Die Darmspiegelung oder: A Rua is.

Nach etlichen Tagen des strohwitwernden Hundhabens hatte ich gestern meinen wohlverdienten hundefreien Tag.

Während der Erledigung diverser Arbeiten im Haushalt und am Schreibtisch beschloss ich, mir nachmittags einen Saunabesuch zu gönnen. Wärme und Ruhe täten dem entzündeten Ellenbogen, mit dem ich seit Wochen rumziehe, bestimmt mal ganz gut (und mir sowieso).
Ich fahre zu meinem Lieblingsbad, dem einzigen Münchner Bad, das ganzjähriges Open-Air-Schwimmen im 50m-Becken ermöglicht, um die Unternehmung gleich noch mit einer Runde Schwimmen kombinieren zu können und freue mich wie ein Schnitzel auf die vor mir liegenden 4 Stunden.

Beim Betreten des Bades fällt mein Blick auf eine Hinweistafel neben dem Eingang: „Heute ganztägig Damensauna“.
Nun gut, denke ich, wird schon gehen, so in der Vorweihnachtszeit, wo doch alle so vielbeschäftigt sind.

Ich bin kein Freund von diesen Frauentagen. Zwar bieten sie den Vorteil, sich unbehelligt von gelegentlich vorkommendem verstohlenen oder unverhohlenen Geglotze überall einseifen, abtrocknen und eincremen zu können sowie in der Sauna liegend ganz entspannt auch mit angewinkelten Beinen vor sich hin zu schwitzen ohne zuvor sorgfältigst den passenden Liegeplatz (und das Gegenüber) auszuwählen, aber das war’s dann auch schon mit den Vorteilen dieser Frauentage. Denn in erster Linie sind sie: überfüllte und laute Horte entgrenzter Schamlosigkeit.

Aufgekratze, kichernde Mädeltrupps, rudelweise ratschsüchtige, kiloweise mandarinenschälende Rentnerinnen und grimmig dreinblickende, männerfürchtende (und nicht selten für Männer zum Fürchten aussehende) Trullas aller Altersklassen bevölkern die Saunaanlage an diesen Frauentagen. Dazwischen vereinzelt ein paar Ruhesuchende oder aus Versehen Hineingeratene, verzweifelt nach Erholung suchend.
Es wird geschnattert, gefuttert, gebröselt, gegackert, geschmiert, gepeelt und geshaved, was das Zeug hält. Letzteres artet an diesen Tagen, an denen frau unter sich ist, völlig aus: Die Duschräume verkommen zu einem rutschigen Parkour durch glibberige Rinnsale aus wegrasierten Haaren aller möglichen und unmöglichen Herkunftsorte. Die albernsten Verrenkungen bei gegenüber oder nebenan Duschenden sind zu beobachten, und man darf schon froh sein, wenn einem nicht irgendein Schlonz, der gerade behände mit dem Lady-Shaver vom Nachbarbein abgezogen wird, an die eigene Wade spritzt. Ein Treiben, dem ein paar im Duschraum anwesende Männer sofort Einhalt zu gebieten wüssten – durch ihre bloße Präsenz würden die sich im Herumwerkeln krümmenden Leiber sofort wieder aufrichten, den Rasierer dort lassen, wo er hingehört (unter der heimischen Dusche) und sich stinknormal waschen.

Gestern scheint es zunächst so, als könne ich diesen Szenarien entkommen, denn anhand der noch freien Garderobenschränkchen stelle ich aufatmend fest: Allzu voll ist es noch nicht. Prima. Genüsslich breite ich mein Badetuch in der Sauna aus. Nur eine Frau dampft eine Etage über mir vor sich hin. Ich strecke mich aus und schließe die Augen. Sekunden später fliegt die Tür auf und Elvira tritt ein, als diese wird sie umgehend und lautstark von der über mir Schwitzenden – Margot heißt sie – begrüßt.
Die beiden beginnen einen dieser Saunadialoge, bei dem man Hoffnung auf ein schnelles Ende hegen kann.
Elvira: „Sakradi, is des wieda hoaß da herin!“
Margot: „Ja, es san weit über 90 Grad heid!“

