Mein erstes Mal oder: Der Shitstorm.

Braver Dackel? Unerzogene Bestie? Streuner auf Hetzjagd? In den falschen Händen? Oder in gar keinen, da ja sichtbar ohne Leine unterwegs?

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Vor ein paar Tagen war ich mitten in der Stadt in dichtem Schneetreiben mit dem Dackelfräulein spazieren.
Die Isarauen waren bis auf etliche Hundebesitzer und ein paar hartnäckige Jogger wie leergefegt. Ich entdecke unter einer Isarbrücke ein neues Graffiti, zu dem mir sofort ein Song einfällt: Three little birds. Wenig später entdeckt das munter durch den Schnee sausende Dackelfräulein ein Brotstück, für das sich zeitgleich auch eine Krähe interessiert. Ich schieße ein Foto. Die Krähe ist schneller. Dann fällt ihr das Brotstück aus dem Schnabel und Pippa will es sich schnappen. Wieder hüpft die Krähe zu ihr. Ich schieße wieder ein Foto. So geht das kurz hin und her. Als die Krähe heftig kräht, guckt mein Hund sie an und geht einen Schritt auf sie zu. Die Krähe setzt zum Wegfliegen an, das Dackelfräulein läuft ihr drei Meter hinterher. Ich schieße ein drittes Foto. Pippa dreht wieder um und will zu dem Brotstück zurück, das sie bedeutend mehr interessiert als jede Krähe. Derweil landet die Krähe wieder und linst zu ihr hinüber. Ich untersage dem Fräulein, das Brotstück zu fressen. Wir gehen weiter.

Später sitze ich im Café und stelle ich vier Fotos in meinen Blog: das Graffiti von den drei Vögeln sowie die drei Fotos vom Dackelfräulein und der Krähe. Dazu den Song, der mir ohrwurmartig während des Spaziergangs durch den Kopf ging.

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Zwei Tage später pöbelt mich ein Blogger an (nachzulesen in den Kommentaren zu diesem Beitrag): In der Momentaufnahme von Pippa und der auffliegenden Krähe sieht er einen Hund, der in einem Naturschutzgebiet auf der Hetzjagd war und dessen Besitzerin das als lustiges Spiel betrachtet und die ihrem Hund jederzeit gestatten würde, Wildtiere aufzuscheuchen, weil ihr nämlich Tier- und Naturschutz schnuppe sind.
Zugleich ist dieser Blogger sogar in der Lage, aus Fotos ein Bellen herauszuhören – manche Menschen haben erstaunliche Gaben!

Er fragt nun nicht etwa nach, wie die Situation eigentlich war: Befand sich der Hund in einem Gebiet, in dem Freilauf gestattet ist? Handelte es sich um ein Naturschutzgebiet? Ist der Hund überhaupt einer, der jagt? Hat die Besitzerin ihren Hund gut erzogen, so dass er abrufbar ist? Kam durch diesen Hund schon jemals irgendein Tierchen oder Menschlein zu Schaden?
Nein, er fragt gar nichts, sondern er weiß durch das bloße Betrachten eines einzigen Fotos Bescheid, was hier Sache war, und er weiß noch viel besser, wie die Sache zu bewerten ist und fällt deshalb sogleich sein Urteil: Es handelt sich um ein grobes Fehlverhalten eines „Dümmlings“ (=Hundebesitzer).

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Obwohl der Kommentar sprachlich wie inhaltlich ziemlich ungehobelt daherkommt, schalte ich ihn dennoch frei und nehme ausführlich Stellung zu dem Anwurf.
Erkläre dem Pöbler die konkrete Situation, stelle klar, wie wir unseren Hund erzogen haben, erläutere, dass sie keinen Wildtieren oder Vögeln hinterherjagt und wir sie auch niemals dazu animieren würden. Wir achten die Natur, wir lieben nicht nur unseren Hund, sondern alle Tiere, verhalten uns daher draußen angemessen achtsam und vorsichtig, in Naturschutzgebieten halten wir uns an die Regeln und meiden sie – unterwegs mit Hund – am besten ganz.

