Every day is like survival oder: Karma, das verflixte Chameleon.

Der Gabenzaun ist gnadenlos gescheitert. Zu viel Verhau, zu viel Unrat, zu wenig gut verpackt, zu wenig (oder gar nicht) mitgedacht. Die Stadt hat jetzt andere Örtlichkeiten für diese Art von Spenden organisiert.
Das Finale des Gabenzauns bestand schlussendlich aus einer bemerkenswerten Synthese der hochbrisanten Klopapierthematik mit einem altgedienten spirituellen Konzept.

Urban Fenceart vom Feinsten.

Ich muss unweigerlich an Boy George und Schulpartys denken. Anfang der 1980er Jahre war das, als man noch nichts hinter sich, aber alles noch vor sich hatte und das für ein Füllhorn an Verheißungen hielt. Der Song war grad aktuell als ich mich in den dunkeläugigen Pseudo-Adligen aus der Nachbarklasse verknallt habe, der dann 20 Jahre später für L’Oréal modelte und mittlerweile Beautykrempel vertickt. Ewig nicht mehr gehört:

Der Frühling ist zurück. Der Wind ist noch frisch, aber die Sonne scheint. Konstant trudeln nun Autos auf der gegenüberliegenden Seite der Theresienwiese beim Drive-in ein, von 8 bis 18 Uhr. Die Ordnungshüter drehen ihre Runden hier mittlerweile ohne brüllendlaute Megafondurchsagen. In den Supermärkten die üblichen Erlebnisse, man gewöhnt sich dran und ich habe beschlossen, mich über manches nicht mehr zu echauffieren. Darüber hinaus erlebt man draußen ja nicht mehr viel bzw. manches möchte man mittlerweile lieber nicht mehr öffentlich mitteilen (womit ich in dem Fall gar nicht das Negative meine). Nur so viel: das Dackelfräulein hat sich gefreut, die Pfötchen mal wieder in Seewasser zu einzutunken.

Wir beballern uns mittlerweile nur noch einmal am Tag mit Nachrichten (der TV hat seine Wackelkontaktfrequenz netterweise nochmals reduziert), das genüg völlig, verstört-verwundert-verärgert einen nicht dauernd, und vertiefen uns ansonsten in die Alltagsdinge und -erledigungen, die berufliche Arbeit und das Praktizieren der neuen Strukturen.

Der Gatte ist glücklich darüber, nicht nach Frankfurt pendeln zu müssen und dass fast alle lästigen Meetings entfallen, weil die Uni geschlossen hat und die Kollegen im Homeoffice weniger besprechungswütig sind. Mit meiner Arbeit geht es zäh voran, es macht mir keinen Spaß, jetzt Reportagen übers Reisen zu schreiben. Aber zugesagt ist zugesagt – nur gut, dass der Verlag den Erscheinungstermin coronabedingt verschoben hat.

Nächste Woche erfolgt der hoffentlich letzte handwerkliche Handschlag in Sachen „neues Bad“. Falls die Duschtrennwand tatsächlich geliefert wird und diesmal auch in den korrekten Maßen. Und falls Lolek noch arbeitet und Hausbesuche macht. Nach meiner Zeitplanung, die ich in Woche 1 nach dem Wasserschaden machte, hatte ich mal „Karfreitag“ drinstehen, als Endtermin sowohl für meine Reportagen als auch für die häuslichen Baustellen. Ab Ostern war Neues und Anderes geplant, das nun alles in den Sternen steht.

Der Papa hat die Freude am Kochen wiedergefunden, das schlägt sich ungut aufs eh schon zu üppige Körpervolumen nieder, konstatiert er. Seit gestern trägt er daher nach eigener Aussage eine „Fressbremse“ (wie er die Atemschutzmaske nennt, die der Sohn der Lebensgefährtin dieser Tage per Post an den Tegernsee geschickt hat). Offenbar hat er auch seinen Humor wiedergefunden.
Mit größter Mühe gelingt es ihm nach 20-minütiger telefonischer Instruktion, mir per Whatsapp das Foto von sich im maskiertem Diät-Outfit zu schicken, das die Lebensgefährtin am Vortag von ihm geschossen hat.

Soweit für heute.
Ich grüße Sie herzlich und hoffe, dass bei Ihnen auch alles so einigermaßen seinen (neuen) Gang geht!

Katharsistag.

Kennen Sie den Unterschied zwischen Schwindeln und Lügen? Nein?!? Na, dann lassen Sie sich’s kurz erklären. Ist auch gar nicht kompliziert.

Als ich klein war und die Mutter mich ständig mit ihrem strikten Moralsystem traktierte und jeden Verstoß dagegen hart sanktionierte („Pass bloß auf, sonst fällt der Watschnbaum um!“), nahm der Papa mich eines Tages beiseite und erklärte mir, dass es nicht immer ein Verbrechen sei, wenn man nicht die Wahrheit sagen würde.

Dass es nämlich unterschiedliche Kategorien von Unwahrheiten gäbe: schlimme Lügen und harmlose Schwindeleien. Erstere seien dadurch gekennzeichnet, dass anderen durch die Lüge etwas genommen würde oder sie dadurch, dass man ihnen die Wahrheit vorenthielte, einen Schaden erlitten – das müsse ich unbedingt vermeiden, das sei unfair und feige. Die andere Kategorie seien Schwindeleien, die streng genommen zwar auch nicht der Wahrheit entsprächen, aber unterm Strich niemandem schaden oder um etwas betrügen würden.

Schwindeln, so sagte er mir, sei ab und zu erlaubt, weil es nun mal Situationen gäbe, in denen es mehr Unruhe oder Verwirrung stiften würde, wenn man reinen und aufrichtigen Klartext spräche, als wenn man sein Gegenüber ein klein wenig anschwindeln würde. Niemand wäre verletzt, niemand um irgendetwas gebracht. Manchmal sei Schwindeln ein soziales Schmiermittel, das unnötige Reibereien, Streitereien oder Eskalationen zu vermeiden helfe (und z.B. auch den Watschnbaum in Ruhe dort stehen ließe, wo er eben stand). Gelegentlich sei es also in Ordnung, sich in heiklen, aber letztlich harmlosen Gemengelagen einer Schwindelei zu bedienen.

*****

Heute Morgen erwache ich mit einer seltenen Klarheit: Am heutigen Mittwoch, meinem letzten, ganzen Tag hier im Wasserschadensanierungsexil, würde ich mir nur Gutes tun und mir nichts zumuten, das mir nicht gut täte.

Eine Art Katharsis ist nötig. Um mich zu befreien und zu reinigen von den unguten Einflüssen und Erlebnissen der letzten zwei Wochen. Um morgen einigermaßen aufgeräumt heimwärts zu fahren, in die Corona-Hauptstadt. Um gewappnet zu sein für die nächste Etappe der heimischen Baustelle, die da hoffentlich Fertigstellung (und Großputz) lauten würde.

Diese Klarheit verstärkt sich noch, als G., die Lebensgefährtin des Papas, zum 9. Mal in Folge bemeckert, dass ich mir morgens schon wieder eine Breze und für den Papa seine beiden Lieblingssemmeln vom Bäcker geholt habe. Jeden Abend fragte ich G., ob sie am nächsten Morgen auch eine frische Semmel möchte, jedesmal lehnte sie ab: „Ich kann genauso gut ein Brot essen!“.

Ja gut, dann halt nicht, aber dann motz‘ auch nicht, wenn andere sich mit Genuss auf die frischen Backwaren stürzen.

Nach einem eher kurzen Arbeitsvormittag packe ich den Rucksack und das Dackelfräulein und fahre rüber nach Wiessee.

Durchs Söllbachtal wandern wir hoch zur Aueralm. Frühlingshafte Temperaturen zunächst, weiter oben plötzlich dunkle Wolken und wüste Föhnwinde – und zu des Fräuleins Freude noch etwas Restschnee (die weiße Pracht vom vergangenen Wochenende hat es gestern und vorgestern weitgehend zerregnet).

Die 500 Höhenmeter zur Aueralm hinauf empfinde ich ja sonst eher als eine wenig alpine und sportliche Herausforderung, nicht so heute. Die Oberschenkel noch immer dermaßen schwer von den beiden Tiefschneetouren – öha! Aber ging dann schon, halt etwas geruhsamer.

Die herzogliche Hopfenflagge vor der Hütte hat unter den Stürmen der letzten Wochen offensichtlich etwas gelitten (ich fühle mich eigentlich genau wie diese zerfledderte Fahne, schießt es mir durch den Kopf):

Unser Stammplätzchen in der Almstube ist gottseidank frei, die Eckbank am Kachelofen…

…und die Wirtin hat grad frische Dampfnudeln gemacht. Dampfnudeln können so eine Katharsis ja enorm befördern.

Erst denkt man zwar „Boah, das schaff ich nie!“, aber dann passt’s doch prima rein in den hungrigen Wanst und macht noch dazu richtig glücklich (also mich: weil ich liebe warme, fluffige Hefeteigteile, pur und ohne was drin) und hinab kann man sich ja eh fast kullern lassen.

*****

Die Sonne lässt sich nachmittags auch noch blicken und auf der Rückfahrt halte ich deshalb kurz am Bootsanleger an, gucke einfach ein paar Minuten aufs Wasser hinaus, denke an H., die hier einst im Brautkleid an Land ging, und fasse den Beschluss, sie diesen Frühsommer nun endlich mal am Zürichsee zu besuchen.

Das Fräulein kruschelt derweil am Ufer herum, verpasst mir aber bald einen Stupser an die Wade, denn es geht auf 16 Uhr zu, und da ist Wanderwaldifütterungszeit!

Beim Papa angekommen höre ich G. schon lautstark im Wohnzimmer lamentieren, als ich von der Tiefgarage aus das Haus betrete.

Sie hält sich weder mit Begrüßungen noch Nachfragen zu meiner Tour auf, sondern trötet unmittelbar ihren Ärger heraus: Einer ihrer Söhne hat gerade kundgetan, dass sie von der für demnächst vereinbarten Enkelbetreuung coronabedingt entbunden sei, im Kindergarten gäbe es da wen…, und überhaupt.

In der Küche brodelt Billigbrühe in einem großen Topf und verpestet das ganze Erdgeschoss und daneben liegt ein großer Brocken Fleisch, über dessen Herkunft ich keine Fragen stellen werde.

Ob ich nicht doch zum Abendessen bliebe? Ob ich nicht doch was von ihrem Tafelspitz wolle? Ob ich nicht den letzten Abend besser hier verbringen würde? Ob ich dem Freund nicht absagen könne? Es sei so ein großes Stück Rind, das der Papa und sie kaum zu zweit schaffen würden, es war halt bei Lidl im Angebot, da habe sie zuschlagen müssen.

