Wider die Sideropenie.

Am vergangenen Wochenende fand Bayerns größter Flohmarkt auf der Münchner Theresienwiese statt. Also direkt vor unserer Haustür. Da fühlt man sich – wenn man’s schon so nah hat – natürlich aufgerufen, mal über diesen riesigen Markt zu schlendern. So wie 80.000 andere, die trotz der kühlen Witterung dort unterwegs waren.

Viele Menschen lieben ja diese Schatzsuche in der Vergangenheit fremder Leute, mögen die heimelige Atmosphäre auf diesen Märkten, finden sogar die dollsten Schnäppchen und tragen nach ein paar Stunden begeistert ein Ränzlein oder gar eine ganze Schubkarre mit neuen Errungenschaften und Unrat nachhause.

Und ich? Keine Stunde lang habe ich es dort ausgehalten!
Lag es am akuten Eisenmangel oder am Wetterumschwung oder doch nur daran, dass ich mit Aktivitäten wie Shoppen und Bummeln immer schon Probleme hatte?

So schnell ist mir alles zu viel, zu unübersichtlich, zu voll. Je größer das Angebot, desto geringer meine Kauflust. In Möbelhäusern bekomme ich nach 30 Minuten Kopfweh von all den Polituren und Imprägnierungen, die das Zeug dort ausdünstet, in Kaufhäusern nervt mich das andauernde Gedudel der Musik, in Fußgängerzonen sind mir zu viele Menschen dicht an dicht unterwegs.
Wenn ich was brauche, geh ich ausschließlich wochentags/vormittags los und suche gezielt in maximal zwei Geschäften danach.

Nun fand dieser Riesenflohmarkt ja unter freiem Himmel statt, so dass man hätte annehmen können, die Luft sei prima und es bestünde keinerlei Kopfwehgefahr, aber schon nach dem Durchschreiten der ersten paar Verkaufsgassen musste ich feststellen, dass 80% der feilgebotenen Waren einen unsäglichen Mief verströmten (der bestimmt wie eine Dunstglocke über dem ganzen Gelände gehangen wäre, wenn es nicht so windig gewesen wäre).

Kein Wunder, denn exotische Sammlerstücke wie alte Fahrradsattel aus Leder, die sich kurz vor der Zersetzung befinden, oder Teeservices, in denen sich im Lauf der Dekaden Earl Grey-Rückstände mit Staub zu einem braungrauen Etwas verbacken und auf jedem Tassenboden festgesetzt haben, oder 50 Umzugskartons voll mit abgelegtem Schuhwerk und Kunstpelzen längst verblichener Generationen, haben eben einen gewissen Eigengeruch (der wohl so heißt, weil er so eigen ist). Man konnte sich noch ein paar Ramschgassen lang damit beschäftigen, die einzelnen Duftnoten, die einem von den Ständen entgegenwehten, genauer zu bestimmen (keller-modrig / küchen-ranzig / schrank-stinkig) oder über manche Subjekte und Objekte, die sich dort tummelten, amüsiert den Kopf zu schütteln, aber nach einer Dreiviertelstunde war Schluss mit lustig – und mir schwindling und übel.

Lediglich zweimal zuckte kurz ein „Haben-wollen“-Gedanke durch mich hindurch.
Der erste, gleich zu Beginn des Streifzuges, bei vier Tapeziertischen mit Schildern aus den Ammergauer Bergen:

Da scheinen sie in der gesamten Region ja alles abmontiert zu haben!? Ich studiere ungefähr 40 Schilder und freue mich, nahezu jeden Weg- oder Bergnamen zu kennen. Sogar der Wellenberg ist dabei, das Lieblingsbad meiner Kindheit! Und der Kofel, der Pürschling und der Laber sind auch mit von der Partie, herrlich.

Nur, was soll man dann damit? Sich die Dinger in die Wohnung hängen, als ausgefallenen Wandschmuck, was kurzfristig sicher mal kreativ und witzig wäre, mittelfristig würden die Metallplatten aber wohl im Kellerregal landen, denn man möchte ja nicht jahrelang in geschlossenen Räumen auf diese schönen Wanderwegbeschilderungen starren. Absurd.
Bald mal wieder nach Oberammergau fahren, nehm ich mir vor, als ich mich von dem Stand abwende (haben die in dem Landkreis jetzt etwa keine Schilder mehr oder lauter neue?).

Der zweite kurze Impuls, sofort zuzugreifen, dann etwas später, schon in latent aggressiver Stimmung gegen Ende des 45-minütigen Rundgangs:

Die Treter haben was, keine Frage!
Sitzt du mit denen in der U-Bahn, hockt sich garantiert niemand mehr auf den Sitz gegenüber, so dass du endlich mehr Platz und Ruhe hättest.
Oder mit denen in die Autowerkstatt, wo ich mich letzte Woche mit dem Geschäftsführer anlegen musste, weil dieser Lackaffe von Serviceberater vor lauter ebenso übertriebenem wie sinnentleertem Servicegetue glatt vergessen hatte, mich auf etwas ziemlich Wesentliches aufmerksam zu machen – in so einem Moment mal kräftig mit dem Fuß aufgestampft, der in so einem Schuh steckt – ja holla, ich wette, man hätte so das ganze Gerede effektiv abkürzen können!
Leider sind die Schühchen eine Nummer zu klein für mich und der Gorilla, der bei dem Klamottenverkaufstand hockt, lädt rein mimisch nicht wirklich zu einem Gespräch oder gar einer Preisverhandlung ein (ohnhin noch sowas: Handeln & Feilschen, das liegt mir nicht).

Also lassen wir auch das und gehen ohne irgendwas nachhause und ich sinke wie betäubt auf die Couch, immerhin froh, kein Geld verplempert zu haben und nirgendwo einen neuen Staubfänger rumstehen zu haben.

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Eisenmangel ist übrigens eine fiese Sache.

Schon das, was diesmal dazu geführt hat, ist ja Plage genug und dann zieht’s dir langsam aber sicher dermaßen umfassend die Kraft raus, dass du an manchen Tagen schon um 19:30 Uhr auf dem Sofa in den Tiefschlaf sinkst, mit Müh und Not noch den Wechsel zu deiner eigentlichen Schlafstatt vollziehst und dann weiterpennst bis morgens um halb acht. Hätte man auch mal früher drauf kommen können, dass das nicht nur die Frühjahrsmüdigkeit und die Erschöpfung vom Heuschnupfen oder von den Unbilden des Lebens ist.

Schon nach drei Tagen mit je zwei Kapseln Ferro Sanol ist das Leben ein anderes, die Ursache des Übels zwar nicht beseitigt, aber man wandelt wieder aufrecht unter den Menschen da draußen und fühlt sich auch annähernd wie einer.

Mit steigendem Ferritinwert können auch andere Dinge wieder angepackt werden. Hier sind ja momentan diverse Aufräumaktionen auf mehreren Ebenen im Gange, die abzuschließen mir ein Bedürfnis ist.

Es gelingt mir beispielsweise endlich, einen Abschied zu vollziehen, der schon seit langer Zeit ansteht: Auf dem Flohmarkt springt mir dieser Stuhl ins Auge, und ist mir Erinnerung und Mahnung zugleich, dass ich das jetzt tun muss und auch tun kann.

Theresienwiese, 27. April 2019.

Und nun ist es getan. Mehr dazu ein anderes Mal, vielleicht.
Oder Sie lesen es hier nach, denn im Grunde ist es dasselbe, sogar dieselbe Person, und der damalige Blogbeitrag war eigentlich schon eine recht gelungene Beisetzung, zumindest war das seinerzeit mein Gefühl nach dem Schreiben und der enormen Resonanz, die dazu kam.

Nun tanzen wir erstmal in den Mai hinein, das wünsche ich Ihnen auch!

Lichte Momente.

Schwülwarmer Bärlauchdunst schwappt durch den für einen Frühlingsferientag ungewöhnlich leeren Englischen Garten. Viele Seitenwege haben wir ganz für uns allein, prima ungestört lässt sich das Feuerwerk, das die Pollen mindestens minütlich in der Nase zünden, abniesen.

Kaum etwas geht – mal rein stadtimmanent gedacht – über diese herrlichen Münchner Parks mit all ihren Großzügigkeiten.
Diese Pracht noch dazu in fußläufiger Distanz, nicht selbstverständlich, das alles, wie mir erst neulich in Wien wieder bewusst wurde, wo so ein Hund ja fast nirgendwo in innerstädtischen Grünanlagen mal ohne Leine laufen darf.
Das ist Luxus pur!, rufe ich dem Dackelfräulein zu, das geschäftig durch das flache Bachbett schnorchelt, sich anschließend auf der Wiese den Pelz trockenschubbert und sich danach zum Sandburgbau an die Uferböschung begibt.

Ich setze mich auf eine Parkbank, um sie einerseits gewähren zu lassen und andererseits ihr Tun genau im Auge zu behalten und gegebenenfalls pfeilschnell und mahnend den Finger heben zu können, wenn sie sich klammheimlich einen fingerdicken, grüngrauen Gänsehäufchenimbiss einverleiben möchte (klammheimlich ist, nebenbei bemerkt, schon immer mein Lieblings-Hendiadyoin gewesen: wie Trüffelschweine waren wir ab der 9. Klasse in lateinischen Texten auf der Suche nach diesem Stilmittel, gedrillt von Herrn Konrad R., den ich verehrte, so streng und unbeliebt er auch war).
Das Hundetier und ich haben uns im Laufe der Jahre hervorragend eingespielt bei der Ausübung dieses perfiden Belauerungssports. Wachsamkeit, Geschick und Flinkheit sind hierbei alles, und ich gebe zu: meist liegt die Madame knapp in Führung, was ja auch keine Kunst ist, da ihr Rüssel den begehrten Trophäen naturgemäß näher ist als meiner.

