Hygienekonzepte oder: Vorüberlegungen zur Anschaffung eines Neoprenanzugs.

Zwar steht der große Tag seit einer Woche amtlich fest – am Montag, den 8. Juni, öffnen die ersten Münchner Freibäder wieder, bis dahin werden es 12 lange und zähe Wochen ohne Schwimmen gewesen sein (so sehr ich Sätze mit Futur II-Konstruktionen auch liebe, so ätzend finde ich diesen hier inhaltlich)! -, aber nach und nach werden jetzt die Details zur Ausgestaltung der chlorreichen Zukunft bekanntgegeben, allen voran die sogenannten Hygiene-Konzepte und deren Umsetzung.
Und das trübt die Vorfreude nun doch ein wenig, und stellt die subjektive, bisherige Definition des Begriffs „Hygiene“ gehörig auf den Kopf (fairerweise muss man sagen, dass dieses subjektive Verständnis schon immer an der eigentlichen Bedeutung des Wortes vorbeiging, aber Bill Gates Corona rückt auch das nun gerade: der Hygienebegriff entfernt sich momentan von Woche zu Woche mehr von seiner umgangssprachlichen Interpretation und kehrt allmählich zu seinem Bedeutungsursprung zurück).

Ja, ich habe Verständnis dafür, dass man seine Eintrittskarte künftig online und mit 3-4 Tagen Vorlauf buchen soll, ebenso dafür, dass die Besucherzahl limitiert wird und der Bademeister penibel drauf achtet, dass in den einzelnen Bahnen des Sportbeckens nicht zu viel Andrang herrscht – mir persönlich kommt all das sogar entgegen, denn ich fand es eh oft viel zu voll im Becken und ich habe auch kein Problem damit, meine heiligen Schwimmzeiten vorab zu planen.

Was mich aber beschäftigt, ist der Punkt mit den Umkleiden und den Duschen: beides wird geschlossen bleiben.

Konkret bedeutet das: Ich dusche vorher daheim, ziehe am besten auch gleich meinen Badeanzug an, fahre dann zum Freibad, lege meinen Rucksack irgendwo auf dem Gelände im Gebüsch ab, gehe Schwimmen und anschließend habe ich die Wahl zwischen „ungeduscht und frisch gechlort heimfahren“ (um dann erneut daheim zu duschen) oder „eine der beiden immer schlecht funktionierenden Kaltwasserduschen am Beckenrand nutzen“ (freilich wird man sich dort nicht fröstelnd einshampoonieren oder den ganzen Körper einseifen, sondern nur kurz das Schwimmbadwasser von der Haut spülen).
Ja, spitze, man weiß gar nicht, wofür man sich da lieber entscheiden möchte!
An kalten oder verregneten Tagen dürfte das Vergnügen, sich auf der Wiese umzuziehen und sich nicht kurz warm duschen zu können, ganz besonders groß werden!

Doof, lästig, ungewohnt – natürlich trotzdem irgendwie zu bewerkstelligen, erfordert halt alles eine Umstellung der Gewohnheiten und etwas mehr Zeit und Aufwand, wozu uns die Pandemie und ihre Gefolgschaft, all die neuen Regularien, ja eh längst erzogen haben.

Was mir hingegen erst zeitversetzt (und nachdem ich die zentralen Fragen zum Wiedereinstieg ins Wasser für mich mal halbwegs beantwortet hatte) einfiel und mir einen kleinen Schauer über den Rücken jagte:
Wie groß wird wohl der Anteil derer sein, die vor dem Sprungs ins Wasser nicht daheim duschen werden, so wie bisher ja auch nicht, weil sie direkt von der Arbeit kamen und dann eben die Schwimmbaddusche vor Ort nutzten (so hoffte man es zumindest immer, stichprobenhaft durchgeführte Beobachtungen über einen Zeitraum von zwei Jahrzehnten nährten diese Hoffnung auch überwiegend)?
Werden die Stadtwerke dem Wasser künftig mehr Chlor zusetzen, damit nicht nur den eventuell mitschwimmenden pink-lilafarbenen Sars-CoV-2-Kugelfischen, sondern auch der erhöhten Zahl an Bakterien und Grindgrammeln der Garaus gemacht wird?

Ist das die neue Hygiene-Normalität? Und wenn ja, wie wird’s mir damit gehen?
(In der Hauptstadt hat man sich damit schon leidlich arrangiert, wie im aktuellen Beitrag aus der Serie „Angebadet“ im Magazin der ZEIT zu lesen ist – toller Themenschwerpunkt übrigens!)

Ist es dann nicht unter Umständen doch sinnvoller/preiswerter/hygienischer/angenehmer, über den Erwerb eines Neoprenanzugs nachzudenken und sich in Freigewässer zu begeben, selbstverständlich auch das möglichst an Tagen ohne zu viel Sonne/Menschen am Seeufer, damit man sich die Sonnencremeschlieren und das Kleinkindgewusel (und -gepiesel) in der Uferzone erspart und die Algen und Entenhäuflein vom prasselnden Regen schon ein wenig verwirbelt und verteilt wurden? Oder gleich umsteigen auf Bergseeschwimmerei, mit sauberem Wasser und sauberem Aufstieg vorweg, so dass das Schwimmen gar nicht mehr der körperlichen Ertüchtigung, dem in Stille gebetteten Abschalten von allen Unbilden des Alltags sowie der Seelenmüllkompostierung dienen braucht, sondern nur noch der Reinigung vom erwanderten Schweiße? Was kostet eigentlich so ein Neoprenanzug und worauf muss man beim Kauf achten? Kommt man überhaupt allein in so eine Wurstpelle rein und auch wieder raus? Wie schwimmt es sich damit und ist das noch dasselbe freie, leichte, selige Gefühl im Wasser?

Fragen über Fragen.
Und nur noch bis 8. Juni Zeit, Antworten zu finden und eine Entscheidung zu treffen, wie die eh schon verpatzte Schwimmsaison 2020 weitergehen wird.

Aber sie muss weitergehen und sie wird es auch, denn nach bald 30 Joggingrunden, von denen locker die Hälfte ausschließlich zur Kompensation des Schwimmmangels herhalten musste, ist eines klar: eine wirklich passionierte Läuferin wird aus mir nicht, ich bin eine Bewegungsdrang- und Vernunft-Läuferin und ohne Walkman ginge es schon gleich gar nicht und selbst mit Walkman ging es oft genug nur schleppend.

Laufen, das hat für mich meist nichts Leichtes, vom Runner’s High bin ich Lichtjahre entfernt, das Beste, was für mich beim Laufen herausspringen kann, ist eine danach als erfreulich empfundene Ganzkörperbeanspruchung, aber währenddessen…? Manchmal für Minuten ein freies Gefühl im Kopf oder ein Mini-Flow, wenn Musik und Muskeln momenthaft im selben Takt schwingen, aber im Wesentlichen besteht so eine Laufrunde für mich aus tapp-tapp-tapp, keuch-keuch-keuch, juck-juck-juck, stampf-stampf-stampf, hechel-hechel-hechel, pieks-pieks-pieks usw. usf. – Erlebnisse und Zustände, die ich in über 40 Wasserjahren niemals hatte.

Und außerdem mochte ich neben dem Schwimmgefühl auch meine Schwimmfigur viel lieber als meinen Laufkörper.
Als reine Empfindung skizziert ist der gefühlte Unterschied in etwa so groß wie der zwischen der Fortbewegungseleganz eines Delfins und der eines Kiwis (oder eines Albtros‘ beim Start), rein physiognomisch betrachtet ist’s wie Whippet versus Wombat.

Like a window in your heart.

Drei Tage hab ich gebraucht.

Drei Tage, um den Deckel des Kartons, den mir der Papa am Abend des Vatertagsbesuchs mitgegeben hatte, ein zweites Mal zu lupfen, vorsichtig in das Innere der Kiste zu greifen, erneut eine Handjedervoll Fotos herauszunehmen und sie zu betrachten.

Der Erstversuch mündete nach wenigen Sekunden in einen Sturzbach aus Tränen. Nur ein einziges Foto hatte ich am Freitag einer dieser typischen 70er Jahre Agfa-Fototaschen, derer ungefähr 8 bis 10 in dem Karton schlummern, entnommen:

Und dieses eine Bild, das riss mich dermaßen…
Der Papa und ich bei einer Bergtour, in uralten Zeiten, er noch so schlank und ich vermutlich noch so quengelig, seine Frisur, sein kariertes Hemd und überhaupt: diese Klamotten!, und mein roter Kinderrucksack, den ich völlig vergessen hatte!

Wie ich mich da an ihn klammere, und wie er so dasteht mit der kleinen Tochter, also mit mir, und wie mir in diesem (im wahrsten Wortsinne:) Augen-blick letzte Woche am Freitagmorgen so schlagartig bewusst wird, wieso ich heute so bin wie ich bin (bzw. zumindest ein großer Teil von mir genau so ist wie er eben ist). Quasi ein Donnerschlag der Bewusstwerdung, den dieses eine Bild auslöste.

Und was ich nicht alles von ihm habe, was er mir nicht alles vermittelt und mitgegeben hat. Wie er sich bemüht und abgestrampelt hat, um nicht nur beruflich seine Sache so gut wie möglich zu machen, sondern auch als Vater.
So bewusst wird mir das, dass ich eben nach nur ein paar Sekunden nichts mehr sehen kann vor lauter Tränen und dann schluchzend wie ein Kleinkind im Flur stehe, bis das Dackelfräulein in wilder Sorge angaloppiert kommt und mich so lange und mit so vielen Hundebussis bedrängt (es ist mit diesem Hund beim besten Willen nicht möglich, mal ungestört und ungetröstet zu heulen – wie ist das eigentlich: machen andere Hunde das genauso, sind das auch solche Heul-Hemmer und Trost-Tyrannen?) bis dann auch noch der Gatte etwas irritiert herbeieilt, mir das Foto abnimmt und mich eine Weile festhält, bis ich mich wieder beruhigt habe.

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Drei Tage später schaffe ich ganze drei Bilder, mehr geht nicht.

(Wenn ich mich in dem Tempo weiter durch den Karton wühle, bin ich mit der Sichtung des Inhalts vielleicht gerade noch rechtzeitig fertig, bevor mir eine bis dahin hoffentlich top bezahlte Pflegekraft eine Schnabeltasse in die Hände drückt und ich mit runzligen Lippen meinen vorletzten Schluck Fencheltee daraus nehme.)

Bild Nr. 2.

Der Papa und ich im Ruderboot, auf dem Starnberger See. Bis auf meine flotte Oberbekleidung und das alberne Käppi tragen wir fast die gleichen Sachen wie auf dem Bergfoto. Meine Güte: diese großen Hände, die immer wussten, was zu tun ist (und wie es zu tun ist), neben meinen kleinen, speckigen Kinderfingern.

Er war für mich damals der Größte. Er wusste alles, er konnte alles, nichts schien ihn je umhauen zu können, und ich hatte noch keinen blassen Schimmer, welch naiver Illusion ich da aufsaß.
Kinderglück eben. Selig sind die Ahnungslosen, zumindest manchmal (oder für kurze Zeit).

Allzu viel Glück gab es bei uns ja sowieso nicht, also klammerte ich mich an jedes Stück Glück, das ich finden konnte. Und der Papa, der war diesbezüglich zehn Jahre lang eine prima Fundgrube.

