Himmel der Bayern (68): Vom Lauf der Zeit (und dem Lauf zur Brotzeit).

Blick von Wamberg Richtung Wank.

Um ein Haar hätte ich „Schimmel der Bayern“ ins Überschriftenfeld getippt – ein recht deutlicher Hinweis darauf, gestern einfach zu oft dieses Ekelwort geschrieben zu haben. So einen schimmligen Feuchtfleck im Innersten der Wohnung zu haben, das belastet mich schon sehr.

Heut aber weit weg vom Schimmel (und den anderen Malaisen zu Tale), dafür echt nah am Himmel der Bayern. Wie erwartet: ganztags Sonne und die Wege menschenleer.
Die Partnachklamm wird nämlich grad „renoviert“, drumrum sind noch ein paar Wege aufgrund von Sturmschäden unpassierbar, der Sessellift steht still, der Skizirkus hat noch nicht begonnen – und schon haben dort oben alle (!) Hütten und Almen zu. Und all diese Gegebenheiten zusammen locken dann halt so gut wie niemanden mehr hinauf.

Erst war ich auch ein wenig zerknirscht, weil so eine gepflegte Weiße nach dem schweißtreibenden Aufstieg in der Wintersonne schon eine feine Sache ist. In Begleitung eines halbierten Kaiserschmarrns sogar eine noch feinere Sache. Aber wir beschließen, die Tour trotzdem oder gerade deshalb zu machen, weil uns ja außer unserem Geschnatter nach Ruhe ist und man beim Eckbauer die ganze Terrasse für sich allein haben wird, ein wirklich seltener Luxus!

Also übernimmt D. die Proviantplanung und ich kümmere mich um den Rest, kutschiere uns nach Garmisch und zurück und bastle eine Tour aus den aktuell begehbaren Routen zusammen.

13 Kilometer Winterwanderung, davon mindestens die Hälfte in der Sonne, der erste Schnee für uns alle und – ich wiederhole diesen Satz Winter für Winter mit derselben Freude, weil es einfach jedes Jahr aufs Neue ein so wonniger Moment ist: das Dackelfräulein flippt erstmal aus und saust wie ein wildgewordenes Karnickel über die schneebedeckten Hänge.

Überhaupt hat sie blendende Laune heute und ist sehr gut beieinander. So kurz vor ihrem 8. Geburtstag beglückt mich das fast noch mehr als sonst, denn diese Acht, die tut schon ein bisserl weh, wenn man sie so hinschreibt und sie anschaut, mit dieser Einschnürung in ihrer Mitte symbolisiert sie ja geradezu, dass sie zwei Hälften zusammenhält und jetzt bricht eben diese zweite Hälfte an und wenn ich bedenke, wie schnell die erste vergangen ist, dann wird mir ganz klamm ums Herz. „Viereinhalb Monate“ – das antwortete man mal auf die Frage nach ihrem Alter, und ich hör’s mich noch sagen als wär’s gestern gewesen, dabei ist das 7 Jahre und 7 Monate her (damals benannte man noch halbe Monate, mittlerweile rundet man bereits seit Wochen auf die 8 auf).

Naja, der Lauf der Zeit eben.

Mahlzeit!

Aber wenn so eine gemeinsame Zeit schon länger läuft, hat das ja auch viele Vorteile. In allen Beziehungen. Zum Beispiel kennt D. nicht nur meinen Münchner Lieblingsbrezenbäcker (praktischerweise ist sie sogar ins Haus neben ihm gezogen), sondern nach 19 Jahren auch alle anderen wesentlichen Nahrungsvorlieben und -abneigungen, so dass ich mich entspannt an den gedeckten Tisch, der heute Mittag eine Holzbank an der Hüttenwand ist, setzen und das wohlsortierte Buffet genießen kann.

Die wattierten Jacken kann man dort oben getrost zum Trocknen ausbreiten, die Ärmel etwas hochkrempeln und die Sonnenbrille aufsetzen. Der Blick über die Schulter, aufs Thermometer an der Hauswand, zeigt 18 Grad. Der Blick geradeaus ruht auf dem Wettersteingebirge oder sucht das Schachenhaus oder das Dreitorgatterl.

Ich verschone Sie heute mal mit einer größeren Auswahl der immergleichen Fotos, speziell zu dieser Tour.
Sie können sich die Wintervariante ausgiebig hier ansehen und die Sommerausgabe dort. Es ist eigentlich immer krass schön in der Gegend, zumindest wochentags, außerhalb der Saison oder eben wenn alles zu hat.

Möge die heutige Vitamin D-Intensivkur nun eine Weile vorhalten.
Ihnen auch noch eine schöne, sonnenreiche und schimmelfreie restliche Woche!

Vorfreudeplatzen.

Morgens unter der Dusche. Neues Medikament = neuer Spaß. War bei mir schon immer so. Die neueste Autoimmunerkrankung keinen Deut besser, dafür nun ein Ausschlag, der genauso auch im Beipackzettel aufgeführt ist.

Aber nicht jammern, sag ich mir, denn immerhin sitzt die neue Frisur wie angegossen und ohne jede Nebenwirkung, und freundlich Gesonnene sagen einem, man sähe nun ein bisschen aus wie Jean Seberg – ha! Eine Aussage, die sich ja hoffentlich nicht gleich von einer hässlichen dermatologischen Nebenwirkung wird zunichte machen lassen.

