Every day is like survival oder: Karma, das verflixte Chameleon.

Der Gabenzaun ist gnadenlos gescheitert. Zu viel Verhau, zu viel Unrat, zu wenig gut verpackt, zu wenig (oder gar nicht) mitgedacht. Die Stadt hat jetzt andere Örtlichkeiten für diese Art von Spenden organisiert.
Das Finale des Gabenzauns bestand schlussendlich aus einer bemerkenswerten Synthese der hochbrisanten Klopapierthematik mit einem altgedienten spirituellen Konzept.

Urban Fenceart vom Feinsten.

Ich muss unweigerlich an Boy George und Schulpartys denken. Anfang der 1980er Jahre war das, als man noch nichts hinter sich, aber alles noch vor sich hatte und das für ein Füllhorn an Verheißungen hielt. Der Song war grad aktuell als ich mich in den dunkeläugigen Pseudo-Adligen aus der Nachbarklasse verknallt habe, der dann 20 Jahre später für L’Oréal modelte und mittlerweile Beautykrempel vertickt. Ewig nicht mehr gehört:

Der Frühling ist zurück. Der Wind ist noch frisch, aber die Sonne scheint. Konstant trudeln nun Autos auf der gegenüberliegenden Seite der Theresienwiese beim Drive-in ein, von 8 bis 18 Uhr. Die Ordnungshüter drehen ihre Runden hier mittlerweile ohne brüllendlaute Megafondurchsagen. In den Supermärkten die üblichen Erlebnisse, man gewöhnt sich dran und ich habe beschlossen, mich über manches nicht mehr zu echauffieren. Darüber hinaus erlebt man draußen ja nicht mehr viel bzw. manches möchte man mittlerweile lieber nicht mehr öffentlich mitteilen (womit ich in dem Fall gar nicht das Negative meine). Nur so viel: das Dackelfräulein hat sich gefreut, die Pfötchen mal wieder in Seewasser zu einzutunken.

Wir beballern uns mittlerweile nur noch einmal am Tag mit Nachrichten (der TV hat seine Wackelkontaktfrequenz netterweise nochmals reduziert), das genüg völlig, verstört-verwundert-verärgert einen nicht dauernd, und vertiefen uns ansonsten in die Alltagsdinge und -erledigungen, die berufliche Arbeit und das Praktizieren der neuen Strukturen.

Der Gatte ist glücklich darüber, nicht nach Frankfurt pendeln zu müssen und dass fast alle lästigen Meetings entfallen, weil die Uni geschlossen hat und die Kollegen im Homeoffice weniger besprechungswütig sind. Mit meiner Arbeit geht es zäh voran, es macht mir keinen Spaß, jetzt Reportagen übers Reisen zu schreiben. Aber zugesagt ist zugesagt – nur gut, dass der Verlag den Erscheinungstermin coronabedingt verschoben hat.

Nächste Woche erfolgt der hoffentlich letzte handwerkliche Handschlag in Sachen „neues Bad“. Falls die Duschtrennwand tatsächlich geliefert wird und diesmal auch in den korrekten Maßen. Und falls Lolek noch arbeitet und Hausbesuche macht. Nach meiner Zeitplanung, die ich in Woche 1 nach dem Wasserschaden machte, hatte ich mal „Karfreitag“ drinstehen, als Endtermin sowohl für meine Reportagen als auch für die häuslichen Baustellen. Ab Ostern war Neues und Anderes geplant, das nun alles in den Sternen steht.

Der Papa hat die Freude am Kochen wiedergefunden, das schlägt sich ungut aufs eh schon zu üppige Körpervolumen nieder, konstatiert er. Seit gestern trägt er daher nach eigener Aussage eine „Fressbremse“ (wie er die Atemschutzmaske nennt, die der Sohn der Lebensgefährtin dieser Tage per Post an den Tegernsee geschickt hat). Offenbar hat er auch seinen Humor wiedergefunden.
Mit größter Mühe gelingt es ihm nach 20-minütiger telefonischer Instruktion, mir per Whatsapp das Foto von sich im maskiertem Diät-Outfit zu schicken, das die Lebensgefährtin am Vortag von ihm geschossen hat.

Soweit für heute.
Ich grüße Sie herzlich und hoffe, dass bei Ihnen auch alles so einigermaßen seinen (neuen) Gang geht!

Song des Tages (50).

Gestern. Sonntagabend, nach 22 Uhr.
Wir liegen nicht nur erschlagen auf der Couch, sondern auch in den letzten Zügen der ersten Staffel einer neuen Serie.
Das Festnetztelefon klingelt. Wir schrecken sofort hoch, denn a) klingelt das abends üblicherweise sehr selten und b) schon gar nicht sonntags und nach 22 Uhr. Der Gatte springt vom Sofa hoch und rennt ins Nebenzimmer. Zu spät, das Klingeln verstummt in dem Moment, als er das Telefon aus der Basisstation reißt. Gerade noch rechtzeitig konnte er aber auf dem Display die zwei Worte „Papi zuhause“ erkennen. „Das war dein Papa!“, ruft er mir zu, und ich bekomme sofort Herzrasen, denn der Papa ruft nie zu so einer Uhrzeit an. Nie! Außer im Notfall.

Ja um Himmels Willen! Das Herz pocht mir sofort bis in die Schläfen, in mir denkt es in Sekundenschnelle: Ist er selbst der Anrufer gewesen, dann liegt die Lebensgefährtin im Krankenhaus, und wenn es aber nicht er war, der den Hörer dort am fernen Tegernsee in der Hand hält, sondern die G., dann ist der Papa im Krankenhaus. Den Drittgedanken behalte ich lieber für mich, der hat hier nichts verloren.
Panik steigt in mir hoch. Hektisch wühle ich zwischen den Sofakissen nach meinem Smartphone (der Papa wählt beim Zweitversuch immer die Mobilnummer), finde es, klappe die Schutzhülle auf und sehe justament den eingehenden Anruf (ich höre Anrufe in den seltensten Fällen, weil ich das Handy zu 98% seiner eingeschalteten Zeit pro Tag auf lautlos geschaltet habe).
„Papi zuhause“, lautet die Botschaft auch in diesem Display. Eilig wische ich das winzige Telefonhörer-Symbol zur Seite, das der Anrufannahme dient, und keuche fast in den Hörer: „Hallo Papi, was ist los?“

Am anderen Ende ertönt die krächzige, aber alles in allem muntere Sonntagabendstimme meines Herrn Vaters, ein verlegenes Lächeln schwingt in ihr mit, als er sagt: „Mir fiel grad siedend heiß ein, dass ja vorgestern der Geburtstag meines Schwiegersohnes war – vor lauter Coronadegöns hab ich das doch tatsächlich verschwitzt.“
Ich kreische ein „Na gottseidank!!!“ in den Hörer und füge an, wie froh ich sei, dass es „nur das“ sei und reiche den Hörer mit immer noch bebendem Arm und klopfendem Herzen an den bereits in ein erleichtertes Glucksen ausbrechenden Gatten neben mir weiter.

Mannomann. O tempora, o menses!

*****

Nachts geträumt, dass ich ein Tablett mit Frühstücksutensilien von der Küche durch den langen Flur ins Wohnzimmer trage und mir beim Gehen so denke: „Huch, der Boden hat ja eine Neigung, ist irgendwie leicht abschüssig, das ist ja seltsam!“.
Kurz vor dem Wohnzimmer entdecke ich dann einen Riss, etwa einen Meter breit, der quer durchs Parkett geht und den südlichen Teil der Wohnung vom nördlichen trennt (was jetzt nach nobler Villa oder Mega-Altbauwohnung klingt, es aber nicht im Geringsten ist) und eine Schlucht freigibt.
Der Graben durchteilt also die Wohnung, ein Blick in den Abgrund offenbart morsches Gebälk, das modrig riecht (vielleicht schon wieder ein Wasserschaden, irgendwo?) und alles sieht entsetzlich marode aus (ich kneife die Augen zusammen und meine, weit unten sogar ein Loch zu erkennen, durch das ich in den Flur der Nachbarsfamilie unter uns spähen kann).

Immerhin erklärt sich nun schlagartig die zuvor empfundene Neigung beim Gehen durch den langen Flur, und weiterträumend ist mir völlig klar, dass es nur noch eine Frage der Zeit sein wird, bis auch der Flurboden Risse bekommt und einbricht.
Es folgt die glasklare Gewissheit, dass nun alles im Eimer ist. Danach die Überlegung, wie wir vielleicht ein paar Möbelstücke retten könnten, abrupt unterbrochen von dem Gedanken, dass wenigstens die Frage nach der Mietminderung diesmal eine eindeutige Antwort erfahren wird und ja eigentlich auch die Hausratsversicherung einspringen müsste.
Als nächstes schreie ich nach dem Gatten, schreie laut und fast hysterisch seinen Namen und dass er bitte schnell herkommen soll und dass etwas Furchtbares passiert und unser Zuhause für immer ruiniert sei. Bevor er an dem Abgrund, vor dem ich stehe, eintrifft, wache ich auf.

Schöne Nächte sind das zur Zeit. Kaum Schlaf. Daher auch kaum Ausflüge in irgendwelche Traumwelten, aber wenn, dann gleich richtig dolle Abenteuertrips, so wie der von heute Nacht: Grand Canyon in der eigenen Bude. Wow! Das war noch nicht alles, da geht noch mehr, das spüre ich.

Beim Aufwachen und dem bald folgenden Griff zum Handy (kurzer Check, ob die Welt noch steht bzw. die Tageszeitung imstande war, das noch zu vermelden) dann die Erleichterung, dass der Arzt des Vertrauens auf meine Mail geantwortet hat und mir ein Rezept ausstellt, das künftig beim abendlichen Steckerziehen helfen wird. Hab sowas noch nie genommen, möchte aber das leidige Experiment „Leben mit Schlafmangel in Wasserschaden- und Coronazeiten“ nach nunmehr 7 Wochen (und seiner Intensivierungsphase in den letzten drei Wochen) jetzt gern mal unterbrechen oder am liebsten komplett beenden, selbst wenn man derzeit niemanden mehr trifft, der einen auf die Augenringe ansprechen könnte. Die zwanzig Kilometer, die ich nun jogge, um das Wasservermissen und den Schwimmentzug aus dem Körpergedächtnis zu vertreiben, sind sonst bald auch keine sinnvolle Ertüchtigung mehr, in dem müden Zustand droht vieles eine bleierne Schwere zu bekommen, was dann ja kontraproduktiv wäre, weil es ja der Rekreation und Kräftigung dienen soll.

*****

Aufgestanden, die Jalousien hochgezogen und gestutzt: schon wieder alles weiß. Aha. Naja, auch schon egal. Wieder hingelegt und mit dem Fräulein gekuschelt, das ist immer wie Frühling und Sommer und alles Glück der Welt konzentriert auf einem dackeldonutgroßen Stück der Matratze.

Der Gatte macht Frühstück und trägt das Tablett ins Wohnzimmer und kommt auch unbeschadet dort an, weil vor dem Wohnzimmer nur der übliche verschrammelte Parkettboden liegt, sich aber kein meterbreiter und -tiefer Graben auftut. Beruhigend. Ist also doch noch nicht alles im Eimer. Ich stehe auf.

Routinen tragen einen sanft in einen neuen Tag hinein, manche formieren sich derzeit auch neu, aber wie immer ist es wichtig, dass man sie überhaupt hat, diese Routinen, sie sind stützend und sie erinnern einen daran, dass es trotz allem ja immer noch sehr verlässlich sowas wie einen Alltag gibt und man sich nicht täglich alles neu zusammenklauben muss, damit man durch den Tag kommt.

