Song des Tages (49).

Gestern Mittag noch schnell eine sogenannte Solo-Selbständige – man lernt ja nun auch neues Vokabular kennen – unterstützt: unsere Hundefriseuse, die schon etwas blass um die Nase war, weil sie seit Tagen den Anruf vom Gesundheitsamt fürchtet, mit dem man sie zur Schließung ihres kleinen Geschäfts auffordern wird.
Der kam dann sicher direkt, nachdem das Dackelfräulein und ich den Laden verlassen hatten, um 12:38 Uhr waren die neuen, coronabedingten Allgemeinverfügungen für Bayern bekannt gegeben worden.

Um unnötige Zusatz-Ausflüge vor die Tür zu vermeiden, frisch geschoren gleich weiter zum Gassi am menschenleeren Kanal…

…überall in der Stadt mittlerweile Hinweise, auf welch dünnem Eis wir uns derzeit bewegen.

Auf dem Heinweg hält an einer Ampel ein Porsche Cayenne neben mir.
Vier runtergelassene Fenster, vier unglaublich junge Proleten drin (man weiß gar nicht, was man sich zuerst fragen soll: ob die überhaupt schon den Führerschein haben oder wie die zu so einer Karre kommen), viermal trinkend und grölend. „Corona, Corona!“, rufen sie.
Mir wird mulmig, ich will sie vorlassen, aber sie fahren nicht los, als es grün wird, sondern erst, als ich Gas gebe und um die Kurve fahre. Dann hab ich sie hinter mir, sehr unangenehm, bis vor unsere Haustür hab ich diese Idioten hinter mir und kann im Rückspiegel beobachten, wie sie am gesamten Bavariaring, der die Theresienwiese säumt, jeden Passanten und Radfahrer anpöbeln, indem sie sich aus dem Fenster lehnen und „Corona, Corona!“ brüllen.
Als ich blinke und bremse, um das Auto zu parken, donnern sie hupend an mir vorbei.

Ich muss an die Sache mit den Hundehaufen denken, als ich das Trottel-Quartett wegrasen sehe. Jeder Hundehaufen in unseren städtischen Grünstreifen und Parks, der nicht weggeräumt wird, versaut auch denen, die das täglich ordentlich machen, die Freiheiten, die eigentlich jeder Hundehalter gern hätte: dass man mit seinem Hund überall spazierengehen darf, dass Hunde wohl gelitten sind, dass es nur wenige Orte mit Leinen- oder gar Maulkorbpflicht gibt, dass es mehr Freiräume als Verbotszonen gibt. Scheiße ist’s, dass das nicht klappt.

Oben in der Wohnung schenke ich mir ein Weißbier ein, nehme es mit nach draußen, setze mich nochmal auf eine freie Parkbank und gucke eine Weile geradeaus. Üblicherweise entspannt mich dieses zweckfreie, ruhige Geradeausgucken auf die gegenüberliegende Theresienhöhe und die Bavaria vor der Ruhmeshalle in der Spätnachmittagssonne.
Diesmal eher nicht, denn gegenüber, das heißt nun auch: die Autokolonne vor dem Corona-Drive-In, hohe Polizeipräsenz auf der Wiesn, sogar ein Hubschrauber landet in der Nähe der Testzelte, keine Ahnung, wieso.
Fünfzig Meter entfernt bespaßen die Nachbarn unter uns nochmal ihre zwei quirligen kleinen Kinder, spielen zu viert Federball, wir winken uns aus der Entfernung zu.
Am letzten Tag des Freigangs kaum noch Gruppenbildung und überall viel Abstand.
Schade, zu spät.

Ausgeschaukelt! (Impressionen aus der Nachbarschaft)

In der Nacht schlägt das Wetter um, von Vorfrühling auf Restwinter.
Heute Morgen ist es, passend zu Tag 1 mit Ausgangsbeschränkung, grau, kalt und regnerisch in meiner Heimatstadt.

Wie jeden Morgen klappert einer von uns die fünf Supermärkte in der Lindwurmstraße ab, um zu schauen, ob es irgendwo wieder Seife gibt (alles andere, was uns fehlte, haben wir im Laufe der Woche bekommen). Fehlanzeige, auch heute.
Ich muss mich noch dran gewöhnen, die Einkaufszettel jetzt nicht mehr unmittelbar nach den Besorgungsgängen wegzuwerfen, sondern Überträge der nicht ergatterten Waren auf neue Zettel vorzunehmen.

Der Biomarkt öffnet seit heute erst um 10 Uhr seine Pforten, wegen der schrumpfenden Personalkapazität und weil die noch arbeitsfähigen Mitarbeiter eh schon schuften wie die Wilden und es mit weniger Leuten nun eben morgens länger dauert, bis die Regale wieder gefüllt sind.

Dort und in anderen Supermärkten erlebt man jetzt Szenen, die sich ungewohnt und fremd anfühlen.
Eine Kundin faucht eine andere an, weil sie ihr in der Schlange vor der Brottheke zu nah gekommen ist, dabei versuchte die Gerügte nur, mit ihrem Einkaufswagen irgendwie an den Wartenden vorbeizukommen.
Ein Paar beschimpft einen zauseligen älteren Herrn, der für ihr Empfinden zu lange im losen Spinat herumfingert, um sich die schönsten Blättchen aus dem Korbe herauszupicken und in seine Papiertüte zu stecken.
Ein kleiner Junge, an der Hand seiner Mutter, krakeelt „Mami, der Mann da vorn hat Corona, der hat gehustet!“.
Vor den Kassen geht es, zumindest im Biomarkt, sehr gesittet und exakt gemäß der neuen Abstandsregeln zu. Allerdings nur, so lange der Rückstau der Schlange nicht bis in den Nudel- und Nudelsaucen-Flur hineinreicht, denn dort herrscht – mal wieder – großer Andrang und noch größeres Aufstöhnen (ausgedünntes Sortiment).
Bei der Hofpfisterei wartet die Kundschaft draußen im Regen, ein loses Grüppchen, durch die aufgespannten Schirme eh schon in passablem Abstand stehend. Drinnen immer nur ein Kunde, und der brav hinter einer auf den Boden geklebten Markierung stehend. Man ruft der Verkäuferin zu, was man gern hätte und da sonst niemand im Raum ist, versteht sie einen auch auf die Entfernung (fast 3 Meter). An den Bezahlvorgang wird man sich noch gewöhnen müssen, denn der geht jetzt so: Der Betrag wird einem zugerufen, dann geht die Verkäuferin einige Schritte zurück, man selbst überschreitet nun die Markierung und legt seinen Geldschein auf die Theke. Anschließend begibt man sich wieder hinter die Grenzlinie, währenddessen bewegt sich die Verkäuferin zum Geldschein, nimmt das Wechselgeld aus der Kasse, weicht wieder zurück und die eben beschriebene Choreografie wiederholt sich. Draußen stehen acht wartende Kunden in allen Stimmungslagen von missmutig bis geduldig im strömenden Regen.

So ein Durchschnittseinkauf – Brot, Gemüse, Obst und ein paar andere Dinge – dauert nun erheblich länger. Aber da vieles andere nun flachfällt, nämlich all das, was man gar nicht mehr erledigen könnte, selbst wenn man wollte oder müsste, wird ja auch Zeit frei.

Manches da draußen wirkt wie aus den Fugen geraten. Es muss sich erst wieder neu zusammenfügen, bis man weniger darüber staunt und routinierter damit umgeht.
Die gewohnten Maße und Verhältnisse haben sich teilweise aufgelöst, sogar auf das Gemüse scheint dieses Phänomen überzuspringen, denn die Karotte hat auf einmal Gurkengröße und umgekehrt.

