Suburbia (2): Das Hotel-California-Gefühl.

There she stood in the doorway
I heard the mission bell
And I was thinking to myself
„This could be heaven or this could be hell“

***

„Wenn’s dem Esel zu geht, geht er aufs Eis“ waren ihre letzten Worte, als ich mich auf dem Treppenabsatz umdrehte und ihr Lebewohl sagte.
Vor 27 Jahren und 9 Monaten trug sich das zu, hier um die Ecke.
Sie warf mir einen dieser Blick hinterher, die einen für immer verurteilen sollten.
Die Tür fiel ins Schloss. Unten wartete der Papa mit hochgekrempelten Ärmeln, einem seiner Mitarbeiter und dem Kleintransporter.
Ich war 17, und ich ging weg von Zuhause.

***

You can check out any time you like
But you can never leave

***

Diesem Hotel-California-Gefühl wollte ich endlich entkommen, dessen Ausweglosigkeit hinter mir lassen, selbst wenn ich dafür den über alles geliebten Hund bei der Mutter zurücklassen musste.
Penny hieß sie, ein Dackelmischling war sie, beim Münchner Zamperlrennen 1986 ist sie die Schnellste von allen gewesen. Der damalige OB überreichte uns den Siegerpokal, der vermutlich vor zwei Jahren zusammen mit dem übrigen Hausstand der Mutter irgendwo von einer Schrottpresse zermalmt wurde.
Sie war mein einziger Anker zu dieser Zeit, und sie jaulte jämmerlich, als sie begriff, dass ich ging.
Es gibt Trennungen, über die man nie hinwegkommt. Jener Hundeabschied gehört dazu.

Wie ein Lasttier fühlte ich mich tatsächlich, allerdings nicht wie eines, dem es zu gut gegangen war.
Folglich ging ich auch nicht aufs Eis, wo mich nur neue Gefahren erwartet hätten, außerdem war es bereits April und der Winter hatte sich längst verabschiedet. Ich suchte mir einen sicheren, warmen Unterschlupf, eine Zwischenstation auf dem langen Weg zum eigenen Zuhause, das ich so ersehnte.
Eines, in dem man Türen schließen durfte und nie mehr auf der Hut sein musste.

***

***

Mit eisernem Griff hielt sie die Kinderhand umklammert, was sie vor den Augen der Öffentlichkeit durch stetiges Lächeln und einen spielerischen Hüftschwung perfekt zu kaschieren verstand. Das Stakkato ihrer Schritte auf dem Asphalt übertönte zuverlässig jedes „Komm endlich!“ oder „Halt dich gerade!“, das sie dem Kind zuzischte.
Parierte es nicht sofort, verstärkte sie den Druck auf die kleine Hand.

17 Jahre lang bin ich mitgekommen, wohin auch immer sie ging, habe ihre Schwermut zu lindern und ihre Launen zu beschwichtigen versucht, habe feinste Antennen entwickelt, einem Seismografen gleich. Um ihre Stimmungen möglichst schon wahrzunehmen, bevor sie selbst sie bemerkte, um das Ruder vielleicht noch herumreißen zu können, bevor sie in die nächste Stromschnelle geriet, die auch mich unweigerlich mit hinwegraffen würde.
Es empfahl sich, flink, vorsichtig und vorbereitet zu sein, denn trafen einen die Attacken überraschend, war es verheerend.

Auch das mit meiner Haltung hat sie hinbekommen. Sie wusste genau, dass man das Eisen schmieden musste, solange es heiß ist, und sie war ein ebenso geduldiger wie gnadenloser Schmied.
An dem Tag, an dem ich sie verließ, ging ich innerlich gebückt, aber äußerlich aufrecht davon.

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Up ahead in the distance
I saw a shimmering light

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Davonzugehen, das verhieß Freiheit. Ihrem eisigen Griff und ihrem Zuckerbrot- und Peitsche-Prinzip von Liebe zu entkommen sowie all ihren Netzen, die sie um mich gesponnen hatte. Nachdem ich gegangen war, warf ich 20 Jahre lang säckeweise Lasten von mir, unternahm ein paar erfolglose Versuche, eine neue oder andere Basis zu ihr zu finden.

Bei ihrem einzigen Besuch in meiner ersten eigenen Wohnung komplimentierte ich sie nach einer Auseinandersetzung hinaus in die Winternacht.
„Du bist genauso kalt und herzlos wie dein Vater“, hatte sie kurz vorher zu mir gesagt.
Ihr letzter verzweifelter Versuch, mich anzuklagen und zu manipulieren, ein letzter Hinweis auf ihr lebenslanges Opferdasein. Opfer ihrer Herkunft, Opfer ihrer schlechten Startbedingungen, Opfer ihres Ehemanns, der Zeiten, der Leute, der Krankheiten, der Arbeitswelt.
Was hätte aus ihr werden können, hätte sie nicht ihre besten Jahre an diesen Mann und dieses Kind verschwendet!
Diesmal schloß ich meine Tür für immer.

Kaum hatte ich alle Bemühungen um sie ad acta gelegt, befasste ich mich freiwillig jahrzehntelang mit weiteren Opfertypen. Wäre beinahe ein Opfer des Opferphänomens geworden, hätte mein Verstand mich nicht hartnäckig auf der Täterseite festgenagelt. Erst als ich zum absoluten Opferexperten avanciert war, konnte ich mit diesem nutz-, sinn- und endlosen Programm aufhören.
Schlagartig und für alle Zeiten hatte ich es satt, mich um die zu kümmern, die keine Verantwortung für sich selbst übernehmen wollen, obwohl sie es sehr wohl könnten.

***

Zwei Straßen weiter steht immer noch das Haus, das ich damals verlassen habe. 1.OG rechts, ein Südbalkon, dessen Holz nun verwittert aussieht, eine ehemals weiße Fassade, die ergraut ist.
Erst als die Mutter aus dieser Gegend wegzog, war es mir wieder möglich, ab und an hierher zu fahren, um in dem herrlichen Wald zu joggen oder mit Hummel, meinem damaligen Dogsharing-Dackel, spazierenzugehen. Weitere Jahre später dann zum Waldlauf mit dem Gatten und eines Tages zum Gassigehen mit Pippa.
Gelegentlich kehrten wir nach unseren Waldausflügen in einem netten Lokal samt Biergarten ein, das ich noch von früher kannte, wenn die Mutter mal zum Ausgehen aufgelegt war oder Besuch kam, der ausgeführt werden sollte. Nach mehreren Pächterwechseln ist es letzten Sommer, kurz nach unserem Umzug in diese Gegend, zu einer geschmacklosen Gaststätte mit haarsträubender Apostrophierung im Namen und ebenso haarsträubenden Fleischgerichten auf der Speisenkarte verkommen.

Hier wieder zu wohnen, wäre mir zu ihren Lebzeiten nicht möglich gewesen, obwohl ich immer am Münchner Süden hing und sie sich längst in ein 60km entferntes Nest im Voralpenland verkrümelt hatte. Die bloße Vorstellung, dass sie hier noch jemanden kennen könnte, besuchen würde und wir uns über den Weg liefen, erstickte diese Überlegung bereits im Keim.
Als sie vor zwei Jahren starb und damit das letzte Kapitel unserer unseligen, unheilbaren Geschichte abgeschlossen war, nahm ich an, dass nun „die Luft rein“ sei und auf der verbrannten Erde wieder angepflanzt werden könne, man sich hier gar selbst eintopfen könne und gedeihen würde.

***

And still those voices are calling from far away
Wake you up in the middle of the night
Just to hear them say
Welcome to the Hotel California

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Leider war das einer der Irrtümer, die sich erst weit nach dem Umzug offenbarten.
Manche Erinnerungen besitzen die Robustheit von Kakerlaken. Sie starren einen von Hauswänden an, lauern einem hinter Zäunen auf, selbst aus vermoosten Ritzen zwischen den Pflastersteinen kriechen sie bisweilen empor. Du willst wegsehen, sie verscheuchen, drauftreten – aber es ist zwecklos.
So tot die Mutter auch ist, manchmal schwirrt sie hier am südlichen Rand der Stadt, wo wir unsere 17 gemeinsamen Jahre verbrachten, noch durch die Luft und macht mir das Atmen ähnlich schwer wie es sonst nur die Pollen der Hasel im Frühjahr vermögen.

