Possierlichkeiten in Paarbeziehungen oder: Die Staublaus.

Nach acht Wochen des coronabedingten (relativen) Kaserniertseins in Stadt und Wohnung war es diese Woche soweit: der Gatte durfte musste nach der längsten Pendelpause, die es in unserer Beziehung je gab, nun doch mal wieder an seinen Dienstort reisen. Die Universität Frankfurt hat zwar immer noch geschlossen bzw. praktiziert aktuell ein Online-Semester, es standen aber ein paar Termine an, die der Gatte nur vor Ort wahrnehmen wollte konnte.

Und sagen wir es mal so: Obwohl unsere Langzeitbeziehung überwiegend unter dem Label „Ein Tag ist schöner als der andere“ läuft, ist es nach acht Wochen am Stück dann doch nicht ganz so dramatisch, wenn die Wohnungstür auch mal wieder ins Schloss fällt und der Kontakt zum Lieblingsmenschen für vier Tage nur via Telefon und Email möglich ist.

Gestern stand nun des Gatten Rückkehr an. Die Wochenendeinkäufe waren gerade erledigt und die Spuren von vier Tagen Strohwitwenleben beseitigt, da fiel mir in der Küche – konkret: beim Rühren des Gugelhupfteigs – ein, dass es vielleicht ganz geschickt wäre, den Gatten noch vor seiner Heimkehr über ein Ereignis zu informieren, das sich während seiner Abwesenheit in der Wohnung zugetragen hatte und das womöglich in die Kategorie „Kleine Störenfriede in einer großen Liebe“ fallen könnte, da es einem Themenbereich entstammt, bei dem in der Vergangenheit nie nicht immer Einigkeit herrschte und die Wahrnehmungen signifikant ein wenig voneinander abwichen.

Die Rede ist von sich anbahnenden Defekten/Schäden/Katastrophen im gemeinsamen Zuhause. In unserer Dyade bin grundsätzlich meist ich diejenige, die derlei zuerst sieht/hört/riecht/ahnt, den Gatten folglich darauf aufmerksam macht bzw. danach befragt, ob er „es“ denn auch sähe/höre/röche/ahne.
Und Sie ahnen schon, was jetzt kommt, nicht wahr? Genau!
Solche Situationen gehen in 100 99% aller Fälle zu meinen Ungunsten aus, d.h. ich muss mich der Übertreibung und/oder der Hypersensibilität bezichtigen lassen und anschließend zusehen, wie ich alleine mit meiner angeblichen „Paranoia“ zurechtkomme.
Was dann immer meist so endet, dass eines Tages der Hausmeister, Lolek oder ein anderer Helfer zu Besuch kommt (fairerweise muss ich sagen, dass dann, wenn diese Besuche anstehen, auch der Herr Gemahl bereits etwas sieht/hört/riecht/ahnt, wenn auch nicht immer dasselbe wie ich, aber das sind zu dem Zeitpunkt dann vernachlässigbare Differenzen, deren Ausführung hier nicht weiter lohnt).

Ein Beispiel: Kurz nach der langwierigen Badrenovierung und Wasserschadensanierung nahm ich in dem ans Bad angrenzenden Schlafzimmer in einer Ecke des Raumes plötzlich einen minimal modrigen Geruch wahr, und zwar exakt dort, wo einst wochenlang eine der Heizplatten zur Trocknung der Wände aufgestellt worden war. Die Ecke war längst von der Wasserschadenfirma als getrocknet bezeichnet und von Lolek frisch gestrichen worden. Oben an der Decke meinte ich zudem, wieder einen neuen (oder alten?) Fleck durch das frische Weiß durchscheinen zu sehen. „Einbildung!“, sagte der Gatte, er sähe und röche dort rein gar nichts, ich sähe wohl Gespenster.
Genauso verhielt es sich übrigens mit der ans Bad angrenzenden Toilette: auch dort sah ich zwei Wochen nach Abschluss der Badrenovierung erste verdächtige Flecken an der frisch gestrichenen Wand. Was für „Gespenster“ daraus wurden, darüber berichteten wir hier und hier.

Mit diesem Erfahrungsschatz im Nacken setzte ich mich, nachdem der Gugelhupf in den Ofen bugsiert war, an den Schreibtisch und schrieb dem Gatten fix eine Mail. Wir sind beide keine Mit-dem-Handy-in-der-Öffentlichkeit-Telefonierer und da ich ihn im ICE auf dem Heimweg wusste (und zudem davon ausging, dass er in seine Arbeit vertieft sein würde), wählte ich diese diskrete Form der Mitteilung, um ihn auf seine Ankunft daheim einzustimmen.

Der Einfachheit halber kopiere ich Ihnen den entscheidenden Part der Mail in diesen Blogbeitrag hinein, da mich die Verwendung der indirekten Rede über längere Strecke dann doch etwas anstrengt:

„(…) Im Bad gibt es übrigens eine neue, unschöne Entdeckung. Ich habe das jetzt erstmal ein paar Tage beobachtet, bevor ich es dir sage, denn sonst wärst du mir vermutlich gleich wieder ins Gesicht gesprungen. Aber nun halte ich meine These/Diagnose für relativ gesichert und daher für mitteilbar: Wir haben Staubläuse im Bad. Das ist keine klassische Lausart, sondern ein kleines, an sich harmloses, aber in seinem Wohnverhalten dann doch irgendwie lästiges Tierchen. Wie ich jetzt auf „diesen Schmarrn“ komme? Ganz einfach!
Das, was ich neulich für deine unachtsam verstreuten Rasurkrümel hielt (du erinnerst dich bestimmt an meine Nachfrage, ob dir der Barthaarschneider ausgekommen sei), hatte ich ja bereits weggewischt. Am Tag drauf waren die kleinen, grauen Pünktchen aber wieder da. Nun gut, dachte ich, ist ja auch viel Bart, der da gut gepflegt wurde, beim Lüften könnte sich da schon nochmal was verteilt haben. Also wieder weggeputzt. Am nächsten Tag – und da warst du dann schon außer Haus und konntest als (erneuter) Verursacher definitiv nicht mehr im Frage kommen: schon wieder graue Brösel. Ich war irritiert, guckte, wo die überall rumliegen (ausschließlich auf dem nagelneuen, blitzblanken, weißen Waschtisch) und stellte plötzlich fest, dass die sich ja bewegen! Da dachte sogar ich kurz, ich würde halluzinieren. Aber letztlich ging es mir wie einst Galileo: sie bewegten sich tatsächlich!
Wieder den Lappen genommen, wieder alles entfernt. Dabei die Entdeckung, dass die größte Horde der kleinen Genossen in deinem Zahnputzbecher saß. Alles ausgewischt, mit kochendem Wasser ausgespült usw. Am nächsten Morgen dann die nächsten Tierchen. Dann hat es mir gereicht und ich habe recherchiert, was das sein könnte. Am Fenster sitzen die nämlich nie, immer nur auf dem Waschtisch, also kommen sie eher nicht von draußen rein, sondern leben bereits irgendwo in unserem neuen Bad. Im Spiegelschrank waren sie gottseidank nicht anzutreffen, allerdings vereinzelt an den Fliesen, die an den Waschtisch grenzen.
Die Recherche ergab dann: Es handelt sich um Staubläuse. Diese Spezies tritt in Räumen auf, die feucht sind, v.a. aber in Räumen, in denen es Schimmelbildung gab oder gibt oder in denen versteckte Feuchtigkeit vorhanden ist. Staubläuse sind ein häufiges Phänomen in Neubauten, die noch nicht durchgetrocknet sind, und ein nicht seltenes Phänomen in renovierten Räumen, in denen sich nach Verputzungen oder Verfliesungen o.ä. Bauarbeiten noch Staunässe verbergen könnte. Staubläuse sind an sich ungefährlich (und haben seltsamerweise weder was mit Staub noch mit Laus am Hut), können aber bei Menschen, die zu Allergien neigen, diese verstärken oder neue auslösen, erfreulicherweise aber nur, wenn sie in Massen auftreten (die Population in unserem Bad würde ich trotz all meiner „paranoiden Neigungen“ noch nicht als Masse bezeichnen). Chemie hilft gegen die Tierchen nur kurzfristig; wird die Ursache nicht beseitigt, kommen sie immer wieder. Sie ernähren sich überwiegend von Schimmelsporen und Flechten.
Das war eine unangenehme Erkenntnis, zumal sie auf denselben Tag fiel wie die Erkenntnis, dass leider an allen Türrahmen durch das Malerkrepp, das Lolek & Co. dort angebracht hatten, beim Abziehen der Klebebänder Lackflächen abgesprungen sind, so dass der alte vergilbte Lack nun wieder durchscheint.

