Am Limit.

Montagmorgen in der Notfallambulanz.

Ein Erlebnis im wahrsten Sinne des Wortes ambulare. Mehrere Wartezonen und Zuständigkeitsbereiche durchwandert, auf den Klinikfluren auf und ab gegangen, so gut das halt noch ging. Wegen der Sintflut da draußen konnte man ja leider nicht an die frische Luft, in diesen tollen, ginkgobepflanzten Innenhof, der einer der schönsten Innenhöfe Münchens ist, und dort ambulieren. Überhaupt wirkte die ganze Maistraße eher wie Novemberstraße.

Viel Zeit gehabt, über den Begriff Notfall nachzudenken: wie ich den definieren würde und wie die Uniklinik den auffasst.

Der Torwart an der Klinikpforte schickt einen zu Raum Nr. 21a, in dem man sich ein Kärtchen zu holen hat, das einen als Notfall ausweist. An der besagten Tür klebt ein Riesenschild, das zu lesen einem schon ganz schön was abverlangt, wenn man sich kaum aufrecht halten kann. Das Fazit des ellenlangen Textes: Wehe, Sie kommen herein – klopfen Sie nur 1x kurz und warten Sie dann draußen!

Als sich fünf Minuten nach meinem Klopfen rein gar nichts getan hat, wage ich es, die Klinke herunterzudrücken und vorsichtig in den Raum hineinzugucken – nicht, dass da gar niemand drin ist… Doch, da ist jemand. Eine grimmige Verwaltungstante. Sie hockt hinter ihrem Tisch und raunzt mich an, ich solle draußen warten, sie würde einen schon holen.

Eine zweite Frau gesellt sich zu mir, klopft an die Tür und will nach fünf Warteminuten auch zur Klinke greifen. Ich kläre sie auf, rate ihr ab. Wir kauern nun nebeneinander in der Hocke auf dem Flur, Sitzgelegenheiten gibt es vor Raum 21a nämlich keine. Ist ja der Notfallraum, da kann man sich zur Not auch in den Raum fallen lassen und liegend warten (drei Räume weiter, quasi übergangslos: die Liegendanlieferung, passt also eh).

Kommt eine dritte Frau hinzu, schmerzgekrümmt schleppt sie sich vor die Tür, liest das Schild, stöhnt auf, klopft, wartet drei Sekunden und drückt die Klinke runter. Der Verwaltungsdrache telefoniert nun und mampft einen Schokoriegel und winkt die Patientin sofort wirsch aus dem Zimmer.

Nach weiteren 20 Minuten geht Frau Nr. 2 und mir die Geduld aus und wir treten ungebeten nochmal ein. Der Drache will sich empören, aber wir kommen ihr zuvor. Genervt drückt sie uns schließlich die laminierten Kärtchen in die Hand. Nun sind wir „Notfall“ und dürfen uns in Zimmer 14 bevorzugt anmelden.

An der Tür mit der Nr. 14 hängt eine noch umfangreichere Hinweistafel als an der 21a.
In Kurzform: Wehe, Sie kommen herein – ziehen Sie eine Nummer und warten Sie!
Eine halbe Stunde nach Eintreffen in der Klinik ziehe ich aus dem Automaten die Nummer 51. Auf dem Display über Raum 14 blinkt eine 45. Da ich das Anmeldebüro bereits kenne, weiß ich, dass sich dort drinnen drei Tische mit je einem Verwaltungsdrachen dahinter befinden. Spätestens als sich die Tür zum dritten Mal öffnet und eine Patientin herauskommt, müsste man meinen, dass das Display so langsam von 45 zu 46-47-48 weiterspringen würde. Tut es aber nicht. Es verharrt drei Tassen Kaffee und sechs Donuts lang (mal so gemutmaßt) bei 45. Hat man viel Zeit, über die Sache mit der bevorzugten Anmeldung nachzudenken und sich zu fragen, warum man nicht gleich hier eine Nummer gezogen hat.

Immerhin gibt es hier Sitzgelegenheiten. Harte Holzbänke mit unbequemen Rückenlehnen. Genau das Richtige für eine Frauenklinik, denn wir Frauen hassen Weiches und Warmes, ganz besonders, wenn’s uns mies geht.
Weil irgendwo weit oben im Flur ein paar Fenster gekippt sind, ist es gottseidank auch herrlich kalt in dem Wartebereich. Man hört den Starkregen so auch besser. Wie er idyllisch und beruhigend auf die metallenen Fenstersimse hämmert.

Nach weiteren 40 Minuten blinkt Nummer 51 auf. Ich traue meinen Augen kaum. Mit klammen Händen und Füßen schwanke ich zur Tür von Zimmer 14.
Drinnen ruft Frau S. mich zu ihrem Schreibtisch, auf dem eine hässliche Sukkulente und ein gerahmtes Katzenfoto verstauben. Zu den Nachbarschreibtischen gibt es weder optisch noch akustisch irgendeine Art von Trennung.
Man hört alle Details zu Beschwerden, Krankheitsverläufen, Medikamenten, Adressen, Telefonnummern, Namen von ggf. zu verständigenden Angehörigen sowie deren Telefonnummern. Und unterschreibt parallel dazu die vierseitige Datenschutzerklärung, die einem Frau S. vor die Nase legt. Danach unterschreibt man noch das Anmeldeformular und mit einem Haufen Papier in den Händen darf man nun nach nebenan gehen.
In Zimmer 13. Endlich angekommen, im eigentlichen Wartezimmer, hurra. Gesteckt voll mit überwiegend elend dreinblickenden Frauen. Und bestückt mit richtigen Stühlen, sogar mit plastikgepolsterter Lehne. Und einem Getränkeautomaten, dessen Abluft und Kühlaggregatsdauerbrummen einen in den nächsten zwei Stunden in den Wahnsinn treiben wird.

Erfreulicherweise sind diese zwei Wartestunden von zwei Aktionen unterbrochen: 1.) Dem Erscheinen einer Krankenschwester, die die Tür aufreißt und Is no jemand Nei’s dazuakemma? plärrt und einem den Papierstapel und das Notfallkärtchen abnimmt. 2.) Einer Blutabnahme, die in meinem Fall etwas länger dauert, da die Rollvenen dreimal davonrollen und die Schwester dann eine Stationsschwester dazuholen muss, die wo Übung mit de Broblemfälle hod.
Schöne Atmosphäre, auch bei dieser Prozedur: ein charmantes Durchgangszimmer, dauernd latscht jemand an einem vorbei, ruft was, holt was, will was, wie im Taubenschlag geht’s zu, keine Pritsche zum Hinlegen, als mir der Kreislauf nach dem dritten Zustechen ein wenig zu entgleisen droht, es muss im Sitzen auf dem Klappstuhl klappen (darum heißt der auch so).

Vom Wartezimmer aus hat man Blick auf Maistraße, auf die Flamingo Bar und die kleine Bäckerei an der Ecke, wo ich mir zu gern eine Breze holen täte, da das Frühstück daheim aufgrund der Gesamtlage recht schmal ausfiel (und auch wieder aus mir rausfiel), aber die Schwester gebietet, ich solle mal lieber nüchtern bleiben, falls sie einen dabehalten müssten. Was einem die Wartezeit nicht grad erleichtert, weder der nagende Hunger, noch der innere Aufruhr, den so ein Appell beschert.

