Song des Tages (16) oder: Eine Ode an das Wasser.

Es gibt ja so Tage, da wachst du auf, sofern du überhaupt geschlafen hast, und fühlst dich schon um 7:13 Uhr, als hätte dir jemand einen Hammer über den Kopf gehauen, gedankenschwer, bleierne Glieder, trüber Blick. Draußen greller Sonnenschein und Faschingsdienstag, tätärä, krasser könnte der Kontrast kaum sein. Alles geht schwer von der Hand, die Tagespost bedrückt, das Tagwerk überfordert.

Und dann gehst du hinein ins Wasser, unerklärlich leer das Feiertagsschwimmbecken, so schön und weich und weit, du kloppst es raus, ohne „es“ genauer benennen zu können oder zu wollen, kletterst nach einer Stunde aus dem Becken, und hast eine Idee, zwei Ideen, drei Ideen, jedenfalls ein freies Gefühl im Kopf und in der Brust, und so fährst du wieder heim, zurück an den Schreibtisch.

Packst etwas Neues an, triffst einfach eine Entscheidung, let’s get things going!, und während du das gerade tust, passieren parallel und ganz ohne dein Zutun noch ein paar Dinge, die dem Tag schließlich eine Wendung geben, die du morgens für ganz und gar undenkbar gehalten hättest, müde und bleigrau wie es da begann.

Wasser ist für mich neben dem Hinaufgehen auf den Berg das Belebendste, Erfrischendste und Rettendste, das es gibt, das vornehmste und reinste Element von allen, die tragende Basis für meine kleine Barke, in der ich durchs Leben schippere oder auch nur durch einen seltsamen Faschingsdienstag (immerhin ein 13.).

Beim abendlichen Kochen nach Langem mal wieder aus voller Kehle gesungen, auch so ein Wohlgefühl.

You can go all around the world
Trying to find something to do with your life, babe,
When you only gotta do one thing well,
You only gotta do one thing well to make it in this world, babe.

St. Rway.

There’s a sign on the wall, but she wants to be sure
Cause you know sometimes words have two meanings
In a tree by the brook, there’s a songbird who sings
Sometimes all of our thoughts are misgiven

Bauruine im Loisachfilz bei Penzberg.

Aus der Serie „Innen & Außen im Einklang“.

Und weiter geht’s.

So, da samma wieder.
Alle miteinand in relativ aufgeräumter Verfassung.

Der Artikel geschrieben und abgegeben:
Zu meiner großen Freude hat die Redaktion mit meiner mitgelieferten Fotoauswahl ziemlich genau das angestellt, was ich mir erhofft hatte. Oft setzen sie ein Foto ins Großformat, das man selbst völlig nebensächlich findet, lassen die besten Aufnahmen ganz weg, oder sie nehmen eines der Top-Bilder zwar mit rein, platzieren es aber in Streichholzschachtelgröße irgendwo zwischen den Textspalten, wo es unbemerkt verschwindet.

Das Dackelfräulein nicht mehr im Hormonrausch:
Wir genießen nun die 9-wöchige Ruhe vor dem nächsten Sturm, der Scheinmutterschaft. Und widmen uns bis dahin anderen Herzensangelegenheiten.

Den medizinischen Kram auch erstmal wieder überstanden:
Zwischen bildgebendem Verfahren Nr. 1 und bildgebendem Verfahren Nr. 2 lag ich wartend auf einer Pritsche und starrte auf einen August Macke an der gegenüberliegenden Wand. Ich zählte die Hüte und Rechtecke auf dem Gemälde, versuchte jedes Zeitempfinden und jede Panik zu eliminieren, im Nebenzimmer sehr wohl um den Arzt wissend, der sich Teil 1 der Bilder schon mal ansah, um Teil 2 ggf. gezielter anfertigen zu können.
Dauert es lange, fragt man sich: Sucht der noch oder hat er schon gefunden und sucht nur noch nach den passenden Worten? Oder bedeuten die 4,5,6 oder 7 Minuten, dass es nichts zu sehen gibt und der Arzt froh ist, mal in Ruhe einen Kaffee runterkippen zu können? Oder sitzt der gar nicht mehr nebenan und bespricht sich bereits mit Kollegen, was zu tun sei? Würde mich die Erinnerung an jenes Bild von August Macke fortan daran erinnern, dass bei der Betrachtung desselben mein Schicksal besiegelt wurde?

[Dabei fällt mir immer die allererste der Situationen ein, in der mich dieses schicksalshafte Gefühl erstmals beschlich. Über 20 Jahre her, ich noch Studentin, brachte zum ersten Mal in meinem Leben den Papa mit meiner kleinen Karre zum Flughafen, dreiwöchige Dienstreise nach China, vor der Sicherheitskontrolle drückten wir uns zum Abschied, er reihte sich unter die Wartenden, ich lief zum Ausgang, drehte mich aber kurz vorher nochmal um, erwischte genau den Moment, in dem auch er sich umsah, unsere Blicke trafen sich, dazwischen etlicher Abstand und diese dicke Glasscheibe, wir hoben beide winkend die Hand zu einem allerletzten Gruß und lächelten etwas schief, ich ging zum Auto, schloss auf, ließ mich auf den Sitz fallen und brach in Tränen aus wegen des plötzlichen Bewusstwerdens, dass ich diesen letzten Blick immer und ewig erinnern würde, aber dass er nur dann eine erträgliche Erinnerung wäre, wenn er bloß ein vorübergehend letzter Blick gewesen sein würde, weil der Papa unversehrt wieder nach München zurückkäme, was er auch tat, dennoch hatte dieser Augenblick eine nie zuvor in dem Kontext dagewesene Wucht, die in dem Wissen um die potentielle Endgültigkeit immer und überall bestand, und seither versuche ich, solche letzten Bilder/Blicke/Berührungen auf keinen Fall bewusst zu bemerken, ich praktiziere das wie einen kleinen, albernen Aberglauben, so als gelänge dann ein Deal mit dem Schicksal und es würde mir nie etwas nehmen von dem oder denen, die mir so wichtig sind, was natürlich so nicht funktioniert, zum einen, weil ich weder ernsthaft an den Deal, noch an das Schicksal glaube, zum anderen, weil es sich mit diesem Wissen über die bloße Möglichkeit, was aus diesen letzten Bildern/Blicken/Berührungen werden könnte, genauso verhält wie mit der Unschuld, die Rede ist hier nicht von der des Körpers, sondern von der des denkenden Geistes: Einmal verloren, kehrt sie nie mehr zurück. Das nur so am Rande und aus der Rubrik „Was so alles in einem herumdenkt, während man wartet, und zwar in Sorge wartet.“]

Zurück ins Behandlungszimmer. Da ich beim Macke auf 7 Hüte und 31 Rechtecke kam, das Ergebnis also alle meine Lieblingszahlen enthielt, musste das wohl ein gutes Omen sein und weder ein letztes Bild, noch eine letzte Berechnung. Und so war es auch.

