Akademiker, Astra und Attila.

Beim Blättern durch die ZEIT bleibt mein Blick kurz an einer Überschrift hängen, in der es heißt, dass die Hausärzte hierzulande angeblich fast nur noch Akademiker mit AstraZeneca impfen.
Was will uns das nun wieder sagen?
Vielleicht, dass nur die intellektuell einigermaßen hochfrisierten Hirne in diesem Land der Lage sind, das extrem geringe Risiko, sich als Impfnebenwirkung von Astra eine Sinusvenenthrombose zuzuziehen, realistisch einzuordnen vermögen und sich daher vor Ort in der Hausarztpraxis als einzige Patientengruppe mit der Verabreichung dieses Impfstoffs einverstanden zeigen?
Oder soll das bedeuten, dass die eher schlicht strukturierten Gemüter sich von dem guten alten Sprichwort „Per aspera ad astra“ ins Bockshorn bzw. aus der Hausarztpraxis jagen lassen (um ja nicht vorzeitig in den Himmel aufzufahren), das sie zwar aufgrund ihres Mittelschulabschlusses nie in dessen tiefer, philosophischer Bedeutung durchdrungen, sondern lediglich behalten haben, dass dieses Zitat aufs Konto des alten Dramatikers und Pessimisten Seneca (der Heini, der auch „Das Leben ist kurz“ oder so ähnlich, verfasste) geht, der seit der Rechtschreibreform ja unter Zeneca firmiert, womit die finsteren Zusammenhänge hinreichend enttarnt wären, bis auf den, wie man den bösen Bill Gates noch in dieses Konstrukt hineinpfriemeln könnte, was aber vielleicht gar nicht so schwer ist, nur ich komm‘ da jetzt nicht so schnell drauf, weil Akademikerin…
Habe den ZEIT-Artikel übrigens nicht gelesen, mein morgendlicher Pegel an pandemiebezogenen Wasserstandsmeldungen war zu dem Zeitpunkt bereits erreicht, die nächste Dosis gibt’s erst wieder nach dem Abendessen.

Gegen 11 Uhr klingelt das Handy und ein Hermes-Fahrer schreit mich an, dass er in einer halben Stunde mit dem Geschirrspüler hier aufschlagen würde.
„Wo sollen abstellen?“, brüllt er hinterher. „Na, in meiner Küche!“, brülle ich zurück, ich habe das Gerät ja „mit Montage“ bestellt. „Ich nix Montage!“ plärrt er und legt auf.

Ich spüre unmittelbar nach dem Ende dieses Gesprächs, wie sich die aktuelle Tageslaune deutlich früher als erwartet von der Leine losreißt und ihrem Höhepunkt entgegensprintet. Diverse Fragen, die nun aufpoppen wollen, verdränge ich erfolgreich und nutze die verbleibenden 28 Minuten, um den Online-Händler zu erreichen, wo ich die Spülmaschine bestellt habe. Nach fünf Minuten in der Warteschleife, die nicht für mich, sondern „Für Elise“ programmiert wurden, beende ich das Warten, schreibe eine wütende Mail an den Kundenservice und lege mir anschließend ein paar einfache, kurze deutsche Sätze für den Spediteur zurecht. Das f***ing Akademikerproblem scheint mich durch diesen Tag begleiten zu wollen.
Allein meinem viel zu niedrigen Blutdruck tut so ein Vormittag ausgesprochen gut.

Um 11:45 Uhr läutet es an der Tür. Der Ich-nix-Montage-Typ steht unten im Treppenhaus und brüllt „Welche Stock?“. Ein Attila-Hildmann-Verschnitt (nur kleiner und dicker) wuchtet wenig später die neue, bereits von der Umverpackung befreite BOSCH aus dem Aufzug und zerrt sie unsanft Richtung Haustür. Als er sich mir zuwendet, bemerke ich, dass Attila keine Maske trägt.
Unser etwas hitziger Dialog beginnt beiderseits grußlos, er eröffnet mit den Worten „Sie haben beschwert bei Chef“, aufgrund der stimmlichen Modulation ist leider völlig unklar, ob er das als Vorwurf oder Frage meint, so dass ich erst gar nicht darauf eingehe und stattdessen ein „Würden Sie bitte eine Maske aufsetzen“ entgegne.
Das passt Attila gar nicht, weil er dafür umständlich in seiner Hose herumkramen muss und ihm während des Kramens auch noch die Kippen aus der Gesäßtasche kullern, so dass er sich unnötigerweise schon vor der Montage bücken muss, was auch ich lieber vermieden hätte, da sich hierbei nämlich die ausgeleierte Hose über sein Hinterteil abwärts schiebt und es steht, wie bereits erwähnt, eben kein Typ à la Arjen Robben vor der Tür, sondern ein Stammesbruder Hildmanns.
Kürzen wir die Sache ab: Attila bekommt noch Verstärkung, die ebenfalls erstmal maskenlos erscheint, die beiden trampeln dann mit der neuen BOSCH in die Küche und widmen sich unter großem Gestöhne der Installation, die nicht allzu geschmeidig gelingt, da ich ihnen erst erläutern muss, wo man den Wasserzulauf abdreht und kurz danach gefragt werde, ob ich einen Schraubenzieher hätte.

Diese beiden Kleinigkeit haben zur Folge, dass ich nach dem zehnminütigen Besuch von Attila und seinem Adlatus die gesamte Installation unter Zuhilfenahme eines YouTube-Videos sowie der mitgelieferten Bedienungsanleitung selbst nochmal gründlichst überprüfe, natürlich nicht ohne zuvor den Unterschrank, die Maschine, meinen Schraubenzieher und alle Griffe/Hähne/Schläuche desinfiziert zu haben, weil Attila sich, um sich ein lästiges zweites Mal zu bücken zu können, an allen möglichen und unmöglichen Flächen festhalten musste und dabei asthmatisch in seine recht angegriffen aussehende Maske keuchte.

Das Altgerät wollen sie zunächst auch nicht mitnehmen, erst als ich androhe, noch in ihrem Beisein erneut den Chef zu kontaktieren (ohne mit dem je Kontakt gehabt zu haben, da ich auf meine Wutmail noch keinerlei Reaktion erhalten hatte), zeigen sie sich kooperativer und schleppen mit grimmigen Gesichtern die auf dem Balkon deponierte und über Nacht hübsch eingeschneite alte Spülmaschine aus der Wohnung.

Mittlerweile läuft testweise das erste Kurzprogramm der neuen BOSCH und ich muss sagen: ihr sanftes Schnurren wirkt irgendwie beruhigend nach all dem Trubel. Ich lausche ihr ein Weilchen, lege dann aber Chuck Ragan in den CD-Player (einem wie dem hätte man lieber beim Spülmaschineneinbau zugesehen, nur so schauen sie halt bloß in der Phantasie aus, diese Monteure), drehe den Lautstärkeregler auf, wische zu „Nothing left to prove“ die letzten Reste dieses unfassbar kundenfreundlichen und coronakonformen Tageshighlights vom Küchenboden und spüre dabei ganz langsam etwas Freude in mir aufsteigen – auf eine Zukunft mit blitzsauberem und funkelndem Geschirr.

Per aspera ad astra. Durch das Elend zum Glanze.
So ist das wohl, da hatte der gute Zeneca schon recht.

Well silence took me fierce and blindly
And shadows became one
I found the floor with the broken boards
And the grist for the mill gone

With nothing left but a chord to stretch
And a word to get on by
Sometimes you reach for the bottle before the sky
Yeah, well we all rise to fall in time

Melius est pedibus mori quam genibus vivere.

In der Nacht zum Ostermontag erschließt sich mir gegen 1 Uhr endlich, mehr als drei Jahrzehnte nach Erreichen des großen Latinums, die Bedeutung dieses altbekannten Aphorimus‘. Jawohl, wie wahr: Es ist besser, aufrecht stehend zu sterben, als auf Knien zu leben.
Zumindest auf mein lädiertes, rechtes Knie trifft das derzeit voll und ganz zu.

Nach Durchlaufen der gesamten limnischen Farbpalette gibt das mittlerweile zwar einigermaßen abgeschwollene, aber immer noch arg angeschlagene Knie nun neue Rätsel auf.
Was ist das für ein hässlicher, eiförmiger, wabbeliger Knubbel mitten auf der Patella?
War die krasse Kante, die darunter tastbar ist, eigentlich schon immer da?
Was hat der stechende Schmerz am Übergang zum Wadenbein zu bedeuten?
Und warum tut das Anziehen des Sockens deutlich mehr weh als das Ausziehen?

Das Internet spuckt dazu die wildesten Theorien aus, Sie wissen bestimmt, was ich meine: hochspekulatives Symptomgegoogel, noch dazu im Dunkel der Nacht, führt ja in den seltensten Fällen zu Erleuchtungen, und erst recht nicht zur Aufhellung der Stimmung.
Um diesem Spu(c)k ein Ende zu setzen, buche ich um 2 Uhr einen Termin bei einem Sportmediziner, der den beunruhigenden Untertitel „Orthopäde und Unnfallchirurg“ trägt, aber haufenweise gute Bewertungen hat.
Super Sache, Doctolib macht’s möglich, dass man sich für sowas nicht mehr werktags ans Telefon hängen muss.

Die Praxis ist ums Eck, endlich mal wieder ein Vorteil dieser innenstadtnahen Wohnlage (die derzeit ansonsten mehr Nachteile hat, allein wegen der dreimal pro Woche stattfindenden Autokorso-Demos diverser Quermeiner in unserem erweiterten Vorgarten), denn hier ist fast jeder Facharzt ums Eck und auch jegliche Art von Klinik. Schon morgen kann ich zum letzten freien Termin am Nachmittag da hinhumpeln, um Antworten zu bekommen.
Meine Wunschantwort wäre: „Es ist nix ernsthaft kaputt in Ihren Knie, aber zur Ausheilung dieser üblen Geschichte müssen Sie ab sofort täglich zum Aquajogging und Schwimmen gehen, da führt kein Weg dran vorbei / Hier haben Sie ein Rezept für die ersten 4 Wochen, über eine meiner Einschätzung nach absolut sinnvolle Verlängerung sollten wir spätestens in 2 Wochen sprechen / Leider liegt die einzige Reha-Einrichtung mit einem geeigneten 50m-Therapie-Schwimmbecken in Bad Reichenhall, weshalb ich Ihnen auch eine Verordnung für den stationären Aufenthalt in der Orthopädischen Klinik vor Ort mitgeben muss / Für Kurgäste gibt es übrigens auch eine Sondervereinbarung mit der örtlichen Therme, da sich begleitende Saunabesuche, Dampfbäder und Massagen als ausgesprochen heilungsfördernd für Kontusionen herausgestellt haben / Hoffentlich stört es Sie nicht, dass es sich um eine Klinik handelt, in der die Mitnahme von Haustieren gestattet ist, das ist ja nicht jedermanns Sache“ .
Drücken Sie mir die Daumen, dass das in etwa so ausgeht!

