Himmel der Bayern (64b): Von Hornochsen und anderen Rindern.

Wenn Sie noch mehr als das Kuhglockengeläut vom heutigen Bergtag hören wollen – bitte gern!

Heute also von Ohlstadt über die Kaseralm auf den Rötelstein, dann auf den Heimgarten, Einkehr in der DAV-Hütte, anschließend weiter zum Rauheck und via Bärenfleckalm wieder zurück nach Ohlstadt.

In einer Gehzeit von 4:20h drei Gipfel bestiegen bzw. 1.300 Höhenmeter hinauf und wieder hinunter gelaufen, mit Lichtschutzfaktor 30 von Kopf bis Fuß, 2 Litern Flüssigkeit und 2 Pausen von insgesamt 1:30h.

Traumwetter, tolle Fernsicht, wenig los. Oberbayern at its best.

Merke: Fällt der letzte Hochsommertag auf einen Wochenendtag und du willst in die Berge, meide eine zu frühe Abfahrt in München (der Großteil fährt vor 10 Uhr los und verstopft Züge oder Autobahnen), wähle einen Berg ohne Bahn, möglichst hoch, möglichst steil, möglichst keine Einkehroption unterwegs (für einen möglichst hohen Ruhefaktor) und beiß oben auf der Hütte für die Dauer deiner Rast die Zähne zusammen (es führen 6 Wege auf den Heimgarten, da menschelt es dann an einem solchen Tag doch gewaltig).

Sitze ich da in aller Ruhe mit meinem Hopf und gucke hinüber zum Krottenkopf. Unweigerlich muss ich an den ehemaligen Berg- bzw. Handwerksfreund denken, beide Titulierungen so unpassend in der Retrospektive, denn außer einem Berg leerer Versprechungen und einer handvoll Schreinerarbeiten ist nichts, aber auch gar nichts von der Zeit mit ihm geblieben, Freundschaft schon gleich gar nicht, zuletzt bloß noch eine schnöde, schäbige Lektion in „Ghosting“. Jedenfalls war man gemeinsam sowohl hier (Heimgarten) wie dort (Krottenkopf), so erinnert man sich bei dem Hopf, aber weiter vertiefe ich mich auch nicht in dieses traurigtrostlose Kapitel der Vergangenheit, weil ein Weibertrupp sich hechelnd an meinem bisher so schön ruhigen und leeren Tisch niederlässt. Die drei schwäbischen Endvierzigerinnen (warum treffe ich nur überall auf diesen Dialekt?!) legen unter großem Getöse und Gelabere ihr Glump ab und begeben sich in die Hütte, um sich was zu Essen und zu Trinken zu holen. Kommen kurz drauf mit drei Getränken und laut schimpfend zurück. Der blöde Wirt wolle sie nicht bewirten und sie stattdessen nach nur einem Getränk wieder fortschicken. Das sei ja mal wieder typisch Bayern, so eine Unverschämtheit.

Ich kann den Fortgang der Unterhaltung gar nicht nicht mitbekommen, schließlich hocken sie direkt neben mir, und so traue ich meinen Ohren kaum, als ich wenig später erfahre, dass der Hüttenwirt ihnen die weitere Verpflegung verweigert hat, weil die drei Frauenzimmer mit Pferden hier hinauf gekommen sind. Pferde? Hier heroben? Ist das die Möglichkeit?! Sie müssten mal die Wege sehen, die hier hoch führen: nix Forststraße oder Waldweg. Das sind steinige Bergpfade, teils immer noch übel von Sturmschäden oder den Spuren des letzten Winters gezeichnet! Und es sind in jedem Fall 1.000 Höhenmeter, egal auf welchem Weg, außer man hätte die Seilbahn auf den benachbarten Herzogstand genommen und wäre über den Grat herübergeritten, was ich dann aber doch mal ausschließe, weil der Grat viel zu schmal für so ein Pferd ist. So wie ich eigentlich auch ausgeschlossen hätte, dass man überhaupt mit einem Pferd bis hier oben gelangen könnte.

Aber tatsächlich: etwas unterhalb der Hütte stehen die drei Tiere, bei einem Schuppen, im Halbschatten angebunden. Der Wirt hat extra die Vorräte unter dem Schuppenvordach beseite geräumt, damit die völlig erschöpften Pferde nicht in der prallen Sonne warten müssen, bis ihre bekloppten Reiterinnen sie wieder den steilen Berg hinunter treiben. Wasser hat er ihnen auch gebracht.

Eines der Pferde hat sich verletzt und blutet am Bein. Auch dafür hat der Wirt noch Verbandszeug spendiert. Danach ist ihm der Kragen geplatzt und er hat die drei Schwäbinnen zammgeputzt, wie man hier so sagt. Aber so richtig. Gestern erst hätte er zwei depperte E-Biker verarzten müssen, die verdammt nochmal nix mit diesem E-Zeug hier oben zu suchen hätten (keine Mountainbikestrecke!) und heut kämen die nächsten Idioten sogar mit Pferden auf den Berg!

Die Stimmung ist gelinde gesagt angespannt und als Tischgenossin bleibt es mir leider nicht erspart, irgendwann Stellung zu beziehen, weil die drei Frauen ohnehin jeden im näheren Umfeld mit ihrem Unmut traktieren und befragen, wie man das denn fände, das sei doch das Allerletzte, wie sie hier behandelt würden.