Nach weit über drei Stunden komme ich tatsächlich dran. Der sehr junge Gynäkologe (mit zartem Bartflaum im Gesicht) ist nett, spricht fließend Lateinisch und sogar ein paar Brocken Deutsch und hat auch schon psychologische Fortbildungen besucht.
Als wir uns an seinem Schreibtisch zur Anamnese gegenübersitzen, bemerkt er nämlich trotz eifrigen Tippens meinen ängstlichen Blick auf den Laborbericht, der neben seiner Tastatur liegt. Da steht in Fettdruck und Schriftgröße 24 Lebensgefahr / Notfall drüber, und drunter mein Name. Das kann man mühelos lesen, auch wenn der Text auf dem Kopf steht und der Blutzucker im Keller ist. Schnappt der Arzt also meinen Angstblick auf, erklärt mir sogleich freundlich und zugewandt, dass die Überschrift nur aus organisatorischen Gründen da draufsteht: damit das Labor die beiligende Blutprobe vorrangig untersucht. Guckt kurz auf den Zettel und beglückwünscht mich zu meinem recht positiven Hämoglobinwert, dem Geschilderten nach sei das ja nicht zu erwarten gewesen.

Irgendwo zwischen Franz Kafka und Karl Valentin, das Ganze.
Und dazu ein paar Szenen aus der Rubrik „Als Statist unterwegs im eigenen Leben“.

Zumindest bis hierher.
Die Untersuchung ein kleiner Alptraum, nur leider sehr real und so nah am persönlichen Limit, dass mir die Tränen runterlaufen und ich beinahe schreie, dass sie bitte sofort damit aufhören mögen. Stattdessen wird mir schwarz vor Augen. Der sehr junge Arzt und die noch jüngere Assistentin sind sehr verunsichert, holen dann doch lieber den Chefarzt dazu. Der ist Vollprofi und hat schon so viel Blut und Tränen gesehen und Schreie gehört, dass er wegen sowas längst keinen Ultraschall mehr verzittert oder die Fassung oder seinen onkeligen Tonfall verliert.
Ergebnis: Nichts Unerwartetes entdeckt, Rezept bekommen, weitere Maßnahmen erläutert, Wiedervorstellung in Kürze.

Wie ein Zombie nach vier Stunden die Notfallambulanz verlassen, an den ganzen Menschen auf den Fluren und in den Zimmern vorbei, Richtung Klinikausgang.
Aus dem grauen Schleier des Dauerregens treten triefend der Gatte und das Dackelfräulein hervor. Halluziniere ich noch oder lebe ich schon wieder?
Einzig denkbare Bedürfnisabfolge nun: Breze, Kaffee, Kuchen, Hinlegen.

Fragen Sie bitte nichts nach, und wünschen Sie auch nichts. Ich hab dazu eh keine Antworten.
Es wird schon wieder. Andere haben sowas auch überstanden.

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24 Stunden später. Dienstagmittag.

Die Isarauen versinken zunehmend im Wasser. Ein Wildfluss am Limit. Das Dackelfräulein wundert sich, dass dort, wo sie üblicherweise ihrem Bällchen nachrennt, heute Enten baden und dass dort, wo die Enten sonst baden, ganze Baumstämme in den Fluten treiben.

Die Stadt sperrt erste Wege und Stege. Der Regen läuft einem in den Kragen und in die Schuhe. Schirm bringt nichts wegen krassem Wind.
Trotz aller Garstigkeit hat die Runde aber ein bisschen was Vitalisierendes.

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Am Abend dann eine Ladung Puder ins blasse Gesicht und los zur Praterinsel. Die kleine Mariannenbrücke fast schon auf einer Ebene mit der Wasseroberfläche.

Der DAV feiert 150. Geburtstag, der Gatte trägt dort vor, da hat man versprochen, mit dabei zu sein. Nicht nur so in der Funktion als Spielerfrau, sondern eher in der vertrauten Rolle als Gelegenheitsgroupie. Und aus allgemeinem alpinen Interesse.

Ich hatte mir den ja irgendwie deutlich größer vorgestellt.

Aber holla, ich sag’s Ihnen: an Drahtigkeit ist der schwer zu überbieten. Sehr ausdefiniert, alles (oder wie sagt man da?). Und so ein nettes Bayrisch! Berchtesgadener Land eben. Und überhaupt ein total angenehmer Typ, so im Gespräch und beim gemeinsamen Bier.

Das war’s dann auch schon mit den Gemeinsamkeiten.

Limit ist halt für jeden was anderes & woanders.

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Für ’n Appel und ’n Ei.

München halt: Mir ham’s ja.
Hoffentlich stellen’s das Trum ned neben die Bavaria.

Von Schuld, Campingplatzleben und Mollusken. Ein nächtliches Purgatorium.

Seit einiger Zeit beobachte ich morgens beim Zähneputzen ein abstruses Phänomen an meinem Körper. Wenn mir der Ausschnitt meines Schlafshirts durch die Putzbewegung ein Stück über die Schulter rutscht, sehe ich im Spiegel mein Schlüsselbein. Direkt unter dem Knochen ist eine längliche Wölbung erkennbar. Von Größe und Form her in etwa so, als säße unter meiner Haut eine halbierte Nacktschnecke.

Manchmal lege ich die Zahnbürste beiseite und ziehe mir das Shirt noch weiter über die Schulter, um dieses skurrile Spektakel genauer anzusehen. Spektakel, weil: das wulstartige Etwas bewegt sich ein bisschen. Ich betaste es vorsichtig. Es fühlt sich unangenehm, aber nicht schmerzhaft an, es lässt sich verschieben und eindellen. Vielleicht bewegt es sich auch nur, weil ich zuvor den Arm bewegt habe?
Ich berühre die Stelle noch ein paarmal, versuche mich an einer kleinen sensorischen Testreihe (sogar unter Zeugen, damit es nicht irgendwann in einer Notambulanz heißt: Die spinnt doch!), aber jedesmal macht sich die halbierte Nacktschnecke mittendrin vom Acker und taucht erst am nächsten Morgen wieder auf.

[Ein Filmausschnitt fällt mir dazu ein. Als ich ca. acht Jahre alt war, tappte ich spätnachts, aus einem unruhigen Kindertraum erwacht, ins Wohnzimmer, weil ich den Fernseher hörte und wusste: da ist der Papa, da bin ich sicher. Er saß dort manchmal nachts, wenn er nicht schlafen konnte und guckte sich Weltraumsendungen oder irgendwelche schrägen Filme an. Ich setzte mich neben ihn aufs Sofa und mein Blick fiel unweigerlich auf den Fernseher. In der Szene, die gerade lief, war ein Mensch zu sehen, in dessen Rücken ein Wurm hauste, ein Riesenwurm, der gerade dabei war, sich von innen durch die Haut zu fressen. Ich kreischte vor Ekel und der Papa schaltete natürlich sofort den Fernseher aus.]