Wenn du also wieder da bist, würde ich dich bitten, dir das Staublausphänomen mal anzusehen und es dann mit zu beobachten. Mir geht es jetzt erstmal drum, rauszufinden, wo die Viecher verstärkt sitzen und wie viele es sind. Wir werden zudem ab sofort die Lüftungsweise etwas umstellen und in den nächsten Tagen die Heizung im Bad volle Pulle laufen lassen, das wird auf einschlägigen Seiten (es gibt übrigens allen Ernstes die Seite: www.staublaus.de !) empfohlen. Oberstes Ziel ist, den Raum so trocken und warm wie möglich zu halten, denn Staubläuse hassen Wärme. Ich hoffe, es ist damit in Griff zu bekommen (weil es sich vielleicht und hoffentlich nur um Restfeuchte von den Bauarbeiten handelt), denn wenn nicht, dann heißt das, dass der Wasserschaden nicht komplett behoben war und hinter den neuen Fliesen noch Feuchtigkeit steckt – und dann gute Nacht!
Das mit dem abgeplatzten Lack werde ich Lolek sagen, ich hab nämlich keine Lust, das so zu belassen oder selbst nachzupinseln, weil das nicht so einfach ist mit dem Türlack an solchen Kanten. Nächste Woche kommt Lolek ja eh mehrfach zu uns, sofern er bis dahin mit seiner Baustelle in Mühldorf fertig ist, und verputzt das Loch in der WC-Wand, behebt die Undichtigkeit an der einen Silkonfuge und streicht das WC, da muss er halt dann auch noch mit dem Lack an den Türrahmen nacharbeiten.
Ich vermute übrigens, das Ganze ist eine Strafe Gottes oder aber Bill Gates steckt dahinter. Lass uns, wenn es ganz arg kommt, doch ggf. über ein Auswandern nach Nordkorea nachdenken, wo einen der Staat weniger verarscht und manipuliert. Vielleicht wird dort auch besser gebaut und renoviert. (…)“

Nur bei robustem Nervenkostüm oder allgemeiner Wurschtigkeit rate ich zur Vergrößerung dieses Beweisfotos.

Der Gugelhupf war längst fertig, als ich eine Antwort auf meine Mitteilung erhielt.

„Liebste Natascha,
habe eben erst deine Mail gelesen, weil ich in ein Gutachten vertieft war. Die letzten Minuten vor Einlaufen des ICEs in den Münchner Hbf habe ich nun aber natürlich damit verbracht, mich auf die Ankunft in unserem kontaminierten Heim vorzubereiten, indem ich mir nach Lektüre deiner Mail ein äußerst hilfreiches Video zur Einstimmung ansah (siehe unten).
Bis gleich, ich bringe Brezen mit! Dein R.“

Nie wird man als Frau und/oder Hausvorstand mit seinen Sorgen und Nöten ernst genommen!

Sollten Sie, liebe Leserinnen und Leser, persönliche Erfahrungen mit Staubläusen und/oder Langzeitbeziehungen haben, dürfen Sie gern aus dem Nähkästchen plaudern, vielleicht haben Sie den einen oder anderen brauchbaren Tipp?!
Und ansonsten freue ich mich über jedweden Zuspruch (verbitte mir hingegen Kritik, Augenbrauenhochziehen, Spott und die Zusendung von weiteren Horrorvideos zur geschilderten Thematik) und wünsche Ihnen ein schönes Wochenende.

Bleiben Sie staublausfrei!

Schon der Hammer.

Um 9:35 Uhr kurvt die erste Polizei-Patrouille durch die menschenleere Allee vor der Haustür. Mit Durchsage, versteht sich. Megalaut. Wacht mit Sicherheit auch die letzte Schnarchnase davon auf.
Bitte nicht noch früher!, denkt man da kurz, denn wenn man schon nicht hinausdarf ohne triftigen Grund, dann möchte man wenigstens auch ohne triftigen Krach da draußen sein Frühstücksei löffeln und die Zeitung lesen können.
Meine diesbezügliche Empfehlung heute: der Artikel „Die gehorsame Gesellschaft“ aus der Freitagsausgabe der Süddeutschen Zeitung. Am besten noch nicht vor dem Erstkaffee und auch erst, wenn die schlafverklebten Augen schon etwas klarer in den Tag blinzeln, da sonst womgölich intellektuell noch zu herausfordernd, zumindest ging es mir so.

Beim Morgengassi entdecke ich, dass jemand auf jede vierte Windschutzscheibe in der Reihe der parkenden Autos „Wir lieben Demokratie“ geschrieben hat. Nein, nein, nicht etwa mit einer Spraydose! Sondern einfach mit dem Finger in den Schnee gekratzt. Über Nacht hat es nämlich wieder geschneit. Vorgestern noch mit hochgekrempelten Ärmeln und Hosen (und sogar barfuß) auf einer Bank gesessen, heute wieder Mütze und Handschuhe, aber allmählich wundert man sich ja über gar nichts mehr.

Der Schwimmbadentzug macht sich langsam bemerkbar, und das offenbar nicht nur bei mir.
Der Gatte, der ja neben seinem Zweitjob als häuslicher Serienbeauftragter (ein nicht zu unterschätzendes Amt in Corona-Zeiten) ja noch einen Drittjob als Pressespiegelbeauftragter hat (damit ich nicht ständig mit dem großformatigen Papier hantieren muss), legt mir kichernd eine Zeitungsmeldung neben mein Quittengeleebrot.

Da es in meinem Ganzjahresfreibad keine Scheiben gibt, die man einschlagen könnte, behelfe ich mir erstmal anderweitig, schnüre nun wieder meine Asics und sprinte springsteenbeschallt und selbstverständlich schön sozialdistanziert ein paar Runden durch den nahegelegenen Park.
Fürs Immunsystem, fürs Abschalten, fürs Frischlufttanken. Und mittlerweile scheint sogar die Sonne.
Das sollten genug der triftigen Gründe sein.

Ihnen allen einen schönen Sonntag!

PS: Weiß zufällig jemand, wieso der angeratene Abstand zum Mitmenschen hier in Deutschland mindestens 1,5 Meter betragen soll, man in Österreich aber nur 1 Meter empfiehlt? Husten unsere Nachbarn etwa anders, haben sie eine geringere Tröpfchendichte im Ausgehusteten oder fliegen die Aerosole dort einfach langsamer durch die Luft, quasi eine österreichische Variante des Virus, die sich dem nationalen, so angenehm unhektischen Tempo dort angepasst hat?

Mountainview with a Star.

Das Dackelfräulein liegt im Sessel vom Papa und schläft, der Papa und ich sitzen am großen Esstisch und schweigen. Er liest Zeitung, ich arbeite am Laptop.

Es ist still im Haus, wir genießen das. Obwohl wir im Moment auch nicht reden könnten, selbst wenn wir wollten, weil der Papa für die nächsten Stunden Ober- und Unterkiefer aufeinanderpressen muss, damit die Tamponade die Wunde, die durch den vorhin gezogenen Backenzahn entstanden ist, desinfiziert und beruhigt.

Dass dem Papa heute beim ersten Biss in die Morgensemmel ein Backenzahn zerbrochen ist, passt wie die Faust aufs Auge: damit hat er sich als Erster erfolgreich aus der Affäre gezogen. Ein möglicher Diskutant weniger heute Abend, das könnte die Lage verschärfen.

Ohnehin darf mit Spannung erwartet werden, was als nächstes passiert, hier im Hause am Fuße des Wallbergs.

*****

Meine Arbeit geht nur schleppend voran, die Worte flutschen nicht, geschweige denn dass ein roter Faden für die Geschichte in Sicht wäre. Überhaupt schleppe ich mich eher etwas beschwerlich durch die Tage als dass ich leichtfüßig durch sie hindurchtänzelte.

Nach nur 48 Stunden im Exil ist gestern Abend ein erster Tiefpunkt erreicht. Innerlich kurz vor Abreise, äußerlich kurz vor Losbrüllen.

Die Lebensgefährtin des Papas, künftig G. genannt (G., wie das Großbürgerliche Grauen), entwickelt mit voranschreitendem Älterwerden verstärkt keifende, missmutige Züge. Früher war sie einfach nur laut und nervig, jetzt ist sie laut, keifend, miesepetrig und nervig.

Man möchte es kaum für möglich halten, was während eines lieben langen Tages so alles „falsch“ sein, Kopfschütteln und Kritik auslösen kann.
Nichts an mir scheint zu passen, nahezu jede Banalität ist ein Grunzen, Gemecker oder einen Kommentar wert.

