Gegrüßet seist du, November!

Zeitgleich mit dem November hält dieses Jahr winterliche Kälte Einzug, und mit den Temperaturen beginnt auch das Stimmungsbarometer zu sinken.
Auf den langen Märschen durch die Isarauen oder städtische Parks trage ich nun meist eine Mütze und immer Handschuhe, kehre ich unterwegs ein, löst die heiße Schokolade allmählich das kühle Weißbier ab.

Die erste dieser wärmenden Winterschokoladen an einem Ort getrunken, den ich nicht mehr aufsuchte, seit ich mit demjenigen dort war, den ich eine Weile für einen Freund hielt, der sich aber urplötzlich, kommentarlos und ganz ohne jede Wärme vom Acker machte und nichts hinterlassen hat außer ein paar gut eingebauten Regalbrettern und einer beachtlichen Menge Schutt aller Art.
Den Großteil davon habe ich längst beseitigt, erst gestern aber fand ich auf dem Boden einer Schublade – eigentlich auf der Suche nach einem Geschenkbändchen für die liebe K. – nochmal so ein Überbleibsel dieser hoffentlich letzten Blutegelepisode in meinem Leben: ein nett beschriebenes Kärtchen, einen hübsch glänzenden Talisman dazu. Schöne Worte und Symbole, nichts dahinter. Also weg damit, denn sich solche Andenken noch zu bewahren, das hieße auch weiterhin an denjenigen zu denken und sei es nur, wenn man grad ein Geschenkbändchen sucht.
Immerhin barg sie eine nachträgliche Lernchance, diese Geschichte (was beileibe nicht all solche Geschichten tun oder was ich, als bekennender Gegner der „Alles im Leben hat seinen tieferen Sinn“-Ideologie, eben nicht zu sehen imstande bin): Künftig noch genauer hingucken, denn mancher Blutegel kommt als Salamander verkleidet daher, bei den ersten Zweifeln gilt es, ordentlich an der Fassade zu rütteln, spätestens nach dem ersten Biss ist sofort das Weite zu suchen.

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Musikalisch geht’s jetzt auch hinüber in andere Gefilde, wieder mehr Tom Joad und Hattie Carroll (von Letzterem krieg ich den Hals grad gar nicht voll), garniert von gelegentlichen Versuchen, den grauen Himmel mit mehrminütigen Videoclips von Lofgrens Gitarrensoli wegzupeitschen.
Literarisch ist die Zeit nun reif für Walden, das schon viel zu lange von A nach B (und wieder zurück) geräumt wird und als blinder Passagier sogar quer durch ganz Gotland und halb Schweden gereist ist.

Das Dackelfräulein ist pünktlich läufig geworden (immer wieder faszinierend: ein so kleiner Körper und alles drin an Abläufen und Funktionen, an Möglichkeiten und Risiken), verbellt draußen eifrig die ersten interessierten Rüden, trägt drinnen ihr kesses Höschen mit routinierter Gelassenheit und schmiegt sich nachts noch enger an einen ran, was zu der Jahreszeit recht angenehm ist.

Der Ellenbogen schmerzt wieder, dafür kann man durch unsere Fenster die Eichhörnchen im Baum gegenüber nun viel besser beobachten. Ein Stück oberhalb dieser altbekannten Schmerzzone noch eine weitere, dort ächzt die Schulter vor sich hin, auch nichts Neues mehr. Und seit Wochen ein Stechen und Druckgefühl im Solarplexus, also exakt dort, wo gefühlt schon immer mein Ich hauste (merke: zu sowas niemals mehr Dr. Google befragen, sonst läuft man Gefahr, gleich aus sich selbst ausziehen zu wollen).
Der lästigen kleinen Oktober-Arztterminserie wird vermutlich bald eine weitere folgen, denn schließlich muss man in 9 bis 10 Monaten fit sein und beide Arme gen Himmel oder Bühne recken können, wenn Mr. Springsteen im Herbst seines Lebens dem selbigem des Jahres 2020 die Ehre erweisen wird (so die Gerüchte, die seit heute Mittag kursieren, sich bewahrheiten mögen).

Wenigstens beim Schwimmen macht der Arm noch gut mit, zwingt einen sogar zu technischer Gründlichkeit.
Das Experiment „Schwimmen mit Musik“ hingegen wurde heute Morgen endgültig für abgesoffen erklärt. Der Geburtstags-Sony-Sport-Walkman ist zwar federleicht, simpel zu bedienen und klingt über Wasser auch 1a, aber aus mir wird kein Mit-Musik-Schwimmer mehr.
Fast alles stört meinen Rhythmus, gerade mal drei Songs der langen Playlist konnten für kraultauglich erklärt werden, zur Rückenlage passt kein einziger und beim Brustschwimmen kommt nach ein paar Hundert Metern jedesmal Wasser in die Ohrstöpsel und verzerrt den Klang. Außerdem höre ich meine Blubberatmung nicht mehr, die ich aber gern höre, so als einziges Geräusch in dieser schönen Stille, die unter Wasser herrscht.

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Nach dem Fest ist vor dem Fest: die Reste der Wiesn sind noch nicht mal ganz abgebaut, da stellen sie direkt daneben bereits die Zelte fürs Winter-Tollwood auf. Immer was zu gucken, wenn man vor die Tür tritt. Ich empfinde das immer noch als belebend, erst recht, wenn ich an die Ödnis unseres kurzen Wohnexperiments am Stadtrand zurückdenke.

Und analog dazu: nach der Steuererklärung ist vor der Steuererklärung.
Noch keine 14 Tage befreit von dieser Zumutung, schon trudelt ein Schreiben vom Finanzamt ein. Mit Nachfragen, die Nachfragen aufwerfen und auf die alleine keine Antwort zu finden sein wird (auch das eine Zumutung: die müssten einem doch so schreiben, dass man versteht, was sie von einem wissen wollen). Erst im August den letzten Schikanemarathon vom Fiskus überstanden, schon steht eine neue Beschäftigungstherapie ins Haus, der man sich nur entziehen könnte, wenn man entspannt ein paar Tausender zu verschenken hätte. Haben wir nicht, also werten wir’s einfach mal als belebend, dass da jetzt wieder action ansteht.

Außerdem gibt es ja so Wünsche, die durchaus ein Geld kosten.
Gestern an einer Galerie vorbeigekommen, die sonst immer zu hatte, wenn ich da entlangspazierte, was ich jedes Mal bedauerte, weil in dem kleinen Raum eine exzellente Auswahl an Plakaten aus meinem Geburtsjahr hing, die Olympischen Spiele in München in allen Disziplinen, Farben und Formaten. Und gestern stand plötzlich der Galerist drinnen und winkte mich hinein. Das gesamte Sortiment durchgepflügt, das Schwimmerplakat ganz wunderbar, auch das der Kanuten, aber dann stieß ich auf das hier:

Limitierte Auflage, daher ein Sammlerstück, natürlich mit weiter steigendem Wiederverkaufswert, sofern man jetzt den Zeitwert berappen könnte und sich das Ding für nur 600€ (*schluck* – dafür bekommt man ja schon fast einen echten Waldi!) unter den Nagel reißen würde.

Sie müssen wissen: der Waldi ’72 ist mir sehr bedeutsam. Er wurde mir als mein allererstes Stofftier in die Wiege gelegt und mir 18 Jahre später gegen meinen Willen wieder genommen, die Mutter rückte ihn einfach nicht raus als ich von ihr ging, ich musste also den Waldi zurücklassen und den mit uns lebenden Dackel ja sowieso, es war ein einziger Graus (ein Grauen vielmehr!), die Mutter hat ihn irgendwann verkauft oder weggegeben, in fremde Hände, in ein Stofftierheim gar, ich hab’s verdrängt, denn verloren ist verloren.
Dementsprechend muss hier noch eine uralte Wunde genäht und geheilt werden, wie Sie nun sicher verstehen werden. Es war der wadlgroße bzw. -lange Waldi, der mit dem groben Stoffbezug, nicht die flauschige Plüschvariante. Ich weiß noch genau, wie ich ihm immer ganz sacht mit dem Zeigefinger auf die Nase tippte, wie er sich anfühlte, wie er roch, wie er guckte, wie er über meine Spielsachen und Hausaufgaben wachte, sogar die ersten Springsteenplatten haben wir noch gemeinsam gehört und den ersten Liebeskummer zusammen durchgestanden, kurz: es ist einer dieser Verluste, über die man nie wirklich hinwegkommt.

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Bei manchen der noch neueren Kontakte und Bekanntschaften zeichnen sich erste Grenzen ab (oder zumindest zeitweise Statuszementierungen), bedingt durch die eigentlich recht banale Erkenntnis, wie anders andere doch sind.
Steh ich neulich bei einem in der Wohnung herum, der mir mit Handy am Ohr die Tür öffnet, weswegen ich dann eben ein Weilchen dort herumstehe und warte, bis er fertig ist mit seinem Telefonat.
Nachdem er aufgelegt hat, begrüßt er mich auf eine Weise, die mir zutiefst sympathisch ist, weil er einen nicht so verhuscht umarmt, wie das viele tun (dieses eher angedeutete Innigkeitsgeste, ein Hauch von Berührung, vielmehr: ein Hauch von nichts, kaum ein Bartstoppel oder Brustkorb oder Geruch wahrnehmbar, wozu auch immer eine solche Pseudoumarmung gut sein soll oder was sie ausdrücken bzw. wovor sie sich drücken möchte), sondern weil er richtig „zulangt“, das hat was Verbindliches, das strahlt Präsenz aus, und Vitalität. Sehr schön!

Nach der Begrüßung saust er in sein Wohnzimmer, wo der Fernseher läuft (es ist ca. 15 Uhr und ich gebe zu: ich bin grundsätzlich erstaunt darüber, dass es Menschen gibt, die um diese Zeit fernsehen), auf dem Weg dorthin ruft er mir zu, er wolle den unbedingt mal schnell ausschalten. Ebenfalls sehr schön, denn bei privaten Unterhaltungen kann ich im Hintergrund Laufendes ebenso wenig leiden wie unnütze, ziellose Beschallung jeder Art im öffentlichen Raum.
Auf dem Rückweg zu mir fügt er seinem Tun noch erläuternd hinzu: „Ich mach‘ den manchmal an, wenn es mir in der Wohnung zu still ist!“.
Öha!?! – Innerlich zucke ich heftig zusammen bei diesem Satz, äußerlich bin ich bemüht, so zu gucken wie ich zuvor geguckt habe (ankommend, freundlich, zugewandt, frisch umarmt). Die Sprache verschlägt’s mir dennoch kurz, was nicht weiter auffällt, da er ohnehin der Plauderpart von uns beiden ist (er erinnert mich auch hierin an meinen ehemals besten Freund M., mit dem ich mich nach fast 15 intensiven Jahren auseinandergelebt habe, u.a. wg. eines massiven Überplauderungsgefühls, dessen ich mich nicht anders zu erwehren wusste als durch Distanz und Bennenung der Gründe dafür).