Und sonst so?

Das große Triefen hat begonnen…

…und die große Suche geht ebenfalls weiter.

Zur Stimulation oder zum Abreagieren gucke ich mir dazu mittlerweile gern Youtube-Videos wie dieses an, die an Aktualität und Realitätsnähe schwer zu übertreffen sind (obwohl in den 1970er und 80er Jahren gedreht).
Polt-Sketche als orwellsche Münchner Mieter-Dystopie, großartig ist das (unklar nur, wieso die Serie „Fast wia im richtigen Leben“ hieß).

Wär’s nicht so ein kabarettistisch abgegrastes Thema, hätt‘ man jetzt genug Stoff für ein Mieter-in-München-Buch beisammen. Man kommt ja rum, wenn man sucht, lernt viele Menschen und Häuser kennen, letztere sogar von innen, sieht und hört Sachen, die man sich nicht hätt‘ träumen lassen. Es weht schon ein rauer Wind da draußen in den Straßen unserer schönen Stadt.

Und je länger man sucht, desto rabiater und radikaler wird man auch selbst. Das fängt schon beim Auswählen der Inserate an.
Eine Annonce wie diese, bei der mir als einziges (!) Bildmaterial zu einer 91m²(!)-Wohnung nur dieses poplige Foto von einem Schlafzimmer mit einer geschmacklosen Bettdecke für zwei, heruntergebrannten Duftkerzen, billigem Funkwecker, IKEA-Funzel und Eau-de-Toilette-Humpen auf dem Sideboard geliefert wird…

…ich aber im Gegenzug per Mail alle (!) unsere Daten liefern soll, bevor der Eigentümer sich vielleicht herablässt, einem dann noch eine Ansicht der anderen Zimmerseite (mit Sicherheit: 2-3 Meter Schrank mit Schwebetüren und Spiegel in der Mitte, in Buche-Nachbildung und mit Lichtdekorleiste oben) zuzusenden, kann mir den Buckel runterrutschen, obwohl die gut geschnittene Bude angeblich in Schwabing und sogar parknah liegt und nicht mal so viel kostet, dass man gleich jegliche Urlaubsvorhaben für die nächsten 10 Jahre streichen müsste.

Das Leben ist eine ewige Baustelle. Mal dominiert die Abrissbirne, mal hält das Gerüst.
Und Zuversicht, das ist die Einsicht in die Chance auf Aussicht.

Also, weiter geht’s.

Suburbia (2): Das Hotel-California-Gefühl.

There she stood in the doorway
I heard the mission bell
And I was thinking to myself
„This could be heaven or this could be hell“

***

„Wenn’s dem Esel zu geht, geht er aufs Eis“ waren ihre letzten Worte, als ich mich auf dem Treppenabsatz umdrehte und ihr Lebewohl sagte.
Vor 27 Jahren und 9 Monaten trug sich das zu, hier um die Ecke.
Sie warf mir einen dieser Blick hinterher, die einen für immer verurteilen sollten.
Die Tür fiel ins Schloss. Unten wartete der Papa mit hochgekrempelten Ärmeln, einem seiner Mitarbeiter und dem Kleintransporter.
Ich war 17, und ich ging weg von Zuhause.

***

You can check out any time you like
But you can never leave

***

Diesem Hotel-California-Gefühl wollte ich endlich entkommen, dessen Ausweglosigkeit hinter mir lassen, selbst wenn ich dafür den über alles geliebten Hund bei der Mutter zurücklassen musste.
Penny hieß sie, ein Dackelmischling war sie, beim Münchner Zamperlrennen 1986 ist sie die Schnellste von allen gewesen. Der damalige OB überreichte uns den Siegerpokal, der vermutlich vor zwei Jahren zusammen mit dem übrigen Hausstand der Mutter irgendwo von einer Schrottpresse zermalmt wurde.
Sie war mein einziger Anker zu dieser Zeit, und sie jaulte jämmerlich, als sie begriff, dass ich ging.
Es gibt Trennungen, über die man nie hinwegkommt. Jener Hundeabschied gehört dazu.

Wie ein Lasttier fühlte ich mich tatsächlich, allerdings nicht wie eines, dem es zu gut gegangen war.
Folglich ging ich auch nicht aufs Eis, wo mich nur neue Gefahren erwartet hätten, außerdem war es bereits April und der Winter hatte sich längst verabschiedet. Ich suchte mir einen sicheren, warmen Unterschlupf, eine Zwischenstation auf dem langen Weg zum eigenen Zuhause, das ich so ersehnte.
Eines, in dem man Türen schließen durfte und nie mehr auf der Hut sein musste.

***

***

Mit eisernem Griff hielt sie die Kinderhand umklammert, was sie vor den Augen der Öffentlichkeit durch stetiges Lächeln und einen spielerischen Hüftschwung perfekt zu kaschieren verstand. Das Stakkato ihrer Schritte auf dem Asphalt übertönte zuverlässig jedes „Komm endlich!“ oder „Halt dich gerade!“, das sie dem Kind zuzischte.
Parierte es nicht sofort, verstärkte sie den Druck auf die kleine Hand.

17 Jahre lang bin ich mitgekommen, wohin auch immer sie ging, habe ihre Schwermut zu lindern und ihre Launen zu beschwichtigen versucht, habe feinste Antennen entwickelt, einem Seismografen gleich. Um ihre Stimmungen möglichst schon wahrzunehmen, bevor sie selbst sie bemerkte, um das Ruder vielleicht noch herumreißen zu können, bevor sie in die nächste Stromschnelle geriet, die auch mich unweigerlich mit hinwegraffen würde.
Es empfahl sich, flink, vorsichtig und vorbereitet zu sein, denn trafen einen die Attacken überraschend, war es verheerend.

Auch das mit meiner Haltung hat sie hinbekommen. Sie wusste genau, dass man das Eisen schmieden musste, solange es heiß ist, und sie war ein ebenso geduldiger wie gnadenloser Schmied.
An dem Tag, an dem ich sie verließ, ging ich innerlich gebückt, aber äußerlich aufrecht davon.

