Da sein.

Der Winter ist da. Das Dackelfräulein rastet wie immer aus und staubt durch die erste, noch dünne weiße Pracht.

Und Lolek ist auch wieder da. Um seine wackelnden Türschwellen von vor zwei Wochen rauszureißen und nochmal neu zu verlegen. Natürlich wieder zur Lolek-Time: morgens um kurz nach 7 Uhr. (Möge der frühe Pole diesmal den Wurm erwischt haben.)

Der November geht in die letzte Runde. Diese Woche: Beseitigung kleinerer Baustellen, in Sachen Wohnung, in Sachen Gesundheit (nebenher noch Steuererklärung und Schimmelentfernung, eine schwere Wahl, was zuerst/lieber…).

Immer dieser verfluchte Bammel vor neuen Schäden, Pannen, Überraschungen. Und auch vor Vollnarkosen (wie oft haben sie einem für danach eine Breze versprochen, auf die man sich vor dem Knock-out tröstend freute und dann wurde ein Napf bleiches Hühnerfrikassee serviert, von dem einem noch speiübler wurde und erst recht zum Heulen zumute war).

Wie gesagt: alles Lästige in diesen Monat reingepackt! Der Advent darf mir gern und ausgiebig ein Gefühl von advenire bescheren. Ich möcht‘ mich mit einer Großpackung der Kindheitslebkuchen, diese billigen Herz-Stern-Brezen-Dinger, unter einen der frisch lackierten Türrahmen setzen und von dort aus mampfend und teetrinkend die letzten Lampen, Malereien und Silikonfugen bestaunen, um die sich der Handwerksfreund nächste Woche noch kümmern wird, und wenn ich genug gestaunt habe, dass jetzt endlich alles fertig, sauber, aufgeräumt und befestigt ist, dann möcht‘ ich aufstehen und den diesen Freitag abholbereiten Marimekkovorhang (der einen hinsichtlich zu bestellender und gelieferter Länge und zu beachtendem Rapport fast zur Weißglut getrieben hat) zuziehen und einfach mal kurz die Füße hochlegen.

Und mich anschließend gänzlich anderem, das so lang (ja, viel zu lang!) aufgeschoben wurde, zuwenden. Das neue Jahr lockt mit neuen Plänen.

Haben Sie einen guten Start in den Winter – und nehmen Sie bitte Abstand von Genesungswünschen oder Gesundheitsnachfragen, schicken Sie lieber Brezen oder Billiglebkuchen. Oder einfach ein Stoßgebet gen Winterhimmel.

Ihre Kraulquappe.

Letzte Mittagspause…

…vor Abreise unseres Handwerksfreundes.

Zur Feier des Tages genehmigen wir Wiktor etwas Zeit zur freien Verfugung:

(Man muss ja schon Obacht gebn mit dene Handwerker. Denn da Handwerker an sich is scho a Hund. Am vorletzten Tag richten’s einem alles so her, dass es gut ausschaut und man sich freut und im Endspurt wähnt (alles im Zeit- und Kostenplan, juhu). Am letzten Tag aber – und das ist der Trick! – hören’S den Polen den ganzen Tag über immer wieder ein dramatisch prononciertes „Oioioi!“ aus irgendeinem Raum Ihrer Wohnung stöhnen, dann gehen’S hin und schaun und sehn hier und da eine spontan zugespachtelte Stelle (schwarze Spachtelmasse auf weißer Wand, damit’s auch besonders dramatisch ausschaut!), die ihm jetzt erst aufgefallen ist (angeblich war da eine Delle oder was locker oder kaputt!) und wo man unbedingt was hat tun müssen, was er natürlich sofort tat, beflissen wie er ja ist, aber heut nicht wird fertigstellen können, so dass sich dringend ein Folgeauftrag empfiehlt, möglichst bald am besten, geschätzter Aufwand „Unter eine ganze Tag geht nix, weil muss trocknen und schleifen und beobachten und streichen!“. Sie schlucken und denken „Huijuijui, das wird also nochamal an Flins kosten!“, aber es wird wohl trotzdem am besten sein, den Auftrag wieder an Wiktor zu vergeben, denn bis Sie, Ihr Gatte und Ihr Hund sich an einen andern Handwerker gewöhnt haben…  – na, des machma ned, also schlagen’S natürlich ein und überlegen, wie Sie diese ungeplante Investition wieder wettmachen könnten und streichen dann halt kurzerhand die Mittagspause, denn irgendwie muss man ja die Oberhand behalten in dem Chaos da herin.)

La cage aux Folien.