Als ich wieder gehe, denke ich darüber nach, ob das wohl je eine Freundschaft werden könnte oder ob mir ein Mensch, der die nachmittägliche Stille in den eigenen vier Wänden mit dem Einschalten der Glotze zum Verstummen bringen muss, mir nicht zu wesensfremd ist für das, was ich unter Freundschaft verstehe. Diese Grübelei mündet in eine Grübelei darüber, ob es unter sozialen Aspekten sinnvoll ist, mit zunehmendem Alter immer kritischer zu werden oder ob nicht doch eher das Gegenteil ratsam wäre.

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Apropos sozial.

Was mir nicht nur aus der Seele sprach, sondern mir auch das Herz erwärmte, ist dieser vorgestern erschienene Artikel von Juli Zeh, in dem es um Sozialakrobaten geht (und diese einmal mehr aufs Trefflichste von Untermietern unterschieden werden).
Wenn Sie ein Tierfreund und einigermaßen novemberfest sind, dann lesen Sie den mal.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen einen kuschligen Abend, mit einem Gefährten oder mit der Sofadecke, und verabschiede mich hiermit in meine allabendliche Streichelmeditation!

Herbstpredigt aus Colts Neck. Ein homiletischer Interpretationsversuch.

„In this life nobody gets away unhurt.“ (Bruce Springsteen in his movie „Western Stars“)

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Als Bruce Springsteen die ausgehungerte Fangemeinde im Juni mit seinem 19. Album namens „Western Stars“ beehrte, befand ich mich gerade in der ersten forenbacherschen Vollvernebelung und konnte deshalb anfangs nur sehr am Rande Notiz nehmen von dem neuesten Werk meines seit frühester Jugend so bewährten Allzeitseelenretters.

Erst viele Wochen später wandte ich mich nach und nach den 13 (!) Songs zu und fand langsam einen Zugang zu dem Album, wenngleich nur zu einem Drittel der neu veröffentlichten Lieder.
Spontan mochte ich bloß die Lieder, bei denen durchgehend oder zumindest zwischen den Zeilen und Akkorden diese tiefe Melancholie und be(d)rückende Authentizität hindurchschimmerte, die „Nebraska“ (für mein Empfinden eines seiner wichtigsten Alben überhaupt) uns Langzeit-Fans vor ein paar Jahrzehnten unter die Haut geätzt und dort für immer konserviert hatte – ein Widerfahrnis, das wir mit Ehrfurcht und Stolz in und an uns tragen wie andere ihre Tattoos oder Schmisse.

Die anderen beiden Drittel empfand ich zunächst wie ein etwas ausgeleiertes Echo von bereits Gesagtem bzw. Gesungenem. Das wäre nicht weiter schlimm, wenn die Referenzsongs die passenden gewesen wären und die Ingredienzen dieser neuen Stücke nicht dem Topf der Bedeutungslosigkeit und Unerheblichkeit entnommen worden wären, den der Boss mit einigen Kellen voll Songs aus seinen letzten Alben (allen voran „Magic“ und das bald darauf folgene „Working on a dream“) schon reichlich gefüllt hatte (was ich ihm gleichwohl längst verziehen habe, aus alter, immerwährender Zuneigung und Verbundenheit).
Aber genau aus diesem Topf schienen sie mir zu entstammen, sie klangen wie etwas, das wirklich nicht zwingend hätte erzählt und vertont werden müssen – und genau deshalb wurde ich mit mehr als der Hälfte der Songs dieses neuen Albums nicht so recht warm.

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Nun also, vier Monate später, der Film zum Album: „Western Stars“, gestern Abend europaweit als einmalige (!) Kinoaufführung zelebriert. Für mich eine weitere Chance zur Annäherung an dieses Werk, die durchaus als gelungen bezeichnet werden kann.

Schöne Vorstellung, dass fast all meine Fanfreundinnen und -freunde gestern zeitgleich im Kinosessel saßen, die meisten sogar um Schlag 20 Uhr, so wie ich. Großes Synchrongucken und -hören war somit angesagt, eine Prise brotherhood-feeling, wenn auch meilenweit von jenem entfernt, das man in Live-Konzerten spüren kann. Eher so die Feierabend-Couch-Community-Variante, dafür ohne Rückenschmerzen und Heiserkeit am nächsten Morgen, aber eben auch ohne dieses tiefe, tagelang anhaltende und vorübergehend seelenheilende und lebensverändernde Glücksgefühl solch gemeinsam erlebter, dreistündiger Live-Segnungen.

Ansonsten nervt diese Eventisierung total: Nur an einem einzigen Abend, nur in ausgewählten Kinos… – absurd!

Ich meine, als Bruce-Fan seit bald 35 Jahren fühl ich mich ja sowieso längst auserwählt, da braucht’s diesen Kult doch überhaupt nicht.
Und die damit einhergehende Vermarktung nervt ebenso: Natürlich folgt jetzt noch eine CD zum Film, die dieselben 13, im Juni veröffentlichten Songs enthält, nur eben in den Live-Versionen aus dem Film, die allerdings nicht so bahnbrechend anders klingen als die Studio-Versionen, aber damit auch jener Konsument anbeißt, der genau so denkt, packen sie noch einen Bonus-Track mit drauf, der bislang nirgendwo anders zu hören war als im Kinofilm, nämlich ein Cover von „Rhinestone Cowboy“, und selbstverständlich singt und interpretiert Bruce diesen Uralt-Country-Hit von Glen Campbell um Welten besser als dieser ihn je hätte darbieten können (und trägt dazu auch noch die bessere Frisur und das schönere Hemd als seinerzeit Mr. Campbell).
Trotzdem kauf‘ ich die CD nicht, ein bisschen mehr muss man mir schon bieten!

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München, gestern Abend um 19:45 Uhr.
Etliche Brucianer und Tramps hatten sich an diesem nasskalten Oktoberabend vor Saal 5 des Cinemaxx am Isartor eingefunden, um der groß angekündigten, einmaligen Herbstpredigt zu lauschen.

“Bruce Springsteen turns a concert film into a transcendental experience”, schrieb der Rolling Stone ein paar Tage zuvor, und so waren manche der Zuschauer mit Taschentuchpäckchen bewaffnet angerückt, andere mit zwei Flaschen Bier, denn wenn womöglich ein Transzendenzerlebnis bevorsteht, dann will ja man entsprechend gerüstet sein, um diesem zu begegnen (ich hatte den Gatten dabei sowie ein halbes Päckchen Tempos, eine Flasche Wasser und ein paar Gummibärchen).

Was haben wir zu sehen und zu hören bekommen?
Wie war es um die Transzendenz bestellt? Und kamen die Taschentücher zum Einsatz?

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Geschmeidig traben Wildpferde im Sonnenuntergang durch eine gigantische Steppenlandschaft. Dann Wechsel zu einer Gegenlichtszene, in der ein Rancher sein Pferd lässig am Zügel durch ebendiese Landschaft führt und uns bedächtig entgegenschreitet. Es dauert einen Moment, bis wir feststellen: Nein, das ist keine Zigaretten-Werbung, sondern der Film hat bereits begonnen, und der lässige Typ auf der Leinwand, das ist Mr. Bruce Springsteen aus Freehold, New Jersey, und kein cool vor sich hinqualmender Macho aus dem Marlboro-Country (die trugen ja außerdem weiße Westernhüte, was halt zunächst im Gegenlicht schwer zu erkennen war).

Zum einen präsentiert uns der Film „Western Stars“ alle Songs des zugehörigen Albums live und in der ebenso intimen wie feierlichen Umgebung einer alten Scheune auf Springsteens Anwesen in Colts Neck, die mit etwas Fantasie architektonisch und atmosphärisch locker als Kathedrale durchgeht: am Hauptaltar Bruce Almighty, gelegentlich bei Gesang und Gitarrenspiel unterstützt von Ehefrau Patti, im Chorraum drumherum die Band und ein beachtliches Orchester.

Manche der Lieder gehen mir plötzlich viel mehr unter die Haut, wenn ich nicht nur höre, wie er sie singt, sondern sein Gesicht dabei betrachten kann, eine Band im Hintergrund sehe, auf einer in blaues Licht getauchten Bühne. Beispielsweise kommen mir „Drive fast“ oder „Chasin‘ wild horses“ gestern beinahe wie ganz andere Songs vor als die, als die ich sie bisher wahrgenommen hatte. Ich kann auf einmal genauer hinhören, mich anders drauf einlassen, besonders Letzterer erreicht mich mehr denn je (die Frau neben mir schnieft heftig und aus der Reihe hinter uns ist ebenfalls Taschentuchpäckchenknistern vernehmbar) und als wir am späten Abend heimkommen, muss ich sofort die CD einlegen und den Song gleich nochmal anhören.
Anderes, wie beispielsweise „Sundown“ oder „There goes my miracle“, erscheint mir hingegen genauso unerheblich wie bislang auch, egal, welche Geschichte die Lyrics erzählen wollen, es erreicht mich musikalisch (und auch sonst) einfach nicht.

Überhaupt: Zu viele Backgroundsänger, zu viele Streicher, zu viel orchestrale Weichspülung und cineastisch zurechtgefiedelte Dramaturgie. In manchen Momenten des Films meint man fast, der optisch leider mehr und mehr wächsern anmutenden Patti könnten jeden Moment Engelsflügel unter ihrem Rotschopf hervorwachsen, die sie in die Kuppel der Kathedrale hinauftrügen und dank derer sie durch die alten Holzbalken der Scheune in den amerikanischen Nachthimmel entschweben würde, empor zu den Western Stars, die von dort oben auf uns Normalsterbliche hier unten herabstrahlen.

Etwas arg viel Pathos, so insgesamt, aber wenigstens die Grenze zum Kitsch wurde meistens gewahrt.

Zum anderen ist der Film ein elegischer Roadtrip, eine sehr persönliche Seelenschau und Bilanz, ein meditativer Marsch durch ein Lebenswerk und ein im Stil einer Messe inszeniertes, selbstreferentielles Vermächtnis, das uns der nunmehr 70-Jährige zu treuen Händen übergibt.