Die Nächte sind also momentan noch kürzer als sie es wegen der Gelenkschmerzen eh schon waren. Die beiden Facharzttermine zur diesbezüglichen Abklärung (übernächste Woche!) werde ich hoffentlich noch wahrnehmen können, bevor ich mein Köfferchen für Bad Reichenhall packe, um mit meinem Hündchen dort bis Ende Mai den Aquafreuden zu frönen und ausgewählte Sequenzen des Zauberbergs nachzuspielen.

Als ich um 3 Uhr immer noch wachliege – als routinierte und beflissene Gattin legt man ja gedanklich sofort etliche Listen an, was vor einer längeren Abwesenheit des Hausvorstands noch alles zu bedenken und zu erledigen ist – studiere ich Testberichte zu Geschirrspülmaschinen.
Aus der unseren (das Glump, das wir vom Vormieter überteurt ablösen mussten) tritt seit Neuestem nämlich unten etwas Wasser aus, womit ihr nun endgültig der Haushaltsgerätefriedhof droht, da dieser Defekt das i-Tüpfelchen (bzw. -Tröpfelchen) auf all den anderen Mängel ist, über die wir schon seit Monaten fluchen, allen voran über jenes Ärgernis, dass der Reiniger auf jeglichen Gegenständen im oberen Spülkorb einen unangenehmen Film hinterlässt, der a) dem Morgenkaffee eine Bitternis verleiht, die gerade in Zeiten wie diesen, die eh schon bitter genug sind, als nicht hinnehmbar bezeichnet werden muss (obwohl es ein Bio-Reiniger ist) und b) dazu führt, dass wir entweder gleich das meiste von Hand spülen oder eben dem mangelhaften Haushaltsgerät ständig hinterherputzen und -polieren.

Um 4 Uhr ordere ich schließlich online ein sensationelles Schnäppchen von BOSCH (mit Besteckschublade und Auto-Open-Funktion, aber ohne anheimelnde Innenbeleuchtung und saucoole Steuerung via Bluetooth, denn mein technisch wenig verwöhntes Hausfrauenherz schlägt bereits bei so einer wunderbar ordnungsfördernden Schublade hörbar höher) und bin hellauf begeistert, dass mir als Liefer- und Montagetermin bereits der kommende Donnerstag angeboten wird, womit ich mich sofort einverstanden erkläre.
Das ist ja wirklich mal zum Niederknien schön, wie man so sagt, selbst wenn man derzeit nicht zu den Glücklichen gehört, die das auch tun können.
Dass ich mich dermaßen über die Bestellung eines neuen Geschirrspülers freue, gibt mir zwar ein wenig zu denken, da es aber zwischenzeitlich 4:17 Uhr ist, erwäge ich nicht ernsthaft, zur Untersuchung dieses Übels einen weiteren Arzttermin via Doctolib zu vereinbaren, sondern lasse ich mich stattdessen für dreieinhalb Stunden in Morpheus‘ Arme fallen.

Den Ostermontag widme ich dem Vorbereiten und Durchführen der Demontage des Altgeräts, denn falls ich die helfende Gattenhand hierfür benötigen würde, wäre Eile geboten, morgen reist er nämlich dienstlich (das neue Codewort für „haussegenstabilisierende Maßnahmen in Seuchenzeiten„) für einige Tage in seine Universitätsstadt und unseren Hausmeister, der seine speckige Maske stets schwerschnaufend und knapp unter dem Riechkolben trägt, will ich in dieser Angelegenheit lieber nicht bemühen, außerdem hat der auch Knie, wie er mir neulich berichtete.

Um es abzukürzen: Es war ein ziemliches Gefummel und auch ein Mordsdreck, die Details erspare ich Ihnen, jedenfalls war ich (bis auf 1x kurz Hochhebenhelfen) ganz ohne Männerhände erfolgreich und das zur Entsorgung präparierte Altgerät steht jetzt auf dem gottseidank noch nicht voreilig bei den ersten Frühlingssonnenstrahlen vom großstädtischen Winterschmutz befreiten Balkon.

Ich werde Ihnen hier kein Foto zumuten, auf dem Sie erkennen könnten, was Vormieter und Zahn der Zeit so alles unter der alten Spülmaschine gehortet oder hinterlassen haben, schließlich möchte ich Ihnen keinesfalls das Feiertagsfestmahl verderben.

Stattdessen erlaube ich mir, den Heimwerker/innen unter Ihnen die Frage zu stellen, ob Sie vielleicht einen Rat für mich hätten, wie ich den Spülmaschinen-Ablaufstutzen am Siphon (oder wie auch immer man das nennt – halt das Teil, auf das der grüne Pfeil in der nachfolgenden Abbildung zeigt) bis Donnerstag so abdichten oder verschließen kann, dass ich halbwegs angstfrei oben drüber den Abwasch machen kann und die Nachbarn unten drunter nicht gefährdet werden.

Bitte fragen Sie nun nicht Ihrerseits zurück, ob ich irgendwelches Rohrzubehör, Dichtmaterial oder Spezialwerkzeug daheim rumliegen habe, das ist selbstverständlich nicht der Fall, es muss also eine kreative, hausfrauenfreundliche, männerhilfeunabhängige und einfache Lösung sein, die zumindest ein klein wenig stabiler daherkommt als diese hier.

Ich danke Ihnen schon im Voraus für Ihre Unterstützung, lade Sie als Dankeschön für Ihren Rat in der Post-Seuchen-Ära, falls es die je geben wird, gern mal auf einen Kaffee aus einem rückstandsfrei gereinigtem Haferl zu mir ein, sende Ihnen nun mit hochgelagertem Knie nochmals herzliche Ostergrüße von der heimischen Couch und werde mir jetzt (etwas früher als üblich) mein Feierabendbier öffnen, bei dem ich sowohl Zu- als auch Ablauf noch bestens unter Kontrolle habe.

Mit dem Voltar_Engel durchs Wochenende.

Beim 94. Lauf seit Pandemiebeginn ereilt mich gestern das Gefühl, dass ich den Park nun in- und auswendig kenne. Bald werde ich sowohl die Eichhörnchen anhand ihrer Schneidezähne auseinanderhalten können als auch die Rufnamen aller dort regelmäßig ausgeführten Hunde auswendig kennen, inklusive ihrer Kosenamen. (Man möchte es übrigens kaum für möglich halten, wie rasseübergreifend und größenunabhängig die diversen „Mäuschen“ herbeizitiert oder für die Verrichtung ihrer Geschäfte gelobt werden).
Den alten Mann mit dem einäugigen Hund grüße ich zwischenzeitlich ebenso selbstverständlich wie den ausgeleierten Herrn im gleichermaßen ausgeleierten Cordsakko mit seinem graunasigen Whippet-Rüden oder die Frau, die mit ihrer nussbraun-ondulierten Welsh-Springer-Spaniel-Hündin ungeachtet jeglicher Friseurgeschäftsschließung in Sachen Haarkleid im Dauerpartnerlook unterwegs ist.
Den adipösen Jogginghosenträger, der seinen angeleinten Dackelmischling fahrradfahrend hinter sich herzerrt, grüße ich hingegen niemals, stattdessen erwäge ich diverse Befreiungsaktionen des armen Hundes, der nirgendwo in Ruhe schnüffeln oder seine Duftmarken setzen darf. Dasselbe gilt für die dämliche Tussi, die Gassigehen so auffasst, dass sie telefonierend (oder anderweitig in ihr Handy vertieft) herumsteht oder -sitzt und der Hund für eine Dreiviertelstunde (so lange dauert mein Lauf – was vorher oder nachher geschieht, entzieht sich meiner Kenntnis) sich selbst überlassen wird, irgendwo hinkackt, Mülleimer leerfrisst, Eichhörnchen jagt oder aus Langeweile einen Artgenossen anfällt. Diese Pseudotierfreunde habe ich mindestens so dick wie die Parkvermüller, die von Woche zu Woche mehr zu werden scheinen (oder aus Frust mehr futtern und deshalb mehr Müll hinterlassen, man weiß es nicht).

Dieser 94. Lauf wird für eine Weile mein letzter gewesen sein, denn das Schicksal (oder Laufgott Asicius?) verordnet mir noch am Nachmittag desselben Tages überraschend eine Pause.
Ich hätte es ja netter gefunden, das wäre sanfter eingeleitet worden als mit so einem herben Sturz auf eine Steinplatte, offenbar war es aber anders vorgesehen (fairerweise möchte ich ergänzen, dass mir zuvor noch ein sonniger Spaziergang samt ausgiebiger Rast am geheimen Bootshaus vergönnt war).
Die Uferböschung ist eigentlich durch zwei simple Schrittchen zu überwinden, hinunter gelang mir das auch noch einwandfrei, als ich dem Fräulein folgte, nur hinauf sollte es nicht mehr klappen. Die schmale Steinkante, auf die ich den rechten Fuß aufsetzte zu Schritt Nr. 1, war leider nur noch lose in der Böschung verankert, lockerte sich beim Drauftreten, kippte mir auf die Schuhspitze und hernach kippte ich um.
Fiel mit der Kniescheibe frontal auf einen anderen Stein und knickte dann komplett zur Seite um, plumpste hinein in den einzigen Dornenbusch an diesem Uferstück.

Kaum zu glauben, wie deppert man fallen kann, und noch kaumer zu glauben, dass man den ganzen zähen Winter über selbst die abenteuerlichsten Bergstrecken ohne jedwede Blessur gemeistert hat, erst vorgestern noch stundenlang knietief durch den Schnee gestapft, nix passiert einem da, nirgends, stattdessen semmelt’s einen auf einem seichten Abhang von 70cm Länge dermaßen hin…
Dank des ersten T-Shirt-Wetter-Tages 2021 (gestern: 18 Grad und Sonnenschein am See) konnte der ausgehungerte Strauch gleich eine ordentliche Fleischmahlzeit zu sich nehmen – seine gierigen Fangzähne steckten überall in meinem Arm, als ich mich mühsam wieder hochgerappelt hatte (versuchen Sie das mal: sich mit Knieschaden im Dornenbusch liegend ohne Einsatz der Hände und unversehrt aus jenem zu befreien) und benommen vor Schmerz auf den Weg zurücktaumelte.
Das Dackelfräulein sofort zur Stelle und im Krankenschwestermodus: Wunden verarzten, nicht von der Seite des Patienten weichen und unterwegs aufpassen, dass das wacklige Frauchen beim Anlehnen an einen Zaun nicht noch von dessen Latten aufgespießt wird.
Im Schneckentempo und humpelnd den Steilweg zum Hochufer zurück, wo das Auto geparkt steht. Die Heimfahrt nicht allzu lustig, weil der Wechsel des Beines zwischen Gas- und Bremspedal nur unter Zuhilfenahme des Armes zu bewerkstelligen ist, aber was will man machen, irgendwie muss man ja nachhause kommen.

