Das Murmeln der Wogen.

Gestern, beim Schwimmen im vom Winde aufgewühlten Wasser: der Rücken zu lange kalt beim Kraulen, die Nasenspitze fast eisig beim Rückenschwimmen, und doch die herbe Witterung so unerheblich, da innerlich so gedankenreich, dass es alle anderen Einflüsse überlagert.
Sätze und Bilder des Vormittagstermins flirren umher, unter sie mischen sich plötzlich ein paar fast vergessene Verse, erst aus einer Schiller-Ballade, danach dann Heine (ich weiß nicht mehr, ob ich zu der Zeit, als ich Lyrik noch aufsog wie ein Schwamm das Wasser, erst die Schiller-Phase hatte oder erst der Heine dran war oder ganz ein anderer, zu lang ist’s her).

Beim Heine bleibe ich hängen, „Der Schiffbrüchige“, ein Bruchstück aus dem zweiten Nordsee-Zyklus. Pro Armschlag ein Vers, pro Atemzug drei Verse, pro Bahn mehr als eine Strophe oder eben das, was die Erinnerung noch hergibt.
Ein Zusammensuchen dessen, was man mal konnte, wusste, parat hatte (und das passte eh gut zum Vormittagstermin, diesem Hinabtauchen in Gewässer, bis zu deren Grund man lang nicht hat blicken können oder wollen, so veralgt und verschlungen und dunkel dort unten).

Wer das Wasser liebt und das Schwimmen, der wird wissen, wie gut es sich da hineindenken lässt und wie es sich anfühlt, eine Welle mit den eigenen Armen beiseite zu peitschen (oder sie zu sich herzuholen und zu umarmen) und beim Luftholen kurz das Murmeln der Wogen zu vernehmen (oder auch die klare, reine Stille der fast völlig glatten Oberfläche).

Heute Vormittag nochmal diese Schiffbruch-Zeilen im Kopf, wieder im Wasserkontext, nämlich unter der Dusche.
Dann endlich die aus der Erinnerung gefallenen Textpassagen gegoogelt und nebenbei auf ein YouTube-Video gestoßen, das allerbeste, das man zu dem Gedicht hat finden können, zumindest das ich dazu für mich habe finden können, weil… (wie ich diese Stimme, diesen Klang, diesen Ausdruck liebe! sofort möcht‘ man ins Auto springen und ihn heut‘ noch einmal auf der großen Bühne sehen!)

Ach, hören Sie sich’s einfach selbst an.

(…) Und über mich hin ziehen die Wolken,
Die formlos grauen Töchter der Luft,
Die aus dem Meer, in Nebeleimern,
Das Wasser schöpfen,

Und es mühsam schleppen und schleppen,
Und es wieder verschütten ins Meer,
Ein trübes, langweilges Geschäft,
Und nutzlos, wie mein eignes Leben.

Die Wogen murmeln, die Möwen schrillen,
Alte Erinnerungen wehen mich an,
Vergessene Träume, erloschene Bilder,
Qualvoll süße, tauchen hervor! (…)

Herbststurm & Ohrwurm

Gestern hat der Herbst nun endgültig Einzug in Südschweden gehalten.

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Erfreulicherweise regnet es nicht und ist weiterhin sehr mild, am Himmel wechseln sich wilde Wolkenformationen und Sonnenfenster munter ab – und zu all dem bläst ein heftiger Küstenwind.

Es ist exakt die Witterung, die ich für diese Reise erwartet hatte (und nebenbei: für die ich auch gepackt habe!).

Und offenbar das passende Wetter für eine weitere Sportart, zu der ich praktisch keinen Zugang habe, zumindest aber eher als beim Sportangeln nachvollziehen kann, dass das Spaß machen kann.

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Rasmus hatte seinen jedenfalls seinen Spaß.

Und das nur deshalb, weil ich Pippa gerade noch rechtzeitig aus seinem Kite-Schirm herausrupfen konnte, den sie für ein am Strand liegendes, sich wüst aufbäumendes Monster hielt und daher umgehend töten wollte, um mich zu beschützen.

Es dauert übrigens gut 30 Minuten, bis man mit dem ganzen Glump im Wasser ist und mit dem Surfen beginnen kann – ich persönlich mag ja keine Sportarten, für die man so viel Krempel und Vorlauf braucht, bis es mal losgehen kann.

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Den gesamten Strandspaziergang über hatte ich diesen Song im Ohr und auf den Lippen.
Zuhause angekommen behielt ich ihn auch noch bei – in seiner Gleichförmigkeit eignet er sich nämlich hervorragend zum Kartoffelschälen und Gemüse-Kleinschneiden:

Not a word was spoke between us, there was little risk involved
Everything up to that point had been left unresolved
Try imagining a place where it’s always safe and warm
“Come in,” she said, “I’ll give you shelter from the storm”
(…)
Now there’s a wall between us, somethin’ there’s been lost

I took too much for granted, got my signals crossed
Just to think that it all began on a long-forgotten morn
“Come in,” she said, “I’ll give you shelter from the storm”

Der Wind peitscht um unsere kleine Hütte und wir verkrümeln uns jetzt mit einer DVD und einer Pulle Störtebeker aufs Sofa.

Viele Grüße in die noch sommerliche Heimat und einen schönen Abend für euch!
Die Kraulquappe.