Das Quarantänevermeidungsquartier.

Wo man derzeit als Münchner/Bayer noch einigermaßen kostengünstig, kurzfristig, stressfrei und ohne mehrseitige Reisewarnungen studieren zu müssen (in welche Länder sollte ich besser nicht fahren bzw. wo will man uns Münchner/Bayern derzeit keinesfalls beherbergen) Urlaub machen kann:

Sicher möchten Sie nun wissen, wie ich auf dieses verlockende Inserat stieß, und bestimmt vermutet der eine oder andere Leser schon irgendein abstruses Dackelfräulein-Abenteuer und schüttelt sorgenvoll den Kopf, dabei ist das alles ganz anders als Sie denken, sofern Sie überhaupt schon etwas gedacht haben sollten.

Also: Innerhalb des Freistaats dürfen wir Münchner ja noch bedenkenlos verreisen, und da ich gerade die kleine Auszeit für den Gatten, die er – um sich für das Wintersemester, das in vielerlei Hinsicht anstrengend zu werden verspricht, ein bisschen zu sammeln und zu rüsten – in einem abseits jeglichen Trubels gelegenen Dorf in Tirol gebucht hatte, wegen der aktuellen Reisewarnung für Tirol storniert habe (da er es sich wegen des eben erwähnten Semesterbeginns nicht erlauben kann, sich nach vier Tagen in Tirol anschließend 14 Tage in Quarantäne zu begeben), bin ich nun dabei, seiner Bitte nachzukommen, und mich nach einer passenden Alternative umzusehen (er weilt derzeit in Frankfurt und kommt vor lauter Terminen nicht dazu, sich selbst darum zu kümmern).

Das Problem: Ganz Oberbayern ist entweder ausgebucht oder in den ländlichen/bergigen Regionen dermaßen absurd überteuert, dass da gar nix mehr geht, außer, man erbt überraschend oder man begnügt sich mit einer Reise nach Ottobeuren, Wolnzach oder Waldkraiburg (und ich könnte Ihnen zu jedem der genannten Orte eine Übernachtungsstory erzählen, bei der Ihnen alles vergehen würde).
Erschwinglich und schön (eh eine seltene Kategorie bei Hotels) wären allenfalls diverse Stadthotels in München (fährt ja derzeit keiner hierher, was Dumpingpreise nach sich zieht), aber das ist natürlich totaler Käse, denn hier wohnen wir ja schließlich das ganze Jahr über und am Ende läuft man sich dann noch beim Spaziergang zufällig über den Weg und so käme ja kein Urlaubs-/Auszeit-/Alleinsein-Feeling auf.

Als ich alle gängigen Hotel-Portale durchforstet hatte, guckte ich schlussendlich ziemlich frustriert noch bei AirBnb vorbei und gab dort verzweifelt das gesamte Voralpenland als Zielregion ein. Potthässliche Apartments in Holzkirchen hinterm S-Bahnhof („zentral gelegenes Kleinod“), bedrückend enge und düstere Dachgeschosse in Wallgau („alpines Dachstudio“), gruselige Souterrain-Wohnungen in Prien („kuschliges Zuhause in Seenähe“) – es war nix Adäquates zu finden!
Bis auf die oben abgebildete Unterkunft, ebenso schonungslos wie verheißungsvoll „Survival Laubhütte“ oder (für den eher nüchtern-sachlichen Kunden:) „Privatzimmer in Erdhaus“ genannt. Ein Volltreffer, mit dem ich nicht mehr gerechnet hatte.
Denn was will man(n) mehr? Das ist Romantik und Abenteuer pur! Der totale Thoreau für nur 110€ am Tag, ein echtes Schnäppchen, andere fahren dafür unnötigerweise bis nach Kanada (und Sie müssen zugeben: Valley, das klingt sowieso fast wie Kanada)!

Leb wohl, Tirol! Pandemie, ade! Adieu, Reisewarnung!
Down in the Valley wird von Corona nichts mehr zu hören und zu sehen sein, sofern einem nicht der infizierte Förster aufs Dach hustet, von gästereichen Dorfhochzeiten ausgebüxte Elstern den dort gemopsten und verseuchten Kaffeelöffel vor die Erdhaustür schmeißen oder die Baum-Umarmer-Truppe sich im selben Wald tummelt, und sich dummerweise einer von denen im überfüllten Shakti-Chor-Workshop, den er noch vor dem Baum-Umarm-Seminar besucht hat, angesteckt hat und nun vor lauter Waldglück und Seelenheil in genau die Baumrinde heult, an der der Laubhüttengast abends eine Leine befestigt, auf der er seine Wandersocken zum Trocknen aufhängt.
Sie werden mir zustimmen: all diese Szenarien eher unwahrscheinlich und damit eine Destination mit sensationell niedrigem Infektionsrisiko!

Ich habe also sofort zugeschlagen, denn der Gatte wollte eh gern möglichst viel Ruhe und Natur um sich haben, und ich denke mal, die in der Anzeige erwähnten „mütterlichen Arme“ (sofern die grammatikalisch etwas missglückte Unterüberschrift im Inserat das meint, was ich denke) stören ihn auch nicht weiter, sondern vermitteln vielmehr eine anheimelnde Geborgenheit, dort, in der heiß ersehnten Einsamkeit und Klausur.
Die Gegend rund um Valley kennt er auch schon ein bisserl, dank unserer wunderbaren Ausflügen ins Mangfalltal, zur nächsten Gaststätte kann er, so sagt Google Maps, direkt von der Haustür aus wandern (hin und zurück ein Tagesmarsch, wenn man all die Bachquerungen und Böschungen mit einrechnet, total super, um den Kopf mal so richtig freizukriegen), die Orientierung wird ihm als ehemaligem Gebirgsjäger nicht schwerfallen, so dass ich auch keine Sorge hätte, dass er in den Wäldern verlorenginge.
Und wenn die Temperaturen des nachts schon arg anziehen sollten, was im Oktober durchaus der Fall sein kann, so wird das der Stabilität und Windfestigkeit der Unterkunft nur zuträglich sein. Nicht, dass es da zu sehr raschelt und pfeift, wenn mal ein Herbststurm durch den Wald fegt und man dann nicht schlafen kann wegen dem dämlichen Naturkrach (man kennt dieses höchst ägerliche Phänomen ja von den berühmten „Haus am Meer“-Urlauben, in denen man nächtelang wachliegt, weil es so verflucht laut rauscht und brandet und man das plötzlich live nicht mehr halb so idyllisch findet wie noch zum Zeitpunkt der Quartiersuche), da wäre ein kleiner Bausubstanzzustandswechsel in Richtung Iglu ja kein Schaden.

Jetzt warte ich nur noch auf eine Antwort des Vermieters zu meiner kleinen Nachfrage, wie man sich denn das erwähnte Badezimmer so ungefähr vorzustellen habe (schließlich möchte man vorher Klarheit haben, ob der Barthaarschneider überhaupt ein nützliches Reise-Utensil ist oder besser gleich daheimbleibt) sowie die erbetene Reservierungsbestätigung – und dann steht der Vorfreude des Gatten auf einen traumhaften Tapetenwechsel in diesem urgemütlichen Unterschlupf nichts mehr im Wege.

Freitagabend, im Freibad.

Dichter Dampf steigt über dem menschenleeren 50m-Becken auf, das Thermometer an der Außentür zeigt 5 Grad. Ja haben wir da jetzt eine komplette Jahreszeit übersprungen oder was ist los?

Auf der Gufferthütte hat es geschneit, und das nicht zu knapp. Der Papa meldet auch schon weiße Berggipfel ringsum.

Morgen fahren die Freunde 613 km hierher, um den Wanderherbst in Oberbayern zu genießen. Gerade habe ich die Mitnahme von Mützen und Handschuhen empfohlen.

Was für ein schräges Jahr – aber wir machen einfach weiterhin das Beste draus. Gute Reise, liebe B.!

Das letzte Zeichen des Sommers brachte der hübsch Bewimperte erst vor 3 Tagen vorbei, hartnäckig strahlen die zwei Blumen nun gegen das Regengrau an.

Aloha! (Halluzinationen nach Besuch des Kammerjägers.)