„Nein“, antworte ich, „ich werde nicht hier zu Abend essen, der Freund erwartet mich in Tölz im Brauhaus.“

Ich verkünde diese Schwindelei ohne rot zu werden und ohne zu stammeln, sondern mit völlig ruhiger, fester Stimme.

*****

Der Freund, mit dem ich heute angeblich in Tölz zum Essen verabredet bin, bin ich selbst. Das Tölzer Brauhaus, das 30 Minuten Fahrzeit bedeutet hätte, ist in Wirklichkeit das Gut Kaltenbrunn, zu dem ich nur halb so lang brauche.

So gönne ich mir nun auch noch abends drei Stunden Auszeit, komplett erschwindelt zwar, aber es schadet niemandem, nicht mal dem Rind im Kochtopf, das ja eh schon tot ist, aber ich, ich brauche das heute, um zu leben, um mit mir das Ende dieses Exils zu feiern, um mich zu belohnen, dass ich das durchgehalten habe, dass ich, vor allem dem Papa zuliebe, den großen Krach samt Abreise vermieden habe (und ein ehrlicher Satz wie „Ich muss mich heute dringend nochmal ganztags von G. und ihrem Geplärre erholen und stundenlang alleine in einem schönen Lokal sitzen und mich an der Ruhe freuen!“ hätte diesen eh so labilen Burgfrieden mit Sicherheit gehörig gefährdet).

Der heutige Abend gehört mir. Ich esse in Ruhe, ich sitze in Ruhe, ich habe meine Ruhe. Ich gucke aus dem Fenster auf den See, am gegenüberliegenden Ufer funkeln die Lichter von Rottach-Egern.

So aus gebührendem Abstand betrachtet sieht das ja alles so friedlich aus, so idyllisch, so pittoresk.

Und nach einem Mondino Amaro meint man ja beinahe, man wäre als Urlauberin hier gewesen, in diesem voralpenländischen Paradies.

About leaving oder: Abendliche Depesche aus dem Exil.

Zur Frühstücksbreze gibt’s Ruhe, Regen und die regionale Tageszeitung. Gerade mal seit vier Tagen habe ich mühsam eine Haltung gefunden, die es mir ermöglicht, während meines Wasserschadensanierungs-Exils einigermaßen schmerz- und wutfrei mit G., der Lebensgefährtin des Papas, umzugehen (wir berichteten hier), damit ich diese 9 Tage in G.s Haus halbwegs unbeschadet überstehe – und schon muss ich die nächste Haltung finden: Denn übermorgen geht’s heimwärts, zwar noch nicht in die Wohnung, aber immerhin schon mal in die Nähe der Wohnung, in ein Hotel ums Eck, und all diese Orte befinden sich in der „Corona-Hauptstadt“, wie der hiesige Merkur titelt.

Ich weiß noch nicht so recht, wie ich das finden soll, eigentlich freute ich mich aufs Ende des Exils, der Unbehaustheit und der Heimatlosigkeit. Aber nun? Corona-Hauptstadt?!?
Naja, man wird sehen, was da noch alles kommt. Sollten wir uns wegsperren müssen, haben wir immerhin ein neues Bad und keine Flecken mehr an den Wänden.

*****

G., die Lebensgefährtin des Papas, kommentiert auch an Tag 7 meines Aufenthalts noch unbeirrt jeden Happen und jeden Schritt von mir, sobald wir uns begegnen. Ich kommentiere nun grundsätzlich zurück, in ähnlichem Tonfall, mit ähnlichem Gesichtsausdruck, nur die Wortwahl ist etwas deftiger, denn ein bisserl Kontrast muss schon sein.

Einer der Spitzendialoge war in den letzten Tagen dieser hier:

Ich, in der Küche stehend, mir ein Müsli mit frischem Obst zubereitend.
G., im angrenzenden Wohnzimmer sitzend, eigentlich lesend, aber permanent den Papa, der ebenfalls im Wohnzimmer sitzt, mit irgendwas zutextend.
G. sieht, dass ich in die Küche gehe, hört von dort Zubereitungsgeräusche (die Tür steht immer offen, man hört jedes Löffelklappern) und sagt im Keifton zum Papa: „Die isst ja ständig was!“
Der Papa entgegnet: „Auch nicht öfter als wir.“
G.: „Doch! Wenn wir morgens runterkommen, hat die ja schon gefrühstückt. Dann holt sie sich vormittags noch irgendwas. Und dann meist noch dieses Müsli, bevor sie mit dem Hund loszieht! Die isst dauernd!“
Der Papa: „Ist doch egal, lass sie doch.“
G.: „Ich staune aber schon. Dass die so oft was isst. Wie kann man nur so viel essen? Naja, erlauben kann sie sich’s ja…“
Ich schalte mich von der Küche aus ein, also ohne Blickkontakt, was die Sache vereinfacht: „DIE kann euch übrigens hören. Und DIE isst was, so oft sie möchte. Und selbst wenn DIE es sich nicht erlauben könnte und kugelrund wäre, wäre es immer noch IHRE Sache.“

Mich hingegen versetzt es in Staunen, dass und wie G. sich wirklich über alles echauffieren kann, was ihren Vorstellungshorizont sprengt oder sich mit ihrem Weltbild nicht verträgt. Zumal das so vieles ist. Wie schafft man das, sich über so vieles zu ereifern? Wie fühlt sich das an, einen anderen immer nur abzuwerten und zu kritisieren? Wie geht es einem damit, jemandem 7 Tage lang keine Verständnisfrage gestellt zu haben, ihn/sie aber in einer Tour bemeckert zu haben für nahezu alles, was er/sie tut?

Noch mehr aber staune ich, als ich neben G.s Sessel auf einem Beistelltischchen dieses Buch entdecke:

Einerseits möchte ich G. zurufen: „Ja super, fahr doch einfach los und such deine Freiheit!“. Andererseits schnürt mit der Anblick des Covers die Kehle zu, lässt mich eher still werden und denken: „So ein Buch liegt da nicht zufällig. Schon gar nicht mit einem Lesezeichen, das bereits in Buchmitte steckt.“

So viel unerfülltes Leben, wohin man nur blickt. Unerfüllte Träume, unerfüllte Bedürfnisse, unerfüllte Beziehungen, unerfüllte Vergangenheit, unerfüllte Gegenwart.
Beklemmende Biografien mit noch beklemmenderen Fazits, spätestens, wenn der letzte Lebensabschnitt mal erreicht ist. Alles so welk, so trist, so trostlos.

*****

Wenn ich gelegentlich kurz hinter das ganze Gemecker und Gekeife von G. schaue, sehe ich eine alte, unzufriedene Frau, wohlhabend und geizig zugleich, sich der Welt und Umwelt immer mehr entfremdend (vielleicht auch durch beginnende Demenz und/oder sich manifestierende, unbehandelte psychische Probleme), mit zwei Söhnen, die sich nicht für sie interessieren und mit einem Partner, für den sie sich nur interessiert hat, so lange er gut funktionierte und „jemand“ war und für „etwas“ stand.

Der Papa ist nicht mehr der große Geschäftsführer und Chef oder der Leiter und Lenker einer Institution mit mehreren hundert Angestellten, er lässt keine Gebäude mehr bauen, er hantiert nicht mehr mit Budgets, er hat keinen Fahrer mehr und auch keine Sekretärin.
Er ist jetzt alt und gebrechlich und bereits zur Hälfte von Mr. Parkinson zernagt.

Seine rechte Körperhälfte gehört ihm immer weniger. Mit der rechten Hand trifft er kaum noch die Maustasten, Bestellvorgänge im Internet werden schwieriger, weil er sich verklickt oder zu langsam ist. Unterschriften werden zur Qual. Schuhe anziehen sowieso. Alles ohne Klettverschluss ist Strapaze, egal, ob Knopf oder Schnürung oder Gürtel.
Kochen, einst eines seiner größten Hobbies, erfordert so viel Feinarbeit und motorische Anstrengung, dass ihm der Appetit vergeht, bevor das Essen auf dem Tisch steht. Und steht es dann doch auf dem Tisch, kann er manches nicht mehr in mundgerechte Stücke schneiden oder verliert diese auf dem Weg zum Mund.
Die Mimik wird starrer und starrer, wirkt manchmal unfreundlich eben wegen dieser Starrheit, die rechte Gesichtshälfte streikt zusehends und produziert statt einem Lächeln einen Speichelfaden, der auf dem Hemd landet, direkt neben dem Fleck vom Abendessen, das ihm von der Gabel fiel.

Der Alltag ist zur Zitterpartie geworden. Er ist froh, wenn ihm nichts entgleitet oder gar herunterfällt, denn Bücken ist eine Herausforderung fürs Gleichgewichtsorgan geworden, also fasst er manches lieber gar nicht mehr an. Im alltäglichen wie auch im übertragen Sinne. Er klinkt sich aus. Was er nicht mehr berührt, kann ihm auch nicht mehr entgleiten, meint er. Was er nicht an sich nimmt, kann ihm auch nicht mehr herunterfallen und zerspringen, meint er. Er klinkt sich aus.
„Du irrst dich, Papa!“, will ich zu ihm sagen und dann bringe ich es doch nicht übers Herz, weil ich kein tragfähiges Alternativkonzept weiß, das ihn mit sich und der Welt wieder verbinden könnte, zumindest keines, das für ihn taugen würde. Ich lasse ihn sich ausklinken, sehe ihm dabei zu, in einer dumpfen Ohnmacht.

Sein Radius wird kleiner und kleiner, der betretbare Ausschnitt der Welt wird schon bald einer sein, bei dem die Hauptgefahr darin besteht, sich selbst auf die eigenen Füße zu treten. Dieses sich so deutlich anbahnende Um-die-eigene-Achse-Drehen spürt er und es jagt ihm Angst ein, aber da er nie gelernt hat, sich mit Ängsten auseinanderzusetzen, weil er, als er noch Chef war und den ganzen großen Laden alleine gut im Griff hatte und haben musste, einfach keine Ängste hatte, außer den paar persönlichen, die aber durch ein paar Bier in Schach zu halten oder zu verdrängen waren, steht er nun recht hilflos vor einer völlig neuen Situation.

