Da sein.

Der Winter ist da. Das Dackelfräulein rastet wie immer aus und staubt durch die erste, noch dünne weiße Pracht.

Und Lolek ist auch wieder da. Um seine wackelnden Türschwellen von vor zwei Wochen rauszureißen und nochmal neu zu verlegen. Natürlich wieder zur Lolek-Time: morgens um kurz nach 7 Uhr. (Möge der frühe Pole diesmal den Wurm erwischt haben.)

Der November geht in die letzte Runde. Diese Woche: Beseitigung kleinerer Baustellen, in Sachen Wohnung, in Sachen Gesundheit (nebenher noch Steuererklärung und Schimmelentfernung, eine schwere Wahl, was zuerst/lieber…).

Immer dieser verfluchte Bammel vor neuen Schäden, Pannen, Überraschungen. Und auch vor Vollnarkosen (wie oft haben sie einem für danach eine Breze versprochen, auf die man sich vor dem Knock-out tröstend freute und dann wurde ein Napf bleiches Hühnerfrikassee serviert, von dem einem noch speiübler wurde und erst recht zum Heulen zumute war).

Wie gesagt: alles Lästige in diesen Monat reingepackt! Der Advent darf mir gern und ausgiebig ein Gefühl von advenire bescheren. Ich möcht‘ mich mit einer Großpackung der Kindheitslebkuchen, diese billigen Herz-Stern-Brezen-Dinger, unter einen der frisch lackierten Türrahmen setzen und von dort aus mampfend und teetrinkend die letzten Lampen, Malereien und Silikonfugen bestaunen, um die sich der Handwerksfreund nächste Woche noch kümmern wird, und wenn ich genug gestaunt habe, dass jetzt endlich alles fertig, sauber, aufgeräumt und befestigt ist, dann möcht‘ ich aufstehen und den diesen Freitag abholbereiten Marimekkovorhang (der einen hinsichtlich zu bestellender und gelieferter Länge und zu beachtendem Rapport fast zur Weißglut getrieben hat) zuziehen und einfach mal kurz die Füße hochlegen.

Und mich anschließend gänzlich anderem, das so lang (ja, viel zu lang!) aufgeschoben wurde, zuwenden. Das neue Jahr lockt mit neuen Plänen.

Haben Sie einen guten Start in den Winter – und nehmen Sie bitte Abstand von Genesungswünschen oder Gesundheitsnachfragen, schicken Sie lieber Brezen oder Billiglebkuchen. Oder einfach ein Stoßgebet gen Winterhimmel.

Ihre Kraulquappe.

Letzte Mittagspause…

…vor Abreise unseres Handwerksfreundes.

Zur Feier des Tages genehmigen wir Wiktor etwas Zeit zur freien Verfugung:

(Man muss ja schon Obacht gebn mit dene Handwerker. Denn da Handwerker an sich is scho a Hund. Am vorletzten Tag richten’s einem alles so her, dass es gut ausschaut und man sich freut und im Endspurt wähnt (alles im Zeit- und Kostenplan, juhu). Am letzten Tag aber – und das ist der Trick! – hören’S den Polen den ganzen Tag über immer wieder ein dramatisch prononciertes „Oioioi!“ aus irgendeinem Raum Ihrer Wohnung stöhnen, dann gehen’S hin und schaun und sehn hier und da eine spontan zugespachtelte Stelle (schwarze Spachtelmasse auf weißer Wand, damit’s auch besonders dramatisch ausschaut!), die ihm jetzt erst aufgefallen ist (angeblich war da eine Delle oder was locker oder kaputt!) und wo man unbedingt was hat tun müssen, was er natürlich sofort tat, beflissen wie er ja ist, aber heut nicht wird fertigstellen können, so dass sich dringend ein Folgeauftrag empfiehlt, möglichst bald am besten, geschätzter Aufwand „Unter eine ganze Tag geht nix, weil muss trocknen und schleifen und beobachten und streichen!“. Sie schlucken und denken „Huijuijui, das wird also nochamal an Flins kosten!“, aber es wird wohl trotzdem am besten sein, den Auftrag wieder an Wiktor zu vergeben, denn bis Sie, Ihr Gatte und Ihr Hund sich an einen andern Handwerker gewöhnt haben…  – na, des machma ned, also schlagen’S natürlich ein und überlegen, wie Sie diese ungeplante Investition wieder wettmachen könnten und streichen dann halt kurzerhand die Mittagspause, denn irgendwie muss man ja die Oberhand behalten in dem Chaos da herin.)

Eine Nachlese oder: Fröstelnd sitz‘ ich auf der Couch und blättere.

Eine Sitzordnung hatte er sich überlegt. Das gab’s noch nie, aber gut war’s.
Denn wohldurchdacht war sie, diese Sitzordnung, da die Egozentriker und Plärrer ebenso wie die Kinder unter 3 Jahren einigermaßen weit von mir entfernt saßen, den Gatten hatte ich schräg gegenüber, so dass man sich bei Bedarf (akute Anstrengung, sporadische Fluchtüberlegungen, temporärer Ekel ob der schier unglaublichen Fleischmengen auf den Tellern) unkompliziert per Blick über die Gefühlslage verständigen konnte, rechts neben mir den Jubilar höchstselbst (sehr schön, mal wieder so lang und nah nebeneinander zu sitzen) und zu meiner Linken den langjährigen, beruflichen Weggefährten des Papas (einen pensionierten Oberstudienrat aus Passau mit einem poltähnlichen Humor und seiner so warmherzigen Klugheit), der mich fast ebenso lang kennt wie der Papa.