Kleine Konstanten wie das dampfende Kaffeehaferl auf dem Frühstückstisch, daneben die Ausbeute des Pressespiegels vom Wochenende, vom Gatten mit den vertrauten Textmarker-Kreuzchen versehen, damit ich auf jeder der sorgsam herausgetrennten und zusammengefalteten Seiten gleich erkenne, welcher Artikel der zu lesende ist.
Der kleine Hund, der sich nochmal mit dem üblichen wohligen Grunzer ins Körbchen neben dem Esstisch plumpsen lässt, sich dort einkringelt und geduldig ausharrt, bis die Zeit fürs Morgengassi gekommen ist.

*****

Morgengassi dann bei klirrend kalten minus 1 Grad durch die weiß bepuderte Allee.
Der Gabenzaun hat sich über Nacht exakt gemäß meiner Befürchtung entwickelt. Wenn ich ehrlich bin, sogar noch etwas krasser.
Nasse Klamotten, heruntergefallene Klamotten, eingeschneite Klamotten, aufgerissene Tüten, verteilter Tüteninhalt, hier ein paar Milchpackungen, dort ein paar Damenbinden, extra-saugfähig, daher dekorativ aufgequollen.
Irgendeine besonders helle Leuchte hat am Fuße des Zaunes einen Karton mit Semmeln abgestellt. Ohne Abdeckung. Sehr clever. Sogar die Krähen gucken irritiert und fragen sich, was sie mit einer vereisten Semmel vom Vortag anfangen sollen, versuchen dann aber ihr Glück und zerhacken in trautem Teamwork einen der Tiefkühlwecken.

Woran ich noch gar nicht gedacht hatte, ist, dass diese Müllmeile ja neben all den Klamotten auch bergeweise „Biomüll“ enthalten würde, und dass ich ja mit einem Interessenten für Biomüll jeder möglichen und unmöglichen Herkunft und Beschaffenheit dort entlangspazieren müsste.

Das Dackelfräulein ist nämlich ein sogenannter „Staubsaugerhund“, was, selbst wenn man, so wie ich, ein passionierter Zusammenleber mit diesem sauberkeitsherstellenden Hausgenossen ist, ein ziemlicher Graus ist.
Hundebesitzer, die ebenfalls einen Staubsaugerhund haben, wissen, was ich meine. Darum geht unsereins auch lieber außerhalb der vielbegangenen Routen spazieren, weil sich dann die Objekte der kaniden Begierde wenigstens auf Hasenköttel, Pferdeäpfel, Marderkot, Fischgräten, Jauche, Kadaver und Gebeine reduzieren.

Es bleibt zu hoffen, dass die städtische Müllentsorgung bald zur Tat schreitet, damit das Morgengassi jetzt nicht täglich ein zehnminütiger Spießrutenlauf wird, wonach es aber nicht aussieht, wenn ich mir die Mülleimer und Wertstoffcontainer so ansehe.

Wieder zuhause angekommen warten gottseidank noch eine zweite Tasse Kaffee und ein Toast mit Quittengelee auf mich.
Immer her mit den Routinen (und an dieser Stelle nochmal ein großes Dankeschön an die liebe B. aus O., die dafür sorgte, dass es keine Geleeengpässe gibt, speziell jetzt wäre das wirklich nur schwer verkraftbar gewesen)!

*****

Die derzeitige „Lage der Nation“ verdichtet, wie ich hier eh schon mehrfach sagte (oder dachte?), gerade nahezu alles, was schon vor der Verbreitung dieses Virus‘ zu dicht, zu brisant, zu fragil oder sonstwie zu schwer zu ertragen war.
Auf all das kommt jetzt unter Umständen nochmal eine Schippe obendrauf, wenn es dumm läuft. Und teilweise treten diese Umstände nun auch ein und es läuft dann auch dumm, so wie vorgestern.

Da beschließe ich am späten Nachmittag, nochmal kurz mein Hirn durchzulüften, schnappe mir mein Feierabendbierfläschchen, gieße 0,25 l davon in mein Störtebeker-Säbelglas und begebe mich nach draußen.
Möchte mich einfach mal für 15 Minuten auf die vertraute Parkbank am Rande des Coronatest-Drive-In-Geländes (formerly known as „Wiesn“) setzen und der Bavaria gegenüber zuprosten und ein paar Surfern zusehen, wie sie ihre Runden auf der großen Freifläche vor den Testzelten drehen und sich vom Wind mal hierhin, mal dorthin treiben lassen.
Auch so ein Ritual, so eine kleine Konstante und Angewohnheit, die Struktur gibt und einfach wohltut, selbst wenn die Szenerie vor meiner Nase nicht mehr so ganz dieselbe ist.

Auf dem Bürgersteig angekommen, der sehr breit ist und eher einer gediegenen Allee gleicht als einem normalen Trottoir, will ich zur Überquerung ansetzen, sehe dann aber von rechts jemanden im Stechschritt heranmarschieren, ein komplettvermummter, vermutlich eher junger Mann (wegen Atemmaske und zusätzlicher Gesichtsverhüllung ist das schwer zu erkennen), in kurzer Hose (eigentlich zu kühl für den Tag) und ansonsten mit Turnschuhen, Kapuzenshirt und Baseballmütze bekleidet.
Ich bleibe mit meinem Weißbierglaserl in der Hand am Rand des breiten Weges stehen, um abzuwarten, bis er vorbeigegangen ist und dadurch sogar einen Abstand von mehr als zwei Metern wahren zu können.
Anstatt einfach weiter seines Weges zu gehen, macht der Kerl aber, auf meiner Höhe angelangt, auf einmal einen großen Sprung in meine Richtung, fuchtelt mit den Armen in der Luft herum, stampft mit dem Fuß auf und brüllt mir ein „Huh!“ entgegen. Und dann nochmal: „Huh!“

Ich bezweifle, dass er Isländer oder ein engagierter Botschafter für Fußballgesänge ist, vielmehr lag in diesem „Huh!“ eine Aggression, die mich recht unangenehm anwehte und mir den kurzen Aufenthalt auf meiner Parkbank schon eintrübte, bevor ich diese überhaupt erreicht hatte.

Im Treppenhaus höre ich eine Viertelstunde später dann zufällig mit, wie ein Nachbar einen anderen mit seinen kruden Verschwörungstheorien bequatscht: „Alles Fake, alles inszeniert.“ und „Mir macht das Virus keine Angst, nur unsere Regierung.“
Momente, in denen ich fast geneigt bin, zu verstehen, warum manch einer sich gern in Sphären der Transzendenz flüchtet oder Trost in der Religion sucht (oder sogar findet).
Momente aber auch, in denen ich sehr froh darüber bin, gleich die Tür hinter mir zuzumachen und in der Wohnung bleiben zu dürfen.

*****

Eigentlich hatte ich als Song des Tages für heute den freitags so überraschend veröffentlichten Song des Großmeisters aus Duluth, MN, vorgesehen, diesen apokalyptisch anmutenden Abgesang auf die USA – God’s own country, über das nun der Zorn des Herrn gekommen ist (wie irgendein Amerikaner aus dem dortigen Politbetrieb kürzlich mutmaßte) -, der einen, nur dreimal in Folge und mit Bedacht angehört (das Stück ist 17 Minuten lang!), mal für ein ganzes Stündchen total wegbeamt von all den viralen Plagen, mit denen wir uns arrangieren müssen und auch die soziologischen Feldstudien, deren Teilnehmer wir so unfreiwillig geworden sind, mal für ein Weilchen vergessen lässt.
Und die restlichen Minütchen, um diese Stunde vollzumachen, sollte man unbedingt der Lektüre der Willi-Winkler-Rezension zu diesem Requiem widmen. Vielleicht noch die andere Hälfte des Weißbierflascherls dazu, so zur Abrundung des Genusses auf allen Ebenen.
Gut verbrachte Zeit, das versichere ich Ihnen (natürlich nur, sofern Sie irgendwas mit Dylan am Hut haben, klar).

Spontan erschien mir nun, beim Niederschreiben dieser Zeilen und meinem dabei immer wieder aus dem Fenster und auf die Allee hinuntergleitenden Blick, aber ein anderer Song die passendere musikalische Allegorie meiner Verfassung an diesem Montagnachmittag zu sein:

Well, everyone has said that I might go
‚Cause my red suitcase and my Ray Bans weren’t quite so
I’d bear the heavy wind and rain that falls
I’ll never come back again
‚Cause you know how I laugh when winter shows her hand

With that picture framed, there is a saddest thing you’ll see
But it bought me time and a place that love could be
And since I’m goin‘ now, please rearrange
‚Cause I’d like to think that things have changed
I don’t believe you’ll be open anymore

So tell me if you want to see
A world outside your window
A world outside your window isn’t free
Oh and tell me if you want to catch that feelin‘ of redemption
That feelin‘ of redemption don’t do much for me

Well, everyone was hopin‘ you would stay awhile
Tell us ‚bout that great land in the South
Then you’ll see that man
Now ain’t he under offer?
Well, I tell you child, you go wash out your mouth

So tell me if you want to see
A world outside your window
A world outside your window isn’t free
Oh and tell me if you want to catch that feelin‘ of redemption
That feelin‘ of redemption don’t do much for me

Now what can you say?
I’m hidin‘ in the belfry
How can you say I want to catch time?
How can you say you know anythin‘ about me?
Because I knew about you but I won’t care about you

Now, everyone has come to see
But some things have to die
Flowers out for this graphic haunt
But they all pass me by

But the age is not
A funny game
It don’t give such a buzz
And when I winced with ignorance
I had to kiss this dust

So tell me if you want to see
A world outside your window
A world outside your window isn’t free
Oh, and tell me if you want to catch that feelin‘ of redemption
That feelin‘ of redemption don’t do much for me

*****

Grau ist es heute da draußen. Bleigrau. Und kalt. Eiskalt.
Aber es kommen auch wieder hellere und wärmere Tage.
Tage, an denen man wieder ein feelin‘ of redemption wird spüren können.

Mit_tendrin oder: Eine kleine Corona-Choreographie.

Mit_tag.

Ein schöner Sonntag, gestern.
Wärmend und berührend, dieser Tag, trotz der kühlen Temperaturen und des frostigen Windes draußen.

Zur Mittagszeit verlassen wir das Haus.
Der Gatte und das Dackelfräulein biegen nach rechts ab, ich nach links.

Mit_tendrin. Mit_denken.

Rechts geht’s zum Polizeirevier, das üblicherweise keines unserer Gassiziele ist, aber der Gatte spaziert dort kurz vorbei, um die Fragen zu stellen, die uns keine der FAQ-Seiten von Zeitungen oder Ministerien hier in Bayern beantworten konnten:
Wie stellen die sich das mit dem Gassigehen denn nun konkret vor?
Nur wohnungsnah, nur im nächsten Park, nur an der nahegelegenen Isar?
Oder kann man auch mit der U-Bahn ein paar Stationen fahren, um etwas weiter südlich durch die dort weitaus leereren Isarauen zu spazieren?
Oder ins Auto steigen und zum Wald am Stadtrand fahren, wo man mal ohne jegliche Begegnung eine Runde drehen kann?
Die Antwort: Ja, man kann.
Und das ist gut so. Wenn das Fräulein jetzt zwei Wochen lang oder bis Ostern oder Pfingsten täglich nur hier vor der Tür durchs Viertel wackeln dürfte, kriegen wir alle in Kürze einen Knall.
Hoffen wir, dass es dabei bleibt, man hat ja eh schon Knalle genug (ein Plural, der mir falsch vorkommt, wenn ich ihn so betrachte, es aber nicht ist).

