Himmel der Bayern (92): Eine etwa vierstündige Rast erhält die Kräfte ungemein.

Vorgestern, am Tegernsee. Zwischen Einkäufen, Küchenarbeiten, Abendessen und einem thematischen Potpourri, das von Treppenlifteinbau über Pflegestufenbeantragung bis hin zu Seniorenresidenzwartelisten reichte (die Stimmung des Papas dabei erstaunlich gelassen, ja vielleicht beinahe froh, dass ich das alles ganz direkt anspreche, nicht drumherum rede und mir Notizen mache, was wann und vor allem von wem zu tun sei), wackelt der Papa zum Sekretär, um aus der obersten Schublade ein zerfleddertes kleines Büchlein hervorzuholen. Trägt es zum Esstisch, legt es mir mit seiner leicht zitternden rechten Hand hin und sagt: „Guck mal, ich miste ja immer noch aus, und bei dem hier dachte ich an dich und ob du das vielleicht haben magst.
Seine Stimme spricht keine Fragezeichen mehr, auch keine Ausrufezeichen, sie hebt und senkt sich nur noch selten, ihre Amplitude ist ebenso in sich zusammengeschrumpft wie der gesamte stattliche und starke Mensch, der er früher mal war. Ich blicke auf den abgewetzten, kastanienbraunen Ledereinband, drauf steht in Goldlettern: „Meyers Reisebücher. DEUTSCHE ALPEN. Erster Teil.“
Die Ursprünge und Grundlagen meiner Bergliebe habe ich ja dem Papa zu verdanken, so wie die Dackel- und Heimatliebe wohl auch, also ergreift mich sogleich große Rührung als ich die mufflige Kladde aus dem Jahre 1886 aufklappe und das Vorwort zu lesen beginne: „Leicht Gepäck ist eine der Vorbedingungen für eine angenehme Reise, besonders im Gebirge.“ – so lautet der erste Satz. Wie wahr!, denke ich, und: Wie sehr das doch auch jenseits des Gebirges zutrifft.

Später am Abend, wir alle sind etwas erschöpft vom mentalen und verbalen Herumwuchten schweren Gepäcks, konkret: vom Um- und Einkreisen der vorletzten Dinge und dem schließlich vorsichtig geäußerten Beschluss, dass eine Übersiedelung vom Haus in eine Seniorenresidenz (der Begriff Altenheim kommt keinem über die Lippen, Pflegeeinrichtung schon gar nicht) sinnvollerweise in nicht mehr allzu ferner Zukunft anstünde („so lange wir das noch selbst entscheiden können“ sagt die Lebensgefährtin, der Papa hingegen fasst es unter „so lange ich meinen letzten Koffer noch alleine packen kann“ zusammen), sitzen still und müde in den Sesseln, jeder mit seinem lauen Getränkerest und seinen ungeäußerten Gedanken beschäftigt, schlage ich das Alpen-Büchlein erneut auf.
In dem einleitenden Kapitel „Einige Wander-Regeln“ findet sich unter anderem die wunderbare Weisung: „Das Gehen in der Mittagswärme ist unangenehm, eine etwa vierstündige Rast (11-3 Uhr) erhält die Kräfte ungemein.“ .

Am darauffolgenden Tage probieren wir das gleich mal aus – und rasten während der Mittagswärme. Gelingt uns auf Anhieb. Sehr gut sogar.
Ich lasse mich auf einer Bank am See nieder, deren Standort ich in Zeiten wie diesen lieber nicht verraten möchte, das Fräulein schnorchelt im Flachwasser herum und ruht nach dem Bade im sonnigen Strandkies (kaum zu glauben: grad mal zwei Monate nach Weihnachten und der Hund nimmt schon ein erstes Frühlingsbad!).
Dank des Krapfens genügt auch eine anderhalbstündige Rast, um die Kräfte zu erhalten bzw. wiederherzustellen (außerdem hat man ja auch noch was anderes zu tun), den Durstlöschhinweis aus Meyers Reisebuch beherzige ich wohlweislich nicht („Wer empfindlich beim Kaltwassertrinken ist, vermische das Wasser im Lederbecher mit etwas Kognak aus der Feldflasche.“ ), denn so in der prallen Sonne sitzend würde das die eben erst erhaltene Kraft womöglich wieder gefährden, außerdem besitze ich keine Feldflasche, sondern nur so ein neumodisches Aludings (wenngleich solides Schweizer Fabrikat).

Der frisch vererbte Schmöker geleitet mich quer durchs bayrische Hochland, ausführlicher widme ich mich dem Isarthale, der Region Tegernsee-Schliersee sowie der Gegend, in der ich gerade raste.
Ich erfahre, dass das Schloss, an dem ich just vorbeispazierte, damals keine ferienfreizeitwütigen Protestantenfamilien beherbergte, sondern dem Grafen Ferdinand von Rambaldi gehörte, der dort residierte, wann immer es seine Amtsgeschäfte als königlicher Regierungsrat in München zuließen. Absurderweise besaß der Herr Graf nur einen Steinwurf vom seinem Schloss entfernt noch ein Sommerhaus (auch jenes nicht gerade winzig und ebenfalls mit herrlichem Seeblick), um sich, wie es heißt, „dem turbulenten Treiben der Schloßanlage entziehen zu können“ .
Wie beneidenswert, wenn man binnen weniger Minuten von einer Ruheoase zur nächsten schlendern kann!
Man selbst ist ja heutzutage schon heilfroh, wenn man an dem fast gänzlich von Privatbesitztümern zugepflasterten Ufer irgendwo ein Loch in einem Zaun entdeckt, hindurchzuschlüpfen wagt, um dann klammheimlich kostbare 90 Minuten vor einem verspinnwebten Bootshaus zu verbringen. Freilich geht das eh nur, weil Februar ist und es außer ein paar Hunden noch niemanden ins Wasser drängt.

Vor mir der See, hinter mir das Bootshaus, mit einer beachtlichen Bevorratung an Poolnudeln und anderem Schwimmzubehör, linkerhand eine blau leuchtende Badeinsel, zu meiner Rechten der einladende Holzsteg, mit kleiner Stiege hinab ins schmerzlich vermisste Element.
Ich lege das Buch beiseite und google zum ichweißnichtwievielten Male nach Neoprenanzügen. Wie immer überfordert mich das nach wenigen Minuten und beschert mir dasselbe Gefühl, das mich früher stets in Kaufhäusern (Sie erinnern sich? – diese mehrstöckigen Konsumtempel, die Sie einst aufsuchten, wenn Sie das Haus verließen, um mal etwas anderes als nur Lebensmittel oder Klopapier zu besorgen…) befiel: ein Zuviel an Angebot sowie ein Zuwenig an Kenntnis oder Wollen radierte schon nach kurzer Verweildauer jede Kauflust in mir schlagartig aus – ich will dann gar nichts mehr (außer raus aus dem Laden und sofort meine Ruhe).

So knöpfe ich mir abermals Meyers Reisebuch vor, streife durch die Kapitel über Garmisch und Mittenwald (staune, dass das Karwendel früher Karwändel hieß und dass der Oberbayer als ein Menschenschlag geschildert wird, der sich „durch Biedersinn und Ehrlichkeit“ sowie „durch kernhaftes Wesen, Kraft, Humor und Phantasie“ ausgezeichnet haben soll) und bleibe schließlich bei „Ratschläge für bergsteigende Damen“ hängen, die ich Ihnen hier keinesfalls vorenthalten möchte:

Das Haupterfordernis für bergsteigenden Damen ist zunächst ein fester Bergschuh (…). Beim Maßnehmen dieser Schuhe ist darauf zu achten, daß beide mit starken Strümpfen bekleidete Füße fest auf der Erde stehen und nicht, wie meistens der Fall, frei in der Luft hängen. Man trete die Schuhe zu Hause ein und lasse sie erst im Gebirge nageln.
Besonderes Gewicht ist darauf zu legen, daß der Körper als erste Bekleidung nur Wolle erhält. Von dunklem, nicht zu schwerem Wollstoff angefertigte weite Beinkleider und darüber ohne Jupons das Kleid von dunklem Wollstoff, welches derart einzurichten ist (durch Aufknöpfen), daß es (bei Touren) entsprechend kurz oder lang gemacht werden kann. Der Stoff zum Kleid muss ein dauerhafter englischer Wollstoff sein.