– Wie kann man nur ständig zum Frühstück eine Breze essen? (Weil es mir schmeckt.)
– Warum hast du deine eigene Marmelade dabei, hier gibt’s doch auch welche? (Weil ich lieber eine nicht so überzuckerte Marmelade esse.)
– Was ist denn das für ein komisches Müsli? (Eines aus dem Bioladen, das ich mir von daheim mitgebracht habe.)
– Wieso nimmst du keine H-Milch in den Kaffee? (Weil ich H-Milch hasse.)
– Warum hast du dein eigenes Waschpulver dabei? (Weil ich diese süßlich stinkenden Waschmittel nicht riechen kann.)
– Wie kann man nur bei Nieselregen zum Laufen gehen? (Weil ich mich gern bewege und froh bin, dich dann eine Stunde weniger sehen oder hören zu müssen.)
– Wozu brauchst du den Staubsauger, das Studio wurde gesaugt bevor ihr kamt? (Weil wir nun den 6. Tag dort oben mit Hund wohnen und es gern sauber haben.)
– Warum nimmst du denn nicht meine Rinderbrühe für dein Risotto? (Weil ich diesen Glutamat-Hefeextrakt-Schrott niemals zum Kochen verwenden würde und in mein Gemüse(!)risotto prinzipiell keine Rinder(!)brühe reinkommt.)
– Wie unnötig, den Fenchel so kleinzuschneiden, das ist ja viel zu viel Arbeit! (Wer kocht heute? Du oder ich?)
– Warum presst du dir zwei Orangen aus, wir nehmen jeder nur eine? (Wo ist das Problem? Hab mir ein ganzes Netz voller Orangen mitgebracht und teile es gern mit euch.)
– Was soll jetzt an deinen Bio-Eiern besser sein, die sehen doch genauso aus wie meine? (Ist mir zu blöd, wir diskutierten das bereits, ergebnislos.)
– Warum muss dieser Hund so ein Luxusfutter bekommen, das vom Lidl ist doch viel billiger? (Halt die Fresse.)

Die Antworten in Klammern habe ich übrigens fast allesamt so nicht gegeben, sondern sie mir nur gedacht, denn G. kommt mühelos auch ohne Antworten klar, weil ihr Gekeife sowieso nicht als Einladung zum Gespräch, als ernsthaft interessierte Nachfrage oder gar Verstehenwollen gemeint ist.

Gestern Abend verheddern wir uns zu dritt im Thema „Was kochen und essen wir die nächsten Tage“. Wir wollten uns mit dem Kochen abwechseln, mal ich, mal die beiden, so war’s abgemacht. Das Abendessen ist die einzige, längere gemeinsame Zeit am Tag, was auch gut so ist, denn es kommen ja eh täglich noch kurze Begegnungen im Haus dazu, die sich durchaus summieren.

Der Papa schlägt ein Gericht vor, fragt mich, ob ich darauf Lust hätte. Ich verneine höflich. Wir wollen gerade gemeinsam weitere Ideen wälzen, da grätscht G. dazwischen. Was mir denn nun an dem Vorschlag nicht passe und wieso wir das nicht essen könnten und wieso der Papa sich schon wieder weichkochen lasse von mir und auf diese Sonderwünsche einginge. Der Papa wehrt sich und meint, ich müsse hier nichts essen, was mir nicht schmecke, ganz einfach, und es gäbe schließlich noch genug andere Rezepte, und wir hätten uns bislang immer auf was einigen können.
G. grunzt grantig und zieht die Mundwinkel hinunter bis zu den Armlehnen des Sofas, auf dem sie hockt.
Ich schlage vor, dass die beiden sich dieses Gericht doch ruhig kochen sollen und ich dann einfach nur von den Beilagen esse, mit denen ich völlig zufrieden bin, und betone zum x-ten Mal, dass ich eh nur selten Fleisch esse und wenn, dann eben nur ausgewähltes und ich aber nicht erwarte, dass sie das auch so handhaben. Als ich versöhnlich ein „Jeder darf doch hier essen, was ihm schmeckt und behagt“ ans Ende dieser unseligen Debatte setzen will, eskaliert das Gekeife: mir würde ja nichts schmecken und behagen und man sähe das ja schon an diesem Luxushundefutter, wie seltsam es um meinen Geschmack bestellt sei.
Daraufhin explodiert erst der Papa („Jetzt gönn doch dem Hund sein Futter!“), danach ich (sage: „Warum hast du eigentlich an allem, was ich esse, etwas auszusetzen?“ und denke: „Ich feinde dich doch auch nicht an, weil du dir diese gruselige, ranzige Kondensmilch in deinen Kaffee kippst!“).

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Ich sag’s Ihnen: Patchwork-Familien sind ein Traum! Und Dreierkonstellationen ebenso. Mit beidem habe ich zwar langjährige Übung, aber die hat offenbar nicht das Geringste gebracht. Das mit G. und mir, das funktioniert einfach nicht, obwohl ich mir schon vor drei Wochen eine Haltung zu diesem Wasserschaden-Exil-Aufenthalt hier zugelegt hatte (oder es zumindest versucht habe) – aber mehr als Duldung ist nicht drin, erstaunlich, dass nun offenbar nicht mal die gelingt, und ich überlege, ob G. mich wohl hier rausekeln möchte oder ob ich eher als Ventil für ihren angestauten Frust über den Papa fungiere.
Der macht ihr nämlich auch nichts mehr recht, es ist ein ständiges Widersprechen und Dagegenhalten und Herummosern.
Seine Parkinsonerkrankung wirkt in diesem Lichte wie eine Reflexion des Status quo seiner Lebensgemeinschaft mit G. – alles wird zusehends regloser und starrer, dem einen hängt eine ganze Körperhälfte herab, dem anderen die Mundwinkel. Deprimierend ist das.

Ich hätte heute Vormittag, während G. sich mit ihren saturierten, verwitweten Canasta- und Tennis-Tanten zum freitäglichen Tratsch im Café trifft, den Papa mal drauf ansprechen wollen, denn mehr als ein paar verbundene, gequälte Blicke haben wir über diese Sache noch nicht austauschen können. Nun darf er aber wegen seines Besuchs beim Dentisten nicht sprechen und letztlich bin ich im Augenblick auch froh um jede weitere Anstrengung, die mir erspart bleibt.

Vielleicht später, wenn G. beim Friseur ist. Oder beim Abendessen, wenn sie dabei ist und sich gerade darüber grämt, dass ihr mein Risotto hervorragend mundet und es darüber nichts zu meckern gibt außer der Ungeheuerlichkeit, dass die Küche schon vor dem Essen weitgehend wieder aufgeräumt ist („so zwanghaft wie dein Vater!“).

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Der Morgenblick aus dem Dachfenster kann hier leider nicht immer halten, was er verspricht. Obwohl der wirklich schön ist.

Und obwohl er sogar noch von einem Star gekrönt wird, der jeden Morgen auf dem Dachgiebel des Nachbarhauses sitzt und den zur Neige gehenden Winter und den nahenden Frühling bezwitschert.

Da logiert man nun in einer Gegend, in der andere Urlaub machen, sich zur Kur aufhalten, Hochzeiten feiern oder ihre Seelen baumeln lassen, und ist ansatzweise schon wieder auf der Flucht: nun nicht mehr vor den Bauarbeiten daheim in München, sondern vor den bad vibrations einer Endsiebzigerin.

Es gibt natürlich Garstigeres als täglich drei bis fünf Stunden das Tegernseer Tal oder die hiesige Bergwelt zu durchstreifen, aber es gäbe eben auch was zu Arbeiten, wozu man mal einige Stunden Ruhe am Stück bräuchte und eine dem Arbeitsprozess zuträgliche häusliche Umgebung.

Versucht man’s dann in einem Café am See, in das man Dackelfräulein und Laptop mitnimmt, wird auch nichts draus. Man hat – als ahnungslose Zugroaste – aus Versehen den Lieblingsplatz zweier Spezls aus dem Dorf erwischt, die genau dort für ihren Männerplausch zu sitzen belieben.

Weil die beiden einen aber nicht auch noch in die Flucht schlagen wollen, setzen sie sich einfach dazu und der eine stürzt sich gleich auf Pippa („i hob amoi so oan ghobt, der is ma vui z’friah gstorbn“), der andere auf mich: „Sagen Sie, dürfte ich Ihnen ein Gedicht vortragen, das ich über den Tegernsee geschrieben habe? Mich würde interessieren, wie das auf eine junge Frau wirkt!“.
Ich schmunzle über das Attribut „jung“, kommentiere es und werde belehrt, dass ich aus seiner Warte (er ist 84 und ein paar zerquetschte, wie er sagt) sehr wohl „jung“ bin. Alles eine Frage der Perspektive.