Zum Trost: Der Briefkasten an dem kleinen Platz um die Ecke, in den ich vor 30 Jahren die ersten Liebesbriefe nach Köln einwarf, steht immer noch dort, wohingegen die Telefonzelle, aus der ich die Freundinnen oder den Papa anrief, um meinen Kummer in den Hörer zu heulen, durch einen Wertstoffcontainer ersetzt wurde.
Das fühlt sich stimmig an: Ein Hort der stofflichen Verwertung statt nicht recyclebarem Seelenmüll.

Über kurz oder lang werde ich nun ein zweites Mal von hier fortgehen.
Vielleicht war diese Rückkehr, diese Wiederholung dazu gut, um spürbar zu begreifen, dass das Hotel-California-Gefühl zwar mich verlassen hatte, aber heimatlos, wie es dann geworden war, seine Zelte für alle Ewigkeit hier in dieser Gegend, wahrscheinlich irgendwo am nahen Waldrand, aufgeschlagen hatte.
Dort modert und vegetiert es trotzig und einsam vor sich hin, sitzt des Nachts am knisternden Feuer, um seine Klauen zu wärmen und die alten Lieder anzustimmen, auf dass es ihm vielleicht doch gelänge, mich wieder zu sich zu locken – und sei es nur für eine Nacht, was ja beileibe genügen kann für eine erfolgreiche Infektion.

***

Last thing I remember
I was running for the door
I had to find the passage back
To the place I was before

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Eine feine und auch so heitere neue Serie auf diesem Blog, nicht wahr?
Sie kam ungeplant, aber jetzt ist sie da und wir wollen hoffen, dass sie nur ein vorübergehender Gast ist.

Ein schönes Wochenende wünscht
Die Kraulquappe.

Suburbia (1): Vom Leben im Transitbereich.

Logo zu meiner neuen Serie über das Leben am Münchner Stadtrand.

Meist ist es ratsam, mit schwerwiegenderen Gedanken oder Gefühlen ein wenig schwanger zu gehen, bis aus ihnen ein gebärfähiger Beschluss wird.

Wir befinden uns nun im neunten (!) Monat unseres Wohnens & Lebens am südlichen Stadtrand, eine relevante Zeitspanne also, um die Niederkunft einer Entscheidung bekanntzugeben. Und ich wünschte, es gäbe diesbezüglich nichts zu verkünden, weil wir uns hier annähernd auf cloud nine befänden oder auch bloß angekommen wären, uns gut eingelebt hätten und wohlfühlen würden.
Leider hat sich fast alles anders entwickelt als erhofft.

Fairerweise will ich zunächst die zweieinhalb positiven Aspekte erwähnen.
Die neue Wohnung ist und bleibt ein Quantensprung im Vergleich zum vorigen Zuhause – ständiges Frieren und modriger Muff in den Wintermonaten sind ebenso passé wie diverse andere Baufälligkeiten, die uns jahrelang genervt haben. Stattdessen haben wir nun läppische Luxusprobleme wie das Experimentieren mit der adäquten Regulierung der Fußbodenheizung oder Vorkehrungen zu treffen gegen das Ausrutschen auf der aalglatten Versiegelung des Fischgrätparketts (für das Dackelfräulein durchaus unkommod). Kann man wirklich mit leben, ist letztlich zu verbuchen unter Anpassung, denn die Bau- und Binnenqualität der Wohnung betreffend sind wir nun mal von einem Extrem ins andere gefallen.

Der neue Nachbar vis-à-vis hat sich zwischenzeitlich nicht nur als netter Hausgenosse und Kompagnon für Fußball-Abende bewährt, sondern auch zu einem geschätzten Gesprächspartner, Grillmeister, Gleichgesinnten in Sachen Humor & häuslichen Angelegenheiten, perfekten Dogsitter sowie einer Anlaufstelle für Chipsgelüste (sogar nach 23 Uhr) entwickelt. Besser hätte man’s nicht erwischen können, so auf derselben Etage (denn von der Erbsenzählerin und der Korinthenkackerin eine Etage drüber soll an dieser Stelle lieber nicht die Rede sein).

Auch die neue Vermieterin ist im Vergleich zur vorigen eine Verbesserung, allerdings nur eine geringe: Hier haben wir, wie wir zwischenzeitlich feststellen mussten, lediglich das Modell „verhaltensgestörte, kleinkarierte Geizkrägin mit abgewetzter Pudelmütze“ gegen das Modell „übervorsichtige, oberlehrerhafte Damenbartträgerin mit Großgrundbesitzerattitüde“ eingetauscht. Schwer zu sagen, was im Umgang nervtötender war bzw. ist. Die eine bekam einen Anfall, wenn man wiederholt wagte, sich schimmelfreie Fensterbänke neben dem Esstisch zu wünschen, die andere echauffiert sich nun, wenn man sich erdreistet, 2x in 9 Monaten einen tropfenden Schirm kurz im Treppenhaus abgestellt zu haben (und hält uns an, ich zitiere: „eine Auffangschale im Gäste-WC zu platzieren“, in der der Schirm zu trocknen habe).

Worin wir uns allerdings völlig getäuscht haben, ist die Sache mit der Stadtrandlage. Erhofft hatten wir uns mehr Ruhe, weniger Verkehr, keine Parkplatzprobleme und insgesamt eine beschaulichere Atmosphäre durch die wald- und naturnahe Lage (und trotzdem per U-Bahn eine super Anbindung in die Stadt).

Als ich vor 27 Jahren für eine Weile mit meiner Mutter hier lebte, war das alles noch gegeben, und im Frühjahr 2017, an den beiden Samstagen der Wohnungsbesichtigung und der Mietvertragsunterzeichnung, wirkte es, als habe sich diesbezüglich nichts geändert.
Der Fehler dabei war: es handelte sich um Samstage.
Tage, an denen man gar nicht bemerken kann, dass werktags das gesamte Viertel (im Folgenden nur noch „Gegend“ genannt, da jeglicher Stadtviertelcharakter fehlt) morgens zwischen 6:30 und 9 Uhr wie eine Heuschreckenplage von den Pendlern des südlichen Umlands  heimgesucht und restlos zugeparkt wird (zwischen 16:30 und 20 Uhr dann alles wieder retour).
Tagsüber reiht sich hier Starnberger Porsche Cayenne an Weilheimer Volvo V70, dazwischen die Vorortchaisen von Stockdorf über Krailing bis Germering.
Nach dem Parken holt man sich im Bioladen noch fix einen Sojadrink nebst Dinkelgebäck (Kennzeichen STA) oder beim Billigbäcker 3 Quarktaschen zum Preis von 2 plus Coffee to go (Kennzeichen FFB) – und weiter geht’s per U-Bahn in die City, ins Office, zum Shoppen, zum Arzt, zum Amt oder zum Nobel-Friseur nach Schwabing.
Das gesamte Pendelvolk des südwestlichen Umlands rauscht hier also täglich 1x rein und 1x wieder raus, wie Reisende durch einen Transitbereich, man guckt nicht links und rechts, haut seinen Kaffeebecher oder die Edelstoffflasche auf die Straße, ist ja nicht das eigene Viertel, äh, Gegend, was soll’s.

Tagsüber und spätabends ist hier alles leergefegt, verwaist und ausgestorben. Hat man misanthropische Tendenzen, kann das durchaus von Vorteil sein. Nahezu begegnungsfrei lässt es sich bis zum Wald spazieren, dort trifft man auch nur ein paar Wildschweine und Rehe, sonst keine Gesellschaft, keine Sau, nirgendwo. Gute Sache an manchen Tagen, in manchen Verfasstheiten.
Zugleich hat diese Ausgestorbenheit etwas Gespenstisches. Bei der nächtlichen Runde mit Pippa treffe ich ebenfalls keine Menschenseele, höchstens mal Gestalten ohne selbige. Jene Verlorenen und Vergessenen, die ganz hinten im Viertel, in den Hochhäusern, hausen. Sie kippen gegen 23 Uhr angetrunken oder sonstwie stoned aus der U-Bahn, haben den Bus versäumt und schwanken zu Fuß heimwärts. Manchmal werde ich angepöbelt, manchmal wird das Dackelfräulein unflätig angeraunzt. Da ich grundsätzlich recht angstfrei unterwegs bin, komme ich damit schon zurecht, im alten Stadtviertel gab’s das auch mal, aber was mich hier beklemmt, sind die nachts vollkommen menschenleeren Straßen. Für den Fall, dass es doch mal brisanter würde, wäre niemand da, der einen hört oder sieht – da hilft nur noch Rennen, was wir gottseidank erst einmal tun mussten.
[Endlich mal kapiert, was die Pet Shop Boys seinerzeit meinten: „you can’t hide, run with the dogs tonight, in Suburbia“]

Die Menschen, die hier leben, passen weder zusammen, noch haben sie sich aneinander gewöhnt, noch stehen die Chancen allzu gut, dass das mit der Zeit gelingen könne. Alteingesessene (denen das Viertel, als es noch ein echtes Viertel war, quasi „gehörte“), Asylbewerber und Arme (die die Stadt in den in 40 Jahren heruntergekommenen Hochhäusern zusammenpfercht), Alte (nach deren Ableben die Erben die Grundstücke lukrativ an Bauträger verhökern) sowie ein paar junge bis mittelalte Familien und Leute wie wir (die mit ihrer Stadtrandlagen-Illusion oder vom Innenstadtmietzins vertrieben in den neu gebauten Wohnungen oder Häusern dieser Gegend landen).

