Ich denke Sie mir im Zimmer sitzend, mehr Omelett als Mensch.

(Die Beitragsüberschrift, passend zu den hinter uns liegenden Hundstagen, wurde entnommen aus: Friedrich Nietzsche. Briefe. An Heinrich Köselitz, 30. Juli 1887. )

Nach der Rückkehr aus Österreich brauchte ich diesmal ein paar Tage: zum Ankommen, zum Sortieren und um mich wieder in das Hiesige einzuklinken.
Ein Bergtag bei Lenggries mit schöner Überraschungsbegegnung auf der Hüttenterrasse, ein Schwimmabend mit dem Gatten und dem Fräulein am Lieblingsplatz des Starnberger Sees (überhaupt: das Schwimmen und der Bergsport, was für eine wohltuende Kombination und endlich ist wieder beides regelmäßig möglich) und ein Morgengassi samt Zweitfrühstück mit dem hübsch Bewimperten halfen doch sehr dabei.

Vor der Haustür bzw. auf der Theresienwiese werden neue Corona-Teststationen errichtet und in Betrieb genommen, daneben wummert die Musik von der kleinen, bewundernswerten Initiative „Kunst im Quadrat“, gegenüber der Drive-In-Zelte für den kostenlosen Rachenabstrich lungert die daheimgebliebene Menschheit kostenlos unter Palmen herum und pinselt sich den Rachen mit Alkohol aus, ein paar turnen auch übermütig und teils sogar recht talentiert auf dem Parkourgelände herum.
An die morgendlichen Müllberge hat man sich zwischenzeitlich fast schon gewöhnt, an den immer noch mit Verschwörungstheorien hausierenden und nervenden Nachbarn allerdings nicht.

Es kommt zu einer kleinen Entgleisung in Form einer minimalen Beschimpfung, als besagter Nachbar einem bei einer Zufallsbegegnung im Treppenhaus mal wieder ungebeten eine coronakritische Frage vor den Latz knallt – ich kann diesen „Ihr armen Unwissenden, Massenmediengläubigen und Noch-nicht-Erleuchteten“-Gesichtsausdruck, den seine Visage bereits einnimmt, bevor die tendenziöse Frage seinen Mund verlässt, schlicht nicht mehr sehen.
Im Grunde sind das auch gar keine echten Fragen, die er an uns hat, sondern lediglich plumpe Aufhänger, um sein Reservoir seiner Antworten auf Fragen, die wir seiner Ansicht nach dringend haben sollten, ungefragt vor unseren Füßen ausleeren zu können.
Ohnehin stelle ich von Woche zu Woche eine größere Gereiztheit bei mir fest, wenn ich diese neunmalklugen oder zehnmalignoranten Egoisten bzw. in einer Diktatur Lebenden sehe, höre, erlebe oder von ihnen lese.
Umso froher bin ich, wenn ich Anderes lese (ohnehin ein äußerst empfehlenswerter Blog).

Die Ferienzeit hier in Bayern bringt im Coronasommer 2020 etliche Tücken mit sich, die eine Umstellung der Gewohnheiten nötig machen.
An die Isar gehen wir jetzt nur noch wochentags zur Morgen- oder Mittagszeit, bevor das Partyvolk (ich habe gelernt: „Feiern“ ist offenbar ein menschliches Grundbedürfnis wie Essen, Trinken, Verdauen und Schlafen) das Flussufer bevölkert und zumüllt.

Die schönen Seen in der Umgebung besuchen wir ausschließlich nach 19:30 Uhr, wenn dort keiner mehr meckert, weil man einen Hund dabei hat und man problemlos Abstände einhalten kann, weil kaum noch jemand dort herumliegt. Leider liege ich dort nicht mal abends lange herum, weil die Mücken mich sehr lieben, was leider nicht auf Gegenseitigkeit beruht.

In die bayrischen Berge geht es seit Sommerferienbeginn nur noch antizyklisch und nur noch dorthin, wo keine Bergbahnen/Sessellifte in der Nähe sind und die Anliegergemeinden noch nicht namentlich in der Presse erwähnt wurden (wegen verzweifelter Einwohner, die sich vor lauter Parkwahnsinn und Touristen nicht mehr zu helfen wissen und Ranger einsetzen, die die Wildparker,-camper und -biesler zur Räson bringen sollen).

Positiv zu erwähnen ist: Abgesehen von den üblichen Hotspots (ein Wort, das ich nun letztmals niederschreibe, weil ich dessen inflationäre und teils auch idiotische Verwendung nicht mehr ertragen kann) leert sich die Stadt zusehends. Zum Lieblingsbad sind es nur noch 10 Minuten statt 15, zum Englischen Garten nur noch 13 Minuten statt 20. Der Oberjägermeisterbach ist nicht mehr beidseitig belegt, so dass das Fräulein wieder ungestört ihr Bad nehmen kann und man läuft auch nicht mehr Gefahr, dass auf der Wiese, auf die sie saust, um sich nach dem Bade zu schütteln, ein Nackerter benetzt wird.

Ebenfalls erfreulich: Auch den Psocoptera scheint es zu heiß geworden zu sein, sie sind – bis auf vereinzelte Mitglieder ihrer Großfamilie, die eisern die Stellung halten – verreist. Dass sie im Begriff sind, komplett und für immer auszuziehen, möchte ich lieber noch nicht beschreien, das glaube ich erst, wenn wir ein paar kühlere, nassere Tage in Folge erlebt haben werden, in denen sie nicht erneut in Windeseile unser Bad okkupieren.
Die Prognose des Schädlingsbekämpfers hat sich ohnehin bewahrheitet: sowas dauert Monate. Drei waren es bis jetzt, hoffen wir, dass es bei dieser Quartalsqual bleibt und das Ganze nun ein Ende hat. Die Mietminderung nehme ich in jedem Fall so lange in Anspruch, bis die letzte Laus ihr Ränzlein geschnürt und sich aus dem Staub gemacht hat, den es hier wohlgemerkt nicht gibt, weil ich auch darauf allergisch reagiere (aber wie Sie dank des Ungezieferlexikons, das ich seinerzeit zur Thematik verlinkte, wissen, hat die Staublaus ja auch gar nichts mit Staub zu tun, es war nur irgendein Biologe zu doof, sie Schimmelsporenlaus zu taufen).

Apropos Staub. Die vor ein paar Tagen frisch geputzten Fenster sind schon wieder dreckig. Was nicht etwa am bösen Feinstaub der Großstadt liegt, sondern an dem Gewerkel von Lolek und seinen Jungs. Unten im Hof werden die Mauern renoviert. Der Vermieter hatte das seit einem Jahr angekündigt, dass er „dringend mal an das marode Mauerwerk ranmüsse“. Eigentlich wäre „kaschieren“ das bessere Wort gewesen für diese Pseudo-Ausbesserungsarbeiten, die da grad stattfinden: wie immer wird da nichts gründlich gemacht, sondern nur die gröbsten Schäden geglättet oder einfach drübergespachtelt und -gestrichen über all die Risse und Löcher. So ist das hier, da muss man mit leben.

