Pandemic Peaks oder: Bedeutungslose Berge in Bayern.

Die Einschläge kommen näher.
Jemand, mit dem der Gatte in einer präsenzerfordernden Besprechung saß (mit großem Abstand zu allen Teilnehmern und mit offenen Fenstern), ruft an und teilt mit, er sei positiv getestet worden und befände sich nun mit leichten Covid-19-Symptomen in Isolation. Öha!
Nach einer Schrecksekunde beschließen wir, die empfohlene Quarantänedauer durch einen Corona-Test (hoffentlich) abzukürzen.

Top organisiert, dieser Test-Termin, null Wartezeit, zumindest wenn man zu Fuß hingeht, ein bisschen spooky zwar, dieses zweckentfremdete Bierzelt, aber mei.

Bis zum Testergebnis werden wir nun niemanden mehr treffen.
Und suchen nur noch Orte auf, an denen auch uns niemand mehr treffen kann.
Das macht uns zum einen nicht viel aus, da wir ja auch sonst mal gern ein paar Tage lang recht abgeschottet leben und arbeiten.
Zum anderen sind wir Anhänger des pandemischen Imperativs, den Herr Drosten in seiner Schillerrede verkündet hat: „Handle in einer Pandemie stets so, als seist du selbst positiv getestet, und dein Gegenüber gehörte einer Risikogruppe an„.

Angst haben wir keine. Vermutlich wird einem das in den nächsten Monaten noch öfter so ergehen, dass sich im Umfeld jemand infiziert hat und einen darüber informiert.
Überhaupt ist das mit der Angst ja einer der interessantesten psychologischen Aspekte (und Argumente) in dieser Pandemie. Die Querdenker unterstellen den Geradeausdenkern immerzu Angst (im Sinne eines von der perfiden Regierung und dem teuflischen Drosten angeworfenen Motors, der uns antreibt, ebenso blind wie verschreckt einem diktatorischen Ruf in unseren eigenen Untergang zu folgen, wenn wir nicht endlich – so wie sie – quer statt geradeaus denken und „die Wahrheit“ hinter all dem Raunen hören/sehen/erkennen. Die Geradeausdenker hingegen attestieren den Querdenkern ebenfalls von Angst getrieben zu sein (weshalb sonst würden die den diversen Gurus oder dem Geschwurbel, das auf diesen Gottesdiensten Versammlungen verkündet wird, folgen und diese einfachen „Lösungen“ oder Parolen weiterbeten glauben). Besonders bemerkenswert finde ich, dass beide Lager auf die eine oder andere Weise felsenfest von sich behaupten, keinerlei Ängste zu haben.
Bei Gelegenheit werde ich mich darüber vielleicht mal ausführlicher und differenzierter auslassen, vor allem über den feinen Unterschied zwischen „Panikmache“ und „Information“.

Die Quarantänetage nutze ich, um den Balkon endlich winterfest zu machen, Gugelhupf zu backen und zu essen, die Ablagestapel der letzten Wochen abzutragen und das Forschungsprojekt KoCo19 (unter dem Link finden Sie meinen Blogbeitrag zum Studienbeginn) in seinem Fortgang zu unterstützen.
Sie erinnern sich bestimmt: wir gehören zu den 3.000 zufällig ausgewählten Münchner Haushalten, denen das Tropenmedizinische Institut der LMU (die verlinkte Seite offenbart Ihnen u.a. spannende Einblicke in unser Esszimmer) im Rahmen eines großen Corona-Forschungsprojekts Blut und Informationen abzapft.
Erfreulich ist, dass in Phase II des Projekts das Blut nicht mehr aus der Vene entnommen werden muss, sondern man das nun ganz entspannt und ohne den dreiköpfigen Test-Trupp um einen herum eigenständig erledigen kann, nachdem man das Anleitungsvideo studiert hat (das Filmchen hat mich sprachlich begeistert und mir ein neues Lieblingswort beschert: „die Fingerbeere“).

Da das Dackelfräulein auch in Quarantänezeiten hinausmuss, schleichen wir uns maskiert zum Auto und fahren unmaskiert in das schöne und dank Herbstferienende nun endlich wieder halbwegs leere Voralpenland.

Alle bekannten Wanderparkplätze, Wege und Berge werden gemieden, und dabei kommt dann halt auch mal so ein schräges Vorhaben wie das heutige raus.
Als bekennender Zahlenfetischist (nein, nicht von Fallzahlen, sondern von Jubiläen, Geburtstagen und anderen wichtigen Daten) bin ich schon länger auf der Suche nach einem Berg, zu dessen Gipfel ich entweder genau 1.307m hinaufsteigen kann oder der exakt 1.307m hoch ist. Und heute Morgen, beim Studium des Kartenmaterials, entdeckte ich ihn. Sogar in der Gegend, in die ich sowieso gern fahren wollte. Er heißt der oder das Schwarzbergel und befindet sich im Tölzer Land.

Ich (= blauer GPS-Signalpunkt) auf dem 1.307m hohen Schwarzbergel.

Betrachten Sie dieses alpine Ziel übrigens ausnahmsweise einmal explizit nicht als Wanderempfehlung, außer Sie sind Förster, Fährtensucher oder warten auch gerade auf Ihr Testergebnis und müssen dennoch mit dem Hund raus.
Denn das Schwarzbergel lohnt sich nicht. Keine Aussicht, kein Rastplatz, kein Gipfelkreuz, nur ein schnöder Stein markiert den höchsten Punkt.

