Time of transition.

Wenn der Winter sich entschlösse, nicht nochmal zurückzukommen – ich wäre ihm nicht böse. So schön er auch war, so sehr wir das Weiße und die Weite auch genossen haben – einen dauerhaften Wechsel zu mehr Farbe und Wärme würde ich nun willkommen heißen.

Es ist still geworden hier.
Die vergangenen zwei Wochen innerlich ein Abbild des Wetters: von frostig bis frühlingshaft alles dabei. Teilweise war’s sogar schon Zeit für die sogenannte Übergangsjacke, bloß ärgerlich, dass es dieses Kleidungsstück nur für die äußere Hülle gibt.

Meine Krapfendiät neigt sich langsam ihrem Ende zu und hat keine nennenswerten Spuren hinterlassen. Ausreichend Bewegung und unzureichender Schlaf fallen offenbar mehr (bzw. weniger) ins Gewicht als wochenlanger Schmalzgebäckkonsum. Angereichert um ein paar gesundheitliche Beeinträchtigungen und die diesjährige Faschingsmaskerade – ein lumpiges Nervenkostüm -, hätten es vielleicht auch zwei Krapfen pro Tag sein dürfen. Bedauerlich, dass ich das nicht ausprobiert habe.

Der Tod des Vaters der Freundin beschäftigt nicht nur die Freundin sehr, sondern geht auch mir ziemlich nahe. Neben viel Mitfühlen und Mithelfen wohl vor allem deshalb, weil mir die mit diesem arg plötzlichen Abschied verbundenen Ereignisse und Emotionen vorkommen wie eine Vorschau zu einem in Kürze erscheinenden Film, bei dem dann ich in der ersten Reihe sitzen werde.
Dazu passt, dass ich während eines Telefonats mit dem Papa ganz beiläufig erfahre, dass er einen schweren Gichtanfall hatte und sich ein Wochenende lang nicht mehr von der Stelle rühren konnte.
Seit wann hast du Gicht?“ frage ich ihn reichlich verdutzt und er sagt mit derselben tonlosen Stimme, mit der er seit Wochen über nahezu alles spricht: „Ach, das war ja jetzt erst das zweite Mal.
Der von Mr. Parkinson eh schon sehr begrenzte Radius des Papas war vorübergehend auf Null geschrumpft: ein Gang ins Erdgeschoss des Hauses ein vormittagsfüllendes Vorhaben – da bleibt man besser gleich im Bett, was zwar naheliegend erscheint, aber letztlich nicht besser ist.
In Kombination mit der Tatsache, dass die Lebensgefährtin, die für ihr Alter bislang recht agil und aktiv war, auf einmal heftige Probleme mit Rücken und Hüfte hat, ist die Lage nicht wirklich rosig. Im Gegenteil: wenn das so weitergeht, bricht die Versorgung dort bald zusammen.

Als diese Vorstellung sich in mir zu einem opulenten, düsteren Wandgemälde verdichten will, ergreife ich sofort die Flucht nach oben. Was ich nicht wegschwimmen kann, das muss ich weglaufen, und damit’s vom Ergebnis her halbwegs dasselbe ist, muss es dabei möglichst bergauf gehen, wahrscheinlich, damit in Kopf und Körper dieser ganz besondere Rhythmus entsteht, der den vollgelaufenen Empfindungstank auf diese so wohltuende Weise klärt und leert.
Die Strecke erfordert zudem Einiges an Konzentration und Klamottenaktion: Frühlingsmilde auf der zum Berg führenden Forststraße (hochgekrempelte Fleecejacke, und sogar das noch viel zu warm), auf dem schattigen Weg durchs Hirschbachtal dann Anorak-Mütze-Handschuhe, kurz drauf die Grödeln über die Sohlen gezogen (dicke, spiegelglatte Eisschicht auf dem steilen Pfad), oben aus dem Bergwald tretend dann alles wieder ausgezogen (geschlossene Schneedecke, wolkenloser Himmel, Sonne satt), auf der pandemieleeren Hüttenterrasse sitzend schließlich noch Stiefel abgelegt, Hosenbeine abmontiert und ins T-Shirt geschlüpft (Sonnencreme vergessen, Gesicht nun passend zur Mützenfarbe).