Links geht’s zum Park, in dem ich üblicherweise meinen Sonntagslauf absolviere. Und dort erlebe ich gestern etwas so Neues und unerwartet Positives, das auch auf das Konto des Cornonavirus geht, eine seiner Buchungszeilen, vor der ausnahmsweise mal kein Minus steht, sondern ein Plus: Denn die Menschen, die sich im Park begegnen, sehen einander heute an, mit nahezu jedem gibt es einen Moment lang direkten Blickkontakt, mit manchen tauscht man ein Lächeln, die Jogger nicken sich stumm und freundlich zu, kein Spaziergänger glotzt in sein Smartphone oder sonstwie abgeriegelt von der Welt vor sich hin, selbst die nicht, die ganz allein dort spazierengehen und etwas in sich gekehrt wirken, auch sie haben das Fenster zu ihrer Umwelt noch einen Spalt weit offengelassen, so scheint es, gucken kurz hinaus und nehmen die anderen wahr.

Jeder passt auf, dass er nicht in den anderen hineinrennt, dreht sich auch mal um, bevor er die Wegseite wechselt, um Kollisionen zu vermeiden, gewährt einem Schnelleren den Vorrang oder wartet, bis ein Langsamerer sich in seinem Tempo weiterbewegt hat, keiner latscht mehr rüpelhaft oder rücksichtslos herum, so als hätte er den Park zur Privatnutzung gepachtet.

Alle schauen sie drauf, dass das mit dem Abstandhalten für sich und auch für die anderen funktioniert, die Kleinfamilien, die Hundebesitzer, die Kinderwagenschieber, die Hand-in-Hand-Flaneure, die Solo-Spazierer, die wenigen Radfahrer, und sogar der dicke, parkbekannte Obdachlose mit seinem unförmigen, alten Hund hat ausnahmsweise seinen Stammplatz an der Hauptwiese des Parks geräumt und sich auf eine Bank in einem Bereich der Grünanlage gesetzt, der wenig frequentiert ist.

Ich frage mich, ob den Eichhörnchen, die überall munter und emsig durch die Baumwipfel hüpfen, dieses neue Tänzchen da unten auf dem Boden wohl auffällt, ob sie diese Corona-Choreographie von oben bestaunen oder ob sie relativ unbeeindruckt von der Umgebung ihrem Hörnchentagwerk nachgehen, wie immer eben, und ganz so, wie wir es ja auch noch bis vor Kurzem taten.

Mit_einander. Mit_menschen.

Es ist ein achtsames, aufmerksames, angenehm ruhiges und fast einträchtiges Miteinander wie ich es noch nie sonntags im Park wahrgenommen habe. Und es fühlt sich an, als wären plötzlich nicht mehr irgendwelche Passanten, sondern konkrete Mitmenschen zeitgleich mit mir da draußen unterwegs.
Gerade durch die Distanz sieht man den Einzelnen ja viel deutlicher als wenn man sich an einem Pulk Menschen vorbeiquetschen oder durch eine kleine Lücke zwischen den Entgegenkommenden hindurchhuschen muss, zwischendurch lege ich sogar meine Kopfhörer ab, um diese Atmosphäre nicht nur sehen und spüren, sondern sie auch hören zu können.

Auf diese Weise und mit dieser neuartigen Choreographie, deren Motto „Mit Abstand zu Anstand“ zu lauten scheint, könnten wir meinetwegen gern häufiger sonntags durch die Münchner Parkanlagen streifen!

Jetzt wäre es natürlich reichlich naiv und unsinnig, anzunehmen, dass durch die COVID-19-Pandemie oder wegen der bayrischen Ausgangsbeschränkungen auf einmal die große Brotherhood-Welle über die Münchner geschwappt wäre und wir alle ab sofort gemeinsam in einem Ozean voller Sozialromantik herumplantschen würden.

Aber vielleicht sind es jene Augenblicke wie die gestern im Park erlebten, die uns jetzt auf positive Weise rausreißen aus unserem vormals so gewohnten, oft wenig hinterfragten Trott (durch den Park, durch den Alltag, durchs Leben) und die uns dazu animieren, mal wieder ganz neu und anders hinzuschauen, was und wer uns so alles umgibt und begegnet, während wir durch unseren kleinen, begrenzten Ausschnitt der Welt spazieren.
Mit Sicherheit ist da jedenfalls mehr Verbindendes und Gemeinsames als nur die vielen negativen Nachrichten, die nun täglich lawinenartig auf uns niederrollen und die zwar jeder für sich, aber eben auch wir alle miteinander, zu (er-)tragen haben.

Mit_teilen. Mit_helfen.

Was ich eh schon immer tat, tue ich auch jetzt, nur noch deutlich mehr als sonst: Nachfragen.

Wie geht’s dir, kommst du klar, brauchst du was, was beschäftigt dich, sollen wir mal telefonieren?

Bei Freunden, Bekannten, Nachbarn. Bei Menschen, die auch einen Hund haben. Und bei denen, die nicht mal einen Hund haben. Und nicht zuletzt auch bei denen, die in irgendeiner Hinsicht zu einer Risikogruppe gehören, so wie leider auch der Papa.

Ein paar Überwindungen sind auch dabei. Ich muss mir zum Beispiel einen Ruck geben und den Sohn der Lebensgefährtin vom Papa kontaktieren, ihn fragen, ob wir uns nicht abwechseln sollen mit Besorgungen für die beiden. Ich muss es aushalten, dass da nur ein lasches und laues Echo kommt, so wie unsere Begegnungen halt schon immer etwas Lasches und Laues hatten, weil uns nun mal nichts verbindet außer der Tatsache, dass seine Mutter und mein Vater zusammenleben. Eine Tatsache, die uns in den letzten zwanzig Jahren zu nichts verpflichtete, ein paar lasche Umarmungen und lauer Smalltalk bei runden Geburtstagen (vor Ewigkeiten auch noch zu Weihnachten und Ostern), mehr war da nicht, mehr brauchte es auch nicht.
An dem Wintertag vor zwei Jahren, an dem mein großer Freund S. den Papa endlich durch das Thema „Patientenverfügung & Co.“ gelotst hatte, habe ich mir die Nummer von M., dem älteren der beiden Söhne der Lebensgefährtin vom Papa geben lassen.
Es war mein damaliger, vorläufiger Schlusspunkt, den ich hinter diese unendliche Geschichte zur Vorsorge für den Notfall gesetzt hatte. Ich hätte nicht gedacht, dass ich diese Nummer bald brauchen würde.

Der Papa findet das mit der Versorgung durch M. und mich total überflüssig, die Lebensgefährtin sowieso, die beiden weisen jede Bedürftigkeit weit von sich und unterstellen uns, wir sähen sie jetzt schon mit einem Fuß im Grab stehen.
„Nein, tun wir nicht“, sage ich, „wir wollen nur auf euch Acht geben“. Er kann es nicht annehmen, so wie er auch das Rentnersein oder das Parkinsonpatientsein lange nicht annehmen konnte.
So ist er nun mal, jeder Verlust von Status oder Autonomie wird ein Kampf bleiben, und vielleicht ist’s ja auch besser so als wenn er sich sofort und ohne jedes Auflehnen fügen würde.

Mit_fühlen. Mit_nehmen.

Wie in jeder Krise, so zeigt sich auch in dieser, wer diejenigen sind, die Kontakt, Nähe und Austausch suchen. Die über Gräben springen, vielleicht sogar über ihren Schatten. Die einfach mal anrufen, egal, wie lange man einander nicht gehört hat. Oder eine Mail schreiben oder eine Postkarte schicken (nur Seife schickt noch niemand, aber vielleicht hat der Gatte ja nachher, bei seinem täglichen Jagdausflug, endlich mal Glück). Und umgekehrt: an wen man sich selbst so wendet.

Am Nachmittag klingelt es. Das kommt bei uns nicht allzu oft vor, wir haben auch ohne Corona eher wenig Publikumsverkehr, schon gar nicht sonntags.
Der Gatte fragt über die Türsprechanlage, wer da sei. Von unten vor der Haustür meldet sich mein noch recht neuer Freund, der hübsch Bewimperte, und flötet hinauf, dass er der Frau Kraulquappe gern etwas vor die Tür legen wolle, ganz kontaktlos und diskret, versteht sich.
Er war beim einsamen Spaziergang mit seiner Hündin an einem To-go-Blumenladen vorbeigekommen, einem dieser Selbstpflückfelder, und hatte dort – „Mit Handschuhen!“, wie er versichert – ein paar Narzissen für mich mitgenommen.

Ich verdrücke mir ein Tränchen, als ich die sonnengelben Blumen von der Fußmatte nehme und auf die Fensterbank stelle, und im nächsten Moment lache ich mit dem Gatten mit, der amüsiert das Sträußlein kommentiert: dass das ja auch mal eine Premiere sei, dass mir ein anderer Mann in seinem Beisein Blumen vorbeibrächte.
Stimmt, das hatten wir noch nicht. Wobei ich mich sowieso nicht dran erinnern kann, dass mir jemals ein anderer Mann während der Abwesenheit des Gatten Blumen gebracht hätte. Überhaupt bringt man(n) mir eher mal einen Strauß aus Paragraphen oder Kabelbindern mit, wenn ich so drüber nachdenke (und das gäbe mir jetzt glatt zu denken, wenn ich noch weiter drüber nachdächte).
Nur N., der vor vier Jahren seinen letzten Atemzug in den Schnee hauchte und sich dann für immer vom Acker gemacht hat, der meinte mal, wenn er mir je eine Blume schenken würde, wozu es nie kam, dann wäre es eine Narzisse. Aber das ist eine andere Geschichte und eine über die Jahre mehr und mehr verwelkende und verblassende Erinnerung.
Weil ja alles im Laufe der Zeit und des Lebens von etwas Anderem, von etwas Neuem abgelöst wird.

Auch auf der Schneise der Verwüstung, die dieses Virus hinterlassen wird, gedeiht irgendwann wieder etwas Anderes, etwas Neues.
Ob es sonnengelbe Narzissen sein werden oder schnödes Unkraut, das vermag momentan keiner zu sagen, wir wissen es nicht, niemand hat das derzeit in der Hand.

Aber wer wir in dieser Zeit füreinander gewesen sind, das haben wir in der Hand.
Und es ist das, was uns bleiben wird.

Mit_singen. Mit_machen.

Am frühen Abend kündigt Brenley MacEachern von Madison Violet auf Facebook ein kleines Wohnzimmerkonzert an.
Purer Zufall, dass ich das mitbekomme, denn eigentlich will ich nur kurz einer schwedischen Blogkollegin einen Gruß via FB-Messenger schicken und stolpere bei der Gelegenheit in meiner Timeline über diese Meldung aus Ontario. Man darf Brenley vorab requests schicken – ist ja super!

Es wird dann eher ein Treppenkonzert: Um 16 Uhr (Toronto Time) sitzt sie mit ihren zwei Gitarren und einem Cowboyhut daheim in Kanada auf einer Stiege – und singt und singt und singt.
Zwischen 100 und 140 Menschen sind live mit dabei. Und singen vielleicht mit.

https://www.facebook.com/plugins/video.php?href=https%3A%2F%2Fwww.facebook.com%2Fbrenley.maceachern%2Fvideos%2F10163649151515497%2F&show_text=0&width=560

Es ist mein erstes Wohnzimmerkonzert in diesem Stil: unfrisiert und in Jogginghose auf der Couch lümmelnd, das Dackelfräulein zwischen meinen Beinen eingekringelt, die Wolldecke drüber, die Schneider Weiße neben mir, das Laptop auf dem Schoß, der Gatte nebenan (zur feierabendlichen Rekreation historische Fußballspiele guckend, glaub ich, weil ich „Robben! Robben!“-Rufe höre, nicht vom Gatten freilich, sondern aus dem Lautsprecher des PCs), irgendwann kommt er rüber, setzt sich zu mir und lauscht ebenfalls der netten Kanadierin.