***

Up ahead in the distance
I saw a shimmering light

***

Davonzugehen, das verhieß Freiheit. Ihrem eisigen Griff und ihrem Zuckerbrot- und Peitsche-Prinzip von Liebe zu entkommen sowie all ihren Netzen, die sie um mich gesponnen hatte. Nachdem ich gegangen war, warf ich 20 Jahre lang säckeweise Lasten von mir, unternahm ein paar erfolglose Versuche, eine neue oder andere Basis zu ihr zu finden.

Bei ihrem einzigen Besuch in meiner ersten eigenen Wohnung komplimentierte ich sie nach einer Auseinandersetzung hinaus in die Winternacht.
„Du bist genauso kalt und herzlos wie dein Vater“, hatte sie kurz vorher zu mir gesagt.
Ihr letzter verzweifelter Versuch, mich anzuklagen und zu manipulieren, ein letzter Hinweis auf ihr lebenslanges Opferdasein. Opfer ihrer Herkunft, Opfer ihrer schlechten Startbedingungen, Opfer ihres Ehemanns, der Zeiten, der Leute, der Krankheiten, der Arbeitswelt.
Was hätte aus ihr werden können, hätte sie nicht ihre besten Jahre an diesen Mann und dieses Kind verschwendet!
Diesmal schloß ich meine Tür für immer.

Kaum hatte ich alle Bemühungen um sie ad acta gelegt, befasste ich mich freiwillig jahrzehntelang mit weiteren Opfertypen. Wäre beinahe ein Opfer des Opferphänomens geworden, hätte mein Verstand mich nicht hartnäckig auf der Täterseite festgenagelt. Erst als ich zum absoluten Opferexperten avanciert war, konnte ich mit diesem nutz-, sinn- und endlosen Programm aufhören.
Schlagartig und für alle Zeiten hatte ich es satt, mich um die zu kümmern, die keine Verantwortung für sich selbst übernehmen wollen, obwohl sie es sehr wohl könnten.

***

Zwei Straßen weiter steht immer noch das Haus, das ich damals verlassen habe. 1.OG rechts, ein Südbalkon, dessen Holz nun verwittert aussieht, eine ehemals weiße Fassade, die ergraut ist.
Erst als die Mutter aus dieser Gegend wegzog, war es mir wieder möglich, ab und an hierher zu fahren, um in dem herrlichen Wald zu joggen oder mit Hummel, meinem damaligen Dogsharing-Dackel, spazierenzugehen. Weitere Jahre später dann zum Waldlauf mit dem Gatten und eines Tages zum Gassigehen mit Pippa.
Gelegentlich kehrten wir nach unseren Waldausflügen in einem netten Lokal samt Biergarten ein, das ich noch von früher kannte, wenn die Mutter mal zum Ausgehen aufgelegt war oder Besuch kam, der ausgeführt werden sollte. Nach mehreren Pächterwechseln ist es letzten Sommer, kurz nach unserem Umzug in diese Gegend, zu einer geschmacklosen Gaststätte mit haarsträubender Apostrophierung im Namen und ebenso haarsträubenden Fleischgerichten auf der Speisenkarte verkommen.

Hier wieder zu wohnen, wäre mir zu ihren Lebzeiten nicht möglich gewesen, obwohl ich immer am Münchner Süden hing und sie sich längst in ein 60km entferntes Nest im Voralpenland verkrümelt hatte. Die bloße Vorstellung, dass sie hier noch jemanden kennen könnte, besuchen würde und wir uns über den Weg liefen, erstickte diese Überlegung bereits im Keim.
Als sie vor zwei Jahren starb und damit das letzte Kapitel unserer unseligen, unheilbaren Geschichte abgeschlossen war, nahm ich an, dass nun „die Luft rein“ sei und auf der verbrannten Erde wieder angepflanzt werden könne, man sich hier gar selbst eintopfen könne und gedeihen würde.

***

And still those voices are calling from far away
Wake you up in the middle of the night
Just to hear them say
Welcome to the Hotel California

***

Leider war das einer der Irrtümer, die sich erst weit nach dem Umzug offenbarten.
Manche Erinnerungen besitzen die Robustheit von Kakerlaken. Sie starren einen von Hauswänden an, lauern einem hinter Zäunen auf, selbst aus vermoosten Ritzen zwischen den Pflastersteinen kriechen sie bisweilen empor. Du willst wegsehen, sie verscheuchen, drauftreten – aber es ist zwecklos.
So tot die Mutter auch ist, manchmal schwirrt sie hier am südlichen Rand der Stadt, wo wir unsere 17 gemeinsamen Jahre verbrachten, noch durch die Luft und macht mir das Atmen ähnlich schwer wie es sonst nur die Pollen der Hasel im Frühjahr vermögen.

Zum Trost: Der Briefkasten an dem kleinen Platz um die Ecke, in den ich vor 30 Jahren die ersten Liebesbriefe nach Köln einwarf, steht immer noch dort, wohingegen die Telefonzelle, aus der ich die Freundinnen oder den Papa anrief, um meinen Kummer in den Hörer zu heulen, durch einen Wertstoffcontainer ersetzt wurde.
Das fühlt sich stimmig an: Ein Hort der stofflichen Verwertung statt nicht recyclebarem Seelenmüll.

Über kurz oder lang werde ich nun ein zweites Mal von hier fortgehen.
Vielleicht war diese Rückkehr, diese Wiederholung dazu gut, um spürbar zu begreifen, dass das Hotel-California-Gefühl zwar mich verlassen hatte, aber heimatlos, wie es dann geworden war, seine Zelte für alle Ewigkeit hier in dieser Gegend, wahrscheinlich irgendwo am nahen Waldrand, aufgeschlagen hatte.
Dort modert und vegetiert es trotzig und einsam vor sich hin, sitzt des Nachts am knisternden Feuer, um seine Klauen zu wärmen und die alten Lieder anzustimmen, auf dass es ihm vielleicht doch gelänge, mich wieder zu sich zu locken – und sei es nur für eine Nacht, was ja beileibe genügen kann für eine erfolgreiche Infektion.

***

Last thing I remember
I was running for the door
I had to find the passage back
To the place I was before

***

Eine feine und auch so heitere neue Serie auf diesem Blog, nicht wahr?
Sie kam ungeplant, aber jetzt ist sie da und wir wollen hoffen, dass sie nur ein vorübergehender Gast ist.

Ein schönes Wochenende wünscht
Die Kraulquappe.

Vom Kiefer-Koma ins Kloster.

Orff-Zitat im Bräustüberl zu Andechs.

