Himmel der Bayern (80): Von überfüllten Gipfeln in den Münchner Hausbergen.

Vormittags 18 Grad, blauweißer Bayernhimmel und ein frischer Wind.

Hochsommer geht anders, aber es ist der perfekte Bergtag für das Dackelfräulein, die ja mit zunehmendem Alter auch zunehmend unter zu warmen Temperaturen leidet, was bereits ab 20 Grad der Fall sein kann.

Der Papa empfiehlt uns beim Frühstück eine Tour auf die Hochalm, vom Kreuther Tal aus. Keine Forststraßen, nur schmale Pfade, alle dackelnaslang ein Bächlein, keine Bergbahn, keine Hütte, also wenig überlaufen.

Ich bewundere ihn für sein präzises Tourengedächtnis, da er doch selbst seit vielen Jahren mit Mr. Parkinson im Tal sitzen muss und keinen Berg mehr betreten kann. Er beschreibt mir exakt, wo wir parken sollen, welcher Pfad der schönste ist, wie der Weg verläuft und welche Aussichten uns unterwegs und oben erwarten.

Kirche von Glashütte im Kreuther Tal.

Perfekte Wegbreite fürs Fräulein.

Herrlicher Weitblick nach Tirol.

Aber er hat nicht alles voraussehen können, der Herr Vater, denn als wir uns der Gipfelkuppe nähern, staunen wir nicht schlecht: Von wegen nichts los da heroben!

Das Gipfelkreuz schon in Sichtweite…

…aber was ist denn das?

Man kann einfach nicht mehr bei gutem Wetter in die Hausberge gehen…

…weil überall so ein Andrang herrscht!

Es ist gar nicht dran zu denken, dass man bei dem Betrieb rund ums Gipfelkreuz seinen Pfotenabdruck und Servus im Gipfelbüchlein hinterlassen könnte. Schade auch.

Dohle über Kuh an Lenggrieser Talblick.

Ich nehme das Fräulein an die Leine und wir suchen uns ein Jausenplätzchen, wo wir ungestörter essen und trinken und nach Tirol rübergucken können.

Rast- und Ruheplätzchen auf der Hochalm.

Zurück zu Tale funkt uns der hübsch Bewimperte an und fragt, ob er mit seiner Hundedame vielleicht spontan auf einen Abendbesuch vorbeikommen dürfe.
Wir freuen uns riesig und lassen den Tag gemeinsam am Hundestrand von Rottach-Egern und in einer Strandbar ausklingen, bis die Sonne im See versinkt und unsere Füße einfach zu kalt werden.

Hundestrand von Rottach-Egern.

Sundowner in der Strandbar.

Wie gesagt, Hochsommer geht anders, aber wir wollen nun wirklich nicht klagen. Es ist schon ein gutes Hundeleben, das wir führen! Drei Tage Staubl_auszeit am Tegernsee bei dem Wetter für schlappe 42€ – danach würde sich manch ein Tourist, der 800 km hierher reist, alle fünf Finger ablecken.

So viel zu gestern, nun noch ein Sprung ins Schwimmbad, kurz an den Hundestrand und danach heimwärts in die Großstadt.

Guten Morgen, Wallberg!

Das war’s dann auch erstmal wieder mit Himmelblau- und Bergbildchen aus der Kurzsommerfrische, ab sofort unterhalten wir Sie wieder mit widerwärtigen Neuigkeiten von den Psocoptera und Lolek & Co..

Bleiben Sie uns trotzdem gewogen und haben Sie einen erfreulichen Tag!

Und sollten Sie coronabedingt oder auch einfach so mal mit oder ohne Hund einen Urlaub am Tegernsee in Erwägung ziehen, scheuen Sie sich bitte nicht und buchen Sie uns als Reiseleitung, mittlerweile kennen wir hier jede Kuchen- und Kacktütenstation und alle Wege zu Land und Wasser sowieso.
Für Stammleser sogar mit Rabatt!

Kleiner Hund auf großer Almwiese.

Nebeneffekte der Pandemie.

Das Dackelfräulein profitiert ja ziemlich davon, dass der Gatte den Großteil des Sommersemesters 2020 homeoffizierend in München verbracht hat.

Mittenwald (3) & Himmel der Bayern (79): Sternweißblau.

7 Uhr. Vorsichtiges, erstes Räkeln im Pensionsbett. Das Sprunggelenk schmerzt.
7:30 Uhr. Es gibt diese beneidenswerten Menschen, die ohne Frühstück schon munter und bewegungsfähig sind. Ich gehöre nicht dazu. Breze mit Butter, eine halbe Semmel mit Käse, dazu ein Ei, zwei Haferl Kaffee.
8 Uhr. Die Dusche funktioniert immer noch nicht vernünftig. Überraschende Temperaturwechsel verbrühen einem entweder die Kopfhaut oder lassen einen vor Kälte kreischen. Beschwere mich zum dritten Mal.
9 Uhr. Mit sonnencremeverklebten Fingern hänge ich das Handy nochmal ans Ladegerät und mache mir Notizen zum 30-minütigen Beratungsgespräch mit dem Juristen vom Mieterverein, das gerade hinter mir liegt. Noch zwei weitere Jahre als Mieter mit Münchner Mieteralltag, und ich kann den netten Herrn in seinem Job beerben. Danach informiere ich den Gatten über die neuesten Erkenntnisse zur Sachlage, erkundige mich nach seinem Befinden und natürlich nach dem des Dackelfräuleins. Alle sind wohlauf. Auch die Psocoptera.
10 Uhr. Rucksack gepackt. Leichteres Schuhwerk als gestern gewählt, auch kürzere Socken. Dick Kühlgel auf das Sprunggelenk geschmiert. Abmarsch. Von Mittenwald zum Lautersee, weiter zum Ferchensee, dann hinauf auf den Franzosensteig.

11 Uhr. Nächste Weggabelung erreicht. Beherzten Bergsteigern mit intakten Sprunggelenken sei hier der kleine, reizvolle, nur ca. 7-stündige Abstecher zur Oberen Wettersteinspitze empfohlen. Ich bleibe schweren Herzens auf dem Franzosensteig und steuere den Grünkopf an. 700 Höhenmeter und eine 17 km-Rundtour mit vier Stunden Gehzeit reichen mir heute ausnahmsweise.

12 Uhr. Der Franzosensteig trägt seinen Namen übrigens völlig zu recht. In weiten Teilen des Bergwalds umgestürzte Bäume, die wie ein Mikado aus Monsterbaguettes anmuten. Das erschwert den Aufstieg hie und da ziemlich. Und auf Buchenlaubschichten, so lockerluftig wie eine Mousse au chocolat, rutscht man die steilen, circonflexeartigen Kehren auch gern mal wieder hinab. Zudem säumen riesige Ameisenhaufen, die es locker mit dem Montmartre aufnehmen können, den gesamten Steig und laden definitiv nicht zum Verweilen ein. Aber wer weiß: der Franzose ist womöglich erfreut über dieses Gekrabbel, weil er das Getier gern frittiert. Ich kenn mich mit der französischen Küche nicht so aus, hab da aber noch irgendwas von bretonischer Kaldaunen im Hinterkopf. Brrrrr!

12:45 Uhr. Erstmals seit Corona unseren Planeten heimgesucht hat, bin ich wieder im Ausland: Servus Österreich, griaß di Tirol!

13 Uhr. Auf dem Gipfel des Grünkopfes ist niemand. Auch keine Schwaben. Das ist rein akustisch schon mal sehr angenehm. Die Fliegenschwärme dort oben sind lästig, aber im Vergleich zu Schwaben natürlich vollkommen harmlos. Phänomenale Aussicht: Ganz rechts das Karwendelgebirge, daneben die Soierngruppe, in der Ferne sogar der Rücken der Benediktenwand samt der Achselköpfe gut erkennbar, weiter links das Estergebirge. Wundervoll. Ich esse 4 französische Aprikosen und 4 Stückchen Schweizer Schokolade. Auch wundervoll. Ein nettes Paar aus Köln keucht kurz nach mir zum Gipfelkreuz hinauf. Das ist ein Dialekt, den ich gern höre.