Den Freitagabend dann mit reichlich Ibuprofen, einer Kältekompresse und dem Voltar_Engel (sein Nachname: Forte, was ja schon mal hoffnungsfroh stimmt) auf der Couch gesessen. Der Gatte sorgt mit einem feinen Bierbichler-Film für mentale Ablenkung und stellt sich schon mal drauf ein, dass alle weiteren Beinarbeiten am Wochenende wohl an ihm hängenbleiben werden, was nicht schön ist, da er seinen zweiten Coronazeitengeburtstag eigentlich ausfliegend mit dem Fräulein und mir verbringen wollte, woraus jetzt nichts wird bzw. was auf Montag verschoben wurde, in der Hoffnung, dass der Monsterbluterguss bis dahin wieder einen längeren Ausgang erlaubt.
Sogar die Geburtstagsfrühstückssemmeln und -brezen, die grundsätzlich von dem zu besorgen sind, der nicht Geburtstag hat, muss er sich diesmal selbst beim Bäcker holen, eine äußerst grausame Änderung der üblichen Verhältnisse an einem solchen Jubiläumsmorgen, die mir zutiefst leid tut und die auch das ewig leuchtende Licht des Stern des Südens auf dem Gabentisch nur bedingt wettzumachen vermag.


Als Zeichen meines guten Willens meiner Tapferkeit & meiner unendlichen Liebe schleppe ich mich nach dem Frühstück immerhin noch zum Blumenstand um die Ecke und hole dem Gatten ersatzweise ein bisschen blühendes Leben ins Haus, bevor ich mir den Zinkleimverband ums bläulich-pralle Knie kleistere, auf die Reservebank sinke und Sie, liebe Leserinnen und Leser, mit diesem Invalidenbericht zutexte, den ich nun jäh abkürzen muss, weil soeben der Paketbote klingelt und ich noch rechtzeitig zur Wohnungstür gelangen möchte (was hinkend etwas dauert), bevor er die letzte Lieferung, die mir zur Vervollständigung meines Neoprensortiments für eine gelenkentlastende Bewegungszukunft im Wasser noch fehlt (die Handschuhe nämlich), wieder mitnimmt oder womöglich bei den falschen Nachbarn abgibt.

But it’s so hard to dance that way when it’s cold and there’s no music.

[aus: „Hold on“ von Tom Waits – einem jener 10 Songs, die ich mitnähme, wenn ich auf eine einsame Insel verbannt würde und nur 10 Songs dorthin mitnehmen dürfte – er quillt schier über vor Zeilen, an denen ich extrem hänge, nicht nur in lyrischer Hinsicht, und zu seinem Refrain schlüge ich die Kokosnusshälften rhythmisch aneinander, wenn ich hüftwippend, so es die Gelenke noch hergäben, am Sandstrand dem Sonnenuntergang entgegenschwankte.]

Ganz richtig: kalt ist es wieder geworden. Auf den Schwingen eisiger Winde reitet der Winter nun hoffentlich ein letztes Mal durch die Lande.
Wir folgen seinen Spuren, was soll man auch sonst tun, außer die meteorologischen Launen so zu nehmen, wie sie nunmal daherkommen, ein klein wenig irritiert sind wir halt, dass wir binnen einer Woche gleichermaßen intensive Begegnungen mit Sister Spring und Väterchen Vrost zu verzeichnen haben.
Auf der neu entdeckten Privat-Alm in den Garmischer Bergen, auf der der hübsch Bewimperte und ich eben noch leichtbekleidet in die Sonne blinzelnd unsere Kuchenstückchen verzehrten, frieren der Gatte und ich uns bloß wenige Tage später ziemlich den Hintern ab, was aber auch damit zu tun haben mag, dass wir, verschwitzt wie wir nach zwei Stunden Bergtour sind, unsere Ersatzpullover nicht selbst anziehen, sondern das Dackelfräulein damit umwickeln, damit wir wenistens eine kurze Rast einlegen können ohne dass die Hundedame zu zittern anfängt.

Und, um nochmal auf das Waits-Zitat zurückzukommen: die live genossene Musik, sie fehlt mir, und wie, schließlich futtert man ja auch sonst nicht gern dauerhaft Konservenkost.
Wobei ich mich momentan gelegentlich mit Waits zudröhne oder am Willy DeVille berausche (während ich diesen Absatz tippe, höre ich beispielsweise zum wiederholten Mal „The Way We Make A Broken Heart“ – welch göttliche Diktion, und überhaupt: was für ein cooler, begabter Typ mit so einem Mordsorgan, leider braucht man auf seine Live-Auftritte ja nicht mehr zu hoffen).

Kunst im Café Kustermann.

*****

Vor einem Jahr, wir befanden uns gerade mitten in den Nachwehen der wasserschadenindizierten Badsanierung und kurz vor dem Antrittsbesuch der Vorhut einer zähen Psocopterapopulation, wurde der erste Lockdown verkündet.
Krass, ein Jahr Pandemie, und ein Ende noch immer nicht absehbar. Hat niemand hören wollen, als Wissenschaftler das damals genauso voraussagten („Eine Pandemie dauert üblicherweise zwei Jahre.“ )
Als Rückschau sei Ihnen diese vortreffliche Zusammenfassung auf einem benachbarten Blog wärmstens empfohlen, ich hoffe, der Verfasser führt seine gelungene Chronik auch in 2021 fort, ich schätze seinen Schreibstil ebenso sehr wie viele seiner Sichtweisen.

Mittlerweile haben wir nicht nur eine neue Sprache sowie die Kunst der Selfmade-Überbrückungsfrisur erlernt, sondern uns auch die Füße wundspaziert (oder -gejoggt), die Finger wundgekocht (oder -gebacken) und haben einander ungefähr in jenem Maß viel zu selten gesehen, in dem wir einander demnächst oder bereits jetzt viel zu verzeihen haben (wer auch immer die Beteiligten des „einanders“ sein mögen). Kleine oder größere Zerwürfnisse schleichen sich im Schlepptau der Seuche ja auch im Privaten ein – ich möchte wetten, jede/r von Ihnen ist irgendwo in ihrem/seinem näheren Umfeld schon mit einem Virusverharmloser oder Querquengler konfrontiert gewesen.

Seit Monaten treffe ich beispielsweise B. nicht mehr, und das nicht nur, weil man derzeit die Kontakte reduzieren soll, sondern weil B. sehr eng mit Menschen zusammenlebt, die sich nach wie vor fröhlich mit Gleichgesinnten zum Singen oder zu Kaffeekränzchen versammeln, ungern Maske tragen, aber gern unmaskiert und distanzlos zu Protestmärschen gehen.
Er sieht das zwar durchaus kritisch, im Falle des Falles würde mir sein Stirnrunzeln aber nicht viel helfen, außerdem gehört er, wie ich erst jetzt erfuhr, weil wir uns in den zwanzig Jahren unserer Freundschaft schändlicherweise nie übers Impfen unterhalten hatten (wozu auch?), zu denen, die allen Impfungen gegenüber gewisse Vorbehalte (um nicht zu sagen: eine kritische Distanz) hegen, wenn auch nicht wegen Mr. Gates und seinen Mikrochipmachenschaften. Wir gerieten daher im Januar ein klein wenig aneinander, was die jeweilige Bereitschaft zur Injektion eines Vakzins (und den möglichen Konsequenzen daraus) anging, Stichwort: Impfzwang kommt zur Hintertür herein.
Bestenfalls könnten wir nun versuchen, unsere Unstimmigkeiten draußen ausdiskutieren (denn B. mag längeres Telefonieren noch weniger als ich), aber mal ehrlich: Spazierengehen mit anderthalb Metern Abstand haut in den allermeisten Fällen doch eh nicht hin, wenn man sich lange und gut kennt, die wenig frequentierten Wege schmal sind, einem ein kalter Wind um die Ohren pfeift und man normal reden und einander nicht anbrüllen möchte.
In einer Email habe ich ihm meine Haltung erläutert, einiges zu der seinen nachgefragt und meinem Unmut über sein umgangserschwerendes Umfeld Luft gemacht, jetzt schlummert seit 14 Tagen seine ungelesene Antwort in meinem Postfach. Als ich die vierzeilige Textvorschau im Handy erblickte, ärgerte ich mich nämlich so sehr, dass mir die Lust aufs Weiterlesen augenblicklich verging. Ich verschob es auf den nächsten Tag, dann auf den übernächsten und so weiter.
Dabei fiel mir der Freund ein, der kein Freund war: der las manchmal seine Emails monatelang nicht, manche wahrscheinlich sogar nie (und zwar auch solche, die gar keine Antwort auf etwas waren, sondern einfach so eintrudelten). Ich hielt das damals für reichlich bekloppt und paranoid, aber siehe da – nun bin ich auch mal an diesem Punkt angekommen.
Mein Pensum an Coronacolloquien dieser Couleur ist längst erreicht und ich habe gelernt: ab einem gewissen Grad der Meinungsverschiedenheiten oder des Aneinandervorbeiredens kann man sich die Worte sparen und zieht sich besser darauf zurück, dass ja eh noch Kontaktbeschränkung herrscht.
Warten wir also (m)eine Impfung ab oder gleich das Ende der Pandemie, wobei die beiden Ereignisse (wahrscheinlich und hoffentlich) zeitlich einigermaßen zusammenfallen dürften.

Die KoCo19-Studie der Uni München geht gerade in die dritte Runde, auch hier ist kein Ende absehbar. Was insofern gut ist, als ich eh noch etwas üben muss, um mir den Piekser nicht jedes Mal zu tief in die Fingerbeere zu rammen. Ich praktiziere das exakt auf die Weise, in der ich mir als Kind die Pflaster von den Knien abgerissen habe: ratzfatz & mit einem schnellen und festen Ruck, damit es nicht unnötig schmerzt. Bei Blutentnahmen aus der Fingerbeere scheint das aber keine ideale Technik zu sein: diesmal habe ich stundenlang nachgeblutet und die Fingerkuppe tat Tage später, als ich den umfangreichen Fragebogen zur aktuellen Studienrunde ausfüllte, immer noch weh.