Ansonsten gut gekocht und noch besser gegessen, ich bin ja ein bekennender Fan meiner eigenen Gerichte, allen voran den Quiches mit diversen Füllungen.
Am Samstag war der hübsch Bewimperte nebst seiner vierbeinigen Gefährtin zum Essen geladen, und auch zur Wohnungsbesichtigung, denn die beiden kannten die Räumlichkeiten hier noch gar nicht, weil wir uns ja fast immer draußen treffen.
Er beschenkt mich mit dem zweiten Blumenstrauß, den ich binnen zwei Tagen erhielt, normalerweise komme ich bloß alle zwei Jahre einmal in den Genuss von Schnittblumen. Wobei der Strauß, den ich am Freitag von Bekannten bekam, gar nicht so richtig zählt, weil das ein fertig gebundener war: zu bunt, zu kompakt, zu schnell welk und sowieso irgendwie lieblos, dieses aufgeblähte Büschel.

Die beiden Hundedamen liegen während des Abendessens harmonisch unterm Tisch, was allen Anwesenden das gute Gefühl vermittelt, dass das schon klappen würde mit dem geplanten, dreitägigen Dogsitting, sofern der hübsch Bewimperte seine kleine Reise diese Woche denn überhaupt antreten kann (wg. Reisewarnungen allerorten).

Es wäre jedenfalls kein Schaden, die beiden Fräuleins würden sich schon mal ans gemeinsame Übernachten gewöhnen, weil sie das wenig später ohnehin bewerkstelligen müssen, wenn wir uns dann zu viert ins Maiensäss verziehen, eine abgelegene Almhütte irgendwo in der Graubündner Bergwelt, wo sich Distanzfragen endlich mal wieder aus ganz anderer Perspektive verhandeln lassen: Wie weit ist es zum Bäcker im Tal? Kann man das Morgengassi bis zum Bergsee ausdehnen? Schaffen wir’s zum Abendessen ins Berggasthaus Gemsli (oder gibt es doch nur Nudeln mit Sauce aus dem in die Klause mitgenommenen Vorrat)?
In Google Maps schaut das ja alles recht nah beieinander aus, aber die dünnen Schlangenlinien sind vermutlich winzige Serpentinensträßchen und die topographische Darstellung lässt schon das eine oder andere Gefälle erahnen zwischen Hütte hier und Gasthaus dort.
Hoffen wir mal, dass die Schweizer uns noch einreisen lassen und uns ein paar schöne Spätsommertage dort oben beschieden sind.

Denn ab und an gibt es nun bereits Tage, die dezent nach Sommerende duften. Ich persönlich rieche zwar noch nichts, aber das Dackelfräulein reckt das Näschen an solchen Tagen auf eine andere Art schnuppernd in die Morgenluft, woran man untrüglich den nahenden Abschied der aktuellen Jahreszeit und die sich heranpirschende nächste erkennen kann, so war das schon bei meinem vorigen Dackel und darauf war immer Verlass und so wird es auch diesmal sein.
Vielleicht noch drei oder vier Wochen Sommer, vielleicht auch weniger. Womöglich nur noch drei oder vier Seebesuche an lauen Abenden. Spätestens, wenn der erste Spekulatius in die Supermärkte eingezogen ist, war’s das dann. Ich bin nicht unglücklich, wenn die momentane Affenhitze vorbei ist, nur das Laue der Nächte und das Sommerlichleichte an sich, das wird mir fehlen.
Der September ist ohnehin mein Lieblingsmonat und der Oktober kann in den Bergen schöner sein als die gesamte Sommersaison – erst im November wird’s atmosphärisch kritisch für mich.

Nebenbei endlich mal den Blog ausgemistet.
Die Speicherkapazität war nach viereinhalb Jahren und fast 900 Beiträgen endgültig am Anschlag, was vor allem an den vielen Schwedenreisen und -fotos lag, die ich Dussel seinerzeit dutzendfach unkomprimiert hier eingestellt hatte. Nun ist alles entrümpelt und aufgeräumt, quasi eine ganze Ära ausgelöscht (vieles sowieso überholt oder in der Versenkung verschwunden, Menschen wie auch die dazugehörigen Geschichten und vieles mehr, das meiste davon völlig verzichtbar), natürlich nicht ohne sie vorher zu exportieren, diese Ära, nur für den (zugegebenermaßen recht unwahrscheinlichen) Fall, dass ich als Autorin doch noch zu Lebzeiten so berühmt werde, dass sich die Verlage um jeden Schnipsel meines Schaffens reißen, um ihn in ein hübsches, mit „Die frühen Schriften (Band 1 von 7)“ betiteltes Bändchen zu packen und auf den danach lechzenden Markt zu werfen, man weiß ja nie, und endgültig wegwerfen kann man’s immer noch, das ganze Geschreibsel.

Sie, liebe Langzeitleserinnen und -leser, werden eh nix vermissen, weil Sie das alles ja kennen, gelesen und verinnerlicht haben, und wohl kaum eine/r der später hier Eingestiegenen oder der Neuankömmlinge wird sich je in die Frühphase dieses Blogs zurückverirren und alles nachlesen wollen, was hier in viereinhalb Jahren so geschah, gedacht, gefühlt und geschrieben wurde.

Meine drei Serien („Himmel der Bayern“, „Song des Tages“ und „Hund haben“), die sich über die Jahre hinweg doch einer gewissen Beliebtheit erfreuten, wurden in Gänze erhalten (weil wie sähe das denn aus, wenn auf einmal von 81 vorhandenen bayrischen Himmeln nur noch 48 auffindbar wären), ein paar der am meisten angeklickten/kommentierten Beiträge ebenfalls (und auch ein paar wenige, die mir aus persönlichen Gründen am Herzen liegen), die Bildergalerie hingegen habe ich – was vermutlich manch einen aus der geschätzten Leserschaft schmerzlich treffen wird (vor allem diejenigen, die hier überwiegend der Dackelfotos wegen vorbeischauen) – stark ausgedünnt.
Sollte das jemand gar nicht verkraften, bitte melden – wir haben sowieso einen „Best of Pippa“-Kalender in Planung, weil der Papa sich da immer drüber freut, und es macht keinerlei zusätzliche Mühe, ein paar Exemplare mehr drucken zu lassen und Ihnen eine pfotensignierte Ausgabe pünktlich zum Christfeste zuzustellen.

Vielleicht gibt’s demnächst auch noch ein neues Theme/Layout für den Blog, denn die Maid auf der roten Tretbootrutsche des Header-Bilds hat nun auch ein paar Jährchen mehr auf dem Buckel und ihrer Haarpracht kam das Blond schon vor Langem abhanden, nur die Muskeln, das Muster des nicht vorhandenen Badeanzugs und die Grunddynamik sind noch annähernd dieselben wie auf dem Foto, das damals im Kalterer See aufgenommen wurde.

Naja, wir werden es sehen – und Sie dann natürlich auch.

Kommen Sie gut durch diese letzten Hochsommertage und seien Sie herzlich gegrüßt.

Wieder hoam (erste Etappe: von Graz nach Goisern).