Leider kennen sich die beiden offensichtlich schon länger, so dass diese Hoffnung sich alsbald zerschlägt. Es geht zunächst um Weihnachten und wer wo eingeladen ist oder welchen Besuch erwartet und was es zu Essen geben soll oder ja nicht schon wieder geben darf. Dauer dieser Sequenz: ca. 3 Minuten. Die Lautstärke steigert sich bei jedem Satz, was auch daran liegen mag, dass Margot sich währenddessen angestrengt schnaufend mit einem Sisalhandschuh den Schweiß abbürstet.
Das nächste Themenfeld ist das jeweilige Befinden, resp. Krankheiten. Elvira und Margot dürften, in der schummrigen Gnade des Saunalichts betrachtet, wohl um die Ende 60 sein, demnach gibt es da natürlich Einiges mitzuteilen. Rücken, Knie und Hüfte lasse ich noch tapfer über mich ergehen. Dann aber rückt Margot damit raus, dass ihr noch vor Weihnachten eine Darmspiegelung bevorstünde. Wegen dieser Sache am Dickdarm, woaßt scho, und weil die eine Behandlung ja nicht angeschlagen habe, „da will da Doktor doch nochamal genauer hischaun“, ihr tät‘ es jetzt schon grausen vor der Abführerei. Elvira antwortet, wie es so typisch ist für diese Gespräche, in denen jeder nur seins loswerden will, mit der Story zu dem Furunkel, den sie neulich am Steiß gehabt habe und wie langwierig das gewesen sei und das Aufschneiden ja so schmerzhaft (die Narbe bis heute eitrig und nässend).

Da reicht es mir. Ich richte mich auf und sage höflich, aber bestimmt zu den beiden, dass ich es schön fände, wenn sie ihre Unterhaltung draußen fortsetzen könnten, dabei deute ich auf ein hinter Elvira hängendes Schild, das dort schon seit Jahren stumm und vergeblich um Ruhe zu bitten versucht. Ein bajuwarisches Donnerwetter – noch heftiger als Darm-Malaise und Furunkel-Eiter – ist die Quittung dafür. Was mir einfiele, wo wir denn da hinkämen, wenn man sich in der Sauna nicht mehr unterhalten dürfe, warum mich das überhaupt störe und dass sie sich unterhalten würden, wo immer sie möchten.
„Mir red’n da herin seit 40 Jahr‘ und wenn eana des ned bassd, dann gehns hoid aussi!“

Ein Wort gibt das andere, bis ich mich schließlich erhebe und die beiden keifenden Weiber, die mich mittlerweile wegen meines Nicht-Dialekts als Zugroaste, die da herin eh nix verlorn hat beschimpfen, mit ihren Gebrechen in der Hitzekammer hocken lasse.
Ich gehe Schwimmen, extra lang, denn im Wasser ist es still, herrlich still. Einer der Gründe, weshalb ich das Schwimmen so liebe: Diese Ruhe, dieser Rhythmus, das Monotone, die Schwerelosigkeit.
Das nächste Mal, denke ich beim Bahnenziehen, gehe ich wieder an gemischten Tagen in die Sauna oder aber in Begleitung einer Freundin, mit der es sich zwischen den Saunagängen ebenfalls ratschen lässt, denn anders ist das ja nicht zu ertragen. Eigentlich wird es höchste Zeit, mal Freunde zu finden, die ein Eigenheim mit einer Sauna im Keller haben.

Auf dem Rückweg vom Becken zum Saunabereich laufe ich meinem Lieblingsbademeister über den Weg, Typ Bayrischer Bruce Willis in den 40ern. Er hat heute Saunameisterdienst, ist auf dem Weg zum stündlichen Aufguss. Wir unterhalten uns ein bisschen, ich berichte ihm von meinem Erlebnis mit Mrs. Darm und Mrs. Furunkel. Er sagt daraufhin, dass er diese Frauentage auch nicht leiden kann, den Krach, den Trubel, die Brotzeitorgien überall. Wir gehen gemeinsam zur finnischen Blockhaussauna. Er öffnet die Saunatür, hievt seinen Holzkübel mit dem Eukalyptusöl drin Richtung Saunaofen. Dort sitzen in vorderster Reihe – aufgusserwartend und natürlich ratschend – Elvira und Margot. Als sie Bruce Willis erblicken, der wegen der mörderischen Hitze beim Aufguss nur mit einem Lendenschurz bekleidet ist, geifern sie sofort los. „A Mo in der Sauna – am Damentag! Des geht fei überhaupts ned!“. Beschweren müsse man sich da, schließlich wolle man unter sich sein, da müsse eine Frau den Aufguss machen.

„A Rua is!“ schnautzt Bruce Willis in die Runde, „und wem’s ned bassd da herin, der soll si verzupfn.“ Sprach es und haut mit seinem tätowierten, muskulösen Arm drei Schöpfkellen Eukalyptusbrühe auf die heißen Steine, packt das über seinen breiten Schultern baumelnde Handtuch und fächert mit geräuschvollen Wedelbewegungen den aufsteigenden Dampf durch den Raum. Japsend und fluchend flüchten Elvira und Margot nach draußen, ich strecke mich auf der Holzbank aus, schließe die Augen und inhaliere den befreienden Duft.