Nur wenige Stunden nach Entstehung dieses Pool-Pics der Extraklasse…

…brach auch schon wieder der verlauste, urbane Alltag über mich herein.

Daheim angekommen begrüßten mich die beiden neuesten Mitbewohner mit einem sonoren Schnurren…

…und stellten sich mir einigermaßen höflich als die kleinen Cousins der Corroventen vor. Sie erinnern sich bestimmt, und wenn nicht, können Sie den verlinkten Beitrag ja nochmal lesen, ist ja schon fünf Monate her.

Bei 27 Grad Außentemperatur trifft einen dennoch ein klein wenig der Schlag, wenn man einen der Räume betritt, in denen diese Dehumidifier, wie wir sie korrekterweise nennen wollen, weil das laut Bedienungsanleitung auch ihr Name zu sein scheint, ihre Arbeit tun.
Brüllheiß, staubtrocken, tinnitusfördernd. Aber mei, so ist das jetzt eben.

Erst kam Lolek, um die Steckdosen- und Lichtschalterverkleidungen in den Psocoptera-befallenen Räumen abzunehmen, damit der Kammerjäger – übrigens diesmal ein Checkertyp namens Mr. Richardson mit ungefähr dem IQ der Spezies, die zu bekämpfen er anrückte – sogleich mit seiner Kartusche lossprühen konnte.

The exterminator at work.

Das Silkatpulver war hellrosa, stank nach Zitronella und fand sich danach überall in dem behandelten Raum wieder. Ein rosaroter Hausfrauentraum, der schöne, abendliche Putzstunden bescherte – aber hey, leichtbekleidet und mit der passenden Mucke dazu war das ein Summer-Workout vom Feinsten!

In die Innenseite der Steckdosen- und Lichtschalterverkleidungen brachte er noch ein Aerosolgel ein, „das wo zusätzlich tötet, wenn die da durchkriechen tun“, um den Fachmann zu zitieren. Na dann!

Im Nachbarraum werkelte zeitgleich Lolek im Schweiße seines Angesichts vor sich hin.

Der WC-Spülkasten hatte sich ja letzte Woche ganz spontan überlegt, den Geist aufzugeben, damit der gute Lolek nicht blöd rumstehen muss, während Mr. Richardson sein Pulver verschießt. Der Kammerjäger bestand nämlich bei der Terminvereinbarung drauf, dass die Schalter/Dosen zuvor von einem Handwerker abgenommen und danach auch wieder dranmontiert werden, was mir zunächst lächerlich vorkam, sich dann aber nach fünfminütiger Bekanntschaft mit Mr. Richardson doch als sinnvolle Vereinbarung erwies.

Lolek w pracy.

So waren also zwei Kerle parallel am Arbeiten und ich konnte derweil auf der Couch sitzen und meine Zehennägel lackieren. Spaß beiseite, ich war natürlich mit Zugucken, Nachfragen und Assistieren beschäftigt.
Mr. Richardson hatte seinen Auftrag nach 40 Minuten erledigt, wünschte viel Glück und noch mehr Geduld, und machte sich aus dem Staub (beachten Sie bitte den Bonus-Gag in dieser Formulierung – bei diesen hochsommerlichen Temperaturen gehen einem solch sprachliche Finessen ja gern mal durch die Lappen, deshalb erlaube ich mir ausnahmsweise diesen Hinweis).

Lolek blieb bis zum Abend, denn bei der Montage des neuen Spülkastens zerbarst mal wieder ein Teil des Mauerwerks und das zog Folgearbeiten nach sich, mit denen weder Lolek noch ich gerechnet hatten. Da wir uns nach wie vor ausgezeichnet verstehen, ist das kein Problem, ich hatte ihn sogar gefragt, ob er nicht noch zum Essen bleiben wolle, aber er müsse noch nach einer Baustelle schauen bevor es dunkel würde, meinte er.

Um 23 Uhr hatte ich alle Spuren, die die beiden Herrenbesuche hinterlassen hatten, wieder beseitigt und ging zufrieden zu Bett. Beim Löschen des Lichts sah ich noch eine Staublaus an der Wand weghuschen, der letzte Gedanke daher ein „Ah, treten die Viecher also schon die Flucht aus dem Bad an!“ und schon sank ich in Morpheus‘ Arme.

Mitten in der Nacht schreckte ich aus üblen Träumen auf und lag bis 5 Uhr wach. Dachte über den Vermieter nach und über den Stromverbrauch der neuen Luftentfeuchter, was man halt so denkt, wenn man wieder daheim ist.

Guten Morgen, Ludwigsvorstadt!

Um Punkt 7 Uhr riss mich ein Höllenlärm aus dem Bett.

Lolek war eingetroffen. Heute zusammen mit Bolek (Schwager, Bruder, Vetter – was weiß ich). Die beiden schnitten im Hinterhof mit der Flex die morschen Garagentore aus den maroden Betonmauern. War angekündigt und auch überfällig, das Auto klebt nun unter den Linden, bis die neuen Tore eingebaut sind.

Gerädert stand ich auf, weil an Weiterschlafen nicht mehr zu denken war, winkte grüßend aus dem Fenster in den Hof hinunter, kochte mir einen Kaffee und zog mich an, um zum Morgengassi aufzubrechen.

Beim Spaziergang durch die schöne Allee blinzelte ich durch die Linden hinüber zur Bavaria. Ein Ritual gewissermaßen, vor allem, wenn ich ein paar Tage nicht in der Stadt war. Irgendwas stand heute meinem Blick in der Quere, das mich irritierte. Ich kniff die Augen zusammen, guckte genauer hin, und das Etwas entpuppte sich als großer Sandhaufen mit einer Palme drin, ach nein, nicht nur ein Haufen, sondern gleich mehrere!

Das sind dann so die Momente, in denen man sich als unausgeschlafener, wasserschadenzermürbter und psocopteragepeinigter Großstädter ganz kurz fragt: Ja spinn‘ ich jetzt?

Mit drei Tagen Tegernsee-Erholung intus, die mich ja nun doch ein klein wenig imprägniert hatte gegen das, was mich bei Rückkehr in die Stadt erwarten würde, ging ich aber eher davon aus, dass es sich nicht um Halluzinationen handelte und sah mir die neue Installation an.

Alo-alo-alo-ahe, mia san die Anwohner, oh weh!

Aha. Bekommen wir jetzt also die Karibik direkt vor die Haustür gesetzt, wenn man da derzeit schon nicht hinfahren kann. Bestimmt werden Cocktailbuden und Tänzerinnen in Baströckchen folgen. Womöglich auch noch schauerliche Musik à la Buena Vista Social Club. Schließlich fällt ja die Wiesn heuer aus und die Freifläche schreit nach Nutzung. Schade, denn wenn es nach mir ginge, dürfte dieser Schrei gerne ungehört verhallen und es könnte hier einfach weiterhin ruhig bleiben.

Palmenstrand-Feeling auf der Wiesn.

Hätte zwar gedacht, dass die Stadt München das Geld anderweitig sinnvoller einsetzen könnte bzw. müsste, aber offenbar kollabiert das Volk, wenn es keine Fernreisen machen darf und auch daheim kein ausreichendes Bespaßungsangebot vorgesetzt bekommt.

Sei’s drum. Wir werden auch das noch überleben.
Am Sonntag geht’s sowieso schon wieder in die Berge, diesmal gemeinsam mit einer befreundeten Seilschaft, die extra aus Niedersachsen anreist. Und mit Übernachtung! Denn meinen alljährlichen Alterungstag wollte ich in diesen lausigen Zeiten unbedingt in luftigen Höhen feiern, wenngleich auch ungeduscht, da das wegen des Hygienekonzepts auf den Hütten derzeit nicht drin ist, aber man kann halt nicht alles haben.

Aloha!

Das Dackelfräulein stürzt sich in den Sandhaufen und beginnt zu buddeln. Sie liebt ja Sand und ist allein schon rassebedingt eine gute Gräberin. Und ich mach mir jetzt mal mein Feierabendbier auf.

Prosit & kommen Sie gut durch diese Hundstage!

„Der Großteil der Demonstranten kam aus dem bürgerlichen Lager.“

Heute Nachmittag, vor meiner Haustür.