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Campingplatzleben.

Mit diesem gänzlich neuen Wort – nie zuvor gedacht/gesagt/geschrieben – frühmorgens aus einem Traum aufgeschreckt.
Verschwinde einfach wieder in dein Campingplatzleben!, so mein letzter erinnerter Satz, aus dem Alptraum erwachend. Ich schrie ihm diesen Satz ins Gesicht und fuhr davon.

Zuvor hatte ich mich von ihm überreden lassen, ihn zu seinen Eltern zu begleiten. Obwohl er gar nicht mehr mein Freund war, genau genommen ist er das wohl nie gewesen (und was auch immer wir waren: Freunde jedenfalls nicht).
Er jammerte wochenlang, dass er dort nicht alleine aufkreuzen könne, im Elternhaus, nach all den Jahren. Seine Freundin sei als Begleitung ungeeignet, die könne sich nicht benehmen und sei zu laut für die schwachen Nerven seiner Mutter. Und sein Vater dürfe sie nicht sehen, diese Freundin, denn der wäre schockiert über eine solch ungehobelte Person.

Deshalb ICH. Bitte, nur noch dieses eine Mal. Es würde ihm bestimmt sehr helfen. Ich könne das doch locker. Er könne das nun mal gar nicht. Diese ganze Herkunftsfamilie, alle so schrecklich. So viele Rechnungen offen mit denen, dass ein läppisches Leben sowieso nicht ausreiche, um die alle zu begleichen. Gut, das Erbe nahe ja nun, das würde vielleicht was heilen, eines Tages. Eine Art Schmerzensgeld, das stünde ihm doch zu, nach all dem Erlittenen seien sie ihm das schuldig.

[Kinder sitzen diesem Trugschluss ja gar nicht so selten auf: zu meinen, die schrecklichen Eltern seien ihnen ja wenigstens eines Tages ihren gesamten Besitz schuldig, wenn sie ihnen schon sonst nichts Gutes gegeben hätten. Ein Schuldschein, der nicht einlösbar ist. Vielleicht eh bloß die Rückseite des genauso wertlosen elterlichen Schuldscheins, auf dem in großen Lettern „Dafür, dass wir dir das Leben schenkten, schuldest du uns Dankbarkeit“ prangt. Meist stehen beide Seiten knietief im selben Moralmorast des Familiengeweses, gleichwohl denkt jede der Seiten, nur die andere stünde drin und sie selbst sei erhaben über diese Niederungen menschlicher Gesinnung.]

Er müsse diesen Besuch jetzt machen, damit ihm das nicht durch die Lappen ginge, man wisse ja nie. Ich müsse ihn unbedingt begleiten.
Und ich? Natürlich. Ich mach‘ das. Weil ich gefall‘ mir ja in dieser vertrauten Rolle der Retterin der Unrettbaren. Damit kenn‘ ich mich aus, das kann ich. Mit dem ewig gleichen Misserfolg am Ende, versteht sich. Denn man kann das Seelenleben der anderen nicht retten, was man zwar von Anfang an weiß, aber nicht ernst nehmen möchte, weil: das lenkt so prima ab von potentiell schöneren, neueren, bunteren Rollenkleidern, in die zu schlüpfen ich mich ziere oder ängstige (weil ich dabei womöglich den eigenen familiären Moralmorast betrachten oder gar betreten müsste: die Mutter, die Mutter, die Mutter).

Ich sitze also am Steuer einer überdimensionierten, schwarzen Limousine und kutschiere ihn zum Elternhaus. Unterwegs erzählt er mir unaufhörlich von seiner Kindheit und von seinen Eltern, die ich noch nie gesehen habe und eigentlich auch lieber nie sehen wollte, weil das, was er erzählt, wahrhaft gruselig und traurig klingt.

Dort angekommen öffnet uns niemand. Die tun nur so!, sagt er zu mir: das konnten sie schon immer am besten – nur so tun als ob.
Er weiß offenbar, dass sie zuhause sind. Wir schleichen uns durch einen verwachsenen Garten zu einer Terrassentür, die einen Spalt breit offensteht. Er greift nach innen, legt den Griff um und schiebt die Tür ganz auf. Seine Eltern liegen auf einer riesigen Eckcouch und schlafen und sehen aus wie tot, so friedlich.
Durch das Quietschen der Schiebetür erwacht die Mutter. Erkennt ihn, den Sohn, setzt sich auf und will etwas sagen, aber es kommt kein Ton aus ihrer Kehle. In dem Moment wacht auch der Vater auf, blickt uns an und poltert sofort los: Wieso der Sohn erst jetzt komme, so kurz vor ihrem Tode, wieso er sich all die Jahre nicht habe erinnern wollen an sie, seine Eltern, wieso erst jetzt?

Dieser Sohn, den ich begleite, steht hinter mir und ringt nach Luft, will auch etwas sagen und kann nicht. Der Moment meines Einsatzes ist gekommen, denke ich noch, als ich aus den Augenwinkeln sehe, wie der Sohn wortlos ein großes Ölgemälde von der Wohnzimmerwand nimmt und damit auf die Mutter zugeht, mit sehr entschlossener Mine. Sie will noch schützend die Hände über den Kopf heben , aber es ist zu spät. Der Sohn erschlägt sie mit dem Bild, mit mehreren Hieben. Ein Stück Bilderrahmen ragt ihr schließlich aus der Brust (nirgends Blut, ich träume fast ausnahmslos blutfrei, in diesen seltenen Horrorträumen).

Der Vater ist fassungslos und beginnt zu weinen. Ich setze mich zu ihm und sage mit zitternder Stimme: Es tut mir leid, aber genau DAS habe ich kommen sehen. Dass es so eskaliert. Ich habe es kommen sehen. Dann lege ich ihm tröstend die Hand auf seinen runzligen, von Altersflecken übersäten Arm.
Warum haben Sie es dann nicht verhindert?, will der schluchzende Vater von mir wissen.
Weil Ihr Sohn es sowieso getan hätte, irgendwann, irgendwie, entgegne ich.

Dann frage ich mich, wo er eigentlich ist, der Sohn.
Stehe auf und gehe durchs Wohnzimmer, schaue hinüber in den Flur und ins Esszimmer. Dort ist er nicht. Ich trete durch die Terrassentür hinaus in den Garten – und da sehe ich ihn: er kauert in einer Ecke, hat sich in eine Decke gehüllt und nimmt große Schlucke aus einer Weinflasche. Als ich auf ihn zugehe und ihn ansprechen möchte, schreit er mich an. Ich solle stehenbleiben, sonst würde er auch mich erschlagen, so wie er überhaupt alle erschlagen möchte, die ihn nicht gesehen und ernst genommen hätten. Mit einem beherzten Sprung nähere ich mich ihm, wische mit einer schnellen Bewegung des rechten Armes die Flasche aus seiner Hand und schreie zurück: Er müsse jetzt zu dem stehen, was er getan habe, einmal in seinem Leben müsse er das hinbekommen, denn nicht an jedem Drama seien immer nur die anderen schuld!