*****

Der Papa ist zwischenzeitlich vollends zum Pandemiepessimisten mutiert, der auf jede düstere Prognose von Wieler, Drosten & Co. stets noch eine Schippe drauflegt, natürlich nicht in virologischer oder epidemiologischer Hinsicht, sondern in wirtschaftspolitischer, womit er sich nach wie vor auszukennen glaubt, und ich fürchte (mich an seine Aussagen vom Frühjahr 2020 erinnernd), mit so manchem wird er wohl auch weiterhin richtig liegen.
Morgen werde ich ihn, sofern der Schnelltest nichts Gegenteiliges anordnet, am tief verschneiten Tegernsee besuchen und ihm endlich die Fondant-Eier mitbringen, die er so liebt und die ich neulich in einer Confiserie in Tölz für ihn mitgenommen habe.
Diesmal habe ich mir fest vorgenommen, die Themen Parkinson, Treppenlift & Co. nicht von mir aus anzusprechen, nachdem wir uns unlängst am Telefon in die Haare bekommen haben als er mir die Schnapsidee unterbreitete, sich nun doch nicht bei einer Seniorenresidenz auf die Warteliste setzen zu lassen, weil er (und die Lebensgefährtin) ja dann, wenn es im Haus gar nicht mehr ginge, erstmal in ein Hotel oder in eine Ferienwohnung umziehen könnten, um dort (unter Zuhilfenahme einer Zugehfrau und anderer externer Dienstleister) die Wartezeit auf einen Platz im Altenheim zu überbrücken. Gerade rund um den Lago di Bonzo ist das wirklich ein ausgesprochen cleverer Einfall, der eigentlich sehr gegen eine ökonomische Expertise des Papas spricht.

Der Begriff Pandemiepessimist ist übrigens auf meinem Mist gewachsen, schließlich möchte auch ich mal einen Beitrag zum Seuchensprachschatz leisten, nachdem solche Kracher wie Impfneid oder Masken-Raffke bedauerlicherweise anderen schon eher eingefallen sind als mir.
In dem Kontext ist auch die „atmende Öffnungsmatrix“ (Markus Söder, am 4. März 2021) ganz unbedingt erwähnenswert, nicht zuletzt deshalb, weil ich just an jenem Tag, an dem ich erstmals von diesem Neologismus las, meine persönliche „nicht-atmende Isolationsmatrix“ geordert hatte.

Die Wassertaufe der Ausrüstung für das zwangsweise neue Hobby muss noch etwas warten, zum einen, weil (wie eingangs erwähnt) der Winter wieder zurückgekehrt ist, zum anderen, weil ich die 30-tägige Rückgabefrist voll ausnutzen möchte, um mir darüber klar zu werden, ob die Gummihaut wirklich so sitzt wie sie soll (an dieser Stelle ein herzliches Dankeschön an den Blognachbarn & Neoprenexperten, der mich so geduldig berät), und falls ich das Teil behalte, muss ja noch weiteres Equipment bestellt werden, weil man auch Kopf, Hände und Füße im 10-12 Grad warmen kalten See irgendwie bedecken sollte, bevor man da drin einen oder zwei Kilometer ohne Zähneklappern schwimmen kann.

Ob die Frühlingsschur bis dahin halten wird? Ob ich meinen Friseur in 8 Wochen wohl erneut aufsuchen kann? Das Wiedersehen nach vier Monaten war letzte Woche – so weit ist es schon gekommen! – tatsächlich ein kleines Highlight. Auch für den Friseur, weil der sich über jeden Kunden gefreut hat, der mit einem ähnlich dämlichen Gag wie dem meinigen seinen Salon betrat (eine Kundin kam wohl mit Lamettaperücke, eine andere mit Sturmhaube verhüllt, ich kam komplett maskiert und mit umgehängten Identifikationsschild).

*****

Am vergangenen Wochenende fällt nicht nur einen Tag lang das warme Wasser im Mietshaus aus, sondern auch die neuen Nachbarn gestatten sich ihren ersten Ausfall. Zwei Nächte in Folge ordentlich Krach, bis nachts um 2 Uhr. Wüsste man nicht, dass es Franzosen sind, man würde sie für ein Rudel Italiener halten, so laut, durcheinander und schnell wie die quasseln können.
Ich ringe 36 Stunden mit mir, verfasse dann aber doch ein für meine Verhältnisse überfreundliches (und zugleich sehr direktes) Schreiben und lege es auf die hässliche, ebenfalls recht unfranzösische Fußmatte der Wohnung über uns.
Ja, ich weiß, man sollte reden in solchen Fällen, immer und überall wird einem dazu geraten: man muss reden.
Ganz bewusst habe ich mich diesmal dagegen entschieden zu reden, weil ich nämlich nicht Gefahr laufen möchte, womöglich redend in einer Diskussion mit mir wildfremden Menschen zu landen, die zufällig seit 7 Wochen über uns leben, mit Bodenblick durchs Treppenhaus huschen ohne sich ihrerseits mit den Nachbarn bekannt zu machen und die mir nun zwei Nächte in Folge kolossal auf den Keks gegangen sind.
Da gibt es nix zu diskutieren, sondern lediglich etwas mitzuteilen und eine Bitte zu äußern (und dank Corona hat man ja derzeit einen handfesten Grund, längeres Gerede im Treppenhaus noch mehr zu meiden als ich das eh schon immer tat).
Zur Zeit rede ich ohnehin schon viel mehr als mir lieb ist, aus Gründen, über die ich mich hier nicht näher auslassen möchte, weil das einer mir nahestehenden Person gegenüber zu indiskret wäre.
Jedenfalls bin ich in Sachen Reden momentan am Anschlag, da brauch ich nicht auch noch ein Problempalaver mit französischen Nachbarn italienischen Temperaments.

*****

Nicht nur mit den Nachbarn ist es gelegentlich ein Kreuz, man hat ja auch noch sein innerfamliäres Kreuz zu tragen.
Kommt der Gatte neulich vom MRT-Termin nachhause, die 240 Bilder von seinem Schädel auf einer CD mit im Gepäck, und aus Neugier stecken wir den Datenträger gleich ins Laufwerk, klicken einfach mal irgendwo hinein in diesen schwarzweißwinzigen Kästchensalat, weil vielleicht erkennt man ja irgendwas, auch wenn man außer längst verstaubten Schulwissensresten nicht mehr viel parat hat zum Thema Gehirn.
Ein Doppelklick öffnet das jeweilige Bildchen und vergrößert es sofort bildschirmfüllend. Beim zwanzigsten Klick erkennen wir plötzlich etwas, erschrecken und finden es dann doof, dass es bis zur Besprechung der Aufnahmen mit der Neurologin noch über eine Woche dauert.

Unverantwortlich von dem Radiologen, einen mit so einer Horrorsache heimzuschicken, erst recht in Zeiten wie diesen, finden Sie nicht auch?
(Um das gleich auflösen: inzwischen gab es Entwarnung. Unsere Interpretation war blanker Unsinn und im Oberstübchen des Gatten befindet sich nichts, was dort nicht auch sein sollte, zumindest aus neurologischer Sicht.)

In den überschaubaren Schlafphasen zwischen den nächtlichen Gelenkschmerzattacken träume ich derzeit viel und intensiv, leider nur selten verständliche oder vollständige Geschichten, es handelt sich eher um einzelne Episoden ohne richtiges Ende. So träume ich beispielsweise von einem weiteren Wasserschaden in unserer Wohnung, der meinen gesamten Kleiderbestand ruiniert, generell kommt häufig irgendwas mit Wasser vor, aber auch von nebligen Gassen in Bad Gastein, in denen ich etwas finde, von dem ich gar nicht wusste, dass ich es überhaupt suche, träume ich. Oder von grünen Holzbooten mit Hundekörbchen im Heck sowie von der leicht zernäselten Stimme Karl Lauterbachs, die mir im Radio eine Parabel von Kafka vorliest während ich Rosenkohl putze und von einer Begegnung mit einem feschen Fremden, der aussieht wie Johnny Depp zu jenen Zeiten, als Johnny Depp noch so aussah wie Johnny Depp und nicht wie ein trauriges, verdörrtes, bleiches Nachtschattengewächs.

Tagsüber rede ich zu viel, schreibe zu wenig, und komme insgesamt nur bedingt zu dem, wozu ich kommen möchte oder sollte, die Alltagsroutinen leiden aber nicht allzusehr darunter.
Das Akkordeon ruht im Augenblick, ich war an einem Punkt angelangt, an dem ich neuen Input und Unterricht bräuchte, aber mein Lehrer mit dem schönen bayrischen Namen sitzt gelockdownt irgendwo an der Grenze zur niederbayrischen Provinz und alleine schaffe ich das mit Lili Marleen nicht.
Einmal pro Woche geht’s nach Möglichkeit auf einen Berg und ebenfalls einmal geht’s auf die Yogamatte. Dazwischen die üblichen Runden im Park, zur Abwechslung gestern sogar mal in entgegengesetzter Richtung. Und kaum ändert man etwas, da rächt sich das auch sogleich, denn indem ich eine der Parkbänke mal aus anderer Perspektive sehe, kann ich zwangsläufig erkennen, wer auf ihr sitzt. Und das ist ausgerechnet R., einer der fünf Männer in meinem Leben, die meinten, mich heiraten zu wollen, was freilich – und ich sage das ohne jede Koketterie – nicht nur grob fahrlässig, sondern ein grober Irrtum war bzw. spätestens nach Umsetzung des Vorhabens sich als ein solcher erwiesen hätte (und es 1x auch hat), zumindest bei vieren von ihnen (am absurdesten seinerzeit der Antrag von U.: der kam zwei Jahre nach dem Ende unserer katastrophalen Beziehung mitten in eine schon länger andauernde Funkstille hinein, und das auch nur, weil ihm zu Ohren gekommen war, dass der Gatte auf der Matte stand).
Glücklicherweise sieht R. mich nicht (oder tut so als ob er’s nicht täte), er starrt stur in seine To-go-Lunch-Box, ich denke noch kurz, wie alt er doch geworden ist (7 Jahre nicht gesehen) und ändere umgehend meine Laufrichtung.
Abends essen wir nach wie vor gut und reichlich, sogar ein paar neue Gerichte bereichern zwischenzeitlich den Speiseplan.
Zu fortgeschrittener Stunde stürzen wir uns meist auf unsere derzeitige Serie „Better call Saul“ , Staffel 4, glaube ich, der Gatte wüsste es genauer, weil das ja sein Metier ist. Dieses Kleingangstermilieu lässt mir wie schon so oft das Herz aufgehen, ich gestehe, dass mich gewaltfreies Ganoventum wirklich anspricht und manche der gelungenen Gaunereien gehen mir danach noch tagelang durch den Kopf. In jedem Fall ist die Serie ein wunderbarer Kontrapunkt zur vorherigen, die „In Therapie“ hieß und nach der ich beinahe auf ungute Weise süchtig war und häufig schlecht oder wirr träumte.
Ab und an sehe ich mir abends auch Natur- oder Tierfilme an, der Anblick sich an den Westküstenstränden Irlands paarender Kegelrobben oder ausgedehnte Adlerflüge über die Walliser Alpen bescheren mir wenigstens ansatzweise das, was früher mal ein Saunabesuch bewirken konnte, sofern kein Frauenratschclub in den Schwitzkammern schwatzte: Ruhe, Tiefenentspannung, Regeneration.