Endlich is a Rua da herin.

In dulci jubilo.

Liebe tz,

wie Du ja weißt, hadere ich immer wieder mit deinen Schlagzeilen und Artikeln, ebenso mit dem von Dir verwendeten Bildmaterial.

Klar, Hunde dürfen keine Schokolade essen, weil das darin enthaltene Theobromin schon in kleinen Mengen zu einer Vergiftung führen kann.
Aber: Welcher Hundehalter ist denn so deppert, seinem Vierbeiner diesen hässlichen Schoko-Nikolaus minderer Qualität auch noch samt Alufolie hinzuhalten? Und musste das canide Fotomodell unbedingt ein an endokriner Orbitopathie leidender Dalmatiner sein? Naja, Hauptsache, Frauchens Fingernägel sind tiptop.

Natürlich lässt man keinen Süßkram in Hundereichweite daheim herumliegen. Gut, vielleicht sind die Hundehalter in deiner Leserschaft so doof, dass sie das tatsächlich nicht wissen und Du es Ihnen sagen musst.

Ich möchte Dir jetzt mal zeigen, wie man das Problem „Schoko-Nikoläuse & verfressene Hunde“ auch elegant lösen kann.
So, dass weder Herr, noch Hund leer ausgehen, kulinarisch gut bedient werden und Waldi weder zu Nikolaus noch an Weihnachten irgendeine Lebensgefahr droht.

Was Du hier siehst, ist ein Münchner Zamperl, das am Nikolausabend zufrieden von einer alpinen Exkursion heimkehrt und zu seiner großen Freude und Überraschung vor der Wohnungstür auf Sankt Nikolaus trifft.

Zum einen ist der von einer Schweizer Schokoladenfirma und damit auch genießbar, zum anderen hat er – wie sich das gehört – ein Sackerl geschultert…

…in dem sich ein paar kleine Leckereien für das Dackelfräulein befinden, das den Braten natürlich sofort riecht und sich nicht mehr die Bohne um den ollen Schoko-Nikolaus schert.
Hier hat ein Nicht-tz-Leser – in dem Fall unser netter Nachbar Dr. T. – einfach seinen gesunden Menschenverstand eingeschaltet und dann das Richtige getan.

So simpel ist das, liebe tz!
Kurz Nachdenken und: Kein Futterneid, kein Schokoladenklau, keine Gefahr für niemanden!
Gern kann ich Dir die Fotos fürs nächste Mal zur Verfügung stellen. Speziell hier in München ist so ein Dackel eh der bessere Hingucker als ein Dalmatiner.

[An dieser Stelle nochmals ein herzliches Dankeschön an den Nachbarn, der das Dackelherz zwar längst erobert hatte, aber es kann definitiv nicht schaden, sich fortwährend dessen zu versichern.]

Womit Du allerdings recht hast, liebe tz: Weihnachten selbst ist verdammt gefährlich.
Aus dem Ruder laufende Zuckeraufnahme, grauenhafte Völlerei und tagelang anhaltendes Überfressenheitsgefühl drohen all jenen, deren Teller und Näpfe sowieso schon immer gut gefüllt sind. Um dem zu entkommen, verbringen wir die Feiertage überwiegend mit Homeland und anderen Serien sowie mit Winterwanderungen fernab jeglichen Familien- und Fress-Terrors. Die Vorbereitungen dazu beginnen bereits in der Adventszeit. Der Gatte weilt aktuell in der Hauptstadt und präpariert sich dort fürs anstehende xmas-binge-watching mittels Teilnahme am Symposium „Die Hungerkunst.“ Meinerseits verbringe ich den eiskalten Samstag recht spartanisch mit Suppekochen, Gassigehen, Kellerausmisten und am späteren Abend frische ich die letzte Homeland-Staffel nochmal auf.

Wir kochen keinen Braten, backen keine Stollen, schreiben keine Weihnachtspost, besuchen keine Weihnachtsmärkte, schmücken keine Christbäume und verpacken keine 25 Präsente. Eine recht reduzierte Veranstaltung, das Ganze. Die DVDs der neuen Staffel liegen seit heute bereit, die neue Schneejacke auch (beides reduziert, versteht sich). Die Feiertage können kommen.

Aber für Dich, liebe tz, habe ich ungeachtet meiner persönlichen Weihnachtsabstinenz einen ganz besonderen Geschenktipp zum Christfest…

… der Deinen Redakteuren, die das ganze Jahr über diese meist unsäglichen, unkundigen Hundeartikel schreiben, an langen Winterabenden vielleicht die eine oder andere Erleuchtung bescheren möge.