Der 6,5 km lange und immerhin 640 Höhenmeter überwindende Aufstieg ist zur Hälfte weder ausgeschildert noch instinktiv auffindbar. Ohne GPS-Signal finden Sie den Gipfel garantiert nicht und selbst mit Signal ist er des Gefundenwerdens nicht wert.
Nicht einmal Einheimsiche kennen ihn, wie ich bei der einzigen Begegnung des Tages feststellen durfte („Gehst aufn Geierstein auffi?“ – „Nein, ich gehe aufs Schwarzbergel.“ – „So an Berg gibts hier ned.“ – „Doch, in meiner Karte gibt’s den.“).

Als wir nach einigem schweißtreibenden Hin und Her das Schwarzbergel samt Gipfel schließlich gefunden haben, blinzle ich an einen halb abgeknickten Baum gelehnt ich in die Sonne, esse meine Semmel, trinke meinen Tee und klemme dem Fräulein ihren heiß ersehnten Futternapf in eine Lücke zwischen zwei Tannenstümpfen.
Das ist also ein Lieblingszahl-Berg. Tja. Dass er gar so unscheinbar sein würde, hätte ich nicht gedacht.

Macht nichts, die Bewegung tut trotzdem gut und Ruhe hat man hier auch und beim nächsten Versuch mit einem 1307er probiere ich wohl besser die Variante aus, bei der die Zahl sich auf die zurückzulegenden Höhenmeter bezieht und nicht auf die Höhe des Berges.

Beim Abstieg machen wir noch einen Schlenker hinüber zum Geierstein, auf richtigen Wegen und sogar von Schildern und neugierigen Blicken begleitet.

Die Entschädigung für all das Unspektakuläre kommt ganz zum Schluss – und dann aber knüppeldick.

Was für eine Stimmung, was für ein Panorama, was für ein Sonnenuntergang!

Freuen Sie sich schon heute auf eine weitere Folge der neuen Serie „Pandemic Peaks – bedeutungslose Berge in Bayern“, wir werden solche Unternehmungen in nächster Zeit nämlich fortsetzen und uns lockdowngemäß weitgehend von den Mitmenschen fernhalten, obwohl soeben das negative Testergebnis eingetrudelt ist und man ja nun wieder auf normalen Wegen wandeln dürfte.

Am Limit.

Montagmorgen in der Notfallambulanz.

Ein Erlebnis im wahrsten Sinne des Wortes ambulare. Mehrere Wartezonen und Zuständigkeitsbereiche durchwandert, auf den Klinikfluren auf und ab gegangen, so gut das halt noch ging. Wegen der Sintflut da draußen konnte man ja leider nicht an die frische Luft, in diesen tollen, ginkgobepflanzten Innenhof, der einer der schönsten Innenhöfe Münchens ist, und dort ambulieren. Überhaupt wirkte die ganze Maistraße eher wie Novemberstraße.

Viel Zeit gehabt, über den Begriff Notfall nachzudenken: wie ich den definieren würde und wie die Uniklinik den auffasst.

Der Torwart an der Klinikpforte schickt einen zu Raum Nr. 21a, in dem man sich ein Kärtchen zu holen hat, das einen als Notfall ausweist. An der besagten Tür klebt ein Riesenschild, das zu lesen einem schon ganz schön was abverlangt, wenn man sich kaum aufrecht halten kann. Das Fazit des ellenlangen Textes: Wehe, Sie kommen herein – klopfen Sie nur 1x kurz und warten Sie dann draußen!

Als sich fünf Minuten nach meinem Klopfen rein gar nichts getan hat, wage ich es, die Klinke herunterzudrücken und vorsichtig in den Raum hineinzugucken – nicht, dass da gar niemand drin ist… Doch, da ist jemand. Eine grimmige Verwaltungstante. Sie hockt hinter ihrem Tisch und raunzt mich an, ich solle draußen warten, sie würde einen schon holen.

Eine zweite Frau gesellt sich zu mir, klopft an die Tür und will nach fünf Warteminuten auch zur Klinke greifen. Ich kläre sie auf, rate ihr ab. Wir kauern nun nebeneinander in der Hocke auf dem Flur, Sitzgelegenheiten gibt es vor Raum 21a nämlich keine. Ist ja der Notfallraum, da kann man sich zur Not auch in den Raum fallen lassen und liegend warten (drei Räume weiter, quasi übergangslos: die Liegendanlieferung, passt also eh).

Kommt eine dritte Frau hinzu, schmerzgekrümmt schleppt sie sich vor die Tür, liest das Schild, stöhnt auf, klopft, wartet drei Sekunden und drückt die Klinke runter. Der Verwaltungsdrache telefoniert nun und mampft einen Schokoriegel und winkt die Patientin sofort wirsch aus dem Zimmer.

Nach weiteren 20 Minuten geht Frau Nr. 2 und mir die Geduld aus und wir treten ungebeten nochmal ein. Der Drache will sich empören, aber wir kommen ihr zuvor. Genervt drückt sie uns schließlich die laminierten Kärtchen in die Hand. Nun sind wir „Notfall“ und dürfen uns in Zimmer 14 bevorzugt anmelden.

An der Tür mit der Nr. 14 hängt eine noch umfangreichere Hinweistafel als an der 21a.
In Kurzform: Wehe, Sie kommen herein – ziehen Sie eine Nummer und warten Sie!
Eine halbe Stunde nach Eintreffen in der Klinik ziehe ich aus dem Automaten die Nummer 51. Auf dem Display über Raum 14 blinkt eine 45. Da ich das Anmeldebüro bereits kenne, weiß ich, dass sich dort drinnen drei Tische mit je einem Verwaltungsdrachen dahinter befinden. Spätestens als sich die Tür zum dritten Mal öffnet und eine Patientin herauskommt, müsste man meinen, dass das Display so langsam von 45 zu 46-47-48 weiterspringen würde. Tut es aber nicht. Es verharrt drei Tassen Kaffee und sechs Donuts lang (mal so gemutmaßt) bei 45. Hat man viel Zeit, über die Sache mit der bevorzugten Anmeldung nachzudenken und sich zu fragen, warum man nicht gleich hier eine Nummer gezogen hat.

