Cross your heart. Ein Erinnerungsfragment.

Wachgelegen in einer schwülen Nacht voller Blutegelträume und mich erinnert.
Aufgesetzt im dunklen Zimmer, Tom Waits gehört. Wasted and wounded, it ain’t what the moon did, I got what I paid for now.
Subtropische Siriusnacht, Schweiß- und Wortausbrüche im Wechsel, wie ein Fieberanfall.
Irgendwann Ruhe, der Schlaf zur Rechten beflankt vom gleichmäßigen Herzschlag des Hundes und zur Linken von einem zerquetschten Blutsauger an der Wand.

Taucher hätte er werden sollen, dachte ich oft.
Am besten Tiefseetaucher.

Kaum war er aufgetaucht zu einem ersten gemeinsamen Landgang, der uns beide beschwingte und begeisterte, tauchte er wortlos wieder ab.
Kaum hatte ich mich halbwegs damit abgefunden, kam er plötzlich wieder aus seinen Untiefen empor.
Schwamm drüber, dachte ich damals, freute mich an der Fortsetzung und – schwupps! – weg war er.

Und so sollte es fortan sein zwischen uns.
Bis eines Tages einem von uns, unter Wasser oder an Land, der Sauerstoff ausgehen würde.
Ein ewiger Kreislauf aus Abtauchen, Wegtauchen, Untertauchen, Auftauchen, Eintauchen – das war seine Königsdisziplin.

Seine Tauchgänge entschuldigte er mal charmant, mal unbeholfen, mal gar nicht – die Gründe dafür nannte er nie.
Möglich, dass er sie selbst nicht kannte. Ebenso möglich, dass ich sie nicht kennen sollte.
(Im Rückblick frage ich mich ohnehin, ob wir einander auch nur annähernd kannten oder erkannten.)

Er nannte diese Phasen Notabschaltung. Als er wieder auftauchte, fragte ich vorsichtig nach, worin die Not denn bestanden hatte.
Er wolle da mal persönlich drüber reden, meinte er – tauchte ab und schwieg.

*****

Früh sprach er von Freundschaft und spät begriff ich, dass das eher die Mitteilung einer großen Sehnsucht war als ein reales Vorhaben oder gar ein Zutrauen in selbiges.
Mit Leichtigkeit überspielte er die Schwere und mit Kraft manche Schwäche, auch das ein wiederkehrendes Spiel, das er oft gewann und genauso oft verlor.

Nach Klarheit und Intensität strebte er und betäubte seine Sinne bisweilen fast bis zur Besinnungslosigkeit.
Ein Spagat zwischen absoluter Präsenz und totaler Ablenkung, der ihn ständig zu zerreissen drohte.

Also übte er sich in der Kunst des Spagats:
ein Tierfreund zu sein – und ohne Gewissensbisse in Billigfleisch beißen,
ein Empathiker zu sein – und über die Nöte anderer geflissentlich hinwegsehen,
ein Nähesuchender zu sein, sich wieder mehr mit dem Leben und den Menschen zu verbinden – und flüchten, wenn jemand leibhaftig die Tür weit öffnet,
ein Kommunikationsvirtuose zu sein, im Monolog zu brillieren – und allem Dialogischen, das in die Quere oder zu nahe kommt, ausweichen.
Und wie in allem, worin er sich intensiv übte, kam er auch hier der Perfektion recht nahe.

Ansonsten war er ein Meister des Alles-oder-Nichts-Prinzips. Die Pole seiner Welt hießen Null und Hundert, dazwischen schien es nur schäbiges Mittelmaß zu geben, das ihm zuwider war.
War er auf Hundert, überstrahlte er mit seiner Energie und seinem Übermut mühelos den leisen Hauch an Größenwahn und Narzissmus, der ihn umwehte. Sein Humor genoss dann den Auslauf und tollte mit meinem ausgelassen herum, Bäume hätten wir ausreißen können, Berge versetzen.
War er bei Null angekommen, hatte er die Aura einer Mondlandschaft – die Seele von Erschöpfung zu einem kargen Krater erodiert, der Lebenshunger zu bizarren, mageren Formationen erstarrt, alles an ihm wirkte versteinert, verstaubt, verschüttet. Jede Zuwendung und Ansprache prallte an ihm ab wie an einem schweren, verriegelten Metalltor, das unter Strom steht.
Die Schläge, die man sich auch beim noch so zaghaften Anklopfen zuzog, trafen einen bis ins Herz.

*****

Während seiner Landgänge schnitzte er für jeden, der sein Interesse geweckt hatte oder dessen Interesse er wecken wollte, schöne und passgenaue Sätze, die nicht nur wohl klangen, sondern auch wohl taten.
Ein Wohlgefühl, das sich alsbald in Wohlgefallen auflösen konnte, wenn manche der Worte sich als besessene Grenzgänger entpuppten zwischen gedachter Wirklichkeit und gelebter Realität.

Auf meine Fragen hatte er meist keine Antworten, er selbst stellte erst gar keine Fragen, so dass es für mich nichts zu beantworten gab.
Über etliche Strecken unseres gemeinsamen Weges winkten wir einander bestenfalls aus der Ferne zu, der eine im Separee des Schweigens sitzend, der andere im Bottich der Bezugslosigkeit ausharrend.
Während des Unterwegsseins begriff ich allmählich, dass aus diesem fortwährenden Auf und Ab nichts erwachsen würde, auf das er sich einlassen und ich mich verlassen könnte.

Das Ganze war auf ein paar Sprints ausgelegt und leider nicht für die Langstrecke gemacht.
Ein starkes, harmonisches Team, je geringer die Distanz war, bei größerem Abstand hingegen ein fragiles, disparates Konstrukt.