Sehen Sie mir bitte die miserable Bildqualität nach – der Zoom vom Handy ist nicht der beste und mir war wichtig, den Mindestabstand zur dargebotenen Vielfalt der Meinungsfreiheit einzuhalten.

(Überschrift des Blogbeitrags: Zitat aus der“Rundschau“ vom 16. Mai 2020, Bayerisches Fernsehen.)

Einladung zu einer Joggingrunde!

Lust auf ein bisschen zerebrales Workout?
Dann kommen Sie doch mit auf eine Runde Gehirnjogging (oder sagt man Brainjogging?)!

Und das geht so:

Von meinem coronaren City-Walk (heut heißt ja alles irgendwie auf Englisch, keine Sau sagt mehr Stadtspaziergang oder so) durch die Hood (mein neuestes Hass-Wort) hab ich Ihnen ein paar Pics mitgebracht, zufällig 13 an der Zahl, die echt zu schade für diesen Insta-Quark sind, weshalb ich sie zu einem Quiz verarbeitet habe.
Und zwar extra für Sie, meine lieben vom vielen #stay-at-home geplagten Leserinnen und Leser!

Versuchen Sie Ihr also Glück – ach was: stürzen Sie sich in die Challenge! – und ordnen Sie den 13 Fotos die 13 Begriffe korrekt zu, teilen Sie mir die Lösung (in der Schreibweise: 1g / 2a / 3d usw.) per Kommentar hier im Blog mit (oder, für die „No way! – Ich zeig mich doch hier nicht öffentlich!“-Fraktion, per Mail unter kraulquappe@web.de) und gewinnen Sie – sofern Sie alle 13 richtig haben, versteht sich – einen von drei sensationellen Preisen (denn auch wir nutzen die Pandemie zum Ausmisten, und da sind einige treasures zum Vorschein gekommen, aber hallo), die viel zu schade sind für den Wertstoffhof (der hier in München ab morgen wieder geöffnet hat, zu Zeiten, die nach Endziffer des Autokennzeichens gestaffelt werden, und wer kein Auto hat, der kommt evtl. gar nicht rein, ich muss nochmal nachlesen, wie die sich das genau vorstellen…).

Hier kommen die 13 Bild-Kandidaten:

1.

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3.

4.

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7.

8.

9.

10.

11.

12.

13.

Und hier die 13 den Bildern zuzuordnenden Begriffe, zeitgemäß im to-x-Style and in English, for sure:

a) to give up understanding

b) to look amol

c) to clean up

d) to fake swimming

e) to keep one Springsteen of space

f) to stick together

g) to have no restraint

h) to give up everything

i) to get sth. hot and desired

j) to keep away

k) to stay young and beautiful

l) to dump the to-go’s

m) to kick Corona

*****

Das gesamte Team der Kraulquappen-Redaktion wünscht Ihnen ein helles Köpfchen beim Kombinieren
und ein flinkes Händchen beim Tippen – und überdies natürlich einen schönen Sonntagabend!

Die Renaissance der Parkbank.

Beim gestrigen Spaziergang im Wald ein frisch gezapftes Coronacorazón entdeckt…

…und zwischen Wald, Wiese und Feld der neuen Freizeit-Serie „Ein Leben auf Parkbänken“ gemeinsam mit D. ein weiteres Kapitel hinzugefügt:

Einerseits getrieben von der Streuselkuchensehnsucht, andererseits von dem Bedürfnis, die angeschlagene Gastronomie auf dem Land zu unterstützen.
Und auch als kleine, heimliche Vorübung für nächste Woche, wenn man in Bayern nach vier Wochen mal wieder eine Kontaktperson aus einem anderen Haushalt treffen darf, natürlich nur im Freien.
Parkbänke sind jetzt die neuen Kaffeehaustische, die Biergartenalternative des Sommers, der Kneipentresen der nahen Zukunft!

Merke: Je mehr Kuchenteller und Getränke Sie zwischen sich und Ihren Parkbanknachbarn stellen, desto leichter erreichen Sie mühelos einen Abstand von anderthalb Metern.

Aber es geht auch noch einfacher, wie ein Aufruf der Regierung des US-Bundesstaates New Jersey zeigt:

Vielleicht hätte sich der Söder auch so eine leicht vermittelbare Analogie für den hierzulande geforderten Abstand von 1,5 Metern einfallen lassen sollen: 15 Maßkrüge zum Beispiel (nebeneinandergestellt – oder 8 liegende, je nach Zustand des Maßkrughalters). Oder eine Zwölfer-Weißwurstkette. Oder 10 Brezen.
Oder 1 Doppeldackel (Normalschlag, genussvoll ausgestreckt).

Locker aus dem Körbchen gerutscht: 78cm.

Sollten Sie gerade (gewollt oder ungewollt) allein auf einer Parkbank sitzen und sich daher nicht mit Abständen befassen müssen, aber auch keinen Kuchen, kein Bier und kein Buch zur Hand haben, empfehle ich Ihnen, einen Blick auf/in das Projekt des Grazer Literaturhauses zu werfen – und lassen Sie sich bloß nicht davon abschrecken, dass die Aktion mit „Corona-Tagebücher“ betitelt wurde (die ja derzeit verspottet werden als gäbe es nichts Wichtigeres, auf das man seinen Zorn und seine Energie richten könnte).

Oder lieber etwas Musik? Dann hören Sie nachher doch mal rein in den Live-Stream der zwei feschen Kanadierinnen von Madison Violet.
Ich hoffe ja nach wie vor, dass das Angebot solcher Live-Stream-Wohnzimmerkonzerte mit Spenden-Button noch weiter zunimmt, schließlich wollen wir doch alle auch unsere noch nicht weltbekannten und steinreichen Lieblingskünstler im Herbst gern wiedersehen.

So, der Parklauf ruft – und anschließend, sofern es nicht regnet, die Parkbank.
Haben Sie ein schönes Wochende und verzagen Sie nicht!

Schwimmen kann man nicht hamstern.

Von Langeweile konnte in den vergangenen Tagen keine Rede sein, von Corona-Koller auch nicht. Wir waren zwar in häuslicher Quarantäne, aber nicht viral bedingt, sondern wegen einer post-sanitären Belastungsstörung.

Nach 14 (!) Stunden Putzen und Werkeln in unserer Wohnung, die wir am Samstagnachmittag nach knapp zwei Wochen Badumbau und Sanierungsarbeiten endlich wieder betreten konnten, stand ich heute Morgen mit Ganzkörperschmerzen auf.

Lolek und seine Gang haben zwar großartig gearbeitet, ein feines neues Bad eingebaut und die vielen gelben Flecken von den beiden Wasserschäden (dem kleinen im November und dem großen Anfang Februar) beseitigt, aber leider hat das feinstaubige Gewerkel trotz versiegelter Räume überallhin gestaubt, sogar bis in Schubladen und Schränke hinein.

Und trotz größter polnischer Sorgfalt passen ein paar Dinge noch nicht: aus dem Kaltwasserzulauf tropft es ein bisserl, ein Fallrohr wurde nicht lackiert, beim Betätigen der neuen Deckenleuchte haut’s den FI-Schalter raus und an manchen Stellen muss malerisch noch nachgearbeitet werden. Wird nochmal ein paar Handwerkertermine bescheren und zuvor etliche Telefonate und Emails.

Am Donnerstag kommt dann hoffentlich derselbe Mensch von der Wasserschadensanierungsfirma vorbei, der hier vor fast zwei Monaten, am Tag nachdem das Wasser aus den Decken und Wänden geschossen war, die gesamten Kammerregale demontiert hat, um alles wieder einzubauen.

Die 14 Stunden Wohnungsreinigung, Möbelrücken und Einräumen sind freilich noch nicht das Ende der Fahnenstange, es drohen nochmal schätzungsweise 4 bis 5 Stunden Arbeit, aber heute Vormittag wollte ich erstmal pausieren und meinen geschundenen Körper beim Schwimmen lockern, zumal es die letzte mögliche Lockerung auf diese so geliebte Art und Weise für Wochen (!) sein wird, denn morgen schließen die Münchner Schwimmbäder.

