Situationen, in denen ich einfach nur ich bin.

Dann doch noch den Absprung vom Dackelsofa geschafft, auch wenn’s Überwindung kostete. Aber die kleine Nelly ist ja alle zwei Wochen in München und morgen sieht man einander eh nochmal, beim Geburtstagsbrunch von Nellys Papa seinem Mann, unserem Nachbarn (keine Sorge: der verhundste Genitiv ist ein Insider-Gag).

Erstes Vollmondschwimmen im neuen Jahr! Antizyklisch, d.h. samstags im Januar und Februar keinesfalls tagsüber, wenn die guten Vorsätze die Bahnen verstopfen.

Ab 21 Uhr herrscht gähnende Leere im Becken. Heute herrscht sogar mal kurz Dunkelheit. Um 21:25 Uhr fällt das Stadionflutlicht für ein paar Minuten aus.

Tolle Atmosphäre: Über mir leuchtet der Mond, unter Wasser die paar Bullaugenspots – ein Traum (mir fällt „Nightswimming“ ein, von R.E.M. war das, oder?).

Das Wasser greift sich gut heute, schön glatte Oberfläche, da windstill und nur vier Mitschwimmer, auch die Außentemperatur ist ideal, man friert nicht allzu sehr auf dem Weg zum Becken. Manchmal denke ich, ich würde zugrunde gehen, wenn ich nicht mehr ins Wasser hinein dürfte.

Ungefähr 4x im Jahr gönne ich mir das: nach dem Schwimmen noch auf ein Weißbier in den „Hechtsprung“, wie die dem Lieblingsbad angegliederte Kneipe heißt, und runter ins Becken gucken, bis dort um 23 Uhr Zapfenstreich ist.

Dann bin ich mal für zweieinhalb Stunden nicht Dog-Ma, nicht Ehefrau, Lebensmanagerin, Autorin, Gefährtin, Tochter, Haushälterin, Freundin, Köchin, Nachbarin, Zweiflerin… – sondern ein momentweise von all diesen Rollen befreites Ich. Gönnen Sie sich das auch manchmal?

Eine gute Nacht wünscht Ihnen

Die Kraulquappe.

Worrying about your little world falling apart.

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Dieser vorwiegend verjammerte Monat neigt sich nun erfreulicherweise seinem Ende zu. Der Inhalt des Jammertopfes ebenfalls.
Alles ist gesagt, gefühlt, beweint, beschrieben und beklagt worden.
Bei einem der Loopings während der emotionalen Achterbahnfahrten, die der Februar mir gratis und so reichlich zugedacht hatte, hat’s mich aus der Kurve gehauen.
Der Aufprall war unsanft, das System wurde ziemlich durchgerüttelt. Überall schepperte, wackelte oder flatterte es.
Nach all dem Aufruhr macht sich nun eine beinahe wohltuende Leere breit und bietet Gelegenheit, die Wunden zu lecken und zu verpflastern.

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Das für gestern Vormittag geplante Schwimmen verschob sich dann doch auf den späten Abend. Was sich gelohnt hat.
Zum einen, weil man rückschwimmend durch den Dampf direkt zum (Voll?)Mond im schwarzen Winternachthimmel hinaufschauen konnte, zum anderen, weil nach dem Bahnenziehen erstmals in meiner über 20-jährigen Schwimmkarriere die Badelatschen am Beckenrand festgefroren waren. Das gab’s noch nie.
Der Lieblingsbademeister eilte mit dem Heißwasserschlauch herbei, eiste meine gelben Crocs los und spendierte mir zur Entschädigung für die 15 Sekunden Extra-Frieren eine Gutschrift für den nächsten Besuch.
Ich liebe dieses Bad.

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Man kann nicht alles wegschwimmen, was einem im Nacken sitzt oder im Magen liegt.
Aber manches kann man leichterschwimmen oder schwimmend ins Wasser hineindenken und dann zugucken, wie es allmählich auf den Beckenboden (den gekachelten!) sinkt.
Kleine Verletzungen, große Enttäuschungen, nagende Zweifel, wiederkehrende Zukunftssorgen, fehlende Antworten, schwelende Ängste, spontane Lebensmüdigkeiten, kraftraubende Viren, zerplatzte Hoffnungen – bei jedem dritten Armzug vollständig Ausatmen, und ab damit Richtung schwarzer Balken auf türkisem Boden.
Man muss außerdem sehr viele Bahnen schwimmen, um seinen Ballast loszuwerden. Keine Ahnung, wie viele.
Jeder hat so seine Ventile. Das Schwimmen ist meines.
Ein weiteres ist die Musik.

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Auf der nächtlichen Heimfahrt ist die alphabetische Tracklist der 16GB-Musiksammlung bei „M“ angelangt. Macdonald, Amy.
Sie singt darüber, was Glück für sie bedeutet. Netter Song, 4:49 lang. Dann Stille, das Gerät springt nicht automatisch weiter zum nächsten Titel, und ich denke sofort: „Verdammt, geht DAS jetzt auch noch kaputt in diesem versemmelten Monat.“
Weil die Straße glatt ist, kann ich nicht an der Anlage rumfummeln. Als ich an der nächsten Ampel stehe und mit dem Finger aufs Display zusteuere, singt die Amy plötzlich weiter, nach über 70 Sekunden Pause.
Siehe da, es sind ja noch 3 Minuten Restzeit für „What happiness means to me“ angezeigt, das Glück hat also einen Epilog, den ich bislang nie bemerkt habe (da könnte sich das Leben mal eine Scheibe von abschneiden).
Unverzeihlich, denn es folgt eine Acoustic-Zugabe in schottischem Akzent von „Dancing in the dark“. Ein Song, den ich zwar seit 33 Jahren in & auswendig kenne, aber früher mal so oft gehört habe, dass ich schon lange nicht mehr wirklich zuhörte (sofern er mir überhaupt ab und zu mal unterkam).
Manches hat man ja als Teenager ganz anders aufgefasst (oder noch gar nicht erfasst) – und gestern Nacht trafen diese Worte zum ersten Mal einen völlig neuen Punkt meines Bewusstseins (oder auch bloß einen der Nerven, die sich im Februar entzündet hatten).

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You sit around getting older
there’s a joke here somewhere and it’s on me
I’ll shake this world off my shoulders
come on baby this laugh’s on me

Stay on the streets of this town
and they’ll be carving you up alright
They say you gotta stay hungry
hey baby I’m just about starving tonight
I’m dying for some action
I’m sick of sitting ‚round here trying to write this book
I need a love reaction
come on now baby gimme just one look

You can’t start a fire sitting ‚round crying over a broken heart
This gun’s for hire
Even if we’re just dancing in the dark
You can’t start a fire worrying about your little world falling apart
This gun’s for hire
Even if we’re just dancing in the dark

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(This one’s for you, S.)

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