14 Uhr. Abstieg zur Ederkanzel. Aus Verlegenheit lande ich schon wieder bei Schinkennudeln mit Salat, genau wie gestern auf der Brunnsteinhütte. Ich ersuche um wenig oder keinen Schinken, staune, genau wie gestern, über das Ergebnis meiner Bitte und erspare Ihnen das Bild dazu. Der Berggasthof Ederkanzel liegt zur einen Hälfte in Bayern, zur anderen in Tirol. Wegen des kosmopolitischen Feelings setze ich mich in den österreichischen Teil, allerdings unter einen bayerischen Sonnenschirm. Das wahre Highlight hier oben ist nämlich das echte Himmel-der-Bayern-Weißbier: auf eine Sternweiße von Hacker Pschorr trifft man in freier Wildbahn äußerst selten. Sie rangiert bei mir auf Platz 2 bis 3 meiner persönlichen Weißbier-Top-Five, und teilt sich diesen uneindeutigen Rang mit der Unertl-Weißen. Die Sternweiße ist bernsteinfarben und schmeckt sensationell. So wie fast alles nach gut drei Stunden Marschieren und Schwitzen echt toll schmeckt.
Einen Tisch weiter sitzen – wie könnte es anders sein? – Schwaben, zwei sogenannte rüstige Rentner. Solche, die mit E-Bikes hier raufgekommen sind. Schwaben, so denke ich, während ich ihnen zwangsweise zuhören muss, sind eigentlich genauso wie der Gatte gern die Italiener beschreibt: laut und ohne Unterlass am Labern. E-Bikes haben ja nach meinem Dafürhalten auf dem Berg nichts verloren, es ist eh schon genug los, und schauen Sie sich einfach mal an, wer auf diesen Vehikeln hockt: die, die so unsportlich sind, dass sie per pedes oder mit einem Mountainbike gar nicht mehr hinaufkämen. Das Problem: die meisten können weder lenken noch bremsen und sind auf Schotterstrecken schnell aufgeschmissen. Je nach Wegstück und Frequentierung desselben ist das brandgefährlich. Sollen sie Seilbahn fahren oder Sessellift oder – wenn es denn unbedingt sein muss – einen Kurs besuchen, wie so ein Pedelec zu bedienen ist.

15 Uhr. Es war doch noch etwas früh für ein Hopfengetränk, wie ich beim Aufstehen und Rucksackaufsetzen merke.

Sternweiße vor Brunnsteinspitze.

15:45 Uhr. Erreiche meine Unterkunft. Vor der Tür parkt immer noch der VW Caddy mit der Aufschrift „Toni Auer – Sanitär & Installationen“. Das verheißt nichts Gutes, denn der stand um 10 Uhr auch schon dort. Korrekt, die Dusche kann nach wie vor nur heiß oder kalt. Die Chefin kommt meiner vierten Beschwerde zuvor und bietet mir zur Beschwichtigung einen Gutschein für eine Bootsfahrt an. Nun gut, ich wollte eh noch an den See.

16:15 Uhr. Ich komme am Lautersee an und bin entzückt von dem Bootsverleih. Sie wissen ja, Bootsverleiher wäre einer meiner Traumjobs gewesen, wenn ich nur rechtzeitig und konsequent genug so etwas wie eine berufliche Laufbahn eingeschlagen hätte, um so richtig Karriere zu machen. Heute ist irgendwie ein gelber Tag, weshalb ich mich für Manu entscheide. Ein gelbes Tretboot, leider ohne Rutsche und Leiter, aber sonst recht flott.

 

16:23 Uhr. In Seemitte ziehe ich Badeanzug und Flossen an und lasse mich ins Wasser gleiten. Huijuijui! Sagen wir’s mal so: knapp 18 Grad sind nicht ganz meine bevorzugte Schwimmtemperatur. Schöner Bergsee hin oder her. Tapfer kraule ich ein Stück von Manu weg, drehe aber bald wieder um. Ich verschone Sie mit der Schilderung des graziösen Erklimmens des Tretboots nach dem Schwumm und bin schon gespannt auf die blauen Flecken. Blöde Bindegewebsschwäche und blöde Ungelenkigkeit. Gottseidank sieht einen keiner, so in Seemitte.
17:15 Uhr. Im Seebiergarten gönne ich mir noch ein Eis und eine Hollerschorle. Dann ist mein Tagesbudget aufgebraucht und die Wirksamkeit der LSF-30-Creme ebenfalls.
19:07 Uhr. Ich trete den Rückweg nach Mittenwald an. Der Installateurs-Caddy ist weg. Die Dusche funktioniert immer noch nicht. Das bringt mir nun mindestens einen weiteren Bootsgutschein ein, vielleicht schlage ich auch noch eine Kutschfahrt zum Schachenhaus raus. Da oben haben sie so guten Kaiserschmarrn.

Mittenwald (2).

…und nach der Rast weiter: hoch zur Brunnsteinspitze, mit Blick auf die Tiroler Alpen.

Alpin-Lyrik? Kann ich auch!

Beim Sprinten über nasse Wurzeln
Kommt selbst ein Gämslein mal ins Sturzeln
Muss hinken dann mit dicken Knöcheln
Ertragen plumper Wand’rer Röcheln

Bis endlich erreicht ist die Brunnsteinhütt’n
Um Weißbier auf den Schmerz zu schütt’n
Das ruckzuck seine Dienste tut
Worauf des Gämsleins Übermut

Es drängt, zur fernen Brunnsteinspitz’n
Erneut zu flott hinaufzuflitzen
So dass recht knapp vor der Zweitausend
Das Hirn befiehlt hinab zu sausen(d)

Der Order folgt das Gämslein brav
Wohl zur Belohnung trifft’s ein Schaf
(Mit allerliebstem Unterbiss
Vor Lachen s’Gämslein fast zerriss!)

Und kurz drauf folgt auch noch ein Esel
Mit Vornamen exakt wie der Fesl
Der Tag, so scheint’s, birgt mehr als Wunden
Zwei neue Freund‘ hat’s Gämslein g’funden!

Läuft glücklich ins Tale, zur Brauerei
Doch dort, da erlebt’s a Sauerei
Die Werdenfelser Weiße, die is a Fake-Beer
A Hopfeng’söff that has not been brewed here

Im Mittenwalder Krügerl verkauft
Damit’s da depperte Touri sauft!
Und die Moral von dera G’schicht?
Trau keinem hübschen Glaserl nicht.

Aber nach einundzwanzig Kilometern
Ist’s Gämslein z’miad, um weiter zu zetern
Humpelt jetzt heim in sein Quartier
Um hochzulegen alle Vier

Ins Flachland schick‘ ma liebe Grüße
Wer mag, der nehme sich auch Küsse!

Und morg’n, wann d’Sunn uns wieda lacht
Da fabulier’n ma aufs Neue, bis dass es kracht.

(Tipp der Redaktion: Halten Sie die Maus auf die Fotos, sonst entgehen Ihnen die unglaublich geistreichen Bildunterschriften!)

Intradomalfauna oder: Mit IPM gegen die Psocoptera.

Liebe Leserinnen und Leser,

na, verstehen Sie etwa nur Bahnhof, wenn Sie die Beitragsüberschrift so lesen?
Wenn ja, dann möchte ich Sie ganz herzlich einladen: Tauchen Sie mit mir nicht nur virtuell in die wiedereröffneten Schwimmbecken ein, sondern auch in ganz neue Sphären!

