Song des Tages (67).

Passend zur Nummer 67 dieser Serie ein Song aus dem Jahre 1967:

Und hier dasselbe Lied gleich nochmal, in der für mich relevanteren Version aus dem Jahre 2021:

So eine Maschine hätt‘ ich ja auch mal gern gehabt (oder halt jemanden, der so eine hat), damals, als ich noch blutjung und unversehrt war, mich meist in gitarrespielende Motorradfahrer verliebte, die entweder planlose Zivildienstleistende waren oder Jura oder Medizin studierten (und verlobt oder verheiratet waren), bis auf den einen, der Schreiner und Kajaklehrer gewesen ist, das schönste Bike von allen hatte, am Isarstrand abendfüllend Dylan spielen konnte (aber leider ungebunden bleiben wollte).
Naja, wenigstens hab ich nicht so viele Haare auf den Beinen wie der Kerl in dem Clip, da verteilt sich das Voltarengel auch viel einfacher.

Mit 17 hatte man noch solche Träume.

Der Orthopäde und Unfallchirurg, der gestern mein Knie von allen Seiten durchleuchtete, entließ mich mit der Diagnose Schleimbeutelentzündung (was ja für sich genommen schon widerlich genug klingt) und obendrein der Empfehlung, ich solle vernünftigerweise in den nächsten Wochen nicht auf die Zugspitze steigen, sondern im Flachland flanieren, und bei guter Führung dürfe ich alle 7 Tage mal testen, ob vielleicht ein kleines Läufchen schmerzfrei möglich ist. Aber ein Schwimmbadbesuch zum Rücken- oder Kraulschwimmen, das sei durchaus erlaubt (subversiver Sportmedizinerhumor in Seuchenzeiten).

Der See hat zwischenzeitlich wieder winterliche 6 Grad, vor Anfang Mai ist also nicht mit neoprentauglichen Badetemperaturen zu rechnen.

Frühlingsspaziergang am 7. April.

Deprimierende Aussichten, mal abgesehen von dem wunderbaren Poster aus meinem Geburtssommer, das im Praxisflur gegenüber des Röntgenraumes hing.

Überhaupt: die ganze Bude voll mit schönen Sportbildern. Empathie ist des Orthopäden Sache nicht.

Am besten besuch‘ ich dieser Tage nochmal den Papa und überbrücke dort den Brücken-Lockdown oder was auch immer da in Kürze auf uns zukommt (ich bin sicher, bis zur MPK wird ein klangvoller, neuer Begriff geboren sein), da gäbe es wenigstens einen Liegestuhl mit Bergblick.

Tegernseer Tal am 7. April.

Ihnen noch eine erfreuliche Woche – und bitte stürzen Sie nicht.
Weder in Verzweiflung noch auf ihr Knie.

Saisonendesonnenbrand.

Ein letztes Mal noch knietief durch den Schnee stapfen und dabei Bergluft inhalieren, bevor die Ferien beginnen und die sogenannte „Osterruhe“ naht.

Nur wir zwei, das Fräulein und ich, in einer dackelbreiten Spur, vier Stunden auf sechs Beinen, unterwegs alles geboten von pulvrig über vereist bis sulzig, anstrengende 650 Höhenmeter, zumindest für mich, zwischendrin der Gedanke, dass die Grödel wohl so heißen, weil’s manchmal schon nah am Gerödel ist, aber spätestens die Aussicht dort oben streckt einen dann vollends nieder.

Was für eine Stille und Erhabenheit, befreit von Skizirkus und Seilbahntouristen atmet ja nicht nur die Natur auf, zum Heulen schön, diese Landschaft, an der man sich ein ganzes Leben lang nicht sattsehen wird, eine volle Stunde sitze ich nur da, Alpspitze, Zugspitze, Waxenstein vor meiner Nase – und die Sonne darauf.

(Das war’s dann für diese Saison mit den unzähligen Winterbildern, versprochen.)

Himmel der Bayern (93): Travelling with Tom.

The sun comes up, it was blue and gold…

Frühlingswetter in München, Schneeberge in Garmisch – wir sind dann mal weg!

Bussi, Baby!

Gestern ein unerwarteter und ganz erstaunlicher Bergausflug mit dem Dackelfräulein.

Bei dichtem Schneefall und null Grad war eigentlich nichts Größeres geplant, bloß ein kleiner Höhenspaziergang, bevor wir den Papa besuchen würden. Doch die Hundedame steigt aus dem Auto, erblickt den Neuschnee und ist nicht mehr zu bremsen: prescht wie eine Besessene auf dem dick eingeschneiten Forstweg voran, springt links und rechts des Pfades in die Pulverfelder, wälzt sich dort wie wild oder pflügt minutenlang durch den Tiefschnee.
Ich komme (auch wegen falscher Ausrüstung, wie man das ab einem gewissen Alter gern auszudrücken pflegt) kaum hinterher, reiße mich aber zusammen und kämpfe mich durch die weißen Massen, immer dem fröhlichen Hunde hinterher.

Sie benimmt sich, als sähe sie zum ersten Mal in ihrem Leben Schnee, legt eine Energie an den Tag wie seit Wochen nicht mehr, und für einen kurzen Augenblick ertappe ich mich bei der bescheuerten Überlegung, ob es da nicht vielleicht einen Zusammenhang gibt zu dem Coiffeurtermin tags zuvor, ob sich nicht vielleicht auch ein Hund erleichtert und beschwingt fühlt nach so einer Fellstutzung durch den Profi…

Gemeinsam surfen wir eine Stunde später die 400 Höhenmeter wieder talabwärts, dort schaufle ich das Auto frei, das nach zwei Stunden komplett eingeschneit ist und eiere auf den nun wirklich dringend austauschwürdigen Winterreifen von Tegernsee nach Rottach, wo der Papa uns aufgrund der Wetterlage schon etwas nervös erwartet.

Da das Fressen aber bekanntlich vor der Moral kommt, werde ich ungeachtet der widrigen Umstände wenig später wieder hinausgeschickt, um beim Thailänder das vorbestellte Abendessen abzuholen, für die gut zwei Kilometer nach Wiessee brauche ich über eine Viertelstunde, weil man kaum die Rücklichter des Vordermanns sehen kann, geschweige denn Straßenmarkierungen oder anderes, das etwas Orientierung gäbe.
Das Abholen der drei Futterboxen im Thai-Stüberl vom Bussi-Baby (kein Scherz, der Name) dauert fünf Minuten, das anschließende Freifegen des Autos doppelt so lange. Um mich herum gefühlte 20cm Neuschnee in 20 Minuten.
Ein Winter wie ich ihn den gesamten Winter über nicht erlebt habe (oder es schon wieder vergessen habe), und das zwei Tage vor dem kalendarischen Frühlingsbeginn!

Das Lokal in Bad Wiessee möchte ich Ihnen übrigens (und zwar nicht nur aufgrund des Namens und der prima Postkarten, die man da umsonst abstauben kann) wärmstens empfehlen, sollte es Sie irgendwann mal ins Tegernseer Tal verschlagen, wenn Ihr/e Ministerpräsident/in Ihnen von der Einreise in ein anderes Bundesland nicht mehr wärmstens abrät, Immunitäts- (Herde oder Individell) oder Durchseuchungsampeln eines schönen Tages grünes Licht anzeigen und auch das Restaurant bis dahin hoffentlich überlebt hat.
Ein ausgezeichnetes Curry lag nach diesem abenteuerlichen Jagdausflug auf meinem Teller, leider nur noch mäßig warm wegen der langen Wegzeiten, aber dank hochkonzentrierter Kutschenlenkung und engagierten Schneeschippens war ich eh schon ausreichend echauffiert.

Mit diesen alpinen Motivations- oder Meditationsfilmchen verabschieden wir uns für heute & wünschen Ihnen weiterhin ein gutes Durchhaltevermögen und morgen einen schönen Frühlingsanfang!