Kurzentschlossen die 430 Kilometer lange Heimfahrt auf zwei Etappen aufgeteilt. Keine Lust, die Strecke mehr oder weniger am Stück und an einem 30°C-Hochsommertag mit Dauerklimaanage runterzureißen. Solche Fahrten versauen einem immer jedes Gefühl von Urlaubgehabthaben, was ich eh erst seit gestern so empfinde. Dem gestrigen Ferientag also noch einen hinzugefügt.

Von Graz über die Landstraßen – meine Güte, ist das schön in der Steiermark! – nach Altaussee. Wollte sowieso schon seit Jahren mal wieder hierher.
Unvergessen, diese Pfingsttage damals an diesem Ort (wie lang mag das her sein? 15 Jahre? länger?): Brandauers Heimat einatmen. Geliebtes Endstationsgefühl. Tägliche Seeumrundung. Auf den Loser. In den See. Den Kirchhoff gelesen. Wichtige Briefe geschrieben. Rote Gauloises auf dem Balkontischchen.

Alles sofort wiedererkannt. Und doch ist alles so anders.
Es gibt nun mehrere riesige Parkplätze mit teuren Tagestickets. Halb Wien tummelt sich hier in der Sommerfrische, dazwischen ein paar Porsches mit Salzburger Kennzeichen. Und so viele andere, dass kein einziger Stellplatz mehr frei ist.
Die Zugangswege zum See und in den Ort sind nun perfekt beschildert, die Touristenströme werden geleitet. Ein megaschickes Wellness-Resort (oder Hideaway oder wie der Quatsch auch heißen mag) neben der Seevilla. Jedes zweite Haus vermietet Ferienwohnungen. Kein Quadratmeter mehr ungenutzt.
Ich muss an den Horror am bayrischen Königssee oder Eibsee denken: beides wunderschöne Seen umgeben von traumhafter Bergkulisse, aber heillos überlaufen, ein Alptraum. Kann man nur noch an nicht-sonnigen Wochentagen in der Nebensaison aufsuchen, außer man liebt es, sich in Kolonnen am Ufer entlangzuschieben.

So habe ich mir das nicht vorgestellt. Enttäuscht lege ich den Rückwärtsgang ein und will den staubigen Parkplatz wieder verlassen, da sehe ich eine Heckklappe aufspringen. Ein Paar nähert sich, wirft die Badesachen in den Kofferraum, ich lasse das Fenster runter und frage, ob sie etwa im Aufbruch seien. Was sie sind. Ich stelle den Motor ab und warte. Der Mann kommt zu mir ans Fenster und schenkt mir seinen Parkschein: „Hier, das ist ein Ganztagesticket, nehmen Sie’s bitte gern!“.In Ortsnähe wie befürchtet ein Strandbadwahnsinn vom Feinsten. Corona? War da was? Hatte nicht Österreich angeblich irgendwelche zu früh gelockerten Maßnahmen wieder verschärft? Was versteht man hier unter Verschärfung?

Auf dem 7 km langen Rundweg trennt sich glücklicherweise bald die Spreu vom Weizen und das gute Aerosol vom womöglich bösen Aerosol. Eltern wollen die Leiterwagen mit dem ganzen Badegeraffel drin nicht so weit ziehen, Kinder wollen nicht so weit laufen um endlich ins Wasser dürfen, adipöse Rentner schaffen es eh nur bis zur Terrasse des See-Cafés, Sportlern ist es zu eng zum Sporteln, bis auf die Wassersportler, aber die sind ja im Wasser und verstopfen den Weg nicht.

Nach 2 km wird es immer leerer, nicht mehr jede Bucht ist belegt, das Dackelfräulein darf längst frei laufen und wir suchen uns ein schattiges Plätzchen am Ufer, wo wir ungestört sind. Auf Baden war ich nicht eingestellt, aber im Rucksack ist gottseidank ein Hundehandtuch, das als Unterlage für eine Einkehr gedacht war, weil manchmal passt der Untergrund dem Fräuleini nicht (zu heiß, zu staubig, zu was weiß ich was) und dann ruht Madame lieber auf so einem Stück Frottee. Nun dient es eben der Trocknung des Menschen nach dem Bade, was ja eh sein eigentlicher Zweck ist.

Auf der anderen Seite des Sees angelangt, kehren wir ein und erwischen einen Tisch mit Rasen drunter, ideal fürs Fräulein. Der Gugelhupf ist leider schon ausverkauft. Ich ringe mit der Entscheidung zwischen fünf offerierten Strudelsorten, da bringt mir die Bedienung, eine charmante steirsiche Version von Annie Lennox, den „Verschnitt“ aller Gugelhüpfe des Tages. Gratis! Ja so ein Glück!

Die restlichen 4 km verläuft der Weg auf sehr sonniger Strecke, weshalb wir alle Viertelstunde die Haxn zur Kühlung in den See halten. Pippas Verband habe ich abgenommen, ob das Sprühpflaster wirklich wasserdicht ist, wage ich zu bezweifeln. Da der See Trinkwasserqualität hat, wird der verletzten Daumenkralle schon nichts passieren.

Der Rundweg um den Altausseer See ist paradiesich, weil gänzlich unverbaut. Vom Nordufer guckt man bis ins schneebedeckte Dachsteinmassiv, östlich auf den Trisselkogel und westlich auf den Loser. Damals mit dem weltbesten Kaiserschmarrn oben auf der Hütte, auch unvergessen.

Im Ortsteil Fischerndorf besuchen wir noch den Friedhof, der eine Lage hat, die wirklich zum Sterben schön ist. Der Loser, passenderweise einer der Ausläufer des Toten Gebirges, wacht dort über die Toten und zur anderen Seite hin können sie auf den See gucken, wenn sie nachts aus ihren Gräbern kommen.

Nach viereinhalb Stunden sind wir zurück am Parkplatz. Noch 20 km Fahren, dann haben wir das Tagesziel erreicht: Bad Goisern.
Mit Müh und Not das letzte Einzelzimmer im Ort erwischt. Hätte nicht unbedingt das kleine Hotel sein müssen, in dem mich M., der Gymnasiallehrer, vor weit über 20 Jahren mit Verlobungsringen überraschte. Hat er geschickt gemacht damals, mich in so einem Bergurlaub, in dem ich der Euphorie stets arg nahe bin, mit sowas zu überrumpeln.
Zwischenzeitlich hat das Hotel einen Anbau und ist gar nicht mehr klein, aber unter den Balkonen rauscht immer noch der Bach vorbei.

Zur Ankunft drückt mir die Rezeptionistin eine Kurkarte und eine Freikarte fürs Freibad in die Hand. Wir lassen ja hier nix anbrennen, also noch schnell ein paar Bahnen richtig geschwommen. Danach Abendessen auf der Terrasse mit Bergblick, das Bächlein plätschert, das Fräulein liegt friedlich im Körbchen unterm Tisch. Nur Weißbier können sie hier nicht, schon wieder dieses mittelmäßige Edelweiss.