Ja, sage ich dann, ich finde auch, dass es das Allerletzte ist, bei der Hitze und in solchem Gelände drei Pferde auf fast 1.800m hinaufzuscheuchen und so gesehen sei es durchaus angemessen, wenn es ihnen nun auch nicht besser erginge als den armen Tieren (und verkneife mir, zu erwähnen, dass ich grundsätzlich allen Tierquälern wünsche, dass sie wenigstens mal für einen Moment ähnliche Qualen erleiden sollen wie das Lebewesen, das sie malträtiert haben: erst letzte Woche wurde im Ruhrgebiet ein Hund aus einer Wohnung befreit, der dort wochenlang von seinen anwesenden (!) Besitzern an die Heizung gekettet wurde, fast verhungert wäre, deformierte Gliedmaßen und eine völlig verkümmerte Muskulatur hatte, wovon er sich vermutlich nie wieder ganz erholen wird – schon beim Lesen dieser Zeitungsmeldung hatte ich die wildesten Rachephantasien…).

Nach meinem dezenten Statement verlasse ich den Tisch sofort, man schwäggert (=meckern auf Schwäbisch) mir hinterher. Das Rauheck wartet und wenn ich mich noch mehr aufrege, greift das womöglich noch die an sich gute Konstitution an – und das hilft den Pferden ja leider auch nicht.

Kurz vor einer Steilwand treffe ich dann Gunnar. Gunnar kommt aus Gunzenhausen, ist ca. 165cm hoch und wiegt vermutlich doppelt so viel wie ich, ist für drei Wochen auf Reha in Ohlstadt – und er kommt mir aus der Steilwand entgegen. Wieder so ein Wunder am Berg: wie ist der da nur durchgestiegen? Da er mich um einen Schokoriegel und etwas Wasser anfleht, kommen wir ins Gespräch und ich erfahre: es ist die allererste Bergtour seines Lebens (er kichert wirr und der Schweiß strömt ihm über die roten Pausbacken), er hat bis hierher 4 Std gebraucht (für 2/3 der Strecke bis zur Hütte, normale Wanderer brauchen dafür maximal 2,5 Std) und alle seine Getränke und Schokoriegel, er möchte aber unbedingt noch „ganz nach oben“. Er wirkt vergnügt, fast euphorisch und zugleich ziemlich entkräftet. Ich mag ihn aber irgendwie und schenke ihm daher meinen Müsliriegel und fülle einen halben Liter meines Wassers in seine leere Fanta-Flasche um, lasse ihn zum Dank noch ein Foto von mir schießen, wünsche ihm alles Gute und frage, ob ich unten in Ohlstadt der Reha-Klinik schon mal Bescheid geben solle, dass er erst morgen wiederkäme. Bellendes Lachen, wirrer Blick, Gunnar winkt fröhlich und stolpert weiter bergauf. Herrje.

Auf dem restlichen Abstieg nur noch ein gewöhnliches, streitendes Paar (er sportlich, sie übergewichtig, er Lust auf die Tour, sie nicht, beide zutiefst frustriert), zwei Kreuzottern und eine Kuhherde.

Eine der Kühe kommt mir nah und näher und schleckt mir meine salzigen Knie ab. Erinnere mich nicht, wann ich zuletzt so intensiv eine Kuhzunge gefühlt habe – ein Peeling ist nix dagegen! Mit sauberen Knien zurück ins Tal, dort in den kühlen Biergarten und nun mal langsam nach Hause.

Liquor amnii.

Heut im Supermarkt:

Hä? Ja, geht’s noch?

(Keine Zeit gehabt, genauer zu gucken, was das für Schmarrn ist, für 6,99€ – will mein Wasser eh nicht befruchten. Und auch sonst nix.)

Das Kopfende oder: Wie es eigentlich NICHT gedacht war.

10 Dinge, die ich in 5 Jahren Bloggen gelernt habe.

WordPress gratuliert mir morgens um kurz vor 4 zum 5-jährigen Jubiläum. Zeit für ein kleines Resümee.

1. Die Blogosphäre: Eine unendliche Spielwiese für Identitätsentwürfe aller Art und Unart. Ein Blick durchs Schlüsselloch in die Reinräume diverser Selbsttherapien und in die Verliese vermeintlich Austherapierter – ein weites Feld und noch mehr, das alles.

2. Zwischen bloggender Kunstfigur und realer Person hinter Text/Bild unterscheiden zu können, ist gleichfalls Kunst. Eine, die ich mangels diesbezüglicher Phantasie oft nur ungenügend beherrsche.

3. Es gibt Blogger, die unter lautstarkem Vorgeben von Authentizität schreibenderweise eine komplette Biographie erfinden. Um sich dann ganz authentisch darüber zu freuen, wenn andere das lesenderweise für bare Münze nehmen.

4. Man kann überall Freunde finden. Auch in der World of WordPress.

5. Beim Bloggen über Fußball hört der Spaß auf. Bei bestimmten Vereinen sowieso.

6. Worte verbinden nur dort, wo Wellenlängen übereinstimmen. Da hatte Max Frisch schon recht.

7. Dass jemand Follower wird, heißt noch lange nicht, dass derjenige dir folgt (im Wortsinne) oder dem, was du schreibst, folgen kann (im Hirn- oder Humorsinne). Und es heißt erst recht nicht, dass er deinen Blog aufmerksam oder überhaupt verfolgt.

8. Ein Like bedeutet manchmal weder, dass der Liker deinen Beitrag gelesen hat, noch, dass er ihm gefällt. Manchen rutscht einfach nur die Maus oder der Finger aus.

9. Ein Dackelfoto (be)wirkt mehr als 1000 Worte. Diese Erkenntnis sollte womöglich ernster genommen werden (doch besser zu Instagram auswandern?).

10. Mehrere Fotos von zwei Dackeln (wie gestern) – und die Aufrufzahlen gehen durch die Decke (ich bin noch nicht im Stande, „viral“ korrekt in einen anständigen Satz einzubauen, daher die altmodische „Decke“, aber immerhin eine im Altbau). Das gibt mir ziemlich zu denken.

Hund haben (17).

Die Geschäftszeiten im Landkreis Starnberg.
Erklären Sie das mal Ihrem Hund.