Zunächst erwog ich, den Beitrag mit „Von Passionen und Pilgern“ zu betiteln, aber das wäre reine Schönfärberei gewesen. Denn es geht um Kontrollverlust und den anschließenden (wie immer mühsamen) Versuch, den Verlust wieder loszuwerden, sprich: die Kontrolle zurückzugewinnen.

Nach acht Staffeln suchtartigem Konsum von „24“, von denen wahrlich nicht alle acht Staffeln exzellenter Stoff waren, fiel ich nach dem Finale nicht nur komatös von der Couch, sondern schlug am Morgen danach auch auf den Boden der Realität auf, die wohlgemerkt eine Realität ohne Kiefer Sutherland ist.

Es war, wie es immer war, wenn wir uns an einer Serie festgefressen haben: Wir ziehen das in einer Maßlosigkeit durch, die ihresgleichen sucht (wenn irgend möglich: täglich), schotten uns von der Außenwelt ab (Kontaktversuche werden ab spätestens 20 Uhr komplett ignoriert), bis das letzte Krümelchen Stoff verbraucht ist. Plötzlich ist es aus und vorbei, ein gleichermaßen katastrophaler wie befreiender Moment. Und dann? Gnadenloser Cold Turkey.
Wenigstens haben wir es diesmal gut terminiert, bewusst zum Feiertags- und Jahreswechsel-Leerlauf hin (quasi ein kontrollierter Kontrollverlust, was die Rekonvaleszenz aber kaum erleichtert).

Mein Suchtpotenzial erschreckt mich immer wieder.
Die 1x jährlich auftretende, mehrwöchige Kokos-Intensiv-Phase ist da mit Abstand das harmloseste Phänomen.
Musik, Berge, Sprache, Wasser, Verliebtheit, Bewegung, Essen, Reisen, Serien – ich bin für vieles offen. Hauptsache, es begeistert mich dermaßen, dass der Endorphinrausch zuverlässig eintritt und ich auf dieser Welle surfen kann, weg von hier, weg von mir, weg von unguten Gedankenschleifen (das könnte – ja: sollte! – noch gründlicher durchdacht und ausgeführt werden, vielleicht ein andermal).
Am jeweiligen Suchtmittel überfresse ich mich, bis es a) mir zu den Ohren rauskommt, mich der Selbstekel ergreift und ich es nie mehr sehen/hören/essen/tun will (bis es mich, variiert oder identisch, ein weiteres Mal heimsucht) oder b) mir unfreiwillig entzogen wird, oder zur Neige gegangen ist und nicht wiederbeschaffbar ist.

Just aus dem Kiefer-Koma erwacht, merke ich, dass ich ein schier unglaubliches Bedürfnis habe, das alles loszuwerden, frei zu werden von all diesen Bildern und Emotionen, für die die Serie nur den Anstoß gab zum Weiterspinnen und -spüren. Höchste Zeit ist es, anderes zu sehen, zu hören, zu lesen und wahrzunehmen.
Nicht, dass ich zwischendrin nicht draußen in der Natur gewesen wäre oder mich zu wenig bewegt hätte, aber jetzt, in diesen ersten Tagen des Entzugs, tut eine höhere Dosis frische Luft und flottes Gehen mehr als sonst not.

Vom Queriwirt in Frieding aus marschieren wir mit wohltuendem Weitblick über die sonnigen Felder…

…bis zu dieser einen wunderbaren Kuppe, hinter der das Ziel erstmals hervorlugt: Kloster Andechs!

Das Dackelfräulein schlurft im Hormontaumel neben mir her und gibt nur dann Gas, wenn die Mäuselöcher im Acker besonders zahlreich locken oder ein zerstückelter Dachskadaver am Waldrand feilgeboten wird. Mit Dachsfellborsten um die Dachshundnase kommt sie nach dem dritten Abruf mit der Trillerpfeife sogar schmatzend zurückgeschwänzelt – und verfällt augenblicklich wieder in den PMS-Schlurfschritt.

Nach 7 Kilometern nähern wir uns dem Klosterberg und man staunt immer wieder, wer da an einem Mittwoch/Werktag außer uns noch so alles herumrentnert oder -touristet.

Einfachste bajuwarische Basis-Symbole weisen dem hungrigen und durstigen Wanderer den Weg:

Wir passieren den Kiosk (geschlossen), der in Kindertagen das einzig taugliche Argument war, mit dem ich mich zu einem Ausflug nach Andechs überreden ließ – hier gab mir der Papa stets eine Mark und ich durfte mir davon drei Liebesperlen-Armbänder oder fünf weiße Mäuse kaufen…

… eine pädagogisch äußerst wertvolle Maßnahme, da der ausgesprochen schön gelegene Wallfahrtsort sonst niemals so früh eine solch positive Konnotation erfahren hätte und wohl dem kindlichen Vergessen anheimgefallen wäre (wie all die Museumsbesuche).
Mit Tieren, Eis, Knödeln, Schwimmbädern, Tretbooten und Seilbahnen geködert lernte ich meine Heimat kennen (und später auch lieben). Hat er schon gut gemacht, der Herr Vater.

Auf dem Heiligen Berg angekommen, bekommt Pippa ein Würstchen und ich eine Aussicht auf die heute etwas diesig-verschwommene Alpenkette.

Sattes Orgelspiel ertönt aus der Klosterkirche und ich beschließe, kurz hineinzugehen, was meiner Begleitung so gründlich missfällt, dass sie das frisch verzehrte Würstchen – ummantelt von einem Stück borstigem Dachsfell – demonstrativ auf die Pflastersteine kotzt.

Da sich der Todestag des Freundes jährt, möchte ich ein paar Kerzen in der angrenzenden Kapelle anzünden…

…und weil sonst niemand da herin sitzt, kann ich das Dackelfräulein sogar mit hinein nehmen (warum sind eigentlich brave Hunde in Kirchen verboten, frage ich mich) und ein wenig dort verweilen.

Anschließend folgt der weltliche Part der Pilgertour:

Dank ausreichender Vorbildung muss ich nicht alle 7 Sorten probieren und dabei ein Vermögen verpulvern, sondern kann zielsicher das eine Lieblingsbier ordern und während der Wartezeit beratend tätig werden.