Erst danach dämmerte mir allmählich, wie es um die Eltern und ihr Glück bestellt war, nämlich schlecht, vermutlich sogar schon sehr schlecht, aber bis ihnen ihr Unglück sichtbar aus jeder Pore quoll und in jede Ritze unseres Lebens sickerte, sollte es noch ein Weilchen dauern, ungefähr anderthalb Jahre, bis ich knapp zwölf war und die Mutter in Schladming auf der Planai ihre Unsportkarriere mit einem dramatischen Skiunfall beschloss (ach ja, die Mutter, sie beherrschte die Kunst des Dramas auf wirklich jedem Terrain), womit der Anfang vom Ende besiegelt war, und fortan ging es nur noch bergab (erst mit dem Akia und dem lädierten Bein der Mutter, dann mit unserer Familie).

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Das dritte Foto.

Holland, Vrouwenpolder, Sommerferien. Der Papa und ich am Strand.
Auf meinen weißen Haarspangen war ein Schmetterlingsmotiv aufgeklebt und der beige Gummi der Spange riss ständig. Unsere Windjacken rochen in diesen Sommern nach Salzluft und Wattwanderungen.
Es war eh die Ära der Windjacken, so nannte man diese spießigen Blousons mit Strickbund, jeder besaß damals so ein Ding, heute läuft fast niemand mehr in sowas herum.
Mein ockergelbes Exemplar trug ich, bis die Bündchen morsch und ausgeleiert und das Innenfutter mit dem Ankermuster total zerschlissen war. Ich hing so an dieser Jacke, weil an ihr die Erinnerungen an diese wenigen Sommer der Unversehrtheit hingen.

Holland, das waren jene drei oder vier Wochen im Sommer, in denen der Papa jeden Tag Zeit hatte. Zeit, in der wir uns auch mal vor der Mutter davonstahlen und an der Bude hinterm Deich Pommes futterten oder auf der anderen Seite des Deiches Wattwürmer ausgruben, gestrandete Quallen auf einem Spaten ins Meer zurücktrugen oder mit einem Kescher Garnelen fingen, sie in einen Eimer setzten, ein Weilchen beobachteten und wieder freiließen.

Holland, das bedeutete kartonweise Vla (in drei Geschmacksrichtungen) und Schokohagel (in zwei Hagelgrößen) und zum Frühstück diese Labbersemmeln, die Bolletjes hießen und auf die wir ungeachtet des Geschimpfes der Mutter erst dick Sahnequark schmierten und dann noch dicker diese köstliche Sauerkirschmarmelade obendrauf packten, die wir aus dickbauchigen Gläsern mit lustigen Zwergen drauf (die „De Vruchtenplukkers van Hero“ oder so ähnlich hießen) herauslöffelten.

Holland, das waren kleine, khakifarbene Frösche, die in dem sandigen Grundstück rund um das Ferienhaus der Bonner Patentante herumhüpften, unzählige Karnickel, die sich in den Dünen hinterm Haus versteckten und kreischende Möwen, die uns Tag für Tag den gelb-orangefarbenen Windschutz neben unserem Strandhäuschen vollkackten.

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Viertes und letztes Bild.

Mein erstes Stofftier und ich. Dasselbe Baujahr, wir zwei, olympischer Jahrgang 1972.
Auch in diesem Foto bereits ein eindeutiger Bezug zum weiteren Verlauf meines Lebens und zentralen Neigungen erkennbar, manches war mir wohl buchstäblich in die Wiege gelegt worden und hat sich offensichtlich nie verändert.

Gut, ganz so kurze Kleidchen trage ich heutzutage nicht mehr, trotz weniger wulstigen Beinen, deutlich besserer Haltung und meist minimal freundlicherer Miene.

Erst muss ich herzhaft über das Foto lachen, weil mich diese frühkindliche Dackelprägung so erheitert, dann aber kullern mir schon wieder die Tränen übers Gesicht.
Zum einen hat die Mutter meinen Original-Waldi eines Tages einfach konfisziert und nie mehr herausgerückt, und irgendwann wird er kläglich in ihrer Messie-Wohnung verendet sein. Er fehlt mir immer noch, und was gäbe ich drum,… (lassen wir das lieber).
Zum anderen erinnere ich mich auf einmal, dass der Papa nach der Trennung jahrelang drum betteln musste, dass die Mutter die Negative der Familienfotos rausrückte, damit er sich Abzüge machen lassen konnte, und mir wird klar, wie viele Abende oder Nächte er mit zusammengekniffenen Augen über diesen Negativen gesessen haben muss und all die Kreuzerl auf den Nachbestelltäschchen gemacht hat (so wie das damals eben war: man saß da mit einer Lupe und bei möglichst gutem Licht und hat Nummern von Negativstreifen abgeschrieben und dann die entsprechenden Felder angekreuzt), damit er wenigstens einen Teil der bebilderten Erinnerungen an seine 12 Jahre als Ehemann und Familienvater irgendwie retten oder konservieren konnte.

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Wo sind sie nur geblieben, die Jahrzehnte?
Wieso ging das alles nur so verdammt schnell vorbei, es waren doch immerhin über vierzig Jahre?
Wie ging er bloß vonstatten, dieser Übergang vom vermeintlich immerstarken, unverwüstlichen Papa hin zu dem parkinsonkranken, alten Mann?
Was haben wir schon verloren, was ist uns noch geblieben, was können wir weiterhin festhalten – und was werden wir nach und nach loslassen müssen, und vor allem wann und wie?

Als das Coronavirus aufkreuzte, war das für den Papa der Startschuss, um seine Habseligkeiten zu sichten, zu sortieren und gründlich auszumisten. Die Wochen des Lockdowns haben ihm auch gereicht, um dieses Vorhaben abzuschließen.
Die Fotokiste ist nun der erste von drei Kartons, die er mir übergeben möchte. Einen gerahmten Druck von Theuerjahr sollte ich auch gleich mitnehmen, der lehnt jetzt hier an einer Wand und erinnert mich an so vieles, und ich überlege, ihn vorerst in den Keller zu stellen, bis ich ein klares Gefühl dafür habe, ob ich dieses Bild hier bei mir zuhause und in meiner Gegenwart aufhängen kann und will.

Noch zwei solche Übergaben, dann hat er sich von allem befreit. „Mehr zu vererben gibt’s nicht!“, und alles andere sei auch schon geregelt, sagt er. So sehr mir das an die Nieren geht, so klar und gut finde ich es auch. Die Mutter hat einen Mordsverhau hinterlassen als sie abtrat von der Lebensbühne, der Papa würde das nie tun, das war zwar zu erwarten und doch ist’s komisch, wenn er zu einer Zeit „aufräumt“, in der noch schwer vorstellbar ist, dass „es“ bald soweit sein könnte.

Nun ja. Nach diesen beiden ersten Fotokistenerlebnissen bin ich tagelang ein wenig neben der Spur.
Dann fasse ich den Beschluss, mich nun auch vorzubereiten. Auf meine Art: schreibend.

Ich werde anfangen, die Rede aufzusetzen, die eines Tages zu halten sein wird, und die ich – das ist mir nach diesen vier Fotos klar geworden – auf keinen Fall erst dann verfassen kann, wenn dieser Tag schon kurz bevorsteht. Freilich werde ich sie niemals selbst halten, diese Ansprache, diesen Abriss über sein Leben und darüber, was er für mich war, weil ich an dem Tag aller Wahrscheinlichkeit nach nicht mehr als einzelne Worte (oder nicht mal die) werde sprechen können, denn je älter, desto näher am Wasser…, na, Sie wissen schon. (Ich setze drauf, dass der Gatte dann das Vortragen übernimmt, ohnehin der geübtere Redner von uns beiden.)

Während ich die ersten Stichpunkte notiere, verspüre ich das Bedürfnis, dabei Musik zu hören.
Musik, die manch gemeinsames Erlebnis begleitet hat oder die meinem Gedächtnis auf die Sprünge hilft beim Nachzeichnen dieses langen Weges.

Ich notiere mir, welche Songs und Interpreten das sind, aus denen der Soundtrack zu dieser Vater-Tochter-Geschichte gewoben wurde, deren Anfänge mir nach so langer Zeit wieder (oder überhaupt erstmals?) klar vor Augen stehen und deren Ende (sofern solche Enden denkbar oder gedanklich antizipierbar sind), mir einst ein beängstigend großes Loch ins Herz fräsen wird, mit dem ich etwas schutzlos und staunend und trotzdem weiterleben werde, darauf wartend und hoffend, dass aus dem Loch mit der Zeit ein Fenster wird.

Ein Fenster mit durchsichtigen Flügeln, die ich zu schließen oder zu öffnen vermag, je nach Windstärke da draußen oder Abwehrschwäche da drinnen.

And I see losing love
Is like a window in your heart
Everybody sees you’re blown apart
Everybody feels the wind blow

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Song des Tages (54).

Eine neue, andere Etappe der Selbstquarantäne hat begonnen.
Neben dem obligatorischen MNS möchte man da draußen nun manchmal auch Ohrstöpsel und ein Klappvisier tragen.

Schon nach einer Woche kann ich das Krakeelen an lauen Abenden hier auf der großen Freifläche vor der Haustür nicht mehr hören: „F*** Corona!“ plärren sie – und dazu ein lautstarkes, scherbenklirrendes Prosit der Ungemütlichkeit, weil man ja leider in Scharen und dicht gedrängt auf den Steintreppen zu Füßen der Bavaria herumlungern und sich dort zulöten muss, weil die F***-Politiker die Kneipen nicht aufsperren wollen.
Ja, manches ist durchaus unlogisch in dem sogenannten Lockerungsfahrplan (die Abfahrtszeiten wirken oft ungünstig und wenig abgestimmt, auch die Gleiswechsel und Umstiege holpern ziemlich), manches auch unsinnig, aber beileibe nicht alles.
Und die Demokratie ist genauso wenig abgeschafft worden wie die Grundrechte und auch Bill Gates befindet sich nicht auf der Zielgeraden, um übermorgen die Weltherrschaft zu übernehmen.

Ich wünschte mir Hygieneregeln für die mediale Überschriftengestaltung, denn wenn ich noch einmal irgendwo lesen muss „War’s das mit dem Sommerurlaub 2020?“ oder „10 Überlebensstrategien zwischen Homeoffice und Homeschooling“ oder „Widerstand ist Pflicht!“, dann… – tja, was dann?
Raus zur Gegen-Demo oder doch besser Flucht nach vorn bzw. nach oben, hinauf auf den Berg, wo das ganze Gebrodel und Geschwurbel zu Tale nicht mehr zu hören und zu sehen ist?

Vermutlich Letzteres, und beim Gehen ein bisschen drüber nachdenken, wie das alles wohl weitergeht und wie man sich besser abschotten könnte, wenn man spätabends Gassi geht, und parallel dazu das arme, der häuslichen „Kriegsgefangenschaft“ für ein paar Stunden entfleuchte Volk wahrnimmt, das voller Wut oder Ignoranz oder zu viel Bier auf der Wiesn abhängt und seinen Widerstandswohlstandspartymüll in die ohnehin schon überfüllten Mülleimer schmeißt (oder gleich daneben, so dass die Krähen die Burger- und Pizzakartons nicht erst mühsam zwischen den Pfandflaschen herauspicken müssen aus den Metallkübeln, sondern gleich bequem in der Wiese sitzend die Verpackungen zerhacken können, damit der Niedriglöhner am Tag drauf noch ein paar Stunden mehr niedergebückt niedriglöhnen kann, bis er alles aufgeklaubt hat aus den nassen, erdigen Grünstreifen).
Besser noch, man denkt beim Gehen gar nicht allzu viel über sowas nach, nicht dass es einen zu sehr beschwert, weshalb ich auch a priori ein Freund des Hinaufgehens bin, und zwar des beschwerlichen, schweißtreibenden Emporsteigens, weil das, wie es so schön heißt, den Kopf frei macht, denn auf manch steilem Pfad lässt man besser den Gedanken fallen als dass man sich selbst zu Fall brächte.