In diesem Blog ist ja – wie Sie natürlich längst bemerkt haben – doch eine gewisse thematische Vielfalt geboten: von den Abenteuern des schönsten Münchner Dackelfräuleins, über Touren durch die schönste bayrische Bergwelt, Langzeitstudien zu bernsteinfarbenen Biersorten, wortreiche Berichte über Wasserfreuden aller Art (indoor & outdoor), Baustellen aller Größenordnungen (inside & outside), Beziehungen zu menschlichen und tierischen Gefährten, Szenen einer Ehe mit einem Wissenschaftler, Entstehung von polnisch-deutschen Freundschaften, Episoden düster-russischer Matrjoschkaerinnerungen und parkinsongeplagter Papaerlebnisse bis hin zu zahlreichen Ausflugstipps zwischen Garmisch und Gotland – die bunten Alltagsbeobachtungen und abwechslungsreichen Exkursionen in die Tiefen der Brucologie nicht zu vergessen.

Trotz der diversen Herausforderungen in Zeiten von Corona und des Lebens an sich wollen wir nicht nachlassen und Sie auch weiterhin mit einem breiten Spektrum an Themen versorgen.

Heute: Die Intradomalfauna.

Ich habe das Wort heute Morgen zum ersten Mal gelesen und dank leidlich vorhandener Lateinkenntnisse und seiner Verortung auf einer Internetseite, die sich mit Schädlingsbefall befasst, auch augenblicklich verstanden.
Mit Intradomalfauna sind all jene häuslichen Mitbewohner gemeint, zu denen man in keinerlei verwandtschaftlichem Verhältnis steht, mit denen man die Wohnung ungern sowie unfreiwillig teilt und deren Vorhandensein mittelfristig inakzeptabel ist, erst recht, wenn man seinen Wohnraum nicht für ’n Appel und ’n Ei oder für umme überlassen bekommt, sondern für ein allmonatliches kleines Vermögen.

Weil sich Intradomalfauna gleich viel weniger ekelhaft anhört als Schabe, Silberfisch, Speckkäfer oder Staublaus, habe ich diesen neu entdeckten Begriff sofort in meinen aktiven Wortschatz integriert.
Wie Sie ja wissen (und wenn nicht: wir berichteten hier), hatte sich im Nachgang der Wasserschadensanierungs- und Badrenovierungs-Ära unsere Intradomalfauna ein klein wenig verändert.

Mitte Mai nämlich zog die Staublaus bei uns ein und lebt mittlerweile (Stichwort: Familiennachzug) in einer Mehrgenerationen-Population in unserem neuen Badezimmer (ausschließlich an einer Wand) und im angrenzenden WC (auch dort vorwiegend auf der dem Bad zugewandten Seite).

Staubläuse (lat.: Psocoptera) gehören zoologisch gesehen zur Ordnung der hemimetabolen Insekten mit weltweit über 4.000 Arten [Anm. d. Red.: krass, oder?]. Ihr 1–7 mm großer, verschieden gefärbter, weichhäutiger Körper gliedert sich in einen großen, halbkugeligen Kopf, einen Brustabschnitt und einen sackförmigen Hinterleib. Der Kopf trägt seitlich liegende, bei vielen Arten nur schwach entwickelte Komplexaugen [Anm. d. Red.: auch ein schöner, neuer Begriff – „Komplexaugen“] sowie fadenförmige, aus bis zu 50 Gliedern bestehende Fühler [Anm. d. Red.: Pfui Deifi & gut, dass die eigene Sehkraft schon etwas nachgelassen hat]. Der Brustabschnitt trägt außer den 3 Paar Beinen 4 einfach geäderte, verschieden gefärbte Flügel, die während des Flugs zur funktionellen Zweiflügeligkeit verhakt [Anm. d. Red.: „zur funktionellen Zweiflügeligkeit verhakt“ – lassen Sie sich diese wunderbare Formulierung auf der Zunge zergehen und assoziieren Sie nach Herzenslust, einfach so, als Phantasiereise!] und in der Ruhe dachförmig über den Hinterleib gelegt werden können [Anm. d. Red.: in meinen Augen ist das pure Poesie].
Häufig (besonders bei Weibchen) sind die Flügel reduziert; auch voll geflügelte Arten bewegen sich hauptsächlich laufend fort [Anm. d. Red.: und zwar ziemlich flott, beinahe flotter als Sie mit dem Lappen hinterherkommen]. An der Unterseite des 9. (Männchen) bzw. 8. (Weibchen) Hinterleibsegments liegen die Geschlechtsöffnungen. Der Kopulation geht eine Art Balz voraus [Anm. d. Red.: hier sind offenbar nahezu alle Lebenwesen ähnlich gepolt]. Die Weibchen kitten die 20–100 Eier auf die Unterlage [Anm. d. Red.: also unseren neuen Waschtisch]; das Gelege wird oft noch mit einem Gespinst versehen [Anm. d. Red.: Gespenster haben wir noch keine gesehen]. Die sich hemimetabol entwickelnden Larven ähneln in Aussehen und Lebensweise den Imagines [Anm. d. Red.: alles klar!].
Die Staubläuse ernähren sich vor allem von Algen, Pilzen und Flechten; sie bevorzugen daher feuchte Lebensräume [Anm. d. Red.: Zefixnochamal, Scheißwasserschaden und überhaupt reicht’s jetzt langsam mit dem ganzen Gschiss da herin!].

Im Sinne der konsequenten Umsetzung unserer bloginternen Sprachhygienemaßnahmen wird hier ab sofort nur noch von Psocoptera die Rede sein, wenn ich konkreter über unsere Intradomalfauna berichte. Gewöhnen Sie sich also bitte gleich auch an diesen Begriff (und sollten Sie es je selbst damit zu tun bekommen, was ich Ihnen keinesfalls wünsche, könnten Sie mit dem Vokabular immerhin sofort Eindruck schinden bei Ihrem Hausverwalter/Vermieter, da kommen Sie nämlich gleich viel kompetenter rüber als wenn Sie nur ein angewidertes „Wir haben seit der Sanierung Staubläuse in der Bude!“ vom Stapel lassen).

Im Laufe der letzten Wochen habe ich nicht nur unseren Vermieter über den Zuzug der Psocoptera informiert, wie man das ja als braver Mieter bei jeglicher Art von Untervermietung der Mietsache zu tun hat, sondern auch eine neue Tätigkeit in meinen Alltag integriert: ich rücke den Psocoptera nun täglich 2-3x zu Leibe, damit sich auf der Waschtischplatte und den beiden betroffenen Wänden keine größeren Versammlungen bilden können, sondern nur ein paar Kumpels mit ihren Kumpels beisammen sitzen oder gemeinsam herumkrabbeln.

Zum ersten Kaffeehaferl bereitete ich mich heute Früh auf den Termin mit dem Mitarbeiter der Firma Schaden365 vor und las mich ein wenig in die Genealogie der Psocoptera ein. Man muss ja entsprechend stotterfrei und im Fachjargon argumentieren können, sonst nehmen einen diese Professionisten ja nicht ernst.

Etliche Feuchtigkeitsmessungen – denn die Psocoptera siedeln sich ja ausschließlich in feuchten Materialien und Baustoffen an – wurden durchgeführt, nicht nur an den „befallenen“ Stellen, sondern auch an benachbarten Wänden und angrenzenden Decken.
Das Ergebnis? Der Fachmann war ratlos. Alles ist trocken!
Wo also kommen sie her, die Viecherl, und wovon ernähren sie sich?

Er fertigte sodann mehrere Beweisfotos von den umhereilenden Psocoptera an, bestaunte ausgiebig meine neueste Versuchsanordnung (luftdicht abgeklebte Dreifachsteckdose an neu verfliester Wand über dem Waschtisch, weil ich genau hier die Keimzelle des Grauens vermute, und siehe da: hinter der Folie lungern mittlerweile Dutzende erstickte Psocoptera herum) und war ganz aus dem Häuschen als er die kleinen grauen Leichen mit Taschenlampe und Lupe genauer in Augenschein nahm.