7 Uhr morgens. Der Handwerkertag beginnt.

Frühstück, Morgengassi, Zähneputzen, Arbeitsklamotten anziehen, Lagebesprechung und los geht’s.
Durch den Folienvorhang fällt gelegentlich ein Sonnenstrahl in die Wohnung…

…Zimmer für Zimmer werden die Türrahmen abgeschliffen und lackiert, es staubt und stinkt, täglich entsorgen wir zwei Mülltüten und einen Berg an Folien.

Während Wiktor werkelt, flüchte ich gelegentlich mit dem Dackelfräulein nach draußen – gottseidank muss der Hund ja bewegt werden! – …

…oder unternehme Fahrten in den nahegelegenen Baumarkt, wo ich ganz nebenbei die Entdeckung meines Handwerkerbetreuerinnenlebens mache:

Wenn man seine Wunschfarbe gefunden hat, zeigt man dem bärtigen Mitarbeiter aus der Abteilung „Farben & Lacke“ ein Kärtchen mit dem Skandinavisch-Rauchgraublau drauf und der bärtige Mitarbeiter lässt – ja, was es nicht alles gibt! – eine EDV-gesteuerte Maschine eben jene Farbe anmischen…

…danach kommt der zusammengemixte Eimer noch in den Rüttler, wo die Farbe „streichbereit“ verrührt wird. Super Sache und das alles in 5 Minuten! Anschließend wird einem der Farbkübel in den Einkaufswagen gestellt, man karrt alles nachhause, stellt Wiktor den 5-Liter-Pott hin und sagt: „Guckstdu – hier neue Arbeit für morgen!“.

Ich werde beim Abkleben und Streichen mithelfen, damit wir eine Chance haben, an einem Tag damit fertig zu werden (Diele rauchgraublau, Flur weiß). Nicht etwa, weil Wiktor langsam wäre, nein, nein, er ist ein Bollwerk an Fleiß und Ausdauer, sondern weil wir mal wieder durch etliche unvorhersehbare Aktionen aufgehalten wurden und ich damit rechne, dass uns noch ein paar weitere Überraschungen bevorstehen, für die ich nun vorsorglich einen zeitlichen Puffer eingeplant habe.

Da will man zum Beispiel eine Glühbirne in der Dielen-Lampe wechseln, damit der Handwerker besseres Lackier-Licht hat, dabei verbiegt es aber die Kontakte in der Lampenfassung, was nach sich zieht, dass Wiktor sogleich die Lackierrolle aus der Hand legt, auf eine Leiter steigt, die Lampe abmontiert und nachsieht, ob sich die Fassung wieder geradebiegen lässt, was leider nicht der Fall ist, so dass ich ins Auto steige und losfahre und eine neue Lampe besorge (die alte war eh zu klein für den Raum), die ich zwar 52 Minuten später in einem großen Karton in die dunkle Diele wuchte, aber beim Öffnen des Kartons bemerken wir, dass wir das neue Teil erstmal zusammenbauen müssen, was ziemlich saublöd ist, wenn es zum Zeitpunkt der Kartonöffnung schon 16:45 Uhr ist und zwei Mägen leer sind und die Cannelloni erst noch gefüllt werden müssen, damit man gegen 18 Uhr endlich mal was zwischen die Kiemen bekommt. Also verschieben wir diese Montagearbeit auf später und Wiktor lackiert weiter und ich stopfe die Spinat-Ricotta-Füllung in die Cannelloni, schiebe das Ganze in den Ofen, stelle den Küchenwecker auf 45 Minuten und verlasse dann mit einem großen Schritt die Küche Richtung Flur, weil ich nämlich auf keinen Fall auf die Türschwelle treten darf, deren Fuge zum Fliesenboden hin heute leider noch nicht wie geplant silikoniert werden konnte, weil Wiktor feststellte, dass der Untergrund der Türschwelle so wacklig ist, dass die neue Silikonfuge in Kürze einreißen würde, weil sie aufgrund der Wackligkeit nicht dort bliebe, wo sie hinverfugt werden würde, weshalb Wiktor am Nachmittag Löcher in den Untergrund der Schwelle bohrte und alle Hohlräume mit Montagekleber ausspritzte, den ich heute Vormittag so eigenständig wie unvorhergesehen im Baumarkt besorgen durfte.

Äh, wo waren wir stehengeblieben? Was hatten wir eigentlich vor?
Richtig: der letzte der 11 Türrahmen sollte heute noch fertig lackiert werden.