Es würde mir übrigens keinerlei Umstände bereiten, per Mausklick für diesen Musikgenuss und solche Privatkonzerte eine Spende nach Ontario zu schicken.
Dasselbe gälte natürlich für New Jersey und die Steiermark, falls sich auch dort mal jemand daheim musizierenderweise auf sein Showtreppchen setzen möchte.

Hey, ihr wunderbaren Musiker da draußen, lasst eure Auftritte nicht ausfallen!
Spielt und singt weiter und schweigt jetzt nicht!
Ich bin dabei.

About leaving oder: Abendliche Depesche aus dem Exil.

Zur Frühstücksbreze gibt’s Ruhe, Regen und die regionale Tageszeitung. Gerade mal seit vier Tagen habe ich mühsam eine Haltung gefunden, die es mir ermöglicht, während meines Wasserschadensanierungs-Exils einigermaßen schmerz- und wutfrei mit G., der Lebensgefährtin des Papas, umzugehen (wir berichteten hier), damit ich diese 9 Tage in G.s Haus halbwegs unbeschadet überstehe – und schon muss ich die nächste Haltung finden: Denn übermorgen geht’s heimwärts, zwar noch nicht in die Wohnung, aber immerhin schon mal in die Nähe der Wohnung, in ein Hotel ums Eck, und all diese Orte befinden sich in der „Corona-Hauptstadt“, wie der hiesige Merkur titelt.

Ich weiß noch nicht so recht, wie ich das finden soll, eigentlich freute ich mich aufs Ende des Exils, der Unbehaustheit und der Heimatlosigkeit. Aber nun? Corona-Hauptstadt?!?
Naja, man wird sehen, was da noch alles kommt. Sollten wir uns wegsperren müssen, haben wir immerhin ein neues Bad und keine Flecken mehr an den Wänden.

*****

G., die Lebensgefährtin des Papas, kommentiert auch an Tag 7 meines Aufenthalts noch unbeirrt jeden Happen und jeden Schritt von mir, sobald wir uns begegnen. Ich kommentiere nun grundsätzlich zurück, in ähnlichem Tonfall, mit ähnlichem Gesichtsausdruck, nur die Wortwahl ist etwas deftiger, denn ein bisserl Kontrast muss schon sein.

Einer der Spitzendialoge war in den letzten Tagen dieser hier:

Ich, in der Küche stehend, mir ein Müsli mit frischem Obst zubereitend.
G., im angrenzenden Wohnzimmer sitzend, eigentlich lesend, aber permanent den Papa, der ebenfalls im Wohnzimmer sitzt, mit irgendwas zutextend.
G. sieht, dass ich in die Küche gehe, hört von dort Zubereitungsgeräusche (die Tür steht immer offen, man hört jedes Löffelklappern) und sagt im Keifton zum Papa: „Die isst ja ständig was!“
Der Papa entgegnet: „Auch nicht öfter als wir.“
G.: „Doch! Wenn wir morgens runterkommen, hat die ja schon gefrühstückt. Dann holt sie sich vormittags noch irgendwas. Und dann meist noch dieses Müsli, bevor sie mit dem Hund loszieht! Die isst dauernd!“
Der Papa: „Ist doch egal, lass sie doch.“
G.: „Ich staune aber schon. Dass die so oft was isst. Wie kann man nur so viel essen? Naja, erlauben kann sie sich’s ja…“
Ich schalte mich von der Küche aus ein, also ohne Blickkontakt, was die Sache vereinfacht: „DIE kann euch übrigens hören. Und DIE isst was, so oft sie möchte. Und selbst wenn DIE es sich nicht erlauben könnte und kugelrund wäre, wäre es immer noch IHRE Sache.“

Mich hingegen versetzt es in Staunen, dass und wie G. sich wirklich über alles echauffieren kann, was ihren Vorstellungshorizont sprengt oder sich mit ihrem Weltbild nicht verträgt. Zumal das so vieles ist. Wie schafft man das, sich über so vieles zu ereifern? Wie fühlt sich das an, einen anderen immer nur abzuwerten und zu kritisieren? Wie geht es einem damit, jemandem 7 Tage lang keine Verständnisfrage gestellt zu haben, ihn/sie aber in einer Tour bemeckert zu haben für nahezu alles, was er/sie tut?

Noch mehr aber staune ich, als ich neben G.s Sessel auf einem Beistelltischchen dieses Buch entdecke:

Einerseits möchte ich G. zurufen: „Ja super, fahr doch einfach los und such deine Freiheit!“. Andererseits schnürt mit der Anblick des Covers die Kehle zu, lässt mich eher still werden und denken: „So ein Buch liegt da nicht zufällig. Schon gar nicht mit einem Lesezeichen, das bereits in Buchmitte steckt.“

So viel unerfülltes Leben, wohin man nur blickt. Unerfüllte Träume, unerfüllte Bedürfnisse, unerfüllte Beziehungen, unerfüllte Vergangenheit, unerfüllte Gegenwart.
Beklemmende Biografien mit noch beklemmenderen Fazits, spätestens, wenn der letzte Lebensabschnitt mal erreicht ist. Alles so welk, so trist, so trostlos.

*****

Wenn ich gelegentlich kurz hinter das ganze Gemecker und Gekeife von G. schaue, sehe ich eine alte, unzufriedene Frau, wohlhabend und geizig zugleich, sich der Welt und Umwelt immer mehr entfremdend (vielleicht auch durch beginnende Demenz und/oder sich manifestierende, unbehandelte psychische Probleme), mit zwei Söhnen, die sich nicht für sie interessieren und mit einem Partner, für den sie sich nur interessiert hat, so lange er gut funktionierte und „jemand“ war und für „etwas“ stand.

Der Papa ist nicht mehr der große Geschäftsführer und Chef oder der Leiter und Lenker einer Institution mit mehreren hundert Angestellten, er lässt keine Gebäude mehr bauen, er hantiert nicht mehr mit Budgets, er hat keinen Fahrer mehr und auch keine Sekretärin.
Er ist jetzt alt und gebrechlich und bereits zur Hälfte von Mr. Parkinson zernagt.

Seine rechte Körperhälfte gehört ihm immer weniger. Mit der rechten Hand trifft er kaum noch die Maustasten, Bestellvorgänge im Internet werden schwieriger, weil er sich verklickt oder zu langsam ist. Unterschriften werden zur Qual. Schuhe anziehen sowieso. Alles ohne Klettverschluss ist Strapaze, egal, ob Knopf oder Schnürung oder Gürtel.
Kochen, einst eines seiner größten Hobbies, erfordert so viel Feinarbeit und motorische Anstrengung, dass ihm der Appetit vergeht, bevor das Essen auf dem Tisch steht. Und steht es dann doch auf dem Tisch, kann er manches nicht mehr in mundgerechte Stücke schneiden oder verliert diese auf dem Weg zum Mund.
Die Mimik wird starrer und starrer, wirkt manchmal unfreundlich eben wegen dieser Starrheit, die rechte Gesichtshälfte streikt zusehends und produziert statt einem Lächeln einen Speichelfaden, der auf dem Hemd landet, direkt neben dem Fleck vom Abendessen, das ihm von der Gabel fiel.

Der Alltag ist zur Zitterpartie geworden. Er ist froh, wenn ihm nichts entgleitet oder gar herunterfällt, denn Bücken ist eine Herausforderung fürs Gleichgewichtsorgan geworden, also fasst er manches lieber gar nicht mehr an. Im alltäglichen wie auch im übertragen Sinne. Er klinkt sich aus. Was er nicht mehr berührt, kann ihm auch nicht mehr entgleiten, meint er. Was er nicht an sich nimmt, kann ihm auch nicht mehr herunterfallen und zerspringen, meint er. Er klinkt sich aus.
„Du irrst dich, Papa!“, will ich zu ihm sagen und dann bringe ich es doch nicht übers Herz, weil ich kein tragfähiges Alternativkonzept weiß, das ihn mit sich und der Welt wieder verbinden könnte, zumindest keines, das für ihn taugen würde. Ich lasse ihn sich ausklinken, sehe ihm dabei zu, in einer dumpfen Ohnmacht.

Sein Radius wird kleiner und kleiner, der betretbare Ausschnitt der Welt wird schon bald einer sein, bei dem die Hauptgefahr darin besteht, sich selbst auf die eigenen Füße zu treten. Dieses sich so deutlich anbahnende Um-die-eigene-Achse-Drehen spürt er und es jagt ihm Angst ein, aber da er nie gelernt hat, sich mit Ängsten auseinanderzusetzen, weil er, als er noch Chef war und den ganzen großen Laden alleine gut im Griff hatte und haben musste, einfach keine Ängste hatte, außer den paar persönlichen, die aber durch ein paar Bier in Schach zu halten oder zu verdrängen waren, steht er nun recht hilflos vor einer völlig neuen Situation.

Da kommt etwas auf ihn zu, ist sogar schon fast da, Mr. Parkinson atmet und keucht ihm nämlich nicht nur täglich spürbar in den Nacken, sondern hockt da wie ein Klammeräffchen und zischt ihm in das Ohr, das ängstlich lauschend über seine zitternde rechte Hälfte wacht: „Bald bin ich ganz Du und Du bist ganz Ich und dann fallen wir gemeinsam ins Bodenlose!“
Das hört er wohl und es beklemmt ihn, aber er kann das Klammeräffchen nicht mehr aus seinem Nacken entfernen (wie auch, wenn der Arm doch so zittert) und fängt an, Augen und Ohren zu verschließen. Nicht nur vor dem alten Affen Angst, sondern vor allem, auch vor dem, was ihn ans Leben erinnert, wie es mal war oder wie er dachte, dass es noch sein würde, wenn er in Rente wäre und endlich Zeit und Ruhe hätte, für all das, was ihm das Chefsein und er sich selbst verwehrt hatten.

Alles auf eine Karte gesetzt und die für einen Trumpf gehalten, lange geglänzt wie einer, der die Asse, eines nach dem anderen, nur so aus dem Ärmel zieht, Privates dem Beruf und Eigenes der Familie untergeordnet, wie das halt so läuft, wenn es läuft und irgendwann läuft einem doch alles davon, obwohl es so gut zu laufen schien.
Die alten Freunde verloren, keine neuen gefunden, Arbeit-Arbeit-Arbeit, Anstrengung-Anstrenung-Anstrengung, also nur noch berufliche Weggefährten, von denen die wenigsten bleiben, wenn der berufliche Weg mal geendet hat, also viel Raum da, der zu füllen gewesen wäre, aber bevor eine konkrete Idee auf den Plan trat, womit, trat Mr. Parkinson durch die Hintertür ein und füllte von dort aus die Räume, einen nach dem anderen und bald wird das ganze Haus, dessen Herr er mal war und immer bleiben wollte, eine einzige Besatzungszone sein.

*****

Bei der Hunderunde durch den strömenden Regen komme ich an dem Café vorbei, in dem ich letzte Woche mit dem Theologen und dem Onkologen zusammensaß und den Nachmittag verplauderte. Ich gucke durchs Fenster in das Café hinein und prompt sehe ich die beiden auf ihrem Stammplatz sitzen. Bin versucht, sofort weiterzugehen (trüber Tag heute, nicht gesellschaftsfähg), aber sie haben mich bereits entdeckt und winken mich fröhlich zu sich herein.