Das alles interessiert diesen Blogger aber gar nicht, er geht deshalb auch mit keiner Silbe darauf ein, sondern haut den nächsten pauschalen und oberlehrerhaften Kommentar raus, schert weiterhin alle Hunde und Hundebesitzer über einen Kamm, fordert eine grundsätzliche Anleinpflicht für alle Hunde (und zwar überall) und bezichtigt mich der Uneinsichtigkeit, Unbelehrbarkeit und Blödheit.

Ich beende die Diskussion, da man mit Rechthabern und Prinzipienreitern ja nicht diskutieren kann. Wenn man schon zu Beginn der Debatte spürt, dass einer eh nur seine eigene Sicht loswerden will, keinen Dialog führen kann, nicht genauer hinzusehen, zuzuhören oder zu differenzieren bereit ist und auch nur in einer Dimension denken kann, ist der Weg zum Fundamentalismus nicht mehr weit.

Am nächsten Morgen poltert der allwissende Leinenzwang-Vertreter in seinem Blog nochmal ordentlich los, verdreht die Situation erneut und stellt die Sache wieder so dar, als hätten wir im Naturschutzgebiet mutwillig Jagd auf Vögel gemacht und würden das auch grundsätzlich tun, weil wir depperte Rüpel sind. Hundehalter eben. Die sind nämlich größtenteils unfähige, uneinsichtige Idioten, im Grunde gehören die ebenso an die kurze Leine wie alle Hunde.
So dargestellt bekommt er natürlich eine Menge Zuspruch statt einen Maulkorb, der einer solchen Verleumdung angemessener wäre.

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Einer der großen Vorzüge Münchens ist, dass die Stadt ihren Zamperln in sehr vielen Gebieten Freilauf zugesteht und man kann nur hoffen, dass das so bleibt und einem nicht ein paar Deppen, die ja unter Hundebesitzern nicht mehr oder weniger vertreten sind als in allen anderen Personengruppen auch, diese Freiheit eines Tages beschneiden.
Nach meiner nunmehr siebenjährigen Erfahrung funktioniert dieses „Leben und leben lassen“-Prinzip hier auch relativ gut.
Die Idee, einen Hundeführerschein verpflichtend einzuführen, finde ich dennoch hervorragend.
Je besser der einzelne Mensch Hund erzogen und artgerecht ausgelastet ist und sozialisiert wird, desto weniger Konfliktpotential gibt es unter Hunden, die draußen aufeinandertreffen – dasselbe gilt für Begegnungen zwischen Nicht-Hundehaltern und Hunden.
Je mehr der einzelne Hundehalter über die rassespezifischen Bedürfnisse und Veranlagungen seines Hundes weiß und damit umzugehen lernt, desto besser für Mensch und Tier. Generell würde mehr Wissen – und wo dies noch fehlt: ein aufklärender Dialog, der respektvoll geführt wird – allen Beteiligten nicht schaden.

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Der Hund ist ein Bewegungstier.
Allen Hunden pauschal den Freilauf zu verbieten, sie immer und überall an der (kurzen) Leine zu führen, widerspricht einem der Grundbedürfnisse, die ein Hund hat. Wer seinem Hund nicht genug Bewegung ermöglichen kann, wer nicht die Zeit, Mühe und Geduld aufbringen möchte oder kann, um mit seinem Hund in Gebieten, in denen das erlaubt ist, einen verantwortungsvollen Freilauf zu praktizieren oder zu trainieren, der sollte sich vielleicht besser gar keinen Hund zulegen.
Die großen Jagdhunde (besonders modern hier in der Stadt: der Weimaraner), die von manchen Menschen wie edle Statussymbole an schicke Kinderwägen angebunden täglich nur eine Runde durch den Englischen Garten geschleift werden, sind ebenso zu bedauern wie die sogenannten „Handtaschenhunde“, die oft nur deshalb zu ängstlichen Kläffern werden, weil sie mehr in der Handtasche oder auf dem Schoß sitzen müssen als sich bewegen und mit Artgenossen oder ihren Menschen toben zu dürfen.

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Probleme kann es im öffentlichen Raum immer dort geben, wo einem Rücksichtslosigkeit, Aggression, Gewalt, Ignoranz oder Dummheit über den Weg laufen. Und das ist ja beileibe nicht nur auf Gassirouten begrenzt, sondern kann einem überall begegnen.