Danach wollten wir noch die Lampe zusammenbasteln und aufhängen, damit nachts keiner im Flur über die Lackwanne und den Farbeimer stolpert. Selbstverständlich bemerkten wir dabei, dass die neue Lampe an einzelnen Lamellen beschädigt war, weshalb wir sie wieder verpacken und in den Karton zurückstecken mussten, damit ich das Ding wieder umtauschen kann. Bzw. zurückgeben, denn zwischenzeitlich ist beim Rumwurschteln, Drüberreden und -nachdenken eine neue Lampenidee gereift, die Wiktor und ich sogleich mit dem Gatten besprechen, der vom fernen Frankfurt aus seine Zustimmung zur Plan- und Designänderung (und der nicht unerheblichen Investition) geben muss und auch gibt.

So vergehen die Stunden und Tage und abends kippen wir hier völlig fertig in die Betten, bis das Dackelfräulein mich um 6:50 Uhr weckt, weil es sich natürlich längst gemerkt hat, dass es um Punkt 7 Uhr nach nebenan flitzen darf, um dort Wiktor aus dem Schlaf zu reißen.
Und täglich grüßt das Murmeltier der Dackelbleschl.

Heut wird also gestrichen!

Es geht sehr gut voran hier, aber eines sag‘ ich Ihnen:
Für die nächsten Jahre will ich die Worte „Umzug“ und „Renovierung“ nicht mehr hören.

Der Lack ist ab.

Hurra. Der alte, fleckige, schmutzige Lack ist ab.
Wiktor liegt recht gut in der Zeit. Noch nicht mal Halbzeit und schon mehr als die Hälfte geschafft.

23:45 Uhr: Die letzten Pinselstriche am Rahmen des Flurschranks.

Gut so, kann man nächste Woche noch Flur und Diele neu streichen, letztere vielleicht sogar in skandinavisch-rauchblaugrau, dann wären die Spuren des Handwerkssommers und -spätherbstes auch gleich getilgt (überall die Werkzeugkistenstriemen und die Rucksackspuren, weil man anderswo offenbar alles an die Wand lehnt oder das unter „Kunst am Bau“ läuft).

Jetzt aber erstmal Wochenende hier!

Am Morgen: Wiktor bucht sich sein Busticket für die Wochenend-Heimfahrt (Mithilfe bei der Steckrübenernte & Schneefräse auf Unimog schrauben).

Am Nachmittag: Das Dackelfräulein zieht zufrieden ins verlassene Handwerkerlager ein – endlich mal eine Decke ganz für sie alleine!

Da fällt mir die Posse ein, die mir meine Braunschweiger Freundin beim vorletzten Umzug zur Ermunterung schickte, als ich wieder einmal sehr zermürbt rumsaß, vom stundenlangen Warten auf einen Handwerker (muss ich nun noch mehr lachen als vor anderthalb Jahren, gerade wegen des Pfusches, den Lolek zu Wochenbeginn hier an den Türschwellen hinterlassen hat.)

Heute Abend zur Abwechslung mal Kultur (weiß man schon kaum noch, wie das buchstabiert wird), vorher aber Reifenwechsel und Innenreinigung des Autos.

Wir wünschen der Leserschaft ein schönes Wochenende und danken herzlichst für die rege Anteilnahme an der ersten Etappe der letzten Renovierungsphase!

Wiktor werkelt.

Seit gestern höre ich mein eigenes Vorbeigehen (das ist mal ein erster Satz nach meinem Geschmack).

Bewege ich mich vom Schreibtisch durch den langen Flur zur Küche flirrt die Folie, die das große Bücherregal vor dem Schleifstaub schützt. Es ist ein leises, beinahe geheimnisvolles Flirren, das wie ein espenlaubiges Echo meine Bewegungen nachzeichnet. Ich mochte dieses Geräusch sofort.

Der Handwerksfreund werkelt seit gestern Mittag mit hochgekrempelten Ärmeln seines Holzfällerhemdes (was, nebenbei bemerkt, eine erfreuliche Assoziation an den Springsteen der späten 1980er Jahre ist) an den Türstöcken herum. Aus dramaturgischen und vor allem psycho-strategischen Gründen wollen wir ihn diesmal „Wiktor“ nennen, womit er sofort einverstanden war. Ist, so dachte ich mir, vielleicht eine gute Abgrenzung zu den Rollen und der nicht immer so guten Zeit, die wir im Sommer im Handwerkskontext miteinander verbracht hatten.

Wiktor bessert also nun den Pfusch, den vorangegangene Handwerkergenerationen an den Türrahmen hinterlassen haben, gründlich aus.
Bei 11 Türen zieht sich das ein Weilchen hin, bislang lägen wir gut in der Zeit. Wenn nicht immer dieser ungeplante Mist daherkäme.