Damit hat die Coronakrise nun auch mich an einem neuralgischen Punkt erwischt. Denn auch für jeden, der nicht zu einer Risikogruppe gehört, kommt ja früher oder später dieser Punkt: der eine jammert, weil er am Wochenende nicht mehr Party machen kann, der andere, weil alle kulturellen Institutionen ihre Pforten schließen, wieder ein anderer, weil der Urlaub ins Wasser fällt oder gar nicht erst gebucht werden kann, der nächste, weil sich die Familie nun intensiver auf der Pelle hockt als sonst usw. – und mir persönlich setzt halt eine Schwimmbadschließung am meisten zu.

Seit 20 Jahren schwimme ich nun regelmäßig, seit 15 Jahren etwas ambitionierter. Die längste Schwimmbadabstinenz, die ich je hinnehmen musste, war eine dreiwöchige Pause wegen einer Meniskus-Operation, und ich glaube, selbst da habe ich gegen Ende noch getrickst und bin schon nach 17 Tagen wieder ins Wasser gestiegen.
Bereits eine Woche ohne Wasser setzt mir zu, da fehlt mir was ganz Existenzielles, eben diese für mich so wohltuende Weise der körperlichen Betätigung und nur wenn ich stattdessen die Berge vor der Nase habe (bzw. unter den Füßen spüre), ist ein Schwimmentzug vielleicht auch mal zwei Wochen zu verkraften.

Nun werden es, wenn es dumm läuft (und so wird es laufen, wenn nicht sogar noch dümmer), 5 Wochen. In Worten: fünf!
Noch kann man tageweise in die Berge fahren, wer weiß, wie lange diese Kompensation noch zulässig ist oder ob uns nicht auch demnächst italienische oder österreichische Verhältnisse bevorstehen und man nur noch aus drei Gründen die Wohnung verlassen darf.

So steige ich heute Mittag beinahe mit Andacht ins Wasser. Schwimme meine vorerst letzten 2.000 Meter mit großer Demut und mit herrlicher Frühlingssonne auf dem Rücken oder im Gesicht – je nach Lage eben.
Demut, weil mir beim Bahnenziehen so bewusst wird, wie unglaublich selbstverständlich das alles für uns ist: einzukaufen, was einem fehlt und/oder worauf man Lust hat, zu treffen, wen man treffen möchte, hinzufahren und einzukehren, wo und wann immer man will, Konzerte zu besuchen, ins Theater zu gehen, Sport zu treiben, so oft es einem gut tut, und so vieles mehr – je nach zeitlichen, gesundheitlichen und finanziellen Möglichkeiten zwar, aber dennoch mit einem recht hohen Maß an persönlicher Freiheit und Selbstbestimmung.

Schwimmen kann man nicht hamstern. Es ist unmöglich, heute auf Vorrat zu schwimmen, z.B. 25 Kilometer am Stück, damit es bis Mitte April (oder bis wann auch immer) vorhält und man davon zehren könnte, so wie es denjenigen vergönnt ist, die den gesamten Bestand an Klopapier, Seife, Nudeln, Mehl und Tomatensaucen der Ludwigsvorstadt aufgekauft haben.
Die können sich diese Errungenschaften nun – obwohl die Geschäfte weiterhin geöffnet haben werden (sogar noch länger als bisher) – hübsch einteilen für die kommenden Wochen und sich daheim ganze Iglus aus Klorollen und Tomatendosen bauen, drumrum eine Mauer aus Nudeln und Mehl errichten und diesen Wall, damit er auch schön fest zusammenbappt, mit literweise Flüssigseife angießen.

Als ich aus dem Becken steige, winken mir manche Schwimmer zu, man kennt einander ja hier, zumindest die, die ständig herkommen.
Ein paar wenige sprechen mich sogar an. Es ist aber nicht dieses fröhliche „Bis bald!“, das man sich vor der 11-tägigen Revisionsschließung, die jährlich einmal ansteht, zuruft oder das üblicherweise den Übergang von der Sommeröffnungszeit zum Winterbetrieb markiert.
Sondern wir sagen heute zum Abschied Dinge wie „Bleib gesund!“, „Wird schon rumgehen!“ oder „Steh’s gut durch!“ zueinander und dann geht jeder ein letztes Mal duschen und danach seiner Wege.

Nachmittags gehe ich Einkaufen. Seit der Wasserschaden uns die Kammer genommen hat, haben wir so gut wie keine Vorräte mehr zuhause, weil wir ja keine Regale mehr hatten, um sie irgendwo aufzubewahren. Bevor die Bauarbeiten begannen, haben wir das meiste aufgebraucht, damit hier möglichst wenig herumstand oder wegzuräumen war.

Das wird uns nun zum Verhängnis.
Wir brauchen dringend Lebensmittel, Kaffee, Getränke, Waschpulver, Seife, Taschentücher und Klopapier. Die ersten vier Sachen lassen sich mit etwas Mühe noch ergattern, die übrigen drei sind in allen (!) Geschäften ausverkauft.
Man hatte ja in der Zeitung davon gelesen, aber wenn man’s dann mit eigenen Augen und noch dazu in fünf verschiedenen Läden sieht, ist es doch nochmal anders.
Noch idiotischer, noch absurder.

Bei DM beschlagnahmt das Personal etliche Windelpakete, die eine junge Mutter in ihrem Einkaufswagen aufgetürmt hat – niemand darf mehr hamstern und mehr als eine „haushaltsübliche Menge“ mitnehmen.

Bei Edeka bricht eine junge Dame vor dem leergefegten Nudelregal in Tränen aus, ein älteres Paar räumt derweil völlig ungerührt von dem Geheule seinen Wagen mit irgendwelchen Konserven voll („Lass uns einfach alle mitnehmen, ist ja eh keine Auswahl mehr da!“).
In der Apotheke kauft ein besorgter Familienvater eine solch perverse Menge Hustenlöser auf Vorrat, mit dem das ganze Viertel unter gelöstem Schleim begraben werden könnte.
Beim Pfister lässt sich eine eigentlich intelligent aussehende Frau sage und schreibe 8 große Viertel Brot schneiden und einfrierfertig verpacken.
Im Biomarkt gähnt einen dort, wo sonst die Nudeln und Tomatensaucen stehen, ein leerer Flur an – nur die brettharten, gesunden, wenig wohlschmeckenden Vollkorn-Lasagneblätter sind noch zu haben und ein paar Pseudo-Nudel-Produkte, die auch keiner kaufen will (vielleicht liegt’s ja daran, dass auf manchen Schachteln „original italienisch“ steht).

Nach meiner Tour des Staunens komme ich ohne Klopapier, Taschentücher und Seife nachhause und informiere sogleich den Gatten über unsere Restbestände: nur noch die Seife, die in Gebrauch ist, noch 6 Päckchen Taschentücher, noch 2 Rollen Toilettenpapier.
Bis zum Wochenende dürfte das reichen, wenn keiner Durchfall, Schnupfen oder einen Waschzwang bekommt, danach wird’s kritisch.

Ich presse, wie fast an jedem Tag zwischen November und April, noch drei Orangen für uns aus, beschließe, dass wir zusätzlich ja mal für zwei Wochen noch ein Breitbandvitaminikum einwerfen können und bringe dem Gatten sein Gläschchen samt Pille an den Schreibtisch.
Er nimmt einen großen Schluck, stellt das Glas wieder ab, entdeckt in dem Moment die längliche, blaue Tablette und guckt mich fragend an.

Was das denn jetzt um alles in der Welt sei, will er wissen. Was ich denn vorhätte mit ihm. Ob wir nun länger in Quarantäne gingen. Oder gar Ausgangssperre drohe.
Ich muss schließlich die Originalpackung herzeigen, um meine lauteren Absichten zu beweisen.

Abends dann noch eine Henkersmahlzeit im Lokal ums Eck, vor allem, um ein bisschen Haushaltsenergie aufzusparen, die man noch für die Baustellenreinigung braucht.
Kochen wird man ab morgen, wenn die Putzorgie beendet ist, ohnehin wieder täglich.

Das Restaurant fast leer, die Tische mit Sicherheitsabstand neu angeordnet, nur noch ein paar Gerichte auf der Karte. Am Dienstag machen sie die Schotten dicht.

Ab morgen also ein neuer Alltag in unserer Stadt.
Ein eingeschränkter, ein so noch nie dagewesener.
Mal schauen, wie das wird.