Vormittags im Kämmerchen. Für den zerbrechlichen Inhalt im Nikolauspäckchen für A. aus B. nach Luftpolsterfolie gefahndet. Irgendwo in den unteren Regalreihen muss die doch sein. Ist sie auch, ist ja schließlich ein ordentlicher Haushalt hier. Aber in den unteren Regalreihen ist auch noch was Anderes. Nämlich ein erschreckend großer feuchter Fleck an der Wand. Da ich fast nie die Luftpolsterfolie, die Post-Packsets, die große Acetondose oder die hochhackigen schwarzen Wildlederstiefel – um den gesamten Inhalt dieses Regalsegments zu benennen – brauche, guck ich da nur alle paar Monate mal vorbei.

Bei näherer Betrachtung des Flecks gleich die Eingebung gehabt, dass das ja nur vom Bad kommen kann, weil ja direkt hinter dieser Wand die Badewanne steht, bei der grad erst, nach einem Installateurs- und Terminzirkus erster Güte, die defekte Armatur ausgetauscht wurde.

Kurzes Frustheulen, denn dem erfahrenen Mieter schwant ja sogleich, was dieser feuchte Fleck in Zeit, Nerven und Dreck bedeuten wird.

Aber nix da, hier wird nicht rumgeflennt – denn der tolle neue Kurzhaarschnitt, der rettet einen innerlich und äußerlich ja sicher auch noch über ein paar ätzende Wochen der Vermieterkommunikation und Handwerkerbesuche hinweg! So dynamisch wie man jetzt aussieht, wird man das doch mit links wuppen (ein Wort, das ich übrigens extrem hasse und daher auch nur in hassenswertem Kontext verwende).

Also Nase geputzt, zusammengerissen, Fotos gemacht und sofort ein ausführliches Schreiben an den Vermieter aufgesetzt, dieses gegen Ende hin noch mit der freundlich verpackten Forderung nach einer Neuverfliesung des Bades und einer neuen Badewanne garniert, denn wenn man da jetzt eh schon ran muss, dann doch bitte gleich gscheid (der Vormieter hat Wanne und Kacheln vermutlich mit Stahlwolle gereinigt, so wie das ausschaut, aber hier im schönen München, da brauchen Sie wegen sowas nicht meckern, bevor Sie den Mietvertrag nicht sicher in der Tasche haben).

Mittags. Nach diesen unvorhergesehenen Sonderaktivitäten dann doch noch das Päckchen für A. fertig gepackt. Das war ja mal das eigentliche Vorhaben.

Auf dem Weg zur Post beim Aufheben der Hinterlassenschaften des Fräuleins in einen Fremdhaufen getreten, der sich unter den Laubresten versteckt hatte. So laut geflucht, dass das Fräulein sich vor Schreck mitten auf dem kalten Trottoir auf den Rücken wirft. Möge so eine flotte neue Frisur auch über die Zornesröte und -falten hinwegtäuschen!

Auf der Post eine Schlange von zwei Dutzend Omis, die früh dran sind mit den Geschenkebergen für die Enkel und ein paar routinierten Retourenabgebern, die man gleich an den trostlos grauen Zalando- und Amazonsäcken und den ebenso trostlosen Gesichtern erkennt. Nach 20 Minuten sind meine drei Nikolaussendungen frankiert und können ihre Reise antreten.

Später Mittag. Direkt nach der Post in den Bavariapark, der momentan einer Generalrestaurierung unterzogen wird. Wege und Bänke, in einem Zustand, nach dem sich Parks in Berlin alle zehn Finger ablecken würden, werden sinnloserweise runderneuert. München geht’s offenbar gut, mir ham’s ja.

In einer großen Pfütze schrubbe ich die Fremdhaufenrückstände von meinem Stiefel. Ein Eichhörnchen guckt mir dabei interessiert zu. Das Sonnenlicht bescheint sein rötliches Schwänzchen so hübsch, es sieht aus wie eine leuchtende Feder.

Als ich das Smartphone zücke, um ein Foto vom Hörnchenschwänzchen zu machen, meldet mir das mobile Endgerät eine neue Mail. Die ELSTER hat mir geschrieben. Der Steuerbescheid 2018 läge nun zur Abholung im Postfach bereit.

Will ich den heute, an diesem bekackten Feuchtfleckentag sehen? Erst vor drei Wochen habe ich der Sachbearbeiterin vom Finanzamt auf Ihre Nachfragen hin ein 12-seitiges Schreiben mit allen möglichen Nachweisen, Tabellen und Berechnungen geschickt. Da springt jetzt idealerweise doch noch eine fette Rückerstattung raus oder es tut sich eine neue, tiefe Frustgrube auf. In letzterem Fall wäre ich nicht mehr sicher, ob der so erfreuliche und verfassungsstützende Haarschnitt auch diese Katastrophe noch abmildern könnte. Es gibt Widerfahrnisse, die auch von der besten Frisur nicht mehr aufzufangen sind.

„Du, Pippa“, sage ich, „lass uns in unser Stammcafé im Westend gehen. Ich brauch jetzt was Süßes und du bekommst ein Würstchen!“

Nach Kaffee und Kuchen noch ein frühes Unertl und zwei erbauliche Zeitungsartikel. Die Laune fängt sich wieder ein bisschen, und der Hopfen beruhigt tatsächlich das Gemüt.

Morgen fahren wir in die Berge, wo es sonnig und menschenleer sein wird. Weit, weit weg von allen Feuchtigkeitsflecken, Fremdhaufen und Finanzamtmitteilungen. Stattdessen in Begleitung von D., dem Dackelfräulein und der mützenfreundlichsten Frisur aller Zeiten. Ich vorfreue mich nun.