Ich beschränke also weiterhin meinen Ausgang auf das Notwendige, ergänze das gelegentlich um das Wohltuende und halte bei all dem Abstand, völlig freiwillig und ein Stück weit auch als emotionale und mentale Hygienemaßnahme.
Verzicht ist blöd, schon klar, jeder vermisst gerade etwas oder jemanden (ich könnte drei Seiten dazu verfassen, was mir momentan fehlt und „was das mit mir macht“, aber wozu soll das gut sein?) und hat mit Entbehrungen (mehr oder weniger) zu kämpfen, aber ist es wirklich ein Problem, wenn jetzt einmal (!) der Sommer- oder gar der Jahresurlaub ausfällt bzw. im eigenen Land verbracht werden muss (!), zumal wir von zwei Meeren über etliche Heidelandschaften, Seenplatten, Mittelgebirge bis hin zu prächtigen Bergen so ziemlich das ganze Spektrum an landschaftlicher Schönheit zur Verfügung haben?
Vertreibt einem das nur die Instagram-Follower, wenn man bloß lauter öde Fotos mit Untertiteln wie „Sonnenuntergang am Sylvensteinsee“ oder „Picknick am Pilsumer Leuchtturm“ oder „Wastl auf dem Watzmann“ posten kann oder macht das ernsthaft unglücklich?
Könnte man nicht einfach mal die Kirche im Dorf lassen – und sich diese vielleicht sogar einmal genauer ansehen, anstatt immer nur das, was weit weg ist, interessiert betrachten zu wollen?

Der winzige Ort Bichl zum Beispiel, der soll eine sehr sehenswerte kleine Dorfkirche haben, St. Georg heißt sie, wie mir der Papa neulich berichtete, als er seine erste kurze Ausfahrt seit drei Monaten wagte, um eben jenes kunsthistorische Kleinod zu besichtigen.
Leider hab ich’s nicht so mit Kirchen, zumindest nicht übers Architektonische und die Orgelmusik hinaus, er ja eigentlich auch nicht, aber da er nunmal nicht mehr gut zu Fuß ist, weil ihn Mr. Parkinson gnadenlos seiner Bewegungsfreiheit beraubt hat, schaut er halt, was noch geht und wofür er nicht zu viel gehen muss, um noch ein bisschen was von der Welt zu sehen, und richtet sein Interesse, was dem Wortstamme nach auch „dabei sein“ bedeutet, eben auf die Dinge, zu denen er noch gut hingelangt – und das sind ja auch gar nicht so wenige.

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Apropos Papa. Ein Besuch am Tegernsee steht nun an, und mir kommt es so vor, als stünde der sogar recht dringend an. Weil am Telefon ging es in letzter Zeit auffallend oft um – wie soll ich’s ausdrücken? – final anmutende Tätigkeiten, mit denen sich der Papa über die Coronawochen hinweg zunehmend zu befassen schien.
Listen hat er sich angelegt, in denen aufgeführt ist, wo er welche Versicherung oder Mitgliedschaft abgeschlossen hat, mit welcher Nummer und wer der Ansprechpartner ist.
Alle seine Ordner hat er ausgemistet und neu beschriftet, „(…) damit du weißt, wo du was findest“.
Aber ich suche doch gar nichts, Papa!
Und da ist sie wieder, seine Formulierung: „Ist ja nur für den Fall der Fälle.“
Auf die Nachfrage hin, von welchem Fall wir denn nun genau reden, meint er schnörkellos: „Ja wenn mich dieses Virus erwischt und vielleicht außer Gefecht setzt oder ganz hinwegrafft, dann hab ich sicher nicht mehr die Zeit, das alles zu ordnen.“ – wo er recht hat, hat er recht, der Herr Vater.

Trotzdem weiß ich nicht, was ich davon halten soll, dass er mir zwei Umzugskartons „mit Sachen“ angekündigt hat, die er ebenfalls aussortiert hat und mir nun gerne zur weiteren Verwendung oder Verräumung übergeben möchte: die Familienfotos, alle Fotos aus seinen 40 Berufsjahren, etliche sogenannte „persönliche Gegenstände“, ein paar Bildbände, Schallplatten und andere Habseligkeiten (was für ein schönes Wort, denke ich gerade, wenn ich das so tippe: Hab_selig_keiten – war der Papa selig, weil er sie hatte?).
„Du musst doch jetzt nicht dein ganzes Leben auflösen wegen eines Konjunktivs bzw. diesem Fall der Fälle“, sage ich zu ihm und weiß schon beim Aussprechen dieser Bemerkung, dass ich darauf keine Antwort erhalten werde, weil… (und diese Antwort, die versage ich mir nun selbst, zumindest heute).

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Ob die Gesellschaft sich nun (noch mehr) spalten wird, und wenn ja, wie und warum und in welche „Lager“, gehört ebenfalls zu den momentan intensiv und kontrovers diskutierten Themen.

Ins Politische möchte ich jetzt nicht abdriften, allein wenn ich die letzten zwei Monate hier in meinem kleinen Orbit so Revue passieren lasse, dann stelle ich fest, dass ich (teils recht erstaunt) feststellen durfte, mit wem ich diese Wochen wirklich geteilt habe und mit wem ich sie nicht teilen konnte oder wollte (oder der/die das mit mir nicht konnte oder wollte).
Zwei Freundschaften, von denen die eine noch im Entstehen und die andere längst schon abgestanden war, fielen Corona zum Opfer. Gar nicht mal so wenig, für nur zwei Monate!
Was natürlich totaler Humbug ist (überall liest man das ja derzeit: was alles „Corona zum Opfer fiel“ und damit sind zumeist nicht die Erkrankten oder Toten gemeint), denn nicht etwa das C-Virus hat diese mitmenschlichen Bande zerfressen, sondern die Infektionen schwelten da jeweils schon länger und sind nun einfach eskaliert-explodiert-erodiert, „dank“ dieses Brennglaseffekts. Eine Verdichtung, ein Aufplatzen von Eiterherden, eine Sezierung, das ist es, was diese C-Krise mit sich bringt.

Es gibt einige Tage, die fühlen sich ein bisschen so an wie sonst die paar Stunden, die ich jährlich am 31.12. mit gewissen „Bilanzen“ und „Überträgen“ zubringe: ich mache eine Bestandsaufnahme dessen, was so war (Berge, Bäder, Begeisterungen, Befreiungen, Begegnungen, Beschlüsse und ihr Scheitern u.v.m.) und ein Fortschreiben dessen, was auch weiterhin sein kann-darf-soll (welche Adressen nehme ich mit ins neue Jahr – und meist steckt ja hinter einer Adresse auch ein Adressat -, welche Vorhaben notiere ich neu oder erneut, was schreibe ich ab, weil es nicht mehr passt oder noch nie gepasst hat…, um nur ein paar Beispiele zu nennen).
Dabei haben wir erst Mitte Mai und normalerweise ist das die Jahreszeit, in der ich mich eher auf meine Wunschliste für den Geburtstag fokussiere, was natürlich arg übertrieben, aber offen gestanden auch nicht völlig untertrieben ist.
Die fällt nun dieses Jahr erstaunlich kurz aus, einzeilig gar, das gab es eigentlich noch nie, aber der Gatte freut sich, weil es die Angelegenheit schließlich sehr vereinfacht und ich sonst ja schon kompliziert genug bin (was jetzt ebenfalls ein klein wenig übertrieben ist).

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Beim Laufen im Park (an dieser Stelle und bei dem Thema muss ich mir mein Gejammere über das nach wie vor geschlossene Schwimmbad übrigens am meisten verkneifen, weil ich es beim Laufen seltsamerweise am meisten spüre, wie sehr mir das Schwimmen fehlt) treffe ich mittlerweile nicht mehr gelegentlich J. (der wird längst wieder durch die Berge laufen, wo uns der Zufall eher nicht regelmäßig zusammenführen wird), dafür jedesmal den alten, einäugigen Hund.

Manchmal sitzt er vor einem Baum und guckt mit mildem Interesse den Eichhörnchen zu. Völlig entspannt ist er dabei, weil er weiß, dass es sich mit der Jagd für ihn erledigt hat und er schon froh sein kann, dass sie ihm nach dem üblen Unfall nur ein Lid zugenäht haben und er deshalb neben seiner guten Nase noch ein winziges Restaugenlicht hat, um sich zu orientieren in seinem kleinen Ausschnitt der Welt, in dem er zuhause ist und wo er gelernt hat, mit dem zufrieden zu sein, was er hat: Seinem Menschen, seinem Auslauf, seiner Wiese und ein paar munter umherflitzenden, unerreichbaren Eichhörnchen hoch droben in den Wipfeln der schönen, grünen Kastanien. Ein Stoiker ist er, und ein Epikureist.

Bewundernswert, wie er das macht.
Und wie er einfach unerschütterlich ist.

*****

Nothing unusual, nothing strange
Close to nothing at all
The same old scenario, the same old rain
And there’s no explosions here

Then something unusual, something strange
Comes from nothing at all
I saw a spaceship fly by your window
Did you see it disappear?

Amie come sit on my wall
And read me the story of O

And tell it like you still believe
That the end of the century
Brings a change for you and me

*****

Another Workout with Waldi.

Ein hundum guter Tag heute.
Stadtferner Stabilisierungs- und Distanzierungs-Marsch ohne Fremd-Aerosole und Zickzacklaufen.
Dafür mit allerlei Equipment auf dem Rücken, was einen zusätzlichen Trainingseffekt beschert: Neben Proviant und Wechselwäsche noch Hundetrage, Decke und Verbandszeug (wir hätten locker biwakieren können), denn die Bergretttung zu rufen, das ist ja – so unwahrscheinlich der Fall der Fälle auch ist bei diesem Gelände – derzeit tabu (so tabu wie es der Zwiesel und der Blomberg zu normalen Zeiten wären).

Unterwegs beschlossen, ab sofort für eine Weile nur noch abends Nachrichten zu konsumieren.
Die Filter sind etwas überstrapaziert, auch diese funktional-technische Rhetorik mit all ihren Anglizismen (Hochfahren, Runterfahren, Exit-Fahrplan, Shutdown, Lockdown) kann ich grad nicht mehr hören.

Es beglückt mich zutiefst, beim Rasten die Umgebung und meine Wanderkarte zu studieren und beim Abstieg das alte Kookaburra-Lied zu singen, das mir der Papa vor langer Zeit mal in den Bergen beibrachte.
Sehr schön ist auch, dass einen grad niemand beim Singen ertappt.

Mit einem weiteren Waldi-Video beenden wir nun diesen Tag und wünschen Ihnen eine gute Nacht!

Die Wandlung oder: Da bin i dahoam.