Der Boss streift nämlich zwischen den einzelnen Tracks philosophierend durch die Badlands of New Jersey, durch die kalifornische Wüste oder durch diverse Stationen seiner Vergangenheit. Dabei blickt er nicht nur fragend auf die vergilbten Seiten seiner Notizbücher oder durch die verschmierte Windschutzscheibe seines Pickups, sondern auch nachdenklich in die Ferne und lässt seinen teils müde wirkenden Blick über die unendlichen Weiten karger Canyons und staubiger Steppen schweifen, während ein Voiceover – natürlich von Springsteen selbst gesprochen – dem geneigten Zuschauer sehr wissend und teils sogar sehr weise vom Leben, von Heimat, von der Liebe, von Schmerz, Destruktion, Isolation sowie vom Davonlaufen und Zurückfinden (und vielleicht auch ein Stück weit vom Ankommen und Erlöstwerden) erzählt.

Manchmal leider etwas zu weise und aphoristisch, aber Schwamm drüber.
Mit 70 ist das schon ok so und als wahrer Fan sieht man ihm selbstverständlich die eine oder andere etwas triviale Sentenz nach, die man aus anderem Munde vernommen vielleicht als banal abgetan hätte, aber von der so geliebten Stimme verkündet erstrahlt eben manch noch so schlichte Aussage trotzdem in einem gewissen Glanz – und alles in allem spricht hier ja nach wie vor ein großer Geschichtenerzähler zu uns (und etliche der existenziellsten Dinge sind ja auch genau das: schlicht, banal, trivial).

Und gelegentlich spricht er wohl auch nur zu sich selbst: denn manche der Kommentare sind ganz persönliche Erkenntnisse (oder Bekenntnisse), hören sich wie Tagebucheinträge an, die oftmals erst im Herbst des Lebens verlesen werden können, wenn ihr Verfasser sich in all seinen Facetten (und auch in all seiner Verletzlichkeit) zu zeigen wagt und weitgehend Frieden mit sich und seinem So-Sein geschlossen hat: „The older you become the heavier the baggage becomes that you haven’t sorted through. So you run.“

Der schwarze Cattleman wirft einen Schatten auf sein Gesicht, er vermag die Spuren gelebten Lebens nicht zu verdecken und das haben er und das von ihm behütete Gesicht auch weder beabsichtigt noch nötig.

Denn unser Wandererprediger hat längst ein Stadium der Zeitlosigkeit und Unzerrüttbarkeit erreicht. Er ist zu einem Solitär geworden, genau wie die Josua-Palmlilie, die im Film gelegentlich seinen Wegesrand ziert und jeder Dürreperiode (ganz gleich ob es eine der Politik, der Gesellschaft oder der eigenen Kreativität, des persönlichen Lebensweges samt der begleitenden Gemütszustände ist) standhaft trotzt.
Die kalifornische Wüstensonne flirrt durch ihre schwertförmigen Blätter und unter der Hutkrempe des lonesome cowboys summt es womöglich ganz zart:

This is your sword, this is your shield
This is the power of love revealed
Carry them with you wherever you go
And give all the love that you have in your soul

The times they are dark, darkness covers the earth
But this world’s filled with the beauty of God’s work
Hold tight to your promise, stay righteous, stay strong
For the days of miracles will come along

Genau dieser Song vom Album „High Hopes“, um das es hier überhaupt nicht geht, kommt mir plötzlich in den Sinn während ich Springsteen ganz alleine durch den Joshua Tree Nationalpark marschieren oder in seinem Geländewagen durch die Gegend kurven sehe.

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Einigen der Dämonen, die wir aus dem springsteenschen Kosmos bereits kennen, begegnen wir auch in „Western Stars“ erneut. Und vielleicht schließt sich damit ein Kreis.

Denn wenn man so möchte ist „Western Stars“ an manchen Stellen quasi das Diapositiv zu „Nebraska“: vordergründig leichter und lichter kommt es daher, dringt man allerdings unter die Oberfläche, kann man wieder eintauchen in die Welt altbekannter Springsteen-Melodien, -Motive, -Bilder und -Charaktere. Dieselbe Medaille, nur ihre Kehrseite? Es ist alles eins geworden (oder vereint sich nun).

All das wirkt jetzt – zu Beginn seines letzten Lebensquartals – deutlich weniger düster und auch weniger resignativ als noch vor 37 Jahren im in jeder Hinsicht sehr schwarzweißen Nebraska. Als hätten Licht und Schatten einander erstmals die Hand gereicht und sich zum Tanz aufgefordert. Als hätten sich all die schmerzhaften Gegensätze zwar nicht gänzlich auflösen, aber doch ein wenig aussöhnen können.

Als hätte manch einer der früheren Johnnys sich nach durchlittenen Seelenqualen zum geläuterten John gemausert und hätte nach langen Irrwegen in abgewrackten Used Cars auf schier endlos erscheinenden, grauen, trostlosen Highways und trotz all der Narben, die ihm zahlreiche und hartnäckige Devils & Dust(s) während seiner langen Reise zugefügt haben, nun doch noch nachhause gefunden.

Was ja nicht die schlechteste Bilanz wäre, die man nach sieben Jahrzehnten ziehen kann.

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So meine Gedanken, Gefühle und Interpretationsversuche gestern nach dem Kino der abendlichen Herbstpredigt, auf dem Nachhauseweg durch die nächtliche Stadt, noch ganz im Bann der fast 90-minütigen Liturgie.

Vielleicht ist es so, vielleicht aber auch ganz anders.

Denn ein bisschen sieht/hört man ja immer auch das, was man sehen/hören möchte, weil das gerade einen Widerhall in der eigenen Innenwelt erzeugt, der morgen auch schon wieder irrelevant oder ein ganz anderer sein kann.

Oder, um es mit Springsteens Worten zu sagen:
„You lose track of time, it’s all just storms blowin‘ through“ (aus: „Chasin‘ wild horses“).

Himmel der Bayern (65): Wieder daheim.

Eine Tafel von der Ettaler Klosterbrauerei in Sichtweite, ein netter Verschreiber drauf.
Über der Krone der leichten Weißen der Zugspitzgipfel, etwas weiter links der Fernblick bis in die kleinsten Zacken des Wettersteingebirges, irgendwo noch weiter links ein paar Karwendelspitzen.

Jetzt spür ich’s definitiv: wir sind wieder daheim.

Und ich spüre ebenfalls die 820 Höhenmeter in den Hax’n, immer wieder überraschend, dass sich ein paar Wochen Bergpause sofort bemerkbar machen und man doch fast ein Stündchen braucht, bis man wieder drin ist im Bergaufgehmodus.

Das Dackelfräulein heut von Anfang an besser unterwegs als ich, stets 20 Teckelmeter vorneweg, wie in alten Zeiten. Die Sonne strahlt, es ist wenig los, es ist herrlich still, es ist Zeit und Gelegenheit, das in den letzten Wochen Erlebte noch Revue passieren zu lassen, sich zu sortieren und zu rüsten für all das nun Anstehende.

Schweigend laufen wir hinauf auf den Laber – ein hübscher Kontrast, nicht wahr? -, auf der Panoramaterrasse des Gipfellokals wird eh schon genug gelabert. Erstaunlich viele mopsige Amerikaner hocken da heut herum, aber klar, es geht ja auch eine Gondel hinauf, sonst säßen die hier nicht an ihrem „Wiesn-Break“-Tag, wie ich den Gesprächsfetzen entnehmen kann. Das bestätigt mal wieder meine Abneigung gegen Berge, auf die eine Bahn hochfährt, so gegen Ende der Saison geht’s dann wenigstens mit dem Andrang und auf dem Weg selbst trifft man die Bahntouristen ja auch nicht.

Ziehen wir also bald Leine, um das schöne Gefühl des Wiederangekommenseins nicht zu (zer)stören. Das wird ja drunten im Tal schon von genug Dingen gestört: ein möglicherweise kaputtes Radlager (ein Dröhnen, das seit Dänemark immer lauter wird und dem es dann nächste Woche hoffentlich nicht zu kostspielig an den Kragen geht), der allherbstliche Horror vor der Steuererklärung (viel Verwirrendes und Neues diesmal, ohne meinen großen Freund S. werd‘ ich wohl nicht durchblicken) und – allem voran – der erschütternden Nachricht, dass Lurchi nicht mehr läuft.

Ja, so hat er’s formuliert, der Herr Papa, als wir miteinander sprachen. Nachdem ich zunächst lange von Schweden erzählt und seine Fragen beantwortet hatte, fragte ich natürlich nach, wie es ihm in den letzten Wochen ergangen war und wie seine Reise gewesen sei.
„Der Lurchi läuft nicht mehr“, antwortete er einleitend, vielleicht um irgendwie Distanz herzustellen, denn der Lurchi, das ist schließlich er selbst, wenngleich ich zu den wenigen gehöre, die ihn nicht so nennen. Er habe die zu bewältigenden (kurzen!) Laufstrecken auf seiner Reise nicht mehr geschafft, habe dauernd die kleine Gruppe aufgehalten, mehrfach sei er fast gestürzt. Mit dem Rollstuhl, den man ihm sehr fix organisiert habe, sei es dann gegangen, aber da ihm die Kraft in den Armen fehle, um den Rollstuhl selbst zu voran zu bewegen, musste ihn immer jemand schieben.

Eine Information, die eine neue Ära einläutet.
Er will es noch nicht wahrhaben und versucht sich an abwiegelnden Scherzen zu dem Thema, aber mir ist schmerzlich sonnenklar, dass damit eine neue Ära begonnen hat, selbst wenn er derzeit seinen Radius auf Haus und Garten beschränkt und daher rollstuhlfrei „unterwegs“ sein kann.

Und sonst so?

Der Fünfer-Looping rattert täglich 12 Stunden vor der Tür, unaufhörlich seine kreischenden Insassen durchrüttelnd. Wenn man abends vors Haus tritt, schwappt einem ein Schwall Gebrannte-Mandeln-Duft entgegen. Insgesamt ist die Lage vor Ort viel harmloser als befürchtet. Bei Sonnenschein ist es tagsüber sogar so nett, dass man da mal auf eine Mandel oder zwei rüberspaziert, ist ja kein Aufwand.

Man staunt halt beim Blick aus dem Fenster hinunter auf die Straße über so Einiges: Menschen, die samstags vor 8 Uhr bereits Schlange stehen für den Einlass ins gelobte Wiesn-Land ab 9 Uhr (was um alles in der Welt, will man samstags um 9 Uhr in einem Bierzelt?) oder die Massenkostümierung, die mittlerweile ein so flächendeckendes Ausmaß erreicht hat, dass man das Ende der Einheitsuniformen schon kommen sehen kann (die Hingucker sind bald die, die ohne Tracht dort herumlaufen, da alles andere in einen großen optischen Brei ineinanderfließt).