Mehr und mehr spielt sich sowas wie ein Lockdownlebensrhythmus ein.
Zwischen Homeoffice und Haushalt immer wieder Ausflüge in die Berge, an Seeufer und ins Münchner Umland einflicken, abwechselnd alleine sowie in Begleitung des Gatten, der Freundin oder des hübsch Bewimperten, Letzterem neuerdings auch sonntags begegnend (ein handverlesenes Grüppchen kommt nun via Zoom zu einer vom Freund angeleiteten Yogastunde zusammen), regelmäßig Telefonate oder Textnachrichten mit all denen, die man nicht treffen kann – das näht die von der Seuche zerschnittenen Sphären wenigstens vorübergehend wieder (scheinbar) zusammen.
Durch das ständige Selbstkochen und Nirgends-mehr-Einkehren einiges an Geld gespart, auch die neue Friseurschere hat schon fast einen Hunderter wettgemacht. Das Fräulein und der Gatte können sich sehen lassen, zumindest so lange ich noch was sehe, denn an meinem Kopf hat sich bislang keiner ausgetobt, dort schaut’s aus wie ein Experiment namens „In drei Monaten vom Pixie-Cut zur Dixie-Hut“ , das kann jetzt nur noch ein Fachmann beheben.
Wobei ich nicht zu denen gehöre, die meinen, ein Friseurbesuch bedeute ein Stück Freiheit oder hätte was mit Würde zu tun.

Die Tasche für den heutigen Tag ist gepackt, das Fräulein sitzt startklar daneben. Machen wir uns also auf den Weg an den Tegernsee, während der einstündigen Autofahrt bleibt noch Zeit, sich weiter den Kopf zu zerbrechen über das, was dort zu tun, zu fragen und zu sagen ist.
Das Hirn will emsig Listen anfertigen (man muss was tun!), das Herz klopft an, um vor zu viel Aktionismus zu warnen (man kann das jetzt nicht alles planen!).

Eine Gemengelage, die dazu führen könnte, hastig eine Hypothek auf ein Haus aufzunehmen, das längst im Abriss begriffen ist.

Song des Tages (64).

We rolled across the high plains
Deep into the mountains
Felt so good to me
Finally feelin‘ free…

Es gibt sie noch, diese wunderbaren Wintertage, an denen die Autobahn ebenso leer ist wie Parkplätze und Wanderwege.

An denen die Sonne vom bayerischen Himmel herunterlacht und man glatt mitlachen würde, wenn es einem nicht schon zu Tale bei minus 7 Grad den Kiefer eingefroren hätte.

Und Sie möchten nicht wissen, wie kalt es dann knapp 600 Meter höher war, oder in der schattigen Bergwaldpassage, die beim Abstieg zu durchqueren war.

Die Heldin des Tages ist das Dackelfräulein, und das keineswegs nur, weil sie die mehr als dreistündige Gehzeit, in der aus Temperaturgründen leider bloß eine ganz kurze Rast – einen Schluck trinken & weiter – drin war, hervorragend gemeistert hat, sondern auch, weil sie ungeachtet der Eiseskälte sofort zur Stelle war, um sich fürsorglichst meiner beim Anlegen der Grödeln nun zum x-ten Mal aufreißenden Wunde am Zeigefingerknöchel (einer Handwerksblessur, die ich mir dieser Tage beim semiprofessionellen Verfugen der Badewanne des hübsch Bewimperten zuzog) anzunehmen.
Wenigstens konnte ich mich später, auf dem dick verschneiten Steig, dafür revanchieren und der kleinen Madame die Eisklumpen zwischen den Zehen wegschmelzen, damit sie ungestört weitersausen konnte. Dummerweise blutete der Finger nach der Schmelzarbeit wieder – und so kümmert sich wechselweise die eine um die andere, so ist der Pakt und daran halten wir uns für immer und ewig.