Immerhin gibt es hier Sitzgelegenheiten. Harte Holzbänke mit unbequemen Rückenlehnen. Genau das Richtige für eine Frauenklinik, denn wir Frauen hassen Weiches und Warmes, ganz besonders, wenn’s uns mies geht.
Weil irgendwo weit oben im Flur ein paar Fenster gekippt sind, ist es gottseidank auch herrlich kalt in dem Wartebereich. Man hört den Starkregen so auch besser. Wie er idyllisch und beruhigend auf die metallenen Fenstersimse hämmert.

Nach weiteren 40 Minuten blinkt Nummer 51 auf. Ich traue meinen Augen kaum. Mit klammen Händen und Füßen schwanke ich zur Tür von Zimmer 14.
Drinnen ruft Frau S. mich zu ihrem Schreibtisch, auf dem eine hässliche Sukkulente und ein gerahmtes Katzenfoto verstauben. Zu den Nachbarschreibtischen gibt es weder optisch noch akustisch irgendeine Art von Trennung.
Man hört alle Details zu Beschwerden, Krankheitsverläufen, Medikamenten, Adressen, Telefonnummern, Namen von ggf. zu verständigenden Angehörigen sowie deren Telefonnummern. Und unterschreibt parallel dazu die vierseitige Datenschutzerklärung, die einem Frau S. vor die Nase legt. Danach unterschreibt man noch das Anmeldeformular und mit einem Haufen Papier in den Händen darf man nun nach nebenan gehen.
In Zimmer 13. Endlich angekommen, im eigentlichen Wartezimmer, hurra. Gesteckt voll mit überwiegend elend dreinblickenden Frauen. Und bestückt mit richtigen Stühlen, sogar mit plastikgepolsterter Lehne. Und einem Getränkeautomaten, dessen Abluft und Kühlaggregatsdauerbrummen einen in den nächsten zwei Stunden in den Wahnsinn treiben wird.

Erfreulicherweise sind diese zwei Wartestunden von zwei Aktionen unterbrochen: 1.) Dem Erscheinen einer Krankenschwester, die die Tür aufreißt und Is no jemand Nei’s dazuakemma? plärrt und einem den Papierstapel und das Notfallkärtchen abnimmt. 2.) Einer Blutabnahme, die in meinem Fall etwas länger dauert, da die Rollvenen dreimal davonrollen und die Schwester dann eine Stationsschwester dazuholen muss, die wo Übung mit de Broblemfälle hod.
Schöne Atmosphäre, auch bei dieser Prozedur: ein charmantes Durchgangszimmer, dauernd latscht jemand an einem vorbei, ruft was, holt was, will was, wie im Taubenschlag geht’s zu, keine Pritsche zum Hinlegen, als mir der Kreislauf nach dem dritten Zustechen ein wenig zu entgleisen droht, es muss im Sitzen auf dem Klappstuhl klappen (darum heißt der auch so).

Vom Wartezimmer aus hat man Blick auf Maistraße, auf die Flamingo Bar und die kleine Bäckerei an der Ecke, wo ich mir zu gern eine Breze holen täte, da das Frühstück daheim aufgrund der Gesamtlage recht schmal ausfiel (und auch wieder aus mir rausfiel), aber die Schwester gebietet, ich solle mal lieber nüchtern bleiben, falls sie einen dabehalten müssten. Was einem die Wartezeit nicht grad erleichtert, weder der nagende Hunger, noch der innere Aufruhr, den so ein Appell beschert.

Nach weit über drei Stunden komme ich tatsächlich dran. Der sehr junge Gynäkologe (mit zartem Bartflaum im Gesicht) ist nett, spricht fließend Lateinisch und sogar ein paar Brocken Deutsch und hat auch schon psychologische Fortbildungen besucht.
Als wir uns an seinem Schreibtisch zur Anamnese gegenübersitzen, bemerkt er nämlich trotz eifrigen Tippens meinen ängstlichen Blick auf den Laborbericht, der neben seiner Tastatur liegt. Da steht in Fettdruck und Schriftgröße 24 Lebensgefahr / Notfall drüber, und drunter mein Name. Das kann man mühelos lesen, auch wenn der Text auf dem Kopf steht und der Blutzucker im Keller ist. Schnappt der Arzt also meinen Angstblick auf, erklärt mir sogleich freundlich und zugewandt, dass die Überschrift nur aus organisatorischen Gründen da draufsteht: damit das Labor die beiligende Blutprobe vorrangig untersucht. Guckt kurz auf den Zettel und beglückwünscht mich zu meinem recht positiven Hämoglobinwert, dem Geschilderten nach sei das ja nicht zu erwarten gewesen.

Irgendwo zwischen Franz Kafka und Karl Valentin, das Ganze.
Und dazu ein paar Szenen aus der Rubrik „Als Statist unterwegs im eigenen Leben“.