Als die Kraulquappe eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand sie sich in ihrem Bett zu einem ungeheueren Ungustl verwandelt. Sie lag auf ihrem von zweimonatigem Baustellengenerve verspannten Rücken und sah, wenn sie den Kopf ein wenig hob, ihre winterbleichen Beine, zwei bogenförmigen Gebilde, zwischen denen die Bettdecke, zum gänzlichen Niedergleiten bereit, mit den letzten Traumresten zu einem klebrigen Etwas verschmolz. Ihre vielen, im Vergleich zu ihrem sonstigen Umfang kläglich dürren Morgengedanken flimmerten ihr hilflos vor den Augen.

Sie stand auf, gähnte heftig, rieb sich die Augen, streckte sich, blickte aus dem Fenster und sah wie eine Taube ungeschickt auf einem der Garagendächer des Hinterhofes landete und dabei ins Straucheln geriet.

Ihr Kopf hämmerte heftig, eine düstere Schwere lastete auf ihrer Brust, überhaupt fühlte sich ihr Körper so an, als sei ihm eine Art Leblosigkeit in die Knochen gekrochen und hätte sich dort eingenistet. In die dunkelgrüne Morgenjacke schlüpfend dachte sie: „So ein Schlafmittel, das ist keine Lösung für mich.“ Geschlafen hatte sie nämlich dennoch nur dürftig, stattdessen war ihr übel.

Und kaum hatte sie das vor ihrem sich noch im Prozesse des Erwachens befindlichen Inneren ausgesprochen, wusste sie, was sie tun musste, aller Müdigkeit und aller auf sie wartenden Pflichten zum Trotze.

Sie teilte sich, auf Verständnis hoffend, den ihren mit, packte alsbald ihre Sachen, schnürte ihr Ränzlein – und empfahl sich. Stieg ins Auto, legte den Forenbacher ein und fuhr los. Unterwegs wurde ihr klar, dass nun eine – man will es hoffen: überschaubar kurze! – Zeit des Unsagbaren beginnen würde. Denn es würde ab nun Ereignisse und Situationen geben, die besser ungesagt blieben, und das umso mehr, je schöner und je unsagbarer sie wären.

Denn über die Triftigkeit von Gründen wollte sie weder debattieren noch streiten, schon gar nicht mit Uniformierten, die je nach Landkreis die Dinge mal so und mal ganz anders sahen. Erstmals zog sie in Erwägung, die ihr sonst so verhasste, weil so dämlich und wichtigtuerisch daherkommende Formulierung „aus Gründen“ zu verwenden. Wenn es sogar namhafte und mit Preisen dekorierte Journalisten wagen durften, diese Hohlphrase niederzuschreiben, ja gar eine Überschrift damit zu verhunzen, dann würde sie, sofern man sie an- oder aufhielte, um sie mit einem gestrengen „Quo vadis?“ zu behelligen und im nächsten Schritt sogleich dessen Notwendigkeit zu hinterfragen, einfach keck und hinter ihrer Sonnenbrille verschanzt, zurückflöten: „Aus Gründen!“.

Es hielt sie aber niemand an oder auf, denn sie kannte ja die diversen Schleichwege noch aus den Sommern ihrer Jugend, parkte das Auto an einem einsamen Fleckchen, an das sich nur Einheimische verirren würden und schlich sich durch ein Buchenwäldchen zum Bächlein und an diesem entlang, in stillen Serpentinen immer weiter, der Leere und der Einsamkeit entgegen, die ihr zugleich Fülle und Gesellschaft war, bis sie dort war, wo sie sein wollte, und wo sie sein würde, solange ihre Füße sie trugen und die Lunge ihr Herz mit Sauerstoff füllte und ihre Augen tief hineinblicken konnten in diese Weite, die ihre Heimat war.

Und so war sie ja auf eine gewisse Weise daheimgeblieben und es verging endlich mal wieder ein ganzer Tag voll des Glückes und der Freiheit und der guten Aussichten, in aller Heimlichkeit und in aller Achtsamkeit fern der Horden, die sich täglich durch die städtischen Parks schoben. Schon morgen wird sie dem Staate wieder als brave Bürgerin zur Verfügung stehen, wenn um 10 Uhr der KoCo19-Forschertrupp klingeln und ihre Venen anzapfen wird, wovor es ihr graut, aber sie hat sich ja gottseidank ein Beruhigungsfilmchen mitgebracht.

Song des Tages (50).

Gestern. Sonntagabend, nach 22 Uhr.
Wir liegen nicht nur erschlagen auf der Couch, sondern auch in den letzten Zügen der ersten Staffel einer neuen Serie.
Das Festnetztelefon klingelt. Wir schrecken sofort hoch, denn a) klingelt das abends üblicherweise sehr selten und b) schon gar nicht sonntags und nach 22 Uhr. Der Gatte springt vom Sofa hoch und rennt ins Nebenzimmer. Zu spät, das Klingeln verstummt in dem Moment, als er das Telefon aus der Basisstation reißt. Gerade noch rechtzeitig konnte er aber auf dem Display die zwei Worte „Papi zuhause“ erkennen. „Das war dein Papa!“, ruft er mir zu, und ich bekomme sofort Herzrasen, denn der Papa ruft nie zu so einer Uhrzeit an. Nie! Außer im Notfall.

Ja um Himmels Willen! Das Herz pocht mir sofort bis in die Schläfen, in mir denkt es in Sekundenschnelle: Ist er selbst der Anrufer gewesen, dann liegt die Lebensgefährtin im Krankenhaus, und wenn es aber nicht er war, der den Hörer dort am fernen Tegernsee in der Hand hält, sondern die G., dann ist der Papa im Krankenhaus. Den Drittgedanken behalte ich lieber für mich, der hat hier nichts verloren.
Panik steigt in mir hoch. Hektisch wühle ich zwischen den Sofakissen nach meinem Smartphone (der Papa wählt beim Zweitversuch immer die Mobilnummer), finde es, klappe die Schutzhülle auf und sehe justament den eingehenden Anruf (ich höre Anrufe in den seltensten Fällen, weil ich das Handy zu 98% seiner eingeschalteten Zeit pro Tag auf lautlos geschaltet habe).
„Papi zuhause“, lautet die Botschaft auch in diesem Display. Eilig wische ich das winzige Telefonhörer-Symbol zur Seite, das der Anrufannahme dient, und keuche fast in den Hörer: „Hallo Papi, was ist los?“

Am anderen Ende ertönt die krächzige, aber alles in allem muntere Sonntagabendstimme meines Herrn Vaters, ein verlegenes Lächeln schwingt in ihr mit, als er sagt: „Mir fiel grad siedend heiß ein, dass ja vorgestern der Geburtstag meines Schwiegersohnes war – vor lauter Coronadegöns hab ich das doch tatsächlich verschwitzt.“
Ich kreische ein „Na gottseidank!!!“ in den Hörer und füge an, wie froh ich sei, dass es „nur das“ sei und reiche den Hörer mit immer noch bebendem Arm und klopfendem Herzen an den bereits in ein erleichtertes Glucksen ausbrechenden Gatten neben mir weiter.

Mannomann. O tempora, o menses!

*****

Nachts geträumt, dass ich ein Tablett mit Frühstücksutensilien von der Küche durch den langen Flur ins Wohnzimmer trage und mir beim Gehen so denke: „Huch, der Boden hat ja eine Neigung, ist irgendwie leicht abschüssig, das ist ja seltsam!“.
Kurz vor dem Wohnzimmer entdecke ich dann einen Riss, etwa einen Meter breit, der quer durchs Parkett geht und den südlichen Teil der Wohnung vom nördlichen trennt (was jetzt nach nobler Villa oder Mega-Altbauwohnung klingt, es aber nicht im Geringsten ist) und eine Schlucht freigibt.
Der Graben durchteilt also die Wohnung, ein Blick in den Abgrund offenbart morsches Gebälk, das modrig riecht (vielleicht schon wieder ein Wasserschaden, irgendwo?) und alles sieht entsetzlich marode aus (ich kneife die Augen zusammen und meine, weit unten sogar ein Loch zu erkennen, durch das ich in den Flur der Nachbarsfamilie unter uns spähen kann).

Immerhin erklärt sich nun schlagartig die zuvor empfundene Neigung beim Gehen durch den langen Flur, und weiterträumend ist mir völlig klar, dass es nur noch eine Frage der Zeit sein wird, bis auch der Flurboden Risse bekommt und einbricht.
Es folgt die glasklare Gewissheit, dass nun alles im Eimer ist. Danach die Überlegung, wie wir vielleicht ein paar Möbelstücke retten könnten, abrupt unterbrochen von dem Gedanken, dass wenigstens die Frage nach der Mietminderung diesmal eine eindeutige Antwort erfahren wird und ja eigentlich auch die Hausratsversicherung einspringen müsste.
Als nächstes schreie ich nach dem Gatten, schreie laut und fast hysterisch seinen Namen und dass er bitte schnell herkommen soll und dass etwas Furchtbares passiert und unser Zuhause für immer ruiniert sei. Bevor er an dem Abgrund, vor dem ich stehe, eintrifft, wache ich auf.

Schöne Nächte sind das zur Zeit. Kaum Schlaf. Daher auch kaum Ausflüge in irgendwelche Traumwelten, aber wenn, dann gleich richtig dolle Abenteuertrips, so wie der von heute Nacht: Grand Canyon in der eigenen Bude. Wow! Das war noch nicht alles, da geht noch mehr, das spüre ich.

Beim Aufwachen und dem bald folgenden Griff zum Handy (kurzer Check, ob die Welt noch steht bzw. die Tageszeitung imstande war, das noch zu vermelden) dann die Erleichterung, dass der Arzt des Vertrauens auf meine Mail geantwortet hat und mir ein Rezept ausstellt, das künftig beim abendlichen Steckerziehen helfen wird. Hab sowas noch nie genommen, möchte aber das leidige Experiment „Leben mit Schlafmangel in Wasserschaden- und Coronazeiten“ nach nunmehr 7 Wochen (und seiner Intensivierungsphase in den letzten drei Wochen) jetzt gern mal unterbrechen oder am liebsten komplett beenden, selbst wenn man derzeit niemanden mehr trifft, der einen auf die Augenringe ansprechen könnte. Die zwanzig Kilometer, die ich nun jogge, um das Wasservermissen und den Schwimmentzug aus dem Körpergedächtnis zu vertreiben, sind sonst bald auch keine sinnvolle Ertüchtigung mehr, in dem müden Zustand droht vieles eine bleierne Schwere zu bekommen, was dann ja kontraproduktiv wäre, weil es ja der Rekreation und Kräftigung dienen soll.

*****

Aufgestanden, die Jalousien hochgezogen und gestutzt: schon wieder alles weiß. Aha. Naja, auch schon egal. Wieder hingelegt und mit dem Fräulein gekuschelt, das ist immer wie Frühling und Sommer und alles Glück der Welt konzentriert auf einem dackeldonutgroßen Stück der Matratze.

Der Gatte macht Frühstück und trägt das Tablett ins Wohnzimmer und kommt auch unbeschadet dort an, weil vor dem Wohnzimmer nur der übliche verschrammelte Parkettboden liegt, sich aber kein meterbreiter und -tiefer Graben auftut. Beruhigend. Ist also doch noch nicht alles im Eimer. Ich stehe auf.