Am Limit.

Montagmorgen in der Notfallambulanz.

Ein Erlebnis im wahrsten Sinne des Wortes ambulare. Mehrere Wartezonen und Zuständigkeitsbereiche durchwandert, auf den Klinikfluren auf und ab gegangen, so gut das halt noch ging. Wegen der Sintflut da draußen konnte man ja leider nicht an die frische Luft, in diesen tollen, ginkgobepflanzten Innenhof, der einer der schönsten Innenhöfe Münchens ist, und dort ambulieren. Überhaupt wirkte die ganze Maistraße eher wie Novemberstraße.

Viel Zeit gehabt, über den Begriff Notfall nachzudenken: wie ich den definieren würde und wie die Uniklinik den auffasst.

Der Torwart an der Klinikpforte schickt einen zu Raum Nr. 21a, in dem man sich ein Kärtchen zu holen hat, das einen als Notfall ausweist. An der besagten Tür klebt ein Riesenschild, das zu lesen einem schon ganz schön was abverlangt, wenn man sich kaum aufrecht halten kann. Das Fazit des ellenlangen Textes: Wehe, Sie kommen herein – klopfen Sie nur 1x kurz und warten Sie dann draußen!

Als sich fünf Minuten nach meinem Klopfen rein gar nichts getan hat, wage ich es, die Klinke herunterzudrücken und vorsichtig in den Raum hineinzugucken – nicht, dass da gar niemand drin ist… Doch, da ist jemand. Eine grimmige Verwaltungstante. Sie hockt hinter ihrem Tisch und raunzt mich an, ich solle draußen warten, sie würde einen schon holen.

Eine zweite Frau gesellt sich zu mir, klopft an die Tür und will nach fünf Warteminuten auch zur Klinke greifen. Ich kläre sie auf, rate ihr ab. Wir kauern nun nebeneinander in der Hocke auf dem Flur, Sitzgelegenheiten gibt es vor Raum 21a nämlich keine. Ist ja der Notfallraum, da kann man sich zur Not auch in den Raum fallen lassen und liegend warten (drei Räume weiter, quasi übergangslos: die Liegendanlieferung, passt also eh).

Kommt eine dritte Frau hinzu, schmerzgekrümmt schleppt sie sich vor die Tür, liest das Schild, stöhnt auf, klopft, wartet drei Sekunden und drückt die Klinke runter. Der Verwaltungsdrache telefoniert nun und mampft einen Schokoriegel und winkt die Patientin sofort wirsch aus dem Zimmer.

Nach weiteren 20 Minuten geht Frau Nr. 2 und mir die Geduld aus und wir treten ungebeten nochmal ein. Der Drache will sich empören, aber wir kommen ihr zuvor. Genervt drückt sie uns schließlich die laminierten Kärtchen in die Hand. Nun sind wir „Notfall“ und dürfen uns in Zimmer 14 bevorzugt anmelden.

An der Tür mit der Nr. 14 hängt eine noch umfangreichere Hinweistafel als an der 21a.
In Kurzform: Wehe, Sie kommen herein – ziehen Sie eine Nummer und warten Sie!
Eine halbe Stunde nach Eintreffen in der Klinik ziehe ich aus dem Automaten die Nummer 51. Auf dem Display über Raum 14 blinkt eine 45. Da ich das Anmeldebüro bereits kenne, weiß ich, dass sich dort drinnen drei Tische mit je einem Verwaltungsdrachen dahinter befinden. Spätestens als sich die Tür zum dritten Mal öffnet und eine Patientin herauskommt, müsste man meinen, dass das Display so langsam von 45 zu 46-47-48 weiterspringen würde. Tut es aber nicht. Es verharrt drei Tassen Kaffee und sechs Donuts lang (mal so gemutmaßt) bei 45. Hat man viel Zeit, über die Sache mit der bevorzugten Anmeldung nachzudenken und sich zu fragen, warum man nicht gleich hier eine Nummer gezogen hat.

Immerhin gibt es hier Sitzgelegenheiten. Harte Holzbänke mit unbequemen Rückenlehnen. Genau das Richtige für eine Frauenklinik, denn wir Frauen hassen Weiches und Warmes, ganz besonders, wenn’s uns mies geht.
Weil irgendwo weit oben im Flur ein paar Fenster gekippt sind, ist es gottseidank auch herrlich kalt in dem Wartebereich. Man hört den Starkregen so auch besser. Wie er idyllisch und beruhigend auf die metallenen Fenstersimse hämmert.

Nach weiteren 40 Minuten blinkt Nummer 51 auf. Ich traue meinen Augen kaum. Mit klammen Händen und Füßen schwanke ich zur Tür von Zimmer 14.
Drinnen ruft Frau S. mich zu ihrem Schreibtisch, auf dem eine hässliche Sukkulente und ein gerahmtes Katzenfoto verstauben. Zu den Nachbarschreibtischen gibt es weder optisch noch akustisch irgendeine Art von Trennung.
Man hört alle Details zu Beschwerden, Krankheitsverläufen, Medikamenten, Adressen, Telefonnummern, Namen von ggf. zu verständigenden Angehörigen sowie deren Telefonnummern. Und unterschreibt parallel dazu die vierseitige Datenschutzerklärung, die einem Frau S. vor die Nase legt. Danach unterschreibt man noch das Anmeldeformular und mit einem Haufen Papier in den Händen darf man nun nach nebenan gehen.
In Zimmer 13. Endlich angekommen, im eigentlichen Wartezimmer, hurra. Gesteckt voll mit überwiegend elend dreinblickenden Frauen. Und bestückt mit richtigen Stühlen, sogar mit plastikgepolsterter Lehne. Und einem Getränkeautomaten, dessen Abluft und Kühlaggregatsdauerbrummen einen in den nächsten zwei Stunden in den Wahnsinn treiben wird.

