Die „neue Normalität“ hat auch ein paar Vorteile…

…zum Beispiel können Sie jetzt an einem sonnigen Mittwochnachmittag (sogar mitten in der Ferienzeit) völlig entspannt und ohne den Schweiß oder Atem anderer Gäste auch nur wahrzunehmen, auf der Sonnenterrasse der Neureuth sitzen, wenn Sie erst am späteren Mittag in Gmund losgehen (wochentags leert sich der Wanderparkplatz da bereits wieder).

Bis Sie oben sind, ist der Großteil der Touristen und Tagesausflügler schon wieder auf dem Weg ins Tal und mit all den Abständen zwischen den Biertischen wirkt die Terrasse dann vergleichsweise leer, was man ja von der Neureuth-Hütte schlicht nicht kennt.

Sogar das sonst oft so lästige, weil lange Anstehen fürs Gehopfte entfällt nun, weil die „neue Normalität“ einen Service am Tisch vorsieht, was hier heroben ebenfalls eine immense Verbesserung ist.

Und überhaupt hat man als Einzelperson mit Dackelfräulein an so einem Tisch sitzend nicht mehr das Problem, dass man drauf achten müsste, dass die Tischnachbarn nicht aus Versehen auf den dösenden Hund treten, während man sich das Getränk holt oder zur Toilette geht, weil man ja nur noch mit maximal einem Haushalt bzw. ein paar Kumpels den Tisch teilen muss.

Ebenfalls klasse ist, dass sich der Rekordmeister-Mundschutz spontan umfunktionieren lässt zu einem schicken After-Mountain-Lake-Jump-Suit.

Weil man ja jetzt in jedem Rucksack so ein Fetzchen mitführt, ist der Ad-hoc-Bikini aus zwei Teilen schnell zusammengebastelt, die neidischen Blicke der Uferkiesel sind einem sicher und verfolgen einen, bis man gänzlich ins Wasser eingetaucht ist!

Jetzt noch auf ein Feierabendbier zum Papa in den Garten, dort sitzen, bis die Sonne hinter dem Wallberg versinkt (und der Wetterbericht Recht bekommt) und danach durch die Regennacht zurück nach München.

Hygienekonzepte oder: Vorüberlegungen zur Anschaffung eines Neoprenanzugs.

Zwar steht der große Tag seit einer Woche amtlich fest – am Montag, den 8. Juni, öffnen die ersten Münchner Freibäder wieder, bis dahin werden es 12 lange und zähe Wochen ohne Schwimmen gewesen sein (so sehr ich Sätze mit Futur II-Konstruktionen auch liebe, so ätzend finde ich diesen hier inhaltlich)! -, aber nach und nach werden jetzt die Details zur Ausgestaltung der chlorreichen Zukunft bekanntgegeben, allen voran die sogenannten Hygiene-Konzepte und deren Umsetzung.
Und das trübt die Vorfreude nun doch ein wenig, und stellt die subjektive, bisherige Definition des Begriffs „Hygiene“ gehörig auf den Kopf (fairerweise muss man sagen, dass dieses subjektive Verständnis schon immer an der eigentlichen Bedeutung des Wortes vorbeiging, aber Bill Gates Corona rückt auch das nun gerade: der Hygienebegriff entfernt sich momentan von Woche zu Woche mehr von seiner umgangssprachlichen Interpretation und kehrt allmählich zu seinem Bedeutungsursprung zurück).

Ja, ich habe Verständnis dafür, dass man seine Eintrittskarte künftig online und mit 3-4 Tagen Vorlauf buchen soll, ebenso dafür, dass die Besucherzahl limitiert wird und der Bademeister penibel drauf achtet, dass in den einzelnen Bahnen des Sportbeckens nicht zu viel Andrang herrscht – mir persönlich kommt all das sogar entgegen, denn ich fand es eh oft viel zu voll im Becken und ich habe auch kein Problem damit, meine heiligen Schwimmzeiten vorab zu planen.

Was mich aber beschäftigt, ist der Punkt mit den Umkleiden und den Duschen: beides wird geschlossen bleiben.

Konkret bedeutet das: Ich dusche vorher daheim, ziehe am besten auch gleich meinen Badeanzug an, fahre dann zum Freibad, lege meinen Rucksack irgendwo auf dem Gelände im Gebüsch ab, gehe Schwimmen und anschließend habe ich die Wahl zwischen „ungeduscht und frisch gechlort heimfahren“ (um dann erneut daheim zu duschen) oder „eine der beiden immer schlecht funktionierenden Kaltwasserduschen am Beckenrand nutzen“ (freilich wird man sich dort nicht fröstelnd einshampoonieren oder den ganzen Körper einseifen, sondern nur kurz das Schwimmbadwasser von der Haut spülen).
Ja, spitze, man weiß gar nicht, wofür man sich da lieber entscheiden möchte!
An kalten oder verregneten Tagen dürfte das Vergnügen, sich auf der Wiese umzuziehen und sich nicht kurz warm duschen zu können, ganz besonders groß werden!

Doof, lästig, ungewohnt – natürlich trotzdem irgendwie zu bewerkstelligen, erfordert halt alles eine Umstellung der Gewohnheiten und etwas mehr Zeit und Aufwand, wozu uns die Pandemie und ihre Gefolgschaft, all die neuen Regularien, ja eh längst erzogen haben.

Was mir hingegen erst zeitversetzt (und nachdem ich die zentralen Fragen zum Wiedereinstieg ins Wasser für mich mal halbwegs beantwortet hatte) einfiel und mir einen kleinen Schauer über den Rücken jagte:
Wie groß wird wohl der Anteil derer sein, die vor dem Sprungs ins Wasser nicht daheim duschen werden, so wie bisher ja auch nicht, weil sie direkt von der Arbeit kamen und dann eben die Schwimmbaddusche vor Ort nutzten (so hoffte man es zumindest immer, stichprobenhaft durchgeführte Beobachtungen über einen Zeitraum von zwei Jahrzehnten nährten diese Hoffnung auch überwiegend)?
Werden die Stadtwerke dem Wasser künftig mehr Chlor zusetzen, damit nicht nur den eventuell mitschwimmenden pink-lilafarbenen Sars-CoV-2-Kugelfischen, sondern auch der erhöhten Zahl an Bakterien und Grindgrammeln der Garaus gemacht wird?

Ist das die neue Hygiene-Normalität? Und wenn ja, wie wird’s mir damit gehen?
(In der Hauptstadt hat man sich damit schon leidlich arrangiert, wie im aktuellen Beitrag aus der Serie „Angebadet“ im Magazin der ZEIT zu lesen ist – toller Themenschwerpunkt übrigens!)

Ist es dann nicht unter Umständen doch sinnvoller/preiswerter/hygienischer/angenehmer, über den Erwerb eines Neoprenanzugs nachzudenken und sich in Freigewässer zu begeben, selbstverständlich auch das möglichst an Tagen ohne zu viel Sonne/Menschen am Seeufer, damit man sich die Sonnencremeschlieren und das Kleinkindgewusel (und -gepiesel) in der Uferzone erspart und die Algen und Entenhäuflein vom prasselnden Regen schon ein wenig verwirbelt und verteilt wurden? Oder gleich umsteigen auf Bergseeschwimmerei, mit sauberem Wasser und sauberem Aufstieg vorweg, so dass das Schwimmen gar nicht mehr der körperlichen Ertüchtigung, dem in Stille gebetteten Abschalten von allen Unbilden des Alltags sowie der Seelenmüllkompostierung dienen braucht, sondern nur noch der Reinigung vom erwanderten Schweiße? Was kostet eigentlich so ein Neoprenanzug und worauf muss man beim Kauf achten? Kommt man überhaupt allein in so eine Wurstpelle rein und auch wieder raus? Wie schwimmt es sich damit und ist das noch dasselbe freie, leichte, selige Gefühl im Wasser?

Fragen über Fragen.
Und nur noch bis 8. Juni Zeit, Antworten zu finden und eine Entscheidung zu treffen, wie die eh schon verpatzte Schwimmsaison 2020 weitergehen wird.

Aber sie muss weitergehen und sie wird es auch, denn nach bald 30 Joggingrunden, von denen locker die Hälfte ausschließlich zur Kompensation des Schwimmmangels herhalten musste, ist eines klar: eine wirklich passionierte Läuferin wird aus mir nicht, ich bin eine Bewegungsdrang- und Vernunft-Läuferin und ohne Walkman ginge es schon gleich gar nicht und selbst mit Walkman ging es oft genug nur schleppend.

Laufen, das hat für mich meist nichts Leichtes, vom Runner’s High bin ich Lichtjahre entfernt, das Beste, was für mich beim Laufen herausspringen kann, ist eine danach als erfreulich empfundene Ganzkörperbeanspruchung, aber währenddessen…? Manchmal für Minuten ein freies Gefühl im Kopf oder ein Mini-Flow, wenn Musik und Muskeln momenthaft im selben Takt schwingen, aber im Wesentlichen besteht so eine Laufrunde für mich aus tapp-tapp-tapp, keuch-keuch-keuch, juck-juck-juck, stampf-stampf-stampf, hechel-hechel-hechel, pieks-pieks-pieks usw. usf. – Erlebnisse und Zustände, die ich in über 40 Wasserjahren niemals hatte.

Und außerdem mochte ich neben dem Schwimmgefühl auch meine Schwimmfigur viel lieber als meinen Laufkörper.
Als reine Empfindung skizziert ist der gefühlte Unterschied in etwa so groß wie der zwischen der Fortbewegungseleganz eines Delfins und der eines Kiwis (oder eines Albtros‘ beim Start), rein physiognomisch betrachtet ist’s wie Whippet versus Wombat.

Himmel der Bayern (75): Über den Berg.

Alle Sommerkonzerte abgesagt, das Tollwood abgesagt, die Wiesn abgesagt – und obwohl mir von den drei genannten Absagen zwei ziemlich wurscht sind, war diese Stornoserie für mich der Anlass, endgültig umzudenken und umzuplanen, was die nächsten Monate angeht. Merkel, Söder, Reiter – alle sagen’s, mia san no lang ned überm Berg.

Dann ist das wohl jetzt so.

Bis man also wieder Schwimmen gehen auf Almen oder Hütten ein frisch gezapftes Weißbier wird konsumieren können, kann es noch dauern. So muss eben künftig das Weißbier mit auf den Berg kommen. Da hat es der Fan vom Hellen, vom Pils oder vom Kölsch eindeutig leichter, weil diese Biersorten auch problemlos aus der Flasche getrunken werden können. Nicht so das Weißbier. Allein schon wegen des Schaums haut das nicht hin und auch sonst wär’s ein Sakrileg.