Zumindest bis hierher.
Die Untersuchung ein kleiner Alptraum, nur leider sehr real und so nah am persönlichen Limit, dass mir die Tränen runterlaufen und ich beinahe schreie, dass sie bitte sofort damit aufhören mögen. Stattdessen wird mir schwarz vor Augen. Der sehr junge Arzt und die noch jüngere Assistentin sind sehr verunsichert, holen dann doch lieber den Chefarzt dazu. Der ist Vollprofi und hat schon so viel Blut und Tränen gesehen und Schreie gehört, dass er wegen sowas längst keinen Ultraschall mehr verzittert oder die Fassung oder seinen onkeligen Tonfall verliert.
Ergebnis: Nichts Unerwartetes entdeckt, Rezept bekommen, weitere Maßnahmen erläutert, Wiedervorstellung in Kürze.

Wie ein Zombie nach vier Stunden die Notfallambulanz verlassen, an den ganzen Menschen auf den Fluren und in den Zimmern vorbei, Richtung Klinikausgang.
Aus dem grauen Schleier des Dauerregens treten triefend der Gatte und das Dackelfräulein hervor. Halluziniere ich noch oder lebe ich schon wieder?
Einzig denkbare Bedürfnisabfolge nun: Breze, Kaffee, Kuchen, Hinlegen.

Fragen Sie bitte nichts nach, und wünschen Sie auch nichts. Ich hab dazu eh keine Antworten.
Es wird schon wieder. Andere haben sowas auch überstanden.

*****

24 Stunden später. Dienstagmittag.

Die Isarauen versinken zunehmend im Wasser. Ein Wildfluss am Limit. Das Dackelfräulein wundert sich, dass dort, wo sie üblicherweise ihrem Bällchen nachrennt, heute Enten baden und dass dort, wo die Enten sonst baden, ganze Baumstämme in den Fluten treiben.

Die Stadt sperrt erste Wege und Stege. Der Regen läuft einem in den Kragen und in die Schuhe. Schirm bringt nichts wegen krassem Wind.
Trotz aller Garstigkeit hat die Runde aber ein bisschen was Vitalisierendes.

*****

Am Abend dann eine Ladung Puder ins blasse Gesicht und los zur Praterinsel. Die kleine Mariannenbrücke fast schon auf einer Ebene mit der Wasseroberfläche.

Der DAV feiert 150. Geburtstag, der Gatte trägt dort vor, da hat man versprochen, mit dabei zu sein. Nicht nur so in der Funktion als Spielerfrau, sondern eher in der vertrauten Rolle als Gelegenheitsgroupie. Und aus allgemeinem alpinen Interesse.

Ich hatte mir den ja irgendwie deutlich größer vorgestellt.

Aber holla, ich sag’s Ihnen: an Drahtigkeit ist der schwer zu überbieten. Sehr ausdefiniert, alles (oder wie sagt man da?). Und so ein nettes Bayrisch! Berchtesgadener Land eben. Und überhaupt ein total angenehmer Typ, so im Gespräch und beim gemeinsamen Bier.

Das war’s dann auch schon mit den Gemeinsamkeiten.

Limit ist halt für jeden was anderes & woanders.

*****

Cross your heart. Ein Erinnerungsfragment.

Wachgelegen in einer schwülen Nacht voller Blutegelträume und mich erinnert.
Aufgesetzt im dunklen Zimmer, Tom Waits gehört. Wasted and wounded, it ain’t what the moon did, I got what I paid for now.
Subtropische Siriusnacht, Schweiß- und Wortausbrüche im Wechsel, wie ein Fieberanfall.
Irgendwann Ruhe, der Schlaf zur Rechten beflankt vom gleichmäßigen Herzschlag des Hundes und zur Linken von einem zerquetschten Blutsauger an der Wand.

Taucher hätte er werden sollen, dachte ich oft.
Am besten Tiefseetaucher.

Kaum war er aufgetaucht zu einem ersten gemeinsamen Landgang, der uns beide beschwingte und begeisterte, tauchte er wortlos wieder ab.
Kaum hatte ich mich halbwegs damit abgefunden, kam er plötzlich wieder aus seinen Untiefen empor.
Schwamm drüber, dachte ich damals, freute mich an der Fortsetzung und – schwupps! – weg war er.

Und so sollte es fortan sein zwischen uns.
Bis eines Tages einem von uns, unter Wasser oder an Land, der Sauerstoff ausgehen würde.
Ein ewiger Kreislauf aus Abtauchen, Wegtauchen, Untertauchen, Auftauchen, Eintauchen – das war seine Königsdisziplin.

Seine Tauchgänge entschuldigte er mal charmant, mal unbeholfen, mal gar nicht – die Gründe dafür nannte er nie.
Möglich, dass er sie selbst nicht kannte. Ebenso möglich, dass ich sie nicht kennen sollte.
(Im Rückblick frage ich mich ohnehin, ob wir einander auch nur annähernd kannten oder erkannten.)

Er nannte diese Phasen Notabschaltung. Als er wieder auftauchte, fragte ich vorsichtig nach, worin die Not denn bestanden hatte.
Er wolle da mal persönlich drüber reden, meinte er – tauchte ab und schwieg.

*****

Früh sprach er von Freundschaft und spät begriff ich, dass das eher die Mitteilung einer großen Sehnsucht war als ein reales Vorhaben oder gar ein Zutrauen in selbiges.
Mit Leichtigkeit überspielte er die Schwere und mit Kraft manche Schwäche, auch das ein wiederkehrendes Spiel, das er oft gewann und genauso oft verlor.

Nach Klarheit und Intensität strebte er und betäubte seine Sinne bisweilen fast bis zur Besinnungslosigkeit.
Ein Spagat zwischen absoluter Präsenz und totaler Ablenkung, der ihn ständig zu zerreissen drohte.

