangliste auf, fast schon verdächtig unauffällig. Um im Tippspiel  zu punkten, hat er ab dem Viertelfinale teils sogar bewusst anders getippt, als er eigentlich tippen wollte. So auch bei seinem finalen Tipp: Er ging davon aus, Frankreich würde gewinnen, setzte dann aber – als einer der wenigen in unserer Tippgemeinschaft – auf einen portugiesischen Sieg. Dieses eiskalte Kalkül hat ihm schließlich zum Durchbruch verholfen (man muss dazu sagen: in derselben Tippgemeinschaft hat er bei der WM 2014 bereits den zweiten Platz errungen, hat also schon etwas Übung). Meinen Glückwunsch, liebster Gatte!!!

Worüber ich mich aber am meisten gefreut habe, ist weder sein 1. Platz, noch die Siegprämie, sondern seine Reaktion auf die gestrige Mitteilung, dass er gewonnen hat.

Aber lest selbst!
Hier der Auszug aus dem Blog, den die Tippspielleitung in Berlin während der gesamten EM täglich mit aktuellen Berichten und Ranglisten gefüttert hat, bis zum (bitteren) Ende – samt Kommentaren.

Die Tippspielleitung am 11. Juli 2016 um 08:37

Guten Morgen Tippgemeinde!

Alle Schlachten sind geschlagen – und wir haben zwei überraschende Sieger, denen das 1:0 die Erfüllung aller Träume brachte:

Da die Presse das Feiern der Portugiesen übernommen hat, verneigen wir uns also vor R. (nun auf ewig mit dem Ehrentitel „Tippspiel-Messi“ versehen), der in einem unglaublichen Finish mit einem 8-Punkte-Volltreffer noch von Platz 5 auf das oberste Treppchen gehüpft ist!

(…) Er erhält als Siegerprämie € 130,00 aus der gemeinsamen Kasse und kann nun seiner Kraulquappe auf den letzten Metern noch ein besonders nettes zusätzliches Geburtstagsgeschenk aussuchen. (…)

 

R. am 11. Juli 2016 um 21:14

Liebe Tippspielgemeinde,

was soll ich sagen: DAS IST DER HAMMER! Auch fast 24 Stunden nach meinem fantastischen Finish kann ich es immer noch nicht recht fassen, den EM-Titel errungen zu haben. Ich sag mal, bei dieser Konkurrenz! Ihr wart echt alle total super, ohne euch hätte ich nie und nimmer meinen sensationellen Endspurt hinlegen können! Dass ich den Sieg verdient habe, steht natürlich außer Frage. Aber selbstverständlich war er halt auch nicht. Ich sag mal, das toppt ja sogar den großen und ruhmreichen FC Bayern! Ihr wisst schon, damals in der Saison 85/86, 33. Spieltag, Bayern zu Gast bei Bremen, Bremen in der Tabelle 2 Punkte vor den Bayern (damals galt noch die 2-Punkte-Regel), Bayern kein einziges Mal in der Saison auf Platz 1. Dann dieser unberechtigte Elfmeter (das war nie und nimmer Hand vom Lerby, hat nachher sogar Käthe Völler zugegeben!) in der 88. Minute für Bremen beim Stand von 0:0. Kutzop tritt an – PFOSTEN!!! Gerecht ohne Ende! Bremen damit nicht Meister, und dann vergeigen die auch noch das letzte Spiel in Stuttgart, während unsere Super-Bayern zu Hause die Gladbacher 6:0 vermöbeln – und ich war dabei! War im Stadion und hab diese unglaubliche Meisterschaft live miterlebt!! Ich sag mal, könnt ihr euch das vorstellen? Da bist du die ganze Saison nie auf Platz 1, also, überhaupt nie nicht. Und dann eroberst du am letzten Spieltag die Spitze! WAHNSINN! Und jetzt stellt euch mal vor, wie sich das anfühlt, wenn man von Platz 5 (!!) auf Platz 1 (!!!) vorstürmt!! GEIL, sag ich euch, GEIL, GEIL, GEIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIL!!!!

Andererseits hätt’s auch niemanden überraschen dürfen. Ich sag mal, als Vize-Weltmeister ist man IMMER auch Favorit bei einer EM! Ist ja logisch, weil die WM natürlich mehr zählt als die EM. Wobei ich mich dieses Mal, das muss ich echt zugeben, schon wirklich selber übertroffen habe. Ich sag mal, das macht mir so schnell keiner nach, das war schon echt super von mir!