Die Abendsonne taucht den Predigtstuhl, den Goiserer Hausberg, in kupfernes Licht. Die Gäste am Nebentisch erzählen von einem Konzert, das morgen hier stattfindet. Beides wirkt verlockend.
Ich frage den Hotelchef, ob das Zimmer eventuell noch eine Nacht länger zu haben wäre, was er verneint. Sie sind komplett ausgebucht hier, wie überall in der Region.

Nach einer Weile kommt er nochmal raus auf die Terrasse, beugt sich zu mir hinunter und macht mir mit gedämpfter Stimme ein Angebot: „Also wenn Sie möchten, dann könnten wir Ihnen und Ihrem Hund die Sauna herrichten. Die ist ja wegen Corona nicht in Betrieb. Wir stellen Ihnen ein Bett in den Ruheraum, Dusche usw. haben Sie dort eh und absperren können Sie die Räume auch. Mehr als den Preis fürs Frühstück kann ich Ihnen dafür allerdings nicht berechnen. Überlegen Sie sich’s einfach bis morgen Früh.“

Na dann schlafen wir da mal drüber 🙂

Zurück aus den Blaubergen.

Wie gestern schon angedeutet: Die zweitägige Tour durchs bayrisch-tirolerische Grenzland war ein Stück weit auch eine Wanderung zu meinen eigenen Grenzgebieten. Diese unbekümmerte Leichtigkeit, die ich früher mal hatte, ist perdu, im Gehen genauso wie hinsichtlich Kraft und Kondition.
Es ist zwar alles immer noch gut zu schaffen, aber es macht mir völlig anders zu schaffen als früher: der Osprey-Tourenrucksack sitzt perfekt, wird mir allerdings nach zwei Stunden zunehmend zur Last, die Konzentration, die vor allem das Bergabsteigen in schwierigerem Gelände erfordert, lässt viel schneller nach, die Sorge um Pippa lässt hingegen keine Sekunde nach und das, obwohl sie recht sorglos vorauswetzt. Die Ganzkörpererschöpfung, die solchen Touren folgt, ist mittlerweile auch eine andere, nachhaltigere, immerhin aber (noch) muskelkaterfrei.

Das Ausmaß an Achtsamkeit (im Sinne von Vorsicht und Voraussicht) erfüllt unterwegs meinen Kopf und Körper phasenweise so komplett, dass außer Gehen (nächster Schritt, Tempo, Gleichgewicht, Atmung) und Schauen (Weg, Hund, Aussicht, Landkarte, Schilder) nichts mehr möglich ist.
Wenn ich mal meinen Trott gefunden habe, so in etwa nach 45 Minuten kontinuierlichen Dahinsteigens, bin ich gefühlt nur noch Beine und Augen, in der Zone dazwischen schnauft und scheuert und schwitzt es, und ansonsten stellt sich eine paradiesische Leere ein, besser gesagt: ein Zustand, der ganz und gar Rhythmus ist, eine Komposition aus der umgebenden Natur, dem Dackelfräulein und mir und dem Weg, den wir gerade gehen.
Und ohne irgendein Wort entsteht in diesem gemeinsamen Takt eine Art von (Ver-)Bindung, für die mir schlicht die Worte fehlen, und ein Bezogensein aufeinander, das weit über die zurückgelegte Strecke hinausweist (nennen wir’s einfach den Dog-Owners-Flow oder das Hundehalter-High).

*****

(Durch Klick aufs einzelne Galeriebild, werden die Erläuterungstexte lesbar)

*****

Gehzeit: 4 Std.
Pausen: 45 Min.
Strecke: 17 km, 550 Hm bergauf, 1.040 Hm bergab
Konsumation: 1 geschmolzenes Duplo, 2 Liter Wasser (vor der Tour: Hüttenfrühstück, nach der Tour: Essen beim Papa)
Ausgaben: 16€ (Frühstück auf der Hütte, Getränke in Siebenhütten)
Blessuren: kleine, geplatzte Ader am rechten großen Zeh (wegen unerklärlicher Druckstelle im Socken), beidseitiger Ausschlag am Schulterblatt (Nobite im Nacken verträgt sich nicht mit Schwitzen und Rucksacktragen), zwei Bremsenstiche an Wade und Knie (so schnell wie die da sind, kannst du dich auf der Almwiese gar nicht mit Nobite einsprühen)

Die Highlights:
1. Der kleine Sohn der Potsdamer Familie, der bei der schweißtreibenden, ellenlangen Querung der östlichen Flanke der Halserspitz fröhlichst hinter mir herhüpfte und sich pausenlos unterhalten wollte („Du, warum bist du allein hier?“ / „Dann musst du das ganze Gepäck ja selbst tragen, oder?“) und alles über das Dackelfräulein wissen wollte („Gehen Hunde allein aufs Klo?“ / „Heißt der Dackel so, weil er so wackelt?“), ein ausgesprochen cleveres, aufgewecktes Bürschchen, kurz vor dem schwindelerregenden Stück mit Absturzgefahr hab‘ ich ihn aber lieber seinen Eltern zurückgegeben, die ein ganzes Stück hinter uns liefen.
2. Meine kleine Gefährtin (mal wieder). Neu ist, dass sie sich offenbar präzise gemerkt hat, an welchen Stellen im alpinen Gelände ich gelegentlich Probleme habe und nun direkt nach solchen Passagen stehenbleibt, sich umdreht und guckt, ob ich gut und sicher hinterherkomme. War zu Tränen gerührt von diesem Verhalten! Und wie sie auf dem Berg plötzlich folgen kann, grenzt auch an ein Wunder: „Warte mal!“ / „Geh hinter mir!“ / „Vorsicht – langsam!“ klappt da heroben so gut, dass man fast schon glauben möchte, so ein Hund würde in der sauberen Bergluft besser hören als zu Tale oder in der Stadt.
3. Das wirklich atemberaubende Panorama bei der Querung des Blaubergkamms: hinter uns die Tiroler Berge, vor uns das Mangfallgebirge, eine dermaßen gelungene Ergänzung der inneren Landkarte, noch dazu eine, die mir echt gefehlt hat, um diese Region endlich mal vollends zu überblicken.

Zwischen Frotteeponchos und Pressefotos: Ein Neustart.

Nach nunmehr drei Freibadbesuchen – 1x bei Nieselregen, 1x bei Sonnenschein, 1x bei Starkregen – wird es Zeit für einen Lagebericht.

Fronleichnamstag 2020.
München, Postillonstraße, Ecke Homerstraße. 9:52 Uhr.

Der Parkplatz des Lieblingsbades ist gut gefüllt, man kann sich beinahe vom Auto aus in die Schlange der Wartenden einreihen, die bei 13 Grad und leichtem Nieselregen vor dem Schwimmbadeingang stehen.

Es ist der erste Besuch in meinem Ganzjahresfreibad seit drei Monaten, eine derart lange Pause gab es in den letzten 20 Jahren nicht.
Sogleich entdecke ich einige bekannte Gesichter, man grüßt einander übertrieben freudig, nach zwölfwöchiger Abstinenz verbindet einen heute scheinbar mehr als je zuvor.
Ansonsten: ein paar Feiertagsväter mit dem Filius (oder der Filia), etliche Hardcore-Schwimmer und ebenfalls einige Pandemie-Polsterträger. Keine Teenager, keine Rentner.
Und alle haben sie zwei Dinge in der Hand: ihre Maske und ihren QR-Code (auf Papier oder auf dem Handydisplay).