But it’s so hard to dance that way when it’s cold and there’s no music.

[aus: „Hold on“ von Tom Waits – einem jener 10 Songs, die ich mitnähme, wenn ich auf eine einsame Insel verbannt würde und nur 10 Songs dorthin mitnehmen dürfte – er quillt schier über vor Zeilen, an denen ich extrem hänge, nicht nur in lyrischer Hinsicht, und zu seinem Refrain schlüge ich die Kokosnusshälften rhythmisch aneinander, wenn ich hüftwippend, so es die Gelenke noch hergäben, am Sandstrand dem Sonnenuntergang entgegenschwankte.]

Ganz richtig: kalt ist es wieder geworden. Auf den Schwingen eisiger Winde reitet der Winter nun hoffentlich ein letztes Mal durch die Lande.
Wir folgen seinen Spuren, was soll man auch sonst tun, außer die meteorologischen Launen so zu nehmen, wie sie nunmal daherkommen, ein klein wenig irritiert sind wir halt, dass wir binnen einer Woche gleichermaßen intensive Begegnungen mit Sister Spring und Väterchen Vrost zu verzeichnen haben.
Auf der neu entdeckten Privat-Alm in den Garmischer Bergen, auf der der hübsch Bewimperte und ich eben noch leichtbekleidet in die Sonne blinzelnd unsere Kuchenstückchen verzehrten, frieren der Gatte und ich uns bloß wenige Tage später ziemlich den Hintern ab, was aber auch damit zu tun haben mag, dass wir, verschwitzt wie wir nach zwei Stunden Bergtour sind, unsere Ersatzpullover nicht selbst anziehen, sondern das Dackelfräulein damit umwickeln, damit wir wenistens eine kurze Rast einlegen können ohne dass die Hundedame zu zittern anfängt.

Und, um nochmal auf das Waits-Zitat zurückzukommen: die live genossene Musik, sie fehlt mir, und wie, schließlich futtert man ja auch sonst nicht gern dauerhaft Konservenkost.
Wobei ich mich momentan gelegentlich mit Waits zudröhne oder am Willy DeVille berausche (während ich diesen Absatz tippe, höre ich beispielsweise zum wiederholten Mal „The Way We Make A Broken Heart“ – welch göttliche Diktion, und überhaupt: was für ein cooler, begabter Typ mit so einem Mordsorgan, leider braucht man auf seine Live-Auftritte ja nicht mehr zu hoffen).

Kunst im Café Kustermann.

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Vor einem Jahr, wir befanden uns gerade mitten in den Nachwehen der wasserschadenindizierten Badsanierung und kurz vor dem Antrittsbesuch der Vorhut einer zähen Psocopterapopulation, wurde der erste Lockdown verkündet.
Krass, ein Jahr Pandemie, und ein Ende noch immer nicht absehbar. Hat niemand hören wollen, als Wissenschaftler das damals genauso voraussagten („Eine Pandemie dauert üblicherweise zwei Jahre.“ )
Als Rückschau sei Ihnen diese vortreffliche Zusammenfassung auf einem benachbarten Blog wärmstens empfohlen, ich hoffe, der Verfasser führt seine gelungene Chronik auch in 2021 fort, ich schätze seinen Schreibstil ebenso sehr wie viele seiner Sichtweisen.

Mittlerweile haben wir nicht nur eine neue Sprache sowie die Kunst der Selfmade-Überbrückungsfrisur erlernt, sondern uns auch die Füße wundspaziert (oder -gejoggt), die Finger wundgekocht (oder -gebacken) und haben einander ungefähr in jenem Maß viel zu selten gesehen, in dem wir einander demnächst oder bereits jetzt viel zu verzeihen haben (wer auch immer die Beteiligten des „einanders“ sein mögen). Kleine oder größere Zerwürfnisse schleichen sich im Schlepptau der Seuche ja auch im Privaten ein – ich möchte wetten, jede/r von Ihnen ist irgendwo in ihrem/seinem näheren Umfeld schon mit einem Virusverharmloser oder Querquengler konfrontiert gewesen.

Seit Monaten treffe ich beispielsweise B. nicht mehr, und das nicht nur, weil man derzeit die Kontakte reduzieren soll, sondern weil B. sehr eng mit Menschen zusammenlebt, die sich nach wie vor fröhlich mit Gleichgesinnten zum Singen oder zu Kaffeekränzchen versammeln, ungern Maske tragen, aber gern unmaskiert und distanzlos zu Protestmärschen gehen.
Er sieht das zwar durchaus kritisch, im Falle des Falles würde mir sein Stirnrunzeln aber nicht viel helfen, außerdem gehört er, wie ich erst jetzt erfuhr, weil wir uns in den zwanzig Jahren unserer Freundschaft schändlicherweise nie übers Impfen unterhalten hatten (wozu auch?), zu denen, die allen Impfungen gegenüber gewisse Vorbehalte (um nicht zu sagen: eine kritische Distanz) hegen, wenn auch nicht wegen Mr. Gates und seinen Mikrochipmachenschaften. Wir gerieten daher im Januar ein klein wenig aneinander, was die jeweilige Bereitschaft zur Injektion eines Vakzins (und den möglichen Konsequenzen daraus) anging, Stichwort: Impfzwang kommt zur Hintertür herein.
Bestenfalls könnten wir nun versuchen, unsere Unstimmigkeiten draußen ausdiskutieren (denn B. mag längeres Telefonieren noch weniger als ich), aber mal ehrlich: Spazierengehen mit anderthalb Metern Abstand haut in den allermeisten Fällen doch eh nicht hin, wenn man sich lange und gut kennt, die wenig frequentierten Wege schmal sind, einem ein kalter Wind um die Ohren pfeift und man normal reden und einander nicht anbrüllen möchte.
In einer Email habe ich ihm meine Haltung erläutert, einiges zu der seinen nachgefragt und meinem Unmut über sein umgangserschwerendes Umfeld Luft gemacht, jetzt schlummert seit 14 Tagen seine ungelesene Antwort in meinem Postfach. Als ich die vierzeilige Textvorschau im Handy erblickte, ärgerte ich mich nämlich so sehr, dass mir die Lust aufs Weiterlesen augenblicklich verging. Ich verschob es auf den nächsten Tag, dann auf den übernächsten und so weiter.
Dabei fiel mir der Freund ein, der kein Freund war: der las manchmal seine Emails monatelang nicht, manche wahrscheinlich sogar nie (und zwar auch solche, die gar keine Antwort auf etwas waren, sondern einfach so eintrudelten). Ich hielt das damals für reichlich bekloppt und paranoid, aber siehe da – nun bin ich auch mal an diesem Punkt angekommen.
Mein Pensum an Coronacolloquien dieser Couleur ist längst erreicht und ich habe gelernt: ab einem gewissen Grad der Meinungsverschiedenheiten oder des Aneinandervorbeiredens kann man sich die Worte sparen und zieht sich besser darauf zurück, dass ja eh noch Kontaktbeschränkung herrscht.
Warten wir also (m)eine Impfung ab oder gleich das Ende der Pandemie, wobei die beiden Ereignisse (wahrscheinlich und hoffentlich) zeitlich einigermaßen zusammenfallen dürften.

Die KoCo19-Studie der Uni München geht gerade in die dritte Runde, auch hier ist kein Ende absehbar. Was insofern gut ist, als ich eh noch etwas üben muss, um mir den Piekser nicht jedes Mal zu tief in die Fingerbeere zu rammen. Ich praktiziere das exakt auf die Weise, in der ich mir als Kind die Pflaster von den Knien abgerissen habe: ratzfatz & mit einem schnellen und festen Ruck, damit es nicht unnötig schmerzt. Bei Blutentnahmen aus der Fingerbeere scheint das aber keine ideale Technik zu sein: diesmal habe ich stundenlang nachgeblutet und die Fingerkuppe tat Tage später, als ich den umfangreichen Fragebogen zur aktuellen Studienrunde ausfüllte, immer noch weh.