Wenn mich 1x nachts ein Mann auf der Straße angegriffen hat, kann ich das als schrecklichen Einzelfall betrachten oder unreflektiert und pauschal auf alle Männer übertragen und sie fortan als potentielle Täter betrachten.
Wenn ich 1x mitten auf dem Gehweg in einen Hundehaufen getreten bin, kann ich das als sehr ärgerlichen Einzelfall betrachten oder ab sofort allen Hundebesitzern unterstellen, dass sie die Hinterlassenschaften ihrer Vierbeiner rücksichtslos liegen lassen.

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Mein erster kleiner Shitstorm…
Wie sich das anfühlt? Nicht gut!

Weil es sich nie gut anfühlt, es mit Menschen zu tun zu bekommen, die so schnell und unhinterfragt urteilen, zudem noch pauschale und harte Urteile fällen, andere auf Basis ihrer nicht überprüften Unterstellungen verurteilen und die sofort „wissen“, wie etwas gewesen ist, obwohl sie selbst nicht mal dabei waren.

„Ich wollte dir nicht zu nahe treten“, schrieb mir jener Blogger.
– „Nein, zu nahe getreten trifft es auch nicht. Sondern plump und blindlings drübergetrampelt.“

Wie schön, dass es in der Blogosphäre mit nur einem einzigen Klick möglich ist, jemandem nachhaltig aus dem Weg zu gehen.

Von einem sonnigen Spaziergang an der südlichen Isar grüßt Euch (mit wohlerzogenem, frei laufendem und vergnügten Dackelfräulein an meiner Seite) –
Die Kraulquappe.

Auferstanden.

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Wenn man das Nutellaglas Konfitüreglas eines Morgens nur noch unter Schmerzen öffnen kann und irgendwann selbst das Betätigen einer Taste auf der Fernbedienung der Liste unbedingt zu vermeidender Bewegungen mit dem rechten Arm hinzugefügt werden muss, ist es an der Zeit, sich doch mal der Bedienungsanleitung des Elektrostimulationsgerätes zu widmen, das einem der Orthopäde vor 14 Tagen verordnet hat und das seit einer Woche unberührt und originalverpackt hier herumliegt.

Ein mühevolles Stündchen der Lektüre und des Zusammenpopelns und -steckens der einzelnen Gerätebestandteile später erweist sich das dann als sehr feine Sache.
Die Elektroden jagen einen Strom durch den Ellenbogen, dass es nur so bitzelt! In der Anleitung steht, man solle ruhig ein wenig herumexperimentieren, bis die passende Stromstärke für die optimale Stimulation gefunden ist. Yeah, das fetzt- und zwar so richtig!
Aber man muss schon auch Obacht geben, dass man die Kiste nicht so doll aufdreht, dass einem die Tränen in die Augen schießen. Wahrlich genug geheult in letzter Zeit.

Morgen probier‘ ich noch den coolen Gürtelclip zum Gerät aus, der Haushalt geht dann so elektrostimuliert sicher leichter von der Hand und manch anderes vielleicht auch.

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Durch die vormittäglich hektische Innenstadt haste ich zu einem Termin bei meiner Zahnärztin.
Spät dran bin ich, die U-Bahn ist schuld. Plötzlich ein Stau auf dem Bürgersteig. Eine Taube hält mich und andere Eilige auf. Sie hockt behäbig mitten auf dem Weg, ungehalten machen die Passanten einen Bogen um sie, links herum oder rechts herum oder über sie hinweg.
Manch einer tritt nur haarscharf nicht auf sie drauf.

Auch ich will ansetzen, der Taube auszuweichen, in dem Moment begegnen sich unsere Blicke. Aus ihren trüben Knopfaugen sieht sie zu mir hoch und erst jetzt fällt mir auf, wie zerzaust und verklebt ihr Gefieder ist. Schwerfällig tippelt sie auf der Stelle und pickt mit großer Mühe auf dem kalten Asphalt nach fiktiven Krumen, sucht nach irgendetwas Fressbaren. Es schnürt mir das Herz zu, weil ich begreife, dass ihr Schicksal längst besiegelt ist. Ihr Picken gleicht dem Ticken einer Uhr, die Zeit läuft gegen sie, das letzte Stündchen ist nicht mehr weit (ob sie um die Sinn- und Ausweglosigkeit ihrer Existenz wohl weiß?).