Erfreulicherweise sind diese zwei Wartestunden von zwei Aktionen unterbrochen: 1.) Dem Erscheinen einer Krankenschwester, die die Tür aufreißt und Is no jemand Nei’s dazuakemma? plärrt und einem den Papierstapel und das Notfallkärtchen abnimmt. 2.) Einer Blutabnahme, die in meinem Fall etwas länger dauert, da die Rollvenen dreimal davonrollen und die Schwester dann eine Stationsschwester dazuholen muss, die wo Übung mit de Broblemfälle hod.
Schöne Atmosphäre, auch bei dieser Prozedur: ein charmantes Durchgangszimmer, dauernd latscht jemand an einem vorbei, ruft was, holt was, will was, wie im Taubenschlag geht’s zu, keine Pritsche zum Hinlegen, als mir der Kreislauf nach dem dritten Zustechen ein wenig zu entgleisen droht, es muss im Sitzen auf dem Klappstuhl klappen (darum heißt der auch so).

Vom Wartezimmer aus hat man Blick auf Maistraße, auf die Flamingo Bar und die kleine Bäckerei an der Ecke, wo ich mir zu gern eine Breze holen täte, da das Frühstück daheim aufgrund der Gesamtlage recht schmal ausfiel (und auch wieder aus mir rausfiel), aber die Schwester gebietet, ich solle mal lieber nüchtern bleiben, falls sie einen dabehalten müssten. Was einem die Wartezeit nicht grad erleichtert, weder der nagende Hunger, noch der innere Aufruhr, den so ein Appell beschert.

Nach weit über drei Stunden komme ich tatsächlich dran. Der sehr junge Gynäkologe (mit zartem Bartflaum im Gesicht) ist nett, spricht fließend Lateinisch und sogar ein paar Brocken Deutsch und hat auch schon psychologische Fortbildungen besucht.
Als wir uns an seinem Schreibtisch zur Anamnese gegenübersitzen, bemerkt er nämlich trotz eifrigen Tippens meinen ängstlichen Blick auf den Laborbericht, der neben seiner Tastatur liegt. Da steht in Fettdruck und Schriftgröße 24 Lebensgefahr / Notfall drüber, und drunter mein Name. Das kann man mühelos lesen, auch wenn der Text auf dem Kopf steht und der Blutzucker im Keller ist. Schnappt der Arzt also meinen Angstblick auf, erklärt mir sogleich freundlich und zugewandt, dass die Überschrift nur aus organisatorischen Gründen da draufsteht: damit das Labor die beiligende Blutprobe vorrangig untersucht. Guckt kurz auf den Zettel und beglückwünscht mich zu meinem recht positiven Hämoglobinwert, dem Geschilderten nach sei das ja nicht zu erwarten gewesen.

Irgendwo zwischen Franz Kafka und Karl Valentin, das Ganze.
Und dazu ein paar Szenen aus der Rubrik „Als Statist unterwegs im eigenen Leben“.

Zumindest bis hierher.
Die Untersuchung ein kleiner Alptraum, nur leider sehr real und so nah am persönlichen Limit, dass mir die Tränen runterlaufen und ich beinahe schreie, dass sie bitte sofort damit aufhören mögen. Stattdessen wird mir schwarz vor Augen. Der sehr junge Arzt und die noch jüngere Assistentin sind sehr verunsichert, holen dann doch lieber den Chefarzt dazu. Der ist Vollprofi und hat schon so viel Blut und Tränen gesehen und Schreie gehört, dass er wegen sowas längst keinen Ultraschall mehr verzittert oder die Fassung oder seinen onkeligen Tonfall verliert.
Ergebnis: Nichts Unerwartetes entdeckt, Rezept bekommen, weitere Maßnahmen erläutert, Wiedervorstellung in Kürze.

Wie ein Zombie nach vier Stunden die Notfallambulanz verlassen, an den ganzen Menschen auf den Fluren und in den Zimmern vorbei, Richtung Klinikausgang.
Aus dem grauen Schleier des Dauerregens treten triefend der Gatte und das Dackelfräulein hervor. Halluziniere ich noch oder lebe ich schon wieder?
Einzig denkbare Bedürfnisabfolge nun: Breze, Kaffee, Kuchen, Hinlegen.

Fragen Sie bitte nichts nach, und wünschen Sie auch nichts. Ich hab dazu eh keine Antworten.
Es wird schon wieder. Andere haben sowas auch überstanden.

*****

24 Stunden später. Dienstagmittag.

Die Isarauen versinken zunehmend im Wasser. Ein Wildfluss am Limit. Das Dackelfräulein wundert sich, dass dort, wo sie üblicherweise ihrem Bällchen nachrennt, heute Enten baden und dass dort, wo die Enten sonst baden, ganze Baumstämme in den Fluten treiben.

Die Stadt sperrt erste Wege und Stege. Der Regen läuft einem in den Kragen und in die Schuhe. Schirm bringt nichts wegen krassem Wind.
Trotz aller Garstigkeit hat die Runde aber ein bisschen was Vitalisierendes.

*****

Am Abend dann eine Ladung Puder ins blasse Gesicht und los zur Praterinsel. Die kleine Mariannenbrücke fast schon auf einer Ebene mit der Wasseroberfläche.

Der DAV feiert 150. Geburtstag, der Gatte trägt dort vor, da hat man versprochen, mit dabei zu sein. Nicht nur so in der Funktion als Spielerfrau, sondern eher in der vertrauten Rolle als Gelegenheitsgroupie. Und aus allgemeinem alpinen Interesse.

Ich hatte mir den ja irgendwie deutlich größer vorgestellt.