Die beiden waren über 40 Jahre in beruflichem Kontext sowas wie ein eingespieltes Ehepaar, der Niederbayer in seiner Funktion als ehrenamtlicher Vorstand, der Papa in seiner hauptberuflichen Tätigkeit als Geschäftsführer, alles Wichtige gemeinsam erlebt, entschieden und umgesetzt, zig Dienstreisen rund um den Globus, von all den Weihnachtsfeiern, Grundsteinlegungen und Jubiläen gar nicht erst zu reden.
Über alle Maßen gerührt war ich, sie nun einmal als befreundete ältere Herren zu erleben. Sie umarmen sich jetzt zur Begrüßung und duzen sich sogar seit dem gemeinsam vollzogenen Eintritt ins Rentenalter – und im Laufe des Abends trug Herr W. auch mir in seiner unverwechselbaren, niederbayrischen Direktheit an, ich möge ihn doch fortan beim Vornamen nennen: „Mia zwoa dean jetzd a amoi Du sogn: I bin da Otto!“.
Nach über 40 Jahren ist das schon ein Schritt und ich gebe zu, dass es für mich völlig ok gewesen wäre, wenn die Duzerei weiterhin einseitig geblieben wäre und ich weiterhin „Herr W.“ hätte sagen können. Aber mei, nun eben „Otto“, der Papa strahlte als er’s mitbekam und daher soll’s mir recht sein.

Ich sitz‘ da also so den lieben langen Geburtstagsfeierabend über zwischen den zwei alten Männern, fühle mich zeitweise, wenn ich sie beide mal nicht ansehe und sie nur so über meinen Kopf hinweg reden höre, zurückversetzt in uralte Zeiten, an die ich auf diese Weise ewig nicht mehr dachte. Stimmen ändern sich ja meist nur wenig oder gar nicht im Laufe eines Lebens: Herr W. Otto hört sich an wie eh und je und die Stimme des Papas wird nur ab und an vom Parkinson etwas gebremst und in Einzellauten zerquetscht. Wie oft ich das Duett dieser Stimmen in meinem Leben hörte, schon als Kind!

Am späteren Abend, die gehaltvolle Bayrisch Creme lässt allmählich auch jenen Teil der Gäste spürbar in die Sitzgelegenheiten sinken, der dort noch nicht dank des Veltliners oder Zweigelts hineingesunken ist, tippt mich der Papa am Unterarm an, drückt mir unterm Tisch und beinahe verstohlen seinen Autoschlüssel in die Hand und raunt mir zu: „Hinterm Fahrersitz, da liegt was für dich, geh mal raus und nimm es an dich.“.
In meinem viel zu dünnen Kleidchen (ich besitze keine Auswahl an „Festgarderobe“, muss daher Jahreszeiten ignorieren) trete ich hinaus in die klare, eiskalte Herbstnacht und öffne den Wagen. Auf der Fußmatte hinter dem Fahrersitz liegt ein großes, schweres Fotoalbum. Noch im schwachen Licht der Parkplatzbeleuchtung klappe ich es auf und sehe an der Widmung: Es ist das Album, das man ihm nach 44 Jahren gebastelt und mit in den Ruhestand gegeben hatte.
Ein ganzes (Berufs-)Leben, zwischen in dunkelrotes Leinen eingebundene Albumdeckel geklebt.

1974 in München-Bogenhausen: Gefeiert hat er früher sehr gern, der Herr Vater.

Wieder in der warmen Gaststube angekommen frage ich den Papa, wieso er mir das vermachen möchte, es sei doch sein Erinnerungsalbum an sein Berufsleben.
„Du bist in dem Album auch mit drin“, antwortet er, „Du warst da ja immer viel mit dabei“ und außerdem sei er seit einiger Zeit dran, sich von vielem zu trennen, was er eh nicht mit ins Grab nehmen könne und Ausmisten müsse man schließlich, so lange man noch alle Tassen im Schrank und zwei einigermaßen gesunde Arme habe. Und außer mir würde dieses Album ja sowieso in ein paar Jahren niemanden mehr interessieren – deshalb gäbe er es mir eben jetzt.
Momente, in denen ich nicht nur zweimal schlucken muss bevor ich wieder einen Ton rausbringe, sondern auch gefährdet bin, mir meine Unterlippe mal wieder blutig zu beißen – es ist jenes Phänomen „Eine altbekannte Wunde durch eine andere toppen“, damit’s in dem Augenblick lieber anderswo weh tut als dort, wo es eigentlich schmerzt, vielleicht kennen Sie das ja auch (ich kannte mal jemanden, der sich die Daumenkuppe blutig biss und einen anderen, der sich eine Narbe im Nacken aufpulte, in diesen Sekunden oder Minuten akut drohenden inneren Zerberstens).