Beste Grüße,
Deine Kraulquappe.

PS: Ach ja, fast hätt‘ ich’s vergessen. Das Pfützchen vor dem Zeitungskasten ist nicht von Pippa, so kläglich würde sie ihre Meinung nie kundtun.

Ein gut gebauter Mann zum Dahinschmelzen.

Ich weiß nicht, wann ich zuletzt…

…einen Schneemann gebaut habe…


…der so fix wieder zerstört wurde 😐

Aber das ist wohl gut so, denn der Gatte meldet per Whatsapp, dass man dem Kerl seinen ungeübten Baumeister ansähe. Darauf ein tröstendes Weißbier!

Verschwitzt oder: Die Gletscherspalte.

„Du schaffst das schon“, meinte er damals zu mir, als ich mich auf den Weg machte, alleine die Alpen zu überqueren, „und wenn nicht, dann hol‘ ich dich eben ab, in welcher Gletscherspalte auch immer du hängst.“

***

Heute sind das Dackelfräulein und ich auf den Riederstein gestiegen, um die Grödel und die Winterwanderhose einem ersten Härtetest zu unterziehen.

Auf dem Riederstein war ich bislang nur ein einziges Mal, mit dem Papa, als er noch fit war und ich noch keine Lust auf Bergtouren an freibadtauglichen Sommertagen hatte und daher mürrisch hinter ihm bergauf schnaufte. Rund 30 Jahre sind seitdem vergangen.

Vom südlichen Ortsende in Tegernsee brechen wir bei zähem Nebel auf…

…und ich wundere mich, wie der Papa morgens am Telefon behaupten konnte, im Tegernseer Tal schiene die Sonne…

…doch schließlich behielt er recht, wenn auch erst jenseits der 1.000 Höhenmeter.

Pippa kriegt sich nicht ein vor Freude, sobald sie Schnee unter den Pfoten spürt…

…und fliegt geradezu aufwärts, so dass man kaum hinterherkommt.

Folglich ist sie als Erste oben auf dem Gipfel…

…der eine kleine Kapelle mit Aussichtsbank beherbergt…

…von wo aus sich ein bombastischer Blick auf die Tegernseer Berge bis weit nach Tirol hinein auftut…

…nur der See ist komplett bedeckt von dem flauschigen Wolkenteppich.

Ich bin verschwitzt und etwas außer Atem (das Hinaufstapfen durch den Schnee strengt gewaltig an), aber das Dackelchen findet das Panorama völlig unerheblich und drängt schon bald ungeduldig zum Aufbruch.

Beim Abstieg rasten wir ausgiebig auf der Galaun, spielen Wurststückchensuchen im Pulverschnee…

…kehren auf ein Haferl Kaffee samt Kuchenstück in der Hütte ein…

…und ich versinke in einer Mischung aus Demut und Dankbarkeit: für diesen Tag, für die wärmende Sonne und den Kaffee, für das neue Equipment und für meine kleine, fröhliche Begleiterin.

Anschließend besuchen wir den Papa in Rottach-Egern.
Er ist recht angeschlagen zur Zeit. Schaut sich die Fotos von unserem Winterwanderglück an und seufzt ein bisschen. Die Berge sind für ihn nur noch Kulisse, der Parkinson und andere Beschwerden fesseln ihn ans Tal und mehr und mehr auch ans Haus. Das schmerzt, wenn man Jahrzehnte lang so gern gewandert ist, aber der Schmerz über den geschrumpften Aktionsradius ist mittlerweile einer unter vielen geworden, und beileibe nicht der größte.

Während ich unter die Dusche springe, fängt er an, in der Küche zu werkeln. Schnippelt Zuckerschoten klein, mariniert das Fleisch, pinselt den Wok mit Sesamöl aus. Als ich wieder dazukomme, rührt er gerade Pippas Futter um, Karotten und Fleisch sollen vermischt werden. Seine Hand zittert, die Bewegungen sind fahrig und zäh, die Gabel pflügt ungelenk durch die Schüssel.
Stets muss ich mir auf die Lippen beißen, wenn ich ihn so sehe. Immer hatte er alles im Griff – im Job, in der Freizeit und besonders in der Küche – und nun fordert eine Kleinigkeit wie Umrühren seine ganze Kraft und Aufmerksamkeit. Und obwohl dieser Prozess nun schon seit 5 Jahren voll im Gange ist, sträuben sich in mir immer noch eingebrannte Bilder und Erinnerungen aus 40 Jahren dagegen, die Realität endlich als solche anzuerkennen.