Mit dem Versprechen, seinen Bericht noch heute dem Vermieter zukommen zu lassen, verabschiedete er sich schließlich.

Weil ich keinem Handwerker außer Lolek traue, schrieb ich unserem Vermieter nach dem Termin auch selbst noch einen Bericht. Ein paar Stunden später traf erfreulicherweise bereits eine Reaktion ein: Unser Einverständnis vorausgesetzt würde er umgehend die Firma Biebl & Söhne beauftragen, sich der Angelegenheit anzunehmen.

Der Firmenname suggeriert zwar ein gewisses Gottvertrauen, dennoch googelte ich den Betrieb. Und schon wieder betrat ich eine neue Welt: die der Schädlingsbekämpfung (hieß das nicht früher mal Kammerjäger?).

Leckomio, uns steht also in Kürze der Besuch eines IPM-Beauftragten bevor!
Und Integrated Pest Management – das klingt irgendwie gar nicht mehr nach Kindergeburtstag oder Begutachtung der Psocoptera im Scheine einer kleinen Halogen-Stabtaschenlampe. Aber immerhin bewegt sich das Tun der Bieblsöhne offenbar noch im Rahmen der gültigen Gesetze und der GHP, was auch immer dieses Akronym bedeutet.

Neue Lieblingsbegriffe nach Lektüre der Startseite von Biebl & Söhne: Verbergungsräume und Monitoringstation.

Ich stelle mir das in etwa so vor: Unser Bad und WC wird recht bald nach dem Erstbesuch des IPM-Beauftragten mit zig Überwachungskameras ausgestattet, zuvor hat man natürlich, um die winzigen Sichtgeräte überhaupt einbringen zu können, die Silikon- und Epoxidzementfugen an mehreren Stellen aufgebohrt, um hinter die Kulissen gucken zu können, quasi in den Brutkasten und die Geheimgänge der Psocoptera, im Fachjargon Verbergungsräume genannt. Der Biebl & Söhne-Mitarbeiter installiert uns auf einem Leih-Tablet ein System, mit dem wir uns jederzeit in eine beliebige der knapp 100 Kameras einwählen können, um das Geschehen live zu beobachten, zusätzlich stehen uns diverse Statistik- und Analyse-Tools zur Verfügung, mit denen wir die Lebensgewohnheiten unserer Psocoptera en detail kennenlernen können: Wann stehen sie auf, wann putzen sie sich die Zähne, wann beginnen sie ihr Tagwerk, wann machen sie Mittagspause und Feierabend, welches Familienmitglied ist fürs Müllruntertragen zuständig und welches für die Umsatzsteuervoranmeldung, machen sie auch Urlaub, schlafen sie getrennt oder im Rudel, welchen Hobbys gehen sie in ihrer Freizeit nach, gibt es religiöse Praktiken, glauben sie an die Demokratie oder daran, das Bill Gates demnächst ihren schönen, freien Psocoptera-Staat auflösen und sie alle zu Impfungen verpflichten wird, die ihre zarten Körper verseuchen werden?

Bleiben Sie also dran & freuen Sie sich schon heute auf die nächste Folge von „Psocoptera privatissime“, denn dann geht es richtig zur Sache!
Um die Wartezeit sinnvoll zu überbrücken, empfehle ich Ihnen das Bilderbuch auf der Homepage von Biebl & Söhne – ein ganz entzückendes Album, das dem interessierten Kunden dort völlig unentgeltlich präsentiert wird.

Einen erfreulichen Dienstagabend und eine ebensolche weitere Woche wünscht Ihnen –
Ihre Kraulquappe.

Zwischen Frotteeponchos und Pressefotos: Ein Neustart.

Nach nunmehr drei Freibadbesuchen – 1x bei Nieselregen, 1x bei Sonnenschein, 1x bei Starkregen – wird es Zeit für einen Lagebericht.

Fronleichnamstag 2020.
München, Postillonstraße, Ecke Homerstraße. 9:52 Uhr.

Der Parkplatz des Lieblingsbades ist gut gefüllt, man kann sich beinahe vom Auto aus in die Schlange der Wartenden einreihen, die bei 13 Grad und leichtem Nieselregen vor dem Schwimmbadeingang stehen.

Es ist der erste Besuch in meinem Ganzjahresfreibad seit drei Monaten, eine derart lange Pause gab es in den letzten 20 Jahren nicht.
Sogleich entdecke ich einige bekannte Gesichter, man grüßt einander übertrieben freudig, nach zwölfwöchiger Abstinenz verbindet einen heute scheinbar mehr als je zuvor.
Ansonsten: ein paar Feiertagsväter mit dem Filius (oder der Filia), etliche Hardcore-Schwimmer und ebenfalls einige Pandemie-Polsterträger. Keine Teenager, keine Rentner.
Und alle haben sie zwei Dinge in der Hand: ihre Maske und ihren QR-Code (auf Papier oder auf dem Handydisplay).

Es hätte vermutlich 10 bis 15 Minuten bis zum Eingang gedauert, hätte man ein Ticket gehabt, das erst ab 10 Uhr gültig ist (der Scanner kennt da keine Gnade und lässt niemanden auch nur eine Sekunde eher hinein).
Wie Sie ja wissen, hatte ich dank des schlecht getesteten und zu früh online gestellten Buchungsportals das Glück, das Bad für den gesamten Tag gekauft zu haben, weshalb ich auf den Ruf des Türstehers hin – „Hat irgendwer ein Ticket, das schon vor 10 Uhr gilt?“ – an der Warteschlange vorbeispazieren und in die heiligen Hallen eintreten konnte.

Ab Betreten des Gebäudes herrscht für ca. 25 Meter Maskenpflicht, auf dieser Wegstrecke liegt der Kassentresen, links und rechts der gekennzeichneten Laufzone stehen die altbekannten Bademeister Spalier. Man ist sichtlich gut vorbereitet auf den großen Ansturm.

Fröhliches Gegrüße auch hier, Bruce Willis, wie ich den Lieblingsbademeister zu nennen pflege, weist mir den Weg hinaus ins Freigelände. Auch dort dann idiotensichere Beschilderung, einmal rund ums ganze Gebäude bis hinter zu den Liegewiesen und Schwimmbecken, im Freien natürlich auch wieder unmaskiert.

Re-Opening in den ehemaligen olympischen Gewässern: Noch ist wenig los.

Nur noch ein kleiner Gebäudeteil ist jetzt zugänglich, der scheußlichste leider, muffige, beigegekachelte Schulsportanlagenatmsophäre der frühen 1980er Jahre. Wenn die Sonne nicht vom Himmel lacht, darf man sich hier maskiert und im Stehen umziehen sowie seinen Rucksack ablegen. Toiletten gibt es dort auch und alle fünf Minuten saust eine Reinigungskraft durch den Flur und wischt kurz zwischen den Halbnackerten und all den Rucksäcken durch. Charmant ist anders.

Weil es nieselt und ich noch etwas fremdle mit der neuen Schwimmsportnormalität, kleide ich mich drinnen um. Ohne Haken und Ablagen ist das gar nicht so einfach, nur gut, dass ich unter Jeans und T-Shirt bereits den Badeanzug anhabe und mich daher nur ausziehen muss.
Als ich mir das Shirt über den Kopf ziehe, rutscht der Befestigungsgummi der Maske von den Ohrwaschln und der schöne FCB-MNS verfängt sich in der Kleidung.

Hinter mir schnauft und stöhnt es.
Ich drehe mich um und sehe etwas, das ich zuletzt in meiner Grundschulzeit sah: einen potthässlichen Frottee-Poncho über einer jenen Umhang optisch nur graduell an Ästhetik übertreffenden Schwimmbadbesucherin.
Sofort musste ich an Herrn Spike, einen der unermüdlichsten Kommentatoren auf dem Kraulquappen-Blog denken, der mir bereits einige Tage vor der Freibaderöffnung zur Vorbereitung auf die neuen Hygienemaßnahmen (und einen möglichen Umgang damit) folgendes Filmchen zusandte:

Ja, liebe Leserinnen und Leser, auch das ist nun wieder Teil des Schwimmbadbesuchs! Der Frottee-Poncho ist wieder auferstanden, schlappe 30-40 Jahre nach seinem Ableben, wer, außer Corona oder Bill Gates, hätte das gedacht!