Suburbia-Bebauung im Münchner Süden (Beispielhaus).

Bis Letztere ihren „Wohntraum im Münchner Süden“ zu Ende geträumt haben oder vorzeitig daraus erwachen, kann schon mal ein Jährchen ins Land gehen. Womöglich auch zwei oder drei. Man sieht hier nicht so klar und deutlich, denn alle machen abends die Schotten dicht, manche sogar tagsüber. Man möchte einander keinen Einblick gewähren und auch selbst nichts von „da draußen“ wahrnehmen, sondern seine Ruhe haben.
Die einen vegetieren so in der Enge ihrer trostlosen Wohnsilos dahin, die anderen verstauben oder verenden in ihren dunkelholzigen (innen wie außen), in die Jahre gekommenen Einfamilienhäusern, die nächsten polieren jedes Wochenende ihre beigen Autos auf den beigegefliesten Einfahrten ihrer beigen Häuser, hinter deren beigen Gardinen Frauen in beigen Strickjacken Apfelkuchen mit Rosinen drin backen (der letztlich auch recht beige aussehen wird) und wieder andere veröden in ihren schicken, sterilen Neubauten, in denen sie sich von Google Home oder Amazon Alexa das neueste Tablet, den Bergwetterbericht oder die glutenfreien Fertiggerichte liefern lassen.

Das Charakteristische an diesen Neubauten ist, dass sie völlig charakterlos sind, wenngleich die Bauträger versuchen, mit Firmennamen wie „Creativhaus“ über dieses architektonische Elend hinwegzutäuschen. Wie geklont sehen sie aus in ihrem ewigen Weiß und Grau, mit Milchglaselementen an den Balkonen und bodentiefen Fenstern allüberall, die den dahinter wohnenden Menschen ja geradezu animieren müssen, sich zu verrammeln, um das Prästentiertellergefühl so lange zu eliminieren, bis die blickdichten Vorhänge geliefert werden oder die immergleichen Sträucherarrangements diesen unkreativen, uncharmanten Niedrigenergiehütten einen natürlichen Sichtschutz verschaffen.

Hat des Abends doch mal einer vergessen, die Jalousien rechtzeitig per Knopfdruck herunterschnurren zu lassen, sieht man überall dieselben offenen Wohn-Ess-Bereiche, dieselben Couchgarnituren, dieselben Lampen, dieselben Obstschalen, dieselben Filzschlappen – mal Hygge-Style, mal Höffner-Stil, je nach Geschmack und Geldbörse  – und es wird bisweilen schwer vorstellbar, dass wenigstens noch die Bewohner dieser dreifachisolierverglasten Wohntempel verschieden sein sollen. Am Wochenende, wenn man einander mal im Vorort des Vororts zu Gesichte bekommt, wo alle mit ihren Kombis oder SUVs vor Rewe, DM, Fressnapf, OBI und Lidl parken, um sich die Kofferräume mit demselben Krempel vollzupacken, sind jedenfalls keine großen Unterschiede auszumachen. Individualität entfaltet sich vermutlich nur hinter den runtergelassenen Rolläden (oder ist eh nur eine ähnliche Illusion wie die Vorstellung vom ruhigen Wohnen am Stadtrand).

Alles geschlossen – oft auch am hellichten Tag (Beispielhaus).

Aber nichts ist so schlecht, dass es nicht auch positive Aspekte hätte. Trotz der höheren Miete leben wir kein bisschen teurer als vorher, was schlicht dem Umstand zu verdanken ist, dass es hier keinerlei Cafés, Kneipen, Lokale, Läden, Buchhandlungen, Kinos oder kulturelle Einrichtungen gibt, die man aufsuchen möchte. Das spart eine Menge Geld, so aufs Jahr gerechnet!

Der allergrößte Vorteil unseres neuen Standorts aber ist ganz klar der, dass man hier schnell weg ist. Nur ein Katzensprung ist es zur Autobahn Richtung Berge, das bedeutet nie mehr auf dem Mittleren Ring im Stau stehen und auf dem Heimweg dasselbe – es ist einfach großartig. Selten einen so guten und intensiven Bergsommer verlebt und so viele schöne Ausflüge gemacht! Und der riesige Wald ist natürlich auch noch da, so wie vor 27 Jahren – 1001 Spaziermöglichkeit, keine überlaufenen Joggingstrecken und im Sommer ist man in einer guten halben Stunde mit dem Rad hindurchgeflitzt zum Starnberger See.

Schnell weg – nur 30 Minuten ins Zugspitzland!

Die Frage ist nur: Möchten wir langfristig an einem Ort leben, an dem das Beste die Tatsache ist, dass man möglichst schnell von ihm wegkommt? Nein!
Also – und nun komme ich endlich mal auf den einleitenden Satz dieses Beitrags zurück – haben wir nach reiflicher Überlegung beschlossen, dass wir hier keinesfalls alt werden wollen und deshalb sind wir wieder unter die Suchenden gegangen. Hätte irgendjemand gewagt, uns das im Frühjahr zu prognostizieren, hätten wir ihm mindestens einen Vogel gezeigt, zermürbt wie wir damals waren (von den Widrigkeiten des Münchner Wohnungsmarkts und der anstrengenden Umzugsphase).
Immerhin haben wir diesmal keine Eile, denn wir müssen nicht mehr vor undichten Fenstern und Schimmel flüchten, brauchen uns also nicht hetzen und können das Projekt „Zurück in die Stadt“ ohne großen Leidensdruck angehen.

Ein weiterer Vorteil ist, dass wir natürlich aus den Fehlern der letzten Suche gelernt haben und uns zu einem top funktionierenden, perfekt eingespielten Wohnungssuch-Team gemausert haben.
Wir haben mittlerweile Anschreiben für alle in Frage kommenden Wohnungsgrößen, Ausstattungen, Stadtviertel und Vermieter- oder Maklertypen parat und können so bereits 1 Minute nach Erscheinen des Inserats eine makellose „Bewerbung“ rausschicken. Je nach Anzeigentext inkl./exkl. Sonderbewerbungsmappe zum Dackelfräulein (mit den 100 liebreizendsten Fotos des Jahres), lückenlosen Gehaltsnachweisen und Steuerbescheiden seit der Studienzeit (um unsere atemberaubenden Karrieren zu dokumentieren), beglaubigten Kopien aller akademischen Urkunden (und normalen Kopien aller Zeugnisse seit der Grundschule) sowie von diversen Vorgesetzten, Psychiatern und uns selbst verfassten Empfehlungsschreiben. Darüberhinaus haben wir eine allgemeine Checkliste mit allen relevanten Punkten erstellt, denn in keiner Wohnungsanzeige steht alles drin, was zur angebotenen Wohnung gehört bzw. nicht gehört, stattdessen finden sich stets zahlreiche Formulierungen, die gleich zu Beginn dechiffriert werden wollen, um sich ressourcenschonend und illusionsbereinigt dem weiteren Procedere widmen zu können.

Diese Professionalisierung beschert uns nun deutlich mehr Einladungen zu Besichtigungsterminen als beim letzten Mal, was wiederum dazu geführt hat, dass wir uns auch hier besser aufstellen mussten, um zielgerichteter und zeitsparender agieren zu können. Einfach mal Hingehen & Gucken ist was für Anfänger & Naivlinge.

Bei einer Einladung zur Besichtigung ist zunächst auf ein Vereinbaren der passenden Uhrzeit zu achten: Niemals samstags (um ggf. Pendel- und Parkplatzsituation realistisch zu erleben), möglichst nicht nach Feierabend (zu viele Mitbewerber träten einem auf die Füße), keinesfalls im Dunkeln (was der mit allen Wassern gewaschene Makler „netter, kleiner Balkon“ oder „Aussicht in den begrünten Innhof“ nennt, kann sich bei Tageslicht betrachtet schnell mal als bescheidene Freiluft-Bierkastenabstellfläche oder Blick auf den Komposthaufen des Nachbarhauses entpuppen).