Ich zwinge mich weiterzugehen (der Zahnarzttermin!), drehe mich aber noch zweimal nach der Taube um. Wie kläglich sie da sitzt, wie verzweifelt und wie schwach. Zwei annähernd gleich starke Impulse in meiner Brust: In die nächste Bäckerei gehen und ihr eine Semmel kaufen, nur für sie allein! – oder sie umgehend erlösen von diesem Leben, das keines mehr ist und auch nie mehr eines sein wird. Für das eine fehlt mir die Zeit, für das andere der Mut.

Im Wartezimmer angekommen ist mir nach Weinen zumute, aber auch daraus wird nichts, da S., die professionelle Zahnreinigerin, mich unmittelbar nach meiner Ankunft ins Behandlungszimmer zitiert.

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Die nette Tierärztin geht den langen Klinikflur entlang und nähert sich dem Wartezimmer.
Weil sie auf einem Auge nach außen schielt und man von Termin zu Termin leider stets wieder vergisst, welches das schielende Auge ist, weiß man nie, wann man sich von ihrem Blick nun gemeint fühlen soll oder nicht.
Ich bilde mir ein, sie schaut längst zu uns herüber. Und sie blickt ernst drein, womöglich sogar sehr ernst. Das Herz rutscht mir in die Hose, das zitternde Hündchen (so klein zusammengerollt wie sonst nie!) auf meinem Schoß haltend, der Gatte neben mir zwar ein Ruhepol, aber das hilft jetzt rein gar nichts. Nicht in einem Moment eines vermeintlich ernstes Blickes einer Tierärztin, die uns gleich den histologischen Befund mitteilen wird.

Sie begrüßt uns und fordert uns auf, ihr zu einem Behandlungszimmer zu folgen. Als ich aufstehe, hat eines ihrer Augen offenbar die Herpesinvasion auf meiner Oberlippe erspäht und das andere mein blasses Gesicht registriert. Sie lächelt mich an und sagt: „Es ist alles in Ordnung!“

Das Dackelfräulein hat eine virale Plaque und eine Warzenneigung. Die Narbe verheilt gut, den Verband muss sie nicht länger tragen und in Kürze darf der Hinterlauf auch wieder das tun, was ein Dackelhinterlauf tun will: Sich abstoßen, um zu sausen, sich fest ins Erdreich stemmen, wenn mit den Vorderpfoten gegraben wird, durchs Wasser strampeln, um die Frisbeescheibe aus dem Fluss zu herauszufischen, morgens rüpelhaft gegen meine Rippen treten, um sich unter der Decke besser umdrehen zu können.

Es ist alles in Ordnung.

Als wir 20 Minuten später durch die Schiebetür ins Freie treten, bricht eine Tränenlawine aus mir heraus, das ganze verdammte Warten donnert hinab auf die Pflastersteine vor dem Klinikeingang.

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Wie auferstanden fühle ich mich.

Frohe Ostern wünscht Euch –
Die Kraulquappe.

Piep, piep oder: Skizzen aus der Blogpause.

Piep, piep.

Ich hänge meine Bettdecke über das Balkongeländer vor meinem Zimmer und gucke eine Weile ins Grün des Nachbargrundstücks. Die im großen Garten liegende Eingangstür des 8-Parteien-Mietshauses gegenüber öffnet sich. Eine Frau, deren graue Haarsträhnen ähnlich wirr wirken wie ihr Geisteszustand, tritt heraus und ruft „Piep, piep. Piep, piep!“

Morgens, mittags, abends. Manchmal gibt’s auch noch eine Sonderschicht am Nachmittag.