Also übte er sich in der Kunst des Spagats:
ein Tierfreund zu sein – und ohne Gewissensbisse in Billigfleisch beißen,
ein Empathiker zu sein – und über die Nöte anderer geflissentlich hinwegsehen,
ein Nähesuchender zu sein, sich wieder mehr mit dem Leben und den Menschen zu verbinden – und flüchten, wenn jemand leibhaftig die Tür weit öffnet,
ein Kommunikationsvirtuose zu sein, im Monolog zu brillieren – und allem Dialogischen, das in die Quere oder zu nahe kommt, ausweichen.
Und wie in allem, worin er sich intensiv übte, kam er auch hier der Perfektion recht nahe.

Ansonsten war er ein Meister des Alles-oder-Nichts-Prinzips. Die Pole seiner Welt hießen Null und Hundert, dazwischen schien es nur schäbiges Mittelmaß zu geben, das ihm zuwider war.
War er auf Hundert, überstrahlte er mit seiner Energie und seinem Übermut mühelos den leisen Hauch an Größenwahn und Narzissmus, der ihn umwehte. Sein Humor genoss dann den Auslauf und tollte mit meinem ausgelassen herum, Bäume hätten wir ausreißen können, Berge versetzen.
War er bei Null angekommen, hatte er die Aura einer Mondlandschaft – die Seele von Erschöpfung zu einem kargen Krater erodiert, der Lebenshunger zu bizarren, mageren Formationen erstarrt, alles an ihm wirkte versteinert, verstaubt, verschüttet. Jede Zuwendung und Ansprache prallte an ihm ab wie an einem schweren, verriegelten Metalltor, das unter Strom steht.
Die Schläge, die man sich auch beim noch so zaghaften Anklopfen zuzog, trafen einen bis ins Herz.

*****

Während seiner Landgänge schnitzte er für jeden, der sein Interesse geweckt hatte oder dessen Interesse er wecken wollte, schöne und passgenaue Sätze, die nicht nur wohl klangen, sondern auch wohl taten.
Ein Wohlgefühl, das sich alsbald in Wohlgefallen auflösen konnte, wenn manche der Worte sich als besessene Grenzgänger entpuppten zwischen gedachter Wirklichkeit und gelebter Realität.

Auf meine Fragen hatte er meist keine Antworten, er selbst stellte erst gar keine Fragen, so dass es für mich nichts zu beantworten gab.
Über etliche Strecken unseres gemeinsamen Weges winkten wir einander bestenfalls aus der Ferne zu, der eine im Separee des Schweigens sitzend, der andere im Bottich der Bezugslosigkeit ausharrend.
Während des Unterwegsseins begriff ich allmählich, dass aus diesem fortwährenden Auf und Ab nichts erwachsen würde, auf das er sich einlassen und ich mich verlassen könnte.

Das Ganze war auf ein paar Sprints ausgelegt und leider nicht für die Langstrecke gemacht.
Ein starkes, harmonisches Team, je geringer die Distanz war, bei größerem Abstand hingegen ein fragiles, disparates Konstrukt.

*****

Überreich mit Talenten gesegnet war er, doch ließ er viele davon achtlos herumliegen wie andere Menschen ihre Socken.
Aus Ideen entstanden in Windeseile Pläne, manche davon wurden zu Zusagen, doch eben noch klar umrissene Konturen lösten sich oft schneller auf als die Kondensstreifen eines Flugzeugs am Himmel.

Alles zerfiel zu nichts und aus dem Nichts erwuchs erneut alles.
Gabe und Fluch zugleich.
Ein Perpetuum Mobile.

Ein Leben zwischen Extremen, das sich an sich selbst über die Jahre so wund gewetzt hatte, dass er wie ein Rundumversehrter auf permanente Rücksichtnahme angewiesen war – und wo er sie nicht bekam, wandte er sich ab.
Überleben musste er allein, nach seiner Methode und ohne jede Hilfe, davon war er überzeugt, niemanden wollte er dabei brauchen – und vermutlich wagte auch kaum jemand mehr, ihn zu brauchen.

Nach gut einem Dutzend seiner Notabschaltungen fühlte ich mich schließlich so ausgeschaltet, dass meine Kraft für den nächsten Sprint schwand und ich die Notwendigkeit eines erneuten Einschaltens hinterfragte.
Die einzige Antwort, die ich auf diese Frage finden konnte, ließ mich leer und traurig zurück.

So kam der Tag, an dem mir die Luft ausging für dieses zermürbende Zirkeltraining aus Warten und Hoffen, aus On und Off, aus Irritation und Wut, aus Anfangen und Aufhören, aus Lachen und Weinen, aus Höhenflug und freiem Fall, aus Verstehenwollen und Gegen-die-Wand-Laufen.

Such a beautiful opportunity, würde er vielleicht sagen.
Ein Jammer, dass wir sie nicht ergreifen konnten, würde ich wohl entgegnen.
(Wenn es wenigstens zu einem persönlichen Abschied gekommen wäre.)

*****

Schon seltsam:
Es gibt Geschichten, deren Ende man bereits ahnt, wenn man das erste Kapitel gelesen hat und die man trotzdem und unbedingt bis zum Schluss lesen muss.
Nur um ja nichts unversucht gelassen zu haben, zu begreifen, dass diese ganze Geschichte un(be)greifbar ist und bleiben wird.