*****

Überreich mit Talenten gesegnet war er, doch ließ er viele davon achtlos herumliegen wie andere Menschen ihre Socken.
Aus Ideen entstanden in Windeseile Pläne, manche davon wurden zu Zusagen, doch eben noch klar umrissene Konturen lösten sich oft schneller auf als die Kondensstreifen eines Flugzeugs am Himmel.

Alles zerfiel zu nichts und aus dem Nichts erwuchs erneut alles.
Gabe und Fluch zugleich.
Ein Perpetuum Mobile.

Ein Leben zwischen Extremen, das sich an sich selbst über die Jahre so wund gewetzt hatte, dass er wie ein Rundumversehrter auf permanente Rücksichtnahme angewiesen war – und wo er sie nicht bekam, wandte er sich ab.
Überleben musste er allein, nach seiner Methode und ohne jede Hilfe, davon war er überzeugt, niemanden wollte er dabei brauchen – und vermutlich wagte auch kaum jemand mehr, ihn zu brauchen.

Nach gut einem Dutzend seiner Notabschaltungen fühlte ich mich schließlich so ausgeschaltet, dass meine Kraft für den nächsten Sprint schwand und ich die Notwendigkeit eines erneuten Einschaltens hinterfragte.
Die einzige Antwort, die ich auf diese Frage finden konnte, ließ mich leer und traurig zurück.

So kam der Tag, an dem mir die Luft ausging für dieses zermürbende Zirkeltraining aus Warten und Hoffen, aus On und Off, aus Irritation und Wut, aus Anfangen und Aufhören, aus Lachen und Weinen, aus Höhenflug und freiem Fall, aus Verstehenwollen und Gegen-die-Wand-Laufen.

Such a beautiful opportunity, würde er vielleicht sagen.
Ein Jammer, dass wir sie nicht ergreifen konnten, würde ich wohl entgegnen.
(Wenn es wenigstens zu einem persönlichen Abschied gekommen wäre.)

*****

Schon seltsam:
Es gibt Geschichten, deren Ende man bereits ahnt, wenn man das erste Kapitel gelesen hat und die man trotzdem und unbedingt bis zum Schluss lesen muss.
Nur um ja nichts unversucht gelassen zu haben, zu begreifen, dass diese ganze Geschichte un(be)greifbar ist und bleiben wird.

Noch seltsamer:
Als Kind war ich in der Lage, solche Bücher einfach nach ein paar Seiten zuzuklappen, ich wollte keine Geschichten lesen, deren Ende zu vorhersehbar war oder deren Einzelheiten mich überwiegend bestürzten oder bedrückten.
Vormals intakte Instinkte, über die Jahre deformiert zu fatalen Fehlschaltungen.
Als Erwachsene quäle ich mich nun Seite für Seite durch den Text, bis zum bitteren Ende, lege dabei eine erstaunliche Selbstverletzungsignoranz und Hartnäckigkeit an den Tag, die, würde ich sie auf andere Sphären anwenden, mich bestimmt schon zu manch Erfreulicherem geleitet hätten.

Und nur allzu gern hätte ich mich aus dieser Geschichte mit dem faulen Fazit davongestohlen, dass alles im Leben einen tieferen Sinn habe, auch wenn er sich einem oft erst viel später erschlösse, dieses so simple wie armselige „Wer weiß, wozu’s gut war!“, das ich als Trostversuch schon der Mutter stets übelnahm, für großen Unsinn halte und das ja in Schmeißfliegenmanier immer dann auf den Plan tritt, wenn es eigentlich drum ginge, etwas, das weh tut, aushalten zu müssen ohne es verstehen zu können.

Für diese Widerfahrnisse gibt es weder eine Wikipedia noch einen ICD-Schlüssel, so schwer es auch zu akzeptieren ist, sich erst in Unwissenheit zu winden und das Erlittene dann namenlos zu bestatten.

That’s how the cookie crumbles.

*****

All das und noch viel mehr dachte und fühlte sie als die Geschichte endete, sprang anschließend ins Wasser, tauchte tief ein in das schützende, kühlende, reinigende und so weiche Element. Ja, auch sie konnte tauchen!

Und schwimmen erst! Weit hinaus schwamm sie, so weit sie konnte, bis sie den Punkt erreichte, an dem das neue Ufer heller leuchtete und näher war als jenes, an dem der schmale Steg stand, von dem sie hineingesprungen war.

Weiter, immer weiter. Jeder Zug ein Befreiungsschlag, jedes Einatmen ein Akt der Lebendigkeit und des Vorwärtsbewegens, jedes Ausatmen ein Akt des Loslassens und des Abschiednehmens.

Goodbye, my almost friend.

*****

You can cross your heart and still be lying
You can count the reasons why you’ve thrown it away

Dream on, dream on.

Auferstanden.

*****

Wenn man das Nutellaglas Konfitüreglas eines Morgens nur noch unter Schmerzen öffnen kann und irgendwann selbst das Betätigen einer Taste auf der Fernbedienung der Liste unbedingt zu vermeidender Bewegungen mit dem rechten Arm hinzugefügt werden muss, ist es an der Zeit, sich doch mal der Bedienungsanleitung des Elektrostimulationsgerätes zu widmen, das einem der Orthopäde vor 14 Tagen verordnet hat und das seit einer Woche unberührt und originalverpackt hier herumliegt.

Ein mühevolles Stündchen der Lektüre und des Zusammenpopelns und -steckens der einzelnen Gerätebestandteile später erweist sich das dann als sehr feine Sache.
Die Elektroden jagen einen Strom durch den Ellenbogen, dass es nur so bitzelt! In der Anleitung steht, man solle ruhig ein wenig herumexperimentieren, bis die passende Stromstärke für die optimale Stimulation gefunden ist. Yeah, das fetzt- und zwar so richtig!
Aber man muss schon auch Obacht geben, dass man die Kiste nicht so doll aufdreht, dass einem die Tränen in die Augen schießen. Wahrlich genug geheult in letzter Zeit.