Vermutlich weit weniger schlimm als viele befürchten.
Ich verspüre weder Angst noch Anflüge von Panik, sondern sehe das eher als eine Art (Zwangs-)Pause vom Gewohnten und von der permanenten Verfügbarkeit des immer üppig gefüllten, großen Konsumbuffets.
Eine Zwangspause, die ein paar Umstellungen, Herausforderungen und Umstände mit sich bringt, die aber auch ein paar Chancen birgt.
Die Chance, die vielen Selbstverständlichkeiten des eigenen Lebensstils zu reflektieren.
Die Chance, kreativ zu werden, weil es nun drum geht, Dinge mal anders anzupacken als man’s sonst immer tut.
Die Chance für eine andere Art des Miteinanders, für neue Netzwerken und Synergien.

In diesem Sinne werde ich Sie, liebe Leserinnen und Leser, wahrscheinlich gegen Ende der Woche – bis dahin dürfte die Lage noch nicht prekär geworden sein – um Hilfe bitten.
Sollte das Toilettenpapier dann immer noch in allen Geschäften meiner näheren Umgebung vergriffen sein, hoffe ich, dass Sie mich nicht hängenlassen und mir ein Röllchen rüberschicken (bitte unbedingt dreilagiges und nach Möglichkeit ohne farbigen Aufdruck). Dasselbe gilt für Taschentücher (Marke egal, aber gern welche, die waschmaschinenfest sind: wir sind leider schon in dem Alter, in dem selbst die dreifache Kontrolle der Hosentaschen vor der Wäsche nicht immer zuverlässig funktioniert).

Ich revanchiere mich natürlich und könnte z.B. Ihren Hund zu Spaziergängen mitnehmen, Ihnen etwas Selbstgekochtes vorbeibringen, Ihnen bei der Planung der nächsten Bergtour zur Hand gehen, Ihnen etwas vorlesen oder Ihnen bei unangenehmer Korrespondenz mit Ihrem Reiseveranstalter/Arbeitgeber/Vermieter/Internetanbieter/Versicherungsagenten/Handwerker/Autohändler behilflich sein.

Geben Sie einfach Bescheid, wo der Schuh drückt – für eine Rolle Happy End bin ich ab Freitag zu vielem bereit.
Gute Nacht aus München wünscht Ihnen –
Die Kraulquappe.

Mountainview with a Star.

Das Dackelfräulein liegt im Sessel vom Papa und schläft, der Papa und ich sitzen am großen Esstisch und schweigen. Er liest Zeitung, ich arbeite am Laptop.

Es ist still im Haus, wir genießen das. Obwohl wir im Moment auch nicht reden könnten, selbst wenn wir wollten, weil der Papa für die nächsten Stunden Ober- und Unterkiefer aufeinanderpressen muss, damit die Tamponade die Wunde, die durch den vorhin gezogenen Backenzahn entstanden ist, desinfiziert und beruhigt.

Dass dem Papa heute beim ersten Biss in die Morgensemmel ein Backenzahn zerbrochen ist, passt wie die Faust aufs Auge: damit hat er sich als Erster erfolgreich aus der Affäre gezogen. Ein möglicher Diskutant weniger heute Abend, das könnte die Lage verschärfen.

Ohnehin darf mit Spannung erwartet werden, was als nächstes passiert, hier im Hause am Fuße des Wallbergs.

*****

Meine Arbeit geht nur schleppend voran, die Worte flutschen nicht, geschweige denn dass ein roter Faden für die Geschichte in Sicht wäre. Überhaupt schleppe ich mich eher etwas beschwerlich durch die Tage als dass ich leichtfüßig durch sie hindurchtänzelte.

Nach nur 48 Stunden im Exil ist gestern Abend ein erster Tiefpunkt erreicht. Innerlich kurz vor Abreise, äußerlich kurz vor Losbrüllen.

Die Lebensgefährtin des Papas, künftig G. genannt (G., wie das Großbürgerliche Grauen), entwickelt mit voranschreitendem Älterwerden verstärkt keifende, missmutige Züge. Früher war sie einfach nur laut und nervig, jetzt ist sie laut, keifend, miesepetrig und nervig.

Man möchte es kaum für möglich halten, was während eines lieben langen Tages so alles „falsch“ sein, Kopfschütteln und Kritik auslösen kann.
Nichts an mir scheint zu passen, nahezu jede Banalität ist ein Grunzen, Gemecker oder einen Kommentar wert.

– Wie kann man nur ständig zum Frühstück eine Breze essen? (Weil es mir schmeckt.)
– Warum hast du deine eigene Marmelade dabei, hier gibt’s doch auch welche? (Weil ich lieber eine nicht so überzuckerte Marmelade esse.)
– Was ist denn das für ein komisches Müsli? (Eines aus dem Bioladen, das ich mir von daheim mitgebracht habe.)
– Wieso nimmst du keine H-Milch in den Kaffee? (Weil ich H-Milch hasse.)
– Warum hast du dein eigenes Waschpulver dabei? (Weil ich diese süßlich stinkenden Waschmittel nicht riechen kann.)
– Wie kann man nur bei Nieselregen zum Laufen gehen? (Weil ich mich gern bewege und froh bin, dich dann eine Stunde weniger sehen oder hören zu müssen.)
– Wozu brauchst du den Staubsauger, das Studio wurde gesaugt bevor ihr kamt? (Weil wir nun den 6. Tag dort oben mit Hund wohnen und es gern sauber haben.)
– Warum nimmst du denn nicht meine Rinderbrühe für dein Risotto? (Weil ich diesen Glutamat-Hefeextrakt-Schrott niemals zum Kochen verwenden würde und in mein Gemüse(!)risotto prinzipiell keine Rinder(!)brühe reinkommt.)
– Wie unnötig, den Fenchel so kleinzuschneiden, das ist ja viel zu viel Arbeit! (Wer kocht heute? Du oder ich?)
– Warum presst du dir zwei Orangen aus, wir nehmen jeder nur eine? (Wo ist das Problem? Hab mir ein ganzes Netz voller Orangen mitgebracht und teile es gern mit euch.)
– Was soll jetzt an deinen Bio-Eiern besser sein, die sehen doch genauso aus wie meine? (Ist mir zu blöd, wir diskutierten das bereits, ergebnislos.)
– Warum muss dieser Hund so ein Luxusfutter bekommen, das vom Lidl ist doch viel billiger? (Halt die Fresse.)

Die Antworten in Klammern habe ich übrigens fast allesamt so nicht gegeben, sondern sie mir nur gedacht, denn G. kommt mühelos auch ohne Antworten klar, weil ihr Gekeife sowieso nicht als Einladung zum Gespräch, als ernsthaft interessierte Nachfrage oder gar Verstehenwollen gemeint ist.

Gestern Abend verheddern wir uns zu dritt im Thema „Was kochen und essen wir die nächsten Tage“. Wir wollten uns mit dem Kochen abwechseln, mal ich, mal die beiden, so war’s abgemacht. Das Abendessen ist die einzige, längere gemeinsame Zeit am Tag, was auch gut so ist, denn es kommen ja eh täglich noch kurze Begegnungen im Haus dazu, die sich durchaus summieren.

Der Papa schlägt ein Gericht vor, fragt mich, ob ich darauf Lust hätte. Ich verneine höflich. Wir wollen gerade gemeinsam weitere Ideen wälzen, da grätscht G. dazwischen. Was mir denn nun an dem Vorschlag nicht passe und wieso wir das nicht essen könnten und wieso der Papa sich schon wieder weichkochen lasse von mir und auf diese Sonderwünsche einginge. Der Papa wehrt sich und meint, ich müsse hier nichts essen, was mir nicht schmecke, ganz einfach, und es gäbe schließlich noch genug andere Rezepte, und wir hätten uns bislang immer auf was einigen können.
G. grunzt grantig und zieht die Mundwinkel hinunter bis zu den Armlehnen des Sofas, auf dem sie hockt.
Ich schlage vor, dass die beiden sich dieses Gericht doch ruhig kochen sollen und ich dann einfach nur von den Beilagen esse, mit denen ich völlig zufrieden bin, und betone zum x-ten Mal, dass ich eh nur selten Fleisch esse und wenn, dann eben nur ausgewähltes und ich aber nicht erwarte, dass sie das auch so handhaben. Als ich versöhnlich ein „Jeder darf doch hier essen, was ihm schmeckt und behagt“ ans Ende dieser unseligen Debatte setzen will, eskaliert das Gekeife: mir würde ja nichts schmecken und behagen und man sähe das ja schon an diesem Luxushundefutter, wie seltsam es um meinen Geschmack bestellt sei.
Daraufhin explodiert erst der Papa („Jetzt gönn doch dem Hund sein Futter!“), danach ich (sage: „Warum hast du eigentlich an allem, was ich esse, etwas auszusetzen?“ und denke: „Ich feinde dich doch auch nicht an, weil du dir diese gruselige, ranzige Kondensmilch in deinen Kaffee kippst!“).