Song des Tages (39).

Old habits die hard…

Langjährige Freunde erkennt man daran, dass sie sich auch vier Jahrzehnte nach Freundschaftsbeginn, wenn sie abends müde und erschöpft in Amsterdam durch den Duty-free-Shop stolpern, beim Anblick des Chocoladehagel-Kartons von De Ruijter, der erfreulicherweise immer noch so aussieht wie vor vier Jahrzehnten (bis auf den „Ausgießer“, der jetzt umweltfreundlich aus Pappe ist und nicht mehr aus Metall), sofort daran erinnern, dass das doch jenes Zeug war, das die Freundin immer so gern mochte und Jahr für Jahr aus den Vrouwenpolder-Sommerurlauben mitbrachte, dann sicherheitshalber beide Varianten kaufen (hell und dunkel), weil sich die Geschmacksvorlieben ja in vierzig Jahren evtl. mal geändert haben könnten (stimmt, ich mag mittlerweile beide Sorten), danach noch die Original-Holland-Butterwaffeln dazupacken, die auch immer noch in der gleichen Dose angeboten werden wie damals (so funktioniert langjährige Kundenbindung!), und am Tag drauf mit all diesen Köstlichkeiten im Gepäck nach München fahren und für einen Abend zu Besuch kommen – selbstverständlich nicht ohne vorher im heimatlichen Zürich noch eine Leckerei für das Dackelfräulein besorgt zu haben.

Gut, auch wir haben uns nicht lumpen lassen, und ein 3-Gang-Menü serviert, das offenbar gemundet hat, zumindest ist kein Krümelchen übrig geblieben.

Das geschah erst beim Frühstück, als doch glatt ein paar Chocoladehagelstückchen über den Brotrand kullerten (trotz der Spachtelmasse auf dem Brot), die Technik der möglichst lückenlosen Schichtung (es muss knirschen, wenn man reinbeißt) saß schon mal besser, aber wir haben ja nun zwei Kartons zum Üben (und überdies mit Freude zur Kenntnis genommen, dass die Freundin demnächst wieder eine Dienstreise nach Amsterdam unternehmen muss).

Danke, liebe H., für den schönen Abend gestern, gute Heimreise in die Schweiz & hier kommt für dich der Song zum heutigen Frühstücksbrot:

Old habits die hard
And old soldiers just fade away
Old habits die hard
Harder than November rain

Nie war Jude Law, der übrigens unser Jahrgang ist, schöner als in „Alfie“ – und ich mir so sicher wie du in Amsterdam mit dem Schokokarton, dass du das ganz genauso siehst 🙂

Frisch getrennt!

Nach 17 Jahren hab‘ ich’s nun geschafft, die Trennung vollzogen und mir einen Neuen gesucht.

Meine Güte, was für ein Akt!
Man kennt sich ja nach der langen Zeit gar nicht mehr aus auf dem Markt, ein bisschen war’s wie vor vielen Jahren der Umstieg vom Röhrenfernseher auf einen LCD-TV: nicht nur das Ding an sich ist einem fremd, sondern auch das ganze Vokabular drumherum, und die Katze im Sack will man aber auch nicht kaufen, also muss man sich notgedrungen ein bisschen mit dem Neuen vertraut machen, bevor man sich das ins Haus holt.

Ich habe endlich den Friseur gewechselt. Eh ein Wunder, dass ich es 17 Jahre dort ausgehalten habe. Nicht, dass ich ihn nicht auch irgendwie mochte, nein, nein, wir hatten uns durchaus passabel aneinander gewöhnt in diesen fast zwei Jahrzehnten, aber das Ganze hatte schon längst was von einer ausgeleierten Ehe, in der keiner mehr wirklich aufmerksam ist für den anderen, nicht mehr genau hinhört und zahlreiche, zwar freundlich klingende, aber inhaltsleere Floskeln die ausgetretenen Wege durch den Alltag pflastern.

Wobei ich vielleicht sogar bis zuletzt die Achtsamere von uns beiden war, denn ich zählte noch immer bei jedem meiner Besuche in Ps Salon die „von demhers“ und notierte mir auch andere kleine Sprachhighlights (unvergessen: „die Choreophäe“ statt der „Koryphäe“). Mit dem Gatten, der ebenfalls seit Jahren seine Haare bei P. schneiden ließ, teilte ich dieses kleine Hobby, es war wie ein geheimer Wettbewerb, wer von uns beiden pro Kalenderjahr mehr „von demhers“ einheimsen würde.

Vor drei Jahren versuchte ich schon mal, den Absprung zu schaffen, aber offensichtlich war es damals noch zu früh dafür. Allein bei der Recherche nach anderen Friseursalons fühlte ich mich wie eine Betrügerin, oder noch schlimmer: wie die Ehefrau, die in den Seitensprung nicht nur hineinschlittert, sondern diesen sogar gezielt plant. Ich unterließ die Suche sofort und kehrte mit schlechten Gewissen wieder auf meinen angestammten Stuhl in Ps kleinem Salon zurück.

Aber meine Zeit mit P. war längst vorbei. Nicht nur, dass er sich über Jahre weigerte, mir den Pony so kurz zu schneiden, wie ich ihn gern haben wollte oder gelegentlich den Wirbel in meinem Nacken vergass und sich deshalb an der Stelle verschnitt, so dass ich zum Nachschneiden kommen musste. Oder dass er mir, seit er meine ersten grauen Haare entdeckt hatte, standhaft einzureden versuchte, dass diese Spuren des Älterwerdens durch ganz tolle, superschonende Farben vertuscht werden könnten, ja sogar müssten!, und einfach nicht hören wollte, dass ich mit dem Thema vorerst oder für immer durch bin, u.a. weil ich dreimal pro Woche in Chlor bade, was das Haar ja schon genug angreift und auch aus einer Menge anderer Gründe die Nase voll habe von der Färberei.