Routinen tragen einen sanft in einen neuen Tag hinein, manche formieren sich derzeit auch neu, aber wie immer ist es wichtig, dass man sie überhaupt hat, diese Routinen, sie sind stützend und sie erinnern einen daran, dass es trotz allem ja immer noch sehr verlässlich sowas wie einen Alltag gibt und man sich nicht täglich alles neu zusammenklauben muss, damit man durch den Tag kommt.

Kleine Konstanten wie das dampfende Kaffeehaferl auf dem Frühstückstisch, daneben die Ausbeute des Pressespiegels vom Wochenende, vom Gatten mit den vertrauten Textmarker-Kreuzchen versehen, damit ich auf jeder der sorgsam herausgetrennten und zusammengefalteten Seiten gleich erkenne, welcher Artikel der zu lesende ist.
Der kleine Hund, der sich nochmal mit dem üblichen wohligen Grunzer ins Körbchen neben dem Esstisch plumpsen lässt, sich dort einkringelt und geduldig ausharrt, bis die Zeit fürs Morgengassi gekommen ist.

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Morgengassi dann bei klirrend kalten minus 1 Grad durch die weiß bepuderte Allee.
Der Gabenzaun hat sich über Nacht exakt gemäß meiner Befürchtung entwickelt. Wenn ich ehrlich bin, sogar noch etwas krasser.
Nasse Klamotten, heruntergefallene Klamotten, eingeschneite Klamotten, aufgerissene Tüten, verteilter Tüteninhalt, hier ein paar Milchpackungen, dort ein paar Damenbinden, extra-saugfähig, daher dekorativ aufgequollen.
Irgendeine besonders helle Leuchte hat am Fuße des Zaunes einen Karton mit Semmeln abgestellt. Ohne Abdeckung. Sehr clever. Sogar die Krähen gucken irritiert und fragen sich, was sie mit einer vereisten Semmel vom Vortag anfangen sollen, versuchen dann aber ihr Glück und zerhacken in trautem Teamwork einen der Tiefkühlwecken.

Woran ich noch gar nicht gedacht hatte, ist, dass diese Müllmeile ja neben all den Klamotten auch bergeweise „Biomüll“ enthalten würde, und dass ich ja mit einem Interessenten für Biomüll jeder möglichen und unmöglichen Herkunft und Beschaffenheit dort entlangspazieren müsste.

Das Dackelfräulein ist nämlich ein sogenannter „Staubsaugerhund“, was, selbst wenn man, so wie ich, ein passionierter Zusammenleber mit diesem sauberkeitsherstellenden Hausgenossen ist, ein ziemlicher Graus ist.
Hundebesitzer, die ebenfalls einen Staubsaugerhund haben, wissen, was ich meine. Darum geht unsereins auch lieber außerhalb der vielbegangenen Routen spazieren, weil sich dann die Objekte der kaniden Begierde wenigstens auf Hasenköttel, Pferdeäpfel, Marderkot, Fischgräten, Jauche, Kadaver und Gebeine reduzieren.

Es bleibt zu hoffen, dass die städtische Müllentsorgung bald zur Tat schreitet, damit das Morgengassi jetzt nicht täglich ein zehnminütiger Spießrutenlauf wird, wonach es aber nicht aussieht, wenn ich mir die Mülleimer und Wertstoffcontainer so ansehe.

Wieder zuhause angekommen warten gottseidank noch eine zweite Tasse Kaffee und ein Toast mit Quittengelee auf mich.
Immer her mit den Routinen (und an dieser Stelle nochmal ein großes Dankeschön an die liebe B. aus O., die dafür sorgte, dass es keine Geleeengpässe gibt, speziell jetzt wäre das wirklich nur schwer verkraftbar gewesen)!

*****

Die derzeitige „Lage der Nation“ verdichtet, wie ich hier eh schon mehrfach sagte (oder dachte?), gerade nahezu alles, was schon vor der Verbreitung dieses Virus‘ zu dicht, zu brisant, zu fragil oder sonstwie zu schwer zu ertragen war.
Auf all das kommt jetzt unter Umständen nochmal eine Schippe obendrauf, wenn es dumm läuft. Und teilweise treten diese Umstände nun auch ein und es läuft dann auch dumm, so wie vorgestern.

Da beschließe ich am späten Nachmittag, nochmal kurz mein Hirn durchzulüften, schnappe mir mein Feierabendbierfläschchen, gieße 0,25 l davon in mein Störtebeker-Säbelglas und begebe mich nach draußen.
Möchte mich einfach mal für 15 Minuten auf die vertraute Parkbank am Rande des Coronatest-Drive-In-Geländes (formerly known as „Wiesn“) setzen und der Bavaria gegenüber zuprosten und ein paar Surfern zusehen, wie sie ihre Runden auf der großen Freifläche vor den Testzelten drehen und sich vom Wind mal hierhin, mal dorthin treiben lassen.
Auch so ein Ritual, so eine kleine Konstante und Angewohnheit, die Struktur gibt und einfach wohltut, selbst wenn die Szenerie vor meiner Nase nicht mehr so ganz dieselbe ist.

Auf dem Bürgersteig angekommen, der sehr breit ist und eher einer gediegenen Allee gleicht als einem normalen Trottoir, will ich zur Überquerung ansetzen, sehe dann aber von rechts jemanden im Stechschritt heranmarschieren, ein komplettvermummter, vermutlich eher junger Mann (wegen Atemmaske und zusätzlicher Gesichtsverhüllung ist das schwer zu erkennen), in kurzer Hose (eigentlich zu kühl für den Tag) und ansonsten mit Turnschuhen, Kapuzenshirt und Baseballmütze bekleidet.
Ich bleibe mit meinem Weißbierglaserl in der Hand am Rand des breiten Weges stehen, um abzuwarten, bis er vorbeigegangen ist und dadurch sogar einen Abstand von mehr als zwei Metern wahren zu können.
Anstatt einfach weiter seines Weges zu gehen, macht der Kerl aber, auf meiner Höhe angelangt, auf einmal einen großen Sprung in meine Richtung, fuchtelt mit den Armen in der Luft herum, stampft mit dem Fuß auf und brüllt mir ein „Huh!“ entgegen. Und dann nochmal: „Huh!“

Ich bezweifle, dass er Isländer oder ein engagierter Botschafter für Fußballgesänge ist, vielmehr lag in diesem „Huh!“ eine Aggression, die mich recht unangenehm anwehte und mir den kurzen Aufenthalt auf meiner Parkbank schon eintrübte, bevor ich diese überhaupt erreicht hatte.

Im Treppenhaus höre ich eine Viertelstunde später dann zufällig mit, wie ein Nachbar einen anderen mit seinen kruden Verschwörungstheorien bequatscht: „Alles Fake, alles inszeniert.“ und „Mir macht das Virus keine Angst, nur unsere Regierung.“
Momente, in denen ich fast geneigt bin, zu verstehen, warum manch einer sich gern in Sphären der Transzendenz flüchtet oder Trost in der Religion sucht (oder sogar findet).
Momente aber auch, in denen ich sehr froh darüber bin, gleich die Tür hinter mir zuzumachen und in der Wohnung bleiben zu dürfen.

*****

Eigentlich hatte ich als Song des Tages für heute den freitags so überraschend veröffentlichten Song des Großmeisters aus Duluth, MN, vorgesehen, diesen apokalyptisch anmutenden Abgesang auf die USA – God’s own country, über das nun der Zorn des Herrn gekommen ist (wie irgendein Amerikaner aus dem dortigen Politbetrieb kürzlich mutmaßte) -, der einen, nur dreimal in Folge und mit Bedacht angehört (das Stück ist 17 Minuten lang!), mal für ein ganzes Stündchen total wegbeamt von all den viralen Plagen, mit denen wir uns arrangieren müssen und auch die soziologischen Feldstudien, deren Teilnehmer wir so unfreiwillig geworden sind, mal für ein Weilchen vergessen lässt.
Und die restlichen Minütchen, um diese Stunde vollzumachen, sollte man unbedingt der Lektüre der Willi-Winkler-Rezension zu diesem Requiem widmen. Vielleicht noch die andere Hälfte des Weißbierflascherls dazu, so zur Abrundung des Genusses auf allen Ebenen.
Gut verbrachte Zeit, das versichere ich Ihnen (natürlich nur, sofern Sie irgendwas mit Dylan am Hut haben, klar).

Spontan erschien mir nun, beim Niederschreiben dieser Zeilen und meinem dabei immer wieder aus dem Fenster und auf die Allee hinuntergleitenden Blick, aber ein anderer Song die passendere musikalische Allegorie meiner Verfassung an diesem Montagnachmittag zu sein:

Well, everyone has said that I might go
‚Cause my red suitcase and my Ray Bans weren’t quite so
I’d bear the heavy wind and rain that falls
I’ll never come back again
‚Cause you know how I laugh when winter shows her hand

With that picture framed, there is a saddest thing you’ll see
But it bought me time and a place that love could be
And since I’m goin‘ now, please rearrange
‚Cause I’d like to think that things have changed
I don’t believe you’ll be open anymore

So tell me if you want to see
A world outside your window
A world outside your window isn’t free
Oh and tell me if you want to catch that feelin‘ of redemption
That feelin‘ of redemption don’t do much for me

Well, everyone was hopin‘ you would stay awhile
Tell us ‚bout that great land in the South
Then you’ll see that man
Now ain’t he under offer?
Well, I tell you child, you go wash out your mouth

So tell me if you want to see
A world outside your window
A world outside your window isn’t free
Oh and tell me if you want to catch that feelin‘ of redemption
That feelin‘ of redemption don’t do much for me

Now what can you say?
I’m hidin‘ in the belfry
How can you say I want to catch time?
How can you say you know anythin‘ about me?
Because I knew about you but I won’t care about you

Now, everyone has come to see
But some things have to die
Flowers out for this graphic haunt
But they all pass me by

But the age is not
A funny game
It don’t give such a buzz
And when I winced with ignorance
I had to kiss this dust

So tell me if you want to see
A world outside your window
A world outside your window isn’t free
Oh, and tell me if you want to catch that feelin‘ of redemption
That feelin‘ of redemption don’t do much for me

*****

Grau ist es heute da draußen. Bleigrau. Und kalt. Eiskalt.
Aber es kommen auch wieder hellere und wärmere Tage.
Tage, an denen man wieder ein feelin‘ of redemption wird spüren können.

Schon der Hammer.

Um 9:35 Uhr kurvt die erste Polizei-Patrouille durch die menschenleere Allee vor der Haustür. Mit Durchsage, versteht sich. Megalaut. Wacht mit Sicherheit auch die letzte Schnarchnase davon auf.
Bitte nicht noch früher!, denkt man da kurz, denn wenn man schon nicht hinausdarf ohne triftigen Grund, dann möchte man wenigstens auch ohne triftigen Krach da draußen sein Frühstücksei löffeln und die Zeitung lesen können.
Meine diesbezügliche Empfehlung heute: der Artikel „Die gehorsame Gesellschaft“ aus der Freitagsausgabe der Süddeutschen Zeitung. Am besten noch nicht vor dem Erstkaffee und auch erst, wenn die schlafverklebten Augen schon etwas klarer in den Tag blinzeln, da sonst womgölich intellektuell noch zu herausfordernd, zumindest ging es mir so.

Beim Morgengassi entdecke ich, dass jemand auf jede vierte Windschutzscheibe in der Reihe der parkenden Autos „Wir lieben Demokratie“ geschrieben hat. Nein, nein, nicht etwa mit einer Spraydose! Sondern einfach mit dem Finger in den Schnee gekratzt. Über Nacht hat es nämlich wieder geschneit. Vorgestern noch mit hochgekrempelten Ärmeln und Hosen (und sogar barfuß) auf einer Bank gesessen, heute wieder Mütze und Handschuhe, aber allmählich wundert man sich ja über gar nichts mehr.