Triefend vor Nässe betreten das Dackelfräulein und ich das kleine Café, die alten Herren haben schon einen dritten Stuhl zu ihrem Tisch gezogen, nehmen mir den pitschnassen Mantel ab und organisieren eine Decke, auf die sich die Hundedame zum Abtropfen legen kann.
Die beiden überschlagen sich vor Höflichkeit, ich muss mir ein paar Trüffel aussuchen und einen Tee bestellen. Der Theologe möchte meine Meinung zu seiner neuesten Grabrede hören, die er heute Morgen verfasst hat, der Onkologe möchte hören, wie es am Wochenende in den tief verschneiten Bergen war.

Dann müssen die beiden los, der eine zum Augenarzt, um ein Rezept abzuholen, der andere zum Bestatter, um die Grabrede abzuliefern.
Ich bleibe noch eine Weile allein in dem Café sitzen, gucke auf den grauen See hinaus und trinke noch einen Kaffee, schreibe dem Gatten und einem Freund ein paar Zeilen per Whatsapp und hänge meinen Gedanken nach.

Die Himbeertrüffel in dunkler Schokolade sind übrigens meiner Ansicht nach die besten.

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Diese Tage im Wasserschadensanierungs-Exil führen mir nicht nur meine konkrete akutelle Heimatlosigkeit vor Augen. Neben dem Nicht-im-eigenen-Zuhause-Wohnen-Können offenbart sich mir im (voraussichtlich letzten längeren) Zusammenleben mit dem Papa auch noch eine ganz andere Art von Heimatlosigkeit, derzeit noch mehr als Ahnung, aber wer weiß, wie lange noch.

Als ich heute eine Stunde durch den Regen jogge, immer monoton an der tosenden Weißach entlang, immer schnurgradaus, immer die Repeat-Taste des Walkmans drückend, um „About Leaving“, diesen Hammer-Song von Matthias Forenbacher, endlich voll und ganz aufzusaugen, zu erfassen und zu verstehen, da mischt sich plötzlich mein Schweiß mit dem Regen, und alles fließt mir in Strömen übers Gesicht, vielleicht sogar noch viel mehr als nur Schweiß und Regen, und einfach alles, der Rausch dieser Lyrics und das Tosen des Gebirgsbachs und mein bis in die Schläfen pochender Herzschlag und das schmatzende Geräusch meiner Laufschuhe in dem Matsch des Uferweges kulminieren in der Frage: Wer bin ich, wenn er nicht mehr ist, welcher Teil von mir wird mit ihm sterben, welcher wird weiterleben und wie wird meine Welt aussehen, wenn die seine komplett untergegangen ist?

What is the truth when you’re going to leave?

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Song des Tages (48).

This is International Women’s Day 2020 in Bavaria.

This is one of the three hiking girls.

 

And this is Patti.

Thanks to all the wonderful women in my life and in the mountains!

Für H. zum 4. März 2020: Die überfällige Antwort.

 

 

Liebe H.,

vor genau sechs Monaten, ich kämpfte gerade mit der defekten Waschmaschinentür in meiner Stockholmer AirBnb-Wohnung, schicktest du mir eine Whatsapp, in der du fragtest, ob ich eigentlich sagen könne, welche meine Lieblingssongs vom Hohepriester unseres gemeinsamen Erstkommunionsfestes seien.
Damals war jedoch leider nicht die Zeit und Muße, um dir diese lebenwichtige Frage (als die du sie selbst tituliertest) zu beantworten, da ich wie gesagt in Stockholm war und mit einer Waschmaschinentür kämpfte (neben mir den Koffer mit der Schmutzwäsche von zwei Wochen Gotland, es war also wichtig, den Kampf zu gewinnen).

Heute Morgen kämpfe ich ausnahmsweise mal mit nichts (außer Müdigkeit), denn vor drei Tagen sind wir aus unserer Wohnung ausgezogen, gestern habe ich Lolek den Schlüssel in die Hand gedrückt – und nun komme, was wolle (bzw. hoffentlich: was solle, nämlich ein neues Badezimmer und diverse Verputzungen und Anstriche), ich werd‘ mir das Ganze erst in 9 Tagen ansehen und bis dahin lebe und arbeite ich hier im Tegernseer Asyl vor mich hin (es gibt wahrlich scheußlichere Orte für Geflüchtete).

Daher nutze ich nun während eines Frühstücks in völliger Ruhe, weil alle – der Papa, seine Lebensgefährtin und die Pippa – hier im Haus noch schlafen, die günstige Gelegenheit, dir zu deinem heutigen Jubeltage deine zwar nicht mehr ganz taufrische (im Unterschied zu dir 💕!), aber in ihrer Bedeutung natürlich unverändert lebenswichtige Frage endlich zu beantworten.

Hier also, in aufsteigender Reihenfolge (wie zu unseren Teenie-Tagen, als wir noch gemeinsam der von Thomas Brennicke, Gott hab ihn selig!, moderierten Hitparade lauschten), meine in schlappen sechs Monaten ausgebrütete, mehrfach überarbeitete und überprüfte und dennoch hier und heute nur unter Vorbehalt zu veröffentlichende Top Ten der Bruce-Songs, die ich, wenn ich mich je ernsthaft und für längere Zeit auf eine einsame Insel oder ins Exil (ha!) begeben müsste, mitnehmen würde, um mein musikalisches Überleben zu sichern.
Eine Top Twenty wäre mir leichter gefallen, aber ich übe mich ja zumindest gelegentlich in der Kunst der Beschränkung (wie es mir meine Deutsch-LK-Lehrerin schon 1990 empfahl).

Selbstverständlich bekommst du zu allen 10 Songs nicht nur Titel, sondern auch Ton (seinen) und Text (meinen).

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Platz 10: „Jole Blon“

Das war für mich 2012 im MetLife-Stadium DIE Neuentdeckung schlechthin.
Ein typisches Sommerliedchen, ein klassisches Sha-la-la-la-Bruce-Ding wie „Sherry darling“, wenngleich nicht originär von ihm, aber wurscht, das Lied war so herrlich leicht, luftig, locker, liebestoll, einfach ein Traum, damals, in dieser lauen Nacht in New Jersey, in der ich acht Songs zuvor meine Hand auf seine schweißnasse Schulter gelegt hatte und in der ich eines meiner besten Geschenke zu meinem 40. feierte – eben jenes Konzert.

Platz 9: „Bobby Jean“

Mit „Bobby Jean“ verbinde ich gleich mehrere Ereignisse (oder sogar Phasen) in meinem Leben und wahrscheinlich hat der Song vor allem deshalb einen Platz auf dieser Liste bekommen. Denn musikalisch ist das eigentlich eine Komposition, die mich nie absolut vom Hocker gehauen hat. Und trotzdem liebe ich „Bobby Jean“ seit dem ersten Hören. Das war mit dir, damals, am 18. Juni 1985. Es war der 25. Song der Setlist unseres (nennen wir’s mal so:) Initiationsabends.
Und du warst es auch, die diesem Song erstmals eine gewichtige Bedeutung verlieh, als du ein paar Jahre später für ein Schuljahr nach Kanada verschwunden bist und ich in München zurückblieb.
Vom 18. Juni ’85 gibt’s keine Aufnahme/Video, ich wollte aber unbedingt eine von damals erwischen, daher nimm bitte mit dieser hier vorlieb, die ist nur 11 Tage später entstanden, in Paris.

Platz 8: „Across the border“

Sommer 2014. 17 Jahre Maloche lagen hinter mir, die letzten 7 davon ziemlich grenzwertig. Ich quittierte den Dienst, kratzte mein letztes Geld zusammen, packte meine Siebensachen und mein Dackelmädchen ein, hörte auf den Rat meines Arztes und eröffnete mein erstes Konto bei WordPress – und fuhr los. Across the border: Über die Öresundbrücke, durch ganz Schweden, bis hinüber nach Gotland, was mir seit Kindheitstagen ein Eiland der Verheißung war (Pippi Langstrumpf!), und nun war ich endlich groß und frei genug, sie mir anzusehen.
Vor der Überquerung der Öresundbrücke lege ich seither bei jeder Fahrt nach Schweden genau diesen Song ein, drehe die Lautstärke voll auf und heule voll los.

Platz 7: „This hard land“

Einer der berühmtesten, meistgesungenen Psalmen der Bruce-Gemeinde: „(…) well, if you can’t make it, stay hard, stay hungry, stay alive – if you can and meet me in a dream of this hard land (…)“ – dieser Vers ist ohne jeden Zweifel lebenswichtig und lebensrettend bzw. entfaltet diese Wirkung, wenn ihn die ganze Gemeinde in die Dunkelheit hinausplärrt, aber er ist nicht der Hauptgrund, warum ich dieses Lied in die Top Ten aufnehmen musste.
Es sind die gesamten viereinhalb Strophen davor, die mich so umhauen und die ja nur in diesem letzten Aufschrei gipfeln (oder sich in ihm auflösen). Dieser verdammte Song hat mich dermaßen gefesselt, als ich ihn Ende der 1990er Jahre erstmals hörte, dass ich monatelang gar nicht in der Lage war, mir all den anderen verdammt guten Stoff auf „Tracks“ reinzuziehen (das Greatest-Hits-Album, auf dem er schon früher erschienen war, hatte ich damals noch nicht).
Dreimal gehört, und für immer auswendig gekonnt, du könntest mich nachts um 3 wecken und bitten, „This hard land“ zu rezitieren und es würde mindestens genauso flutschen wie Goethes „Willkommen und Abschied“ oder Schillers „Ring des Polykrates“ oder Hölderlins „Mitte des Lebens“, um jetzt mal ein bisschen bewandert zu tun (und das mal nicht nur im alpinistischen Sinne).
Hier für dich eine der Akustik-Versionen, in der ich ihn (nicht den Song, aber Bruce) besonders mag, du wirst wissen, wieso.
Und hör‘ dir unbedingt auch den Prolog genau an: „(…) the older you get, the more it means“. Genau so ist es, und zwar mit sehr vielem.

Platz 6: „Atlantic City“

Immer schon geliebt. Und schon vor 15 Jahren beschlossen, dass das der Song sein soll, der mal auf meiner Beerdigung gespielt wird:

Now our luck may have died and our love may be cold
But with you forever I’ll stay
We’re goin‘ out where the sands turnin‘ to gold now
Put on your stockin’s cause the nights gettin‘ cold and
Everything dies, baby, that’s a fact but maybe
Everything that dies someday comes back

Nicht, weil ich nochmal wiederkommen möchte. Sondern weil ich summa summarum gern hier war. Und weil ich immer Trost fand in diesem Lied, wenn es mir schlecht ging.

Platz 5: „The Ghost of Tom Joad“

Eine Wucht, der ganze, lange Song.
„Tom Joad“ war das erste Springsteen-Album seit 1973, das die Top Five verpasst hat, obwohl es einen Grammy für das beste zeitgenössische Folk-Album gewann. Sein Titelsong, „The Ghost of Tom Joad“, in einer später entstandenen Live-Version zusammen mit Tom Morello (von Rage Against the Machine), rüstete den ursprünglichen Folk-Song zu dem um, was er dann auf dem „High Hopes“-Album geworden ist: ein moderner Rocksong mit einer unglaublichen Intensität. Erst als Duett eroberte er schließlich die Herzen von noch mehr Fans, so auch das meine.
Ich finde, die beiden sollten mindestens noch „Youngstown“ und „Lost in the flood“ gemeinsam spielen (und aufnehmen). Immer wieder sind es auch diese düsteren Geschichten von Springsteen, die ich live wirklich zum Niederknien schön finde.