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Der Papa ist zwischenzeitlich vollends zum Pandemiepessimisten mutiert, der auf jede düstere Prognose von Wieler, Drosten & Co. stets noch eine Schippe drauflegt, natürlich nicht in virologischer oder epidemiologischer Hinsicht, sondern in wirtschaftspolitischer, womit er sich nach wie vor auszukennen glaubt, und ich fürchte (mich an seine Aussagen vom Frühjahr 2020 erinnernd), mit so manchem wird er wohl auch weiterhin richtig liegen.
Morgen werde ich ihn, sofern der Schnelltest nichts Gegenteiliges anordnet, am tief verschneiten Tegernsee besuchen und ihm endlich die Fondant-Eier mitbringen, die er so liebt und die ich neulich in einer Confiserie in Tölz für ihn mitgenommen habe.
Diesmal habe ich mir fest vorgenommen, die Themen Parkinson, Treppenlift & Co. nicht von mir aus anzusprechen, nachdem wir uns unlängst am Telefon in die Haare bekommen haben als er mir die Schnapsidee unterbreitete, sich nun doch nicht bei einer Seniorenresidenz auf die Warteliste setzen zu lassen, weil er (und die Lebensgefährtin) ja dann, wenn es im Haus gar nicht mehr ginge, erstmal in ein Hotel oder in eine Ferienwohnung umziehen könnten, um dort (unter Zuhilfenahme einer Zugehfrau und anderer externer Dienstleister) die Wartezeit auf einen Platz im Altenheim zu überbrücken. Gerade rund um den Lago di Bonzo ist das wirklich ein ausgesprochen cleverer Einfall, der eigentlich sehr gegen eine ökonomische Expertise des Papas spricht.

Der Begriff Pandemiepessimist ist übrigens auf meinem Mist gewachsen, schließlich möchte auch ich mal einen Beitrag zum Seuchensprachschatz leisten, nachdem solche Kracher wie Impfneid oder Masken-Raffke bedauerlicherweise anderen schon eher eingefallen sind als mir.
In dem Kontext ist auch die „atmende Öffnungsmatrix“ (Markus Söder, am 4. März 2021) ganz unbedingt erwähnenswert, nicht zuletzt deshalb, weil ich just an jenem Tag, an dem ich erstmals von diesem Neologismus las, meine persönliche „nicht-atmende Isolationsmatrix“ geordert hatte.

Die Wassertaufe der Ausrüstung für das zwangsweise neue Hobby muss noch etwas warten, zum einen, weil (wie eingangs erwähnt) der Winter wieder zurückgekehrt ist, zum anderen, weil ich die 30-tägige Rückgabefrist voll ausnutzen möchte, um mir darüber klar zu werden, ob die Gummihaut wirklich so sitzt wie sie soll (an dieser Stelle ein herzliches Dankeschön an den Blognachbarn & Neoprenexperten, der mich so geduldig berät), und falls ich das Teil behalte, muss ja noch weiteres Equipment bestellt werden, weil man auch Kopf, Hände und Füße im 10-12 Grad warmen kalten See irgendwie bedecken sollte, bevor man da drin einen oder zwei Kilometer ohne Zähneklappern schwimmen kann.

Ob die Frühlingsschur bis dahin halten wird? Ob ich meinen Friseur in 8 Wochen wohl erneut aufsuchen kann? Das Wiedersehen nach vier Monaten war letzte Woche – so weit ist es schon gekommen! – tatsächlich ein kleines Highlight. Auch für den Friseur, weil der sich über jeden Kunden gefreut hat, der mit einem ähnlich dämlichen Gag wie dem meinigen seinen Salon betrat (eine Kundin kam wohl mit Lamettaperücke, eine andere mit Sturmhaube verhüllt, ich kam komplett maskiert und mit umgehängten Identifikationsschild).

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Am vergangenen Wochenende fällt nicht nur einen Tag lang das warme Wasser im Mietshaus aus, sondern auch die neuen Nachbarn gestatten sich ihren ersten Ausfall. Zwei Nächte in Folge ordentlich Krach, bis nachts um 2 Uhr. Wüsste man nicht, dass es Franzosen sind, man würde sie für ein Rudel Italiener halten, so laut, durcheinander und schnell wie die quasseln können.
Ich ringe 36 Stunden mit mir, verfasse dann aber doch ein für meine Verhältnisse überfreundliches (und zugleich sehr direktes) Schreiben und lege es auf die hässliche, ebenfalls recht unfranzösische Fußmatte der Wohnung über uns.
Ja, ich weiß, man sollte reden in solchen Fällen, immer und überall wird einem dazu geraten: man muss reden.
Ganz bewusst habe ich mich diesmal dagegen entschieden zu reden, weil ich nämlich nicht Gefahr laufen möchte, womöglich redend in einer Diskussion mit mir wildfremden Menschen zu landen, die zufällig seit 7 Wochen über uns leben, mit Bodenblick durchs Treppenhaus huschen ohne sich ihrerseits mit den Nachbarn bekannt zu machen und die mir nun zwei Nächte in Folge kolossal auf den Keks gegangen sind.
Da gibt es nix zu diskutieren, sondern lediglich etwas mitzuteilen und eine Bitte zu äußern (und dank Corona hat man ja derzeit einen handfesten Grund, längeres Gerede im Treppenhaus noch mehr zu meiden als ich das eh schon immer tat).
Zur Zeit rede ich ohnehin schon viel mehr als mir lieb ist, aus Gründen, über die ich mich hier nicht näher auslassen möchte, weil das einer mir nahestehenden Person gegenüber zu indiskret wäre.
Jedenfalls bin ich in Sachen Reden momentan am Anschlag, da brauch ich nicht auch noch ein Problempalaver mit französischen Nachbarn italienischen Temperaments.

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Nicht nur mit den Nachbarn ist es gelegentlich ein Kreuz, man hat ja auch noch sein innerfamliäres Kreuz zu tragen.
Kommt der Gatte neulich vom MRT-Termin nachhause, die 240 Bilder von seinem Schädel auf einer CD mit im Gepäck, und aus Neugier stecken wir den Datenträger gleich ins Laufwerk, klicken einfach mal irgendwo hinein in diesen schwarzweißwinzigen Kästchensalat, weil vielleicht erkennt man ja irgendwas, auch wenn man außer längst verstaubten Schulwissensresten nicht mehr viel parat hat zum Thema Gehirn.
Ein Doppelklick öffnet das jeweilige Bildchen und vergrößert es sofort bildschirmfüllend. Beim zwanzigsten Klick erkennen wir plötzlich etwas, erschrecken und finden es dann doof, dass es bis zur Besprechung der Aufnahmen mit der Neurologin noch über eine Woche dauert.

Unverantwortlich von dem Radiologen, einen mit so einer Horrorsache heimzuschicken, erst recht in Zeiten wie diesen, finden Sie nicht auch?
(Um das gleich auflösen: inzwischen gab es Entwarnung. Unsere Interpretation war blanker Unsinn und im Oberstübchen des Gatten befindet sich nichts, was dort nicht auch sein sollte, zumindest aus neurologischer Sicht.)

In den überschaubaren Schlafphasen zwischen den nächtlichen Gelenkschmerzattacken träume ich derzeit viel und intensiv, leider nur selten verständliche oder vollständige Geschichten, es handelt sich eher um einzelne Episoden ohne richtiges Ende. So träume ich beispielsweise von einem weiteren Wasserschaden in unserer Wohnung, der meinen gesamten Kleiderbestand ruiniert, generell kommt häufig irgendwas mit Wasser vor, aber auch von nebligen Gassen in Bad Gastein, in denen ich etwas finde, von dem ich gar nicht wusste, dass ich es überhaupt suche, träume ich. Oder von grünen Holzbooten mit Hundekörbchen im Heck sowie von der leicht zernäselten Stimme Karl Lauterbachs, die mir im Radio eine Parabel von Kafka vorliest während ich Rosenkohl putze und von einer Begegnung mit einem feschen Fremden, der aussieht wie Johnny Depp zu jenen Zeiten, als Johnny Depp noch so aussah wie Johnny Depp und nicht wie ein trauriges, verdörrtes, bleiches Nachtschattengewächs.

