Die „neue Normalität“ hat auch ein paar Vorteile…

…zum Beispiel können Sie jetzt an einem sonnigen Mittwochnachmittag (sogar mitten in der Ferienzeit) völlig entspannt und ohne den Schweiß oder Atem anderer Gäste auch nur wahrzunehmen, auf der Sonnenterrasse der Neureuth sitzen, wenn Sie erst am späteren Mittag in Gmund losgehen (wochentags leert sich der Wanderparkplatz da bereits wieder).

Bis Sie oben sind, ist der Großteil der Touristen und Tagesausflügler schon wieder auf dem Weg ins Tal und mit all den Abständen zwischen den Biertischen wirkt die Terrasse dann vergleichsweise leer, was man ja von der Neureuth-Hütte schlicht nicht kennt.

Sogar das sonst oft so lästige, weil lange Anstehen fürs Gehopfte entfällt nun, weil die „neue Normalität“ einen Service am Tisch vorsieht, was hier heroben ebenfalls eine immense Verbesserung ist.

Und überhaupt hat man als Einzelperson mit Dackelfräulein an so einem Tisch sitzend nicht mehr das Problem, dass man drauf achten müsste, dass die Tischnachbarn nicht aus Versehen auf den dösenden Hund treten, während man sich das Getränk holt oder zur Toilette geht, weil man ja nur noch mit maximal einem Haushalt bzw. ein paar Kumpels den Tisch teilen muss.

Ebenfalls klasse ist, dass sich der Rekordmeister-Mundschutz spontan umfunktionieren lässt zu einem schicken After-Mountain-Lake-Jump-Suit.

Weil man ja jetzt in jedem Rucksack so ein Fetzchen mitführt, ist der Ad-hoc-Bikini aus zwei Teilen schnell zusammengebastelt, die neidischen Blicke der Uferkiesel sind einem sicher und verfolgen einen, bis man gänzlich ins Wasser eingetaucht ist!

Jetzt noch auf ein Feierabendbier zum Papa in den Garten, dort sitzen, bis die Sonne hinter dem Wallberg versinkt (und der Wetterbericht Recht bekommt) und danach durch die Regennacht zurück nach München.

Himmel der Bayern (76): Die Geierwaldi und ich.

…und im Traum sprach der bemooste Baum zu ihr:

Sobald dich morgens der Dackelbleschl im Ohr die Sonne im Gesicht kitzelt, springst du aus dem Bett, bewegst dich mit der Kaffeetasse an den Schreibtisch, arbeitest dort bis zur Mittagszeit, setzt danach dein Hündchen und deinen Pandemie-Popo ins Auto, fährst in die Berge und gönnst euch einen Nachmittag voller Sonne und Bewegung und guter Aussichten, fern der bellizistischen Sprachdeformationen in den Medien und fern der Texte, an denen du selbst gerade herumwürgst – das wird dir den Kopf wieder freipusten!“

*****

Erste Maiwoche in Bayern.

Die Ausgangsbeschränkungen wurden aufgehoben und durch eine neue Variante der Kontaktbeschränkungen ersetzt. Das erschwert sogleich die Arbeit an meinem akutellen (Neben-)Projekt, dem Wanderführer „Panoramaschleichwege durch die Pandemie“ (wir berichteten HIER und auch DORT).

Denn: es wandern und bergsporteln jetzt wieder alle. Es herrscht nämlich Nachholbedarf. Sehr großer Nachholbedarf. Die Wanderparkplätze sind voll. Sehr voll. Und das sogar mitten unter der Woche.
Das bedeutet: die Zielkoordinaten für weitgehend kontaktlose Bergausflüge müssen erneut gründlich angepasst werden.

Weil die Tour erst um 14 Uhr beginnt (bis der halbe Arbeitstag absolviert und die Anfahrt erfolgt ist), daher nicht zu weit/hoch/lang.

Wir parken auf einem coronaleeren Schwimmbadparkplatz ( 😦  ) und schleichen uns über einsame Frühlingswiesenpfade bis zum Einstiegspunkt in den Wanderweg…

… Fräulein Pippa immer glücklich voraus, weil sie von der Tourleitung genau die Wege serviert bekommt, die sie liebt: dackelbreite, halbschattige Trampelpfade, katzen- und fliegenfrei, links das Bächlein, rechts die Kuhfladen – ja, so muss es sein, das Hundeleben!

