Standing on a ledge oder: Der Krebs und sein Gang.

Traf ich dieser Tage den J. wieder.
In herrlich milder Luft sitzen wir draußen und trinken Tee.
Der Name des Cafés so verheißungsvoll wie das Wetter: Der LENZ ist da (tralala & verhext & grün & hopsasa).

Lange hatte ich ihn nicht gesehen, er war sehr absorbiert. Von einem hartnäckigen Karzinom. Und noch mehr von all den Medikamenten und den Therapien vorher und nachher und überhaupt. Hatte sich sehr zurückgezogen. So sehr, dass ich das mit dem Krebs zunächst von einer gemeinsamen Bekannten erfuhr und nicht von ihm.

Normalerweise verabreden wir uns nicht, J. und ich, sondern laufen uns zufällig über den Weg (wie das üblicherweise zwischen uns war, können Sie hier nachlesen, dann sind Sie im Bilde).
Eine Krebserkrankung kann solche Verhaltensmuster schon mal verändern. Plötzlich ein Gefühl von Endlichkeit oder zumindest eines von Nicht-mehr-blind-drauf-vertrauen-Wollen, dass man einander schon – wie in den 20 Jahren zuvor – alle zwei Jahre im Park, auf der Straße, an der Isar, im Schwimmbad oder auf dem Berg begegnen würde.
Nun sitzen wir also, explizit verabredet, in einem Café. Das ist neu für uns.

Ich mustere ihn verstohlen. Ob die Krankheit ihn verändert hat. Ob sie seiner Sportlerstatur etwas anhaben konnte. Ob die grauen Locken noch dieselbe Länge und Dichte haben. Ob die Gesichtszüge andere sind als bei unserer letzten Begegnung. Ob man ihm mittlerweile sein Alter ansehen kann, ihm, dem völlig Zeitlosen und ewig Frischen.
Seine Stimme zu hören, und sie auch so gänzlich unverändert wahrzunehmen, tut mir gut. Sie gehört zu den wenigen Stimmen, die ich mit geschlossenen Augen memorieren kann und das schon seit über 30 Jahren. Ein schönes, weiches Münchnerisch, durchsetzt von ein paar Dialektsprengseln des Oberlands, vielleicht aus Mittenwald, wo J. geboren wurde oder aus Lenggries, wo er aufwuchs.
Der Blick hinter seiner John-Lennon-Brille ist noch derselbe wie eh und je, froh, wach und lebendig, nur vielleicht etwas müder geworden, aber diese Interpretation kann auch meiner eigenen momentanen Müdigkeit geschuldet sein.

Wir haben uns nebeneinander gesetzt, so können wir beide den Rücken an die Hauswand lehnen und in die Sonne gucken.
Sprechen über dies und das. Über alte Zeiten. Über gemeinsame Stationen, damals. Über den Papa, natürlich. Über das letzte Jahr. Über das Jetzt. Über den Krebs. Über den Umgang damit. Über Metastasen und Chemotherapie und Bestrahlung. Über Heilung, Chancen und Heilungschancen.

„Jetzt sitzen wir hier, wir zwei Krebse“, sagt er, „und sprechen über Krebs!“.
Er lacht verschmitzt und meint, das sei eh die ganze Zeit über seine Devise gewesen: drauf zu vertrauen, dass ein Tag komme, an dem Krebs wieder einfach nur (s)ein Sternzeichen sei, dem er keine größere Bedeutung schenken müsse. Und dass er ja momentan als geheilt gälte.
Ich frage nach, will die ganze Geschichte hören, sofern er sie erzählen möchte, denn es ist ja manchmal so eine Sache mit den eigenen Krankheitsgeschichten: sie nerven einen ab einer gewissen Wiederholung – wie eine Platte, die hängengeblieben ist – und machen einen dann bei jeder weiteren eher noch kränker als dass einem das Erzählen noch irgendeine Erleichterung verschaffte.

J. stört das nicht, er erzählt mir bereitwillig alles, chronologisch, ruhig, mit einigen Pausen dazwischen.
Wir sehen uns die meiste Zeit dabei nicht an, weil wir ja nebeneinander sitzen und Richtung Sonne blicken, das fühlt sich entspannt an. Auch daran erkennt man vertraute Menschen: dass man auch nach langer Zeit ohne Warmwerdenmüssen und ohne Holprigkeiten über alles miteinander sprechen kann, dass man sich nicht dauernd ansehen muss (es gleichwohl mühelos könnte), dass man Pausen gut aushält, dass man nebeneinander sitzen kann und sich keine Gedanken über den passenden Abstand machen muss.

Fasziniert bin ich vor allem davon, dass J. während der gesamten Chemotherapie wöchentlich 1x auf einen Berg stieg, immer am Tag vor der Infusion, immer alleine.
Einmal habe er sich im Wochentag geirrt („es war ja alles so gleich in diesen Monaten“) und da rief die Assistentin aus der Onkologie vom Rechts der Isar ihn dann auf dem Handy an und fragte, wo er denn sei.
– Draußen sei er.
Ja wo denn „draußen“, wollte sie wissen.
– Auf einem Felsvorsprung sei er, in dem Ammergauer Bergen.
Aber das dürfe er doch nicht, er solle doch zuhause sein und sich schonen oder draußen nur mit Mundschutz unterwegs sein und schon gar nicht bergauf, das sei viel zu anstrengend, viel zu riskant.
– Na das hätte er ihr auch nicht freiwillig erzählt, aber sie habe ja nicht aufgehört, ihn zu fragen.
Jedenfalls zwang sie ihn dann doch zur Umkehr, weil die Infusion noch an dem Tag hat sein müssen, also stieg er halt wieder hinab („schad‘ um die Klammspitze, ich war fast schon oben!“) und fuhr zurück in die Stadt, direkt zur Klinik.

Er legt mir die Hand auf den Arm nach diesen Worten und schaut mich von der Seite an und sagt: „Ich wusste, dass ich hinauf gehen muss. Weil ich das doch mein Leben lang gemacht habe. Seit fast 60 Jahren gehe ich immer hinauf, erst recht, wenn es hier unten beklemmend wird. Ich wusste, wenn ich das jetzt bleiben lasse und mich daheim einsperre und mit Mundschutz auf den nächsten Termin warte, dann geh ich drauf.“
(Dass er sich das an dem einen oder anderen Felsvorsprung, den er in dieser Phase passierte, ebenfalls gedacht habe, auch das verschweigt er mir nicht.)