Einen Tisch weiter verlangt das junge Paar aus dem Norden höflich nach einem „kleinen, kräftigen Bier“, hat offensichtlich keine Ahnung vom bayrischen Bier, deutet übermütig an, mehrere probieren zu wollen, aber halt so, dass man danach noch Autofahren könne, und verfällt dann angesichts der barschen Antwort der Kellnerin („Dann nehmts hoid an 0,3 Doppelbock!“) in hilfloses Stottern und nervöses Blättern in der Karte.
Darin allein vier Seiten zum klösterlichen Brauereiwesen nebst detaillierter Beschreibung der sieben vor Ort gebrauten Sorten, die in je drei Ausführungen (normal/leicht/alkoholfrei) sowie drei Größen (0,3/0,5/Maßkrug) aufgeführt sind – das kann den Fremden schon mal verwirren.

Ungefragt schalte ich mich ein, rate klar vom Doppelbock ab (wg. des Alkoholgehalts von 7,1%) und empfehle das Helle (Variante „Spezial“), das noch Platz für ein zweites oder drittes Kleines ließe.
So machen sie’s dann – und zum Dank erhält das Dackelfräulein später ein Stückerl von der Surhaxn, die sich das Pärchen teilt und dabei zufrieden feststellt, dass auch hier auf meinen Tipp Verlass war, dass von einer Portion auch locker zwei sattwerden.

Nach dem Genuss meines Kleinen steige ich mit meiner Kleinen wieder von Heiligen Berg hinab und begebe mich zügig auf den Rückweg, damit wir noch vor Einbruch der Dunkelheit das Auto erreichen.

Soweit ein durchaus gelungener zweiter Entzugstag.
Auf der Heimfahrt die Sutherland-CD gehört, ein bisschen Substitution muss erlaubt sein.
Prosit.

Zwischen den Jahren.

Die Stimmung zwischen den Jahren ist wie immer geprägt von inneren und äußeren Aufräumarbeiten und den üblichen Auswertungen.
Immerhin die Sportbilanz 2017 kann sich sehen lassen, ansonsten befinde ich mich irgendwo zwischen Jandl und Dittrich, zwischen Dunkel und Hell, zwischen Minus und Plus, zwischen Zweifeln und Hoffen, zwischen Hier und Dort.

Konkret:

sein das heuten tag sein es ein scheißen tag
sein das gestern tag sein es gewesen ein scheißen tag ebenfalz
kommen das morgen tag sein es werden ein scheißen tag ebenfalz
und so es sein aufbauen sich der scheißen woch
und aus dem scheißen woch und dem scheißen woch
so es sein aufbauen sich der scheißen april
und es sein anhängen sich der scheißen mai
und es sein anhängen sich der scheißen juni scheißen juli august
etten zetteren
so es sein aufbauen sich der scheißen jahr
und auf allen vieren der scheißen schalten jahr
und haben jeden der scheißen jahr darauf einen nummeron
neunzehnscheißhundertsiebenundsiebzigscheiß
scheißneunzehnhundertscheißachtundscheißsiebzigscheiß
so es sein aufbauen sich der scheißen leben
schrittenweizen hären von den geburten
und sein es doch wahrlich zun tot-scheißen

(Ernst Jandl, „von zeiten“)

Olli Dittrich (Interview, SZ-Magazin, Dez. 2017).

Und dazwischen ich, ungefähr so.

Einen möglichst erquicklichen Jahresausklang wünscht
Die Kraulquappe.

Für immer 20 Jahre.

Beim heutigen Spaziergang an der Isar kam uns im Schneetreiben ein Jogger entgegen. Ich war gerade viel zu sehr mit Bällchenschießen beschäftigt, um genauer auf den sich nähernden Läufer zu achten und sah erst auf, als mir eine wohlbekannte Stimme „Das gibt’s ja nicht!“ zurief. In winterliche Laufklamotten vermummt hätte ich J. sowieso nicht erkannt, aber seine Stimme ist für mich unverkennbar, ich höre sie schon seit vier Jahrzehnten und es ist eine der wenigen Stimmen, die ich mir jederzeit präzise in Erinnerung rufen könnte.

J. ist ein langjähriger Mitarbeiter meines Vaters gewesen, ausgebildeter Bergführer, alpiner Hobbyfotograf, Sportler durch und durch, ansonsten Griechenland-Fan und ein Freigeist, wie ich wenige kennengelernt habe.
Schon als ich klein war, mochte ich seine Stimme und die John-Lennon-Brille, die er heute noch trägt. Wenn der Papa mich ins Büro mitnahm, so hielt ich mich entweder bei der Telefonistin auf und sortierte begeistert Büroklammern und anderen Kleinkrusch in die dafür vorgesehenen Holzfächer der Schreibtischschubladen ein oder ich wollte zu J., um in dessen riesigen Fundus an Wanderkarten und Fotos herumstöbern.
Bei der alljährlichen Faschingsfeier im Büro durfte ich, wenn mein Job als Utensilienträgerin vom Papa (ging er als Lili Marleen, war ich die Laterne, trat er als Cowboy auf, trug ich den Colt) erledigt war und es den Anwesenden eh längst mehr um Trinken, Tanzen und Tuchfühlung ging als um eine gut sitzende Maskerade, gelegentlich mit J. tanzen. Er wirbelte mich herum, warf mich in die Luft, fing mich auf und ich fand das toll, vor allem weil die anderen sich nie so ungezwungen mir gegenüber benommen hätten, weil ich für sie mindestens bis zur 2. Maß Bier (und für die meisten gottseidank auch darüber hinaus) immer die Tochter des Chefs war und entsprechend befangen und korrekt mit mir umgegangen wurde.
J. war da anders – unverkrampft, unkonventionell, ungeniert.

In meinen Teenager-Sommerferien, die ich jobbend in der Jugendherberge Lenggries verbrachte, überschnitten sich unsere Aufenthalte dort meist für ein paar Wochen. Täglich sah ich ihn mit seiner Truppe in die Berge aufbrechen, an meinen freien Tagen durfte ich mich anschließen und ich war jedes Jahr aufs Neue ein wenig verliebt in ihn. Er war immer umschwärmt, die Frauen in den von ihm geführten Bergsteigergruppen hingen wie gebannt an seinen Lippen, wenn er morgens im Frühstückssaal, in dem ich die Semmelkörbe auf den Tischen verteilte, Kaffee servierte und 240 Käsescheiben auf Platten drapierte, seinen Schäfchen die Tour des Tages erklärte und abends, wenn man gemeinsam am Lagerfeuer sitzend dem Bergtag nachsann, waren die beiden Plätze neben ihm die begehrtesten in der ganzen Runde.