Flasche und Glas mit in die Höhe zu schleppen behagt mir aber gar nicht und würde auch allmählich zum Platz- und Gewichtsproblem ausarten (nein, nein, nicht das Biertrinken, sondern Stauraum und Schwere des Rucksacks!). Mit Proviant für Mensch und Hund, Wechselwäsche, Verbandskasten, Hundetrage und -decke schlepp ich ja schon genug Krempel durch die Gegend.

Deshalb mal ganz zaghaft nach „Weißbierglas Plastik“ und – noch kühner! – nach „Weißbierglas faltbar“ gegoogelt, und siehe da: das gibt’s alles!
Das faltbare Modell nehm ich dann doch nicht, es ist potthässlich, wirkt arg instabil und erinnert mich zu sehr an den faltbaren Trinknapf des Dackelfräuleins. Man wird einander im Laufe der gemeinsamen Jahre ohnehin immer ähnlicher (optisch, mental, emotional und habituell), diese Entwicklung muss jetzt nicht noch durch die Anschaffung fast identischer Schlürfschüsseln forciert werden.

Trotz der COVID-19-bedingt deutlich längeren Lieferzeit, auf die Amazon auf jeder Seite fettgedruckt hinweist, rechne ich noch vor Pfingsten mit einem ersten glücksüberschäumenden Gipfelschluck aus meiner geschätzten Schneider Weissen TAP7. Gute Aussichten (und bis dahin behelf ich mir halt irgendwie).

Nach einem Arbeitsvormittag dann mittags rausgefahren, zur Vor-Ort-Recherche. Sie wissen schon: Strecken erkunden für das Büchlein „Panoramaschleichwege durch die Pandemie“.

Heute: der Rechelkopf.

Wir grasen jetzt einfach nacheinander alle Touren ab, die wir in den letzten 30 Jahren ebenso arrogant („Ein Berg unter 1.565m Höhe ist kein richtiger Berg!„) wie ignorant („Zwiesel, Rechelkopf, Sonntratn – nie gehört! Wo soll das denn sein?“) links liegen ließen.

Bis wir damit durch sind, ist das Coronavirus längst über alle Berge. Und wir auch.

Dem Dackelfräulein gefällt das neu organisierte Programm ganz ausgezeichnet, bietet es doch ein ideales Ventil, den urbanen Überdruss abzubauen und sich fern aller kritischen Blicke und Streifenwagen mal so richtig auszutoben.

Zwar hadere ich etwas mit dem Hellen, aber übergangsweise geht’s schon mal.

Ein Prosit der Gemütlichkeit aus der Abendsonne in der vollkommenen Stille auf der Schwaigeralm!

Auf dem Abstieg entdeckt: die Schwaigeralm.

Windgeschützt kann das Fräulein sein Abendmahl einnehmen…

…leider ist die Portion wie immer lächerlich klein…

…weshalb direkt danach gebettelt wird…

…aber nix da, mein Brot gehört mir!

Song des Tages (51).

Gesehen: Beim Laufen treffe ich schon wieder J., den ich diesmal nur noch an seiner Stimme und der John-Lennon-Brille erkenne. Er läuft nun völlig vermummt, damit ihn die Polizei beim Herumkurven durch den Park nicht mehr als „alt“ identifiziert und womöglich heimschickt. Langärmeliges Laufshirt von seinem Sohn (mit aufgedruckter Marathon-Werbung), dazu lange Hose und Sturmhaube, bei 20 Grad kein Vergnügen, aber J. ist ja hart im Nehmen.

Gestaunt: In meiner Armbeuge erstmals kein Bluterguss nach der Blutabnahme, das grenzt an ein Wunder. Auch, dass es direkt beim ersten Einstich ein „Ozapft is“ wurde – Reschpekt!
Dafür hat die Delegation vom Tropenmedizinischen Institut der LMU uns mit ihrem Desinfektionsmittel (mit dem sie herumpritschen als würden sie mit einem Gartenschlauch riesige Beete wässern) den Esstisch versaut, trotz Auffangwanne, die sie dabeihatten, damit nichts danebengeht. Kein Thema, ich bin ja beschwerde-erprobt (mit hoher Erfolgsquote) und aktuell gut in Übung (grad erst vom Hersteller der Duschtrennwand eine Entschädigung für all den Ärger ermailt), geht auch von Mal zu Mal schneller. Ein neuer Esstisch wäre eigentlich eh mal nett, diesmal dann aber einen aus Wenge (ich bedauere es bis heute, vor elf Jahren ein anderes Holz gewählt zu haben, nur weil Wenge so teuer war). Wird man ja wohl erwarten können, für unseren tapferen und blutigen Beitrag zur Forschung, jedenfalls ist es mit einem Werbe-Foto für „KoCo19“ in der heutigen FAZ als Wiedergutmachung für den verfleckten Tisch noch nicht getan. Der Zeitungsbeitrag wird uns nämlich nicht berühmt machen, da auf dem Foto leider das Dackelfräulein fehlt (vom Knie des Gatten verdeckt), dafür aber meine Sorge vor dem Anzapfen der Vene umso besser eingefangen wurde (so verspannt hocke ich sonst NIE am Tisch).

Geplant: 1. Impftermin fürs Dackelfräulein inkl. Zahnkontrolle und Haut-Check. Vermutlich sind es zwar altersbedingte Pigmentierungen, aber anschauen sollen sie sich’s lieber. 2. Inspektion und TÜV für den Kombi (inkl. Winterdreckbeseitigung und Reifenwechsel). 3. Loleks nächsten Besuch (ich vermeide den Plural bewusst, obwohl ich fürchte, dass das Aufstemmen der Wand, die Lecksuche, die Behebung der Misere sowie das Verputzen und Streichen der Wand länger dauern könnten als nur einen Tag).
Ansonsten plane ich nichts. Keine Urlaube, keine Besuche, keine Unternehmungen in einer Zukunft >2 Tage.

Gelesen: „Die kleinsten, stillsten Dinge“ von Sara Baume und „Walden“ von Henry David Thoreau. Ersteres ist an manchen Tagen kaum zu ertragen (irgendwo in Irland finden ein einäugiger Hund und ein einsamer Mann zueinander und brennen dann gemeinsam durch), der Thoreau hingegen erscheint mir hingegen wie die perfekte Prosa für Coronazeiten („Finde heraus, wo deine stärksten Wurzeln liegen, und verlange nicht nach anderen Welten.“ / „Hüte dich vor allen Unternehmen, die neue Kleidung erfordern.„).

Gegessen/getrunken: Spargel. Gugelhupf. Haferdrink. Schneider Weisse.
Von Spargel, vor allem dem grünen, krieg ich den Hals nicht voll. Habe mich sogar vor zwei Wochen als Erntehelfer registrieren lassen, sicherheitshalber, damit an der Front nichts schiefgeht, aber bislang verlangt niemand nach meiner Hilfe.
Zu dem Gugelhupf verleitete ein Zufallsreingucken in eine Gugelhupfreportage im Bayrischen Fernsehen. Ungeachtet all der Fett- und Zuckermassen musste ich sofort am Tag drauf einen backen und das hat trotz unpassender Backform hervorragend geklappt.
Haferdrink, weil: wir wollen schon länger weg von der Kuhmilch (bzw. von dem, was mit ihr verbunden ist), wo immer das halt möglich bzw. ersetzbar und geschmacklich vertretbar ist. Reismilch ist eine Zumutung für den Gaumen, auf Sojamilch bin ich allergisch, Mandelmilch hab ich noch nicht probiert. Hafermilch (besser: -drink) ist ideal fürs Müsli, im Morgenkaffee aber gar nicht. Also dranbleiben, weitersuchen und -probieren. Und an dieser Stelle ein Dankeschön an B. für den hilfreichen Input zur Thematik!
Zur Schneider Weissen dürfte in diesem Blog schon alles gesagt sein, vermutlich sogar schon mehrfach. Neu ist nur: der Gatte kauft mir seit Beginn der Pandemie komplette Kisten von dem köstlichen, bernsteinfarbenen Gesöff. Diese Bevorratung ist ebenso ungewollt wie ungewohnt, aber momentan wirklich praktisch und sinnvoll. Und da er derzeit nicht nach Frankfurt pendeln muss, hat er neben seinem Uni-Job und seinen zwei Nebentätigkeiten als Serien- und Pressespiegel-Beauftragter natürlich endlich auch mal Zeit für regelmäßige Fahrten zum Getränkemarkt.

Gefreut: Freundin A. schickt uns Mundschutzmasken. Zwei für jeden, blaue für den Gatten, rote für mich, wie sich das eben gehört. Sie und ihr Gatte tragen die gleichen Modelle. Alle vier sind wir der Ansicht, dass das Dekor des Stoffes perfekt zu uns passt, Uneinigkeit herrscht lediglich darüber, ob das Motiv einen Labradoodle oder einen Rauhaardackel darstellt. Im Juli, wenn wir uns wiedersehen, inklusive beider Hunde, tragen wir die Dinger hoffentlich längst als Sonnenhütchen und können das mit dem Motiv im Biergarten ausdiskutieren.
Der Papa legt ein ordentliches Osterei in mein Konto und ich gönne mir sofort ein neues T-Shirt, für dann, wenn mal Sommer ist und man wieder so richtig rausdarf und es sich lohnen wird, schöne Kleidungsstücke auszuführen. Die Ausgangsbeschränkungen ziehen ja eine gewisse Verlotterung nach sich, außer der Gatte hat berufliche Skype-Sitzungen oder es steht ein Treffen mit dem gepflegten Männerpaar aus unserem Hause zum Osterspaziergang an.

Gehört:
Neben dem Ostbahn Kurti grad vor allem Lou Reed und die neue Frauenpower-CD. Sonst den üblichen Mix, ich werd mich da nicht mehr groß weiterentwickeln, fürchte ich.
Gestern hat der Shuffle-Modus des Walkman mal wieder einen Corona-Song parat. Lang nicht mehr gehört, nie einer meiner Favoriten gewesen, weil ein bisserl seicht, zu poppig und arg wenig e-streetig, aber gestern fand ich den Text und vor allem den Takt zum Auslaufen nach der Joggingrunde richtig gut.

You might need somethin‘ to hold on to
When all the answers they don’t amount to much
Somebody that you can just talk to
And a little of that human touch

Kommen Sie gut durch die Woche und genießen Sie zumindest die Sonne!

Die Wandlung oder: Da bin i dahoam.

Als die Kraulquappe eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand sie sich in ihrem Bett zu einem ungeheueren Ungustl verwandelt. Sie lag auf ihrem von zweimonatigem Baustellengenerve verspannten Rücken und sah, wenn sie den Kopf ein wenig hob, ihre winterbleichen Beine, zwei bogenförmigen Gebilde, zwischen denen die Bettdecke, zum gänzlichen Niedergleiten bereit, mit den letzten Traumresten zu einem klebrigen Etwas verschmolz. Ihre vielen, im Vergleich zu ihrem sonstigen Umfang kläglich dürren Morgengedanken flimmerten ihr hilflos vor den Augen.