Morgen probier‘ ich noch den coolen Gürtelclip zum Gerät aus, der Haushalt geht dann so elektrostimuliert sicher leichter von der Hand und manch anderes vielleicht auch.

*****

Durch die vormittäglich hektische Innenstadt haste ich zu einem Termin bei meiner Zahnärztin.
Spät dran bin ich, die U-Bahn ist schuld. Plötzlich ein Stau auf dem Bürgersteig. Eine Taube hält mich und andere Eilige auf. Sie hockt behäbig mitten auf dem Weg, ungehalten machen die Passanten einen Bogen um sie, links herum oder rechts herum oder über sie hinweg.
Manch einer tritt nur haarscharf nicht auf sie drauf.

Auch ich will ansetzen, der Taube auszuweichen, in dem Moment begegnen sich unsere Blicke. Aus ihren trüben Knopfaugen sieht sie zu mir hoch und erst jetzt fällt mir auf, wie zerzaust und verklebt ihr Gefieder ist. Schwerfällig tippelt sie auf der Stelle und pickt mit großer Mühe auf dem kalten Asphalt nach fiktiven Krumen, sucht nach irgendetwas Fressbaren. Es schnürt mir das Herz zu, weil ich begreife, dass ihr Schicksal längst besiegelt ist. Ihr Picken gleicht dem Ticken einer Uhr, die Zeit läuft gegen sie, das letzte Stündchen ist nicht mehr weit (ob sie um die Sinn- und Ausweglosigkeit ihrer Existenz wohl weiß?).

Ich zwinge mich weiterzugehen (der Zahnarzttermin!), drehe mich aber noch zweimal nach der Taube um. Wie kläglich sie da sitzt, wie verzweifelt und wie schwach. Zwei annähernd gleich starke Impulse in meiner Brust: In die nächste Bäckerei gehen und ihr eine Semmel kaufen, nur für sie allein! – oder sie umgehend erlösen von diesem Leben, das keines mehr ist und auch nie mehr eines sein wird. Für das eine fehlt mir die Zeit, für das andere der Mut.

Im Wartezimmer angekommen ist mir nach Weinen zumute, aber auch daraus wird nichts, da S., die professionelle Zahnreinigerin, mich unmittelbar nach meiner Ankunft ins Behandlungszimmer zitiert.

*****

Die nette Tierärztin geht den langen Klinikflur entlang und nähert sich dem Wartezimmer.
Weil sie auf einem Auge nach außen schielt und man von Termin zu Termin leider stets wieder vergisst, welches das schielende Auge ist, weiß man nie, wann man sich von ihrem Blick nun gemeint fühlen soll oder nicht.
Ich bilde mir ein, sie schaut längst zu uns herüber. Und sie blickt ernst drein, womöglich sogar sehr ernst. Das Herz rutscht mir in die Hose, das zitternde Hündchen (so klein zusammengerollt wie sonst nie!) auf meinem Schoß haltend, der Gatte neben mir zwar ein Ruhepol, aber das hilft jetzt rein gar nichts. Nicht in einem Moment eines vermeintlich ernstes Blickes einer Tierärztin, die uns gleich den histologischen Befund mitteilen wird.

Sie begrüßt uns und fordert uns auf, ihr zu einem Behandlungszimmer zu folgen. Als ich aufstehe, hat eines ihrer Augen offenbar die Herpesinvasion auf meiner Oberlippe erspäht und das andere mein blasses Gesicht registriert. Sie lächelt mich an und sagt: „Es ist alles in Ordnung!“

Das Dackelfräulein hat eine virale Plaque und eine Warzenneigung. Die Narbe verheilt gut, den Verband muss sie nicht länger tragen und in Kürze darf der Hinterlauf auch wieder das tun, was ein Dackelhinterlauf tun will: Sich abstoßen, um zu sausen, sich fest ins Erdreich stemmen, wenn mit den Vorderpfoten gegraben wird, durchs Wasser strampeln, um die Frisbeescheibe aus dem Fluss zu herauszufischen, morgens rüpelhaft gegen meine Rippen treten, um sich unter der Decke besser umdrehen zu können.

Es ist alles in Ordnung.

Als wir 20 Minuten später durch die Schiebetür ins Freie treten, bricht eine Tränenlawine aus mir heraus, das ganze verdammte Warten donnert hinab auf die Pflastersteine vor dem Klinikeingang.

*****

Wie auferstanden fühle ich mich.

Frohe Ostern wünscht Euch –
Die Kraulquappe.

Und weiter geht’s.

So, da samma wieder.
Alle miteinand in relativ aufgeräumter Verfassung.

Der Artikel geschrieben und abgegeben:
Zu meiner großen Freude hat die Redaktion mit meiner mitgelieferten Fotoauswahl ziemlich genau das angestellt, was ich mir erhofft hatte. Oft setzen sie ein Foto ins Großformat, das man selbst völlig nebensächlich findet, lassen die besten Aufnahmen ganz weg, oder sie nehmen eines der Top-Bilder zwar mit rein, platzieren es aber in Streichholzschachtelgröße irgendwo zwischen den Textspalten, wo es unbemerkt verschwindet.

Das Dackelfräulein nicht mehr im Hormonrausch:
Wir genießen nun die 9-wöchige Ruhe vor dem nächsten Sturm, der Scheinmutterschaft. Und widmen uns bis dahin anderen Herzensangelegenheiten.