Wir bestellen ein zweites Getränk, reden über die Berge, auf denen jeder von uns in der letzten Zeit so herumturnte, in welcher Verfassung auch immer (man hätte sich mehrfach treffen können oder zumindest zuwinken), und darüber, was das mit uns macht, und wieso man das Glück und vielleicht sogar Heilung findet, dort oben.
Denn Heilung bedeutet auch, dass man spürt, was einen noch trägt, wenn vieles aufhört, einen zu tragen.

Die Sonne verabschiedet sich aus der Ludwigsvorstadt und verschwindet allmählich hinter der Ruhmeshalle, um ihre letzte Abendrunde durch die Schwanthalerhöhe zu drehen.
Innerlich randvoll (Gedanken, Gefühle: das Leben, der Tod, der eigene Weg, die Begleiter auf diesem, die Richtungswechsel, die Sackgassen, was war, was ist und was wird noch sein können?) gehe ich nach diesen Stunden nachhause und höre mir das Lied an, das mir zum Felsvorsprung gleich in den Sinn kam (I’m standing on a ledge…) und sowieso gut zu J. passt: some kind of gypsy boy, schon immer.

Der heutige, unerwartete Wintertag lässt’s zu, das Erlebte noch in Worte zu fassen, und auch der morgendliche Termin hat wieder einen Tropfen Öl in das viel zu oft klemmende innere Schloss eingebracht, auf dass es geschmeidiger und leichtgängiger werde und der Schlüssel sich drehen möge. Rechts herum!

Von Tauben und Menschen.

*****

Ich stehe in der Abflughalle eines Flughafens und warte auf den Freund.
Wir haben einen gemeinsamen Termin, etwas wichtiges Zukünftiges hängt daran.
Die Zeit drängt, eine Lautsprecherstimme hat das Gate ausgerufen. Vom Freund weit und breit keine Spur.
Ein geradezu typischer Zustand. Seine Unsichtbarkeit und Unzuverlässigkeit bin ich längst gewohnt, daher versuche ich, nicht sofort nervös zu werden, denn erfahrungsgemäß kommt er meistens noch. Zwar auf den letzten Drücker und oft in desolater Verfassung, aber er kommt.
Das Gate wird ein zweites Mal ausgerufen. Jetzt werde ich doch unruhig, greife zum Handy, rufe den Freund an. Wie immer klingelt es ins Leere, auch das bin ich längst gewöhnt. Es gibt keinen Menschen, den ich so zuverlässig nicht erreiche wie ihn.
Ich versuche es mit einer Textnachricht: Wo bist du? Ruf mich bitte an, es ist dringend!

*****

Kurz darauf ruft er tatsächlich zurück. Ist nach meiner aufgebrachten Frage, wo er denn bliebe, ganz erstaunt, dass unser Flug heute, genauer gesagt jetzt dann geht (ja sowas, ist denn schon Mittwoch?, will er wissen – Nein, sage ich, es ist Dienstag, aber unser Flug war schon immer für den heutigen Dienstag gebucht!).
Oh, dann hätte er sich wohl im Tag geirrt, mache sich aber nun auf den Weg und würde sich beeilen.

Wir beenden das Telefonat umgehend, weil wir keine Zeit mehr zu verlieren haben und mir ohnehin nichts mehr zu sagen einfällt.
Ich bin sprachlos ob dieser Vergesslichkeit. Nehme meinen Rollkoffer und mache mich auf den Weg zum Gate.

*****

Als ich auf dem Laufband stehe, folge ich einem Impuls: ich habe Lust loszurennen. Ich renne so schnell ich kann, unter mir das sich ebenfalls vorwärts bewegende Laufband, das dadurch entstehende Körpergefühl finde ich äußerst ulkig und denke: Lustig, das ist ja, als würde man sich gleich selbst überholen und abheben und fliegen. Herrlich!
Am Ende des Bandes angekommen setze ich den ersten Fuß (immer noch im Laufschritt) auf den hell gefliesten, blitzsauberen Boden und stürze beinahe kopfüber, weil der Untergrund ja nun nicht mehr rollt. Huch!

Etwas außer Atem komme ich am Gate an. Trete zu der langen Fensterfront, von der aus man wie von einer Empore auf das Rollfeld hinabschauen kann. Greife in die Manteltasche, um das Handy herauszuholen und dem Freund nochmal Bescheid zu geben, dass ich jetzt im Wartebereich bei Gate 261 sei und dass die Maschine noch nicht da sei, er es also vielleicht noch schaffen könne, wenn er die Beine unter die Arme nähme.

*****

Während ich seine Nummer in der Kontaktliste suche und mehrfach über das Display wische, denn bis zu seinem Namen muss ich diese Liste bis unten durchscrollen, fällt mein Blick auf das Rollfeld.

Dort unten tanzt jemand, umringt von Tauben. Kann das sein? Mitten auf dem Rollfeld?
Ich schaue genauer hin und erkenne in dem Tanzenden den Freund. Er tanzt nicht im herkömmlichen Sinne, sondern er dreht sich auf der Stelle, ein bisschen wie in Trance, immer um die eigene Achse – Was für eine grandiose Symbolik!, denke ich sofort, denn nichts könnte besser passen -, fuchtelt mit einem Gegenstand herum, macht Wurfbewegungen, die Tauben umflattern ihn, und als ich noch genauer hinsehe, entdecke ich, dass es eine kleine Papiertüte ist, mit der er herumfuchtelt und in die er immer wieder hineingreift, um ein Stück von einer Semmel abzubrechen.
Den Teigbrocken zerpflückt er dann in viele kleine Stückchen und wirft sie den Tauben zu, die Geschickten fangen die Krumen gleich im Flug auf, andere schwirren hektisch um ihn herum und gehen leer aus, ein paar der Vögel warten faul am Boden sitzend darauf, dass dem Freund ein Bröckchen aus der Hand oder einer anderen Taube eines aus dem Schnabel fiele und sie auf diese Weise etwas abbekämen.