Mein Mut verlässt mich schnell wieder, ich bekomme Angst und renne weg. Warum auch immer ich ins Haus zurückeile, kann ich nicht sagen, aber als nächstes stehe ich wieder in diesem hässlichen Eiche-rustikal-Wohnzimmer.
Der Vater sitzt immer noch starr vor Schreck und weinend auf dem Sofa. Ich sehe zur anderen Couchseite hinüber, wo die tote Mutter liegt. Auf einmal reißt sie die Augen weit auf und sagt in einem Tonfall, in dem Fürbitten verlesen werden: Jetzt wird er wieder jahrelang in unserem Garten campen! Oh helfen Sie uns doch!

[Und mitten in dieser Traumszene denke ich: Ja, so ist er. Ein Camper. Schlägt irgendwo sein Zelt auf, behilft sich mit dem Nötigsten, harrt aus, bis alles um ihn herum sich dieser Campingszenerie angeglichen hat: die Freundin, die Nahrung, die Wohnung, die Gegend, die Vegetation. Alles wird zum Zubehör, alles ist im Notfall schnell zurückzulassen. Er lebt auf dem Boden, er schläft im Schlafsack, kein Wetter kann ihm etwas anhaben. Er befindet sich in seinem Survival-Camp und sitzt dort und hält Mahnwache. Schon jahrelang. Ein Outlaw, der sich am Feuer wärmt, sich von Wurzeln ernährt, sich kaum mehr pflegt, sich den Menschen entfremdet, sich in seinem selbstgewählten Exil eingerichtet hat. Ab und an stößt er einen Hilferuf aus, manchmal ertönt ein Echo, letztlich aber verhallt alles in der Dunkelheit und Wildnis.]

Ich wende mich von der Mutter ab, drehe mich um, trete ganz nah an die Scheibenfront des Wohnzimmers heran und schaue in den Garten hinaus, wo er noch immer in der hintersten Ecke sitzt. Sehe, dass er schon eine neue Flasche Wein in der Hand hält. Ausdruckslos und passiv starrt er die Hecke gegenüber an, so als ginge ihn all das, was hier drüben, im Wohnzimmer seiner Eltern, geschehen ist, nichts mehr an.

Mich ergreift eine unsagbare Wut, wie ich ihn da so hocken sehe. Dieser unerträgliche Trauminet. Dieser Blutegel-Habitus hinter der Opfer-Maske, wenngleich wohl unbewusst. Nach Jahren des Mitleids packt mich nun die blanke Wut.
Die aber richtet sich nur teilweise gegen ihn, dieses dort im Rasen hockende, trotzige, verletzte Häuflein Elend, das mir so viel Energie für die Bekümmerung um sein Elend abgezogen hat, so dass diese Energie nun für mich fehlt.
Im Kern und in letzter Konsequenz richtet sich diese Wut gegen mich. Gegen mich, dieses dort hinter der Glastür stehende, grollende und ebenfalls verletzte Häuflein Elend, das sich ohne jeden Zwang diesen Blutegel aus dem Sumpf fischte, ihn sich anlegte und ihn saugen ließ.
Kaum zu glauben, wie ähnlich man einander in manchen Aspekten doch ist, trotz größter Verschiedenheit!

Er starrt die Hecke an, ich starre ihn an. Wut und Selbsterkenntnis pochen hinter meinen Schläfen, die Scheibe beschlägt von meinem Schnauben. So sehr, dass seine Konturen dort draußen im Garten mit jedem Ausatmen mehr und mehr verschwimmen. Kurz bevor er hinter dieser Kondenswasserschicht völlig verschwindet, ruft er nach mir: Was stehst du da so herum, kommst du jetzt bitte?

Kaum ist der Ruf ertönt, setze ich mich langsam in Bewegung. Jeder Schritt wie in Zeitlupe. Ein paar Meter vor ihm bleibe ich auf dem Rasen stehen und schaue ihn an. Ja, siehst du denn nicht, wie es mir geht?, wimmert er.
Ich versuche, meine Wut wegzudrücken, mich zu sammeln und zu sagen: Nein, weil ich jetzt endlich wieder sehe, wie es MIR geht!

Sage es dann tatsächlich, drehe mich um und gehe aus dem Garten hinaus, der nun noch zugewachsener wirkt als beim Betreten. Ein paar dornige Zweige schnalzen mir schmerzhaft ins Gesicht.
Schließe das Auto auf, lasse mich auf den Fahrersitz fallen. Bin fix und fertig.

Dann klopft es am Fenster. Draußen steht er, mit hochrotem Gesicht. Zorn? Tränen? der Wein? – die Röte ist nicht zuzuordnen, es ist mir auch egal, denn ich kann meine Wut nicht mehr unterdrücken.
Drehe den Zündschlüssel um, lege den Gang ein, öffne das Fenster – das Blut kocht nun in meinen Adern – und brülle: Verschwinde einfach wieder in dein Campingplatzleben!, und trete mit dem Fuß aufs Gaspedal, so fest ich kann.

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Beim Zähneputzen suchen die Augen bereits automatisch das morgendliche Spiegelbild nach der halbierten Nacktschnecke unter dem Schlüsselbein ab.
Sie wulstet heute nicht an der üblichen Stelle herum. Seltsam. Ich lege die Zahnbürste auf den Waschbeckenrand und streife das Shirt über meine Schulter. Nirgends ist es zu sehen, das kleine Monster. Irritiert ziehe ich das Shirt ganz aus. Taste das Gewebe rund ums Schlüsselbein gründlich ab. Inspiziere den gesamten Oberkörper. Nichts, nirgends.

Die Molluske ist über Nacht verschwunden.

Wider die Sideropenie.

Am vergangenen Wochenende fand Bayerns größter Flohmarkt auf der Münchner Theresienwiese statt. Also direkt vor unserer Haustür. Da fühlt man sich – wenn man’s schon so nah hat – natürlich aufgerufen, mal über diesen riesigen Markt zu schlendern. So wie 80.000 andere, die trotz der kühlen Witterung dort unterwegs waren.

Viele Menschen lieben ja diese Schatzsuche in der Vergangenheit fremder Leute, mögen die heimelige Atmosphäre auf diesen Märkten, finden sogar die dollsten Schnäppchen und tragen nach ein paar Stunden begeistert ein Ränzlein oder gar eine ganze Schubkarre mit neuen Errungenschaften und Unrat nachhause.

Und ich? Keine Stunde lang habe ich es dort ausgehalten!
Lag es am akuten Eisenmangel oder am Wetterumschwung oder doch nur daran, dass ich mit Aktivitäten wie Shoppen und Bummeln immer schon Probleme hatte?

So schnell ist mir alles zu viel, zu unübersichtlich, zu voll. Je größer das Angebot, desto geringer meine Kauflust. In Möbelhäusern bekomme ich nach 30 Minuten Kopfweh von all den Polituren und Imprägnierungen, die das Zeug dort ausdünstet, in Kaufhäusern nervt mich das andauernde Gedudel der Musik, in Fußgängerzonen sind mir zu viele Menschen dicht an dicht unterwegs.
Wenn ich was brauche, geh ich ausschließlich wochentags/vormittags los und suche gezielt in maximal zwei Geschäften danach.