Den medizinischen Kram auch erstmal wieder überstanden:
Zwischen bildgebendem Verfahren Nr. 1 und bildgebendem Verfahren Nr. 2 lag ich wartend auf einer Pritsche und starrte auf einen August Macke an der gegenüberliegenden Wand. Ich zählte die Hüte und Rechtecke auf dem Gemälde, versuchte jedes Zeitempfinden und jede Panik zu eliminieren, im Nebenzimmer sehr wohl um den Arzt wissend, der sich Teil 1 der Bilder schon mal ansah, um Teil 2 ggf. gezielter anfertigen zu können.
Dauert es lange, fragt man sich: Sucht der noch oder hat er schon gefunden und sucht nur noch nach den passenden Worten? Oder bedeuten die 4,5,6 oder 7 Minuten, dass es nichts zu sehen gibt und der Arzt froh ist, mal in Ruhe einen Kaffee runterkippen zu können? Oder sitzt der gar nicht mehr nebenan und bespricht sich bereits mit Kollegen, was zu tun sei? Würde mich die Erinnerung an jenes Bild von August Macke fortan daran erinnern, dass bei der Betrachtung desselben mein Schicksal besiegelt wurde?

[Dabei fällt mir immer die allererste der Situationen ein, in der mich dieses schicksalshafte Gefühl erstmals beschlich. Über 20 Jahre her, ich noch Studentin, brachte zum ersten Mal in meinem Leben den Papa mit meiner kleinen Karre zum Flughafen, dreiwöchige Dienstreise nach China, vor der Sicherheitskontrolle drückten wir uns zum Abschied, er reihte sich unter die Wartenden, ich lief zum Ausgang, drehte mich aber kurz vorher nochmal um, erwischte genau den Moment, in dem auch er sich umsah, unsere Blicke trafen sich, dazwischen etlicher Abstand und diese dicke Glasscheibe, wir hoben beide winkend die Hand zu einem allerletzten Gruß und lächelten etwas schief, ich ging zum Auto, schloss auf, ließ mich auf den Sitz fallen und brach in Tränen aus wegen des plötzlichen Bewusstwerdens, dass ich diesen letzten Blick immer und ewig erinnern würde, aber dass er nur dann eine erträgliche Erinnerung wäre, wenn er bloß ein vorübergehend letzter Blick gewesen sein würde, weil der Papa unversehrt wieder nach München zurückkäme, was er auch tat, dennoch hatte dieser Augenblick eine nie zuvor in dem Kontext dagewesene Wucht, die in dem Wissen um die potentielle Endgültigkeit immer und überall bestand, und seither versuche ich, solche letzten Bilder/Blicke/Berührungen auf keinen Fall bewusst zu bemerken, ich praktiziere das wie einen kleinen, albernen Aberglauben, so als gelänge dann ein Deal mit dem Schicksal und es würde mir nie etwas nehmen von dem oder denen, die mir so wichtig sind, was natürlich so nicht funktioniert, zum einen, weil ich weder ernsthaft an den Deal, noch an das Schicksal glaube, zum anderen, weil es sich mit diesem Wissen über die bloße Möglichkeit, was aus diesen letzten Bildern/Blicken/Berührungen werden könnte, genauso verhält wie mit der Unschuld, die Rede ist hier nicht von der des Körpers, sondern von der des denkenden Geistes: Einmal verloren, kehrt sie nie mehr zurück. Das nur so am Rande und aus der Rubrik „Was so alles in einem herumdenkt, während man wartet, und zwar in Sorge wartet.“]

Zurück ins Behandlungszimmer. Da ich beim Macke auf 7 Hüte und 31 Rechtecke kam, das Ergebnis also alle meine Lieblingszahlen enthielt, musste das wohl ein gutes Omen sein und weder ein letztes Bild, noch eine letzte Berechnung. Und so war es auch.

Und sonst so?

Das große Triefen hat begonnen…

…und die große Suche geht ebenfalls weiter.

Zur Stimulation oder zum Abreagieren gucke ich mir dazu mittlerweile gern Youtube-Videos wie dieses an, die an Aktualität und Realitätsnähe schwer zu übertreffen sind (obwohl in den 1970er und 80er Jahren gedreht).
Polt-Sketche als orwellsche Münchner Mieter-Dystopie, großartig ist das (unklar nur, wieso die Serie „Fast wia im richtigen Leben“ hieß).

Wär’s nicht so ein kabarettistisch abgegrastes Thema, hätt‘ man jetzt genug Stoff für ein Mieter-in-München-Buch beisammen. Man kommt ja rum, wenn man sucht, lernt viele Menschen und Häuser kennen, letztere sogar von innen, sieht und hört Sachen, die man sich nicht hätt‘ träumen lassen. Es weht schon ein rauer Wind da draußen in den Straßen unserer schönen Stadt.

Und je länger man sucht, desto rabiater und radikaler wird man auch selbst. Das fängt schon beim Auswählen der Inserate an.
Eine Annonce wie diese, bei der mir als einziges (!) Bildmaterial zu einer 91m²(!)-Wohnung nur dieses poplige Foto von einem Schlafzimmer mit einer geschmacklosen Bettdecke für zwei, heruntergebrannten Duftkerzen, billigem Funkwecker, IKEA-Funzel und Eau-de-Toilette-Humpen auf dem Sideboard geliefert wird…

…ich aber im Gegenzug per Mail alle (!) unsere Daten liefern soll, bevor der Eigentümer sich vielleicht herablässt, einem dann noch eine Ansicht der anderen Zimmerseite (mit Sicherheit: 2-3 Meter Schrank mit Schwebetüren und Spiegel in der Mitte, in Buche-Nachbildung und mit Lichtdekorleiste oben) zuzusenden, kann mir den Buckel runterrutschen, obwohl die gut geschnittene Bude angeblich in Schwabing und sogar parknah liegt und nicht mal so viel kostet, dass man gleich jegliche Urlaubsvorhaben für die nächsten 10 Jahre streichen müsste.

Das Leben ist eine ewige Baustelle. Mal dominiert die Abrissbirne, mal hält das Gerüst.
Und Zuversicht, das ist die Einsicht in die Chance auf Aussicht.

Also, weiter geht’s.