Ich beginne, es durchzublättern, Herr W. Otto und der Papa gucken mir links und rechts über die Schultern und rufen ein paarmal abwechselnd „Oh!“ und „Meine Güte, weißt du noch…?“ und „Ach, das war ja damals in … mit … und …!“ (Herr W. Otto alle paar Seiten in Original-Polt-Manier noch ein „Ja mei, schau, der Ding, der is a scho lang nimmer da!“).
Der Papa sagt zu mir „Guck, das bist du, bei der Faschingsfeier im Büro!“ und ich sehe mich gar nicht vor lauter Starren auf seine Maskerade damals, er ging als Gespenst und ich erinnere mich an die Mutter, wie sie ihn so toll zurechtschminkte, er auf einem Hocker im Bad sitzend, sie auf dem Wannenrand vor ihm, und sehe das weiße Gewand, das sie genäht hatte für diesen einen Abend, der noch in einer Zeit lag, in der alles noch in Ordnung war oder zumindest noch nicht sichtbar in Unordnung, so unendlich lang ist das alles her!, ein paar Seiten später bin ich schon als semesterferienjobbende Studentin zu sehen, das rupft er sich raus, das Bild, ganz spontan will er das doch noch behalten.

Eine Zeitreise durch 40 Jahre, in etwa auf ebenso vielen Seiten, wir reisen nicht bis zum Ende, sondern steigen mittendrin aus, ich klappe nämlich das Album zu bevor wir zu dem Foto aus Mittenwald gelangen könnten, das die Einladungskarte zu seinem Ausstand zierte und von dem ich sicher bin, dass es nicht fehlen wird in dieser Sammlung: der korpulente Mann mit weißen Löckchen auf den dortigen Buckelwiesen stehend, mit dem noch korpulenteren Karwendelgebirge im Hintergrund (und natürlich dem Herrn W. Otto an seiner Seite).
Keine Ahnung, warum ich das Bild an dem Abend auf keinen Fall sehen möchte, aber irgendwie meine ich zu spüren, dass es den beiden Herren neben mir ähnlich ginge.

Szenen einer Ehe: links Otto, rechts Papa (im Hintergrund das Karwendel), 2008.

Am Morgen nach der Feier fröstele ich.
Zunächst schiebe ich es auf das Morgengassi, das einem erstmals nach einem gefühlt ewigen Sommer und ausgehnten Spätsommer nun bei gruseligen null Grad sehr unangenehm in die Knochen kriecht.
Als wir Richtung München fahren und das Frösteln trotz Sitzheizung nicht nachlässt, verdächtige ich die zu kurze Nacht und das zu fettige Essen. Zuhause wird es dann noch schlimmer.

Mittlerweile läuft in allen Zimmer die Heizung und ich friere dennoch.
Es sind nicht nur die kalten Finger und Füße, nein, es ist ein inneres Zittern und Bibbern. Es ist dieses Album, das ich mir zwischenzeitlich viermal alleine und in aller Ruhe angesehen habe, das Betrachten dieses ganzen langen Lebens meines Vaters, und das Gefühl, tatsächlich so gut wie alle seine Stationen miterlebt zu haben und dieses Wissen, dass nicht mehr allzu viele Stationen folgen werden (der Papa pflegt seit Jahren bei Neuanschaffungen zu witzeln: das ist jetzt die letzte Matratze vor dem Heim / das ist der finale Langstreckenflug vor der Pflegestation).

Fröstelnd sitz‘ ich auf der Couch und blättere.
So wärmend und wunderbar viele dieser Erinnerungen auch sind, so klamm und kalt kleben sie da zwischen all diesen Seiten eines gelebten Lebens, von dem ich ein Teil war und bin und immer sein werde, und an dem ich Anteil hatte und nehme und das weiterhin tun werde, bis es eines Tages eben vorüber sein wird.

Manche Farben auf den Bildern leuchten noch, andere wirken vergilbt und unwirklich. Alles ist vergangen und zugleich ist alles noch da.
Mein Gedächtnis ein Elefant, den ich gelegentlich zu gern mit einem gezielten Speerhieb erlegen würde (und doch auch wieder nicht).

Als ich das Album ins Regal stellen will, rutscht aus dem hinteren Einband plötzlich ein lose hineingestecktes Foto heraus und fällt zu Boden. Er muss es dort für mich platziert haben, denn zufällig ist es da nicht gelandet und es kann auch nicht dem Fundus seiner Mitarbeiter entstammen, die ihm das Album gebastelt haben.
Ich hebe es auf und betrachte es lange. Es zeigt den Papa mit einer sehr selten an ihm gesehenen, so versonnenen und verzückten Miene (über das Leopardenleiberl wollen mir mal hinwegsehen, das ist unwesentlich!), und er hält etwas ungelenk eine Frau im Arm.
Nein, es ist nicht die Mutter, die da im Kölner Karneval mit gesenkten Lidern und so hübsch beschleift neben ihm sitzt, sondern es ist die Studienfreundin. Meine Patentante.

So war das also, irgendwann in den späten 1960er Jahren im Rheinland.

Für einen Augenblick weicht das Frösteln einer herzenswärmenden Aufwallung:
Glücklich war er also doch manchmal, auch außerhalb des Berufs, wie schön.