Wir begegnen auf dem Bergsteig niemandem, machen auf einer friedlichen Waldlichtung Brotzeit, und ich bilde mir ein, am Rande dieser Lichtung jene Stelle wiederzuerkennen, an der vor einer gefühlten Ewigkeit der Kanadier, der mich während meiner damaligen Sommerferienarbeitswochen hier im Ort besuchte (was für sich genommen ja bereits der Höhepunkt des Sommers war, weil dieser Kanadier aus dem Isartal nämlich nicht nur eine Gitarre und ein Motorrad besaß, sondern auch noch aussah wie einer, der Gitarrespielen und Motorradfahren kann – und es auch tatsächlich konnte, Freundin H. aus der Schweiz wird es noch wissen und beim lesenden Erinnern, so sie denn trotz Homeoffice und ihrer Jungs dazukommt, ein schmachtendes Stöhnen von sich geben) und mich an einem verregneten Nachmittag überredete, auf genau diesen Berg zu steigen, was nicht gelang, weil es regnete und weil ich damals noch dermaßen aus Zucker war, was sich aber als strategisch äußerst sinnvoll erwies, da der Kanadier sodann zu meinem Schutz vor den Unbilden des Lenggrieser Landregens ein kleines Zelt aus seinem Rucksack kramte und es am Waldrand aufschlug und – jetzt halten Sie sich fest! – mir im Inneren dieser kleinen, dunkelgrünen Polyesterburg ein Yes-Torty kredenzte (ich hoffe schwer, Sie erinnern sich noch an diesen legendären Werbespot?), also nicht, dass mir die labbersüßen, luftigen Dinger je wirklich geschmeckt hätten, es ging da mehr so ums (sagen wir mal:) Atmosphärische und das hätte besser nicht sein können, nur eine Ukulele hätte er noch mitnehmen können, denke ich nun, Jahrzehnte später, die hätte locker noch in seinen Rucksack gepasst, aber auch nichts dran geändert, dass wir nach dem Törtchenverzehr triefnass wieder unten in der Jugendherberge ankamen, weil das blöde Zelt nämlich (anders als in der Werbung) undicht war, und der Hammer-Tag dann leider im Keller an der Tischtennisplatte endete (weil wieder mal irgendein Depp den Ballauswurfhebel am Kicker verkeilt hatte, => kein Ball = kein Kickern), und das auch noch mit diesem unerträglichen Rundlauf, bei dem ich erst recht nie einen Ball erwischte, und wie der Besuch des Kanadiers dann zu Ende ging, das habe ich komplett vergessen, meine Erinnerung hat sich irgendwo in diesem unseligen, zerrupften Jugendherbergskellertischtennisplattennetz verfangen und verheddert.

Wo waren wir noch gleich stehen- bzw. sitzengeblieben?
Ach ja, auf einem Baumstumpf auf der Waldlichtung an der Nordwestflanke des Geiersteins, auf der das Dackelfräulein und ich gestern Nachmittag einen Imbiss einnahmen.

Und es war klug, sich dort ordentlich zu stärken, denn im Anschluss stellte sich bald heraus, dass der Maßstab der topografischen Wanderkarte für eine Tourplanung ohne Brille dann wohl doch etwas zu klein war.

Was nach Rundtour über den Geiersteingipfel aussah, war zwar auch eine Rundtour, aber die winzige Kletterpassage war in echt nicht ganz so winzig, und fast wäre ich umgekehrt als wir da plötzlich vor einer Felspassage standen, an der der weitere Weg nicht mehr erkennbar war, außer, er würde direkt und recht weglos über diese Gesteinsbrocken verlaufen, die sich vor uns auftürmten, was aber nicht zu hoffen und zudem eben uneindeutig war.

Karte raus, Rucksack runter, Hund angeleint. Brille aufgesetzt und in die Karte geguckt. Doch, da gibt es einen Weg!
Karte wieder eingepackt, Stöcke an den Rucksack geschnallt, Hund samt Rucksack an einer Wurzel festgebunden. „Sitz und bleib!“ und „Ich komm gleich wieder!“.

Nun erstmal alleine gucken gegangen, d.h. einmal über diese unwegsame Passage geklettert, um zu sehen, ob ich da auch mit Hund rüberkäme. Ja, das würde schon klappen, aber nur ohne Rucksack, weil eine Hand am Fels und die andere am Dackel, das reicht an Konzentrations- und Balanceübung völlig, da kann ich nicht noch ein Glumpp am Rücken brauchen, das mich womöglich nach hinten zieht oder sich irgendwo verhakt.