Piep, piep. Immer in derselben Tonlage, immer 2×2 Pieper, immer dieselbe schmuddeligweiße Schlabberhose an. Nach dem ersten Piep-Piep schüttet sie den Inhalt einer kleinen Plastikschüssel in ein Vogelhäuschen, tritt zurück, blickt in den Garten, hinauf zu den Baumkronen. Ruft erneut ein fast mahnendes zweites Piep-Piep, meist mit geschlossenen Augen, und geht wieder ins Haus zurück. Sekunden später schlagen sich die ersten Meisen um die Leckereien, Meisen erkenne ich zweifelsfrei auch auf einige Entfernung. Danach tummelt sich hellbeiges bis braunes Geflatter in dem Häuschen. Wenn der Buntspecht anrückt, ziehen sie Leine, die Kleinen.

Man fixiert sich schnell auf das tägliche Piep-Piep. Wartet fast schon darauf. Nach ein paar Wochen ist bereits klar: Es würde zu den Ritualen gehören, die einem fehlen würden, blieben sie plötzlich aus. Ich würde rübergehen, bei der Frau mit den wirren Haaren klingeln und nach dem Rechten sehen.

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Die neue Gegend.

Tja. Vor- und Nachteile, wie überall. Neulich beim Laufen im Wald eine erste Zwischenbilanz gezogen. Ist wie Listenschreiben, und da ich seit Beendigung des Umzugsprojekts keine Listen mehr schreiben muss (außer Einkaufslisten), bilanziere ich jetzt wieder so vor mich hin. Sofern nicht doch noch umzugsbezogene Arbeiten nachklappern wie Rechnungen bezahlen, Reklamationen mitteilen, Mängel anzeigen und nicht zu vergessen: die Fahrten zum Wertstoffhof. So oft war ich da, dass ich beim letzten Mal (vorgestern!) schon dachte, jetzt ist’s so weit, jetzt hast du Halluzinationen und siehst Raubtiere auf den Containern hocken.

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Also, die neue Gegend.

Pro: Mehr Natur (schier unendlicher Wald!), mehr Vögel (nicht nur wegen Piep-Piep, sondern: wann sah man zuletzt einen Stieglitz in der Stadt?), mehr Wohnung (+ 10m²), schönere Wohnung (alles neu), mehr Balkon (+ 2m²), mehr Luft (vor allem bessere), mehr Stil (das Bad hat was von einem SPA, das Parkett was von einer Villa, zumindest für uns Ausstattungs-Entwöhnte), super Nachbar (wie bereits berichtet), bis Benediktbeuern nur noch 25 Minuten (endlich in die Berge fahren ohne Pipipause unterwegs).

Contra: Mehr Technik (Fensterlüfter mit 4 Stufen, Fußbodenheizung, High-Tech-Türsprechanlage, Jalousien, Wäschetrockner), mehr Fliegen (Pippa am Rande des Nervenzusammenbruchs), mehr Katzen (Pippa am Rande der Heiserkeit), DM weiter weg als zuvor (dafür Biomarkt und Pfister näher), sonst eher Großmärkte mit großen Parkplätzen davor (was ich noch nie mochte).

Aus manchen Vorgärten der Einfamilienhäuser ertönt nun zum Samstagsgrillen Andreas Gabalier oder die Spider Murphy Gang. In der alten Gegend wurden wir von der Mariachi-Mucke der spanischen Eckkneipe oder dem Italo-Pop des Freaks im 5. Stock des Hauses gegenüber beschallt. Schwer zu sagen, welches Grauen das größere ist. Beides jedenfalls ein Grund, die eigene Anlage lauter aufzudrehen. Wenn man denn eine vernünftige hätte.

Statt Trambahnquietschen hört man nun morgens um 5 Uhr die Autobahn in einiger Entfernung rauschen. Offene Fenster? Mal wieder Fehlanzeige bzw. nur mit Ohrstöpseln drin. Leider hört man dann nicht mehr, wenn der Hund sich anschickt zu kotzen oder sich die Flanke wegen einer Zecke blutig beißt und man helfen müsste.

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Überhaupt, die Geräusche.