Da kommt etwas auf ihn zu, ist sogar schon fast da, Mr. Parkinson atmet und keucht ihm nämlich nicht nur täglich spürbar in den Nacken, sondern hockt da wie ein Klammeräffchen und zischt ihm in das Ohr, das ängstlich lauschend über seine zitternde rechte Hälfte wacht: „Bald bin ich ganz Du und Du bist ganz Ich und dann fallen wir gemeinsam ins Bodenlose!“
Das hört er wohl und es beklemmt ihn, aber er kann das Klammeräffchen nicht mehr aus seinem Nacken entfernen (wie auch, wenn der Arm doch so zittert) und fängt an, Augen und Ohren zu verschließen. Nicht nur vor dem alten Affen Angst, sondern vor allem, auch vor dem, was ihn ans Leben erinnert, wie es mal war oder wie er dachte, dass es noch sein würde, wenn er in Rente wäre und endlich Zeit und Ruhe hätte, für all das, was ihm das Chefsein und er sich selbst verwehrt hatten.

Alles auf eine Karte gesetzt und die für einen Trumpf gehalten, lange geglänzt wie einer, der die Asse, eines nach dem anderen, nur so aus dem Ärmel zieht, Privates dem Beruf und Eigenes der Familie untergeordnet, wie das halt so läuft, wenn es läuft und irgendwann läuft einem doch alles davon, obwohl es so gut zu laufen schien.
Die alten Freunde verloren, keine neuen gefunden, Arbeit-Arbeit-Arbeit, Anstrengung-Anstrenung-Anstrengung, also nur noch berufliche Weggefährten, von denen die wenigsten bleiben, wenn der berufliche Weg mal geendet hat, also viel Raum da, der zu füllen gewesen wäre, aber bevor eine konkrete Idee auf den Plan trat, womit, trat Mr. Parkinson durch die Hintertür ein und füllte von dort aus die Räume, einen nach dem anderen und bald wird das ganze Haus, dessen Herr er mal war und immer bleiben wollte, eine einzige Besatzungszone sein.

*****

Bei der Hunderunde durch den strömenden Regen komme ich an dem Café vorbei, in dem ich letzte Woche mit dem Theologen und dem Onkologen zusammensaß und den Nachmittag verplauderte. Ich gucke durchs Fenster in das Café hinein und prompt sehe ich die beiden auf ihrem Stammplatz sitzen. Bin versucht, sofort weiterzugehen (trüber Tag heute, nicht gesellschaftsfähg), aber sie haben mich bereits entdeckt und winken mich fröhlich zu sich herein.

Triefend vor Nässe betreten das Dackelfräulein und ich das kleine Café, die alten Herren haben schon einen dritten Stuhl zu ihrem Tisch gezogen, nehmen mir den pitschnassen Mantel ab und organisieren eine Decke, auf die sich die Hundedame zum Abtropfen legen kann.
Die beiden überschlagen sich vor Höflichkeit, ich muss mir ein paar Trüffel aussuchen und einen Tee bestellen. Der Theologe möchte meine Meinung zu seiner neuesten Grabrede hören, die er heute Morgen verfasst hat, der Onkologe möchte hören, wie es am Wochenende in den tief verschneiten Bergen war.

Dann müssen die beiden los, der eine zum Augenarzt, um ein Rezept abzuholen, der andere zum Bestatter, um die Grabrede abzuliefern.
Ich bleibe noch eine Weile allein in dem Café sitzen, gucke auf den grauen See hinaus und trinke noch einen Kaffee, schreibe dem Gatten und einem Freund ein paar Zeilen per Whatsapp und hänge meinen Gedanken nach.

Die Himbeertrüffel in dunkler Schokolade sind übrigens meiner Ansicht nach die besten.

*****

Diese Tage im Wasserschadensanierungs-Exil führen mir nicht nur meine konkrete akutelle Heimatlosigkeit vor Augen. Neben dem Nicht-im-eigenen-Zuhause-Wohnen-Können offenbart sich mir im (voraussichtlich letzten längeren) Zusammenleben mit dem Papa auch noch eine ganz andere Art von Heimatlosigkeit, derzeit noch mehr als Ahnung, aber wer weiß, wie lange noch.

Als ich heute eine Stunde durch den Regen jogge, immer monoton an der tosenden Weißach entlang, immer schnurgradaus, immer die Repeat-Taste des Walkmans drückend, um „About Leaving“, diesen Hammer-Song von Matthias Forenbacher, endlich voll und ganz aufzusaugen, zu erfassen und zu verstehen, da mischt sich plötzlich mein Schweiß mit dem Regen, und alles fließt mir in Strömen übers Gesicht, vielleicht sogar noch viel mehr als nur Schweiß und Regen, und einfach alles, der Rausch dieser Lyrics und das Tosen des Gebirgsbachs und mein bis in die Schläfen pochender Herzschlag und das schmatzende Geräusch meiner Laufschuhe in dem Matsch des Uferweges kulminieren in der Frage: Wer bin ich, wenn er nicht mehr ist, welcher Teil von mir wird mit ihm sterben, welcher wird weiterleben und wie wird meine Welt aussehen, wenn die seine komplett untergegangen ist?

What is the truth when you’re going to leave?

*****

Mountainview with a Star.

Das Dackelfräulein liegt im Sessel vom Papa und schläft, der Papa und ich sitzen am großen Esstisch und schweigen. Er liest Zeitung, ich arbeite am Laptop.

Es ist still im Haus, wir genießen das. Obwohl wir im Moment auch nicht reden könnten, selbst wenn wir wollten, weil der Papa für die nächsten Stunden Ober- und Unterkiefer aufeinanderpressen muss, damit die Tamponade die Wunde, die durch den vorhin gezogenen Backenzahn entstanden ist, desinfiziert und beruhigt.

Dass dem Papa heute beim ersten Biss in die Morgensemmel ein Backenzahn zerbrochen ist, passt wie die Faust aufs Auge: damit hat er sich als Erster erfolgreich aus der Affäre gezogen. Ein möglicher Diskutant weniger heute Abend, das könnte die Lage verschärfen.

Ohnehin darf mit Spannung erwartet werden, was als nächstes passiert, hier im Hause am Fuße des Wallbergs.

*****

Meine Arbeit geht nur schleppend voran, die Worte flutschen nicht, geschweige denn dass ein roter Faden für die Geschichte in Sicht wäre. Überhaupt schleppe ich mich eher etwas beschwerlich durch die Tage als dass ich leichtfüßig durch sie hindurchtänzelte.

Nach nur 48 Stunden im Exil ist gestern Abend ein erster Tiefpunkt erreicht. Innerlich kurz vor Abreise, äußerlich kurz vor Losbrüllen.

Die Lebensgefährtin des Papas, künftig G. genannt (G., wie das Großbürgerliche Grauen), entwickelt mit voranschreitendem Älterwerden verstärkt keifende, missmutige Züge. Früher war sie einfach nur laut und nervig, jetzt ist sie laut, keifend, miesepetrig und nervig.

Man möchte es kaum für möglich halten, was während eines lieben langen Tages so alles „falsch“ sein, Kopfschütteln und Kritik auslösen kann.
Nichts an mir scheint zu passen, nahezu jede Banalität ist ein Grunzen, Gemecker oder einen Kommentar wert.

– Wie kann man nur ständig zum Frühstück eine Breze essen? (Weil es mir schmeckt.)
– Warum hast du deine eigene Marmelade dabei, hier gibt’s doch auch welche? (Weil ich lieber eine nicht so überzuckerte Marmelade esse.)
– Was ist denn das für ein komisches Müsli? (Eines aus dem Bioladen, das ich mir von daheim mitgebracht habe.)
– Wieso nimmst du keine H-Milch in den Kaffee? (Weil ich H-Milch hasse.)
– Warum hast du dein eigenes Waschpulver dabei? (Weil ich diese süßlich stinkenden Waschmittel nicht riechen kann.)
– Wie kann man nur bei Nieselregen zum Laufen gehen? (Weil ich mich gern bewege und froh bin, dich dann eine Stunde weniger sehen oder hören zu müssen.)
– Wozu brauchst du den Staubsauger, das Studio wurde gesaugt bevor ihr kamt? (Weil wir nun den 6. Tag dort oben mit Hund wohnen und es gern sauber haben.)
– Warum nimmst du denn nicht meine Rinderbrühe für dein Risotto? (Weil ich diesen Glutamat-Hefeextrakt-Schrott niemals zum Kochen verwenden würde und in mein Gemüse(!)risotto prinzipiell keine Rinder(!)brühe reinkommt.)
– Wie unnötig, den Fenchel so kleinzuschneiden, das ist ja viel zu viel Arbeit! (Wer kocht heute? Du oder ich?)
– Warum presst du dir zwei Orangen aus, wir nehmen jeder nur eine? (Wo ist das Problem? Hab mir ein ganzes Netz voller Orangen mitgebracht und teile es gern mit euch.)
– Was soll jetzt an deinen Bio-Eiern besser sein, die sehen doch genauso aus wie meine? (Ist mir zu blöd, wir diskutierten das bereits, ergebnislos.)
– Warum muss dieser Hund so ein Luxusfutter bekommen, das vom Lidl ist doch viel billiger? (Halt die Fresse.)

Die Antworten in Klammern habe ich übrigens fast allesamt so nicht gegeben, sondern sie mir nur gedacht, denn G. kommt mühelos auch ohne Antworten klar, weil ihr Gekeife sowieso nicht als Einladung zum Gespräch, als ernsthaft interessierte Nachfrage oder gar Verstehenwollen gemeint ist.

Gestern Abend verheddern wir uns zu dritt im Thema „Was kochen und essen wir die nächsten Tage“. Wir wollten uns mit dem Kochen abwechseln, mal ich, mal die beiden, so war’s abgemacht. Das Abendessen ist die einzige, längere gemeinsame Zeit am Tag, was auch gut so ist, denn es kommen ja eh täglich noch kurze Begegnungen im Haus dazu, die sich durchaus summieren.