Nein, viel schlimmer als all das war, dass ich die Gespräche, die man dort führte, immer weniger ertragen konnte. Alles, was man einander hat sagen wollen (oder können), war im Laufe der vielen Jahre ja längst gesagt worden, aber Schweigen war für P. nun mal keine Option, also redete er unbeirrt weiter, und im gleichen Maße wie die Haarsträhnen von meinem Kopf zu Boden fielen, plumpsten von oben all diese Worte auf meinen Scheitel und verteilten sich von dort über den gesamten Schädel.
Verließ ich den Laden, fühlte ich mich kaum je noch erleichtert oder gar beschwingt (man liest das ja immer: dass Frauen sich so gut, frisch und runderneuert fühlen, wenn sie aus dem Friseurgeschäft hinaus auf die Straße träten – keine Spur mehr davon bei mir!).

Als über die letzten Monate auch noch der Wunsch in mir wuchs, die Haare mal wieder ganz kurz zu tragen, so wie vor zehn Jahren, mich von all dem Gehänge da oben radikal zu trennen, da schwante mir dann, dass jene Trennung defintiv einherzugehen hätte mit einer zeitgleichen Trennung von P., dass also genau diese Aktion der richtige Zeitpunkt wäre und wenn ich den nun auch wieder verstreichen ließe, ja Gott bewahre, dann würde ich vielleicht noch gemeinsam mit P. in Rente gehen. Von demher!

Die Suche nach einem neuen Friseur ist so mitten in der Großstadt beileibe keine einfache, weil es hier zig Friseurgeschäfte gibt und man sich erstmal durch dieses Dickicht an Salons durchkämpfen muss. Womit ich vor gut zwei Wochen erstmals begonnen habe.

Dummerweise gibt es bei den hiesigen Friseursalons vorwiegend zwei Kategorien: „Schick und/oder sauteuer“ ist die eine, „to go“ ist die andere. In der ersten Rubrik findet sich zwar gelegentlich ein Laden, wo der Frauenhaarschnitt für unter 60€ zu haben ist, wenn man sich dann aber die Homepage genauer ansieht, macht entweder der Tussifaktor alles zunichte (mir fummelt keine an meinem Kopf rum, die aufgeklebte Fingernägel hat oder die mir vom Typ her sowas von fremd ist, so dass ich mir nicht vorstellen kann, dass es auch nur eine winzige Schnittmenge an gemeinsamen ästhetischen Vorstellungen geben könnte) oder der Salon hat zu viel Extra-Klimbim, mit dem ich nichts zu tun haben möchte („Wir betrachten immer den ganzen Menschen und die Lebenssituation unserer Kunden ist uns ein Anliegen“ / „Sie kommen als Kunde und gehen als Freund“ / „Familäre Atmosphäre, guter Kaffee, Handmassage oder Make-Up inklusive“). Ein Graus.

Manchmal sind auch die Salonnamen eine Abschreckung für sich, aber da muss man drüber stehen, sonst findet man ja nie was, also hab ich mich überwunden und einfach mal bei „Eve & Me“ angerufen, aber keine der Master-Stylistinnen (wie die Friseusen nun heißen) hatte in den nächsten drei Wochen Zeit für mich und außerdem ist die Preisliste im Internet nicht mehr aktuell und ein „Women Cut“ kostet mittlerweile 70€.
Danach noch ein Anruf bei „Cristian Ricotta“, weil ich den Namen so lustig fand und mich interessiert hätte, ob sein Partner, mit dem zusammen er den Salon betreibt, vielleicht Paolo Mascarpone heißt, dann hätt ich da sofort einen Termin gemacht, allein schon, um drüber bloggen zu können. Signore Ricotta war mir aber schon am Telefon viel zu italienisch, gut gelaunt, laberig und laut, also schied auch er aus.

Friseurläden aus der zweiten Kategorie – „Uwe’s Salon“ oder „Anita’s Haarshop“ – scheiden nicht etwa wegen der Alptraumapostrophe aus, sondern wegen des gruseligen Interieurs (alles gefliest), der noch gruseligeren Beleuchtung (Neon!) und der Menschen mit gruseligen Frisuren, die in solche Läden hineingehen oder aus ihnen herauskommen.

Zwischen diesen beiden Kategorien scheint es so gut wie nichts zu geben.
Also verschob ich das Kurzhaarfrisurvorhaben eben nochmal, schwor mir aber bei der heiligen Effilierschere, es nicht aus den Augen zu verlieren, um nicht doch wieder auf den letzten Drücker, bevor mir der Pony bis zur Nase herunterwuchert, zu P. zu gehen, weil man als Stammkundin nach 17 Jahren bei P. natürlich auch mitten in der Vorweihnachtszeit ganz unkompliziert und schnell einen Termin bekommt.