Alles in allem ein Traumtag.
Den Muskelkater vom Yoga gehend wieder losgeworden (nach dem Silikonieren der Wannenfuge erteilte mir der Freund eine nächtliche Privatstunde zur Lockerung des verspannten Gestells).
Die Gedanken mal wieder weiter schweifen lassen als bis zur nächsten Hauswand (wir verbringen die Lockdown-Wochenenden ja strikt in der Stadt und überlassen die Schneehänge im Alpenvorland den Unbelehrbaren).
Das Fräulein so munter und tapfer – und überhaupt: wir beide momentan relativ erlöst von ein paar gravierenden Ängsten (demnächst mehr dazu).
Die zehn Kilometer überreich gepflastert mit grandiosen Ausblicken (ein derart beglückendes Gefühl, so ganz allein mitten im Paradies zu stehen, das sogar die klirrende Kälte erträglich ist), nur eine Handvoll Menschen getroffen, und einen weißen Riesen.

Möglicherweise eine erste Spur gefunden, in diesem neuen Jahr?

Nur über meine Leiche zieh‘ ich jemals aus dieser Gegend weg.

Himmel der Bayern (85): Über den Wolken.

Links die Zugspitze, rechts der Kramer und neben mir meine kleine, treue Gefährtin.
Über allen Gipfeln ist Ruh‘: Nuluensis & ich, wunschlos glücklich.
Namensgeber meiner „Himmel der Bayern“-Serie.

Staubl_auszeit Nr. 1.

Vielleicht haben Sie sich ja schon gefragt, ob der Kammerjäger mich am Freitag zusammen mit den Psocoptera ausgeräuchert hat?

Vielleicht hatten Sie aber auch andere Sorgen oder einfach Wichtigeres zu tun.

Für den Augenblick nur so viel: Der Kammerjäger war ein sympathischer Typ im Holzfällerhemd, mit Vollbart, ein Touch Harleyfahrer, in etwa mein Alter, nettes Münchnerisch.

War eine Stunde zu Besuch, hat viel geguckt und geredet. Die Vertreibung der ungebetenen Mitbewohner wird sich hinziehen. Ausräuchern is nich. Was ja gut ist.

Aber die Perspektive, die Genossen im übelsten Fall noch bis zum Herbst dulden zu müssen, die ist nicht so gut.

Danach noch ein bisschen Vermietergedöns bzw. Kommunizierenmüssen von Sachverhalten, die ähnlich unangenehm sind wie die Psocoptera selbst. Rechtsberatung beim Mieterverein folgt noch. Hurra.

Steuererklärung fertiggestellt und abgegeben. Hurra.

Dazwischen Regen, Regen und nochmal Regen.

Viel Gassigehen im Regen, einmal sogar mit Kuchenessen im Regen. Ausflug mit dem hübsch Bewimperten und seiner Hundedame, im Regen.

Freibadbesuche im Regen mit kalt Duschen im Regen und An- und Ausziehen im Regen. Hurra, hurra, hurra.

Und dann plötzlich beim Aufwachen das glasklare Gefühl, dass es jetzt mal reicht mit den lausigen Themen und Tätigkeiten.

Und auch mit dem Regen.

Der Papa schickt einen Geburtstagsvorschuss, ich schicke eine Mail gen Süden und informiere den aus Frankfurt heimkehrenden Gatten, dass er nun ein paar Tage ganz tapfer und ganz alleine das Dackelfräulein und die Psocoptera beaufsichtigen darf.

Weil die Hausherrin sich jetzt mal eine Staubl_auszeit nimmt.

Die Bergluft wird’s schon wieder richten. Prosit!

(Wie k.o. man ist, merkt man u.a. auch daran, dass man, wenn man auf dem Weg in die Auszeit auf einem Parkplatz anhält, um dort ein WC aufzusuchen, vor dem Verlassen des Autos doch tatsächlich der dackelleeren Rückbank ein „Ich komm gleich wieder!“ zuruft.)

Song des Tages (36) & Himmel der Bayern (63): Grenzgang.