(…) Ein warmes Plaid ist unerläßlich bei der Rast auf dem Gipfel, auch ein kleines Tuch für den Hals ist sehr erwünscht, wildlederne Handschuhe sind vortrefflich. Als Kopfbedeckung für in unbewaldetes Gebirge führende Touren diene ein starker Strohhut, der innen warm gefüttert ist, und dessen nach unten gehende Ränder das Gesicht schützen. Ein blauer Schleier ist unerlässlich.

Und 135 Jahre später ist das Einzige, was davon noch geblieben ist, der robuste Stiefel und bei der Oberbekleidung (heute Funktionswäsche oder Baselayer genannt) ein Merinoanteil von bestenfalls 70%.
Tja. The Times They Are A-Changin‘ .

Es ist das vollkommen Zweckfreie und ganz und gar Gegenwartsferne dieser Lektüre, das mir in der Seele so gut tut bei dieser Mittagsrast am Tag nach dem Ausflug in die geriatrischen Gefilde.

Mit Spaziergang, An- und Abfahrt habe ich es dann übrigens doch noch auf die empfohlenen vier Stunden gebracht, wenn man „Rast“ mal in einem weiteren Sinne fassen möchte: nämlich als „Absenz von Alltag“ .

Die Kunst der Fuge (und was man sonst so treibt).

Abends ein Telefonmarathon von Couch zu Couch (1x Berlin, 1x München), aufgrund der Länge und der Themen fühlte sich das fast an wie ein richtiges Treffen.
Nebenbei bescherte das Gespräch die erfreuliche Erkenntnis, dass auch andere Menschen dem Bedürfnis nachgeben, diverse Listen zu führen, deren Nutzen und Notwendigkeit objektiv betrachtet als fragwürdig bezeichnet werden könnte.

Danach im Bett liegend gleich die Liste meiner persönlichen Widerwärtigkeitsworte ergänzt, in der medialen Peripherie der Pandemie stößt man derzeit ja fast täglich auf neue Fundstücke, derer ich mich durch Niederschreiben zu entledigen versuche. Nun neu auf der Liste: geshutdownt (überhaupt: dieser gesamte anglizismenlastige Seuchen-Sprech gehört komplett auf den Index gesetzt, genauso wie das Wort Sprech selbst), Inzidenz-Hotspot (brr!), Knuffelkontakt (bäh!), Winterwonderland (warum muss nur immer alles so überhöht werden? und wenn schon: warum geht das nicht in unserer Sprache?), Krisenfrise (frisch aus dem kommunikativen Komposthaufen des Morgenradiomoderatorenhumors).

Tagsüber hämmert, schleift und bohrt Lolek unterstützt von seiner unverwüstlichen Verwandtschafts-Gang schon seit letzter Woche wieder in der Wohnung über uns herum, der Gatte ist nach Frankfurt in die menschenleere Universität geflohen und ich lasse mir jeden zweiten Tag Schnee in die Ohren rieseln und bade in der Stille der weißen Flöckchen.
Ende Januar wird die Bude fertig sein, dann droht nahtlos der Einzug der neuen Nachbarn, eine vierköpfige Familie, Franzosen wohl, wie Lolek mir verriet. Spontan eine Assoziation: dass die bestimmt dezenter und leiser sind als die trampeligen und laut krakeelenden Südländer, freilich sind das alberne Vorurteile und dennoch hätte ich nichts dagegen, sie träfen in diesem Fall zu.
Wir werden es sehen bzw. hören.

Da die 7-Tage-Inzidenz hier in München noch unter 200 liegt und man noch ohne Bußgeldbefürchtungen zu Sport und Bewegung ins Voralpenland fahren darf, nach einem Tag Pause zu dem Schönwetterbergtag gleich wieder eine Schnee-Expedition gemacht. Endlich mal die Leib-und-Magen-Rundtour des hübsch Bewimperten ausprobiert, sehr schöne Sache, wirklich.
Bei Sonnenschein sicher noch viel schöner, denn von der Aussicht, die man dort haben könnte, war vor lauter Schneewolken nichts zu sehen (siehe grau-weiße Bildergalerie etwas weiter unten im Beitrag). Dafür sorgten Himmelsgrau und Wochentag für absolut freie Strecke und während sich daheim in der Stadt der Schnee bereits in eine braune Brühe verwandelt hatte, konnten D. und ich und das Dackelfräulein dort draußen durch den Pulverschnee wedeln.
Ist die 200er-Marke dann überschritten, und ich tippe hierfür auf Ende der kommenden Woche, muss man sich zum Gassigehen und Schneesuchen an eine neue Landkarte gewöhnen:

Wobei ich jetzt keinesfalls jammern möchte, denn nie war es beruhigender, den einzigen Verwandten ausgerechnet am Tegernsee wohnend zu wissen, weil man (Stand Söder, von vorgestern) den selbst dann noch besuchen darf, wenn hier wie dort die 15-Kilometer-Regel gelten sollte (dort, im Landkreis Miesbach, tut sie’s bereits!), nicht auszudenken, es hätte den Papa 60 km in die entgegengesetzte Richtung verschlagen, weil was sollte man in Zeiten wie diesen, in denen es einen so nach Ästhetik dürstet, man diese außerhalb der eigenen vier Wände und der dort genossenen Bilder, Buchstaben oder Bässe, von denen so ein Akkordeon ja gottseidank stolze 72 bietet, nur in der freien Natur findet, die aber seit Wochen und Monaten noch mehr als sonst unter dem Ausflüglerandrang ächzt, so dass es oft detektivischen Spürsinns bedarf, Spazier- oder Wanderwege zu finden, auf denen es sich befreit durchatmen und das Weltgeschehen mal ein Weilchen ausblenden lässt, was also sollte man ausgerechnet in Zeiten wie diesen in einem Kaff wie beispielsweise Wolnzach, da bin ich doch wirklich froh, dieselben 60 km ins Tegernseer Tal fahren zu dürfen.

Das Schwimmen, es muss mal wieder gesagt werden, fehlt schmerzlichst. Ich habe aufgehört, die Wochen zu zählen. Sowohl in die eine Richtung (wie lang ist das letzte Mal her) als auch in die andere (wann wird es wohl wieder möglich sein). Der Schultergürtel ein Brett, der Nacken knackt, die Hüfte zwickt.
Bergsport ist großartig, aber man kann ja (leider) nicht dreimal die Woche ins Auto steigen, um zwei- bis vierstündige Touren im Voralpenland zu unternehmen, da kommt man nämlich sonst zu gar nichts mehr und tut trotz aller CO2-Freundlichkeit und Spritsparsamkeit des Autos der Umwelt nichts Gutes.
Vollends zuhause und in meinem Element bin ich nunmal im Wasser. Und ohne Wasser kein Leben, das ist ja bekannt.
Auf der Homepage der Münchner Bäderbetriebe, die die Kundschaft alle paar Wochen mit lieb gemeinten Durchhalteparolen zu trösten versuchen („Wir vermissen Euch, bleibt gesund!„), kommentiert dieser Tage eine Ärztin: „Ich vermisse euch auch und hoffe, wir sehen uns dann Ende Juni wieder.
Ende Juni?!? Woher hat die das? Wie kommt die da drauf? Ist das realistisch?

So gut es geht schiebe ich diese (Luxus-)Sorgen beiseite und blende Fragen, auf die jetzt eh niemand eine Antwort hat, aus. Freue mich an dem, was noch geht, fokussiere mich auf Anderes und Neues.
Bestelle beispielsweise Sanitärsilikon und erneuere die Fuge an der Badewanne des hübsch Bewimperten. Ein Projekt, das mehr Zeit und Nerven kostet, als wir beide dachten. Nachdem der Fugenhai seine Arbeit getan hat, stellen wir fest, dass der Vormieter ca. drei Liter Silikon in dem Spalt zwischen Wanne und Wand versenkt hat. Da die Baumärkte geschlossen haben, muss die eine Kartusche, die ich besorgt habe, ausreichen. Also werden aus Styropor ein paar Balken gesägt, um Hohlräume aufzufüllen und trotzdem ist anschließend noch eine dermaßen dicke Silikonwurst nötig, dass der Dichtstoff ausgeht und eine zweite Kartusche bestellt werden muss (absurd: Sanitärsilikon in weiß ist deutschlandweit nahezu ausverkauft, offenbar ist Verfugen ein typischer Lockdown-Lückenfüller oder eine nur allzu menschliche Reaktion auf die aus den Fugen geratene Situation – Silikonieren als Sinnbild der subjektiven Seuchenbekämpfung in unseren häuslichen Sanitärzellen, was weiß ich…?).
Ich klebe den gesamten Wannenrand mit Folie ab, damit der Freund bis zur Vollendung des Werks duschen kann. Mit der zweiten Kartusche geht es eine Woche später weiter, immerhin kann man jetzt verschwenderischer agieren.
An den zwei langen Abenden, an denen ich mich der Kunst der Fuge widme, kauert der hübsch Bewimperte stundenlang vor seiner Nähmaschine oder auf dem Fußboden, um den Prototyp der Lodenmäntel für unsere Hundefräuleins zu entwerfen, anzupassen und zu nähen. Dazwischen bestellen wir Pizza, machen Yoga, spielen mit den Hunden und erzählen uns unser Leben.