Der Schwimmbadentzug macht sich langsam bemerkbar, und das offenbar nicht nur bei mir.
Der Gatte, der ja neben seinem Zweitjob als häuslicher Serienbeauftragter (ein nicht zu unterschätzendes Amt in Corona-Zeiten) ja noch einen Drittjob als Pressespiegelbeauftragter hat (damit ich nicht ständig mit dem großformatigen Papier hantieren muss), legt mir kichernd eine Zeitungsmeldung neben mein Quittengeleebrot.

Da es in meinem Ganzjahresfreibad keine Scheiben gibt, die man einschlagen könnte, behelfe ich mir erstmal anderweitig, schnüre nun wieder meine Asics und sprinte springsteenbeschallt und selbstverständlich schön sozialdistanziert ein paar Runden durch den nahegelegenen Park.
Fürs Immunsystem, fürs Abschalten, fürs Frischlufttanken. Und mittlerweile scheint sogar die Sonne.
Das sollten genug der triftigen Gründe sein.

Ihnen allen einen schönen Sonntag!

PS: Weiß zufällig jemand, wieso der angeratene Abstand zum Mitmenschen hier in Deutschland mindestens 1,5 Meter betragen soll, man in Österreich aber nur 1 Meter empfiehlt? Husten unsere Nachbarn etwa anders, haben sie eine geringere Tröpfchendichte im Ausgehusteten oder fliegen die Aerosole dort einfach langsamer durch die Luft, quasi eine österreichische Variante des Virus, die sich dem nationalen, so angenehm unhektischen Tempo dort angepasst hat?

Song des Tages (49).

Gestern Mittag noch schnell eine sogenannte Solo-Selbständige – man lernt ja nun auch neues Vokabular kennen – unterstützt: unsere Hundefriseuse, die schon etwas blass um die Nase war, weil sie seit Tagen den Anruf vom Gesundheitsamt fürchtet, mit dem man sie zur Schließung ihres kleinen Geschäfts auffordern wird.
Der kam dann sicher direkt, nachdem das Dackelfräulein und ich den Laden verlassen hatten, um 12:38 Uhr waren die neuen, coronabedingten Allgemeinverfügungen für Bayern bekannt gegeben worden.

Um unnötige Zusatz-Ausflüge vor die Tür zu vermeiden, frisch geschoren gleich weiter zum Gassi am menschenleeren Kanal…

…überall in der Stadt mittlerweile Hinweise, auf welch dünnem Eis wir uns derzeit bewegen.

Auf dem Heinweg hält an einer Ampel ein Porsche Cayenne neben mir.
Vier runtergelassene Fenster, vier unglaublich junge Proleten drin (man weiß gar nicht, was man sich zuerst fragen soll: ob die überhaupt schon den Führerschein haben oder wie die zu so einer Karre kommen), viermal trinkend und grölend. „Corona, Corona!“, rufen sie.
Mir wird mulmig, ich will sie vorlassen, aber sie fahren nicht los, als es grün wird, sondern erst, als ich Gas gebe und um die Kurve fahre. Dann hab ich sie hinter mir, sehr unangenehm, bis vor unsere Haustür hab ich diese Idioten hinter mir und kann im Rückspiegel beobachten, wie sie am gesamten Bavariaring, der die Theresienwiese säumt, jeden Passanten und Radfahrer anpöbeln, indem sie sich aus dem Fenster lehnen und „Corona, Corona!“ brüllen.
Als ich blinke und bremse, um das Auto zu parken, donnern sie hupend an mir vorbei.

Ich muss an die Sache mit den Hundehaufen denken, als ich das Trottel-Quartett wegrasen sehe. Jeder Hundehaufen in unseren städtischen Grünstreifen und Parks, der nicht weggeräumt wird, versaut auch denen, die das täglich ordentlich machen, die Freiheiten, die eigentlich jeder Hundehalter gern hätte: dass man mit seinem Hund überall spazierengehen darf, dass Hunde wohl gelitten sind, dass es nur wenige Orte mit Leinen- oder gar Maulkorbpflicht gibt, dass es mehr Freiräume als Verbotszonen gibt. Scheiße ist’s, dass das nicht klappt.

Oben in der Wohnung schenke ich mir ein Weißbier ein, nehme es mit nach draußen, setze mich nochmal auf eine freie Parkbank und gucke eine Weile geradeaus. Üblicherweise entspannt mich dieses zweckfreie, ruhige Geradeausgucken auf die gegenüberliegende Theresienhöhe und die Bavaria vor der Ruhmeshalle in der Spätnachmittagssonne.
Diesmal eher nicht, denn gegenüber, das heißt nun auch: die Autokolonne vor dem Corona-Drive-In, hohe Polizeipräsenz auf der Wiesn, sogar ein Hubschrauber landet in der Nähe der Testzelte, keine Ahnung, wieso.
Fünfzig Meter entfernt bespaßen die Nachbarn unter uns nochmal ihre zwei quirligen kleinen Kinder, spielen zu viert Federball, wir winken uns aus der Entfernung zu.
Am letzten Tag des Freigangs kaum noch Gruppenbildung und überall viel Abstand.
Schade, zu spät.

Ausgeschaukelt! (Impressionen aus der Nachbarschaft)

In der Nacht schlägt das Wetter um, von Vorfrühling auf Restwinter.
Heute Morgen ist es, passend zu Tag 1 mit Ausgangsbeschränkung, grau, kalt und regnerisch in meiner Heimatstadt.

Wie jeden Morgen klappert einer von uns die fünf Supermärkte in der Lindwurmstraße ab, um zu schauen, ob es irgendwo wieder Seife gibt (alles andere, was uns fehlte, haben wir im Laufe der Woche bekommen). Fehlanzeige, auch heute.
Ich muss mich noch dran gewöhnen, die Einkaufszettel jetzt nicht mehr unmittelbar nach den Besorgungsgängen wegzuwerfen, sondern Überträge der nicht ergatterten Waren auf neue Zettel vorzunehmen.

Der Biomarkt öffnet seit heute erst um 10 Uhr seine Pforten, wegen der schrumpfenden Personalkapazität und weil die noch arbeitsfähigen Mitarbeiter eh schon schuften wie die Wilden und es mit weniger Leuten nun eben morgens länger dauert, bis die Regale wieder gefüllt sind.

Dort und in anderen Supermärkten erlebt man jetzt Szenen, die sich ungewohnt und fremd anfühlen.
Eine Kundin faucht eine andere an, weil sie ihr in der Schlange vor der Brottheke zu nah gekommen ist, dabei versuchte die Gerügte nur, mit ihrem Einkaufswagen irgendwie an den Wartenden vorbeizukommen.
Ein Paar beschimpft einen zauseligen älteren Herrn, der für ihr Empfinden zu lange im losen Spinat herumfingert, um sich die schönsten Blättchen aus dem Korbe herauszupicken und in seine Papiertüte zu stecken.
Ein kleiner Junge, an der Hand seiner Mutter, krakeelt „Mami, der Mann da vorn hat Corona, der hat gehustet!“.
Vor den Kassen geht es, zumindest im Biomarkt, sehr gesittet und exakt gemäß der neuen Abstandsregeln zu. Allerdings nur, so lange der Rückstau der Schlange nicht bis in den Nudel- und Nudelsaucen-Flur hineinreicht, denn dort herrscht – mal wieder – großer Andrang und noch größeres Aufstöhnen (ausgedünntes Sortiment).
Bei der Hofpfisterei wartet die Kundschaft draußen im Regen, ein loses Grüppchen, durch die aufgespannten Schirme eh schon in passablem Abstand stehend. Drinnen immer nur ein Kunde, und der brav hinter einer auf den Boden geklebten Markierung stehend. Man ruft der Verkäuferin zu, was man gern hätte und da sonst niemand im Raum ist, versteht sie einen auch auf die Entfernung (fast 3 Meter). An den Bezahlvorgang wird man sich noch gewöhnen müssen, denn der geht jetzt so: Der Betrag wird einem zugerufen, dann geht die Verkäuferin einige Schritte zurück, man selbst überschreitet nun die Markierung und legt seinen Geldschein auf die Theke. Anschließend begibt man sich wieder hinter die Grenzlinie, währenddessen bewegt sich die Verkäuferin zum Geldschein, nimmt das Wechselgeld aus der Kasse, weicht wieder zurück und die eben beschriebene Choreografie wiederholt sich. Draußen stehen acht wartende Kunden in allen Stimmungslagen von missmutig bis geduldig im strömenden Regen.

So ein Durchschnittseinkauf – Brot, Gemüse, Obst und ein paar andere Dinge – dauert nun erheblich länger. Aber da vieles andere nun flachfällt, nämlich all das, was man gar nicht mehr erledigen könnte, selbst wenn man wollte oder müsste, wird ja auch Zeit frei.

Manches da draußen wirkt wie aus den Fugen geraten. Es muss sich erst wieder neu zusammenfügen, bis man weniger darüber staunt und routinierter damit umgeht.
Die gewohnten Maße und Verhältnisse haben sich teilweise aufgelöst, sogar auf das Gemüse scheint dieses Phänomen überzuspringen, denn die Karotte hat auf einmal Gurkengröße und umgekehrt.

Irritiert lege ich beides in den Wagen und hoffe drauf, dass wenigstens geschmacklich noch alles beim Alten geblieben ist, und ansonsten muss man halt nach Rezepten für Kartoffen-Gurken-Gratin googeln. Obwohl ich seit zwei Tagen eher wenig google. Ich habe meine Aufenthalte im Internet stark reduziert, weil ich mich nicht mehr im Stundentakt dem Ticken all der Live-Ticker und Pressemeldungen aussetzen möchte.
Irgendwann muss man ja auch noch leben oder mal drüber nachdenken, wie man jetzt leben kann (oder muss) und fürderhin leben wird. Zu Letzterem empfehle ich Ihnen die Lektüre dieses Artikels.
Was mich angeht, so will ich mich an genau solche Stimmen und Denkweisen halten und keinesfalls in den Sog von Schwarzmalereien, Angstszenarien, Apokalypsevorstellungen oder Verschwörungstheorien geraten.
Nachts träume ich ohnehin schon von Christian Drosten, der mich per Zufallsgenerator als Probandin für irgendein Präventivprogramm auserkoren und dann höchstpersönlich via Skype angerufen hat – das reicht.
(Auch wenn Herr Drosten beim Skypen ausgesprochen nett war, mir sein spöder Humor sofort gefiel und wir nebenbei amüsiert feststellten, dass wir zwar derselbe Jahrgang sind, ich aber ungleich ausgeschlafener aussehe.)

Wir gucken nur noch einmal am Tag ausführlich die Abendnachrichten, sogar mit Spezialsendung, und sogar gelegentlich im Bayrischen Fernsehen, um das lokal Neueste und Wichtigste auch noch mitzubekommen. Morgens ergänzend eine halbe Stunde Zeitungslektüre – und dann ist’s auch gut.
Mentale und psychische Hygienemaßnahme. Weil wir jetzt sehr viel Zeit hier drinnen verbringen, wollen wir manches da draußen lassen, damit noch ein paar Leerräume bleiben, die wir anderweitig füllen oder auch einfach mal leer lassen können, auch als Puffer, denn man weiß ja nicht, was noch so kommen wird, das wieder Platz, Kraft und Zeit fordert.