Sie stand auf, gähnte heftig, rieb sich die Augen, streckte sich, blickte aus dem Fenster und sah wie eine Taube ungeschickt auf einem der Garagendächer des Hinterhofes landete und dabei ins Straucheln geriet.

Ihr Kopf hämmerte heftig, eine düstere Schwere lastete auf ihrer Brust, überhaupt fühlte sich ihr Körper so an, als sei ihm eine Art Leblosigkeit in die Knochen gekrochen und hätte sich dort eingenistet. In die dunkelgrüne Morgenjacke schlüpfend dachte sie: „So ein Schlafmittel, das ist keine Lösung für mich.“ Geschlafen hatte sie nämlich dennoch nur dürftig, stattdessen war ihr übel.

Und kaum hatte sie das vor ihrem sich noch im Prozesse des Erwachens befindlichen Inneren ausgesprochen, wusste sie, was sie tun musste, aller Müdigkeit und aller auf sie wartenden Pflichten zum Trotze.

Sie teilte sich, auf Verständnis hoffend, den ihren mit, packte alsbald ihre Sachen, schnürte ihr Ränzlein – und empfahl sich. Stieg ins Auto, legte den Forenbacher ein und fuhr los. Unterwegs wurde ihr klar, dass nun eine – man will es hoffen: überschaubar kurze! – Zeit des Unsagbaren beginnen würde. Denn es würde ab nun Ereignisse und Situationen geben, die besser ungesagt blieben, und das umso mehr, je schöner und je unsagbarer sie wären.

Denn über die Triftigkeit von Gründen wollte sie weder debattieren noch streiten, schon gar nicht mit Uniformierten, die je nach Landkreis die Dinge mal so und mal ganz anders sahen. Erstmals zog sie in Erwägung, die ihr sonst so verhasste, weil so dämlich und wichtigtuerisch daherkommende Formulierung „aus Gründen“ zu verwenden. Wenn es sogar namhafte und mit Preisen dekorierte Journalisten wagen durften, diese Hohlphrase niederzuschreiben, ja gar eine Überschrift damit zu verhunzen, dann würde sie, sofern man sie an- oder aufhielte, um sie mit einem gestrengen „Quo vadis?“ zu behelligen und im nächsten Schritt sogleich dessen Notwendigkeit zu hinterfragen, einfach keck und hinter ihrer Sonnenbrille verschanzt, zurückflöten: „Aus Gründen!“.

Es hielt sie aber niemand an oder auf, denn sie kannte ja die diversen Schleichwege noch aus den Sommern ihrer Jugend, parkte das Auto an einem einsamen Fleckchen, an das sich nur Einheimische verirren würden und schlich sich durch ein Buchenwäldchen zum Bächlein und an diesem entlang, in stillen Serpentinen immer weiter, der Leere und der Einsamkeit entgegen, die ihr zugleich Fülle und Gesellschaft war, bis sie dort war, wo sie sein wollte, und wo sie sein würde, solange ihre Füße sie trugen und die Lunge ihr Herz mit Sauerstoff füllte und ihre Augen tief hineinblicken konnten in diese Weite, die ihre Heimat war.

Und so war sie ja auf eine gewisse Weise daheimgeblieben und es verging endlich mal wieder ein ganzer Tag voll des Glückes und der Freiheit und der guten Aussichten, in aller Heimlichkeit und in aller Achtsamkeit fern der Horden, die sich täglich durch die städtischen Parks schoben. Schon morgen wird sie dem Staate wieder als brave Bürgerin zur Verfügung stehen, wenn um 10 Uhr der KoCo19-Forschertrupp klingeln und ihre Venen anzapfen wird, wovor es ihr graut, aber sie hat sich ja gottseidank ein Beruhigungsfilmchen mitgebracht.

Song des Tages (50).

Gestern. Sonntagabend, nach 22 Uhr.
Wir liegen nicht nur erschlagen auf der Couch, sondern auch in den letzten Zügen der ersten Staffel einer neuen Serie.
Das Festnetztelefon klingelt. Wir schrecken sofort hoch, denn a) klingelt das abends üblicherweise sehr selten und b) schon gar nicht sonntags und nach 22 Uhr. Der Gatte springt vom Sofa hoch und rennt ins Nebenzimmer. Zu spät, das Klingeln verstummt in dem Moment, als er das Telefon aus der Basisstation reißt. Gerade noch rechtzeitig konnte er aber auf dem Display die zwei Worte „Papi zuhause“ erkennen. „Das war dein Papa!“, ruft er mir zu, und ich bekomme sofort Herzrasen, denn der Papa ruft nie zu so einer Uhrzeit an. Nie! Außer im Notfall.

Ja um Himmels Willen! Das Herz pocht mir sofort bis in die Schläfen, in mir denkt es in Sekundenschnelle: Ist er selbst der Anrufer gewesen, dann liegt die Lebensgefährtin im Krankenhaus, und wenn es aber nicht er war, der den Hörer dort am fernen Tegernsee in der Hand hält, sondern die G., dann ist der Papa im Krankenhaus. Den Drittgedanken behalte ich lieber für mich, der hat hier nichts verloren.
Panik steigt in mir hoch. Hektisch wühle ich zwischen den Sofakissen nach meinem Smartphone (der Papa wählt beim Zweitversuch immer die Mobilnummer), finde es, klappe die Schutzhülle auf und sehe justament den eingehenden Anruf (ich höre Anrufe in den seltensten Fällen, weil ich das Handy zu 98% seiner eingeschalteten Zeit pro Tag auf lautlos geschaltet habe).
„Papi zuhause“, lautet die Botschaft auch in diesem Display. Eilig wische ich das winzige Telefonhörer-Symbol zur Seite, das der Anrufannahme dient, und keuche fast in den Hörer: „Hallo Papi, was ist los?“

Am anderen Ende ertönt die krächzige, aber alles in allem muntere Sonntagabendstimme meines Herrn Vaters, ein verlegenes Lächeln schwingt in ihr mit, als er sagt: „Mir fiel grad siedend heiß ein, dass ja vorgestern der Geburtstag meines Schwiegersohnes war – vor lauter Coronadegöns hab ich das doch tatsächlich verschwitzt.“
Ich kreische ein „Na gottseidank!!!“ in den Hörer und füge an, wie froh ich sei, dass es „nur das“ sei und reiche den Hörer mit immer noch bebendem Arm und klopfendem Herzen an den bereits in ein erleichtertes Glucksen ausbrechenden Gatten neben mir weiter.

Mannomann. O tempora, o menses!

*****

Nachts geträumt, dass ich ein Tablett mit Frühstücksutensilien von der Küche durch den langen Flur ins Wohnzimmer trage und mir beim Gehen so denke: „Huch, der Boden hat ja eine Neigung, ist irgendwie leicht abschüssig, das ist ja seltsam!“.
Kurz vor dem Wohnzimmer entdecke ich dann einen Riss, etwa einen Meter breit, der quer durchs Parkett geht und den südlichen Teil der Wohnung vom nördlichen trennt (was jetzt nach nobler Villa oder Mega-Altbauwohnung klingt, es aber nicht im Geringsten ist) und eine Schlucht freigibt.
Der Graben durchteilt also die Wohnung, ein Blick in den Abgrund offenbart morsches Gebälk, das modrig riecht (vielleicht schon wieder ein Wasserschaden, irgendwo?) und alles sieht entsetzlich marode aus (ich kneife die Augen zusammen und meine, weit unten sogar ein Loch zu erkennen, durch das ich in den Flur der Nachbarsfamilie unter uns spähen kann).

Immerhin erklärt sich nun schlagartig die zuvor empfundene Neigung beim Gehen durch den langen Flur, und weiterträumend ist mir völlig klar, dass es nur noch eine Frage der Zeit sein wird, bis auch der Flurboden Risse bekommt und einbricht.
Es folgt die glasklare Gewissheit, dass nun alles im Eimer ist. Danach die Überlegung, wie wir vielleicht ein paar Möbelstücke retten könnten, abrupt unterbrochen von dem Gedanken, dass wenigstens die Frage nach der Mietminderung diesmal eine eindeutige Antwort erfahren wird und ja eigentlich auch die Hausratsversicherung einspringen müsste.
Als nächstes schreie ich nach dem Gatten, schreie laut und fast hysterisch seinen Namen und dass er bitte schnell herkommen soll und dass etwas Furchtbares passiert und unser Zuhause für immer ruiniert sei. Bevor er an dem Abgrund, vor dem ich stehe, eintrifft, wache ich auf.

Schöne Nächte sind das zur Zeit. Kaum Schlaf. Daher auch kaum Ausflüge in irgendwelche Traumwelten, aber wenn, dann gleich richtig dolle Abenteuertrips, so wie der von heute Nacht: Grand Canyon in der eigenen Bude. Wow! Das war noch nicht alles, da geht noch mehr, das spüre ich.

Beim Aufwachen und dem bald folgenden Griff zum Handy (kurzer Check, ob die Welt noch steht bzw. die Tageszeitung imstande war, das noch zu vermelden) dann die Erleichterung, dass der Arzt des Vertrauens auf meine Mail geantwortet hat und mir ein Rezept ausstellt, das künftig beim abendlichen Steckerziehen helfen wird. Hab sowas noch nie genommen, möchte aber das leidige Experiment „Leben mit Schlafmangel in Wasserschaden- und Coronazeiten“ nach nunmehr 7 Wochen (und seiner Intensivierungsphase in den letzten drei Wochen) jetzt gern mal unterbrechen oder am liebsten komplett beenden, selbst wenn man derzeit niemanden mehr trifft, der einen auf die Augenringe ansprechen könnte. Die zwanzig Kilometer, die ich nun jogge, um das Wasservermissen und den Schwimmentzug aus dem Körpergedächtnis zu vertreiben, sind sonst bald auch keine sinnvolle Ertüchtigung mehr, in dem müden Zustand droht vieles eine bleierne Schwere zu bekommen, was dann ja kontraproduktiv wäre, weil es ja der Rekreation und Kräftigung dienen soll.

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Aufgestanden, die Jalousien hochgezogen und gestutzt: schon wieder alles weiß. Aha. Naja, auch schon egal. Wieder hingelegt und mit dem Fräulein gekuschelt, das ist immer wie Frühling und Sommer und alles Glück der Welt konzentriert auf einem dackeldonutgroßen Stück der Matratze.