Es hätte vermutlich 10 bis 15 Minuten bis zum Eingang gedauert, hätte man ein Ticket gehabt, das erst ab 10 Uhr gültig ist (der Scanner kennt da keine Gnade und lässt niemanden auch nur eine Sekunde eher hinein).
Wie Sie ja wissen, hatte ich dank des schlecht getesteten und zu früh online gestellten Buchungsportals das Glück, das Bad für den gesamten Tag gekauft zu haben, weshalb ich auf den Ruf des Türstehers hin – „Hat irgendwer ein Ticket, das schon vor 10 Uhr gilt?“ – an der Warteschlange vorbeispazieren und in die heiligen Hallen eintreten konnte.

Ab Betreten des Gebäudes herrscht für ca. 25 Meter Maskenpflicht, auf dieser Wegstrecke liegt der Kassentresen, links und rechts der gekennzeichneten Laufzone stehen die altbekannten Bademeister Spalier. Man ist sichtlich gut vorbereitet auf den großen Ansturm.

Fröhliches Gegrüße auch hier, Bruce Willis, wie ich den Lieblingsbademeister zu nennen pflege, weist mir den Weg hinaus ins Freigelände. Auch dort dann idiotensichere Beschilderung, einmal rund ums ganze Gebäude bis hinter zu den Liegewiesen und Schwimmbecken, im Freien natürlich auch wieder unmaskiert.

Re-Opening in den ehemaligen olympischen Gewässern: Noch ist wenig los.

Nur noch ein kleiner Gebäudeteil ist jetzt zugänglich, der scheußlichste leider, muffige, beigegekachelte Schulsportanlagenatmsophäre der frühen 1980er Jahre. Wenn die Sonne nicht vom Himmel lacht, darf man sich hier maskiert und im Stehen umziehen sowie seinen Rucksack ablegen. Toiletten gibt es dort auch und alle fünf Minuten saust eine Reinigungskraft durch den Flur und wischt kurz zwischen den Halbnackerten und all den Rucksäcken durch. Charmant ist anders.

Weil es nieselt und ich noch etwas fremdle mit der neuen Schwimmsportnormalität, kleide ich mich drinnen um. Ohne Haken und Ablagen ist das gar nicht so einfach, nur gut, dass ich unter Jeans und T-Shirt bereits den Badeanzug anhabe und mich daher nur ausziehen muss.
Als ich mir das Shirt über den Kopf ziehe, rutscht der Befestigungsgummi der Maske von den Ohrwaschln und der schöne FCB-MNS verfängt sich in der Kleidung.

Hinter mir schnauft und stöhnt es.
Ich drehe mich um und sehe etwas, das ich zuletzt in meiner Grundschulzeit sah: einen potthässlichen Frottee-Poncho über einer jenen Umhang optisch nur graduell an Ästhetik übertreffenden Schwimmbadbesucherin.
Sofort musste ich an Herrn Spike, einen der unermüdlichsten Kommentatoren auf dem Kraulquappen-Blog denken, der mir bereits einige Tage vor der Freibaderöffnung zur Vorbereitung auf die neuen Hygienemaßnahmen (und einen möglichen Umgang damit) folgendes Filmchen zusandte:

Ja, liebe Leserinnen und Leser, auch das ist nun wieder Teil des Schwimmbadbesuchs! Der Frottee-Poncho ist wieder auferstanden, schlappe 30-40 Jahre nach seinem Ableben, wer, außer Corona oder Bill Gates, hätte das gedacht!

Und überhaupt muss man sich gehörig umstellen, was jetzt im Freibad so alles geboten ist und wird.
Die Bahnen sind anders unterteilt, die Schwimmrichtung ist neu geregelt (zumindest theoretisch, denn praktisch haut das noch überhaupt nicht hin), Rückenschwimmer haben keine eigene Bahn mehr, Sportschwimmer nur noch eine. Guckt man den Schwimmern zu, sieht man allerhand Unsicherheiten und seltsame Überholvorgänge. Ich beobachte die paar Erstschwimmer eine Weile, um in Ruhe eine Entscheidung zu treffen, welche Bahn wohl für mich die beste sein könnte und wage mich in die, in der eine bekannte Badekappe beim Butterfly zu sehen ist – den kenn ich, der passt auf, der kann auch kontaktlos überholen.

Schnell noch eine Sekunden-Berieselung unter der eiskalten Außendusche (freilich hatte ich bereits morgens daheim geduscht – nicht, dass Sie denken…!) und dann geht es unter dem kritischen Blick dreier Bademeister zum Beckenrand.

Flossen an, Brille auf – und ab ins Wasser!

Foto: Catherina Hess.

Ungewohnt ist es.
Ich spüre die lange Pause, aber ebenso spüre ich das Glück des Endlich-wieder-Schwimmen-Könnens.
Nach zwei Bahnen muss ich die Brille justieren. Alles scheint ausgeleiert zu sein, nach drei Monaten Pandemie. Oder ist mein Kopf geschrumpft?

Eine Frau kniet sich hinunter zum Beckenrand, spricht mich an, stellt sich als Pressefotografin vor und fragt, ob sie mich vielleicht fotografieren dürfe. Klar, wieso nicht?
Sie ist erleichtert, weil außer mir bislang nur der Butterfly-Typ sein Einverständnis gab und sonst aber niemand abgelichtet werden will. Nun denn, ich schwimme weiter und sie knipst. Alle paar Bahnen stellt sie Fragen (wie oft schwimmen Sie üblicherweise? wie weit? welchen Stil? warum überhaupt? wie ging’s Ihnen so in den letzten Wochen? und wie isses nun?) und bevor ich mich dann zum ungestörten Weiterschwimmen verabschiede, lädt sie mich im Namen ihres Redakteurs noch auf ein Interview bei den Stadiontreppen ein.
Eine Dreiviertelstunde später – es hat zwischenzeitlich aufgehört zu nieseln und das Schwimmbecken hat seine zulässige Kapazität an Besuchern erreicht – klettere ich aus dem Wasser und begebe mich tropfend zu dem Journalisten, der dann eine Viertelstunde lang alles Mögliche fragt und notiert.

Am Tag drauf liest man sich dann zum Frühstück in der Tageszeitung , die man vor lauter Neugier etwas früher als sonst von der Fußmatte gepickt hat, und staunt ein wenig, dass ausgerechnet der Schenkelsatz zitiert wurde (und sonst nichts) und auch keines der hochdynamischen und -motivierten Fotos, die Mr. Butterfly oder mich beim Kraulen zeigen, verwendet wurde – stattdessen die Startblocks vom Sommerbecken und das Hilfsgeraffel am Beckenrand. Auch die Infos rund um die neuen Baderegeln sind nicht sauber recherchiert oder wiedergegeben. Nun ja.