Auch mit D., meiner anderen Corona-Bezugsperson, ehemals enge Freundin genannt (ich treffe ja, wie schon im Frühjahr 2020, seit drei Monaten konsequent nur noch zwei haushaltsfremde Menschen) ein Nähprojekt, hier ohne Pizza und Yoga, stattdessen mit Weißwurstfrühstück und Tiefschneespaziergang durchs Stadtviertel.
Man schätzt die Talente und Nähe der Freunde jetzt nochmal mehr (oder entdeckt sie ganz neu), jede/r tut, was er/sie kann, gemeinsam ist man so ein Stück unabhängiger von der weitgehend geschlossenen Infrastruktur da draußen.
(Nächstes Projekt: Wir bestellen zwei Friseurscheren und üben uns halt mal in dieser Handwerkskunst.)

Dank Hund sind auch lange, mit den Corona-Bezugspersonenen verbrachte Abende nach wie vor möglich, das nächtliche Heimspazieren nach 21 Uhr läuft unter Handlungen zur Versorgung von Haustieren und wird nicht geahndet.
Diese unfassbare Stille der Stadt um 23 Uhr ist immer wieder ein Erlebnis, manchmal allerdings auch ein unheimliches, denn wenn man eine Viertelstunde lang, mitten im Herzen der Stadt deren Puls weder hört noch spürt, maximal zwei anderen Gassigehern und einer leise durch die Lautlosigkeit der Straßen gleitenden Polizeistreife begegnet, hat das was Gespenstisches.

Das Glück des Hundhabens fühlt sich momentan aber vor allem aus einem anderen Grunde besonders groß an.
Kurz vor dem Tumorkontrolltermin in der Tierklinik, bei dem auch der operative Eingriff vereinbart werden sollte, tasten der Gatte und ich die beiden Knoten an Pippas Brust nochmal selbst ab und staunen nicht schlecht – beide Umfangsvermehrungen haben binnen zwei Wochen ihren Umfang reduziert, die eine sogar deutlich (um gefühlte 60-70%). Die Tierärztin staunt ebenfalls, denn damit ist aus der winzigen Chance, die sie Anfang Dezember erwähnte (zugleich aber empfahl, uns nicht an sie zu klammern), höchstwahrscheinlich nun doch eine Tatsache geworden: die erbsengroßen Verhärtungen, die sich verkleinert haben, dürften einer Lactatio falsa entsprungen sein, eine Art verfrühter, verkaspelter Milchstau während der Scheinträchtigkeit und vor dem fiktiven Wurftermin, der sich, wenn die Hündin dann die Wochen der Pseudo-Mutterschaft durchlebt, wieder auflöst. Nach dieser Botschaft löste ich mich ebenfalls auf, und zwar in Tränen, und die Nierenschmerzen, die mich wochenlang gequält hatten, waren plötzlich verschwunden.

Wir verließen die Tierklinik also ohne OP-Termin in der Tasche, sondern mit dem Rat, das, was von den Knoten noch übrig ist, alle zwei Wochen durch Abtasten zu kontrollieren, und falls nach Ende der Scheinmutterschaftswochen dann gar nichts mehr zu spüren ist, wären wir dem Tumor-Thema tatsächlich erstmal von der Schippe gesprungen.
Sollten die Knoten allerdings nicht komplett verschwinden, muss das Fräulein der Ärztin erneut vorgestellt werden (nun besteht die winzige Chance nämlich in anderer Hinsicht… – dann war es doch nichts rein hormonell Bedingtes, aber daran wollen wir jetzt wirklich nicht denken).

Und so genieße ich es im Augenblick mehr denn je, dem Dackelfräulein zuzugucken, wie sie durch den Pulverschnee pflügt, unter der Schneedecke den einen oder anderen Tannenzapfen ausbuddelt und ihre Beute ausgelassen herumwirbelt, oder so viele weiße Kügelchen an Bauch und Pfoten kleben hat, dass sie aussieht wie ein Büffel mitten im übelsten Fellwechsel und nicht mehr weiterlaufen kann vor lauter eisigem Behang, mich dann hilfesuchend an die Wade stupst, damit ich sie von den Eisbommeln befreie oder – weil ich warme Hände behalten und mir das Gepfriemel ersparen möchte – sie gleich unter meinen Goretexmantel packe (wo das ganze Kugellager von ihr abtaut, bis sie schön trocken und mein Bauch unschön patschnass ist), oben den Reißverschluss knapp unter ihr Nicht-Kinn hochziehe, unten den Gürtel enger zurre, damit sie nicht rausrutscht, und so mit ihr vor die Brust geschnallt wie eine Kängurumutter den watteweichen Winterhang hinuntersurfe.

Song des Tages (64).

We rolled across the high plains
Deep into the mountains
Felt so good to me
Finally feelin‘ free…

Es gibt sie noch, diese wunderbaren Wintertage, an denen die Autobahn ebenso leer ist wie Parkplätze und Wanderwege.

An denen die Sonne vom bayerischen Himmel herunterlacht und man glatt mitlachen würde, wenn es einem nicht schon zu Tale bei minus 7 Grad den Kiefer eingefroren hätte.

Und Sie möchten nicht wissen, wie kalt es dann knapp 600 Meter höher war, oder in der schattigen Bergwaldpassage, die beim Abstieg zu durchqueren war.

Die Heldin des Tages ist das Dackelfräulein, und das keineswegs nur, weil sie die mehr als dreistündige Gehzeit, in der aus Temperaturgründen leider bloß eine ganz kurze Rast – einen Schluck trinken & weiter – drin war, hervorragend gemeistert hat, sondern auch, weil sie ungeachtet der Eiseskälte sofort zur Stelle war, um sich fürsorglichst meiner beim Anlegen der Grödeln nun zum x-ten Mal aufreißenden Wunde am Zeigefingerknöchel (einer Handwerksblessur, die ich mir dieser Tage beim semiprofessionellen Verfugen der Badewanne des hübsch Bewimperten zuzog) anzunehmen.
Wenigstens konnte ich mich später, auf dem dick verschneiten Steig, dafür revanchieren und der kleinen Madame die Eisklumpen zwischen den Zehen wegschmelzen, damit sie ungestört weitersausen konnte. Dummerweise blutete der Finger nach der Schmelzarbeit wieder – und so kümmert sich wechselweise die eine um die andere, so ist der Pakt und daran halten wir uns für immer und ewig.

Alles in allem ein Traumtag.
Den Muskelkater vom Yoga gehend wieder losgeworden (nach dem Silikonieren der Wannenfuge erteilte mir der Freund eine nächtliche Privatstunde zur Lockerung des verspannten Gestells).
Die Gedanken mal wieder weiter schweifen lassen als bis zur nächsten Hauswand (wir verbringen die Lockdown-Wochenenden ja strikt in der Stadt und überlassen die Schneehänge im Alpenvorland den Unbelehrbaren).
Das Fräulein so munter und tapfer – und überhaupt: wir beide momentan relativ erlöst von ein paar gravierenden Ängsten (demnächst mehr dazu).
Die zehn Kilometer überreich gepflastert mit grandiosen Ausblicken (ein derart beglückendes Gefühl, so ganz allein mitten im Paradies zu stehen, das sogar die klirrende Kälte erträglich ist), nur eine Handvoll Menschen getroffen, und einen weißen Riesen.

Möglicherweise eine erste Spur gefunden, in diesem neuen Jahr?

Nur über meine Leiche zieh‘ ich jemals aus dieser Gegend weg.