Irritiert lege ich beides in den Wagen und hoffe drauf, dass wenigstens geschmacklich noch alles beim Alten geblieben ist, und ansonsten muss man halt nach Rezepten für Kartoffen-Gurken-Gratin googeln. Obwohl ich seit zwei Tagen eher wenig google. Ich habe meine Aufenthalte im Internet stark reduziert, weil ich mich nicht mehr im Stundentakt dem Ticken all der Live-Ticker und Pressemeldungen aussetzen möchte.
Irgendwann muss man ja auch noch leben oder mal drüber nachdenken, wie man jetzt leben kann (oder muss) und fürderhin leben wird. Zu Letzterem empfehle ich Ihnen die Lektüre dieses Artikels.
Was mich angeht, so will ich mich an genau solche Stimmen und Denkweisen halten und keinesfalls in den Sog von Schwarzmalereien, Angstszenarien, Apokalypsevorstellungen oder Verschwörungstheorien geraten.
Nachts träume ich ohnehin schon von Christian Drosten, der mich per Zufallsgenerator als Probandin für irgendein Präventivprogramm auserkoren und dann höchstpersönlich via Skype angerufen hat – das reicht.
(Auch wenn Herr Drosten beim Skypen ausgesprochen nett war, mir sein spöder Humor sofort gefiel und wir nebenbei amüsiert feststellten, dass wir zwar derselbe Jahrgang sind, ich aber ungleich ausgeschlafener aussehe.)

Wir gucken nur noch einmal am Tag ausführlich die Abendnachrichten, sogar mit Spezialsendung, und sogar gelegentlich im Bayrischen Fernsehen, um das lokal Neueste und Wichtigste auch noch mitzubekommen. Morgens ergänzend eine halbe Stunde Zeitungslektüre – und dann ist’s auch gut.
Mentale und psychische Hygienemaßnahme. Weil wir jetzt sehr viel Zeit hier drinnen verbringen, wollen wir manches da draußen lassen, damit noch ein paar Leerräume bleiben, die wir anderweitig füllen oder auch einfach mal leer lassen können, auch als Puffer, denn man weiß ja nicht, was noch so kommen wird, das wieder Platz, Kraft und Zeit fordert.

Der heutige Song des Tages beweist eindrücklich, dass a) Bruce Springsteen tatsächlich für jede Lebenslage ein Liedchen komponiert hat und b) es wegen a) sogar eines seiner seichtesten Werke es mal in meine Rubrik „Song des Tages“ schaffen konnte.

Ich hätte nicht gedacht, dass es je so weit kommen würde, aber das ist ja momentan bei Einigem der Fall.

As I lift my groceries in to my car
I turn back for a moment and catch a smile
That blows this whole fucking place apart
I bow down to the Queen of the Supermarket
I bow down to the Queen of the Supermarket
In diesem Sinne wünsche ich Ihnen einen erfolgreichen Wochenendeinkauf, halten Sie sich auch sonst wacker und verneigen Sie sich ruhig einmal vor der Kassiererin, die in diesen Tagen Ihre Einkäufe über den Scanner zieht.

Songs des Tages (46).

Manche der Songs umweht glatt ein Hauch von „Nebraska“ oder „Darkness“, und mit Krähenvögeln und einer 13 im Bandnamen kann eh nix schiefgehen – das waren meine ersten spontanen Gedanken, als ich mich so durchhörte durch die diversen Playlists der „13 Crowes“.

Eine ordentliche Prise Brian Fallon hier, eine große Schippe Bruce Springsteen dort. Melodiöse Melancholie, betörende Balladen und herzergreifende Hymnen wechseln sich ab mit den rauen, herben Klängen eines rockigen, fetten Gitarrensounds.

Geschichten von Verlierern und Verlorenen, denen der Rauch aus Fabrikschloten den Blick auf ein sorgloseres, freieres, selbstbestimmteres Leben vernebelt, diese atmosphäreverpestenden und seelenzermalmenden Grauschleier hängen natürlich nicht nur über den Arbeiterstädten New Jerseys, sondern auch über denen Schottlands (und auch über so etlichen gläsernen Großraumbüros unserer modernen, digitalisierten, prozessoptimierten Arbeitswelt).

Storys über das Leben, über Liebe und Leiden(schaft) – und was Lady Luck sich halt sonst noch so alles auszudenken vermag, wenn sie nach dem Malochen müde im Pub abhängt und sich dort ihr hübsches Köpfchen mit ein paar Gläsern Single Malt zurechtrückt, um sich wieder aufs Wesentliche zu besinnen.

Ein bisschen Punkrock, ein bisschen Folk und Americana, alles in allem eine recht ausgewogene Mischung, die die vier vollbärtigen, schottischen Burschen von „13 Crowes“ da präsentieren.
Nur den gelegentlichen Bon-Jovi-Touch, den hätt’s nicht unbedingt gebraucht, aber Schwamm drüber, das kann sich ja noch abwetzen und justieren, sind schließlich noch jung, die Kerle (und, herrje: hat diese Generation denn echt geschlossen das Bedürfnis, sich die Konterfeis ihrer Familienmitglieder, Exfreundinnen und Haustiere sowie deren Sternzeichen, Spitznamen und Sportvereinlogos auf all ihre Extremitäten tätowieren zu lassen?)

Und – last but not least – eine Musik, die durchaus als ein ebenso erfreuliches wie rares Fundstück zu bezeichen ist, für all die, die wie ich auf der Suche sind nach denen, die in der Lage sein könnten, in die Fußstapfen jenes Mannes zu treten, der bislang den zentralen Soundtrack zum eigenen Leben komponiert hat, einem aber dummerweise 33 Lenze voraus ist, weshalb es leider absehbar sein dürfte, dass er diesen Soundtrack nicht beständig und bis zum Ende meiner Tage wird fortschreiben können, so dass ein rechtzeitiges Umsehen nach tragfähiger Zukunftsmusik keinesfalls als ein Akt der Blasphemie, sondern als vernünftig betriebene Altersvorsorge gewertet werden muss.

Die eine, ganz große Liebe bekommt dadurch nicht den geringsten Kratzer, sie schwankt auch nicht, weil sie nun etwas in die Jahre gekommen wäre oder sich allmählich ihrem letzten, gemeinsam lebbaren Abschnitt nähert – ja wo denken Sie denn hin!?, natürlich ist das eine Sache für die Ewigkeit, sonst wär’s ja nicht diese eine, ganz große Liebe!
Sie könnte nun lediglich ergänzt werden um ein paar Liebschaften drumherum, die sie nicht von ihrem Thron stoßen, sondern nur ein wenig entlasten würden, bei denen sich aber erst noch wird erweisen müssen, welche davon wirklich das Zeug zu „mehr“ haben.

„No guts, no glory“ heißt einer der Songs von den „13 Crowes“ und so wollen wir es halten: mutig, zuversichtlich und mit offenen Ohren nach neuen Akkorden Ausschau (besser: Aushorch) halten, auf denen einst das Fundament des eigenen musikalischen Spätsommers und Herbstes errichtet werden kann.

Ein Forenbacher fällt schließlich nicht alle Tage vom Himmel, und wir wollen das Firmament ja ruhig recht gut ausstaffieren mit ein paar funkelnden Sternen, die das bossianische „Dry lightning“ adäquat umrahmen, und die all sein Licht bis zu jenem Tag, an dem es zu verblassen droht, ganz in ihre Strahlkraft aufgesogen haben werden und dann sowohl durch sich als auch mit ihm weiterleuchten, bis ans Ende meiner Zeit.

Amen.

I threw my robe on in the morning
Watched the ring on the stove turn to red
Stared hypnotized into a cup of coffee
Pulled on my boots and made the bed

Screen door hangin‘ off its hinges
Kept bangin‘ me awake all night
As I look out the window
The only thing in sight

Is dry lightning on the horizon line
Just dry lightning and you on my mind

PS:
Falls es unter der geneigten Leserschaft jemanden gibt, der am nächsten Dienstag nicht im Skiurlaub ist, sich nicht ins Faschingstreiben stürzen will und auch nicht das Champions-League-Spiel gucken muss, der möge sich bitte gern melden – ich hab noch ein Ticket übrig für das Konzert der „13 Crowes“ hier in München, das ich zum rabattierten Stammleserpreis von 13€ rausrücken täte (wahlweise auch für einen Zehner und eine Weiße).

Melden Sie sich einfach per Kommentar hier im Blog oder via Mail unter kraulquappe@web.de, und keine Sorge: Sie müssen weder Springsteen-Fan sein noch an dem Abend 20 Songs lang neben mir stehen, ich komme mit solcher Live-Musik auch wunderbar alleine klar, und Ihnen würde das ggf. auch die Peinlichkeit ersparen, offenkundig die Begleitung von derjenigen zu sein, die sich womöglich auf ein „Tougher than the rest“-Duett zu Cammy Black auf die Bühne hinaufwagt, obwohl sie wirklich tausendmal besser Schwimmen als Singen kann 😉

PPS:
Wen’s interessiert, hier noch zwei Links:
1x das reife, rauchige Destillat und 1x der neue, nachwachsende Gerstenhalm.
(Wir wollen das jetzt nicht ernsthaft vergleichen, aber ein Potenzial ist da, und ansonsten gilt auch hier: No guts, no glory!)