Noch seltsamer:
Als Kind war ich in der Lage, solche Bücher einfach nach ein paar Seiten zuzuklappen, ich wollte keine Geschichten lesen, deren Ende zu vorhersehbar war oder deren Einzelheiten mich überwiegend bestürzten oder bedrückten.
Vormals intakte Instinkte, über die Jahre deformiert zu fatalen Fehlschaltungen.
Als Erwachsene quäle ich mich nun Seite für Seite durch den Text, bis zum bitteren Ende, lege dabei eine erstaunliche Selbstverletzungsignoranz und Hartnäckigkeit an den Tag, die, würde ich sie auf andere Sphären anwenden, mich bestimmt schon zu manch Erfreulicherem geleitet hätten.

Und nur allzu gern hätte ich mich aus dieser Geschichte mit dem faulen Fazit davongestohlen, dass alles im Leben einen tieferen Sinn habe, auch wenn er sich einem oft erst viel später erschlösse, dieses so simple wie armselige „Wer weiß, wozu’s gut war!“, das ich als Trostversuch schon der Mutter stets übelnahm, für großen Unsinn halte und das ja in Schmeißfliegenmanier immer dann auf den Plan tritt, wenn es eigentlich drum ginge, etwas, das weh tut, aushalten zu müssen ohne es verstehen zu können.

Für diese Widerfahrnisse gibt es weder eine Wikipedia noch einen ICD-Schlüssel, so schwer es auch zu akzeptieren ist, sich erst in Unwissenheit zu winden und das Erlittene dann namenlos zu bestatten.

That’s how the cookie crumbles.

*****

All das und noch viel mehr dachte und fühlte sie als die Geschichte endete, sprang anschließend ins Wasser, tauchte tief ein in das schützende, kühlende, reinigende und so weiche Element. Ja, auch sie konnte tauchen!

Und schwimmen erst! Weit hinaus schwamm sie, so weit sie konnte, bis sie den Punkt erreichte, an dem das neue Ufer heller leuchtete und näher war als jenes, an dem der schmale Steg stand, von dem sie hineingesprungen war.

Weiter, immer weiter. Jeder Zug ein Befreiungsschlag, jedes Einatmen ein Akt der Lebendigkeit und des Vorwärtsbewegens, jedes Ausatmen ein Akt des Loslassens und des Abschiednehmens.

Goodbye, my almost friend.

*****

You can cross your heart and still be lying
You can count the reasons why you’ve thrown it away

Dream on, dream on.

Song des Tages (12).

Ain’t it funny how things happen
Just as we think we’ve got it all straight
Everything seems to be moving forward
But instead we just sit around and wait

Seems things are in a lockdown
Nervous looks all around
Everyone is speaking in whispers
No one wants to make a sound

I’m losing my touch
Losing my touch
Losing my touch, baby, way too much
Baby, get me out of here
It should be clear

Neu_hausen (Part II).

So schön diese Stadt auch ist, so blöd ist es, dass so viele finden, dass sie so schön ist.

All die vielen trifft man nicht nur auf dem Viktualienmarkt, sondern auch auf dem Mietmarkt. Der gleicht einer Stierkampfarena, da sich aus der Knappheit bezahlbaren Wohnraums in dieser schönen Stadt dermaßen unverschämt und grenzenlos Kapital schlagen lässt (und das auch mit Erfolg), so dass einem ungeachtet aller Freude über die Attraktivität Münchens oft wirklich die Spucke wegbleibt.

Wir haben uns erstmals nach 17 Jahren mit dem Thema „Wohnungssuche in München“ befasst. Seit letztem Sommer, mit etlichen Unterbrechungen, und in den letzten Wochen dann intensiv. Diese Betätigung hinterlässt schon nach kurzer Zeit Risse im Nervenkostüm, die schwer zu flicken sind.

Der Frust beginnt bei den Inseraten: Die spärlichen Angebote, die es jenseits der Preisklasse für Großverdiener oder qua Geburt Gutbetuchter gibt, reduzieren sich bei gründlicher Durchsicht auf noch weniger Angebote: Haustierhaltung verboten (der Boden könnte verkratzt werden, selbst wenn’s ein Billig-Boden ist), 4. Stock ohne Lift (Treppen sind für Dackel Gift und wir wollen nicht mehrfach täglich 7kg Hund rauf und runter schleppen), keine Garage (und das in Gegenden, in denen es keine Parkplätze gibt), scheußliche oder völlig veraltete Ausstattung der dennoch teuren Wohnung (Böden, Fenster, Heizungen, Bad, Küche), hohe Ablösesummen für Einbauten, die man nie haben wollte, aber übernehmen muss (Küchen, Einbauschränke, Markisen etc.). Ein eigenes Kapitel müsste auch dem beigefügten Fotomaterial gewidmet werden, aus Zeitgründen nehme ich davon Abstand (nur so viel: manchmal gibt’s nur das Handyfoto eines verblichenen Grundrisses anno 1962, mit Knicken im Papier, so dass man die Quadratmeterangaben garantiert nicht lesen kann – und vermutlich soll das auch so sein).

Hat man sich mit den diversen, durchs Inserat schon erahnbaren Kompromissen, Haken und Ösen innerlich einigermaßen arrangiert und ringt sich zu einer Anfrage durch, kommt Hürde Nr.2: Die inquisitorische Vor-Selektion, auch „Selbstauskunftsbogen“ genannt.Was dabei hauptsächlich ge- und verbogen wird, sind existiernde Datenschutzbestimmungen und die eigene Selbstachtung.