Der Gatte macht Frühstück und trägt das Tablett ins Wohnzimmer und kommt auch unbeschadet dort an, weil vor dem Wohnzimmer nur der übliche verschrammelte Parkettboden liegt, sich aber kein meterbreiter und -tiefer Graben auftut. Beruhigend. Ist also doch noch nicht alles im Eimer. Ich stehe auf.

Routinen tragen einen sanft in einen neuen Tag hinein, manche formieren sich derzeit auch neu, aber wie immer ist es wichtig, dass man sie überhaupt hat, diese Routinen, sie sind stützend und sie erinnern einen daran, dass es trotz allem ja immer noch sehr verlässlich sowas wie einen Alltag gibt und man sich nicht täglich alles neu zusammenklauben muss, damit man durch den Tag kommt.

Kleine Konstanten wie das dampfende Kaffeehaferl auf dem Frühstückstisch, daneben die Ausbeute des Pressespiegels vom Wochenende, vom Gatten mit den vertrauten Textmarker-Kreuzchen versehen, damit ich auf jeder der sorgsam herausgetrennten und zusammengefalteten Seiten gleich erkenne, welcher Artikel der zu lesende ist.
Der kleine Hund, der sich nochmal mit dem üblichen wohligen Grunzer ins Körbchen neben dem Esstisch plumpsen lässt, sich dort einkringelt und geduldig ausharrt, bis die Zeit fürs Morgengassi gekommen ist.

*****

Morgengassi dann bei klirrend kalten minus 1 Grad durch die weiß bepuderte Allee.
Der Gabenzaun hat sich über Nacht exakt gemäß meiner Befürchtung entwickelt. Wenn ich ehrlich bin, sogar noch etwas krasser.
Nasse Klamotten, heruntergefallene Klamotten, eingeschneite Klamotten, aufgerissene Tüten, verteilter Tüteninhalt, hier ein paar Milchpackungen, dort ein paar Damenbinden, extra-saugfähig, daher dekorativ aufgequollen.
Irgendeine besonders helle Leuchte hat am Fuße des Zaunes einen Karton mit Semmeln abgestellt. Ohne Abdeckung. Sehr clever. Sogar die Krähen gucken irritiert und fragen sich, was sie mit einer vereisten Semmel vom Vortag anfangen sollen, versuchen dann aber ihr Glück und zerhacken in trautem Teamwork einen der Tiefkühlwecken.

Woran ich noch gar nicht gedacht hatte, ist, dass diese Müllmeile ja neben all den Klamotten auch bergeweise „Biomüll“ enthalten würde, und dass ich ja mit einem Interessenten für Biomüll jeder möglichen und unmöglichen Herkunft und Beschaffenheit dort entlangspazieren müsste.

Das Dackelfräulein ist nämlich ein sogenannter „Staubsaugerhund“, was, selbst wenn man, so wie ich, ein passionierter Zusammenleber mit diesem sauberkeitsherstellenden Hausgenossen ist, ein ziemlicher Graus ist.
Hundebesitzer, die ebenfalls einen Staubsaugerhund haben, wissen, was ich meine. Darum geht unsereins auch lieber außerhalb der vielbegangenen Routen spazieren, weil sich dann die Objekte der kaniden Begierde wenigstens auf Hasenköttel, Pferdeäpfel, Marderkot, Fischgräten, Jauche, Kadaver und Gebeine reduzieren.

Es bleibt zu hoffen, dass die städtische Müllentsorgung bald zur Tat schreitet, damit das Morgengassi jetzt nicht täglich ein zehnminütiger Spießrutenlauf wird, wonach es aber nicht aussieht, wenn ich mir die Mülleimer und Wertstoffcontainer so ansehe.

Wieder zuhause angekommen warten gottseidank noch eine zweite Tasse Kaffee und ein Toast mit Quittengelee auf mich.
Immer her mit den Routinen (und an dieser Stelle nochmal ein großes Dankeschön an die liebe B. aus O., die dafür sorgte, dass es keine Geleeengpässe gibt, speziell jetzt wäre das wirklich nur schwer verkraftbar gewesen)!

*****

Die derzeitige „Lage der Nation“ verdichtet, wie ich hier eh schon mehrfach sagte (oder dachte?), gerade nahezu alles, was schon vor der Verbreitung dieses Virus‘ zu dicht, zu brisant, zu fragil oder sonstwie zu schwer zu ertragen war.
Auf all das kommt jetzt unter Umständen nochmal eine Schippe obendrauf, wenn es dumm läuft. Und teilweise treten diese Umstände nun auch ein und es läuft dann auch dumm, so wie vorgestern.

Da beschließe ich am späten Nachmittag, nochmal kurz mein Hirn durchzulüften, schnappe mir mein Feierabendbierfläschchen, gieße 0,25 l davon in mein Störtebeker-Säbelglas und begebe mich nach draußen.
Möchte mich einfach mal für 15 Minuten auf die vertraute Parkbank am Rande des Coronatest-Drive-In-Geländes (formerly known as „Wiesn“) setzen und der Bavaria gegenüber zuprosten und ein paar Surfern zusehen, wie sie ihre Runden auf der großen Freifläche vor den Testzelten drehen und sich vom Wind mal hierhin, mal dorthin treiben lassen.
Auch so ein Ritual, so eine kleine Konstante und Angewohnheit, die Struktur gibt und einfach wohltut, selbst wenn die Szenerie vor meiner Nase nicht mehr so ganz dieselbe ist.

Auf dem Bürgersteig angekommen, der sehr breit ist und eher einer gediegenen Allee gleicht als einem normalen Trottoir, will ich zur Überquerung ansetzen, sehe dann aber von rechts jemanden im Stechschritt heranmarschieren, ein komplettvermummter, vermutlich eher junger Mann (wegen Atemmaske und zusätzlicher Gesichtsverhüllung ist das schwer zu erkennen), in kurzer Hose (eigentlich zu kühl für den Tag) und ansonsten mit Turnschuhen, Kapuzenshirt und Baseballmütze bekleidet.
Ich bleibe mit meinem Weißbierglaserl in der Hand am Rand des breiten Weges stehen, um abzuwarten, bis er vorbeigegangen ist und dadurch sogar einen Abstand von mehr als zwei Metern wahren zu können.
Anstatt einfach weiter seines Weges zu gehen, macht der Kerl aber, auf meiner Höhe angelangt, auf einmal einen großen Sprung in meine Richtung, fuchtelt mit den Armen in der Luft herum, stampft mit dem Fuß auf und brüllt mir ein „Huh!“ entgegen. Und dann nochmal: „Huh!“

Ich bezweifle, dass er Isländer oder ein engagierter Botschafter für Fußballgesänge ist, vielmehr lag in diesem „Huh!“ eine Aggression, die mich recht unangenehm anwehte und mir den kurzen Aufenthalt auf meiner Parkbank schon eintrübte, bevor ich diese überhaupt erreicht hatte.

Im Treppenhaus höre ich eine Viertelstunde später dann zufällig mit, wie ein Nachbar einen anderen mit seinen kruden Verschwörungstheorien bequatscht: „Alles Fake, alles inszeniert.“ und „Mir macht das Virus keine Angst, nur unsere Regierung.“
Momente, in denen ich fast geneigt bin, zu verstehen, warum manch einer sich gern in Sphären der Transzendenz flüchtet oder Trost in der Religion sucht (oder sogar findet).
Momente aber auch, in denen ich sehr froh darüber bin, gleich die Tür hinter mir zuzumachen und in der Wohnung bleiben zu dürfen.

*****

Eigentlich hatte ich als Song des Tages für heute den freitags so überraschend veröffentlichten Song des Großmeisters aus Duluth, MN, vorgesehen, diesen apokalyptisch anmutenden Abgesang auf die USA – God’s own country, über das nun der Zorn des Herrn gekommen ist (wie irgendein Amerikaner aus dem dortigen Politbetrieb kürzlich mutmaßte) -, der einen, nur dreimal in Folge und mit Bedacht angehört (das Stück ist 17 Minuten lang!), mal für ein ganzes Stündchen total wegbeamt von all den viralen Plagen, mit denen wir uns arrangieren müssen und auch die soziologischen Feldstudien, deren Teilnehmer wir so unfreiwillig geworden sind, mal für ein Weilchen vergessen lässt.
Und die restlichen Minütchen, um diese Stunde vollzumachen, sollte man unbedingt der Lektüre der Willi-Winkler-Rezension zu diesem Requiem widmen. Vielleicht noch die andere Hälfte des Weißbierflascherls dazu, so zur Abrundung des Genusses auf allen Ebenen.
Gut verbrachte Zeit, das versichere ich Ihnen (natürlich nur, sofern Sie irgendwas mit Dylan am Hut haben, klar).

Spontan erschien mir nun, beim Niederschreiben dieser Zeilen und meinem dabei immer wieder aus dem Fenster und auf die Allee hinuntergleitenden Blick, aber ein anderer Song die passendere musikalische Allegorie meiner Verfassung an diesem Montagnachmittag zu sein:

Well, everyone has said that I might go
‚Cause my red suitcase and my Ray Bans weren’t quite so
I’d bear the heavy wind and rain that falls
I’ll never come back again
‚Cause you know how I laugh when winter shows her hand

With that picture framed, there is a saddest thing you’ll see
But it bought me time and a place that love could be
And since I’m goin‘ now, please rearrange
‚Cause I’d like to think that things have changed
I don’t believe you’ll be open anymore

So tell me if you want to see
A world outside your window
A world outside your window isn’t free
Oh and tell me if you want to catch that feelin‘ of redemption
That feelin‘ of redemption don’t do much for me

Well, everyone was hopin‘ you would stay awhile
Tell us ‚bout that great land in the South
Then you’ll see that man
Now ain’t he under offer?
Well, I tell you child, you go wash out your mouth

So tell me if you want to see
A world outside your window
A world outside your window isn’t free
Oh and tell me if you want to catch that feelin‘ of redemption
That feelin‘ of redemption don’t do much for me

Now what can you say?
I’m hidin‘ in the belfry
How can you say I want to catch time?
How can you say you know anythin‘ about me?
Because I knew about you but I won’t care about you

Now, everyone has come to see
But some things have to die
Flowers out for this graphic haunt
But they all pass me by

But the age is not
A funny game
It don’t give such a buzz
And when I winced with ignorance
I had to kiss this dust

So tell me if you want to see
A world outside your window
A world outside your window isn’t free
Oh, and tell me if you want to catch that feelin‘ of redemption
That feelin‘ of redemption don’t do much for me

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Grau ist es heute da draußen. Bleigrau. Und kalt. Eiskalt.
Aber es kommen auch wieder hellere und wärmere Tage.
Tage, an denen man wieder ein feelin‘ of redemption wird spüren können.

spooky & retro.