[Jetzt hat es sich dann auch erstmal ausgepapat, ich verspreche es Ihnen, ehrlich: Sie müssen jetzt nicht fortwährend diese Rührstücke ertragen, obwohl der erste Herbststurm, der hier gerade durch die Ludwigsvorstadt fegt und sich so aufführt, als wolle er die Lindenallee vor meinem Fenster heute noch komplett entlauben, durchaus imstande wäre, noch ein paar weitere Rührstücke an die Oberfläche zu befördern, aber zumindest an der Papa-Front und für heute lassen wir’s mal gut sein und lenken uns nun mit deutlich emotionsloseren Arbeiten rund um die Renovierung der Türen und Türrahmen hier im neuen Heime ab und versuchen, den heute begonnenen türlosen Tagen irgendwie ein Gefühl von Behaustheit abzuringen, morgen eine Mittagseinladung zum Italiener, übermorgen vielleicht und hoffentlich ein Besuch und am Freitag kommen die Türen ja auch schon wieder nachhause.]

Einen wohligwarmen Abend wünscht Ihnen –
Die Kraulquappe.

Perché siamo qui.

Le Tre Cime – allüberall.

Start der Wanderung am Dürrensee mit Blick auf den Monte Cristallo.

„Schau, Pippa, da gehen wir nächste Woche hinauf!“

Der berühmte Blick auf die Drei Zinnen vom Höhlensteintal aus.

„Guckstdu Weltnaturerbe, Menschlein!“

Für die Gehfaulen: Best place for…

Edle Einheit & stille Grüße.

Ozapft is oder: Mir san dann amoi furt!

Gestern: Morgens um 7 steh’n d’Leit scho o!

Auch danach heißt’s: Warten, Warten und nochmal Warten.

Die Zelte füllen sich allmählich, laut werd’s – nur der Löwe brüllt noch nicht.

Eine Stunde vor Anstich: alles kleinkariert und randvoll (mit Spezi und Wasser).

Wir drehen noch eine Runde übers Festgelände – fast 10 Jahre nimmer hier gewesen und noch ist ja nicht alles überfüllt.

Das Angebot für Familien: deutlich dürftiger als die Saucen-Auswahl.

Saftige Preise für saftiges Gebäck: Mit besten Grüßen an Mr. Brezel aus dem Allgäu (und nochamal: hier heißt’s „Brezn“!!!).

Und mir lassen uns hier auch sprachlich nix von dene Amis diktiern!

Huch! (Man möcht‘ die Kreidetafeln nicht in 16 Tagen nochmal sehn!)

Für 3€ gibt’s natürlich noch keinen Swinger.

Manche Herzerl-Aufschriften sind einem noch vertraut…

…andere eher weniger (Einhorn, hä? bedeutet das was? wenn ja, was?).

Um halb zwölf dann mittendrin im Humpfdada.

Kann man sich schon 1x im Leben anschaun, den Einzug der Wiesnwirte und Brauereien.

Himmel der Bayern?!? Nun ja: Jedem seinen Horizont! 12 Böllerschüsse um 12 Uhr, der OB hat ozapft, die Lautsprecherdurchsage (erst auf Deutsch, dann auf Englich und schließlich auf Bayrisch) wünscht allen eine frohe und friedliche Wiesn. Prosit!

Halligalli und Holladrio bis in die Nacht hinein.

Heut Morgen dann der Trachten- und Schützenzug direkt am Haus vorbei (müsli-essend vom Logenplatz im Fenster fotografiert).

Heut Mittag doch nochmal hin, in memoriam juventute quasi.

Ganz so locker wie vor 30 Jahren hockt man da nimmer drin – mit den besten Grüßen an H. in der fernen Schweiz und mit der Frage: Packst du das eigentlich noch?

Aber das hier wär‘ definitiv schlimmer bzw. gänzlich ausgeschlossen!

Die zwei sind um 16 Uhr auch schon irgendwie durch mit dem schönen Sonntag.

Eine kleine Runde dreh’n wir noch…

…wobei „klein“ relativ ist, so wie vieles andere auch an diesem sonnigen Tag.

Der Verfasser der hochdeutschen Übersetzung muss auch schon arg ogschdocha gwen sei oder so („Rülpsler und Dekolte“ klingt mindestens nach einem miserablen Kabarettisten-Duo).

Meine ganze Kindheit lang war die Riesenrad-Fahrt der Abschluss des Familienausflugs auf die Wiesn – daher spar’n ma uns heut die 16€ (!).

Und mit diesen Impressionen verabschieden wir uns nun auch für ein paar Tage (oder länger, oder kürzer – das wird sich ergeben), jedenfalls ziehen wir hier nun Leine, weil ein Wochenende diesen Trubel vor der Haustür, das ist ja noch erträglich und sogar ganz nett, wenn man grad erst hergezogen ist, aber 16 Tage am Stück, das hält vermutlich kein Mensch aus und erst recht kein Hund.
Da strawanzen wir lieber ein bisserl durch die Dolomiten und über Almwiesen, auf denen es koa Sünd‘ ned gibt.