Alles wollen sie wissen, einfach alles. Ein Wunder, dass nicht auch noch die bevorzugte Tageszeitung oder die Automarke abgefragt wird. Aber ansonsten alles: allerhand persönliche Daten, Hobbies, Musikinstrumente, Einkünfte (selbstverständlich per eingescannten Gehaltszetteln der letzten 3 Monate nachzuweisen), Einkommenssteuerbescheid (ebenfalls eingescannt zuzusenden), Vorhandensein einer Privat-Haftpflicht-Versicherung, Zustimmung zur Einholung einer Bank- und Schufa-Auskunft, Anschrift des aktuellen Vermieters (damit Erkundigungen eingeholt werden können, ob man ein aufmüpfiger Mieter war, der es gewagt hat, sich wegen Schimmelbildung oder Ausfall der Heizung zu beschweren).
Und, wohl gemerkt: Man weiß zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal, ob man jemals einen Fuß in diese Wohnung setzen wird, um einen Blick auf bzw. in sie zu werfen.

Es gab Situationen, in denen wir an dieser Stelle des Kampfes ausgestiegen sind: Ein Makler wollte vorab den Arbeitsvertrag in Kopie sehen. Oder: Man hätte sich verpflichten müssen, vor Einzug 200€ an die Hausgemeinschaft zu zahlen, falls beim Einzug irgendwo im Treppenhaus eine Schramme hinterlassen würde. Irgendwo ist wirklich mal Schluss. Falls aber doch noch nicht das Ende der Dreistigkeitsskala erreicht sein sollte, so gehe ich davon aus, dass in Kürze noch psychiatrische Gutachten vorzulegen sind, mit dem sich potenzielle Vermieter absichern wollen, dass ihnen da ja nicht ein Depressiver unterkommt, der die Bude zu sehr abwohnt (er ist ja womöglich viel daheim, so ein Depressiver).

Ist Hürde Nr. 2 erfolgreich absolviert, darf man abwarten, ob man eine Vorladung erhält. Wenn ja, muss man sich ob der Gnade freuen. Wenn nein, darf man sich nicht ärgern, dass man per Mail womöglich einen halben Offenbarungseid verschickt hat, aber daraufhin nie wieder einen Ton hört. Denn bei so viel Nachfrage kann einfach nicht jedem dahergelaufenen Popel unterhalb des Spitzensteuersatzes persönlich Bescheid gegeben werden.

Wenn man zu den Glücklichen gehört, die ins Allerheiligste eingeladen werden, folgt Hürde Nr. 3: Der Besichtigungstermin. Wenn es gut läuft, bekommt man einen Einzeltermin, der, wenn es blöd läuft, auf 15 Min. begrenzt ist. In 15 Minuten soll man eine Entscheidung für womöglich die nächsten 15 Jahre treffen! Jeden Ehemann schaut man sich länger an, bevor man zum Standesamt rennt!

Da heißt es ausgeschlafen hingehen und bereits im Treppenhaus den Zollstock ausklappen, damit man ruckzuck die kritischen Flächen (4 Meter Bücherregal, großes Ecksofa, diverse Schränke) im potenziellen neuen Zuhause überprüfen kann, bevor einem die Interessenten, die für den nachfolgenden 15-Min-Termin bestellt wurden, im Weg rumstehen oder man sich gar mit den Zollstöcken verheddert.

Gut, wenn man zu zweit ist bei der Wohnungssuche. Einer rennt durch die Bude und misst aus, der andere bemüht sich, alle zuvor notierten Fragen in größtmöglicher Freundlichkeit und mit stets interessiertem Dauerstrahlen im Gesicht durchzuhecheln, während der Makler/Eigentümer/Vormieter nur halberlei zuhört und antwortet, da er nebenbei noch die Kleinfamilie, die den Termin vor einem hatte, verabschiedet oder einem zu früh kommenden Interessenten die Tür öffnet oder den wegen all des Trubels brüllenden Säugling beruhigt.

Ich hab nie an einem Speed-Dating-Termin teilgenommen, aber so ungefähr stell‘ ich mir das vor. Nur dass man da wohl wenigstens mehrere Kandidaten an einem Abend und ohne Ortswechsel zwischendrin begutachten kann.

Wenn die Wohnung nicht total kacke ist, endet der Besichtigungstermin stets mit verbindlichem Händeschütteln und einem mit fester Stimme geäußertem „Wir sind sehr interessiert“, denn man muss ja irgendwie im Spiel bleiben. Deshalb schreibt man, wenn man nach dem Termin (oder mehreren Terminen) gerädert nachhause kommt, umgehend eine schleimige Mail, die natürlich unschleimig formuliert sein muss, bedankt sich überschwänglich für diese 15 Minuten und bekundet erneut sein großes Interesse.

Sollte es überzogene Ablösen geben, sichert man auch diese nochmal freundlich zu, dasselbe gilt für den Mietbeginn (meist vorgestern oder ab sofort). Kein Problem, wenn sich daraus 3 Monate doppelte Mietzahlungen ergeben, eine bessere Demonstration der eigenen Liquidität kann es gar nicht geben als diesen Umstand locker zu nehmen und ihn nicht in Form einer kleinlichen Nachfrage, ob man da nochmal drüber reden könne, zu erwähnen.