*****

Staunend betrachte ich dieses Spektakel und mir wird klar: der Freund hat mich vergessen und er hat auch vergessen, dass er sich gerade eben noch beeilen wollte, so wie er zuvor auch den Flug vergessen hatte, und wie er ohnehin so vieles vergisst (oder ausblendet oder abklemmt), weil er in seiner ganz eigenen Realtiät lebt, die nur eine kleine Schnittmenge mit der Wirklichkeit da draußen hat (jene Wirklichkeit, in der es Freunde und Uhrzeiten und Flüge und Termine und Zukunftspläne gibt) – und oft wohl nicht einmal die.

Ich lasse mein Handy zurück in die Manteltasche gleiten. Betrachte ihn, wie er sich da unten auf dem riesigen, betonierten Rollfeld um sich selbst dreht und dabei Tauben füttert, er tut das mit einer Selbstvergessenheit wie man sie von einem Kind kennt, das einem plötzlich daherfliegenden Ahornblatt oder Schmetterling hinterherläuft, ganz fasziniert von der Buntheit des einen oder dem Flügelschlag des anderen, und das darüber völlig vergisst, dass es ja auf dem Weg zur Schule oder zur Klavierstunde oder wohin auch immer war – und das folglich zu spät kommen oder sich verlaufen oder nicht mehr wissen wird, wohin es eigentlich unterwegs war.

(Tatsächlich sah ich den Freund einmal – fernab jedes Orts- und Zeitgefühls, wie mir schien – auf einer betonierten Fläche stehen und Vögel füttern. Krähen waren es. Und er tanzte nicht.)

*****

Auf einmal hält der Freund kurz inne, dreht dann eine letzte Pirouette. Besonders schwungvoll soll sie aussehen, sie wirkt aber einfach nur affektiert.
Anschließend taumelt er mit herumrudernden Armen, um das Gleichgewicht nicht zu verlieren, auf eine Parkbank zu, die am Rande des Rollfelds steht. Ein Mensch sitzt dort, von hinten sehe ich nur dessen Umrisse.

Die Tauben erschrecken über den plötzlichen Ausbruch des Freundes aus ihrer Mitte, flattern wild auf und quittieren den unerwarteten Abbruch der Fütterung mit lautem Kreischen.
Es ist ein großer Schwarm, wie ich jetzt erst bemerke. Dutzende Vögel sind dort unten und sie kreischen so laut, dass ich es bis hinauf in den Wartebereich von Gate 216 hören kann. Als der Freund die Bank erreicht hat, landen sie wieder und sind still.

Plötzlich ist meine Perspektive auf das Rollfeld eine andere und ich kann erkennen, dass es die Mutter ist, die dort unten auf der Bank sitzt.
Der Freund redet nun mit der Mutter, ich sehe auch, wie ihre Lippen sich bewegen und noch mitten im Traum denke ich verwundert: Sieh an, von den Toten auferstanden ist sie und sogar die Sprache hat sie wiedergefunden, trotz ihrer Krankheit…
Er hält ihr die Papiertüte hin, in der sich die Semmeln befinden, neigt sie etwas nach vorn, damit die Mutter hineingreifen und sich ein Stückchen abrupfen kann. Als er merkt, dass ihr diese Bewegung schwerfällt, setzt er sich neben sie auf die Bank. Blass sieht er aus. Und abgemagert.

*****

Gemeinsam werden sie gleich die Tauben füttern, denke ich. Aber ich werde es nicht mehr sehen, der Flug wird soeben zum letzten Mal aufgerufen, ich muss mich auf den Weg machen.

Das Letzte, was ich sehe, ist das welke, bleiche Gesicht der Mutter, die kloßartig auf der Bank sitzt (oder ist’s gar ein Rollstuhl?), nahezu reglos bis auf ein müdes Lächeln, als sie unendlich langsam in die Semmeltüte hineingreift.
Verblichen ihre Theatralik und ihr Talent, sich bestmöglich in Szene zu setzen und der ganzen Inszenierung ihre ureigene, oft für ach so genial gehaltene Note aufzudrücken, um nicht zu sagen: ihre Fanfare.
All das ist verblichen, ihr Auftritt endlich mal ruhig und unspektakulär.

Ich empfinde eine tiefe Zufriedenheit beim Anblick dieser so neuen und ungewohnten Wahrhaftigkeit und bin zugleich der Fensterfront dankbar, dass sie mich durch ihre dicken Glasscheiben spürbar von dieser Szenerie trennt, dass sie mich abschirmt von den beiden dort unten.
Von Menschen, die den Vogel, den sie haben, ebenso regelmäßig wie selbstverliebt mit der Taube des Heiligen Geistes verwechseln.
Von Menschen, die so in sich und ihre Welt verschraubt sind, dass sie nie dort waren, wo sie hätten sein müssen, manchmal vielleicht sogar sein wollten.
Wo man fest mit ihnen rechnete.
Wo man sie gebraucht hätte.
Wo man auf sie gewartet hat.
Vergeblich.

Das Letzte, was ich in diesem Traum denke, ist: Da haben sich ja zwei gefunden, sollen sie mal zusammen dort unten hockenbleiben – ich werde jetzt fliegen.

Es ist ein friedlicher Gedanke, gleichwohl folgt ihm ein innerer Aufruhr, ein mahnendes, anklagendes: Warum bin ich nicht schon längst geflogen?

*****

Mit diesem Gefühl wache ich auf.
Finde mich in Seitenlage ganz nah an der Bettkante vor, dem Bettinneren zugewandt, nicht dem Abgrund.

Das Erste, was ich wahrnehme, als ich die Augen öffne, ist ein auf Brusthöhe und von dort im 90°-Winkel von mir weggestreckt liegendes, ellenlanges Dackeltier, das mit seiner Nasenspitze fast bis zur anderen Bettkante reicht.
Unser einziger Kontakt: ihr Hinterteil an meinem Solarplexus, eine der sensibelsten Stellen meines Körpers.

Ein Arzt fragte mich vor vielen Jahren einmal, ob und wenn ja, wo an bzw. in meinem Körper ich mich (wir wollen uns hüten, vom wahren Selbst oder der eigenen Mitte oder irgendetwas in der Art zu faseln) denn am deutlichsten fühlen oder verorten würde.
Ganz spontan tippte ich damals auf den Solarplexus und sagte: „Da wohne ich!“
Und so ist es geblieben: wenn ich überhaupt irgendwo in mir wohnhaft bin, dann exakt dort.