Es wird dann ein netter, herzlicher, interessanter, inspirierender und ausgesprochen anregender Nachmittag mit den beiden Herren, ein Theologe und ein Onkologe übrigens.

Sie spendieren eine Runde Gebäck und Trüffel aus der Vitrine („in unserem Alter muss man die Feste feiern, wie sie fallen!“), wir sprechen über Gott und die Welt, über Berg und Tal, über Leben und Tod. Werden wir die Tage wohl fortsetzen, haben ja auch noch nicht von allen 25 Trüffelsorten gekostet.

Wieder nicht zum Arbeiten gekommen.
Dafür gut getrüffelt und gelaunt mit dem Fräulein am Seeufer heimwärts geschlurft.

Sie sehen, ich bin in allerbester Gesellschaft.
Sollten Sie erstmal nichts mehr von mir hören, müssen Sie sich keine Sorgen machen: der Onkologe wirkt auch mit seinen über 80 Jahren noch wie ein kompetenter und hellwacher Arzt und der Theologe hat sogar schon Reden für Seebestattungen verfasst.

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Tickticktick.

Es könnte der letzte Frühlingstag in diesem Jahr gewesen sein…

…und nach dem gestrigen Abend ist uns sowieso nach Auslüften zumute, also laufen wir von St. Quirin (an dem man immer nur vorbeifährt, zu Unrecht!) über Gmund (Hundestrand, Thomas-Mann-Skulptur) nach Gut Kaltenbrunn (seit einiger Zeit in der Hand vom Käfer)…

…wo sie auf der Terrasse des Cafés tatsächlich nochmal Gartenpolster auf ein paar Stühle und Bänke gelegt haben…

…so dass sich das Dackelfräulein genüsslich auf den Holzplanken in der Sonne ausstreckt und eine Mütze Schlaf nimmt und ich mich mal wieder in der Kunst des Geradeausguckens übe, der Blick also nach Wiessee hinüberschweift, und sehe ich Wiessee, denke ich unweigerlich an H., die dort geheiratet hat, und ich überlege, wie lange das nun eigentlich schon her ist, 14 Jahre müssten es sein, meine Güte, was sind die Jahre schnell verflogen, damals allein im grünen Seidenkleid zu der Hochzeitsfeier gegangen, weil der U. mal wieder einen Totalausfall hatte, also lieber allein als mit ihm im Schlepptau, hätte H. nur noch ein Jahr gewartet mit ihrer Eheschließung, hätte ich mit einem vernünftigen Begleiter kommen können, aber was soll’s, alles Schnee von gestern, sowieso unzählige Erinnerungen an diesen See und sein bergiges Umland, weil der Haubau der Lebensgefährtin vom Papa ja bereits 17 Jahre her ist, so lange fahre ich nun schon regelmäßig hier raus, um die 200 Mal dürften es locker schon gewesen sein bislang, obwohl’s nie mein Liebslingstal und auch nicht mein Lieblingssee werden wird, aber manche Weichen stellt man eben nicht selbst, denn wenn’s nach mir gegangen wäre, hätte der Papa sein Altersdomizil ein Tal westlicher wählen sollen, in dem zwar der See fehlt, aber die Bergwelt die schönere ist, und während ich die Gedanken von A wie Abwinkl bis Z wie Zenettihäusl kreisen lasse, beiße ich auf eine matschige, große Rosine, obwohl ich den Kellner sogar zweimal fragte, ob sich in dem Apfelstreuselkuchen auch ganz sicher keine gedemütigten Weintrauben befänden, weil mir sein wackliges Ja beim ersten Mal nicht so geheuer war, fast immer wird man in puncto Rosinen beschissen, vor allem, wenn Apfel mit im Spiel ist, dann wird’s unseriös, und beim Herausfieseln der Rosine aus dem Mund, um sie am Tellerrand abzustreifen, denke ich an den Papa und dass Rosinen zu den Dingen gehören, in denen unsere Vorlieben konträrer nicht sein könnten, und dass es eigentlich eh immer eine Menge solcher Dinge gab und gibt, bei denen wir uns massiv unterscheiden oder uneins waren, es ist gut, dass einem sowas auch mal wieder ein- und auffällt, denn je älter er wird und je gebrechlicher, desto verklärter und friedvoller betrachte ich ihn und uns, erst heute Vormittag wieder eine Aufwallung größter Rührung, als wir zusammen am PC sitzen, weil er einige Fragen hat, er, der früher nie Fragen an die Tochter hatte, außer vielleicht Wann kommst du heim? oder Wie alt ist der Knilch? und plötzlich hagelt es nun Fragen, weil er mit der Technik nicht klarkommt und beispielsweise die Speicherkarte die Fotos nicht rausrückt, ich sehe ihm zu, wie seine zittrige Parkinsonhand die Maus bewegen will, gefühlt dauert es eine Ewigkeit, bis der Zeigefinger endlich den Klick ausführt und noch eine weitere Ewigkeit, bis er mir sein Problem vorgeführt hat, unterm Tisch liegt das Dackelfräulein und leckt ihm den großen Zeh ab, was ihn freut, so wie ihn überhaupt die Gegenwart des kleinen Hundes unglaublich erheitert, dann überlässt er mir Maus und Tastatur, und ich helfe ihm, lege Ordner an, kopiere 352 Russlandfotos an zwei verschiedene Stellen, tippe ihm eine Anleitung für zwei weitere Probleme, und er sitzt da neben mir auf dem Stuhl in seinem Morgenmantel, staunt und guckt, was ich da mache und dass ich Antworten habe, kindlich wirkt er, immer kindlicher, auch morgens kicherte er heute wie ein Kind, als ich das Fräulein zu ihm ins Schlafzimmer ließ, sie mit Anlauf in sein Bett sprang und schwanzwedelnd über ihn herfiel, ihm die Ohren polierte, was ihn so kitzelte, dass er sich zur Seite rollte und kicherte, wie ich ihn lang nicht mehr kichern hörte, sich das Kissen über den Kopf hielt, was natürlich einen waschechten Teckel keinesfalls von seinem Tun abhalten kann und so ging das Gebalge weiter, bis ich den Hund wieder aus seinem Bett klaubte und auf den Boden zurücksetzte und beide noch ein Weilchen erschöpft hechelten, aber ziemlich glücklich wirkten, kostbare Momente, und immer kostbarer wird ja die Zeit, wenn da auf einmal eine Uhr tickt, die vormals vierzig Jahre oder länger eine solch geräuschlose Existenz führte, dass man nie dran erinnert wurde, dass diese Uhr überhaupt Zeiger hat, die sich – tickticktick – bewegen und auf etwas zuschreiten, ja, da naht etwas, das spüre ich deutlich, ein Advent der anderen Art, dieses Nahen, denn wenn es angekommen sein wird, ist keine Geburtstagsfete angesagt, so viel ist klar.

Was man nicht so alles erinnern und denken kann, wenn man mal ein Dreiviertelstündchen dasitzt und den letzten Frühlingstag inhaliert und einen niemand vollquatscht oder anderweitig auf den Wecker geht.

Gegrüßet seist du, November!

Zeitgleich mit dem November hält dieses Jahr winterliche Kälte Einzug, und mit den Temperaturen beginnt auch das Stimmungsbarometer zu sinken.
Auf den langen Märschen durch die Isarauen oder städtische Parks trage ich nun meist eine Mütze und immer Handschuhe, kehre ich unterwegs ein, löst die heiße Schokolade allmählich das kühle Weißbier ab.

Die erste dieser wärmenden Winterschokoladen an einem Ort getrunken, den ich nicht mehr aufsuchte, seit ich mit demjenigen dort war, den ich eine Weile für einen Freund hielt, der sich aber urplötzlich, kommentarlos und ganz ohne jede Wärme vom Acker machte und nichts hinterlassen hat außer ein paar gut eingebauten Regalbrettern und einer beachtlichen Menge Schutt aller Art.
Den Großteil davon habe ich längst beseitigt, erst gestern aber fand ich auf dem Boden einer Schublade – eigentlich auf der Suche nach einem Geschenkbändchen für die liebe K. – nochmal so ein Überbleibsel dieser hoffentlich letzten Blutegelepisode in meinem Leben: ein nett beschriebenes Kärtchen, einen hübsch glänzenden Talisman dazu. Schöne Worte und Symbole, nichts dahinter. Also weg damit, denn sich solche Andenken noch zu bewahren, das hieße auch weiterhin an denjenigen zu denken und sei es nur, wenn man grad ein Geschenkbändchen sucht.
Immerhin barg sie eine nachträgliche Lernchance, diese Geschichte (was beileibe nicht all solche Geschichten tun oder was ich, als bekennender Gegner der „Alles im Leben hat seinen tieferen Sinn“-Ideologie, eben nicht zu sehen imstande bin): Künftig noch genauer hingucken, denn mancher Blutegel kommt als Salamander verkleidet daher, bei den ersten Zweifeln gilt es, ordentlich an der Fassade zu rütteln, spätestens nach dem ersten Biss ist sofort das Weite zu suchen.