Gestern und heute einen lang gehegten Traum realisiert: Ins Wettersteingebirge gegangen (eines der zwei heimatlichen Lieblingsgebirge), Übernachtung auf der Meilerhütte und kurz nach Sonnenaufgang hinauf auf die Westliche Törlspitze. Seit Jahren davon geredet und geträumt. Wirklich seit Jahren!

Beim gedanklichen Ausmalen dieser Tour immer das Dackelfräulein als meine treue und erprobte Bergkameradin mit mir dort hochlaufen sehen. Mit etwas Geschick hätte man das Zweierzimmerchen schon bekommen, in dem brave Hunde nach Absprache erlaubt sind.

Schweren Herzens, aber leichten Verstandes nun Abschied genommen von dieser Idee. Zu lang und zu steil der Weg für unsere kleine Hundedame, momentan zumindest, und bei dem Wetter eh völlig undenkbar, da auf der Hälfte des Weges ja nicht mal mehr ein Baum oder Strauch Schatten spendet.
Vor ein, zwei Jahren wär’s wohl noch problemlos gegangen, woraus mal wieder die Lehre zu ziehen ist, dass die paar Lebensträume, die man hat, nicht zu lang aufgeschoben werden sollten.

Catch your dreams before they slip away, wie die Stones schon 1967 sangen – schließlich wird man weder jünger noch beweglicher (wer weiß, wie lang Schulter, Ellbogen und Knie solche Aufstiege noch gut mitmachen und die Trittsicherheit noch in dem Maß vorhanden ist, wie diese Tour es ab und an erfordert).

Besser also nicht weiter vertagen, dachte ich, denn eines Tages kommt evtl. nicht nur Pippa nicht mehr hinauf, sondern auch ich nicht mehr – und damit stand der beste Zeitpunkt fest: jetzt.
Das Wetter ist mir grad recht, denn so weit oben ist es herrlich frisch und luftig, man schwitzt halt ein bisschen, um hinaufzukommen. Auf rutschignasse Felsen kann ich, vor allem abwärts, gut und gern verzichten, da nehm ich lieber das Hochsommerwetter wie’s ist.

Das ist schon eine Wucht da heroben: diese Steinriesen, soweit das Auge reicht, und es reicht bis ins Zugspitzplatt und den Schneeferner hinein und wenn man sich umdreht bis tief ins Karwendelgebirge. Und diese Hütte, die sich wie ein Adlerhorst auf 2.374m Höhe (exakt auf den Landesgrenzen) an den Fels schmiegt, von Dohlen umkreist und von Murmeltieren bepfiffen. Atemberaubend ist das! Zweitausdendreihundertvierundsiebzig Meter, was sagen Sie dazu?!? Und zu dem Panorama?

Mich befiel Sprachlosigkeit und Demut, als ich da gestern am frühen Nachmittag stand und schaute (war eh niemand da, mit dem man ein Wort hätte wechseln können oder müssen, nur ein Steinbock im Kar unter mir).

Nirgends sonst ist Erhabenheit für mich so greif- und spürbar wie auf solchen Gipfeln oder Graten – und ich bin sicher: auch Schiller hätte seine Freude daran gehabt, hier zu stehen, zu schauen und vor sich hin zu fühlen.

Wenn sich der Morgennebel auflöst und den Blick freigibt auf den Wettersteinkamm und die Dreitorspitzen ist das nicht einfach nur eine schöne Aussicht. Es ist ein ernster, ein erhabener Anblick.

Man hat ihn im Visier, den Felskamm, der hinauf zur Törlspitze führt, und von neuen Kräften belebt (nach einer vergleichsweise passablen Nacht im oberen Einzel-Stockbett – merke: wähle immer den Lagerplatz mit dem größtmöglichen Abstand zu den Mitschläfern und dem kleinsten Abstand zum Fenster), steigt man wieder sicheren Schrittes voran. Der Rucksack wartet unten bei der Hütte (nichts irgendwie Belastendes möchte ich mit hinaufnehmen auf diesen letzten Metern), er lehnt windgeschützt neben der eigenen, kleinen Alltagsexistenz an der steinernen Hüttenwand (gestern, bei Ankunft, alles abgelegt).