Aber schon schick, so ein VIP-mäßiger Anwohner-Zufahrtsschein in blau-weiß mit der Aufschrift „Wiesn 2018“ für diesen bunten, blinkenden Hochsicherheits- und Festivitätstrakt im Herzen der Stadt.
Unsere Straße leergefegt, nirgends ein Radl oder Auto, x-mal am Tag wird durchgeputzt, viel ruhiger und sauberer als sonst isses (dabei gäb’s sogar eine „Bei Anruf: sauber!“-Rufnummer, aber vielleicht braucht man die erst am Italiener-Wochenende?).

Das werden wir morgen Früh noch einmal beim Rausfahren genießen und dann doch lieber die gute Bergluft inhalieren.

Frei nach dem Motto:
Wenn uns stinkt die Wiesn-Chose,
Flanier’n wir halt am Fuß der Plose.

Lassen Sie sich’s gut gehen, ob mit oder ohne oans, zwoa, g’suffa.

Herzliche Grüße und bis bald in alter Frische –
Ihre Kraulquappe & Co.

Hall_uzinationen.

Diese Reise hat beinahe etwas Unwirkliches: Wenn wir nicht gerade von netten Tiroler Bergführern oder freundlichen Menschen vom Tourismusverband umhergeführt oder verköstigt werden, sitzen wir bei 30 Grad unter Palmen, gucken uns staunend um und können diese unglaubliche Bergwelt, die uns hier in Hall umgibt, einfach nicht fassen.

Und um sie vielleicht doch fassen zu können, gehen wir los – hinauf, hinab, hinüber, herum – und dennoch bleibt sie unfassbar.

Obwohl ich das Karwendel kenne, obwohl ich da einst komplett drübermarschiert bin und jedes Jahr Touren dort unternehme, obwohl mir all das ja eigentlich so vertraut ist, ergreift mich der bloße Anblick, die herbe Schönheit und die weiße, leuchtende Schroffheit dieser Kalkalpen immer wieder zutiefst: Verneigen möchte mich vor dieser stillen, gewaltigen Erhabenheit – oder aber meinen Tränen freien Lauf lassen.

Nirgendwo war ich je so verbunden mit Gesteinsmassen, nirgendwo je so verbunden mit dem, was man gemeinhin „Seele“ nennt. Allein dafür hat sich’s gelohnt, diese Einladung anzunehmen. Ob ich hernach in der Lage sein werde, einen Artikel darüber zu schreiben? Ich weiß es nicht.

Über das Innerste zu schreiben, das kostet stets so viel Kraft. Gelingt es, entsteigt man gestärkt seinem eigenen Text. Aber der Zeitpunkt, um hineinzuspringen in dieses noch unsortierte, aufgewühlte Wörtermeer, da hineinzuspringen und es erst zu zerteilen und dann zusammenzusetzen (und dies mehrfach, und manchmal so lange, bis man fast nicht mehr kann, und dann doch weiterzumachen, weil man auch nicht aufhören kann damit) – dieser Zeitpunkt, den wählt man nicht, sondern er erwählt einen.

Man spürt es sofort, wenn es soweit ist.

Und bis dahin sortieren wir eben Fotos.

Das Dackelfräulein besucht die erste Hundeboutique.

Madame Hund testet Gebäck in der zweiten Boutique.

Pippa gähnt Wolfi, den Coiffeur in der Bellness-Oase, an.

Kraxeldackel im Südkarwendel: SB-Theke in der Knappenkammer unterhalb des Lafatscherjochs.

Tiroler Landesfarben hinter Teckel auf 1.601m Höhe.

(Und bevor jemand fragt: Nein, wir, resp. ich, mögen Hundeboutiquen überhaupt nicht. Wir müssen da halt hin. Das ist nämlich eigentlich gar keine Pressereise, sondern eine Fressireise.)

Himmel der Bayern (44): Vom Nahen der fünften Jahreszeit.

In diesem nicht enden wollenden Sommer unzählige Abende auf der Parkbank vor dem neuen Zuhause sitzend dem langsamen Nahen der fünften Münchner Jahreszeit zugeguckt und nach der Lektüre der Broschüre „Verkehrsregelungen für Anwohner“ dann doch mal lieber um eine septemberliche Fluchtmöglichkeit jenseits des Brenners gekümmert.

Und um einen „Zufahrtsschein“, damit man hier dann überhaupt noch rauskommt.

Denke nun drüber nach, unsere Garage mit 8 Isomatten zu bestücken und an den Meistbietenden zu vermieten. Alto Adige ist preislich ja auch eher alto als basso.

Genießen Sie den Sonnabend! Herzlich grüßt – die Kraulquappe.

Somewhere out of Rosenheim.

Am Freitagabend schickte mich die Deutsche Bahn mit einer kleinen Überraschung ins heißeste Wochenende des Jahres.