Ein warmes, weiches Dackelhinterteil beim Aufwachen aus so einem Traum an genau diesem Punkt innerster Heimat und größter Empfindsamkeit zu spüren – das ist wunderbar.

*****

Beim Duschen nochmal über den Traum nachgedacht und mich im Zuge dessen an den Tauben-Song schlechthin erinnert: When doves cry.

Den Text beim Haarewaschen repetiert (ein wandelndes Songbook der 70er und 80er Jahre bin ich, nichts sonst – von ein paar Schiller-Balladen und einer Handvoll anderen Gedichten mal abgesehen – konnte ich mir je so schnell und nachhaltig einprägen wie Liedtexte).

When doves cry. Noch ins Handtuch gewickelt in YouTube nach der Musik gesucht. Ewig nicht mehr gehört.
Lieber nicht das Video von dem Toten (so nackt, so verloren, so dunkel), sondern dieses hier (eh die bessere Stimme):

Maybe I’m just too demanding
Maybe I’m just like my father too bold
Maybe you’re just like my mother
She’s never satisfied (She’s never satisfied)
Why do we scream at each other
This is what it sounds like
When doves cry

*****

Das Murmeln der Wogen.

Gestern, beim Schwimmen im vom Winde aufgewühlten Wasser: der Rücken zu lange kalt beim Kraulen, die Nasenspitze fast eisig beim Rückenschwimmen, und doch die herbe Witterung so unerheblich, da innerlich so gedankenreich, dass es alle anderen Einflüsse überlagert.
Sätze und Bilder des Vormittagstermins flirren umher, unter sie mischen sich plötzlich ein paar fast vergessene Verse, erst aus einer Schiller-Ballade, danach dann Heine (ich weiß nicht mehr, ob ich zu der Zeit, als ich Lyrik noch aufsog wie ein Schwamm das Wasser, erst die Schiller-Phase hatte oder erst der Heine dran war oder ganz ein anderer, zu lang ist’s her).

Beim Heine bleibe ich hängen, „Der Schiffbrüchige“, ein Bruchstück aus dem zweiten Nordsee-Zyklus. Pro Armschlag ein Vers, pro Atemzug drei Verse, pro Bahn mehr als eine Strophe oder eben das, was die Erinnerung noch hergibt.
Ein Zusammensuchen dessen, was man mal konnte, wusste, parat hatte (und das passte eh gut zum Vormittagstermin, diesem Hinabtauchen in Gewässer, bis zu deren Grund man lang nicht hat blicken können oder wollen, so veralgt und verschlungen und dunkel dort unten).

Wer das Wasser liebt und das Schwimmen, der wird wissen, wie gut es sich da hineindenken lässt und wie es sich anfühlt, eine Welle mit den eigenen Armen beiseite zu peitschen (oder sie zu sich herzuholen und zu umarmen) und beim Luftholen kurz das Murmeln der Wogen zu vernehmen (oder auch die klare, reine Stille der fast völlig glatten Oberfläche).

Heute Vormittag nochmal diese Schiffbruch-Zeilen im Kopf, wieder im Wasserkontext, nämlich unter der Dusche.
Dann endlich die aus der Erinnerung gefallenen Textpassagen gegoogelt und nebenbei auf ein YouTube-Video gestoßen, das allerbeste, das man zu dem Gedicht hat finden können, zumindest das ich dazu für mich habe finden können, weil… (wie ich diese Stimme, diesen Klang, diesen Ausdruck liebe! sofort möcht‘ man ins Auto springen und ihn heut‘ noch einmal auf der großen Bühne sehen!)

Ach, hören Sie sich’s einfach selbst an.

(…) Und über mich hin ziehen die Wolken,
Die formlos grauen Töchter der Luft,
Die aus dem Meer, in Nebeleimern,
Das Wasser schöpfen,

Und es mühsam schleppen und schleppen,
Und es wieder verschütten ins Meer,
Ein trübes, langweilges Geschäft,
Und nutzlos, wie mein eignes Leben.

Die Wogen murmeln, die Möwen schrillen,
Alte Erinnerungen wehen mich an,
Vergessene Träume, erloschene Bilder,
Qualvoll süße, tauchen hervor! (…)

Cevedale oder: Neue Horizonte.

Heute die erste einer Handvoll (therapeutisch begleitender) Sitzungen, die zu Beginn dieses neuen Jahres (vielmehr aber zum Beginnen des Beendens eines langgehegten Lebensmusters) äußerst sinnvoll bzw. geradezu notwendig schienen.

Coach und Couch sind vertraut, das Dackelfräulein darf auch mit und rollt sich nach kurzem Begrüßungswälzen auf dem roten Teppich genüsslich auf selbigem ein (Donut-Style) und verschläft dort, selig berieselt von ihr bekannten Stimmen, das Stündchen.

Es geht heute um die „Blutegel“ in meinem Leben.
Nicht etwa um die, nach deren Ansetzen man angeblich schmerz- und entzündungsbefreit wie ein junges Reh durchs Leben springen würde. Sondern um die, deren Biss nichts als weh tut und deren Saugen überhaupt nichts bringt, sondern nur wertvollen Saft abzapft, der dann anderswo fehlt, nämlich im eigenen Energie- und Lebensfluss.

Warum aber – und das ist das eigentlich Spannende dabei – geht man wider besseren Wissens immer wieder in die Sümpfe hinein und holt sich dort einen neuen Blutegel? Und setzt den nutzlosen Sauger wieder an, mit dem ewig gleichen, negativen Resultat? Was soll diese Reinszenierung?

Etwas leer im Kopf verlasse ich die Praxis und spaziere durch die Altstadt Richtung Isar.
Am Isartorplatz fällt mein Blick in das Schaufenster eines großen Sport- und Outdoorladens. Auf einem der Riesenplakate erkenne ich die Birkkarspitze. Drüber zieht ein Adler seine Kreise, drunter steht „Neue Horizonte“.
Sehr ansprechend. Mir fallen sofort meine alten, undichten, abgelaufenen Bergstiefel ein, in denen ich neulich mit eiskalten Zehen durch den Schneesturm den Berg hinunterrutschte und in denen man dem Ruf des Adlers nicht mehr allzu gut folgen könnte.