Trotzdem war’s ein besonderer Tag und ein schönes erstes Mal. Und beim zweiten Mal schien sogar die Sonne!

Vom dritten Mal (heute) bei Starkregen und 11 Grad wollen wir lieber nicht reden, immerhin herrschte gähnende Leere im Becken und im beigegefliesten Flur war kein einziger Frottee-Poncho zu sehen.

Foto: Catherina Hess.

Like a window in your heart.

Drei Tage hab ich gebraucht.

Drei Tage, um den Deckel des Kartons, den mir der Papa am Abend des Vatertagsbesuchs mitgegeben hatte, ein zweites Mal zu lupfen, vorsichtig in das Innere der Kiste zu greifen, erneut eine Handjedervoll Fotos herauszunehmen und sie zu betrachten.

Der Erstversuch mündete nach wenigen Sekunden in einen Sturzbach aus Tränen. Nur ein einziges Foto hatte ich am Freitag einer dieser typischen 70er Jahre Agfa-Fototaschen, derer ungefähr 8 bis 10 in dem Karton schlummern, entnommen:

Und dieses eine Bild, das riss mich dermaßen…
Der Papa und ich bei einer Bergtour, in uralten Zeiten, er noch so schlank und ich vermutlich noch so quengelig, seine Frisur, sein kariertes Hemd und überhaupt: diese Klamotten!, und mein roter Kinderrucksack, den ich völlig vergessen hatte!

Wie ich mich da an ihn klammere, und wie er so dasteht mit der kleinen Tochter, also mit mir, und wie mir in diesem (im wahrsten Wortsinne:) Augen-blick letzte Woche am Freitagmorgen so schlagartig bewusst wird, wieso ich heute so bin wie ich bin (bzw. zumindest ein großer Teil von mir genau so ist wie er eben ist). Quasi ein Donnerschlag der Bewusstwerdung, den dieses eine Bild auslöste.

Und was ich nicht alles von ihm habe, was er mir nicht alles vermittelt und mitgegeben hat. Wie er sich bemüht und abgestrampelt hat, um nicht nur beruflich seine Sache so gut wie möglich zu machen, sondern auch als Vater.
So bewusst wird mir das, dass ich eben nach nur ein paar Sekunden nichts mehr sehen kann vor lauter Tränen und dann schluchzend wie ein Kleinkind im Flur stehe, bis das Dackelfräulein in wilder Sorge angaloppiert kommt und mich so lange und mit so vielen Hundebussis bedrängt (es ist mit diesem Hund beim besten Willen nicht möglich, mal ungestört und ungetröstet zu heulen – wie ist das eigentlich: machen andere Hunde das genauso, sind das auch solche Heul-Hemmer und Trost-Tyrannen?) bis dann auch noch der Gatte etwas irritiert herbeieilt, mir das Foto abnimmt und mich eine Weile festhält, bis ich mich wieder beruhigt habe.

*****

Drei Tage später schaffe ich ganze drei Bilder, mehr geht nicht.

(Wenn ich mich in dem Tempo weiter durch den Karton wühle, bin ich mit der Sichtung des Inhalts vielleicht gerade noch rechtzeitig fertig, bevor mir eine bis dahin hoffentlich top bezahlte Pflegekraft eine Schnabeltasse in die Hände drückt und ich mit runzligen Lippen meinen vorletzten Schluck Fencheltee daraus nehme.)

Bild Nr. 2.

Der Papa und ich im Ruderboot, auf dem Starnberger See. Bis auf meine flotte Oberbekleidung und das alberne Käppi tragen wir fast die gleichen Sachen wie auf dem Bergfoto. Meine Güte: diese großen Hände, die immer wussten, was zu tun ist (und wie es zu tun ist), neben meinen kleinen, speckigen Kinderfingern.

Er war für mich damals der Größte. Er wusste alles, er konnte alles, nichts schien ihn je umhauen zu können, und ich hatte noch keinen blassen Schimmer, welch naiver Illusion ich da aufsaß.
Kinderglück eben. Selig sind die Ahnungslosen, zumindest manchmal (oder für kurze Zeit).

Allzu viel Glück gab es bei uns ja sowieso nicht, also klammerte ich mich an jedes Stück Glück, das ich finden konnte. Und der Papa, der war diesbezüglich zehn Jahre lang eine prima Fundgrube.

Erst danach dämmerte mir allmählich, wie es um die Eltern und ihr Glück bestellt war, nämlich schlecht, vermutlich sogar schon sehr schlecht, aber bis ihnen ihr Unglück sichtbar aus jeder Pore quoll und in jede Ritze unseres Lebens sickerte, sollte es noch ein Weilchen dauern, ungefähr anderthalb Jahre, bis ich knapp zwölf war und die Mutter in Schladming auf der Planai ihre Unsportkarriere mit einem dramatischen Skiunfall beschloss (ach ja, die Mutter, sie beherrschte die Kunst des Dramas auf wirklich jedem Terrain), womit der Anfang vom Ende besiegelt war, und fortan ging es nur noch bergab (erst mit dem Akia und dem lädierten Bein der Mutter, dann mit unserer Familie).

*****

Das dritte Foto.

Holland, Vrouwenpolder, Sommerferien. Der Papa und ich am Strand.
Auf meinen weißen Haarspangen war ein Schmetterlingsmotiv aufgeklebt und der beige Gummi der Spange riss ständig. Unsere Windjacken rochen in diesen Sommern nach Salzluft und Wattwanderungen.
Es war eh die Ära der Windjacken, so nannte man diese spießigen Blousons mit Strickbund, jeder besaß damals so ein Ding, heute läuft fast niemand mehr in sowas herum.
Mein ockergelbes Exemplar trug ich, bis die Bündchen morsch und ausgeleiert und das Innenfutter mit dem Ankermuster total zerschlissen war. Ich hing so an dieser Jacke, weil an ihr die Erinnerungen an diese wenigen Sommer der Unversehrtheit hingen.

Holland, das waren jene drei oder vier Wochen im Sommer, in denen der Papa jeden Tag Zeit hatte. Zeit, in der wir uns auch mal vor der Mutter davonstahlen und an der Bude hinterm Deich Pommes futterten oder auf der anderen Seite des Deiches Wattwürmer ausgruben, gestrandete Quallen auf einem Spaten ins Meer zurücktrugen oder mit einem Kescher Garnelen fingen, sie in einen Eimer setzten, ein Weilchen beobachteten und wieder freiließen.

Holland, das bedeutete kartonweise Vla (in drei Geschmacksrichtungen) und Schokohagel (in zwei Hagelgrößen) und zum Frühstück diese Labbersemmeln, die Bolletjes hießen und auf die wir ungeachtet des Geschimpfes der Mutter erst dick Sahnequark schmierten und dann noch dicker diese köstliche Sauerkirschmarmelade obendrauf packten, die wir aus dickbauchigen Gläsern mit lustigen Zwergen drauf (die „De Vruchtenplukkers van Hero“ oder so ähnlich hießen) herauslöffelten.