Himmel der Bayern (90): Flughunde und Blumenmädchen.

Frisch eingezuckert liegt uns das Lieblingstal zu Füßen, über uns strahlt der weiß-blaue Himmel – und so sagen wir „Servus, 2020!“

Nach zwei Monaten Lockdown kneift die Hose allmählich wieder. Nicht etwa wegen Virusfrustvöllerei, sondern weil das Laufen die Schwimmfigur zerstört hat. Aber was soll man anderes tun in diesen Zeiten, als sich einen halbwegs erträglichen Ersatzsport zu suchen, und wahrlich gibt es momentan größere Probleme als Beinkleider, die sich etwas straffer als üblich über die Oberschenkel spannen.

Das Jahr 2020, über das ich persönlich nicht klagen möchte, weil allerorten schon genug geklagt wurde (ja, bisweilen auch hier) und weil es für mich durchaus viele schöne Wochen und Augenblicke hatte, ist in ein paar Stunden vorüber. Viele sind froh darüber, manchen graut es vor dem kommenden Jahr, mir hingegen entlockt der Jahreswechsel heuer keine besonderen Emotionen.
In den letzten Wochen fließen die Worte nicht wie gewohnt, weshalb ich mich dagegen entschieden habe, ein längeres Schlusswort zum Seuchenjahr Nr. 1 zu verfassen. Schließlich begleitet uns das alles sowieso noch in 2021, zudem dominiert derzeit das Gefühl, dass alles schon zigfach gesagt wurde und man die Wortsuppe momentan nicht mehr durchzurühren braucht, nur um ihr hernach eine Kelle voll Wiedergekäutem abzuschöpfen.
Und all das Erfreuliche, das war und ist, nochmal aufzuwärmen, reizt mich gerade ebenso wenig, außerdem haben Sie das ja eh während der vergangenen 12 Monate eifrig hier mitgelesen und Anteil daran genommen, wofür ich Ihnen an dieser Stelle herzlich danken möchte.

Die vergangenen Tage bestanden aus aktiv wie passiv genossener Musik, aus guten und gesunden Mahlzeiten, aus ausgiebigen Märschen durchs verschneite Oberland und aus Muskelkater im Oberkörper. Letzteres ging weder aufs Konto des Laufsports noch der Bergtouren, sondern verdankt sich einigen Verrenkungen an einem Hightech-Gerät namens „Mammomat Inspiration“ – ein Ding, das in etwa so viel mit Inspiration zu tun hat wie die „WC-Ente“ mit einem Teich.

Ich bin ein Freund positiver Bilanzen und so bin ich 2020 nicht für das gram, was nicht möglich war, sondern nehme erfreut zur Kenntnis, was so alles drin war in diesem Jahr – trotz Corona.
56x Schwimmen ist für ein Pandemiejahr ja so übel nicht und mit 44 Bergbesteigungen bin ich sogar äußerst zufrieden. Dass es 80 Läufe geworden sind, naja, Schwamm drüber – aber bevor das in 2021 so weitergeht, kaufe ich mir wohl doch noch einen Neoprenanzug oder imitiere Schwimmbewegungen mit einem Theraband, das ich an der Türklinke befestige.

Vorsätze fürs kommende Jahr? So gut wie keine!
Höchstens: Der viele Feldsalat soll bleiben. Der fiese Knoten vom Dackelfräulein soll abhauen, die Querdenker vor unserer Haustür bitte ebenso.
Und ich möchte „La Paloma“ auf dem Akkordeon spielen können, gern auch „Lili Marleen“. (Falls der Papa mal in einem Pflegeheim landet, werde ich an seinem Bett sitzen und ihm beides vorspielen und er wird sich freuen und an früher erinnern, und ich werde glücklich sein, dass wir ein Stück gemeinsamer Geschichte bis zu dieser Bettkante hinüberretten konnten.)

Der heutige Tag begann mit einem Bild, das vor meinem inneren Auge entstand, als ich eine nicht ganz kurze Sprachnachricht des hübsch Bewimperten auf meinem Handy abhörte. Es begleitete mich durch den gesamten Tag, dieses Bild, und ich habe es nun stimmungsmäßig zu meiner inneren Kompassnadel für 2021 auserkoren: der Freund erwähnte in einem Kontext, den zu erläutern hier jetzt viel zu weit führen würde, dass er mich, wenn er denn jemals noch heiraten würde, gern als sein Blumenmädchen an seiner Seite hätte.
Sofort sah ich mich in einem lindgrünen, flatternden Kleidchen, und mit einem Weidenkorb voller Rosenblätter in der Armbeuge, einen gekiesten Weg entlanghüpfen und fröhlich all das zarte Bunt in den Sommerhimmel werfen. Diese Allegorie gefällt mir, weil ich auf den ersten (und offen gestanden auch auf den zweiten) Blick herzlich wenig mit dem gemein habe, was ich mir unter Blumenmädchen vorstelle, es mir aber genau deshalb erstrebenswert erscheint, mich, was Leichtigkeit und Frohsinn angeht, ein Stück weit davon leiten zu lassen.

Bevor es nun gleich gebratene Maultaschen an oder mit (um die 2020 am meisten verwendete Präpositionskonstruktion hier endlich auch mal unterzubringen) Feldsalat (!) gibt und später, vermutlich so zwischen Episode 2 und 3 von Staffel 4 der aktuellen Suchtserie, noch eine kleine Pannacotta mit Himbeermark, wollte ich es nicht versäumt haben, Ihnen allen einen guten und gesunden Sprung ins neue Jahr zu wünschen…

…mit sanfter Landung, versteht sich!

Von Umfangsvermehrung und Heiterkeitsreduzierung.

Immer nach vorne blicken!

Freitagabend vor fünf Tagen, am westlichen Rand des Oberhachinger Industriegebiets (für Nicht-Ortskundige: irgendwo in der südlichen Peripherie von München).

Als ich nach einer intensiven Dreiviertelstunde mit Pippa aus der Tierklinik hinausgehe in die Dunkelheit, steht Ludwig schon wieder schwanzwedelnd vor uns. Wir waren ihm zuvor schon im Wartezimmer begegnet. Der 12 Wochen alte Welpe wollte unbedingt mit Pippa spielen, die zitternd unter meinem Stuhl kauerte.

Pippa wird in Kürze 9 Jahre alt und weiß bereits beim Aussteigen aus dem Auto, dass dieser Parkplatz zur Tierklinik gehört und wirft mir einen vorwurfsvollen Blick zu, wenn ich sie auffordere, mitzukommen. Kurz vor der Eingangstür beginnt dann das Schlottern.
Ludwig hingegen hat noch keine Ahnung von diesem Teil der Welt. Er findet absolut alles toll und spannend, weshalb er letzten Freitag auch in der Tierklinik ist – er hat nämlich einen Kaugummi verschluckt. Herrchen ist sehr nervös, Frauchen sitzt zitternd im Auto (wegen Corona darf seit Monaten nur noch eine Begleitperson pro Tier mit in die Klinik hinein), nur Ludwig hat blendende Laune und will mit dem Dackelfräulein spielen.

Da sie fast alle Welpen mag, stellt sie zumindest kurz ihr Schlottern ein, wendet sich dem kleinen Ludwig zu, bis er ihr dann zu stürmisch wird und sie sich wieder unter meinen Stuhl verzieht. Weil Ludwig daraufhin in schrillsten Tönen jammert und an der Leine zerrt, geht sein Herrchen mit ihm hinaus, so dass im Wartezimmer wieder Ruhe einkehrt. Er hat sowieso noch eine längere Wartezeit vor sich, da er ohne Termin gekommen ist – das mit dem Kaugummi läuft für ihn unter „Notfall“, sie haben sich sofort ins Auto gesetzt und sind zur Klinik geeilt.
So ist das am Anfang des Hund-Habens: man hat keine Ahnung, keine Erfahrung und derlei Notfälle treten äußert schnell und regelmäßig ein.

Für einen Moment bin ich geneigt, den Besitzer von Ludwig um diesen verschluckten Kaugummi zu beneiden, denn was würde ich drum geben, auch aus so einem Grund zur Tierklinik gefahren zu sein. Einen Gedanken später weiß ich aber wieder: das ist Quatsch, denn so ist das halt, es ist der Lauf der Zeit und des Lebens, dass man nach 9 Jahren eher aus anderem Anlass hier sitzt und wartet. Mit vereinbartem Termin bei der Ärztin des Vertrauens, die man bereits seit Jahren kennt. Mittlerweile ist der Hund der nervösere Gast im Wartezimmer, man selbst gibt sich alle Mühe, ruhig und gefasst zu sein, was meist auch gelingt (allein schon, damit der Hund nicht noch mehr zittert).