Ich gehe in den Laden hinein. Paradiesische Ruhe dort, so am späten Vormittag. Die Symmetrie, mit der die Langlaufski an der Wand lehnen, farblich und nach Größe geordnet, eine wahre Augenweide.
Ein netter Verkäufer, dem ich im Unterschied zum IKEA-Katalog das (an sich unpassende) Geduze sofort nachsehe, kümmert sich mit einer Engelsgeduld um die Neueinkleidung meiner Füße, vermisst sie, bemerkt die beiden Spezialzehen und erhält dafür sofort einen Vertrauensvorschuss.
Das Dackelfräulein beobachtet das Geschehen ebenfalls mit ungewöhnlicher Engelsgeduld (gestern noch, mit dem Gatten telefonierend, lang über ihre Unart geschimpft, sich nicht einfach mal ohne Umschweife an einem ihr zugewiesenen, warmen und sicheren Platz ruhig niederlassen zu können – sie muss es gehört und sich zu Herzen genommen haben) und erhält dafür sofort einen Fressensvorschuss.

Die Atmosphäre ist so angenehm, dass sogar Zeit ist, sich mal mit ausführlichen Instruktionen zu Schnürtechniken zu befassen (wahlweise straff am Rist oder an der Ferse oder oben gelockert für den Aufstieg) und schlussendlich staube ich nebenbei auch noch fürs Fräulein einen hilfreichen Bergtipp ab, weil ich – mittlerweile in Plauderlaune – von der Kängurunummer neulich berichte und der Verkäufer dazu eine Idee hat: „Kennst du die Filz- und Lodenmanufaktur in der Rumfordstraße? Der Chef fertigt spezielle Rucksäcke für Jäger, in die der Waldi neipasst, wenn er mal nimmer ko oder derf!“.
Nein, kenn‘ ich nicht. Ist aber der Brüller: Schau’n Sie sich DAS mal an (unter dem Menüpunkt „für den Hund“, ganz links unten) – ja da möchte man sich doch auf der Stelle einen Zweitteckel zulegen, damit die dann im Doppelpack so keck rausgucken aus dem Rucksack (und auch die lässige Hundetragtasche, echt spitze, braucht man nur noch einen Sponsor für die noble Dackelsänfte)!

So macht Einkaufen tatsächlich mal wieder Spaß, was für jemanden wie mich wichtig ist, da ich grundsätzlich nicht gern „shoppe“ oder „bummle“, sondern nur losgehe, wenn ich konkret was brauche und selbst dann dauert’s, bis ich mich zu der Besorgung aufraffen kann.

Der freundliche Verkaufsbursche holt mir vier Paar Bergstiefel in meiner Größe aus dem Lager. Ich turne nacheinander mit allen Modellen über die Fels-Attrappen, die als Teststrecke für den Schuhkauf dienen, steige Treppen hinauf und hinab, marschiere in aller Ruhe durch die gesamte, herrlich leere Bergsportetage.
Die seit 40 Jahren bewährte Marke bewährt sich auch jetzt wieder. Passt wie angegossen.
Sehen sogar fesch aus. Und sind nach dem Monte Cevedale benannt, den man beispielsweise über einen Grat von den Zufallsspitzen aus erreichen kann, was irgendwie leicht/locker und so gar nicht schicksalsträchtig/düster klingt, und die Region stimmt eh.

Eine Dreiviertelstunde später treten meine neuen Stiefel und ich hinaus in die Kälte. Auf der überdimensionierten Tasche, die ich stolz über meine Schulter gehängt habe, prangt ebenfalls der Schriftzug „Neue Horizonte“ (was bin ich nur für ein schlichtes Konsumentengemüt an diesem Montagvormittag nach Termin 1 zum Blutegel-Thema, nach den noch folgenden Terminen werde ich künftig sicherheitshalber mit der U-Bahn zur Isar fahren).

Die scarpe cevedale turchese werden locker drei Birkkarspitzen in Serie packen (was ich gar nicht vorhabe, aber es muss ja noch Luft nach oben sein bei solchen Anschaffungen).
Kein Tiefschnee der Welt wird ihnen etwas anhaben können und auch kein noch so sumpfiges Gelände.
Und mit ihrem „aggressiven Profil“ (Zitat aus dem Verkaufsvortrag) können sie auch jedem Blutegel auf Anhieb den Garaus machen oder der kleine Parasit beißt sich zumindest gscheid seine Zähne aus an der Hard-Shank-Brandsohle (nie gehört, klingt aber wichtig und wie eine Lebensversicherung).

So wie jeder Weg mit dem ersten Schritt beginnt, schreite man neuen Horizonten am besten mit geeignetem Schuhwerk entgegen.

Ge_danke_n 2018 (5).

Alles, wo’s ums Zupacken geht, beginnt mit W.

W wie Wohnungsrenovierung, W wie Wertstoffhof, W wie Waschbeckenmontage, W wie Wände streichen, W wie Werkeln wie ein Wilder u.v.m.
Kurz: W wie Wiktor.

Es war nicht immer einfach, hat alle Beteiligten Nerven und Kraft gekostet, aber eines Novembertages ward es vollbracht.

Ohne den fleißigen Handwerksfreund sähe die Wohnung weit weniger bewohnbar aus oder wäre an viel mehr Stellen von Lolek & Bolek verpfuscht worden. Ohne sein unermüdliches Werkeln in all den Nischen, Fugen, Ritzen, Kammern und Räumen wäre unser neues Zuhause vermutlich noch längst nicht fertig renoviert. Und vor allem hätte ich kein eigenes Klorollen-Aufbewahrungs-Fach und kein auf Stiefelhöhe maßgeschreinertes Abstellsegment im Regal des Kammerls. Und auch keine neue Lampe in der Diele, denn dazu musste ja erstmal die alte kaputtgehen, damit die Idee einer neuen Lampe überhaupt geboren werden konnte (und freilich ist die alte sogleich von Wiktor repariert worden).