Gestern kam ich auf dem Rückweg vom Mittagsgassi hier im Viertel zufällig an einem Friseurgeschäft vorbei, das mir sofort gefiel. Keine Billigbude, aber eben auch nicht diese Optik eines SPAs im Vier-Sterne-Hotel. Einfach normal, etwas puristisch vielleicht, was ich ja mag.
Drinnen stand ein Mann in den 50ern, Bart, Brille, Haare hinten lässig zusammengebunden, Blue Jeans, schwarzes Hemd, Typ „unaufgeregter Schlagzeuger“.
Unter der Fensterbank eine Matte, auf der friedlich eine französische Bulldoggendame schnarchte.
Keine weiteren Angestellten, keine Regalwände voller Haarpflegeprodukte, kein Handmassage- oder Barrista-Quatsch – einfach nur dieser Typ und sein Hund. Und für München moderate Preise. Termin für heute ausgemacht, das Fräulein darf natürlich auch mitkommen, obwohl die Bullydame „etwas heikel“ ist mit anderen Hündinnen.

Eine große Umstellung, das alles.
Frank spricht nämlich fast gar nichts. Er fragt nur zu Beginn sehr genau nach, wie ich mir die Frisur vorstelle, berät mich ausführlich und erläutert mir diverse Varianten – und legt dann los. Nach 50 Minuten konzentrierter Arbeit, nur unterbrochen von kurzen Nachfragen, huscht ein zufriedenes Lächeln über sein Gesicht: „Ist ja viel besser als Claire Underwood!“ sagt er, und ich werte das als Kompliment. Nicht für mich oder weil ich Robin Wright irgendwie ähneln würde oder wollte, sondern für seine Arbeit.

Das Fräulein schüttelt sich, schielt hinüber zu der immer noch schnarchenden Kollegin, ich schüttle mich auch, damit sich die letzten feinen Haarstoppel aus dem Nacken verabschieden, und dann gehen wir zufrieden hinaus und weiter zum Postamt, wo ich gleich noch die zweite Trennung des Tages vollziehe und einen Text, an dem ich nun länger gearbeitet habe, wegschicke.

Was für ein herrlich freies Gefühl – auf dem Kopf und auf dem Schreibtisch!

Die Widerlegung des Antoine de Saint-Exupéry.

Jetzt neu in der Konditorei Kustermann (aus der Serie „Kleine Köstlichkeiten für kleine Haushalte“, es lebe die Großstadt!). Leckerlecker 🤗

Von wegen „Man sieht nur mit dem Herzen gut“ oder „Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar“.

(Noch ansprechender übrigens die vier neuen Guglhupfsorten, ebenfalls in der sympathischen Zwei-Personen-Edition.)

Bierbichler-Country.

Nach vier seelosen (aber keinesfalls seelenlosen) Tagen wieder am See unterwegs: Ostufer – von Münsing über Reicherskam, Holzhausen, Oberambach und Weidenkam nach Ambach.

Dem Föhn sei Dank weht ein so mildes Lüftchen, dass man mit offener Jacke spazieren gehen kann, und nicht friert, wenn man alle 10 Minuten stehenbleiben muss, um die Himmelsfarben überm See oder der Alpenkette zu bewundern oder sich auf dem Aussichtsbankerl vor der Holzhausener Kirche niederlässt und sein Käsebrot isst.

Dann sogar noch ein Plätzchen im Bierbichler-Gasthof bekommen, auf ein Unertl, eine leichte Frühnachmittagsweiße, im Wirtshausflur hängt das Interview mit dem Spruch des Hausherrn: „Ich hacke Holz, damit ich nicht joggen muss.“

Nette Münchner mit am Tisch, Blick auf den See, eine angeregte Unterhaltung ergibt sich und weil’s dann bei Aufbruch glatt schon ein wenig dämmert, nehmen sie das Dackelfräulein und mich ein Stück im Auto mit, da wir die anderthalb Stunden zurück zum Auto definitiv nicht mehr im Hellen geschafft hätten.

Daheim gleich die schon morgens vorbereitete Lasagne ins Rohr geschoben und alsbald verzehrt. Was will man mehr?

Vom langsamen, leicht umständlichen Heranpirschen an das Eigentliche einer Sache.

Drei Tage Arbeitsklausur am See.
Mich mit Ruhe und Bedacht und auf ein paar Umwegen an das Eigentliche herangepirscht.
Mit passablem Ergebnis: der Text ist jetzt zu 95% fertig. Finde ich zumindest heute Morgen.

Und sonst so?

Von allem was dabei gewesen:
Perfekter Seeblick vom Zimmerfenster aus, drumrum ein Ort der Inspiration, etwas sportliche Betätigung in den Morgenstunden, zäher Novembernebel, zähe Gedanken, absurde Wortfindungsstörungen, aber auch sprudelnde Ideen, beinahe ungeahnte Kreativitätsschübe, kalte Füße trotz warmer Socken, lauwarmes Rührei zum Frühstück, den Input an Nachrichten aus der Welt gering gehalten, immerhin 1x Musik gehört bei einem Morgenlauf, abends Stern-Weiße von Hacker-Pschorr (kommt gleich nach Schneider Weiße TAP7), ein krasser Sonnenuntergang in Lila-Orange-Magenta, wunderbar feste Matratze, entsprechend gut geschlafen, im Lokal 1x Schwaben am Nachbartisch („Ha noi, de Oggsebruschd is aus!“), dafür 2x in ebenjenem Lokal Horizont erweitert in Sachen OMG (once again: that doesn’t mean „Oh my God“ but Oskar Maria Graf, a famous Bavarian writer), sogar einige Gedichte gelesen, keinerlei überflüssige Wortwechsel mit überflüssigen Zeitgenossen, jeden Tag ein schwarzes Haar des Zimmermädchens im weißen Waschbecken, drei Herpes nebeneinander auf der Oberlippe (beinahe schaut’s aus wie die aufgespritzen Lippen eines Hollywoodstars, nur die Frisur passt nicht ganz dazu), eine angenehme Nachttischleuchte (schätzungsweise 2700 Kelvin, so muss das sein), resche Bratkartoffeln ohne blöden Kümmel oder ekligen Speck und endlich mal eine Rezeptionistin, die auf meine Bitte um eine ganz bestimmte Art von Zweitkopfkissen sofort sachkundig mit „Ah, Sie moana a Hansi?!“ reagiert.
Ja super! Genau, des moan i (mia song dahoam Hansipolster, oba bassd scho)!
Erlebt man ja leider verdammt selten in Hotels.