Nun fand dieser Riesenflohmarkt ja unter freiem Himmel statt, so dass man hätte annehmen können, die Luft sei prima und es bestünde keinerlei Kopfwehgefahr, aber schon nach dem Durchschreiten der ersten paar Verkaufsgassen musste ich feststellen, dass 80% der feilgebotenen Waren einen unsäglichen Mief verströmten (der bestimmt wie eine Dunstglocke über dem ganzen Gelände gehangen wäre, wenn es nicht so windig gewesen wäre).

Kein Wunder, denn exotische Sammlerstücke wie alte Fahrradsattel aus Leder, die sich kurz vor der Zersetzung befinden, oder Teeservices, in denen sich im Lauf der Dekaden Earl Grey-Rückstände mit Staub zu einem braungrauen Etwas verbacken und auf jedem Tassenboden festgesetzt haben, oder 50 Umzugskartons voll mit abgelegtem Schuhwerk und Kunstpelzen längst verblichener Generationen, haben eben einen gewissen Eigengeruch (der wohl so heißt, weil er so eigen ist). Man konnte sich noch ein paar Ramschgassen lang damit beschäftigen, die einzelnen Duftnoten, die einem von den Ständen entgegenwehten, genauer zu bestimmen (keller-modrig / küchen-ranzig / schrank-stinkig) oder über manche Subjekte und Objekte, die sich dort tummelten, amüsiert den Kopf zu schütteln, aber nach einer Dreiviertelstunde war Schluss mit lustig – und mir schwindling und übel.

Lediglich zweimal zuckte kurz ein „Haben-wollen“-Gedanke durch mich hindurch.
Der erste, gleich zu Beginn des Streifzuges, bei vier Tapeziertischen mit Schildern aus den Ammergauer Bergen:

Da scheinen sie in der gesamten Region ja alles abmontiert zu haben!? Ich studiere ungefähr 40 Schilder und freue mich, nahezu jeden Weg- oder Bergnamen zu kennen. Sogar der Wellenberg ist dabei, das Lieblingsbad meiner Kindheit! Und der Kofel, der Pürschling und der Laber sind auch mit von der Partie, herrlich.

Nur, was soll man dann damit? Sich die Dinger in die Wohnung hängen, als ausgefallenen Wandschmuck, was kurzfristig sicher mal kreativ und witzig wäre, mittelfristig würden die Metallplatten aber wohl im Kellerregal landen, denn man möchte ja nicht jahrelang in geschlossenen Räumen auf diese schönen Wanderwegbeschilderungen starren. Absurd.
Bald mal wieder nach Oberammergau fahren, nehm ich mir vor, als ich mich von dem Stand abwende (haben die in dem Landkreis jetzt etwa keine Schilder mehr oder lauter neue?).

Der zweite kurze Impuls, sofort zuzugreifen, dann etwas später, schon in latent aggressiver Stimmung gegen Ende des 45-minütigen Rundgangs:

Die Treter haben was, keine Frage!
Sitzt du mit denen in der U-Bahn, hockt sich garantiert niemand mehr auf den Sitz gegenüber, so dass du endlich mehr Platz und Ruhe hättest.
Oder mit denen in die Autowerkstatt, wo ich mich letzte Woche mit dem Geschäftsführer anlegen musste, weil dieser Lackaffe von Serviceberater vor lauter ebenso übertriebenem wie sinnentleertem Servicegetue glatt vergessen hatte, mich auf etwas ziemlich Wesentliches aufmerksam zu machen – in so einem Moment mal kräftig mit dem Fuß aufgestampft, der in so einem Schuh steckt – ja holla, ich wette, man hätte so das ganze Gerede effektiv abkürzen können!
Leider sind die Schühchen eine Nummer zu klein für mich und der Gorilla, der bei dem Klamottenverkaufstand hockt, lädt rein mimisch nicht wirklich zu einem Gespräch oder gar einer Preisverhandlung ein (ohnhin noch sowas: Handeln & Feilschen, das liegt mir nicht).

Also lassen wir auch das und gehen ohne irgendwas nachhause und ich sinke wie betäubt auf die Couch, immerhin froh, kein Geld verplempert zu haben und nirgendwo einen neuen Staubfänger rumstehen zu haben.

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Eisenmangel ist übrigens eine fiese Sache.

Schon das, was diesmal dazu geführt hat, ist ja Plage genug und dann zieht’s dir langsam aber sicher dermaßen umfassend die Kraft raus, dass du an manchen Tagen schon um 19:30 Uhr auf dem Sofa in den Tiefschlaf sinkst, mit Müh und Not noch den Wechsel zu deiner eigentlichen Schlafstatt vollziehst und dann weiterpennst bis morgens um halb acht. Hätte man auch mal früher drauf kommen können, dass das nicht nur die Frühjahrsmüdigkeit und die Erschöpfung vom Heuschnupfen oder von den Unbilden des Lebens ist.

Schon nach drei Tagen mit je zwei Kapseln Ferro Sanol ist das Leben ein anderes, die Ursache des Übels zwar nicht beseitigt, aber man wandelt wieder aufrecht unter den Menschen da draußen und fühlt sich auch annähernd wie einer.

Mit steigendem Ferritinwert können auch andere Dinge wieder angepackt werden. Hier sind ja momentan diverse Aufräumaktionen auf mehreren Ebenen im Gange, die abzuschließen mir ein Bedürfnis ist.

Es gelingt mir beispielsweise endlich, einen Abschied zu vollziehen, der schon seit langer Zeit ansteht: Auf dem Flohmarkt springt mir dieser Stuhl ins Auge, und ist mir Erinnerung und Mahnung zugleich, dass ich das jetzt tun muss und auch tun kann.

Theresienwiese, 27. April 2019.

Und nun ist es getan. Mehr dazu ein anderes Mal, vielleicht.
Oder Sie lesen es hier nach, denn im Grunde ist es dasselbe, sogar dieselbe Person, und der damalige Blogbeitrag war eigentlich schon eine recht gelungene Beisetzung, zumindest war das seinerzeit mein Gefühl nach dem Schreiben und der enormen Resonanz, die dazu kam.

Nun tanzen wir erstmal in den Mai hinein, das wünsche ich Ihnen auch!

Wien (4): Erlustigungen und Befrustigungen.

Nach dem gestrigen Schwimmausflug weiter in die Leopoldstadt, dort über den Karmelitermarkt und durchs Grätzl geschlendert.

Anschließend in den Augarten.

Im Hundereiseführer angepriesen als eine der größten Parkanlagen, in denen Hunde „mitgeführt werden dürfen“. An der Leine, versteht sich. Aber der Augarten wirbt ja damit, dass er über zwei „Hundeauslaufzonen“ verfügt. Das schaut dann in der Praxis so aus:

Vollkommen trostlos. Wir gehen hinein in das öde, eingezäunte Platzerl mit erdig-sandigem Boden. Pippa guckt uns irritiert an, so ein „Was sollen wir denn hier?“- Blick. Wissen wir auch nicht. Denken wir im Augarten-Café bei einem Törtchen drüber nach (meine Güte: die Kuchen und Torten und Mehlspeisen hier, die sind dermaßen lecker), mit Blick auf den Flakturm (Codename „Peter“).