Wir danken Wiktor für seinen enormen Einsatz hier bei uns in der Ludwigsvorstadt & schicken ihm die besten Wünsche zu Weihnachten in die Hohe Tatra, wohin er sich nach dem Anbringen der letzten Leuchte justament in Klausur begeben hat, allerdings nicht ohne von uns ein großes Packerl mit Rischart-Gebäck zugesteckt zu bekommen, als Wegzehrung, die hoffentlich gemundet hat, dort in den fernen, kargen, eisigen Karpaten!

Weiterhin eine gute Zeit für Sie, werter Wiktor, und falls Sie mal wieder in der Nähe sein sollten, könnten Sie glatt die weiche Silikonfuge an der Schiebetür erneuern (die, die Sie eh schon einmal erneuert haben, Sie wissen schon: als wir noch dachten, es läge nur am ukrainischen Billig-Silikon, dessen Austausch, wie so manches andere auch, natürlich nur ein Handwerkertrick war, um den Kunden zu beruhigen und bei Laune oder bei der Stange zu halten 😉 )

Wesołych świąt i szczęśliwego nowego roku!

PS: Die Unterlagen zu Ihrem Einbürgerungsantrag habe ich Ihnen übrigens wie gewünscht an Ihre Postanschrift nach Warschau geschickt, in zweifacher Ausfertigung und übersetzt ins Polnische, versteht sich, damit Sie auch wissen, was Sie da unterschreiben.

Song des Tages (26).

Fertig sind wir, in jeder Hinsicht.
Das aber immerhin bei gutem Licht in allen Räumen.

Advent, Advent, ein Lichtlein brennt!

Mit einem finalen großen Dankeschön an unseren Handwerksfreund Wiktor und einer Verneigung vor unseren eigenen Kräften & Nerven beschließen wir nun zufrieden und erleichtert das Projekt (besser gesagt: den Lebensabschnitt) „Wohnungswechsel in der Weltstadt mit Herz ( & Wuchermieten)“.

Saw you stretched out in Room Ten O Nine
With a smile on your face and a tear right in your eye
Oh, couldn’t see to get a line on you
My sweet honey love

May the good Lord shine a light on you
Make every song (you sing) your favorite tune
May the good Lord shine a light on you
Warm like the evening sun

And the angels beating all their wings in time
With a smile on their face and a gleam right in their eyes
Could not seem to get a high on you
Come on up now, come on up now, come on up!

Einen lichten ersten Advent wünscht Ihnen –
Die Kraulquappe.

(Kaum war die letzte Leuchte angebracht und der letzte Pinselstrich getan, sank sie mit einer stattlichen Erkältung in die Kissen und zog sich für drei Tage die Decke über den Kopf und lupfte sie nur, wenn der Gatte einen Tee brachte oder das Dackelfräulein hinein oder hinaus wollte.)

Sky of memory and shadow (a dream of life). Zum 21. November 2018.

Lieber P.T.,

es ist an der Zeit, Ihnen mal ganz explizit zu danken.
Und Ihr Geburstag ist ein sehr guter Anlass dafür.

Ohne Ihren beharrlichen Zuspruch und Ihre Unterstützung hätte ich es vor vier Jahren mit Sicherheit nicht so (vergleichsweise und für meine Verhältnisse) schnell geschafft, mich aus meiner beruflichen Sackgasse zu befreien und den Horror vor all den damit verbundenen „Amtswegen“ zu überwinden (und erst recht den, anschließend ins Bodenlose zu fallen).
All meine Schreckensvisionen haben Sie sich angehört, nachgefragt, seziert und behutsam darauf hingewirkt, sie zu eliminieren oder sie zumindest auf ein realistisches, rationales Maß zurechtzustutzen. Heute muss ich über so manches schmunzeln, was ich damals für unmöglich oder nicht umsetzbar hielt (und feststellen: sogar noch viel mehr als DAS war machbar und die Welt ist selbst dann nicht untergegangen, sogar die in dem Kontext innerlich ausgemalten Kleinkatastrophen blieben aus – das Schicksal ist wirklich in vielerlei Hinsicht ein mieser Verräter).

Ohne Ihren klugen und empathischen Beistand hätte ich mich noch weitere Jahre mit dem Fehlen einer Antwort auf diese eine zentrale Frage (die Mutter betreffend, Sie wissen schon) herumgequält, die mich vor 13 Jahren erstmals in Ihre Praxis führte. Mittlerweile liegen Frage und Antwort ungeahnt friedvoll nebeneinander in einem Ruheforst und die Qualen sind weitgehend über- und ausgestanden.

Ach ja, und dann noch diese andere Riesensache aus der Rubrik „Endlosschleife der Verhaltensmuster aus der Kindheit“. Ohne Ihr geduldiges Zuhören und Ihr kritisches Nachfragen hätte ich mich vermutlich noch ein weiteres Jahr in dem absurden Rettungsprogramm dieser recht hoffnungslosen Knalltüte Person (der U., Sie erinnern sich) sinnlos aufgearbeitet. Und den Absprung erst viel später geschafft und dann womöglich den Gatten nicht mehr getroffen, endlich einen Menschen, der nicht gerettet werden musste und nicht im düsteren Kerker seines nicht gelebten Lebens und seiner Ideenlosigkeit vor sich hin trank und jammerte.

All die Jahre war ich Ihnen übrigens auch immer wieder dankbar dafür, wenn ich heulend dasitzen durfte ohne dass Sie dann je in einen betulichen Trostmodus verfallen wären – ich schätzte es immer sehr, dass Sie meine Tränen mit genau dem richtigen Gesichtsausdruck ausgehalten und angenommen haben (und einfach ein Taschentuch herüberreichten).

Nicht zu vergessen: Ihr Hinweis auf einen definitiv lebenswichtigen Film für Hunde- und Dackelliebhaber. Auch dafür herzlichen Dank. Denn seit wir Pippa haben, kriegen wir das Kinoprogramm meist nicht mal mehr mit, sondern sind zu Serienjunkies auf der heimischen Couch avanciert, weil da der Hund mit dabeisein kann.