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Ich sag’s Ihnen: Patchwork-Familien sind ein Traum! Und Dreierkonstellationen ebenso. Mit beidem habe ich zwar langjährige Übung, aber die hat offenbar nicht das Geringste gebracht. Das mit G. und mir, das funktioniert einfach nicht, obwohl ich mir schon vor drei Wochen eine Haltung zu diesem Wasserschaden-Exil-Aufenthalt hier zugelegt hatte (oder es zumindest versucht habe) – aber mehr als Duldung ist nicht drin, erstaunlich, dass nun offenbar nicht mal die gelingt, und ich überlege, ob G. mich wohl hier rausekeln möchte oder ob ich eher als Ventil für ihren angestauten Frust über den Papa fungiere.
Der macht ihr nämlich auch nichts mehr recht, es ist ein ständiges Widersprechen und Dagegenhalten und Herummosern.
Seine Parkinsonerkrankung wirkt in diesem Lichte wie eine Reflexion des Status quo seiner Lebensgemeinschaft mit G. – alles wird zusehends regloser und starrer, dem einen hängt eine ganze Körperhälfte herab, dem anderen die Mundwinkel. Deprimierend ist das.

Ich hätte heute Vormittag, während G. sich mit ihren saturierten, verwitweten Canasta- und Tennis-Tanten zum freitäglichen Tratsch im Café trifft, den Papa mal drauf ansprechen wollen, denn mehr als ein paar verbundene, gequälte Blicke haben wir über diese Sache noch nicht austauschen können. Nun darf er aber wegen seines Besuchs beim Dentisten nicht sprechen und letztlich bin ich im Augenblick auch froh um jede weitere Anstrengung, die mir erspart bleibt.

Vielleicht später, wenn G. beim Friseur ist. Oder beim Abendessen, wenn sie dabei ist und sich gerade darüber grämt, dass ihr mein Risotto hervorragend mundet und es darüber nichts zu meckern gibt außer der Ungeheuerlichkeit, dass die Küche schon vor dem Essen weitgehend wieder aufgeräumt ist („so zwanghaft wie dein Vater!“).

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Der Morgenblick aus dem Dachfenster kann hier leider nicht immer halten, was er verspricht. Obwohl der wirklich schön ist.

Und obwohl er sogar noch von einem Star gekrönt wird, der jeden Morgen auf dem Dachgiebel des Nachbarhauses sitzt und den zur Neige gehenden Winter und den nahenden Frühling bezwitschert.

Da logiert man nun in einer Gegend, in der andere Urlaub machen, sich zur Kur aufhalten, Hochzeiten feiern oder ihre Seelen baumeln lassen, und ist ansatzweise schon wieder auf der Flucht: nun nicht mehr vor den Bauarbeiten daheim in München, sondern vor den bad vibrations einer Endsiebzigerin.

Es gibt natürlich Garstigeres als täglich drei bis fünf Stunden das Tegernseer Tal oder die hiesige Bergwelt zu durchstreifen, aber es gäbe eben auch was zu Arbeiten, wozu man mal einige Stunden Ruhe am Stück bräuchte und eine dem Arbeitsprozess zuträgliche häusliche Umgebung.

Versucht man’s dann in einem Café am See, in das man Dackelfräulein und Laptop mitnimmt, wird auch nichts draus. Man hat – als ahnungslose Zugroaste – aus Versehen den Lieblingsplatz zweier Spezls aus dem Dorf erwischt, die genau dort für ihren Männerplausch zu sitzen belieben.

Weil die beiden einen aber nicht auch noch in die Flucht schlagen wollen, setzen sie sich einfach dazu und der eine stürzt sich gleich auf Pippa („i hob amoi so oan ghobt, der is ma vui z’friah gstorbn“), der andere auf mich: „Sagen Sie, dürfte ich Ihnen ein Gedicht vortragen, das ich über den Tegernsee geschrieben habe? Mich würde interessieren, wie das auf eine junge Frau wirkt!“.
Ich schmunzle über das Attribut „jung“, kommentiere es und werde belehrt, dass ich aus seiner Warte (er ist 84 und ein paar zerquetschte, wie er sagt) sehr wohl „jung“ bin. Alles eine Frage der Perspektive.

Es wird dann ein netter, herzlicher, interessanter, inspirierender und ausgesprochen anregender Nachmittag mit den beiden Herren, ein Theologe und ein Onkologe übrigens.

Sie spendieren eine Runde Gebäck und Trüffel aus der Vitrine („in unserem Alter muss man die Feste feiern, wie sie fallen!“), wir sprechen über Gott und die Welt, über Berg und Tal, über Leben und Tod. Werden wir die Tage wohl fortsetzen, haben ja auch noch nicht von allen 25 Trüffelsorten gekostet.

Wieder nicht zum Arbeiten gekommen.
Dafür gut getrüffelt und gelaunt mit dem Fräulein am Seeufer heimwärts geschlurft.

Sie sehen, ich bin in allerbester Gesellschaft.
Sollten Sie erstmal nichts mehr von mir hören, müssen Sie sich keine Sorgen machen: der Onkologe wirkt auch mit seinen über 80 Jahren noch wie ein kompetenter und hellwacher Arzt und der Theologe hat sogar schon Reden für Seebestattungen verfasst.

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Was vom Bade übrig blieb.

Gestern Abend in die Wohnung rein- und aus dem Staunen nicht mehr rausgekommen. Das gesamte Bad ist verschwunden! Alles weg!

Wie geht das an einem Tag?

Der ganze rausgerissene Kram entsorgt, in der Diele keinerlei Schutt zu finden, stattdessen eine Tüte mit Loleks oder Boleks Klamotten. Ja sind die nackt heimgegangen?

Das Rätsel löst sich heute Morgen schnell auf.

5 Minuten nach Ankunft (7:18 Uhr), Lolek und ich stehen gerade in dem Raum, der mal das Bad war und es hoffentlich demnächst auch wieder sein wird, wo er mich in die Geheimnisse drei- und fünfadriger Kabel (?) einweiht, reißt Bolek, hinter uns in der Diele stehend, sich das Shirt (draußen 3 Grad und Regen, aber wurscht: der zähe Pole, der von oben bis unten aussieht wie Ivica Olić, kommt im Shirt zur Baustelle) vom Leib, greift in die große Tüte und zieht das Arbeitsshirt von gestern dort heraus und sich über den Kopf. Lolek bemerkt, dass ich das registriere und erklärt: „Kommt mit Privatauto, deshalb muss ausziehen, sonst Frau schimpft“. Ah ja, alles klar!

Das Rätsel, das offenbleiben wird, ist eine Notiz von Lolek, die ich auf der im Flur zwischengelagerten Waschmaschine finde:

Ich möchte nicht lästig werden, indem ich diesen Mann der Tat mit zu vielen Fragen behellige. Und ich entdeckte diese Notiz ja auch nur, weil Lolek mir gestern Abend um 18:30 Uhr, als Bolek und er gerade den 11-stündigen Arbeitstag beendeten, noch eine Whatsapp schickte: „Habe Foto von schöne Mann in Bad gerettet. Liegt auf Waschmaschine.“

Man(n) muss nicht alles verstehen. Frau auch nicht. Hauptsache, er hat die Huberbuam nicht zusammen mit der Fliese, auf der sie klebten, von der Wand gehauen.