Auf einer der gestern von Lolek verlegten neuen Türschwellen wölben sich die Ränder der Holzfläche nach oben und haben sich vom Boden abgelöst. Verflixt nochmal. Muss man den Zeitplan gleich ein wenig anpassen. Koche ich eben 1x mehr als geplant, damit sich Wiktor den mittäglichen Ausgang zum Vinzenzmurr sparen kann. Und morgens fangen wir halt ein wenig früher an.

Es gibt da übrigens einen tollen Trick, wie Sie so einen Wiktor morgens, wenn er seinen wohlverdienten, tiefen Handwerkerschlaf sägt, recht zügig wachbekommen. Man öffne einfach die Tür zu seiner Schlafkammer (und damit hier keine Missverständnisse aufkommen: es sind 24 beheizte, saubere und hübsch möblierte Quadratmeter) einen dackelspaltbreit, entferne sich diskret in die Küche, um den Kaffee aufzusetzen und überlasse dem Dackelfräulein das Feld. Dieses stürzt sich dann sehr zuverlässig und zielgerichtet (und mit Anlauf) auf die Schlafstatt des Handwerkers, zerrt seine Decke beiseite, schleckt ihm quer über die Ohren, wirft sich gutgelaunt um seinen Hals und quietscht dabei vor Freude.

Da können kein Wecker und keine Werkssirene gegen anstinken! Und Ihr Wiktor steht 60 Sekunden später hellwach und startklar bei Ihnen in der Küche, wartet auf seinen Kaffee und studiert derweil den aktualisierten Einsatzplan, den Sie intelligenterweise neben der Kaffeemaschine platziert haben.

Ein gelungener, strukturierter und früher Start in den Arbeitstag ist das A und O, wenn was vorangehen soll. Und einem Dackel wird niemals nichts nachgetragen – nicht von Lolek, nicht von Wiktor und auch sonst von niemandem. Nahezu jede Dreistigkeit, Aufdringlichkeit und Schlawinerei wird augenzwinkernd unter Drolligkeit verbucht.

Super Sache. So machen wir weiter.

Von Poleposition und Schwellenwerten.

Am Wochenende schnell noch etwas Körper- und Seelenhygiene betrieben, so als innere und äußere Prophylaxe für das nun Anstehende.

Mit Mütze, Handschuhen und dem Fräulein in dichter Nebelsuppe hinauf zur Buchsteinhütte…

…die uns Tee und Guglhupf spendet bevor wir wieder hinabhupfen ins Tal…

…wo wir den Papa besuchen, der uns zum Küchen-Kehraus in ein Kreuther Lokal ausführt…

…und „Kehraus“ steht hier keinesfalls für schnödes Reste-Essen, sondern für vier Gänge Augen- und Gaumenschmaus, damit verabschiedet sich das Lokal in die Betriebsferien.

Gut durchgelüftet und gesättigt und nach einem wunderbaren Abend zu zweit mit dem Papa dann zurück nach München, dort alles vorbereitet für „Handwerksphase, die Letzte“:

Utensilienkisterl für den Handwerksfreund.

Die neue Woche beginnt um 7:13 Uhr mit dem Hämmern des Polen (heute ausnahmsweise nur Lolek, seinen Bruder Bolek hat er daheimgelassen – „Türschwellen is nix Arbeit für zwei“, achso ist das).

Runderneuerung: Schwellen, über die einen dann eh keiner trägt, aber wenigstens reißt man sich künftig nicht mehr die Socken dran auf.

Ich koche Kaffee.
Der Gatte trinkt ihn schwarz. Lolek mag ihn mit Milch, genau wie ich. Der nachher anreisende Handwerksfreund nimmt Milch und Zucker, und zwar reichlich. Wie der Jalousien-Reparateur, der dann auch noch vorbeischneien wird, den Kaffee präferiert, weiß ich noch nicht.
Man sollte eine Excel-Tabelle anlegen, zur besseren Verwaltung der Handwerkervorlieben und -nummern und -termine, mit Filter, versteht sich (nicht für den Kaffee oder die Kippen, sondern zur Sortierung).

In der Poleposition: Keine Lebkuchenhausverzierung, sondern beeindruckende Türschwellenklebekunst.

Es soll ja Menschen geben, die bestens damit zurechtkommen, wenn ihr Zuhause sich temporär in eine Baustelle verwandelt und die mühelos in der Lage sind, sich währenddessen bereits vorzufreuen auf die Reaparaturen, Erneuerungen, Verschönerungen und Verbesserungen, die irgendwann (hoffentlich) aus der Baustelle resultieren.
Mich strapaziert sowas leider überwiegend: Krach in den frühen Morgenstunden, all die strengen Gerüche, überall Staub und Dreck, von den diversen Kollateralschäden, die ja fast immer entstehen, mal ganz zu schweigen (in so einem Altbau gibt es kaum ein Handwerksgewurschtel, das nicht noch irgendeine weitere, natürlich ungeplante Arbeit nach sich zöge wegen bröselnder Wände, brechender Hölzer, idiotisch verlegter Leitungen oder sonstigen Verfallserscheinungen, mit denen kein Mensch vorher gerechnet hat).