Wie ihr euch denken könnt, bin ich heut schon öfter gefragt worden, ob ich denn jetzt, als Vize-Weltmeister UND Europameister, an Rücktritt denke. Ich sei ja nicht mehr der Allerjüngste, hat der eine oder andere gemeint. FRECHHEIT! Nicht mehr der Allerjüngste!!! Mit den Jungen nehm ich’s noch immer auf! Da braucht sich keiner auch nur irgendeinen Krümel Hoffnung machen, mit mir ist auch beim nächsten Mal zu rechnen! ICH LASS MIR DOCH NICHT DIE FETTE KOHLE ENTGEHEN!!! (Ok, darf ich auch nicht, ruft mir grad mein Personal Coach aus dem Nebenzimmer zu, hat wohl irgendwie eigenes Interesse an meinen Erfolgen…)
In dem Sinne: Trainiert fleißig, meinetwegen auch bei Olympia, damit ihr mich beim nächsten Mal wieder zur Höchstleistung antreiben könnt!

Servus, euer Tippspiel-Messi for ever

 

Die Tippspielleitung am 12. Juli 2016 um 09:30

Sehr geehrter Herr Tippspiel-Messi,

angesichts dieser Orgie an Selbstbeweihräucherung sieht sich die Tippspielleitung im Rahmen der UEFA-Fairplay-Regeln zu einigen Klarstellungen veranlasst:

1. Bayern München wird generell nie verdient Meister; insbesondere war das auch nicht in der Saison 85/86 der Fall, da sich der Torwart (ein gewisser Herr Pfaff) beim erwähnten Elfmeter viel zu früh bewegt und der Pfosten des Tores die erlaubte Breite um mehr als 50% überschritten hatte (dies seltsamerweise nach dem ersten unbeobachteten Geheimtraining der Bayern). Auf Grund der damaligen Verfilzung der DFB-Spitze mit dem Bayern-Präsidium ist dieser Vorfall der Öffentlichkeit niemals bekannt geworden.

2. Eine Nachfrage bei den „unterlegenen“ Mitspielern des Tippspiels hat ergeben, dass mit deren Tipps eine Bevorzugung der älteren Mitspieler aus Fairnessgründen durchaus gewollt war. So wurden etliche „1:0 für Portugal“ mit Hinweis auf die berühmte „Rentner-Regel“ in den UEFA-Statuten kurzfristig noch in bewusst falsche Tipps geändert, um dem rüstigen Tippspiel-Messi ein letztes Glücksgefühl zu bereiten (auch im Hinblick auf die kommende Bundesliga-Saison).
Dies sollte doch bitte angesichts der ausgeuferten Jubelarien berücksichtigt werden.

3. Die Letzten werden die Ersten sein (alter albanischer Trinkspruch)

Die Tippspielleitung

Tja, auch wenn die Letzten irgendwann die Ersten sein werden, kümmert uns das hier und jetzt herzlich wenig, denn heute suhlen wir uns darin, sich als Erster aus purer Freude ausnahmsweise mal so zu verhalten wie der Allerletzte!
Wobei das moderne Ego-Coaching genau das nicht nur ausnahmsweise empfiehlt: Halte deine eigene Laudatio (Schritt 41 von 44 auf dem Weg zum erfolgreichen Ego, zum wahren Ich oder wohin auch immer). Demzufolge soll man sich ja lieb haben, toll finden und das auch unverhohlen zum Ausdruck bringen. Weg mit der verknöcherten, protestantischen Bescheidenheit – zumal die hier in Bayern eh nix verloren hat!

Der Tippspielleitung sei Dank wurde der Verwendungszweck der Siegprämie zwar sehr sinnvoll festgeschrieben, aber da der Gatte selbstverständlich niemals Geschenke auf den letzten Drücker besorgen muss, weil er bereits mindestens ein Quartal zuvor mit dem Dichten und Denken für den großen Tag seiner Frau beginnt, können wir die stattliche Summe einfach hineinfeiernd verjubeln, verfuttern und versaufen (übrigens Schritt 16 von 44 auf dem Weg zum erfolgreichen Ego, zum wahren Ich oder wohin auch immer)!

Und das geht in der Stadt wahrlich besser als auf einer Hütte im Gebirge.

In guter und gefasster Stimmung grüßt euch –
Die Kraulquappe.