Verschwitzt oder: Die Gletscherspalte.

„Du schaffst das schon“, meinte er damals zu mir, als ich mich auf den Weg machte, alleine die Alpen zu überqueren, „und wenn nicht, dann hol‘ ich dich eben ab, in welcher Gletscherspalte auch immer du hängst.“

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Heute sind das Dackelfräulein und ich auf den Riederstein gestiegen, um die Grödel und die Winterwanderhose einem ersten Härtetest zu unterziehen.

Auf dem Riederstein war ich bislang nur ein einziges Mal, mit dem Papa, als er noch fit war und ich noch keine Lust auf Bergtouren an freibadtauglichen Sommertagen hatte und daher mürrisch hinter ihm bergauf schnaufte. Rund 30 Jahre sind seitdem vergangen.

Vom südlichen Ortsende in Tegernsee brechen wir bei zähem Nebel auf…

…und ich wundere mich, wie der Papa morgens am Telefon behaupten konnte, im Tegernseer Tal schiene die Sonne…

…doch schließlich behielt er recht, wenn auch erst jenseits der 1.000 Höhenmeter.

Pippa kriegt sich nicht ein vor Freude, sobald sie Schnee unter den Pfoten spürt…

…und fliegt geradezu aufwärts, so dass man kaum hinterherkommt.

Folglich ist sie als Erste oben auf dem Gipfel…

…der eine kleine Kapelle mit Aussichtsbank beherbergt…

…von wo aus sich ein bombastischer Blick auf die Tegernseer Berge bis weit nach Tirol hinein auftut…

…nur der See ist komplett bedeckt von dem flauschigen Wolkenteppich.

Ich bin verschwitzt und etwas außer Atem (das Hinaufstapfen durch den Schnee strengt gewaltig an), aber das Dackelchen findet das Panorama völlig unerheblich und drängt schon bald ungeduldig zum Aufbruch.

Beim Abstieg rasten wir ausgiebig auf der Galaun, spielen Wurststückchensuchen im Pulverschnee…

…kehren auf ein Haferl Kaffee samt Kuchenstück in der Hütte ein…

…und ich versinke in einer Mischung aus Demut und Dankbarkeit: für diesen Tag, für die wärmende Sonne und den Kaffee, für das neue Equipment und für meine kleine, fröhliche Begleiterin.

Anschließend besuchen wir den Papa in Rottach-Egern.
Er ist recht angeschlagen zur Zeit. Schaut sich die Fotos von unserem Winterwanderglück an und seufzt ein bisschen. Die Berge sind für ihn nur noch Kulisse, der Parkinson und andere Beschwerden fesseln ihn ans Tal und mehr und mehr auch ans Haus. Das schmerzt, wenn man Jahrzehnte lang so gern gewandert ist, aber der Schmerz über den geschrumpften Aktionsradius ist mittlerweile einer unter vielen geworden, und beileibe nicht der größte.

Während ich unter die Dusche springe, fängt er an, in der Küche zu werkeln. Schnippelt Zuckerschoten klein, mariniert das Fleisch, pinselt den Wok mit Sesamöl aus. Als ich wieder dazukomme, rührt er gerade Pippas Futter um, Karotten und Fleisch sollen vermischt werden. Seine Hand zittert, die Bewegungen sind fahrig und zäh, die Gabel pflügt ungelenk durch die Schüssel.
Stets muss ich mir auf die Lippen beißen, wenn ich ihn so sehe. Immer hatte er alles im Griff – im Job, in der Freizeit und besonders in der Küche – und nun fordert eine Kleinigkeit wie Umrühren seine ganze Kraft und Aufmerksamkeit. Und obwohl dieser Prozess nun schon seit 5 Jahren voll im Gange ist, sträuben sich in mir immer noch eingebrannte Bilder und Erinnerungen aus 40 Jahren dagegen, die Realität endlich als solche anzuerkennen.

„Hast du schon auf dein Konto geguckt?“, fragt er.
„Ja“, sage ich, und füge hinzu, dass ja noch gar nicht Weihnachten sei.
„Aber du gehst doch jetzt in die Berge und nicht erst nach Weihnachten“, entgegnet er, „also besorg‘ dir bitte neue Stöcke und den Rest hebst du auf für die kleine Operation von Pippa.“

Beim Abendessen erzählt er mir, dass er neulich zum ersten Mal in seinem Leben einen Termin verschwitzt hat. Dabei hätte er den Termin doch notiert gehabt. An zwei Stellen sogar. Das beschäftigt ihn schwer. Er, der immer pünktlich war und dem nie etwas durch die Lappen ging. Ob er sich künftig etwa einen Zettel schreiben müsse, auf dem er vermerkt, dass er sich bereits Listen zu den anstehenden Erledigungen angefertigt hätte.
Er versucht, dem Ganzen mit den verbliebenen Resten seiner rheinischen Frohnatur einen galgenhumorvollen Anstrich zu geben, ich lache ihm zuliebe, spiele mit bei dem Gag, und empfehle ihm die gelben Haftnotizen wiederzubeleben, die er früher ergänzend zu seinen Listen (quasi als Meta-Liste) an Türrahmen klebte oder an innen an seine Haustür (damit ihn die Ermahnung rechtzeitig vor Verlassen der Wohnung anspränge). Er lacht zurück, Sekunden später fallen ihm unvermittelt die Augen zu, der Kopf sinkt Richtung Brustkorb, für einen Augenblick befindet er sich im Nirwana der Nebenwirkungen seiner täglichen Dopaminzufuhr, kurz darauf schaut er mich an und will wissen, ob er mal wieder kurz weg gewesen sei.