Schlussendlich dieses Stück dreimal gegangen, 1x zur Erkundung, 1x mit Pippa auf dem Arm und 1x um den Rucksack zu holen.
Wenn ich nicht genau wüsste, dass es Außenstehende langweilt, würde ich über diese Momente mit Hund glatt ein eigenes Büchlein schreiben!
Das ist nämlich der Wahnsinn, wie man da all die Beziehungsjahre und all das, was man in ihnen an Bindung, Vertrauen und Verständigung aufgebaut und erreicht hat, so intensiv spürt! Wie der Hund das weiß, was in solchen Momenten „dran“ ist (totales Vertrauen, totale Folgsamkeit, totale Ruhe), und was man als Mensch für eine Kraft entwickelt, um die kleine Seilschaft sicher über so eine Stelle zu geleiten!

Nach diesem Abenteuer sind es nur noch wenige, felsige Minuten bis zum Gipfel. Spitzenmäßige Aussicht von dort oben, obwohl nur knapp 1.500m hoch, im Osten die Tegernseer Berge und das Mangfallgebirge, im Süden das Karwendel, weiter westlich Wetterstein und Zugspitze und 800 Meter unter uns funkelt die Isar in ihrem Flussbett und zieht ihre Schleifen durch das saftiggrüne Lieblingstal.

Ich küsse das Dackelfräulein auf ihre schwarzglänzende Nase und sage ihr, was für eine unglaublich geländeclevere, mutige und großartige kleine Gefährtin sie doch ist und gebe ihr ein Viertel von meinem Käsebrot ab, woraufhin sie mir sagt, dass sie mich ebenfalls liebt, aber es ruhig die Hälfte des Käsebrotes hätte sein dürfen, weil das dieser extrem großen Sache zwischen uns angemessener gewesen wäre als dieser knausrige Happen.

Ein weiterer Mensch kommt von der anderen Bergseite zu uns hinaufgestiegen, ein kurzes Gespräch ergibt, dass auch er den Plan verfolgte, die beliebteren Ziele der Region zu meiden und es bestätigt desweiteren meine Befürchtung Annahme, dass auch der Abstieg nochmal mit ähnlichen Herausforderungen gewürzt sein würde wie der Anstieg, aber das kann uns jetzt auch nicht mehr erschüttern.

Denn es ist ein guter Tag und wir sind in guter Verfassung.

Beim Hinabsteigen fällt mir einer der Filme ein, die der heimische Serienbeauftragte mir eines Abends während der ersten Corona-Wochen angedeihen ließ: „Nordwand“ (aber auch „Gott des Gemetzels“ und „Shining“ waren durchaus pandemiepassend, vor allem nach „Shining“ wusste man endlich mal, wieso man so schlecht schlief und so mies träumte). Wirklich der krasseste Bergfilm, den ich je gesehen habe und der mich darin bestärkte, auch fortan mit meinen Mikroabenteuern vollauf zufrieden zu sein und vermeintlich verpassten Chancen im Alpinsport keine Träne mehr nachzuweinen.

Unterwegs noch eine kleine Rast auf einer Bank, für eher schwindelfreie Spaziergänger, und unten im Tal angekommen dann fürs Fräulein noch ein Sprung ins kühle Nass des Schlossweihers.

Am Ufer einen Hundegassigänger nach dem schönsten Weg zum Schwimmbadparkplatz gefragt. Der Einheimische entpuppt sich als jemand, mit dem ich damals, in der Zeit jener Yes-Torty-Sommer und Ferienarbeitswochen, also vor rund 30 Jahren, stets unter einem Dach wohnte, weil er der Sohn der hiesigen Herbergseltern war.
Wir tauschen im Schnelldurchlauf die Eckdaten von drei Jahrzehnten aus (Ehen, Kinder, Ausbildungen, Berufe, Eltern, Hunde, Krankheiten, Wohnorte), er lässt den Papa grüßen, ich seine Mutter. Zum Abschied ruft R. mir noch zu, dass wir uns ja in 30 Jahren wieder mal hier am Schlossweiher mit unseren Hunden über den Weg laufen könnten.

Die Welt ist so klein.
Und je älter ich werde, desto mehr wächst das Bedürfnis, sie mir in gewisser Hinsicht auch so klein und überschaubar zu (er)halten, und es stimmt mich überaus froh und zuversichtlich, dass mir das meist auch gut gelingt, denn ich brauch‘ ja nicht viel zu meinem Glück und über die Jahre wird sogar das noch immer weniger (nicht das Glück, sondern die nötigen Zutaten dafür).

Jetzt nochmal 4 Tage Arbeitsklausur – und dann schauen wir mal, wo wir als nächstes unser Glück finden!

Himmel der Bayern (68): Vom Lauf der Zeit (und dem Lauf zur Brotzeit).

Blick von Wamberg Richtung Wank.

Um ein Haar hätte ich „Schimmel der Bayern“ ins Überschriftenfeld getippt – ein recht deutlicher Hinweis darauf, gestern einfach zu oft dieses Ekelwort geschrieben zu haben. So einen schimmligen Feuchtfleck im Innersten der Wohnung zu haben, das belastet mich schon sehr.