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Musikalisch geht’s jetzt auch hinüber in andere Gefilde, wieder mehr Tom Joad und Hattie Carroll (von Letzterem krieg ich den Hals grad gar nicht voll), garniert von gelegentlichen Versuchen, den grauen Himmel mit mehrminütigen Videoclips von Lofgrens Gitarrensoli wegzupeitschen.
Literarisch ist die Zeit nun reif für Walden, das schon viel zu lange von A nach B (und wieder zurück) geräumt wird und als blinder Passagier sogar quer durch ganz Gotland und halb Schweden gereist ist.

Das Dackelfräulein ist pünktlich läufig geworden (immer wieder faszinierend: ein so kleiner Körper und alles drin an Abläufen und Funktionen, an Möglichkeiten und Risiken), verbellt draußen eifrig die ersten interessierten Rüden, trägt drinnen ihr kesses Höschen mit routinierter Gelassenheit und schmiegt sich nachts noch enger an einen ran, was zu der Jahreszeit recht angenehm ist.

Der Ellenbogen schmerzt wieder, dafür kann man durch unsere Fenster die Eichhörnchen im Baum gegenüber nun viel besser beobachten. Ein Stück oberhalb dieser altbekannten Schmerzzone noch eine weitere, dort ächzt die Schulter vor sich hin, auch nichts Neues mehr. Und seit Wochen ein Stechen und Druckgefühl im Solarplexus, also exakt dort, wo gefühlt schon immer mein Ich hauste (merke: zu sowas niemals mehr Dr. Google befragen, sonst läuft man Gefahr, gleich aus sich selbst ausziehen zu wollen).
Der lästigen kleinen Oktober-Arztterminserie wird vermutlich bald eine weitere folgen, denn schließlich muss man in 9 bis 10 Monaten fit sein und beide Arme gen Himmel oder Bühne recken können, wenn Mr. Springsteen im Herbst seines Lebens dem selbigem des Jahres 2020 die Ehre erweisen wird (so die Gerüchte, die seit heute Mittag kursieren, sich bewahrheiten mögen).

Wenigstens beim Schwimmen macht der Arm noch gut mit, zwingt einen sogar zu technischer Gründlichkeit.
Das Experiment „Schwimmen mit Musik“ hingegen wurde heute Morgen endgültig für abgesoffen erklärt. Der Geburtstags-Sony-Sport-Walkman ist zwar federleicht, simpel zu bedienen und klingt über Wasser auch 1a, aber aus mir wird kein Mit-Musik-Schwimmer mehr.
Fast alles stört meinen Rhythmus, gerade mal drei Songs der langen Playlist konnten für kraultauglich erklärt werden, zur Rückenlage passt kein einziger und beim Brustschwimmen kommt nach ein paar Hundert Metern jedesmal Wasser in die Ohrstöpsel und verzerrt den Klang. Außerdem höre ich meine Blubberatmung nicht mehr, die ich aber gern höre, so als einziges Geräusch in dieser schönen Stille, die unter Wasser herrscht.

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Nach dem Fest ist vor dem Fest: die Reste der Wiesn sind noch nicht mal ganz abgebaut, da stellen sie direkt daneben bereits die Zelte fürs Winter-Tollwood auf. Immer was zu gucken, wenn man vor die Tür tritt. Ich empfinde das immer noch als belebend, erst recht, wenn ich an die Ödnis unseres kurzen Wohnexperiments am Stadtrand zurückdenke.

Und analog dazu: nach der Steuererklärung ist vor der Steuererklärung.
Noch keine 14 Tage befreit von dieser Zumutung, schon trudelt ein Schreiben vom Finanzamt ein. Mit Nachfragen, die Nachfragen aufwerfen und auf die alleine keine Antwort zu finden sein wird (auch das eine Zumutung: die müssten einem doch so schreiben, dass man versteht, was sie von einem wissen wollen). Erst im August den letzten Schikanemarathon vom Fiskus überstanden, schon steht eine neue Beschäftigungstherapie ins Haus, der man sich nur entziehen könnte, wenn man entspannt ein paar Tausender zu verschenken hätte. Haben wir nicht, also werten wir’s einfach mal als belebend, dass da jetzt wieder action ansteht.

Außerdem gibt es ja so Wünsche, die durchaus ein Geld kosten.
Gestern an einer Galerie vorbeigekommen, die sonst immer zu hatte, wenn ich da entlangspazierte, was ich jedes Mal bedauerte, weil in dem kleinen Raum eine exzellente Auswahl an Plakaten aus meinem Geburtsjahr hing, die Olympischen Spiele in München in allen Disziplinen, Farben und Formaten. Und gestern stand plötzlich der Galerist drinnen und winkte mich hinein. Das gesamte Sortiment durchgepflügt, das Schwimmerplakat ganz wunderbar, auch das der Kanuten, aber dann stieß ich auf das hier:

Limitierte Auflage, daher ein Sammlerstück, natürlich mit weiter steigendem Wiederverkaufswert, sofern man jetzt den Zeitwert berappen könnte und sich das Ding für nur 600€ (*schluck* – dafür bekommt man ja schon fast einen echten Waldi!) unter den Nagel reißen würde.

Sie müssen wissen: der Waldi ’72 ist mir sehr bedeutsam. Er wurde mir als mein allererstes Stofftier in die Wiege gelegt und mir 18 Jahre später gegen meinen Willen wieder genommen, die Mutter rückte ihn einfach nicht raus als ich von ihr ging, ich musste also den Waldi zurücklassen und den mit uns lebenden Dackel ja sowieso, es war ein einziger Graus (ein Grauen vielmehr!), die Mutter hat ihn irgendwann verkauft oder weggegeben, in fremde Hände, in ein Stofftierheim gar, ich hab’s verdrängt, denn verloren ist verloren.
Dementsprechend muss hier noch eine uralte Wunde genäht und geheilt werden, wie Sie nun sicher verstehen werden. Es war der wadlgroße bzw. -lange Waldi, der mit dem groben Stoffbezug, nicht die flauschige Plüschvariante. Ich weiß noch genau, wie ich ihm immer ganz sacht mit dem Zeigefinger auf die Nase tippte, wie er sich anfühlte, wie er roch, wie er guckte, wie er über meine Spielsachen und Hausaufgaben wachte, sogar die ersten Springsteenplatten haben wir noch gemeinsam gehört und den ersten Liebeskummer zusammen durchgestanden, kurz: es ist einer dieser Verluste, über die man nie wirklich hinwegkommt.

*****

Bei manchen der noch neueren Kontakte und Bekanntschaften zeichnen sich erste Grenzen ab (oder zumindest zeitweise Statuszementierungen), bedingt durch die eigentlich recht banale Erkenntnis, wie anders andere doch sind.
Steh ich neulich bei einem in der Wohnung herum, der mir mit Handy am Ohr die Tür öffnet, weswegen ich dann eben ein Weilchen dort herumstehe und warte, bis er fertig ist mit seinem Telefonat.
Nachdem er aufgelegt hat, begrüßt er mich auf eine Weise, die mir zutiefst sympathisch ist, weil er einen nicht so verhuscht umarmt, wie das viele tun (dieses eher angedeutete Innigkeitsgeste, ein Hauch von Berührung, vielmehr: ein Hauch von nichts, kaum ein Bartstoppel oder Brustkorb oder Geruch wahrnehmbar, wozu auch immer eine solche Pseudoumarmung gut sein soll oder was sie ausdrücken bzw. wovor sie sich drücken möchte), sondern weil er richtig „zulangt“, das hat was Verbindliches, das strahlt Präsenz aus, und Vitalität. Sehr schön!