Wie man doch plötzlich feststellt, an Geräuschen zu hängen, wenn sie erstmal fehlen. Da lese ich die Tage zufällig im Netz, dass Depeche Mode im Olympiastadion war – und die Info trifft mich, sticht mir ins Herz, ganz unvermittelt. Ich hasse Depeche Mode, aber ich liebte es, wenn der Sommerwind die Klangfetzen der Open Airs auf unseren Balkon wehte. Dann wusste man: „Igitt, Depeche Mode ist mal wieder da“ oder der Grönemeyer jammerte vor sich hin oder Axl Rose war mal wieder zu hacke, um die Töne zu treffen.
Alle paar Jahre kam  Springsteen vorbei, und ich war sowas von happy, da hinradeln oder -laufen zu können. Für 1 Konzert alle 3 Jahre muss man wirklich nicht in Stadionnähe wohnen, rational betrachtet, da tut’s auch die U-Bahn (zumal die von hier direkt zum Olympiapark fährt). Aber es hatte was. Jetzt liest man’s in der Zeitung, welches Open Air man nicht rübergeweht bekam und wird sentimental.
So war ich schon immer gestrickt, ich brauche ewig, um irgendwo anzukommen.
Wahrscheinlich bin ich deshalb auch der Typ, der gern mehrfach an denselben Ort reist. Am liebsten fahre ich nach Wien. Da steige ich aus dem Zug aus und bin da und verliere keine Zeit mit Ankommen.

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Zeitgefühl.

Ja, das Ankommen. Binnen 14 Tagen muss man sich umgemeldet haben. Dazu braucht man seit irgendeiner Änderung im Bundesmeldegesetz vor ein paar Jahren eine „Wohnungsgeber-Bestätigung“, zumindest dann, wenn man ein Mietersklave ist. Als Wohnungsnehmer bittet man dann den Wohnungsgeber höflich, ein solches Formular auszufüllen, das beim Amt vorgelegt werden muss. Ein paar Stempel und Formulare später klebt ein Fitzelchen Amtspapier mit der neuen Adresse auf dem Personalausweis.
Bei der Gelegenheit erstmals seit Jahren einen genauen Blick auf diese Ausweisscheckkarte geworfen. Das blonde Wesen darauf hat eigentlich nicht mehr viel mit mir zu tun. Als Ablaufdatum ist der 02.06.2024 eingestanzt – und kurz habe ich das Gefühl, dass dieses Datum auch nicht mehr viel mit mir zu tun hat. Der in der ebenfalls wegen des Wohnsitzwechsels geänderten Zulassungsbescheinigung eingetragene TÜV-Termin fühlt sich anders an, aber der ist ja auch schon im nächsten Mai.

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Laufen und Schwimmen.

Dickes Plus fürs Laufen – jedes Mal eine andere Runde, nur noch Waldboden, herrliche Ruhe. Aber ein Minus fürs Schwimmen – der Weg zum geliebten Bad hat sich zeitlich verdreifacht, 15 Minuten statt 5, wenn man gut durchkommt. Was ist man doch verwöhnt. Ebenfalls entfällt das sommerliche Heimradeln mit nassen Haaren.
Alternativ könnte ich das Freibad der Kindheit und Jugend aufsuchen, das wär‘ jetzt wieder schön nah, aber das läuft bei den Einheimischen immer noch unter „Maria-Neipiesel“ (korrekter Name: Maria-Einsiedel) und ich seh mich da noch vorm Kiosk anstehen, 20 Pfennig fest umschlossen in der Kinderhand, um zwei weiße Mäuse zu kaufen, und dann bin ich endlich dran und der Junge vor mir hat mir die letzte Maus weggekauft (ich hab dann diese gelb-pinken Speckrollen genommen, nicht halb so gut). Die Radtaschen hätten sie uns da auch fast vorm Schwimmbadeingang weggeklaut, wenn der Papa nicht damals den Dieb bis auf den Thalkirchner Campingplatz verfolgt und ihn so beeindruckend am Schlawittchen gepackt und geschüttelt hätte, dass der die Radtaschen (echt gute aus Holland) wieder rausrückte. Alles in allem nicht so die beste Erinnerung. Also lieber ins Auto und zum Dantebad.

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Arbeit und Struktur.