*****

Der Kalender offenbart heute noch ein weiteres Jubiläum, das wesentlich feiernswerter ist als der Jahrestag des Virus‘ oder des Lockdowns Nr. 1: Am 17. März vor neun Jahren fuhren wir aus einem kleinen Dorf im Landkreis Erding bei strahlendem Sonnenschein (und ebensolchen Gesichtern) mit einem fast frisch geschlüpften, total entzückenden Minihund auf dem Schoß nachhause.

Und der Alltag wurde ein ziemlich anderer als zuvor – so viel haben sie dann immerhin doch gemeinsam, diese beiden heutigen Jahrestage.

Strohwitwenabend (Lockdown-Version).

Nur die Gischt, Herr Störtebeker und ich. Krasse Sache.

Selbstverständlich mit Maske, wo denken Sie hin?!

Die Kunst der Fuge (und was man sonst so treibt).

Abends ein Telefonmarathon von Couch zu Couch (1x Berlin, 1x München), aufgrund der Länge und der Themen fühlte sich das fast an wie ein richtiges Treffen.
Nebenbei bescherte das Gespräch die erfreuliche Erkenntnis, dass auch andere Menschen dem Bedürfnis nachgeben, diverse Listen zu führen, deren Nutzen und Notwendigkeit objektiv betrachtet als fragwürdig bezeichnet werden könnte.

Danach im Bett liegend gleich die Liste meiner persönlichen Widerwärtigkeitsworte ergänzt, in der medialen Peripherie der Pandemie stößt man derzeit ja fast täglich auf neue Fundstücke, derer ich mich durch Niederschreiben zu entledigen versuche. Nun neu auf der Liste: geshutdownt (überhaupt: dieser gesamte anglizismenlastige Seuchen-Sprech gehört komplett auf den Index gesetzt, genauso wie das Wort Sprech selbst), Inzidenz-Hotspot (brr!), Knuffelkontakt (bäh!), Winterwonderland (warum muss nur immer alles so überhöht werden? und wenn schon: warum geht das nicht in unserer Sprache?), Krisenfrise (frisch aus dem kommunikativen Komposthaufen des Morgenradiomoderatorenhumors).

Tagsüber hämmert, schleift und bohrt Lolek unterstützt von seiner unverwüstlichen Verwandtschafts-Gang schon seit letzter Woche wieder in der Wohnung über uns herum, der Gatte ist nach Frankfurt in die menschenleere Universität geflohen und ich lasse mir jeden zweiten Tag Schnee in die Ohren rieseln und bade in der Stille der weißen Flöckchen.
Ende Januar wird die Bude fertig sein, dann droht nahtlos der Einzug der neuen Nachbarn, eine vierköpfige Familie, Franzosen wohl, wie Lolek mir verriet. Spontan eine Assoziation: dass die bestimmt dezenter und leiser sind als die trampeligen und laut krakeelenden Südländer, freilich sind das alberne Vorurteile und dennoch hätte ich nichts dagegen, sie träfen in diesem Fall zu.
Wir werden es sehen bzw. hören.

Da die 7-Tage-Inzidenz hier in München noch unter 200 liegt und man noch ohne Bußgeldbefürchtungen zu Sport und Bewegung ins Voralpenland fahren darf, nach einem Tag Pause zu dem Schönwetterbergtag gleich wieder eine Schnee-Expedition gemacht. Endlich mal die Leib-und-Magen-Rundtour des hübsch Bewimperten ausprobiert, sehr schöne Sache, wirklich.
Bei Sonnenschein sicher noch viel schöner, denn von der Aussicht, die man dort haben könnte, war vor lauter Schneewolken nichts zu sehen (siehe grau-weiße Bildergalerie etwas weiter unten im Beitrag). Dafür sorgten Himmelsgrau und Wochentag für absolut freie Strecke und während sich daheim in der Stadt der Schnee bereits in eine braune Brühe verwandelt hatte, konnten D. und ich und das Dackelfräulein dort draußen durch den Pulverschnee wedeln.
Ist die 200er-Marke dann überschritten, und ich tippe hierfür auf Ende der kommenden Woche, muss man sich zum Gassigehen und Schneesuchen an eine neue Landkarte gewöhnen:

Wobei ich jetzt keinesfalls jammern möchte, denn nie war es beruhigender, den einzigen Verwandten ausgerechnet am Tegernsee wohnend zu wissen, weil man (Stand Söder, von vorgestern) den selbst dann noch besuchen darf, wenn hier wie dort die 15-Kilometer-Regel gelten sollte (dort, im Landkreis Miesbach, tut sie’s bereits!), nicht auszudenken, es hätte den Papa 60 km in die entgegengesetzte Richtung verschlagen, weil was sollte man in Zeiten wie diesen, in denen es einen so nach Ästhetik dürstet, man diese außerhalb der eigenen vier Wände und der dort genossenen Bilder, Buchstaben oder Bässe, von denen so ein Akkordeon ja gottseidank stolze 72 bietet, nur in der freien Natur findet, die aber seit Wochen und Monaten noch mehr als sonst unter dem Ausflüglerandrang ächzt, so dass es oft detektivischen Spürsinns bedarf, Spazier- oder Wanderwege zu finden, auf denen es sich befreit durchatmen und das Weltgeschehen mal ein Weilchen ausblenden lässt, was also sollte man ausgerechnet in Zeiten wie diesen in einem Kaff wie beispielsweise Wolnzach, da bin ich doch wirklich froh, dieselben 60 km ins Tegernseer Tal fahren zu dürfen.

Das Schwimmen, es muss mal wieder gesagt werden, fehlt schmerzlichst. Ich habe aufgehört, die Wochen zu zählen. Sowohl in die eine Richtung (wie lang ist das letzte Mal her) als auch in die andere (wann wird es wohl wieder möglich sein). Der Schultergürtel ein Brett, der Nacken knackt, die Hüfte zwickt.
Bergsport ist großartig, aber man kann ja (leider) nicht dreimal die Woche ins Auto steigen, um zwei- bis vierstündige Touren im Voralpenland zu unternehmen, da kommt man nämlich sonst zu gar nichts mehr und tut trotz aller CO2-Freundlichkeit und Spritsparsamkeit des Autos der Umwelt nichts Gutes.
Vollends zuhause und in meinem Element bin ich nunmal im Wasser. Und ohne Wasser kein Leben, das ist ja bekannt.
Auf der Homepage der Münchner Bäderbetriebe, die die Kundschaft alle paar Wochen mit lieb gemeinten Durchhalteparolen zu trösten versuchen („Wir vermissen Euch, bleibt gesund!„), kommentiert dieser Tage eine Ärztin: „Ich vermisse euch auch und hoffe, wir sehen uns dann Ende Juni wieder.
Ende Juni?!? Woher hat die das? Wie kommt die da drauf? Ist das realistisch?

So gut es geht schiebe ich diese (Luxus-)Sorgen beiseite und blende Fragen, auf die jetzt eh niemand eine Antwort hat, aus. Freue mich an dem, was noch geht, fokussiere mich auf Anderes und Neues.
Bestelle beispielsweise Sanitärsilikon und erneuere die Fuge an der Badewanne des hübsch Bewimperten. Ein Projekt, das mehr Zeit und Nerven kostet, als wir beide dachten. Nachdem der Fugenhai seine Arbeit getan hat, stellen wir fest, dass der Vormieter ca. drei Liter Silikon in dem Spalt zwischen Wanne und Wand versenkt hat. Da die Baumärkte geschlossen haben, muss die eine Kartusche, die ich besorgt habe, ausreichen. Also werden aus Styropor ein paar Balken gesägt, um Hohlräume aufzufüllen und trotzdem ist anschließend noch eine dermaßen dicke Silikonwurst nötig, dass der Dichtstoff ausgeht und eine zweite Kartusche bestellt werden muss (absurd: Sanitärsilikon in weiß ist deutschlandweit nahezu ausverkauft, offenbar ist Verfugen ein typischer Lockdown-Lückenfüller oder eine nur allzu menschliche Reaktion auf die aus den Fugen geratene Situation – Silikonieren als Sinnbild der subjektiven Seuchenbekämpfung in unseren häuslichen Sanitärzellen, was weiß ich…?).
Ich klebe den gesamten Wannenrand mit Folie ab, damit der Freund bis zur Vollendung des Werks duschen kann. Mit der zweiten Kartusche geht es eine Woche später weiter, immerhin kann man jetzt verschwenderischer agieren.
An den zwei langen Abenden, an denen ich mich der Kunst der Fuge widme, kauert der hübsch Bewimperte stundenlang vor seiner Nähmaschine oder auf dem Fußboden, um den Prototyp der Lodenmäntel für unsere Hundefräuleins zu entwerfen, anzupassen und zu nähen. Dazwischen bestellen wir Pizza, machen Yoga, spielen mit den Hunden und erzählen uns unser Leben.

Auch mit D., meiner anderen Corona-Bezugsperson, ehemals enge Freundin genannt (ich treffe ja, wie schon im Frühjahr 2020, seit drei Monaten konsequent nur noch zwei haushaltsfremde Menschen) ein Nähprojekt, hier ohne Pizza und Yoga, stattdessen mit Weißwurstfrühstück und Tiefschneespaziergang durchs Stadtviertel.
Man schätzt die Talente und Nähe der Freunde jetzt nochmal mehr (oder entdeckt sie ganz neu), jede/r tut, was er/sie kann, gemeinsam ist man so ein Stück unabhängiger von der weitgehend geschlossenen Infrastruktur da draußen.
(Nächstes Projekt: Wir bestellen zwei Friseurscheren und üben uns halt mal in dieser Handwerkskunst.)

Dank Hund sind auch lange, mit den Corona-Bezugspersonenen verbrachte Abende nach wie vor möglich, das nächtliche Heimspazieren nach 21 Uhr läuft unter Handlungen zur Versorgung von Haustieren und wird nicht geahndet.
Diese unfassbare Stille der Stadt um 23 Uhr ist immer wieder ein Erlebnis, manchmal allerdings auch ein unheimliches, denn wenn man eine Viertelstunde lang, mitten im Herzen der Stadt deren Puls weder hört noch spürt, maximal zwei anderen Gassigehern und einer leise durch die Lautlosigkeit der Straßen gleitenden Polizeistreife begegnet, hat das was Gespenstisches.