Viele Jahre später, als ich in den Semesterferien regelmäßig im väterlichen Büro arbeitete, bemerkte ich, dass J. nun endlich zu bemerken schien, dass ich nicht mehr die Kleine oder die Tochter vom Chef war. Was war das für ein Gefühl!
Wir gingen in den Mittagspausen plötzlich zusammen Eis essen, er stellte mir interessierte Fragen und schnippte vorsichtig einen Marienkäfer von meiner nackten Schulter, ich lauschte seiner Stimme und träumte den restlichen Bürotag über von Bergabenteuern, Alpenglühen, einem sportlichen Mann wie J. an meiner Seite und Marienkäfern auf meinen Schultern. Mit Semesterbeginn klinkte ich mich jedesmal wieder in mein Leben in der unterfränkischen Studienstadt ein und die Schwärmerei für J. verblasste bis zu den nächsten Semesterferien.

Ferien kamen und gingen, bis der Uniabschluss unweigerlich das Ende des sommerlichen Jobbens und Flirtens einläutete. J. hatte sich mit Mitte 40 dann doch noch fest gebunden, ich mich mit Mitte 20 ebenso. Als ich für meinen ersten Job zurück nach München zog, kreuzten sich unsere Wege nicht mehr im Büro des Papas, sondern wir begegneten uns nun zufällig im Schlosspark beim Laufen, an der Isar, in der U-Bahn, beim Schwimmen und einmal sogar im Gebirge (er runter, ich rauf, wir beide in Begleitung, schade eigentlich).
Seit 20 Jahren laufen wir einander also im Schnitt alle zwei Jahre unerwartet irgendwo über den Weg.

Wenn uns diese ebenso schöne wie überraschende Regelmäßigkeit heimsucht, drücken wir uns zur Begrüßung und zum Abschied, tauschen die aktuellen Eckdaten aus, und finden, dass wir uns unbedingt mal verabreden sollten, weil wir jedes Mal feststellen, dass wir uns nach wie vor prima verstehen und es noch so viel zu fragen und zu sagen gäbe.

Heute umarmen wir uns im Schneegestöber, J. begleitet das Dackelfräulein und mich ein Stück, so dass wir uns eine Weile unterhalten können. Diesmal erfahre ich, dass sein kleines Häuschen auf Kreta letzten Sommer abgebrannt ist, er es jetzt neu aufbaut und daher vor allem im Winter mehr Zeit in Griechenland verbringt als in München. Im Gegenzug erfährt er, dass ich umgezogen bin und den Job in Starnberg schon längst wieder an den Nagel gehängt habe. Ihm fällt auf, dass ich schmaler geworden bin seit dem letzten Mal, mir ist nicht entgangen, dass seine sonnengegerbte Haut mittlerweile von vielen Falten durchzogen ist.
Er sei jetzt in Frührente, erklärt er, und könne endlich wochentags zum Bergsteigen gehen. Ich sei auch in Rente, entgegne ich, so eine Art befristete Ultrafrührente, die ebenfalls Bergtouren unter der Woche ermöglichen würde. Wir lachen über unsere ähnlichen und doch so ungleichen Rentnerexistenzen.

Heute vor 20 Jahren hast Du bei meiner Hochzeit vor dem Standesamt gestanden und Konfetti und Reis geworfen, sage ich, weißt Du noch? Klar, er weiß es noch. Einige der Mitarbeiter des Papas waren als Überraschungsgäste erschienen, hatten den Dienst-Mercedes direkt vor dem Standesamt geparkt, hübsch dekoriert und zur Champagner-Bar umfunktioniert. Aus dem CD-Player des Wagens dröhnte Musik, die ich vergessen oder verdrängt habe.

12.12.1997, Standesamt München-Nymphenburg.

Umtrunk vor dem Standesamt.

Die hässlichste Karte von allen, leider sehr verblichen (Text: Freie Fahrt ins Eheglück).

20 Jahre soll das her sein? Ja, sage ich, exakt 20 Jahre. Heute wäre die sogenannte „Porzellanhochzeit“ gewesen. Aber da die Mutter dieser Porzellankiste nicht Vorsicht, sondern Einsicht hieß, hat sich das schon weit vor dem heutigen Jubiläum zerschlagen. Der Mann von damals lebt und lehrert längst wieder in Unterfranken und das schöne, alte Gebäude des Nymphenburger Standesamts hat sich irgendeine schicke Investmentfondsgesellschaft unter den Nagel gerissen. So ändern sich die Zeiten.

Was von dem Mann von damals denn geblieben sei, fragt J. mich. Ich zögere erst (wozu diese bilanzierenden Nachforschungen?), denke dann aber doch nach und antworte schließlich, drei Dinge wären mir wohl von ihm geblieben: die seither endgültig festsitzende Abneigung gegen Zuspätkommen, sechs sehr formschöne Bierkrüge, und dass er mir beigebracht hat, wie man effizient Orangen schält.
Drei, wie ich finde, nicht zu unterschätzende Errungenschaften, die einem das Leben enorm erleichtern können (für einen kurzen Moment versetzt mich diese spontane Erkenntnis in aberwitzige Heiterkeit).

Als J. in seinen Laufklamotten zu frösteln beginnt und das Dackelfräulein ungeduldig quengelt, weil das Ballspiel für ihren Geschmack nun zu oft ins Stocken geraten ist, finden wir wie immer, dass wir uns wirklich mal verabreden sollten, verabschieden uns aufs Herzlichste und gehen unserer Wege (nach ein paar Metern drehe ich mich noch einmal um, sehe J. sportlich wie eh und je davonsprinten, dann befördere ich Pippas Ball mit einem für meine Verhältnisse passablen Schuss in die verschneiten Isarauen).

Es ist über die Jahrzehnte ein ungeschriebenes Gesetz geworden, dass es nicht dazu kommen wird und wir uns einfach aufs nächste Mal freuen. Vermutlich also irgendwann im jubiläumslosen 2019, er dann 67, ich 47, und wenn alles gut geht, haben wir noch weitere 10 Begegnungen in den nächsten 20 Jahren vor uns. Eine beruhigende Perspektive.

Vielleicht liegt darin das Geheimnis, wie es gelingen kann, sich ein Leben lang gekannt und gemocht zu haben.

Verschwitzt oder: Die Gletscherspalte.

„Du schaffst das schon“, meinte er damals zu mir, als ich mich auf den Weg machte, alleine die Alpen zu überqueren, „und wenn nicht, dann hol‘ ich dich eben ab, in welcher Gletscherspalte auch immer du hängst.“

***

Heute sind das Dackelfräulein und ich auf den Riederstein gestiegen, um die Grödel und die Winterwanderhose einem ersten Härtetest zu unterziehen.