Für ’n Appel und ’n Ei.

München halt: Mir ham’s ja.
Hoffentlich stellen’s das Trum ned neben die Bavaria.

Der Wunschzettel.

Einfach mal durch die rosarote Brille geschaut.

*****

Gestern Abend kam der Physiker zu Besuch.
Ab und an lade ich ihn zu mir ein und bekoche ihn, um mich dafür zu revanchieren, dass er mich sonst immer einlädt.
Er isst gern italienisch und trinkt gern reichlich Weißwein, auf Desserts legt er keinen Wert und auf Espresso hat er zu verzichten gelernt, da wir hier keine Siebträger-Espressomaschine haben und zu den wenigen Menschen mittleren Alters und Einkommens gehören, die tatsächlich noch mit einer normalen Kaffeemaschine weit unter 500€ zufrieden sind.

Beim Befüllen der Cannelloni, einer der Küchentätigkeiten mit angenehm meditativem Charakter, ist stets Zeit, die Gedanken einfach mal schweifen zu lassen, während die Finger gleichermaßen routiniert wie vorsichtig die Spinat-Ricotta-Masse in die Röllchen stopfen (nein, ich nehme dafür keinen Löffel, es geht viel besser mit den bloßen Fingern, die selbstverständlich vorher und zwischendrin gewaschen werden).

13 Nudelröllchen-Füll-Prozeduren führten gestern zu 13 Gedanken, konkret: zu einem Füllhorn von 13 Wünschen. Auslöser dafür war das auf der Cannelloni-Schachtel aufgedruckte Haltbarkeitsdatum, auf das mein Blick fiel, als ich sie öffnete.

Was wird bis dahin sein? – fragte ich mich.
Was wünsch‘ mir von diesem Jahr? Und von diesem Leben? Und überhaupt?

Aber fangen wir einfach mal klein an.

*****

  1. Einen München-Olymipa-1972-Waldi als Stofftier.
    Im Zwergteckelmaß (nicht kleiner bitte) und lieber den mit dem groben Stoffbezug als den plüschigen.
    Man legte mir im Juli ’72 einen in die Wiege, 17 Jahre später rückte ihn die Mutter nicht raus, als ich sie verließ, vor 3 Jahren ist mein Waldi dann, sofern es ihn da überhaupt noch gab, zusammen mit 3.000kg undurchdringbarem, unsortierbarem Messie-Wohnungsinhalt in der Schrottpresse gelandet.
    Wie mir kürzlich klar wurde, ist das eine Wunde, die in diesem Leben noch geheilt werden muss und zwar nicht erst auf dem Totenbett.
    (Und: Nein, ich möchte als Alternative nicht den Holzdackel von Bojesen und auch keinen Wackeldackel für die Hutablage im Auto. Ich wünsch‘ mir den echten Waldi zurück!)
  2. Mehr Mut.
    Auf nix Spezielles bezogen, sondern so insgesamt.
  3. Eine Tretbootfahrt auf dem Starnberger See. Wahlweise auf dem Ammersee.
    Für mindestens 2 Stunden, möglichst in einem roten Tretboot, wenn’s geht hinten mit Rutsche (so wie das auf der Startseite dieses Blogs), gern mit Sonnendach/-schirmchen, so dass das Fräulein geschützter mitfahren kann. An sich finde ich Ruderboote schöner, aber ich bin jetzt aus dem Alter raus, in dem man die blauen Flecken, die man sich zuzieht, wenn man nach dem Schwimmen über den harten Holzrand ins Boot zurückklettert, noch locker verschmerzen könnte, sofern man mit dem ruinierten Ellenbogen überhaupt noch fähig wäre, sich aus eigener Kraft über den Bootsrand hochzuhieven.
  4. Einen Reiseführer zu Gotland in englischer Sprache.
    Halbwegs aktuell, nix Gehobenes (Kunstreiseführer o.ä.), im rucksacktauglichen Format.
  5. Einmal noch beim Brandauer in einer der vordersten Reihen sitzen.
    In einer Lesung, denn mit dem Theater war’s das jetzt wohl. So wie damals im Porsche-Salon oder in der Nürnberger Oper. Thema der Lesung ist völlig egal. Gedichte von Brecht, Faust-Szenen, Bowie – meinetwegen liest er auch das Altausseer Telefonbuch vor. Hauptsache, diese Stimme.
  6. Dass der russische Zupfkuchen im „Isarfräulein“ nicht ständig ausverkauft ist, wenn ich dort gegen 15 Uhr aufkreuze. Alternativ tät’s auch der normale Käsekuchen, aber dann bitte endlich ohne diese ekligen Dosenmandarinen.
  7. Einen Schlafsack fürs Dackelfräulein.
    Innen kuschlig, außen robust. In adäquatem Wursthundformat. Keine Püppchenfarben, keine affigen Pfötchen- oder Sternchenmuster. Waschbar bei 40°C. Leicht, gut zusammenrollbar und gern mit Hülle, so dass einem die Schmutzbrösel der Nacht dann nicht im Rucksack herumpurzeln.
  8. Ein Rezept für einen Hefeteig, das (s)ich einfach und unkompliziert auf Anhieb zu einem erfolgreichen Hefeteig umsetzen lässt.
    Ich bin eine gute Köchin, aber keine geübte Kuchenbäckerin. Ich liebe Zwetschgendatschi, aber der Teig wird bei mir stets brettähnlich, weil die depperte Hefe einfach nicht… oder der blöde Ofen…
    Egal – helfen Sie mir!
  9. Nochmal im Cabrio durchs hochsommerliche Oberland fahren, einen ganzen Tag lang.
    Das erste und letzte Mal ist nun 20 Jahre her und ich fand das damals – Umwelt hin oder her – tatsächlich großartig. Muss kein nobler Schlitten sein, aber bitte auch kein Smart Roadster oder Ford Streetka. Inklusive Sylvensteinbrücke, Eisdielen-Stopp in Lenggries (3 Kugeln: Zitrone, Pistazie, Straciatella), Füßekühlen oder Baden im Walchensee (je nach Wassertemperatur) und krönendem Abschluss-Weißbier z.B. im Biergarten von Kloster Reutberg oder auf Gut Kaltenbrunn.
  10. Jemanden, der mir zeigt, wie man Make-up so aufträgt, dass das Ergebnis nicht aussieht wie ein wächsernes Puppengesicht aus Madame Tussauds Kabinett.
    Ich bin nun exakt 46 Jahre und 8 Monate alt und habe keinerlei Erfahrung mit dem Zeugs, bin seit einigen Tagen aber der Ansicht, dass es nun gelegentlich ratsam wäre, sowas zu verwenden. Nach langwieriger Beratung (wegen Spezialhaut und diverser Allergien – ich erspar‘ Ihnen die Details) bereits ein Produkt erworben und mich 1x dran versucht und sofort alles wieder abgewaschen und dann mit gruselig rot gerubbeltem Gesicht das Haus verlassen. Nicht gut.
  11. Eine Schwarz-Weiß-Fotografie vom Wettersteinmassiv.
    Hochglanz, Querformat, mindestens 120x40cm, lieber größer. Bitte nicht den Tiroler Part des Gebirges, sondern den in Bayern liegenden. Ohne pseudo-dramatische Effekte und ohne störende Menschen drauf, die Gipfel keinesfalls in zu viele Wolken gehüllt. Gern auch bereits gerahmt, dezenter, schmaler Alurahmen (matt), hinten mit vernüftiger Aufhängung versehen.
  12. Eine Liste mit allen Hallen- und Freibädern in Deutschland, Österreich, der Schweiz, Südtirol, den Niederlanden, Schweden, Dänemark, Finnland, Island und auf den Färöer Inseln, die über ein solides 50m-Becken verfügen. Mit Öffnungszeiten, Eintrittspreisen und Hinweisen zu Parkmöglichkeiten. Bitte keine Ozon- oder Meerwasserbäder, kein FKK-Kram, keine Familien- oder Spaßbäder.
  13. Einen Verleger für mein erstes Buch.
    Männlich, grau-meliert, bebrillt (Kunststoff, nicht Metall), lässig gekleidet, klug, zuverlässig, humorvoll, tierlieb, sonore Stimme, natürliche Ausstrahlung, gern Bayer oder Österreicher (ein Norddeutscher oder ein Rheinländer ginge auch), großzügig, lebenserfahren, kein Angeber, keine Labertasche, kein Macho, gute Tischmanieren, mindestens 50, gern älter, Figur unerheblich, beruflich gesettelt, gut vernetzt und mit den richtigen Kontakten an der Hand sowie mit aufrichtigem Interesse an einer intensiven (für ihn) und lukrativen (für mich) Zusammenarbeit.