Heut aber weit weg vom Schimmel (und den anderen Malaisen zu Tale), dafür echt nah am Himmel der Bayern. Wie erwartet: ganztags Sonne und die Wege menschenleer.
Die Partnachklamm wird nämlich grad „renoviert“, drumrum sind noch ein paar Wege aufgrund von Sturmschäden unpassierbar, der Sessellift steht still, der Skizirkus hat noch nicht begonnen – und schon haben dort oben alle (!) Hütten und Almen zu. Und all diese Gegebenheiten zusammen locken dann halt so gut wie niemanden mehr hinauf.

Erst war ich auch ein wenig zerknirscht, weil so eine gepflegte Weiße nach dem schweißtreibenden Aufstieg in der Wintersonne schon eine feine Sache ist. In Begleitung eines halbierten Kaiserschmarrns sogar eine noch feinere Sache. Aber wir beschließen, die Tour trotzdem oder gerade deshalb zu machen, weil uns ja außer unserem Geschnatter nach Ruhe ist und man beim Eckbauer die ganze Terrasse für sich allein haben wird, ein wirklich seltener Luxus!

Also übernimmt D. die Proviantplanung und ich kümmere mich um den Rest, kutschiere uns nach Garmisch und zurück und bastle eine Tour aus den aktuell begehbaren Routen zusammen.

13 Kilometer Winterwanderung, davon mindestens die Hälfte in der Sonne, der erste Schnee für uns alle und – ich wiederhole diesen Satz Winter für Winter mit derselben Freude, weil es einfach jedes Jahr aufs Neue ein so wonniger Moment ist: das Dackelfräulein flippt erstmal aus und saust wie ein wildgewordenes Karnickel über die schneebedeckten Hänge.

Überhaupt hat sie blendende Laune heute und ist sehr gut beieinander. So kurz vor ihrem 8. Geburtstag beglückt mich das fast noch mehr als sonst, denn diese Acht, die tut schon ein bisserl weh, wenn man sie so hinschreibt und sie anschaut, mit dieser Einschnürung in ihrer Mitte symbolisiert sie ja geradezu, dass sie zwei Hälften zusammenhält und jetzt bricht eben diese zweite Hälfte an und wenn ich bedenke, wie schnell die erste vergangen ist, dann wird mir ganz klamm ums Herz. „Viereinhalb Monate“ – das antwortete man mal auf die Frage nach ihrem Alter, und ich hör’s mich noch sagen als wär’s gestern gewesen, dabei ist das 7 Jahre und 7 Monate her (damals benannte man noch halbe Monate, mittlerweile rundet man bereits seit Wochen auf die 8 auf).

Naja, der Lauf der Zeit eben.

Mahlzeit!

Aber wenn so eine gemeinsame Zeit schon länger läuft, hat das ja auch viele Vorteile. In allen Beziehungen. Zum Beispiel kennt D. nicht nur meinen Münchner Lieblingsbrezenbäcker (praktischerweise ist sie sogar ins Haus neben ihm gezogen), sondern nach 19 Jahren auch alle anderen wesentlichen Nahrungsvorlieben und -abneigungen, so dass ich mich entspannt an den gedeckten Tisch, der heute Mittag eine Holzbank an der Hüttenwand ist, setzen und das wohlsortierte Buffet genießen kann.

Die wattierten Jacken kann man dort oben getrost zum Trocknen ausbreiten, die Ärmel etwas hochkrempeln und die Sonnenbrille aufsetzen. Der Blick über die Schulter, aufs Thermometer an der Hauswand, zeigt 18 Grad. Der Blick geradeaus ruht auf dem Wettersteingebirge oder sucht das Schachenhaus oder das Dreitorgatterl.

Ich verschone Sie heute mal mit einer größeren Auswahl der immergleichen Fotos, speziell zu dieser Tour.
Sie können sich die Wintervariante ausgiebig hier ansehen und die Sommerausgabe dort. Es ist eigentlich immer krass schön in der Gegend, zumindest wochentags, außerhalb der Saison oder eben wenn alles zu hat.

Möge die heutige Vitamin D-Intensivkur nun eine Weile vorhalten.
Ihnen auch noch eine schöne, sonnenreiche und schimmelfreie restliche Woche!

Himmel der Bayern (67): Vom Alberich verfolgt.

Wieder einen anderen Weg zum Heiligen Berg erkundet.
Jetzt fehlt uns nur noch einer, dann sind wir sie wirklich alle gegangen.