Nächstes Jahr, so überleg ich, könnte ich an die morgendlichen Warteschlangenleute Kaffee und Muffins verkaufen und damit bestimmt ein gutes Geschäft machen, ohne viel Arbeit zu haben. Das noch bessere Geschäft würde man freilich mit der Vermietung eines Matratzenlagers im Wohnzimmer machen, da würde schon das Italiener-Wochenende reichen, aber die anschließend nötige Renovierung zu betreuen, danach dürstet uns gar nicht, zu nah noch all das schauerliche Gehandwerke nach dem Umzug hierher.

Gefühlt ist unsere Straße eine der sichersten und saubersten der ganzen Stadt: mindestens 3x täglich reinigt eine Putzkolonne alle Straßen, Wege, Grünstreifen, Gebüsche. Die Polizei patrouilliert ab Nachmittag permanent die Allee auf und ab. Abends fahren die Sanitäter die Straße entlang und leuchten mit Scheinwerfen in die Rabatten, ob da irgendwo ein Patient herumröchelt.

Man hat jetzt hier einen Wiesn-Sonderausweis für Anwohner und gehört neben der Polizeiflotte und den Sankas zu den einzigen Fahrzeugen, denen die Zufahrt zu dieser verkehrsfreien Hochsicherheitszone gestattet ist (jeweils nach Kontrolle an den zwei Checkpoints, versteht sich). Das hat irgendwie was.

Fast möchte man beim Entlangfahren (bei derzeit Tempolimit 10km/h) alle Fenster herunterkurbeln und wie einst Jackie Kennedy sonnenbebrillt, mit Pillbox-Hütchen und im Fahrtwind flatterndem Seidenschal lässig und mit einem mildem Lächeln dem ehrfürchtig guckenden Volk („Boah, wer darf denn hier herumfahren?“) zuwinken, das sich in der schönen Lindenallee tummelt und sich die Beine wartend in den verdirndelten oder lederhosenbelatzten Bauch steht und der langsam anrollenden Limousine Platz macht.

Ich habe aber weder Hütchen noch Seidenschal noch eine Hand frei zum Winken, da ich zumeist allein am Steuer der Nicht-Staatskarosse sitze.
Dafür beschalle ich sie alle mit Springsteen, Dylan und Forenbacher.

Schön, wieder zuhause zu sein.

Watering the Wiesn.

Feierabend. Die Bauarbeiter haben die Arbeitswoche beendet und verkriechen sich in ihre abgedunkelten Wohncontainer.
Jetzt stehen sie alle, die großen Zelte, auch am Augustiner prangt nun Schriftzug der Brauerei, alle anderen hatten das längst erledigt.

Flirrende Hitze über der Theresienwiese. Der durch das emsige Gewurschtel tagsüber aufgewirbelte Staub legt sich allmählich nieder, genau wie seine Aufwirbler.

Ich sitze mit meinem Feierabendweißbier auf meiner Bank in der Abendsonne und proste der Bavaria und dem Wüstenkönig zu, der das Gelände von seinem Turm aus bewacht. Lasse die Woche Revue passieren. Viel Schönes erlebt, aber auch etlichen Ärger.

Versuche, mich nicht mehr über die stundenlangen Telefonate mit den sogenannten Service-Hotlines von Vodafone und 1&1 und dem daraus resultierenden Nicht-Service aufzuregen, und auch nicht mehr darüber, dass mir ein Paket gestohlen wurde, das der DHL-Bote gerade mal für ein schlappes Viertelstündchen auf der Fußmatte abgestellt hatte. Einen Verdacht hab ich zwar, wer’s mitgehen ließ, aber beweisen kann ich’s nicht. Daher versuche ich angestrengt, nicht an die diversen Tricks und Kniffe zu denken, die ein Typ wie Saul Goodman für eine Situation wie diese parat gehabt hätte und die ich mir durchaus auch zutrauen würde (in mir hausen nämlich ein halbseidener Advokat, ein beherzter Kleinganove und unerschrockener Rächer, die in solchen Momenten rauswollen und es kostet etwas Disziplin, die drei Halunken in ihrem Zwinger zu belassen).

Langsam kehrt Ruhe ein, drinnen wie draußen. Und während ich da so sitze, an meinem Säbelzahntigerglas nippe und vor mich hin grüble, wird nach und nach das ganze Festgelände von dieser speziellen hochsommerlichen Trägheit befallen, wie sie einem noch aus den Wochen vor den Aufbauarbeiten so vertraut ist.

Aber hoppla – was ist das denn? Wie’s scheint haben noch nicht alle Wiesn-Arbeiter Feierabend gemacht!
Der Schlauch, dieser alte Schlawiner, beginnt auf einmal, eine After-Work-Party zu feiern! Wie von einem unsichtbaren Schlangenbeschwörer animiert führt er plötzlich ein munteres Tänzchen auf, das zur reinsten Schaumparty ausartet. Ein paar Vögel nutzen die unerwartete Duschgelegenheit, flattern aber schnell wieder davon, weil der Schlauch sich doch ein bisschen zu ekstatisch geriert und das ist den gefiederten Kameraden zu unberechenbar und zu wild.

Ich gucke diesem unverhofften Spektakel zwanzig Minuten lang zu.

Das hat was Meditatives und Tiefenentspannendes – und hätte ich mich nicht gerade geduscht gehabt, wäre ich am liebsten durch diese Wasserfontäne gesprungen.

PS: Wenn Sie sich das ansehen, dann bitte unbedingt im Full-Screen-Modus.

Deckl drauf & bloß nicht Verweilen.

Gestern eine kleine Teststrecke gelaufen, um die Sache mit der aktuellen, alpinen Dackelperformance mal unter vernünftigen Bedingungen gründlich zu überprüfen. Ob es wirklich nur die FSH-Thematik ist oder doch noch was anderes. Lieblingsberg vom Fräulein ausgewählt, mit Lieblingsaufstieg und das auch mit besten Verhältnissen (genug getrunken, moderates Sommerwetter, gut geschlafen usw.).
Vom Ergebnis soll ein andermal die Rede sein, ich muss das noch ein wenig in mir hin und her wenden, mit dem Gatten besprechen und überdenken und dann weitersehen, was wir da tun werden.

Jedenfalls ist eines klar: das Hochgebirge lassen wir gemeinsam momentan mal schön bleiben, denn ich geh keine 6 Stunden (netto) mit Hund irgendwo hinauf, wenn ich nicht so gut wie sicher sein kann, dass das für sie auch wirklich gut geht, denn ich weiß ja nicht mal genau, wie gut es für mich geht, und dieser Umstand zweifacher, latenter Ungewissheit kollidiert dann mit meiner eisernen Devise: Geh mit deinem Hund nur die Touren, bei denen du neben der Kraft, die du für deinen eigenen Aufstieg/Abstieg und deinen Tourenrucksack brauchst, immer noch genug Kraftreserven hast, um den Hund über längere Strecke zu tragen, falls das nötig werden würde.
Also kommt das derzeit nicht in Frage.

Der heiterste Moment gestern, neben einer weiteren angenehmen und gesprächsintensiven Begegnung auf der Alm (Vater, 78, mit Sohn, Anfang 50, aus Deggendorf, sehr nett anzuhören, was Dialekt und auch Inhalt anging) war dieses Schild, das uns gleich nach dem Abstieg am Seeufer begrüßte:

Ich, noch ganz mit dem Abstreifen eines gewissen Reportagenschreibekels (was das typische Reisevokabular und bestimmte touristische Formulierungen angeht) beschäftigt, geh da so und seh dieses Schild und bin geradezu entzückt, dass mitten in dieser paradiesischen Natur an einem der oberbayrischen Parade-Seen ein Hinweis steht, dass an Ort und Stelle mal nichts zum Verweilen einlädt.

Weder irgendeine olle Aussichtsbank noch eine reizvolle Erhebung oder ein lauschiger Biergarten oder ein idyllischer Park oder gar ein romantischer Steg mit Panoramablick.

Bitte zügig durchschreiten und nicht verweilen – das ist auch mal toll, beinahe heilsam, zumindest eine wahre Wohltat für meine gestern noch recht strapazierte Wahrnehmung und Verfassung nach Abgabe meines letzten Magazinbeitrags.

Der Spaziergänger wird also gewarnt und ermahnt sowie zur seeseitigen Straßenseite geschickt, und auch dort lädt nichts zum Verweilen ein, sofern man den Blick vom Karwendelgebirge am Horizont und dem Türkisgrün des Wassers abwendet und ihn einfach mal übers Geländer wirft oder unter dem Geländer hindurch, so wie Pippa das alle paar Meter tat.

Irgendwann guckte ich dann auch mal nach, was sie da eigentlich dauernd zu gucken hat und staunte nicht schlecht: riesige, dicke Schlangen (für hiesige Verhältnisse), alle 2 Meter (!) so ein zusammengekringeltes reptiles Tau (Durchmesser 3 bis 5cm, Länge gottseidank nicht feststellbar, aber enorm viele Tauwindungen), das sich an der steilen Uferböschung sonnt oder munter den Kopf hebt und züngelnd den Hund anguckt, mal schwarz, mal grüngrau mit Muster, ich will’s gar nicht wissen, wie die Genossen heißen und was ihre Hobbies sind.

Am See unten sitzend, in einer schlangenfreien, aber ameisenreichen Wiese, vermissen wir dann die liebe D., die eigentlich mitkommen wollte, aber leider noch zu erkältet war, und überhaupt hängt ein Hauch Wehmut über fast allem an diesem Nachmittag, an dem passenderweise kaum etwas zum Verweilen einlädt.

Vater und Sohn, die nette Almbekanntschaft, holen uns nochmal ein, gemeinsam läuft man am Seeufer zurück zum Ausgangspunkt (was für eine Woche: gleich 2x mit Fremden gewandert), und auch die beiden umwittert ein Hauch von Wehmut, denn dem Vater tut das Knie sehr weh und dem Sohn schwant, dass das die letzte gemeinsame Tour gewesen sein könnte, und während Vater müde am See unten sitzenbleibt, steigen Sohn und ich nochmal ein Stück hinauf zum Parkplatz am Kesselberg, wo die Autos stehen, und reden über unsere Väter und das Älterwerden.

Und über unsere Hunde, seiner schon ein paar Jahre tot, aber allein die kurze Erwähnung der ach so guten Zeiten mit dem wunderbaren Cockerrüden treibt dem Sohn die Tränen in die Augen – und ich bin sehr froh um meine Sonnenbrille.