Auf der Abfahrtstafel am Münchner Hauptbahnhof steht Gleis 11 für den Regionalzug Richtung Chiemgau angeschrieben. Auf Gleis 11 steht auch ein Regionalzug Richtung Chiemgau, sogar der mit Zielort Salzburg. Als Reisender, der bis kurz nach Rosenheim – genauer gesagt: nach Bad Endorf – zu fahren beabsichtigt und Reisetyp, der sowieso alles 3x kontrolliert, steigt man also vertrauensvoll ein (auch die App nennt Gleis 11) und merkt somit erst out of Rosenheim, dass einen die Bahn ganz hinterlistig in den passenden Zugtyp (Meridian) gelotst hat und sogar in die richtige Richtung, sich dann aber in Rosenheim die Meridiane trennen. Der eine fährt nach Salzburg, der andere nach Kufstein.
Leider sagt das in Rosenheim niemand durch, der letzte bayrische Raunzer lautet: „Wega a Gleisstörung vazögat si unsre Einfoart nach Rosenheim a bisserl“.

Dass wir also im falschen Zug sitzen, merken ich und die 20 anderen erst eine Station nach Rosenheim, weil die überraschenderweise nicht Bad Endorf heißt, sondern Raubling. Und ich merke es eigentlich nicht mal wegen Raubling (hätt‘ ja sein können, dass vor Endorf noch irgendein Kaff kommt), sondern weil mein großer Freund S., der mich am Bahnhof in Endorf abholen wollte und dort nicht fand, mir per Whatsapp ein „Der Zug ist da, aber wo bist du?“ schickte. Das ließ mich sofort stutzig werden.

Vor lauter Erstaunen und Empörung und allgemeiner Aufruhr im überfüllten, freitäglichen Regionalzug kommt in Raubling dann keiner mehr aus dem Waggon raus, das gelingt der Horde Verfahrener erst in Brannenburg. Netter Ort, hübsche Bergkulisse.
Aber kein Kiosk, nix. Der Dorfbrunnen plätschert, das Schildchen davor mahnt „Kein Trinkwasser!“. 20 Reisende bei 30 Grad am Verdursten.

Aber das ist gar nicht mal das Unangenehmste.

Das Unangenehmste ist das Phänomen „Spontane Gruppenbildung aufgrund temporären gemeinsamen Schicksals“. Ich hasse Gruppen. Schon immer. Und erst recht diese Zusammenschlüsse von Hinz und Kunz, wo einer nach Traunstein will und der andere nach Freilassing und beide nun in Brannenburg gestrandet sind und sich dort sofort solidarisieren und gemeinsam mit Gleichbeschicksalten auf die Deutsche Bahn schimpfen und über den fehlenden Kiosk, die Hitze, den Ferienbeginn, „so vui Leit“ im Zug und überhaupt…

Ich separiere mich sofort ein paar Meter und schimpfe lieber alleine. Ein bisschen auf die Deutsche Bahn, vor allem aber auf die Mitreisenden, mit denen ich 23 sengend heiße und unerträglich laute Minuten in Brannenburg am selben Bahnsteig ausharren muss, bis endlich der nächste Zug zurück nach Rosenheim fährt.

Der hat dann 5 Minuten Verspätung, so dass in Rosenheim der Anschlusszug nach Bad Endorf nur unter meniskusbrisanten Umständen erreicht werden kann. Das sogenannte Meridian-Hopping, das einem das Bayernticket (das einen schönen Tag lang für alle schönen Züge im schönen Freistaat gilt) ermöglicht, ist nicht jedermanns Sache. Ein paar der unsportlicheren oder älteren Gruppenmitglieder bleiben daher in Rosenheim auf der Strecke (an sich kein Schaden).
Der Rest springt in letzter Sekunde in den Anschlusszug. In dem herrscht Überfüllung und miese Stimmung (um nicht zu sagen: dicke Luft): Klimaanlage defekt, Toilette ebenfalls. Die schwäbische Reisegruppe mampft Döner und schwätzt munter weiter, die asiatische Reisegruppe fächelt sich mit Salzburg-Stadtplänen Luft in die blassen Gesichter, die paar Pendler benutzen ihre Tablets oder Aktentaschen als Schutzschilder gegen die Unbilden des Ferienanfangs und der dialektalen Diarrhö rundherum.

Zehn Minuten später komme ich ziemlich verschwitzt und durstig in Endorf an, das eigens für diesen Ausflug gebügelte Sommerkleidchen ebenso derangiert wie die Frisur. Der Freund steht winkend mit einer Wasserflasche am Bahnhof und dank des klimatisierten Autos kühle ich bis zur Ankunft im „Lokal mit Aussicht“ wieder auf sozialkompatible Betriebstemperatur herunter. Wir laben uns mit einer Stunde Verspätung an Kaltgetränken, Sommergerichten und exzellenter Sicht auf die Chiemgauer Bergwelt.

Das Restaurant liegt auf einer Anhöhe, hatte aber nicht die Bohne mit Blutmond-Tourismus gerechnet, obwohl das Bayerische Fernsehen bereits nachmittags vor der Lokaltür sein Equipment aufgebaut hatte und jeder zweite Gast mit Stativ unterm Arm die Terrasse betrat. Das Personal heillos überfordert mit dem Ansturm an Menschen und Bestellungen: Blattsalate wurden geschickt mit Füllmaterial unterpolstert, der „Burger-Abend“ war schon um 19 Uhr ausverkauft und selbst der Hugo wurde mit Minzezweigen derart zugestopft, dass nicht mehr viel Flüssigkeit ins Glas passte. Auf den Espresso warten wir schließlich 45 Minuten, aber dank der Themen, in die wir vertieft waren, fiel das nicht weiter ins Gewicht.