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Ein sehr unösterliches Ostern war das.
Keine Auferstehung in Sicht, immer noch bleierne (Frühjahrs-?)Müdigkeit oder einfach ein konstitutioneller Durchhänger.

Der Lindt-Goldhase, den mir mein großer Freund S. schenkte, bekam am Ostermontag auf den letzten Drücker und ganz unerwartet noch Gesellschaft von einem kleinen Goldhäschen und ein paar Lindor-Eiern. Die kleinen roten. Als hätt’s der Schenker gewusst, dass genau das die Ostereier meiner Kindheit waren.

Der Papa war Jahr für Jahr am frühen Morgen des Ostersonntags mit 10 bis 15 dieser köstlichen Minischokoeier in der Wohnung unterwegs. Während die Mutter und ich noch schliefen, spielte er den Osterhasen und versteckte diese Leckereien für mich.
Zusätzlich noch ein paar handgefärbte, echte Eier. Die platzierte er meist bruchsicher an den immer gleichen Stellen: im Futterschälchen von Cocolinos Käfig, im tönernen Kerzenständer im Bücherregal und – nach dem Herausdrehen der Glühbirne – in der Fassung der weißen Lampe mit dem verchromten Fuß, die auf dem schwarzen Ecktisch stand.

Der Ecktisch hieß so, weil er die Ecke zwischen dem Zweisitzer und dem Dreisitzer der Ledercouchgarnitur, die ich nie leiden konnte, bis auf einen kleinen Spalt passgenau ausfüllte. Er war einer der wichtigsten Orte meiner irgendwie zu kurz geratenen Kindheit. Wenn die Eltern stritten, kroch ich unter diesen ca. 40cm hohen Tisch und versteckte mich dort und wagte mich manchmal stundenlang nicht mehr hervor.
Als sich die Verweildauer unterm Ecktisch indirekt proportional zum Freudefaktor der elterlichen Ehe zu verhalten begann, richtete ich mir dort unten ein kleines Lager ein, ausgestattet mit dem Nötigsten, wie es immer so schön heißt. In meinem Fall waren das irgendein Knabberkram, etwas zu Trinken, eine Wolldecke, der Olympia-Waldi, mein Hansipolster und das kleine Notizbüchlein samt Stift, denn selbstverständlich führte ich akribisch Buch über meine Ecktisch-Aufenthalte und die Beobachtungen, die ich – durch den schmalen Ritz zwischen den beiden Sofas bang ins Wohnzimmer spähend – so machte (oder machen musste).

Auch die kleinen roten Lindt-Eier wanderten oft in mein Survival-Depot. Womit wir wieder bei Ostern wären, wovon ich ja eigentlich berichten wollte und nicht von einer dieser zermürbenden Retrospektiven auf biografisch längst Kompostiertes. Sondern von Ostern, wie es früher mal war und wie ich es mochte. Genauer: von der Eiersuche.

Der Papa war kein geschickter Versteckfinder, die meisten Eier leuchteten rotglänzend und dadurch besonders gut sichtbar aus ihren Verstecken hervor und ich musste mich weder recken noch strecken, um sie meist schon beim Betreten eines Raumes mühelos zu entdecken. Des Papas Bemühen, mir mit der frühmorgendlichen Versteckerei eine Freude zu machen, rührte mich als Kind so sehr an, dass ich mich meinerseits bemühte, so zu tun als hätte ich allergrößte Mühe, die kleinen Lindt-Eier zu finden. Selbst mit den großen, bemalten Eiern ließ ich mir Zeit, obwohl man Tomaten auf den Augen hätte haben müssen, um die zu übersehen.

Ich tappte also mehrfach von Zimmer zu Zimmer und stellte mich bei der Suche so ungeschickt an, dass der Papa, geduldig wartend immer tiefer in den Zweisitzer einsinkend, weil das Töchterchen dermaßen lang erfolglos umherirrte, irgendwann anfing, mir Tipps zu geben.
Kleine, knifflig gemeinte Hinweise wie beispielsweise Denk mal an Fasching! und dann tat ich, die ich das Ei im Hut des Holzclowns neben den Bildbänden schon längst gesehen hatte, so, als würde ich noch ein wenig grübeln müssen, bis mir schließlich beim Schweifenlassen des suchenden Blickes über die Regalwand – endlich, endlich! – der Clown ins Auge stach und ich übertrieben freudig – Ach ja, genau, der Clown, der passt ja zum Fasching! – nach dem roten Schokoei grapschte.

So ging das jedes Jahr dahin, bis zum letzten Ei, und alle waren eine Eiersuche lang glücklich, auch die Mutter, die während der Eierodyssee aus ihren Gemächern zu uns schwankte und sich auf den Dreisitzer drapierte und der Suchorgie kreislaufschwach vor sich hin blinzelnd beiwohnte, ein Zustand familiärer Harmonie und Friedlichkeit, den es ganz unbedingt in die Länge zu ziehen galt, in der Hoffnung, dass er vielleicht noch bis nach dem gemeinsamen Osterfrühstück oder gar bis nach dem Osterspaziergang anhalten würde.

Mein glücklichstes Ostern war zweifellos jenes, an dem uns bei diesem Spaziergangsritual jener Welpe über den Weg lief, der mein erster Hund werden sollte. Dieses Glück half mir über so manch trostlose Ecktischstunden hinweg, denn von da an hatte ich immer eine verlässliche Gefährtin an meiner Seite, auch in meiner kleinen Survival-Höhle, und eines Tages übernahm sie meinen dortigen Beobachtungsposten, weil ich endgültig zu groß geworden war, um mich noch unter diesen Tisch zu zwängen und so überließ ich ihr den für mich zu eng gewordenen Dachsbau und ich durfte fortan die letzten Etappen des Rosenkriegs ungeschützt mitansehen.

Ja: durfte. Denn ich war trotz aller Splitter, derer man sich im näheren Umkreis dieser Gefechte kaum erwehren konnte, froh darum, das meiste mitzubekommen und nachvollziehen zu können, weshalb es nötig und wichtig war, dass die Parteien letztlich auseinandergingen.

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Die Frühlingssonne steht mittlerweile hoch genug, um die zur Ostseite hin gelegenen Räume jeden Morgen ganz wunderbar mit Licht zu durchfluten, in diesem unbarmherzigen Flutlicht aber zugleich auch das zum Vorschein zu bringen, was der flache Winkel der Wintersonne (zusätzlich verstärkt durch die bis vor kurzem völlig verdreckten Fenster) noch gnädig vertuscht hatte.

Diverse Unebenheiten der letztjährigen Renovierungsarbeiten kommen nun zum Vorschein: Lolek, Bolek und Konsorten haben dann doch den einen oder anderen kleinen Pfusch hinterlassen, wie man nun sieht. Natürlich sind sie längst mit dem Salär über alle Berge und dort auch nicht mehr zu erreichen oder schuften sich anderswo in schlecht bezahlten Jobs die Seele aus dem Leib, so dass sie für Nachbesserungen leider keine Kapazitäten mehr frei haben.

So legt man jetzt eben selbst Hand an, schleift hier und da etwas ab, zieht da und dort etwas nach, justiert und montiert neu, liest sich in Lackiertechniken ein, spritzt eine Probefuge, kratzt sie wieder heraus, oder sucht mit einem Magneten den Türstock der Schiebetür nach den Befestigungsschrauben derselben ab, die der Handwerker seinerzeit perfekt plattgehobelt und zugepinselt hat („Isse schöner so!“), ohne allerdings – wie munter hobelnd zunächst noch zugesagt – vor dem Zupinseln eine kleine Skizze anzufertigen, wo man die Schrauben ggf. wiederfinden würde.

Betrachten wir’s als ein Sich-Vertraut-Machen mit Nischen und Feinheiten des eigenen Zuhauses, das schadet einem ja nicht, höchstens dem elenden Ellbogen setzt es zu.

Als Ausgleich dazu nach monatelanger Suche endlich eine Stehlampe fürs Wohnzimmer gefunden. Grauenhaftes Gegoogel, bis man sich da überhaupt mal einen Überblick in diesem Dschungel verschafft hat! Immer nach spätestens einer Stunde Kopfweh bekommen (manchmal allein wegen der Preise: es muss massenhaft Menschen geben, die sich Stehlampen im Wert eines Kleinwagens kaufen wollen/können, oder wie erklärt es sich, dass diese Lichtobjekte auf dem Markt überleben?) und es entnervt wieder bleiben lassen. Und eines Abends dann durch Zufall doch noch fündig geworden.

Heute mal in das Geschäft spaziert, um das Ding in echt zu besichtigen.
Pardon, es heißt ja nicht mehr Geschäft, man nennt das jetzt Showroom. Das gute alte Geschäft hat ausgedient, das Möbelhaus eh.
In diesen Showrooms laufen lässige Showmaster herum, keine schnöden Verkäufer mehr. Jeder von denen trägt ein mattsilbriges Tablet mit sich herum, hat man eine Frage – und die meine war heute eine ganz simple, nämlich: Wie zum Teufel schalt‘ ich diese Funzel ein? – loggt sich der personal consultant in den entsprechenden room ein, in dem man grad ganz real steht und ebenso analog wie erfolglos an dem Schalter der Lampe herumdrückte, und bringt per Mouseclick das Ding zum Leuchten. Never seen before – mir, dem entmündigten Kunden, unfähig eine Lampe allein anzuknipsen, bleibt vor lauter Staunen der Mund offen stehen. Fremd bin ich geworden, in manchen Sphären der Konsumwelt.