Nun soll’s hier nicht so trüb enden, das Erzählte war ja schließlich gestern und heut sieht die Welt schon wieder bunter aus, die Isar funkelte so schön in der Sonne und das Frisbeespielen im Wasser hat viel Freude gemacht, vor allem dem Dackelfräulein, und während ich die Handyfotos von gestern so durchscrolle, entdecke ich da noch eines, das den pragmatischen Charakter und das bayrische Gemüt der Wirtsleute oben auf der Alm (seit eh und je dasselbe Ehepaar) ebenso prima beschreibt wie die offenbar ständig deppert mit dem Milchkanndl herumhantierenden und herumpritschenden Gäste – und mit diesem Bild wollen wir heut enden.

Und denen, die nicht lesen können, sagt der Wirt einfach kurz Bescheid: Da Deckl bleibt drauf und a Rua is!
Haben Sie einen schönen, geruhsamen Abend.

Himmel der Bayern (62): Unterwegs mit dem FSH.

Nein, nein, beim FSH handelt es sich nicht um eine Motorenbezeichnung.
Wobei, im übertragenen Sinne vielleicht doch. Aber der Reihe nach.

Die bisherige Zwischenbilanz in Sachen Bewegung ist zwar sehr passabel, allerdings hauptsächlich an der Schwimmfront und was die Kontinuität der Park-Läufe betrifft. Der Bergsport hingegen kam in letzter Zeit etwas zu kurz. Aus mehreren Gründen, von denen der mitteilbarste noch der ist, dass ich diese Zwischensaison in den Bergen einfach nicht mag. Wenn noch überall graue, harsche Schneereste herumliegen (und im Mai kam ja noch haufenweise Neuschnee dazu), es unten im Tal schon warm, aber oben noch arschkalt ist. Das ist nix für mich.
Wintertouren sind total ok, kalt, mit oder ohne Schnee, alles recht, aber diesen Mix kann ich nicht leiden. Jacke-an-Jacke-aus nervt mich.

Also sind wir erst seit ein paar Wochen wieder gelegentlich im Voralpenland unterwegs. Konditionell bringt einem das Schwimmen hier nur bedingt Vorteile und da demnächst eine größere Hüttentour ansteht, wird es nun Zeit, vorher ein paar kleinere alpine Unternehmungen gemacht zu haben, damit das dann auch gut klappt (bzw. keiner zusammenklappt bei dem 5-Stunden-Aufstieg auf weit über 2.000 Meter – die zur Expedition angemeldeten Teilnehmer sind das Dackelfräulein und meine Wenigkeit).

Nun gut. Sind wir heut sehr früh aufgestanden, damit ich bis 11 Uhr noch arbeiten konnte, dann ins Auto und los.

Die ersten 30 Minuten Aufstieg eine einzige Qual. Nicht für mich, es war eine schnöde, wenn auch etwas steile Forststraße. Aber Pippa hing in den Seilen wie noch nie, trotz bester Witterung (Wolken, Sonne, 20 Grad im Tal, keinesfalls zu heiß). Als die Forststraße dann in einen Waldweg überging, der weniger steil war, besserte sich die Lage ein bisschen, verschlechterte sich aber umgehend wieder, als das letzte steile Stück vor dem Ziel anstand.

Zwischendurch zog ich schon eine Umkehr in Erwägung, weil ich meinen Hund nicht schinden oder dauernd antreiben möchte. Grübelte, ob sie eventuell gesundheitliche Probleme haben könnte, beobachtete sie beim Hinaufschlurfen sehr genau – aber nichts wies auf irgendwelche Gelenkschmerzen oder andere Beeinträchtigungen hin. Fragte mich, ob sich nun einfach ihr Alter bemerkbar macht, mit siebeneinhalb Jahren ist sie ja jetzt kein junger Hund mehr, aber eigentlich doch für einen Dackel in den besten Jahren.

Auf der Hütte angekommen, wirkte alles wieder normaler: Der Hüttenhund wurde auf jeder seiner Patrouillen über die Terrasse 1x angewufft, nach jeder Fliege wurde geschnappt, der Napf in der üblichen Zeit geleert. Alles wie immer. Gottseidank! Ich schöpfte Hoffnung, dass es sich um eine vorübergehende Unpässlichkeit gehandelt hatte und beim Abstieg sowieso alles leichter liefe.

Beim Aufbruch – und nun ging’s ja wohlgemerkt ständig bergab! – Pippa aber sogleich wieder in Zeitlupe unterwegs, extremes Kriechtempo, unglücklicher Blick, sogar gelegentliches Hinsetzen. Sofort machte ich mir noch größere Sorgen als beim Aufstieg. Was war denn nur mit dem Hund los?

Nach den ersten 150 Höhenmetern Abstieg im Schneckentempo kamen wir an eine Abzweigung. Ein kleiner Steig ging rechts Richtung Sonnenspitze ab.
Ich wollte den breiten Wanderweg, den wir hinaufgegangen waren, auch wieder hinuntergehen. Pippa aber bog in den schmalen Bergpfad ein, sah dann, dass ich den anderen Weg nahm, hockte sich hin wie ein Pflock, ein Geschau dazu wie der personifizierte Vorwurf, und war nicht mehr weiterzubewegen.
Also gut, sagte ich, dann gehen wir eben deinen Weg, du kleiner, sturer Stinker.

Schild stand keines an der Abzweigung, was sicher an den Holzarbeiten lag, die überall noch im Gange sind (wegen der zahlreichen Schäden, die der heftige Winter hinterlassen hat) und wo manch bekanntes Wegstück kaum wiederzuerkennen ist. Ich erinnerte mich aber, diesen Steig vor ca. 15 Jahren schon mal gegangen zu sein, vergaß allerdings, dass ich damals jünger, fitter und ohne Hund unterwegs war.

Und dann vollzog sich eine Wandlung, mit der ich heute nicht mehr gerechnet hätte: Als Pippa merkte, dass es ab sofort auf dem von ihr präferierten Weg weitergehen würde, peste sie voraus. Munter und bester Laune wieselte sie den schmalen Steig entlang, kein Hinsetzen mehr, der Blick ein völlig anderer, der ganze Hund wie ausgewechselt, und das, obwohl der Weg sich permanent bergauf und bergab dahinschlängelte und wirklich anstrengend zu gehen war.

Tja, hätte ich mal ein bisschen intensiver nachgedacht, hätte mir durchaus einfallen können, dass das Dackelfräulein ja Forststraßen hasst. Zumindest die, die bergauf führen (und nun offenbar auch bergabführende). Das ist schon seit Jahren so und im Nachhinein ist mir schleierhaft, wie ich nur nicht daran denken konnte, wo ich das doch eigentlich weiß.
Mein Fokus lag heute ausschließlich auf: Jetzt gehen wir mal ein paar bequemere Strecken, bis wir wieder in Übung sind.

Seit der Forststraßenhasser (kurz: FSH – womit wir die Kurve zum Beitragstitel bekommen hätten, was nach dem Tag und um die Uhrzeit keine Selbstverständlichkeit mehr ist) sich wieder auf einem Weg befand, der – und das scheint das entscheidende Kriterium zu sein – maximal dreimal so breit ist wie er selbst schmal ist, waren die Bergwelt und die performance für und von Fräulein Hund wieder vollkommen in Ordnung.

Ich war einerseits erleichtert, dass mit Pippa alles ok ist, andererseits ad hoc ziemlich gefordert. Denn mir war eigentlich nach Abstieg und Dahintrotten auf breiterem Weg. Nach ein paar Eingewöhnungsminuten ging’s dann schon. Bis der Pfad schmaler und schmaler wurde und irgendwann die erste drahtseilversicherte Stelle kam.

Ja verdammt, auch das hatte ich nicht mehr parat.
Also Stöcke an den Rucksack und Hund in die eine Hand, die andere Hand fest ans Seil. Wenn’s steil runtergeht, ist das aber vorwärts so nicht machbar (wegen der Gefahr des Übergewichts und Vornüberfallens), daher das Ganze rückwärts. Auf sowas war ich heut nicht vorbereitet und entsprechend hat’s mich beansprucht.

Ich kürze jetzt mal etwas ab, denn diese Alpinabenteuer anderer Leute, bei denen jeder Tropfen Angstschweiß und jede Serpentine wortreich gewürdigt wird, gehen einem ja schnell auf den Wecker.

Es ging eine Stunde lang so dahin: mal an der Seilsicherung nach oben, mal nach unten steigend, mal mit Hund im Arm, mal mit Hund im Tragetuch vor der Brust (wir haben jetzt so ein Baby-Ding, perfektes Dackelformat, nur ein elendes Gefummel, bis die Vergurtung fest sitzt und der Hund drin ist), vorwärts, rückwärts, freihändig, festgekrallt. Das Dackelfräulein hat das alles super gemacht, ist sofort stehengeblieben, wenn so eine Drahtseilstelle kam und hat toll stillgehalten während sie getragen wurde, ich wie eine Irre schnaufte und absurde Kurzmonologe hielt (alles dabei, was es an existenziellen Restgedanken so geben kann).
Physisch und psychisch war’s ein bisschen wie dies hier (nur ohne Schlucht in der Mitte) oder wie das (nur ohne Tiefschnee und Sturm).

Auf der ersten Almwiese nach dieser Kletterpartie – es war zwischenzeitlich nach halb sechs, was so auch nicht geplant war und auf dem anderen Weg nie passiert wäre – erstmal große Erleichterung: ein Gemeinschaftspipi und eine Verschnaufpause mit dem letzten Käsebrot (fair geteilt in der Seilschaft) und dem restlichen halben Liter Wasser.

Schließlich auch wieder auf den Weg gestoßen, den wir hochgekommen waren, dort eine Beschilderung entdeckt, die auf der anderen Seite des Berges, wo wir auf diesen Steig abgebogen waren, leider fehlte, aber echt hilfreich gewesen wäre, weil ich den Weg nach dem Hinweis nämlich nicht genommen hätte (auf das Risiko hin, dass der FSH dann halt einen Scheißtag gehabt hätte).

Ein paar Meter neben dem Schild noch der Beweis, dass solche Schilder wirklich wichtig und auch ernst zu nehmen sind, weil einfach nicht alle den Grat über die Sonnenspitze bewältigen.

Endlich den Kolbensattel erreicht, von dem aus es nur noch 40 Minuten bis ins Tal wären (wenn auch auf einer Forststraße), aber wegen etwas wackliger Knie doch mal am Sessellift gefragt, ob die einen da mit Hund noch hinunter befördern würden, obwohl sie schon Feierabend haben.