Der heutige Song des Tages beweist eindrücklich, dass a) Bruce Springsteen tatsächlich für jede Lebenslage ein Liedchen komponiert hat und b) es wegen a) sogar eines seiner seichtesten Werke es mal in meine Rubrik „Song des Tages“ schaffen konnte.

Ich hätte nicht gedacht, dass es je so weit kommen würde, aber das ist ja momentan bei Einigem der Fall.

As I lift my groceries in to my car
I turn back for a moment and catch a smile
That blows this whole fucking place apart
I bow down to the Queen of the Supermarket
I bow down to the Queen of the Supermarket
In diesem Sinne wünsche ich Ihnen einen erfolgreichen Wochenendeinkauf, halten Sie sich auch sonst wacker und verneigen Sie sich ruhig einmal vor der Kassiererin, die in diesen Tagen Ihre Einkäufe über den Scanner zieht.

Katharsistag.

Kennen Sie den Unterschied zwischen Schwindeln und Lügen? Nein?!? Na, dann lassen Sie sich’s kurz erklären. Ist auch gar nicht kompliziert.

Als ich klein war und die Mutter mich ständig mit ihrem strikten Moralsystem traktierte und jeden Verstoß dagegen hart sanktionierte („Pass bloß auf, sonst fällt der Watschnbaum um!“), nahm der Papa mich eines Tages beiseite und erklärte mir, dass es nicht immer ein Verbrechen sei, wenn man nicht die Wahrheit sagen würde.

Dass es nämlich unterschiedliche Kategorien von Unwahrheiten gäbe: schlimme Lügen und harmlose Schwindeleien. Erstere seien dadurch gekennzeichnet, dass anderen durch die Lüge etwas genommen würde oder sie dadurch, dass man ihnen die Wahrheit vorenthielte, einen Schaden erlitten – das müsse ich unbedingt vermeiden, das sei unfair und feige. Die andere Kategorie seien Schwindeleien, die streng genommen zwar auch nicht der Wahrheit entsprächen, aber unterm Strich niemandem schaden oder um etwas betrügen würden.

Schwindeln, so sagte er mir, sei ab und zu erlaubt, weil es nun mal Situationen gäbe, in denen es mehr Unruhe oder Verwirrung stiften würde, wenn man reinen und aufrichtigen Klartext spräche, als wenn man sein Gegenüber ein klein wenig anschwindeln würde. Niemand wäre verletzt, niemand um irgendetwas gebracht. Manchmal sei Schwindeln ein soziales Schmiermittel, das unnötige Reibereien, Streitereien oder Eskalationen zu vermeiden helfe (und z.B. auch den Watschnbaum in Ruhe dort stehen ließe, wo er eben stand). Gelegentlich sei es also in Ordnung, sich in heiklen, aber letztlich harmlosen Gemengelagen einer Schwindelei zu bedienen.

*****

Heute Morgen erwache ich mit einer seltenen Klarheit: Am heutigen Mittwoch, meinem letzten, ganzen Tag hier im Wasserschadensanierungsexil, würde ich mir nur Gutes tun und mir nichts zumuten, das mir nicht gut täte.

Eine Art Katharsis ist nötig. Um mich zu befreien und zu reinigen von den unguten Einflüssen und Erlebnissen der letzten zwei Wochen. Um morgen einigermaßen aufgeräumt heimwärts zu fahren, in die Corona-Hauptstadt. Um gewappnet zu sein für die nächste Etappe der heimischen Baustelle, die da hoffentlich Fertigstellung (und Großputz) lauten würde.

Diese Klarheit verstärkt sich noch, als G., die Lebensgefährtin des Papas, zum 9. Mal in Folge bemeckert, dass ich mir morgens schon wieder eine Breze und für den Papa seine beiden Lieblingssemmeln vom Bäcker geholt habe. Jeden Abend fragte ich G., ob sie am nächsten Morgen auch eine frische Semmel möchte, jedesmal lehnte sie ab: „Ich kann genauso gut ein Brot essen!“.

Ja gut, dann halt nicht, aber dann motz‘ auch nicht, wenn andere sich mit Genuss auf die frischen Backwaren stürzen.

Nach einem eher kurzen Arbeitsvormittag packe ich den Rucksack und das Dackelfräulein und fahre rüber nach Wiessee.

Durchs Söllbachtal wandern wir hoch zur Aueralm. Frühlingshafte Temperaturen zunächst, weiter oben plötzlich dunkle Wolken und wüste Föhnwinde – und zu des Fräuleins Freude noch etwas Restschnee (die weiße Pracht vom vergangenen Wochenende hat es gestern und vorgestern weitgehend zerregnet).

Die 500 Höhenmeter zur Aueralm hinauf empfinde ich ja sonst eher als eine wenig alpine und sportliche Herausforderung, nicht so heute. Die Oberschenkel noch immer dermaßen schwer von den beiden Tiefschneetouren – öha! Aber ging dann schon, halt etwas geruhsamer.

Die herzogliche Hopfenflagge vor der Hütte hat unter den Stürmen der letzten Wochen offensichtlich etwas gelitten (ich fühle mich eigentlich genau wie diese zerfledderte Fahne, schießt es mir durch den Kopf):

Unser Stammplätzchen in der Almstube ist gottseidank frei, die Eckbank am Kachelofen…

…und die Wirtin hat grad frische Dampfnudeln gemacht. Dampfnudeln können so eine Katharsis ja enorm befördern.

Erst denkt man zwar „Boah, das schaff ich nie!“, aber dann passt’s doch prima rein in den hungrigen Wanst und macht noch dazu richtig glücklich (also mich: weil ich liebe warme, fluffige Hefeteigteile, pur und ohne was drin) und hinab kann man sich ja eh fast kullern lassen.

*****

Die Sonne lässt sich nachmittags auch noch blicken und auf der Rückfahrt halte ich deshalb kurz am Bootsanleger an, gucke einfach ein paar Minuten aufs Wasser hinaus, denke an H., die hier einst im Brautkleid an Land ging, und fasse den Beschluss, sie diesen Frühsommer nun endlich mal am Zürichsee zu besuchen.

Das Fräulein kruschelt derweil am Ufer herum, verpasst mir aber bald einen Stupser an die Wade, denn es geht auf 16 Uhr zu, und da ist Wanderwaldifütterungszeit!

Beim Papa angekommen höre ich G. schon lautstark im Wohnzimmer lamentieren, als ich von der Tiefgarage aus das Haus betrete.

Sie hält sich weder mit Begrüßungen noch Nachfragen zu meiner Tour auf, sondern trötet unmittelbar ihren Ärger heraus: Einer ihrer Söhne hat gerade kundgetan, dass sie von der für demnächst vereinbarten Enkelbetreuung coronabedingt entbunden sei, im Kindergarten gäbe es da wen…, und überhaupt.

In der Küche brodelt Billigbrühe in einem großen Topf und verpestet das ganze Erdgeschoss und daneben liegt ein großer Brocken Fleisch, über dessen Herkunft ich keine Fragen stellen werde.

Ob ich nicht doch zum Abendessen bliebe? Ob ich nicht doch was von ihrem Tafelspitz wolle? Ob ich nicht den letzten Abend besser hier verbringen würde? Ob ich dem Freund nicht absagen könne? Es sei so ein großes Stück Rind, das der Papa und sie kaum zu zweit schaffen würden, es war halt bei Lidl im Angebot, da habe sie zuschlagen müssen.

„Nein“, antworte ich, „ich werde nicht hier zu Abend essen, der Freund erwartet mich in Tölz im Brauhaus.“

Ich verkünde diese Schwindelei ohne rot zu werden und ohne zu stammeln, sondern mit völlig ruhiger, fester Stimme.

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Der Freund, mit dem ich heute angeblich in Tölz zum Essen verabredet bin, bin ich selbst. Das Tölzer Brauhaus, das 30 Minuten Fahrzeit bedeutet hätte, ist in Wirklichkeit das Gut Kaltenbrunn, zu dem ich nur halb so lang brauche.

So gönne ich mir nun auch noch abends drei Stunden Auszeit, komplett erschwindelt zwar, aber es schadet niemandem, nicht mal dem Rind im Kochtopf, das ja eh schon tot ist, aber ich, ich brauche das heute, um zu leben, um mit mir das Ende dieses Exils zu feiern, um mich zu belohnen, dass ich das durchgehalten habe, dass ich, vor allem dem Papa zuliebe, den großen Krach samt Abreise vermieden habe (und ein ehrlicher Satz wie „Ich muss mich heute dringend nochmal ganztags von G. und ihrem Geplärre erholen und stundenlang alleine in einem schönen Lokal sitzen und mich an der Ruhe freuen!“ hätte diesen eh so labilen Burgfrieden mit Sicherheit gehörig gefährdet).

Der heutige Abend gehört mir. Ich esse in Ruhe, ich sitze in Ruhe, ich habe meine Ruhe. Ich gucke aus dem Fenster auf den See, am gegenüberliegenden Ufer funkeln die Lichter von Rottach-Egern.

So aus gebührendem Abstand betrachtet sieht das ja alles so friedlich aus, so idyllisch, so pittoresk.

Und nach einem Mondino Amaro meint man ja beinahe, man wäre als Urlauberin hier gewesen, in diesem voralpenländischen Paradies.

About leaving oder: Abendliche Depesche aus dem Exil.

Zur Frühstücksbreze gibt’s Ruhe, Regen und die regionale Tageszeitung. Gerade mal seit vier Tagen habe ich mühsam eine Haltung gefunden, die es mir ermöglicht, während meines Wasserschadensanierungs-Exils einigermaßen schmerz- und wutfrei mit G., der Lebensgefährtin des Papas, umzugehen (wir berichteten hier), damit ich diese 9 Tage in G.s Haus halbwegs unbeschadet überstehe – und schon muss ich die nächste Haltung finden: Denn übermorgen geht’s heimwärts, zwar noch nicht in die Wohnung, aber immerhin schon mal in die Nähe der Wohnung, in ein Hotel ums Eck, und all diese Orte befinden sich in der „Corona-Hauptstadt“, wie der hiesige Merkur titelt.

Ich weiß noch nicht so recht, wie ich das finden soll, eigentlich freute ich mich aufs Ende des Exils, der Unbehaustheit und der Heimatlosigkeit. Aber nun? Corona-Hauptstadt?!?
Naja, man wird sehen, was da noch alles kommt. Sollten wir uns wegsperren müssen, haben wir immerhin ein neues Bad und keine Flecken mehr an den Wänden.

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G., die Lebensgefährtin des Papas, kommentiert auch an Tag 7 meines Aufenthalts noch unbeirrt jeden Happen und jeden Schritt von mir, sobald wir uns begegnen. Ich kommentiere nun grundsätzlich zurück, in ähnlichem Tonfall, mit ähnlichem Gesichtsausdruck, nur die Wortwahl ist etwas deftiger, denn ein bisserl Kontrast muss schon sein.