Zäh wie Kaugummi war das zuletzt. Vor allem deshalb auch die Blogpause. Jetzt ist eine Sache endlich mal fertig und die nächste wartet schon. Und die, die mir am Wichtigsten gewesen wäre, hat sich erstmal zerschlagen. Dabei hatte ich da schon manches drauf abgestimmt.
Dafür neue Ideen, auch schön. Alpenüberquerung vom Tegernsee nach Sterzing, mit dem Dackelfräulein. Oder mal wieder nach Wien. Oder auf die Ålandinseln. Oder in die Dolomiten. Oder an den Zürichsee, endlich H. besuchen. Mal sehen. Vorher sinnvollerweise Kassensturz und: die Steuererklärung, die Bayern haben da ja bis Ende Juli Aufschub. Paralell dazu den ganzen Wohnungskram abheften, neue Ordner anlegen. Eigentlich mach‘ ich sowas lieber im November.

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Hundstage.

Nein, nicht die des aufgehenden Sirius ab Ende Juli. Sondern Hundedamenhormonirrsinn. Völlig überraschend hat Pippa beschlossen, ihre durch den Umzugstrubel erfreulicherweise vereitelte Scheinschwangerschaft bzw. -mutterschaft noch nachzuholen. Nicht dass uns das mal eine Saison erspart bleibt!
Seit ein paar Tagen wird viel geweint, des nachts unruhig umhergewandert, immer auf der Suche nach den nicht vorhandenen Kindern. Tagsüber kläglich unters Sofa gezwängt, um den Kummer zu ersticken. Die übrige Zeit anhänglich wie eine Klette und verfressen wie zehn Bären nach dem Winterschlaf. Draußen wie eine Omi unterwegs, man muss sich schließlich schonen, um alle Kräfte für die Aufzucht der Kinder aufzusparen. Der Wäschekorb muss ebenso als Wurfkistenersatz herhalten wie die Decke auf dem Sofa des Nachbarn.
In zwei, drei Wochen dürften wir das Gröbste hinter uns haben. Wer einen imaginären Welpen haben möchte, bitte melden. Ende Juni geben wir sie ab, nur in gute Hände versteht sich.

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Da bin ich also wieder.

Song des Tages (2).

Irgendwie nahm die turbulente Woche mit deutlich weniger Ups als Downs dann doch noch ein gutes Ende.

Das absolut mieseste Down war der ebenso plötzliche wie unerklärliche Verlust einer Konzertkarte für Lambchop (ich verliere so gut wie nie etwas!), so dass ich wie ein auf frischer Tat ertappter Schwarzfahrer am Einlass der Kammerspiele stand und schließlich mitten unter den Leuten in Tränen ausbrach, weil ich es einfach nicht fassen konnte, dass das Ticket WEG war.

Zu verdanken habe ich den plötzlichen Stimmungsumschwung drei eigentlich kleinen Dingen, die sich am heutigen Nachmittag zutrugen.

  1. Einem unerwarteten Lob, das der Gatte aussprach, bevor ich zum Sonntagslauf aufbrach: Für das Gewinnen des nervenaufreibenden, monatelangen Kampfes gegen die dämliche Hausverwaltung und die geizige Vermieterin. Dieser „Sieg“ ist fast an mir vorbeigezogen vor lauter anderem Zeug (oder man ist so leergekämpft, dass man nichts mehr fühlt, gibt’s ja auch).
  2. Der Rückkehr von Hi-Hü-Hi-Hü. Ornithologisch unbewandert wie ich bin, habe ich keinen adäquaten Namen für den kleinen Genossen, dessen hörbares Auftauchen im Baum vor dem Schlafzimmerfenster jedes Jahr den Frühling ankündigt. So wurde er halt nach seinem zwar etwas einfältigen, aber dennoch froh stimmenden Gesang getauft.
  3. Der Zufallswiedergabe-Funktion des iPods beim Laufen. Ich hatte auf nix so recht Lust, also überließ ich dem Zufall das Zepter und dieser kramte aus den Untiefen des Archivs einen ewig nicht mehr gehörten Song aus, zu dem es sich so dermaßen gut laufen lässt (und dabei hoppelte auch noch ein Kaninchen neben mir her, einige Takte lang!)