Und überhaupt muss man sich gehörig umstellen, was jetzt im Freibad so alles geboten ist und wird.
Die Bahnen sind anders unterteilt, die Schwimmrichtung ist neu geregelt (zumindest theoretisch, denn praktisch haut das noch überhaupt nicht hin), Rückenschwimmer haben keine eigene Bahn mehr, Sportschwimmer nur noch eine. Guckt man den Schwimmern zu, sieht man allerhand Unsicherheiten und seltsame Überholvorgänge. Ich beobachte die paar Erstschwimmer eine Weile, um in Ruhe eine Entscheidung zu treffen, welche Bahn wohl für mich die beste sein könnte und wage mich in die, in der eine bekannte Badekappe beim Butterfly zu sehen ist – den kenn ich, der passt auf, der kann auch kontaktlos überholen.

Schnell noch eine Sekunden-Berieselung unter der eiskalten Außendusche (freilich hatte ich bereits morgens daheim geduscht – nicht, dass Sie denken…!) und dann geht es unter dem kritischen Blick dreier Bademeister zum Beckenrand.

Flossen an, Brille auf – und ab ins Wasser!

Foto: Catherina Hess.

Ungewohnt ist es.
Ich spüre die lange Pause, aber ebenso spüre ich das Glück des Endlich-wieder-Schwimmen-Könnens.
Nach zwei Bahnen muss ich die Brille justieren. Alles scheint ausgeleiert zu sein, nach drei Monaten Pandemie. Oder ist mein Kopf geschrumpft?

Eine Frau kniet sich hinunter zum Beckenrand, spricht mich an, stellt sich als Pressefotografin vor und fragt, ob sie mich vielleicht fotografieren dürfe. Klar, wieso nicht?
Sie ist erleichtert, weil außer mir bislang nur der Butterfly-Typ sein Einverständnis gab und sonst aber niemand abgelichtet werden will. Nun denn, ich schwimme weiter und sie knipst. Alle paar Bahnen stellt sie Fragen (wie oft schwimmen Sie üblicherweise? wie weit? welchen Stil? warum überhaupt? wie ging’s Ihnen so in den letzten Wochen? und wie isses nun?) und bevor ich mich dann zum ungestörten Weiterschwimmen verabschiede, lädt sie mich im Namen ihres Redakteurs noch auf ein Interview bei den Stadiontreppen ein.
Eine Dreiviertelstunde später – es hat zwischenzeitlich aufgehört zu nieseln und das Schwimmbecken hat seine zulässige Kapazität an Besuchern erreicht – klettere ich aus dem Wasser und begebe mich tropfend zu dem Journalisten, der dann eine Viertelstunde lang alles Mögliche fragt und notiert.

Am Tag drauf liest man sich dann zum Frühstück in der Tageszeitung , die man vor lauter Neugier etwas früher als sonst von der Fußmatte gepickt hat, und staunt ein wenig, dass ausgerechnet der Schenkelsatz zitiert wurde (und sonst nichts) und auch keines der hochdynamischen und -motivierten Fotos, die Mr. Butterfly oder mich beim Kraulen zeigen, verwendet wurde – stattdessen die Startblocks vom Sommerbecken und das Hilfsgeraffel am Beckenrand. Auch die Infos rund um die neuen Baderegeln sind nicht sauber recherchiert oder wiedergegeben. Nun ja.

Trotzdem war’s ein besonderer Tag und ein schönes erstes Mal. Und beim zweiten Mal schien sogar die Sonne!

Vom dritten Mal (heute) bei Starkregen und 11 Grad wollen wir lieber nicht reden, immerhin herrschte gähnende Leere im Becken und im beigegefliesten Flur war kein einziger Frottee-Poncho zu sehen.

Foto: Catherina Hess.

Die „neue Normalität“ hat auch ein paar Vorteile…

…zum Beispiel können Sie jetzt an einem sonnigen Mittwochnachmittag (sogar mitten in der Ferienzeit) völlig entspannt und ohne den Schweiß oder Atem anderer Gäste auch nur wahrzunehmen, auf der Sonnenterrasse der Neureuth sitzen, wenn Sie erst am späteren Mittag in Gmund losgehen (wochentags leert sich der Wanderparkplatz da bereits wieder).

Bis Sie oben sind, ist der Großteil der Touristen und Tagesausflügler schon wieder auf dem Weg ins Tal und mit all den Abständen zwischen den Biertischen wirkt die Terrasse dann vergleichsweise leer, was man ja von der Neureuth-Hütte schlicht nicht kennt.

Sogar das sonst oft so lästige, weil lange Anstehen fürs Gehopfte entfällt nun, weil die „neue Normalität“ einen Service am Tisch vorsieht, was hier heroben ebenfalls eine immense Verbesserung ist.

Und überhaupt hat man als Einzelperson mit Dackelfräulein an so einem Tisch sitzend nicht mehr das Problem, dass man drauf achten müsste, dass die Tischnachbarn nicht aus Versehen auf den dösenden Hund treten, während man sich das Getränk holt oder zur Toilette geht, weil man ja nur noch mit maximal einem Haushalt bzw. ein paar Kumpels den Tisch teilen muss.

Ebenfalls klasse ist, dass sich der Rekordmeister-Mundschutz spontan umfunktionieren lässt zu einem schicken After-Mountain-Lake-Jump-Suit.

Weil man ja jetzt in jedem Rucksack so ein Fetzchen mitführt, ist der Ad-hoc-Bikini aus zwei Teilen schnell zusammengebastelt, die neidischen Blicke der Uferkiesel sind einem sicher und verfolgen einen, bis man gänzlich ins Wasser eingetaucht ist!

Jetzt noch auf ein Feierabendbier zum Papa in den Garten, dort sitzen, bis die Sonne hinter dem Wallberg versinkt (und der Wetterbericht Recht bekommt) und danach durch die Regennacht zurück nach München.

Wussten Sie’s schon?

Bill Gates hat das Wetter bereits vollständig unter Kontrolle!!!

Um 15 Uhr hätte ja die nächste große Corona-Demo hier vor der Haustür stattfinden sollen.
Seit frühmorgens hat der Veranstalter (eine mir bis vor Kurzem völlig unbekannte Partei, deren Namen ich lieber erst gar nicht nenne, damit das niemand googelt, lohnt eh nicht) fleißig gewerkelt, um das Gehege auf der Wiesn aufzubauen, in das die 1.000 genehmigten Teilnehmer sich gegen Mittag begeben durften.

Um 15 Uhr hätte es losgehen sollen mit dem „Ich lass mir doch keinen Chip via Vakzine in meinen Körper reinjagen!“-Zeugs, untermalt von ein bisschen „Let the sunshine in“-Gesinge, Buh-Rufen und diversen sportlichen Einlagen (wir berichteten hier).

Und was passiert? Bill Gates, diese nach Reichtum und Weltherrschaft gierende Ratte, schickt Orkanböen nach München!

Gegen 14:15 Uhr rupft der Wind schon recht heftig an den rot-weißen Absperrbändern, um 14:30 Uhr droht die Rednerbühne abzuheben, ab 14:45 Uhr kommt ein solcher Regenguss, dass man sie alle nur noch davonrennen sieht.
Mit ihren Schildern, auf denen der schwarze Edding schon zerronnen ist, sausen sie zur U-Bahn, zu ihren Autos oder Fahrrädern – jedenfalls davon.