Aber holla, ich sag’s Ihnen: an Drahtigkeit ist der schwer zu überbieten. Sehr ausdefiniert, alles (oder wie sagt man da?). Und so ein nettes Bayrisch! Berchtesgadener Land eben. Und überhaupt ein total angenehmer Typ, so im Gespräch und beim gemeinsamen Bier.

Das war’s dann auch schon mit den Gemeinsamkeiten.

Limit ist halt für jeden was anderes & woanders.

*****

Für ’n Appel und ’n Ei.

München halt: Mir ham’s ja.
Hoffentlich stellen’s das Trum ned neben die Bavaria.

Von Schuld, Campingplatzleben und Mollusken. Ein nächtliches Purgatorium.

Seit einiger Zeit beobachte ich morgens beim Zähneputzen ein abstruses Phänomen an meinem Körper. Wenn mir der Ausschnitt meines Schlafshirts durch die Putzbewegung ein Stück über die Schulter rutscht, sehe ich im Spiegel mein Schlüsselbein. Direkt unter dem Knochen ist eine längliche Wölbung erkennbar. Von Größe und Form her in etwa so, als säße unter meiner Haut eine halbierte Nacktschnecke.

Manchmal lege ich die Zahnbürste beiseite und ziehe mir das Shirt noch weiter über die Schulter, um dieses skurrile Spektakel genauer anzusehen. Spektakel, weil: das wulstartige Etwas bewegt sich ein bisschen. Ich betaste es vorsichtig. Es fühlt sich unangenehm, aber nicht schmerzhaft an, es lässt sich verschieben und eindellen. Vielleicht bewegt es sich auch nur, weil ich zuvor den Arm bewegt habe?
Ich berühre die Stelle noch ein paarmal, versuche mich an einer kleinen sensorischen Testreihe (sogar unter Zeugen, damit es nicht irgendwann in einer Notambulanz heißt: Die spinnt doch!), aber jedesmal macht sich die halbierte Nacktschnecke mittendrin vom Acker und taucht erst am nächsten Morgen wieder auf.

[Ein Filmausschnitt fällt mir dazu ein. Als ich ca. acht Jahre alt war, tappte ich spätnachts, aus einem unruhigen Kindertraum erwacht, ins Wohnzimmer, weil ich den Fernseher hörte und wusste: da ist der Papa, da bin ich sicher. Er saß dort manchmal nachts, wenn er nicht schlafen konnte und guckte sich Weltraumsendungen oder irgendwelche schrägen Filme an. Ich setzte mich neben ihn aufs Sofa und mein Blick fiel unweigerlich auf den Fernseher. In der Szene, die gerade lief, war ein Mensch zu sehen, in dessen Rücken ein Wurm hauste, ein Riesenwurm, der gerade dabei war, sich von innen durch die Haut zu fressen. Ich kreischte vor Ekel und der Papa schaltete natürlich sofort den Fernseher aus.]

*****

*****

Campingplatzleben.

Mit diesem gänzlich neuen Wort – nie zuvor gedacht/gesagt/geschrieben – frühmorgens aus einem Traum aufgeschreckt.
Verschwinde einfach wieder in dein Campingplatzleben!, so mein letzter erinnerter Satz, aus dem Alptraum erwachend. Ich schrie ihm diesen Satz ins Gesicht und fuhr davon.

Zuvor hatte ich mich von ihm überreden lassen, ihn zu seinen Eltern zu begleiten. Obwohl er gar nicht mehr mein Freund war, genau genommen ist er das wohl nie gewesen (und was auch immer wir waren: Freunde jedenfalls nicht).
Er jammerte wochenlang, dass er dort nicht alleine aufkreuzen könne, im Elternhaus, nach all den Jahren. Seine Freundin sei als Begleitung ungeeignet, die könne sich nicht benehmen und sei zu laut für die schwachen Nerven seiner Mutter. Und sein Vater dürfe sie nicht sehen, diese Freundin, denn der wäre schockiert über eine solch ungehobelte Person.

Deshalb ICH. Bitte, nur noch dieses eine Mal. Es würde ihm bestimmt sehr helfen. Ich könne das doch locker. Er könne das nun mal gar nicht. Diese ganze Herkunftsfamilie, alle so schrecklich. So viele Rechnungen offen mit denen, dass ein läppisches Leben sowieso nicht ausreiche, um die alle zu begleichen. Gut, das Erbe nahe ja nun, das würde vielleicht was heilen, eines Tages. Eine Art Schmerzensgeld, das stünde ihm doch zu, nach all dem Erlittenen seien sie ihm das schuldig.

[Kinder sitzen diesem Trugschluss ja gar nicht so selten auf: zu meinen, die schrecklichen Eltern seien ihnen ja wenigstens eines Tages ihren gesamten Besitz schuldig, wenn sie ihnen schon sonst nichts Gutes gegeben hätten. Ein Schuldschein, der nicht einlösbar ist. Vielleicht eh bloß die Rückseite des genauso wertlosen elterlichen Schuldscheins, auf dem in großen Lettern „Dafür, dass wir dir das Leben schenkten, schuldest du uns Dankbarkeit“ prangt. Meist stehen beide Seiten knietief im selben Moralmorast des Familiengeweses, gleichwohl denkt jede der Seiten, nur die andere stünde drin und sie selbst sei erhaben über diese Niederungen menschlicher Gesinnung.]

Er müsse diesen Besuch jetzt machen, damit ihm das nicht durch die Lappen ginge, man wisse ja nie. Ich müsse ihn unbedingt begleiten.
Und ich? Natürlich. Ich mach‘ das. Weil ich gefall‘ mir ja in dieser vertrauten Rolle der Retterin der Unrettbaren. Damit kenn‘ ich mich aus, das kann ich. Mit dem ewig gleichen Misserfolg am Ende, versteht sich. Denn man kann das Seelenleben der anderen nicht retten, was man zwar von Anfang an weiß, aber nicht ernst nehmen möchte, weil: das lenkt so prima ab von potentiell schöneren, neueren, bunteren Rollenkleidern, in die zu schlüpfen ich mich ziere oder ängstige (weil ich dabei womöglich den eigenen familiären Moralmorast betrachten oder gar betreten müsste: die Mutter, die Mutter, die Mutter).