Die Lampe ist aber toll. Ich trage sie mir in eine stille, leere und eher dunkle Ecke am Rand der riesigen Lampenbühne, damit ich mal mit ihr allein sein kann. Bitte den smarten Simon, der sich mit seinem Tablet diskret hinter ein paar voluminösen, mit japanischem Reispapier ummantelten Lichtobjekten aufhält, um ja nicht aufdringlich zu wirken, dann nochmal, sie mir auch dort, in meinem entlegenen Eckchen, erneut einzuschalten.

Dann stelle mich neben sie, setze mich unter sie, betaste sie rundum, trete ein Stück beiseite und lasse sie einfach mal auf mich wirken. Diese Dinge, mit denen man länger zu leben beabsichtigt, wollen ja erstmal be_griffen werden, bevor man sie sich ins Haus holt und ein veritables Zusammenleben beginnen kann.
Größe passt, Farbe passt, Lichtkegel und -intensität auch. Zeitloses Design, sehr geringes Risiko also, dass man sie schon in 5 oder 10 Jahren nicht mehr erträgt.

Und sie ist dimmbar, das ist mir wichtig. Ich liebe dimmbare Lampen. Je älter ich werde, desto mehr, denn damit lassen sich eventuelle Unebenheiten – in der Wohnung wie auch in der Visage und im Leben – einfach mal mit milder Schummerbeleuchtung kaschieren oder ganz wegzaubern, wenn man sie nicht mehr sehen will.
Ein kleines Schieben mit dem großen Zeh auf dem sehr kommoden Fußschalter genügt – und schon ist die Atmosphäre wonnig, weich und warm. Herrlich!

Wieder so ein Objekt, das der Versmoothieierung ihren Weg zu einer immer umfassenderen Regentschaft über uns Freunde der Weichzeichnerei, des Rumdum-Airbags und der Pürierung der Lebenswelt weiter planiert.
Vor langer Zeit schrieb ich mal einen Blogbeitrag über diesen Paradigmenwechsel in der Handhabung des Lebensalltags – und es wär‘ eigentlich an der Zeit, denk ich grad, diesem Beitrag einen weiteren folgen zu lassen, Notizen dazu gäbe es ja längst.

Für heute aber genug der Worte, die letzte Nacht war schrecklich und kurz, das Abendgassi ruft – und dann nichts wie ab ins Bett.
Kommen auch Sie erleuchtet und gut durch die ausgehende Osterwoche!
Ihre Kraulquappe.

Song des Tages (32).

Ein kleiner Ausschnitt aus dem Soundtrack meines Lebens (nach langer Zeit mal wieder gehört, auf dem nächtlichen Heimweg vom Schwimmbad): Something in the night.

Einer dieser Songs, die – wenn man so richtig eintaucht in Text und Ton – weit mehr als nur eine fünfminütige Momentaufnahme oder ein Schlaglicht sind.
Einer dieser Songs, die eine Geschichte erzählen, genauer gesagt: ein Drama.

Ein Drama, das über seine Handlung hinaus so reich an Platzhaltern und Metaphern ist, dass es einem jeden freisteht, hineinzufüllen und herauszulesen, wonach auch immer es ihn drängt. Oder die Leerstellen und Sinnbilder so zu belassen, wie sie sind – als ein Etwas in der Nacht.
Ein Etwas, das sowohl zum Jäger als auch zum Gejagten wird, ein ewiges Wechselspiel zwischen Vergeblichkeit und Verdammnis, dem man sich entweder ausliefert oder dessentwegen man sich tunlichst aus dem Staub macht.

Wohl besser Letzteres, um nicht als Versehrter zu enden oder von der einst so süßen Lady Luck, die sich während dieses Trips als bitterer Mister Misfortune entpuppte, gar den Schierlingsbecher in die klammen Hände gedrückt zu bekommen.

Dieser ebenso simple wie wuchtige Song: ein klassisches Drama, allerdings eines in nur vier Akten statt der üblichen fünf – denn es endet unmittelbar nach der Retardation.
In seinem vierten und finalen Akt werden die Lyrics nur noch von den Drums begleitet – doch was heißt „nur noch“?!

Diese Beats: einem wummerden Herzschlag gleich (so überdeutlich, wie durch ein Stethoskop), ob es der eigene oder der der Nacht ist, das bleibt ebenso im Dunkeln wie eigentlich der ganze Song – vom Piano-Intro über den Urschrei, die Story, das Verschwinden der Band bis hin zu diesem so reduzierten, schlichten, existenziellen Pulsieren – mehr oder minder blind durch die Finsternis irrt.

Es ist daher nur folgerichtig, dass das Stück vor dem fünften Akt, in dem es zur Katastrophe (sehr wahrscheinlich) oder zur Auflösung (hier eher unwahrscheinlich) kommen könnte, retardiert, dass es also sekundenlang in diesem eindringlichen Pochen verharrt und anschließend mit demselben Schrei, aus dem es geboren wurde, ausklingt, um nicht zu sagen abstirbt – und einen erschüttert und verloren zurücklässt (dieser Schrei: eine Reprise ist er, kein Schluss, denn das wäre zu einfach, viel zu einfach).

Einen zurücklässt in der Dunkelheit der Nacht, irgendwo auf einer dieser undeutlich eingezeichneten Straßen der eigenen Lebenslandkarte, auf denen die Gefahr lauert, sich gnadenlos zu verfahren, an den entscheidenden Kreuzungen falsch abzubiegen, irgendwo unterwegs in der Düsternis wegen Spritmangel liegenzubleiben oder wegen schlechter Sicht in die Leitplanke zu rauschen.

When we found the things we loved
They were crushed and dying in the dirt
We tried to pick up the pieces
And get away without getting hurt

Und hier der komplette Text zu den vier Akten:

Standing on a ledge oder: Der Krebs und sein Gang.

Traf ich dieser Tage den J. wieder.
In herrlich milder Luft sitzen wir draußen und trinken Tee.
Der Name des Cafés so verheißungsvoll wie das Wetter: Der LENZ ist da (tralala & verhext & grün & hopsasa).

Lange hatte ich ihn nicht gesehen, er war sehr absorbiert. Von einem hartnäckigen Karzinom. Und noch mehr von all den Medikamenten und den Therapien vorher und nachher und überhaupt. Hatte sich sehr zurückgezogen. So sehr, dass ich das mit dem Krebs zunächst von einer gemeinsamen Bekannten erfuhr und nicht von ihm.

Normalerweise verabreden wir uns nicht, J. und ich, sondern laufen uns zufällig über den Weg (wie das üblicherweise zwischen uns war, können Sie hier nachlesen, dann sind Sie im Bilde).
Eine Krebserkrankung kann solche Verhaltensmuster schon mal verändern. Plötzlich ein Gefühl von Endlichkeit oder zumindest eines von Nicht-mehr-blind-drauf-vertrauen-Wollen, dass man einander schon – wie in den 20 Jahren zuvor – alle zwei Jahre im Park, auf der Straße, an der Isar, im Schwimmbad oder auf dem Berg begegnen würde.
Nun sitzen wir also, explizit verabredet, in einem Café. Das ist neu für uns.

Ich mustere ihn verstohlen. Ob die Krankheit ihn verändert hat. Ob sie seiner Sportlerstatur etwas anhaben konnte. Ob die grauen Locken noch dieselbe Länge und Dichte haben. Ob die Gesichtszüge andere sind als bei unserer letzten Begegnung. Ob man ihm mittlerweile sein Alter ansehen kann, ihm, dem völlig Zeitlosen und ewig Frischen.
Seine Stimme zu hören, und sie auch so gänzlich unverändert wahrzunehmen, tut mir gut. Sie gehört zu den wenigen Stimmen, die ich mit geschlossenen Augen memorieren kann und das schon seit über 30 Jahren. Ein schönes, weiches Münchnerisch, durchsetzt von ein paar Dialektsprengseln des Oberlands, vielleicht aus Mittenwald, wo J. geboren wurde oder aus Lenggries, wo er aufwuchs.
Der Blick hinter seiner John-Lennon-Brille ist noch derselbe wie eh und je, froh, wach und lebendig, nur vielleicht etwas müder geworden, aber diese Interpretation kann auch meiner eigenen momentanen Müdigkeit geschuldet sein.

Wir haben uns nebeneinander gesetzt, so können wir beide den Rücken an die Hauswand lehnen und in die Sonne gucken.
Sprechen über dies und das. Über alte Zeiten. Über gemeinsame Stationen, damals. Über den Papa, natürlich. Über das letzte Jahr. Über das Jetzt. Über den Krebs. Über den Umgang damit. Über Metastasen und Chemotherapie und Bestrahlung. Über Heilung, Chancen und Heilungschancen.