An meinem Charme kann’s nicht gelegen haben, dass das klappte, weil ich sah, wie Sie sehen können, schon etwas derangiert aus.
Das Dackelfräulein hingegen war bester Dinge und fand den Tag, den Abend, den Berg, die Menschen und sogar diesen Sessellift total prima, wedelte den Liftboy fröhlich an und der öffnete dann ebenso fröhlich nochmal den Zugang zum Lift („Kann er nimmer, der Waki? Ja dann kemmts her!“ – ich ließ das mal so stehen und konzentrierte mich aufs Einsteigen, denn Sessellift hatten wir zusammen auch noch nie).

Jedenfalls sind wir jetzt wieder in Übung. Ging wirklich ungeahnt schnell.
Das nächste Mal such ich vorher gleich Wege aus, die dem FSH liegen und auf die ich dann aber auch rundum vorbereitet bin.

Machen Sie so einen Mist, den wir heute gemacht haben, bloß nicht nach.
Egal, wie Ihr Hund Sie anguckt.
Bleiben Sie der Chef, sonst hängen Sie womöglich ungewollt in den Seilen – und das auch noch mit Ihrem Hund.

Gute Nacht!

Freaked out.

Auf heute bezogen lautet die Antwort ganz klar: Nein danke!

Die E-Scooter flitzen seit einiger Zeit durch unsere Stadt.
Erwartungsgemäß tun sie das auch dort, wo sie nicht fahren dürften. Keine drei Wochen hat es gedauert seit Beginn der E-Scooter-Ära, bis uns so ein Vollpfosten vor die Füße fällt. Mitten auf der Allee hier vor der Haustür, alles reiner Fußgängerbereich, fett beschildert.

Kommt uns entgegengebraust, hat lässig eine Hand am Lenker, hält mit der anderen sein Smartphone fest, guckt auch auf selbiges und fährt fröhlich vor sich hin. Irgendwann beschließe ich, mich bemerkbar zu machen und rufe „He, Vorsicht!“, weil das Fräulein und ich wollen nicht in die Rabatten springen, um dieser Blindschleiche auszuweichen, die einen heftigen Linksdrall hat. Der Typ guckt auf und will nach rechts lenken, dabei verliert er erst das Smartphone und in der Sekunde danach die Kontrolle über den Roller – und stürzt. Direkt vor unsere Füße.

Lässt man den jetzt liegen und zeigt im Weitergehen auf das blaue Fußgängerschild, das zwei Meter neben ihm steht? Nein, macht man nicht. Und Pippa schon gleich gar nicht. Menschliches Aua bestürzt sie und aktiviert sofort ihren Krankenschwestermodus. Aus anatomischen Gründen ist sie als Erste am Unfallort, bemerkt das Blut (Schienbein aufgeschürft, nicht dramatisch) und verpasst dem Vollpfosten eine Ohrwäsche, die jeglichen Schock sofort vertreibt. Ich ziehe sie an der Leine von dem Gestürzten weg, beuge mich zu ihm herunter und frage: „Alles ok?“ und „Soll ich Ihnen beim Aufstehen helfen?“. Er bejaht das Erste und verneint das Zweite und rappelt sich etwas wacklig auf.
Der E-Scooter hat auch eine Schramme abbekommen, das Smartphone einen Displaybruch. Ich nicke dem Typen zu, nicht so genau wissend, was mein Nicken eigentlich ausdrücken soll, und gehe langsam mit Pippa weiter. Drehe mich nach ein paar Schritten im Gehen nochmal kurz um, um zu schauen, ob der Kerl wirklich so weit in Ordnung ist, dass auch er weitergehen (oder -fahren) kann. Kann er.

Mich wieder nach vorn drehend denke ich „Blödes E-Scooter-Zeug!“ und „Hab ich’s mir doch gedacht, dass man mit denen kollidiert!“ und als ich mir gerade noch ausmalen will, wie sich das wohl entwickeln wird mit diesen neuen Verkehrsteilnehmern, sehe ich, wie auf dem Wiesenstreifen, der neben der Allee verläuft, ein schäferhundgroßer Mischling auf uns zuschießt. Im Laufen lässt er den Ball, den er in der Schnauze hält, fallen und die letzten Meter bis zu uns bestehen nur noch aus ein paar großen Sprüngen. Dann stürzt er sich direkt auf das Dackelfräulein, reißt sein Maul auf und fletscht die Zähne. Pippa duckt sich, jault laut und kann nicht flüchten, weil sie ja angeleint ist.

Ich lasse die Leine fallen und schreie panisch „Lauf!“ und tatsächlich rennt sie los. Der Angreifer will hinterher, ich springe dazwischen, stampfe mit dem Fuß auf und brülle den Hund an, fuchtle mit meinem Rucksack vor ihm herum. Dann entdecke ich endlich sein Frauchen, eine übergewichtige Trulla, Gothic-Style, Kippe in der einen, Smartphone in der anderen Hand. Behäbig über die Wiese watschelnd ruft sie „Timmy!“, aber Timmy schert sich nicht drum und Trulla ist leider zu unbeweglich, um einen Zahn zuzulegen und sich ihren Timmy zu schnappen. Ich plärre, sie solle sich beeilen und ihren Hund festhalten, weil der meinen um ein Haar gebissen hätte und ernte dafür ein dröges „Komm ja schon“, zwischenzeitlich ist Pippa wieder bei mir angekommen, sucht hinter mir Schutz, aber Timmy sieht sie und will erneut auf sie losgehen.

Da platzt mir der Kragen und ich raste aus. Von irgendwo ganz tief in mir drin rollt eine Welle an Kraft und Energie heran, die mich völlig überrascht, weil a) ich heute zum einen stark erkältet und zusätzlich von Blutungen ziemlich entkräftet bin und b) der Tag bis hierhin sowieso schon gelinde gesagt eher schwierig war und das nicht etwa nur wegen der gesundheitlichen Beeinträchtigungen.
Was dann geschah, schreibt man vielleicht besser nicht in so einen Blog rein.

Jedenfalls ist Pippa nichts geschehen, ihre letzte Bisswunde ist ja grad mal drei Monate her, und auch mir ist nichts passiert. Und auch sonst gab es keine Verletzten oder Toten.
Beim Nachhauselaufen denke ich innerlich wie äußerlich noch ziemlich zitternd über den Vorfall nach und auch darüber, wie man nur plötzlich solche Kräfte entwickeln kann und woher dieses Begleitvokabular kommt und warum das alles binnen Bruchteilen von Sekunden einfach da ist und so fix abläuft wie ein Film im Daumenkino.

Und ich denke auch an den Running Gag zwischen dem Gatten und mir, den wir seit ein paar Jahren pflegen.
Wenn einer von uns mal in eine dieser Ausnahmesituationen geraten ist, in der er/sie sich nur mit Müh und Not beherrschen konnte, um nicht total die Fassung zu verlieren, also zumindest nicht so, dass dabei Sach- oder Personenschäden entstehen, und man dem anderen danach von dieser Ausnahmesituation und ihrer Bewältigung berichtet, beenden wir solche Berichterstattungen meist mit dem natürlich scherzhaft gemeinten Satz: „Ich bin gespannt, wer von uns den anderen zuerst aus der U-Haft abholen muss.“

Seit zwei Stunden bin ich mir nicht mehr sicher, ob es sich meinerseits wirklich noch um einen Scherz handelt.
Aber wenigstens hätte es der Gatte nicht weit. Die nächste Polizeidienststelle ist in der Beethovenstraße und der Weg dorthin wirklich sehr idyllisch, sofern einen auf der schönen Allee keine E-Scooter anfahren oder Hunde anfallen.

Jetzt versuche ich mal, meinen Arbeitstag fortzusetzen und öffne mir ein Fläschchen Hopfengetränk, zur Nervenberuhigung.

Prosit!
Auf einen ruhigen Abend & betrachten Sie diesen Beitrag bitte in erster Linie als eigentherapeutische Maßnahme.

10 Dinge, die ich in 5 Jahren Bloggen gelernt habe.

WordPress gratuliert mir morgens um kurz vor 4 zum 5-jährigen Jubiläum. Zeit für ein kleines Resümee.

1. Die Blogosphäre: Eine unendliche Spielwiese für Identitätsentwürfe aller Art und Unart. Ein Blick durchs Schlüsselloch in die Reinräume diverser Selbsttherapien und in die Verliese vermeintlich Austherapierter – ein weites Feld und noch mehr, das alles.

2. Zwischen bloggender Kunstfigur und realer Person hinter Text/Bild unterscheiden zu können, ist gleichfalls Kunst. Eine, die ich mangels diesbezüglicher Phantasie oft nur ungenügend beherrsche.

3. Es gibt Blogger, die unter lautstarkem Vorgeben von Authentizität schreibenderweise eine komplette Biographie erfinden. Um sich dann ganz authentisch darüber zu freuen, wenn andere das lesenderweise für bare Münze nehmen.

4. Man kann überall Freunde finden. Auch in der World of WordPress.

5. Beim Bloggen über Fußball hört der Spaß auf. Bei bestimmten Vereinen sowieso.

6. Worte verbinden nur dort, wo Wellenlängen übereinstimmen. Da hatte Max Frisch schon recht.

7. Dass jemand Follower wird, heißt noch lange nicht, dass derjenige dir folgt (im Wortsinne) oder dem, was du schreibst, folgen kann (im Hirn- oder Humorsinne). Und es heißt erst recht nicht, dass er deinen Blog aufmerksam oder überhaupt verfolgt.

8. Ein Like bedeutet manchmal weder, dass der Liker deinen Beitrag gelesen hat, noch, dass er ihm gefällt. Manchen rutscht einfach nur die Maus oder der Finger aus.

9. Ein Dackelfoto (be)wirkt mehr als 1000 Worte. Diese Erkenntnis sollte womöglich ernster genommen werden (doch besser zu Instagram auswandern?).

10. Mehrere Fotos von zwei Dackeln (wie gestern) – und die Aufrufzahlen gehen durch die Decke (ich bin noch nicht im Stande, „viral“ korrekt in einen anständigen Satz einzubauen, daher die altmodische „Decke“, aber immerhin eine im Altbau). Das gibt mir ziemlich zu denken.

Wider die Sideropenie.

Am vergangenen Wochenende fand Bayerns größter Flohmarkt auf der Münchner Theresienwiese statt. Also direkt vor unserer Haustür. Da fühlt man sich – wenn man’s schon so nah hat – natürlich aufgerufen, mal über diesen riesigen Markt zu schlendern. So wie 80.000 andere, die trotz der kühlen Witterung dort unterwegs waren.