Platz 4: „Dream, baby, dream“

Man braucht nicht viele Akkorde, um einen Song zu komponieren, der den Fans eine Gänsehaut beschert. Man braucht auch nicht notwendigerweise viele Instrumente oder eine Band drumrum. Manchmal genügt es, wenn sich ein Mann allein ans Piano setzt und gefühlvoll in die Tasten greift und seine Stimme erhebt.
„Dream, baby, dream“ ist für mich wie Schwimmen: ich tauche ein, ich folge dem schwarzen Balken, hin und zurück, hin und zurück, alles wiederholt sich, Bahn für Bahn, immer dasselbe. Vordergründig könnte man nun geneigt sein, das für Monotonie, Ödnis oder gar Langeweile zu halten. Das wäre aber viel zu kurz gedacht bzw. empfunden.
Denn das Schwimmen (und anderen mag es mit anderen Ausdauersportarten ähnlich ergehen) und eben auch ein Song wie dieser können einem den Zugang eröffnen zu einer anderen Sphäre. Zu einem selbstvergessenen, dahinfließenden, dahinträumenden, dahingleitenden und dadurch beinahe meditativem Zustand.
Und exakt darum steht dieses Lied so weit oben auf meiner Liste.

Platz 3: „Backstreets“

Dieses kraftvolle Epos von einer bedeutsamen Freundschaft (oder Liebe?) und ihrem Verblassen (und über zerplatzte Ideale der Jugendzeit überhaupt) war einer meiner sehnlichsten Live-Wünsche, der leider erst sehr spät (2016 in Berlin) in Erfüllung ging. Der Song ist ein klassisches Drama in fünf Akten (wie es ein Dylan auch nicht besser hinbekäme!), er ist einer seiner wuchtigsten, umfassendsten und „vollständigsten“ Songs.
„Backstreets“ konkurrierte in meiner Fan-Seele seltsamerweise immer mit „Jungleland“, wofür es keinen rationalen Grund gibt. Mal bedeutet mir das eine mehr, mal das andere, manchmal höre ich ein ganzes Jahr lang fast nur den einen, dann wieder nur den anderen Song. Dieses Jahr ist bislang eher ein „Backstreets“-Jahr, deshalb hier und heute Platz 3.

Platz 2: „Tougher than the rest“

Das ultimative Liebeslied aus der Feder Springsteens.
Es gibt keines, das mich in letzten dreißig Jahren kontinuierlicher begleitet und häufiger zu Tränen gerührt hätte.
Es ist ehrlich, authentisch, romantisch – und zugleich so schonungslos und traurig, voller Sehnsucht und Herzschmerz.
Es spielte in allen Liebesbeziehungen, die in meinem Leben wichtig waren oder sind, eine Rolle.
Unbedingt im 1980er-Jahre-Stil anzugucken, dieser Zeit, in der für uns alles begann (auch diese Sache mit der Liebe).

Platz 1: „Thunder Road“

Von all den vielen Perlen aus seinem riesigen Lebenswerk ist es diese, die ich über alles liebe.
So vieles ist schon gesagt und geschrieben worden über diese Straße des Donners: Für die einen hat der Song eher etwas Auswegloses und alles andere als ein Happy End, für andere birgt er hingegen eine Menge Hoffnung und mündet in einen positiven Aufbruch (ich zähle mich zu Letzteren).
„Thunder Road“ ist in meinen Augen ein Versprechen: für heute, für morgen, für die Zukunft. Egal, wie jung oder schön wir (noch) sind. Eine Ode an die Liebe, sogar an die Langzeitliebe, mit all ihren Versehrtheiten und Schrammen. Ein Tritt in den womöglich über die Jahre etwas träge gewordenen Hintern. Ein Appell, nicht alles auf morgen zu verschieben, sondern mit manchem lieber jetzt und heute loszulegen. Eine Ermahnung zu mehr Mut und Zuversicht, zu mehr Selbstvertrauen und Offenheit. Ein großes Versprechen an das Leben.
Auch an das gerade erst geborene, wie dieser Kommentar eines Fans (den ich unter einer der Donnerstraßenversionen auf YouTube entdeckte) verdeutlicht: „I insisted this song be the first music my newborn daughter heard on earth. That was 23 years ago. I’d make the same choice again today. It just doesn’t get any better than this.“
Und so sehe ich das auch: Besser geht es einfach nicht.
Das hier ist nicht die musikalische „Thunder Road“-Interpretation, die mich am tiefsten bewegt (das wäre eine der Acoustic– und keine der Fullband-Versionen), aber es ist eine von denen, in der mich sein Gesichtsausdruck am meisten berührt, möge es dir ähnlich gehen.

*****

Ein Update zu dieser Top Ten kommt dann ggf. zu deinem nächsten runden Geburtstag, der ja in nicht allzu ferner Zukunft ansteht, aber doch noch weit genug entfernt ist, damit ich nochmal in aller Ruhe weiterbrüten kann über deine wahrlich lebenswichtige Frage und meinen bescheidenen Antwortversuch.

Mit ein paar knapperigen Krümeln (danke nochmal!) zwischen den Zähnen stoße ich nun mit meinem letzten Schluck Morgenkaffee auf dich und dein Wohlergehen an, gratuliere dir ganz herzlich und wünsche dir einen besonders schönen, sonnigen Tag (du weißt noch, was der Chloroplast an einem solchen tun würde?!), vielleicht ja mit etwas Neuschnee, so wie hier am Tegernsee.

In alter, unverbrüchlicher Freundschaft grüßt dich –
Deine T.

PS: Deine ausführliche Stellungnahme zu dieser Liste lässt du mir bitte ebenfalls binnen 6 Monaten zukommen.

Laura ist wieder nackt oder: Are you lonesome tonight?

Man kann ja dieser Tage kaum noch einen Schritt tun, ohne von dem Coronagedöns terrorisiert zu werden. Das Virus ist nahezu überall präsent, dabei hat die BILD München doch schon einen Plan, wie der Krise beizukommen ist: Laura soll sich wieder nackig machen. Dann wird alles gut und unser Land die Epidemie überstehen.

Sie hat das anscheinend auch gleich getan, die Laura (warum haben sie eigentlich keine Corin(n)a auftreiben können für diese Aktion, fragt man sich), wie man auf dem Titelblatt sieht.

Ich tat es ihr gleich und ging zum Schwimmen. Ein sehr schönes Sportstündchen heute, denn das Lieblingsbad ist krass leer.
Kein Wunder, sagt der Bademeister, denn jeder Zweite wäre verunsichert, ob das Virus einem nicht beim Luftholen (was ja knapp über der Wasseroberfläche stattfindet) in den Rachen oder beim Tauchen in die Nüstern geraten könne.
Die Belegschaft überlegt daher, ein Schild neben dem Kassentresen aufzustellen, um den besorgten Schwimmbadbesucher zu informieren, dass im Becken keinerlei Gefahr bestünde, sich mit Sars-CoV-2 zu infizieren, allein der Chlorgehalt (aber auch andere Faktoren) verhindere dies. Bis die Stadtwerke diesem Schild zugestimmt haben, wird sich die Kassiererin weiterhin den Mund fusselig reden.

In der Schwimmbadumkleide stehe ich in Unterwäsche vor der großen Spiegelfront, um meine Haare trockenzupusten. Das Licht dort ist so grell (und erbarmungslos: nirgends habe ich so viele Falten und graue Haare wie vor dem verdammten Spiegel in der Schwimmbadumkleide) und ein paar Dachfenster sind so ungünstig gekippt, dass ich zur Pollensaison regelmäßig Niesanfälle bekomme, wenn ich mich an diesem Fleck länger als 2 Sekunden aufhalte. 15x hintereinander sind keine Seltenheit, neben der herumfliegenden Hasel befeuert der Lichtreiz das Ganze zusätzlich.

Hinter mir kräht ein kleines Mädchen, das das Geschniefe mitbekommt, weil man es gar nicht nicht mitbekommen kann, entsetzt: „Du, Mama, hat die Frau da vorn Corona?“
Der Mutter ist das peinlich, sie beschwichtigt die Tochter, nimmt sie beiseite und ermahnt sie, nicht so laut zu sprechen.
Ich drehe mich mit triefenden Augen und laufender Nase zu der Kleinen um und sage: „Keine Sorge, die Frau hat nur Heuschnupfen.“

Apropos Herumrotzen. Gestern Nachmittag beiläufig mein persönliches Wort der Woche entdeckt, in einem erfreulich informativen und sachlichen Beitrag der ZEIT zum Coronagedöns, den mein geschätzter Blogkollege Bernd kurz nach Erscheinen gepostet hatte: Niesetikette.

Niesetikette! Ist das nicht großartig? Sprechen Sie’s dreimal hintereinander laut und deutlich aus, spätestens dann werden Sie es lieben!
Ich war jedenfalls sofort völlig aus dem Häuschen und klickte alle weiterführenden Links in dem Artikel an, die dieses sprachliche Kleinod näher illustrierten.
So auch jenen, der zu einem Filmchen der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung führte, das mir das ganz genau erläuterte, was es mit der Niesetikette auf sich hat:

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, wenn Sie dieses putzige Rotz-Tutorial angucken – ich für meinen Teil muss zugeben, dass ich davon noch so manches (*hüstelhüstel* – natürlich auch dies nur noch hinter vorgehaltener Hand oder in die Armbeuge hinein oder wie hier: virtuell und damit automatisch mit gebührendem Abstand zu Ihnen) lernen kann. Ich stamme nämlich leider aus einer Familie der hemmungslosen Lautnieser und Taschentuchtrompeter und bin auch mit einem Gleichgenossenen (oder -geniesten?) verheiratet.

Anderes, das mir das Filmchen verklickern will, habe ich aber schon längst gewusst:
1. Zum ersten Date lässt man sich abholen oder gurkt zumindest nicht mit dem Bus dorthin, weil man sich in dem kurzen Röckchen beim Warten an der Haltestelle verkühlen könnte und außerdem auch nicht Gefahr laufen möchte, unterwegs den ollen Ex-Freund mit seinem neuen blonden Gspusi zu treffen, das verhagelt einem ja gleich die Laune.
2. Dem neuen Typen bringt man beim ersten Date doch keine so überdimensionierte Präsentbox mit, schon gar nicht, wenn der Bursche seinerseits nur eine dürftige Rose besorgt hat (sofern die nicht eh eine vom Restaurant gestellte Deko war), eine selbstgebrannte CD tut’s auch und wäre gleich ein erster Lackmustest, ob man sich denn nicht nur was zu sagen, sondern auch gemeinsam was zu hören hat.