Tagsüber rede ich zu viel, schreibe zu wenig, und komme insgesamt nur bedingt zu dem, wozu ich kommen möchte oder sollte, die Alltagsroutinen leiden aber nicht allzusehr darunter.
Das Akkordeon ruht im Augenblick, ich war an einem Punkt angelangt, an dem ich neuen Input und Unterricht bräuchte, aber mein Lehrer mit dem schönen bayrischen Namen sitzt gelockdownt irgendwo an der Grenze zur niederbayrischen Provinz und alleine schaffe ich das mit Lili Marleen nicht.
Einmal pro Woche geht’s nach Möglichkeit auf einen Berg und ebenfalls einmal geht’s auf die Yogamatte. Dazwischen die üblichen Runden im Park, zur Abwechslung gestern sogar mal in entgegengesetzter Richtung. Und kaum ändert man etwas, da rächt sich das auch sogleich, denn indem ich eine der Parkbänke mal aus anderer Perspektive sehe, kann ich zwangsläufig erkennen, wer auf ihr sitzt. Und das ist ausgerechnet R., einer der fünf Männer in meinem Leben, die meinten, mich heiraten zu wollen, was freilich – und ich sage das ohne jede Koketterie – nicht nur grob fahrlässig, sondern ein grober Irrtum war bzw. spätestens nach Umsetzung des Vorhabens sich als ein solcher erwiesen hätte (und es 1x auch hat), zumindest bei vieren von ihnen (am absurdesten seinerzeit der Antrag von U.: der kam zwei Jahre nach dem Ende unserer katastrophalen Beziehung mitten in eine schon länger andauernde Funkstille hinein, und das auch nur, weil ihm zu Ohren gekommen war, dass der Gatte auf der Matte stand).
Glücklicherweise sieht R. mich nicht (oder tut so als ob er’s nicht täte), er starrt stur in seine To-go-Lunch-Box, ich denke noch kurz, wie alt er doch geworden ist (7 Jahre nicht gesehen) und ändere umgehend meine Laufrichtung.
Abends essen wir nach wie vor gut und reichlich, sogar ein paar neue Gerichte bereichern zwischenzeitlich den Speiseplan.
Zu fortgeschrittener Stunde stürzen wir uns meist auf unsere derzeitige Serie „Better call Saul“ , Staffel 4, glaube ich, der Gatte wüsste es genauer, weil das ja sein Metier ist. Dieses Kleingangstermilieu lässt mir wie schon so oft das Herz aufgehen, ich gestehe, dass mich gewaltfreies Ganoventum wirklich anspricht und manche der gelungenen Gaunereien gehen mir danach noch tagelang durch den Kopf. In jedem Fall ist die Serie ein wunderbarer Kontrapunkt zur vorherigen, die „In Therapie“ hieß und nach der ich beinahe auf ungute Weise süchtig war und häufig schlecht oder wirr träumte.
Ab und an sehe ich mir abends auch Natur- oder Tierfilme an, der Anblick sich an den Westküstenstränden Irlands paarender Kegelrobben oder ausgedehnte Adlerflüge über die Walliser Alpen bescheren mir wenigstens ansatzweise das, was früher mal ein Saunabesuch bewirken konnte, sofern kein Frauenratschclub in den Schwitzkammern schwatzte: Ruhe, Tiefenentspannung, Regeneration.

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Der Kalender offenbart heute noch ein weiteres Jubiläum, das wesentlich feiernswerter ist als der Jahrestag des Virus‘ oder des Lockdowns Nr. 1: Am 17. März vor neun Jahren fuhren wir aus einem kleinen Dorf im Landkreis Erding bei strahlendem Sonnenschein (und ebensolchen Gesichtern) mit einem fast frisch geschlüpften, total entzückenden Minihund auf dem Schoß nachhause.

Und der Alltag wurde ein ziemlich anderer als zuvor – so viel haben sie dann immerhin doch gemeinsam, diese beiden heutigen Jahrestage.

Time of transition.

Wenn der Winter sich entschlösse, nicht nochmal zurückzukommen – ich wäre ihm nicht böse. So schön er auch war, so sehr wir das Weiße und die Weite auch genossen haben – einen dauerhaften Wechsel zu mehr Farbe und Wärme würde ich nun willkommen heißen.

Es ist still geworden hier.
Die vergangenen zwei Wochen innerlich ein Abbild des Wetters: von frostig bis frühlingshaft alles dabei. Teilweise war’s sogar schon Zeit für die sogenannte Übergangsjacke, bloß ärgerlich, dass es dieses Kleidungsstück nur für die äußere Hülle gibt.

Meine Krapfendiät neigt sich langsam ihrem Ende zu und hat keine nennenswerten Spuren hinterlassen. Ausreichend Bewegung und unzureichender Schlaf fallen offenbar mehr (bzw. weniger) ins Gewicht als wochenlanger Schmalzgebäckkonsum. Angereichert um ein paar gesundheitliche Beeinträchtigungen und die diesjährige Faschingsmaskerade – ein lumpiges Nervenkostüm -, hätten es vielleicht auch zwei Krapfen pro Tag sein dürfen. Bedauerlich, dass ich das nicht ausprobiert habe.

Der Tod des Vaters der Freundin beschäftigt nicht nur die Freundin sehr, sondern geht auch mir ziemlich nahe. Neben viel Mitfühlen und Mithelfen wohl vor allem deshalb, weil mir die mit diesem arg plötzlichen Abschied verbundenen Ereignisse und Emotionen vorkommen wie eine Vorschau zu einem in Kürze erscheinenden Film, bei dem dann ich in der ersten Reihe sitzen werde.
Dazu passt, dass ich während eines Telefonats mit dem Papa ganz beiläufig erfahre, dass er einen schweren Gichtanfall hatte und sich ein Wochenende lang nicht mehr von der Stelle rühren konnte.
Seit wann hast du Gicht?“ frage ich ihn reichlich verdutzt und er sagt mit derselben tonlosen Stimme, mit der er seit Wochen über nahezu alles spricht: „Ach, das war ja jetzt erst das zweite Mal.
Der von Mr. Parkinson eh schon sehr begrenzte Radius des Papas war vorübergehend auf Null geschrumpft: ein Gang ins Erdgeschoss des Hauses ein vormittagsfüllendes Vorhaben – da bleibt man besser gleich im Bett, was zwar naheliegend erscheint, aber letztlich nicht besser ist.
In Kombination mit der Tatsache, dass die Lebensgefährtin, die für ihr Alter bislang recht agil und aktiv war, auf einmal heftige Probleme mit Rücken und Hüfte hat, ist die Lage nicht wirklich rosig. Im Gegenteil: wenn das so weitergeht, bricht die Versorgung dort bald zusammen.