Um 7:52 Uhr, die Schleifgeräusche sind bereits höllenlaut und die schöne Olić-Optik gänzlich staubverhüllt, breche ich auf zum Frühstückscafé, das dummerweise erst um 8 Uhr öffnet.

Zuvor schreie ich noch Richtung Bad, dass ich jetzt gehe und frage, ob ich ihnen etwas vom Bäcker mitbringen könne. „Nein, nein“, schreit Lolek zurück, „wir später selbst was holen“. Ich bekräftige mein Angebot und konkretisiere es – „Nicht vielleicht doch irgendwas Süßes?“ – und siehe da, jetzt guckt er aus dem Bad raus und strahlt, und meint zaghaft: „Vielleicht zwei Krapfen, wenn gibt?“. Und ich sage, dass gibt, und frage, welche Sorte, und Lolek antwortet „am liebsten mit Hagebutte“ und nun strahle auch ich, sage „die mag ich auch am liebsten“ und fasse zusammen: „Also zwei Hagebuttenkrapfen für jeden von euch“, woraufhin Lolek protestiert – „Nein, nein, nur eine für jede!“ – und sich auf den nicht vorhandenen Bauch klopft und ergänzt „Muss aufpassen, sonst schimpft Frau!“.

Die polnische Frau scheint das Zepter fest in der Hand zu haben und hat nicht nur ein sauberes Auto, sondern auch einen figurbewussten Mann. Sympathisches Volk.

Jetzt Krapfen heimbringen, dann wieder ins Schwimmbad zum Duschen, mittags noch die letzte Amtshandlung als Bauleitung (Lichtschalter aussuchen, Fliesenschnittkanten/Verlegestrategie für die Ecken festlegen, Unterputz-Spülkasten-Konstruktion besprechen), anschließend kurz den Gatten zur Auto-Übergabe treffen, danach die Jean-Seberg-Frisur erneuern lassen – und dann ab an den Tegernsee, wo die Bauleitung endlich zur Ruhe kommen bzw. wieder in ihrem Ursprungsgewerk tätig werden darf und ihre große Gotland-Reportage schreiben wird.

Ihnen einen ebenso erfreulichen, produktiven, leckeren Dienstag, und nehmen Sie aus diesem Beitrag zumindest die eine wirklich wichtige Botschaft mit: dass die Krapfenzeit doch noch nicht mit dem Aschermittwoch geendet hat.

Und falls jemand Loleks Notiz übersetzen kann, würde ich mich freuen, wenn er/sie mir deren Bedeutung zukommen ließe, sofern es nichts Verstörendes ist.

Song des Tages (45).

Im Gasthof der Ersthochzeitsfeier sitzend. Um 17 Uhr, ziemlich alleine, ziemlich hungrig, nach einem längeren Marsch durch Wald, Feld und Moor.
Wie oft bin ich genau diese Runde in meinem Leben wohl schon gegangen? Hundertfünfzigmal? Oder noch viel öfter? Seit 1990 jedenfalls jährlich mehrfach, vermutlich mit jedem Menschen, der mir je wichtig war oder ist oder es mal sein könnte, und natürlich auch mit allen drei Dackeldamen, die Teil meines Lebens waren oder sind.

Quasi das „Thunderroad“ unter meinen Spazierwegen, diese Rundwanderung: lebenslang und durch alle Gezeiten (und alle Gefährten) wird sie einen begleiten, sofern sie nicht das schöne Moor trockenlegen und eine hässliche Neubausiedlung draufklotzen, was im Naturschutzgebiet ja zumindest während meiner noch verbleibenden Lebenszeit kaum zu anzunehmen ist, ich aber auch nachfolgenden Generationen nicht wünsche.

Der Gasthof Georg Ludwig. Zuletzt mit meinem großen Freund S. hier gewesen, vor zwei oder drei Jahren, glaube ich. In den 1990er Jahren oft mit dem Papa in diesem Wirtshaus gesessen, in den 2000er Jahren einige Male mit dem Ex-Gatten, seitdem nur noch alle paar Jahre, wenn es sich grad ergibt, und das tut es eher selten.

Ich sitze im Stüberl, am selben Platz wie bei den Feierlichkeiten damals, das Fräulein schnarcht zufrieden in ihrem sogenannten Schmuddelkörbchen, ein ausrangiertes Exemplar einer Dackelschlafstatt, das hinten im Kofferraum liegt und überallhin mitfährt, um jederzeit für eine Einkehr auch im Wildschweinlook mit Rundum-Dreckverkrustung gerüstet zu sein und keinen Wirt zu verärgern, weil sein Boden nach des Fräuleins Besuch ausschaut wie Sau.

Äonen her, diese Feier, nur der schöne alte Holzboden ist noch derselbe, ansonsten macht man jetzt auch hier auf gediegen und some kind of Cottage-Shabby-Chic.
WLAN gibt’s nun ebenso wie ein paar hübsche Hotelzimmer (was ist nur dem herrlichen Begriff Fremdenzimmer widerfahren, wieso existiert der nimmer?) und Vegetarisches auf der Speisekarte (sogar Formulierungen wie „Duett von…“ und „Kreation aus…“ treten dort mutig an gegen allerlei „Hausgemachtes“). Beim Blick aus dem Fenster aber immer noch vergilbte CSU-Plakate und gegenüber der alte Bauernhof (hinter dessen Scheune mich einst ein verheirateter Chirurg aus Oldenburg küssen wollte, aber das ist eine andere Geschichte, noch dazu eine reichlich banale, obwohl der Typ ein bisschen wie Damian Lewis aussah, aber das war auch das einzig Interessante daran).
Manches ändert sich in Bayern eben nie, genau wie im richtigen Leben.

Die Menschen, die man schon Jahrzehnte kennt, ändern sich ja auch weitaus weniger als sie den Anschein zu erwecken bemüht sind (oder das wirklich glauben, weil sie sich dem Diktakt, sich selbst zu finden oder gar neu zu erfinden, verschrieben haben oder irgendeinem vergleichbaren Quark auf den Leim gegangen sind).
Mich brauch ich da gar nicht explizit einschließen, in den Kreis der sich kaum Veränderthabenden, da ich mich nie aus jenem ausgeschlossen habe, weil ich mich im Kern (von dem wir jetzt einfach mal so annehmen, dass es ihn überhaupt gibt) nicht mehr wesentlich neu ge- oder erfunden, verwirklicht oder optimiert habe, seit ich zum ersten Mal die eingangs erwähnte Spazierrunde durch Wald, Feld und Moor drehte – auf meine relative Unveränderbarkeit ist schon seit 30 Jahren relativ unverändert Verlass, was so seine Vor- und Nachteile hat, über die ich mich jetzt aber nicht auszulassen gedenke, weil es mir gerade gut geht und ich diesen Zustand unverändert belassen und nicht sezieren möchte.

Gestern Abend, nach anderthalb Jahren, M. wiedergesehen. Einst mein bester Freund, zu Zeiten, als man an diesem sozialen Exzellenz-Label noch hing und es gelegentlich hochhielt wie eine kleine Trophäe (in der irrigen Annahme, man würde sich damit irgendwie vom Rest der nurnormalefreundehabenden Menschheit abheben). Mittlerweile eine Kategorie, die mir eh wurscht ist.
Freundschaften kommen und gehen (oder kommen wieder, obwohl sie zuvor gegangen sind), nur wenige haben Bestand über Jahre oder Jahrzehnte, etliche überstehen kaum ein Sommergewitter oder ein Blitzeis, manche sind an einzelne Themen oder Lebensphasen gebunden, eine Handvoll funktioniert nur, wenn die Befreundeten in einem ähnlichen Ausmaß vor Glück und Gesundheit strotzen oder in Leid und Krankheit versinken, andere wiederum sind völlig losgelöst von Zeit, Raum, Befindlichkeiten, Situationen und Dingen, die man teilt oder nicht teilt (und mit hoher Wahrscheinlichkeit hab ich noch x weitere Möglichkeiten und Gesichter von Freundschaft hier überhaupt nicht aufgezählt, weil sie mir grad nicht einfielen).