Als ich am späten Abend über vereiste Landstraßen und durch dichte Nebelschwaden nachhause fahre, muss ich heulen, weil mir plötzlich jener Satz einfällt, den er vor vielen Jahren zu mir sagte, als ich noch die Unsichere war und er der Fels in der Brandung: „Du schaffst das schon, und wenn nicht, dann hol‘ ich dich eben ab, in welcher Gletscherspalte auch immer du hängst.“
Er, der immer für alles eine Lösung wusste und mir immer das Gefühl gab, ich sei ebenso stark wie er (was er, wie ich heute weiß, gar nicht immer war, aber er strahlte es aus und ich glaubte daran), ist in den letzten Jahren langsam, aber unaufhaltsam ein anderer geworden.

Ich wünschte, nun könnte ich ihm mal ein „Du schaffst das schon“ mitgeben, aber es wäre nicht glaubhaft, denn wir wissen beide, dass wir schon froh sein können, wenn seine gesundheitliche Lage stagniert.
Und was die Gletscherspalte angeht: Er wird es nicht mehr sein, der mich dort rausholt, sollte ich da je hineingeraten.

Es fühlt sich beklemmend an, wenn eine Ahnung zur Gewissheit wird, selbst wenn man schon immer um die Metapher in diesem Part des väterlichen Satzes wusste und auch nicht ernsthaft auf Gletschern herumzuturnen gedachte.

Himmel der Bayern (30): 3x weiß & blau. 

Über den Wolken.

Graue Nebelsuppe überzieht die Stadt. Das Thermometer zeigt null Grad an. Analog dazu steht das Stimmungsbarometer auf null Bock.

Als die mittägliche Gassizeit naht, beschließe ich, dem Wetterbericht des Bayrischen Rundfunks zu vertrauen und 45 Min Fahrt in Kauf zu nehmen für ein beinahe kostenloses und nebenwirkungsfreies Anti-Depressivum (oder Anti-Wuticum, das ich dieser Tage fast nötiger habe).

Kurz hinter Bad Tölz reißt die Nebelwand endlich auf. Vom geliebten Lenggries aus starten wir (ein wenig spät für so ein Unterfangen) unsere spontane Bergtour.

Ein restlicher Herbsthauch vermischt sich mit einer Prise Winter…

…aber schon bald gewinnt der Winter mehr und mehr die Oberhand…

…und nach einem Drittel der Strecke stapfen wir durch den eiskalten, verschneiten Wald aufwärts.

Die knapp 800 Höhenmeter den Sulzersteig hinauf sind anstrengender als gedacht, es ist teils vereist und hat viel mehr Schnee als ich angenommen hatte. Die Ausrüstung passt nicht so recht – ich trage das lediglich durch Skiunterwäsche erweiterte Bergsommer-Equipment. Eigentlich geh‘ ich ja nicht im Winter in die Berge.
Was angesichts solcher Momente, wie jenem, als wir aus dem steilen Bergwald hinaustreten aufs weite Almwiesenplateau unterhalb des Seekars, wirklich ein Fehler ist:

Eines DER Highlights des Jahres ist für mich immer wieder, die überschäumende Freude des Dackelfräuleins mitzuerleben, wenn es den ersten Pulverschnee riecht, sieht und unter den Pfoten spürt.
Darüber könnte ich ellenlang berichten, lasse aus Rücksicht auf die treue Leserschaft aber lieber ein paar Bilder für sich sprechen.

Der erste dackelhohe Pulverschnee in 2017!

Bei der Tannenzapfensuche.

Beim Fährtenlesen.

Die Einkehr winkt!

Die Lenggrieser Hütte empfängt uns mit einer Wahnsinns-Aussicht…

Über den Wolken (…)

(…) würde was uns groß und wichtig erscheint, plötzlich nichtig und klein.

…wohliger Kachelofenwärme und Spinatknödeln. Da wir schon das dritte Mal in dem Jahr dort oben sind, verkneift sich Pippa sogar das Verbellen der Hüttenhündin, liegt brav unter der Bank und verspeist ihre Hundekaminwurzn.

Leider drängt die Zeit viel zu schnell wieder zum Aufbruch…

… und beim Abstieg geraten wir viel zu schnell wieder unter die Nebeldecke, düster wird’s.
Ein Stündchen später und man hätte ein Stirnlämpchen gebraucht, um den Grasleitensteig noch erkennen zu können.

Auf halber Strecke dann ein Stockbruch, na super. Der linke Leki ist somit nutzlos, was übel aufs Tempo geht bei dem Untergrund und noch übler ist fürs operierte Knie und die zusammen mit dem Meniskus amputierte Psyche.
Als ich mich für ein Stress-und-Angst-Pipi hinter eine Tanne kauere, folgt der Gürtelschnallenbruch. Plastikglump, blödes!

Mit ständig fast bis zu den Hüften herabrutschender Hose balanciere ich weiter talwärts, als mir endlich die zündende Idee unter der dicken Mütze hervorkriecht: die Hundeleine ist ja im Rucksack! Der Behelf funktioniert ganz hervorragend, vor allem in der Hosenträgervariante, und so gelingt’s uns noch auf den letzten Drücker, das Auto zu erreichen, bevor es stockfinster ist.

Wir merken uns fürs nächste Mal: Deutlich früher losgehen, zuvor andere Hose, neue Teleskopstöcke und ein Stirnlämpchen anschaffen. Wie gut, dass Weihnachten vor der Tür steht.