Als diese Vorstellung sich in mir zu einem opulenten, düsteren Wandgemälde verdichten will, ergreife ich sofort die Flucht nach oben. Was ich nicht wegschwimmen kann, das muss ich weglaufen, und damit’s vom Ergebnis her halbwegs dasselbe ist, muss es dabei möglichst bergauf gehen, wahrscheinlich, damit in Kopf und Körper dieser ganz besondere Rhythmus entsteht, der den vollgelaufenen Empfindungstank auf diese so wohltuende Weise klärt und leert.
Die Strecke erfordert zudem Einiges an Konzentration und Klamottenaktion: Frühlingsmilde auf der zum Berg führenden Forststraße (hochgekrempelte Fleecejacke, und sogar das noch viel zu warm), auf dem schattigen Weg durchs Hirschbachtal dann Anorak-Mütze-Handschuhe, kurz drauf die Grödeln über die Sohlen gezogen (dicke, spiegelglatte Eisschicht auf dem steilen Pfad), oben aus dem Bergwald tretend dann alles wieder ausgezogen (geschlossene Schneedecke, wolkenloser Himmel, Sonne satt), auf der pandemieleeren Hüttenterrasse sitzend schließlich noch Stiefel abgelegt, Hosenbeine abmontiert und ins T-Shirt geschlüpft (Sonnencreme vergessen, Gesicht nun passend zur Mützenfarbe).

Mehr und mehr spielt sich sowas wie ein Lockdownlebensrhythmus ein.
Zwischen Homeoffice und Haushalt immer wieder Ausflüge in die Berge, an Seeufer und ins Münchner Umland einflicken, abwechselnd alleine sowie in Begleitung des Gatten, der Freundin oder des hübsch Bewimperten, Letzterem neuerdings auch sonntags begegnend (ein handverlesenes Grüppchen kommt nun via Zoom zu einer vom Freund angeleiteten Yogastunde zusammen), regelmäßig Telefonate oder Textnachrichten mit all denen, die man nicht treffen kann – das näht die von der Seuche zerschnittenen Sphären wenigstens vorübergehend wieder (scheinbar) zusammen.
Durch das ständige Selbstkochen und Nirgends-mehr-Einkehren einiges an Geld gespart, auch die neue Friseurschere hat schon fast einen Hunderter wettgemacht. Das Fräulein und der Gatte können sich sehen lassen, zumindest so lange ich noch was sehe, denn an meinem Kopf hat sich bislang keiner ausgetobt, dort schaut’s aus wie ein Experiment namens „In drei Monaten vom Pixie-Cut zur Dixie-Hut“ , das kann jetzt nur noch ein Fachmann beheben.
Wobei ich nicht zu denen gehöre, die meinen, ein Friseurbesuch bedeute ein Stück Freiheit oder hätte was mit Würde zu tun.

Die Tasche für den heutigen Tag ist gepackt, das Fräulein sitzt startklar daneben. Machen wir uns also auf den Weg an den Tegernsee, während der einstündigen Autofahrt bleibt noch Zeit, sich weiter den Kopf zu zerbrechen über das, was dort zu tun, zu fragen und zu sagen ist.
Das Hirn will emsig Listen anfertigen (man muss was tun!), das Herz klopft an, um vor zu viel Aktionismus zu warnen (man kann das jetzt nicht alles planen!).

Eine Gemengelage, die dazu führen könnte, hastig eine Hypothek auf ein Haus aufzunehmen, das längst im Abriss begriffen ist.

Von Pandemie-Pornos und anderen Träumen.

Die Technik läuft wieder.
Und auch ich laufe noch: tagein tagaus bin ich mit dem Fräulein anderthalb bis zwei Stunden unterwegs, so gut es geht im Wechsel zwischen den gewohnten städtischen Routen und ländlichem Lustwandeln auf neuen Wegen, ab und an gönnen wir uns auch eine winterliche Bergtour.
Man kriegt ja sonst einen Knall, wenn man immerzu die gleichen Kulissen sieht. Das war schon vor Corona so, hat sich aber irgendwie noch intensiviert, vielleicht weil Verreisen und manch Anderes momentan flachfällt.

Ausnahmsweise mal am Wochenende einen Ausritt ins Umland unternommen, üblicherweise vermeiden wir das ja, weil die Lebens- und Arbeitssituation es uns erlaubt, auch uu weniger frequentierten Zeiten auszufliegen.
Seit Tagen war mir schon danach, des Schädels Ort aufzusuchen, den Calvariae locus zu Bad Tölz, weil ich da nämlich noch nie war, was ziemlich absurd ist, wenn man bedenkt, wie oft ich bereits unmittelbar in dessen Nähe war.

Pandemie-Proviant: Alles dabei für Hund & Mensch.

Dieser Kalvarienberg lässt sich recht bequem und dackelrückenfreundlich, d.h. treppenfrei erklimmen und noch dazu mit einer schönen, ausschweifenden Spaziertour drumherum verbinden: Isarstausee, Wiesen, Wälder, Uferpromenaden, der malerische Stadtkern von Tölz – und eben die vielen verschlungenen Wege rund um die kleine Nachbildung Golgathas selbst.

Animiert hatte mich zu diesem Ausflug eine TV-Sendung, die das Tölzer Land und den Isarwinkel mal nicht nur von seiner Schokoladenseite zeigt, jener, die man als Städter so gern sieht bzw. sehen möchte: der ungezähmte Gebirgsfluss, der kanadisch anmutende Stausee, die wunderschöne Bergwelt, die (aktuell zur bloßen Erinnerung zerronnenen) Hütten und Almen, auf denen man einzukehren pflegt(e). Stattdessen wirft der Beitrag einen Blick (und ein Ohr!) auf die Einheimischen, auf ihre Sitten und Bräuche, auf Sprache, Speisen, Kultur und Tradition, wie sie im Oberland gepflegt wird.
Diese Einblicke dürften so manch einem Städter, der verklärt das Voralpenland durchstreift, den Zahn ziehen: ob man dort als Zugroaster leicht Fuß fassen und wirklich Anschluss finden würde (außer zu anderen Stadtflüchtlingen oder Zweitwohnungsbesitzern), darf stark bezweifelt werden. Ohne Zither, Ziehharmonika oder Zugehörigkeit zu irgendeinem Verein geht hier nämlich gar nix (do dad da Stodara mid am Ofarohr, weil er koan gscheidn Zuaba-Ziager ned hod, schee bled ins Gebirg einischaugn, des sog i Eana).

Jedenfalls steht die etwas hasenzähnige, aber durchaus nicht unsympathische Moderatorin Susi (die wo den Zuschauer durch den Film begleiten und dabei einen Dialekt sprechen tut, dass es nur so kracht) in dieser sehenswerten (weil informativen und geradezu aufklärerischen) Reportage mehrfach mit ein paar ortstypischen Mannsbildern von der Tölzer Stadtkapelle auf der Aussichtsterrasse des Kalvarienbergs, zwischen Leonhardikapelle und barocker Kreuzkirche, und schaut hinab ins schöne Isartal oder hinüber ins Karwendelgebirge – und das war natürlich der Moment, der für mich den Ausschlag gab und zu dem Beschluss führte: Da musst du dringend auch mal hin (und zwar gern ohne die Jungs vom Blasorchester)!

Auf Nebenwegen pirschen das Dackelfräulein und ich uns an, denn in Zeiten wie diesen kann man an Wochenendtagen, selbst wenn sie noch so grau und verhangen sind wie der vergangene Samstag, den wir just wegen seiner Grauheit für diesen Ausflug auserkoren hatten, auf Hauptwegen sein pandemieplebejisches und aerosoles Wunder erleben. Leider gilt das zwischenzeitlich auch immer häufiger für vormals völlig trubelfreie Trampelpfade. Dank des Abstandwahrens und Langsamgehens bemerke ich eine Infotafel, die ich andernfalls vielleicht übersehen hätte, wenn wir im Stechschritt dem „Gipfel“ entgegengeeilt wären, und die mein Heimatwissen um ein weiteres Filetstückchen ergänzt: Thomas Mann ist hier mal den verschneiten Hang hinabgerodelt, potztausend!