Viele Menschen lieben ja diese Schatzsuche in der Vergangenheit fremder Leute, mögen die heimelige Atmosphäre auf diesen Märkten, finden sogar die dollsten Schnäppchen und tragen nach ein paar Stunden begeistert ein Ränzlein oder gar eine ganze Schubkarre mit neuen Errungenschaften und Unrat nachhause.

Und ich? Keine Stunde lang habe ich es dort ausgehalten!
Lag es am akuten Eisenmangel oder am Wetterumschwung oder doch nur daran, dass ich mit Aktivitäten wie Shoppen und Bummeln immer schon Probleme hatte?

So schnell ist mir alles zu viel, zu unübersichtlich, zu voll. Je größer das Angebot, desto geringer meine Kauflust. In Möbelhäusern bekomme ich nach 30 Minuten Kopfweh von all den Polituren und Imprägnierungen, die das Zeug dort ausdünstet, in Kaufhäusern nervt mich das andauernde Gedudel der Musik, in Fußgängerzonen sind mir zu viele Menschen dicht an dicht unterwegs.
Wenn ich was brauche, geh ich ausschließlich wochentags/vormittags los und suche gezielt in maximal zwei Geschäften danach.

Nun fand dieser Riesenflohmarkt ja unter freiem Himmel statt, so dass man hätte annehmen können, die Luft sei prima und es bestünde keinerlei Kopfwehgefahr, aber schon nach dem Durchschreiten der ersten paar Verkaufsgassen musste ich feststellen, dass 80% der feilgebotenen Waren einen unsäglichen Mief verströmten (der bestimmt wie eine Dunstglocke über dem ganzen Gelände gehangen wäre, wenn es nicht so windig gewesen wäre).

Kein Wunder, denn exotische Sammlerstücke wie alte Fahrradsattel aus Leder, die sich kurz vor der Zersetzung befinden, oder Teeservices, in denen sich im Lauf der Dekaden Earl Grey-Rückstände mit Staub zu einem braungrauen Etwas verbacken und auf jedem Tassenboden festgesetzt haben, oder 50 Umzugskartons voll mit abgelegtem Schuhwerk und Kunstpelzen längst verblichener Generationen, haben eben einen gewissen Eigengeruch (der wohl so heißt, weil er so eigen ist). Man konnte sich noch ein paar Ramschgassen lang damit beschäftigen, die einzelnen Duftnoten, die einem von den Ständen entgegenwehten, genauer zu bestimmen (keller-modrig / küchen-ranzig / schrank-stinkig) oder über manche Subjekte und Objekte, die sich dort tummelten, amüsiert den Kopf zu schütteln, aber nach einer Dreiviertelstunde war Schluss mit lustig – und mir schwindling und übel.

Lediglich zweimal zuckte kurz ein „Haben-wollen“-Gedanke durch mich hindurch.
Der erste, gleich zu Beginn des Streifzuges, bei vier Tapeziertischen mit Schildern aus den Ammergauer Bergen:

Da scheinen sie in der gesamten Region ja alles abmontiert zu haben!? Ich studiere ungefähr 40 Schilder und freue mich, nahezu jeden Weg- oder Bergnamen zu kennen. Sogar der Wellenberg ist dabei, das Lieblingsbad meiner Kindheit! Und der Kofel, der Pürschling und der Laber sind auch mit von der Partie, herrlich.

Nur, was soll man dann damit? Sich die Dinger in die Wohnung hängen, als ausgefallenen Wandschmuck, was kurzfristig sicher mal kreativ und witzig wäre, mittelfristig würden die Metallplatten aber wohl im Kellerregal landen, denn man möchte ja nicht jahrelang in geschlossenen Räumen auf diese schönen Wanderwegbeschilderungen starren. Absurd.
Bald mal wieder nach Oberammergau fahren, nehm ich mir vor, als ich mich von dem Stand abwende (haben die in dem Landkreis jetzt etwa keine Schilder mehr oder lauter neue?).

Der zweite kurze Impuls, sofort zuzugreifen, dann etwas später, schon in latent aggressiver Stimmung gegen Ende des 45-minütigen Rundgangs:

Die Treter haben was, keine Frage!
Sitzt du mit denen in der U-Bahn, hockt sich garantiert niemand mehr auf den Sitz gegenüber, so dass du endlich mehr Platz und Ruhe hättest.
Oder mit denen in die Autowerkstatt, wo ich mich letzte Woche mit dem Geschäftsführer anlegen musste, weil dieser Lackaffe von Serviceberater vor lauter ebenso übertriebenem wie sinnentleertem Servicegetue glatt vergessen hatte, mich auf etwas ziemlich Wesentliches aufmerksam zu machen – in so einem Moment mal kräftig mit dem Fuß aufgestampft, der in so einem Schuh steckt – ja holla, ich wette, man hätte so das ganze Gerede effektiv abkürzen können!
Leider sind die Schühchen eine Nummer zu klein für mich und der Gorilla, der bei dem Klamottenverkaufstand hockt, lädt rein mimisch nicht wirklich zu einem Gespräch oder gar einer Preisverhandlung ein (ohnhin noch sowas: Handeln & Feilschen, das liegt mir nicht).

Also lassen wir auch das und gehen ohne irgendwas nachhause und ich sinke wie betäubt auf die Couch, immerhin froh, kein Geld verplempert zu haben und nirgendwo einen neuen Staubfänger rumstehen zu haben.

*****

Eisenmangel ist übrigens eine fiese Sache.

Schon das, was diesmal dazu geführt hat, ist ja Plage genug und dann zieht’s dir langsam aber sicher dermaßen umfassend die Kraft raus, dass du an manchen Tagen schon um 19:30 Uhr auf dem Sofa in den Tiefschlaf sinkst, mit Müh und Not noch den Wechsel zu deiner eigentlichen Schlafstatt vollziehst und dann weiterpennst bis morgens um halb acht. Hätte man auch mal früher drauf kommen können, dass das nicht nur die Frühjahrsmüdigkeit und die Erschöpfung vom Heuschnupfen oder von den Unbilden des Lebens ist.

Schon nach drei Tagen mit je zwei Kapseln Ferro Sanol ist das Leben ein anderes, die Ursache des Übels zwar nicht beseitigt, aber man wandelt wieder aufrecht unter den Menschen da draußen und fühlt sich auch annähernd wie einer.

Mit steigendem Ferritinwert können auch andere Dinge wieder angepackt werden. Hier sind ja momentan diverse Aufräumaktionen auf mehreren Ebenen im Gange, die abzuschließen mir ein Bedürfnis ist.

Es gelingt mir beispielsweise endlich, einen Abschied zu vollziehen, der schon seit langer Zeit ansteht: Auf dem Flohmarkt springt mir dieser Stuhl ins Auge, und ist mir Erinnerung und Mahnung zugleich, dass ich das jetzt tun muss und auch tun kann.

Theresienwiese, 27. April 2019.

Und nun ist es getan. Mehr dazu ein anderes Mal, vielleicht.
Oder Sie lesen es hier nach, denn im Grunde ist es dasselbe, sogar dieselbe Person, und der damalige Blogbeitrag war eigentlich schon eine recht gelungene Beisetzung, zumindest war das seinerzeit mein Gefühl nach dem Schreiben und der enormen Resonanz, die dazu kam.

Nun tanzen wir erstmal in den Mai hinein, das wünsche ich Ihnen auch!

Lichte Momente.

Schwülwarmer Bärlauchdunst schwappt durch den für einen Frühlingsferientag ungewöhnlich leeren Englischen Garten. Viele Seitenwege haben wir ganz für uns allein, prima ungestört lässt sich das Feuerwerk, das die Pollen mindestens minütlich in der Nase zünden, abniesen.

Kaum etwas geht – mal rein stadtimmanent gedacht – über diese herrlichen Münchner Parks mit all ihren Großzügigkeiten.
Diese Pracht noch dazu in fußläufiger Distanz, nicht selbstverständlich, das alles, wie mir erst neulich in Wien wieder bewusst wurde, wo so ein Hund ja fast nirgendwo in innerstädtischen Grünanlagen mal ohne Leine laufen darf.
Das ist Luxus pur!, rufe ich dem Dackelfräulein zu, das geschäftig durch das flache Bachbett schnorchelt, sich anschließend auf der Wiese den Pelz trockenschubbert und sich danach zum Sandburgbau an die Uferböschung begibt.

Ich setze mich auf eine Parkbank, um sie einerseits gewähren zu lassen und andererseits ihr Tun genau im Auge zu behalten und gegebenenfalls pfeilschnell und mahnend den Finger heben zu können, wenn sie sich klammheimlich einen fingerdicken, grüngrauen Gänsehäufchenimbiss einverleiben möchte (klammheimlich ist, nebenbei bemerkt, schon immer mein Lieblings-Hendiadyoin gewesen: wie Trüffelschweine waren wir ab der 9. Klasse in lateinischen Texten auf der Suche nach diesem Stilmittel, gedrillt von Herrn Konrad R., den ich verehrte, so streng und unbeliebt er auch war).
Das Hundetier und ich haben uns im Laufe der Jahre hervorragend eingespielt bei der Ausübung dieses perfiden Belauerungssports. Wachsamkeit, Geschick und Flinkheit sind hierbei alles, und ich gebe zu: meist liegt die Madame knapp in Führung, was ja auch keine Kunst ist, da ihr Rüssel den begehrten Trophäen naturgemäß näher ist als meiner.

*****

Ein sehr unösterliches Ostern war das.
Keine Auferstehung in Sicht, immer noch bleierne (Frühjahrs-?)Müdigkeit oder einfach ein konstitutioneller Durchhänger.

Der Lindt-Goldhase, den mir mein großer Freund S. schenkte, bekam am Ostermontag auf den letzten Drücker und ganz unerwartet noch Gesellschaft von einem kleinen Goldhäschen und ein paar Lindor-Eiern. Die kleinen roten. Als hätt’s der Schenker gewusst, dass genau das die Ostereier meiner Kindheit waren.

Der Papa war Jahr für Jahr am frühen Morgen des Ostersonntags mit 10 bis 15 dieser köstlichen Minischokoeier in der Wohnung unterwegs. Während die Mutter und ich noch schliefen, spielte er den Osterhasen und versteckte diese Leckereien für mich.
Zusätzlich noch ein paar handgefärbte, echte Eier. Die platzierte er meist bruchsicher an den immer gleichen Stellen: im Futterschälchen von Cocolinos Käfig, im tönernen Kerzenständer im Bücherregal und – nach dem Herausdrehen der Glühbirne – in der Fassung der weißen Lampe mit dem verchromten Fuß, die auf dem schwarzen Ecktisch stand.