Holland, das waren kleine, khakifarbene Frösche, die in dem sandigen Grundstück rund um das Ferienhaus der Bonner Patentante herumhüpften, unzählige Karnickel, die sich in den Dünen hinterm Haus versteckten und kreischende Möwen, die uns Tag für Tag den gelb-orangefarbenen Windschutz neben unserem Strandhäuschen vollkackten.

*****

Viertes und letztes Bild.

Mein erstes Stofftier und ich. Dasselbe Baujahr, wir zwei, olympischer Jahrgang 1972.
Auch in diesem Foto bereits ein eindeutiger Bezug zum weiteren Verlauf meines Lebens und zentralen Neigungen erkennbar, manches war mir wohl buchstäblich in die Wiege gelegt worden und hat sich offensichtlich nie verändert.

Gut, ganz so kurze Kleidchen trage ich heutzutage nicht mehr, trotz weniger wulstigen Beinen, deutlich besserer Haltung und meist minimal freundlicherer Miene.

Erst muss ich herzhaft über das Foto lachen, weil mich diese frühkindliche Dackelprägung so erheitert, dann aber kullern mir schon wieder die Tränen übers Gesicht.
Zum einen hat die Mutter meinen Original-Waldi eines Tages einfach konfisziert und nie mehr herausgerückt, und irgendwann wird er kläglich in ihrer Messie-Wohnung verendet sein. Er fehlt mir immer noch, und was gäbe ich drum,… (lassen wir das lieber).
Zum anderen erinnere ich mich auf einmal, dass der Papa nach der Trennung jahrelang drum betteln musste, dass die Mutter die Negative der Familienfotos rausrückte, damit er sich Abzüge machen lassen konnte, und mir wird klar, wie viele Abende oder Nächte er mit zusammengekniffenen Augen über diesen Negativen gesessen haben muss und all die Kreuzerl auf den Nachbestelltäschchen gemacht hat (so wie das damals eben war: man saß da mit einer Lupe und bei möglichst gutem Licht und hat Nummern von Negativstreifen abgeschrieben und dann die entsprechenden Felder angekreuzt), damit er wenigstens einen Teil der bebilderten Erinnerungen an seine 12 Jahre als Ehemann und Familienvater irgendwie retten oder konservieren konnte.

*****

Wo sind sie nur geblieben, die Jahrzehnte?
Wieso ging das alles nur so verdammt schnell vorbei, es waren doch immerhin über vierzig Jahre?
Wie ging er bloß vonstatten, dieser Übergang vom vermeintlich immerstarken, unverwüstlichen Papa hin zu dem parkinsonkranken, alten Mann?
Was haben wir schon verloren, was ist uns noch geblieben, was können wir weiterhin festhalten – und was werden wir nach und nach loslassen müssen, und vor allem wann und wie?

Als das Coronavirus aufkreuzte, war das für den Papa der Startschuss, um seine Habseligkeiten zu sichten, zu sortieren und gründlich auszumisten. Die Wochen des Lockdowns haben ihm auch gereicht, um dieses Vorhaben abzuschließen.
Die Fotokiste ist nun der erste von drei Kartons, die er mir übergeben möchte. Einen gerahmten Druck von Theuerjahr sollte ich auch gleich mitnehmen, der lehnt jetzt hier an einer Wand und erinnert mich an so vieles, und ich überlege, ihn vorerst in den Keller zu stellen, bis ich ein klares Gefühl dafür habe, ob ich dieses Bild hier bei mir zuhause und in meiner Gegenwart aufhängen kann und will.

Noch zwei solche Übergaben, dann hat er sich von allem befreit. „Mehr zu vererben gibt’s nicht!“, und alles andere sei auch schon geregelt, sagt er. So sehr mir das an die Nieren geht, so klar und gut finde ich es auch. Die Mutter hat einen Mordsverhau hinterlassen als sie abtrat von der Lebensbühne, der Papa würde das nie tun, das war zwar zu erwarten und doch ist’s komisch, wenn er zu einer Zeit „aufräumt“, in der noch schwer vorstellbar ist, dass „es“ bald soweit sein könnte.

Nun ja. Nach diesen beiden ersten Fotokistenerlebnissen bin ich tagelang ein wenig neben der Spur.
Dann fasse ich den Beschluss, mich nun auch vorzubereiten. Auf meine Art: schreibend.

Ich werde anfangen, die Rede aufzusetzen, die eines Tages zu halten sein wird, und die ich – das ist mir nach diesen vier Fotos klar geworden – auf keinen Fall erst dann verfassen kann, wenn dieser Tag schon kurz bevorsteht. Freilich werde ich sie niemals selbst halten, diese Ansprache, diesen Abriss über sein Leben und darüber, was er für mich war, weil ich an dem Tag aller Wahrscheinlichkeit nach nicht mehr als einzelne Worte (oder nicht mal die) werde sprechen können, denn je älter, desto näher am Wasser…, na, Sie wissen schon. (Ich setze drauf, dass der Gatte dann das Vortragen übernimmt, ohnehin der geübtere Redner von uns beiden.)

Während ich die ersten Stichpunkte notiere, verspüre ich das Bedürfnis, dabei Musik zu hören.
Musik, die manch gemeinsames Erlebnis begleitet hat oder die meinem Gedächtnis auf die Sprünge hilft beim Nachzeichnen dieses langen Weges.

Ich notiere mir, welche Songs und Interpreten das sind, aus denen der Soundtrack zu dieser Vater-Tochter-Geschichte gewoben wurde, deren Anfänge mir nach so langer Zeit wieder (oder überhaupt erstmals?) klar vor Augen stehen und deren Ende (sofern solche Enden denkbar oder gedanklich antizipierbar sind), mir einst ein beängstigend großes Loch ins Herz fräsen wird, mit dem ich etwas schutzlos und staunend und trotzdem weiterleben werde, darauf wartend und hoffend, dass aus dem Loch mit der Zeit ein Fenster wird.

Ein Fenster mit durchsichtigen Flügeln, die ich zu schließen oder zu öffnen vermag, je nach Windstärke da draußen oder Abwehrschwäche da drinnen.

And I see losing love
Is like a window in your heart
Everybody sees you’re blown apart
Everybody feels the wind blow

*****

Herzblut.

September 2019. Gotland. Viel Zeit, Sonne und Ruhe. Erinnerungen an eine wunderbare Reise mit meiner kleinen Gefährtin.

Na endlich!
Auftrag erledigt. Die vermutlich letzte der Reisereportagen pünktlich abgegeben. Wieder ein Kapitel, einen Lebensabschnitt abgeschlossen, zumindest fühlt sich’s so an. Vielleicht auch nur, weil’s eine so schwere Geburt war? Es wird sich rausstellen.

Dabei immer der Gedanke: Wenn das dein letztes Werk aus der Sparte ist, dann muss es besondere Würde haben. Werk? Würde? Oh Gott, was für eine Anmaßung und Übertreibung (oder Ausflucht, um den eigenen Perfektionismus von der Leine zu lassen?). Kein Wunder, dass es sich auf diese Weise beschwerlich gebar!