Wenn eines der wichtigsten Werke von Oskar Maria Graf nicht ausgerechnet mit „Das Leben meiner Mutter“ betitelt wäre, hätte ich das Trumm ja schon längst gelesen. Deshalb muss ich mich auch da ganz langsam heranpirschen, diese biografisch bedingte Barriere im Hirn wird aber wohl eines Tages noch einstürzen, das spür ich schon. Und bis dahin blättere ich eben durch die kleineren Werke wie die gesammelte Reden, Gedanken und Zeitbetrachtungen.

Darin finden sich wahre Highlights des Grafschen Sinnierens über unsere Landsleute und deren Humor:

Um einem nichtbayrischen Menschen unseren Humor auch nur halbwegs begreiflich zu machen,
dazu muß man im Erklären ein bißchen weitschweifig sein.
Weitschweifigkeit oder, besser, das langsame, leicht umständliche Heranpirschen
an das Eigentliche einer Sache gehört zu unserer Natur.
Alles Knappe, logisch scharf Umrissene ist uns zuwider.
Wir sind für das Kommode. ‚Kamott’, wie wir es aussprechen,
heißt soviel wie sich in allem gemütlich Zeit lassen
und das zuträglich Behagliche voll auskosten.
Meistens springt dabei sogar ein Vorteil für uns heraus, und wenn es auch nur der ist,
daß ein anderer Mensch sich darüber ärgert oder nervös wird.
Ein ‚kamotter’ Mensch mag das Durchdenken, das in heutigen Zeiten so beliebte Zu-Ende-Denken nicht,
er ist für das Betrachterische.
Das hängt vielleicht mit unserer weltberühmten Kunst,
dem ‚Bayrischen Barock’ zusammen, bloß, meine ich immer,
daß ‚barock’ überhaupt eine persönliche Veranlagung jedes einzelnen Bayern ist. [. . . ]

Bayrischen Humor gibt es allerdings zweierlei:
den, über welchen die Eingesessenen lachen
und jenen, den die Fremden an uns belachen.
Der erstere beruht auf unserer scheinbaren Unlogik und auf der Langsamkeit im Begreifen.
Bei der Beurteilung des letzteren bin ich nicht kompetent.

(Oskar Maria Graf, „Etwas über den bayrischen Humor“. In: „An manchen Tagen.“, 1961)

Da brauch ich keinerlei Tischgesellschaft, wenn ich sowas neben meinem dampfenden Blaukrautschälchen liegen habe und darin lesen kann.

Und am letzten Abend, im Hotelbett, schließt sich dann der Kreis, als ich das hier aus dem Netz fische:

Nun noch ein bisschen Herumdenken an den fehlenden fünf Prozent, meine Siebensachen zusammenpacken und gegen Mittag wieder nachhause zum Gatten und dem Dackelfräulein, die den Giardien hoffentlich bereits erfolgreich den Garaus gemacht haben.

Auf Wiederseen!

See_lenfrieden.

Eine überwiegend aufreibende, anstrengende Woche. Am Schreibtisch ebenso wie draußen – und überhaupt.

So ein Tierkliniktermin hängt mir tagelang nach, vor allem, wenn auch die Diagnosen erst Tage später eintreffen. Selbst, wenn man bewusst nicht wartet, so wartet man eben unbewusst doch.

Seit gestern wissen wir mehr. Giardien. Na super. Den Hundekundigen unter Ihnen ist klar, was das bedeutet. Den anderen empfehle ich, nicht nachzuschlagen. Immerhin ist nun die fünfwöchige Leidenszeit des Dackelfräuleins hinreichend erklärt.

Dann noch ein anderer Verdacht, aufgrund der Blutwerte. Gar nicht schön. Das bleibt hier aber so lange unerwähnt, bis es endgültig abgeklärt ist, denn ich bilde mir gelegentlich ein, dass man manchen Dingen durch ihr Nicht-Niederschreiben auch ihre Existenzgrundlage entziehen kann.

Überhaupt stand Fräulein Hund diese Woche etwas arg im Vordergrund. So lang war sie noch nie paarungswütig, so oft hab ich noch nie „Ist das ein Rüde?“ durch die Gegend geplärrt oder mein Bein trennend zwischen sich begegnende, hormongesteuerte Vierbeiner gestellt.

Und nebenher noch viele andere Dinge, die einen beschäftigen (zwischendurch den rechten Arm endlich dem Osteopathen anvertraut).

Deshalb bin ich jetzt mal kurz weg.
Auf Mutter-Kind-Kur quasi. Nur ohne Kind. Das ist daheim, beim treusorgenden Gatten.
Ich hab mal nachgerechnet: 2019 war ich bislang genau 4 Tage/Nächte als Individuum ohne Anhang unterwegs. Da schlag ich doch nun glatt nochmal zwei Tage obendrauf!