Zu guter Letzt sei erwähnt, dass ohne Ihre Impulse diese Zeilen heute wohl nicht hier stünden, denn Sie waren es, der mir den Widerwillen (und die Vorurteile) gegen das Bloggen nahm und mich vor meiner großen Schwedenreise 2014 zum Schreiben animierte.
Wer weiß, ob ich ohne diesen Anfang später je versucht hätte, meine Texte auch anderswo unterzubringen und das eines Tages sogar gegen Bezahlung…

Und wissen Sie was? Wenn alles gutgeht, dann fahre ich nächstes Jahr erneut über die geliebte Öresundbrücke, wo Sie zwar leider wieder nicht als Kassierer sitzen und mir ein fröhliches „Hej hej“ und „Trevlig resa“ zurufen werden, aber ich würde diesmal die Brückenmaut auch nicht mehr selbst bezahlen müssen, weil mir die gesamte Fahrt gesponsert würde, bis nach Gotland!
Sollte das wirklich klappen, fotografiere ich Ihnen alle schwarzen Schafe, die ich auf der Insel treffe und bring‘ Ihrem Hund eine Decke aus Gotlandwolle mit – versprochen!

Als Zeichen meines Danks für alles, das Sie für mich getan haben bzw. mich konsequent anstupsten und ermutigten, es selbst für mich tun zu können, gebührt auch Ihnen ein Song vom Boss (Sie ahnten es natürlich, dass das kommen würde 🙂 ).

Es ist keiner meiner favorites, dafür sind über weite Strecken die lyrics wirklich sehr passend für das, was ich damals empfand und das, was über die Jahre daraus erwuchs: The rising (somehow).

Can’t see nothin‘ in front of me
Can’t see nothin‘ coming up behind
Make my way through this darkness
I can’t feel nothing but this chain that binds me
Lost track of how far I’ve gone
How far I’ve gone, how high I’ve climbed
On my back’s a sixty pound stone
On my shoulder a half mile of line

A dream of life comes to me
Like a catfish dancin‘ on the end of my line
Sky of blackness and sorrow (a dream of life)
Sky of love, sky of tears (a dream of life)
Sky of glory and sadness (a dream of life)
Sky of mercy, sky of fear (a dream of life)
Sky of memory and shadow (a dream of life)
Your burnin‘ wind fills my arms tonight
Sky of longing and emptiness (a dream of life)
Sky of fullness, sky of blessed life
Come on up for the rising!

 

Wir sehen uns dann demnächst beim üblichen „Jahresabschlussgespräch über die aktuellen Lebensbaustellen“. Das Fundament nun ein so anderes als vor 5 Jahren, das Grundgefühl ein so viel stabileres und die Aussichten bei Weitem nicht mehr so trüb wie damals, im Gegenteil. Nur hätte ich nicht gedacht, wie lange das dauern würde, dieses Sich-Rausschälen aus dem, was nicht mehr passte und vielleicht eigentlich nie passte, was krank machte, einen blockierte und abhielt oder ablenkte.

Auch da hatten Sie recht: es ist ein langer Weg.
Drehe ich mich um, kann ich all den zähen Morast, die tiefen Furchen, die üblen Stolpersteine noch sehen. Schaue ich nach unten, fühle ich jetzt festen Boden unter meinen Füßen. Und richte ich den Blick nach vorn, sehe ich zwar noch keinen klar umrissenen Weg, aber doch schon viel mehr als nur eine Andeutung desselben – und vor allem sehe ich dieses Leuchten am Horizont.

Bis bald & zum heutigen Tag die allerbesten Glückwünsche für Sie –

Ihre N.H. alias Kraulquappe.

Letzte Mittagspause…

…vor Abreise unseres Handwerksfreundes.

Zur Feier des Tages genehmigen wir Wiktor etwas Zeit zur freien Verfugung:

(Man muss ja schon Obacht gebn mit dene Handwerker. Denn da Handwerker an sich is scho a Hund. Am vorletzten Tag richten’s einem alles so her, dass es gut ausschaut und man sich freut und im Endspurt wähnt (alles im Zeit- und Kostenplan, juhu). Am letzten Tag aber – und das ist der Trick! – hören’S den Polen den ganzen Tag über immer wieder ein dramatisch prononciertes „Oioioi!“ aus irgendeinem Raum Ihrer Wohnung stöhnen, dann gehen’S hin und schaun und sehn hier und da eine spontan zugespachtelte Stelle (schwarze Spachtelmasse auf weißer Wand, damit’s auch besonders dramatisch ausschaut!), die ihm jetzt erst aufgefallen ist (angeblich war da eine Delle oder was locker oder kaputt!) und wo man unbedingt was hat tun müssen, was er natürlich sofort tat, beflissen wie er ja ist, aber heut nicht wird fertigstellen können, so dass sich dringend ein Folgeauftrag empfiehlt, möglichst bald am besten, geschätzter Aufwand „Unter eine ganze Tag geht nix, weil muss trocknen und schleifen und beobachten und streichen!“. Sie schlucken und denken „Huijuijui, das wird also nochamal an Flins kosten!“, aber es wird wohl trotzdem am besten sein, den Auftrag wieder an Wiktor zu vergeben, denn bis Sie, Ihr Gatte und Ihr Hund sich an einen andern Handwerker gewöhnt haben…  – na, des machma ned, also schlagen’S natürlich ein und überlegen, wie Sie diese ungeplante Investition wieder wettmachen könnten und streichen dann halt kurzerhand die Mittagspause, denn irgendwie muss man ja die Oberhand behalten in dem Chaos da herin.)

La cage aux Folien.

7 Uhr morgens. Der Handwerkertag beginnt.

Frühstück, Morgengassi, Zähneputzen, Arbeitsklamotten anziehen, Lagebesprechung und los geht’s.
Durch den Folienvorhang fällt gelegentlich ein Sonnenstrahl in die Wohnung…

…Zimmer für Zimmer werden die Türrahmen abgeschliffen und lackiert, es staubt und stinkt, täglich entsorgen wir zwei Mülltüten und einen Berg an Folien.

Während Wiktor werkelt, flüchte ich gelegentlich mit dem Dackelfräulein nach draußen – gottseidank muss der Hund ja bewegt werden! – …

…oder unternehme Fahrten in den nahegelegenen Baumarkt, wo ich ganz nebenbei die Entdeckung meines Handwerkerbetreuerinnenlebens mache:

Wenn man seine Wunschfarbe gefunden hat, zeigt man dem bärtigen Mitarbeiter aus der Abteilung „Farben & Lacke“ ein Kärtchen mit dem Skandinavisch-Rauchgraublau drauf und der bärtige Mitarbeiter lässt – ja, was es nicht alles gibt! – eine EDV-gesteuerte Maschine eben jene Farbe anmischen…

…danach kommt der zusammengemixte Eimer noch in den Rüttler, wo die Farbe „streichbereit“ verrührt wird. Super Sache und das alles in 5 Minuten! Anschließend wird einem der Farbkübel in den Einkaufswagen gestellt, man karrt alles nachhause, stellt Wiktor den 5-Liter-Pott hin und sagt: „Guckstdu – hier neue Arbeit für morgen!“.