Der Papa schlägt ein Gericht vor, fragt mich, ob ich darauf Lust hätte. Ich verneine höflich. Wir wollen gerade gemeinsam weitere Ideen wälzen, da grätscht G. dazwischen. Was mir denn nun an dem Vorschlag nicht passe und wieso wir das nicht essen könnten und wieso der Papa sich schon wieder weichkochen lasse von mir und auf diese Sonderwünsche einginge. Der Papa wehrt sich und meint, ich müsse hier nichts essen, was mir nicht schmecke, ganz einfach, und es gäbe schließlich noch genug andere Rezepte, und wir hätten uns bislang immer auf was einigen können.
G. grunzt grantig und zieht die Mundwinkel hinunter bis zu den Armlehnen des Sofas, auf dem sie hockt.
Ich schlage vor, dass die beiden sich dieses Gericht doch ruhig kochen sollen und ich dann einfach nur von den Beilagen esse, mit denen ich völlig zufrieden bin, und betone zum x-ten Mal, dass ich eh nur selten Fleisch esse und wenn, dann eben nur ausgewähltes und ich aber nicht erwarte, dass sie das auch so handhaben. Als ich versöhnlich ein „Jeder darf doch hier essen, was ihm schmeckt und behagt“ ans Ende dieser unseligen Debatte setzen will, eskaliert das Gekeife: mir würde ja nichts schmecken und behagen und man sähe das ja schon an diesem Luxushundefutter, wie seltsam es um meinen Geschmack bestellt sei.
Daraufhin explodiert erst der Papa („Jetzt gönn doch dem Hund sein Futter!“), danach ich (sage: „Warum hast du eigentlich an allem, was ich esse, etwas auszusetzen?“ und denke: „Ich feinde dich doch auch nicht an, weil du dir diese gruselige, ranzige Kondensmilch in deinen Kaffee kippst!“).

*****

Ich sag’s Ihnen: Patchwork-Familien sind ein Traum! Und Dreierkonstellationen ebenso. Mit beidem habe ich zwar langjährige Übung, aber die hat offenbar nicht das Geringste gebracht. Das mit G. und mir, das funktioniert einfach nicht, obwohl ich mir schon vor drei Wochen eine Haltung zu diesem Wasserschaden-Exil-Aufenthalt hier zugelegt hatte (oder es zumindest versucht habe) – aber mehr als Duldung ist nicht drin, erstaunlich, dass nun offenbar nicht mal die gelingt, und ich überlege, ob G. mich wohl hier rausekeln möchte oder ob ich eher als Ventil für ihren angestauten Frust über den Papa fungiere.
Der macht ihr nämlich auch nichts mehr recht, es ist ein ständiges Widersprechen und Dagegenhalten und Herummosern.
Seine Parkinsonerkrankung wirkt in diesem Lichte wie eine Reflexion des Status quo seiner Lebensgemeinschaft mit G. – alles wird zusehends regloser und starrer, dem einen hängt eine ganze Körperhälfte herab, dem anderen die Mundwinkel. Deprimierend ist das.

Ich hätte heute Vormittag, während G. sich mit ihren saturierten, verwitweten Canasta- und Tennis-Tanten zum freitäglichen Tratsch im Café trifft, den Papa mal drauf ansprechen wollen, denn mehr als ein paar verbundene, gequälte Blicke haben wir über diese Sache noch nicht austauschen können. Nun darf er aber wegen seines Besuchs beim Dentisten nicht sprechen und letztlich bin ich im Augenblick auch froh um jede weitere Anstrengung, die mir erspart bleibt.

Vielleicht später, wenn G. beim Friseur ist. Oder beim Abendessen, wenn sie dabei ist und sich gerade darüber grämt, dass ihr mein Risotto hervorragend mundet und es darüber nichts zu meckern gibt außer der Ungeheuerlichkeit, dass die Küche schon vor dem Essen weitgehend wieder aufgeräumt ist („so zwanghaft wie dein Vater!“).

*****

Der Morgenblick aus dem Dachfenster kann hier leider nicht immer halten, was er verspricht. Obwohl der wirklich schön ist.

Und obwohl er sogar noch von einem Star gekrönt wird, der jeden Morgen auf dem Dachgiebel des Nachbarhauses sitzt und den zur Neige gehenden Winter und den nahenden Frühling bezwitschert.

Da logiert man nun in einer Gegend, in der andere Urlaub machen, sich zur Kur aufhalten, Hochzeiten feiern oder ihre Seelen baumeln lassen, und ist ansatzweise schon wieder auf der Flucht: nun nicht mehr vor den Bauarbeiten daheim in München, sondern vor den bad vibrations einer Endsiebzigerin.

Es gibt natürlich Garstigeres als täglich drei bis fünf Stunden das Tegernseer Tal oder die hiesige Bergwelt zu durchstreifen, aber es gäbe eben auch was zu Arbeiten, wozu man mal einige Stunden Ruhe am Stück bräuchte und eine dem Arbeitsprozess zuträgliche häusliche Umgebung.

Versucht man’s dann in einem Café am See, in das man Dackelfräulein und Laptop mitnimmt, wird auch nichts draus. Man hat – als ahnungslose Zugroaste – aus Versehen den Lieblingsplatz zweier Spezls aus dem Dorf erwischt, die genau dort für ihren Männerplausch zu sitzen belieben.

Weil die beiden einen aber nicht auch noch in die Flucht schlagen wollen, setzen sie sich einfach dazu und der eine stürzt sich gleich auf Pippa („i hob amoi so oan ghobt, der is ma vui z’friah gstorbn“), der andere auf mich: „Sagen Sie, dürfte ich Ihnen ein Gedicht vortragen, das ich über den Tegernsee geschrieben habe? Mich würde interessieren, wie das auf eine junge Frau wirkt!“.
Ich schmunzle über das Attribut „jung“, kommentiere es und werde belehrt, dass ich aus seiner Warte (er ist 84 und ein paar zerquetschte, wie er sagt) sehr wohl „jung“ bin. Alles eine Frage der Perspektive.

Es wird dann ein netter, herzlicher, interessanter, inspirierender und ausgesprochen anregender Nachmittag mit den beiden Herren, ein Theologe und ein Onkologe übrigens.

Sie spendieren eine Runde Gebäck und Trüffel aus der Vitrine („in unserem Alter muss man die Feste feiern, wie sie fallen!“), wir sprechen über Gott und die Welt, über Berg und Tal, über Leben und Tod. Werden wir die Tage wohl fortsetzen, haben ja auch noch nicht von allen 25 Trüffelsorten gekostet.

Wieder nicht zum Arbeiten gekommen.
Dafür gut getrüffelt und gelaunt mit dem Fräulein am Seeufer heimwärts geschlurft.

Sie sehen, ich bin in allerbester Gesellschaft.
Sollten Sie erstmal nichts mehr von mir hören, müssen Sie sich keine Sorgen machen: der Onkologe wirkt auch mit seinen über 80 Jahren noch wie ein kompetenter und hellwacher Arzt und der Theologe hat sogar schon Reden für Seebestattungen verfasst.

*****

Im Hechtsprung.

Als Bruce Willis, wie ich meinen Lieblingsbademeister zu nennen pflege, erfährt, dass ich heute nicht nur als Kraulquappe, sondern vor allem als Wasserschaden- und Baustellen-Flüchtling hergekommen bin, hat er sofort Mitleid und schenkt mir einen Saunaeintritt ohne Zeitlimit. Ich verbringe also spontan den Großteil des Tages im Schwimmbad und der Sauna, beides relativ coronaleer.

Durchs Kneippbecken der Sauna-Außenanlagen watend rufe ich am frühen Nachmittag Lolek zurück, der schon 2x angerufen hatte, während ich meine 40 Bahnen zog. Es geht um die neue Leitung, die er legt, damit wir künftig im Bad nicht nur eine Lichtquelle haben. Er fragt, ich entscheide. Immer schnell, praxisnah und zielführend, diese Unterredungen mit ihm. Wunderbar.

Später schickt er noch eine Whatsapp, um die Ankunft eines Paketes zu melden. Inklusive Foto von dem Karton (der winzig ist), um sich den Scherz erlauben zu können, dass das vermutlich nicht die neue Duschtrennwand sei (die bestellt ist und diese Woche eintreffen muss, wovon ich Lolek in Kenntnis gesetzt hatte, da er das riesige Trumm ja annehmen muss, wenn ich nicht daheim bin). Ich antworte nur mit einem Smiley (und verkneife mir die Anmerkung, dass er mit seiner Annahme völlig richtig liegt und sich in dem kleinen Päckchen mein neuer Sport-BH verbirgt).

Nach 10 Stunden Schuften immer noch zu Scherzen aufgelegt, der Lolek. Mögen sein Karma und seine Robustheit tief in den Estrich des neuen Badezimmers einsickern! Darauf stoße ich nach einem langen Tag im Schwimmbad gerade mit mir selbst an, mit Blick aufs Sportbecken im „Hechtsprung“ sitzend, wie die dem Bad angegliederte Kneipe heißt, und warte auf mein Nudelgericht.

Derweil am Tegernsee der Gatte seine allererste alleinige Bergtour mit dem Dackelfräulein unternommen hat. Wurde ja auch mal Zeit, nach acht Jahren. Nebenbei beschert ihm das ungewohnt intensive Zusammensein mit seinem alten Schwiegervater auch andere, neue Erfahrungen wie beispielsweise das überraschende Erkennen genetischer (oder ansozialisierter) Kausalitäten mancher, bislang noch nie begriffener Verhaltensweisen seiner Angetrauten (also mir).

Hat er sich jahrelang gewundert, dass oft schon Stunden vor dem eigentlichen Beginn des Kochens alle Zutaten fein säuberlich geputzt, geschnippelt und auf Schälchen verteilt in der Küche oder im Kühlschrank bereitstehen und ihrer Verarbeitung harren – und nun sieht er endlich mal, wo’s herkommt, diese Pedanterie de la cuisine! Und gleich ist klar, dass ich da schlicht nix dafür kann, sondern das halt schon mit der Vatermilch aufgenommen habe, diese planvolle Alltagsorganisation.

Es scheint jedenfalls gut zu laufen, dort im Ausweichquartier am Fuße des Wallbergs. Sehr schön. Alles in allem lässt sich die Zeit der Bauarbeiten offensichtlich reibungslos an und allmählich keimt Hoffnung in mir auf, dass das feuchte, laute erste Quartal 2020 zumindest glatt noch ein trockenes, generalsaniertes und glänzendes Ende finden könnte.

Jetzt trink ich mein Feierabendbier aus, steig in die U-Bahn und guck mir daheim mal Loleks Tagwerk an.

Matrjoschka (5).

Matrjoschka Nr. 5 tritt schlotternd aus der Reihe ihrer Schwestern hervor, besinnt sich dann aber ihres Erwachsenseins und erzählt die Geschichte von jenem Samstag. Ist da ein Beben in ihrer Stimme? Oder sind das die Corroventen?

*****

Es war ein Samstag.
Einer dieser völlig gewöhnlichen und bedrückenden Samstage in unserer Familie. Der Papa hatte sich frühmorgens alle Mühe gegeben, den Tag in eine Spur zu bringen, in der er gut vorübergehen (oder einfach passieren) könnte, wären da nicht die vielen Nebengleise gewesen und die Mutter eine so unberechenbare Weichenstellerin.