Auf dem Riederstein war ich bislang nur ein einziges Mal, mit dem Papa, als er noch fit war und ich noch keine Lust auf Bergtouren an freibadtauglichen Sommertagen hatte und daher mürrisch hinter ihm bergauf schnaufte. Rund 30 Jahre sind seitdem vergangen.

Vom südlichen Ortsende in Tegernsee brechen wir bei zähem Nebel auf…

…und ich wundere mich, wie der Papa morgens am Telefon behaupten konnte, im Tegernseer Tal schiene die Sonne…

…doch schließlich behielt er recht, wenn auch erst jenseits der 1.000 Höhenmeter.

Pippa kriegt sich nicht ein vor Freude, sobald sie Schnee unter den Pfoten spürt…

…und fliegt geradezu aufwärts, so dass man kaum hinterherkommt.

Folglich ist sie als Erste oben auf dem Gipfel…

…der eine kleine Kapelle mit Aussichtsbank beherbergt…

…von wo aus sich ein bombastischer Blick auf die Tegernseer Berge bis weit nach Tirol hinein auftut…

…nur der See ist komplett bedeckt von dem flauschigen Wolkenteppich.

Ich bin verschwitzt und etwas außer Atem (das Hinaufstapfen durch den Schnee strengt gewaltig an), aber das Dackelchen findet das Panorama völlig unerheblich und drängt schon bald ungeduldig zum Aufbruch.

Beim Abstieg rasten wir ausgiebig auf der Galaun, spielen Wurststückchensuchen im Pulverschnee…

…kehren auf ein Haferl Kaffee samt Kuchenstück in der Hütte ein…

…und ich versinke in einer Mischung aus Demut und Dankbarkeit: für diesen Tag, für die wärmende Sonne und den Kaffee, für das neue Equipment und für meine kleine, fröhliche Begleiterin.

Anschließend besuchen wir den Papa in Rottach-Egern.
Er ist recht angeschlagen zur Zeit. Schaut sich die Fotos von unserem Winterwanderglück an und seufzt ein bisschen. Die Berge sind für ihn nur noch Kulisse, der Parkinson und andere Beschwerden fesseln ihn ans Tal und mehr und mehr auch ans Haus. Das schmerzt, wenn man Jahrzehnte lang so gern gewandert ist, aber der Schmerz über den geschrumpften Aktionsradius ist mittlerweile einer unter vielen geworden, und beileibe nicht der größte.

Während ich unter die Dusche springe, fängt er an, in der Küche zu werkeln. Schnippelt Zuckerschoten klein, mariniert das Fleisch, pinselt den Wok mit Sesamöl aus. Als ich wieder dazukomme, rührt er gerade Pippas Futter um, Karotten und Fleisch sollen vermischt werden. Seine Hand zittert, die Bewegungen sind fahrig und zäh, die Gabel pflügt ungelenk durch die Schüssel.
Stets muss ich mir auf die Lippen beißen, wenn ich ihn so sehe. Immer hatte er alles im Griff – im Job, in der Freizeit und besonders in der Küche – und nun fordert eine Kleinigkeit wie Umrühren seine ganze Kraft und Aufmerksamkeit. Und obwohl dieser Prozess nun schon seit 5 Jahren voll im Gange ist, sträuben sich in mir immer noch eingebrannte Bilder und Erinnerungen aus 40 Jahren dagegen, die Realität endlich als solche anzuerkennen.

„Hast du schon auf dein Konto geguckt?“, fragt er.
„Ja“, sage ich, und füge hinzu, dass ja noch gar nicht Weihnachten sei.
„Aber du gehst doch jetzt in die Berge und nicht erst nach Weihnachten“, entgegnet er, „also besorg‘ dir bitte neue Stöcke und den Rest hebst du auf für die kleine Operation von Pippa.“

Beim Abendessen erzählt er mir, dass er neulich zum ersten Mal in seinem Leben einen Termin verschwitzt hat. Dabei hätte er den Termin doch notiert gehabt. An zwei Stellen sogar. Das beschäftigt ihn schwer. Er, der immer pünktlich war und dem nie etwas durch die Lappen ging. Ob er sich künftig etwa einen Zettel schreiben müsse, auf dem er vermerkt, dass er sich bereits Listen zu den anstehenden Erledigungen angefertigt hätte.
Er versucht, dem Ganzen mit den verbliebenen Resten seiner rheinischen Frohnatur einen galgenhumorvollen Anstrich zu geben, ich lache ihm zuliebe, spiele mit bei dem Gag, und empfehle ihm die gelben Haftnotizen wiederzubeleben, die er früher ergänzend zu seinen Listen (quasi als Meta-Liste) an Türrahmen klebte oder an innen an seine Haustür (damit ihn die Ermahnung rechtzeitig vor Verlassen der Wohnung anspränge). Er lacht zurück, Sekunden später fallen ihm unvermittelt die Augen zu, der Kopf sinkt Richtung Brustkorb, für einen Augenblick befindet er sich im Nirwana der Nebenwirkungen seiner täglichen Dopaminzufuhr, kurz darauf schaut er mich an und will wissen, ob er mal wieder kurz weg gewesen sei.

Als ich am späten Abend über vereiste Landstraßen und durch dichte Nebelschwaden nachhause fahre, muss ich heulen, weil mir plötzlich jener Satz einfällt, den er vor vielen Jahren zu mir sagte, als ich noch die Unsichere war und er der Fels in der Brandung: „Du schaffst das schon, und wenn nicht, dann hol‘ ich dich eben ab, in welcher Gletscherspalte auch immer du hängst.“
Er, der immer für alles eine Lösung wusste und mir immer das Gefühl gab, ich sei ebenso stark wie er (was er, wie ich heute weiß, gar nicht immer war, aber er strahlte es aus und ich glaubte daran), ist in den letzten Jahren langsam, aber unaufhaltsam ein anderer geworden.

Ich wünschte, nun könnte ich ihm mal ein „Du schaffst das schon“ mitgeben, aber es wäre nicht glaubhaft, denn wir wissen beide, dass wir schon froh sein können, wenn seine gesundheitliche Lage stagniert.
Und was die Gletscherspalte angeht: Er wird es nicht mehr sein, der mich dort rausholt, sollte ich da je hineingeraten.

Es fühlt sich beklemmend an, wenn eine Ahnung zur Gewissheit wird, selbst wenn man schon immer um die Metapher in diesem Part des väterlichen Satzes wusste und auch nicht ernsthaft auf Gletschern herumzuturnen gedachte.