„Jetzt sitzen wir hier, wir zwei Krebse“, sagt er, „und sprechen über Krebs!“.
Er lacht verschmitzt und meint, das sei eh die ganze Zeit über seine Devise gewesen: drauf zu vertrauen, dass ein Tag komme, an dem Krebs wieder einfach nur (s)ein Sternzeichen sei, dem er keine größere Bedeutung schenken müsse. Und dass er ja momentan als geheilt gälte.
Ich frage nach, will die ganze Geschichte hören, sofern er sie erzählen möchte, denn es ist ja manchmal so eine Sache mit den eigenen Krankheitsgeschichten: sie nerven einen ab einer gewissen Wiederholung – wie eine Platte, die hängengeblieben ist – und machen einen dann bei jeder weiteren eher noch kränker als dass einem das Erzählen noch irgendeine Erleichterung verschaffte.

J. stört das nicht, er erzählt mir bereitwillig alles, chronologisch, ruhig, mit einigen Pausen dazwischen.
Wir sehen uns die meiste Zeit dabei nicht an, weil wir ja nebeneinander sitzen und Richtung Sonne blicken, das fühlt sich entspannt an. Auch daran erkennt man vertraute Menschen: dass man auch nach langer Zeit ohne Warmwerdenmüssen und ohne Holprigkeiten über alles miteinander sprechen kann, dass man sich nicht dauernd ansehen muss (es gleichwohl mühelos könnte), dass man Pausen gut aushält, dass man nebeneinander sitzen kann und sich keine Gedanken über den passenden Abstand machen muss.

Fasziniert bin ich vor allem davon, dass J. während der gesamten Chemotherapie wöchentlich 1x auf einen Berg stieg, immer am Tag vor der Infusion, immer alleine.
Einmal habe er sich im Wochentag geirrt („es war ja alles so gleich in diesen Monaten“) und da rief die Assistentin aus der Onkologie vom Rechts der Isar ihn dann auf dem Handy an und fragte, wo er denn sei.
– Draußen sei er.
Ja wo denn „draußen“, wollte sie wissen.
– Auf einem Felsvorsprung sei er, in dem Ammergauer Bergen.
Aber das dürfe er doch nicht, er solle doch zuhause sein und sich schonen oder draußen nur mit Mundschutz unterwegs sein und schon gar nicht bergauf, das sei viel zu anstrengend, viel zu riskant.
– Na das hätte er ihr auch nicht freiwillig erzählt, aber sie habe ja nicht aufgehört, ihn zu fragen.
Jedenfalls zwang sie ihn dann doch zur Umkehr, weil die Infusion noch an dem Tag hat sein müssen, also stieg er halt wieder hinab („schad‘ um die Klammspitze, ich war fast schon oben!“) und fuhr zurück in die Stadt, direkt zur Klinik.

Er legt mir die Hand auf den Arm nach diesen Worten und schaut mich von der Seite an und sagt: „Ich wusste, dass ich hinauf gehen muss. Weil ich das doch mein Leben lang gemacht habe. Seit fast 60 Jahren gehe ich immer hinauf, erst recht, wenn es hier unten beklemmend wird. Ich wusste, wenn ich das jetzt bleiben lasse und mich daheim einsperre und mit Mundschutz auf den nächsten Termin warte, dann geh ich drauf.“
(Dass er sich das an dem einen oder anderen Felsvorsprung, den er in dieser Phase passierte, ebenfalls gedacht habe, auch das verschweigt er mir nicht.)

Wir bestellen ein zweites Getränk, reden über die Berge, auf denen jeder von uns in der letzten Zeit so herumturnte, in welcher Verfassung auch immer (man hätte sich mehrfach treffen können oder zumindest zuwinken), und darüber, was das mit uns macht, und wieso man das Glück und vielleicht sogar Heilung findet, dort oben.
Denn Heilung bedeutet auch, dass man spürt, was einen noch trägt, wenn vieles aufhört, einen zu tragen.

Die Sonne verabschiedet sich aus der Ludwigsvorstadt und verschwindet allmählich hinter der Ruhmeshalle, um ihre letzte Abendrunde durch die Schwanthalerhöhe zu drehen.
Innerlich randvoll (Gedanken, Gefühle: das Leben, der Tod, der eigene Weg, die Begleiter auf diesem, die Richtungswechsel, die Sackgassen, was war, was ist und was wird noch sein können?) gehe ich nach diesen Stunden nachhause und höre mir das Lied an, das mir zum Felsvorsprung gleich in den Sinn kam (I’m standing on a ledge…) und sowieso gut zu J. passt: some kind of gypsy boy, schon immer.

Der heutige, unerwartete Wintertag lässt’s zu, das Erlebte noch in Worte zu fassen, und auch der morgendliche Termin hat wieder einen Tropfen Öl in das viel zu oft klemmende innere Schloss eingebracht, auf dass es geschmeidiger und leichtgängiger werde und der Schlüssel sich drehen möge. Rechts herum!

Von Tauben und Menschen.

*****

Ich stehe in der Abflughalle eines Flughafens und warte auf den Freund.
Wir haben einen gemeinsamen Termin, etwas wichtiges Zukünftiges hängt daran.
Die Zeit drängt, eine Lautsprecherstimme hat das Gate ausgerufen. Vom Freund weit und breit keine Spur.
Ein geradezu typischer Zustand. Seine Unsichtbarkeit und Unzuverlässigkeit bin ich längst gewohnt, daher versuche ich, nicht sofort nervös zu werden, denn erfahrungsgemäß kommt er meistens noch. Zwar auf den letzten Drücker und oft in desolater Verfassung, aber er kommt.
Das Gate wird ein zweites Mal ausgerufen. Jetzt werde ich doch unruhig, greife zum Handy, rufe den Freund an. Wie immer klingelt es ins Leere, auch das bin ich längst gewöhnt. Es gibt keinen Menschen, den ich so zuverlässig nicht erreiche wie ihn.
Ich versuche es mit einer Textnachricht: Wo bist du? Ruf mich bitte an, es ist dringend!

*****

Kurz darauf ruft er tatsächlich zurück. Ist nach meiner aufgebrachten Frage, wo er denn bliebe, ganz erstaunt, dass unser Flug heute, genauer gesagt jetzt dann geht (ja sowas, ist denn schon Mittwoch?, will er wissen – Nein, sage ich, es ist Dienstag, aber unser Flug war schon immer für den heutigen Dienstag gebucht!).
Oh, dann hätte er sich wohl im Tag geirrt, mache sich aber nun auf den Weg und würde sich beeilen.

Wir beenden das Telefonat umgehend, weil wir keine Zeit mehr zu verlieren haben und mir ohnehin nichts mehr zu sagen einfällt.
Ich bin sprachlos ob dieser Vergesslichkeit. Nehme meinen Rollkoffer und mache mich auf den Weg zum Gate.

*****

Als ich auf dem Laufband stehe, folge ich einem Impuls: ich habe Lust loszurennen. Ich renne so schnell ich kann, unter mir das sich ebenfalls vorwärts bewegende Laufband, das dadurch entstehende Körpergefühl finde ich äußerst ulkig und denke: Lustig, das ist ja, als würde man sich gleich selbst überholen und abheben und fliegen. Herrlich!
Am Ende des Bandes angekommen setze ich den ersten Fuß (immer noch im Laufschritt) auf den hell gefliesten, blitzsauberen Boden und stürze beinahe kopfüber, weil der Untergrund ja nun nicht mehr rollt. Huch!

Etwas außer Atem komme ich am Gate an. Trete zu der langen Fensterfront, von der aus man wie von einer Empore auf das Rollfeld hinabschauen kann. Greife in die Manteltasche, um das Handy herauszuholen und dem Freund nochmal Bescheid zu geben, dass ich jetzt im Wartebereich bei Gate 261 sei und dass die Maschine noch nicht da sei, er es also vielleicht noch schaffen könne, wenn er die Beine unter die Arme nähme.

*****

Während ich seine Nummer in der Kontaktliste suche und mehrfach über das Display wische, denn bis zu seinem Namen muss ich diese Liste bis unten durchscrollen, fällt mein Blick auf das Rollfeld.

Dort unten tanzt jemand, umringt von Tauben. Kann das sein? Mitten auf dem Rollfeld?
Ich schaue genauer hin und erkenne in dem Tanzenden den Freund. Er tanzt nicht im herkömmlichen Sinne, sondern er dreht sich auf der Stelle, ein bisschen wie in Trance, immer um die eigene Achse – Was für eine grandiose Symbolik!, denke ich sofort, denn nichts könnte besser passen -, fuchtelt mit einem Gegenstand herum, macht Wurfbewegungen, die Tauben umflattern ihn, und als ich noch genauer hinsehe, entdecke ich, dass es eine kleine Papiertüte ist, mit der er herumfuchtelt und in die er immer wieder hineingreift, um ein Stück von einer Semmel abzubrechen.
Den Teigbrocken zerpflückt er dann in viele kleine Stückchen und wirft sie den Tauben zu, die Geschickten fangen die Krumen gleich im Flug auf, andere schwirren hektisch um ihn herum und gehen leer aus, ein paar der Vögel warten faul am Boden sitzend darauf, dass dem Freund ein Bröckchen aus der Hand oder einer anderen Taube eines aus dem Schnabel fiele und sie auf diese Weise etwas abbekämen.

*****

Staunend betrachte ich dieses Spektakel und mir wird klar: der Freund hat mich vergessen und er hat auch vergessen, dass er sich gerade eben noch beeilen wollte, so wie er zuvor auch den Flug vergessen hatte, und wie er ohnehin so vieles vergisst (oder ausblendet oder abklemmt), weil er in seiner ganz eigenen Realtiät lebt, die nur eine kleine Schnittmenge mit der Wirklichkeit da draußen hat (jene Wirklichkeit, in der es Freunde und Uhrzeiten und Flüge und Termine und Zukunftspläne gibt) – und oft wohl nicht einmal die.