Das Glück des Hundhabens fühlt sich momentan aber vor allem aus einem anderen Grunde besonders groß an.
Kurz vor dem Tumorkontrolltermin in der Tierklinik, bei dem auch der operative Eingriff vereinbart werden sollte, tasten der Gatte und ich die beiden Knoten an Pippas Brust nochmal selbst ab und staunen nicht schlecht – beide Umfangsvermehrungen haben binnen zwei Wochen ihren Umfang reduziert, die eine sogar deutlich (um gefühlte 60-70%). Die Tierärztin staunt ebenfalls, denn damit ist aus der winzigen Chance, die sie Anfang Dezember erwähnte (zugleich aber empfahl, uns nicht an sie zu klammern), höchstwahrscheinlich nun doch eine Tatsache geworden: die erbsengroßen Verhärtungen, die sich verkleinert haben, dürften einer Lactatio falsa entsprungen sein, eine Art verfrühter, verkaspelter Milchstau während der Scheinträchtigkeit und vor dem fiktiven Wurftermin, der sich, wenn die Hündin dann die Wochen der Pseudo-Mutterschaft durchlebt, wieder auflöst. Nach dieser Botschaft löste ich mich ebenfalls auf, und zwar in Tränen, und die Nierenschmerzen, die mich wochenlang gequält hatten, waren plötzlich verschwunden.

Wir verließen die Tierklinik also ohne OP-Termin in der Tasche, sondern mit dem Rat, das, was von den Knoten noch übrig ist, alle zwei Wochen durch Abtasten zu kontrollieren, und falls nach Ende der Scheinmutterschaftswochen dann gar nichts mehr zu spüren ist, wären wir dem Tumor-Thema tatsächlich erstmal von der Schippe gesprungen.
Sollten die Knoten allerdings nicht komplett verschwinden, muss das Fräulein der Ärztin erneut vorgestellt werden (nun besteht die winzige Chance nämlich in anderer Hinsicht… – dann war es doch nichts rein hormonell Bedingtes, aber daran wollen wir jetzt wirklich nicht denken).

Und so genieße ich es im Augenblick mehr denn je, dem Dackelfräulein zuzugucken, wie sie durch den Pulverschnee pflügt, unter der Schneedecke den einen oder anderen Tannenzapfen ausbuddelt und ihre Beute ausgelassen herumwirbelt, oder so viele weiße Kügelchen an Bauch und Pfoten kleben hat, dass sie aussieht wie ein Büffel mitten im übelsten Fellwechsel und nicht mehr weiterlaufen kann vor lauter eisigem Behang, mich dann hilfesuchend an die Wade stupst, damit ich sie von den Eisbommeln befreie oder – weil ich warme Hände behalten und mir das Gepfriemel ersparen möchte – sie gleich unter meinen Goretexmantel packe (wo das ganze Kugellager von ihr abtaut, bis sie schön trocken und mein Bauch unschön patschnass ist), oben den Reißverschluss knapp unter ihr Nicht-Kinn hochziehe, unten den Gürtel enger zurre, damit sie nicht rausrutscht, und so mit ihr vor die Brust geschnallt wie eine Kängurumutter den watteweichen Winterhang hinuntersurfe.

So that was Christmas (II).

Am Morgen nach dem Fest.
White Christmas in the Valley of Kreuth (near Sevenhuts).
Man beachte den dezenten Partnerlook.
Wildbad Kreuth: Jahrzehntelang die Tagungsklause der CSU, demnächst ein „Mental Retreat“.
(Merke: Willst Du über 200€ fürs Zimmer verlangen, muss Dein Hotel einen englischen Namen bekommen
oder einen Artikel davor oder einen Punkt dahinter.)

Nach dem Winterspaziergang geht’s zurück in die Stadt.
Auto ausladen, alles in Nullkommanix aufräumen. Feldsalat waschen. Erwähnte ich hier, glaube ich, noch gar nicht, dass ich seit Wochen süchtig bin nach Feldsalat. 3x die Woche eine Riesenportion davon, mindestens! Ich begrüße und bestaune diesen Trend, denn Zeit meines Lebens war ich ausschließlich süchtig nach Nahrungsmitteln, die zu fettig, zu salzig, zu süß oder aus anderen Gründen ungesund sind.
Wahrscheinlich bin ich jetzt erwachsen oder vernünftig oder sonstwie auf dem absteigenden Ast.
Der Gatte macht lecker Nudeln dazu und hat endlich mal Urlaub.

Nach dem Essen beginnt unser persönliches Weihnachtsfest.
Wir sinken zum Serienmarathon tief in die Couch, und ich freue mich, dass ich den neuen Smart-TV tatsächlich zum Laufen gebracht habe (der alte Fernseher gab doch glatt vier Tage vor Weihnachten den Geist auf, einen dämlicheren Zeitpunkt hätte er sich wirklich nicht aussuchen können, was sich der DHL-Bote auch gedacht haben wird, als er das neue Monster bis zu unserer Tür schleppte).

Wo der Lindwurm tobt.

Sofern Sie zu den Vernünftigen gehören, die sich gerade nicht an den letzten Ladenöffnungsminuten laben, haben Sie ja vielleicht ein wenig Zeit und Muße für ein kleines Filmchen, das Ihnen anschaulicher als jedes Gerede oder Geschreibe meinen Gemütszustand nahebringen wird (bitte drehen Sie für einen möglichst authentischen Eindruck zuvor die Lautstärke an Ihrem PC/Laptop/mobilen Endgerät voll auf):

Nun soll dieser Helikopter-Höllenkrach aber nicht nur eine schnöde Metapher für mein etwas aus den Fugen geratenes inneres Gleichgewicht sein, nein, nein! Sondern aktuell vermag auch nichts unsere häusliche Situation in dieser ohnehin schon an Besinnlichkeit kaum zu überbietenden Vorweihnachtswoche trefflicher zu beschreiben als so eine Bell UH-1 während der Startphase.

Gestern Morgen, ich war noch im Nachtgewand, läutet Lolek bei uns. Vertraut wie wir ja nach diesem intensiven gemeinsamen Jahr längst miteinander sind, öffne ich ihm selbstverständlich trotz dieses Outfits die Tür.
Heute werden ganze Tag sehr laut“ , krächzt er nach einem schnellen Morgensalut (= riesiger Werkzeugkoffer knallt auf Treppenhaussteinboden) unter seinem Schirmmützchen hervor. Ich lächle müde und entgegne ihm mild: „Aber Lolek – es war doch schon die letzten beiden Wochen fast jeden Tag sehr laut!„. Mein Lieblings-Pole senkt den Blick und meint: „Aber heute sehr, sehr laut – mussen fräsen Estrich. Hoffen, fertig in drei Tage.
Ich nicke, weil mir keine andere Reaktion einfällt, wir wünschen uns jeweils einen guten Start in die Woche, ich schließe die Tür und schlurfe in die Küche zurück. Mein Morgenhorizont reicht gerade mal bis zum Toaster und unter „Estrich fräsen“ kann ich mir spontan und um diese Tageszeit noch nichts Konkretes vorstellen.

Keine fünf Minuten später ändert sich das schlagartig. Lolek und Bolek werfen die Höllenmaschinen in der Wohnung über uns an, die Wände unserer Wohnung vibrieren, wir fürchten um die schweren, gerahmten Bilder und plärren uns zu, ob und wie wir das nun ganztags aushalten sollen (geschweige denn bei dem Lärm arbeiten), das Fräulein kreucht verschreckt durch den Flur und guckt uns hilfesuchend an.
Man hätte es ahnen sollen: Spricht der Pole von einem Arbeitstag, ist damit schließlich keine poplige Nine-to-five-Schicht gemeint, sondern ein Einsatz, der sich mühe- und pausenlos von 7 Uhr morgens bis 20 Uhr abends hinziehen kann, wenn zwischendurch nicht die Zementsäcke oder die Sobieskis zur Neige gehen. Analog verhält es sich offenbar mit der Ankündigung, es würde „sehr, sehr laut“ werden.

Dem Gatten, dem an diesem Vormittag noch ein Zoom-Meeting und eine Vorlesung bevorstehen, platzt der Kragen und er ruft umgehend und mitten aus dem Hubschrauberlärm den Vermieter an.
Es ist ja in Zeiten von Homeoffice und Lockdown-light schon ärgerlich genug, dass eine mehrwöchige Renovierung mit keiner Silbe vorher bekanntgegeben wird, aber diese Beschallung schlägt dem Fass nun endgültig den Boden aus und die Aussicht auf mindestens drei solcher Hubschraubertage in Folge bringt den Kreislauf binnen Sekunden vermietertelefonattauglich in Schwung.
Ja, das ist blöd, aber da müssen wir halt jetzt durch“ , lautet die Devise des Hauseigentümers – dabei ist der Punkt doch der, wer von uns ganz praktisch betrachtet eigentlich da durch muss und ob dieses Da-durch-Müssen nicht (s)einen Preis hat und wenn ja, wer den zu bezahlen hat.

Nach einigem Hin und Her und etlichen, in und bei brüllender Lautstärke absolvierten Telefonaten, ziehen wir mit Sack und Pack (Laptops, Netzkabeln & Co., Verpflegung bis zum Abend, Hundekörbchen & dazugehörigem Hund etc.) in ein fußläufig entferntes Hotel, das seine Zimmer tagsüber an heimatlose Homeoffiziere vermietet. 30€ pro Zimmer, 10€ für den Hund, gratis Kaffee, Wasser und WLAN.
Kann man nicht meckern, im Gegenteil: ist durchaus ein toller Tipp für all die, denen zuhause die Decke auf den Kopf fällt, sei es renovierungsbedingt oder weil einem der eigene, energiegeladene Nachwuchs oder die klavierklimpernde, kurzarbeitende Nachbarin auf den Keks geht.

Das Hotel um die Ecke kennen wir schon, da wir hier die letzte Nacht vor dem Ende der großen Wasserschadensanierung zugebracht hatten. Hello again!
Zur Begrüßung gibt’s einen Formularberg (zur Dokumentation, dass sie auch ja nicht zu touristischen Zwecken vermieten), es folgen zwei nebeneinander liegende Zimmer (damit es sich auch ja anfühlt wie zuhause und man den Partner z.B. bei technischen Problemen wie gewohnt fluchen hören kann), zwei nicht auf Anhieb funktionierende Türkärtchen und zwei aus der guten Togobohne frisch aufgebrühte Heißgetränke – und schon geht’s auf in den Tag!

Geschmeidiger könnte eine neue Woche kaum starten!, denke ich ganz kurz bei Betreten meines in erheiterndem Dunkelgrau gestrichenen Zimmers, aber es bleibt gottseidank keine Zeit für weiteres verdrießliches Vertiefen in dieses Zwischenfazit, weil ich schon wieder meinen Rucksack umpacken und mich auf den Weg machen muss. Zum Tierarzt.
Ein Termin, den ich ursprünglich deshalb vereinbart hatte, um mir zu der beim Dackelfräulein diagnostizierten Umfangsvermehrung eine Zweitmeinung einzuholen. Dann aber bekam der Termin am dritten Advenstssonntag eine neue Dimension, als wir feststellten, dass der Umfang der Umfangsvermehrung sich binnen einer Woche spürbar vermehrt hatte – und, was uns einen noch viel größeren Schreck einjagte, auch noch Gesellschaft bekommen hatte von einer zweiten, zwar kleinen, aber ebenfalls merklichen Umfangsvermehrung in der Nähe der ersten (Advent kommt ja bekanntlich von advenire).