Um 14:50 Uhr nur noch ca. 50 Hardcore-Demonstrierer auf dem Gelände, auch die Polizei harrt noch tapfer aus rund um die Theresienwiese.
Fünf Minuten drauf dann per Lautsprecher die Absage des ganzen Spektakels, denn „Sicherheit geht vor“, Wind und Regen sind einfach zu heftig.

Das kann ja wohl alles kein Zufall mehr sein!

Quelle: Abendzeitung München.

Und noch nicht genug der „Zufälle“: Pünktlich um 15:20 Uhr hört es doch glatt wieder auf so krass zu stürmen. Und zwar komplett! Aber da sind sie alle schon weg, schließlich möchte man sich ja in Zeiten wie diesen nicht verkühlen, nur für den Fall, dass das doch kein Fake ist, dieses Virus.
Man kann ja von Bill Gates halten, was man will, aber DAS war wirklich Maßarbeit. Beängstigend, nicht wahr?

Ich würde meine Beobachtungen und Gedanken dazu gern noch weiter ausführen, muss an dieser Stelle aber leider jäh einen Punkt machen. Es ist 16:03 Uhr, das Dackelfräulein jammert seit 3 Minuten unter dem Schreibtisch und tritt mir alle zwei Sekunden auf einen meiner Füße. Um 16 Uhr bekommt sie üblicherweise ihr Zweit-Fressi, und sie hat nichts für Verspätungen übrig und macht sich daher grundsätzlich schon ab 15:58 Uhr bemerkbar. Länger als fünf Minuten ertrage ich diesen Terror nicht, also vielleicht ein andermal wieder mehr zu obigem Thema (vielleicht schon nächsten Samstag?).

Und fragen Sie mich jetzt bitte nicht, woher dieser Hund weiß, dass es 16 Uhr ist.
Ich habe keine Ahnung!

Die Welt ist voller Rätsel und Phänomene, die einen nur so mit den Ohren schlackern lassen.

Song des Tages (51).

Gesehen: Beim Laufen treffe ich schon wieder J., den ich diesmal nur noch an seiner Stimme und der John-Lennon-Brille erkenne. Er läuft nun völlig vermummt, damit ihn die Polizei beim Herumkurven durch den Park nicht mehr als „alt“ identifiziert und womöglich heimschickt. Langärmeliges Laufshirt von seinem Sohn (mit aufgedruckter Marathon-Werbung), dazu lange Hose und Sturmhaube, bei 20 Grad kein Vergnügen, aber J. ist ja hart im Nehmen.

Gestaunt: In meiner Armbeuge erstmals kein Bluterguss nach der Blutabnahme, das grenzt an ein Wunder. Auch, dass es direkt beim ersten Einstich ein „Ozapft is“ wurde – Reschpekt!
Dafür hat die Delegation vom Tropenmedizinischen Institut der LMU uns mit ihrem Desinfektionsmittel (mit dem sie herumpritschen als würden sie mit einem Gartenschlauch riesige Beete wässern) den Esstisch versaut, trotz Auffangwanne, die sie dabeihatten, damit nichts danebengeht. Kein Thema, ich bin ja beschwerde-erprobt (mit hoher Erfolgsquote) und aktuell gut in Übung (grad erst vom Hersteller der Duschtrennwand eine Entschädigung für all den Ärger ermailt), geht auch von Mal zu Mal schneller. Ein neuer Esstisch wäre eigentlich eh mal nett, diesmal dann aber einen aus Wenge (ich bedauere es bis heute, vor elf Jahren ein anderes Holz gewählt zu haben, nur weil Wenge so teuer war). Wird man ja wohl erwarten können, für unseren tapferen und blutigen Beitrag zur Forschung, jedenfalls ist es mit einem Werbe-Foto für „KoCo19“ in der heutigen FAZ als Wiedergutmachung für den verfleckten Tisch noch nicht getan. Der Zeitungsbeitrag wird uns nämlich nicht berühmt machen, da auf dem Foto leider das Dackelfräulein fehlt (vom Knie des Gatten verdeckt), dafür aber meine Sorge vor dem Anzapfen der Vene umso besser eingefangen wurde (so verspannt hocke ich sonst NIE am Tisch).

Geplant: 1. Impftermin fürs Dackelfräulein inkl. Zahnkontrolle und Haut-Check. Vermutlich sind es zwar altersbedingte Pigmentierungen, aber anschauen sollen sie sich’s lieber. 2. Inspektion und TÜV für den Kombi (inkl. Winterdreckbeseitigung und Reifenwechsel). 3. Loleks nächsten Besuch (ich vermeide den Plural bewusst, obwohl ich fürchte, dass das Aufstemmen der Wand, die Lecksuche, die Behebung der Misere sowie das Verputzen und Streichen der Wand länger dauern könnten als nur einen Tag).
Ansonsten plane ich nichts. Keine Urlaube, keine Besuche, keine Unternehmungen in einer Zukunft >2 Tage.

Gelesen: „Die kleinsten, stillsten Dinge“ von Sara Baume und „Walden“ von Henry David Thoreau. Ersteres ist an manchen Tagen kaum zu ertragen (irgendwo in Irland finden ein einäugiger Hund und ein einsamer Mann zueinander und brennen dann gemeinsam durch), der Thoreau hingegen erscheint mir hingegen wie die perfekte Prosa für Coronazeiten („Finde heraus, wo deine stärksten Wurzeln liegen, und verlange nicht nach anderen Welten.“ / „Hüte dich vor allen Unternehmen, die neue Kleidung erfordern.„).

Gegessen/getrunken: Spargel. Gugelhupf. Haferdrink. Schneider Weisse.
Von Spargel, vor allem dem grünen, krieg ich den Hals nicht voll. Habe mich sogar vor zwei Wochen als Erntehelfer registrieren lassen, sicherheitshalber, damit an der Front nichts schiefgeht, aber bislang verlangt niemand nach meiner Hilfe.
Zu dem Gugelhupf verleitete ein Zufallsreingucken in eine Gugelhupfreportage im Bayrischen Fernsehen. Ungeachtet all der Fett- und Zuckermassen musste ich sofort am Tag drauf einen backen und das hat trotz unpassender Backform hervorragend geklappt.
Haferdrink, weil: wir wollen schon länger weg von der Kuhmilch (bzw. von dem, was mit ihr verbunden ist), wo immer das halt möglich bzw. ersetzbar und geschmacklich vertretbar ist. Reismilch ist eine Zumutung für den Gaumen, auf Sojamilch bin ich allergisch, Mandelmilch hab ich noch nicht probiert. Hafermilch (besser: -drink) ist ideal fürs Müsli, im Morgenkaffee aber gar nicht. Also dranbleiben, weitersuchen und -probieren. Und an dieser Stelle ein Dankeschön an B. für den hilfreichen Input zur Thematik!
Zur Schneider Weissen dürfte in diesem Blog schon alles gesagt sein, vermutlich sogar schon mehrfach. Neu ist nur: der Gatte kauft mir seit Beginn der Pandemie komplette Kisten von dem köstlichen, bernsteinfarbenen Gesöff. Diese Bevorratung ist ebenso ungewollt wie ungewohnt, aber momentan wirklich praktisch und sinnvoll. Und da er derzeit nicht nach Frankfurt pendeln muss, hat er neben seinem Uni-Job und seinen zwei Nebentätigkeiten als Serien- und Pressespiegel-Beauftragter natürlich endlich auch mal Zeit für regelmäßige Fahrten zum Getränkemarkt.