*****

Bitte sprechen Sie sich nach Möglichkeit untereinander ab.
Machen Sie sich aber keinen Kopf, falls das unpraktikabel oder unmöglich sein sollte: die Doppel- oder gar Dreifach-Erfüllung wäre bei allen Wünschen außer dem Dackelschlafsack wirklich überhaupt kein Problem für mich.

Standing on a ledge oder: Der Krebs und sein Gang.

Traf ich dieser Tage den J. wieder.
In herrlich milder Luft sitzen wir draußen und trinken Tee.
Der Name des Cafés so verheißungsvoll wie das Wetter: Der LENZ ist da (tralala & verhext & grün & hopsasa).

Lange hatte ich ihn nicht gesehen, er war sehr absorbiert. Von einem hartnäckigen Karzinom. Und noch mehr von all den Medikamenten und den Therapien vorher und nachher und überhaupt. Hatte sich sehr zurückgezogen. So sehr, dass ich das mit dem Krebs zunächst von einer gemeinsamen Bekannten erfuhr und nicht von ihm.

Normalerweise verabreden wir uns nicht, J. und ich, sondern laufen uns zufällig über den Weg (wie das üblicherweise zwischen uns war, können Sie hier nachlesen, dann sind Sie im Bilde).
Eine Krebserkrankung kann solche Verhaltensmuster schon mal verändern. Plötzlich ein Gefühl von Endlichkeit oder zumindest eines von Nicht-mehr-blind-drauf-vertrauen-Wollen, dass man einander schon – wie in den 20 Jahren zuvor – alle zwei Jahre im Park, auf der Straße, an der Isar, im Schwimmbad oder auf dem Berg begegnen würde.
Nun sitzen wir also, explizit verabredet, in einem Café. Das ist neu für uns.

Ich mustere ihn verstohlen. Ob die Krankheit ihn verändert hat. Ob sie seiner Sportlerstatur etwas anhaben konnte. Ob die grauen Locken noch dieselbe Länge und Dichte haben. Ob die Gesichtszüge andere sind als bei unserer letzten Begegnung. Ob man ihm mittlerweile sein Alter ansehen kann, ihm, dem völlig Zeitlosen und ewig Frischen.
Seine Stimme zu hören, und sie auch so gänzlich unverändert wahrzunehmen, tut mir gut. Sie gehört zu den wenigen Stimmen, die ich mit geschlossenen Augen memorieren kann und das schon seit über 30 Jahren. Ein schönes, weiches Münchnerisch, durchsetzt von ein paar Dialektsprengseln des Oberlands, vielleicht aus Mittenwald, wo J. geboren wurde oder aus Lenggries, wo er aufwuchs.
Der Blick hinter seiner John-Lennon-Brille ist noch derselbe wie eh und je, froh, wach und lebendig, nur vielleicht etwas müder geworden, aber diese Interpretation kann auch meiner eigenen momentanen Müdigkeit geschuldet sein.

Wir haben uns nebeneinander gesetzt, so können wir beide den Rücken an die Hauswand lehnen und in die Sonne gucken.
Sprechen über dies und das. Über alte Zeiten. Über gemeinsame Stationen, damals. Über den Papa, natürlich. Über das letzte Jahr. Über das Jetzt. Über den Krebs. Über den Umgang damit. Über Metastasen und Chemotherapie und Bestrahlung. Über Heilung, Chancen und Heilungschancen.

„Jetzt sitzen wir hier, wir zwei Krebse“, sagt er, „und sprechen über Krebs!“.
Er lacht verschmitzt und meint, das sei eh die ganze Zeit über seine Devise gewesen: drauf zu vertrauen, dass ein Tag komme, an dem Krebs wieder einfach nur (s)ein Sternzeichen sei, dem er keine größere Bedeutung schenken müsse. Und dass er ja momentan als geheilt gälte.
Ich frage nach, will die ganze Geschichte hören, sofern er sie erzählen möchte, denn es ist ja manchmal so eine Sache mit den eigenen Krankheitsgeschichten: sie nerven einen ab einer gewissen Wiederholung – wie eine Platte, die hängengeblieben ist – und machen einen dann bei jeder weiteren eher noch kränker als dass einem das Erzählen noch irgendeine Erleichterung verschaffte.

J. stört das nicht, er erzählt mir bereitwillig alles, chronologisch, ruhig, mit einigen Pausen dazwischen.
Wir sehen uns die meiste Zeit dabei nicht an, weil wir ja nebeneinander sitzen und Richtung Sonne blicken, das fühlt sich entspannt an. Auch daran erkennt man vertraute Menschen: dass man auch nach langer Zeit ohne Warmwerdenmüssen und ohne Holprigkeiten über alles miteinander sprechen kann, dass man sich nicht dauernd ansehen muss (es gleichwohl mühelos könnte), dass man Pausen gut aushält, dass man nebeneinander sitzen kann und sich keine Gedanken über den passenden Abstand machen muss.

Fasziniert bin ich vor allem davon, dass J. während der gesamten Chemotherapie wöchentlich 1x auf einen Berg stieg, immer am Tag vor der Infusion, immer alleine.
Einmal habe er sich im Wochentag geirrt („es war ja alles so gleich in diesen Monaten“) und da rief die Assistentin aus der Onkologie vom Rechts der Isar ihn dann auf dem Handy an und fragte, wo er denn sei.
– Draußen sei er.
Ja wo denn „draußen“, wollte sie wissen.
– Auf einem Felsvorsprung sei er, in dem Ammergauer Bergen.
Aber das dürfe er doch nicht, er solle doch zuhause sein und sich schonen oder draußen nur mit Mundschutz unterwegs sein und schon gar nicht bergauf, das sei viel zu anstrengend, viel zu riskant.
– Na das hätte er ihr auch nicht freiwillig erzählt, aber sie habe ja nicht aufgehört, ihn zu fragen.
Jedenfalls zwang sie ihn dann doch zur Umkehr, weil die Infusion noch an dem Tag hat sein müssen, also stieg er halt wieder hinab („schad‘ um die Klammspitze, ich war fast schon oben!“) und fuhr zurück in die Stadt, direkt zur Klinik.

Er legt mir die Hand auf den Arm nach diesen Worten und schaut mich von der Seite an und sagt: „Ich wusste, dass ich hinauf gehen muss. Weil ich das doch mein Leben lang gemacht habe. Seit fast 60 Jahren gehe ich immer hinauf, erst recht, wenn es hier unten beklemmend wird. Ich wusste, wenn ich das jetzt bleiben lasse und mich daheim einsperre und mit Mundschutz auf den nächsten Termin warte, dann geh ich drauf.“
(Dass er sich das an dem einen oder anderen Felsvorsprung, den er in dieser Phase passierte, ebenfalls gedacht habe, auch das verschweigt er mir nicht.)

Wir bestellen ein zweites Getränk, reden über die Berge, auf denen jeder von uns in der letzten Zeit so herumturnte, in welcher Verfassung auch immer (man hätte sich mehrfach treffen können oder zumindest zuwinken), und darüber, was das mit uns macht, und wieso man das Glück und vielleicht sogar Heilung findet, dort oben.
Denn Heilung bedeutet auch, dass man spürt, was einen noch trägt, wenn vieles aufhört, einen zu tragen.

Die Sonne verabschiedet sich aus der Ludwigsvorstadt und verschwindet allmählich hinter der Ruhmeshalle, um ihre letzte Abendrunde durch die Schwanthalerhöhe zu drehen.
Innerlich randvoll (Gedanken, Gefühle: das Leben, der Tod, der eigene Weg, die Begleiter auf diesem, die Richtungswechsel, die Sackgassen, was war, was ist und was wird noch sein können?) gehe ich nach diesen Stunden nachhause und höre mir das Lied an, das mir zum Felsvorsprung gleich in den Sinn kam (I’m standing on a ledge…) und sowieso gut zu J. passt: some kind of gypsy boy, schon immer.