Wobei, wie mir gerade einfällt, das mit der selbstgebrannten CD auch ziemlich schiefgehen kann, also der Lackmustest gar kein solcher ist, sondern nur eine fiese Falle (und in dem Sinne dann aber ein Hardcore-Lackmustest), wie es mir zu Studienzeiten mal passiert ist.
Da überreichte mir der attraktive M. beim ersten richtigen Ausgehen (Würzburger Weinlokal mit Schummerlicht) eine CD, hübsch eingepackt, und fixierte mich mit neugierigem Blick während ich das Ding auswickeln sollte, um auch ja meine Erstreaktion haarklein mitzubekommen, total unangenehm war das, ich hasse es, wenn man mich beim Geschenkeauspacken so anstarrt, es macht einen so unfrei, erzeugt so einen Freu-Druck, zumindest, wenn man einander noch nicht jahrelang und gut kennt.
Und tja, was soll ich sagen?!? Prompt ging das auch schief.
Mir fiel nämlich justament die Kinnlade runter als ich das Papier entfernt hatte und eine Compilation der größten Hits von Chris de Burgh in Händen hielt. Und eine verräterische Röte stieg mir auch noch ins Gesicht, weil ja in dem Moment sonnenklar war, dass das nichts werden würde mit uns zwei Hübschen, trotz aller damaligen Hübschheit, denn alles an und in mir war mit Chris de Burgh absolut inkompatibel, aber vor mir saß der attraktive M. und strahlte mich im Kerzenlicht so schön an und wartete auf meine Reaktion, auf ein Zeichen der Rührung und Freude.
Herrje, war das gräßlich, ich stammelte irgendwas, um Zeit zu gewinnen für die Konstruktion eines halbwegs passenden, sozialverträglichen Satzes, da sah ich, dass M. immer noch strahlte und zugleich komisch verkniffen und verkrampft um die Mundpartie wirkte, was meine Augen sogleich genauer untersuchten, weil dieser seltsame Zug um die Lippen ganz untypisch war für M., den ich immerhin schon ein ganzes Semester lang gründlich beobachtet hatte, und dann konnte M. nicht mehr und seine Mimik lockerte sich, der Krampf um den Mund löste sich und er brach in schallendes Gelächter aus.
Weil er natürlich gewusst hatte, dass mich der Schlag träfe, wenn er mir eine CD von Chris de Burgh schenken würde, und mich aber genau damit auf die Probe stellen wollte, um sich daran zu ergötzen, wie wohl eine, die neben dem Boss nur noch Dylan und Waits ähnlich exzessiv hörte, mit der Schmalzmucke von Chris, dieser harmlosen Heulboje mit den Waigel-Augenbrauen und dem Schulbubenpony, umginge. Würde sie ihm Begeisterung vorheucheln? Würde sie sich irgendwie aus der Sache rauswinden, und wenn ja, wie? Oder würde sie die CD auf den Tisch knallen, ihre Serviette obendrauf schmeißen, aufstehen und gehen?

Nun, so weit kam es nicht.
Eben weil M. schon vorher vor Lachen platzte. Und dann in seinen Rucksack griff und zwei weitere Päckchen hervorholte: 1x Dylan und 1x Elvis.
Großartig, beides. Wir haben nächtelang Karaoke-Singen zu der zweiten CD veranstaltet und viele Bocksbeutel dazu geleert. Ich sehe M. noch vor der geöffneten Balkontür stehen und diese göttliche Sprechpassage aus „Are you lonesome tonight“ in die Nacht hinaus schmettern, Sie wissen schon, die, die so beginnt: „I wonder if you’re lonesome tonight, you know someone said that the world’s a stage and each of us must play a part…“
Ein Paar wurden wir übrigens nie, obwohl es vor allem vom Humor und auch vom Gesang her durchaus gepasst hätte.

Haben Sie einen guten Start ins Wochenende – und falls Sie Pollenallergiker sind: werfen Sie unbedingt genug Antihistaminika ein, damit Sie nicht für einen Corona-Infizierten gehalten werden, sich die Menschen also nicht unnötig von Ihnen abwenden oder kleine Kinder sich vor Ihnen ekeln.

Is your heart filled with pain, shall I come back again?
Tell me dear, are you lonesome tonight?

Oh, what a night.

Schon der Support-Act schrammelt ein „No surrender“, aber später kommt’s dann wirklich knüppeldick: der Sänger der „13 Crowes“, den man vor Konzertbeginn an der Bar traf und zaghaft um „an encore“ vom Bruce gebeten hatte, beschenkt einen erst mit „Racing in the steeet“ (als Song Nr.7, „for the Jersey girl in the front row“) und haut zum Schluss noch solo ein „The River“ raus (und mir dadurch beinahe ein Tränchen).

Boah!

Thank you so much, Cammy 🤗

Songs des Tages (46).

Manche der Songs umweht glatt ein Hauch von „Nebraska“ oder „Darkness“, und mit Krähenvögeln und einer 13 im Bandnamen kann eh nix schiefgehen – das waren meine ersten spontanen Gedanken, als ich mich so durchhörte durch die diversen Playlists der „13 Crowes“.

Eine ordentliche Prise Brian Fallon hier, eine große Schippe Bruce Springsteen dort. Melodiöse Melancholie, betörende Balladen und herzergreifende Hymnen wechseln sich ab mit den rauen, herben Klängen eines rockigen, fetten Gitarrensounds.

Geschichten von Verlierern und Verlorenen, denen der Rauch aus Fabrikschloten den Blick auf ein sorgloseres, freieres, selbstbestimmteres Leben vernebelt, diese atmosphäreverpestenden und seelenzermalmenden Grauschleier hängen natürlich nicht nur über den Arbeiterstädten New Jerseys, sondern auch über denen Schottlands (und auch über so etlichen gläsernen Großraumbüros unserer modernen, digitalisierten, prozessoptimierten Arbeitswelt).

Storys über das Leben, über Liebe und Leiden(schaft) – und was Lady Luck sich halt sonst noch so alles auszudenken vermag, wenn sie nach dem Malochen müde im Pub abhängt und sich dort ihr hübsches Köpfchen mit ein paar Gläsern Single Malt zurechtrückt, um sich wieder aufs Wesentliche zu besinnen.

Ein bisschen Punkrock, ein bisschen Folk und Americana, alles in allem eine recht ausgewogene Mischung, die die vier vollbärtigen, schottischen Burschen von „13 Crowes“ da präsentieren.
Nur den gelegentlichen Bon-Jovi-Touch, den hätt’s nicht unbedingt gebraucht, aber Schwamm drüber, das kann sich ja noch abwetzen und justieren, sind schließlich noch jung, die Kerle (und, herrje: hat diese Generation denn echt geschlossen das Bedürfnis, sich die Konterfeis ihrer Familienmitglieder, Exfreundinnen und Haustiere sowie deren Sternzeichen, Spitznamen und Sportvereinlogos auf all ihre Extremitäten tätowieren zu lassen?)

Und – last but not least – eine Musik, die durchaus als ein ebenso erfreuliches wie rares Fundstück zu bezeichen ist, für all die, die wie ich auf der Suche sind nach denen, die in der Lage sein könnten, in die Fußstapfen jenes Mannes zu treten, der bislang den zentralen Soundtrack zum eigenen Leben komponiert hat, einem aber dummerweise 33 Lenze voraus ist, weshalb es leider absehbar sein dürfte, dass er diesen Soundtrack nicht beständig und bis zum Ende meiner Tage wird fortschreiben können, so dass ein rechtzeitiges Umsehen nach tragfähiger Zukunftsmusik keinesfalls als ein Akt der Blasphemie, sondern als vernünftig betriebene Altersvorsorge gewertet werden muss.

Die eine, ganz große Liebe bekommt dadurch nicht den geringsten Kratzer, sie schwankt auch nicht, weil sie nun etwas in die Jahre gekommen wäre oder sich allmählich ihrem letzten, gemeinsam lebbaren Abschnitt nähert – ja wo denken Sie denn hin!?, natürlich ist das eine Sache für die Ewigkeit, sonst wär’s ja nicht diese eine, ganz große Liebe!
Sie könnte nun lediglich ergänzt werden um ein paar Liebschaften drumherum, die sie nicht von ihrem Thron stoßen, sondern nur ein wenig entlasten würden, bei denen sich aber erst noch wird erweisen müssen, welche davon wirklich das Zeug zu „mehr“ haben.

„No guts, no glory“ heißt einer der Songs von den „13 Crowes“ und so wollen wir es halten: mutig, zuversichtlich und mit offenen Ohren nach neuen Akkorden Ausschau (besser: Aushorch) halten, auf denen einst das Fundament des eigenen musikalischen Spätsommers und Herbstes errichtet werden kann.

Ein Forenbacher fällt schließlich nicht alle Tage vom Himmel, und wir wollen das Firmament ja ruhig recht gut ausstaffieren mit ein paar funkelnden Sternen, die das bossianische „Dry lightning“ adäquat umrahmen, und die all sein Licht bis zu jenem Tag, an dem es zu verblassen droht, ganz in ihre Strahlkraft aufgesogen haben werden und dann sowohl durch sich als auch mit ihm weiterleuchten, bis ans Ende meiner Zeit.

Amen.

I threw my robe on in the morning
Watched the ring on the stove turn to red
Stared hypnotized into a cup of coffee
Pulled on my boots and made the bed

Screen door hangin‘ off its hinges
Kept bangin‘ me awake all night
As I look out the window
The only thing in sight

Is dry lightning on the horizon line
Just dry lightning and you on my mind

PS:
Falls es unter der geneigten Leserschaft jemanden gibt, der am nächsten Dienstag nicht im Skiurlaub ist, sich nicht ins Faschingstreiben stürzen will und auch nicht das Champions-League-Spiel gucken muss, der möge sich bitte gern melden – ich hab noch ein Ticket übrig für das Konzert der „13 Crowes“ hier in München, das ich zum rabattierten Stammleserpreis von 13€ rausrücken täte (wahlweise auch für einen Zehner und eine Weiße).

Melden Sie sich einfach per Kommentar hier im Blog oder via Mail unter kraulquappe@web.de, und keine Sorge: Sie müssen weder Springsteen-Fan sein noch an dem Abend 20 Songs lang neben mir stehen, ich komme mit solcher Live-Musik auch wunderbar alleine klar, und Ihnen würde das ggf. auch die Peinlichkeit ersparen, offenkundig die Begleitung von derjenigen zu sein, die sich womöglich auf ein „Tougher than the rest“-Duett zu Cammy Black auf die Bühne hinaufwagt, obwohl sie wirklich tausendmal besser Schwimmen als Singen kann 😉

PPS:
Wen’s interessiert, hier noch zwei Links:
1x das reife, rauchige Destillat und 1x der neue, nachwachsende Gerstenhalm.
(Wir wollen das jetzt nicht ernsthaft vergleichen, aber ein Potenzial ist da, und ansonsten gilt auch hier: No guts, no glory!)

Song des Tages (45).

Im Gasthof der Ersthochzeitsfeier sitzend. Um 17 Uhr, ziemlich alleine, ziemlich hungrig, nach einem längeren Marsch durch Wald, Feld und Moor.
Wie oft bin ich genau diese Runde in meinem Leben wohl schon gegangen? Hundertfünfzigmal? Oder noch viel öfter? Seit 1990 jedenfalls jährlich mehrfach, vermutlich mit jedem Menschen, der mir je wichtig war oder ist oder es mal sein könnte, und natürlich auch mit allen drei Dackeldamen, die Teil meines Lebens waren oder sind.

Quasi das „Thunderroad“ unter meinen Spazierwegen, diese Rundwanderung: lebenslang und durch alle Gezeiten (und alle Gefährten) wird sie einen begleiten, sofern sie nicht das schöne Moor trockenlegen und eine hässliche Neubausiedlung draufklotzen, was im Naturschutzgebiet ja zumindest während meiner noch verbleibenden Lebenszeit kaum zu anzunehmen ist, ich aber auch nachfolgenden Generationen nicht wünsche.

Der Gasthof Georg Ludwig. Zuletzt mit meinem großen Freund S. hier gewesen, vor zwei oder drei Jahren, glaube ich. In den 1990er Jahren oft mit dem Papa in diesem Wirtshaus gesessen, in den 2000er Jahren einige Male mit dem Ex-Gatten, seitdem nur noch alle paar Jahre, wenn es sich grad ergibt, und das tut es eher selten.

Ich sitze im Stüberl, am selben Platz wie bei den Feierlichkeiten damals, das Fräulein schnarcht zufrieden in ihrem sogenannten Schmuddelkörbchen, ein ausrangiertes Exemplar einer Dackelschlafstatt, das hinten im Kofferraum liegt und überallhin mitfährt, um jederzeit für eine Einkehr auch im Wildschweinlook mit Rundum-Dreckverkrustung gerüstet zu sein und keinen Wirt zu verärgern, weil sein Boden nach des Fräuleins Besuch ausschaut wie Sau.