Ich werde beim Abkleben und Streichen mithelfen, damit wir eine Chance haben, an einem Tag damit fertig zu werden (Diele rauchgraublau, Flur weiß). Nicht etwa, weil Wiktor langsam wäre, nein, nein, er ist ein Bollwerk an Fleiß und Ausdauer, sondern weil wir mal wieder durch etliche unvorhersehbare Aktionen aufgehalten wurden und ich damit rechne, dass uns noch ein paar weitere Überraschungen bevorstehen, für die ich nun vorsorglich einen zeitlichen Puffer eingeplant habe.

Da will man zum Beispiel eine Glühbirne in der Dielen-Lampe wechseln, damit der Handwerker besseres Lackier-Licht hat, dabei verbiegt es aber die Kontakte in der Lampenfassung, was nach sich zieht, dass Wiktor sogleich die Lackierrolle aus der Hand legt, auf eine Leiter steigt, die Lampe abmontiert und nachsieht, ob sich die Fassung wieder geradebiegen lässt, was leider nicht der Fall ist, so dass ich ins Auto steige und losfahre und eine neue Lampe besorge (die alte war eh zu klein für den Raum), die ich zwar 52 Minuten später in einem großen Karton in die dunkle Diele wuchte, aber beim Öffnen des Kartons bemerken wir, dass wir das neue Teil erstmal zusammenbauen müssen, was ziemlich saublöd ist, wenn es zum Zeitpunkt der Kartonöffnung schon 16:45 Uhr ist und zwei Mägen leer sind und die Cannelloni erst noch gefüllt werden müssen, damit man gegen 18 Uhr endlich mal was zwischen die Kiemen bekommt. Also verschieben wir diese Montagearbeit auf später und Wiktor lackiert weiter und ich stopfe die Spinat-Ricotta-Füllung in die Cannelloni, schiebe das Ganze in den Ofen, stelle den Küchenwecker auf 45 Minuten und verlasse dann mit einem großen Schritt die Küche Richtung Flur, weil ich nämlich auf keinen Fall auf die Türschwelle treten darf, deren Fuge zum Fliesenboden hin heute leider noch nicht wie geplant silikoniert werden konnte, weil Wiktor feststellte, dass der Untergrund der Türschwelle so wacklig ist, dass die neue Silikonfuge in Kürze einreißen würde, weil sie aufgrund der Wackligkeit nicht dort bliebe, wo sie hinverfugt werden würde, weshalb Wiktor am Nachmittag Löcher in den Untergrund der Schwelle bohrte und alle Hohlräume mit Montagekleber ausspritzte, den ich heute Vormittag so eigenständig wie unvorhergesehen im Baumarkt besorgen durfte.

Äh, wo waren wir stehengeblieben? Was hatten wir eigentlich vor?
Richtig: der letzte der 11 Türrahmen sollte heute noch fertig lackiert werden.

Danach wollten wir noch die Lampe zusammenbasteln und aufhängen, damit nachts keiner im Flur über die Lackwanne und den Farbeimer stolpert. Selbstverständlich bemerkten wir dabei, dass die neue Lampe an einzelnen Lamellen beschädigt war, weshalb wir sie wieder verpacken und in den Karton zurückstecken mussten, damit ich das Ding wieder umtauschen kann. Bzw. zurückgeben, denn zwischenzeitlich ist beim Rumwurschteln, Drüberreden und -nachdenken eine neue Lampenidee gereift, die Wiktor und ich sogleich mit dem Gatten besprechen, der vom fernen Frankfurt aus seine Zustimmung zur Plan- und Designänderung (und der nicht unerheblichen Investition) geben muss und auch gibt.

So vergehen die Stunden und Tage und abends kippen wir hier völlig fertig in die Betten, bis das Dackelfräulein mich um 6:50 Uhr weckt, weil es sich natürlich längst gemerkt hat, dass es um Punkt 7 Uhr nach nebenan flitzen darf, um dort Wiktor aus dem Schlaf zu reißen.
Und täglich grüßt das Murmeltier der Dackelbleschl.

Heut wird also gestrichen!

Es geht sehr gut voran hier, aber eines sag‘ ich Ihnen:
Für die nächsten Jahre will ich die Worte „Umzug“ und „Renovierung“ nicht mehr hören.

Unter Fischen oder: Herbstangebote.

Plötzlich purzelt eine Postkarte aufs Parkett…

…etwas zerknittert und angegriffen wirkt sie (was ja recht gut passt) und man betrachtet ihr Motiv (fragt sich, wer eigentlich der Haifisch ist oder war und was der Schlawiner zu grinsen hat), dreht sie um, liest den Text (ist ein bisserl gerührt und ein bisserl nachdenklich zugleich) und denkt fortan nach über zweite Chancen in Freundschaften (oder ist’s schon die dritte oder vierte?) und entschließt sich dann zu einer Antwort.

Hier ist sie:

Versuchen wir’s also, die alten Baustellen zu beseitigen und zu schließen, bevor das Herbstlaub in die Baugruben rieselt und man da mit der Harke gar nicht mehr durchkäme.

Und wie das konkret vonstatten gehen könnte, sollte vielleicht alsbald bei einem gepflegten Glas Gerstensaft besprochen werden…

…zu dem ich hiermit einfach mal einlade.

Sollte man dabei (nüchtern betrachtet, versteht sich) übereinkommen, dass man gemeinsam eine neue Runde in verlässlicheren Gewässern unternehmen könnte… -, nun denn, warum nicht, man wird’s ja sehen, ob das unter Menschen so klappt wie unter (Hai-)Fischen und vielleicht wird ja doch nochmal ein nettes Filmchen draus.

Potenzial hätt‘ die Story mittlerweile allemal.