Song des Tages (12).

Ain’t it funny how things happen
Just as we think we’ve got it all straight
Everything seems to be moving forward
But instead we just sit around and wait

Seems things are in a lockdown
Nervous looks all around
Everyone is speaking in whispers
No one wants to make a sound

I’m losing my touch
Losing my touch
Losing my touch, baby, way too much
Baby, get me out of here
It should be clear

Kraulquappe goes Krottenkopf!

Ziemlich unerwartet ging heute meine Wartephase auf die Entscheidungen anderer in die nächste Runde.
Der Verlag, der ein Auge auf mich geworfen hat, weswegen ich teils kein Auge mehr zugetan habe, macht nun erstmal urlaubs- und entscheidungsschwierigkeitsbedingt die Augen zu und lässt mich weiter warten – bis Mitte Oktober!

Nun denn, somit startet auch mein PPA (=persönliches positives Ablenkungsprogramm) in eine Verlängerungsrunde.
Um die überraschende 6-wöchige Wartezugabe sacken zu lassen, empfiehlt es sich, erstmal intensiv durchzuatmen und sich die Sache gründlich rauszuschwitzen.

Außerdem ist nach 13 Touren das Fitnesslevel sowieso an einem Punkt angelangt, an dem alles nach einer neuen Herausforderung schreit.

1.400 Höhenmeter wollen bezwungen werden – von Eschenlohe geht es in 5 Stunden über die Hohe Kisten hinauf zum Krottenkopf. Dessen Gipfel hat die die Form einer kauernden Kröte, im Dialekt der Einheimischen auch „Krout’n“ genannt, daher der Name. Aber hieße er Karottenkopf hätte ich ihn genauso erwählt. Schließlich ist er mit 2.086m der höchste Berg der Bayerischen Voralpen. Zuletzt war ich vor 4 Jahren da oben, als das linke Knie noch gesund und munter war. Mal sehen, wie es sich nun so geht.

Übernachtet wird auf der Weilheimer Hütte knapp unterhalb des Krottenkopfgipfels (denn die Zeiten, in denen man 1.400Hm rauf und auch wieder runter rannte, sind definitiv vorbei), in der Hoffnung auf viel Alpenglühen und wenig Schnarcher rundum, auf einen tollen Blick hinüber zur untergehenden Sonne hinter dem Zugspitzmassiv und eine weitere gelungene Expedition zusammen mit Mr. Speedhiking, der zu diesem Behufe die nicht ganz kurze Anreise ins Estergebirge auf sich nimmt (dafür aber wohl immer noch mit ungenähter Hose hikt – gut Ding will Weile haben).

@Hr. Speed: Karte liegt bereit, ebenso 4x Müsliriegel für den Steilhang.

Dem Gatten sei herzlich gedankt für die Betreuung des Dackelfräuleins mitten in einer vollen Arbeitswoche und das sogar unter Verzicht aufs Automobil, gottseidank bringt einen die U-Bahn von hier in nur 8 Minuten rüber an die Isarauen.

Hiermit verabschiede ich mich für die nächsten Tage und wünsche der treuen Leserschaft eine gelungene Woche ohne blöde Wartezeiten und mit viel Sonnenschein!

Carpe aquam.

Badefreuden in Bayern 🙂

Schnell noch die vom Berg beanspruchten Flossen lockern…


…dann wieder heimradeln und die schon vorbereiteten Fleischpflanzerl in die Pfanne hauen. 

Fast wie Ferien in der Kindheit, nur dass damals noch der Papa gekocht hat (wie wenig wusste man das doch früher zu schätzen!). 

Ein guter Tag. Wenn man Wartezeiten ein bisserl gestaltet, ist’s gar nicht mehr so schlimm. Morgen lockt ein Ausflug mit meinem großen Freund S.! 

Habt einen schönen Sommerabend!

Die Kraulquappe.

Nicht baden gehen.

Wenn mich mal wieder die Angst beschleicht, baden zu gehen, rettet es mich stets, eine Runde zu schwimmen.

Der Starnberger See war heute etwas frisch…

… aber die paar Sommertage vor der nächsten Regenphase muss man nutzen.

Zumal ich nicht gut bin im Warten auf die Entscheidungen anderer, da ist jede Ablenkung in Form von Bewegung wohltuend.
Der alte Drahtesel läuft in seinem 18. Jahr noch wie geschmiert, in 38 Minuten von daheim bis ans Seeufer!

Möge die weitere Woche ebenso laufen.

Es grüßt euch herzlich

Die Kraulquappe.

Neu_hausen (Part II).

So schön diese Stadt auch ist, so blöd ist es, dass so viele finden, dass sie so schön ist.

All die vielen trifft man nicht nur auf dem Viktualienmarkt, sondern auch auf dem Mietmarkt. Der gleicht einer Stierkampfarena, da sich aus der Knappheit bezahlbaren Wohnraums in dieser schönen Stadt dermaßen unverschämt und grenzenlos Kapital schlagen lässt (und das auch mit Erfolg), so dass einem ungeachtet aller Freude über die Attraktivität Münchens oft wirklich die Spucke wegbleibt.

Wir haben uns erstmals nach 17 Jahren mit dem Thema „Wohnungssuche in München“ befasst. Seit letztem Sommer, mit etlichen Unterbrechungen, und in den letzten Wochen dann intensiv. Diese Betätigung hinterlässt schon nach kurzer Zeit Risse im Nervenkostüm, die schwer zu flicken sind.