Was für ein schöner Himmel, was für eine wunderbare Wanderung – der Läufigkeit des Dackelfräuleins sei Dank spazieren wir nun wieder häufiger auf wenig begangenen Pfaden, um den diversen Aspiranten aus dem Weg zu gehen.

In Klosternähe begegnen wir einem Abt a.D. mit seinem Mischlingsrüden, beide ziemlich betagt, der Rüde aber noch nicht betagt genug, um den Braten nicht sofort zu riechen.

Er folgt Pippa in gebührendem Abstand, aber sehr beharrlich. Die Piffe des Abts richten nicht das Geringste aus, also muss der alte Mann irgendwann doch die Stimme erheben. „Alberich, komm jetzt endlich her!“, ruft er laut. Und danach: „Alberich, warum hörst du denn nicht?“

Alter Mann, zu neuem Leben erwacht.

Während ich dem Herrn die Lage erläutere, stellt sich Alberich – beinahe getreu der Masche seines Namensvetters – weiterhin taub und zieht erst Leine als das Fräulein ihn heftig anzickt.

Man muss sagen: von den Halsbändern her hätt’s schon gepasst, diese Liaison.

Wenn ich Ihnen nun noch erzählen würde, dass wir auf dem Rückweg vom Kloster einen Rüden namens Hieronymus trafen, dann werden Sie entweder denken Die spinnen doch, diese Bayern! oder dass die Verfasserin dieser Zeilen heillos in der Klosterschänke versumpft ist und im Halbdunkel dann vor lauter Doppelbock einen Hirschbock nicht mehr von einem Ridgeback unterscheiden konnte.

Deshalb erzähl ich Ihnen das ja auch lieber nicht.

3 Jahre, 2 Hunde, 1 Freundschaft.

Es gibt nichts Verbindenderes als so intensiv und gut verbrachte gemeinsame Zeit.

Danke Euch dreien für diesen wunderbaren Bergtag in Garmisch!

(Für nähere touristische oder persönliche Hinweise halten Sie bitte einfach den Mauszeiger auf das Bild Ihres Interesses – oder klicken Sie’s direkt an.)

Song des Tages (37).

Like a bird on the wire
Like a drunk in a midnight choir
I have tried in my way to be free

Für D.
Danke für den gemeinsamen Tag.

Hund haben (18).

Eines der großartigsten Phänomene jahrelangen Hundhabens besteht darin, dass man mit der Zeit all jene Dinge vergisst oder verdrängt, die man in seinem früheren, hundelosen Leben total gern unternommen hat und die mit Hund an der Backe Hacke einfach nicht mehr so gut gehen oder eher schlecht machbar oder sogar ganz und gar unmöglich sind.

Ich nehme an, es geht Menschen mit kleinen Kindern recht ähnlich und auch sie vergessen mit den Jahren, wie schön das Leben zuvor war, vor allem, was spontane und nicht generalstabsmäßig und tagelang vorher organisierte Abendunternehmungen oder gar Kurzreisen angeht.
Wie nett es war, nach Lust und Laune Biergärten, Theater, Ausstellungen, Kinos, Lokale, Freunde aufsuchen zu können (und das alles ohne ständigen, verantwortungsbewussten Blick auf die Uhr), im Hochsommer stundenlang lesend an Seeufern herumzudösen oder gleich tageweise in die Berge zu flüchten.
Wie unkompliziert es war, in fremden Städten oder Ländern eine Unterkunft zu finden oder ein paar Urlaubstage oder -wochen zu gestalten.
Wie wenig man sich mit dem Partner abzustimmen brauchte, als man noch zu zweit war: es genügte ein „Du, ich treff mich heut Abend mit X, es kann spät werden!“, nun spricht man sich Tage im Voraus ab, wer wann für den Hund zuständig ist, teilt Abendgassis auf, informiert sich über die aktuelle Verdauungslage des Vierbeiners und muss sich in beruflich oder privat enger getakteten Phasen genauestens an Absprachen halten, da es nunmal nicht geht, dass der Hund statt drei Stunden auf einmal mehr als doppelt so lang allein zuhause ist, nur weil einem nach dem Pizzaessen mit einer Freundin plötzlich noch der Sinn nach einem Kinobesuch steht oder die Arbeitskollegen nach Feierabend zu einem gemeinsamen Biergartenbesuch aufrufen.