Hund haben (9).

Fast hätt‘ ich’s ja nicht gemerkt, was sich da in meinen Koffer geschmuggelt hat!

Ein freundliches „Raus da!“ bringt gar nichts außer einem vorwurfsvollen Blick.

Ein strenger Tonfall bringt das ganze Hundeelend zum Vorschein.

(Bilder der nachfolgenden Szenen können aus ethischen Gründen nicht veröffentlicht werden.)

Früher bin ich gerne allein verreist. Mittlerweile schleiche ich mich mit schlechtem Gewissen aus dem Haus.

Wer hat hier eigentlich wen (v)erzogen und wie war das doch gleich mit dem „allzeit souveränen Rudelchef“?

Verflixt nochmal.

Eine Schwäche für Bäche.

…lautet das Motto unseres Stadtspaziergangs Nr.6, der wie so oft hundegerecht an der Isar startet (dem Bach Nr.1 dieser Tour 🙂 ).

Beim Verlassen des U-Bahnhofs in Thalkirchen irritiert uns eine neue Werbung, die wir trotz des ansprechenden Logos links liegen lassen…

…und uns direkt auf den Weg durch die Isarauen und über den Flauchersteg Richtung Norden begeben.

Die Strecke ist ein Paradies für Hundebesitzer – es findet sich immer jemand zum Spielen, zugleich gibt es genug Platz, um einander auszuweichen und zig Wegvarianten, zwischen denen man je nach Wetter und Matschigkeitsgrad des Untergrunds wählen kann (Fotos siehe hier und hier).

Im Fokus stehen aber heute mal nicht die Isarauen, sondern die Stadtbäche.

Zu Beginn des 17. Jahrhunderts wurde München von einem dichten Netz an Bächen und Kanälen durchzogen, die meisten davon fielen dem Bau der Kanalisation und innerstädtischer Verkehrswege zum Opfer. Von dem ursprünglich rund 300 Kilometer umfassenden Bachsystem wurde beinahe die Hälfte trockengelegt oder in den Untergrund verbannt. Übrig geblieben sind nur ihre Namen, Stadtviertel oder Straßen sind nach ihnen benannt, wie z.B. das Glockenbachviertel oder die Dreimühlenstraße.
Erst in jüngster Zeit mehren sich die Bestrebungen, Teile der alten Stadtbäche wieder an die Oberfläche zu verlegen, und ich wünsche mir, die neu rauschenden Bäche noch in Gesellschaft des Dackelfräuleins, das ja Wasser so liebt wie ich, erleben zu dürfen.

Wir spazieren den Isarwerkkanal entlang, bis dieser in den Großen Stadtbach übergeht…

…der etwas dürftig und graubraun vor sich hinsuppt, da hier gerade Reinigungsarbeiten anstehen.

An Stellen, wo wir den Pesenbach im Untergrund vermuten, wird sogleich intensiv gesucht…

… aber trotz dachshundtypischer Hartnäckigkeit müssen wir irgendwann aufgeben und uns mit dem nebenan liegenden, sichtbaren Westermühlbach begnügen…

… der durch das Glockenbachviertel plätschert und stellenweise makabre Schneisen zieht zwischen Saturiertheit und Armut. Auf der einen Bachseite hausen Menschen in der kalten, miefenden Unterführung, das andere Ufer zieren Geschäfte mit schnuckeligen Namen wie „Schmatz“ (Biomarkt) oder „Dear goods“ (vegane, urbane Mode).

Pippa interessiert sich der herben Gerüche wegen natürlich brennend für die Unterführungsbewohner und so kommen wir mit einer Frau ins Gespräch, die dort mit ihrem alten Schnauzerrüden Luigi lebt. Seit 2 Jahren. Mir bleibt die Spucke weg als sie davon erzählt.
Ich gebe ihr 5€ und alle Würstchen, die ich meinem Rucksack finden kann – und habe damit für den restlichen Ausflug bei meinem Hund verschissen.

Am Alten Südfriedhof entlang…

…vorbei an Locations mit hippen Namen, deren Bedeutung oder gar Witz sich mir spontan nicht erschließt…

…erreichen wir schließlich unser Einkehrziel des Tages, das den schönen Namen „Tabula rasa“ trägt.
Das passt prima zu meiner Gemütslage, die seit Wochen überschattet ist vom Zerbröseln einer fast 30 Jahre währenden Freundschaft, von denen ich die letzten zwei in Unwissenheit all dessen verbrachte, was die Freundin störte. Manche Menschen können ja sehr ausdauernd schweigen und packen erst dann aus, wenn das Kind bereits tief in den Brunnen gefallen ist und dort so viel Wasser geschluckt hat, dass Wiederbelebungsversuche schwierig bis unmöglich sind.

Das Café „Tabula rasa“ ist insofern ein echter Geheimtipp, weil es sich dem Geschniegelten, der Coolness und dem Preisniveau des Glockenbachviertels tapfer widersetzt. Hunde sind gern gesehen, und packt man an der Tür ein Pfotenhandtuch aus, strahlt die Besitzerin Margarete Vila übers ganze Gesicht und ist gleich noch freundlicher als sie es eh schon ist.

Hier wird täglich auf kleinstem Raum eine beachtliche Auswahl an Gerichten und Kuchen serviert, allesamt frisch und selbst gemacht – und so lecker, dass man gar nicht weiß, worauf man sich zuerst stürzen soll.

„Die selbstgesetzte Budgetgrenze von 10€ muss ich heute sprengen!“, schießt es mir beim Betrachten der Kuchentheke sofort durch den Kopf…

…“da ich ja bereits 5€ gespendet habe und mit dem Rest wohl kaum über einen großen Kaffee hinauskomme.“
Irrtum! Der Cappuccino kostet unter 3€ und Frau Vila verkauft auch halbe Kuchenstücke…

…aber ich muss zugeben, dass ich das nur im ersten Anlauf geschafft habe und es nicht dabei blieb.
Nicht bleiben konnte! Denn der große Vorteil von halben Stücken ist ja der, dass man in den Genuss von zwei verschiedenen Kuchen kommt (oder drei, oder vier?)!

Auch Pippa muss nicht darben und erhält ein Würstchen von der Köchin, die ein Erbarmen mit dem erbärmlich fiepsenden Hündchen unter meiner Sitzbank hat.

Nichts als Theater und Schlawi(e)nerei – aber die meisten gehen diesem Blick halt auf den Leim.

Habt einen schönen Abend und seid gegrüßt!