Nachdem wir uns diesen Erlustigungen gewidmet haben, für die der Park ja auch vorgesehen ist…

…marschieren wir über die Aspernbrücke (ach, die Urania dort am Donaukanal, das erinnert mich an den Kinoabend mit K., vor gefühlt 100 Jahren, als Johnny Depp, der die Hauptrolle in dem Film damals spielte, noch so wunderschön war im Vergleich zu dem Schatten, der er heutzutage ist) rüber in den ersten Bezirk und von dort nachhause.

Nur 14 km diesmal. Nur 1 Std Ruhe, dann weiter zur nächsten Erlustigung, diesmal ohne jede Befrustigung.

Dieses Bauwerk, diese Pracht, diese Flure, dieser rote Samt in den Logen, diese Bühne, dieser Text, diese Sprache, dieser Mann – ein Wahnsinn.

Und sogar Freunde gefunden, beim Anstehen an der Theatergarderobe. Solche wie damals in Eppan. Aber das ist eine andere Geschichte.

Satz des Tages: „Bitte sich festzuhalten.“

Hund haben (15).

Fixlaudon no amoi!

Müsst’s eich so aufpudeln? Kenna mia ned oafach durchs Grätzel dackeln ohne diesen Amtskapplschaaß?

Eh kloar, das mir unserne Gackerln, wie ihr des nennts, wegdoa! Wobei: Begriffe wie Hundekotsackerlspender und Hundekotsackerlautomaten, des is klass – vui besser ois des bleede Dog-Station bei uns! Und dann noch in der Dichte und im Onlinestadtplan!
Ein Misttelefon hobd’s a no, ja gibt’s des?! Und Haufen in der Größe, fast höher als der Fernsehturm (ist Gackerl dafür noch das passende Wort?)!?

Oba fast überoi da depperte Leinenzwang oder a Beißkorbpflicht oda beides, selbst in dene Beserlparks!?
Oda glei a kompletts Verbot im ganzn Park? Muass des sei? Des fäult mi echt o!

Dabei hod’s so leiwand ogfangt…

Erst die erfolgreiche Theaterkartenjagd im Feber: nach 45 Minuten glatt zwei halbwegs günstige Sitze in der Burg ergattert.
Dann die Quartiersuche: die Hotels in summa teuer (entweder 20€ pro Nacht und Hundenase oder 25€ am Tag fürs Parken oder beides), also lieber Airbnb, direkt nebam Belvedere, in der Wieden (schöner Bezirk, klingt auch so heimisch-vertraut!), samma fündig worn.

Zwei-Zimmer-Wohnung, gepflegt, gut ausgestattet, keine hässlichen Vorhänge oder unappetitlichen Teppiche. Altbau, Hochparterre, so dass das Fräulein nicht durch Stiegenhäuser hochgetragen werden muss mit dem vom Frühjahrsputz ruinierten Ellbogen.
Eine rundum adäquate Bleibe (wenn Bilder und Bewertungen nicht lügen) für lädierte Herrschaften in den mittleren Jahren, mit Badewanne sogar, damit sich die Dackelreinigung nach eventuellen Dreckswettermärschen ebenfalls kommod gestaltet (ich hasse es, den Hund in diesen top-modernen, komplett ebenerdigen Dusch-Oasen zu säubern: eine Riesensauerei jedesmal, inkl. nasser Socken)

Netter Kontakt zu nettem Vermieter, derzeit in Bochum lebend, selbst Hundehalter und daher grashalmpräzise auskunftsfähig, was alle möglichen (viele san’s eh ned) Pipiplätzchen in unmittelbarer Wohnungsnähe angeht, dazu noch ein Spitzentipp für ein Kaffeehaus zum Geburtstagsfrühstück, gleich ums Eck.

Nur einen Steinwurf entfernt die Haltestelle der Bim, die einen in 13 (!) Minuten direkt vors Burgtheater befördert, ebenso die U-Bahn-Station, mit der man zum am Stadtrand gelegenen Park&Ride gelangt (super Tipp von der Freundin vor Ort), wo der Kombi preiswert abgestellt wird, nachdem wir unser ganzes Glump in der angemieteten Wohnung ausgeladen haben.
Logistisch also alles bestens!

Noch von daheim aus zwei Verabredungen fix gemacht – der Gatte besucht einen Wiener Uni-Kollegen auf dem Sport-Campus und zeitgleich wird Freundin S. mir irgendwo zwischen Pötzleinsdorf und Neuwaldegg schöne Hundeauslaufgebiete (sic!) und Cafés zeigen. Im Anschluss daran dann alle miteinander in das Lieblings-Beisl von der S.

Zum Geburtstagsabend vom Gatten auf den letzten Drücker den Gunkl im Alsergrund buchen können (der uns vor Jahren mal einen Abend lang dermaßen begeistert hat), der kommt zwar im Herbst auch nach München, aber es ist natürlich netter, den dort zu sehen, wo er ist bzw. herkommt.

Für den Theaterabend eine prima Betreuung für Fräulein Hund gewonnen, schließlich ist das Stück recht lang, und hin und zurück muss man ja auch und – wer weiß – vielleicht will man ja sogar danach noch ein bisserl ofczarecken am Künsterausgang (so wie damals vor 15 Jahren, um den Herrn Brandauer abzufangen), aber eventuell bin ich aus dem Alter jetzt doch mal raus (?), jedenfalls ist’s aufgrund des langen Abends sehr beruhigend, dass die liebe S. dem Dackelfräulein ein Weilchen Gesellschaft leisten mag (@S: den Gustl hamma ned gfundn, wir bringen nun die Akka mit, i hoff, des bassd).

Auch schon ein Schwimmbad recherchiert, das vom Quartier aus gut erreichbar ist. Ein kleines architektonisches Highlight: Grundriss einer römischen Therme und innen im Art-Déco-Stil gehalten. Cool schaut das aus dort – und es gehört ja zu meinen großen Hobbys, mir so gut wie überall, wo ich hinkomme, andere Schwimmbäder anzusehen (und natürlich auch drin zu schwimmen), denn nirgends ist der Einheimische so unverstellt eins mit sich und überhaupt so heimisch, wie in einer Umkleide, unter der Dusche oder in der Sauna (außer vielleicht in seinem Stamm-Beisl).

Lauter angenehme, anregende Sachen geplant und daneben noch eine Menge Zeit „zur freien Verfügung“, wie man so sagt.
Zeit zum Umanandersandeln und Rumgucken, zum Treibenlassen durch die Gassen und zum entspannten Herumrühren in Kaffeetassen, die man uns an altbekannten und neu zu entdeckenden Orten servieren wird. In die Gumpendorferstraße will ich, ins „Sperl“, und endlich auch mal in die Leopoldstadt, auf den Karmelitermarkt und in den Augarten. Die persönliche Wien-Landkarte erweitern, sofern das halt zusammen mit Hund gut machbar ist.