Das architektonische Ensemble auf dem „Berg“ hätte wahrlich eine ausgiebigere Betrachtung verdient, doch die gut zwei Dutzend Personen da heroben – jede von ihnen aussstaffiert mit Travel-Mug, Togo-Sweets & Smartphone (manch eine zusätzlich noch mit Hund/Kind/Partner/Gehhilfe an/in der Hand) – bewirken, dass ich meinen Krapfen und Tee erst in einem menschenleeren Hinterhof unten im Städtchen zu mir nehme. Auch dort wieder: Thomas Mann (ich muss spontan an einen Artikel aus der Süddeutschen Zeitung denken, viele Jahre ist’s her, den mir der äußerst betagte, gebildete und sprachlich hochinteressierte Nachbar und Freund, Gott hab ihn selig, seinerzeit mit einer Mischung aus Amüsement und Entsetzen, in seiner Altherrenrecamiere sitzend und unter Zuhilfenahme seiner beleuchteten Leselupe vorlas und dazu meine Meinung hören wollte).

Wir werden uns den Kalvarienberg jedenfalls nochmal wochentags und bei besserer Witterung zu Gemüte führen, uns dann eine Bank suchen, auf der wir in Ruhe sitzen, den Proviant genießen und uns mit Blick auf das Vorkarwendel bis nach Österreich hineinträumen können, mindestens tief in die verschneiten Flanken des Juifen, dessen Aussprache noch immer nicht so flutscht wie sie sollte (im 14. Jahrhundert hieß der Berg noch Jeufenspitz und man fragt sich, warum eine Umbenennung nötig war).

Am späten Nachmittag auf der Heimfahrt ganz erfüllt von all den neuen und den wohlvertrauten Impressionen, dennoch innerlich klar, dass die Option „Landleben“ gründlichster Abwägung bedarf. In regelmäßigen Abständen (ausgelöst z.B. durch Wasserschäden, Bauarbeiten, Vermieterkontakt, Schädlingsbefall, Nachbarschaftliches etc.) ertappt man sich ja bei der Überlegung, dem deprimierenden Mieterdasein der teuren Großstadt zu entfliehen und anderswo sein Glück zu suchen versuchen finden, mit besserer Luft und mehr Natur- resp. Bergnähe.
Die Stadt jedoch hat auch viele Vorzüge, selbst wenn momentan etliche davon nicht zugänglich sind. Eines Tages werden sie es wieder sein, obwohl der Impfterminrechner im Netz mir als persönliche Prognose ein Datum im Frühjahr 2022 (!) auswirft, offenbr unbeeindruckt von der Tatsache, dass ich bei „Autoimmunerkrankungen“ ein fettes Häkchen gesetzt hatte.

Als ich zurück in München aus dem Luki-Tunnel herausfahre, ist das Grau des Himmels und jenes des Asphalts exakt dasselbe, übergangslos verbinden sich die beiden Sphären in der einsetzenden Dämmerung zu einer großen Leinwand, ganz im Norden ragt der Olympiaturm wie eine Kompassnadel auf, im Westen erstrahlen die oberen Bürohochhaus-Etagen des ehemaligen Arbeitgebers im Türkisgrün des Firmenlogos und im Rückspiegel sehe ich noch die roten Signallichter der Tunnelinnenwände flackern – ein visueller Gesamteindruck, der mich (warum auch immer) in dem Moment emotional total erwischt (möglicherweise ist diese Aufwallung auch dem Song geschuldet, der gerade läuft, oder zumindest davon verstärkt: „It’s lonely out in space / On such a timeless flight / And I think it’s gonna be a long, long time…„).

Sonntags ziehe ich alleine meine Laufrunden durch den nahegelegenen Park und träume anschließend im warmen Wannenwasser von Zeiten, in denen ich von den derzeit drei absolvierten Läufen pro Woche mindestens zwei zugunsten der Ausübung des geliebten Schwimmsports wieder gestrichen haben werde.
Weil mir die Bewegung im Wasser tatsächlich nach dreieinhalb Monaten so furchtbar fehlt, träume ich neuerdings auch nachts vom Schwimmen, allerdings nicht mit mir in der Hauptrolle, sondern mit richtigen Helden, die ungefähr so aussehen:

Vermutlich liegt das daran, dass ich mit dem hübsch Bewimperten in letzter Zeit zu viele Fotos von Eisschwimmern begutachtet und durchdiskutiert habe (Mütze/Vollbart: ja oder nein, Brusthaar/Muskulatur: wie viel ist zu viel usw.). Diese pandemische Pseudoalternative zum Schwimmen wird ja derzeit von allen Zeitungen gefeiert und mit ihr die Tapferen, die diese Sportart, die keine ist, ausüben. Mit Wassersport hat es schließlich nicht das Geringste zu tun, wenn sich jemand überwindet, bei Minusgraden in Badehose oder Bikini in Isar/Eisbach/Tümpel/See zu steigen (oder gar zuvor die Eisfläche des Teichs aufzumeißeln, um sich ein Einstiegsloch zu schaffen), dort ein paar Atem- oder sogar Schwimmzüge zu machen, ein bis zwei Minuten später rot und gekrümmt wie eine Krakauer wieder herauszukommen und hernach auch noch steif (sic!) und fest zu behaupten, sich wie neugeboren zu fühlen.
Naja, erfrischend mag das wohl sein, ohnehin vergönne ich jedem das Seine – und gottseidank widmet sich die Presse ja auch noch anderen, nicht minder relevanten Themen, um den Lockdown etwas aufzulockern.

Wo die Dackeldichte am höchsten ist, wird allerdings erst noch verraten, wo es die besten Krapfen gibt, wusste ich schon vorher und von der Schmerzsache wird hier im Blog bei Gelegenheit noch zu schreiben sein, nun, da ich diese Pein wahrscheinlich in absehbarer Zeit hinter mir habe.

Der Lieblingskonditor wird die diesjährige Krapfensaison übrigens entgegen der Tradition über den Aschermittwoch hinaus verlängern, wie ich heute zu meiner großen Freude erfuhr.
Die Nachfrage nach dem süßen Siedegebäck steigt momentan täglich, die Konditorin und ihre Crew stehen nun um 3 Uhr statt um 4 Uhr auf, um den Bedarf einigermaßen decken zu können, weshalb ich sicherheitshalber für morgen eine Reservierung vorgenommen habe, da ich eine Unterbrechung meiner äußerst erfolgreichen Hopfen-und-Krapfen-Diät jetzt auf gar keinen Fall gebrauchen kann (habe mir erst gestern eine neue Jeans bestellt).

Ebenfalls zu meiner großen Freude dieser Tage:
Eine überraschende Postsendung, bei der mich Umverpackung und Inhalt nahezu gleichermaßen begeisterten sowie eine Meldung im Info-Display des Cockpits, die mir eine vernünftige Kaufentscheidung oder Fahrweise (oder beides) bescheinigte.

Soweit für heute. Kommen Sie gut durch die Woche und lassen Sie sich nicht unterkriegen – von Schneemassen, Hochwasser, Kalorienbomben, Arbeitsbergen, Budenkoller, Februarfrust oder wovon auch immer Sie gerade am heftigsten heimgesucht werden.

Kleines Daumenkino oder: So eine Art Wochenrückblick.

Die Tage am Tegernsee waren nicht ganz unanstrengend.
Zum einen wegen der Tiefschneestapferei bergauf- und abwärts, über die wir natürlich nicht ernsthaft jammern wollen, weil das herrliche Wetter und das Tagestouristenverbot, das ja nun schon wieder aufgehoben wurde, einmalige, ach was sag ich: geradezu paradiesische Rahmenbedingungen für diese Ausflüge schufen.

Allein auf weiter Flur, das Fräulein putzmunter auf der Piste, problemlos stundenlang ohne Mantel, ich meist ohne Mütze/Handschuhe/Jacke hinterher, Mittagsrast in der Sonne, mit Krapfen und Knackwürstchen, bei einem der Abstiege kamen uns bereits die ersten Einheimischen in kurzen Hosen und Hemden entgegengehikt, ein Hauch von Frühlingsgefühlen umflatterte einen im gleißenden Glitzerlicht der Spätnachmittagssonne, den restlichen Abend flatterten dann allerdings die Beine von dem Surfen im sulzigen Schnee.