Ich sitze also am Steuer einer überdimensionierten, schwarzen Limousine und kutschiere ihn zum Elternhaus. Unterwegs erzählt er mir unaufhörlich von seiner Kindheit und von seinen Eltern, die ich noch nie gesehen habe und eigentlich auch lieber nie sehen wollte, weil das, was er erzählt, wahrhaft gruselig und traurig klingt.

Dort angekommen öffnet uns niemand. Die tun nur so!, sagt er zu mir: das konnten sie schon immer am besten – nur so tun als ob.
Er weiß offenbar, dass sie zuhause sind. Wir schleichen uns durch einen verwachsenen Garten zu einer Terrassentür, die einen Spalt breit offensteht. Er greift nach innen, legt den Griff um und schiebt die Tür ganz auf. Seine Eltern liegen auf einer riesigen Eckcouch und schlafen und sehen aus wie tot, so friedlich.
Durch das Quietschen der Schiebetür erwacht die Mutter. Erkennt ihn, den Sohn, setzt sich auf und will etwas sagen, aber es kommt kein Ton aus ihrer Kehle. In dem Moment wacht auch der Vater auf, blickt uns an und poltert sofort los: Wieso der Sohn erst jetzt komme, so kurz vor ihrem Tode, wieso er sich all die Jahre nicht habe erinnern wollen an sie, seine Eltern, wieso erst jetzt?

Dieser Sohn, den ich begleite, steht hinter mir und ringt nach Luft, will auch etwas sagen und kann nicht. Der Moment meines Einsatzes ist gekommen, denke ich noch, als ich aus den Augenwinkeln sehe, wie der Sohn wortlos ein großes Ölgemälde von der Wohnzimmerwand nimmt und damit auf die Mutter zugeht, mit sehr entschlossener Mine. Sie will noch schützend die Hände über den Kopf heben , aber es ist zu spät. Der Sohn erschlägt sie mit dem Bild, mit mehreren Hieben. Ein Stück Bilderrahmen ragt ihr schließlich aus der Brust (nirgends Blut, ich träume fast ausnahmslos blutfrei, in diesen seltenen Horrorträumen).

Der Vater ist fassungslos und beginnt zu weinen. Ich setze mich zu ihm und sage mit zitternder Stimme: Es tut mir leid, aber genau DAS habe ich kommen sehen. Dass es so eskaliert. Ich habe es kommen sehen. Dann lege ich ihm tröstend die Hand auf seinen runzligen, von Altersflecken übersäten Arm.
Warum haben Sie es dann nicht verhindert?, will der schluchzende Vater von mir wissen.
Weil Ihr Sohn es sowieso getan hätte, irgendwann, irgendwie, entgegne ich.

Dann frage ich mich, wo er eigentlich ist, der Sohn.
Stehe auf und gehe durchs Wohnzimmer, schaue hinüber in den Flur und ins Esszimmer. Dort ist er nicht. Ich trete durch die Terrassentür hinaus in den Garten – und da sehe ich ihn: er kauert in einer Ecke, hat sich in eine Decke gehüllt und nimmt große Schlucke aus einer Weinflasche. Als ich auf ihn zugehe und ihn ansprechen möchte, schreit er mich an. Ich solle stehenbleiben, sonst würde er auch mich erschlagen, so wie er überhaupt alle erschlagen möchte, die ihn nicht gesehen und ernst genommen hätten. Mit einem beherzten Sprung nähere ich mich ihm, wische mit einer schnellen Bewegung des rechten Armes die Flasche aus seiner Hand und schreie zurück: Er müsse jetzt zu dem stehen, was er getan habe, einmal in seinem Leben müsse er das hinbekommen, denn nicht an jedem Drama seien immer nur die anderen schuld!

Mein Mut verlässt mich schnell wieder, ich bekomme Angst und renne weg. Warum auch immer ich ins Haus zurückeile, kann ich nicht sagen, aber als nächstes stehe ich wieder in diesem hässlichen Eiche-rustikal-Wohnzimmer.
Der Vater sitzt immer noch starr vor Schreck und weinend auf dem Sofa. Ich sehe zur anderen Couchseite hinüber, wo die tote Mutter liegt. Auf einmal reißt sie die Augen weit auf und sagt in einem Tonfall, in dem Fürbitten verlesen werden: Jetzt wird er wieder jahrelang in unserem Garten campen! Oh helfen Sie uns doch!

[Und mitten in dieser Traumszene denke ich: Ja, so ist er. Ein Camper. Schlägt irgendwo sein Zelt auf, behilft sich mit dem Nötigsten, harrt aus, bis alles um ihn herum sich dieser Campingszenerie angeglichen hat: die Freundin, die Nahrung, die Wohnung, die Gegend, die Vegetation. Alles wird zum Zubehör, alles ist im Notfall schnell zurückzulassen. Er lebt auf dem Boden, er schläft im Schlafsack, kein Wetter kann ihm etwas anhaben. Er befindet sich in seinem Survival-Camp und sitzt dort und hält Mahnwache. Schon jahrelang. Ein Outlaw, der sich am Feuer wärmt, sich von Wurzeln ernährt, sich kaum mehr pflegt, sich den Menschen entfremdet, sich in seinem selbstgewählten Exil eingerichtet hat. Ab und an stößt er einen Hilferuf aus, manchmal ertönt ein Echo, letztlich aber verhallt alles in der Dunkelheit und Wildnis.]