Der Ecktisch hieß so, weil er die Ecke zwischen dem Zweisitzer und dem Dreisitzer der Ledercouchgarnitur, die ich nie leiden konnte, bis auf einen kleinen Spalt passgenau ausfüllte. Er war einer der wichtigsten Orte meiner irgendwie zu kurz geratenen Kindheit. Wenn die Eltern stritten, kroch ich unter diesen ca. 40cm hohen Tisch und versteckte mich dort und wagte mich manchmal stundenlang nicht mehr hervor.
Als sich die Verweildauer unterm Ecktisch indirekt proportional zum Freudefaktor der elterlichen Ehe zu verhalten begann, richtete ich mir dort unten ein kleines Lager ein, ausgestattet mit dem Nötigsten, wie es immer so schön heißt. In meinem Fall waren das irgendein Knabberkram, etwas zu Trinken, eine Wolldecke, der Olympia-Waldi, mein Hansipolster und das kleine Notizbüchlein samt Stift, denn selbstverständlich führte ich akribisch Buch über meine Ecktisch-Aufenthalte und die Beobachtungen, die ich – durch den schmalen Ritz zwischen den beiden Sofas bang ins Wohnzimmer spähend – so machte (oder machen musste).

Auch die kleinen roten Lindt-Eier wanderten oft in mein Survival-Depot. Womit wir wieder bei Ostern wären, wovon ich ja eigentlich berichten wollte und nicht von einer dieser zermürbenden Retrospektiven auf biografisch längst Kompostiertes. Sondern von Ostern, wie es früher mal war und wie ich es mochte. Genauer: von der Eiersuche.

Der Papa war kein geschickter Versteckfinder, die meisten Eier leuchteten rotglänzend und dadurch besonders gut sichtbar aus ihren Verstecken hervor und ich musste mich weder recken noch strecken, um sie meist schon beim Betreten eines Raumes mühelos zu entdecken. Des Papas Bemühen, mir mit der frühmorgendlichen Versteckerei eine Freude zu machen, rührte mich als Kind so sehr an, dass ich mich meinerseits bemühte, so zu tun als hätte ich allergrößte Mühe, die kleinen Lindt-Eier zu finden. Selbst mit den großen, bemalten Eiern ließ ich mir Zeit, obwohl man Tomaten auf den Augen hätte haben müssen, um die zu übersehen.

Ich tappte also mehrfach von Zimmer zu Zimmer und stellte mich bei der Suche so ungeschickt an, dass der Papa, geduldig wartend immer tiefer in den Zweisitzer einsinkend, weil das Töchterchen dermaßen lang erfolglos umherirrte, irgendwann anfing, mir Tipps zu geben.
Kleine, knifflig gemeinte Hinweise wie beispielsweise Denk mal an Fasching! und dann tat ich, die ich das Ei im Hut des Holzclowns neben den Bildbänden schon längst gesehen hatte, so, als würde ich noch ein wenig grübeln müssen, bis mir schließlich beim Schweifenlassen des suchenden Blickes über die Regalwand – endlich, endlich! – der Clown ins Auge stach und ich übertrieben freudig – Ach ja, genau, der Clown, der passt ja zum Fasching! – nach dem roten Schokoei grapschte.

So ging das jedes Jahr dahin, bis zum letzten Ei, und alle waren eine Eiersuche lang glücklich, auch die Mutter, die während der Eierodyssee aus ihren Gemächern zu uns schwankte und sich auf den Dreisitzer drapierte und der Suchorgie kreislaufschwach vor sich hin blinzelnd beiwohnte, ein Zustand familiärer Harmonie und Friedlichkeit, den es ganz unbedingt in die Länge zu ziehen galt, in der Hoffnung, dass er vielleicht noch bis nach dem gemeinsamen Osterfrühstück oder gar bis nach dem Osterspaziergang anhalten würde.

Mein glücklichstes Ostern war zweifellos jenes, an dem uns bei diesem Spaziergangsritual jener Welpe über den Weg lief, der mein erster Hund werden sollte. Dieses Glück half mir über so manch trostlose Ecktischstunden hinweg, denn von da an hatte ich immer eine verlässliche Gefährtin an meiner Seite, auch in meiner kleinen Survival-Höhle, und eines Tages übernahm sie meinen dortigen Beobachtungsposten, weil ich endgültig zu groß geworden war, um mich noch unter diesen Tisch zu zwängen und so überließ ich ihr den für mich zu eng gewordenen Dachsbau und ich durfte fortan die letzten Etappen des Rosenkriegs ungeschützt mitansehen.

Ja: durfte. Denn ich war trotz aller Splitter, derer man sich im näheren Umkreis dieser Gefechte kaum erwehren konnte, froh darum, das meiste mitzubekommen und nachvollziehen zu können, weshalb es nötig und wichtig war, dass die Parteien letztlich auseinandergingen.

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Die Frühlingssonne steht mittlerweile hoch genug, um die zur Ostseite hin gelegenen Räume jeden Morgen ganz wunderbar mit Licht zu durchfluten, in diesem unbarmherzigen Flutlicht aber zugleich auch das zum Vorschein zu bringen, was der flache Winkel der Wintersonne (zusätzlich verstärkt durch die bis vor kurzem völlig verdreckten Fenster) noch gnädig vertuscht hatte.

Diverse Unebenheiten der letztjährigen Renovierungsarbeiten kommen nun zum Vorschein: Lolek, Bolek und Konsorten haben dann doch den einen oder anderen kleinen Pfusch hinterlassen, wie man nun sieht. Natürlich sind sie längst mit dem Salär über alle Berge und dort auch nicht mehr zu erreichen oder schuften sich anderswo in schlecht bezahlten Jobs die Seele aus dem Leib, so dass sie für Nachbesserungen leider keine Kapazitäten mehr frei haben.

So legt man jetzt eben selbst Hand an, schleift hier und da etwas ab, zieht da und dort etwas nach, justiert und montiert neu, liest sich in Lackiertechniken ein, spritzt eine Probefuge, kratzt sie wieder heraus, oder sucht mit einem Magneten den Türstock der Schiebetür nach den Befestigungsschrauben derselben ab, die der Handwerker seinerzeit perfekt plattgehobelt und zugepinselt hat („Isse schöner so!“), ohne allerdings – wie munter hobelnd zunächst noch zugesagt – vor dem Zupinseln eine kleine Skizze anzufertigen, wo man die Schrauben ggf. wiederfinden würde.

Betrachten wir’s als ein Sich-Vertraut-Machen mit Nischen und Feinheiten des eigenen Zuhauses, das schadet einem ja nicht, höchstens dem elenden Ellbogen setzt es zu.

Als Ausgleich dazu nach monatelanger Suche endlich eine Stehlampe fürs Wohnzimmer gefunden. Grauenhaftes Gegoogel, bis man sich da überhaupt mal einen Überblick in diesem Dschungel verschafft hat! Immer nach spätestens einer Stunde Kopfweh bekommen (manchmal allein wegen der Preise: es muss massenhaft Menschen geben, die sich Stehlampen im Wert eines Kleinwagens kaufen wollen/können, oder wie erklärt es sich, dass diese Lichtobjekte auf dem Markt überleben?) und es entnervt wieder bleiben lassen. Und eines Abends dann durch Zufall doch noch fündig geworden.

Heute mal in das Geschäft spaziert, um das Ding in echt zu besichtigen.
Pardon, es heißt ja nicht mehr Geschäft, man nennt das jetzt Showroom. Das gute alte Geschäft hat ausgedient, das Möbelhaus eh.
In diesen Showrooms laufen lässige Showmaster herum, keine schnöden Verkäufer mehr. Jeder von denen trägt ein mattsilbriges Tablet mit sich herum, hat man eine Frage – und die meine war heute eine ganz simple, nämlich: Wie zum Teufel schalt‘ ich diese Funzel ein? – loggt sich der personal consultant in den entsprechenden room ein, in dem man grad ganz real steht und ebenso analog wie erfolglos an dem Schalter der Lampe herumdrückte, und bringt per Mouseclick das Ding zum Leuchten. Never seen before – mir, dem entmündigten Kunden, unfähig eine Lampe allein anzuknipsen, bleibt vor lauter Staunen der Mund offen stehen. Fremd bin ich geworden, in manchen Sphären der Konsumwelt.

Die Lampe ist aber toll. Ich trage sie mir in eine stille, leere und eher dunkle Ecke am Rand der riesigen Lampenbühne, damit ich mal mit ihr allein sein kann. Bitte den smarten Simon, der sich mit seinem Tablet diskret hinter ein paar voluminösen, mit japanischem Reispapier ummantelten Lichtobjekten aufhält, um ja nicht aufdringlich zu wirken, dann nochmal, sie mir auch dort, in meinem entlegenen Eckchen, erneut einzuschalten.

Dann stelle mich neben sie, setze mich unter sie, betaste sie rundum, trete ein Stück beiseite und lasse sie einfach mal auf mich wirken. Diese Dinge, mit denen man länger zu leben beabsichtigt, wollen ja erstmal be_griffen werden, bevor man sie sich ins Haus holt und ein veritables Zusammenleben beginnen kann.
Größe passt, Farbe passt, Lichtkegel und -intensität auch. Zeitloses Design, sehr geringes Risiko also, dass man sie schon in 5 oder 10 Jahren nicht mehr erträgt.

Und sie ist dimmbar, das ist mir wichtig. Ich liebe dimmbare Lampen. Je älter ich werde, desto mehr, denn damit lassen sich eventuelle Unebenheiten – in der Wohnung wie auch in der Visage und im Leben – einfach mal mit milder Schummerbeleuchtung kaschieren oder ganz wegzaubern, wenn man sie nicht mehr sehen will.
Ein kleines Schieben mit dem großen Zeh auf dem sehr kommoden Fußschalter genügt – und schon ist die Atmosphäre wonnig, weich und warm. Herrlich!

Wieder so ein Objekt, das der Versmoothieierung ihren Weg zu einer immer umfassenderen Regentschaft über uns Freunde der Weichzeichnerei, des Rumdum-Airbags und der Pürierung der Lebenswelt weiter planiert.
Vor langer Zeit schrieb ich mal einen Blogbeitrag über diesen Paradigmenwechsel in der Handhabung des Lebensalltags – und es wär‘ eigentlich an der Zeit, denk ich grad, diesem Beitrag einen weiteren folgen zu lassen, Notizen dazu gäbe es ja längst.

Für heute aber genug der Worte, die letzte Nacht war schrecklich und kurz, das Abendgassi ruft – und dann nichts wie ab ins Bett.
Kommen auch Sie erleuchtet und gut durch die ausgehende Osterwoche!
Ihre Kraulquappe.