Der Freund und ich kennen uns schon lange. Sehr lange. Und sehr gut. Da redet man nicht mehr drumrum, sondern durchpflügt ohne Umschweife schonungslos die diversen Verfinsterungen des Lebens. Hinsichtlich Düsternis können die es auch locker mit einer Mondfinsternis aufnehmen, nur das Blutrote fehlt ihnen, gottseidank. Wir müssen beide weinen an diesem Abend. Über Ähnliches in Tränen oder Gelächter ausbrechen zu können – das ist ein so wichtiges Band, denke ich mir wieder einmal.

Schließlich steigt er vollends hinter den Berggipfeln empor: der Mond. Umweht von milchigem Abenddunst, der die Berge für die Nacht zudecken möchte – und deshalb viel weniger blutrot als gedacht.
Wir unterbrechen unsere Unterredung, klettern zusammen auf das Mäuerchen neben unserem Tisch, und tun das, was alle tun.
Schweigen, Schauen, Staunen und smartphoneverwackelte Fotos schießen.

Erst am 9. Juni 2123 wird es wieder eine Mondfinsternis geben, die ähnlich lange andauert wie die diesjährige.

Da sind wir dann wohl schon weg.

Danke, lieber S., für diesen besonderen & einmaligen Abend!

Song des Tages (20).

Um es kurz zu machen: Mein Geburtstagsgabentisch gab mir ein wenig zu denken.

Dackelkärtchen, Snoopy-Geschenkpapier, Ottifanten-Post (und vieles mehr, was ich aus Diskretionsgründen hier lieber erst gar nicht hier abbilde). Das reißt dann auch der erwachsen anmutende Alessi-Salzstreuer im Hintergrund, den mir der Papa vor 20 Jahren schenkte, nicht mehr raus.

Kindergeburtstag!

Tja, und die Inhalte erst!

Bis auf eine edle Schweizer Jahresvignette und zwei formschöne Teegläser entstammte eigentlich das gesamte Präsentsortiment der Rubrik „Was ich mir schon immer zwischen 10 und 18 wünschte, mir aber damals leider keine Sau schenkte“.

Dann wird das eben jetzt, mit 46, nachgeholt. Recht so. Packen wir also all die feinen Sachen in die neue Strandtasche, die einem zugedacht wurde, trinken noch einen Tee (vielleicht einen Him-Bär-Tee für Kinder?) und fahren dann an den Zürichsee (@Freundin H.: nein, das ist jetzt noch nicht fest geplant, aber immerhin schon mal ernsthaft bedacht, nun, da die Wohnung allmählich fertig ist), wo wir auf dem aufblasbaren grünen Krokodil, das ich zum 42. bekam, über die Wellen wuppern.

Mit 46 endlich die Badetasche, die ich mir schon vor Jahrzehnten gewünscht habe!

Meinen herzlichen Dank an all jene, die mich hartnäckig für so jung halten, wie ich es schon seit 30 Jahren nicht mehr bin.
Und bei allen anderen bedanke ich mich hiermit noch- oder erstmals für Post, Päckchen, Blog-Kommentare, Mails, Whatsapps, SMS und bei denen, die die neue Adresse noch nicht ausfindig machen konnten, schon im Voraus für alle Geschenke, die noch nachträglich eintrudeln (Annahmeschluss ist der 13. August 2018).

In zeitloser Frische und kindlicher Freude grüßt Euch mit dem Song des Tages –
Die Kraulquappe.

Die 8 Kulanzgesten oder: Pharmacie d’été.

Sonntag, 11 Uhr. Wohnungsübergabetermin in Suburbia.

Schon im Vorfeld ein schwieriges Unterfangen: Die Eigentümerin will uns zu einem dreistündigen Termin verdonnern, worauf wir uns nicht einlassen. Nicht bei einer Neubauwohnung, die wir 371 Tage lang bewohnt haben und die nun top-gepflegt und renovierter als nötig zurückgegeben wird. Die Küche sieht aus wie nie benutzt, das Bad ist besser aufpoliert als in jedem 4-Sterne-Hotel. Die Böden weit entfernt von „besenrein“, stattdessen so, dass die Nachmieter sofort ihre Kleinkinder nackt drüberkrabbeln lassen könnten. Alle Dübellöcher vom Handwerksfreund bestens verspachtelt und farblich dem restlichen Strukturputz angepasst. Was wären wir als Mieter froh, jemals eine Wohnung in dem Zustand übernehmen zu dürfen.

Aber hilft alles nix, denn gleich zu Beginn wird’s noch schwieriger, als uns die Eigentümerin nach eisiger Begrüßung mit noch eisigerer Miene ein „Ich werde jetzt bestimmen, wie das hier abläuft“ entgegengeschleudert. Sappralott, und sowas hat mal an der Uni unterrichtet, sogar im sprachwissenschaftlichen Bereich, wo man meinen möchte, dort müsse ein gewisser Nuancenreichtum in Sachen Formulierungsgeschick zur Grundausstattung gehören.