Nach der Begrüßung saust er in sein Wohnzimmer, wo der Fernseher läuft (es ist ca. 15 Uhr und ich gebe zu: ich bin grundsätzlich erstaunt darüber, dass es Menschen gibt, die um diese Zeit fernsehen), auf dem Weg dorthin ruft er mir zu, er wolle den unbedingt mal schnell ausschalten. Ebenfalls sehr schön, denn bei privaten Unterhaltungen kann ich im Hintergrund Laufendes ebenso wenig leiden wie unnütze, ziellose Beschallung jeder Art im öffentlichen Raum.
Auf dem Rückweg zu mir fügt er seinem Tun noch erläuternd hinzu: „Ich mach‘ den manchmal an, wenn es mir in der Wohnung zu still ist!“.
Öha!?! – Innerlich zucke ich heftig zusammen bei diesem Satz, äußerlich bin ich bemüht, so zu gucken wie ich zuvor geguckt habe (ankommend, freundlich, zugewandt, frisch umarmt). Die Sprache verschlägt’s mir dennoch kurz, was nicht weiter auffällt, da er ohnehin der Plauderpart von uns beiden ist (er erinnert mich auch hierin an meinen ehemals besten Freund M., mit dem ich mich nach fast 15 intensiven Jahren auseinandergelebt habe, u.a. wg. eines massiven Überplauderungsgefühls, dessen ich mich nicht anders zu erwehren wusste als durch Distanz und Bennenung der Gründe dafür).

Als ich wieder gehe, denke ich darüber nach, ob das wohl je eine Freundschaft werden könnte oder ob mir ein Mensch, der die nachmittägliche Stille in den eigenen vier Wänden mit dem Einschalten der Glotze zum Verstummen bringen muss, mir nicht zu wesensfremd ist für das, was ich unter Freundschaft verstehe. Diese Grübelei mündet in eine Grübelei darüber, ob es unter sozialen Aspekten sinnvoll ist, mit zunehmendem Alter immer kritischer zu werden oder ob nicht doch eher das Gegenteil ratsam wäre.

*****

Apropos sozial.

Was mir nicht nur aus der Seele sprach, sondern mir auch das Herz erwärmte, ist dieser vorgestern erschienene Artikel von Juli Zeh, in dem es um Sozialakrobaten geht (und diese einmal mehr aufs Trefflichste von Untermietern unterschieden werden).
Wenn Sie ein Tierfreund und einigermaßen novemberfest sind, dann lesen Sie den mal.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen einen kuschligen Abend, mit einem Gefährten oder mit der Sofadecke, und verabschiede mich hiermit in meine allabendliche Streichelmeditation!

Huidiei jodleiridldüeiouri. Zum 30. Mai 2019, für Papa.

Heast as nit
wia die Zeit vergeht
Huidiei jodleiri Huidiridi

Gestern nu‘
ham d’Leut ganz anders g’redt
Huidiei jodleiridldüeiouri

Die Jungen san alt wordn
und die Altn san g’storbn
Duliei, Jodleiridldudieiouri

Hab ich lang überlegen müssen, ob ich den Peter Cornelius nehme, die Jungs von S.T.S., den Harry Belafonte, den Paul Simon oder eben ihn hier – den Hubert von Goisern.

Hauptsache einen, den wir zusammen live gesehen haben. Und das waren ja einige, damals, als wir noch gemeinsam auf Konzerte gingen.

Für den Cornelius sprach, dass ich an das Schulhof-Lied so eine wunderbare Erinnerung mit dir habe. Wie wir das gesungen haben, in Hausschuhen durch den Flur tanzend, der Wellensittich ganz aufgeregt mitzwitschernd. Ich mochte den Text und ich mochte, wenn du dann ein bisschen was von Carla erzählt hast, deiner Mitschülerin in Kleve.

Für S.T.S. sprach, dass deren Hochphase sich exakt mit unseren wenigen gemeinsamen Wiesn-Jahren deckte, du und ich, im Zelt auf Bierbänken stehend, dein ganzes Büro mit dabei, diese lustige Bagage. Den Insel-Song liebten wir gleichermaßen, und auch den anderen, dort allerdings liebtest du die schwoarzn Lipp’n grüne Hoar-Stelle und ich die mit dem Rennbahnexpress-Titelblatt.

Für den anderen Insel-Barden sprach, dass das eigentlich das Lied ist, an das ich immer als Allererstes denke, wenn ich an dich und Singen oder dich und Musik denke. Nichts habe ich dich öfter singen hören als Island in the sun. Wenn du es beim Autofahren gesungen hast, trommelte stets dein linker Fuß mit, wenn du es beim Rasieren gesungen hast, wurden manche Zeilen durch Hmhmhmhm-Geräusche ersetzt, damit du die Rasur nicht unterbrechen musstest.

Für den Paul Simon sprach, dass das unser absurdestes Konzerterlebnis war. Alles, was du kanntest und dir gefiel, war mir unbekannt oder gefiel mir überhaupt nicht. Und umgekehrt. Unsere Schnittmenge an dem Abend war genau ein Lied: Graceland. Ich habe danach tagelang nichts anderes mehr gehört, nur wegen dieser einen Zeile (der mit dem Fenster im Herzen), und du konntest das Lied dann sehr bald nicht mehr hören. Und bei mir war’s genau umgekehrt.

Für den Hubert hab ich mich entschieden, weil da musstest du mich seinerzeit richtiggehend überreden und dann war das aber total klasse, dieser Abend im Circus Krone. Es war sein allererstes Konzert in München, ich hatte noch nie von Hubert von Goisern gehört. Fand das peinlich, dass wir zu einem Volksmusik-Abend gehen, aber du sagtest, das sei viel mehr als Volksmusik, das sei Alpen-Rock. Also bin ich mitgegangen. Und hab es nicht bereut, im Gegenteil.

Ja, die Jahre, die Jahrzehnte – sie sind so schnell vergangen, Papa.

Wenn ich heute so das obige Foto von dir angucke – du mit diesem Cowboyhut, den sie dir 1980 in Kanada verpasst haben, und den du dann von deiner Reise mit nachhause brachtest, und der mich so fasziniert hat, weil da mühelos mein gesamter Kopf reinpasste (diese so präzise Erinnerung: wie groß du mir vorkamst und wie klein ich mich fühlte, in deinem Hut) – dann wird mir klar:

Und gestern is‘ heit word’n
und heit is‘ bald morg’n
Huidiei jodleiri huidiridi

Heast as nit
Heast as nit
Huideridiri
Hollareiridiridldoueio hallouri

Alles Gute zum Vatertag, den du auf einer ionischen Insel verbringst (ein Kompromiss, diese Reise: denn die Lebensgefährtin wollte nicht ins Burgenland und du nicht nach Katalonien, und weil du seit ein paar Jahren ja tatsächlich Kompromisse schließt, bist du jetzt eben in Griechenland 😉 ) – bis bald in alter Frische am Tegernsee!

Gib mir ein bisschen meer!

Im Spätsommer dann hier.

Die halbe Nordseeküste abgegrast nach einer schönen Hütte, drei Abende lang.
Hotels, Pensionen, Gasthöfe, Ferienwohnungen, Ferienhäuser. Sogar Feriendörfer. Einfach alles. Haarsträubende Abendbeschäftigung, jedesmal mit viereckigen Augen und steifem Nacken ins Bett gekrochen.

Entweder Mobiliar, das während des gesamten Aufenthalts täglich tollstes Wetter erfordern würde, damit man es möglichst nur im Halbdunkel oder gar nicht sehen muss, weil man anderfalls schwerdepressiv aus dem Urlaub zurückkäme. Oder eine Küche, in der – entgegen der Behauptung auf der Website – weder Platz, noch Ausstattung „zum Kochen einladen“ (überhaupt: ich kann diese bekackte Formulierung „xy lädt zum yz ein“ nicht mehr hören, ich kann dann keine Sekunde mehr „verweilen“). Oder tausend Zusatzkosten für Handtücher, Geschirrtücher, Bettwäsche, Strom, WLAN, Wasser, Endreinigung – und nicht zu vergessen: den Hund, bei dem preislich auch nicht unterschieden wird, ob man einen Neufundländer mitbringt oder 7kg Dackel am Stück. Oder eh fünf Katzen auf dem Gelände. Oder der mürrische Eigentümer in der Wohnung drunter. Oder die Dödel preisen an, dass das Haus über eine Waschmaschine verfügt, bieten aber keine Leine/Wäscheständer – ja wie soll das denn funktionieren? Oder die einsame Lage entpuppt sich als Durchgangsstraße, an der das Gehöft zwar tatsächlich umgeben von Marschland und Schafweiden liegt, aber eben keinesfalls ruhig. Und in Strandnähe ist sowieso alles unbezahlbar, da such ich gar nicht erst.

Irgendwann ändere ich meine Suchstrategie und zoome in Google Maps jedes Dorf, jeden Sielzug und jeden Wattwurm heran, das bin ich so eh gewohnt von der Quartiersuche mit Hund (immer der finale Check: gibt’s da irgendwo ein Stück Wiese vor der Tür? – ich spaziere grundsätzlich per Streetview durch die Orte, um hundegeeignete Viertel/Gegenden ausfindig zu machen, weil so eine Panne wie seinerzeit in Fischen oder im Ultental, das passiert uns nie wieder, da meinte man auch: Ui, Land, ja da ist eh alles grün und rundum Natur, aber von wegen!).