Frau Dr. G. ruft uns auf, ich erhebe mich, Pippa trottet hinter mir her, steigt unterwegs widerwillig auf die Waage (huch, 300 Gramm leichter als beim letzten Besuch?) und schlurft weiter ins Behandlungszimmer. Dort angekommen trage ich den Grund meines Besuchs vor.
Die Ärztin tastet Pippa ab, findet den Knoten, drückt prüfend ein bisschen hin und her, sieht mich an, sagt „Ein Lipom kann ich ausschließen“ und damit ist die Tendenz eigentlich schon umrissen.
Es ist ein Tumor, ob Adenom oder Karzinom bzw. gut- oder bösartig, werden wir erst wissen, wenn nach der operativen Entfernung der histologische Befund vorliegt.

Wir besprechen ausgiebig, wie es nun konkret weitergeht, die Einzelheiten erspare ich Ihnen. Auch eine detailliertere Erläuterung der klitzekleinen Restchance, dass es sich um eine seltene, zyklusbedingte Verkapselung an der Milchleiste handeln könne, ist unerheblich und nur insofern relevant, als wir jetzt noch bis zu Beginn des neuen Jahres abwarten, ob das Ding sich nicht wie durch ein Hormonwunder wieder zurückbildet, was wie gesagt leider äußerst unwahrscheinlich ist.
Ein paar Wochen kann man das jetzt gut rausschieben, weil der Knoten noch wirklich klein ist, dann aber muss gehandelt werden.
Das einzig Beruhigende an dem Termin ist die nach gründlicher Untersuchung erfolgte Aussage von Frau Dr. G., dass Pippa „für ihr Alter“ in einem sehr guten Allgemeinzustand sei: schlanke Figur, beste Muskulatur, Gelenke, Herz und Lunge ebenfalls in Ordnung. Immerhin gute Voraussetzungen für eine solche OP und das, was danach kommen kann.

Am Empfangstresen überreicht man mir die Rechnung. „Kleine Umfangsvermehrung kraniales Gesäuge“ steht da in holprigem Arztrechnungsdeutsch als Diagnose, es folgen die einzelnen Positionen.
Der Begriff Umfangsvermehrung fährt mir recht herb in die Eingeweide und erinnert mich an die Raumforderung… (na lassen wir das lieber, wenn Sie mögen, lesen Sie’s hier nach). Mir wird etwas flau, ich bezahle und wanke nach draußen.
Dort springt uns Ludwig aus der Dunkelheit entgegen und freut sich wie bekloppt, Pippa wiederzusehen, allein das Fräulein hat nun gar keinen Nerv mehr für den Jungspund und strebt entschlossen dem Parkplatz zu.
Ich wünsche seinem Herrchen noch viel Glück in der Kaugummisache, eile zum Auto, lasse mich auf den Sitz fallen und nehme erstmal einen großen Schluck aus meinem neuen Thermosbecher, den ich auf ewig Thermosbecher und niemals Travel Mug nennen werde, obwohl er laut Etikett so zu heißen scheint.

Etwas benommen fahre ich heimwärts, esse unterwegs einen Happen und scrolle dabei durch die beruhigend belanglose Bilderwelt auf Instagram, bis ich auf eine Rezeptempfehlung stoße, die von dem schlecht ausprogrammierten Algorithmus dieses (sozialen) Netzwerkes zeugt:

Ich mag weder Mandarinen allzu gern noch hab ich irgendwas mit Overnight Oat geschweige denn Meal-Preps am Hut. Und ich frage mich, ob es allen Ernstes Menschen gibt, die ihr Frühstück so titulieren und tatsächlich am Vorabend des Breakfast ganz hibbelig vor lauter Hipness kunstvoll solche Einweckgläschen mit Haferkörnern befüllen und in den heimischen Fridge bugsieren.

Aber die Welt ist ohnehin reich an Worten, Gestalten, Momenten und Eindrücken, die seltsam fremd anmuten.

Später am Abend spreche ich noch lange mit einer Freundin über den Tierklinik-Termin. Die Freundin war schon mal mit einer ähnlichen Situation konfrontiert und mir fällt angenehm auf, dass sie sachlich und anteilnehmend mit mir über alles redet, genau wie Frau Dr. G..
Vor allem aber fällt mir auf, dass sie nicht beschönigt oder beschwichtigt oder ins Blaue hinein tröstet. Das hilft mir sehr.
Alles wird gut!“ sagen ja gern die einen, oder „Ich habe ein gutes Gefühl!“ die anderen. Die Freundin sagt keines von beidem, weil wir beide wissen, dass wir nicht wissen können, ob alles gut wird oder nicht und welche Sorte Gefühl jetzt die angemessenste wäre, denn jedem der Gefühle, das man nun haben könnte oder hat, wohnt schließlich ein hoher Spekulationsfaktor inne (um ein Haar hätte ich vor Müdigkeit Spekulatiusfaktor geschrieben).

Das große Geheule sucht mich an den Folgetagen noch mehrfach heim und passt hervorragend zum Wetter. Jawohl, ich habe Angst und ich mache mir Sorgen, das ist nunmal so und ich finde: das darf jetzt auch so sein. Es wird ja nun nicht durchgehend bis Anfang Januar so sein, aber ab und zu wird es halt mal wolkenbruchartig über mich kommen.
Und wenn das mal wieder so ist, dann bin ich äußerst dankbar, wenn man mich nicht tröstet oder abzulenken versucht, wenn man nichts beschwichtigt oder schönredet, sondern wenn man mich einfach ängstlich und sorgenvoll sein lässt – und genaus das mit mir aushält.

Dieses elendige, zeitgeistige Wir-wollen-im-Hier-und-Jetzt-leben-Postulat – ja, nehmen wir das doch bitteschön auch mal in so einer Situation ernst.
Es ist nämlich eine vergleichsweise einfache Übung, bei Sonnenschein auf einen Berg zu steigen (oder sonstwo zu lustwandeln) und dabei nicht an das Tal oder den Gipfel zu denken, sondern an gar nichts oder einfach nur an den nächsten Schritt, damit man nicht danebentappt und stürzt. Gelingt einem das, so war man einen (Berg-)Tag lang mehr oder weniger im Hier und Jetzt, freut sich darüber und fühlt sich leichter oder auch bereichert, das wird bei jedem ja graduell ein wenig anders sein.
Heerscharen von Achtsamkeitsfreunden begeben sich auf Pilgerschaft zu diesem heißersehnten Verweilen im Augenblicke (mit dem ja schon der gute Faust ziemlich haderte), plagen sich teils gräßlich mit den unterschiedlichsten Hilfsmitteln, Techniken, Anleitungen und Atmosphären ab, um diesen gelobten Zustand zu „erreichen“, so als lauerte einzig in ihm das Allheilmittel gegen die Unbilden des Alltags (oder gar die Erlösung von unserer fehlbaren Existenz). Und nicht wenige dieser Hier&Jetzt-Streber sind dabei fast ausschließlich aufs Positive, auf gute, helle, wärmende Gefühle ausgerichtet oder fixiert.

Wie von der Verheißung eines Glückskeksspruches Getriebene gebärden wir uns und suchen immerzu und in allem nach einem Sinn, oder, wo dieses Unterfangen eine Nummer zu groß erscheint, zumindest nach dem Schönen und Guten und Glänzenden oder einem Mix daraus: dem Seelensmoothie.
Was aber ist mit Krisen, Krankheiten, Trennungen und Toden? Da herrscht oftmals das große Wisch-und-Weg-Prinzip, das darf nicht sein, das kann nicht sein, damit wollen wir nicht umgehen, daraus muss sich doch verdammt nochmal ein Sinn schnitzen lassen, und wenn nicht, dann wollen wir es wegradieren oder beiseitestellen, es fortunafarben anpinseln, obwohl es doch pechschwarz ist, oder es mit schnelltrocknendem Lebensfreudelack glattsprühen, obwohl an seiner zerfurchten Oberfläche ja doch nichts haften bleibt außer ein paar Zähren und Kummerkrusten.
Lasst mich bitte nach Herzensfrust leiden!, denke ich, sage es aber nicht und freue mich über die, die es trotzdem hören können.