Beim Bäcker war er gewesen und hatte für jeden von uns etwas mitgebracht, was dessen Frühstücksherz höher schlagen ließ: für die Mutter ein Sesamringerl, für die Tochter eine Breze, für sich ein Mohnzöpferl (die Sachen hießen wirklich so) und vermutlich gleich noch etwas Vorrat für den Sonntag (das waren ja noch Zeiten, zu denen Bäcker sonntags ihre Ruhe hatten vor der gefräßigen, verwöhnten Kundschaft).
Er erhitzte die Milch und rührte holländischen Kakao für sich und die Tochter an, bereitete der Mutter ihren Schwarztee zu, viertelte die Zitrone, die sie zum Tee nahm, kochte vier Eier, schnitt die Semmeln auf, deckte den Tisch und rief irgendwann, als alles zubereitet war: „Guten Morgen! Frühstückelchen ist fertig!“

Sein Ruf verhallte ohne Echo, verlor sich in den Teppichplattenritzen des langen Flurs, der zum Schlafzimmer der Mutter und zum Kinderzimmer führte. Niemand reagierte. Auch nicht auf den zweiten und dritten Ruf.
Erst wenn der Papa ein resigniertes „Ich fang jetzt an, sonst werden die Eier kalt!“ hinterherschickte, rumorte es im hinteren Teil der Wohnung.

*****

Dann wetzte ich aus meinem Zimmer, vor ins Wohnzimmer, setzte mich im Nachthemd an den gedeckten Tisch und nahm einen ersten Schluck von der köstlichen heißen Schokolade.
Ein paar Minuten später hörte man, wie sich eine Türklinke senkte und die Mutter bog in den Flur ein, nahm unterwegs ihren samtenen Morgenmantel von einem Haken und erschien mit der üblichen Leidensmiene im Wohnzimmer.

Irgendetwas war vorgefallen, es stand ihr ins Gesicht geschrieben, aber keiner hätte nachzufragen gewagt, weil das zu einem vorwurfsvollen „Ach, das weißt du nicht?“ oder gleich zu einem theatralisch-stummen Weinkrampf geführt hätte, wenn nicht gar zu größeren Ausbrüchen, bei denen einem das leckere, frische Gebäck im Halse steckengeblieben wäre.
Fast immer war ja irgendetwas vorgefallen, die Mutter selbst war bereits der größte Vorfall in ihrem Leben, und alles, was da noch hinzukam, verschärfte die eh schon dramatische Ausgangslage.

Der Papa begann eine harmlose Frühstücksplauderei, machte ein paar Vorschläge zur familiären Tagesgestaltung und köpfte sein zweites Ei. Der Mutter missfielen das Geplauder (als wenn nichts wär‘! wie konnte er nur!), die Ausflugsideen (sah er denn nicht, wie es ihr ging? wie konnte er nur!) und das Zweitei sowieso (wie konnte er nur! war sein Bauch nicht schon dick genug?). Ich hantierte mit einer sonnengelben Schokocremetube, drauf ein pausbackiger Struwwelpeter und drinnen ein ölig-zuckriges Nutella-Imitat (kennen Sie diese Tuben noch? waren nicht lang auf dem Markt, obwohl der Papp besser schmeckte als Nutella!). Auch das missfiel der Mutter.

Sie legte ihren Eierlöffel geräuschvoll auf den Tisch und erhob die Stimme zu einer ersten Anklage. Alles war falsch, der Tag hatte ungut begonnen, ach wäre sie nur im Bett geblieben und überhaupt: wir wüssten doch, wie schwach ihr Kreislauf in der Früh sei und dass man ihr da keine Unterhaltung und auch nicht diese viel zu frühe und fettige Frühstückerei zumuten könne, überhaupt wäre sie im falschen Leben gelandet und in der falschen Familie sowieso, alle so grob, nur sie so fein und zart, das könne ja nicht gutgehen!

Ihre Stimme nahm während solcher Litaneien eine Tonlage an, die ich noch heute präszise erinnere, obwohl es rund 15 Jahre her sein dürfte, dass ich sie letztmals hörte (bei unseren letzten Begegnungen im Jahr vor ihrem Tod konnte sie ja bereits nicht mehr sprechen).
Es war eine kleinkindhaft nölende, kraftlos jammernde und zugleich gespielt liebliche Tonlage und sie drückte dem Zuhörenden schon nach wenigen Takten das Etikett des Täters auf, ganz en passant geschah das, und auch ihre Körpersprache trug eifrig dazu bei, die anderen zu Kreuze kriechen zu lassen.

Der Samstag war in dem Moment gelaufen, in dem die Mutter ihre Anklage vorgetragen hatte, anschließend Kopf und Schultern hängen ließ, sichtlich schwach und mit blassen Lippen in die mit Orangenmarmelade bestrichene Sesamringerlhälfte biss und unendlich lange an diesem einen Bissen kaute, bevor sie das Gebäck auf den Teller sinken ließ und zu weinen anfing. Daraufhin begann der Papa sein hilfloses Trostplädoyer zu halten und wurde dabei selbst immer bedrückter und kraftloser und irgendwann, als ich mich schon längst mit meinem schokoladenverschmierten Mund in mein Zimmer zurückgeschlichen hatte, hörte ich die Eltern dann streiten und wenig später schloss sich eine Tür und die Mutter hatte sich ins Schlafzimmer verkrochen.

Denke ich an Samstage meiner Kindheit, so denke ich automatisch an die weinende Mutter am Frühstückstisch, obwohl es sich statistisch gesehen nicht so verhielt, dass 90% aller Samstage so verlaufen wären, aber schon 50% haben bereits ausgereicht, dass ich keine anderen Samstagserinnerungen an früher habe als diese.

*****

Jener spezielle Samstag muss sich im dritten Quartal des Jahres 1983 abgespielt haben, was ich nur deshalb weiß, weil der für mich zentrale Satz dieses gruseligen Tages lautete: „Mit 11 Jahren braucht man keine Mutter mehr!“, und da ich im Juli Geburtstag habe, muss es also ein Samstag nach dem Juli ’83 gewesen sein und da ich noch weiß, welche Kleidung die Mutter an dem Tag trug, nachdem sie ihrem Morgenmantel entstiegen war, muss es noch ein einigermaßen milder Monat im Herbst des genannten Jahres gewesen sein.
Die Mutter sprach diesen Satz ungefähr zur Mittagszeit hinter ihrer verschlossenen Tür aus, dennoch laut genug, dass man ihn auch im Flur vor dieser Tür hören konnte.

Wie es sich genau zutrug, dass es von diesem nassgeweinten Teller bis zu jenem Satz kam, weiß ich nicht mehr.

Ich weiß nur noch, dass die Mutter sich an diesem Herbstsamstag nach dem Frühstück nicht nur ins Schlafzimmer begeben, sondern dort sogar eingeschlossen hatte.
Das war außergewöhnlich, denn eigentlich wollte sie, dass wir nach ihr sahen, dass wir an ihrem Bett saßen und sie zu besänftigen versuchten, dass wir einfach alles versuchten, um das Ruder wieder herumzureißen, das sie zuvor enttäuscht und wütend zerbrochen und in den Untiefen ihres Seelensumpfes versenkt hatte.

Nicht so an diesem Samstag. Die Tür war verschlossen und der Papa und ich standen davor und rüttelten abwechselnd an der Klinke. Von drinnen nur Schluchzen oder Schweigen, aber keine Mutter, die sich anschickte, den Schlüssel im Schloss wieder umzudrehen.
Wir ließen sie in Ruhe, wir hatten eh keine andere Wahl. Ich ging in mein Zimmer, der Papa setzte sich aufs Sofa und nahm sich die Zeitung vor. Gelegentlich stand er auf, ging den Flur hinter und klopfte an die Schlafzimmertür. Ohne eine Reaktion zu ernten.

Gegen Mittag hörten wir plötzlich ein klirrendes Geräusch aus dem Mutterbunker.
War da ein Glas zu Bruch gegangen? Was war da drinnen los? Der Papa wurde nervös, rüttelte wieder an der Klinke und bat die Mutter, sie möge die Tür aufsperren, wir würden uns Sorgen machen. Auf einmal antwortete sie ihm. Er solle sie in Ruhe lassen, wir alle sollten sie in Ruhe lassen.
Der Papa erschrak als er das hörte. Sein Schreck hatte aber nicht das Geringste mit dem Inhalt des Satzes zu tun, sondern galt dem Tonfall: denn die Mutter hatte gelallt. Nun nahm auch das Klirren Gestalt an, und zwar die Gestalt eines Cognacglases, dessen Fehlen der Papa kurz nach dem gelallten Satz der Mutter in der Wohnzimmervitrine feststellte. Zusammen mit dem gläsernen Schwenker war auch eine Flasche Rémy Martin verschwunden.

*****

Der Elfjährigen gefror sofort das Blut in den Adern.
Alkohol war böse, so viel wusste sie, vor allem jener Alkohol, der nicht im Kühlschrank stand, sondern in dem abgeschlossenen Fach der typischen 70er-Jahre-Schrankwand, in dem sich eine beleuchtete, kleine „Bar“ befand.
Was dort aufbewahrt wurde, kam nur bei besonderen Anlässen zum Einsatz, meist, wenn Gäste da waren. Die Mutter war keine routinierte Trinkerin, sie trank selten mehr als ein Glas Wein, Bier sowieso ungern, bestenfalls ein kleines Pils, und höchstens, wenn Gäste da waren, nahm sie mal ein kleines Stamperl Hochprozentiges zu sich.

Die Elfjährige bekam Angst und fing an zu weinen.
Der Papa tröstete sie, obwohl auch er Angst hatte und sich nicht zu helfen wusste. Er sprach die Mutter wieder und wieder durch die verschlossene Tür an, flehte sie an, keinen Unsinn zu machen, sondern herauszukommen aus ihrem Verlies. Ab und an lallte die Mutter irgendwas zurück.
Eine gefühlte Ewigkeit ging das so dahin, bis dem Papa der Kragen der platzte und er den Werkzeugkasten aus der Kammer holte und sich mit allerlei Gerätschaften an dem Türschloss zu schaffen machte, während ihm die Tochter in den Nacken heulte.

Als die Mutter mitbekam, dass ihr Ehemann dabei war, die Tür gewaltsam zu öffnen, fing sie an zu schimpfen und zu schreien. Der Papa reagierte darauf zunächst nicht, erst als sie schnaubte, wieso sie da drinnen nicht in Ruhe sterben dürfe, schnaubte er zurück: „Weil hier draußen deine Tochter weint und die Welt nicht mehr versteht!“

So kam es also zu dem oben zitierten Satz der Mutter.