Anschließend teilen wir uns in zwei Taskforces für die weitere Vorbereitung auf: Der eine übernimmt eine erste Fahrt zur potentiell neuen Wohnung bereits einige Tage vor dem vereinbarten Besichtigungstermin, verbringt mindestens zwei Stunden in dem Viertel, um sich einen nicht vom womöglich guten Eindruck, den die Wohnung später machen könnte, beeinflussten, neutralen Überblick zu verschaffen (merke: ist die Wohnung toll, lügt man sich gern mal eine stark befahrene Straße oder die tatsächliche Entfernung zur nächsten U-Bahn-Station schön). Er schickt dem anderen – live und vor Ort – um die 30 Fotos (Haus, Straße, Einfahrt, Klingelschilder, Wege, Geschäfte, Passanten, Bäume, Parkplätze etc.) aufs Handy, die man mit etwas Abstand einen Tag später nochmal gemeinsam und möglichst nüchtern analysiert und mit der allgemeinen Checkliste abgleicht (merke: verwende für jedes Objekt diese allgemeine Checkliste, denn du kannst nicht alle Aspekte auf einmal im Kopf haben, sondern brauchst eine vernünftige Matrix, um kein Kriterium zu vergessen).
Der andere knöpft sich die Adresse in Google Maps vor, latscht mit Streetview mehrfach die Straße rauf und runter, zoomt in der 3D-Ansicht Fassaden oder Hinterhöfe heran, checkt Verkehrswege und andere Infrastruktur und – das Allerwichtigste – nimmt die Grünstreifensituation gründlichst unter die Lupe (merke: wenn du einen Hund hast, der nur auf Wiese pinkelt, ist ein begrastes Fleckerl, besser noch: ein Grünstreifen, in <50 Meter ab Haustür unerlässlich, denke hierbei auch an potentielle Morgenübelkeit und nächtliche Durchfälle des Vierbeiners).
Passt soweit alles, nehmen wir den Besichtigungstermin bestens vorbereitet wahr, gibt es vorab zu viel Diskussionsbedarf oder Problempotenzial, sagen wir ihn ab, weil das meist schon ein schlechtes Zeichen ist.

Bislang hätte es 2x auch nach dem Besichtigungstermin noch beinahe gepasst, aber eben nur beinahe. Einmal schlich sich dann doch noch eine Indexmiete durch die Hintertür herein, das andere Mal war’s der Balkon, über dessen Fehlen wir einfach nicht hinwegkamen. Irgendwas wird immer sein, man muss so ein Projekt in einer Stadt wie München natürlich auch als groß angelegte Kompromissfähigkeitsstudie betrachten.

Bloß nicht schwarz sehen – die „Blick ins Glück-Hütte“ (natürlich außerhalb Münchens).

Eines Tages werden wir Glück haben.
Das bete ich mir jedenfalls an all jenen Tagen vor, an denen es besonders hoffnungslos scheint, hier jemals eine bezahlbare Wohnung in einem netten Viertel, mit angenehmen Vermietern und einem Mietvertrag ohne fiese Fußnoten zu finden, in der auch das Dackelfräulein willkommen ist.
[Neulich, der Gatte erhielt den Rückruf einer Maklerin, die beim Eigentümer zwecks Hundehaltung nachfragen wollte: Nein, Hunde wünsche der Vermieter nicht, und nach dem Grund befragt hieß es, dass die Kinder in der Wohnanlage unseren Hund sehen und daraufhin ihre Eltern vollnölen könnten, dass sie auch einen Hund haben möchten (bei unserem Hund natürlich eine völlig berechtige Annahme!), und wenn dann die Eltern dem Wunsch der Brut nachgäben, ja dann lebten womöglich bald mehrere Hunde im Haus und die würden sich vielleicht untereinander nicht verstehen, sich gar anbellen, was ja nur zu Problemen führen könne in so einem Mietshaus. Was für ein Kojunktivreigen, uff. Herzlichen Dank auch, wir suchen gerne weiter.]

Bis es mal so weit ist – und das kann sich hinziehen – lassen wir uns nicht unterkriegen
oder lassen auch mal die Jalousien runter und gucken unsere Serien
oder verkrümeln uns zu Stadtspaziergängen in andere Viertel
oder hauen ab ins schöne Umland, parken den pendelnden Starnbergern ihr Seeufer zu
oder verlagern unsere Kaffeepausen weiterhin auf die Berghütten im Voralpenland.

Ob es da heroben auf der Hüttenterrasse wohl glatt ist?

Ich werde Sie über die Projektfortschritte auf dem Laufenden halten und wünsche derweil einen guten Endspurt bis zum Weihnachtsfest – wo auch immer Sie hausen und sich hoffentlich wohlfühlen!

Himmel der Bayern (20): Die Zwiebel bzw. mein Beitrag zur Blogparade „Heimatorte“.

My Hometown.

Meine Dog&Blog-Freundin Andrea aus Braunschweig hat vor einiger Zeit zu einer Blogparade aufgerufen. Bislang habe ich einen Bogen um die Beteiligung an Awards und Paraden gemacht, ungefähr einen so großen, wie ich ihn um Kettenbriefaktionen, Treuepunktesammeln im Supermarkt oder Gewinnspiele à la „Lebenslange Sofortrente“ mache.

Andreas Aufruf zur Blogparade „Heimatorte“ aber berührt etwas in mir, das mir erst vor einiger Zeit als wichtiges, vielleicht sogar zentrales Thema in meinem Leben bewusst geworden ist: das Verhältnis zu meiner Heimat, zu München und Oberbayern. Vor allem im Augenblick beschäftigt mich das wieder sehr, da ich gerade einen Umzug hinter mir habe – zwar „nur“ vom Westen Münchens in den Süden, aber für jemanden wie mich ist selbst das schon ein großer Schritt und eine weitreichende Veränderung. Die Heimat-Orte haben gewechselt: es galt, Abschied vom vertrauten Umfeld zu nehmen und sich auf das Ankommen in der neuen Gegend einzulassen.
So definiert sich durch den Umzug momentan wieder ein Teil dessen, was Heimat für mich ausmacht, ganz neu.

Also, liebe Andrea, ich beteilige mich gerne an deiner Blogparade, wenn’s auch auf den letzten Drücker ist, da sie ja in drei Tagen endet.
Hier ist meine Geschichte!

Seit du die Blogparade gestartet hast, dachte ich zwischen Ausmisten und Kistenpacken immer wieder darüber nach, wo und wann in meinem Leben eigentlich das Heimatgefühl geboren wurde. Und fand heraus: Seine Wiege steht im Süden von München, in meiner frühen Kindheit, und geschaukelt wurde sie von meinem Papa.

Mit dem Papa in Siebenhütten.

Mein Vater hatte den Niederrhein, seine Herkunftsgegend (wie ich es mal im Unterschied zu „Heimat“ bezeichnen möchte), nach dem Abitur verlassen, es zog ihn schon immer nach Bayern, genauer gesagt nach München (zu Bier, Brezen, Bergen). Als Chef des Bayerischen Jugendherbergswerks fand er dann einen Beruf, in dem er sich gleich noch enger mit dem geliebten Bayernland verbinden konnte: Ständig waren Herbergen im Neu- oder Umbau, häufig war er zwischen Mittenwald und Bad Kissingen, zwischen Donauwörth und Passau unterwegs. Oft nahm er meine Mutter und mich zu diesen Dienstreisen mit. Und wenn er das nicht tat oder tun konnte, wurden nahezu jedes Wochenende Ausflüge gemacht.