Gefreut: Freundin A. schickt uns Mundschutzmasken. Zwei für jeden, blaue für den Gatten, rote für mich, wie sich das eben gehört. Sie und ihr Gatte tragen die gleichen Modelle. Alle vier sind wir der Ansicht, dass das Dekor des Stoffes perfekt zu uns passt, Uneinigkeit herrscht lediglich darüber, ob das Motiv einen Labradoodle oder einen Rauhaardackel darstellt. Im Juli, wenn wir uns wiedersehen, inklusive beider Hunde, tragen wir die Dinger hoffentlich längst als Sonnenhütchen und können das mit dem Motiv im Biergarten ausdiskutieren.
Der Papa legt ein ordentliches Osterei in mein Konto und ich gönne mir sofort ein neues T-Shirt, für dann, wenn mal Sommer ist und man wieder so richtig rausdarf und es sich lohnen wird, schöne Kleidungsstücke auszuführen. Die Ausgangsbeschränkungen ziehen ja eine gewisse Verlotterung nach sich, außer der Gatte hat berufliche Skype-Sitzungen oder es steht ein Treffen mit dem gepflegten Männerpaar aus unserem Hause zum Osterspaziergang an.

Gehört:
Neben dem Ostbahn Kurti grad vor allem Lou Reed und die neue Frauenpower-CD. Sonst den üblichen Mix, ich werd mich da nicht mehr groß weiterentwickeln, fürchte ich.
Gestern hat der Shuffle-Modus des Walkman mal wieder einen Corona-Song parat. Lang nicht mehr gehört, nie einer meiner Favoriten gewesen, weil ein bisserl seicht, zu poppig und arg wenig e-streetig, aber gestern fand ich den Text und vor allem den Takt zum Auslaufen nach der Joggingrunde richtig gut.

You might need somethin‘ to hold on to
When all the answers they don’t amount to much
Somebody that you can just talk to
And a little of that human touch

Kommen Sie gut durch die Woche und genießen Sie zumindest die Sonne!

Mit_tendrin oder: Eine kleine Corona-Choreographie.

Mit_tag.

Ein schöner Sonntag, gestern.
Wärmend und berührend, dieser Tag, trotz der kühlen Temperaturen und des frostigen Windes draußen.

Zur Mittagszeit verlassen wir das Haus.
Der Gatte und das Dackelfräulein biegen nach rechts ab, ich nach links.

Mit_tendrin. Mit_denken.

Rechts geht’s zum Polizeirevier, das üblicherweise keines unserer Gassiziele ist, aber der Gatte spaziert dort kurz vorbei, um die Fragen zu stellen, die uns keine der FAQ-Seiten von Zeitungen oder Ministerien hier in Bayern beantworten konnten:
Wie stellen die sich das mit dem Gassigehen denn nun konkret vor?
Nur wohnungsnah, nur im nächsten Park, nur an der nahegelegenen Isar?
Oder kann man auch mit der U-Bahn ein paar Stationen fahren, um etwas weiter südlich durch die dort weitaus leereren Isarauen zu spazieren?
Oder ins Auto steigen und zum Wald am Stadtrand fahren, wo man mal ohne jegliche Begegnung eine Runde drehen kann?
Die Antwort: Ja, man kann.
Und das ist gut so. Wenn das Fräulein jetzt zwei Wochen lang oder bis Ostern oder Pfingsten täglich nur hier vor der Tür durchs Viertel wackeln dürfte, kriegen wir alle in Kürze einen Knall.
Hoffen wir, dass es dabei bleibt, man hat ja eh schon Knalle genug (ein Plural, der mir falsch vorkommt, wenn ich ihn so betrachte, es aber nicht ist).

Links geht’s zum Park, in dem ich üblicherweise meinen Sonntagslauf absolviere. Und dort erlebe ich gestern etwas so Neues und unerwartet Positives, das auch auf das Konto des Cornonavirus geht, eine seiner Buchungszeilen, vor der ausnahmsweise mal kein Minus steht, sondern ein Plus: Denn die Menschen, die sich im Park begegnen, sehen einander heute an, mit nahezu jedem gibt es einen Moment lang direkten Blickkontakt, mit manchen tauscht man ein Lächeln, die Jogger nicken sich stumm und freundlich zu, kein Spaziergänger glotzt in sein Smartphone oder sonstwie abgeriegelt von der Welt vor sich hin, selbst die nicht, die ganz allein dort spazierengehen und etwas in sich gekehrt wirken, auch sie haben das Fenster zu ihrer Umwelt noch einen Spalt weit offengelassen, so scheint es, gucken kurz hinaus und nehmen die anderen wahr.

Jeder passt auf, dass er nicht in den anderen hineinrennt, dreht sich auch mal um, bevor er die Wegseite wechselt, um Kollisionen zu vermeiden, gewährt einem Schnelleren den Vorrang oder wartet, bis ein Langsamerer sich in seinem Tempo weiterbewegt hat, keiner latscht mehr rüpelhaft oder rücksichtslos herum, so als hätte er den Park zur Privatnutzung gepachtet.

Alle schauen sie drauf, dass das mit dem Abstandhalten für sich und auch für die anderen funktioniert, die Kleinfamilien, die Hundebesitzer, die Kinderwagenschieber, die Hand-in-Hand-Flaneure, die Solo-Spazierer, die wenigen Radfahrer, und sogar der dicke, parkbekannte Obdachlose mit seinem unförmigen, alten Hund hat ausnahmsweise seinen Stammplatz an der Hauptwiese des Parks geräumt und sich auf eine Bank in einem Bereich der Grünanlage gesetzt, der wenig frequentiert ist.

Ich frage mich, ob den Eichhörnchen, die überall munter und emsig durch die Baumwipfel hüpfen, dieses neue Tänzchen da unten auf dem Boden wohl auffällt, ob sie diese Corona-Choreographie von oben bestaunen oder ob sie relativ unbeeindruckt von der Umgebung ihrem Hörnchentagwerk nachgehen, wie immer eben, und ganz so, wie wir es ja auch noch bis vor Kurzem taten.

Mit_einander. Mit_menschen.

Es ist ein achtsames, aufmerksames, angenehm ruhiges und fast einträchtiges Miteinander wie ich es noch nie sonntags im Park wahrgenommen habe. Und es fühlt sich an, als wären plötzlich nicht mehr irgendwelche Passanten, sondern konkrete Mitmenschen zeitgleich mit mir da draußen unterwegs.
Gerade durch die Distanz sieht man den Einzelnen ja viel deutlicher als wenn man sich an einem Pulk Menschen vorbeiquetschen oder durch eine kleine Lücke zwischen den Entgegenkommenden hindurchhuschen muss, zwischendurch lege ich sogar meine Kopfhörer ab, um diese Atmosphäre nicht nur sehen und spüren, sondern sie auch hören zu können.

Auf diese Weise und mit dieser neuartigen Choreographie, deren Motto „Mit Abstand zu Anstand“ zu lauten scheint, könnten wir meinetwegen gern häufiger sonntags durch die Münchner Parkanlagen streifen!

Jetzt wäre es natürlich reichlich naiv und unsinnig, anzunehmen, dass durch die COVID-19-Pandemie oder wegen der bayrischen Ausgangsbeschränkungen auf einmal die große Brotherhood-Welle über die Münchner geschwappt wäre und wir alle ab sofort gemeinsam in einem Ozean voller Sozialromantik herumplantschen würden.

Aber vielleicht sind es jene Augenblicke wie die gestern im Park erlebten, die uns jetzt auf positive Weise rausreißen aus unserem vormals so gewohnten, oft wenig hinterfragten Trott (durch den Park, durch den Alltag, durchs Leben) und die uns dazu animieren, mal wieder ganz neu und anders hinzuschauen, was und wer uns so alles umgibt und begegnet, während wir durch unseren kleinen, begrenzten Ausschnitt der Welt spazieren.
Mit Sicherheit ist da jedenfalls mehr Verbindendes und Gemeinsames als nur die vielen negativen Nachrichten, die nun täglich lawinenartig auf uns niederrollen und die zwar jeder für sich, aber eben auch wir alle miteinander, zu (er-)tragen haben.

Mit_teilen. Mit_helfen.

Was ich eh schon immer tat, tue ich auch jetzt, nur noch deutlich mehr als sonst: Nachfragen.