Ich lasse mein Handy zurück in die Manteltasche gleiten. Betrachte ihn, wie er sich da unten auf dem riesigen, betonierten Rollfeld um sich selbst dreht und dabei Tauben füttert, er tut das mit einer Selbstvergessenheit wie man sie von einem Kind kennt, das einem plötzlich daherfliegenden Ahornblatt oder Schmetterling hinterherläuft, ganz fasziniert von der Buntheit des einen oder dem Flügelschlag des anderen, und das darüber völlig vergisst, dass es ja auf dem Weg zur Schule oder zur Klavierstunde oder wohin auch immer war – und das folglich zu spät kommen oder sich verlaufen oder nicht mehr wissen wird, wohin es eigentlich unterwegs war.

(Tatsächlich sah ich den Freund einmal – fernab jedes Orts- und Zeitgefühls, wie mir schien – auf einer betonierten Fläche stehen und Vögel füttern. Krähen waren es. Und er tanzte nicht.)

*****

Auf einmal hält der Freund kurz inne, dreht dann eine letzte Pirouette. Besonders schwungvoll soll sie aussehen, sie wirkt aber einfach nur affektiert.
Anschließend taumelt er mit herumrudernden Armen, um das Gleichgewicht nicht zu verlieren, auf eine Parkbank zu, die am Rande des Rollfelds steht. Ein Mensch sitzt dort, von hinten sehe ich nur dessen Umrisse.

Die Tauben erschrecken über den plötzlichen Ausbruch des Freundes aus ihrer Mitte, flattern wild auf und quittieren den unerwarteten Abbruch der Fütterung mit lautem Kreischen.
Es ist ein großer Schwarm, wie ich jetzt erst bemerke. Dutzende Vögel sind dort unten und sie kreischen so laut, dass ich es bis hinauf in den Wartebereich von Gate 216 hören kann. Als der Freund die Bank erreicht hat, landen sie wieder und sind still.

Plötzlich ist meine Perspektive auf das Rollfeld eine andere und ich kann erkennen, dass es die Mutter ist, die dort unten auf der Bank sitzt.
Der Freund redet nun mit der Mutter, ich sehe auch, wie ihre Lippen sich bewegen und noch mitten im Traum denke ich verwundert: Sieh an, von den Toten auferstanden ist sie und sogar die Sprache hat sie wiedergefunden, trotz ihrer Krankheit…
Er hält ihr die Papiertüte hin, in der sich die Semmeln befinden, neigt sie etwas nach vorn, damit die Mutter hineingreifen und sich ein Stückchen abrupfen kann. Als er merkt, dass ihr diese Bewegung schwerfällt, setzt er sich neben sie auf die Bank. Blass sieht er aus. Und abgemagert.

*****

Gemeinsam werden sie gleich die Tauben füttern, denke ich. Aber ich werde es nicht mehr sehen, der Flug wird soeben zum letzten Mal aufgerufen, ich muss mich auf den Weg machen.

Das Letzte, was ich sehe, ist das welke, bleiche Gesicht der Mutter, die kloßartig auf der Bank sitzt (oder ist’s gar ein Rollstuhl?), nahezu reglos bis auf ein müdes Lächeln, als sie unendlich langsam in die Semmeltüte hineingreift.
Verblichen ihre Theatralik und ihr Talent, sich bestmöglich in Szene zu setzen und der ganzen Inszenierung ihre ureigene, oft für ach so genial gehaltene Note aufzudrücken, um nicht zu sagen: ihre Fanfare.
All das ist verblichen, ihr Auftritt endlich mal ruhig und unspektakulär.

Ich empfinde eine tiefe Zufriedenheit beim Anblick dieser so neuen und ungewohnten Wahrhaftigkeit und bin zugleich der Fensterfront dankbar, dass sie mich durch ihre dicken Glasscheiben spürbar von dieser Szenerie trennt, dass sie mich abschirmt von den beiden dort unten.
Von Menschen, die den Vogel, den sie haben, ebenso regelmäßig wie selbstverliebt mit der Taube des Heiligen Geistes verwechseln.
Von Menschen, die so in sich und ihre Welt verschraubt sind, dass sie nie dort waren, wo sie hätten sein müssen, manchmal vielleicht sogar sein wollten.
Wo man fest mit ihnen rechnete.
Wo man sie gebraucht hätte.
Wo man auf sie gewartet hat.
Vergeblich.

Das Letzte, was ich in diesem Traum denke, ist: Da haben sich ja zwei gefunden, sollen sie mal zusammen dort unten hockenbleiben – ich werde jetzt fliegen.

Es ist ein friedlicher Gedanke, gleichwohl folgt ihm ein innerer Aufruhr, ein mahnendes, anklagendes: Warum bin ich nicht schon längst geflogen?

*****

Mit diesem Gefühl wache ich auf.
Finde mich in Seitenlage ganz nah an der Bettkante vor, dem Bettinneren zugewandt, nicht dem Abgrund.

Das Erste, was ich wahrnehme, als ich die Augen öffne, ist ein auf Brusthöhe und von dort im 90°-Winkel von mir weggestreckt liegendes, ellenlanges Dackeltier, das mit seiner Nasenspitze fast bis zur anderen Bettkante reicht.
Unser einziger Kontakt: ihr Hinterteil an meinem Solarplexus, eine der sensibelsten Stellen meines Körpers.

Ein Arzt fragte mich vor vielen Jahren einmal, ob und wenn ja, wo an bzw. in meinem Körper ich mich (wir wollen uns hüten, vom wahren Selbst oder der eigenen Mitte oder irgendetwas in der Art zu faseln) denn am deutlichsten fühlen oder verorten würde.
Ganz spontan tippte ich damals auf den Solarplexus und sagte: „Da wohne ich!“
Und so ist es geblieben: wenn ich überhaupt irgendwo in mir wohnhaft bin, dann exakt dort.

Ein warmes, weiches Dackelhinterteil beim Aufwachen aus so einem Traum an genau diesem Punkt innerster Heimat und größter Empfindsamkeit zu spüren – das ist wunderbar.

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Beim Duschen nochmal über den Traum nachgedacht und mich im Zuge dessen an den Tauben-Song schlechthin erinnert: When doves cry.

Den Text beim Haarewaschen repetiert (ein wandelndes Songbook der 70er und 80er Jahre bin ich, nichts sonst – von ein paar Schiller-Balladen und einer Handvoll anderen Gedichten mal abgesehen – konnte ich mir je so schnell und nachhaltig einprägen wie Liedtexte).

When doves cry. Noch ins Handtuch gewickelt in YouTube nach der Musik gesucht. Ewig nicht mehr gehört.
Lieber nicht das Video von dem Toten (so nackt, so verloren, so dunkel), sondern dieses hier (eh die bessere Stimme):

Maybe I’m just too demanding
Maybe I’m just like my father too bold
Maybe you’re just like my mother
She’s never satisfied (She’s never satisfied)
Why do we scream at each other
This is what it sounds like
When doves cry

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Alle Zeit der Welt oder: Es hängt.

Ein schwieriger und seltsamer Tag heute.

Im Grunde fing’s schon gestern an, mit der Zitterpartie im Innenstadtklinikum (je älter, desto verspannter vor und bei speziellen Arztterminen), der Hagebuttenkrapfen im Anschluss und der überfällige Erstbesuch der Buchhandlung hier im Viertel haben’s kurzfristig ein bisserl rausgerissen…

Das „Buch & Bohne“, endlich mal aufgesucht.

…abends folgte noch das wöchentliche Zähneputzritual mit dem Dackelfräulein, ein die Nerven aller Beteiligten stets ziemlich strapazierendes Unterfangen, dessen Durchführung uns die Tierärztin täglich anriet, was absolut undenkbar ist.
Danach ein niederschmetternder Austausch mit einem, der in eine Nachfrage ein Urteil hineininterpretierte, seinerseits aber nicht nachfragte, ob er damit richtig läge, sondern brüskiert zu dem Schluss kam, ich hätte ihn extrem missverstanden – und auch dabei blieb (was soll man da noch tun, sagen, denken?).

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Heut Morgen dann früh raus und – wie in alten, vertrauten Springsteen-Vorverkaufsbeginn-Zeiten – mit Kaffee und Kreditkarte bewaffnet an den Schreibtisch gesetzt, vor fünf Browserfenstern wartend, vermeintlich gewappnet für alles, trotz begleitender gastrointestinaler Symptome (wie immer bei solchen Anlässen konstatierend: zu dünnhäutig und zu wenig robust, für so vieles), sich nach 15 Minuten gefragt, warum man sich diesen Mist eigentlich antut (man möcht‘ so gern einfach wo anrufen oder hingehen und sagen: „Guten Morgen, ich hätt‘ gern zwei Karten für…“), denn es kommt, wie es kommen musste, sobald der Online-Vorverkauf freigeschaltet wird: das erste Fenster hängt sich wegen Überlastung des Servers auf, das zweite bricht kurz vor dem Bezahlvorgang ab, das dritte verkündet, man sei bereits eingeloggt und könne sich nicht erneut einloggen, das vierte zeigt eine Sanduhr und im Hintergrund verschwommen den Warenkorb und das fünfte schafft ums Verrecken den Bildaufbau der Saalplanmaske nicht.