Das Erhabene ist mehr als Natur – es ist Herausforderung und Übung zugleich. Das Gebirge ist so viel stärker, größer, gewaltiger als wir, und als kleiner Wicht, als der man oft auf Erden umherirrlichtert und dennoch meint, das meiste im Griff zu haben oder zumindest emsig daran zu arbeiten (denn man muss ja heutzutage an allem arbeiten), muss man einsehen, wie ohnmächtig man doch den Gewalten der physischen Welt gegenübersteht, wie sehr man ihnen als Wesen der sinnlichen Welt im Grunde ausgeliefert ist.

Eine Übermacht, gegen die wir uns nur behaupten können, indem wir als Wesen der geistigen Welt, die wir nicht auch, sondern vor allem sind, uns auf unsere eigene Freiheit besinnen (keine Sorge: das hab ich von Schiller, und vor Urzeiten, in meiner Abschlussarbeit, sicher auch mal treffender formulieren können, ich musste nur gestern Abend, durch diese krasse Stille und Steilheit um die Hütte streifend, nach Langem mal wieder dran denken). Der Mensch, sagt Schiller, ist immer schon mehr als Natur: Er ist freier Wille, und das Erhabene fordert ihn gerade in jenen Momenten, in denen es ihn physisch vernichten könnte, dazu heraus, dieses Mehr auch zu sein.

Eine Art vorübergehender Nullpunkt der Existenz und zugleich ihre ganze Möglichkeit und Fülle. Das sag ich jetzt mal so, ganz unschillernd.

Was dieser pathetische Exkurs soll, fragen Sie sich? Hat Frau Kraulquappe einen Sonnenstich? Oder einen Höhenkoller? Oder ticken die Hormone mal wieder aus?
Nein, nichts von alledem, glaube hoffe ich. In den Bergen kann ich machmal einfach freier herumdenken als unten im Tal. Und den Schiller hab ich damals wirklich gern und mit großem Interesse gelesen.

Genug geschwafelt. Nun mal zurück in die Niederungen, die Hälfte des Abstiegs liegt ja noch vor mir.

Und wissen Sie, worauf ich mich jetzt schon am meisten freue? Auf eine ausgiebige Dusche und frische Kleidung am Leib. Auch das wird sich erhaben anfühlen, für so einen verzärtelten Großstädter. Das Alpspitzbad wartet!

Stood alone on a mountain top
Starin‘ out at the Great Divide
I could go east, I could go west
It was all up to me to decide

Just then I saw a young hawk flyin‘
And my soul began to rise
And pretty soon
My heart was singin‘

Roll, roll me away
I’m gonna roll me away tonight
Gotta keep rollin‘, gotta keep ridin‘
Keep searchin‘ till I find what’s right

And as the sunset faded I spoke
To the faintest first starlight
And I said next time
Next time, we’ll get it right

In einem früheren Leben war ich vielleicht eine Bergziege…

…und im nächsten Leben möchte ich ein Steinadler sein.

Im Wettersteingebirge.

In der Zwischenzeit laufe ich weiter und immer weiter, dem Himmel entgegen.

Ist schon noch ein Stück!

Es läuft sich unerwartet gut bislang, aber man soll ja den Bergtag nicht vor Bewältigen der 1.400 Höhenmeter und Erreichen der Hütte loben.

Bin jetzt dann mal offline!

Himmel der Bayern (31): Better days with a girl like you.

Nach einer miserablen Nacht heute Früh nicht aus den Federn gekommen, schwieriger Tagesstart so insgesamt.

Erst am späten Vormittag die Kurve gekriegt. Kriegen müssen, denn das Dackelfräulein scharrte schon mit den Hufen.
Wetter nicht der Brüller hier in der Stadt, verflixt nochmal, wohin zum Gassigehen?
Der DAV sagt, in Garmisch scheint die Sonne. Also ab nach Garmisch? Lohnt sich das noch, ist ja schon fast Mittag?