Hängengeblieben sind in meiner Erinnerung nicht etwa Schlösser, Kirchen oder andere städtebauliche Eindrücke, sondern Erlebnisse wie:

  • das Gefühl der ersten Lowa-Bergstiefel an meinen Füßen (und wie ich damit die vielen Holzstufen im Münchner „Sport Schuster“ Probe gehen musste/durfte)
  • der Geruch des smaragdgrünen Walchensees bei meinem Sturz in selbigen (als ich im Alter von 3 Jahren keine Schwimmflügel mehr anziehen wollte und auf dem Boot zu sehr rumzappelte)
  • der Geschmack der großen Eisportionen im Sollner „Monreale“ oder Neuhauser „Sarcletti“ (mit meinem Vater durfte man immer mehr als 3 Kugeln bestellen)
  • das wohltuende Alleinsein auf einer Alm unterhalb der Notkarspitze mit Aussicht hinunter nach Ettal (meine Eltern ließen mich auf halber Wegstrecke sitzen, weil ich nicht mehr weitergehen wollte und nahmen mich auf dem Abstieg wieder mit)
  • der sprechende Beo in der Jugendherberge Saldenburg, der jeden seiner Sätze mit dem „Sigi“ von Bayern 3 ankündigte (eine prägende Melodie für alle hier Aufgewachsenen)
  • meine roten Clogs mit der lächelnden gelben Birne drauf, die ich mir in einem Würzburger Schuhgeschäft erquengelt hatte (und in denen man sich sofort Blasen lief)
  • die sabbernden Bernhardiner der Jugendherberge auf dem Kleinen Arber (die uns nach der Motorschlittenfahrt hinauf freudig begrüßten und mit ihren riesigen Zungen ableckten)
  • mein 10. Geburtstag im „Trimini“ in Kochel (das Freibad mit dem damals legendären Slogan „Heit trimm i mi im Trimini“ und der längsten Wasserrutsche überhaupt, heute zum Wellnesstempel verkommen)
  • mein 11. Geburtstag in der JH Sudelfeld (mit Mitternachtsparty draußen im Schwimmbad, mitten auf dem Berg)
  • all die anderen Kindergeburtstage an oberbayerischen Seen oder im Oberammergauer „Wellenberg“ (seinerzeit das größte Wellenbad im Land)
  • die Beerdigung unseres Wellensittichs Cocolino in Thalkirchen (am Hinterbrühler See, unter einer Trauerweide)
  • die Kaulquappen vom Leutstettener Weiher (die ich in einem Kübel auf unserem Balkon großziehen durfte, bis sie ausgewildert wurden)
  • das Füttern der Frischlinge im Forstenrieder Park (und auf dem Rückweg das Kuchenholen im Café Kustermann)
  • die Radltouren zur Waldwirtschaft (wo ich Schiffschaukeln durfte, bis mir schlecht wurde)
  • das Pilzesuchen in den Wäldern bei Buchendorf (mit genauen Erklärungen zu den Standortvorlieben der diversen Schwammerl, die ich bis heute nicht essen mag)
  • die Ruderbootsfahrten an Sommernachmittagen auf dem Starnberger See (weil man da ohne von Steinen zerpiekte Fußsohlen mit einem Satz ins Wasser springen konnte)
  • der Osterspaziergang auf dem Pullacher Höhenweg, bei dem wir die Dackelwelpen trafen (von denen einer unser erster Hund werden sollte)

Meinem Vater habe ich es also zu verdanken, dass ich kreuz und quer durch München, Oberbayern und Bayern geschleift wurde, auf Berge hinauf, in Seen hinein, durch Wälder hindurch – und dass er mich vertraut machte mit den ihm wichtigen Tierarten (Hund, Wildschwein, Vogel, Frosch).
Man rutscht da ja so hinein, als Kind. Wird hineinsozialisiert in diese Welt, ob man will oder nicht. Wählt nichts selbst aus (bis auf Clogs und Eissorten), trabt mit (lustlos oder neugierig), guckt, hört, riecht, fühlt, denkt so vor sich hin und wächst halt auf. In einer Umgebung, die einem mehr oder weniger Heimat ist und die man sich ebenfalls nicht ausgesucht hat. Wahrscheinlich hat das kontinuierliche Bemühen meines Vaters um das gemeinsame Unterwegssein hier in der Region bei mir den Grundstein dafür gelegt, dass ich heute behaupten kann, meine Heimat sowohl zu kennen als auch zu lieben (was sich ja stets gegenseitig bedingt).

Sowas wie ein „Heimatgefühl“ kristallisierte sich bei mir allerdings erst durch Distanz-Erfahrungen (Ortswechsel, Umzüge, Reisen) heraus. Zunächst noch eher schleichend und unbemerkt, mit dem Älterwerden drang es dann stärker in mein Bewusstsein. „Heimat“ ist für mich nicht intellektuell begreif- oder beschreibbar, denn mein Herz hängt weder an den Bayern an sich, noch an ihrer Sprache, noch am Schweinsbraten, der Wies’n, der Blasmusik, der ewig regierenden CSU oder all dem, was gemeinhin als „typisch bayrisch“ kursiert und kultiviert wird. „Heimat“ ist etwas zutiefst Emotionales – sei es nun positiv oder negativ besetzt. Die Ausprägung des Heimatgefühls findet man ganz leicht heraus, indem man weggeht und nach räumlichem/zeitlichem Abstand zurückkehrt – und dann einfach in sich hineinhorcht, welche Schwingungen diese Rückkehr erzeugt.

Meine Studienjahre in Würzburg bescherten mir erstmals dieses konkret positive Heimatgefühl. Jedes Mal, wenn ich mit meinem kleinen Ford Fiesta das letzte Stück auf der A9 gen München zuckelte, kam irgendwann diese Stelle, von der aus man erstmals in der Ferne den Olympiaturm erspähen konnte – und bei Föhnwetter dahinter auch die Silhouette der Alpen.
Jedes Mal empfand ich in diesem Moment pure Freude, ein Gefühl von Heimkommen, Verbundenheit und Verbindung mit dieser Stadt und ihrem Umland sowie die spürbare Gewissheit, dass ich „da hingehöre“: Nach München, zur Isar, ins südliche Oberbayern, zu den Seen und den Bergen.

Meine heißgeliebte Bergwelt bei Mittenwald.

Für meinen ersten Job bin ich wieder „nachhause“ zurückgekommen. Ich habe es also nie aus Bayern herausgeschafft und nehme mir das auch für meine zweite Lebenshälfte nicht mehr vor, weil ich hier genau am richtigen Fleck bin.
Wenngleich es immerhin zwei andere Städte gibt, in denen ich mir das Leben und Wohnen gut vorstellen könnte: Wien und Köln. An Wien mag ich den gemütlichen Rhythmus der Stadt, die vor sich hinzuckelnde rote Bim, die Donau, das Essen und die Sprache. An Köln mag ich den Dom, die Mentalität der Menschen, den rheinischen Frohsinn, den Dialekt und den Rhein.
Als Kind habe ich immer behauptet: „Wenn ich mal groß bin, heirate ich einen Rheinländer oder Österreicher, wohne in einem Haus in den Bergen und habe einen Hund.“

Mit dem Dackelfräulein in den Ammergauer Alpen.

Geheiratet habe ich einen Oberbayern (na gut, im ersten Versuch einen Mittelfranken), bin jetzt wieder im Münchner Süden gelandet, wo ich auch aufgewachsen bin (also einigermaßen bergnah), habe einen Dackel (wenigstens ein Kindheitswunsch, der zu 100% in Erfüllung ging) und da die Preise links und rechts der Isar einen Immobilienerwerb für uns ausschließen, werden wir immer in einer Mietwohnung leben (und uns damit trösten, dass ein Haus letztlich eh ungeeignet wäre, da das Dackelfräulein mit ihren Platzhirsch- und Buddel-Attitüden ganz sicher ein Zaunkläffer und Gartenterrorist werden würde).

Nun lautet der Titel der Blogparade nicht „Heimat“, sondern „Heimatorte“ (wenngleich Andreas Fragen sich überwiegend auf das Phänomen „Heimat“ generell beziehen), und im Nachdenken über den räumlich-lokalen Aspekt kam ich zu dem Ergebnis, dass „Heimatorte“ für mich wie eine Zwiebel sind.

Das Herzstück der Zwiebel ist mein Zuhause, meine Heimat im engsten Sinne: Die vier Wände, in denen ich lebe, der Balkon, mein eigenes Zimmer. Wenn’s hier nicht passt (warum auch immer), verfault das ganze Knollengewächs quasi von innen heraus. Ohne meinen festen Rückzugsort „daheim“ wäre ich verloren!
Folglich gehöre ich nicht zu den Menschen, die überall heimisch werden könnten, in Zelten oder Hotelzimmern oder Ferienwohnungen oder gar im Unterwegssein selbst, sondern ich bin passionierter „Wohner“. Zwar bewege ich mich genauso gern von meinem Wohnmittelpunkt weg, ich unternehme auch durchaus längere Reisen, dies aber nur vor dem beruhigenden Hintergrund, dass mir das Herzstück meiner Zwiebel erhalten bleibt und ich wieder heimkommen kann.