„Hast du schon auf dein Konto geguckt?“, fragt er.
„Ja“, sage ich, und füge hinzu, dass ja noch gar nicht Weihnachten sei.
„Aber du gehst doch jetzt in die Berge und nicht erst nach Weihnachten“, entgegnet er, „also besorg‘ dir bitte neue Stöcke und den Rest hebst du auf für die kleine Operation von Pippa.“

Beim Abendessen erzählt er mir, dass er neulich zum ersten Mal in seinem Leben einen Termin verschwitzt hat. Dabei hätte er den Termin doch notiert gehabt. An zwei Stellen sogar. Das beschäftigt ihn schwer. Er, der immer pünktlich war und dem nie etwas durch die Lappen ging. Ob er sich künftig etwa einen Zettel schreiben müsse, auf dem er vermerkt, dass er sich bereits Listen zu den anstehenden Erledigungen angefertigt hätte.
Er versucht, dem Ganzen mit den verbliebenen Resten seiner rheinischen Frohnatur einen galgenhumorvollen Anstrich zu geben, ich lache ihm zuliebe, spiele mit bei dem Gag, und empfehle ihm die gelben Haftnotizen wiederzubeleben, die er früher ergänzend zu seinen Listen (quasi als Meta-Liste) an Türrahmen klebte oder an innen an seine Haustür (damit ihn die Ermahnung rechtzeitig vor Verlassen der Wohnung anspränge). Er lacht zurück, Sekunden später fallen ihm unvermittelt die Augen zu, der Kopf sinkt Richtung Brustkorb, für einen Augenblick befindet er sich im Nirwana der Nebenwirkungen seiner täglichen Dopaminzufuhr, kurz darauf schaut er mich an und will wissen, ob er mal wieder kurz weg gewesen sei.

Als ich am späten Abend über vereiste Landstraßen und durch dichte Nebelschwaden nachhause fahre, muss ich heulen, weil mir plötzlich jener Satz einfällt, den er vor vielen Jahren zu mir sagte, als ich noch die Unsichere war und er der Fels in der Brandung: „Du schaffst das schon, und wenn nicht, dann hol‘ ich dich eben ab, in welcher Gletscherspalte auch immer du hängst.“
Er, der immer für alles eine Lösung wusste und mir immer das Gefühl gab, ich sei ebenso stark wie er (was er, wie ich heute weiß, gar nicht immer war, aber er strahlte es aus und ich glaubte daran), ist in den letzten Jahren langsam, aber unaufhaltsam ein anderer geworden.

Ich wünschte, nun könnte ich ihm mal ein „Du schaffst das schon“ mitgeben, aber es wäre nicht glaubhaft, denn wir wissen beide, dass wir schon froh sein können, wenn seine gesundheitliche Lage stagniert.
Und was die Gletscherspalte angeht: Er wird es nicht mehr sein, der mich dort rausholt, sollte ich da je hineingeraten.

Es fühlt sich beklemmend an, wenn eine Ahnung zur Gewissheit wird, selbst wenn man schon immer um die Metapher in diesem Part des väterlichen Satzes wusste und auch nicht ernsthaft auf Gletschern herumzuturnen gedachte.

Himmel der Bayern (30): 3x weiß & blau. 

Ruhig, Brauner!

Im Gewölk bricht Blitzesglanz aus, eine Walküre hoch zu Ross wird sichtbar, über ihrem Sattel hängt ein gefallener Krieger.
Beim Zusammentreffen der Walküren, die auf ihren Pferden die Gefallenen mit sich führen, kommen sich zwei der Rösser zu nahe, wodurch Helmwige sich veranlasst sieht, dem durch seine tote Traglast in Aufruhr geratenen Hengst mit den Worten „Ruhig, Brauner! Brich den Frieden nicht!“ Einhalt zu gebieten.

Die Szene entstammt Wagners „Die Walküre“, Teil der Tetralogie „Ring des Nibelungen“. Ich musste das googeln, denn Opernhäuser gehören nicht zu meinem natürlichen Habitat.

Manche solcher Redewendungen erschließen sich einem sowieso besser im praktischen Erleben und nicht durch Opern- oder Theaterbesuche (oder die Lektüre der Bibel).

Der Braune, hier ganz ruhig.

Als ich am späten Donnerstagabend in Braunschweig eintraf und das liebevoll für mich hergerichtete Gästezimmer betrat (inkl. Dackelstofftier, falls einen das Heimweh überkäme sowie einem Kopfkissensortiment für Mehrfach-Lädierte), wärmte mir Hausherr Bobby bereits meine Schlafstatt vor.

Momente, in denen man spürt: Man ist willkommen hier, die Gastgeber haben an alles gedacht – und frieren würde man des Nachts auch nicht.

