Song des Tages (19).

Hey, where did we go
Days when the rains came ?
Down in the hollow
Playing a new game,
Laughing and a-running, hey, hey,
Skipping and a-jumping

Das Dackelfräulein lässt sich auf 1.300m die Frühlingsbergluft um die Nase wehen.

Standing in the sunlight laughing
Hide behind a rainbow’s wall,
Slipping and a-sliding
All along the waterfall

With you, my brown-eyed girl,
You, my brown-eyed girl.

Ein Prosit der Gemütlichkeit!

In the wink of an eye oder: Notfälle.

Es muss in den Sommerferien 1989 gewesen sein, ich war also 17. Unterwegs auf einer Interrailreise hatten meine Freundin und ich zwei Jungs aus Hamburg kennengelernt, man schlenderte zu viert durch Paris, tauschte Adressen aus, nahm überschwänglich Abschied. Ich erwischte den Schreibfreudigeren der beiden (und auch den, der Motorrad fuhr) und nach einigen Briefwechseln erstritt ich mir zuhause die Erlaubnis, ihn noch kurz vor Ferienende besuchen zu dürfen.
Damals hatte ich vom Leben noch eine Vorstellung wie sie mir aus den Sha-la-la-la-Songs von Bruce Springsteen oder Van Morrison entgegenschwappte. Unternehmungslustige Kerle mit Chopper, Tiefgang, schöner Handschrift, einer Prise Poesie und den richtigen Schallplatten im Regal standen bei mir verdammt hoch im Kurs.

Für den Papa standen zeitgleich meine Sicherheit und Unversehrtheit umso höher im Kurs. Es war ebenfalls der Sommer 1989, in dem er mir zum Geburtstag meine erste Kreditkarte schenkte. Eine Zweitkarte auf sein Konto. „Für den Notfall!“ – mit diesen Worten überreichte er sie mir. Ich fühlte mich unglaublich erwachsen und frei wie der Wind als ich gemeinsam mit der neuen VISA-Card (damaliger Slogan: „Die Freiheit nehm‘ ich mir!“) im Intercity nach Hamburg zu P. reiste.

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Mein neuer Brieffreund holte mich am Bahnhof ab, ich wurde den Eltern vorgestellt und bezog deren winziges Gästezimmer im Souterrain des Hauses in einem Hamburger Vorort. Noch am selben Abend brausten wir mit der Yamaha nach Hamburg. Ein laues Sommerlüftchen wehte uns um die Nasen, bis sich ein unangenehmer Geruch hinzumischte, den ich sogleich ebenso unwirsch wie naiv als Abgasgeruch abtat, um mir ja von nichts den perfekten Ausritt verderben zu lassen.

Bis ich vom Soziussitz abstieg. Und nicht mehr vernünftig laufen konnte, weil die dicke Sohle meines Turnschuhs an der Ferse halbmondartig ausgefräst war. Mein rechter Stiefel hatte die Spritztour nicht auf der Fußraste verbracht, sondern auf dem Auspuffrohr, dessen Chrom nun nicht mehr glänzte, sondern gummiverschmiert stank.

So humpelte ich dann recht unerwachsen über den Jungfernstieg, mit meinem kaputten Turnschuh. Mein schmales Reisebudget erlaubte definitiv keinen Schuhkauf. Da erinnerte ich mich der VISA-Card in meinem Portemonnaie und beschloss: Es handelte sich ganz klar um einen Notfall. Wir gingen ins nächstbeste Sportgeschäft und ich kaufte mit der Kreditkarte des Papas neue Schuhe. Sogar gleich noch robustere und motorradtauglichere Stiefel – wenn schon, denn schon!

Wieder zurück in München gab es natürlich Ärger und eine längere Diskussion über die Definition von „Notfall“. Die väterliche Auslegung dieses Begriffs unterschied sich fundamental von der meinen (durch Unachtsamkeit auf dem Auspuff „irgendeines Knilches“ verschmorte Sohlen gehörten seiner Ansicht nach z.B. ganz klar nicht in diese Rubrik). Derartige Differenzen sollten fast bis zum Ende meines Studiums – so lange besaß ich diese Zweitkarte – bestehen bleiben. Genauso wie ihr ewig gleiches Ergebnis: Wir debattierten pro Jahr 1-2x über „Notfälle“, aber jedes Mal ziemlich konsequenzenlos.

Das Leben mündete damals unaufhaltsam in eine Phase, in der ich mein eigenes Geld verdienen und meine Notfälle weitestgehend selbst ausbaden musste. Die Sha-la-la-la-Zeiten waren mehr oder weniger vorbei. Parallel dazu reduzierten sich auch die Diskrepanzen zwischen meiner Notfalldefinition und der des Papas auf ein Minimum.

Überhaupt waren das damals die Jahre, in denen wir am allermeisten teilten: nahezu jede Feier zu Geburtstagen und Silvester, die Freundeskreise, viele Bergtouren und Konzerte, Unmengen an Zigaretten und Bier, ein paar Reisen und in den Semesterferien sogar sein Büro und seine Wohnung.

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Gestern habe ich den Papa am Tegernsee besucht. Nach fast zweijährigem Drängen und Anschieben haben wir jetzt seine Vorsorgevollmacht und Patientenverfügung unter Dach und Fach gebracht. Alles ist unterschrieben, kopiert und abgeheftet. Anschließend noch ein gemeinsamer Gang zur Bank, um eine Vollmacht für mich ausstellen zu lassen: Für den Notfall.

So froh ich bin, dass nun alles geregelt ist, so sehr spüre ich bei alldem auch einen Kloß im Hals. Auf dem Heimweg – endlich allein im Auto – musste ich weinen beim Nachdenken darüber, was für eine Wandlung das Wort „Notfall“ in knapp drei Jahrzehnten vollzogen hat. Gestern wagte es keiner von uns beiden, das genauer zu definieren, denn eine neue Dimension von „Notfällen“ würde sich auftun, von der wir beide nichts wissen wollen und bei der begriffliche Einigkeit keine Rolle mehr spielt.

Dabei fühlt es sich an, als läge nur ein Wimpernschlag zwischen dem Sommer ’89 mit dem Streit über den hanseatischen Teenager-Turnschuh-Notfall und dem gestrigen Unterzeichnen der Bankvollmacht, während der Dauerregen das Tegernseer Tal unter einem grauen Schleier begrub.