Quer durch die Stadt also zu der Praxis, das Fräulein gar nicht begeistert, als es kapiert, wohin die Reise geht und meine Wenigkeit (ein Begriff, den ich selten als passender empfand, u.a. aufgrund der Entdeckung, dass trotz enger geschnalltem Gürtel die Jeans wirklich arg locker sitzt) ebenfalls gar nicht begeistert, als ich kapiere, dass meine Einschätzung erneut korrekt war.
Mit zwei kleinen Tumoren und einer großen Beratung verlassen wir beide reichlich bedrückt die Tierärztin, draußen im Park drückt es die restlichen Tränen, die ich mir im Behandlungszimmer verkniffen hatte, auch noch hinaus und die Stimmung sinkt trotz ein paar erster wärmender Sonnenstrahlen seit Tagen unter den Gefrierpunkt.
Auf dem Nachhauseweg, der nun nicht mehr nachhause, sondern zum Hotel führt, schicke ich dem Gatten eine Nachricht, dass ich vor Hunger sterbe, was den ersten guten Moment dieses Tages zur Folge hat – bei Ankunft im Hotel erwartet mich eine köstliche Pizza, die genau so ist, wie ich Pizza liebe: dicker, krosser, mit ein paar leicht angekokelten und aufgeplatzten Blasen versehener Rand, wenig Belag, schön warm und in verzehrfreundliche, ordentliche Achtel vorgeschnitten.

Nach dem gemeinsamen Mittagsmahl im neuen Homeoffice des Gatten ziehe ich nach nebenan um, telefoniere in Sachen Mammatumoren mit der Freundin und falle anschließend auf dem Hotelbett in ein Kurzkoma.
Bis Anfang Januar brauche ich Klarheit, wie viel wir da nun operieren lassen werden. Von vier Optionen, die mir die Veterinärin erläutert hat, scheidet für uns lediglich eine ganz klar aus. Das Kopfzerbrechen, das die übrigen drei noch bescheren werden, dürfte die Energie, die noch via Weihnachtsgebäck einverleibt werden wird, deutlich übersteigen.
Ich habe eh noch nie verstanden, wie Menschen in Kummerphasen zunehmen können, mir schnürt es da von jeher den Magen zu.

Was ich auch nicht verstehe und mir seit Monaten immer mal wieder Kopfzerbrechen beschert: Wie kann das eigentlich sein, dass Asien manch einem Deutschen (oder Europäer?) nur dann als Inspirationsquelle taugt, wenn es drum geht, sich ein bisschen Zen-Zauber in den eigenen Garten zu holen, selbstgetuschte Haikus über den Futon zu hängen, Reizdärme in der TCM-Klinik behandeln zu lassen oder daheim auf dem Kapokkissen kauernd das blockierte Wurzelchakra im Dufte der räucherstäbchenbestückten Buddhafiguren wegzuatmen?
Wenn das doch so anregend, beglückend und heilsam ist, wieso dann nicht auch mal nach Asien schauen, wie sie dort mit so einer Pandemie umgehen? Und sich da was abschauen?! Da mault keiner herum, was die Maskentragerei angeht (oder wähnt sich deshalb gar dem Erstickungstode nahe), die sitzen bereits wieder in Großgruppen gemeinsam im Kino und Lokalen (dazu hier ein Lektüre-Tipp).

Und sonst so?
Nicht allzu viel, reicht ja auch so schon.
Der Papa zerbricht sich den Kopf übers Weihnachtsessen und seine Lebensgefährtin weint dem Schäufele nach, das es sonst immer gab, mit uns aber nicht geben wird. Wie früher (fast schon vergessen) ist Weihnachten die Zeit der familiären Kontroversen.
Die Jugendliebe wurde tagelang mit Sauerstoff versorgt, hat das Wiener Spital zwischenzeitlich wieder verlassen, hängt nun daheim in den Seilen und hofft auf baldige Rekonvaleszenz. Mit dem in Aussicht gestellten Erbe wird es also gottseidank nichts.
Der hübsch Bewimperte hat edlen Loden bestellt und möchte unseren Hundedamen was auf den Leib schneidern, im Gegenzug werde ich ihm meinen Fugenhai vorführen, d.h. wir begeben uns wohl an den Feiertagen mal zusammen in Klausur und werkeln ein bisschen.
Der Gatte ist nach nur einem Tag Hotel-Homeoffice aufgrund diverser technischer Imponderabilien, auf die näher einzugehen ich mir und Ihnen erspare, heute Morgen nach Frankfurt gereist, um dort seine letzten Dienstgeschäfte und Vorlesungen für dieses Jahr ohne Störung und in einer mehr oder weniger menschenleeren Universität zu erledigen. Das Bahnticket werden wir, wie alle anderen Sonderausgaben dieser Helikopterwoche, dem Vermieter zur Erstattung weiterreichen.
Vor den beiden Friseurläden in der belebten Lindwurmstraße, in der auch das Homeoffice-Hotel liegt, sind ganztags lange Schlangen zu verzeichnen. Dutzende Männer stehen an, um sich das Haupthaar ein letztes Mal in diesem vertrackten Jahr stutzen zu lassen. Und sie stehen eng beisammen, ratschend und rauchend.

Mein Handy klingelt.
Lolek ruft an und teilt mit, dass für heute Ruhe an der Fräsfront ist und wann morgen Früh der Hubschrauber wieder starten wird.
Das kleine Hündchen und ich spazieren durch die dunkle Lindwurmstraße heimwärts. Von irgendwoher dringt Gehupe und Geschrei in meine Ohren. Als wir uns unserem Wohnhaus nähern, erklärt sich dessen Ursache: Auf der Theresienwiese findet unter Mordsgetöse eine Demo statt.
Es gibt keine Katastrophe, weil es keine Krankheit gibt. Die Krankenhäuser sind genauso belegt wie jeden Herbst und Winter. Wir lassen uns nicht verarschen. Dieser Lockdown ist ein Verbrechen an den Menschen und der Menschheit. Wir lassen uns nicht in Ketten legen.
Ein Großaufgebot der Polizei umkreist das Spektakel und wird die Versammlung in Kürze auflösen, da die meisten ohne Abstand und Maske unterwegs sind.

Ich wünsche Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, einen guten Abend und mir, in sofortigen, tiefsten Winterschlaf zu fallen, nichts mehr zu hören und zu sehen, und erst dann wieder aufzuwachen, wenn das Dackelchen tumor- und die Theresienwiese dummheitsfrei ist.

Song des Tages (63).

Stabiler Stimmungseinbruch mit zeitweisen Zwischenhochs.
So in etwa ließen sich die anderthalb Wochen seit dem letzten längeren Eintrag hier zusammenfassen.

Die Pandemie hat nach neunmonatiger Tragzeit nicht nur einen zweiten Lockdown geboren, sondern auch zu etlichen Zerwürfnissen geführt. Menschen, die einem nahe waren, sind plötzlich fern (und umgekehrt), die einen glauben dies, die anderen das, manche nehmen die Maßnahmen ernst, andere handhaben es eher locker, allzu genau kann man es oft schon gar nicht mehr einschätzen, weil man sich ja seltener oder gar nicht mehr sieht (und Telefonate oder Emails sind auf Dauer nicht dasselbe wie echte Begegnungen).

Ein Teil dieser Differenzen lässt sich nicht mehr mit diesem Mix aus Milde und Leichtigkeit ignorieren, den ich mir als Studentin in den Neunzigern gestattete, als mein damaliger bester Freund sich um ein Stipendium bei der Adenauer-Stiftung beworben und sich politisch entsprechend positioniert hatte, ansonsten aber noch ganz der war, als den ich ihn kennengelernt hatte. Da stichelte man manchmal herum, diskutierte sich die Ohren heiß oder umschiffte elegant ein paar heiklere Themen (oder rettete sich auf das Terrain des Humors), wandte sich aber überwiegend dem zu, was miteinander gut ging und schön war: Konzerte, Theater, Literatur, Kneipenbesuche, Spaziergänge, Weinfeste, Spieleabende mit Freunden.

Und nun?

Nun praktizieren wir Kontaktreduzierung, und das noch dazu in kulturreduzierter Form, d.h. ohne einen Großteil der gewohnten Lokalitäten und Inspirationsquellen. In diesem reduzierten (Er-)Lebensraum (unter dem der eine mehr, der andere weniger leidet) scheiden sich nun die Geister an Corona, und sie tun es heftig, und ich fürchte, es wird noch heftiger werden.
Die Frau eines langjährigen Freundes versinkt immer tiefer im Verschwörungskosmos (und der Freund verzweifelt allmählich), ein anderer Freund teilt polternd mit, er halte von diesem Drosten rein gar nichts (und hüllt sich auf meine Frage nach dem Warum nachhaltig in Schweigen), ein dritter lässt durchblicken, dass er das Buch von Bhakdi quer(! 🙂 !)gelesen habe und da durchaus was dran sein könne (man müsse halt offen sein und nicht immer nur Mainstreammedien… usw. – na, Sie wissen schon).

Im Supermarkt kriegen sich die Leute in die Haare (Gänge zu schmal, Eile zu groß), im Mietshaus verschärft sich das Müllproblem (Tonne zu klein, Amazonkartonmenge zu groß), in der Blognachbarschaft geht das Gekeife los, sobald ein Blogbeitrag klar Position bezieht (Hirn zu klein, Goschn zu groß – was man halt wechselseitig so voneinander behauptet, wenn man intensiver über Corona zu sprechen versucht und die Meinungen diametral auseinander liegen).

Mehr und mehr mache ich die Schotten dicht.
Bin des Diskutierens müde, bin überhaupt ständig müde. Pflege meine beiden Jenseits-des-eigenen-Haushalts-Kontakte, überwiegend im Freien, wenn es denn nicht zu bitterkalt ist da draußen.
Igel mich ein mit dem Gatten und dem Dackelfräulein und meinem neuen Gefährten, dem Akkordeon.

Ein so wunderbares Instrument! Und es liegt genau dort auf, wo ich wohne, am Solarplexus, der einzigen Körperstelle, an der ich das, was man gemeinhin das „Ich“ nennt, am deutlichsten ehesten spüre (andere Ichs wohnen wohl eher im Kopf oder im Bauch, wie man so hört) und ich bin sicher, dass das mit ein Grund war, der mich genau zu diesem Instrument greifen ließ.
Mein erstes Etappenziel – bis Weihnachten das Mietshaus mit „Jingle Bells“ zu beschallen (Süßer die Rächer nie klingen!)- ist bereits in greifbare Nähe gerückt und überhaupt empfinde ich oft reinste, kindliche Freude beim Üben dieser schlichten Lieder, die man rauf und runter spielen muss, um etwas Übung zu bekommen (nur manchmal nörgelt eine innere Stimme herum, schimpft mich einen kläglichen, unsäglichen Anfänger und lästert über meine langsamen Fortschritte).