Ich sollte mir eine Scheibe abschneiden von Loleks Gleichmut („Isse irgendeine Problem, musse eben lösen!“) oder von Pippas Perspektive auf das Ganze („Ui, lustige Holzresterl und feines Werkzeug, damit kann man ja toll spielen, und der nette Mann kniet ja eh schon spielbereit am Boden!“).

Für die nächsten 11 Tage wäre das die ideale Einstellung.

Auch Ihnen einen gelingenden Wochenstart und allzeit den richtigen Kaffee dazu.
Die Kraulquappe.

Der Große Heiner oder: Panta rhei.

Zum mexikanischen „Tag der Toten“, der zugleich der „Schnitze-einen-Kürbis-Tag“ sowie der „Wolfgangstag“ und nebenbei auch noch der Reformationstag war, besuchten wir nach Langem mal wieder den Großen Heiner.

Das Dackelfräulein liebt den Weg zum Großen Heiner. Von Grünwald im Isartal geht’s durch raschelndes Laub am Hochufer entlang, dann auf verschlungenen Pfaden durch schönste Wälder hinab zum Fluss.
Dort unten hat man die Wahl zwischen Trampelpfaden, die durch urwald- und sumpfgebietsähnliche Vegetation führen, normalen Waldspazierwegen, Pfaden am Rande der Isarkiesbänke entlang und diversen kleinen Nebenwegen.
Die kleine Hundemadame wetzt immer vorneweg – es ist genau ihr Terrain: Zwischendurch ein vermooster Hügel mit freiliegendem Wurzelwerk, an dem man herumnagen und -zerren kann oder sandige Löcher, wie gemacht für die Dackelschnauze und die grabefreudigen Vorderläufe. Bächlein und Rinnsale, über oder durch die man beherzt hindurchhüpfen kann, während der Zweibeiner wie ein zittriger Idiot über den Baumstamm stelzt, der von einem Bachufer zum anderen führt und bei jedem Schritt leicht wippt.

Flussaufwärts marschieren wir gute 5 Kilometer, bis wir ihn aus der Isar hervorlugen sehen: den Georgenstein, früher mal „Großer Heiner“ genannt, was uns besser gefällt als die Benennung nach Sankt Georg, weil wir’s nicht so mit den Heiligen haben und mit Drachentötern schon gar nicht.

Ein Seelenort, dieser Felsblock mit seinem Blechheiligen darauf, nur über den steinernen Damm zu erreichen.

Wir setzen uns auf einen der großen Steine und lauschen dem heimatlichen Fluss, der hier nicht wild tost, sondern ruhig dahingleitet.
Alle 10 Sekunden ein tiefes, sanft murmelndes Gluckern, das durch eine klitzekleine Stromschnelle dank der Vertiefung neben einem den Damm begrenzenden Felsen entsteht.

Ein guter Ort, um den Arztbesuch vom Vortag sacken zu lassen und sich zu sammeln für den grauesten aller Monate, in dessen Mitte aber wenigstens unsere Türen in neuem Glanz erstrahlen werden.

Alles ist im Fluss (aber manches geht halt auch den Bach runter, wie’s scheint).

Die nächsten beiden Wochen betreue ich hier in erster Linie Handwerker, unterwerfe mich einem strengen Zeitplan, sauge Schleifstaub und anderen Dreck weg, erteile Anweisungen, lobe hier und meckere dort, koche Kaffee, trage Eimer und Folien zum Wertstoffhof, flüchte mit dem Dackelfräulein vor den Lackdämpfen in den Novembernebel, rücke höchstselbst den ersten Vorboten des Fugenschimmels im Bad mit einem Ghostbuster-ähnlichen Equipment zuleibe und erstelle – vermutlich mit Atemmaske am Schreibtisch sitzend – die längst überfällige Steuererklärung.

Selten zuvor ist es mir derart geglückt, alles Grauen in einen Monat zu packen und ausgerechnet auch noch in den, der sich dafür am allerbesten eignet!
Je nach Stimmungslage werde ich Sie ein bisschen daran teilhaben lassen.

Auch Ihnen einen wunderschönen November & lassen Sie doch mal hören, wie Sie diesen Monat so gestalten.