Muss mal für mich sein. Aber nicht irgendsoein Wellnesskörperpamperseeleaufweichprogramm (schade eigentlich), sondern eine kleine Arbeitsklausur. Ein Text möchte fertig werden. Bzw. überhaupt erstmal geschrieben werden. Ein wichtiger Text. Das erfordert Ruhe und Abstand – und einen geeigneten Ort fürs Anfangen.

Dieser Ort ist hier. Am See. Mit Blick auf den See. Grau sieht er aus, im November, aber das passt prima.

Nebenan das Bootshaus, vor dem in den Kindheitsommern der S. saß, der immer mit der Mutter flirtete (und sie mit ihm), wenn wir bei ihm ein Ruderboot ausliehen, um rauszufahren auf den See.

Unverändert steht es da, das Bootshaus. Ich kann das Knarzen der Holzplanken noch hören, wenn die Mutter über den Steg lief, um trockenen Fußes das Boot besteigen zu können (es ging wohl eher drum, sich von S. ins Boot hineinhelfen zu lassen, denn er hielt sie immer an der Hand, sobald sie die erste Sprosse der Leiter betrat, die vom Steg ins Wasser hinunterragte).

Kann das Knirschen und Klackern der Uferkiesel noch hören, über die ich in dem türkisen Jerseykleidchen mit dem Segelbootmuster (die Basttasche über der Schulter und die Sandalen in meiner Rechten) ins Wasser hineinging, um von dort aus ohne helfende Hand in das Boot zu klettern, in dem die Mutter bereits saß und selten selig vor sich hin lächelte.

Der S. wohnt im oberen Ortsteil, ist nun 79 und längst nicht mehr Bootsverleiher, bestimmt aber immer noch so braungebrannt wie 1979.

Haben Sie ein schönes Wochenende & bis demnächst!

Song des Tages (38).

Ein Tag der Frauenpower – und zwar nicht nur hier daheim (ich: den Nachfragemist zur Steuererklärung, diese unsagbare Zumutung seitens des Finanzamts, nun endlich weggeschippt und somit hoffentlich bewältigt / das Fräulein: nun heftigst von der Natur getrieben, seit gestern auf intensiver Rüdensuche, wie immer nach dem Motto „Alter, Aussehen, Bildung – alles egal, Hauptsache Rüde!“), sondern auch einen Steinwurf von uns entfernt, im Drossel & Zehner.

Zwei überaus sympathische und attraktive Kanadierinnen (beide schon seit 20 Jahren vergeben, und zwar an einander) präsentieren ein kleines Club-Konzertchen vom Feinsten:

And the moon’s bowing down to the sun
The wind was fierce on the blue water pier
But we took off our clothes we were cavalier
And all I can taste is the look on your face
Coming up through the clear lake water
It’s calm it’s grace, everything’s in place
It’s calm, it’s grace
It’s calm, it’s grace, everything’s in place
It’s calm, it’s grace, everything’s in place
I’m telling you I’m home, I’m telling you I’m home
I’m telling you I’m home, I’m telling you I’m home

Wunderbare Atmosphäre in dem kleinen Club, weil ganz nah dran, und die beiden Ladies von Madison Violet, Brenley MacEachern und Lisa MacIsaac, suchen eh immer wieder den Kontakt zum Publikum, so dass die Stimmung von Song zu Song besser wird: dichter, persönlicher, intimer.

Die Zugabe dann im Dunkeln, von der Bühne hinuntergesprungen, mitten unter den Zuhörern stehend. Ich musste Obacht geben, mich mit meinem Ärmel nicht im Gitarrenhals von Brentleys Gibson zu verheddern.
Ein toller Abend jedenfalls, ein gelungener Auftritt – und mehr kann ich hier nicht schreiben, weil ein Freund nächste Woche auch zu Madison Violet gehen wird und jetzt noch nicht davon lesen möchte, wie der Abend nun genau war und vor allem, wie er endete: nämlich mit einer Umarmung nach einem kleinen Plausch am Merchandise-Stand.

Das Drossel & Zehner wäre eigentlich DIE Location auch für andere Sterne am Musikhimmel, wie beispielsweise Matthias Forenbacher (wir berichteten hier und hier) – deshalb hab‘ ich die Gelegenheit gleich beim Schopf gepackt und vor Ort mit dem Veranstalter gesprochen, Kärtchen und Nummern mitgenommen, so dass man da demnächst nochmal konkreter reden kann, vielleicht lässt sich ja was deichseln (und ansonsten machen wir das halt bei uns daheim im Wohnzimmer: wenn man den Tisch und die Eckcouch rausräumt, ist da Platz genug, das Bier kann man liefern lassen, die Tickets kann der Canon Pixma drucken, und das Dackelfräulein übernimmt den Securtiy-Check am Eingang sowie die Spendensammlung).

Wo ein Wille, da eine Bühne.
In diesem Sinne – gute Nacht allerseits & einen herzlichen Gruß nach Graz!

Matrjoschka (1).

Matrjoschka Nr. 1: Die Kleinste von allen hat als Erste das Wort.

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Die Mutter war Russin, weshalb ihre Tochter eine Natascha Irina sein musste.

Hätte sie einen Sohn geboren, säße hier nun mein männliches Pendant auf dem Sofa. Ein Boris Alexander, mit seinem Laptop auf dem Schoß, er hätte vielleicht kein weißes, sondern ein silbernes oder schwarzes.
Vielleicht würde er Wodka trinken statt Weißbier und bestimmt hätte er zur Winterzeit im Unterschied zu mir stets warme Füße. Und vielleicht läge anstelle einer Rauhaardackeldame ein Sibirischer Huskyrüde unter seiner Wolldecke.