Wie geht’s dir, kommst du klar, brauchst du was, was beschäftigt dich, sollen wir mal telefonieren?

Bei Freunden, Bekannten, Nachbarn. Bei Menschen, die auch einen Hund haben. Und bei denen, die nicht mal einen Hund haben. Und nicht zuletzt auch bei denen, die in irgendeiner Hinsicht zu einer Risikogruppe gehören, so wie leider auch der Papa.

Ein paar Überwindungen sind auch dabei. Ich muss mir zum Beispiel einen Ruck geben und den Sohn der Lebensgefährtin vom Papa kontaktieren, ihn fragen, ob wir uns nicht abwechseln sollen mit Besorgungen für die beiden. Ich muss es aushalten, dass da nur ein lasches und laues Echo kommt, so wie unsere Begegnungen halt schon immer etwas Lasches und Laues hatten, weil uns nun mal nichts verbindet außer der Tatsache, dass seine Mutter und mein Vater zusammenleben. Eine Tatsache, die uns in den letzten zwanzig Jahren zu nichts verpflichtete, ein paar lasche Umarmungen und lauer Smalltalk bei runden Geburtstagen (vor Ewigkeiten auch noch zu Weihnachten und Ostern), mehr war da nicht, mehr brauchte es auch nicht.
An dem Wintertag vor zwei Jahren, an dem mein großer Freund S. den Papa endlich durch das Thema „Patientenverfügung & Co.“ gelotst hatte, habe ich mir die Nummer von M., dem älteren der beiden Söhne der Lebensgefährtin vom Papa geben lassen.
Es war mein damaliger, vorläufiger Schlusspunkt, den ich hinter diese unendliche Geschichte zur Vorsorge für den Notfall gesetzt hatte. Ich hätte nicht gedacht, dass ich diese Nummer bald brauchen würde.

Der Papa findet das mit der Versorgung durch M. und mich total überflüssig, die Lebensgefährtin sowieso, die beiden weisen jede Bedürftigkeit weit von sich und unterstellen uns, wir sähen sie jetzt schon mit einem Fuß im Grab stehen.
„Nein, tun wir nicht“, sage ich, „wir wollen nur auf euch Acht geben“. Er kann es nicht annehmen, so wie er auch das Rentnersein oder das Parkinsonpatientsein lange nicht annehmen konnte.
So ist er nun mal, jeder Verlust von Status oder Autonomie wird ein Kampf bleiben, und vielleicht ist’s ja auch besser so als wenn er sich sofort und ohne jedes Auflehnen fügen würde.

Mit_fühlen. Mit_nehmen.

Wie in jeder Krise, so zeigt sich auch in dieser, wer diejenigen sind, die Kontakt, Nähe und Austausch suchen. Die über Gräben springen, vielleicht sogar über ihren Schatten. Die einfach mal anrufen, egal, wie lange man einander nicht gehört hat. Oder eine Mail schreiben oder eine Postkarte schicken (nur Seife schickt noch niemand, aber vielleicht hat der Gatte ja nachher, bei seinem täglichen Jagdausflug, endlich mal Glück). Und umgekehrt: an wen man sich selbst so wendet.

Am Nachmittag klingelt es. Das kommt bei uns nicht allzu oft vor, wir haben auch ohne Corona eher wenig Publikumsverkehr, schon gar nicht sonntags.
Der Gatte fragt über die Türsprechanlage, wer da sei. Von unten vor der Haustür meldet sich mein noch recht neuer Freund, der hübsch Bewimperte, und flötet hinauf, dass er der Frau Kraulquappe gern etwas vor die Tür legen wolle, ganz kontaktlos und diskret, versteht sich.
Er war beim einsamen Spaziergang mit seiner Hündin an einem To-go-Blumenladen vorbeigekommen, einem dieser Selbstpflückfelder, und hatte dort – „Mit Handschuhen!“, wie er versichert – ein paar Narzissen für mich mitgenommen.

Ich verdrücke mir ein Tränchen, als ich die sonnengelben Blumen von der Fußmatte nehme und auf die Fensterbank stelle, und im nächsten Moment lache ich mit dem Gatten mit, der amüsiert das Sträußlein kommentiert: dass das ja auch mal eine Premiere sei, dass mir ein anderer Mann in seinem Beisein Blumen vorbeibrächte.
Stimmt, das hatten wir noch nicht. Wobei ich mich sowieso nicht dran erinnern kann, dass mir jemals ein anderer Mann während der Abwesenheit des Gatten Blumen gebracht hätte. Überhaupt bringt man(n) mir eher mal einen Strauß aus Paragraphen oder Kabelbindern mit, wenn ich so drüber nachdenke (und das gäbe mir jetzt glatt zu denken, wenn ich noch weiter drüber nachdächte).
Nur N., der vor vier Jahren seinen letzten Atemzug in den Schnee hauchte und sich dann für immer vom Acker gemacht hat, der meinte mal, wenn er mir je eine Blume schenken würde, wozu es nie kam, dann wäre es eine Narzisse. Aber das ist eine andere Geschichte und eine über die Jahre mehr und mehr verwelkende und verblassende Erinnerung.
Weil ja alles im Laufe der Zeit und des Lebens von etwas Anderem, von etwas Neuem abgelöst wird.

Auch auf der Schneise der Verwüstung, die dieses Virus hinterlassen wird, gedeiht irgendwann wieder etwas Anderes, etwas Neues.
Ob es sonnengelbe Narzissen sein werden oder schnödes Unkraut, das vermag momentan keiner zu sagen, wir wissen es nicht, niemand hat das derzeit in der Hand.

Aber wer wir in dieser Zeit füreinander gewesen sind, das haben wir in der Hand.
Und es ist das, was uns bleiben wird.

Mit_singen. Mit_machen.

Am frühen Abend kündigt Brenley MacEachern von Madison Violet auf Facebook ein kleines Wohnzimmerkonzert an.
Purer Zufall, dass ich das mitbekomme, denn eigentlich will ich nur kurz einer schwedischen Blogkollegin einen Gruß via FB-Messenger schicken und stolpere bei der Gelegenheit in meiner Timeline über diese Meldung aus Ontario. Man darf Brenley vorab requests schicken – ist ja super!

Es wird dann eher ein Treppenkonzert: Um 16 Uhr (Toronto Time) sitzt sie mit ihren zwei Gitarren und einem Cowboyhut daheim in Kanada auf einer Stiege – und singt und singt und singt.
Zwischen 100 und 140 Menschen sind live mit dabei. Und singen vielleicht mit.

https://www.facebook.com/plugins/video.php?href=https%3A%2F%2Fwww.facebook.com%2Fbrenley.maceachern%2Fvideos%2F10163649151515497%2F&show_text=0&width=560

Es ist mein erstes Wohnzimmerkonzert in diesem Stil: unfrisiert und in Jogginghose auf der Couch lümmelnd, das Dackelfräulein zwischen meinen Beinen eingekringelt, die Wolldecke drüber, die Schneider Weiße neben mir, das Laptop auf dem Schoß, der Gatte nebenan (zur feierabendlichen Rekreation historische Fußballspiele guckend, glaub ich, weil ich „Robben! Robben!“-Rufe höre, nicht vom Gatten freilich, sondern aus dem Lautsprecher des PCs), irgendwann kommt er rüber, setzt sich zu mir und lauscht ebenfalls der netten Kanadierin.

Es würde mir übrigens keinerlei Umstände bereiten, per Mausklick für diesen Musikgenuss und solche Privatkonzerte eine Spende nach Ontario zu schicken.
Dasselbe gälte natürlich für New Jersey und die Steiermark, falls sich auch dort mal jemand daheim musizierenderweise auf sein Showtreppchen setzen möchte.

Hey, ihr wunderbaren Musiker da draußen, lasst eure Auftritte nicht ausfallen!
Spielt und singt weiter und schweigt jetzt nicht!
Ich bin dabei.