Der Frust beginnt bei den Inseraten: Die spärlichen Angebote, die es jenseits der Preisklasse für Großverdiener oder qua Geburt Gutbetuchter gibt, reduzieren sich bei gründlicher Durchsicht auf noch weniger Angebote: Haustierhaltung verboten (der Boden könnte verkratzt werden, selbst wenn’s ein Billig-Boden ist), 4. Stock ohne Lift (Treppen sind für Dackel Gift und wir wollen nicht mehrfach täglich 7kg Hund rauf und runter schleppen), keine Garage (und das in Gegenden, in denen es keine Parkplätze gibt), scheußliche oder völlig veraltete Ausstattung der dennoch teuren Wohnung (Böden, Fenster, Heizungen, Bad, Küche), hohe Ablösesummen für Einbauten, die man nie haben wollte, aber übernehmen muss (Küchen, Einbauschränke, Markisen etc.). Ein eigenes Kapitel müsste auch dem beigefügten Fotomaterial gewidmet werden, aus Zeitgründen nehme ich davon Abstand (nur so viel: manchmal gibt’s nur das Handyfoto eines verblichenen Grundrisses anno 1962, mit Knicken im Papier, so dass man die Quadratmeterangaben garantiert nicht lesen kann – und vermutlich soll das auch so sein).

Hat man sich mit den diversen, durchs Inserat schon erahnbaren Kompromissen, Haken und Ösen innerlich einigermaßen arrangiert und ringt sich zu einer Anfrage durch, kommt Hürde Nr.2: Die inquisitorische Vor-Selektion, auch „Selbstauskunftsbogen“ genannt.Was dabei hauptsächlich ge- und verbogen wird, sind existiernde Datenschutzbestimmungen und die eigene Selbstachtung.

Alles wollen sie wissen, einfach alles. Ein Wunder, dass nicht auch noch die bevorzugte Tageszeitung oder die Automarke abgefragt wird. Aber ansonsten alles: allerhand persönliche Daten, Hobbies, Musikinstrumente, Einkünfte (selbstverständlich per eingescannten Gehaltszetteln der letzten 3 Monate nachzuweisen), Einkommenssteuerbescheid (ebenfalls eingescannt zuzusenden), Vorhandensein einer Privat-Haftpflicht-Versicherung, Zustimmung zur Einholung einer Bank- und Schufa-Auskunft, Anschrift des aktuellen Vermieters (damit Erkundigungen eingeholt werden können, ob man ein aufmüpfiger Mieter war, der es gewagt hat, sich wegen Schimmelbildung oder Ausfall der Heizung zu beschweren).
Und, wohl gemerkt: Man weiß zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal, ob man jemals einen Fuß in diese Wohnung setzen wird, um einen Blick auf bzw. in sie zu werfen.

Es gab Situationen, in denen wir an dieser Stelle des Kampfes ausgestiegen sind: Ein Makler wollte vorab den Arbeitsvertrag in Kopie sehen. Oder: Man hätte sich verpflichten müssen, vor Einzug 200€ an die Hausgemeinschaft zu zahlen, falls beim Einzug irgendwo im Treppenhaus eine Schramme hinterlassen würde. Irgendwo ist wirklich mal Schluss. Falls aber doch noch nicht das Ende der Dreistigkeitsskala erreicht sein sollte, so gehe ich davon aus, dass in Kürze noch psychiatrische Gutachten vorzulegen sind, mit dem sich potenzielle Vermieter absichern wollen, dass ihnen da ja nicht ein Depressiver unterkommt, der die Bude zu sehr abwohnt (er ist ja womöglich viel daheim, so ein Depressiver).

Ist Hürde Nr. 2 erfolgreich absolviert, darf man abwarten, ob man eine Vorladung erhält. Wenn ja, muss man sich ob der Gnade freuen. Wenn nein, darf man sich nicht ärgern, dass man per Mail womöglich einen halben Offenbarungseid verschickt hat, aber daraufhin nie wieder einen Ton hört. Denn bei so viel Nachfrage kann einfach nicht jedem dahergelaufenen Popel unterhalb des Spitzensteuersatzes persönlich Bescheid gegeben werden.

Wenn man zu den Glücklichen gehört, die ins Allerheiligste eingeladen werden, folgt Hürde Nr. 3: Der Besichtigungstermin. Wenn es gut läuft, bekommt man einen Einzeltermin, der, wenn es blöd läuft, auf 15 Min. begrenzt ist. In 15 Minuten soll man eine Entscheidung für womöglich die nächsten 15 Jahre treffen! Jeden Ehemann schaut man sich länger an, bevor man zum Standesamt rennt!

Da heißt es ausgeschlafen hingehen und bereits im Treppenhaus den Zollstock ausklappen, damit man ruckzuck die kritischen Flächen (4 Meter Bücherregal, großes Ecksofa, diverse Schränke) im potenziellen neuen Zuhause überprüfen kann, bevor einem die Interessenten, die für den nachfolgenden 15-Min-Termin bestellt wurden, im Weg rumstehen oder man sich gar mit den Zollstöcken verheddert.

Gut, wenn man zu zweit ist bei der Wohnungssuche. Einer rennt durch die Bude und misst aus, der andere bemüht sich, alle zuvor notierten Fragen in größtmöglicher Freundlichkeit und mit stets interessiertem Dauerstrahlen im Gesicht durchzuhecheln, während der Makler/Eigentümer/Vormieter nur halberlei zuhört und antwortet, da er nebenbei noch die Kleinfamilie, die den Termin vor einem hatte, verabschiedet oder einem zu früh kommenden Interessenten die Tür öffnet oder den wegen all des Trubels brüllenden Säugling beruhigt.

Ich hab nie an einem Speed-Dating-Termin teilgenommen, aber so ungefähr stell‘ ich mir das vor. Nur dass man da wohl wenigstens mehrere Kandidaten an einem Abend und ohne Ortswechsel zwischendrin begutachten kann.