Herzlich grüßt Sie –
Die Kraulquappe.

Dichtung und Wahrheit.

Das alte Lebensjahr geht nun doch noch ordentlich und gepflegt zu Ende.

Eine Punktlandung war das: Die Dichtung der neuen Duschtrennwand – gestern um 18:07 Uhr vom Handwerksfreund fertig montiert und silikoniert – lässt beim morgendlichen Testduschen tatsächlich keinen Wasserschwall (ja nicht mal mehr einen Tropfen!) über den Wannenrand rinnen. Hurra & nochmals herzlichen Dank ins Allgäu!

Das Auslaufen beschränkte sich daher heute ausschließlich auf 14km Wasserwanderweg.
Ich hatte dem Dackelfräulein, das in den letzten Tagen arg zu kurz kam und kaum eines ihrer Hobbies ausüben durfte, fest versprochen, dass wir uns heute fern aller Silikonreste und Styroporbrösel, die daheim noch die Böden dekorieren, einen richtigen Ausflug gönnen werden.

Man muss ja einfach mal wieder weiter gucken als bis zum Badewannenrand!

Das Fräulein findet ein verfaultes Ei und freut sich!

Und ich finde Ruhe – und freue mich.

Aber die Ruhe ist nur von kurzer Dauer, denn als nächstes findet Pippa einen Kugelfisch-Rahmen.

Also muss ich das Ding 20x in den See werfen, bis der Seehund einigermaßen Ruhe gibt.

Dann bin ich dran: einsamer Steg im Schilf, ab ins Wasser!

Nächste Pause in der nächsten Bucht oder: Nimm mich mit, Kapitän, auf die Reise!

Überhaupt machen wir heute auffallend viele Pausen – erfreulich, wenn die Lokalitäten derart durchdacht konzipiert sind: Zufluss neben Abfluss – ideal!

Nach 14 etwas mühsamen Kilometern ist es Zeit, länger die Füße hochzulegen. Hinweis: Wenn Sie vom „Zeigezeh“ meines rechten Fußes aus, der sich – Obacht! – im Bild links befindet, eine schnurgrade Linie gen Himmel ziehen, landen Sie direkt auf dem Heiligen Berg bzw. in der Klosterkirche. Das wollte ich Ihnen nicht vorenthalten!

Wieder ein Jahr vorbei.

Ich lasse es Revue passieren und blicke zurück auf eine beachtliche Menge Anstrengung, Kämpfe, Abschiede, Tränen, Wohnungen, Makler, Kartons und Sägespäne. Aber es gab auch viel Schönes, Neues, Wegweisendes, Bewegung, Freundschaft und Liebe.

War es rückblickend ein überwiegend gutes Jahr oder eher ein schwieriges? Oder hielt es sich die Waage? Was folgt daraus? Sollte ich was verändern oder darf es so weitergehen?

Die Wahrheit ist: Ich bilanziere seit ein paar Jahren nicht mehr.
Ich gucke mir das Vergangene nur noch an, wie eine Landkarte: Wo möchte ich wieder hin, wo hat es mir gar nicht gefallen, wohin möchte ich unbedingt mal, um zu sehen und zu spüren, wie es da so ist?

Gelegentlich besorge ich mir auch neue Landkarten.
Ist schon immer eine Leidenschaft gewesen: am Frühstückstisch sitzen und beim Morgenkaffee Landkarten angucken.

Für den morgigen Tag werd‘ ich die allerdings nicht brauchen, weil ich mich da überwiegend auf Lieblingswegen und in Lieblingsgewässern aufhalten werde, mit Lieblingsmenschen und Lieblingsmusik, versteht sich.

Ich wünsche mir ein Frühstück mit einer Breze vom Neulinger, einen nicht zu frühen Anruf vom Papa, einen Sack voll Sonne, freien Eintritt im Freibad – danke an D. für den klasse Vorschlag, dass wir uns dort treffen: du erkennst mich am roten Zinken (hatte heut die Sonnencreme vergessen) und den gelben Flossen!

Danach darf mich der Gatte zum See kutschieren, unterwegs hören wir Shirley Jean oder Bobby Jean, wenn wir da sind, ziehen wir die Jeans aus und hüpfen ins Wasser. Vom Tretboot aus, wenn möglich.

Vielleicht finden wir sogar eines mit Rutsche.
Und mit Sonnendach, damit das Dackelfräulein keinen Hitzschlag bekommt (und mein Zinken nicht noch mehr verbrennt).

So ungefähr jedenfalls.
Und die Lücken im Tagesplan füllen wir einfach mit Streuselkuchen auf.