Der heutige, unerwartete Wintertag lässt’s zu, das Erlebte noch in Worte zu fassen, und auch der morgendliche Termin hat wieder einen Tropfen Öl in das viel zu oft klemmende innere Schloss eingebracht, auf dass es geschmeidiger und leichtgängiger werde und der Schlüssel sich drehen möge. Rechts herum!

Gedanken, wie Hochseevögel über einer schroffen Inselschönheit kreisend.

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Durch weite Wacholdersteppen streifen wir Richtung Meer, der raue Küstenwind weht uns um die Nase, verwaiste Ställe säumen die Ränder der Schafweiden, sandige Pfade durchziehen Kiefernwälder, in denen Äste in der stürmischen Luft ächzen oder das Sonnenlicht flirrende Muster auf den hellen Boden malt.

Im Spätsommer, sobald der Großteil der Urlauber an die Schreibtische zurückgekehrt ist oder von der Schulpflicht nachhause aufs Festland beordert wurde, ist es eine Insel für Außenseiter.
Alles hier passt zu einer Art von Alleinsein, das keinerlei Aufmerksamkeit auf sich ziehen will. Auf vollendete Weise kann man tagelang allein umherziehen, völlig für sich sein.
Nicht jenes Für-Sich-Sein, dem es insgeheim darum geht, irgendein Ich oder eine Mitte zu finden (oder eine Leere oder eine Fülle), auch wenn es diese Zwecke hartnäckig zu leugnen sucht, sondern eines, das einfach entsteht: ohne eigenes Zutun, ohne dass man es initiiert oder gesucht oder auf andere Weise herbeizuführen versucht hätte.

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Eine mehrstündige Überfahrt, deren schönste Stunden die waren, in denen rundum nichts als Wasser war, Wasser und Weite, wohin der Blick sich auch wandte, überall am Horizont das Verschmelzen der Blautöne.

Nicht mehr auszumachen, wo das Meer endet und der Himmel beginnt, unerheblich auch, sich dieser Differenzierung zu widmen, wenn die äußeren Bilder das innere Erleben dazu drängen, sich ganz und gar vom Begriff „Universum“ ergreifen zu lassen, ihn neu zu begreifen oder überhaupt erstmals zu buchstabieren.

Irgendwann schiebt sich ein schmaler Streifen Land zwischen die Ostsee und den Himmel: Gotland.

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Wir verlassen den dunklen Bauch der großen Fähre und fahren hinaus ins Helle.
Es erwartet uns keine Hektik wie an so manch anderen Häfen, sondern ein überschaubarer Parkplatz und wenig Betriebsamkeit. Nur einen Steinwurf vom Fährhafen entfernt schlummern die Gässchen der hübschen, buckligen Altstadt.

Wir umrunden die Stadt auf einem Spazierweg, der durch die Wiesenhügel unterhalb der Stadtmauer verläuft, in denen das Dackelfräulein, das so brav und ruhig war auf der langen Überfahrt, sich erstmal austoben kann.
An mehreren Stellen gewährt der Weg einen Durchschlupf durch die dicke, steinerne Mauer ins Stadtinnere, einen davon nutzen wir, denn die Essenszeit naht und vor Sonnenuntergang will die abgelegene Stuga im Süden der Insel erreicht sein bzw. gefunden werden.

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In den Seitenstraßen niedrige Häuser, kühles, klares Licht, ein paar Platanen am Rand des Kopfsteinpflasters, zeternde Möwen, die sich in der Luft fetzen. Eine alte Frau in Blumenrock und Strickpullover schiebt sich langsam aus ihrer gelben Tür heraus und tritt vor ihr blaues Haus, um dort ein paar Spitzen von den roten Rosen zu schneiden.

Gelb, blau, rot, Farben fluten das Auge, dieses Schweden ist ein Land der satten und kräftigen Farben, aber auf Gotland trifft man das Bunte niemals flächendeckend, sondern es versammelt sich nur an auserwählten Orten: in der kleinen Hauptstadt der Insel oder in Lummelunda und Kneippbyn sowie auf Dorfplätzen, Friedhöfen und natürlich in den süßen Auslagen der zahlreichen Bäckereien.

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Ein erster Duft des einfachen und milden Alleinseins, das neben Pippa mein beständiger Begleiter werden wird in dieser Inselstille und das nichts zu tun hat mit dem hohlen Schmerz, der Alleinreisende manchmal in den Abendstunden befällt, strömt aus den schmalen Mauerspalten der bunten, eng beieinander liegenden Häuschen und aus den sandigen Ritzen zwischen den abgewetzten Pflastersteinen.

Ich atme ihn ein, inhaliere diesen Duft geradezu, die Lungen weiten sich, ihre Flügel werden schon nach wenigen Atemzügen freier und freier, ein Gefühl wie beim ersten Spaziergang nach einem zähen, endlich überstandenen Bronchialkatarrh.

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Unterhalb der Kirchenruine auf dem Stora Torget, dem schiefen Marktplatz von Visby, plötzlich noch ein anderer Duft.
Safranpannkaka. Allein das Wort: so saftig, süss und sonnengelb. Wenn man aber aufmerksam hinhört, warnt schon sein im Abgang spitz klingendes -kaka davor, dass diese Köstlichkeit limitiert ist: So ist es dann auch, ins Café lassen sie uns nämlich nicht hinein.
Bo utanför! – Bitte draußenbleiben!, darüber das durchgestrichene Hundesymbol, und das fast überall.

Als Hundebesitzer ist man auf Gotland zwar willkommen, gleichwohl zum Außenseiterdasein verdammt – und zwar in jeder Saison.
Miete dir also dein eigenes Häuschen, verpflege dich selbst, reise außerhalb der Hauptsaison, so dass die Strände leergefegt sind, die meisten Lokale geschlossen haben und dich und deinen Hund diese unglaubliche Stille umgibt, die nur vom Blöken der grauen Gotlandschafe, dem Kreischen der Hochseevögel oder dem Schlag der Wellen gegen die bizarren Rauken bei Slite oder die schroffen Felsen vor Högklint durchbrochen wird.

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Die Erinnerungen alle noch so präsent: die Schlaglöcher auf den krummen Inselstraßen, das leere Schwimmbad in Hemse, die klebrigen Kanelbullar aus Hablingbo, der kilometerlange Strand von Nisseviken, der fiese Dorn in Pippas Pfote bei Fidenäs, das Versäumnis mit Fårö und die Entdeckung, dass man ab Tag fünf des Inselexils (der auf Tag 12 der gesamten Reise fiel), allmählich mit Selbstgesprächen beginnt.

Kurze Sequenzen zwar nur und diese freilich nicht zur Wand hin oder ins Spülbecken oder übers Verandageländer gesprochen, sondern an den kleinen Hund adressiert, der immer neben einem ist und für nahezu alles einen wachen Blick oder ein freundliches Schwanzwedeln parat hat. Ein verlässliches Reagieren und Antworten, manchmal auch ein Auffordern und Fragen (Geh’n wir jetzt los? Spielst du mit mir?), ein so wohltuendes und selbstverständliches Bezogensein aufeinander, mehr als von so manchem Menschen zu erwarten ist, und vor allem so gleichbleibend freudig und zugewandt, so fern von jeglichem Wankelmut und Seelenzirkus, dass einem das Herz aufgeht und es ganz und gar überflüssig wird, auch nur einen Moment lang über den Unterschied zwischen Alleinsein und Einsamkeit zu sinnieren.

Jedem Blick und Kontakt dieses „Wo du bist, dort will ich auch sein, dort bin ich zuhause und zufrieden“ innewohnend, das einen ebenso trägt wie bindet, das Struktur gibt und einen bewegt, Letzteres sogar im doppelten Wortsinne.