Um das windige Nervenkostüm vollends zu zerfetzen, hat in der Wohnung über uns eine sechswöchige Generalsanierung begonnen. Zwar führt Lolek dort oben Regie und ist auch selbst zugegen (und ich mag Lolek, nicht nur, weil er zu den Menschen gehört, mit denen ich im Jahr 2020 mehr zu tun hatte als mit den meisten anderen), was den Höllenlärm aber auch nicht erträglicher macht.
Der Vermieter ist sofort beleidigt, als ich moniere, dass es schön gewesen wäre, wegen Homeoffice & Co. vorab über derartige Bauarbeiten informiert worden zu sein und in ein paar alten Themen verheddern wir uns dann auch gleich wieder. In Sachen Ruhe und Behaglichkeit kann die Bilanz dieses Miet-Jahres es beinahe mit Corona aufnehmen – es war 9 Monate lang oft ungemütlich und herausfordernd.

Wann immer Witterung und Tagesverfassung es erlauben, kehren wir der Stadt den Rücken und drehen thermosbecherbewaffnet weiter draußen längere Runden, falls das nicht klappt, absolvieren wir in den kurzen Lärmpausen (Lolek ist starker Raucher) kleine Übungseinheiten in der Wohnung (Filmbeweis folgt demnächst) und ziehen uns ansonsten die Decke über den Kopf.
Weil die Inzidenz in München nun wieder über der 200er-Marke liegt, darf ab sofort kein Einzel-Musikunterricht mehr stattfinden, das heißt, ich werde bis Mitte Januar „Jingle Bells“ in Endlosschleife vor mich hinspielen, vielleicht noch ein „Alle Jahre wieder“ dazunehmen, mal sehen.

Der Papa hört sich mittlerweile immer tonloser an, so dass ich mir erstmals seit 20 Jahren einen Ruck gebe und ihn frage, ob wir vielleicht an Weihnachten zu ihm kommen sollen. Er und die Lebensgefährtin wären sonst allein, üblicherweise feiern sie in großer, lauter Runde mit den Kindern und Enkeln der Lebensgefährtin, Zusammenkünfte und Personen, bei denen ich mich fehl am Platz und unwohl fühle, aber dieses Jahr fällt das alles flach, zu viele Generationen und potentielle Infektionssphären würden sich da vermischen, das geht nicht, das wollen glücklicherweise alle gemeinsam vermeiden.
Er reagiert mit fast kindlicher Freude auf mein Angebot und so gewöhne ich mich nun langsam an den Gedanken, doch noch einmal einen 24. Dezember mit Baum und Fondue zu verbringen, womöglich singen wir sogar ein paar Lieder, weil der Papa ja jetzt wieder gern singt, seit seine Logopädin ihn dazu animiert hat.

Offen gestanden weiß ich gar nicht mehr, wie Weihnachten geht, aber da kommt man sicher schnell wieder rein, so wie man ja das Autofahren durch eine mehrjährige Pause wohl auch nicht gänzlich verlernt.
Vorfreude verspüre ich bislang keine, eher so ein kleines, fieses Ziehen in Herzgegend bei dem Gedanken, dass es das letzte Weihnachten in dieser Konstellation sein könnte, was mich nicht etwa wegen des Christfestes an sich schmerzt (von dem ich längst annahm, es letztmals gefeiert zu haben), sondern wegen der heuer daran Teilnehmenden. Wir wollen die gedanklichen Varianten, die diesem Ziehen auf dem Fuße folgen, jetzt aber nicht vertiefen, denn wahrscheinlich kommt ja alles (wie so oft) ganz anders als gedacht und ich bin ab 2021 wieder weihnachtsfrei und wir sind auch Ende nächsten Jahres alle noch am Leben.

Ob ich in den nächsten Wochen einen Jahresrückblick gebloggt bekomme, vermag ich nicht zu sagen. Vielleicht fasse ich es einfach schon heute in ein paar Schlagworten zusammen, dieses kuriose Jahr mit der Doppelzwanzig, das klänge dann in etwa so:
Berge – Wasserschaden – Vermieterzwist – Bauarbeiten – Corona – Schwimmbadschließung – Berge – Corona – Staubläuse – Bauarbeiten – Staubläuse – Berge – Vermieterzwist – Corona – Schwimmbadschließung – (Rückkehr dreier Staubläuse) – Berge – Bauarbeiten – Corona – Vermieterzwist.
Final noch ein kleiner Tumor obendrauf, dazwischen ein paar Akkordeonklänge, und demnächst bellt Jingle nicht mehr durch die Totenstille unserer gelockdownten Stadt, sondern am Tegernsee den Tannenbaum an.

Absurderweise im Sommer 2020 so viel und so günstig gereist wie sonst nie, wenngleich stets nur für ein paar Tage, aber was heißt schon „nur“ in diesen Zeiten, ich bin zutiefst dankbar für all die erlebnisreichen Exkursionen in die DACH-Region, wie die Reiseprofis, zu denen ich mich nicht zähle, dazu sagen würden.
Am Geburtstag sogar mit dem Wunschtrupp auf dem Wunschgipfel gestanden, ohnehin ein Jahr der Freundschaft in vielerlei Hinsicht, der kriselnden & zerbröselnden sowie der neuen & altbewährten, die momentan so zahlreich eintrudelnden Care-Pakete sprechen eindeutig für eine Tendenz zur letztgenannten Kategorie, und ich möchte den wohlmeinenden, spendablen und kreativen Absendern an dieser Stelle erneut meinen innigsten Dank aussprechen.
Ich liebe Geschenke, sogar die mit verkehrtem Apostroph!

(Und wehe, dieser neue Mist-Editor in WordPress verpfuscht mir jetzt wieder die Bildergalerie, falls doch, geben Sie bitte kurz Bescheid.)

 

Wollwurst statt Weißwurst! Eine Kampagne gegen die Kälte.

What a worst! – wie Helge Schneider es einst so treffend formulierte.

Zur Weißwurstfrühstückszeit spazieren wir gestern nach Weißach in die Hundebutike den Haustierhandel. Die Besitzerin erinnert sich sofort an mich und holt unter der Ladentheke die drei zurückgelegten Mäntel hervor und geleitet Pippa zum „Anprobier-Podest“. Ungünstigerweise ist das nur durch einen Flur zu erreichen, in dem auf Hundenasenhöhe (sagen wir mal: der eines Beagles, was aber auch einen Dackel nicht abhält, diese Höhe durch Halsrecken zu erreichen) ca. 10 riesige, offene Kartons mit allerlei Leckereien stehen, Sie wissen schon, diese Kisten, aus denen man sich seinen Mischun selbst zusammenstellen kann, jedenfalls eine saublöde Idee, so einen Verlockungsparcours zu errichten, weil der daran vorbeigeführte Hund natürlich gleich noch unwilliger ist, sich anschließend, immer noch in Riechweite der Tröge!, auf ein kleines, gepolstertes Podest hieven zu lassen, um dort diverse Klamotten über den Kopf gezogen zu bekommen.

Pippa zappelt also ordentlich herum, während die Verkäuferin langsam ins Schwitzen gerät, bei dem Versuch, den Lodenmantel an der wackelnden Wurst zu justieren.
Der Mantel sieht gut aus, ist auch von bester Qualität, aber preislich eher was für die Sorte Hundehalter, die hier in Villen haust und deren Hunde wahrscheinlich ganzjährig frieren, weil sie meist nur an der Seepromenade ausgeführt werden.
Das zweite Modell (innen Wolle, außen Kunststoff, dazwischen Goretex) scheidet am lebenden Subjekt sofort aus, es ist zu starr und sperrig, das Fräulein hätte darin nicht genug Bewegungsfreiheit.
Der dritte (und letzte) Versuch ist ein Exemplar von Hunter (nomen hoffentlich non est omen) und passt beinahe wie angegossen. Beinahe, weil der Pulli hinten, zur Rute hin, ein kleines Stück länger sein dürfte, aber die größere Größe schlabbert dann um den Körper herum zu sehr, was ja nicht Sinn der Sache wäre. „Eine sehr schlanke Lady haben Sie da„, kommentiert die Verkäuferin die sich im Wollpullover windende Pippa. „Ja“ , sage ich, „und jetzt habe ich eine kleine Wollwurst!“

Wir nehmen die kleinere Größe; die Farbwahl ist dann denkbar einfach, da es das Teil nur in nutshell oder lambwhite gibt (wer, so frage ich mich, kauft seinem Hund cremeweiße Klamotten? vermutlich auch die Seepromenadenfraktion…). Da so ein wollener Pullover natürlich nichts für eiskalte oder nasse Tage ist, wird zusätzlich noch eine Maßanfertigung für einen wasserdichten Zweitmantel bestellt, aber für trockene, kalte Tage scheint mir der Wollpulli eine gute Wahl zu sein.

