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Ein dänischer Ritt durch die menschliche Seele.

Während der Sommerzeit herrscht im Hause Kraulquappe ja üblicherweise Serienpause. Sollten ein paar Sommerwochen am Stück allerdings überwiegend kühl und verregnet sein, wird auch mal eine Ausnahme gemacht und die Pause unterbrochen.

Mitten im Anfangaugustregen kredenzte der häusliche Serienbeauftragte eine deliziöse, dänische Delikatesse: die Kurzserie „Helden am Herd“.
Ganz wunderbaren Gestalten, deren Beziehungen und Karrieren von der Abrissbirne des Lebens oder des eigenen Unvermögens teils recht übel zermalmt wurden, kann man da beim Schnippeln, Saufen, Schnupfen und vor allem beim fortgesetzten Scheitern zugucken.
Begleitet wird dieses skurrile, mehrgängige Menü menschlicher Misserfolgsstorys von einer Lakonie und einem Humor wie sie so typisch sind für den Erzählstil der Filme aus diesem nur vordergründig hyggeligen Nachbarland und – nicht zu vergessen – von der grandiosen Figur des Psychopathen und Provinzmafiosos „Zahnfee“, gespielt von einem meiner dänischen Lieblingsschauspieler, Nicolas Bro.

Am gestrigen Sonntagabend nun, nach längerer Filmabstinenz, ein weiterer dänischer Ritt durch die menschliche Seele (resp. deren Abgründe): „Helden der Wahrscheinlichkeit“.
Nicolas Bro auch diesmal wieder mit von der Partie, als Augenweide Hauptjockey hat Regisseur Anders Thomas Jensen allerdings Mads Mikkelsen in den Sattel gesetzt. Nebenbei bemerkt: eine ausgesprochen gute Entscheidung, den Mikkelsen diesmal mit Vollbart antreten zu lassen, denn so stört nicht mal mehr die dauerfeuchte Unterlippe den Anblick des ansonsten mit zunehmendem Alter immer markanter und ansehnlicher daherkommenden Dänen (wir berichteten hier zum letzten Kinofilm, bei der er die Hauptrolle bekleidete).

Ebenfalls wieder mit dabei, wenngleich nicht auf der Leinwand, sondern davor: das Dackelfräulein.
Es ist ihr zweiter Kinobesuch, auch diesmal schlägt sie sich ganz hervorragend. Nur sollten wir ihr vielleicht auch mal andere cineastische Kost anbieten als skandinavische Seelengräbereien, nicht dass die zarte Zamperlpsyche daran noch Schaden nimmt – gerade zum gestrigen Welthundetag hätte sie sich ja eigentlich etwas Hundeherzenerfreuenderes verdient gehabt: zum Beispiel Steak und Pansen – statt Statistik und Paranoia.

Ja, auch in diesem dänischen Streifen gibt es sie, die lakonischen und humorvollen Momente. Verkorkste Zeitgenossen sowieso. Aber es ist auch viel Bitterkeit und biographischer Ballast mit an Bord (es geht um große Verletzungen und Verluste und die noch viel größere Frage, wie man sein Leben damit bzw. danach wieder in den Griff bekommt) sowie heftige Rachegelüste à la Hamlet, die ja, wenn sie denn ausgelebt werden, selten gänzlich gewalt- und gemetzelfrei über die Bühne gehen.

Die wilde, fast wahnhafte Selbstjustiz, mit der der Hauptdarsteller mit Hilfe seiner schrägen Kumpanen das U-Bahn-Attentat (sofern es denn eines war und nicht doch „nur“ ein grausamer Zufall), durch das er seine Frau verlor, zu rächen sucht, kann die Wunden, die das Unglück geschlagen hat, keineswegs heilen. Und ein Sinn, gar ein tieferer, lässt sich dem Unglück ebenfalls keiner abringen, so sehr man ihn auch herbeisehnt, um Erlösung zu erfahren. Erlösung von der kaum zu ertragenden Zufälligkeit mancher Widerfahrnisse, Erlösung auch von der Bedeutungslosigkeit des eigenen Opponierens gegen das Geschehene sowie der Gnadenlosigkeit der uns aufgebürdeten Ohnmacht angesichts solcher Schicksalsschläge.

Helden sind jedenfalls weit und breit keine zu sehen, der Filmtitel daher etwas daneben (oder einfach nur schlecht übersetzt). Vielmehr treffen wir in Jensens neuestem Werk auf einen Trupp Antihelden, einer verstümmelter, traumatisierter und dissoziierter als der andere, dem es schließlich nur als Team und durch das Überwinden gruppendynamischer Gräben und Passionswege gelingt, zu Milde und Mitgefühl mit sich selbst und anderen – und damit zur Menschlichkeit – zurückzufinden.

Tja. Something is rotten in the state of Denmark, wie es schon bei Shakespeare hieß. Und nicht nur in Dänemark, sondern natürlich überall dort, wo des (Seelen-)Lebens komplexe Kämpfe wüten und wir einsehen sollten, dass wir uns manchmal nicht im Alleingang aus den Fesseln des Fatums und den Zerrüttungen, die der Zufall uns in den Weg wirft, befreien können, sondern ganz unbedingt auf Unterstützung – und damit aufeinander – angewiesen sind.

4 Kommentare zu “Ein dänischer Ritt durch die menschliche Seele.

  1. Danke für diese Empfehlung, die Dänen können es halt. Werden wir uns mit Sicherheit anschauen.

    Gefällt 2 Personen

  2. evaannacarola

    Hört sich überzeugend an, aber ich warte, glaube ich, einen Tag ab, der gut war für mich. Klingt mir ein wenig zu realistisch für fürs leichte Abendvergnügen.

    Gefällt 1 Person

    • Wahrscheinlich kann es nicht schaden, sich den Film mit nicht allzu instabilem Nervenkostüm zu Gemüte zu führen. Wünsche dir einen schönen Kinoabend und sende liebe Grüße aus München!

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