Binnen fünf Tagen haben die vier Supermärkte im näheren Umfeld sukzessive neue Einkaufsregeln eingeführt.

In zwei Geschäften gibt es jetzt „Türsteher“, deren Job es ist, grimmig zu gucken, wenn im Eingangsbereich zu viel Gedrängel entsteht. In einem anderen Laden laufen „Kontrolleure“ durch die Regalreihen und sprechen die eventuell zu distanzlose Kundschaft direkt an. Der vierte Supermarkt hat die Türen nun vorsorglich geschlossen und ein Security-Mensch lässt die Kunden nur portionsweise hinein, nie mehr als 20 auf einmal. Zusätzlich haben sie seit heute noch einen neuen Mitarbeiter, der einem nach Betreten des Geschäfts den Einkaufswagen „vorbereitet“: aus den ineinandergeschobenen Wägen zieht er einen raus, sprüht den Griff mit Desinfektionsspray ein, wischt gründlich nach und übergibt einem das Gefährt. Und zwar zwingend, d.h. jeder muss einen Wagen nehmen, selbst wenn er nur ein paar Dinge besorgen möchte oder einen eigenen Korb dabeihat. Hintergrund: so lässt sich das mit den 20 Besuchern noch einfacher kontrollieren (alle Wägen weg = 20 Leute drin) und zudem fungieren die Einkaufswägen als „Abstandhalter“, wie mir der nette, für die Griffreinigung und Wagenausgabe zuständige Mitarbeiter erklärt.

Neben dem Obst- und Gemüsebereich steht ein weiterer „Aufpasser“, der den Kunden Sätze wie „Bitte warten Sie, bis die Dame vor Ihnen fertig ist“ oder „Bitte fassen Sie nur die Karotte an, die Sie dann auch kaufen oder benutzen Sie die Zangen“ zuruft.
Als ich das Fach mit dem Trevisano inspiziere, steht fünf Fächer neben mir ein braungebrannter, sportlicher Mann, Typ Surfer oder Beachvolleyballer, vor dem Spinat und spricht mich von der Seite an: „Hey, das ist ja alles voll spooky hier – wie lang ist das denn schon so?“. Ich wundere mich zwar etwas über diese Frage, erkläre ihm aber in ein paar Sätzen, dass und wie sich „das alles“ in den letzten zwei Wochen nach und nach so entwickelt hat, wegen des Coronavirus („…davon haben Sie ja bestimmt schon gehört, oder?“, woraufhin er erfreulicherweise lächelt und nickt) und erfahre dann, dass er heute Morgen aus Bali zurückgekommen sei, mit dem letzten Flieger, mit dem Touristen nachhause transportiert wurden. „Tja“, sage ich, „dann mal herzlich Willkommen und gutes Einleben im neuen Alltag!“.

Im Kassenbereich begegnen wir einander nochmal und da er mit der Bedeutung der gelben Punkte auf dem Boden noch nicht vertraut ist (jeder gelbe Punkt markiert einen Standort für einen Einkaufswagen), erläutere ich ihm erneut ein paar Regeln.
In seiner sonnengegerbten Urlaubervisage mischen sich Verwunderung und Amüsement, wieder sagt er „spooky!“ und schüttelt den Kopf und dann verabschieden wir uns zum zweiten Mal.

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Gegenüber, an einem corona-verwaisten Spielplatz, hat die Nachbarschaft am Donnerstag einen „Gabenzaun“ organisiert.

Als ich gestern vom Joggen heimkomme, steht das Kamerateam eines lokalen TV-Senders vor dem Zaun und bittet mich um ein „Kurzinterview“. Ich fahre mir noch schnell durchs verschwitzte Haar, lasse den Sportwalkman in der Jackentasche verschwinden (für eine TV-Premiere will man selbst mitten in einer Pandemie nicht völlig derangiert aussehen) und beantworte die Fragen:

Bemerkt habe ich den Zaun am Vorabend, beim Nachtgang mit dem Dackelfräulein (das die vielen Tüten erstmal irritiert angebellt hat, bis ich ihr erklärt hatte, was es damit auf sich hat). Ja, finde ich gut. Ja, wir werden da mitmachen. Wahrscheinlich zuerst mit einer Tüte voller Hundefutter.
Nein, die bisherigen Tüten, die da hängen, finde ich trotz Beschriftung noch nicht ideal, zu viel Verschiedenes drin (Klamotten, Essen, Trinken, Körperpflegeprodukte, Tierfutter – alles kreuz und quer).

Letzteres bewahrheitet sich bereits einen Tag später.
Heute Morgen sind zwar alle ca. 25 Tüten von gestern Abend weg, aber der gesamte Zaun hängt nun mit einzelnen, offenbar nicht benötigten oder unpassenden Klamotten voll. Sieht bunt und fröhlich aus, noch.

Spätestens übermorgen, wenn es kalt und windig wird, ist es nicht mehr bunt und fröhlich, sondern ein weiterer Beitrag zur Vermüllung der Stadt, die eh schon munter voranschreitet.

Denn im Viertel wird eifrig ausgemistet und da die Wertstoffhöfe geschlossen haben, stellt jeder Trottel seinen Sperrmüll nun im Karton auf die Straße, weil er ihn anderweitig nicht mehr los wird und sich die Hausmülltonne derzeit nicht mehr so gut heimlich und rücksichtslos vollmüllen lässt, weil halt zu viele Nachbarn zuhause sind und diese Unsitte daher zu leicht bemerkt werden könnte.

Und man will sich dieser Tage schließlich nicht schlecht stellen mit seinen Nachbarn. Wer weiß, was noch kommt und wozu man einander noch brauchen wird.

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Der Badumbau und die Wasserschadensanierung in unserer Wohnung sind nun tatsächlich zu 97% über die Bühne. Grad noch rechtzeitig geschafft, das Wesentliche, denn ab sofort bekommt man Handwerkertermine nur noch bei Notfällen. Lolek wird noch einmal hier vorbeikommen, wenn die Duschabtrennung ausgetauscht werden muss, sofern der Hersteller noch die Kapazitäten hat, sie diesmal in den korrekten Maßen zu produzieren – und zu liefern. Wir werden sehen, ob der Osterhase uns dieses Geschenk bringen wird oder ob es erst mit dem Heiligen Geist eintrifft.

„Jetzt darf hier nichts mehr kaputtgehen!“, sage ich dieser Tage zum Gatten, nachdem ich die nach acht Wochen endlich (!) wieder in die wasserschadensanierte Kammer eingebauten Regale glücklich mit all dem Krempel befülle, der nun wochenlang irgendwo herumstand oder zwischen- und ausgelagert wurde.

Noch am selben Abend schwächelt erst der Fernseher (HDMI-Buchse hat einen Wackelkontakt) und kurz drauf segnet eine der beiden Unterschrankleuchtschienen in der Küche das Zeitliche (dummerweise die über dem Spülbecken).

Das TV-Gerät entscheidet sich nach diversen Fehlertestszenarien dazu, ab sofort jeden zweiten Abend zu funktionieren und dazwischen zu pausieren. Einen Kundenservicemitarbeiter bekommt man derzeit weder ans Telefon noch ins Haus, ein Neukauf ist uns wegen eines läppischen Wackelkontakts (noch) zu absurd und kostspielig. Wir behelfen uns also mit dem Laptop des Gatten und gucken nun dort die Coronanachrichten, wenn der Fernseher streikt.

Mit dem Ersatz für die defekte Unterschrankleuchtleiste hatte ich riesiges Glück. Nachdem ich online alle relevanten Baumärkte und andere Händler durchforstet hatte, und dort meist mit Lieferzeiten von 3-6 Wochen (für ein Produkt, das man noch vor 10 Tagen völlig problemlos und ad hoc in jedem Baumarkt hätte kaufen können) oder dem Hinweis „derzeit nicht auf Lager“ konfrontiert wurde, ergatterte ich schließlich die beiden letzten Leuchtschienen dieser Art bei lampenwelt.de. Ich habe zwei bestellt, weil die, die wir bislang hatten, überall ausverkauft waren, und wenn man Wert auf dieselbe Lichtstärke (und -farbe) legt – ein Luxus, den ich mir derzeit glatt noch erlaube – blieb mir nichts anderes übrig, als gleich beide Leuchtleisten zu erneuern, auch auf die Gefahr hin, dass ich damit nun zu den Unterschrankleuchtleisten-Hamsterern gehöre.

Auch die Konsumentenpersönlichkeit verändert sich momentan ja ähnlich rasch wie die Nachrichtenlage und der Alltag im Allgemeinen und im Besonderen.

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Gestern ein Geburts_Tag im Retro-Stil.
Das eigentliche Geschenk, das ich dem Gatten zugedacht hatte, entfiel, weil Alpaka-Wanderungen mit mehr als 1 Mensch und 1 Alpaka nun als unbotmäßige Versammlung gewertet werden und nicht mehr zulässig sind und weil das in der Nähe des voralpenländischen Alpaka-Hofes gelegene Hotel, in dem ich uns anlässlich dieser Exkursion eingebucht hatte, seine Pforten schließen musste. Auch die Idee fürs Ersatz-Geschenk zerschlug sich, weil das bestellte Produkt aus Schweden anreisen müsste, die Schweden aber momentan noch mit Skifahren und einem relativ normalen Leben beschäftigt, die haben grad keine Zeit für Geburtstagssendungen ins verseuchte Nachbarland.
Blieb nur noch ein kleines Packerl auf dem Frühstückstisch übrig, ein schon lange in meiner Schublade lagerndes Sommershirt für den Gatten (Rubrik „Präsente für zwischendurch“), das ihm aber vielleicht demnächst als eine Art Passierschein dienen könnte, falls noch Zeiten kommen sollten, in denen man nur noch mit absolut triftigem Grund vor die Tür dürfte (= Verrichtung der Geschäfte des Dackelfräuleins).

Das Hauptpräsent bestand nun darin, wie anno dazumal eine kleine Ausfahrt ins Grüne zu machen. Erstmals seit zwei Wochen gönnen wir es uns, ein ganzes Stück raus zu fahren aus München (um Himmels Willen aber nicht an den Tegernsee, wo sie inzwischen die Autos mit Münchner Kennzeichen mit Eiern oder Vorwürfen bewerfen, wie der Papa mir berichtet). Vorher bestücke ich daheim einen geburtstäglichen Picknickkorb und schleppe ihn mit (bzw. lasse den Jubilar schleppen).