M. ist jedenfalls der erste meiner Freunde, mit dem die Freundschaft endete, ohne dass ich einen radikalen oder zumindest deutlich ausgesprochenen Schlussstrich gezogen hätte, was meiner Ordnungsliebe und dem Bedürfnis nach Klarheit zunächst sehr zuwiderlief.
Es gab lediglich ein paar Auseinandersetzungen, weil M. im Gegensatz zu mir damals nicht der Ansicht war, etwas ganz Entscheidendes sei uns abhanden gekommen. Richtig ausdiskutiert wurde das nie, zwar offen und ehrlich angesprochen, besonders kontrovers oder allzu emotional ging es dabei aber nicht zur Sache, geklärt wurde auch nichts, sondern es blieb dann irgendwann so stehen, in seiner ganzen unübersehbaren Beschädigtheit und der Runzligkeit von Phänonemen, die ihren Glanz verloren haben. Nur ab und an verspürte ich kurz den Drang, M. vielleicht doch besser nie wieder zu sehen, weil ich keinen Abklatsch dessen erleben wollte, was wir mal hatten, gab diesem Impuls aber nicht nach.

Nun also das dritte Treffen seit dem Bruch. Immer noch vertraut, weil man sich zu lange kannte und zu viel zusammen erlebt hatte, um einander je völlig fremd werden zu können, solange keine Extremfälle eintreten wie: einer wird Hedgefondsmanager und der andere Anhänger einer religiösen Sekte (oder andere biographische Disparitäten dieser Dimension).
M. ist im Grunde immer noch der, den ich vor zwanzig Jahren kennenlernte. Dieselbe Art, seine zahlreichen Anekdoten einzuleiten („der Story muss ich erstmal zwei, drei Sätze vorausschicken“) und zu erzählen (locker, lustig, langatmig: inklusive Einleitung dauern als kurz angekündigte Stories gern mal 45 Minuten oder länger). Derselbe trockene Humor, dieselbe wohlplatzierte Selbstironie, und sogar bei neuen Vorlieben (die ja nun völlig getrennt voneinander entwickelt wurden) noch eine Schnittmenge zu den meinen erkennbar.
Und auch dieselben Dinge, die mich vor ein paar Jahren so ermüdet und frustriert hatten, dass ich die noch verbliebenen Reste des blassen und rissigen Beste-Freunde-Aufklebers von der dünner und dünner werdenden Blase, in der wir uns noch manchmal gemeinsam aufhielten und die darin dünner und dünner werdende Luft einatmeten, und eine Weile hechelnd und heuchelnd so taten, als sei alles noch wie immer, abkratzen musste.

Bei unserem letzten Wiedersehen im Herbst 2018 war ich enttäuscht, dass auf eine ominöse Art in den paar Stunden alles war wie immer, obwohl ja zugleich nichts mehr so war wie zu früheren Freundschaftszeiten, keiner von uns sprach das an, stattdessen brachten wir einander auf Stand (eine selten dämliche Redewendung, passt aber gut zu dem Missmut, den ich oft gegenüber der damit bezeichneten Aktivität empfinde), vor allem M. mich, denn M. ist einfach der größere und bessere Auf-Stand-Bringer und Redner von uns beiden, und auch der, der für den Redebeginn keine Frage benötigt oder erhofft und für den das auch im Fortgang der Rede keine Rolle spielt, wenngleich ich fairerweise sagen muss, dass Ms Gerede nie dumm oder langweilig ist, im Gegenteil, es ist eher wie einer recht unterhaltsamen Sendung im Radio zu lauschen, und so kam ich nachhause und sagte zum Gatten, dass ich nicht wisse, was das noch solle, und dass der Abend zwar durchaus kurzweilig und ganz nett war, ich aber zugleich ein Gefühl von umfassender Belanglosigkeit verspüre (alles irgendwie einerlei: ob das nun war oder nicht, ob es nochmal sein würde oder nicht) und ich doch ein Leben mit so wenig Belanglosigkeiten wie möglich führen wolle und daher nicht sagen könne, ob ich mich je nochmal mit M. treffen würde, das aber erstmal sacken lassen müsse, bevor ich eine Entscheidung träfe. Die ich dann wieder nicht traf, weil sie sich mir nicht aufdrängte, folglich wohl auch nicht dringend getroffen werden musste, und weshalb wir uns gestern eben erneut treffen konnten.

Gestern gegen 23 Uhr, nach fünf Stunden mit M. – er war gerade zur Toilette verschwunden und ich hatte einen kurzen, anekdotenfreien und ruhigen Moment für mich allein, da wir die letzten im Lokal waren – , saß ich da, spürte, wie man so sagt, in mich hinein und hatte zum allerersten Mal den Gedanken: Vielleicht werde ich allmählich altersmilde.
Denn ich ertappte mich dabei, dass ich es letztlich gut fand, ihn wiederzusehen. Nicht existenziell wichtig und auch nicht tagelang beglückend oder anderweitig nachwirkend, auch weder große Zukunft verheißend noch viel Vergangenes aufwühlend, beileibe nicht mehr diese große Sache von früher und auch nicht mehr diese alte Begeisterung, aber dennoch eben auf eine simple Art einfach in Ordnung und gut.

Zu hören, dass auch er zufällig denselben zum Nachfolger des leider mehr und mehr von der Bildfläche (treffender noch wäre: von der Hörfläche) verschwindenden Klaus Maria Brandauers auserkoren hat, nämlich Nicholas Ofczarek.
Ihm zu erzählen, ich hätte zwar nicht ganz wie einst Jon Landau die Zukunft des Rock ’n‘ Roll, dafür aber die Zukunft dieser Zukunft gesehen und ihm dann einen Forenbacher-Song vorzuspielen und mitzuerleben, dass ihn das sofort erwischt, beim ersten Hören, und er sich gleich den Namen notiert.
Vor Monaten den gleichen Artikel von Kurt Kister gelesen und dabei gedacht zu haben, dass man den Text eigentlich dem anderen schicken sollte, falls der ihn verpasst hätte und es dann doch nicht getan hat.
Beim Abschied vor dem Lokal die Mütze aufzusetzen und gefragt zu werden, ob das immer noch diese Sturmhaube sei, die er damals, vor zwanzig Jahren, so albern fand, dass er mich wochenlang Frau Pipolaki nannte, nach dem eingestickten Markenamen in der Mütze, was wir dann beide albern finden konnten.
„Nein, das ist sie nicht!“, antwortete ich, und dachte: aber es ist eine verdammt ähnliche Mütze und auch ich bin’s immer noch und du bist’s ja auch noch, und dann sagten wir „Ja also dann, bis zum nächsten Mal!“, in einem Jahr vielleicht, oder wann auch immer, es ist auf eine nicht völlig belanglose, aber völlig zeitlose Art egal, kein Schlussstrich hat uns den Weg abgeschnitten, und dass das nun so ist, ist womöglich ja doch ein winziges Indiz für eine gewisse Veränderbarkeit von dieser Frau Pipolaki, die ja heutzutage eher unter Frau Kraulquappe firmiert und nach der Wildschweinreinigung daheim auch gleich wieder als solche in die Freitagabendfluten eingetaucht und ihnen soeben erfrischt wieder entstiegen ist.

Auf dem gestrigen Heimweg durch die nächtliche Allee an diese Sentenz (vergessen, von wem) gedacht, in der es heißt, man müsse die Menschen nehmen wie sie sind, es gäbe schließlich keine anderen.
Was angesichts der Vielzahl der Menschen und der daraus resultierenden Auswahlmöglichkeiten natürlich ein Schmarrn ist, aber wenn man die Aussage mal eingrenzt auf die Wegbegleiter, die man so hatte oder immer noch hat oder mal haben wird, und eine Schippe Altersmilde und eine Prise Panta rhei dazugibt, freilich ohne den kritischen Blick und das No-surrender-Feeling früherer Jahre (inklusive mancher seiner zu recht kompromisslosen Aspekte) gänzlich über Bord zu werfen, dann bleibt vielleicht ja doch mehr übrig von dieser Strophe, die M. und ich anno 2002 mal zu „unserer“ erklärt hatten, als ich es in den letzten Jahren gedacht habe:

It’s a long dark highway and a thin white line
Connecting baby, your heart to mine
We’re runnin‘ now but darlin‘ we will stand in time
To face the ties that bind
The ties that bind
Now you can’t break the ties that bind
You can’t forsake the ties that bind