Da zieht also eines Tages dieses sogenannte „Glück auf vier Pfoten“ ein und in den folgenden zwei Jahren staunt man nicht schlecht, was alles plötzlich nicht mehr geht oder nur noch anders oder mit mehr Aufwand machbar ist oder einem aber bereits im Vorfeld so viel Aufwand bescheren würde, dass man abzuwägen beginnt, ob das noch in einer vernünftigen Relation zu der angestrebten Unternehmung steht oder es nicht entspannter ist, die Sache einfach bleiben zu lassen und nach adäquten Alternativen zu suchen.
Wehmut und Ernüchterung überschatten gelegentlich dieses immens große Glück, das einem die Wohnung vollhaart und einem das nachmittags im Café aus Langeweile zernagte Bierfilzl nachts um 4 Uhr von Gallenflüssigkeit ummantelt auf den Teppich würgt.

Nach weiteren zwei Jahren hat man schließlich mit viel Veränderungswillen und Anpassungsarbeit einen Modus gefunden, in dem sich dieses so gänzlich neue Leben wieder gut und rund anfühlt. Und nochmal zwei Jahre dazu, und schon hat man komplett vergessen, wie das Leben früher mal war.

Ein perfekter Assimilationsprozess ist das, den das Hirn da vollbringt, und er kommt nach ein paar Jahren zu einem geradezu perfekten Abschluss: Man ist dann genauso glücklich wie früher, nein, Unsinn, sogar deutlich glücklicher als früher ist man jetzt, denn ein einziger Dackelblick aus diesen ehrlichen, braunen Augen, und schon ist alle Mühsal und Einschränkung wie weggeblasen, und ein Leben ohne Hund ist im Lauf der Zeit sowieso ganz und gar unvorstellbar geworden – nicht auszudenken, der kleine Schlawiner wäre plötzlich nicht mehr da…

Vier Tage Passau mit Hund und mit Temperaturen von deutlich über 30 Grad bedeuten, dass man vieles, das zu sehen man hoffte, überhaupt nicht zu sehen bekommt (wg. für Hundepfoten zu sonnigen oder langen Wegen dorthin) oder nur die absurdesten Orte sieht (z.B. betonierte, schattige Flusszuläufe, durch die man gemeinsam zwecks Abkühlung watet, oder das verschlammte Inn-Ufer oder die veralgten Donautreppen) oder aus anderen Gründen nichts sehen kann (stundenlanges Verharren unter einem zwar schönen, aber licht- und sichtraubenden Blauglockenbaum, wo es der Hund gut aushält und endlich mal nicht hechelt).

Man gibt dazu dann Kommentare zum Besten wie „Dieser Hund hat meine Perspektive auf die Welt und das Leben vollkommen verändert!“ oder „Dank meines Hundes entdecke ich nun so viel Neues!“ – und das stimmt natürlich auch. Absolut stimmt das.
Früher hätte ich mir halt das Museum für Moderne Kunst angesehen, vielleicht auch eine Führung im Stephansdom oder eine ArchitekTour mitgemacht, wäre zu Fuß jedes Gässchen dieser hübschen Stadt abgelaufen, den ganzen Tag auf den Beinen gewesen und hätte mich von Eindrücken und Neigungen einfach mal hierhin, mal dorthin treiben lassen.
Und nun? Mit Pippa an meiner Seite verzichte ich der Hitze wegen auf all diese Dinge. Meine Perspektive auf Passau ist nun eine, in der mein Auge immer geschickter nach schattigen Rasenstücken, erfrischenden Bachbetten, möglichen Flusszugängen, kühlen Seitengässchen, sonnenbeschirmten Cafés, klimatisierten Geschäften sucht – und fündig wird. Bin ja schließlich kein Anfänger mehr.

Gut, in den Stephansdom habe ich das Dackelfräulein trotz der Verbotsschilder mit reingeschmuggelt und in einer Nische unter einem Opferstock (Aufschrift „Für die Armen“) angebunden, wo sie dann friedlich auf dem kühlen Kirchenboden lag und auf mich wartete und die Spendenfreudigkeit sicher mächtig angekurbelt hat, falls jemand ihrer dort gewahr wurde.
Draußen hätte ich sie nirgendwo lassen können und ich bin sicher, dass Gott, falls es ihn doch geben sollte, auf jeden Fall damit einverstanden gewesen wäre, dass ein Hund keinesfalls auf kochendheißen Steintreppen vor dem Dom warten muss.

Als der Gatte seine Tagung hinter sich gebracht hat und wir überlegen, was wir in den verbleibenden 24 Stunden in Passau noch gemeinsam unternehmen könnten, schminken wir uns schnell alles, was mit der hübschen Altstadt zu tun hat, ab. Dort finden nämlich unzählige Festivitäten statt (Mitternachtsshopping, Konzerte, etliche Sommerfeste, tagsüber wie nachts), so dass klar ist: zu der perversen Affenhitze kämen auch noch größere Menschenmengen hinzu – das geht einfach gar nicht mit einem Dackel, der ja eh gern mal übersehen wird („Huch, wen haben wir denn da unten?“).