Der vierstündige Spaziergang tut unglaublich gut, die einsamen Fleckerl, an denen es erst Brotzeit und später Kuchen gibt, liegen so idyllisch, dass ich mich frage, warum eigentlich erst ein Virus daherkommen muss, damit man so einen Tag mal auf diese Weise verbringt: back to the roots, ohne großen Zinnober, ohne irgendwas Besonderes, sondern einfach nur wandernd in der Natur, die ja besonders genug ist (besonders im schönen Oberland), auf Bänken rastend, alle möglichen Leckereien spachtelnd und aus viel hübscheren Tassen trinkend als man sie je in einem Ausflugscafé vorgestezt bekäme. So eine Unternehmung ist zudem auch viel preiswerter als ein Ausflug mit Einkehr, außerdem ist alles bio und mitnichten von geringerer Qualität als im Biergarten.

Thermoskannenhersteller werden wohl zu den Profiteuren dieser Krise gehören, denke ich unterwegs. Und zum ersten Mal spüre ich ein Bedauern darüber, dass ich den noblen Picknick-Koffer, den ich einst 1997 zu meiner Ersthochzeit mit dem Gymnasiallehrer geschenkt bekam (und der seinerzeit auf Platz 2 der Top 5 der geistlosesten Hochzeitsgeschenke landete), nach ein paar staubigen Jahren im Kellerregal ins Sozialkaufhaus getragen habe, weil M. und ich damals nie auf die Idee gekommen wären, mit diesem spießigen, geflochtenen Köfferchen ins Grüne zu fahren. Nun gut, das unruhige florale Design der im Koffer enthaltenen Keramik würde mir immer noch nicht zusagen.

Schöner Tag jedenfalls, auch der Gatte war zufrieden mit Programm und Gaben.

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Dennoch (und mal ganz banal formuliert): ich wünsche mir mein Leben zurück, so wie es vor dem Wasserschaden und vor allem vor Corona war.

Ich wünsche mir, dass es beim Lieblingsbäcker wieder jeden Tag Brezen gibt und nicht nur ein Schmalspur-Sortiment. Ich wünsche mir, dass das Lieblingsschwimmbad wieder öffnet und man dort in der glitzernden Frühlingssonne seine Bahnen ziehen kann. Ich wünsche mir, den Papa wieder besuchen zu können, ohne danach Eier von der Motorhaube wischen zu müssen. Ich wünsche mir, die Triftigkeit von Gründen wieder nach eigenem Ermessen festlegen zu können. Ich wünsche mir, meine Freunde wiedersehen zu können. Ich wünsche mir, einen Kaffee im „Isarfräulein“ trinken zu können, während Pippa mit dem Hund der Cafébesitzerin schmust. Ich wünsche mir, dass auch all die kleinen Geschäfte hier im Viertel nach der Pandemie noch am Leben sind und jetzt nicht reihenweise Existenzen zerstört werden. Ich wünsche mir, dass meine Auftraggeber diese Zeiten überstehen und weiterhin Aufträge vergeben können. Ich wünsche mir, dass die Risikogruppen den Schutz bekommen, den sie brauchen und dass es bald einen Test auf Immunität gegen SARS-CoV-2 gibt und dass all die, die dann immun sind, besser mitanpacken können. Ich wünsche mir, dass die Welt sich nach dem Ende dieses Spuks in mancher Hinsicht anders weiterdreht als zuvor und wir alle etwas dankbarer und vielleicht auch demütiger werden, so wir es momentan sind, wenn man beim Samstagmorgeneinkauf tatsächlich alles, was man auf dem Einkaufszettel notiert hat, auch bekommt oder man in den eigenen vier Wänden jemanden hat, mit dem man gerne frühstückt und den man sogar bitten kann, einem die Haare zu schneiden, in Zeiten, wo einen ja eh kaum jemand sieht.

Der wachsende Andrang beim Coronatest-Drive-In auf der Theresienwiese deutet aber, wie so vieles andere auch, eher nicht darauf hin, dass diese Rückkehr zum Leben wie es mal war in Kürze schon wieder bevorstünde.
Es heißt wohl weiterhin, das Leben erstmal anders weiterzuleben, sich auf vielen Ebenen neu zu sortieren und zu justieren in diesem ungewöhnlichen Frühling 2020. Und dabei nicht zu verzagen, froh zu sein, dass man nicht hustet und dass zumindest der Gatte ein krisensicheres Einkommen hat, den Humor nicht zu verlieren und gleichwohl diese schwierige Zeit auch zum Nach- und Überdenken von so manchem zu nutzen.

Ein schönes Wochenende und alles Gute Ihnen!

Mit_tendrin oder: Eine kleine Corona-Choreographie.

Mit_tag.

Ein schöner Sonntag, gestern.
Wärmend und berührend, dieser Tag, trotz der kühlen Temperaturen und des frostigen Windes draußen.

Zur Mittagszeit verlassen wir das Haus.
Der Gatte und das Dackelfräulein biegen nach rechts ab, ich nach links.

Mit_tendrin. Mit_denken.

Rechts geht’s zum Polizeirevier, das üblicherweise keines unserer Gassiziele ist, aber der Gatte spaziert dort kurz vorbei, um die Fragen zu stellen, die uns keine der FAQ-Seiten von Zeitungen oder Ministerien hier in Bayern beantworten konnten:
Wie stellen die sich das mit dem Gassigehen denn nun konkret vor?
Nur wohnungsnah, nur im nächsten Park, nur an der nahegelegenen Isar?
Oder kann man auch mit der U-Bahn ein paar Stationen fahren, um etwas weiter südlich durch die dort weitaus leereren Isarauen zu spazieren?
Oder ins Auto steigen und zum Wald am Stadtrand fahren, wo man mal ohne jegliche Begegnung eine Runde drehen kann?
Die Antwort: Ja, man kann.
Und das ist gut so. Wenn das Fräulein jetzt zwei Wochen lang oder bis Ostern oder Pfingsten täglich nur hier vor der Tür durchs Viertel wackeln dürfte, kriegen wir alle in Kürze einen Knall.
Hoffen wir, dass es dabei bleibt, man hat ja eh schon Knalle genug (ein Plural, der mir falsch vorkommt, wenn ich ihn so betrachte, es aber nicht ist).

Links geht’s zum Park, in dem ich üblicherweise meinen Sonntagslauf absolviere. Und dort erlebe ich gestern etwas so Neues und unerwartet Positives, das auch auf das Konto des Cornonavirus geht, eine seiner Buchungszeilen, vor der ausnahmsweise mal kein Minus steht, sondern ein Plus: Denn die Menschen, die sich im Park begegnen, sehen einander heute an, mit nahezu jedem gibt es einen Moment lang direkten Blickkontakt, mit manchen tauscht man ein Lächeln, die Jogger nicken sich stumm und freundlich zu, kein Spaziergänger glotzt in sein Smartphone oder sonstwie abgeriegelt von der Welt vor sich hin, selbst die nicht, die ganz allein dort spazierengehen und etwas in sich gekehrt wirken, auch sie haben das Fenster zu ihrer Umwelt noch einen Spalt weit offengelassen, so scheint es, gucken kurz hinaus und nehmen die anderen wahr.

Jeder passt auf, dass er nicht in den anderen hineinrennt, dreht sich auch mal um, bevor er die Wegseite wechselt, um Kollisionen zu vermeiden, gewährt einem Schnelleren den Vorrang oder wartet, bis ein Langsamerer sich in seinem Tempo weiterbewegt hat, keiner latscht mehr rüpelhaft oder rücksichtslos herum, so als hätte er den Park zur Privatnutzung gepachtet.

Alle schauen sie drauf, dass das mit dem Abstandhalten für sich und auch für die anderen funktioniert, die Kleinfamilien, die Hundebesitzer, die Kinderwagenschieber, die Hand-in-Hand-Flaneure, die Solo-Spazierer, die wenigen Radfahrer, und sogar der dicke, parkbekannte Obdachlose mit seinem unförmigen, alten Hund hat ausnahmsweise seinen Stammplatz an der Hauptwiese des Parks geräumt und sich auf eine Bank in einem Bereich der Grünanlage gesetzt, der wenig frequentiert ist.

Ich frage mich, ob den Eichhörnchen, die überall munter und emsig durch die Baumwipfel hüpfen, dieses neue Tänzchen da unten auf dem Boden wohl auffällt, ob sie diese Corona-Choreographie von oben bestaunen oder ob sie relativ unbeeindruckt von der Umgebung ihrem Hörnchentagwerk nachgehen, wie immer eben, und ganz so, wie wir es ja auch noch bis vor Kurzem taten.

Mit_einander. Mit_menschen.

Es ist ein achtsames, aufmerksames, angenehm ruhiges und fast einträchtiges Miteinander wie ich es noch nie sonntags im Park wahrgenommen habe. Und es fühlt sich an, als wären plötzlich nicht mehr irgendwelche Passanten, sondern konkrete Mitmenschen zeitgleich mit mir da draußen unterwegs.
Gerade durch die Distanz sieht man den Einzelnen ja viel deutlicher als wenn man sich an einem Pulk Menschen vorbeiquetschen oder durch eine kleine Lücke zwischen den Entgegenkommenden hindurchhuschen muss, zwischendurch lege ich sogar meine Kopfhörer ab, um diese Atmosphäre nicht nur sehen und spüren, sondern sie auch hören zu können.

Auf diese Weise und mit dieser neuartigen Choreographie, deren Motto „Mit Abstand zu Anstand“ zu lauten scheint, könnten wir meinetwegen gern häufiger sonntags durch die Münchner Parkanlagen streifen!

Jetzt wäre es natürlich reichlich naiv und unsinnig, anzunehmen, dass durch die COVID-19-Pandemie oder wegen der bayrischen Ausgangsbeschränkungen auf einmal die große Brotherhood-Welle über die Münchner geschwappt wäre und wir alle ab sofort gemeinsam in einem Ozean voller Sozialromantik herumplantschen würden.

Aber vielleicht sind es jene Augenblicke wie die gestern im Park erlebten, die uns jetzt auf positive Weise rausreißen aus unserem vormals so gewohnten, oft wenig hinterfragten Trott (durch den Park, durch den Alltag, durchs Leben) und die uns dazu animieren, mal wieder ganz neu und anders hinzuschauen, was und wer uns so alles umgibt und begegnet, während wir durch unseren kleinen, begrenzten Ausschnitt der Welt spazieren.
Mit Sicherheit ist da jedenfalls mehr Verbindendes und Gemeinsames als nur die vielen negativen Nachrichten, die nun täglich lawinenartig auf uns niederrollen und die zwar jeder für sich, aber eben auch wir alle miteinander, zu (er-)tragen haben.

Mit_teilen. Mit_helfen.

Was ich eh schon immer tat, tue ich auch jetzt, nur noch deutlich mehr als sonst: Nachfragen.

Wie geht’s dir, kommst du klar, brauchst du was, was beschäftigt dich, sollen wir mal telefonieren?