I wanna run, I want to hide
I wanna tear down the walls
That hold me inside

Da mag man den ollen Bono so schrecklich finden wie man will, der Rhythmus ist spitze. Dennoch habe ich mich für eine Videoversion entschieden, in der einem des Weltretters Anblick erspart bleibt, da er wegen einer Verletzung von einem besseren Prediger vertreten wurde 🙂

Ich kam jedenfalls ziemlich euphorisch und innerlich geglättet nachhause zurück.

I want to feel sunlight on my face
I see the dust-cloud disappear without a trace
I want to take shelter from the poison rain
Where the streets have no name

Jetzt noch den aktuellen Artikel über einen der Lieblingsberge fertigschreiben und danach den neuen Island-Krimi gucken.
Wird schon alles werden!

Es grüßt euch
Die Kraulquappe.

Auf großem Fuß leben.

Heute bekam ich Post vom sehr geschätzten Bloggerkollegen „Linsenfutter“ aus dem westfälischen Hamm.

Erst stutzte ich kurz, als ich den Betreff der frevelhafterweise im Spam-Ordner gelandeten Email sah: „Große Füße“. Huch???

Aber sogleich fiel mir ein, dass ich ja erst neulich den Meister der Vogelfotografie anlässlich einer seiner Wasservogelserien, in der auch das Blesshuhn vertreten war, um einen Gefallen gebeten hatte. Genauer gesagt um eine ganz spezielle Aufnahme!

Und genau die kam heute in mein Postfach geflattert: Ein Foto, auf dem auch die wunderbaren, völlig überdimensionierten Blesshuhn-Flossen zu sehen sind!

Besshuhn – Jesus-style (fotografiert von „Linsenfutter“)

Vielen herzlichen Dank für die Wunscherfüllung!

Da „Linsefutter“ in mir wohl einen Vogelfußfetischisten vermutet, gab’s noch eine Dreingabe: Teichhuhnfüße in Großaufnahme 🙂

Teichhuhnpranken (fotografiert von „Linsenfutter“)

Die sind auch nett und durchaus elegant, ja, aber an die Beinfärbung und die Mega-Zehen mit den riesigen Schwimmlappen des Blesshuhns kommt das Teichhuhn mit seinen Stelzen nicht ran. (@Linsenfutter: wenn sich’s einrichten ließe, wäre die Beinfärbung des Blesshuhns evtl. auch noch drin?, dazu müsste es allerdings vor dir stehen, aber vielleicht tut’s das ja mal – dann drück‘ bitte ab! Ich könnte mich mit ein paar Dackelpfotenfotos in Laienqualität revanchieren.)

Wasservögel gehören gar nicht mal zu meinen absoluten Favoriten unter den Vögeln. Erst kommt der Schuhschnabel, dann lange nichts, danach Papageien und Sittiche, gefolgt von Adlern, Uhus und Eulen – über alles Weitere müsste ich länger nachdenken und dann würde die Liste auch zu lang werden).

Dass ich Blesshuhnfüße so mag, liegt an der Luzzi (Gott hab‘ sie selig!), einer blessblassblauen Wellensittichdame. Sie war die letzte Gefährtin Fridolins, meines ältesten Wellensittichs (Gott hab‘ auch ihn selig!). Die Luzzi war kein typisches Frauenzimmer, hat nur wenig gesprochen, geschweige denn geträllert oder gesungen, ab und an mal ein bisschen Geschimpfe, mehr nicht. Fridolin hingegen war ein begnadeter Sänger und Pfeifer, das Intro von Jungleland war seine große Spezialität (es lief dann auch zu seiner Beerdigung, das war Bruce ihm schuldig!).

Den Mangel an Sangeskraft hat Luzzi dadurch wettgemacht, dass sie zur geschickten Kletter- und Gymnastikkünstlerin avancierte. Sie hatte die größten Füße, die ich je an einem Wellensittich gesehen habe. Irgendwo in ihrer Ahnenreihe muss ein Blesshuhn gewesen sein, so riesig waren diese Füße!

Wen es genauer interessiert, der lese bei Wikipedia nach und versäume keinesfalls den Absatz über die Stimme!

In diesem Sinne: krök-krök & bis bald mal wieder!
Eure Kraulquappe.