Also alles wieder von vorne, parallel auch noch alles auf dem Laptop – und nach 45 Minuten sind tatsächlich zwei Theaterkarten bestellt, für den Geburtstag des Gatten. Darauf einen Nutella-Toast!
Das eigentliche Geschenk ist ja in solchen Fällen sowieso der Buchungsvorgang, nicht etwa der Theaterbesuch (denn der Gatte wäre allein wohl gar nicht bis zu diesem Punkt gekommen, weil der hat’s nicht so mit den Widrigkeiten der Technik).

Aber jetzt haben wir ihn in der Tasche, den Ofczarek – für drei Stunden diese Stimme, diesen Dialekt und diese Wien-Visage der Extraklasse!

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Auch der weitere Tagesverlauf passt zu den fünf Browerfenstern am Morgen: er hängt.

Alles hängt, auch das, von dem man dachte, es würde jetzt voran- oder vorübergehen (muss man hier nicht im Einzelnen notieren, denn es geht ja auch vorüber, nur eben nicht heute).
Das Dackelfräulein nicht gut in Form: die Hormone mal wieder, bald wird sie Mutter, meint sie, und schaltet schon mal um auf den Omi-Schlurf-Modus, damit sie bis zur fiktiven Niederkunft möglichst ressourchenschonend über die Runden kommt (ein minimal zu strenges Wort und schon hängen die Ohren bis zum Trottoir hinunter und dazu ein Blick, als hätte man ihr ohne Anästhesie die Milz rausgerissen).
Mittags ein kurzer Besuch von dem, der sich missverstanden fühlte: ich bemühe und erkläre mich, und er meint schließlich, er glaubt mir nicht (was soll man da noch tun, sagen, denken?).
Danach ein Anruf vom Papa: dass die beiden neuen Parkinsontherapien ihn irgendwie überfordern und er nicht wisse, ob er da weiter hingehen solle, wolle, könne.
Irgendwann zwischendurch trudelt ein trostloses Foto ein, vom Gatten aufs Handy geschickt: darauf ein trostloses Hotel in einer trostlosen Stadt, eine Vortragsreise, gottseidank morgen schon wieder vorbei.
Vor dem Supermarkt schließlich ein uralter Hund: die Pfote verbunden, mit leerem Blick geduldig wartend, ein vorbeigehender Prolet pöbelt ihn an, weil der Hund ein wenig im Weg sitzt, woraufhin ich so tue, als wäre es mein Hund, zu ihm gehe, um so den Pöbler zu vertreiben, was auch gelingt und sogleich von einem schwachen Wedeln quittiert wird, aber ich (kurz vor dem Losheulen) flüchte schnell in den Laden.

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Am Abend ganz unerwartet ein Umschwung.
Bis dahin aber bereits so gerädert, dass man sich gar nicht gleich so richtig freuen kann, wenn eines der beruflichen Projekte sich plötzlich genau so fügt, wie man’s haben wollte, nahezu mit allen Details. Das ist doch was (hätte man’s nur morgens schon gewusst, dass das noch kommen würde).

Darauf einen Grünen Veltliner!
Und dem Papa eine Mail geschrieben, dass er doch bitte nicht so früh die Flinte ins Korn werfen solle, was die neuen Behandlungsmethoden beträfe, und dass ich ihm dankbar sei, weil er mich schon als Kind dazu ermutigt habe, immer offen zu artikulieren, was ich gern hätte und was nicht („Andere können nicht riechen, was du möchtest, das musst du ihnen schon sagen!“ / „Mehr als Nein sagen kann der andere ja nicht!“).

Meine Kindheit war keine allzu lustige oder schöne, aber dieser Appell, der war wirklich gut für mich.

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Das Murmeln der Wogen.

Gestern, beim Schwimmen im vom Winde aufgewühlten Wasser: der Rücken zu lange kalt beim Kraulen, die Nasenspitze fast eisig beim Rückenschwimmen, und doch die herbe Witterung so unerheblich, da innerlich so gedankenreich, dass es alle anderen Einflüsse überlagert.
Sätze und Bilder des Vormittagstermins flirren umher, unter sie mischen sich plötzlich ein paar fast vergessene Verse, erst aus einer Schiller-Ballade, danach dann Heine (ich weiß nicht mehr, ob ich zu der Zeit, als ich Lyrik noch aufsog wie ein Schwamm das Wasser, erst die Schiller-Phase hatte oder erst der Heine dran war oder ganz ein anderer, zu lang ist’s her).

Beim Heine bleibe ich hängen, „Der Schiffbrüchige“, ein Bruchstück aus dem zweiten Nordsee-Zyklus. Pro Armschlag ein Vers, pro Atemzug drei Verse, pro Bahn mehr als eine Strophe oder eben das, was die Erinnerung noch hergibt.
Ein Zusammensuchen dessen, was man mal konnte, wusste, parat hatte (und das passte eh gut zum Vormittagstermin, diesem Hinabtauchen in Gewässer, bis zu deren Grund man lang nicht hat blicken können oder wollen, so veralgt und verschlungen und dunkel dort unten).

Wer das Wasser liebt und das Schwimmen, der wird wissen, wie gut es sich da hineindenken lässt und wie es sich anfühlt, eine Welle mit den eigenen Armen beiseite zu peitschen (oder sie zu sich herzuholen und zu umarmen) und beim Luftholen kurz das Murmeln der Wogen zu vernehmen (oder auch die klare, reine Stille der fast völlig glatten Oberfläche).

Heute Vormittag nochmal diese Schiffbruch-Zeilen im Kopf, wieder im Wasserkontext, nämlich unter der Dusche.
Dann endlich die aus der Erinnerung gefallenen Textpassagen gegoogelt und nebenbei auf ein YouTube-Video gestoßen, das allerbeste, das man zu dem Gedicht hat finden können, zumindest das ich dazu für mich habe finden können, weil… (wie ich diese Stimme, diesen Klang, diesen Ausdruck liebe! sofort möcht‘ man ins Auto springen und ihn heut‘ noch einmal auf der großen Bühne sehen!)

Ach, hören Sie sich’s einfach selbst an.

(…) Und über mich hin ziehen die Wolken,
Die formlos grauen Töchter der Luft,
Die aus dem Meer, in Nebeleimern,
Das Wasser schöpfen,

Und es mühsam schleppen und schleppen,
Und es wieder verschütten ins Meer,
Ein trübes, langweilges Geschäft,
Und nutzlos, wie mein eignes Leben.

Die Wogen murmeln, die Möwen schrillen,
Alte Erinnerungen wehen mich an,
Vergessene Träume, erloschene Bilder,
Qualvoll süße, tauchen hervor! (…)

Cevedale oder: Neue Horizonte.

Heute die erste einer Handvoll (therapeutisch begleitender) Sitzungen, die zu Beginn dieses neuen Jahres (vielmehr aber zum Beginnen des Beendens eines langgehegten Lebensmusters) äußerst sinnvoll bzw. geradezu notwendig schienen.

Coach und Couch sind vertraut, das Dackelfräulein darf auch mit und rollt sich nach kurzem Begrüßungswälzen auf dem roten Teppich genüsslich auf selbigem ein (Donut-Style) und verschläft dort, selig berieselt von ihr bekannten Stimmen, das Stündchen.

Es geht heute um die „Blutegel“ in meinem Leben.
Nicht etwa um die, nach deren Ansetzen man angeblich schmerz- und entzündungsbefreit wie ein junges Reh durchs Leben springen würde. Sondern um die, deren Biss nichts als weh tut und deren Saugen überhaupt nichts bringt, sondern nur wertvollen Saft abzapft, der dann anderswo fehlt, nämlich im eigenen Energie- und Lebensfluss.

Warum aber – und das ist das eigentlich Spannende dabei – geht man wider besseren Wissens immer wieder in die Sümpfe hinein und holt sich dort einen neuen Blutegel? Und setzt den nutzlosen Sauger wieder an, mit dem ewig gleichen, negativen Resultat? Was soll diese Reinszenierung?

Etwas leer im Kopf verlasse ich die Praxis und spaziere durch die Altstadt Richtung Isar.
Am Isartorplatz fällt mein Blick in das Schaufenster eines großen Sport- und Outdoorladens. Auf einem der Riesenplakate erkenne ich die Birkkarspitze. Drüber zieht ein Adler seine Kreise, drunter steht „Neue Horizonte“.
Sehr ansprechend. Mir fallen sofort meine alten, undichten, abgelaufenen Bergstiefel ein, in denen ich neulich mit eiskalten Zehen durch den Schneesturm den Berg hinunterrutschte und in denen man dem Ruf des Adlers nicht mehr allzu gut folgen könnte.

Ich gehe in den Laden hinein. Paradiesische Ruhe dort, so am späten Vormittag. Die Symmetrie, mit der die Langlaufski an der Wand lehnen, farblich und nach Größe geordnet, eine wahre Augenweide.
Ein netter Verkäufer, dem ich im Unterschied zum IKEA-Katalog das (an sich unpassende) Geduze sofort nachsehe, kümmert sich mit einer Engelsgeduld um die Neueinkleidung meiner Füße, vermisst sie, bemerkt die beiden Spezialzehen und erhält dafür sofort einen Vertrauensvorschuss.
Das Dackelfräulein beobachtet das Geschehen ebenfalls mit ungewöhnlicher Engelsgeduld (gestern noch, mit dem Gatten telefonierend, lang über ihre Unart geschimpft, sich nicht einfach mal ohne Umschweife an einem ihr zugewiesenen, warmen und sicheren Platz ruhig niederlassen zu können – sie muss es gehört und sich zu Herzen genommen haben) und erhält dafür sofort einen Fressensvorschuss.