Arme und Schulterpartie haben sich zwischenzeitlich einigermaßen an das Gewicht der Quetschn gewöhnt.
Dafür seit Neuestem seltsame Nierenschmerzen (so neu, dass es aktuell gut gelingt, noch nicht danach zu googeln, sondern auf plötzliches Verschwinden zu hoffen), übles nächtliches Ziehen in den Gelenken (ein Phänomen, das ich, neben anderem kleinen Körperkram, der Prämenopause zuordne, ein Begriff, der in meiner Wortwelt die unterste Sprosse einer Vokabelleiter markiert, deren letzte Sprossen dann mit Oberlippenfalten oder gar Oberlippenbart beschriftet sein werden), ein zunehmend verspannter Nacken (in Woche 5 ohne den geliebten Schwimmsport kein Wunder, und zu alternativen HWS-Lockerungsmaßnahmen hab ich mich noch nicht aufraffen können bzw. erhoffe hierzu Anleitung durch den hübsch Bewimperten) sowie eine Lippenherpesserie vom Feinsten (die kommt eindeutig vom regelmäßigen, längeren Maske-Tragen, eine Sache, deren Ausgang ich noch nicht weiter zu durchdenken wage, nachdem bislang bereits festzustellen ist: je mehr Maske, desto mehr Herpes, und je mehr Herpes, desto mehr Maske – ziemlich absurd, denn das pustelproduzierende und daher eigentlich negativ konnotierte Objekt erlangt schließlich eine positive Umdeutung insofern, als es das, was es lästigerweise hervorruft zugleich praktischerweise zu verbergen hilft -, bestimmt gibt’s auch schon ein kluges Fremdwort für dieses Paradoxon, leider kenn‘ ich es nicht, sollten Sie es kennen, lassen Sie’s mich unbedingt wissen!).

Im Internet hat der Aerosolrechner längst den Gehaltsrechner abgelöst, an den Rückspiegeln der Autos, in denen früher eklige Duftbäumchen baumelten, flattern nun speckige Mund-Nasen-Schutzmasken im Sichtfeld des Fahrers herum, es gibt keine Nachrichtensendung mehr, in der nicht irgendwann im Hintergrund der überdimensionierte, rot-gelb-orange-pink-violett (je nach Sender) gefärbte 3D-Kugelfisch seine Runden durchs Seuchengeschehen zieht.
Die eigene Tagesplanung orientiert sich an dem, was noch geht und daran, wie es derzeit zu gehen hat und wie es am besten (= am begegnungsfreiesten und sichersten) geht, plus all dem, was gehen muss, egal wie.

Die Fixierung der Corona-Politik auf die Weihnachtsfeiertage geht mir total auf den Senkel (vortrefflich zusammengefasst wurde mein Genervtsein in diesem Essay von Boris Herrmann).
Das mag ein Stück weit an meiner generellen Haltung zu Weihnachten liegen, aber wirklich nur ein Stück weit.
Vor allem habe ich wenig Lust, im Januar dafür zu büßen, dass andere die Festtage damit zugebracht haben, sich im täglichen Wechsel mit bis zu zehn anderen Haushalten zu umgeben (was freilich drinnen und ohne Abstände und Masken stattfinden wird, und dauerndes Lüften ist auch nicht, weil dem Christbaume sonst die Lichter ausgehen, sofern es nicht schnöde Elektrokerzen sind, die ihn zieren). An die zuvor empfohlene, mehrtägige Selbstquarantäne wird sich ohnehin kaum einer halten (können oder wollen, das sei mal dahingestellt), und vorgezogene Ferien befördern diese familiäre Klausur nach meinem Dafürhalten auch eher nicht.

So wird es wohl mit Sicherheit ein langer, unangenehmer Winter werden, an dessen Ende man froh sein kann, wenn ihn unbeschadet überstanden hat.

Um mich der Omnipräsenz des Virus zu entziehen, flüchte ich mich in die Natur, in die Bewegung, in Sprach-, Film- und Musikwelten, in die räumliche, akustische oder gedankliche Nähe zu vertrauten Menschen, in die Weihnachtsgeschenkbasteleien – und unter die Bettdecke.

Dort drücke ich den kleinen, warmen, ruhig atmenden Hund an mich und weine ein bisschen vor mich hin.
Vorgestern haben wir der Dackeldame mal wieder das allseits verhasste Körperpflegeprogramm angedeihen lassen: Augen, Ohren, Zähne, Haut, Fell und, weil sich’s anbietet, das bei der Gelegenheit gleich mit zu erledigen, auch ein kurzes Abtasten des Bauchraums.
Nicht, dass ich en detail wüsste, was ich da abtaste, was ich jedoch haargenau weiß, ist, was ich dort noch nicht ertastet habe, weil ja stets der Vergleich zur vorigen Untersuchung in den Fingerspitzen gespeichert ist (so ein Teckeltorso ist ja überschaubar).
Ein erbsengroßer, harter Knoten an der Milchleiste war da bisher jedenfalls noch nie. Der ist neu und auch der Gatte hat ihn sofort ertasten können (da deutlich größer als eine Staublaus, d.h. auch für ihn ohne Neonlicht, Lupe und viel gutes Zureden mühelos auffindbar).

In mancher Hinsicht bin ich ja durchaus ein zäher Knochen und auch psychisch halbwegs robust, was mir aber sofort den Boden unter den Füßen wegzieht, ist jedwede ernsthaftere Sorge um Pippa.

Drücken Sie uns daher gerne in stummer Anteilnahme die Daumen für Freitag, wenn wir den Knoten in der Tierklinik „abklären“ lassen, wie ich es mal ganz abgeklärt ausdrücken möchte, um mich schon ein wenig für diesen Termin zu präparieren, bei dem es sich nicht geziemt, tränenüberströmt ins Behandlungszimmer zu taumeln, weil ja schließlich ein Arztgespräch zu führen und das Dackelchen während der Untersuchung festzuhalten ist (und das Ergebnis auch nicht zwangsläufig existenzbedrohlich sein muss).

You’re a big girl now, ermahnt mich Sir Bob, während ich im Dunkeln durch den ersten Schnee in unserer Stadt nachhause fahre und mich so verwundbar fühle, und so klein.

With a pain that stops and starts
L
ike a corkscrew to my heart.

Bird on the horizon sitting on the fence
He’s singing his song for me at his own expense
And I’m just like that bird oh oh
Singing just for you
I hope that you can hear
Hear me singing through these tears.

Time is a jet plane it moves so fast
Oh but what a shame if all we’ve shared can’t last
I can change I swear oh oh
See what you can do
I can make it through
You can make it too.

Pandemiepommery.

Rituale sind ja, sofern sie nicht gedankenlos repetiert oder zelebriert werden, eine äußerst gute, struktur- und haltgebende Sache.

Zur Zeit ganz besonders, denn die Pandemie-Nachrichten kündigen zunehmend einen Winter an, der zwar recht stayathome-kuschelig werden dürfte, demzufolge steht aber zu befürchten, dass er zugleich ziemlich kontaktreduziert verlaufen wird, je nachdem, wie viele Kuschelgenossen eben im eigenen Hausstand vorhanden sind. Eine wohlüberlegte Auslese der darüber hinaus wichtigsten Menschen und Tiere wird man hoffentlich weiterhin zu diversen AHA-Erlebnissen und gemeinsamen Wanderungen durch die Kälte noch treffen dürfen.

Option 3: Zum befreundeten Rudel reisend.
Hallo Bobby, schön, dich wiederzusehen!

Die drei Tage bei den Braunschweiger Freunden haben das Depot an externem Sozialglück nun nochmal ordentlich aufgefüllt: ein Stadtspaziergang mit A., ein Privatcoaching durch W., dreimal Gute-Nacht-Kuscheln mit B., eine ausgiebige Wanderung durch den Südharz, ein Schwumm im schönen und leeren 50-Meter-Becken des Sportbads, lange Frühstücke, noch längere Abende, leckeres Essen & Trinken und abschließend eine richtige Party anlässlich des vierjährigen Freundschaftsjubiläums, so wie auch schon im letzten Jahr am 17. Oktober. Werden wir beibehalten, dieses Ritual.

Coronamäßig ist man ganz auf einer Linie, was den Umgang mit Nähe und Distanz doch sehr erleichtert und unerquickliche Diskussionen erspart, wir sind uns also völlig einig über die konkrete Ausgestaltung der kleinen Jubiläumsfeier zu Coronazeiten: jeder lümmelt in Hausklamotten auf einem separaten Sofa, statt Aerosolen schwirren herrliche Klänge aus fünf Jahrzehnten Musikgeschichte, ein paar Katzenhaare und Wunderkerzenfunken durch das schummrig-gemütliche Dachgeschoss.

W. kümmert sich um das Kaminfeuer, ich kümmere mich um meine allergiebedingt triefende Nase, A. kümmert sich pünktlich zu Mitternacht um das Öffnen des feierlichen Fläschchens, nur die Haustiere, die kümmert der ganze Zinnober herzlich wenig, die suchen lieber das Weite.

Diese Nacht hat gleichermaßen was von 80er-Jahre Schulparty und Silvester in einer urigen Hütte, wir sind glücklich, dass wir das zusammen erleben dürfen, irgendwer sagt kurz vor dem Korkenknallen den albernen Satz „So jung kemma nimma zamm„, woran uns freilich für einen winzigen Augenblick doch bewusst wird, dass die 80er Jahre ja glatt schon etwas länger zurückliegen, als man’s nach den paar Schlückchen an dem Abend gedacht hätte, überhaupt sind wir recht ausgelassen und albern in diesen Stunden, ein gewisser Galgenhumor ist wahrscheinlich auch verantwortlich für diese Stimmungslage, und vielleicht wäre es an der Zeit, den zahlreichen neuen Vokabeln, die diese komische neue Normalität uns bereits vor die Füße gehustet hat, noch eine weitere hinzuzufügen: Galgenschampus.

Oder Pandemiepommery – das gefällt mir eigentlich noch besser.

Danke, liebe Andrea und lieber Wolfgang, für die schöne Zeit bei bzw. mit Euch und für vier Jahre Befreundetsein, bleibt gesund, kommt gut durch den Winter und schaut immer nach vorn: bei unserer nächsten Party am 17.10.21 gibt’s dann bestimmt schon einen Vakzineveuveclicquot! 🙂🥂🍾💛