Zum anderen war’s anstrengend aufgrund der pandemie- und parkinsonbedingten Lage des Papas und der Lebensgefährtin.
Gelinde gesagt spitzen sich die diversen Schwierigkeiten, die freilich schon in der alten Normalität vorhanden waren, dort aber noch nicht gar so ins Gewicht fielen, im (Zusammen-)Leben der beiden allmählich zu. Der Papa nimmt nur noch die nötigsten Therapien wahr (das Angebot wurde wg. Corona eingeschränkt) und hat darüberhinaus irgendwie die Motivation verloren, sich ernsthaft für eine Verbesserung seiner Situation zu engagieren („Die Treppengeherei hier im Haus strengt mich schon genug an!“ ) und sieht als Betriebswirt auch nach dem Ende des Coronawinters noch so viel Düsternis und Kahlschlag nahen, dass er sich einem gewissen Grundpessimismus anheimgibt („Das wird da draußen in der Welt eh alles nix mehr!“ ). Die Lebensgefährtin muss alle Besorgungen des Alltags alleine bewältigen, weil der Papa seinen Radius recht konsequent auf die paar Meter zwischen Sofa, Küche und Esstisch beschränkt. Ihre Canastarunde, ihre Tennisstunden und das wöchentliche Freitags-Damenkaffeekränzchen – nichts davon findet mehr statt. Die Enkel kommen aus Sicherheitsgründen auch nicht mehr vorbei. Freunde sowieso nicht.
Nur ich, ab und zu, und das fällt für die Lebensgefährtin nicht gerade unter die Rubrik „Highlights“, soweit hat es noch nicht mal der wochenlange Lockdown gebracht (unser Verhältnis wird in diesem Leben nicht mehr über das einer befriedeten Koexistenz hinausgehen, in etwa vergleichbar mit der von Katz‘ & Hund, die nicht von kleinauf aneinander gewöhnt wurden, sondern zwangsweise lernen mussten, gelegentlich auf demselben Hof zu leben und in den Zeiten solcher Zusammentreffen Zank und Zwist aus Gründen der Ressourcenschonung so gut es geht zu vermeiden).
Da der Input der Außenwelt nicht mehr aus Begegnungen/Reisen/Kultur besteht, sondern Post und Nachrichten das Einzige sind, was derzeit noch von draußen hineindringt zu den beiden, gibt es während meines Besuchs neben der nicht endenwollenden Pandemie und der gottseidank beendeten Präsidentschaft Trumps nicht allzu viele Gesprächsthemen. „Es passiert ja nichts mehr bei uns“ , klagen beide, alles fühle sich an wie in diesem Film mit dem Murmeltier, ein Tag gleiche dem anderen.
Leider haben die beiden sich – womöglich um das Alltagseinerlei zu durchbrechen? – angewöhnt, sinnlose Streitereien über Kleinkram zu führen, kleinlichste Klärungen von Schuldfragen werden auf einmal ganz groß ausgefochten und selbst das Ergebnis dieser Fehden ist genauso wie der Murmeltiertag: beliebig, austauschbar, ermüdend.
Für den Papa ist es sichtlich schön, dass das Dackelfräulein und ich für ein paar Tage im Haus sind, das beschert seinem Tag eine andere Struktur und bringt neue Aufgaben mit sich („Hast du einen Wunsch, was du essen möchtest?“). Jeder Handgriff in der Küche geht quälend langsam vonstatten, helfen lassen will er sich nicht (nicht aus falschem Ehrgeiz heraus, sondern weil er es – genau wie ich – hasst, wenn ihm jemand in der Küche reinredet oder reinpfuscht, unter Teamplayern wird das Mithelfen genannt und ist stets gut gemeinter Terror), sein Bemühen um die Mahlzeiten rührt mich, vermischt sich aber spürbar mit einer schweren Sorge: Wie lange schafft er das noch? Und wenn er’s mal nicht mehr schafft – was ist dann?

Richtig rührselig wird es schließlich in zwei Momenten.
Der eine: als ich mir abends das Akkordeon schnappe und meine bisherigen La-Paloma-Versuche zum Besten gebe – da hat er Tränen in den Augen und lobt mich (beides eine absolute Ausnahmeerscheinung). Wir besprechen, welches Repertoire ich mir noch aneignen könnte, damit es dereinst im Pflegeheim genug zu singen gibt. Lili Marleen wünscht er sich sehr, ebenso Hey Jude und Wir lagen vor Madagaskar, und ich bestelle mir sofort die Noten.
Der andere: die Telekom schreibt ihm, dass sein Uralt-Handy ab dem Zeitpunkt der Abschaltung des 3G-Netzes nicht mehr funktionieren wird und offeriert einen neuen Vertrag samt neuem Gerät, natürlich ein Smartphone, was er aber für seine letzten Lebensjahre unbedingt vermeiden wollte. Mit zittriger Hand reicht er mir das Schreiben und fragt, was er denn nun tun solle und gesteht mir im selben Atemzug, er habe noch so einen blöden Brief bekommen, nämlich von seiner Bank, die ihn darauf einstimmt, dass er die fürs Online-Banking benötigte TAN künftig von einer App generieren lassen müsse („…und App, das heißt doch dann auch wieder Smartphone, oder?“ ).

Beide sind wir noch immer recht ungeübt in diesem Rollentausch, obwohl der sich an manchen Punkten eh längst vollzogen hat, der Startschuss dazu fiel ja schon vor fünfeinhalb Jahren auf unserer letzten gemeinsamen Reise, nämlich am Abreisemorgen in dem kleinen, hektischen Hotel mitten in Helsinki, in dem sie nur Finnisch, Schwedisch, Russisch oder Englisch sprachen, was den Papa sichtlich überforderte, so dass er zum allerersten Mal die Abwicklung des Auscheckens und das Ordern des Taxis, das uns zum Flughafen bringen sollte, mir überließ, und ich fast ins Stottern geriet, als ich mit der Rezeptionistin sprach und ihn währenddessen mit etwas verlorenem Blick neben unseren Koffern in der Lobby sitzen sah, er, der mir bis zu diesem Augenblick jahrzehntelang das Gefühl gegeben hatte, immerzu alles im Griff zu haben und geregelt zu bekommen – und nun war plötzlich ich an der Reihe…

Zurück zur vergangenen Woche.
Die letzten beiden Stunden meines Besuchs am Tegernsse verbringe ich also damit, den Herrn Vater zu beruhigen, dass der Wechsel von seinem Nokia 3310 auf ein Smartphone nicht den Weltuntergang einläuten wird, sondern er auch mit „so einem Scheißgerät“ weiterhin ganz normal würde telefonieren können, ohne Verwendung „fürchterlicher Apps“ , denn die bräuchte er nur für ein paar wenige andere Dinge. Er guckte grantig, hörte mir aber geduldig zu, fuhr nebenbei mit dem Zeigefinger seiner nicht-parkinson-betroffenen Hand unaufhörlich und Rille für Rille des vor ihm liegenden Tischsets ab und nickte ab und zu stumm. Schwer zu sagen, ob er das Tun seines eigenen Fingers abnickte oder meinen Vortrag über die Vorzüge eines Smartphones, ich tippe eher auf Ersteres.
Bevor ich mich ins Auto setze, um nachhause zu fahren, verspreche ich ihm, mich daheim in München bald um die Vertragsänderung zu kümmern.
Mal langsam!“ , interveniert er, das müsse man doch jetzt nicht überstürzen, das liefe einem ja nicht davon und da wolle er schon noch ein Weilchen selbst den Daumen drauf haben.
Und damit beschloss er das Thema.