Monatelange Auslandsaufenthalte oder Auswander-Pläne sind meine Sache nicht. Das finde ich etwas schade, einfach wegen der Horizonterweiterung, die damit verknüpft wäre, aber für mich kommt das nun mal nicht in Frage. Ich bin mit meinem „oberbayrischen Horizont“ rundum zufrieden. Ich finde es hier so schön, dass ich gar nicht oft weg muss oder will. Meist genügt es mir, wenn ich mit Bergblick am Seeufer sitze und eine Breze verzehre oder umgekehrt: wenn ich mit Seeblick brezenessend auf einem Berggipfel sitze. Je nach Tageszeit noch ein Weißbier dazu und „ois bassd“, wie man hier sagt.

Ohne Breze in Dießen am Ammersee.

Zurück zu meinem Zwiebelmodell der „Heimatorte“. Die weiteren Schichten, die den Zwiebelkern umgeben, sind (von Kern ausgehend): das Haus & die Nachbarn, die Straßen rund ums Haus, die unmittelbare Umgebung, die Freunde in der Nähe, der Stadtteil & seine Bewohner, Geschäfte, Institutionen und schließlich die weitere Umgebung.

Ich habe mich mal vor Google Maps gehockt und geguckt, wo eigentlich die äußerste Schicht meiner Zwiebel liegt. Oder anders gesagt: Wo mein Heimatgefühl und meine Heimatorte enden. Es ist eine relativ klar umrissene Grenze: Nördlich ist kurz hinter Dachau Schluss, westlich bei Landsberg, östlich bei Wasserburg und südlich bei Mittenwald. So gesehen wohne ich gar nicht im geografischen Mittelpunkt meiner persönlichen Heimatzwiebel, sondern zu weit nördlich! Wenn ich das ernst nähme, sollte mich der nächste Umzug nach Königsdorf im Tölzer Land (und dort am besten in den Alpenblickweg 13) verpflanzen. Mal schaun. Vielleicht ließe sich dort ja das finden, was heutzutage ebenso intensiv wie verzweifelt gesucht wird: die innere Mitte 🙂

Bis dahin wohne und heimat(m)e ich einfach mal weiter vor mich hin, hege und pflege die kleine Heimatzwiebel, auf dass sie weiter wachsen, gedeihen und niemand ihre Schale anritzen möge, was ja bekanntlich zu Tränen führt.

Die hebe ich mir lieber für die Glücksmomente auf, in denen ich fühle: „Da bin i dahoam.“

(Von links nach rechts: 3x Karwendelgebirge mit Hund, Gatten und Rind, 1x Sylvensteinstausee mit Vorkarwendel, 1x Kochelsee mit Jochberg, 1x Dante-Freibad-Foto mit Erlaubnis des Bademeisters.)

Jetzt muss ich hier weiterwurschteln, damit das Heimischwerden voranschreitet!

Und nicht zu vergessen: Home is where your dog is!

Ein schönes Wochenende wünscht dir, liebe Andrea, und allen anderen Lesern und Blogparadenteilnehmern,
Die Kraulquappe.

Arrived & alive (somehow).

Absurd: 2 Menschen, 1 Dackel, 90 Kartons.

Allgemeine Verfassung (1): Zum Umfallen müde.

Allgemeine Verfassung (2): Die Luft ist raus.

Abendstimmung: Oder Umzugsdelirium?

Allerheiligstes: Erstes Regalfach eingeräumt.

Angekommen: Der Wald begrüßt das Dackelfräulein.

Weitermachen oder: The Mum&Dog-experience.

Es war ein Tag des Abschieds, innerlich wie äußerlich, und so kam ich gestern Nachmittag etwas gerädert und verheult in Abbekås (gesprochen: Abbekoos), ein paar Kilometer westlich von Ystad, an.
Aus Solidarität weinte auch der Himmel ein bisschen mit.

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Abendstimmung an abbekåsischen Küste.

Wieso Abbekås – wo Ystad doch so viel netter klingt?

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Fischerdorf Abbekås in der Gemeinde Skurup.

Weil hier die „Reichsstraße 9“ (für deutsche Ohren gefälligerer Name: „Südküstenstraße“) nicht den Ort halbiert und zugleich weitmöglichst von der Küste entfernt verläuft.
Anders gesagt: Wohnt man in Abbekås am Meer, hat man die Küstenstraße nicht im Nacken und hört sie nicht. Die ist zwar nur während der Hauptsaison wirklich stark befahren, aber ganz ohne Autogeräusche ist’s mir lieber.

Diese Pendanterie bei der Ortswahl und Quartiersuche rächt sich natürlich. Zwar bin ich es gewöhnt, für meine Spießerattitüden und Zwanghaftigkeiten vom Schicksal einen Klaps zu bekommen, aber es ist immer wieder spannend zu sehen, welcher Gestalt der Klaps wohl sein mag. Und diesmal war es sogar ein Doppelklaps.

Die Wohnung im Erdgeschoss eines Hauses auf dem Grundstück des pensionierten Schuldirektors und seiner Gattin (die im Nebenhaus leben), das am Ende einer Sackgasse liegt, ist von außen betrachtet ein Glücksgriff, vor allem für den überaus günstigen Nachsaison-Mietpreis. Außerdem sind wir die einzigen Gäste, so dass in der anderen Ferienwohnung über uns auch Ruhe herrscht.

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Im Garten: Bälle, Äpfel und noch keine Krater.

Was die Inneneinrichtung angeht, so wirkt das Interieur wie ein Streifzug durch etliche Generationen von Familienumzügen, Entrümpelungen und Renovierungsanfällen. Schönes Bad, schöne Küche, trostloses Schlafzimmer, zwei Wohnräume mit Stilmix, aber auch gemütliche Ecken und Plätzchen, alles in allem ein Kompromiss, aber ein guter.

Die Vermieter sind ausgesprochen freundliche Endsechziger, meine Befürchtung, sie könnten mir zu sehr auf die Pelle rücken (zumal das auch noch der Vorname des Schuldirektors ist), zerstreut sich bereits in den ersten Minuten des Kennenlernens. Sie zeigen mir die Wohnung, erläutern alle Besonderheiten und stellen Pippa und mir auch ihren Mini-Pudel vor, einen 8 Jahre alten, lebenslang von pädagogischen Maßnahmen verschonten Kläffer, der gelegentlich auf den Namen Diesel hört (gesprochen: Diiisssälll), aber bei Pippas Anblick tatsächlich sowohl verstummt als sich auch wie ein Kavalier zu benehmen weiß.

Der Garten, den wir in Gänze mitnutzen dürfen, endet – und das ist das Highlight der Unterkunft – im bzw. am Meer. Durch die Sackgassenlage des Grundstücks latscht einem da auch niemand durchs Bild, d.h. freie Sicht aufs Wasser, vom Esstisch aus, von der Couch aus.

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Blick durch die fast bodentiefen Fenster in den Garten und auf die Ostsee.

Eine Oase der absoluten Ruhe und der schönen Aussicht, offensichtlich eine gute Wahl.

Von zwei Kleinigkeiten abgesehen, eben jenem eingangs erwähnten Doppelklaps. Während der Stunden des Auspackens, Umräumens und Einrichtens werde ich mit solchen Mengen und Schichten an Staub konfrontiert, dass ich erstmal alle Schränke, Schubladen, Flächen und Gegenstände zu entstauben beschließe. Entweder bin ich so ein übertriebener Sauberkeits-Fan oder die Gäste vor mir waren spezielle Schmutzfinken (hier übernimmt der Gast die Endreinigung, schlechtes Konzept).

Als der Staubsauger in den spätereren Abendstunden längst wieder verstummt ist, wundere ich mich, dass ich noch immer ein Dröhnen in den Ohren habe. Ich gehe dem anhaltenden Brummton nach und lande vor dem Kühlschrank. Der Kompressor macht ein Dauergeräusch, das störender ist als jede 500m entfernte Küstenstraße!

Dummerweise steht der Kühlschrank in einer Nische direkt neben der Tür zum Schlafzimmer. Selbst bei geschlossener Schlafzimmertür dringt das Dröhen unüberhörbar durch dieselbe, sogar den Ohrstöpsel-Test meistert es mit Bravour.
Was tun? Den Kühlschrank ausschalten? Die Schlafzimmertür mit den Matratzen aus dem Babybett abdichten? Im Garten schlafen? Heimfahren?

Die Lösung liegt quasi in der Luft. Die Gastgeberin hat es gut gemeint und die Bleibe für die Feriengäste mit einem Raumduftspray bearbeitet. Statt der herrlichen und kostenlosen Meerluft durchzieht ein Hauch von unnatürlicher Apfelfrische (ich tippe auf Granny Smith) die gesamte Wohnung.