Alles lief bei den Reisevorbereitungen zunächst wie am Schnürchen, aber dann ging’s an die Details.

Der Wochenkartenkauf für die Öffentlichen (bis die dämlich App das Zahlungsmittel mal akzeptiert hatte… – es hätte die Kreditkarte beinahe ihr Leben gekostet), die Organisation eines Zweitschlüssels vom Hausverwalter (es gibt Menschen, die sind von 2 simplen Fragen in 1 Mail einfach komplett überfordert), das genauere Ausloten der hundefreundlichen Grünflächen im Viertel und den Nachbarbezirken (gruselig kleine, eingezäunte Hundeauslaufzonen wie ich sie in Finnland und Schweden sah, herrje), die Entdeckung, dass ein Dackel in den Öffentlichen einen Einzelfahrschein braucht (1,20€ pro Strecke im Vergleich zu umsonst in München, egal wohin und wie oft) und einen Maulkorb, resp. Beißkorb (allein der Begriff!) tragen muss (wir haben jetzt einen für 3€ gekauft, das Fräulein war todbeleidigt bei der ersten Anprobe), das Surfen auf den Seiten der Stadtverwaltung, um sich mit all den Verboten für Hunde vertraut zu machen (die Liste der Parks, die tabu sind, ist zwar ordentlich sortiert, aber erschreckend lang).

Genug gesudert.

Wien ist meine zweitliebste Stadt und wird es auch bleiben.
Nirgends hab ich mich je sofort auch nur annähernd so wohl gefühlt wie dort.

Betrachten wir’s einfach als Herausforderung, das jetzt auch mal zusammen mit Hund nicht nur zu managen, sondern auch zu genießen.
Gucken wir halt keine Schlossgärten an. Und betreten auch keine Museen. Fretten wir uns tagsüber einfach nicht ab mit all diesem Kulturkram. Spazieren wir eben auf den Hügeln vor der Stadt herum, fahren da beißkorbfrei mit dem Auto hoch, laben uns an der guten Luft und der Aussicht und den Mehlspeisen in Ausflugscafés und freuen uns, dass wir mal was anderes sehen als immer nur die Stadt, da unten.

Gerade auf Reisen eröffnet einem ein Hund ja immer wieder ganz neue Möglichkeiten, Perspektiven, Erlebnisse – spannende Abenteuer off the beaten path, wie es immer so schön heißt und wie es sich als Untertitel auf Reiseführern exzellent verkaufen lässt.

Das wär‘ ja glatt noch ’ne berufliche Option, denk ich grad so: eine Reiseagentur mit dem Namen „Hundum sorglos – das ausgewuffte Reisebüro für Zwei- und Vierbeiner“.
Ist nämlich eine Welt für sich, diese Reiserei mit Hund und eine knifflige, unergründliche oft noch dazu (erst recht, wenn’s eine Städtereise ist), zumindest wenn einem wichtig ist, dass es dort auch für den Hund gut passt und man den nicht nur mitschleifen will.

Slogan der Agentur: „Organisieren Sie noch oder genießen Sie schon?“
Oder in der österreichischen Variante: „Gackerln Sie ruhig – wir kümmern uns um die Sackerln!“
Kann man dann für die jeweiligen Destinationen noch ergänzen um zusätzlich buchbare special events wie „Bellen im Belvedere“ oder „Auf einen Rinderschlund in den Alsergrund“ oder „Such die Pasteten in ganz Margareten!“.

Jetzt aber mal den Koffer zugeklappt & die Klappe ebenso & noch eine Mütze Schlaf genommen –
Servus & Baba mitanand, und wanns dortige WLAN kaane Spomernadeln mochd, hear ma uns gwiss!

Nicht ohne meinen Dackel…

… und auch nicht morgens um 5:30 Uhr!
So mein zweiter Gedanke, bei näherer Betrachtung der Details.

Der erste, als gestern diese Mail aus Hamburg hereinflatterte, war: Ey cool, mal so im Oldtimer durch England zuckeln und abends die Füße in irgendwelchen Schlossgemächern hochlegen!

Schon lustig, wozu man so eingeladen wird: eine Charakterreise!?

Aber auch ein ganz schöner Stress – vier proppenvolle Tage, ein Programmpunkt nach dem anderen, eine Menge Fresserei und permanente Gesellschaft (ohne das tägliche „enjoy the end of day with a nice drink“ defintiv nicht zu verkraften).

Um 5:30 Uhr am Hamburger Flughafen aufkreuzen? Echt nicht!
Da wär‘ ich schon fertig mit dem Tag, bevor’s um 9 Uhr das breakfast in dem award-winnig country pub gäbe (nüchtern fliegen? undenkbar!) und würde wohl um 11 Uhr von der Hufeisensammlung in Oakham Castle nicht mehr viel mitkriegen, außer eines der edlen Stücke fiele von der Decke und mir auf den Kopf…
Kein Vergleich zu der Pressereise nach Hall in Tirol, wo man uns artgerecht anreisen und das Programm ganz gemütlich zu zweit mit privater Fremdenführerin oder privatem Bergführer abwickeln ließ!

Habe natürlich professionell auf die Einladung geantwortet (man will sich ja nix verbauen: wer weiß, was die noch so in petto haben):

„Lieber Herr N.,
haben Sie vielen Dank für Ihre Einladung zu dieser äußerst verlockenden und interessanten Pressreise. Prinzipiell käme Ihr Angebot für mich sofort in Frage, sofern es denn auch die Mitnahme meiner aristokratischen Dackeldame inkludieren würde (die aufgrund ihrer adligen Abstammung gut in die Gärten und Teesalons der von Ihnen zur Übernachtung ausgesuchten Herrenhäuser passen würde), der uns zugedachte Oldtimer über einen adäquaten Hundeplatz auf der ledergepolsterten Rückbank verfügte (eine kuschlige Lammfellauflage versteht sich sich von selbst), die Abflugzeit erst nach geruhsamer Erledigung unserer Morgengeschäfte läge (was üblicherweise gegen 8:30am der Fall ist), wir nicht in einer Gruppe reisen müssten (wir haben’s nicht so mit andauernder Gesellschaft) und der Reisezeitraum einigermaßen mit der Blütephase der Bluebells korrespondierte, was dann nach sich zöge, dass als Gefährt auch ein netter kleiner Oldtimer-Roadster wie beispielsweise der Triumph TR6 denkbar wäre (das gäbe hübsche Fotos: das Fräulein und ich mit Fliegermützen im Cabrio durch South Yorkshire brausend).
Vielleicht ließen sich diese Kleinigkeiten ja noch anpassen?
Besprechen Sie sich doch diesbezüglich nochmal mit Ihrem Auftraggeber und kontaktieren Sie uns dann gern erneut!
Mit freundlichen Grüßen aus München
Mrs. N. & Miss P.“

Garder (frz.): Oben (oder die Klappe).

Diagonal gegenüber von der Lieblingsecke Platz genommen.