Also verbringen wir den einzigen gemeinsamen Abend oberhalb der Innstadt, laufen über luftige Höhenwege vom Kloster Mariahilf bis zum oberösterreichischen Grenzstein und zurück. Das tut dem Hund sehr gut, dort oben zu flanieren: der Asphalt ist kühl, es ist nichts los und man kann endlich mal wieder ein paar Katzen verbellen, weil endlich mal wieder ein paar Kräfte in den kleinen, von der Hitze geschundenen Hundekörper zurückkehren, weil die Umgebungsvariablen stimmen. Danach duschen wir uns alle noch kühl ab und legen uns unter kalten Tüchern aufs Hotelbett. Da kann einem doch jedes Altstadtsommerfest gestohlen bleiben!

Am nächsten Morgen – für den Tag sind 35 Grad vorhergesagt – verwerfen wir ebenfalls jegliches eigentlich noch geplantes Stadtprogramm, lediglich die Veste Oberhaus handeln wir als Kompromiss aus. Zuletzt als Kind mit dem Papa dort gewesen, weil die in der Burg gelegene Jugendherberge umgebaut oder eingeweiht wurde (ich weiß nur noch, dass ich es da recht unheimlich fand, so mit richtigen Luken statt Fenstern, Burgfeeling eben).
Wir starten früh, ergattern den letzten Parkplatz im Schatten und schlagen uns immer nah an den Burgmauern durchs Gelände, ab und an muss das Fräulein irgendwo kurz warten, wenn wir einen sonnigen Aussichtspunkt aufsuchen wollen.

Nach einer (!) knappen Stunde im Burggelände ist sie trotzdem sehr geschafft, allein von der warmen Luft. Also beginnt nun wie ausgemacht das Hundeprogramm, für vier (!) Stunden, wohlgemerkt. Beim Frühstück bereits gründlich recherchiert, wo der nächste See ist, an dem wenige Menschen und keine Hundeverbote zu erwarten sind.
Das ist der Stausee Oberilzmühle, sagt Google. Die Hotelbesitzerin wird dazu auch noch interviewt und auch nach ihren Infos klingt das Ganze ziemlich gut: bloß 20 Minuten zu fahren, sauberes Gewässer, Waldwege drumherum, nur irgendwo eine kleine Liegewiese und eine FKK-Bucht, Parkplatz weit genug vom Seeufer entfernt, so dass nicht mit allzu vielen Besuchern zu rechnen ist. Sogar eine Rundwanderung ist möglich und eine Einkehr soll es auch geben.

Also verbringen wir den letzten Tag fast komplett an der Ilz, die ja immerhin auch was mit der Dreiflüssestadt zu tun hat (zwar als kleinste der drei dort zusammenfließenden Wasseradern, aber mei), laufen auf dem Ilzwanderweg, spielen Frisbee mit Pippa, gehen mit ihr zusammen in den Stausee oder in den flachen Fluss, gucken ihr glücklich und zufrieden dabei zu, wie sie sich im kühlen Gras den nassen Rücken schubbert oder auf schmalen Waldwegen munter vorauswetzt und nur wenige Mal müssen wir ein bisschen Obacht geben, dass sie nicht einem im Ufergebüsch herumlümmelnden und Kombucha trinkenden Nackerten über seine Yogamatte saust (eher alternatives Publikum dort am Ilzstausee).

Der Hund ist im Vergleich zu der einen Stunde im Burggelände der Veste Oberhaus wie ausgewechselt – und die Welt ist wieder rund und schön. Für uns alle. Wir klopfen uns Tannennadeln und Kies aus den Trekkingsandalen, holen die Leckerlis, die Pippa nicht erwischt, selbst aus der Strömung, rutschen dabei fast auf den glitschigen Steinen in der Ilz aus, sprühen uns reichlich mit Anti-Brumm die fast dauernd nassen und von Mücken umkreisten Wadln ein und genießen den Familienausflug. Was hätte man schon in der Passauer Altstadt gesollt? Pah!

Bei der Triftsperre angekommen, sehen wir schon das von unserer Hotelchefin erwähnte „abgelegene Gasthaus“ samt dem sympathischen blauen Schild der Löwenbrauerei Passau durch die Bäume schimmern.