Ich wende mich von der Mutter ab, drehe mich um, trete ganz nah an die Scheibenfront des Wohnzimmers heran und schaue in den Garten hinaus, wo er noch immer in der hintersten Ecke sitzt. Sehe, dass er schon eine neue Flasche Wein in der Hand hält. Ausdruckslos und passiv starrt er die Hecke gegenüber an, so als ginge ihn all das, was hier drüben, im Wohnzimmer seiner Eltern, geschehen ist, nichts mehr an.

Mich ergreift eine unsagbare Wut, wie ich ihn da so hocken sehe. Dieser unerträgliche Trauminet. Dieser Blutegel-Habitus hinter der Opfer-Maske, wenngleich wohl unbewusst. Nach Jahren des Mitleids packt mich nun die blanke Wut.
Die aber richtet sich nur teilweise gegen ihn, dieses dort im Rasen hockende, trotzige, verletzte Häuflein Elend, das mir so viel Energie für die Bekümmerung um sein Elend abgezogen hat, so dass diese Energie nun für mich fehlt.
Im Kern und in letzter Konsequenz richtet sich diese Wut gegen mich. Gegen mich, dieses dort hinter der Glastür stehende, grollende und ebenfalls verletzte Häuflein Elend, das sich ohne jeden Zwang diesen Blutegel aus dem Sumpf fischte, ihn sich anlegte und ihn saugen ließ.
Kaum zu glauben, wie ähnlich man einander in manchen Aspekten doch ist, trotz größter Verschiedenheit!

Er starrt die Hecke an, ich starre ihn an. Wut und Selbsterkenntnis pochen hinter meinen Schläfen, die Scheibe beschlägt von meinem Schnauben. So sehr, dass seine Konturen dort draußen im Garten mit jedem Ausatmen mehr und mehr verschwimmen. Kurz bevor er hinter dieser Kondenswasserschicht völlig verschwindet, ruft er nach mir: Was stehst du da so herum, kommst du jetzt bitte?

Kaum ist der Ruf ertönt, setze ich mich langsam in Bewegung. Jeder Schritt wie in Zeitlupe. Ein paar Meter vor ihm bleibe ich auf dem Rasen stehen und schaue ihn an. Ja, siehst du denn nicht, wie es mir geht?, wimmert er.
Ich versuche, meine Wut wegzudrücken, mich zu sammeln und zu sagen: Nein, weil ich jetzt endlich wieder sehe, wie es MIR geht!

Sage es dann tatsächlich, drehe mich um und gehe aus dem Garten hinaus, der nun noch zugewachsener wirkt als beim Betreten. Ein paar dornige Zweige schnalzen mir schmerzhaft ins Gesicht.
Schließe das Auto auf, lasse mich auf den Fahrersitz fallen. Bin fix und fertig.

Dann klopft es am Fenster. Draußen steht er, mit hochrotem Gesicht. Zorn? Tränen? der Wein? – die Röte ist nicht zuzuordnen, es ist mir auch egal, denn ich kann meine Wut nicht mehr unterdrücken.
Drehe den Zündschlüssel um, lege den Gang ein, öffne das Fenster – das Blut kocht nun in meinen Adern – und brülle: Verschwinde einfach wieder in dein Campingplatzleben!, und trete mit dem Fuß aufs Gaspedal, so fest ich kann.

*****

*****

Beim Zähneputzen suchen die Augen bereits automatisch das morgendliche Spiegelbild nach der halbierten Nacktschnecke unter dem Schlüsselbein ab.
Sie wulstet heute nicht an der üblichen Stelle herum. Seltsam. Ich lege die Zahnbürste auf den Waschbeckenrand und streife das Shirt über meine Schulter. Nirgends ist es zu sehen, das kleine Monster. Irritiert ziehe ich das Shirt ganz aus. Taste das Gewebe rund ums Schlüsselbein gründlich ab. Inspiziere den gesamten Oberkörper. Nichts, nirgends.

Die Molluske ist über Nacht verschwunden.

Wider die Sideropenie.

Am vergangenen Wochenende fand Bayerns größter Flohmarkt auf der Münchner Theresienwiese statt. Also direkt vor unserer Haustür. Da fühlt man sich – wenn man’s schon so nah hat – natürlich aufgerufen, mal über diesen riesigen Markt zu schlendern. So wie 80.000 andere, die trotz der kühlen Witterung dort unterwegs waren.

Viele Menschen lieben ja diese Schatzsuche in der Vergangenheit fremder Leute, mögen die heimelige Atmosphäre auf diesen Märkten, finden sogar die dollsten Schnäppchen und tragen nach ein paar Stunden begeistert ein Ränzlein oder gar eine ganze Schubkarre mit neuen Errungenschaften und Unrat nachhause.

Und ich? Keine Stunde lang habe ich es dort ausgehalten!
Lag es am akuten Eisenmangel oder am Wetterumschwung oder doch nur daran, dass ich mit Aktivitäten wie Shoppen und Bummeln immer schon Probleme hatte?

So schnell ist mir alles zu viel, zu unübersichtlich, zu voll. Je größer das Angebot, desto geringer meine Kauflust. In Möbelhäusern bekomme ich nach 30 Minuten Kopfweh von all den Polituren und Imprägnierungen, die das Zeug dort ausdünstet, in Kaufhäusern nervt mich das andauernde Gedudel der Musik, in Fußgängerzonen sind mir zu viele Menschen dicht an dicht unterwegs.
Wenn ich was brauche, geh ich ausschließlich wochentags/vormittags los und suche gezielt in maximal zwei Geschäften danach.