Auch am nächsten Morgen war er noch recht ruhig, der Braune. Dann landete das Münchner Mitbringsel im „Napf“ (der in der Wahrnehmung eines Dackelfrauchens einer Auflaufform für 4 Personen glich)…

Die (kurze) Ruhe vor dem Sturm auf den Bottich.

…und zu Recht guckt ein echter Harzer Bursche erstmal skeptisch, wenn man ihm ungewohntes Bavarian-Street-Food – „Ochsenfetzen mit Wurzelgemüse, Hopfen und Kräutern“ – vorsetzt. 

Bavarian bowl for Bobby.

Zwei Minuten später war die Freundschaft besiegelt und ich vollends als Rudelgast akzeptiert.

Frisch gestärkt war es nun vorbei mit der Ruhe. Geschirr und Rucksäcke wurden angelegt – und los ging es!
Zum Dank für die Ochsenfetzen erhielt ich eine 13 Kilometer lange Privatführung durch den Nationalpark Harz.

Andrea, Bobby und ich fuhren nach Bad Harzburg: Details unserer schönen Rundwanderung empfehle ich im „Anwolf“-Blog nachzulesen, denn dort finden sich auch die besseren Fotos.

Vom Parkplatz aus wanderten wir über die Zwischenetappe Molkenhaus hinauf zu den Rabenklippen…

Von den Rabenklippen eröffnet sich der Blick zum verschneiten Brocken (rechts hinten).

…unterzogen die Redensart „Augen wie ein Luchs haben“ einem Praxistest, scheiterten kläglich und waren froh, dass wenigstens einer von uns den richtigen Riecher hatte und die Wildkatze orten konnte.

Luchs in der Nase – da wurde er unruhig, der Braune.

Wir passierten das Kreuz des Ostens…

Meine Reise vom Stern des Südens zum Kreuz des Ostens.

…und erreichten schließlich den Burgberg, von dem aus man eine schöne Sicht auf Bad Harzburg hätte haben können, wenn nicht wieder dichter Nebel aufgezogen wäre. Entschädigung für den entfallenen Talblick bot – namentlich wie kulinarisch – das Hotelrestaurant „Aussichtsreich“. Hier stärkten wir uns so ausgiebig, dass wir die letzte Etappe in der Dämmerung zum Auto zurückwanderten und erst im Dunkeln dort ankamen.

Der Große Braune hatte sich so ausgetobt, dass er für den restlichen Abend friedlich schnarchend mein Gästebett okkupierte, wohingegen wir Menschen nach dem zweiten Weißbier (und dank der inspirierenden musikalischen Untermalung zu den Antipasti) nochmal auftauten und angeregt diverse Ideen zu gemeinsamen privaten und beruflichen Unternehmungen diskutierten.
Geschwiegen wurde in Braun_schweig jedenfalls nicht viel, dachte ich mir, als ich etwas übernächtigt und mit leichtem Halskratzen in den ICE nachhause einstieg.

Wer hätte das gedacht, dass sich aus einer Bekanntschaft in der Blogosphäre und dem ersten Beschnuppern in Nörten-Hardenberg ein so wohltuender und ergiebiger Kontakt entwickeln würde? Schön war’s!

Herzlichen Dank an die drei Anwölfe für die tolle gemeinsame Zeit, die guten Gespräche und die perfekten Frühstückseier…

Brooding Bobby Brown.

…und allen anderen Lesern einen gemütlichen Ausklang des ersten Adventswochenendes!

Song des Tages bzw. Monats (14).

Der November geht zu Ende. Bislang gehörte dieser Monat allein wegen des Umschwungs von Herbst zu Winter nicht zu meinen bevorzugten Monaten. Diesmal hat er mir auch aus anderen Gründen zugesetzt: Das Schicksal spie mir nochmal einen großen Klumpen meines persönlichen Jahresthemas vor die Füße.

In 2016 ist Resonanz das wiederkehrende Thema gewesen, dieses Jahr ist es Täuschung.
Vertrauens- und Loyalitätsbruch von Menschen, denen ich das nicht zugetraut hätte.
Und auch im erweiterten Umfeld ein paarmal: Heuchelei statt Aufrichtigkeit, Rückzug statt Klärung, hintenrum statt gradheraus.

Nicht, dass die Menschen nicht reden könnten – das können sie sehr wohl: bei anderen wird das Herz ausgeschüttet oder gelästert, aber der, den’s betrifft, wird aus Feigheit umgangen bzw. „verschont“. Oder sie basteln sich im stillen Kämmerlein ihre „Wahrheiten“ zusammen, mixen sich ein Gebräu aus Unhinterfragtem und Unterstellungen, fällen Urteile. Bekommt man das Ganze eines Tages doch noch serviertt, staunt man nicht schlecht, fühlt sich gleichermaßen ratlos wie verraten.