Aber wie dem auch sei: Er hätte dieselbe Mutter gehabt, und er hätte sich ebenso als ihr einziges Kind unter ihrem Regiment behaupten müssen.

Was hätte er für eine Überlebensstrategie entwickelt?
Wäre er stärker gewesen als ich? Oder schwächer?
Ob auch er eines Tages davongelaufen wäre? Oder geblieben wäre?
Hätte er sie wohl länger lieben können als ich? Oder gar noch kürzer?
Und wäre es ihm möglich gewesen, an ihrem Sterbebett zu sitzen? Oder ebenso wenig?

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Ein russisches Original: Birkenholz, handbemalt und aus sieben Teilen bestehend.

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Der Papa brachte sie mir neulich aus Russland mit.

Er hätte eine ganze Weile suchen müssen, sagte er, bis er eine gefunden hatte, die der, die zu meinen Kindheitstagen im großen Bücherregal der Mutter stand und von dort, aus einer Lücke zwischen dem grün ummantelten Pschyrembel und den blau eingebundenen technischen Wörterbüchern, völlig reglos, aber mit wachem Augenaufschlag auf unser Familienleben hinunterblickte und das, was sie sah, sich verpuppen ließ, um es dann gut in ihrem Inneren zu verbergen, zum Verwechseln ähnlich sah und die aus genauso vielen Figuren bestand: nämlich aus sieben Puppen.

Schließlich hatte er sie gefunden.

Nach 35 Jahren habe ich nun wieder eine Matrjoschka. Eine echt russische!
So wie die, die ich als Kind immer wieder auseinandernahm und zusammensetzte, um sie dann erneut zu zerlegen und wieder zusammenzubauen – und immer so fort.
Es war die Hauptaufgabe, die ich in dieser Familie hatte: all diese Figuren irgendwie zusammenzuhalten oder sie zu separieren, je nach Temperatur, die das familiäre Thermometer gerade anzeigte, und mit viel Fingerspitzengefühl, damit das feine Birkenholz, aus dem sie gedrechselt waren, ja nicht zerbrach.
Mal stellte ich sie als Ganzes zurück ins Bücherregal der Mutter, mal platzierte ich alle sieben Puppen einzeln dort, was der Mutter missfiel.
Sie geriet dann in Sorge, eine der kleineren Matrjoschkas könne zu Boden fallen und dabei kaputtgehen.

Rückblickend denke ich, dass ich schon früh die Verwandtschaft zwischen der Matrjoschka und unserer Familie wahrgenommen hatte und sie mich deshalb so faszinierte.
Denn unsere Dreiheit war genau wie diese Matrjoschka: ein zurechtgedrechseltes Kunstprodukt, ein ineinander verschachteltes Etwas, nach außen hin zwar bunt und lächelnd, tief drinnen aber mit einem harten, hölzernen Kern, der umgeben war von vielen Hüllen, jede davon schmerzerprobt, weil potentiell jederzeit in ihrer Mitte durchtrennbar und zu oft allein dastehend (und dann diesen unheimlichen Hohlraum in sich spürend).

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Nun, da ich der Mutter nichts mehr übelnehme – und das nicht etwa, weil ich ihr alles verziehen hätte, was ich ihr einst übelnahm, sondern: seit der irdische Part unserer Geschichte ein Ende fand, fühlt sich die Vergangenheit von Jahr zu Jahr friedlicher an, wohl weil ihr jede Zukunft genommen wurde und sich das als heilsam erweist – kann ich über sie schreiben.
Kann sie be_schreiben, die Mutter und die 17 Jahre, die ich mit ihr verbrachte.

Freuen Sie sich also auf „Matrjoschka“, die neue Winterserie hier im Kraulquappen-Blog.
Oder besser gesagt: Seien Sie zumindest gespannt auf etwas dunkle Lektüre in der dunklen Jahreszeit, die gut zu einem Pott schwarzem Tee mit zu viel Rum drin passen könnte, aber richten Sie Ihre Freude vielleicht doch lieber auf Bekömmlicheres wie z.B. Weihnachtsplätzchen oder die Schokoladenstückchen aus Ihrem Adventskalender, die demnächst ja Einzug halten werden.

Diese Serie wird sieben Teile umfassen, so wie auch die Matrjoschka, mit der ich als Kind unter dem großen Schreibtisch der Mutter hockte und spielte, aus sieben Figuren bestand. In jeder Folge wird eine der Puppen ihre Geschichte erzählen.
Obwohl es noch exakt sieben Wochen bis Weihnachten sind, werden wir bis dahin nicht fertig sein, sondern erst dann, wenn der Schnee, der jetzt noch gar nicht gefallen ist, langsam wieder zu schmelzen beginnt.

Ich versichere Ihnen, mir Mühe zu geben, die Memoiren der sieben Holzpüppchen jeweils so zu lektorieren, dass Ihnen die veröffentlichten Beiträge nicht ähnliche Frostbeulen bescheren wie sie sie in der damaligen Kinderseele der Tochter hinterließen – es ist draußen ja schon zapfig genug.

Und falls Sie sich fragen, wieso Sie diesen Siebenteiler nicht während der dauerheißen Sommermonate kredenzt bekommen, wo ein bisschen Frösteln ja durchaus wohltäte, so kann ich das schlicht und schnell damit beantworten, dass manche Geschichten emotional und auch sonst Wintergeschichten sind und daher in keiner anderen Jahreszeit erzählt werden können.

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Die sieben Mütterchen aus Russland packen aus.

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