Äonen her, diese Feier, nur der schöne alte Holzboden ist noch derselbe, ansonsten macht man jetzt auch hier auf gediegen und some kind of Cottage-Shabby-Chic.
WLAN gibt’s nun ebenso wie ein paar hübsche Hotelzimmer (was ist nur dem herrlichen Begriff Fremdenzimmer widerfahren, wieso existiert der nimmer?) und Vegetarisches auf der Speisekarte (sogar Formulierungen wie „Duett von…“ und „Kreation aus…“ treten dort mutig an gegen allerlei „Hausgemachtes“). Beim Blick aus dem Fenster aber immer noch vergilbte CSU-Plakate und gegenüber der alte Bauernhof (hinter dessen Scheune mich einst ein verheirateter Chirurg aus Oldenburg küssen wollte, aber das ist eine andere Geschichte, noch dazu eine reichlich banale, obwohl der Typ ein bisschen wie Damian Lewis aussah, aber das war auch das einzig Interessante daran).
Manches ändert sich in Bayern eben nie, genau wie im richtigen Leben.

Die Menschen, die man schon Jahrzehnte kennt, ändern sich ja auch weitaus weniger als sie den Anschein zu erwecken bemüht sind (oder das wirklich glauben, weil sie sich dem Diktakt, sich selbst zu finden oder gar neu zu erfinden, verschrieben haben oder irgendeinem vergleichbaren Quark auf den Leim gegangen sind).
Mich brauch ich da gar nicht explizit einschließen, in den Kreis der sich kaum Veränderthabenden, da ich mich nie aus jenem ausgeschlossen habe, weil ich mich im Kern (von dem wir jetzt einfach mal so annehmen, dass es ihn überhaupt gibt) nicht mehr wesentlich neu ge- oder erfunden, verwirklicht oder optimiert habe, seit ich zum ersten Mal die eingangs erwähnte Spazierrunde durch Wald, Feld und Moor drehte – auf meine relative Unveränderbarkeit ist schon seit 30 Jahren relativ unverändert Verlass, was so seine Vor- und Nachteile hat, über die ich mich jetzt aber nicht auszulassen gedenke, weil es mir gerade gut geht und ich diesen Zustand unverändert belassen und nicht sezieren möchte.

Gestern Abend, nach anderthalb Jahren, M. wiedergesehen. Einst mein bester Freund, zu Zeiten, als man an diesem sozialen Exzellenz-Label noch hing und es gelegentlich hochhielt wie eine kleine Trophäe (in der irrigen Annahme, man würde sich damit irgendwie vom Rest der nurnormalefreundehabenden Menschheit abheben). Mittlerweile eine Kategorie, die mir eh wurscht ist.
Freundschaften kommen und gehen (oder kommen wieder, obwohl sie zuvor gegangen sind), nur wenige haben Bestand über Jahre oder Jahrzehnte, etliche überstehen kaum ein Sommergewitter oder ein Blitzeis, manche sind an einzelne Themen oder Lebensphasen gebunden, eine Handvoll funktioniert nur, wenn die Befreundeten in einem ähnlichen Ausmaß vor Glück und Gesundheit strotzen oder in Leid und Krankheit versinken, andere wiederum sind völlig losgelöst von Zeit, Raum, Befindlichkeiten, Situationen und Dingen, die man teilt oder nicht teilt (und mit hoher Wahrscheinlichkeit hab ich noch x weitere Möglichkeiten und Gesichter von Freundschaft hier überhaupt nicht aufgezählt, weil sie mir grad nicht einfielen).

M. ist jedenfalls der erste meiner Freunde, mit dem die Freundschaft endete, ohne dass ich einen radikalen oder zumindest deutlich ausgesprochenen Schlussstrich gezogen hätte, was meiner Ordnungsliebe und dem Bedürfnis nach Klarheit zunächst sehr zuwiderlief.
Es gab lediglich ein paar Auseinandersetzungen, weil M. im Gegensatz zu mir damals nicht der Ansicht war, etwas ganz Entscheidendes sei uns abhanden gekommen. Richtig ausdiskutiert wurde das nie, zwar offen und ehrlich angesprochen, besonders kontrovers oder allzu emotional ging es dabei aber nicht zur Sache, geklärt wurde auch nichts, sondern es blieb dann irgendwann so stehen, in seiner ganzen unübersehbaren Beschädigtheit und der Runzligkeit von Phänonemen, die ihren Glanz verloren haben. Nur ab und an verspürte ich kurz den Drang, M. vielleicht doch besser nie wieder zu sehen, weil ich keinen Abklatsch dessen erleben wollte, was wir mal hatten, gab diesem Impuls aber nicht nach.

Nun also das dritte Treffen seit dem Bruch. Immer noch vertraut, weil man sich zu lange kannte und zu viel zusammen erlebt hatte, um einander je völlig fremd werden zu können, solange keine Extremfälle eintreten wie: einer wird Hedgefondsmanager und der andere Anhänger einer religiösen Sekte (oder andere biographische Disparitäten dieser Dimension).
M. ist im Grunde immer noch der, den ich vor zwanzig Jahren kennenlernte. Dieselbe Art, seine zahlreichen Anekdoten einzuleiten („der Story muss ich erstmal zwei, drei Sätze vorausschicken“) und zu erzählen (locker, lustig, langatmig: inklusive Einleitung dauern als kurz angekündigte Stories gern mal 45 Minuten oder länger). Derselbe trockene Humor, dieselbe wohlplatzierte Selbstironie, und sogar bei neuen Vorlieben (die ja nun völlig getrennt voneinander entwickelt wurden) noch eine Schnittmenge zu den meinen erkennbar.
Und auch dieselben Dinge, die mich vor ein paar Jahren so ermüdet und frustriert hatten, dass ich die noch verbliebenen Reste des blassen und rissigen Beste-Freunde-Aufklebers von der dünner und dünner werdenden Blase, in der wir uns noch manchmal gemeinsam aufhielten und die darin dünner und dünner werdende Luft einatmeten, und eine Weile hechelnd und heuchelnd so taten, als sei alles noch wie immer, abkratzen musste.

Bei unserem letzten Wiedersehen im Herbst 2018 war ich enttäuscht, dass auf eine ominöse Art in den paar Stunden alles war wie immer, obwohl ja zugleich nichts mehr so war wie zu früheren Freundschaftszeiten, keiner von uns sprach das an, stattdessen brachten wir einander auf Stand (eine selten dämliche Redewendung, passt aber gut zu dem Missmut, den ich oft gegenüber der damit bezeichneten Aktivität empfinde), vor allem M. mich, denn M. ist einfach der größere und bessere Auf-Stand-Bringer und Redner von uns beiden, und auch der, der für den Redebeginn keine Frage benötigt oder erhofft und für den das auch im Fortgang der Rede keine Rolle spielt, wenngleich ich fairerweise sagen muss, dass Ms Gerede nie dumm oder langweilig ist, im Gegenteil, es ist eher wie einer recht unterhaltsamen Sendung im Radio zu lauschen, und so kam ich nachhause und sagte zum Gatten, dass ich nicht wisse, was das noch solle, und dass der Abend zwar durchaus kurzweilig und ganz nett war, ich aber zugleich ein Gefühl von umfassender Belanglosigkeit verspüre (alles irgendwie einerlei: ob das nun war oder nicht, ob es nochmal sein würde oder nicht) und ich doch ein Leben mit so wenig Belanglosigkeiten wie möglich führen wolle und daher nicht sagen könne, ob ich mich je nochmal mit M. treffen würde, das aber erstmal sacken lassen müsse, bevor ich eine Entscheidung träfe. Die ich dann wieder nicht traf, weil sie sich mir nicht aufdrängte, folglich wohl auch nicht dringend getroffen werden musste, und weshalb wir uns gestern eben erneut treffen konnten.

Gestern gegen 23 Uhr, nach fünf Stunden mit M. – er war gerade zur Toilette verschwunden und ich hatte einen kurzen, anekdotenfreien und ruhigen Moment für mich allein, da wir die letzten im Lokal waren – , saß ich da, spürte, wie man so sagt, in mich hinein und hatte zum allerersten Mal den Gedanken: Vielleicht werde ich allmählich altersmilde.
Denn ich ertappte mich dabei, dass ich es letztlich gut fand, ihn wiederzusehen. Nicht existenziell wichtig und auch nicht tagelang beglückend oder anderweitig nachwirkend, auch weder große Zukunft verheißend noch viel Vergangenes aufwühlend, beileibe nicht mehr diese große Sache von früher und auch nicht mehr diese alte Begeisterung, aber dennoch eben auf eine simple Art einfach in Ordnung und gut.

Zu hören, dass auch er zufällig denselben zum Nachfolger des leider mehr und mehr von der Bildfläche (treffender noch wäre: von der Hörfläche) verschwindenden Klaus Maria Brandauers auserkoren hat, nämlich Nicholas Ofczarek.
Ihm zu erzählen, ich hätte zwar nicht ganz wie einst Jon Landau die Zukunft des Rock ’n‘ Roll, dafür aber die Zukunft dieser Zukunft gesehen und ihm dann einen Forenbacher-Song vorzuspielen und mitzuerleben, dass ihn das sofort erwischt, beim ersten Hören, und er sich gleich den Namen notiert.
Vor Monaten den gleichen Artikel von Kurt Kister gelesen und dabei gedacht zu haben, dass man den Text eigentlich dem anderen schicken sollte, falls der ihn verpasst hätte und es dann doch nicht getan hat.
Beim Abschied vor dem Lokal die Mütze aufzusetzen und gefragt zu werden, ob das immer noch diese Sturmhaube sei, die er damals, vor zwanzig Jahren, so albern fand, dass er mich wochenlang Frau Pipolaki nannte, nach dem eingestickten Markenamen in der Mütze, was wir dann beide albern finden konnten.
„Nein, das ist sie nicht!“, antwortete ich, und dachte: aber es ist eine verdammt ähnliche Mütze und auch ich bin’s immer noch und du bist’s ja auch noch, und dann sagten wir „Ja also dann, bis zum nächsten Mal!“, in einem Jahr vielleicht, oder wann auch immer, es ist auf eine nicht völlig belanglose, aber völlig zeitlose Art egal, kein Schlussstrich hat uns den Weg abgeschnitten, und dass das nun so ist, ist womöglich ja doch ein winziges Indiz für eine gewisse Veränderbarkeit von dieser Frau Pipolaki, die ja heutzutage eher unter Frau Kraulquappe firmiert und nach der Wildschweinreinigung daheim auch gleich wieder als solche in die Freitagabendfluten eingetaucht und ihnen soeben erfrischt wieder entstiegen ist.

Auf dem gestrigen Heimweg durch die nächtliche Allee an diese Sentenz (vergessen, von wem) gedacht, in der es heißt, man müsse die Menschen nehmen wie sie sind, es gäbe schließlich keine anderen.
Was angesichts der Vielzahl der Menschen und der daraus resultierenden Auswahlmöglichkeiten natürlich ein Schmarrn ist, aber wenn man die Aussage mal eingrenzt auf die Wegbegleiter, die man so hatte oder immer noch hat oder mal haben wird, und eine Schippe Altersmilde und eine Prise Panta rhei dazugibt, freilich ohne den kritischen Blick und das No-surrender-Feeling früherer Jahre (inklusive mancher seiner zu recht kompromisslosen Aspekte) gänzlich über Bord zu werfen, dann bleibt vielleicht ja doch mehr übrig von dieser Strophe, die M. und ich anno 2002 mal zu „unserer“ erklärt hatten, als ich es in den letzten Jahren gedacht habe:

It’s a long dark highway and a thin white line
Connecting baby, your heart to mine
We’re runnin‘ now but darlin‘ we will stand in time
To face the ties that bind
The ties that bind
Now you can’t break the ties that bind
You can’t forsake the ties that bind