Und wie sich das gelohnt hat!
45 Minuten bis zum Parkplatz an der Olympiaschanze in Garmisch. Bergstiefel geschnürt, Rucksack geschultert.
Na bitte: Die Sonne scheint.

Pippa springt aus dem Auto und platzt vor Energie als sie den Schnee bemerkt. Sie war von klein auf ein Herbst-/Winterhund. Im Frühjahr hat sie ihre schlappste Phase, im Sommer geht’s ganz passabel, wenn man genug Bademöglichkeiten bietet oder in luftige Höhen ausweicht (und nicht gerade die Scheinschwangerschaft alle Lebensgeister ausbremst), aber erst mit dem Herbst kommt ihre fitteste Phase, und sobald sie Schnee riecht, gibt sie noch mehr Gas.

Ich also wie ein Zementsack hinterher, kurz nach dem Kainzenbad geht’s auch schon recht steil bergauf Richtung Wamberg. 

Ja sakradi ist das ein Tiefschnee, hätte man die Grödel doch gleich aufgezogen und nicht erst, wenn die Sohlen schon zentimeterdick mit Eis zugebacken sind. Mit Handschuhen kann man die Dinger nicht aufziehen, also geht’s nach dem Gefummel erstmal mit kalten Fingern weiter.

Winterwandern ist wie gesagt neu für mich und sorgt für ein Aha-Erlebnis nach dem anderen.

Wie beispielsweise die bahnbrechende Erkenntnis, dass man die Teleskopstöcke ja völlig anders einstellen muss als im Sommer. Weil wenn der halbe Stock im Tiefschnee versinkt, muss man diese Länge dazugeben! Achso geht das.

Irgendwann passt dann mal äußerlich alles und das Innere kann folgen: der Gehrhythmus, der Atem, die Körpertemperatur, das Wahrnehmen, das Nixdenken & Allesfühlen.

Nach zwei Stunden die nächste Überraschung: Was du im Sommer in gut einer Stunde hochgehst, kann im Tiefschnee schon mal fast doppelt so lang dauern. Ja sowas aber auch!
Es folgt die bange Ahnung, dass, wenn sich das mit den Gehzeiten so verhält, man definitiv früher hätte losgehen sollen und nicht mittags erst am Bergparkplatz aufschlagen kann. Ab 16 Uhr wird’s langsam dunkel und hinab will man ja auch noch bei Lichte gelangen (das Stirnlämpchen liegt gemütlich zuhause, denn es hieß ja, in Garmisch schiene die Sonne, wozu also das Ding mitnehmen?).

Als der Berggasthof Eckbauer endlich in Sicht ist, ich also quasi die dampfende Gemüsesuppe schon riechen kann, nehme ich mir nochmal Zeit für eine Extra-Fotosession mit dem glücklichen Winterhund vor dem Wettersteingebirge. Wir sind ja jetzt oben und können uns gleich stärken, da kommt’s auf die Viertelstunde auch nicht mehr an.

Leider hat der Berggasthof diese Woche geschlossen, was im Internet gestanden hätte, wenn man sich daheim (wie sonst immer) die Zeit genommen hätte, das vernünftig zu recherchieren und sich nicht ausschließlich unterwegs auf die Sommerwegweiser mit dem trügerischen  Zusatz „Montag Ruhetag“ verlassen hätte.

Im Rucksack befinden sich: 3 Hundewürstchen, 2 Lindor-Kugeln (die roten) und 0,5 Liter Wasser. Ich höre den Gatten, obwohl im fernen Frankfurt sitzend, schon schimpfen: „Man muss immer einen Müsliriegel dabeihaben!“ (jahaaa, ist ja gut, du hast recht!). Erstmals in unserer fast sechsjährigen Beziehung (mit dem Dackel) denke ich ernsthaft darüber nach, Pippa ihrer Würstchen zu berauben, mir ist nämlich nach deftig und nicht nach süß. Da ich klitschnass geschwitzt bin, ist schnelles Handeln angesagt, die Entscheidung fällt dann doch auf die Schokokugeln (innen tiefgefroren, aber immer noch besser als Hundewurst mit Pansen) sowie schnellstmögliches Weitergehen hinüber zum Graseck, denn so war die Tour geplant und es ist eh schon halb 3, aber erst fünf der zehn Kilometer sind gegangen (und auch das ist nur eine Schätzung, denn die Karte liegt ebenfalls daheim, schließlich kennt man ja die Garmischer Berge vom Sommer her so gut).