Es war einer der drei schlimmsten, die ich je von ihr zu hören bekam. Es war der einzige, der trotz (oder wegen?) seines Alkoholgehalts eine tief empfundene Wahrheit der Mutter zum Vorschein brachte (die anderen beiden waren zwar ähnlich hart, aber nüchtern verkündete Gehässigkeiten, die wesentlich besser wegzustecken waren).
Als ich ihn hörte, taute das Blut in meinen Adern schlagartig wieder auf. Ich wischte mir mit meinem Ärmel die Tränen vom Gesicht und starrte fassungslos auf die Schlafzimmertür.

Ich hatte verstanden.
Und ich spürte, dass ab sofort mit allem zu rechnen war.
Im nächsten Moment begann ich mit dem Erwachsenwerden, viel zu früh und ohne zu wissen, was das ist und wie das gehen sollte, vor allem ohne eine Mutter, die einen dabei begleiten würde.

*****

Jetzt wissen Sie, warum ich Cognac hasse. Und dunkelbraune Holztüren.

Auch mein Verhältnis zu Samstagen ist nach wie vor nicht das allerbeste. Und von Menschen, die sich aus Frust betrinken, halte ich mich nach Möglichkeit fern.

Aber das Erwachsenwerden, das hat geklappt, gnadenlos. Und Wochenendfrühstücke mit Breze und Ei habe ich auch beibehalten.

*****

Himmel der Bayern (71) und Song des Tages (44): Obi, obi!

Freitag, 17. Jänner. Morgens, irgendwo über dem Murmeltierbau des Carl-von-Stahl-Hauses.

Gegen 2 Uhr nachts, dank des Fleecepullovers, den ich mir zusätzlich zur Mütze um den Kopf gewickelt habe, fühlt sich das Ein- und Ausatmen nicht mehr ganz so eisig an und ich bin gerade mühsam ein bisschen eingenickt, knurrt es unter meiner Bettdecke und den drei darüberliegenden Wolldecken hervor. Pippa hat die Hüttenhündin gehört, die um die Zeit im Alleingang ums Torrener Joch zu stromern pflegt und den Mond anheult.

An meiner Seite robbt sie sich hoch bis auf Kopfkissenhöhe, ich beruhige sie ein bisschen und schiebe sie sanft wieder zurück unter die Decke, wohl wissend, dass es ihr sonst bald zu frisch werden würde. Jede Bewegung ist anstrengend, auch Umdrehen geht unter diesen Decken kaum, das Zeug hat ein ordentliches Gewicht, also wechsle ich höchstens jede Stunde einmal die Position. Auf der rechten Seite liegend kann ich aus dem Fenster direkt in den Sternenhimmel blicken, zwischendrin stelle ich die Augen scharf und schaue ich in den Raum zwischen mir und dem Fenster und wäre nicht überrascht, wenn ich dort meinen Atem sehen könnte.

Einmal muss ich kurz raus zur Toilette, als Eiszapfen kehre ich zurück und krabble wieder in den wärmenden Dachsbau. Es ist eine dieser Nächte, in denen ich bewusst nicht auf die Uhr sehe, um mich ja nicht zu vergewissern, dass ich so gut wie gar nicht geschlafen habe.

Um 7 Uhr stehe ich auf, steige vom Bett aus direkt in die Bergstiefel (alles andere habe ich sowieso schon an), schlüpfe in die Jacke, schnappe mir meine Kamera und gehe nach draußen. Dort ist es eher wärmer als im Zimmer, zumindest dann, wenn man von der Terrasse aus nach Österreich guckt, wo die Sonne hinter dem Schneibstein hervorlinst.

Die Sächsin kreuzt kurz nach mir auf der Terrasse auf und wirkt trotz der frühen Stunde schon äußerst munter und frisch frisiert. Wir holen uns gemeinsam einen ersten Kaffee und sie erzählt mir von der kalten Dusche, die sie hinter sich hat (trotz Münzeinwurf für 5 warme Minuten, welch Glück, dass mir das gestern Nachmittag nicht widerfuhr) und fährt strahlend fort, dass sie im Keller eine Steckdose gefunden hätte, für ihren Lockenstab (leckomio, denke ich, was mancher so alles mitnimmt auf den Berg).

Eigentlich hatte sie für zwei Nächte gebucht, wird aber heute schon zur Jenner Bergstation laufen und mit der Bahn hinunterfahren, weil sie ihre Blutdruckpillen im Auto vergessen hat. Und „dos gehd goor nich“. Zufrieden nehme ich das mit der Bergbahn zur Kenntnis, weil damit klar ist, dass unser Weg ins Tal nicht derselbe sein wird, denn dieser Beschallung hätte ich sonst durch einen unangenehmen Sprint oder eine Notlüge ausweichen müssen.

Der Österreicher kommt in den Gastraum, setzt sich zu uns und fragt als Erstes nach dem Dackelfräulein. „Liegt noch im Bett“, antworte ich, „steht ungern vor halb acht auf“. Man tauscht sich noch ein Weilchen über die jeweiligen Erfrierungen aus und wie jeder sich so beholfen hat. Mittlerweile ist es 7:45 Uhr und als die beiden Jungs aus BGL in die Stube hereinpoltern, erhebe ich mich und gehe in meinen „Murmeltierbau“ zurück.

Die Beule unter dem Deckenberg (= Hund) noch exakt an derselben Stelle wie vor 45 Minuten, als ich aufgestanden bin. So kenn‘ ich meine Kleine!
Ich wecke sie, hebe sie aus der Koje und führe sie nach draußen. Das Thermometer auf der Terrasse zeigt minus 10 Grad an. So schnell hab ich sie noch nie ihre Geschäfte erledigen sehen, alles geht zackzack, und danach sofort ab zur Hüttentür, rein in den Flur, rechts abgebogen in die Stube, schnurstracks zum Tisch und dem frühstückenden Österreicher in die Kniekehle gesprungen. Die Sächsin ruft „Halloh Bibboh“, die Jungs sagen „Griaß di, du Hex“ und der Österreicher fragt, ob er ihr „a Stückl Gselchts“ geben darf.
Sagte ich schon mal, dass ich’s nicht so habe mit Gruppen, erst recht nicht am frühen Morgen?

Ich lasse den anderen Vorsprung und mir Zeit, füttere das Fräulein, wasche mich, packe mein Glump zusammen, trinke noch eine Kanne Tee, hänge meine Wandersocken an den Kachelofen, stelle die Bergstiefel davor und platziere das Dackelfräulein nebenan. Möglichst durchwärmt aufbrechen lautet die Devise!

Großes Verabschieden allerseits, die Sächsin klinkt sich in ihre Schneeschuhe ein und stakst ungelenk Richtung Osten, der Österreicher verabschiedet sich hinab nach Salzburg, die beiden Jungs preschen los auf den Schneibstein und ich schnüre um 9:30 Uhr meine Stiefel und trete hinaus in die Kälte.

Noch bevor wir das Schneibsteinhaus erreichen, das keine Viertelstunde Marsch entfernt unter uns liegt, bleibt Pippa auf dem völlig vereisten Weg sitzen und hebt abwechselnd mal die linke, mal die rechte Vorderpfote. Dazu ein Gesichtsausdruck, der einem durch Mark und Bein geht.
Als ich zu ihr gehe, rast sie los, bergauf, zurück zum Stahlhaus. Ein kleiner Kampf, bis ich ihr klarmachen kann, dass wir aber hinunter müssen. Sie versucht es noch ein Stück, aber der Weg liegt völlig im Schatten und der Boden ist zu kalt, der ganze kleine Hund schlottert erbärmlich.

Ich verwerfe die Option, den Rucksack abzusetzen, um den Hundemantel herauszukramen, weil der für die Isolation der Pfoten ja gar nichts bringt, stattdessen schnalle ich die Stöcke außen an den Rucksack, ziehe den Beckengurt straffer, damit er die unteren 15cm der Jacke fixiert, öffne meinen Anorak, stecke Pippa hinein, ziehe den Reißverschluss bis zu ihrem Hals wieder hoch, schlinge beide Arme zur Stabilisierung um dieses Gebilde – und weiter geht’s.
Es geht aber weder gut, noch zügig, denn ohne Stöcke bin ich allein auf die Grödeln angewiesen und muss eine andere Gangart wählen, damit ich sicheren Tritts und ohne Stürze nach gut einer Stunde die Königsbachalmen erreiche.

Klitschnass geschwitzt sind wir nun endlich auf der Sonnenseite des Lebens Bergs angekommen, und vor allem endlich in etwas weniger steilem und vereistem Gelände. Ich öffne den dampfenden Anorak und setze das Fräulein wieder auf dem Boden ab. Putzmunter saust und springt sie vor mir her und ich humple und hechle völlig erschöpft hinter ihr her.
Ein Skitourengeher kommt uns entgegen und kommentiert schmunzelnd unser ungleiches Tempo, ich bin zu erschöpft für eine schlagfertige Replik.

Aber nach und nach trocknet die Sonne meinen Schweiß, der Hund hat sichtlich Spaß im Schnee, alles ist so sonnenglitzernd und prächtig und der Watzmann schaut dermaßen toll aus, dass es dann irgendwann wieder geht und wir doch noch ein gemeinsames Tempo finden, bevor wir unten am Parkplatz ankommen.

Auf der Heimfahrt nehme ich diesmal den Weg über Inzell und rufe, als ich den Ort passiere, aus dem Auto den Papa an, weil wir in meiner Kindheit öfter zusammen dort waren.

Der Papa hatte nur wenige Freunde außerhalb seines Berufslebens, einer davon leitete in Inzell eine „Stotterschule“, wie das damals allen Ernstes und ohne jede Verfremdwortung noch hieß. Der Freund war ein lustiger, rothaariger Mann, der selbst einen kleinen Sprachfehler hatte, er hieß Pit und ich mochte ihn sehr. Die Mutter mochte ihn überhaupt nicht, weil sie aus Prinzip die Freunde des Papas nicht mochte, vor allem die fröhlichen nicht. Also besuchte der Papa ihn immer ohne die Mutter, nahm nur mich mit und verband diese Fahrten meist noch mit einem beruflichen Termin in Berchtesgaden, wo er seinerzeit ein Bauprojekt betreute.