Wenn die Wohnung nicht total kacke ist, endet der Besichtigungstermin stets mit verbindlichem Händeschütteln und einem mit fester Stimme geäußertem „Wir sind sehr interessiert“, denn man muss ja irgendwie im Spiel bleiben. Deshalb schreibt man, wenn man nach dem Termin (oder mehreren Terminen) gerädert nachhause kommt, umgehend eine schleimige Mail, die natürlich unschleimig formuliert sein muss, bedankt sich überschwänglich für diese 15 Minuten und bekundet erneut sein großes Interesse.

Sollte es überzogene Ablösen geben, sichert man auch diese nochmal freundlich zu, dasselbe gilt für den Mietbeginn (meist vorgestern oder ab sofort). Kein Problem, wenn sich daraus 3 Monate doppelte Mietzahlungen ergeben, eine bessere Demonstration der eigenen Liquidität kann es gar nicht geben als diesen Umstand locker zu nehmen und ihn nicht in Form einer kleinlichen Nachfrage, ob man da nochmal drüber reden könne, zu erwähnen.

Womit wir bei der 4. und vorletzten Hürde angekommen wären: Die Tage nach dem Besichtigungstermin. Man hockt zuhause und wartet auf eine Reaktion. 1-3 Tage dauert das im Schnitt. In dieser Zeitspanne entfaltet sich eine meist ungute Mixtur an Emotionen/Gedanken/Aktivitäten:

  1. Wenn die Wohnung mittelprächtig war:
    – Wut darüber, auf was man sich alles einlassen müsste: Staffelmiete oder Indexmiete, Letzteres quasi einer Entrechtung von Anfang an gleichzusetzen, Übernehmen einer unrenovierten Wohnung, Ablösen, doppelte Mietzahlungen etc.
    – Überdenken der ganzen Sache: Hat einem die Wohnung wirklich gefallen? Bringen wir unsere Möbel alle dort unter oder müssen wir hier nochmal investieren? Wie lebt sich’s mit der abgewetzten, hippverklebten Küche für 5.000€ Ablöse und dem fensterlosen Bad, bei dem der Lüftungsschacht ziemlich klein und staubverkrustet wirkte? Kommt irgendwann nochmal was Besseres oder soll man nicht doch lieber zuschlagen?
  2. Wenn die Wohnung gut war:
    – Wildes Hin- und Herrechnen, wie man das finanziell stemmen könnte
    – Liste mit den einzugehenden Kompromissen erstellen und über Lösungen/Alternativen nachdenken
    – Übertragen des Grundrisses auf Millimeterpapier und erste Planungsversuche für die Möblierung
    – Mehrfache Streifzüge durch die evtl. neue Gegend per Google-Streetview, Suche nach dem nächsten Bäcker, Abchecken der Einkaufsmöglichkeiten, Grünanlagen, Kalkulation der Wege mit dem öffentlichen Nahverkehr zum Hauptbahnhof (wg. des Pendelns des Gatten)
    –  Umgebung 100m links und rechts ums neue Mietshaus in Google-Streetview bis auf Grashalmgröße heranzoomen: Genug Grünstreifen für Pippa vorhanden?
  3. Wenn die Wohnung super war:
    –  bis auf den zweiten Spiegelstrich wie 2.
    – mit Arbeit ablenken
    – Bierkonsum erhöhen, um gut gehopft noch irgendwie schlafen zu können und nicht zu viel an die total schöne Wohung zu denken
    – zuhause Gesprächsverbot über die total schöne Wohnung verhängen (und trotzdem heimlich dran denken)
    – Sportprogramm erhöhen, um die innere Unruhe wegen der total schönen Wohnung zu reduzieren
    – hoffen, dass der Sonntagabend mit in die Wartezeit fällt, weil da Serien-Abend ist (aktuell: der Island-Krimi)

Bei Variante 1 verkraftet man die Absage hervorragend, und im Falle einer Zusage sagt man doch lieber selbst ab (auch mal ein kurzes gutes Gefühl: sollen die sich doch einen anderen Deppen suchen, der für 17€ pro m² und samt Indexmiete an der Backe da einzieht).

Fall 2 ist schon heikler: Wenn es eine gute Wohnung war, ist man bei einer Absage heftig enttäuscht und für ein paar Tage deprimiert. Eine Zusage bringt einen in die Bredouille, weil man nun sofort entscheiden muss, ob man’s macht oder nicht. Trotz der eigentlich zu hohen Miete, trotz der einzugehenden Kompromisse. Beziehungsstress ist vorprogrammiert, denn meist ist einer eher dafür und der andere dann doch eher dagegen. Letzterer hat die größere Arschkarte gezogen, weil er dann als Verhinderer dasteht. Mit ein bisschen Übung in der Wohnungssuche, schleift es sich dann aber ein, dass man a) munter diese Rollen wechselt und b) keine Energie mehr hat, sich länger als 1/2 Tag deswegen zu zanken. Schließlich wartet schon das nächste Inserat, der nächste Selbstauskunftsbogen oder gar der nächste Besichtigungstermin, da kann man nicht zerstritten antreten. Macht keinen guten Eindruck.

Dramatisch wird es bei der 3. Option. Die Wohnung war super, man schlich unruhig daheim herum, die Arbeit ging zäh von der Hand, man hat zwei Tage zu viel oder zu wenig Verdauung gehabt, schlecht geschlafen, zu viel getrunken und sich auch noch durch übertriebenes Sportprogramm körperlich ramponiert.

Kurz: Dann, wenn die Reaktion kommt, liegen die Nerven bereits blank. Eine Absage ist dann schwer zu ertragen, je länger man schon sucht, desto schwerer. Die Zusage ist eine Erlösung, aber man ist zu k.o., um das sofort zu realisieren und dann, wenn man sich endlich hemmungslos freuen möchte, merkt man die ganze Erschöpfung vom Suchen, Warten, Hoffen und all den Selbstauskunftsbögen und Terminen und Überlegungen, die man schon hinter sich hat.