Ich lüfte sofort nach der Schlüsselübergabe überall. Für Stunden. Ist zwar abends ganz schön frisch draußen, aber da ich ja durchs Putzen gut in Bewegung bin, ist mir herrlich warm.

Als wir ins Bett gehen, will ich das Schlafzimmerfenster schließen.

Und da bemerke ich’s: Man hört das Meer rauschen, und wie! Ein kraftvolles, rhythmisches wusch-wusch-wusch. So laut, dass es sogar den Kühlschrank übertönt! Wir kuscheln uns in dem kühlen Raum unter der Decke eng aneinander – auf volle Länge ausgeklappt ist so ein Dackel eine Wärm-Wurst von über einem Meter! – und schlafen bei offenem Fenster, staub- und apfelfreier Luft sowie Meeresrauschen ein.

Beim Sonntagsfrühstück kratze ich nach dem Motto „Neuer Ort, neues Glück“ meinen Mut zusammen und riskiere bei den zwei Lokalen im Ort die Nachfrage, ob man mir samt Hund für die Dauer eines Abendessens Asyl gewähren würde. Fünf Minuten später antwortet das erste Restaurant:

Hej hej,
thank you for your e-mail.
Of course, you can bring your dog!
All doggies are welcome along with Mum & Dad 😉

Wishing you a warm welcome and let us know if you want to book a table.
Med vänlig hälsning
Erik.

Einerseits: Hurra. Andererseits: was soll dieses with Mum&Dad?! Hoffentlich genügt es auch with Mum 🙂
Aber ich werd‘ hingehen, in gut zwei Stunden, und wenn man uns nun die Tür weist, weil der Dad fehlt, also dann, liebe Schweden, dann könnt ihr mich endgültig mal gern haben mit euren schrägen Zugangsbestimmungen für eure überteuerten Restaurants!

Einen ebenfalls spannenden Sonntagabend wünscht euch –
Die Kraulquappe.

Zwischenbilanz (1): Du kan förändra världen!

Guten Morgen von der sonnigen Terrasse in der Örnbräkenstigen!

Die erste längere Etappe meiner Zeit in Schweden geht heute zu Ende. An einem Samstag. Eigentlich Tag des Autoputzens (was ich bereits gestern erledigt habe), in Reisezeiten aber Tag des Quartierwechsels. Wir ziehen um.

Gelegenheit, bei einer Tasse Kaffee kurz innnezuhalten und eine kleine Zwischenbilanz zu ziehen. Eine sehr kleine.
Denn: Es war nahezu paradiesich hier. Die Hütte, der Garten, die Lage, die Nachbarschaft, die Gegend, das Wetter, die Verpflegung, der Schlaf, die Stimmung, die Ruhe.

Was hat gefehlt?

Ein Wäscheständer, ein Dressingshaker, ein CD-Player, drei Kleiderbügel mehr, Topflappen, ein helleres Nachttischlicht.

Alles Kinkerlitzchen. Im Garten gab’s ’ne Wäscheleine, das Dressing kann man auch mit der Gabel anrühren, Musik im Auto und auf dem iPod hören, Klamotten stapeln, die Auflaufform mit Geschirrtüchern dem Ofen entnehmen und Lesen auf der Couch.

In diesem Sommerhäuschen könnte ich es mühelos einen ganzen Sommer (oder Herbst) lang aushalten. Pippa sowieso – allerdings sähe der Garten dann wie nach einem Meteoriteneinschlag aus (der Abreisemorgen ging komplett für Ausbesserungsarbeiten in der Wiese drauf 😦 ).

Verabschieden möchte ich mich mit ein paar Innenbetrachtungen.

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Die Küchenfensterbank. Carpe diem oder carpe Spülbürste?

 

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Die Rückseite der laminierten Hinweise meiner Vermieterin. Ein besseres Motto hätte ich mir nicht wünschen können!

 

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Affront im Küchenregal. Habe aus Trotz Hundeflocken eingefüllt.

 

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Best Türstopper ever! Wurde erst verbellt, erwies sich dann aber als brauchbarer Spielgefährte.

 

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Schweden ist farbenfroh. Auch wenn’s ums Erschlagen geht.

 

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Mein Lieblingsplatz drinnen.

 

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Mein Lieblingsplatz draußen.

 

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Spät bemerkt: Sogar ein echter Kraulquappen-Hausschlüssel.

Und das Beste wie immer zum Schluss: Die Aussicht vom Klo auf den gegenüberliegenden Boiler.

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When shit happens, change the subject. Or even the world.

Wohin die Reise nun geht?

In die Heimat von Kurt Wallander. Nicht direkt nach Ystad, wo er zuerst lebte, sondern ein paar Kilometer westlich von Ystad an die Küste, wo er sich mit seinem Hund Jussi in einem Haus am Meer niederließ.
Wir sind schon gespannt, wie es sich dort so lebt und buddelt!

Trevlig helg & bye för nu!
Die Kraulquappe.

Sommerhaus, später.

An Wochenenden oder zur Ferienzeit, besonders während der Sommermonate, verkrümeln sich viele Schweden in ihre – eigene oder gemietete – „stuga“, was wir wohl mit Sommerhaus oder Datscha übersetzen würden.

Es war immer mein Traum, in einer küstennahen Stuga ein bisschen Zeit zu verbringen. Vor zwei Jahren, auf Gotland, wohnte ich eine Weile in einem Häuschen, allerdings mitten auf dem Land, und es war auch keine typische Stuga.
Gotland, das den Ruf hat, das Sylt Schwedens zu sein, ist bis in den Spätsommer hinein in den begehrteren Lagen unbezahlbar. Und auch das übrige Schweden ist sehr teuer. Zieht man dann noch alle Unterkünfte ab, in denen Hunde verboten sind (etliche!) oder bei denen die Inneneinrichtung schon auf den Fotos im Internet latenten Brechreiz auslöst, bleibt zur Hauptsaison nicht mehr viel übrig, das erschwinglich ist.

Fazit: Wir reisen besser in der Nebensaison.

Pro: Alles ist 50-70% günstiger. Alle Urlauber sind weg. Mücken ebenso. Völlige Ruhe. Wohltuende Einsamkeit. Moderate Temperaturen für den Hund. Strandverbot für Hunde aufgehoben bzw. Kontrollen eingestellt.

Kontra: Lokale geschlossen. Eisdielen und Cafés ebenso. Kein Nachbar weit und breit (falls mal was wäre). Baden im Meer zu kalt. Nachts schon ziemlich frisch, Herbst eben.

Für mich überwiegen ganz klar die Vorteile.
Ich versorge mich, heikel wie ich beim Essen und der Qualität desselben bin, sowieso am liebsten selbst, zumal in einem Land wie Schweden, das mir kulinarisch eher wenig entspricht und das in nahezu allen Restaurants keine Hunde gestattet. Zu viel Nähe zu anderen Menschen nervt mich auch schnell. Und in Salzwasser schwimme ich auch nicht gern (Baden: ja, Schwimmen geht anders.). Dass es nachts kalt ist, stört mich auch nicht, wenn es tagsüber 20 Grad oder mehr hat, so wie heute.
Tja, und die Leere… Ich bin gern allein, ich brauch‘ nicht viel, ich hab‘ auch selten Angst in der Abgeschiedenheit.

Heute sind wir also an der Südküste gelandet, in der Mitte zwischen Ystad und Karlskrona, und haben hier für die nächsten anderthalb Wochen eine 32m²-Stuga samt Garten für uns allein. Paradiesisch!

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Zwei Terrassen, eine Hängematte, eine Hollywoodschaukel, zwei Fahrräder (falls mal was mit dem Auto wäre).

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Der kleine Wachhund hat einen riesigen, eingezäunten Garten…

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…inklusive im Gelände zahlreich herumliegender Bälle des Whippets der Vermieterin, die weit weg an der Westküste lebt. Ihre Eltern wohnen 15km enfernt, an die könnte man sich wenden (falls mal was wäre).

Die einzigen Nachbarn sind diese paar blökenden Gesellen…

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…an denen wir sogar vorbei müssen…

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…wenn wir zur 250m entfernten Küste wollen.

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Der Postbote kommt hier erst spät nachmittags und heißt Knut. Er ist leider nicht so süß wie einst der Eisbär, sicherte mir aber zu, ein Auge auf uns zu haben (falls mal was wäre).

Momentan ist jedenfalls nichts. Einfach mal NICHTS! Und das ist herrlich, genau das wollte ich.