Mal sehen, wo die Reise im nächsten Jahr hingeht. Ahoi!

Kontextuell.

Wir liegen in den letzten Zügen, der Handwerksfreund und ich.

Der Flur stinkt nach Paketklebeband und Styropor. Eine halbe Stunde lang haben wir die demontierte, brutal schwere, undichte Duschtrennwand (erst vor 2 Wochen gekauft und montiert) gemeinsam in den Karton der neuen, heute gekauften und hoffentlich dichten Duschtrennwand gezwängt. Styropor zum Abpolstern der Glasscheiben, meterweise Klebeband zum Verzurren der Retoure.

Gezwängt, weil die neue Trennwand 10cm kürzer ist als die bisherige. Da muss man tricksen: unterm Bett schlummern noch ein paar Umzugskartons, flugs wird das Teppichmesser gewetzt und ein Deckel daraus geschnitzt. Wie eine Mumie lehnt das Trum nun im Treppenhaus, bis Hermes, der Götterbote, es in ein paar Tagen abholt.

Der persönliche Orbit ist zusammengeschrumpft auf 1300cmx1400cm, glasklar, dreiteilig, zweifach faltbar, angeblich bruchsicher.

Aber wenn nun alles gut geht, kann ich bereits an meinem Geburtstag überschwemmungsfrei duschen. Was könnte man sich zum 46. sehnlicher wünschen? Dank des geschrumpften Orbits fällt mir da nichts weiter ein.

Fertig. Bald sind wir fertig.

Beim müden Entlangsschlurfen am Rande der Lindenallee, die die Theresienwiese säumt, fällt mein Blick auf die Lehne einer Parkbank. „Sense“ steht darauf. Ja, mit dem ganzen Gewerkel ist jetzt bald Sense, denke ich, und schlurfe weiter. „Fuck“ steht auf der Lehne der Parkbank daneben. Jawoll.

Erst auf dem Rückweg, als wir erneut an den beiden Parkbänken vorbeikommen, kommt mir der Gedanke, dass „sense“ ja auch „Sinn“ bedeuten könnte. Vor allem, wenn nebenan in derselben Sprayfarbe und Schriftart „fuck“ zu lesen ist.

Kontextuelle Wahrnehmung, nach 7 Wochen Wohnungsrenovierung.

Fucking sense & time to have a refreshing shower.

Die 8 Kulanzgesten oder: Pharmacie d’été.

Sonntag, 11 Uhr. Wohnungsübergabetermin in Suburbia.

Schon im Vorfeld ein schwieriges Unterfangen: Die Eigentümerin will uns zu einem dreistündigen Termin verdonnern, worauf wir uns nicht einlassen. Nicht bei einer Neubauwohnung, die wir 371 Tage lang bewohnt haben und die nun top-gepflegt und renovierter als nötig zurückgegeben wird. Die Küche sieht aus wie nie benutzt, das Bad ist besser aufpoliert als in jedem 4-Sterne-Hotel. Die Böden weit entfernt von „besenrein“, stattdessen so, dass die Nachmieter sofort ihre Kleinkinder nackt drüberkrabbeln lassen könnten. Alle Dübellöcher vom Handwerksfreund bestens verspachtelt und farblich dem restlichen Strukturputz angepasst. Was wären wir als Mieter froh, jemals eine Wohnung in dem Zustand übernehmen zu dürfen.

Aber hilft alles nix, denn gleich zu Beginn wird’s noch schwieriger, als uns die Eigentümerin nach eisiger Begrüßung mit noch eisigerer Miene ein „Ich werde jetzt bestimmen, wie das hier abläuft“ entgegengeschleudert. Sappralott, und sowas hat mal an der Uni unterrichtet, sogar im sprachwissenschaftlichen Bereich, wo man meinen möchte, dort müsse ein gewisser Nuancenreichtum in Sachen Formulierungsgeschick zur Grundausstattung gehören.

Vorgelegt wird uns dann ein 5-seitiges, selbstgebasteltes Übergabeprotokollformular, in dem sich Rubriken finden wie: „Schimmelverdacht ja/nein“ (für alle Zimmer), „Fenster geputzt ja/nein“, „Fettrückstände in der Küche“, „Funktionstest Spülmaschine (1x laufen lassen)“ und „Badewanne gereinigt und desinfiziert ja/nein“. Ich versuche krampfhaft, nicht an meinen netten Berater vom Mieterverein zu denken, der sich kaputtlachen würde über diesen Vordruck, derweil deponiert die Eigentümerin ein Thermometer im Gefrierfach, um zu überprüfen, ob wir den nagelneuen Gefrierschrank in dem einem Jahr nicht vielleicht doch so ruiniert haben, dass er nicht mehr exakt die Soll-Temperatur aufweist. Bei diesem Mieterpack weiß man halt nie, da muss man schon sehr genau hinschauen (Mail von vorgestern: „Verstehen Sie bitte, dass wir nach einer kurzen Mietdauer von nur 1 Jahr alles besonders gründlich nachsehen wollen.“).