Bei Freunden, Bekannten, Nachbarn. Bei Menschen, die auch einen Hund haben. Und bei denen, die nicht mal einen Hund haben. Und nicht zuletzt auch bei denen, die in irgendeiner Hinsicht zu einer Risikogruppe gehören, so wie leider auch der Papa.

Ein paar Überwindungen sind auch dabei. Ich muss mir zum Beispiel einen Ruck geben und den Sohn der Lebensgefährtin vom Papa kontaktieren, ihn fragen, ob wir uns nicht abwechseln sollen mit Besorgungen für die beiden. Ich muss es aushalten, dass da nur ein lasches und laues Echo kommt, so wie unsere Begegnungen halt schon immer etwas Lasches und Laues hatten, weil uns nun mal nichts verbindet außer der Tatsache, dass seine Mutter und mein Vater zusammenleben. Eine Tatsache, die uns in den letzten zwanzig Jahren zu nichts verpflichtete, ein paar lasche Umarmungen und lauer Smalltalk bei runden Geburtstagen (vor Ewigkeiten auch noch zu Weihnachten und Ostern), mehr war da nicht, mehr brauchte es auch nicht.
An dem Wintertag vor zwei Jahren, an dem mein großer Freund S. den Papa endlich durch das Thema „Patientenverfügung & Co.“ gelotst hatte, habe ich mir die Nummer von M., dem älteren der beiden Söhne der Lebensgefährtin vom Papa geben lassen.
Es war mein damaliger, vorläufiger Schlusspunkt, den ich hinter diese unendliche Geschichte zur Vorsorge für den Notfall gesetzt hatte. Ich hätte nicht gedacht, dass ich diese Nummer bald brauchen würde.

Der Papa findet das mit der Versorgung durch M. und mich total überflüssig, die Lebensgefährtin sowieso, die beiden weisen jede Bedürftigkeit weit von sich und unterstellen uns, wir sähen sie jetzt schon mit einem Fuß im Grab stehen.
„Nein, tun wir nicht“, sage ich, „wir wollen nur auf euch Acht geben“. Er kann es nicht annehmen, so wie er auch das Rentnersein oder das Parkinsonpatientsein lange nicht annehmen konnte.
So ist er nun mal, jeder Verlust von Status oder Autonomie wird ein Kampf bleiben, und vielleicht ist’s ja auch besser so als wenn er sich sofort und ohne jedes Auflehnen fügen würde.

Mit_fühlen. Mit_nehmen.

Wie in jeder Krise, so zeigt sich auch in dieser, wer diejenigen sind, die Kontakt, Nähe und Austausch suchen. Die über Gräben springen, vielleicht sogar über ihren Schatten. Die einfach mal anrufen, egal, wie lange man einander nicht gehört hat. Oder eine Mail schreiben oder eine Postkarte schicken (nur Seife schickt noch niemand, aber vielleicht hat der Gatte ja nachher, bei seinem täglichen Jagdausflug, endlich mal Glück). Und umgekehrt: an wen man sich selbst so wendet.

Am Nachmittag klingelt es. Das kommt bei uns nicht allzu oft vor, wir haben auch ohne Corona eher wenig Publikumsverkehr, schon gar nicht sonntags.
Der Gatte fragt über die Türsprechanlage, wer da sei. Von unten vor der Haustür meldet sich mein noch recht neuer Freund, der hübsch Bewimperte, und flötet hinauf, dass er der Frau Kraulquappe gern etwas vor die Tür legen wolle, ganz kontaktlos und diskret, versteht sich.
Er war beim einsamen Spaziergang mit seiner Hündin an einem To-go-Blumenladen vorbeigekommen, einem dieser Selbstpflückfelder, und hatte dort – „Mit Handschuhen!“, wie er versichert – ein paar Narzissen für mich mitgenommen.

Ich verdrücke mir ein Tränchen, als ich die sonnengelben Blumen von der Fußmatte nehme und auf die Fensterbank stelle, und im nächsten Moment lache ich mit dem Gatten mit, der amüsiert das Sträußlein kommentiert: dass das ja auch mal eine Premiere sei, dass mir ein anderer Mann in seinem Beisein Blumen vorbeibrächte.
Stimmt, das hatten wir noch nicht. Wobei ich mich sowieso nicht dran erinnern kann, dass mir jemals ein anderer Mann während der Abwesenheit des Gatten Blumen gebracht hätte. Überhaupt bringt man(n) mir eher mal einen Strauß aus Paragraphen oder Kabelbindern mit, wenn ich so drüber nachdenke (und das gäbe mir jetzt glatt zu denken, wenn ich noch weiter drüber nachdächte).
Nur N., der vor vier Jahren seinen letzten Atemzug in den Schnee hauchte und sich dann für immer vom Acker gemacht hat, der meinte mal, wenn er mir je eine Blume schenken würde, wozu es nie kam, dann wäre es eine Narzisse. Aber das ist eine andere Geschichte und eine über die Jahre mehr und mehr verwelkende und verblassende Erinnerung.
Weil ja alles im Laufe der Zeit und des Lebens von etwas Anderem, von etwas Neuem abgelöst wird.

Auch auf der Schneise der Verwüstung, die dieses Virus hinterlassen wird, gedeiht irgendwann wieder etwas Anderes, etwas Neues.
Ob es sonnengelbe Narzissen sein werden oder schnödes Unkraut, das vermag momentan keiner zu sagen, wir wissen es nicht, niemand hat das derzeit in der Hand.

Aber wer wir in dieser Zeit füreinander gewesen sind, das haben wir in der Hand.
Und es ist das, was uns bleiben wird.

Mit_singen. Mit_machen.

Am frühen Abend kündigt Brenley MacEachern von Madison Violet auf Facebook ein kleines Wohnzimmerkonzert an.
Purer Zufall, dass ich das mitbekomme, denn eigentlich will ich nur kurz einer schwedischen Blogkollegin einen Gruß via FB-Messenger schicken und stolpere bei der Gelegenheit in meiner Timeline über diese Meldung aus Ontario. Man darf Brenley vorab requests schicken – ist ja super!

Es wird dann eher ein Treppenkonzert: Um 16 Uhr (Toronto Time) sitzt sie mit ihren zwei Gitarren und einem Cowboyhut daheim in Kanada auf einer Stiege – und singt und singt und singt.
Zwischen 100 und 140 Menschen sind live mit dabei. Und singen vielleicht mit.

https://www.facebook.com/plugins/video.php?href=https%3A%2F%2Fwww.facebook.com%2Fbrenley.maceachern%2Fvideos%2F10163649151515497%2F&show_text=0&width=560

Es ist mein erstes Wohnzimmerkonzert in diesem Stil: unfrisiert und in Jogginghose auf der Couch lümmelnd, das Dackelfräulein zwischen meinen Beinen eingekringelt, die Wolldecke drüber, die Schneider Weiße neben mir, das Laptop auf dem Schoß, der Gatte nebenan (zur feierabendlichen Rekreation historische Fußballspiele guckend, glaub ich, weil ich „Robben! Robben!“-Rufe höre, nicht vom Gatten freilich, sondern aus dem Lautsprecher des PCs), irgendwann kommt er rüber, setzt sich zu mir und lauscht ebenfalls der netten Kanadierin.

Es würde mir übrigens keinerlei Umstände bereiten, per Mausklick für diesen Musikgenuss und solche Privatkonzerte eine Spende nach Ontario zu schicken.
Dasselbe gälte natürlich für New Jersey und die Steiermark, falls sich auch dort mal jemand daheim musizierenderweise auf sein Showtreppchen setzen möchte.

Hey, ihr wunderbaren Musiker da draußen, lasst eure Auftritte nicht ausfallen!
Spielt und singt weiter und schweigt jetzt nicht!
Ich bin dabei.

Schon der Hammer.

Um 9:35 Uhr kurvt die erste Polizei-Patrouille durch die menschenleere Allee vor der Haustür. Mit Durchsage, versteht sich. Megalaut. Wacht mit Sicherheit auch die letzte Schnarchnase davon auf.
Bitte nicht noch früher!, denkt man da kurz, denn wenn man schon nicht hinausdarf ohne triftigen Grund, dann möchte man wenigstens auch ohne triftigen Krach da draußen sein Frühstücksei löffeln und die Zeitung lesen können.
Meine diesbezügliche Empfehlung heute: der Artikel „Die gehorsame Gesellschaft“ aus der Freitagsausgabe der Süddeutschen Zeitung. Am besten noch nicht vor dem Erstkaffee und auch erst, wenn die schlafverklebten Augen schon etwas klarer in den Tag blinzeln, da sonst womgölich intellektuell noch zu herausfordernd, zumindest ging es mir so.

Beim Morgengassi entdecke ich, dass jemand auf jede vierte Windschutzscheibe in der Reihe der parkenden Autos „Wir lieben Demokratie“ geschrieben hat. Nein, nein, nicht etwa mit einer Spraydose! Sondern einfach mit dem Finger in den Schnee gekratzt. Über Nacht hat es nämlich wieder geschneit. Vorgestern noch mit hochgekrempelten Ärmeln und Hosen (und sogar barfuß) auf einer Bank gesessen, heute wieder Mütze und Handschuhe, aber allmählich wundert man sich ja über gar nichts mehr.

Der Schwimmbadentzug macht sich langsam bemerkbar, und das offenbar nicht nur bei mir.
Der Gatte, der ja neben seinem Zweitjob als häuslicher Serienbeauftragter (ein nicht zu unterschätzendes Amt in Corona-Zeiten) ja noch einen Drittjob als Pressespiegelbeauftragter hat (damit ich nicht ständig mit dem großformatigen Papier hantieren muss), legt mir kichernd eine Zeitungsmeldung neben mein Quittengeleebrot.

Da es in meinem Ganzjahresfreibad keine Scheiben gibt, die man einschlagen könnte, behelfe ich mir erstmal anderweitig, schnüre nun wieder meine Asics und sprinte springsteenbeschallt und selbstverständlich schön sozialdistanziert ein paar Runden durch den nahegelegenen Park.
Fürs Immunsystem, fürs Abschalten, fürs Frischlufttanken. Und mittlerweile scheint sogar die Sonne.
Das sollten genug der triftigen Gründe sein.

Ihnen allen einen schönen Sonntag!

PS: Weiß zufällig jemand, wieso der angeratene Abstand zum Mitmenschen hier in Deutschland mindestens 1,5 Meter betragen soll, man in Österreich aber nur 1 Meter empfiehlt? Husten unsere Nachbarn etwa anders, haben sie eine geringere Tröpfchendichte im Ausgehusteten oder fliegen die Aerosole dort einfach langsamer durch die Luft, quasi eine österreichische Variante des Virus, die sich dem nationalen, so angenehm unhektischen Tempo dort angepasst hat?