Die Atmosphäre ist so angenehm, dass sogar Zeit ist, sich mal mit ausführlichen Instruktionen zu Schnürtechniken zu befassen (wahlweise straff am Rist oder an der Ferse oder oben gelockert für den Aufstieg) und schlussendlich staube ich nebenbei auch noch fürs Fräulein einen hilfreichen Bergtipp ab, weil ich – mittlerweile in Plauderlaune – von der Kängurunummer neulich berichte und der Verkäufer dazu eine Idee hat: „Kennst du die Filz- und Lodenmanufaktur in der Rumfordstraße? Der Chef fertigt spezielle Rucksäcke für Jäger, in die der Waldi neipasst, wenn er mal nimmer ko oder derf!“.
Nein, kenn‘ ich nicht. Ist aber der Brüller: Schau’n Sie sich DAS mal an (unter dem Menüpunkt „für den Hund“, ganz links unten) – ja da möchte man sich doch auf der Stelle einen Zweitteckel zulegen, damit die dann im Doppelpack so keck rausgucken aus dem Rucksack (und auch die lässige Hundetragtasche, echt spitze, braucht man nur noch einen Sponsor für die noble Dackelsänfte)!

So macht Einkaufen tatsächlich mal wieder Spaß, was für jemanden wie mich wichtig ist, da ich grundsätzlich nicht gern „shoppe“ oder „bummle“, sondern nur losgehe, wenn ich konkret was brauche und selbst dann dauert’s, bis ich mich zu der Besorgung aufraffen kann.

Der freundliche Verkaufsbursche holt mir vier Paar Bergstiefel in meiner Größe aus dem Lager. Ich turne nacheinander mit allen Modellen über die Fels-Attrappen, die als Teststrecke für den Schuhkauf dienen, steige Treppen hinauf und hinab, marschiere in aller Ruhe durch die gesamte, herrlich leere Bergsportetage.
Die seit 40 Jahren bewährte Marke bewährt sich auch jetzt wieder. Passt wie angegossen.
Sehen sogar fesch aus. Und sind nach dem Monte Cevedale benannt, den man beispielsweise über einen Grat von den Zufallsspitzen aus erreichen kann, was irgendwie leicht/locker und so gar nicht schicksalsträchtig/düster klingt, und die Region stimmt eh.

Eine Dreiviertelstunde später treten meine neuen Stiefel und ich hinaus in die Kälte. Auf der überdimensionierten Tasche, die ich stolz über meine Schulter gehängt habe, prangt ebenfalls der Schriftzug „Neue Horizonte“ (was bin ich nur für ein schlichtes Konsumentengemüt an diesem Montagvormittag nach Termin 1 zum Blutegel-Thema, nach den noch folgenden Terminen werde ich künftig sicherheitshalber mit der U-Bahn zur Isar fahren).

Die scarpe cevedale turchese werden locker drei Birkkarspitzen in Serie packen (was ich gar nicht vorhabe, aber es muss ja noch Luft nach oben sein bei solchen Anschaffungen).
Kein Tiefschnee der Welt wird ihnen etwas anhaben können und auch kein noch so sumpfiges Gelände.
Und mit ihrem „aggressiven Profil“ (Zitat aus dem Verkaufsvortrag) können sie auch jedem Blutegel auf Anhieb den Garaus machen oder der kleine Parasit beißt sich zumindest gscheid seine Zähne aus an der Hard-Shank-Brandsohle (nie gehört, klingt aber wichtig und wie eine Lebensversicherung).

So wie jeder Weg mit dem ersten Schritt beginnt, schreite man neuen Horizonten am besten mit geeignetem Schuhwerk entgegen.

But I’m absolutely sane.

Eine größere Sache heute zuende gebracht, danach gleich die nächste angepackt.
Immer noch bleierne Müdigkeit, beinahe ganztags. Und dieser Ausschlag. Und häufiges Frösteln und so manches mehr. Zugleich ab und zu das Gefühl, das Medikament schlüge an und es ginge aufwärts.

Am späten Vormittag bereits Kuchen gebacken, D. hat sich den gewünscht, für morgen, für ihre große, runde Feier. Das Kuchenbacken doch noch nicht verlernt, schön. Sollte man wieder öfter machen, allein der Duft in der ganzen Wohnung ist ja ein Genuss!
Nebenher die Liste der mitzunehmenden Dinge für meinen großen Freund S. erstellt, der morgen die Ehre hat, für einige Stunden das Dackelfräulein zu hüten, nachdem ich Ds Feier beiwohnen werde und der Gatte in Frankfurt ein Wochenendseminar hält, so dass ein gutes Plätzchen gesucht werden musste.

Mittags Kopf, Körper und Hund ausgiebig an der Isar bei Schäftlarn ausgelüftet, um mal wieder von sauberem Weiß umgeben zu sein statt von schmutzigen Altschneeresten in der Großstadt.
Anschließend kommt die Braunschweiger Freundin kurz zu Besuch, seit Mai nicht mehr gesehen und dennoch war’s als wär‘ man gestern erst auseinandergegangen. Nachdem wir uns die Gesichter mit Krapfenmarmelade und -puderzucker verschmiert haben, fahre ich sie nach Schwabing, wo sie auf einen Geburtstag eingeladen ist.
Das hatten wir noch nie, dass wir zum Abschied sagen konnten: „Bis in drei Wochen!“ – dann reise ich zu ihrer Geburtstagsfeier. Auch ein runder Geburtstag. Ich mag Geburtstage ja, den meinen ebenso wie die der anderen.

Von Schwabing aus fahre ich weiter zum Lieblingsbad, fast eine Woche nicht mehr dort gewesen – ein Unding! – und heut‘ Abend versuch‘ ich’s einfach, trotz der null Grad da draußen (es ist ja ein Winter-Freibad, schön beheizt zwar, dennoch muss man 42 Schritte vom Gebäude durch die Eiseskälte bis zum Beckenrand laufen und der erste halbe Meter unter der Wasseroberfläche hat auch nicht gerade Badewannentemperatur), trotz der Müdigkeit und allem.
In der Bahn sind außer mir nur zwei roboterartige Kampfkrauler, man kommt einander also nicht in die Quere und es geht insgesamt erstaunlich gut.

Auf dem Heimweg mache ich etwas, das ich in meinem ganzen Leben noch nicht gemacht habe: ich fahre bei einer Tankstelle raus, um Bier zu kaufen.
Gruselige Assoziationen kommen da hoch: an den, der immer abends zur Tanke ging, um Bier zu kaufen. Und zwar jeden Abend. Und auch nicht nur eine Flasche.
Mit 46 fahre ich also erstmals nur zum Bierkauf an eine Tankstelle. Grund: Der blöde REWE hat seit über einer Woche die für mich einzig wahre Weißbiersorte nicht mehr im Regal stehen, angeblich Lieferschwierigkeiten.

Als ich mit dem Bier in der Hand zum Auto zurückgehe, fühle ich mich unwohl, muss an den Papa denken, der mich in meiner kurzen Phase als Raucherin immer ermahnte, bloß nicht draußen auf der Straße und schon gar nicht beim Herumlaufen zu rauchen, weil das Frauen nicht zu Gesichte stünde. Obwohl ich diese Regel schon damals für äußerst fragwürdig hielt, frage ich mich plötzlich, ob sie nicht für das offene Herumtragen einer Bierflasche ebenso gelten könne und fühle mich noch unwohler.
Ein Geschäftsmann im Lodenmantel steigt aus seinem blankpolierten BMW, unsere Blicke kreuzen sich für einen Moment. Eine Frau allein, am späteren Freitagabend, mit dreckigem Auto, in abgewetzter Jeans, uralten Bergstiefeln, mit nassen Haaren, die unter der Fleecemütze rausschauen (er wird sie wohl für strähnige, ungewaschene Haare halten, nicht für schwimmbadnasse) – wie sieht das aus? Ich bin froh, als ich wieder im Auto sitze und ärgere mich, dass es mich auf einmal beschäftigt, was irgendwer sich über mich denken könnte.

Lasse den Motor an, fädle mich wieder auf die Allee ein, hinter einen Porsche 911, der fast denelben Farbton hat wie der von Saga Norén, der mich aber nicht deswegen, sondern wegen seines Kennzeichens zusammenzucken lässt: M-HK 2108. Genau damit fuhr die Mutter einst herum, im orangefarbenen VW Käfer (der mit den netten, feinrändrigen Augen, nicht der mit den Glotzaugen). Ja gibt’s das?!
M-HK 2108 lebt also noch (und in mir denkt es: „maybe everything that dies someday comes back“, einer dieser Fetzen aus dem Lebenssoundtrack) und dabei ist sie jetzt bald drei Jahre unter der Erde.