Eine dieser Lebenserfahrungen, auf die ich hätte verzichten können, die aber natürlich nicht an meiner Schwelle Halt macht. Warum sollte sie auch. Wer weiß, wo und wie oft ich Vertrauen gebrochen habe, verurteilend oder illoyal war, ohne das zu wollen, es aber dennoch getan habe. Meist erfährt man das ja erst, wenn einen der Aufschrei des Verletzten erreicht. Manches Mal habe ich aufgeschrien in 2017, teils so ausgiebig, dass ich ganz heiser davon wurde.

Was hilft: Salbeitee mit Honig, die unverbrüchliche Treue einer Hundeseele, intakte Beziehungen und wuchtige Novembermusik.

Nothin‘ lasts forever
And we both know hearts can change
And it’s hard to hold a candle
In the cold November rain

I know it’s hard to keep an open heart
When even friends seem out to harm you
But if you could heal a broken heart
Wouldn’t time be out to charm you

(Nicht so leicht, eine Version zu finden, in der Axl Rose einigermaßen vollständig bekleidet und bei Stimme ist. Und keine Ahnung, was Elton John da am Zweitflügel verloren hat, aber er stört ja auch nicht.)

Ich verkrümel mich nun übers Wochenende nach Braunschweig, freu‘ mich drauf, und wünsche allseits einen verträglichen Novemberausklang ohne Husten und Heiserkeit.

Die Kraulquappe.

Hund haben (9).

Fast hätt‘ ich’s ja nicht gemerkt, was sich da in meinen Koffer geschmuggelt hat!

Ein freundliches „Raus da!“ bringt gar nichts außer einem vorwurfsvollen Blick.

Ein strenger Tonfall bringt das ganze Hundeelend zum Vorschein.

(Bilder der nachfolgenden Szenen können aus ethischen Gründen nicht veröffentlicht werden.)

Früher bin ich gerne allein verreist. Mittlerweile schleiche ich mich mit schlechtem Gewissen aus dem Haus.

Wer hat hier eigentlich wen (v)erzogen und wie war das doch gleich mit dem „allzeit souveränen Rudelchef“?

Verflixt nochmal.

Hund haben (8).

Eigentlich bloß ein Nachtrag zu meinem vorigen Beitrag, in dem ich etwas arg achtlos und nebenbei diesen Werbeaufkleber an der U-Bahnstation Thalkirchen erwähnte:

Mittlerweile hab‘ ich die „Couture“ recherchiert und traute meinen Augen kaum.
Es gibt wirklich nichts, was es nicht gibt, aber sehen Sie selbst:

Homepage der Dachshund-Couture.

Luxusprobleme: Bavarian vs. Chagall coat.

240€ ?!? So teuer ist ja mein eigener Wintermantel nicht…

Be the center of attention!

Das ist ja bitter. Da liegen wir also mit unserem letztjährigen 35€-Fleece-Fetzen (wegen dessen Anschaffung ich schon schwer mit mir gerungen habe) quasi unter C&A-Niveau, was die Dachshundmode angeht. Au weia!

(@Freundin D.: Vielleicht kannst du diese erschütternde Tatsache beim demnächst geplanten Engernähen des Fetzens irgendwie berücksichtigen? Eine Edelweiß-, Brezen- oder Weißwurstappliaktion aufnähen oder so? Ginge das?)

Eine Schwäche für Bäche.

…lautet das Motto unseres Stadtspaziergangs Nr.6, der wie so oft hundegerecht an der Isar startet (dem Bach Nr.1 dieser Tour 🙂 ).

Beim Verlassen des U-Bahnhofs in Thalkirchen irritiert uns eine neue Werbung, die wir trotz des ansprechenden Logos links liegen lassen…

…und uns direkt auf den Weg durch die Isarauen und über den Flauchersteg Richtung Norden begeben.

Die Strecke ist ein Paradies für Hundebesitzer – es findet sich immer jemand zum Spielen, zugleich gibt es genug Platz, um einander auszuweichen und zig Wegvarianten, zwischen denen man je nach Wetter und Matschigkeitsgrad des Untergrunds wählen kann (Fotos siehe hier und hier).

Im Fokus stehen aber heute mal nicht die Isarauen, sondern die Stadtbäche.