Mit dem Nusschalenjäger im Rucksack verlassen wir den Laden eine halbe Stunde später wieder, natürlich nicht, ohne en passant ein paar Knabbereien aus den Kartons gemopst zu haben. Die Verkäuferin zwinkert dazu, klar doch, genau so funktioniert ja Kundenbindung (über dem Eingang prangt schließlich auch ein Schild mit der Aufschrift: „Hier ist der Hund König„, haha).

Das Fräulein blickt eher wenig königlich drein als ich sie vor dem Einsteigen ins Auto erneut in die Wollpelle stecke, aber was sein muss, muss sein. Nun steht einer kleinen Bergtour als Testlauf nichts mehr im Wege.

Und siehe da, schon nach wenigen Metern auf dem Wanderweg ist klar: die Wollwurst fühlt sich pudelwohl. Kein gekrümmter Rücken mehr, keine Bewegungsunlust, kein unglückliches Geschau, kein erbärmliches Gezitter. Wie wunderbar.

Gönnen wir uns also gleich ein kleines Experiment und gehen erstmals einen Weg, der von der Gemeinde seit Jahren als Sackgasse ausgewiesen ist, in meiner Wanderkarte aber als alter Jägersteig markiert ist. Bin ich nun jahrelang brav dran vorbeigelaufen, diesmal wagen wir es und biegen genau dort ab.

Der alte Jägersteig erweist sich als einsamer Pfad durch schönsten Bergwald, im bunten Laub rascheln wir serpentinenweise aufwärts und genießen die klare Luft und die schönen Ausblicke hinüber zum Wallberg.

Waldi (watching Wallberg).

Nach einer Stunde verliert sich der Pfad allmählich bzw. wird von einem Teppich aus Buchenblätter-Schnee-Mix verdeckt.
Ich muss mich nun ganz aufs Dackelfräulein verlassen, die vor mir herläuft, immer mit der Nase am Boden, und den Weg zu wissen scheint (in 99% der Fälle irrt sie auch nicht). Hoffen wir’s einfach mal, dass sie der Spur der Jägersohle folgt!

Keine Markierungen, nirgends, nur die Hundenase, die den Weg findet.

Die kleine Pfadfinderin macht ihre Sache ausgezeichnet – irgendwann gelangen wir aus dem Wald hinaus und im Schnee, auf der freiliegenden Kuppe kurz vor dem Gipfelanstieg zur Baumgartenschneid, ist der Weg auch für Menschen wieder einwandfrei zu erkennen.

Die Wollwurstpelle kann jetzt abgelegt werden, denn ohne tobt es sich besser durch den Schnee, und außerdem hat sich die Hundedame längst warmgelaufen.

Auf den letzten Metern hinauf zur Baumgartenschneid staune ich nicht schlecht über die Fernsicht, die sich von dort oben bietet.
Aus einer albernen Alpinistenarroganz heraus gehörte sie bislang zu den Bergtouren, die ich stets ausgelassen habe, wenn ich in der Tegernseer Region unterwegs war, denn drumherum stehen etliche prominentere und (vermeintlich) spektakulärere Berge, die ich vorzog.

Dabei entpuppt es sich oft als spektakulärer, auch mal den Kandidaten in der zweiten Reihe eine Chance zu geben (worauf manch einer ja auch in Sachen Partnerwahl schwört, wie man immer wieder hört), erst recht seit Beginn dieser Pandemie, denn dort ist weniger bis gar nichts los (ob das auch für Wochenenden so gilt, vermag ich nicht einzuschätzen, weil wir da prinzipiell nicht mehr ausfliegen) und das Gesamterlebnis daher umso nachhaltiger.

Beim Abstieg lassen wir den alten Jägersteig links liegen und laufen Richtung Riederstein, wo wir bei der winzigen Bergkapelle noch kurz den Blick ins Tal mitnehmen, nur kurz, weil Pippa diesen Ort nicht leiden kann, jenseits des Geländers geht’s nämlich dermaßen steil hinab und so beschloss sie schon vor Jahren, sich dort nur noch für ein paar Sekunden aufzuhalten, erst recht, wenn die kleine Loge bereits von einem Kollegen belegt ist, der durch treuherziges Gucken auch noch zwei Hundekekse abstaubt.

Noch eine Viertelstunde den Kreuzweg runter und dann gibt’s endlich die wohlverdiente Pause samt Feierabendbier, zwischenzeitlich sind wir gut drei Stunden unterwegs.

Das Dackelfräulein probiert nun meinen Mantel aus, denn trotz Liegeplatz auf der gepolsterten Sitzbank (freilich auf eigener, mitgeschleppter Matte) wird es empfindlich frisch, als die Sonne sich hinter die Tannen zurückzieht.

Nach einem Plausch mit der Wirtin, die alle paar Minuten sorgenvoll auf ihr Handy schaut oder zur vollen Stunde „an Radio oschoid“ , um die Beschlüsse der Regierung, die die Gastronomie betreffen werden, druckfrisch mitzubekommen – sie hatten sich wirtschaftlich gerade ein wenig erholt von den Folgen des ersten Lockdowns -, packen wir zusammen und wandern zum Parkplatz zurück.

Abstieg von der Galaun.

Im Auto angekommen schalte auch ich den Radio ein, nehme zur Kenntnis, was ab Montag alles nicht mehr geht, weil es eben leider, leider anders nicht ging, bin traurig, dass wieder schwimmbadlose Wochen bevorstehen, bin froh um diesen für längere Zeit letzten Bergtag inklusive Bewirtung, um die Sonne, die sich gelegentlich zeigte, um meinen kleinen Hund, der nicht mehr friert und um die Ruhe, die wir hier tanken konnten, bevor es am Donnerstagabend wieder zurück geht in die große Stadt mit ihrer 122er-Inzidenz (ein Wert, neulich noch als katastrophal klassifiziert, mittlerweile längst moderates Mittelfeld).

Vor Sonnenuntergang greift Sisyphos nochmal beherzt zur Harke…

…wohl wissend, dass das letzte Foto nichts weiter sein wird als eine Momentaufnahme von diesem schönen Abend im Tal.

Das Gereche rächt sich noch am selben Abend erneut mit Rückenschmerzen, ich plädiere daher für eine sofortige Umbennung des zugehörigen Gartengeräts in „Rächen“ und verabschiede mich mit dieser profanen Randnotiz in einen kleinen persönlichen Lockdown.

Bis die Tage & bleiben Sie gesund und munter!

check out / lock out / freeze out. (3)

Vorweg: Haben Sie vielen Dank für all die positive Resonanz zu der kleinen Coronakunst-Trilogie!

Hier also der dritte und letzte Teil.

Museumscafé zu Coronazeiten.

Nochmal ein Spaziergang übers Gelände, leider nur mit der Smartphone-Kamera.

Drinnen dann ein ganzes Gewölbe voller Radierungen. Und Poesie!

Hey, ihr ungehobelten Jungs, schon mal was von Niesetikette gehört?!?

Die feuchtkalten Übergänge ein mystischer Mix aus Licht und Schatten:

Nicht so mein Fall waren die beiden „untitled big unknowns„, dafür gefiel mir der Begleittext umso besser:

Die „Turmspringerin“ gehörte ganz klar zu meinen Favoriten in der „Lockout„-Ausstellung. Denn immer wieder erfahren wir: das Leben ist kein Uhrwerk, in dem alle Rädchen reibungslos ineinander greifen und nach Plan funktionieren, vielmehr ist es ein Springen (-müssen & -dürfen!) ins zutiefst Ungewisse. In Gewässer, deren Grund wir oft nicht ermessen können, in Strömungen, denen wir uns (mal mutig, mal bang) anvertrauen, die uns mitreißen – und wir wissen nicht, wohin (das war schon vor Corona so, es ist in der Pandemie so, und es wird auch danach so sein).