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Die Zeit ist nicht nur die Komplizin des Vergessens, sondern auch die Kumpanin der Verklärung und Verzerrung. Manches, was nicht dem Vergessen anheimfällt, wird, je mehr Zeit vergangen ist, gern zum Gegenstand verklärender oder verzerrter Betrachtung.
In der Retrospektive und im Erinnern erscheint uns das Erlebte dann intensiver als es tatsächlich war: Gipfel werden höher, Wegstrecken länger, Verletzungen tiefer, Unwetter widriger, Liebe leuchtender, Schmerzen schrecklicher, Begegnungen einzigartiger, Gespräche bedeutender, Töne klangvoller und Farben satter.
Dieses Phänomen macht auch vor unseren Reiseerinnerungen nicht immer Halt: das Entlanghatschen des Jakobsweges wird im Rückblick tatsächlich zur ersehnten Seelenkatharsis, die Alpenüberquerung zum überfälligen Befreiungsschlag und Aufbruch in eine neue Ära, selbst ein viertägiger Kurztrip nach Passau kann – mit der falschen Begleitung, bei Dauerregen und in einer schlecht beheizten Unterkunft – zu einer Expedition in psychische und physische Gefilde werden, die denen eines Survivalcamps in der Wildnis Neufundlands in nichts nachstehen.

Ja, die Zeit (bzw. man selbst in ihr und durch sie) ist sogar imstande, die Toten in einem Licht erstrahlen zu lassen, in dem man sie zu Lebzeiten kaum je wahrnahm oder sie in der unbarmherzigen Dunkelheit des Vergessens zu versenken, was ihnen womöglich auch nicht gerecht wird.

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Gedanken, die ich niederschreibe, während ich eigentlich damit beschäftigt war, mich auf eine berufliche Unterredung in der kommenden Woche vorzubereiten, für die sich ein recherchierendes Kramen in Erinnerungen und Notizen durchaus empfahl und der es vielleicht sogar zuträglich ist, dass sich das Kramen dann verselbständigte, weil man dadurch ja nochmal richtig eintaucht in das, was damals war und sich daraus das, was nun kommen könnte oder sollte, besser herausschälen lässt.

Vielleicht verleitete auch nur das Drumherum – Sofa, Tee, Schokolade, Wolldecke mit Dackel drunter- zum gemütlich-genüsslichen Abschweifen.

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Das Wort zum Sonntag.

Pläne, Petitionen, Plätzchen, Plaque.

Das einzig Bunte im Winterhimmel über München.

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Frühmorgens, der Tag noch gänzlich unverletzt und unbesudelt, den Kalender für 2019 gewälzt, um passende Reisezeiten zu finden für Gotland 2.0. Erster Orientierungspunkt: die über zwei Monate dauernden schwedischen Sommerferien. DA NICHT. Das skandinavische Sylt wollen wir in aller Ruhe aufsuchen, damals war’s September, das war toll und die zahlreichen geschlossenen Lokale eh wurscht, weil die wenigen offenen uns wissen ließen, dass Hunde sowieso überall unerwünscht sind.
Hunde reduzieren die Optionen auf Reisen oft auf ein Minimum, das erleichtert die Planung und die Tagesgestaltung enorm.
Bleibt nach Beachtung anderer Termine und unter Einbeziehen von Klima- und Mückentabellen eigentlich nur Ende Mai bis Anfang Juni oder Ende August bis Anfang September übrig. Irgendwie wird sich der Traum von der Sommerfrische daraus schon zusammenbasteln lassen, ist ja noch ein Weilchen hin.
Mögliche Reisetermine dann gleich der Agentur mitgeteilt, den Namen der dortigen Kontaktperson mühsam reinkopiert (wegen der slawischen Sonderzeichen), dann ein bisserl rumgebastelt an der Antwort auf die Frage, was denn bei der Programmplanung zu beachten wäre – „da Sie ja mit Ihrem Hund anreisen“ – es aber dann doch aufs Wesentliche beschränkt (Beachtung der Gassizeiten, Natur besser als Stadt, Unterkunft mit Wiese vor der Tür, gern auch den Strand vor der Nase).

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Mitten in die Schreibtischarbeit hinein klingelt es und ein Jungspund von der Rolladenfirma, die hier seit August einen „Panzer“ (wie die Jalousie unter Fachleuten genannt wird) samt Zugband austauschen will, steht vor der Tür. Er schickt sich an, in nassen, verdreckten Stiefeln die Wohnung zu betreten. Wir klären das kurz und als der junge Mann sich sodann in die Hocke begibt, um sein triefendes Schuhwerk abzulegen, beschließt das Dackelfräulein, dass es sich um einen neuen Spielgefährten handeln muss, wenn der da schon so einladend kniet und einen halb geöffneten Werkzeugkasten neben sich parkt.
Mit dem neuen Zugband im Schnabel, das sich auf stolze 30 Meter ausrollen lässt, wenn man es nur heftig genug schüttelt und durch den Flur schleift, wird dem Handwerker der Weg ins Wohnzimmer gewiesen.
Nach 35 Minuten ist der Spuk vorbei, mechanisch sauge ich den Dreck weg, der beim Bohren und Montieren entstanden ist. Schon wieder verschwitzt, aber von Gesundheitlichem soll hier und heute nicht weiter die Rede sein.

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Beim Mittagessen mit B. zunächst eine lästige Diskussion mit der ziemlich ahnungslosen, asiatischen Bedienung, die unsere Nachfrage, ob es wirklich sein könne, dass von 16 Gerichten auf der Mittagskarte nur ein einziges vegetarisch sei, mit Dauergrinsen und Kiekslauten beantworten möchte, womit wir sie natürlich nicht davonkommen lassen. Aber es hilft nichts: der lauwarme Linsensalat ist das einzige Angebot und kann uns gestohlen bleiben. Wir bestellen notgedrungen ein sauteures, vegetarisches Gericht von der normalen Karte.
B., der sein Haus gerade abbezahlt hat, meint, das sei jetzt schon drin, und ich freue mich über die Einladung.
Das dampfende Wokgemüse an Basmatireis schmeckt super, beinahe gelingt es uns – konzentriert aufs leckere Essen und unser Gespräch über wichtige Lebensdinge – das proppenvolle Lokal samt seiner ohrenbetäubenden Akustik auszublenden.
Da bläst es plötzlich eine Sequenz an Sätzen vom Nachbartisch herüber. Ein Business-Bürscherl mit Toni-Kroos-Frisur und zu kurzen Anzughosen brüstet sich vor seinen drei Kolleginnen lautstark damit, gestern die Petition für die Umbenennung der Schamlippen in Vulvalippen unterschrieben zu haben (ich habe noch nicht gegoogelt, ob es die wirklich gibt, also die Petition!). Die Kolleginnen gucken verschämt in ihr Gulasch, eine errötet leicht. Mindestens 10 Paar Augen von benachbarten Tischen sind auf das Bürscherl gerichtet, dem man, wenn man ihn sich so ansah, speziell diese Unterschrift definitiv nicht zugetraut hätte.
Fast noch überraschender: des Bürscherls Nachtrag, dass das doch eine gute Sache sei, weil Sprache ja schließlich die Wirklichkeit formen würde, und wie die Damen das denn sähen. Aber die sahen lieber weiterhin in ihre Teller. Das Aufsehen fand drumherum statt, bis dann alle wieder wegsahen.

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Auf unserem grauen und etwas drögen Spaziergang begegnen wir dem Mann mit dem uralten Hund. Die Hinterläufe sind erlahmt und in eine rollstuhlartige Konstruktion hineingeschnallt, die es dem Hund ermöglicht, sich langsam, aber eigenständig fortzubewegen. Der Hund wirkt gebrechlich, aber nicht leidend, nicht mal tapfer oder hadernd, sondern weitgehend mit seinem Schicksal im Einklang.
Mit einer Engelsgeduld begleitet der Mann seinen greisen Gefährten, hetzt diesen nicht, sondern lässt ihm Zeit zu schnuppern und seine Geschäfte zu verrichten. Dreimal am Tag, dreimal diese wenigen Meter, die der Hund noch schafft. Der Anblick der beiden rührt mich jedesmal zu Tränen, zu deren Vergießen es aber nie kommt, weil ich mich schon bei der ersten Aufwallung in Grund und Boden schämen muss: das Dackelfräulein verbellt den altersschwachen Artgenossen nämlich sofort voller Inbrunst. Jedes Mal. Alles, was vom normalen Phänotypus „Hund“ abweicht (Verband, Amputation, Humpeln, Gehhilfen, Leuchthalsbänder etc.), erregt ihren Unmut aufs Heftigste. Manchmal ertappe ich mich dabei, wie ich ihr spontan einen dämlichen Satz wie „Pippa, das macht man nicht!“ oder „Spinnst du? Der ist doch nur alt!“ zuzischen. Überhaupt ist es erstaunlich, dass ich mir nach bald 7 Jahren Hundhaben immer noch nicht dieses absurde Kommunikationsverhalten abgewöhnt habe, ihr mehrere Sätze am Stück mit gänzlich unbekanntem Vokabular vorzusetzen, anstatt die Botschaft auf ein schlichtes (und zumindest theoretisch bekanntes) „Nein!“ oder „Schluss!“ zu beschränken.