In einer weinrebenberankten Laube des Biergartens lassen wir uns zu einem Imbiss nieder. Von der Nicht-Biergarten-Seite aus erkennt man den Gasthof dann übrigens sofort wieder: Im Mai war er in jeder deutschen Tageszeitung zu sehen. Nicht wegen seiner hübschen Laube oder seines eher durchschnittlichen Essens oder des überbordenden Lokalkolorits in jedem Winkel des Gebäudes und auch nicht wegen manch ebenso antiquarischen wie schlichten Angebots in der Speisenkarte (Limo weiß oder gelb: 2,50€, ja köstlich!). Sondern wegen des dreifachen Armbrust-Suizids, der hier vor ein paar Wochen stattfand. Haben Sie sicher gehört oder gelesen.

Das illustre Trio erweckte wohl schon beim Einchecken etwas Misstrauen bei der Pensionswirtin, da ohne Gepäck gereist und das Frühstück explizit nicht mitgebucht wurde. Macht man ja als Übernachtungsgast eigentlich nicht.
Nun, sieht man die Pension von innen, was man leider muss, wenn man die hübsche Gartenlaube verlässt, um kurz die Toilette aufzusuchen, kann man das sofort nachvollziehen, denn nichts – absolut nichts! – lädt dazu ein, sich hier häuslich einzurichten oder gar ein Frühstück einzunehmen. Aber aus Sicht der Gasthofsbesitzer wird sich das wohl anders anfühlen.

Kein Zufall auch die Ortswahl für diese geplante und gruselige Hinrichtung, denn der mystische Tunnel hinter der Triftsperre, in dem es nachts spuken soll (Mädchenschreie, verschwundene Pfaffen etc.) sowie die Nähe zur Burgruine Reschenstein, auf der es ebenfalls nicht mit reschten Dingen zuzugehen scheint, zieht gelegentlich Menschen an, die sich von solchen lost & spooky places angezogen fühlen und über solche Orte nicht immer nur zur Geisterstunde in Foren mit Gleichgesinnten diskutieren, sondern das mal in echt erleben wollen.

Und manch besonders düsteres Vorhaben lässt sich vermutlich eben besser an einem solchen Ort umsetzen als beispielsweise in einem inmitten saftig grüner Bergwiesen gelegenen 3-Sterne-Hotel mit bodentiefen Glasfronten vor jedem Zimmer und einladender Lobby direkt hinter der Panorama-Sonnenterrasse, von der aus der Blick wahlweise zum Alpenglühen auf dem schrofigen Felsmassiv gegenüber oder zu den glücklich weidenden Kühen der nebenan befindlichen Alm schweift. Da passt so ein niederbayrischer Hinterlandgasthof mit Tunnel und Burgruine daneben schon eher.

Dem Hund ist all das aber ohnehin wurscht, denn Hauptsache während der Rast, und zwar ganz egal, wo und von wie vielen Sternen umgebeben die stattfindet, gibt es die übliche handvoll Futter samt genug Wasser im faltbaren Reisenapf: ein seit Jahren nicht verhandelbarer Programmpunkt bzw. eher so eine Art Ablasshandel (= Ihr dürft hier ein Stündchen in Ruhe sitzen, wenn ich dafür eine Extraportion Fressbares abstaube).

Es war ein toller Tag dort an der schwarzen Ilz. Was man nicht alles sieht und erlebt, wenn man mit Hund leben und reisen darf.
Stephansdom oder Donauschifffahrt kann ja jeder, aber die Halser Ilzschleifen, den Stausee Oberilzmühle und die Triftsperre, zu diesen Kleinoden im Passauer Umland verschlägt es nur die wenigsten Besucher.

Danke dafür, liebster Hund!

(Und gib Bescheid, wenn das kalte, nasse Geschirrtuch dir wieder zu warm wird, dann tränken wir es nochmal in Eiswasser.)

Stadtflucht.

Danke an D. für die schöne Wanderung durch den Wildbach, das gemeinsame Radeln zum See und all die guten Gespräche – und an den Papa fürs mehrtägige Hitzeasyl am bergnahen See, wo all das und mehr stattfinden konnte. An einem Ort sein zu dürfen, wo man einfach sein kann, wo man sich auskennt, wo man gekannt wird, wo es nach Heimat riecht, obwohl man dort nicht Zuhause ist.

Morgens frische Brezen, jeden Tag 2x zum Schwimmen und große Eisbecher mit Waffelröllchen drin: das fühlte sich vorübergehend so sorglos und leicht an wie Sommerferien zu Schulzeiten (dass man erwachsen ist, merkt man dann unangenehm plötzlich daran, dass einem während des Gassigehens irgendein Depp den Stoßfänger anfährt, übel verschrammt, sich einfach aus dem Staub macht und es einem leider niemand mehr abnimmt, sich mit so einem Sch*** rumzuschlagen).

Dennoch: Gut gewässert (ich) und mit allen Wassern gewaschen (das Dackelfräulein) sind wir wieder in die Stadt zurückgekehrt.