Womit wir bei der 4. und vorletzten Hürde angekommen wären: Die Tage nach dem Besichtigungstermin. Man hockt zuhause und wartet auf eine Reaktion. 1-3 Tage dauert das im Schnitt. In dieser Zeitspanne entfaltet sich eine meist ungute Mixtur an Emotionen/Gedanken/Aktivitäten:

  1. Wenn die Wohnung mittelprächtig war:
    – Wut darüber, auf was man sich alles einlassen müsste: Staffelmiete oder Indexmiete, Letzteres quasi einer Entrechtung von Anfang an gleichzusetzen, Übernehmen einer unrenovierten Wohnung, Ablösen, doppelte Mietzahlungen etc.
    – Überdenken der ganzen Sache: Hat einem die Wohnung wirklich gefallen? Bringen wir unsere Möbel alle dort unter oder müssen wir hier nochmal investieren? Wie lebt sich’s mit der abgewetzten, hippverklebten Küche für 5.000€ Ablöse und dem fensterlosen Bad, bei dem der Lüftungsschacht ziemlich klein und staubverkrustet wirkte? Kommt irgendwann nochmal was Besseres oder soll man nicht doch lieber zuschlagen?
  2. Wenn die Wohnung gut war:
    – Wildes Hin- und Herrechnen, wie man das finanziell stemmen könnte
    – Liste mit den einzugehenden Kompromissen erstellen und über Lösungen/Alternativen nachdenken
    – Übertragen des Grundrisses auf Millimeterpapier und erste Planungsversuche für die Möblierung
    – Mehrfache Streifzüge durch die evtl. neue Gegend per Google-Streetview, Suche nach dem nächsten Bäcker, Abchecken der Einkaufsmöglichkeiten, Grünanlagen, Kalkulation der Wege mit dem öffentlichen Nahverkehr zum Hauptbahnhof (wg. des Pendelns des Gatten)
    –  Umgebung 100m links und rechts ums neue Mietshaus in Google-Streetview bis auf Grashalmgröße heranzoomen: Genug Grünstreifen für Pippa vorhanden?
  3. Wenn die Wohnung super war:
    –  bis auf den zweiten Spiegelstrich wie 2.
    – mit Arbeit ablenken
    – Bierkonsum erhöhen, um gut gehopft noch irgendwie schlafen zu können und nicht zu viel an die total schöne Wohung zu denken
    – zuhause Gesprächsverbot über die total schöne Wohnung verhängen (und trotzdem heimlich dran denken)
    – Sportprogramm erhöhen, um die innere Unruhe wegen der total schönen Wohnung zu reduzieren
    – hoffen, dass der Sonntagabend mit in die Wartezeit fällt, weil da Serien-Abend ist (aktuell: der Island-Krimi)

Bei Variante 1 verkraftet man die Absage hervorragend, und im Falle einer Zusage sagt man doch lieber selbst ab (auch mal ein kurzes gutes Gefühl: sollen die sich doch einen anderen Deppen suchen, der für 17€ pro m² und samt Indexmiete an der Backe da einzieht).

Fall 2 ist schon heikler: Wenn es eine gute Wohnung war, ist man bei einer Absage heftig enttäuscht und für ein paar Tage deprimiert. Eine Zusage bringt einen in die Bredouille, weil man nun sofort entscheiden muss, ob man’s macht oder nicht. Trotz der eigentlich zu hohen Miete, trotz der einzugehenden Kompromisse. Beziehungsstress ist vorprogrammiert, denn meist ist einer eher dafür und der andere dann doch eher dagegen. Letzterer hat die größere Arschkarte gezogen, weil er dann als Verhinderer dasteht. Mit ein bisschen Übung in der Wohnungssuche, schleift es sich dann aber ein, dass man a) munter diese Rollen wechselt und b) keine Energie mehr hat, sich länger als 1/2 Tag deswegen zu zanken. Schließlich wartet schon das nächste Inserat, der nächste Selbstauskunftsbogen oder gar der nächste Besichtigungstermin, da kann man nicht zerstritten antreten. Macht keinen guten Eindruck.

Dramatisch wird es bei der 3. Option. Die Wohnung war super, man schlich unruhig daheim herum, die Arbeit ging zäh von der Hand, man hat zwei Tage zu viel oder zu wenig Verdauung gehabt, schlecht geschlafen, zu viel getrunken und sich auch noch durch übertriebenes Sportprogramm körperlich ramponiert.

Kurz: Dann, wenn die Reaktion kommt, liegen die Nerven bereits blank. Eine Absage ist dann schwer zu ertragen, je länger man schon sucht, desto schwerer. Die Zusage ist eine Erlösung, aber man ist zu k.o., um das sofort zu realisieren und dann, wenn man sich endlich hemmungslos freuen möchte, merkt man die ganze Erschöpfung vom Suchen, Warten, Hoffen und all den Selbstauskunftsbögen und Terminen und Überlegungen, die man schon hinter sich hat.

Dem Himmel (oder wem auch immer) sei Dank, dass wir Variante 2 und 3 nur je 1x erlebt haben. Und dass es letzte Woche tatsächlich geklappt hat, mit genau der Wohnung, aus der wir nach dem Besichtigungstermin rausgingen und uns nichts zu sagen hatten. Weil es nichts zu sagen gab. Außer, dass alles passen würde, aber das ist ja schnell gesagt.

Die beiden Wartetage waren grauenhaft, uns war klar, wenn das nicht klappt, dann beenden wir die Suche und arrangieren uns doch hier, wo wir sind. Als die Zusage kam, konnten wir’s kaum glauben, obwohl ich eigentlich fand, dass es mal wieder an der Zeit war, Glück zu haben.

Im Nachhinein bin ich heilfroh, trotz massiver (angeborener) Ungeduld an meinen 3 Prinzipien festgehalten zu haben:
1. Die Suchkriterien so eng wie möglich fassen.
2. Wenig Kompromisse eingehen.
3. Nur einen normalen Mietvertrag unterschreiben.

Den nächsten Weltfrauentag verbringe ich in dieser Küche 🙂

Und dieses Foto&Zitat einer München-Seite aus Facebook pinne ich mir an die Kühlschranktür. Jawohl!

Gute Nacht wünscht
Die Kraulquappe.