Apropos Daumen. Hat irgendwer von Ihnen in den Wintermonaten vielleicht auch diese Probleme mit einreißenden Fingerkuppen? Und verwendet zur heilenden und schützenden Abdichtung solche Spezialpflaster (konkret: Compeed für Fingerkuppen)? Kriegen Sie das hin? Klappt das bei Ihnen?
Ich plage mich seit zwei Wochen mit deren Anwendung herum und wäre äußerst dankbar für jedweden Tipp zum zügigen, korrekten und vor allem zerstörungsfreien Anbringen jener Heilmittel auf kaputte Daumenkuppen.

Bis vor einigen Jahren nannte ich diese allwinterliche Daumenkuppendauerverletzung noch meinen „Langlaufdaumen“ , weil das Phänomen damals nur auftrat, wenn ich nach ein paar Stunden in der Loipe meine trotz dieses strapaziösen Sports immer noch dauereiskalten Finger aus den etwas zu starren und nicht optimal sitzenden Handschuhen entließ.
Manchmal blutete die Daumenkuppe sogar schon im Handschuh und wenn es besonders blöd lief, verklebte die Wunde noch während des Sports mit dem Stoff und das Abziehen des Handschuhs war dann ziemlich schmerzhaft.
Der Riss im Daumen wuchs während der Wintermonate nie so richtig zu, weil immer wieder ein neuer Langlaufausflug dazwischen kam und das Ganze damit wieder von vorne begann. Auch neue Handschuhe schufen keine Abhilfe, herkömmliche Pflaster sowieso nicht und diese Superdinger von Compeed gab es damals noch nicht.
Mittlerweile betreibe ich keinen Langlauf mehr (neben Gassigehen, Bergtouren und Joggingrunden habe ich definitiv keine Lust auf eine weitere Bewegungsvariante, die per pedes ausgeübt wird), nur der Langlaufdaumen, der ist mir geblieben bzw. kehrt zuverlässig Winter für Winter zurück.
Dafür gibt es zwischenzeitlich eine immense Erweiterung der Pflaster-Palette von Compeed, die ich zunächst zur Anwendung am zerschundenen Wanderstiefelfuß kennen- und schätzen lernte (simple Anwendung, tolle Wirkung), dann für lästigen Lippenherpes (schon nicht mehr ganz so simple Anwendung, falls es aber gelingt: gute Wirkung) und nun auch gern meinem winterwunden Däumchen angedeihen lassen würde, wenn ich denn in der Lage wäre, das blöde Teil so anzubringen, dass es dort haften bliebe und wirkte.

Und wo wir gerade bei den Gebrechen sind: Nach langer Suche habe ich ein Online-Yoga-Portal gefunden, das mich weder zu sehr mit spirituellem Beiwerk belastet noch in eine Community hineinzwängt, sondern mir einfach und für wenig Geld ermöglicht, meinen schwimmbadschließungsbedingten Schulter- und Nackenbeschwerden entgegenzuwirken und generell ein wenig an der ohnehin längst verlorengegangenen Geschmeidigkeit zu arbeiten.
Ja, ich formuliere das bewusst so: zu arbeiten. Denn Spaß ist das (noch) nicht, wenn man in mancher Haltung statt fünf Atemzügen nur zwei schafft oder bereits mit dem Erreichen der Haltung wie ein Mehlsack, der Schlagseite bekommen hat, auf seiner Matte umkippt, und dabei noch dazu von den Homeoffizieren im Haus gegenüber beobachtet werden könnte.
Nicht alles wird ja während so eines Lockdowns reduzierter oder distanzierter, im Gegenteil: manches enthemmt und entgrenzt sich geradezu schamlos, sind ja schließlich alle daheim und haben Fenster (und wer arbeitet oder trainiert schon bei heruntergelassener Jalousie oder zugezogenen Vorhängen).
Jedenfalls ist der Onlinekurs recht erträglich, vor allem sprachlich gefällt er mir, weil etliche der Lehrer, die einen schinden, Österreicher sind. Da klingt manches gleich viel charmanter und selbst wenn mal ein „Ommmm“ gebrummt wird, schwingt da viel mehr Gutturales mit, als es ein hochdeutsch sprechender Yogi je zustande bekäme.

Sonst ist alles murmeltiermäßig.
Die Konturen dieser Winterwochen verschwimmen allmählich. Ich schreibe wieder, auf einmal fließt es wieder, erfreulich ist das. Zwei Begegnungen pro Woche, 1x mit dem hübsch Bewimperten, 1x mit D., wie gehabt. Drei- bis viermal Sport oder sowas in der Art. Einmal wöchentlich ein Wannenschaumbad, bevorzugt nach dem Wochenendlauf im Park. Natur und Berge so oft es die Verpflichtungen erlauben. An fünf von sieben Abenden wird eine Dreiviertelstunde auf dem Akkordeon geübt. An ebenso vielen Abenden trifft sich das gesamte Rudel gegen 20:30 Uhr auf der Couch zum Serie-Gucken, mittlerweile sind wir in einem Alter, in dem man nach 8-10 Jahren dieselbe Serie glatt ein zweites Mal ansehen kann und sich genauso gruselt wie beim ersten Mal. Die Krapfensucht hat ihren Zenit noch nicht überschritten, obwohl ich ihr nun in Woche 2 nahezu täglich fröne, dummerweise ist die Konditorei Kustermann fußläufig nur drei Minuten von unserem Home & Office entfernt und macht die besten Hagebuttenkrapfen der Stadt (unfettig, schön groß, sehr luftig, mit nicht zu süßer, eher dunkler Hagebuttenmarmelade befüllt, die – wichtig! – nirgends raustrieft, wenn man den ersten Bissen nimmt und vor allem: die leckeren Dinger sind – so gehört sich das! – ausschließlich mit Puderzucker bestäubt, und zwar nicht zu dick – mit diesen lackierten Trümmern, womöglich noch mit Farbe im Lack, können Sie mich jagen, mit den diversen Füllungsvarianten erst recht).

München versinkt seit gestern im Schnee. In den Isarauen und auf der Schneeresienwiese wird Langlauf gemacht, die homeschoolingmüden Kinder aus dem Viertel rodeln neben der Bavaria den Hang hinunter. Die Zamperln dieser schönen Stadt kriegen sich nicht mehr ein vor Freude an der weißen Pracht, das Dackelfräulein gräbt unter der Schneedecke einen großen Ast hervor und rastet anschließend aus wie zu Welpentagen.

Hund haben (24).

München. Ludwigsvorstadt, 22:30 Uhr.
Lockdown, Ausgangssperre seit 21 Uhr.

Tagsüber fast pausenloser Schneefall. Der Hausmeister hat das Räumen aufgegeben.
Die ganze Straße versunken in watteweiße Stille.
Keine Menschenseele, kein Streifenwagen, nichts.

Nur bergeweise unberührter Pulverschnee.

Was für ein Glück, in diesen Zeiten einen Hund zu haben!

Hund haben (23).

[Untertitel: „Das Drama des urbanen Dackelfräuleins in fünf üblen Akten.“]

1. Akt: Der Übergang.

2. Akt: Die Überprüfung.

3. Akt: Die Überredung.

4. Akt: Die Überantwortung.

5. Akt: Die Überbleibsel.

Nun ja. Was soll man tun, wenn die Coiffeuse zu lange zumachen muss und sich schneewandernd am Unterboden der naturgemäß tiefergelegten Hundedame ständig dutzendfach Eisklumpen festsetzen?

Eine Stunde später hat das neue Werkzeug seine Feuertaufe hinter sich, der Haussegen im Rudel hängt noch einigermaßen gerade und das Fräulein verzieht sich mit ihrem neuen Anti-Schneekugel-Fassonschnitt unter die Sofadecke.

Morgen ist der Gatte dran. Dort dann allerdings der Oberboden: die Stirnlocke schränkt die Sicht allmählich arg stark ein, finde ich.