„Ich fahre gerade durch Inzell!“, plärre ich in die schlechte Bluetooth-Freisprech-Verbindung. Der Papa freut sich und will wissen, ob ich mich an das Eisstadion erinnere, in dem wir zusammen gewesen sind und wo ich so geweint hätte, weil ich mehrfach gestürzt sei. „Eis mochte ich noch nie und für heute habe ich auch schon wieder genug vom Eis“, antworte ich und erzähle ihm von meinem Ausflug in die Berchtesgadener Alpen.
Ob ich an der Gebirgsjägerstraße vorbeigekommen sei, möchte er nun wissen, und wie die Jugendherberge denn mittlerweile so aussähe, und ist etwas enttäuscht, als ich berichte, dass ich zwar an Strub vorbeigefahren sei, aber von der Straße aus nur die Kaserne gesehen hätte, in der in grauer Vorzeit der Gatte mal stationiert war.

Wir machen aus, dass wir beizeiten nochmal gemeinsam in diese Gegend fahren wollen, und überlegen, wohin genau, und ob er dort vielleicht noch aussteigen und ein paar Schritte gehen könnte, ohne allzu viele Strapazen.
Dann möchte er noch die Einzelheiten zu der Tour hören, vor allem die Namen der Berge rund ums Stahlhaus herum, und kurz bevor wir auflegen, sagt er glatt „Ich bin stolz auf dich“, aber da bin ich leider bereits auf der Autobahn und der Verkehr ist so dicht, dass ich nicht mehr losheulen kann, wie man das sogar als erwachsene Tochter noch sofort tun möchte, wenn der Papa mal so einen seltenen Satz raushaut, obwohl man mit dem Begriff Stolz ja an sich nie warm geworden ist.

Übers Wochenende begeben wir uns nun in kreative Klausur, wünschen Ihnen schöne Winterträume und sagen Servus & bis bald!

Jenseits von Afrika und anderer Kokolores.

Es gibt ja so Worte, die einem sehr früh von den Eltern beigebracht werden und dementsprechend tief in den frühkindlichen Sprachschatz einsickern und sich deshalb erst viele Jahre später als linguistische Blindgänger entpuppen, zumindest in der Region, in der man (im Gegensatz zu diesen Worten) beheimatet ist und sie ausspricht.
Man stellt dann als Heranwachsende entsetzt fest, dass keiner außerhalb der eigenen Familie diese Worte zu verstehen scheint, blamiert sich ein bisschen oder schämt sich gar.

Die meisten dieser Worte hatte ich vom Papa, einige davon entsprangen seinem rheinländischen Dialekt. Osel beispielsweise war eines davon. In der Grundschule titulierte ich mal einen Klassenkameraden so und erntete nichts außer einem fragenden Blick.
Ein Schlüsselerlebnis für mich – ab da war ich vorsichtiger, speziell mit Worten, die bei uns daheim in liebevoll-abwertender Weise verwendet wurden, so wie das eben erwähnte Osel.

Ich wagte es beispielsweise nicht, etwas, das ich ein bisschen bekloppt oder schräg fand, öffentlich als Kokolores zu bezeichnen. Zu riskant schien es mir, dass das hier in Bayern vielleicht missverstanden würde oder überhaupt nicht bekannt wäre.
Außerdem war ich mir nicht mal sicher, ob dieses Wort tatsächlich in irgendeinem Dialekt existierte, da der Papa es auffallend oft zu unserem Wellensittich sagte: „Cocolino macht Kokolores!“ – das klang durchaus nach einer Eigenkreation, denn Cocolino bekam allerlei Eigenkreationen serviert und hauptsächlich Kokolores vom Papa beigebracht, auf dass er ihn nachplappere, was er auch eifrig tat.
„Cocolino hat schöne Pumphosen!“ (wenn er sein Gefieder an den Beinchen putzte), „Hurra, hurra, Natascha ist da“ (als die Mutter nach der Niederkunft mit mir aus der Klinik heimkehrte), „Cocolino klaut Cacola-Cacola“ (hier scheiterte der Papa: Coca-Cola hat Cocolino lebenslang nicht ordentlich über den Schnabel gebracht, das war zu nah am Zungenbrecher für ihn, und gestohlen hatte er das Gesöff schließlich auch nicht).
Ich vermied also dieses Familienwort und habe erst recht spät im Leben festgestellt, dass auch andere Menschen außer unserem Cocolino wussten, was Kokolores ist.

*****

Zu Jahresbeginn erreichte mich eine Mail, die mich sofort an dieses Kindheitswort denken ließ. Ihr Absender war ein Rechtsanwalt mit dem schönen Namen Koko Dzoka. Ich öffnete sie voller Neugier und war dann gleich noch begeisterter, aber lesen Sie selbst!

Schönen Tag,
in einer kurzen Einführung bin ich Rechtsanwalt Koko Dzoka aus
Westafrika. Ich habe Ihnen letzten Monat eine E-Mail bezüglich Ihres
verstorbenen Verwandten gesendet, der in Afrika gestorben ist, aber
ich habe keine Antwort von Ihnen erhalten. Ich melde mich bei Ihnen,
damit ich die Summe von 3.500.000 US-Dollar, die er vor seinem frühen
Tod für mein Familie zurückgelassen hat, wieder zurückzahlen kann.
Rufen Sie mich so schnell wie möglich an, damit ich die Informationen
und Geld an Sie weiterleiten kann. Es ist sehr dringend.
Dein Rechtsanwalt Koko Dzoka.

Na gut, diese stilistischen Patzer sind sonst nicht so meins, auch die Orthographie lässt sehr zu wünschen übrig, aber mein neuer Freund Koko ist schließlich auch Westafrikaner. Außerdem hat er sich von einem Verwandten von mir eine nicht ganz kleine Summe ausgeborgt, die er jetzt, ehrlich wie er ist und weil mein Verwandter das Zeitliche gesegnet hat, gern an mich zurückzahlen möchte.

Ich grüble kurz, welchen Verwandten er meinen könnte, da es in Sachen Verwandtschaft außer dem Papa nur noch den feierfreudigen Chefarzt für Gynäkologie mit dem hässlichen Hund und den unglücklichen Zahnarzt mit der versoffenen Gattin gibt, die aber beide immer noch am Niederrhein leben und nicht in Afrika gestorben sind.
Aber für 3,5 Millionen Dollar, die ich als Alleinerbin von Koko erhalten werde, lass ich mich auch gern überraschen, wer da aus etwaigen genealogischen Untiefen emporsteigen wird. Unter der angegebenen Telefonnummer war bislang immer besetzt, aber ich bleibe natürlich am Ball.
Finanziell jedenfalls schon mal ein formidabler Start in das neue Jahrzehnt!

*****

Und abgesehen von der Horrornacht für die kasernierten Affen in Krefeld (eine Nachricht, die mich tagelang beschäftigt hat und teilweise so trübsinnig stimmte, dass ich nur noch losheulen mochte), lässt sich das neue Jahr auch sonst passabel an.

Die Serienzeit neigt sich ihrem Ende zu. Intensiv und wunderbar war sie.

  1. „Der Pass“: ein seltenes, deutsch-österreichisches Meisterwerk, mit einem gradiosen Nicholas Ofczarek, dessen Erscheinungsbild perfekt von Ambros‘ „De Kinettn wo i schlof“ untermalt wurde und einem ausgeklügelten Plot in einer irre tollen, alpinen Kulisse – wirklich bombastische Bilder der verschneiten Bergwelt! – und einem dramatischen Ende an einer österreichischen Bahnschranke.
  2. Dritte Staffel von „The Handmaid’s Tale“: eine bedrückende, bildgewaltige Dystopie eines totalitären Systems, wir sind noch mittendrin und ich staune, dass ich nach solchen Geschichten gut schlafen kann, wenngleich manche Traumbilder der letzten Nächte ein wenig gileadfarben daherkommen (oder sind die Rauhnächte schuld?) und ich tagsüber manchmal versucht bin, dem nachbarschaftlichen Grußwort bei einer zufälligen Begegnung im Treppenhaus noch ein „Gepriesen sei der Tag“ anzufügen.

Viel geschlafen, viel draußen gewesen. Gut gegessen, gute Musik gehört. „Jungleland“, dieses unvergleichliche Jahrhundertstück, das Cocolinos Nachfolger Fridolin noch mehr liebte als das Klackern des Kaffeeportionierlöffels an der Edelstahlkaffeebox, war auch von Bosstime gecovert ein klasse Erlebnis, das noch nachhallt und glücklich macht.
Die erste, im Herzen der Stadt verbrachte Silvesternacht viel unproblematischer als gedacht: das Dackelfräulein hat, auf dem Sofa lümmelnd, unter der Wolldecke und mit großen Kissen obendrauf, nur vier- oder fünfmal gewufft und ansonsten das Getöse verschlafen, je älter sie wird, desto entspannter wird Silvester (seltsam, dass das nicht auch für den Briefträger gilt, der immer noch jeden Morgen ein wütendes Bellen erntet, wenn er die Post durch den Schlitz in den Flur wirft).
Gegen 22:30 Uhr die letzte Umweltsünde im alten Jahr begangen, den Hund vermummt und schalldicht verpackt ins Auto getragen und zum 10km entfernten Waldrand kutschiert, damit Madame angst- und böllerfrei ihre Jahresabschlussverrichtungen erledigen konnte, eine 45-minütige Aktion, die sicher nur bei Hundebesitzern auf Verständnis stößt und alle anderen den Kopf schütteln lässt. Hat sich bewährt, werden wir beibehalten. Dafür sparen wir ja Sprit, indem wir künftig nicht mehr über Silvester verreisen müssen.
In den sozialen Medien gucken wir um Mitternacht Live-Bilder von der Wiesn an, man hätte auch die Jalousien hochziehen können, aber man soll ja nicht gleich übermütig werden. Nächstes Jahr, vielleicht. Wobei ich drauf hoffe, dass das Feuerwerk dann schon durch eine Lasershow oder irgendwas anderes Zeitgemäßeres ersetzt sein wird.
Um 0:04 Uhr stelle ich mein Handy laut, damit der Papa mich um 0:05 Uhr erreichen kann. Eine Tradition, dieser Anruf, egal, wo wir auch in den letzten 30 Jahren waren: um 0:05 Uhr ruft er mich an und wir wünschen uns ein gutes neues Jahr. Hat mich schon mal unglaublich genervt, dieses Ritual, mittlerweile – seit mir bewusst ist, dass die noch verbleibende Anzahl solcher Telefonate eine sehr absehbare geworden ist – hänge ich mit geradezu nostalgischer Rührung an dieser fünften Minute eines neuen Jahres.