Ich zoome mich also in Google Maps die Nordseeküste rauf und runter, klicke jedes als Unterkunft markierte Etwas an, das nachweislich abseits der Straßen und trotzdem in Deich- oder Strandnähe liegt und von Wiesen umgeben ist. Heißt das Quartier dann „Klabautermann’s Koje“ oder „Hilde’s Huus“, so liegt schon relativ nahe, dass es wohl eher nicht in Frage kommt, weil das eine klingt nach drolliger Familienunterkunft mit Stockbetten und resopalbeschichteten Tischen und das andere altbacken, braun gefliest und nach Seemannsölbildern über einer Couch mit grünem Kordbezug. Und beide eint die übliche Apostrophkatastrophe.

Da fällt mir meine Kommilitonin A. ein, jüngste Tochter eines Schuhgeschäftsinhabers aus dem fränkischen Hammelburg. Ich habe nie vorher und nie nachher jemanden getroffen, der die Klippe des Apostrophs oder auch die des Apostroph’s schriftlich wie mündlich so gekonnt zu umschiffen wusste wie A.

Sie hatte damals einen festen Freund, den Uwe, und der Uwe, der hatte eine Mutter, und diese Mutter, die hatte ein Auto, das sie ihrem Sohn ab und an auslieh, so dass auch A., die wie die meisten Studenten kein Auto hatte, ab und an in den Genuss eines Autos kam, weil Uwe ja meistens mit A. zusammen irgendwo hinfuhr.
Mir stand schier der Mund offen, als A. eines Mittags in der Mensa auf eben dieses Auto zu sprechen kam und dafür die legendären Worte „dem Uwe seiner Mutter ihr Auto“ verwendete (eine geniale Formulierung, die sofort und für Jahrzehnte zum festen Bestandteil im gemeinsamen Sprachschatz vom Papa und mir wurde). Dem Uwe seiner Mutter ihr Auto! Lassen Sie sich das mal auf der Zunge zergehen!

Ich starrte damals erstmal hilflos auf mein Tablett und musste nachdenken, bis ich diese hochkomplexen Bezüge semantisch aufgedröselt und begriffen hatte, dass es um das Auto von Uwes Mutter ging. Aber hätte A. das so gesagt oder geschrieben, wäre sie in die apostrophale Bredouille gekommen (das Auto von Uwe’s Mutter oder gar Uwe’s Mutter’s Auto) und so hat sie das fränggisch gschiggd gelöst. Sie schrieb übrigens auch exakt wie sie sprach (quasi: der A. ihrem Schnabel sein Text), das war faszinierend.
Deutlich weniger faszinierend war allerdings, dass ihre Diplomarbeit nur eine Note schlechter bewertet wurde als meine, was mir seinerzeit schwer zu denken gab, obwohl jeder an der Fakultät wusste, dass die Notenspanne sich eh nur zwischen 1,0 und 3,4 bewegte, aber zumindest diese Spannweite hätte in dem Fall voll ausgenutzt werden müssen. Das war wirklich unfair damals. Und das sag ich ohne mich selbst zu loben (was eh ins Leere liefe, da das beste Kapitel der Arbeit schließlich der fränkische Exgatte verfasst hatte, weil ich schon drei Monate vor Abgabetermin in Lohn und Brot stand, er aber bis zum Referendariatsbeginn noch Ferien und somit Zeit hatte und sowieso der Intellektuellere von uns beiden war).

Wo war ich stehengeblieben? Ach ja, bei „Hilde’s Huus“ und so Sachen.
Jedenfalls ist mir dann gestern zwischen Osterhever, Kotzenbüll und Witzwort tatsächlich und endlich ein Häuschen unter den Mauszeiger gelaufen, bei dem alles passte.
Schreibweise, Ausstattung, Lage, Preis. Der Vermieter, ein älterer, gediegener Hamburger, rief nach meiner Anfrage per Mail sogleich zurück und hatte nach drei Minuten den Lackmustest bestanden: den wenigsten Hotelrezeptionisten oder Ferienwohnungvermietern gelingt es nämlich, auf jede meiner im Schnitt sieben Fragen im Vorfeld einer Buchung vollständige und präzise Antworten zu geben, immer wird irgendwas vergessen oder absichtlich unterschlagen.

Nicht so Herr G. Er hatte telefonierenderweise meine Mail vor sich liegen, ging sie Punkt für Punkt durch und gab danach noch ungefragt Zusatzinformationen zum Besten, weil er aufgrund meiner Mail nämlich kapiert hatte, worauf es mir ankommt.
Und als er dann sagte, dass für das Dackelfräulein vor dem Häuschen eine Handbrause vorhanden sei, für wattmatschige Pfoten und den sandverkrusteten Bauch, und selbstverständlich auch Hundehandtücher (er habe selbst einen Hund und wisse, was einem da das Leben erleichtert), und dass Pippa sich überall auf dem Gelände frei bewegen dürfe, keine Katze weit und breit, nur Schafe, die ihr wurscht sind, und am nahegelegenen Deich kein Leinenzwang und am Strand auch nicht, ja da war nach einer Viertelstunde alles geritzt und ich hab das Laptop erleichtert und vergnügt zugeklappt, bin zum Spätabendschwimmen gefahren und danach ohne verspannten Nacken zu Bett gegangen.

Ein andermal erzähl ich Ihnen vielleicht noch von Nordjylland.

Da kenn ich nämlich nun auch jedes Kaff, jeden Grashalm und jede feriebolig. Die Dänen beherrschen zwar nahezu durchgehend die Sache mit dem Apostroph und der Inneneinrichtung, aber was Preise und Hunde angeht, ist das Land absolut anti-hygge.
Im Schnitt mindestens (!) 160€ pro Nacht (bei lediglich gehobenem IKEA-Stil), 30€ für den Hund (egal für welchen, und wichtig: der darf nirgendwo hin), pro Nacht, versteht sich, dazu Gemeinschaftsbad auf dem Flur (mit abgewetztem, leicht schimmligem OTTSJÖN vor der Duschkabine) – und Frühstücksbuffet kostet freilich extra.
Die Ferienhäuser allesamt viel zu groß, weil die Dänen davon ausgehen, dass jeder Freunde oder Familie oder beides hat, folglich auch Urlaub mit Freunden oder in der Großfamilie macht, daher häufig 10 bis 12 Betten und so gern ich mit dem Dackelfräulein ausgiebige Suchspiele veranstalte – das ist mir dann doch zu weitläufig und zu viel ungenutzter Raum.
Man lernt ja ein Land schon auch ein bisschen kennen, wenn man sich durch dessen Ferienwohnungsportale klickt. Naja, schnell wieder abgehakt, diese Dänemark-Idee.

An der deutschen Nordseeküste ist’s auch schön.
Und dem Hund ist es sowieso völlig egal, in welchen Sand er seine Löcher buddelt.

Cross your heart. Ein Erinnerungsfragment.

Wachgelegen in einer schwülen Nacht voller Blutegelträume und mich erinnert.
Aufgesetzt im dunklen Zimmer, Tom Waits gehört. Wasted and wounded, it ain’t what the moon did, I got what I paid for now.
Subtropische Siriusnacht, Schweiß- und Wortausbrüche im Wechsel, wie ein Fieberanfall.
Irgendwann Ruhe, der Schlaf zur Rechten beflankt vom gleichmäßigen Herzschlag des Hundes und zur Linken von einem zerquetschten Blutsauger an der Wand.

Taucher hätte er werden sollen, dachte ich oft.
Am besten Tiefseetaucher.

Kaum war er aufgetaucht zu einem ersten gemeinsamen Landgang, der uns beide beschwingte und begeisterte, tauchte er wortlos wieder ab.
Kaum hatte ich mich halbwegs damit abgefunden, kam er plötzlich wieder aus seinen Untiefen empor.
Schwamm drüber, dachte ich damals, freute mich an der Fortsetzung und – schwupps! – weg war er.

Und so sollte es fortan sein zwischen uns.
Bis eines Tages einem von uns, unter Wasser oder an Land, der Sauerstoff ausgehen würde.
Ein ewiger Kreislauf aus Abtauchen, Wegtauchen, Untertauchen, Auftauchen, Eintauchen – das war seine Königsdisziplin.

Seine Tauchgänge entschuldigte er mal charmant, mal unbeholfen, mal gar nicht – die Gründe dafür nannte er nie.
Möglich, dass er sie selbst nicht kannte. Ebenso möglich, dass ich sie nicht kennen sollte.
(Im Rückblick frage ich mich ohnehin, ob wir einander auch nur annähernd kannten oder erkannten.)