Ich mag dieses Karge, Helle, Schnörkellose. Und den leeren Bügel in 3m Höhe, mitten in der Leere. Den sowieso.

Es läuft – schön & erstaunlich! – „Phophorescent“. In angenehm dezenter Lautstärke. Sanftes Röcheln der Kaffeemaschine irgendwo im Hintergrund. Das Hundefräulein schnarcht friedlich unterm Tisch (den 2,5 Std-Marsch nachträumend). Schöner, alter Holzboden. Wir gehen fast ausschließlich in Cafés mit Holzboden (oder nehmen eine Matte mit).

Ein guter Ort zum Denken (und Blättern & Lesen).

Außer unserem Tisch ist nur noch ein weiterer belegt.

Leider eine unangenehme Fehlbelegung. Zwei Münchner Mittzwanziger, zwei Laptops vor sich, zwei Sprechblasen über sich. Es geht um „limitation“ und „transactional benefits“ und „opportunities“ und „framework paper“ und „Ziele mappen“. Hört man genauer hin, was wegen Nähe und Lautstärke leider unvermeidbar ist, geht es eigentlich um gar nichts. Obwohl der eine ständig bekräftigt, das sei jetzt „echt basic“. Der andere flicht alle paar Sätze ein überlegen-schnoddriges „what the fuck“ ein. Aber man scheint sich zu verstehen in all dem Nichtssagenden (das Einzige, was bei all dem herausleuchtet, ist der angebissene Apfel).

Ich hasse es, wenn man mich beim Denken stört.

Noch schnell ein paar Notizen gemacht, den Gugelhupf aufgegessen – und ab nachhause. Ist eh des Fräuleins Fressenszeit.

Mettinée oder: Sonntagmorgens in Niedersachsen.

Different jokes for different folks 😏

Stinkender Grödel oder: Perlen der Statistik.

Wenn ich einen Blick in meine Website-Statistik werfe, die mir das WordPress-Dashboard anbietet, so tue ich das meist deshalb, um mir einen Überblick darüber zu verschaffen, welche Beiträge bei der geneigten Leserschaft besonders gut ankommen (ernüchternde Faustregel übrigens: je mehr Dackel und je weniger Text, desto beliebter), eher wenig Anklang finden oder von der Aufrufzahl her gar die Vermutung nahelegen, dass man schon mal Interessanteres zu offerieren vermochte oder einfach mal die Klappe halten sollte.

Ab und an gucke ich mir auch noch die Aufrufzahlen nach Ländern sortiert an und staune dann immer mal wieder, dass das Dackelfräulein selbst in Aserbaidschan, Simbabwe, Indonesien oder Guatemala ein paar Fans zu haben scheint oder es Menschen in Taiwan, Weißrußland und Chile gibt, die sich für mein Lieblingsschwimmbad bei Nacht interessieren (dass alle Springsteen-Beiträge weltweit gelesen bzw. die dort eingebetteten YouTube-Videos rund um den Globus angeschaut werden, verwundert mich natürlich kein bisschen).

Gelegentlich schaue ich mir auch die Kommentatoren-Hitlist an, die lange Zeit von Herrn Speed angeführt wurde, der zwischenzeitlich aber längst von Frau Tontoeppe überholt wurde und dem auch Sori1982, Spike und Anwolf bereits dicht auf den Fersen sind.

Was die Follower angeht, über die WordPress ja auch ordentlich und chronologisch Buch führt, so hatte ich irgendwann mal vor, dem 100. zu gratulieren, und als ich das versäumt hatte, zumindest dem 200. tapferen Abonennten einen Blogpost zu widmen, und als ich auch das verpennt hatte, beschloss ich, diesbezüglich einfach erst dann tätig zu werden, wenn ich jemals die 1.000-Follower-Marke sprengen sollte, was wohl eher nicht passieren wird, da ich meinen Blog ja nirgends bewerbe, verlinke, verteile oder sonstwie an die große Glocke hänge und mir sogar dann und wann erlaube, Follower zu entfernen, wenn es sich a) um eine Karteileiche handelt oder b) um jemanden, dessen Blog ich fragwürdig bis abstoßend finde oder c) man von demjenigen blöd angemacht wurde oder er wiederholt durch Unhöflichkeit, Stillosigkeit oder Dummheit auffiel.

Weshalb ich nun überhaupt erstmals auf diese WordPress-Statistiken zu sprechen komme, liegt daran, dass mir heute ein Eintrag in einer der Auswertungsrubriken auffiel, bei dem mir fast die Gabel ausgekommen und in meine Spaghetti Aurora gefallen wäre – es blieb dann bei einem Saucensprotzer über das untere Drittel des Tischtuchs. Und zwar geht es um die Rubrik „Suchbegriffe“, in der meist der Eintrag „unbekannte Suchbegriffe“ samt Anzahl drinsteht und nur alle paar Tage mal konkrete Begriffe gelistet werden.

Schon ein paarmal musste ich herzhaft drüber lachen, welche Suchanfragen im Netz dazu führten, dass jemand sich ausgerechnet auf meinen Blog verirrte, der ja eher nichts für Suchende aller Art ist: „Hunderampe Wohnung“ beispielsweise (nun gut, ich hatte mal etwas über die Dackelrampe in mein Bett veröffentlicht), oder „Mietmaden“ (erstaunlich, denn ich bloggte zwar oft über den elenden Münchner Mietmarkt, aber weder über Insektenlarven noch über Mietnomaden, was der Suchende wohl eigentlich meinte), oder auch „sind raunächte schuld an der sterberate“ (europäisches Brauchtum ist keines meiner Steckenpferde und solch wild konstruierte Zusammenhänge erst recht nicht, abgesehen davon würde ich die Rauhnächte immer mit „h“ schreiben).
Erwartbar und wenig überraschend waren z.B. Suchbegriffe wie „Dantebad Winter Umziehen“, „Dachshund Couture“, „Bruce Springsteen Alter“, „prolaktinsenkende Maßnahmen“ oder „mit Kalkschulter tanzen“ – exakt mein Orbit und Themenspektrum!

Heute Abend aber traute ich meinen Augen kaum, als da neben dem üblichen „unbekannte Suchbegriffe“ doch tatsächlich der Eintrag „stinkender Grödel“ zu lesen war.

Geht’s noch?!?
In meinem gesamten Blog gibt es keinen einzigen stinkenden Grödel, auch kein Paar stinkender Grödel, denn mit den Dingern laufen wir schließlich nur im sauberen Schnee und in der klaren Luft der bayrischen Bergwelt herum und da stinkt nichts! Nirgends! Und uns stinkt’s auch nicht, wenn wir mit den Grödeln unterwegs sind, im Gegenteil, bei mancher Wintertour hätte es einem eher gestunken, wenn man sie nicht dabeigehabt hätte.
Warum also führt die Suche nach stinkenden Grödeln zu meinem gut gechlorten und blitzsauberen Blog?
Was für ein depperter Algorithmus, welches bekloppte Auswertungstool war da am Werk – und nach was, um alles in der Welt, suchen die Menschen bloß im WWW?