Dem Himmel (oder wem auch immer) sei Dank, dass wir Variante 2 und 3 nur je 1x erlebt haben. Und dass es letzte Woche tatsächlich geklappt hat, mit genau der Wohnung, aus der wir nach dem Besichtigungstermin rausgingen und uns nichts zu sagen hatten. Weil es nichts zu sagen gab. Außer, dass alles passen würde, aber das ist ja schnell gesagt.

Die beiden Wartetage waren grauenhaft, uns war klar, wenn das nicht klappt, dann beenden wir die Suche und arrangieren uns doch hier, wo wir sind. Als die Zusage kam, konnten wir’s kaum glauben, obwohl ich eigentlich fand, dass es mal wieder an der Zeit war, Glück zu haben.

Im Nachhinein bin ich heilfroh, trotz massiver (angeborener) Ungeduld an meinen 3 Prinzipien festgehalten zu haben:
1. Die Suchkriterien so eng wie möglich fassen.
2. Wenig Kompromisse eingehen.
3. Nur einen normalen Mietvertrag unterschreiben.

Den nächsten Weltfrauentag verbringe ich in dieser Küche 🙂

Und dieses Foto&Zitat einer München-Seite aus Facebook pinne ich mir an die Kühlschranktür. Jawohl!

Gute Nacht wünscht
Die Kraulquappe.

3x kurz, 3x lang, 3x kurz

S.O.S.! Ich bin völlig zerwartet. Vom vielen Warten auf mindestens zwei Handvoll für mich wichtiger Reaktionen, Antworten, Bescheide aus den verschiedensten Lebensbereichen. Fristen sind mehrfach verstrichen, Terminnennungen entpuppten sich als Schall und Rauch oder Psychotest, Nachfragen laufen ins Leere oder direkt in die nächste Warteschleife.

Dabei hasse ich Warten wie die Pest. Wahrscheinlich zerwartet mich das Warten auch deshalb schneller als andere. Ich kenne etliche gelassene, geduldige Menschen. Und noch mehr Menschen, die sich recht glaubhaft so geben, als würden sie entspannt zwischen „Gut Ding will Weile haben“ und „Kommt Zeit, kommt Rat“ durchs Leben schippern. Die vorgeben, alles so annehmen zu können, wie es eben gerade ist und wenn es mal besonders unannehmbar ist, so tun, als wüssten sie die Kunst des Loslassens in der Praxis so anzuwenden, um sich nicht länger vom Gewarte drangsalieren zu lassen. Lebenskünstler oder -(vor)gaukler, die nach dem Motto „Ungeduld ist ein schnelles Pferd, aber ein schlechter Reiter“ dahintraben und keinesfalls von ein bisschen Warten aus dem Sattel gehoben werden. Vielleicht sind das auch bloß die Unterstellungen eines Neidhammels, weil es womöglich mehr geduldige Menschen gibt, als dieser es sich vorzustellen vermag.

Ich kann das jedenfalls nicht, das mit dem Warten und der Geduld, ich möchte lieber den flinken Gaul haben und kenne viele Dinge, die auch ganz ohne Weile verdammt gut waren und ebenso viele, bei denen auch nach sehr viel Zeit guter Rat genauso unerschwinglich war wie zu Beginn. Um nicht sozial auffällig zu werden, gebe ich mich bisweilen aber auch so, als könne, was nicht ist, ja noch werden und als beherrsche ich das ausatmende Om nicht nur beim Yoga. Was aber gelogen ist. Warten blockiert mich, Warten zermürbt mich, Warten macht mich sauer und fast krank. Warten auf Antworten, die überfällig sind und noch dazu versprochen waren, ist für mich eine Qual, ich fühle mich ohnmächtig, verunsichert und verarscht.

Den drohenden inneren Amoklauf halte ich mit erhöhter Dosis Schwimmen und größeren Nudelportionen in Schach. Das haut derzeit noch hin. Aber ich muss gestehen, dass mein Blick momentan häufiger als sonst auf die Postkarte fällt, die schon seit Ewigkeiten neben meiner Zimmertür hängt…

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(Da sehe ich gerade: ich könnte mir glatt etwas Wartezeit mit dem Streichen der Wand vertreiben oder zumindest den Lichtschalter mal feucht abwischen.)

Beim Abendessen ohne Gesellschaft (der Gatte ist in Frankfurt) und einer Nudelmenge wie mit Gesellschaft, whatsappe ich mit einer Freundin und stöbere in Youtube. Das Musikvideo, das ich ansehen möchte, lädt nicht, wieder warte ich, öffne ein zweites Browserfenster und gebe bei Google „Warten“ ein. Aus Versehen bei der Video-Suche.

Nach einer kurzen Wartezeit erscheint in den Suchergebnissen dann dieses Kleinod polizeilicher Alltagshilfe für Bürgerinnen und Bürger, die des Wartens überdrüssig sind:

Das übertrifft meine Erwartungen, die ich an diesen Tag noch hatte, bei Weitem. Endlich weiß ich, wie das da draußen geht, im Leben. Wie man dem Warten entkommt und jederzeit die Sprint-Taste drücken kann, wann immer man die Schnauze voll hat vom Warten.

3x kurz, 3x lang, 3x kurz. Das ist der Rhythmus des Überlebens, der Takt, in dem alle Ungeduldigen dieser Welt wieder befreit tanzen können anstatt warten zu müssen. Niemals hätte ich gedacht, dass ausgerechnet ein Trick der Polizei mich aus dieser misslichen Lage befreien würde.

Wie der Sprecher so passend sagt: Das Leben ist viel zu kurz, um auf grünes Licht zu warten. Einfach den Morsecode eingeben – und weiter geht’s. Panta rhei. Yeah!

In diesem Sinne – wir probieren das jetzt sofort beim Abendgassi aus.
Bin schon ganz ungeduldig, daher nur noch ein schnelles Tschüss!

Eure Kraulquappe