Song des Tages (49).

Gestern Mittag noch schnell eine sogenannte Solo-Selbständige – man lernt ja nun auch neues Vokabular kennen – unterstützt: unsere Hundefriseuse, die schon etwas blass um die Nase war, weil sie seit Tagen den Anruf vom Gesundheitsamt fürchtet, mit dem man sie zur Schließung ihres kleinen Geschäfts auffordern wird.
Der kam dann sicher direkt, nachdem das Dackelfräulein und ich den Laden verlassen hatten, um 12:38 Uhr waren die neuen, coronabedingten Allgemeinverfügungen für Bayern bekannt gegeben worden.

Um unnötige Zusatz-Ausflüge vor die Tür zu vermeiden, frisch geschoren gleich weiter zum Gassi am menschenleeren Kanal…

…überall in der Stadt mittlerweile Hinweise, auf welch dünnem Eis wir uns derzeit bewegen.

Auf dem Heinweg hält an einer Ampel ein Porsche Cayenne neben mir.
Vier runtergelassene Fenster, vier unglaublich junge Proleten drin (man weiß gar nicht, was man sich zuerst fragen soll: ob die überhaupt schon den Führerschein haben oder wie die zu so einer Karre kommen), viermal trinkend und grölend. „Corona, Corona!“, rufen sie.
Mir wird mulmig, ich will sie vorlassen, aber sie fahren nicht los, als es grün wird, sondern erst, als ich Gas gebe und um die Kurve fahre. Dann hab ich sie hinter mir, sehr unangenehm, bis vor unsere Haustür hab ich diese Idioten hinter mir und kann im Rückspiegel beobachten, wie sie am gesamten Bavariaring, der die Theresienwiese säumt, jeden Passanten und Radfahrer anpöbeln, indem sie sich aus dem Fenster lehnen und „Corona, Corona!“ brüllen.
Als ich blinke und bremse, um das Auto zu parken, donnern sie hupend an mir vorbei.

Ich muss an die Sache mit den Hundehaufen denken, als ich das Trottel-Quartett wegrasen sehe. Jeder Hundehaufen in unseren städtischen Grünstreifen und Parks, der nicht weggeräumt wird, versaut auch denen, die das täglich ordentlich machen, die Freiheiten, die eigentlich jeder Hundehalter gern hätte: dass man mit seinem Hund überall spazierengehen darf, dass Hunde wohl gelitten sind, dass es nur wenige Orte mit Leinen- oder gar Maulkorbpflicht gibt, dass es mehr Freiräume als Verbotszonen gibt. Scheiße ist’s, dass das nicht klappt.

Oben in der Wohnung schenke ich mir ein Weißbier ein, nehme es mit nach draußen, setze mich nochmal auf eine freie Parkbank und gucke eine Weile geradeaus. Üblicherweise entspannt mich dieses zweckfreie, ruhige Geradeausgucken auf die gegenüberliegende Theresienhöhe und die Bavaria vor der Ruhmeshalle in der Spätnachmittagssonne.
Diesmal eher nicht, denn gegenüber, das heißt nun auch: die Autokolonne vor dem Corona-Drive-In, hohe Polizeipräsenz auf der Wiesn, sogar ein Hubschrauber landet in der Nähe der Testzelte, keine Ahnung, wieso.
Fünfzig Meter entfernt bespaßen die Nachbarn unter uns nochmal ihre zwei quirligen kleinen Kinder, spielen zu viert Federball, wir winken uns aus der Entfernung zu.
Am letzten Tag des Freigangs kaum noch Gruppenbildung und überall viel Abstand.
Schade, zu spät.

Ausgeschaukelt! (Impressionen aus der Nachbarschaft)

In der Nacht schlägt das Wetter um, von Vorfrühling auf Restwinter.
Heute Morgen ist es, passend zu Tag 1 mit Ausgangsbeschränkung, grau, kalt und regnerisch in meiner Heimatstadt.

Wie jeden Morgen klappert einer von uns die fünf Supermärkte in der Lindwurmstraße ab, um zu schauen, ob es irgendwo wieder Seife gibt (alles andere, was uns fehlte, haben wir im Laufe der Woche bekommen). Fehlanzeige, auch heute.
Ich muss mich noch dran gewöhnen, die Einkaufszettel jetzt nicht mehr unmittelbar nach den Besorgungsgängen wegzuwerfen, sondern Überträge der nicht ergatterten Waren auf neue Zettel vorzunehmen.

Der Biomarkt öffnet seit heute erst um 10 Uhr seine Pforten, wegen der schrumpfenden Personalkapazität und weil die noch arbeitsfähigen Mitarbeiter eh schon schuften wie die Wilden und es mit weniger Leuten nun eben morgens länger dauert, bis die Regale wieder gefüllt sind.

Dort und in anderen Supermärkten erlebt man jetzt Szenen, die sich ungewohnt und fremd anfühlen.
Eine Kundin faucht eine andere an, weil sie ihr in der Schlange vor der Brottheke zu nah gekommen ist, dabei versuchte die Gerügte nur, mit ihrem Einkaufswagen irgendwie an den Wartenden vorbeizukommen.
Ein Paar beschimpft einen zauseligen älteren Herrn, der für ihr Empfinden zu lange im losen Spinat herumfingert, um sich die schönsten Blättchen aus dem Korbe herauszupicken und in seine Papiertüte zu stecken.
Ein kleiner Junge, an der Hand seiner Mutter, krakeelt „Mami, der Mann da vorn hat Corona, der hat gehustet!“.
Vor den Kassen geht es, zumindest im Biomarkt, sehr gesittet und exakt gemäß der neuen Abstandsregeln zu. Allerdings nur, so lange der Rückstau der Schlange nicht bis in den Nudel- und Nudelsaucen-Flur hineinreicht, denn dort herrscht – mal wieder – großer Andrang und noch größeres Aufstöhnen (ausgedünntes Sortiment).
Bei der Hofpfisterei wartet die Kundschaft draußen im Regen, ein loses Grüppchen, durch die aufgespannten Schirme eh schon in passablem Abstand stehend. Drinnen immer nur ein Kunde, und der brav hinter einer auf den Boden geklebten Markierung stehend. Man ruft der Verkäuferin zu, was man gern hätte und da sonst niemand im Raum ist, versteht sie einen auch auf die Entfernung (fast 3 Meter). An den Bezahlvorgang wird man sich noch gewöhnen müssen, denn der geht jetzt so: Der Betrag wird einem zugerufen, dann geht die Verkäuferin einige Schritte zurück, man selbst überschreitet nun die Markierung und legt seinen Geldschein auf die Theke. Anschließend begibt man sich wieder hinter die Grenzlinie, währenddessen bewegt sich die Verkäuferin zum Geldschein, nimmt das Wechselgeld aus der Kasse, weicht wieder zurück und die eben beschriebene Choreografie wiederholt sich. Draußen stehen acht wartende Kunden in allen Stimmungslagen von missmutig bis geduldig im strömenden Regen.

So ein Durchschnittseinkauf – Brot, Gemüse, Obst und ein paar andere Dinge – dauert nun erheblich länger. Aber da vieles andere nun flachfällt, nämlich all das, was man gar nicht mehr erledigen könnte, selbst wenn man wollte oder müsste, wird ja auch Zeit frei.

Manches da draußen wirkt wie aus den Fugen geraten. Es muss sich erst wieder neu zusammenfügen, bis man weniger darüber staunt und routinierter damit umgeht.
Die gewohnten Maße und Verhältnisse haben sich teilweise aufgelöst, sogar auf das Gemüse scheint dieses Phänomen überzuspringen, denn die Karotte hat auf einmal Gurkengröße und umgekehrt.

Irritiert lege ich beides in den Wagen und hoffe drauf, dass wenigstens geschmacklich noch alles beim Alten geblieben ist, und ansonsten muss man halt nach Rezepten für Kartoffen-Gurken-Gratin googeln. Obwohl ich seit zwei Tagen eher wenig google. Ich habe meine Aufenthalte im Internet stark reduziert, weil ich mich nicht mehr im Stundentakt dem Ticken all der Live-Ticker und Pressemeldungen aussetzen möchte.
Irgendwann muss man ja auch noch leben oder mal drüber nachdenken, wie man jetzt leben kann (oder muss) und fürderhin leben wird. Zu Letzterem empfehle ich Ihnen die Lektüre dieses Artikels.
Was mich angeht, so will ich mich an genau solche Stimmen und Denkweisen halten und keinesfalls in den Sog von Schwarzmalereien, Angstszenarien, Apokalypsevorstellungen oder Verschwörungstheorien geraten.
Nachts träume ich ohnehin schon von Christian Drosten, der mich per Zufallsgenerator als Probandin für irgendein Präventivprogramm auserkoren und dann höchstpersönlich via Skype angerufen hat – das reicht.
(Auch wenn Herr Drosten beim Skypen ausgesprochen nett war, mir sein spöder Humor sofort gefiel und wir nebenbei amüsiert feststellten, dass wir zwar derselbe Jahrgang sind, ich aber ungleich ausgeschlafener aussehe.)

Wir gucken nur noch einmal am Tag ausführlich die Abendnachrichten, sogar mit Spezialsendung, und sogar gelegentlich im Bayrischen Fernsehen, um das lokal Neueste und Wichtigste auch noch mitzubekommen. Morgens ergänzend eine halbe Stunde Zeitungslektüre – und dann ist’s auch gut.
Mentale und psychische Hygienemaßnahme. Weil wir jetzt sehr viel Zeit hier drinnen verbringen, wollen wir manches da draußen lassen, damit noch ein paar Leerräume bleiben, die wir anderweitig füllen oder auch einfach mal leer lassen können, auch als Puffer, denn man weiß ja nicht, was noch so kommen wird, das wieder Platz, Kraft und Zeit fordert.

Der heutige Song des Tages beweist eindrücklich, dass a) Bruce Springsteen tatsächlich für jede Lebenslage ein Liedchen komponiert hat und b) es wegen a) sogar eines seiner seichtesten Werke es mal in meine Rubrik „Song des Tages“ schaffen konnte.

Ich hätte nicht gedacht, dass es je so weit kommen würde, aber das ist ja momentan bei Einigem der Fall.

As I lift my groceries in to my car
I turn back for a moment and catch a smile
That blows this whole fucking place apart
I bow down to the Queen of the Supermarket
I bow down to the Queen of the Supermarket
In diesem Sinne wünsche ich Ihnen einen erfolgreichen Wochenendeinkauf, halten Sie sich auch sonst wacker und verneigen Sie sich ruhig einmal vor der Kassiererin, die in diesen Tagen Ihre Einkäufe über den Scanner zieht.