Er nannte diese Phasen Notabschaltung. Als er wieder auftauchte, fragte ich vorsichtig nach, worin die Not denn bestanden hatte.
Er wolle da mal persönlich drüber reden, meinte er – tauchte ab und schwieg.

*****

Früh sprach er von Freundschaft und spät begriff ich, dass das eher die Mitteilung einer großen Sehnsucht war als ein reales Vorhaben oder gar ein Zutrauen in selbiges.
Mit Leichtigkeit überspielte er die Schwere und mit Kraft manche Schwäche, auch das ein wiederkehrendes Spiel, das er oft gewann und genauso oft verlor.

Nach Klarheit und Intensität strebte er und betäubte seine Sinne bisweilen fast bis zur Besinnungslosigkeit.
Ein Spagat zwischen absoluter Präsenz und totaler Ablenkung, der ihn ständig zu zerreissen drohte.

Also übte er sich in der Kunst des Spagats:
ein Tierfreund zu sein – und ohne Gewissensbisse in Billigfleisch beißen,
ein Empathiker zu sein – und über die Nöte anderer geflissentlich hinwegsehen,
ein Nähesuchender zu sein, sich wieder mehr mit dem Leben und den Menschen zu verbinden – und flüchten, wenn jemand leibhaftig die Tür weit öffnet,
ein Kommunikationsvirtuose zu sein, im Monolog zu brillieren – und allem Dialogischen, das in die Quere oder zu nahe kommt, ausweichen.
Und wie in allem, worin er sich intensiv übte, kam er auch hier der Perfektion recht nahe.

Ansonsten war er ein Meister des Alles-oder-Nichts-Prinzips. Die Pole seiner Welt hießen Null und Hundert, dazwischen schien es nur schäbiges Mittelmaß zu geben, das ihm zuwider war.
War er auf Hundert, überstrahlte er mit seiner Energie und seinem Übermut mühelos den leisen Hauch an Größenwahn und Narzissmus, der ihn umwehte. Sein Humor genoss dann den Auslauf und tollte mit meinem ausgelassen herum, Bäume hätten wir ausreißen können, Berge versetzen.
War er bei Null angekommen, hatte er die Aura einer Mondlandschaft – die Seele von Erschöpfung zu einem kargen Krater erodiert, der Lebenshunger zu bizarren, mageren Formationen erstarrt, alles an ihm wirkte versteinert, verstaubt, verschüttet. Jede Zuwendung und Ansprache prallte an ihm ab wie an einem schweren, verriegelten Metalltor, das unter Strom steht.
Die Schläge, die man sich auch beim noch so zaghaften Anklopfen zuzog, trafen einen bis ins Herz.

*****

Während seiner Landgänge schnitzte er für jeden, der sein Interesse geweckt hatte oder dessen Interesse er wecken wollte, schöne und passgenaue Sätze, die nicht nur wohl klangen, sondern auch wohl taten.
Ein Wohlgefühl, das sich alsbald in Wohlgefallen auflösen konnte, wenn manche der Worte sich als besessene Grenzgänger entpuppten zwischen gedachter Wirklichkeit und gelebter Realität.

Auf meine Fragen hatte er meist keine Antworten, er selbst stellte erst gar keine Fragen, so dass es für mich nichts zu beantworten gab.
Über etliche Strecken unseres gemeinsamen Weges winkten wir einander bestenfalls aus der Ferne zu, der eine im Separee des Schweigens sitzend, der andere im Bottich der Bezugslosigkeit ausharrend.
Während des Unterwegsseins begriff ich allmählich, dass aus diesem fortwährenden Auf und Ab nichts erwachsen würde, auf das er sich einlassen und ich mich verlassen könnte.

Das Ganze war auf ein paar Sprints ausgelegt und leider nicht für die Langstrecke gemacht.
Ein starkes, harmonisches Team, je geringer die Distanz war, bei größerem Abstand hingegen ein fragiles, disparates Konstrukt.

*****

Überreich mit Talenten gesegnet war er, doch ließ er viele davon achtlos herumliegen wie andere Menschen ihre Socken.
Aus Ideen entstanden in Windeseile Pläne, manche davon wurden zu Zusagen, doch eben noch klar umrissene Konturen lösten sich oft schneller auf als die Kondensstreifen eines Flugzeugs am Himmel.

Alles zerfiel zu nichts und aus dem Nichts erwuchs erneut alles.
Gabe und Fluch zugleich.
Ein Perpetuum Mobile.

Ein Leben zwischen Extremen, das sich an sich selbst über die Jahre so wund gewetzt hatte, dass er wie ein Rundumversehrter auf permanente Rücksichtnahme angewiesen war – und wo er sie nicht bekam, wandte er sich ab.
Überleben musste er allein, nach seiner Methode und ohne jede Hilfe, davon war er überzeugt, niemanden wollte er dabei brauchen – und vermutlich wagte auch kaum jemand mehr, ihn zu brauchen.

Nach gut einem Dutzend seiner Notabschaltungen fühlte ich mich schließlich so ausgeschaltet, dass meine Kraft für den nächsten Sprint schwand und ich die Notwendigkeit eines erneuten Einschaltens hinterfragte.
Die einzige Antwort, die ich auf diese Frage finden konnte, ließ mich leer und traurig zurück.

So kam der Tag, an dem mir die Luft ausging für dieses zermürbende Zirkeltraining aus Warten und Hoffen, aus On und Off, aus Irritation und Wut, aus Anfangen und Aufhören, aus Lachen und Weinen, aus Höhenflug und freiem Fall, aus Verstehenwollen und Gegen-die-Wand-Laufen.

Such a beautiful opportunity, würde er vielleicht sagen.
Ein Jammer, dass wir sie nicht ergreifen konnten, würde ich wohl entgegnen.
(Wenn es wenigstens zu einem persönlichen Abschied gekommen wäre.)

*****

Schon seltsam:
Es gibt Geschichten, deren Ende man bereits ahnt, wenn man das erste Kapitel gelesen hat und die man trotzdem und unbedingt bis zum Schluss lesen muss.
Nur um ja nichts unversucht gelassen zu haben, zu begreifen, dass diese ganze Geschichte un(be)greifbar ist und bleiben wird.

Noch seltsamer:
Als Kind war ich in der Lage, solche Bücher einfach nach ein paar Seiten zuzuklappen, ich wollte keine Geschichten lesen, deren Ende zu vorhersehbar war oder deren Einzelheiten mich überwiegend bestürzten oder bedrückten.
Vormals intakte Instinkte, über die Jahre deformiert zu fatalen Fehlschaltungen.
Als Erwachsene quäle ich mich nun Seite für Seite durch den Text, bis zum bitteren Ende, lege dabei eine erstaunliche Selbstverletzungsignoranz und Hartnäckigkeit an den Tag, die, würde ich sie auf andere Sphären anwenden, mich bestimmt schon zu manch Erfreulicherem geleitet hätten.

Und nur allzu gern hätte ich mich aus dieser Geschichte mit dem faulen Fazit davongestohlen, dass alles im Leben einen tieferen Sinn habe, auch wenn er sich einem oft erst viel später erschlösse, dieses so simple wie armselige „Wer weiß, wozu’s gut war!“, das ich als Trostversuch schon der Mutter stets übelnahm, für großen Unsinn halte und das ja in Schmeißfliegenmanier immer dann auf den Plan tritt, wenn es eigentlich drum ginge, etwas, das weh tut, aushalten zu müssen ohne es verstehen zu können.

Für diese Widerfahrnisse gibt es weder eine Wikipedia noch einen ICD-Schlüssel, so schwer es auch zu akzeptieren ist, sich erst in Unwissenheit zu winden und das Erlittene dann namenlos zu bestatten.

That’s how the cookie crumbles.

*****

All das und noch viel mehr dachte und fühlte sie als die Geschichte endete, sprang anschließend ins Wasser, tauchte tief ein in das schützende, kühlende, reinigende und so weiche Element. Ja, auch sie konnte tauchen!

Und schwimmen erst! Weit hinaus schwamm sie, so weit sie konnte, bis sie den Punkt erreichte, an dem das neue Ufer heller leuchtete und näher war als jenes, an dem der schmale Steg stand, von dem sie hineingesprungen war.

Weiter, immer weiter. Jeder Zug ein Befreiungsschlag, jedes Einatmen ein Akt der Lebendigkeit und des Vorwärtsbewegens, jedes Ausatmen ein Akt des Loslassens und des Abschiednehmens.

Goodbye, my almost friend.

*****

You can cross your heart and still be lying
You can count the reasons why you’ve thrown it away

Dream on, dream on.