Alles Schall und Rauch, speziell jetzt, weil derzeit ja sowieso niemand ernsthaft Reisepläne schmiedet. Wohin auch? Und erst recht nicht nach Schweden, oder doch?

Mancher Bestandteil des erforderlichen Vokabulars mittlerweile nah am Brechreiz (Idylle, Urlaubsglück, Erkunden, Einladen, Verweilen, Genießen – bäh! – manchmal juckt’s mich glatt, eine monströse Seele in so einen Text hineinbaumeln zu lassen, wobei die Ironie womöglich nicht mal auffiele, weil das absurde Baumelnlassen derselben in den vermeintlich „schönsten Wochen des Jahres“ ja tatsächlich eine so große Hoffnung, ein Lichtblick von so vielen ist, denen ihr trister Alltag und das tägliche Einerlei so vergällt ist, dass sie einzig die Flucht daraus heiß ersehnen und ansonsten längst zu träumen und zu gestalten aufgehört haben).
Die meisten Worte und Sätze werden dem, was man einst fühlte, sah und erlebte eh nicht mehr gerecht, und daher geht’s bestenfalls als Annäherung durch, das, was da letztlich niedergeschrieben steht, aber der Redakteur ist zufrieden, sehr sogar, und die paar Leser werden es schon auch sein.

Und ich? Was bin ich?
Leer. Ausgewrungen. Ausgezuzelt (wie man hier sagt). Blankgeschrieben. Wortwund.

Und doch: es hat auch was gehabt, dieses Sich-Durchquälen durch Strukturfetzen und Erinnerungsmosaike und dieses Wortefinden und -winden, bis sie sich wundgescheuert haben, um einen Platz zu finden, an den sie gehören oder an dem sie sich zumindest gut anhören.

Da steckt ja Herzblut drin!, so äußert sich jemand dann anschließend über den eigenen Text. Aha!, denke ich, und erwäge für einen Moment, mich zu freuen, aber es bleibt zu fraglich, welcher Art das Blut ist, das da drinsteckt, denn vieles, was ich hätte schreiben wollen oder können, blieb unbeschreiblich oder für die Zielgruppe so gänzlich ungeeignet, also kann es gut sein, dass es nichts als nur schnödes Fingerkuppenblut vom vielen Tippen und Am-Kopf-Kratzen war, und dass das Herz bestenfalls organimmanent blutete, weil es eben nicht ungehindert und frei nach außen fließen durfte, dieses wunderbare Herzblut.

(An dieser Stelle nochmals ein Dankeschön an Blog- und Bruce-Kollegin Anna aus Göteborg, die mir ein paarmal mit wertvollem schwedischen Input behilflich war beim Schreiben!)

Wie Corona den Alltag unserer Haushunde verändert.

Das Dackelfräulein entdeckt zum Beispiel gerade die Klassiker der Weltliteratur.

Every day is like survival oder: Karma, das verflixte Chameleon.

Der Gabenzaun ist gnadenlos gescheitert. Zu viel Verhau, zu viel Unrat, zu wenig gut verpackt, zu wenig (oder gar nicht) mitgedacht. Die Stadt hat jetzt andere Örtlichkeiten für diese Art von Spenden organisiert.
Das Finale des Gabenzauns bestand schlussendlich aus einer bemerkenswerten Synthese der hochbrisanten Klopapierthematik mit einem altgedienten spirituellen Konzept.

Urban Fenceart vom Feinsten.

Ich muss unweigerlich an Boy George und Schulpartys denken. Anfang der 1980er Jahre war das, als man noch nichts hinter sich, aber alles noch vor sich hatte und das für ein Füllhorn an Verheißungen hielt. Der Song war grad aktuell als ich mich in den dunkeläugigen Pseudo-Adligen aus der Nachbarklasse verknallt habe, der dann 20 Jahre später für L’Oréal modelte und mittlerweile Beautykrempel vertickt. Ewig nicht mehr gehört:

Der Frühling ist zurück. Der Wind ist noch frisch, aber die Sonne scheint. Konstant trudeln nun Autos auf der gegenüberliegenden Seite der Theresienwiese beim Drive-in ein, von 8 bis 18 Uhr. Die Ordnungshüter drehen ihre Runden hier mittlerweile ohne brüllendlaute Megafondurchsagen. In den Supermärkten die üblichen Erlebnisse, man gewöhnt sich dran und ich habe beschlossen, mich über manches nicht mehr zu echauffieren. Darüber hinaus erlebt man draußen ja nicht mehr viel bzw. manches möchte man mittlerweile lieber nicht mehr öffentlich mitteilen (womit ich in dem Fall gar nicht das Negative meine). Nur so viel: das Dackelfräulein hat sich gefreut, die Pfötchen mal wieder in Seewasser zu einzutunken.

Wir beballern uns mittlerweile nur noch einmal am Tag mit Nachrichten (der TV hat seine Wackelkontaktfrequenz netterweise nochmals reduziert), das genüg völlig, verstört-verwundert-verärgert einen nicht dauernd, und vertiefen uns ansonsten in die Alltagsdinge und -erledigungen, die berufliche Arbeit und das Praktizieren der neuen Strukturen.

Der Gatte ist glücklich darüber, nicht nach Frankfurt pendeln zu müssen und dass fast alle lästigen Meetings entfallen, weil die Uni geschlossen hat und die Kollegen im Homeoffice weniger besprechungswütig sind. Mit meiner Arbeit geht es zäh voran, es macht mir keinen Spaß, jetzt Reportagen übers Reisen zu schreiben. Aber zugesagt ist zugesagt – nur gut, dass der Verlag den Erscheinungstermin coronabedingt verschoben hat.

Nächste Woche erfolgt der hoffentlich letzte handwerkliche Handschlag in Sachen „neues Bad“. Falls die Duschtrennwand tatsächlich geliefert wird und diesmal auch in den korrekten Maßen. Und falls Lolek noch arbeitet und Hausbesuche macht. Nach meiner Zeitplanung, die ich in Woche 1 nach dem Wasserschaden machte, hatte ich mal „Karfreitag“ drinstehen, als Endtermin sowohl für meine Reportagen als auch für die häuslichen Baustellen. Ab Ostern war Neues und Anderes geplant, das nun alles in den Sternen steht.

Der Papa hat die Freude am Kochen wiedergefunden, das schlägt sich ungut aufs eh schon zu üppige Körpervolumen nieder, konstatiert er. Seit gestern trägt er daher nach eigener Aussage eine „Fressbremse“ (wie er die Atemschutzmaske nennt, die der Sohn der Lebensgefährtin dieser Tage per Post an den Tegernsee geschickt hat). Offenbar hat er auch seinen Humor wiedergefunden.
Mit größter Mühe gelingt es ihm nach 20-minütiger telefonischer Instruktion, mir per Whatsapp das Foto von sich im maskiertem Diät-Outfit zu schicken, das die Lebensgefährtin am Vortag von ihm geschossen hat.

Soweit für heute.
Ich grüße Sie herzlich und hoffe, dass bei Ihnen auch alles so einigermaßen seinen (neuen) Gang geht!