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Nach der Steuererklärung ist vor der Steuererklärung. Ich forste Ordner durch, werfe weg, hefte um, lege ab.
Dezember, das bedeutet Ausmisten, Abschließen, Sortieren, Aufräumen, Vorbereiten, in den Keller gehen (und zwar nicht nur in den des Mietshauses, sondern auch in den Seelenkeller, erst recht, wenn man den ganzen November lang noch nicht dort unten war).
Wenn ich das diesmal flott hinter mich bringe, dann backe ich glatt noch ein paar Bleche Plätzchen. Die von Rischart schmecken zwar phantastisch, sind aber zu teuer. Und der Papa wird dieses Jahr erstmals keine mehr liefern, zu stark zittert nun der rechte Arm und bevor die Vanillekipferl Hufeisengröße annähmen, ließe er es lieber bleiben, sagt er mir heut am Telefon mit müder Stimme.
Ich bin jetzt dran!, denke ich und sehe mich schon, wie ich puderzuckerbestäubte Kipferl Schicht für Schicht, mit zugeschnittener Zellophanfolie dazwischen, genau so wie er es immer tat, in die große, ovale Dose packe, die er mir jedes Jahr übergab. Die mit den Engeln der Sixtina drauf, ein Motiv, das ich eigentlich nie mochte, obwohl es über die Jahre zum Symbol geworden war für die Plätzchen vom Papa und beinahe den Pawlowschen Reflex auszuösen imstande war.

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Limited edition, Farbton „Karies“.

Am frühen Abend raffe ich mich trotz hämmernder Kopfschmerzen auf und gehe hinunter zu Nachbar K., denn sein Name steht auf der DHL-Benachrichtigungskarte, die seit heute Mittag an meiner Tür klebt.
K. ist in der Finanzbranche tätig und normalerweise von frühmorgens bis spätabends außer Haus. Ich lege mir auf dem Weg in den ersten Stock ein Intro-Sprüchlein zurecht („Na, hoffentlich Urlaub und nicht krank?“) und läute.
K. hat weder Urlaub, noch ist er krank, nein, er macht Homeoffice. Weil er gerade an einer Studie arbeiten müsse und dafür Ruhe bräuchte. Außerdem müsse er seine Frau entlasten und den Wocheneinkauf erledigen. Wozu er aber nicht gekommen sei, weil der DHL-Bote 10 Pakete bei ihm abgestellt hätte, die nun den ganzen Nachmittag über von diversen Nachbarn abgeholt worden wären. Mit jedem ein Viertelstündchen geratscht, so ginge der Tag auch rum. Wir erhöhen auf 20 Minuten, dann bekomme ich einen Niesanfall, nehme mein Päckchen und verabschiede mich.
Nebenbei: Amazon ist manchmal der Wahnsinn. Gestern Abend um 23:30 Uhr eine elektrische Zahnbürste bestellt (die alte hörte sich seit Wochen wie ein kaputter Rasenmäher an und gab gestern um 23 Uhr, am Backenzahn unten links angekommen, endgültig den Geist auf), heute ist das Ding schon da. Wie geht das bloß?
Mit im Karton: die einzigen Socken, in denen ich nie kalte Füße habe. Bergsocken von Veith (aus dem Allgäu zwar, aber Wolle ist ja gottseidank schweigsam). Es gibt nichts Besseres fürs klamme Frauenflossen.

Sauber und warm kann der Tag nun enden.
Eine Nacht mit mehr als 5 Stunden Schlaf am Stück wäre auch mal wieder was. Schließlich habe ich dem Dackelfräulein fest versprochen, dass wir morgen – grippaler Infekt hin oder her – nach gefühlten Ewigkeiten endlich mal wieder zusammen ausfliegen.

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Großstadt-Dackel, etwas depressiv.

Eine Nachlese oder: Fröstelnd sitz‘ ich auf der Couch und blättere.

Eine Sitzordnung hatte er sich überlegt. Das gab’s noch nie, aber gut war’s.
Denn wohldurchdacht war sie, diese Sitzordnung, da die Egozentriker und Plärrer ebenso wie die Kinder unter 3 Jahren einigermaßen weit von mir entfernt saßen, den Gatten hatte ich schräg gegenüber, so dass man sich bei Bedarf (akute Anstrengung, sporadische Fluchtüberlegungen, temporärer Ekel ob der schier unglaublichen Fleischmengen auf den Tellern) unkompliziert per Blick über die Gefühlslage verständigen konnte, rechts neben mir den Jubilar höchstselbst (sehr schön, mal wieder so lang und nah nebeneinander zu sitzen) und zu meiner Linken den langjährigen, beruflichen Weggefährten des Papas (einen pensionierten Oberstudienrat aus Passau mit einem poltähnlichen Humor und seiner so warmherzigen Klugheit), der mich fast ebenso lang kennt wie der Papa.

Die beiden waren über 40 Jahre in beruflichem Kontext sowas wie ein eingespieltes Ehepaar, der Niederbayer in seiner Funktion als ehrenamtlicher Vorstand, der Papa in seiner hauptberuflichen Tätigkeit als Geschäftsführer, alles Wichtige gemeinsam erlebt, entschieden und umgesetzt, zig Dienstreisen rund um den Globus, von all den Weihnachtsfeiern, Grundsteinlegungen und Jubiläen gar nicht erst zu reden.
Über alle Maßen gerührt war ich, sie nun einmal als befreundete ältere Herren zu erleben. Sie umarmen sich jetzt zur Begrüßung und duzen sich sogar seit dem gemeinsam vollzogenen Eintritt ins Rentenalter – und im Laufe des Abends trug Herr W. auch mir in seiner unverwechselbaren, niederbayrischen Direktheit an, ich möge ihn doch fortan beim Vornamen nennen: „Mia zwoa dean jetzd a amoi Du sogn: I bin da Otto!“.
Nach über 40 Jahren ist das schon ein Schritt und ich gebe zu, dass es für mich völlig ok gewesen wäre, wenn die Duzerei weiterhin einseitig geblieben wäre und ich weiterhin „Herr W.“ hätte sagen können. Aber mei, nun eben „Otto“, der Papa strahlte als er’s mitbekam und daher soll’s mir recht sein.

Ich sitz‘ da also so den lieben langen Geburtstagsfeierabend über zwischen den zwei alten Männern, fühle mich zeitweise, wenn ich sie beide mal nicht ansehe und sie nur so über meinen Kopf hinweg reden höre, zurückversetzt in uralte Zeiten, an die ich auf diese Weise ewig nicht mehr dachte. Stimmen ändern sich ja meist nur wenig oder gar nicht im Laufe eines Lebens: Herr W. Otto hört sich an wie eh und je und die Stimme des Papas wird nur ab und an vom Parkinson etwas gebremst und in Einzellauten zerquetscht. Wie oft ich das Duett dieser Stimmen in meinem Leben hörte, schon als Kind!

Am späteren Abend, die gehaltvolle Bayrisch Creme lässt allmählich auch jenen Teil der Gäste spürbar in die Sitzgelegenheiten sinken, der dort noch nicht dank des Veltliners oder Zweigelts hineingesunken ist, tippt mich der Papa am Unterarm an, drückt mir unterm Tisch und beinahe verstohlen seinen Autoschlüssel in die Hand und raunt mir zu: „Hinterm Fahrersitz, da liegt was für dich, geh mal raus und nimm es an dich.“.
In meinem viel zu dünnen Kleidchen (ich besitze keine Auswahl an „Festgarderobe“, muss daher Jahreszeiten ignorieren) trete ich hinaus in die klare, eiskalte Herbstnacht und öffne den Wagen. Auf der Fußmatte hinter dem Fahrersitz liegt ein großes, schweres Fotoalbum. Noch im schwachen Licht der Parkplatzbeleuchtung klappe ich es auf und sehe an der Widmung: Es ist das Album, das man ihm nach 44 Jahren gebastelt und mit in den Ruhestand gegeben hatte.
Ein ganzes (Berufs-)Leben, zwischen in dunkelrotes Leinen eingebundene Albumdeckel geklebt.