Und damit schließe ich nun die Tür zu den sonnigen, erlebnisreichen Tagen in Südtirol, die ihren krönenden (sic!) Abschluss in den düsteren Gemäuern von Franzensfeste fanden…

…und freue mich, heute nicht mehr ins Ungewisse zu springen, sondern für den Moment zu wissen, wohin die Reise gerade geht (so die Deutsche Bahn sich keine spontanen Scherze erlaubt, der Umstieg klappt und der Sturm keine Oberleitungen zerstört).

Man erwartet mich schon und wärmt bereits das Gästebett vor!

Mein großer brauner Freund! 
© Andrea Itze

check out / lock out / freeze out. (2)

Ja. Bloß nicht zu „clos“.

Teil 2 der Impressionen aus dem Kunstbunker in Fortezza.

Grandios gelungen: die Einbeziehung der Lichtverhältnisse des Festungsgebäudes in die Anordnung der Exponate. Diese Zimmerfluchten! Und die Auf-, Ab-, Durch- und Übergänge zwischen den Räumen!

Drehen Sie sich unbedingt immer noch eimal um, bevor sie in den nächsten Ausstellungsraum gehen oder die Etage verlassen oder von drinnen nach draußen treten.

Ein Strick Stück Heimat, wenn man genau hinschaut. Und ein gutes Motto: Zusammenhalten (statt das Seil für Trostloseres zu verwenden).

O aero_sole mio! (Sta ’nfronte a te!)

Wäre es nicht so kühl gewesen und hätten wir mehr Zeit gehabt und auch die Brille dabei, dann wäre das die Sonntagslektüre der Wahl gewesen. Die Fragen von Frisch haben mich schon zu Studentenzeiten bewegt, die von Proust hätte ich zu gern kennengelernt – und natürlich die Antworten der Künstler/innen (sorry: das große I und das kleine Sternchen werden Sie bei mir nicht finden). Vielleicht bekommt man das irgendwo als Buch oder Katalog? Vielleicht vom Weihnachtsmann?

Morgen dann der letzte Part der Fortezza-Trilogie.

Jetzt hinaus in den Regen. Ideal, um keine Rüden zu treffen (morgen dürfte der Hormonspuk wieder vorbei sein). Bleiben Sie gesund, trocken und heiter!

check out / lock out / freeze out. (1)

Sonntagmorgen in den Sarntaler Alpen. Zapfige 4 Grad, scheußlicher Dauerregen. Vom Schlern sieht man überhaupt nichts mehr. Das Rittner Horn, auf dem man tags zuvor noch mit dünnem Jäckchen in der Sonne herumsprang, ist bereits dick eingeschneit.

D. und ich packen unsere Koffer. Das liebestolle Fräulein beäugt uns dabei kritisch und wimmert ein bisschen vor sich hin, so wie schon die halbe Nacht lang. Unten in der urigen Hofküche, mit einem Interieur, als wäre die Zeit im vorigen Jahrhundert einfach stehengeblieben, bezahlen wir die bescheidene Zeche, die uns die Bäuerin für den viertägigen Aufenthalt berechnet. Aus dem Küchenradio erschallt derweil die Sonntagsmesse, live aus dem Brixener Dom. Hier heroben hat man halt nicht viel mehr außer dem Glauben, dem Acker, den Obstbäumen und ein paar Milchkühen, die noch übriggeblieben sind von der einst stattlichen Herde. Zum Abschied schenkt die Bäuerin jeder von uns ein Glas selbstgemachte Marmelade, wir schenken ihr ein Trinkgeld und zwei Mitbringsel aus München. Es ist einer dieser Abschiede, bei denen man sogar ein „Gott beschütze euch!“ trotz der sonst atheistischen Grundhaltung problemlos annehmen könnte.

Fröstelnd steigen wir ins Auto, vor allem das Dackelfräulein bibbert herzergreifend und will sich gar nicht auf ihrer Wolldecke ablegen. Langsam und vorsichtig kurven wir die engen, nebligen Bergsträßchen hinunter ins Eisacktal. Nach wenigen Minuten ist das Auto warm und unsere verregnete Kleidung trocknet bereits, der Sitzheizung sei Dank (und mir ebenfalls, weil ich die beim neuen Auto diesmal auch für die Rückbank geordert habe, denn die Hundedame friert seit letztem Winter doch merklich schneller und das muss ja nicht sein). Die verzärtelten Städterinnen reisen nun also mit wohligwarmem Gesäß heimwärts.

Zwischenstopp in Franzensfeste, für einen anderthalbstündigen Museumsbesuch. Länger kann man das Fräulein (trotz vorheriger Sitzbeheizung) bei den Außentemperaturen nicht guten Gewissens im Auto lassen.

Die Sonderausstellung trägt den Titel „Lockout“ und ich bin auch mit einem Tag Abstand zu diesem Erlebnis nicht in der Lage, Ihnen zu sagen, was mich mehr beeindruckt hat: die Exponate oder die Atmosphäre und Architektur des Gebäudes, in dem sie präsentiert wurden.

Selten eine solche Kongruenz zwischen Ausstellungthema und Museumsräumlichkeiten gesehen und gespürt.

Und auch das Wetter hätte passender nicht sein können – ein Blick durch die vergitterten Fenster in den düsteren Festungsinnenhof oder auf die schneebedeckten Berghänge rund um Franzensfeste ergänzt das Lockout-Feeling geradezu perfekt.

Das ganze Gelände ein Eldorado für Fotografen, zu denen ich mich zwar nicht im Entferntesten zähle, und dennoch hab ich mich schwarz geärgert, dass die gute Sony-Kamera daheim in München lag (es war eben wirklich ein sehr spontaner und überstürzter Aufbruch am vergangenen Mittwoch, neben dem Fotoapparat vermisste ich noch: die Zeckenzange, eine lange Unterhose und mein Schweizer Taschenmesser).

Sollten Sie noch irgendwie die Gelegenheit finden, sich diesen Lockout vor Ausstellungsende am 8. November (bzw. den nächsten Reisewarnungen oder weiter ansteigenden Infektionszahlen in Italien etc.) anzusehen, ergreifen Sie sie! So präsent das Virus in den Kunstwerken auch ist – die Ansteckungsgefahr beim Museumsbesuch dürfte ausgesprochen gering sein: riesige Räume, gut belüftet, vorgegebene Laufrichtung, begrenzte Besucherzahl – und die Italiener sind ohnehin recht vorbildlich, was das Einhalten der Hygieneregeln angeht. Ich hab’s ja sonst nicht so mit den Italienern – zu laut & zu schnell (das Sprechen), zu breit & zu opulent (die Aussprache) -, aber hier taugen sie durchaus mal zum Vorbild.

Mein Tipp: Warm anziehen, am Tag vorher keinen Alcatraz-Streifen angucken, bei psychischen Beschwerden lieber einen sonnigen Tag für die Fahrt nach Franzensfeste wählen und ruhig mehr als anderthalb Stunden Zeit für die Ausstellung mitbringen (ergo: den Hund besser daheim lassen).

Von Franzensfeste fahren wir anschließend weiter über den Brenner (1 Grad, leichter Schneefall, gottseidank wenig Verkehr), durchs Inntal (die Tuxer Alpen zur Rechten, das Karwendel zur Linken, alles im oberen Drittel weiß bepudert) und via Achensee (nochmals Gassigehen mit dem Fräulein) heim nach München, wo der out-of-Rosenheim gut erholte Gatte uns schon freudig erwartet.

Beinahe eine Reise durch drei Jahreszeiten, diese vier Tage. Schön war’s!

(Der Übersichtlichkeit/Wirkung halber teile ich das Bildmaterial in drei Häppchen auf – bleiben Sie also dran, wenn Sie’s interessiert, morgen geht’s weiter.)

Alpi Sarentine.

Ja wer hätte das gedacht? Völlig überraschend findet das Morgengassi heute in den Sarntaler Alpen statt. Mit Schlernblick!

Gestern Nachmittag in einer Hauruckaktion – nur 2,5 Stunden nach Geburt der Idee, was schon eine kleine Herausforderung ist hinsichtlich spontaner Quartiersuche und Zusammenpacken der Siebensachen – München verlassen und mit D. & dem Dackelfräulein in den Süden durchgebrannt. Schön hier!