Um nicht länger als nötig an den orangefarbenen Käfer und die Geschichten, die sich in ihm und um ihn rankten, zu denken, stelle ich das Radio an, den Sender, von dem man jahrzehntelang dachte, man würde ihn niemals hören (so wie man auch never ever an der Tankstelle Bier kaufen würde).
Ich lande mitten in der ersten Strophe eines Bowie-Songs: „(…) but I’m abolutely sane“.
Absolute beginners.
Sehe A. und mich im gleichnamigen Film sitzen (über 30 Jahre her), von dem ich nichts erinnere außer Bowie, der Zebrafrau und eben diesem Song. Am Tag danach sofort die Single gekauft. Im Jugendzimmer auf dem Boden sitzend, ans Klavier gelehnt, mit Blick auf das damals gerade neu erstandene Tunnel-of-love-Poster die Scheibe in Endlosschleife gehört.
Der größte Segen meines vom Zeitungsaustragesalär gekauften Plattenspielers war seine Repeat-Taste.

Kängurumutter im Tiefschnee oder: Wozu ein bewegtes 2018 gut war.

2018 ist nun vorbei und fertig archiviert. „Zahltag“ ist ja immer der 31.12., jener Tag, an dem man sich als Hundebesitzer irgendwohin verkriecht, wo Ruhe herrscht und einem keine 500 Öcken pro Nase (oder mehr) für irgendeinen zwei- bis dreitägigen Jahreswechselvollfressverwöhnpensionbespaßungszinnober abgeknöpft werden.

Nicht einfach, da was zu finden für nur eine Nacht, vor allem wenn man erst kurz vor Weihnachten zu suchen beginnt.

In der niederbayerischen Einöde zwischen Deggendorf, Plattling und Isarmündung bot uns ein Gutshof noch einen bezahlbaren Unterschlupf für die anstehende Hundehorrornacht. Das Landgut ist wohl sonst eine Location für Hochzeiten, aber bei 4 Grad und Pissregen am Silvestertag kaum frequentiert. Also auch keine Rüden weit und breit. Stattdessen Matsch und Grau so weit das Auge reicht – und es reichte kaum bis Deggendorf hinüber und die dahinter beginnenden Hügel des Bayerischen Waldes konnte man auch nur mit viel Fantasie aus den Formationen der Regenwolken imaginieren.

Das große Doppelzimmer in jagdlicher Optik gestaltet und mit ebensolchem Interieur versehen, was dem kleinen Jagdhundfräulein freilich bestens zu Gesichte stand, aber auch meinem verregneten Gemüt taten die Wände in hoffnungsfrohem Grün (ein mittleres Dunkelgrün, so dass es auch nicht zu aufdringlich und heiterkeitsheischend daherkam) recht gut.

Zahltag also. In der niederbayerischen Einöde ein bisserl Bilanzieren (= alten Kalender durchblättern, neuen Kalender beginnen, maßvoll Reflektieren, keine Vorsätze notieren, wohl aber ein paar Nachsätze zu diesem doch insgesamt sehr speziellen Jahr, das sich nun bucklig seinem Ende zuneigte), an den Kachelofen gelehnt, im Teeglas rührend und mit dem Herrn Jesu im Gnack, wie sich das auf dem Land so gehört. Aus den Lautsprechern der Bibliothek ertönt „Sempre, sempre“, wird alsbald von Austropop abgelöst, und weil wenig später Costa Cordalis die Stimme erheben will, wird schließlich alles von einem Fausthieb des Gatten erlöst (dieses Satzende fügt sich auf einem Gutshof, der lange ein Jagdsitz war, gefälliger in den Text als: „Wir ersuchten die Bedienung höflichst, das unsägliche Radio abzuschalten.“).

2018.
92x geschwommen, 35x Berge erklommen, 41x gelaufen im Wald/Park, 204x große Spazierrunden mit dem Dackelfräulein absolviert, insgesamt 1972 km per pedes (im Wasser: ca. 150 km) fortbewegt.
Nicht, dass ich das wirklich so exakt errechnen könnte, aber als beim groben Überschlagen der Wegstrecken 1.970 km rauskamen, hab‘ ich einfach noch 2 dazugegeben, um bei meinem Geburtsjahr zu landen.

Ist das jetzt viel oder wenig?
Keine Ahnung. Es hat mir jedenfalls gut getan.

Und am dritten Tag des neuen Jahres offenbarte sich mir dann auch, wozu all der Sport, all die Bewegung, all die gelaufenen, hinauf- und hinabgestiegenen Kilometer gut waren. Wozu der wohltrainierte Arm- und Beinschlag beim Kraulen in Wahrheit dienen sollte. Worauf das alles abzielte und hinauslief.

Auf einen Einsatz als Kängurumutter im Tiefschnee.

Denn wenn Sie da nicht einigermaßen im Training sind, keine Kraft in Armen und Beinen haben oder zu wenig Übung oder Kondition im Berggelände – dann können Sie das knicken. Dann versagen Sie nämlich als Kängurumutter im Tiefschnee kläglich!

Heut‘ Nacht hat’s dick geschneit im Voralpenland. Das Kreuther Tal, gleich hinterm Tegernsee gelegen, ist ohnehin ein Schneeloch, ein Kälteloch ebenso.
Wir (viel zu spät und viel zu wetteroptimistisch) hinauf Richtung Roß- und Buchstein, unterwegs setzt erneuter Schneefall ein, man muss die Grödel aufziehen, damit man im steileren Gelände nicht abrutscht. Der Gatte, früher zwar mal Gebirgsjäger, aber heutzutage mehr Tagungsjäger, ist an seinem ersten Urlaubstag seit Monaten nicht wirklich begeistert von diesen Strapazen, schlägt sich aber wacker. Am wackersten schlägt sich allerdings das Dackelfräulein: immer drei Schneepfluglängen voraus, trotz der kurzen Beinchen, unterwegs noch ein paar Tannenzapfen unter der Schneedecke ausbuddelnd, um den Zweibeinern mit lustigen Spielangeboten noch zusätzlich einzuheizen, obwohl der Schweiß eh schon rinnt. Ein Bollwerk an Ausdauer, an Lebens- und Bewegungsfreude sowieso. Irgendwann ist die Hütte erreicht, zu dritt sitzen wir auf der Bank, bei Heißgetränken und Kalorien, die uns für den Abstieg präparieren sollen.

Draußen schneit’s mittlerweile wie blöd. Der Zustiegsweg kaum noch zu erkennen. Um noch vor Anbruch der Dunkelheit wieder hinunter zu kommen, muss die Pause in der Hüttenwärme kurz gehalten werden: Umziehen, Essen fassen, was Trinken, Aufwärmen, Durschnaufen, neu Vermummen und Aufbruch.

Dann der fatale Fehler: Wir stehen nach dem Aufbruch ein paar Minuten im Schneesturm vor der Hütte, um die Grödel wieder aufzuziehen (kein Hüttenwirt hat das gerne, wenn man das drinnen tut). Es ist eiskalt, man sieht vor lauter Schneegestöber kaum die Hand vor den Augen. Das Fräulein fiept und fängt an zu zittern, weil sie ja warten muss, bis wir mit dem Schneekettengefummel fertig sind. Als wir endlich losgehen, läuft sie eng neben mir, bibbert erbärmlich und steckt bis zum Hals im Tiefschnee. Kalt loslaufen ist das Dämlichste, was man machen kann. Und so ein Dackel wird nun mal nicht mehr warm, wenn er zu 85% im Schnee versinkt, unsere Chancen stehen weitaus besser, da wir immerhin zu 85% aus der weißen Pracht herausragen. Wir versuchen alles, um sie zu ermuntern, ich renne mit ihr ein Stück, aber sie kommt nicht hinterher. Bleibt stehen, setzt sich sogar hin, guckt mich mit vereistem Bärtchen hilfesuchend an – und dann begreife ich: Sie schafft es nicht, das hatten wir noch nie, aber ihr ist so kalt, dass es einfach nicht geht. Also Rucksack runter, Stöcke rein, Rucksack wieder hoch, Hüftgurt festzurren, dann Jacke auf, Hund rein, Jacke zu, einmal tief Luft holen, höchste Konzentration und nun ohne Stöcke und im Trab bergab, eine Hand unter den Dackelpopo, die andere um das Köpfchen, das schon völlig eingeschneit ist. Die Sicht ist beschissen, der Weg von Schneewehen teils wie weggefegt, es schneit mir zum Kragen rein, ab und zu – so wacklig bergabsurfend – verdreht’s auch das Knie, aber tief in mir drin ist diese Gewissheit spürbar: Ich werde das schaffen. Das flüstere ich mit blaugefrorenen Lippen auch dem Fräulein zu, das erst noch friert wie ein Schneider, aber nach einer Viertelstunde – so gut und sicher eingepackt in seinem Kängurubeutel – doch langsam wieder auftaut und warm wird.

Nach einer halben Stunde schmerzen die Arme, vor allem die Handgelenke, eigentlich auch der Rücken und die Beine, aber eine Pause können wir uns um die Uhrzeit und bei den Wetterverhältnissen nicht erlauben.
Der Gatte holt uns immer mal wieder ein, rubbelt die Eisklümpchen vom Dackelkopf und putzt mir die Nase, denn eine freie Hand hab‘ ich ja nicht.

Nach anderthalb Stunden Dauerlauf erreichen die Kängurumutter und ihr Kleines schließlich und endlich mit erfrorenen Rüsseln, aber ansonsten gut durchwärmt das Auto.
Arme und Beine haben tatsächlich durchgehalten, keine Sehne ist gerissen, kein Muskel gezerrt, kein Finger gebrochen. Und der Hund ist wohlauf, was ja eh das Wichtigste ist.

Es lebe der Sport.
Und es lebe auch die Sitzheizung, die einem die triefnassen Klamotten bis München wieder trocknet.