1974 in München-Bogenhausen: Gefeiert hat er früher sehr gern, der Herr Vater.

Wieder in der warmen Gaststube angekommen frage ich den Papa, wieso er mir das vermachen möchte, es sei doch sein Erinnerungsalbum an sein Berufsleben.
„Du bist in dem Album auch mit drin“, antwortet er, „Du warst da ja immer viel mit dabei“ und außerdem sei er seit einiger Zeit dran, sich von vielem zu trennen, was er eh nicht mit ins Grab nehmen könne und Ausmisten müsse man schließlich, so lange man noch alle Tassen im Schrank und zwei einigermaßen gesunde Arme habe. Und außer mir würde dieses Album ja sowieso in ein paar Jahren niemanden mehr interessieren – deshalb gäbe er es mir eben jetzt.
Momente, in denen ich nicht nur zweimal schlucken muss bevor ich wieder einen Ton rausbringe, sondern auch gefährdet bin, mir meine Unterlippe mal wieder blutig zu beißen – es ist jenes Phänomen „Eine altbekannte Wunde durch eine andere toppen“, damit’s in dem Augenblick lieber anderswo weh tut als dort, wo es eigentlich schmerzt, vielleicht kennen Sie das ja auch (ich kannte mal jemanden, der sich die Daumenkuppe blutig biss und einen anderen, der sich eine Narbe im Nacken aufpulte, in diesen Sekunden oder Minuten akut drohenden inneren Zerberstens).

Ich beginne, es durchzublättern, Herr W. Otto und der Papa gucken mir links und rechts über die Schultern und rufen ein paarmal abwechselnd „Oh!“ und „Meine Güte, weißt du noch…?“ und „Ach, das war ja damals in … mit … und …!“ (Herr W. Otto alle paar Seiten in Original-Polt-Manier noch ein „Ja mei, schau, der Ding, der is a scho lang nimmer da!“).
Der Papa sagt zu mir „Guck, das bist du, bei der Faschingsfeier im Büro!“ und ich sehe mich gar nicht vor lauter Starren auf seine Maskerade damals, er ging als Gespenst und ich erinnere mich an die Mutter, wie sie ihn so toll zurechtschminkte, er auf einem Hocker im Bad sitzend, sie auf dem Wannenrand vor ihm, und sehe das weiße Gewand, das sie genäht hatte für diesen einen Abend, der noch in einer Zeit lag, in der alles noch in Ordnung war oder zumindest noch nicht sichtbar in Unordnung, so unendlich lang ist das alles her!, ein paar Seiten später bin ich schon als semesterferienjobbende Studentin zu sehen, das rupft er sich raus, das Bild, ganz spontan will er das doch noch behalten.

Eine Zeitreise durch 40 Jahre, in etwa auf ebenso vielen Seiten, wir reisen nicht bis zum Ende, sondern steigen mittendrin aus, ich klappe nämlich das Album zu bevor wir zu dem Foto aus Mittenwald gelangen könnten, das die Einladungskarte zu seinem Ausstand zierte und von dem ich sicher bin, dass es nicht fehlen wird in dieser Sammlung: der korpulente Mann mit weißen Löckchen auf den dortigen Buckelwiesen stehend, mit dem noch korpulenteren Karwendelgebirge im Hintergrund (und natürlich dem Herrn W. Otto an seiner Seite).
Keine Ahnung, warum ich das Bild an dem Abend auf keinen Fall sehen möchte, aber irgendwie meine ich zu spüren, dass es den beiden Herren neben mir ähnlich ginge.

Szenen einer Ehe: links Otto, rechts Papa (im Hintergrund das Karwendel), 2008.

Am Morgen nach der Feier fröstele ich.
Zunächst schiebe ich es auf das Morgengassi, das einem erstmals nach einem gefühlt ewigen Sommer und ausgehnten Spätsommer nun bei gruseligen null Grad sehr unangenehm in die Knochen kriecht.
Als wir Richtung München fahren und das Frösteln trotz Sitzheizung nicht nachlässt, verdächtige ich die zu kurze Nacht und das zu fettige Essen. Zuhause wird es dann noch schlimmer.

Mittlerweile läuft in allen Zimmer die Heizung und ich friere dennoch.
Es sind nicht nur die kalten Finger und Füße, nein, es ist ein inneres Zittern und Bibbern. Es ist dieses Album, das ich mir zwischenzeitlich viermal alleine und in aller Ruhe angesehen habe, das Betrachten dieses ganzen langen Lebens meines Vaters, und das Gefühl, tatsächlich so gut wie alle seine Stationen miterlebt zu haben und dieses Wissen, dass nicht mehr allzu viele Stationen folgen werden (der Papa pflegt seit Jahren bei Neuanschaffungen zu witzeln: das ist jetzt die letzte Matratze vor dem Heim / das ist der finale Langstreckenflug vor der Pflegestation).

Fröstelnd sitz‘ ich auf der Couch und blättere.
So wärmend und wunderbar viele dieser Erinnerungen auch sind, so klamm und kalt kleben sie da zwischen all diesen Seiten eines gelebten Lebens, von dem ich ein Teil war und bin und immer sein werde, und an dem ich Anteil hatte und nehme und das weiterhin tun werde, bis es eines Tages eben vorüber sein wird.

Manche Farben auf den Bildern leuchten noch, andere wirken vergilbt und unwirklich. Alles ist vergangen und zugleich ist alles noch da.
Mein Gedächtnis ein Elefant, den ich gelegentlich zu gern mit einem gezielten Speerhieb erlegen würde (und doch auch wieder nicht).

Als ich das Album ins Regal stellen will, rutscht aus dem hinteren Einband plötzlich ein lose hineingestecktes Foto heraus und fällt zu Boden. Er muss es dort für mich platziert haben, denn zufällig ist es da nicht gelandet und es kann auch nicht dem Fundus seiner Mitarbeiter entstammen, die ihm das Album gebastelt haben.
Ich hebe es auf und betrachte es lange. Es zeigt den Papa mit einer sehr selten an ihm gesehenen, so versonnenen und verzückten Miene (über das Leopardenleiberl wollen mir mal hinwegsehen, das ist unwesentlich!), und er hält etwas ungelenk eine Frau im Arm.
Nein, es ist nicht die Mutter, die da im Kölner Karneval mit gesenkten Lidern und so hübsch beschleift neben ihm sitzt, sondern es ist die Studienfreundin. Meine Patentante.

So war das also, irgendwann in den späten 1960er Jahren im Rheinland.

Für einen Augenblick weicht das Frösteln einer herzenswärmenden Aufwallung:
Glücklich war er also doch manchmal, auch außerhalb des Berufs, wie schön.

[Jetzt hat es sich dann auch erstmal ausgepapat, ich verspreche es Ihnen, ehrlich: Sie müssen jetzt nicht fortwährend diese Rührstücke ertragen, obwohl der erste Herbststurm, der hier gerade durch die Ludwigsvorstadt fegt und sich so aufführt, als wolle er die Lindenallee vor meinem Fenster heute noch komplett entlauben, durchaus imstande wäre, noch ein paar weitere Rührstücke an die Oberfläche zu befördern, aber zumindest an der Papa-Front und für heute lassen wir’s mal gut sein und lenken uns nun mit deutlich emotionsloseren Arbeiten rund um die Renovierung der Türen und Türrahmen hier im neuen Heime ab und versuchen, den heute begonnenen türlosen Tagen irgendwie ein Gefühl von Behaustheit abzuringen, morgen eine Mittagseinladung zum Italiener, übermorgen vielleicht und hoffentlich ein Besuch und am Freitag kommen die Türen ja auch schon wieder nachhause.]

Einen wohligwarmen Abend wünscht Ihnen –
Die Kraulquappe.

Zeichen erkennen.

Schulds(ch)ein für 1€.

(Ja um Himmels Willen, dann aber mal nix wie weg hier!)