An Neujahr in die Berge gefahren. Zu einer Uhrzeit, wo der Silvesterpartylöwe noch bruncht oder seinen Kater ausschläft, sind die Straßen leer. Der Parkplatz am Fuße des Berges allerdings nicht, da wimmelt es nur so von Familien und Schlitten, aber schon nach wenigen Metern wird klar, dass die alle den anderen Weg einschlagen, den sie dann nach zweistündigem Aufstiegsgezeter der Kinder und drei Trosthumpen Punsch und großer Gruppengaudi wieder grölend hinunterrodeln.
Oben auf der Hütte ein paar andere Wanderer, der Platz am Ofen ist frei, der Wirt hat nichts dagegen, dass das Fräulein auf einem Handtuch mit auf die Bank gesetzt wird, glücklich drückt sie ihr Hinterteil an die brüllheißen Kacheln. Angenehme Neujahrsstimmung da heroben, alle blicken noch etwas zerknittert und müde drein, die einen vom Aufstieg, die anderen vom Abfeiern.

So weit, so gut, diese ersten fünf Tage.
Bei Ihnen hoffentlich ebenso?!

*****

Tickticktick.

Es könnte der letzte Frühlingstag in diesem Jahr gewesen sein…

…und nach dem gestrigen Abend ist uns sowieso nach Auslüften zumute, also laufen wir von St. Quirin (an dem man immer nur vorbeifährt, zu Unrecht!) über Gmund (Hundestrand, Thomas-Mann-Skulptur) nach Gut Kaltenbrunn (seit einiger Zeit in der Hand vom Käfer)…

…wo sie auf der Terrasse des Cafés tatsächlich nochmal Gartenpolster auf ein paar Stühle und Bänke gelegt haben…

…so dass sich das Dackelfräulein genüsslich auf den Holzplanken in der Sonne ausstreckt und eine Mütze Schlaf nimmt und ich mich mal wieder in der Kunst des Geradeausguckens übe, der Blick also nach Wiessee hinüberschweift, und sehe ich Wiessee, denke ich unweigerlich an H., die dort geheiratet hat, und ich überlege, wie lange das nun eigentlich schon her ist, 14 Jahre müssten es sein, meine Güte, was sind die Jahre schnell verflogen, damals allein im grünen Seidenkleid zu der Hochzeitsfeier gegangen, weil der U. mal wieder einen Totalausfall hatte, also lieber allein als mit ihm im Schlepptau, hätte H. nur noch ein Jahr gewartet mit ihrer Eheschließung, hätte ich mit einem vernünftigen Begleiter kommen können, aber was soll’s, alles Schnee von gestern, sowieso unzählige Erinnerungen an diesen See und sein bergiges Umland, weil der Haubau der Lebensgefährtin vom Papa ja bereits 17 Jahre her ist, so lange fahre ich nun schon regelmäßig hier raus, um die 200 Mal dürften es locker schon gewesen sein bislang, obwohl’s nie mein Liebslingstal und auch nicht mein Lieblingssee werden wird, aber manche Weichen stellt man eben nicht selbst, denn wenn’s nach mir gegangen wäre, hätte der Papa sein Altersdomizil ein Tal westlicher wählen sollen, in dem zwar der See fehlt, aber die Bergwelt die schönere ist, und während ich die Gedanken von A wie Abwinkl bis Z wie Zenettihäusl kreisen lasse, beiße ich auf eine matschige, große Rosine, obwohl ich den Kellner sogar zweimal fragte, ob sich in dem Apfelstreuselkuchen auch ganz sicher keine gedemütigten Weintrauben befänden, weil mir sein wackliges Ja beim ersten Mal nicht so geheuer war, fast immer wird man in puncto Rosinen beschissen, vor allem, wenn Apfel mit im Spiel ist, dann wird’s unseriös, und beim Herausfieseln der Rosine aus dem Mund, um sie am Tellerrand abzustreifen, denke ich an den Papa und dass Rosinen zu den Dingen gehören, in denen unsere Vorlieben konträrer nicht sein könnten, und dass es eigentlich eh immer eine Menge solcher Dinge gab und gibt, bei denen wir uns massiv unterscheiden oder uneins waren, es ist gut, dass einem sowas auch mal wieder ein- und auffällt, denn je älter er wird und je gebrechlicher, desto verklärter und friedvoller betrachte ich ihn und uns, erst heute Vormittag wieder eine Aufwallung größter Rührung, als wir zusammen am PC sitzen, weil er einige Fragen hat, er, der früher nie Fragen an die Tochter hatte, außer vielleicht Wann kommst du heim? oder Wie alt ist der Knilch? und plötzlich hagelt es nun Fragen, weil er mit der Technik nicht klarkommt und beispielsweise die Speicherkarte die Fotos nicht rausrückt, ich sehe ihm zu, wie seine zittrige Parkinsonhand die Maus bewegen will, gefühlt dauert es eine Ewigkeit, bis der Zeigefinger endlich den Klick ausführt und noch eine weitere Ewigkeit, bis er mir sein Problem vorgeführt hat, unterm Tisch liegt das Dackelfräulein und leckt ihm den großen Zeh ab, was ihn freut, so wie ihn überhaupt die Gegenwart des kleinen Hundes unglaublich erheitert, dann überlässt er mir Maus und Tastatur, und ich helfe ihm, lege Ordner an, kopiere 352 Russlandfotos an zwei verschiedene Stellen, tippe ihm eine Anleitung für zwei weitere Probleme, und er sitzt da neben mir auf dem Stuhl in seinem Morgenmantel, staunt und guckt, was ich da mache und dass ich Antworten habe, kindlich wirkt er, immer kindlicher, auch morgens kicherte er heute wie ein Kind, als ich das Fräulein zu ihm ins Schlafzimmer ließ, sie mit Anlauf in sein Bett sprang und schwanzwedelnd über ihn herfiel, ihm die Ohren polierte, was ihn so kitzelte, dass er sich zur Seite rollte und kicherte, wie ich ihn lang nicht mehr kichern hörte, sich das Kissen über den Kopf hielt, was natürlich einen waschechten Teckel keinesfalls von seinem Tun abhalten kann und so ging das Gebalge weiter, bis ich den Hund wieder aus seinem Bett klaubte und auf den Boden zurücksetzte und beide noch ein Weilchen erschöpft hechelten, aber ziemlich glücklich wirkten, kostbare Momente, und immer kostbarer wird ja die Zeit, wenn da auf einmal eine Uhr tickt, die vormals vierzig Jahre oder länger eine solch geräuschlose Existenz führte, dass man nie dran erinnert wurde, dass diese Uhr überhaupt Zeiger hat, die sich – tickticktick – bewegen und auf etwas zuschreiten, ja, da naht etwas, das spüre ich deutlich, ein Advent der anderen Art, dieses Nahen, denn wenn es angekommen sein wird, ist keine Geburtstagsfete angesagt, so viel ist klar.

Was man nicht so alles erinnern und denken kann, wenn man mal ein Dreiviertelstündchen dasitzt und den letzten Frühlingstag inhaliert und einen niemand vollquatscht oder anderweitig auf den Wecker geht.

Himmel der Bayern (69): Von Wallfahrten & Wallungen.

Mit dem Waldi nachmittags zweieinhalb Stunden bergauf geschnauft, auf den Wallberg. Zwar wenig winterlich, diese Tour, dafür viel besinnlicher als gedacht.

Herrliche Ruhe auf dem gesamten Weg, mit zwei Almöhis als einzige Gäste im alten Wallberghaus gesessen, in der Stubn läuft Peter Cornelius, exakt die passende Musik für Tage, an denen ich den Papa besuche. Danach anderer Austro-Pop, sogar eine österreichische (!) Coverversion von „Point blank“, die da lautet „Blattschuss“ (jo gibt’s des? vom wem is des? helft’s ma!), jedenfalls klasse – und mal wieder die Feststellung: Er ist überall!

Hinterm Setzberg spitzt die Sonne hervor, links leuchtet das Mangfallgebirge, rechts die Tiroler Berge, die heiße Schokolade schmeckt in dem Ambiente natürlich viel besser als im Tal, obwohl sie vermutlich aus schlechteren Zutaten besteht.

Kurzer Abstecher zum Gipfel, dann der obligatorische Besuch der Bergkapelle (beachten Sie die bayerische Opferkerze!), abschließend noch eine Runde auf dem Panoramaplateau gedreht (dort sogar mal ein paar Menschengrüppchen gesehen: lauter kieksende und in Turnschühchen im Schnee ausrutschende Asiaten), 900m unter uns schlummert der See in zarten Vorabendfarben.

Dann mit der Seilbahn wieder obi (mia san jetz in am Alter, wo ma des ab und zu derf).

Recht geschafft, das gestrige Spätabendschwimmen war vielleicht nicht die ideale Vorbereitung für so eine Tour. Trotzdem sehr zufrieden, aufgeräumte Grundstimmung, innerlich in guter Balance.

Die später auch vonnöten sein und auf die Probe gestellt werden wird, was ich aber in der Gondel sitzend gottseidank noch nicht ahne, womöglich wär ich sonst oben geblieben oder gleich danach heimgefahren.

Eine lange, haarsträubende Diskussion mit der Lebensgefährtin des Papas ergibt sich, über Bio-Lebensmittel, ökologische Landwirtschaft und artgerechte Tierhaltung, und endet beinahe in einem ähnlichen Fiasko wie wir das hier vor acht Jahren mal hatten. Ein so dermaßen dummer und bornierter Satz fiel vorhin, dass mir der Kragen platzte und ich sogar laut wurde.

Dank der heute guten inneren Verfassung hab ich – dem Papa zuliebe! – dann doch nochmal die Kurve gekriegt und dageblieben. Und ich werde sogar über Nacht bleiben.

Das Mondlicht gleitet über den Nordhang des Wallbergs und von dort direkt zu mir ins Bett. Allzu oft wird das nicht mehr so sein. Meine eh schon seltenen Nächte in diesem Haus sind gezählt. Auf dem Nachttisch liegt das Weihnachtsgeschenk des Papas, das unterschwellig dieselbe Botschaft vermittelt: beiß die Zähne zusammen, so lange du noch welche hast, und lass uns die Zeit, die uns noch bleibt, so gut es geht vergolden.

Er hat mir ein Tütchen überreicht mit allem, im Laufe der Jahrzehnte entfernten und gesammelten Altgold aus seinen Zähnen. Inklusive Brücken und anderem Zahnersatz, das hängt da halt noch so dran.

Frohe Weihnachten, sagte er und drückte mir das klackernde Tütchen in die Hand. Morbide Optik irgendwie, das sei ihm schon bewusst, kommentierte er diese Übergabe, aber ich solle mir das ja auch nicht für den Rest meines Lebens auf den Nachttisch legen, sondern zur Degussa tragen. So isser, der Papa.