Einer der Spitzendialoge war in den letzten Tagen dieser hier:

Ich, in der Küche stehend, mir ein Müsli mit frischem Obst zubereitend.
G., im angrenzenden Wohnzimmer sitzend, eigentlich lesend, aber permanent den Papa, der ebenfalls im Wohnzimmer sitzt, mit irgendwas zutextend.
G. sieht, dass ich in die Küche gehe, hört von dort Zubereitungsgeräusche (die Tür steht immer offen, man hört jedes Löffelklappern) und sagt im Keifton zum Papa: „Die isst ja ständig was!“
Der Papa entgegnet: „Auch nicht öfter als wir.“
G.: „Doch! Wenn wir morgens runterkommen, hat die ja schon gefrühstückt. Dann holt sie sich vormittags noch irgendwas. Und dann meist noch dieses Müsli, bevor sie mit dem Hund loszieht! Die isst dauernd!“
Der Papa: „Ist doch egal, lass sie doch.“
G.: „Ich staune aber schon. Dass die so oft was isst. Wie kann man nur so viel essen? Naja, erlauben kann sie sich’s ja…“
Ich schalte mich von der Küche aus ein, also ohne Blickkontakt, was die Sache vereinfacht: „DIE kann euch übrigens hören. Und DIE isst was, so oft sie möchte. Und selbst wenn DIE es sich nicht erlauben könnte und kugelrund wäre, wäre es immer noch IHRE Sache.“

Mich hingegen versetzt es in Staunen, dass und wie G. sich wirklich über alles echauffieren kann, was ihren Vorstellungshorizont sprengt oder sich mit ihrem Weltbild nicht verträgt. Zumal das so vieles ist. Wie schafft man das, sich über so vieles zu ereifern? Wie fühlt sich das an, einen anderen immer nur abzuwerten und zu kritisieren? Wie geht es einem damit, jemandem 7 Tage lang keine Verständnisfrage gestellt zu haben, ihn/sie aber in einer Tour bemeckert zu haben für nahezu alles, was er/sie tut?

Noch mehr aber staune ich, als ich neben G.s Sessel auf einem Beistelltischchen dieses Buch entdecke:

Einerseits möchte ich G. zurufen: „Ja super, fahr doch einfach los und such deine Freiheit!“. Andererseits schnürt mit der Anblick des Covers die Kehle zu, lässt mich eher still werden und denken: „So ein Buch liegt da nicht zufällig. Schon gar nicht mit einem Lesezeichen, das bereits in Buchmitte steckt.“

So viel unerfülltes Leben, wohin man nur blickt. Unerfüllte Träume, unerfüllte Bedürfnisse, unerfüllte Beziehungen, unerfüllte Vergangenheit, unerfüllte Gegenwart.
Beklemmende Biografien mit noch beklemmenderen Fazits, spätestens, wenn der letzte Lebensabschnitt mal erreicht ist. Alles so welk, so trist, so trostlos.

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Wenn ich gelegentlich kurz hinter das ganze Gemecker und Gekeife von G. schaue, sehe ich eine alte, unzufriedene Frau, wohlhabend und geizig zugleich, sich der Welt und Umwelt immer mehr entfremdend (vielleicht auch durch beginnende Demenz und/oder sich manifestierende, unbehandelte psychische Probleme), mit zwei Söhnen, die sich nicht für sie interessieren und mit einem Partner, für den sie sich nur interessiert hat, so lange er gut funktionierte und „jemand“ war und für „etwas“ stand.

Der Papa ist nicht mehr der große Geschäftsführer und Chef oder der Leiter und Lenker einer Institution mit mehreren hundert Angestellten, er lässt keine Gebäude mehr bauen, er hantiert nicht mehr mit Budgets, er hat keinen Fahrer mehr und auch keine Sekretärin.
Er ist jetzt alt und gebrechlich und bereits zur Hälfte von Mr. Parkinson zernagt.

Seine rechte Körperhälfte gehört ihm immer weniger. Mit der rechten Hand trifft er kaum noch die Maustasten, Bestellvorgänge im Internet werden schwieriger, weil er sich verklickt oder zu langsam ist. Unterschriften werden zur Qual. Schuhe anziehen sowieso. Alles ohne Klettverschluss ist Strapaze, egal, ob Knopf oder Schnürung oder Gürtel.
Kochen, einst eines seiner größten Hobbies, erfordert so viel Feinarbeit und motorische Anstrengung, dass ihm der Appetit vergeht, bevor das Essen auf dem Tisch steht. Und steht es dann doch auf dem Tisch, kann er manches nicht mehr in mundgerechte Stücke schneiden oder verliert diese auf dem Weg zum Mund.
Die Mimik wird starrer und starrer, wirkt manchmal unfreundlich eben wegen dieser Starrheit, die rechte Gesichtshälfte streikt zusehends und produziert statt einem Lächeln einen Speichelfaden, der auf dem Hemd landet, direkt neben dem Fleck vom Abendessen, das ihm von der Gabel fiel.

Der Alltag ist zur Zitterpartie geworden. Er ist froh, wenn ihm nichts entgleitet oder gar herunterfällt, denn Bücken ist eine Herausforderung fürs Gleichgewichtsorgan geworden, also fasst er manches lieber gar nicht mehr an. Im alltäglichen wie auch im übertragen Sinne. Er klinkt sich aus. Was er nicht mehr berührt, kann ihm auch nicht mehr entgleiten, meint er. Was er nicht an sich nimmt, kann ihm auch nicht mehr herunterfallen und zerspringen, meint er. Er klinkt sich aus.
„Du irrst dich, Papa!“, will ich zu ihm sagen und dann bringe ich es doch nicht übers Herz, weil ich kein tragfähiges Alternativkonzept weiß, das ihn mit sich und der Welt wieder verbinden könnte, zumindest keines, das für ihn taugen würde. Ich lasse ihn sich ausklinken, sehe ihm dabei zu, in einer dumpfen Ohnmacht.

Sein Radius wird kleiner und kleiner, der betretbare Ausschnitt der Welt wird schon bald einer sein, bei dem die Hauptgefahr darin besteht, sich selbst auf die eigenen Füße zu treten. Dieses sich so deutlich anbahnende Um-die-eigene-Achse-Drehen spürt er und es jagt ihm Angst ein, aber da er nie gelernt hat, sich mit Ängsten auseinanderzusetzen, weil er, als er noch Chef war und den ganzen großen Laden alleine gut im Griff hatte und haben musste, einfach keine Ängste hatte, außer den paar persönlichen, die aber durch ein paar Bier in Schach zu halten oder zu verdrängen waren, steht er nun recht hilflos vor einer völlig neuen Situation.

Da kommt etwas auf ihn zu, ist sogar schon fast da, Mr. Parkinson atmet und keucht ihm nämlich nicht nur täglich spürbar in den Nacken, sondern hockt da wie ein Klammeräffchen und zischt ihm in das Ohr, das ängstlich lauschend über seine zitternde rechte Hälfte wacht: „Bald bin ich ganz Du und Du bist ganz Ich und dann fallen wir gemeinsam ins Bodenlose!“
Das hört er wohl und es beklemmt ihn, aber er kann das Klammeräffchen nicht mehr aus seinem Nacken entfernen (wie auch, wenn der Arm doch so zittert) und fängt an, Augen und Ohren zu verschließen. Nicht nur vor dem alten Affen Angst, sondern vor allem, auch vor dem, was ihn ans Leben erinnert, wie es mal war oder wie er dachte, dass es noch sein würde, wenn er in Rente wäre und endlich Zeit und Ruhe hätte, für all das, was ihm das Chefsein und er sich selbst verwehrt hatten.

Alles auf eine Karte gesetzt und die für einen Trumpf gehalten, lange geglänzt wie einer, der die Asse, eines nach dem anderen, nur so aus dem Ärmel zieht, Privates dem Beruf und Eigenes der Familie untergeordnet, wie das halt so läuft, wenn es läuft und irgendwann läuft einem doch alles davon, obwohl es so gut zu laufen schien.
Die alten Freunde verloren, keine neuen gefunden, Arbeit-Arbeit-Arbeit, Anstrengung-Anstrenung-Anstrengung, also nur noch berufliche Weggefährten, von denen die wenigsten bleiben, wenn der berufliche Weg mal geendet hat, also viel Raum da, der zu füllen gewesen wäre, aber bevor eine konkrete Idee auf den Plan trat, womit, trat Mr. Parkinson durch die Hintertür ein und füllte von dort aus die Räume, einen nach dem anderen und bald wird das ganze Haus, dessen Herr er mal war und immer bleiben wollte, eine einzige Besatzungszone sein.

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Bei der Hunderunde durch den strömenden Regen komme ich an dem Café vorbei, in dem ich letzte Woche mit dem Theologen und dem Onkologen zusammensaß und den Nachmittag verplauderte. Ich gucke durchs Fenster in das Café hinein und prompt sehe ich die beiden auf ihrem Stammplatz sitzen. Bin versucht, sofort weiterzugehen (trüber Tag heute, nicht gesellschaftsfähg), aber sie haben mich bereits entdeckt und winken mich fröhlich zu sich herein.

Triefend vor Nässe betreten das Dackelfräulein und ich das kleine Café, die alten Herren haben schon einen dritten Stuhl zu ihrem Tisch gezogen, nehmen mir den pitschnassen Mantel ab und organisieren eine Decke, auf die sich die Hundedame zum Abtropfen legen kann.
Die beiden überschlagen sich vor Höflichkeit, ich muss mir ein paar Trüffel aussuchen und einen Tee bestellen. Der Theologe möchte meine Meinung zu seiner neuesten Grabrede hören, die er heute Morgen verfasst hat, der Onkologe möchte hören, wie es am Wochenende in den tief verschneiten Bergen war.

Dann müssen die beiden los, der eine zum Augenarzt, um ein Rezept abzuholen, der andere zum Bestatter, um die Grabrede abzuliefern.
Ich bleibe noch eine Weile allein in dem Café sitzen, gucke auf den grauen See hinaus und trinke noch einen Kaffee, schreibe dem Gatten und einem Freund ein paar Zeilen per Whatsapp und hänge meinen Gedanken nach.

Die Himbeertrüffel in dunkler Schokolade sind übrigens meiner Ansicht nach die besten.

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Diese Tage im Wasserschadensanierungs-Exil führen mir nicht nur meine konkrete akutelle Heimatlosigkeit vor Augen. Neben dem Nicht-im-eigenen-Zuhause-Wohnen-Können offenbart sich mir im (voraussichtlich letzten längeren) Zusammenleben mit dem Papa auch noch eine ganz andere Art von Heimatlosigkeit, derzeit noch mehr als Ahnung, aber wer weiß, wie lange noch.

Als ich heute eine Stunde durch den Regen jogge, immer monoton an der tosenden Weißach entlang, immer schnurgradaus, immer die Repeat-Taste des Walkmans drückend, um „About Leaving“, diesen Hammer-Song von Matthias Forenbacher, endlich voll und ganz aufzusaugen, zu erfassen und zu verstehen, da mischt sich plötzlich mein Schweiß mit dem Regen, und alles fließt mir in Strömen übers Gesicht, vielleicht sogar noch viel mehr als nur Schweiß und Regen, und einfach alles, der Rausch dieser Lyrics und das Tosen des Gebirgsbachs und mein bis in die Schläfen pochender Herzschlag und das schmatzende Geräusch meiner Laufschuhe in dem Matsch des Uferweges kulminieren in der Frage: Wer bin ich, wenn er nicht mehr ist, welcher Teil von mir wird mit ihm sterben, welcher wird weiterleben und wie wird meine Welt aussehen, wenn die seine komplett untergegangen ist?

What is the truth when you’re going to leave?

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