Der Kühlschrank ist gut gefüllt, die vielen Taschen und Kisten ausgepackt, die Gegend bereits inspiziert. Übers Wochenende muss ich nirgends hin, höchstens mal nach Bromölla, da ist die nächste Schwimmhalle. Wahrscheinlich werde ich mich aber für ein paar Tage aufs Laufen verlegen. So als zusätzlichen Bewegungsimpuls neben dem Gassi- und dem Müßiggehen.
Ansonsten bleiben wir einfach hier in der Hütte und im Garten. Es ist ja alles da, was das Herz begehrt – ich fühle mich sehr zufrieden und gut angekommen. Zufriedenheit wohnt mehr in Hütten als in Palästen, wie es ja so schön heißt.

Nur: In den Palästen hätte man halt jemanden, der einem das Kaminfeuer anzünden würde. Das muss ich jetzt schleunigst auf die Reihe kriegen, bevor die kühle Herbstnacht hereinbricht. Ist nicht so einfach, die Holzscheite sind alle zu groß oder zu feucht. Was weiß ich. Hab‘ noch nie ein Kaminfeuer entfacht.

Ach ja, da fällt mir ein: Mein Papa hat gesagt, ich könne ihn jederzeit anrufen. Falls mal was wäre… –  aber das muss ich erst noch mit mir ausmachen, ob wirklich was ist.

Einen warmen und gemütlichen Abend wünscht euch –

die Kraulquappe.

Zwei Bayern auf Rügen.

Nach einer unruhigen Nacht – üble brandenburgische Dorfkatzenschlägerei, da schlägt auch der müdeste Dackel an, und wie! – in unserem Quartier im Hohen Fläming…

…ging es weiter Richtung Mecklenburg-Vorpommern. 

Animiert durch unseren Nachbarn im Stau zwischen Grabow-Below und Röbel-Müritz…

… legten wir wenig später eine ausgiebige Mittagsrast in der Schwinzer Heide ein. 

Mit viel Lust haben wir dort den Krakower Obersee umrundet…

…und uns anschließend ein köstliches Fischbrötchen im „Rökerhus“ geteilt.

Danach ging’s ohne weitere Pipipausen durch bis zu unserem Zwischenstopp 2 auf Rügen.

Bekanntes Terrain für Pippa – sie wusste 30 Sekunden nach Öffnen der Autotür, wo wir sind und wo’s langgeht.
Natürlich zum Meer!

Von der Insel grüßen euch, etwas gerädert vom vielen Fahren,
Die Kraulquappe und ihre sandige Begleitung.

Dorfstraße 13. 

Irgendwo in Brandenburg…

…zwischen Böcken, Blumen und Bestnoten …

…am Übergang von der Dorfstraße zur Dorfstraße…

… erholte ich mich bei einem langen Spaziergang im Hohen Fläming von der regenreichen Fahrt bis zur bayerischen Landesgrenze.
Das Abendprogramm: Mein Freund P. aus Berlin kam uns besuchen…

…und – weil Sonntag war – gottseidank mit grauem Kurzhaar-Toupet und ohne den psychedelischen Lolli, so dass wir im Provinz-Restaurant auch bewirtet wurden. 

Danke, dass du hier warst, lieber P.! Es war wie immer: Eine runde Sache.

Gewohnheitstiere unterwegs oder: Reisen mit Rasso.

Vor ziemlich genau zwei Jahren, mit Beginn meines ersten Blogs, machte ich mich auf den Weg nach Schweden, genauer gesagt: nach Gotland. Diese Reise markierte eine Zäsur (17 Jahre IT – leb‘ wohl für immer!), weshalb ich unbedingt alleine reisen wollte (naja, das Dackelmädchen durfte schon mit), um den Kopf frei zu bekommen von dem, was hinter mir lag und für das, was die Zukunft vielleicht bereithielte.
Und um zwei Orte aufzusuchen, die ich endlich nicht mehr nur in Filmen sehen, sondern „in echt“ sehen wollte: Die Öresundbrücke und die Insel, auf der Pippi Langstrumpf gedreht wurde. Um dorthin zu gelangen, machte ich unterwegs an weiteren Stationen Halt, von denen ich damals noch nicht wusste, wie gern ich sie wiedersehen wollen würde, nachdem ich einmal dort gewesen bin (sowieso bin ich der Reisetyp „Wiederkommer“). Eine davon war Malmö.

Reisen mit Hund, vor allem, wenn man sie allein unternimmt, sind in mancher Hinsicht eine starke Einschränkung und ein Kompromiss. Größere Touren durch Städte werden z.B. schnell strapaziös, weil an keinem Ende der Leine jemand auf seine Kosten kommt. Der eine will was sehen, vielleicht auch mal ein Lokal, ein Museum, ein Geschäft oder ein Kino besuchen, der andere will im Sand graben, schnüffeln, sausen und spielen. Deshalb habe ich damals die gesamte Tour hundegerecht geplant – und eben auf etliches verzichtet.
Nun, zwei Jahre später, stecke ich mittendrin in der Gegenwart dieser Zukunft, von der ich damals keine Ahnung hatte und auch heute nur bedingt habe. Aber es zieht mich immer noch an den Öresund.

Diesmal bin ich weder wochenlang unterwegs, noch mit Dackel und vollgepacktem Auto (schade eigentlich). Am Dienstag geht es für fünf Tage nach Malmö. Eigentlich wollte ich nach Kopenhagen, was ich aufgrund der Hotelpreise schnell verworfen habe – in Malmö schläft es sich deutlich günstiger. Die Fahrt mit dem Öresundzug rüber nach Kopenhagen ist hingegen sehr preiswert. Also versuche ich, beide Städte zu sehen.

Warum der Gatte nicht mitkommt? Er ist derzeit abgetaucht. Worin? In das hier.

Da muss er erst noch komplett durchtauchen und einen Artikel schreiben, bevor er wieder auftaucht und ansprechbar ist. Das hat zumindest den Vorteil, dass unser Hund bestens betreut zuhause bleiben und ich alleine losziehen kann. Tut ja auch immer mal wieder gut: sich allein in die Welt stellen, allein entscheiden, allein mit Widrigkeiten klarkommen, sich insgesamt etwas Alleinsein um die Nase wehen lassen.
Beim Vorbereiten der kleinen Reise fiel mir auf, dass mein Kopenhagen-Malmö-Führer von Rasso Knoller verfasst wurde. Das muss Schicksal sein! Denn schon vor zwei Jahren reiste ich mit Rassos Unterstützung durch Gotland. Letztes Jahr ließ ich mich im Frühjahr von Rasso durch Helsinki leiten, im Herbst dann durch Stockholm. Und jetzt hab‘ ich ihn schon wieder erwischt – oder er mich!

Grund genug, doch mal genauer nachzuforschen, wer das eigentlich ist, dieser Mann, der mich auf meinen Reisen der letzten zwei Jahre begleitet hat und dessen Bücher mich so begeistern.

Rasso Knoller

Na sowas! Wenn ich mir die Länderschwerpunkte so ansehe, dann die Tatsache hinzunehme, dass es sich für mich sehr bewährt hat, mit Rasso zu reisen und anschließend alle Länder streiche, in denen ich bereits war oder die nicht in Frage kommen, weil ich Fernreisen oder Temperaturen nicht verkrafte, so ergibt sich für die nächsten Jahren folgende Liste an Zielen: Island, Irland, Mecklenburg-Vorpommern, Grönland und Norwegen.

Danke, Rasso, für diese Impulse! Wenn’s jetzt in Dänemark und Schweden wieder so gut klappt mit uns wie bisher, dann folge ich dir weiter – bis ans Ende deiner Publikationsliste.

Diese Vorgehensweise entspricht mir ohnehin ganz und gar: Bewährtem bleibe ich gern treu. Bin noch nie der Typ gewesen für große Experimente. 

So werde ich mit meinem Mann alt werden, immer mit einem Dackel an unserer Seite, Octavia Kombi fahren bis ich den Lappen abgebe, für alle Zeiten mit Persil waschen und Hagebuttenmarmelade essen, Schwimmen bis die Arthrose es nicht mehr erlaubt und natürlich auch auf meiner Beerdigung noch Bruce Springsteen hören, sofern man unterirdisch Musik wahrnehmen kann (wovon ich mal ganz optimistisch ausgehe, weshalb ich den passenden Song schon vor Jahren festgelegt habe).

Eine schöne Urlaubszeit – schon hinter euch, grad mittendrin oder noch vor euch – wünscht
Die Kraulquappe.