Zwei Bergsteiger kommen mir entgegen, ich vergesse vor lauter Dringlichkeit der Frage, die ich ihnen stellen will, zu grüßen (man grüßt immer in den Bergen) – „Hat der Gasthof beim Graseck offen?“ – „Ja, hat er.“ Vor lauter Erleichterung vergesse ich auch, mich zu bedanken und zu verabschieden. Nach dieser erfreulichen Antwort surfen wir nun quasi bergab, beseelt und erwartungsfroh in die Sonne blinzelnd, die Madame immer noch drei Serpentinen voraus, aber ich relativ geschickt und flott hinterher (mit Staunen bemerkt: das geht ja im Schnee viel leichter als sommers).

Dann sehen wir endlich das Graseck, auch bekannt unter „My Mountain Hideaway“, früher ein normales Forsthaus mit zünftiger Einkehr, heute ein sündteures „Boutique-Hotel“ mit Gesundheitsschwerpunkt: hier kann man sich z.B. rundum Liften lassen, frisch operiert vor der Welt verstecken, im SPA rumdümpeln oder Candle-Light-Dinner futtern, bis man sich mit abgeschwollenem Näschen neu und frisch wieder hinuntergondeln traut ins belebte Garmisch und den Preis für einen Kleinwagen dort oben im schönen Graseck gelassen hat.

Es gibt Erbsen-Kartoffel-Eintopf für mich und Pippa bekommt ihre drei Würstchen. Die Aussicht: keine schönheitsoprierten Fressen im Lokal, dafür unberührte Schneehänge vor weiß-blau-grau leuchtender Bergkulisse. Einzig die Schickimicki-Sippe im hinteren Teil des Restaurants, die sich in der kuhfellüberzogenen Kuschelecke neben der Bar niedergelassen hat, nervt etwas, da für die verwöhnten Schrazen heute schon die Bescherung stattfindet. Während die Küche meinen Eintopf erwärmt, wechsle ich die Klamotten in nobelstem, weitläufigem Toiletten-Ambiente (meine Schwimmbadumkleide ist klein und schlicht dagegen), denn wenn man schon keinen Müsliriegel dabei hat, sollte man wenigstens einen Satz trockene Kleidung mitgenommen haben, inkl. Zweimütze und Zweithandschuhen.

Die Welt ist wieder rund, der schlechte Tagesstart vergessen. Der Kellner erzählt, dass die kleine Graseck-Bergbahn für Gäste des Lokals weniger kostet. Das trifft sich gut, denn die Sonne ist gerade hinter den Dreitorspitzen versunken und da hätte es schon arg finster werden können beim Abstieg durch die ohnehin etwas düstere Partnachklamm. 

Ich lasse den Plan Plan sein, da heute eh das meiste ohne Plan auch recht plan lief und so schaukeln wir nach der Rast gemütlich hinab ins Tal.

Von dort noch ein 20 Minuten-Marsch zurück zum Auto, wo bereits der Hagebuttentee in der Thermoskanne sowie das Abendessen für Pippa warten. 

Anschließend bei bester Musik und mit zufrieden schnarchendem Hund auf der Rückbank heimwärts gebrettert.

These are better days: 

Nichts geht über so einen wundervollen Bergausflug mit diesem fröhlichen Dackelmädchen!

Every fool’s got a reason for feelin‘ sorry for himself
And turning his heart to stone
Tonight this fool’s halfway to heaven and just a mile outta hell
And I feel like I’m comin‘ home

These are better days baby
There’s better days shining through
These are better days
Better days with a girl like you