Aus der in den nächsten 105 Minuten folgenden Serie an Highlights möchte ich – obwohl eines kabarettreifer als das andere war – nur ein einziges schildern. Die Abnahme der Badewanne.
Blitzblank sauber, die Vermieterin beugt sich zur Inspektion hinein, jedes ihrer Barthaare spiegelt sich im grellweißen Emaille der Wanne, sie fährt mit ihrer Hand kritisch über die Oberfläche und – huch! – fühlt einen Kratzer, stöhnt entsetzt auf und notiert diesen Kratzer sofort im Protokoll. Ich eile hinzu, da ich den Gatten mit ihr diskutieren höre und knöpfe mir den „Kratzer“ – eine hauchfeine, 5cm lange Linie – vor. Es handelt sich um einen winzigen Wasserrand, eine homöopathische Dosis Münchner Kalk, der sich mit dem Fingernagel ohne jede Anstrengung wegschaben lässt.
Und so ging es dahin, 105 Minuten lang, bei schönstem Sommerwetter (ab und an flüchtete einer von uns kurz auf den Balkon, weil es drinnen nicht auszuhalten war und man einfach mal Luft holen musste oder sich in den Arm kneifen, um sich zu vergewissern, dass das grad tatsächlich live&echt ist, was man da erlebt). Aber irgendwann waren die Unterschriften drunter, unter diesem unsäglichen Protokoll. Bei „Sonstiges“ ein Schrägstrich, schade eigentlich, hier wäre ein schönes Freitextfeld gewesen für die Notiz: „Vor der Neuvermietung bitte unbedingt in die Vermieterrolle hineinwachsen und mit den gesetzlichen Bestimmungen, was angemessen/verhältnismäßig ist, gründlich vertraut machen.“

Zum Nimmerwiedersehen Abschied drückt sie uns ein von ihr unterschriebenes Papier in die Hand und guckt dramatisch. Es sei ihr wichtig, uns diese Seite noch mitzugeben. Wir nehmen den Zettel entgegen und überfliegen ihn. Es handelt sich um ein Geleitwort für unseren weiteren Lebensweg als Mieterpack, das einfach keinen Anstand besaß (und z.B. über die Böden ging und nicht schwebte) und die Gnade, in dieser Wohnung wohnen zu dürfen, niemals zu schätzen wusste („Ich habe Ihnen einen Neubau überlassen“ – äh, ja, das ist richtig, und wir haben Ihnen jeden Monat pünktlich einen Batzen Geld überlassen für die Anmietung dieser Wohnung).
Schließlich lesen wir das Papier genauer durch. Es sind 8 Punkte darauf notiert, eine Art „Minima Moralia“ für Münchner Mietmaden, die im Speck lebten und dafür nicht entsprechend Dank zu zollen wussten.

Sofort fallen mir diese glutamatverseuchten Chinarestaurants der 1990er Jahre (und wahrscheinlich auch noch weit darüber hinaus) ein, in denen sich auf der Speisenkarte stets ein Gericht mit dem verheißungsvollen Namen „8 Kostbarkeiten“ fand. Was man erhielt, war ein Teller Undefinierbares, ein Potpourri an Gruseligkeiten, die die Küche so hergab.
Genauso verhielt es sich auch mit diesem „Vermieterseitige Kulanzgesten“ übertitelten DIN A4-Blatt: die damenbärtige Eigentümerin mit der Großgrundbesitzerattitüde hatte dort erbsenzählerisch und haarklein jede ihrer acht selbstdefinierten Heldentaten notiert, die sie uns hatte zuteil werden lassen.

Wir schütteln ein letztes Mal den Kopf, wünschen viel Erfolg mit den nächsten Mietern, klemmen uns unseren Dackel unter den Arm, gehen die Treppe hinunter und kehren Suburbia für alle Zeiten den Rücken.

Daheim angekommen sofort Erste-Hilfe-Maßnahmen ergriffen, die Pharmacie d’été hat ja gottseidank auch sonntags offen.

Einen erfreulicheren Wochenausklang gehabt zu haben – das wünsch‘ ich der geschätzten Leserschaft.
Und mindestens eine Kugel köstliches, erfrischendes Zitroneneis.

Herzlich grüßt Sie –
Die Kraulquappe.