Zu Beginn des 17. Jahrhunderts wurde München von einem dichten Netz an Bächen und Kanälen durchzogen, die meisten davon fielen dem Bau der Kanalisation und innerstädtischer Verkehrswege zum Opfer. Von dem ursprünglich rund 300 Kilometer umfassenden Bachsystem wurde beinahe die Hälfte trockengelegt oder in den Untergrund verbannt. Übrig geblieben sind nur ihre Namen, Stadtviertel oder Straßen sind nach ihnen benannt, wie z.B. das Glockenbachviertel oder die Dreimühlenstraße.
Erst in jüngster Zeit mehren sich die Bestrebungen, Teile der alten Stadtbäche wieder an die Oberfläche zu verlegen, und ich wünsche mir, die neu rauschenden Bäche noch in Gesellschaft des Dackelfräuleins, das ja Wasser so liebt wie ich, erleben zu dürfen.

Wir spazieren den Isarwerkkanal entlang, bis dieser in den Großen Stadtbach übergeht…

…der etwas dürftig und graubraun vor sich hinsuppt, da hier gerade Reinigungsarbeiten anstehen.

An Stellen, wo wir den Pesenbach im Untergrund vermuten, wird sogleich intensiv gesucht…

… aber trotz dachshundtypischer Hartnäckigkeit müssen wir irgendwann aufgeben und uns mit dem nebenan liegenden, sichtbaren Westermühlbach begnügen…

… der durch das Glockenbachviertel plätschert und stellenweise makabre Schneisen zieht zwischen Saturiertheit und Armut. Auf der einen Bachseite hausen Menschen in der kalten, miefenden Unterführung, das andere Ufer zieren Geschäfte mit schnuckeligen Namen wie „Schmatz“ (Biomarkt) oder „Dear goods“ (vegane, urbane Mode).

Pippa interessiert sich der herben Gerüche wegen natürlich brennend für die Unterführungsbewohner und so kommen wir mit einer Frau ins Gespräch, die dort mit ihrem alten Schnauzerrüden Luigi lebt. Seit 2 Jahren. Mir bleibt die Spucke weg als sie davon erzählt.
Ich gebe ihr 5€ und alle Würstchen, die ich meinem Rucksack finden kann – und habe damit für den restlichen Ausflug bei meinem Hund verschissen.

Am Alten Südfriedhof entlang…

…vorbei an Locations mit hippen Namen, deren Bedeutung oder gar Witz sich mir spontan nicht erschließt…

…erreichen wir schließlich unser Einkehrziel des Tages, das den schönen Namen „Tabula rasa“ trägt.
Das passt prima zu meiner Gemütslage, die seit Wochen überschattet ist vom Zerbröseln einer fast 30 Jahre währenden Freundschaft, von denen ich die letzten zwei in Unwissenheit all dessen verbrachte, was die Freundin störte. Manche Menschen können ja sehr ausdauernd schweigen und packen erst dann aus, wenn das Kind bereits tief in den Brunnen gefallen ist und dort so viel Wasser geschluckt hat, dass Wiederbelebungsversuche schwierig bis unmöglich sind.

Das Café „Tabula rasa“ ist insofern ein echter Geheimtipp, weil es sich dem Geschniegelten, der Coolness und dem Preisniveau des Glockenbachviertels tapfer widersetzt. Hunde sind gern gesehen, und packt man an der Tür ein Pfotenhandtuch aus, strahlt die Besitzerin Margarete Vila übers ganze Gesicht und ist gleich noch freundlicher als sie es eh schon ist.

Hier wird täglich auf kleinstem Raum eine beachtliche Auswahl an Gerichten und Kuchen serviert, allesamt frisch und selbst gemacht – und so lecker, dass man gar nicht weiß, worauf man sich zuerst stürzen soll.

„Die selbstgesetzte Budgetgrenze von 10€ muss ich heute sprengen!“, schießt es mir beim Betrachten der Kuchentheke sofort durch den Kopf…

…“da ich ja bereits 5€ gespendet habe und mit dem Rest wohl kaum über einen großen Kaffee hinauskomme.“
Irrtum! Der Cappuccino kostet unter 3€ und Frau Vila verkauft auch halbe Kuchenstücke…

…aber ich muss zugeben, dass ich das nur im ersten Anlauf geschafft habe und es nicht dabei blieb.
Nicht bleiben konnte! Denn der große Vorteil von halben Stücken ist ja der, dass man in den Genuss von zwei verschiedenen Kuchen kommt (oder drei, oder vier?)!

Auch Pippa muss nicht darben und erhält ein Würstchen von der Köchin, die ein Erbarmen mit dem erbärmlich fiepsenden Hündchen unter meiner Sitzbank hat.

Nichts als Theater und Schlawi(e)nerei – aber die meisten gehen diesem Blick halt auf den Leim.

Habt einen schönen Abend und seid gegrüßt!