Vorgelegt wird uns dann ein 5-seitiges, selbstgebasteltes Übergabeprotokollformular, in dem sich Rubriken finden wie: „Schimmelverdacht ja/nein“ (für alle Zimmer), „Fenster geputzt ja/nein“, „Fettrückstände in der Küche“, „Funktionstest Spülmaschine (1x laufen lassen)“ und „Badewanne gereinigt und desinfiziert ja/nein“. Ich versuche krampfhaft, nicht an meinen netten Berater vom Mieterverein zu denken, der sich kaputtlachen würde über diesen Vordruck, derweil deponiert die Eigentümerin ein Thermometer im Gefrierfach, um zu überprüfen, ob wir den nagelneuen Gefrierschrank in dem einem Jahr nicht vielleicht doch so ruiniert haben, dass er nicht mehr exakt die Soll-Temperatur aufweist. Bei diesem Mieterpack weiß man halt nie, da muss man schon sehr genau hinschauen (Mail von vorgestern: „Verstehen Sie bitte, dass wir nach einer kurzen Mietdauer von nur 1 Jahr alles besonders gründlich nachsehen wollen.“).

Aus der in den nächsten 105 Minuten folgenden Serie an Highlights möchte ich – obwohl eines kabarettreifer als das andere war – nur ein einziges schildern. Die Abnahme der Badewanne.
Blitzblank sauber, die Vermieterin beugt sich zur Inspektion hinein, jedes ihrer Barthaare spiegelt sich im grellweißen Emaille der Wanne, sie fährt mit ihrer Hand kritisch über die Oberfläche und – huch! – fühlt einen Kratzer, stöhnt entsetzt auf und notiert diesen Kratzer sofort im Protokoll. Ich eile hinzu, da ich den Gatten mit ihr diskutieren höre und knöpfe mir den „Kratzer“ – eine hauchfeine, 5cm lange Linie – vor. Es handelt sich um einen winzigen Wasserrand, eine homöopathische Dosis Münchner Kalk, der sich mit dem Fingernagel ohne jede Anstrengung wegschaben lässt.
Und so ging es dahin, 105 Minuten lang, bei schönstem Sommerwetter (ab und an flüchtete einer von uns kurz auf den Balkon, weil es drinnen nicht auszuhalten war und man einfach mal Luft holen musste oder sich in den Arm kneifen, um sich zu vergewissern, dass das grad tatsächlich live&echt ist, was man da erlebt). Aber irgendwann waren die Unterschriften drunter, unter diesem unsäglichen Protokoll. Bei „Sonstiges“ ein Schrägstrich, schade eigentlich, hier wäre ein schönes Freitextfeld gewesen für die Notiz: „Vor der Neuvermietung bitte unbedingt in die Vermieterrolle hineinwachsen und mit den gesetzlichen Bestimmungen, was angemessen/verhältnismäßig ist, gründlich vertraut machen.“

Zum Nimmerwiedersehen Abschied drückt sie uns ein von ihr unterschriebenes Papier in die Hand und guckt dramatisch. Es sei ihr wichtig, uns diese Seite noch mitzugeben. Wir nehmen den Zettel entgegen und überfliegen ihn. Es handelt sich um ein Geleitwort für unseren weiteren Lebensweg als Mieterpack, das einfach keinen Anstand besaß (und z.B. über die Böden ging und nicht schwebte) und die Gnade, in dieser Wohnung wohnen zu dürfen, niemals zu schätzen wusste („Ich habe Ihnen einen Neubau überlassen“ – äh, ja, das ist richtig, und wir haben Ihnen jeden Monat pünktlich einen Batzen Geld überlassen für die Anmietung dieser Wohnung).
Schließlich lesen wir das Papier genauer durch. Es sind 8 Punkte darauf notiert, eine Art „Minima Moralia“ für Münchner Mietmaden, die im Speck lebten und dafür nicht entsprechend Dank zu zollen wussten.

Sofort fallen mir diese glutamatverseuchten Chinarestaurants der 1990er Jahre (und wahrscheinlich auch noch weit darüber hinaus) ein, in denen sich auf der Speisenkarte stets ein Gericht mit dem verheißungsvollen Namen „8 Kostbarkeiten“ fand. Was man erhielt, war ein Teller Undefinierbares, ein Potpourri an Gruseligkeiten, die die Küche so hergab.
Genauso verhielt es sich auch mit diesem „Vermieterseitige Kulanzgesten“ übertitelten DIN A4-Blatt: die damenbärtige Eigentümerin mit der Großgrundbesitzerattitüde hatte dort erbsenzählerisch und haarklein jede ihrer acht selbstdefinierten Heldentaten notiert, die sie uns hatte zuteil werden lassen.

Wir schütteln ein letztes Mal den Kopf, wünschen viel Erfolg mit den nächsten Mietern, klemmen uns unseren Dackel unter den Arm, gehen die Treppe hinunter und kehren Suburbia für alle Zeiten den Rücken.

Daheim angekommen sofort Erste-Hilfe-Maßnahmen ergriffen, die Pharmacie d’été hat ja gottseidank auch sonntags offen.

Einen erfreulicheren Wochenausklang gehabt zu haben – das wünsch‘ ich der geschätzten Leserschaft.
Und mindestens eine Kugel köstliches, erfrischendes Zitroneneis.

Herzlich grüßt Sie –
Die Kraulquappe.