Nun fand dieser Riesenflohmarkt ja unter freiem Himmel statt, so dass man hätte annehmen können, die Luft sei prima und es bestünde keinerlei Kopfwehgefahr, aber schon nach dem Durchschreiten der ersten paar Verkaufsgassen musste ich feststellen, dass 80% der feilgebotenen Waren einen unsäglichen Mief verströmten (der bestimmt wie eine Dunstglocke über dem ganzen Gelände gehangen wäre, wenn es nicht so windig gewesen wäre).

Kein Wunder, denn exotische Sammlerstücke wie alte Fahrradsattel aus Leder, die sich kurz vor der Zersetzung befinden, oder Teeservices, in denen sich im Lauf der Dekaden Earl Grey-Rückstände mit Staub zu einem braungrauen Etwas verbacken und auf jedem Tassenboden festgesetzt haben, oder 50 Umzugskartons voll mit abgelegtem Schuhwerk und Kunstpelzen längst verblichener Generationen, haben eben einen gewissen Eigengeruch (der wohl so heißt, weil er so eigen ist). Man konnte sich noch ein paar Ramschgassen lang damit beschäftigen, die einzelnen Duftnoten, die einem von den Ständen entgegenwehten, genauer zu bestimmen (keller-modrig / küchen-ranzig / schrank-stinkig) oder über manche Subjekte und Objekte, die sich dort tummelten, amüsiert den Kopf zu schütteln, aber nach einer Dreiviertelstunde war Schluss mit lustig – und mir schwindling und übel.

Lediglich zweimal zuckte kurz ein „Haben-wollen“-Gedanke durch mich hindurch.
Der erste, gleich zu Beginn des Streifzuges, bei vier Tapeziertischen mit Schildern aus den Ammergauer Bergen:

Da scheinen sie in der gesamten Region ja alles abmontiert zu haben!? Ich studiere ungefähr 40 Schilder und freue mich, nahezu jeden Weg- oder Bergnamen zu kennen. Sogar der Wellenberg ist dabei, das Lieblingsbad meiner Kindheit! Und der Kofel, der Pürschling und der Laber sind auch mit von der Partie, herrlich.

Nur, was soll man dann damit? Sich die Dinger in die Wohnung hängen, als ausgefallenen Wandschmuck, was kurzfristig sicher mal kreativ und witzig wäre, mittelfristig würden die Metallplatten aber wohl im Kellerregal landen, denn man möchte ja nicht jahrelang in geschlossenen Räumen auf diese schönen Wanderwegbeschilderungen starren. Absurd.
Bald mal wieder nach Oberammergau fahren, nehm ich mir vor, als ich mich von dem Stand abwende (haben die in dem Landkreis jetzt etwa keine Schilder mehr oder lauter neue?).

Der zweite kurze Impuls, sofort zuzugreifen, dann etwas später, schon in latent aggressiver Stimmung gegen Ende des 45-minütigen Rundgangs:

Die Treter haben was, keine Frage!
Sitzt du mit denen in der U-Bahn, hockt sich garantiert niemand mehr auf den Sitz gegenüber, so dass du endlich mehr Platz und Ruhe hättest.
Oder mit denen in die Autowerkstatt, wo ich mich letzte Woche mit dem Geschäftsführer anlegen musste, weil dieser Lackaffe von Serviceberater vor lauter ebenso übertriebenem wie sinnentleertem Servicegetue glatt vergessen hatte, mich auf etwas ziemlich Wesentliches aufmerksam zu machen – in so einem Moment mal kräftig mit dem Fuß aufgestampft, der in so einem Schuh steckt – ja holla, ich wette, man hätte so das ganze Gerede effektiv abkürzen können!
Leider sind die Schühchen eine Nummer zu klein für mich und der Gorilla, der bei dem Klamottenverkaufstand hockt, lädt rein mimisch nicht wirklich zu einem Gespräch oder gar einer Preisverhandlung ein (ohnhin noch sowas: Handeln & Feilschen, das liegt mir nicht).

Also lassen wir auch das und gehen ohne irgendwas nachhause und ich sinke wie betäubt auf die Couch, immerhin froh, kein Geld verplempert zu haben und nirgendwo einen neuen Staubfänger rumstehen zu haben.

*****

Eisenmangel ist übrigens eine fiese Sache.

Schon das, was diesmal dazu geführt hat, ist ja Plage genug und dann zieht’s dir langsam aber sicher dermaßen umfassend die Kraft raus, dass du an manchen Tagen schon um 19:30 Uhr auf dem Sofa in den Tiefschlaf sinkst, mit Müh und Not noch den Wechsel zu deiner eigentlichen Schlafstatt vollziehst und dann weiterpennst bis morgens um halb acht. Hätte man auch mal früher drauf kommen können, dass das nicht nur die Frühjahrsmüdigkeit und die Erschöpfung vom Heuschnupfen oder von den Unbilden des Lebens ist.

Schon nach drei Tagen mit je zwei Kapseln Ferro Sanol ist das Leben ein anderes, die Ursache des Übels zwar nicht beseitigt, aber man wandelt wieder aufrecht unter den Menschen da draußen und fühlt sich auch annähernd wie einer.

Mit steigendem Ferritinwert können auch andere Dinge wieder angepackt werden. Hier sind ja momentan diverse Aufräumaktionen auf mehreren Ebenen im Gange, die abzuschließen mir ein Bedürfnis ist.

Es gelingt mir beispielsweise endlich, einen Abschied zu vollziehen, der schon seit langer Zeit ansteht: Auf dem Flohmarkt springt mir dieser Stuhl ins Auge, und ist mir Erinnerung und Mahnung zugleich, dass ich das jetzt tun muss und auch tun kann.

Theresienwiese, 27. April 2019.

Und nun ist es getan. Mehr dazu ein anderes Mal, vielleicht.
Oder Sie lesen es hier nach, denn im Grunde ist es dasselbe, sogar dieselbe Person, und der damalige Blogbeitrag war eigentlich schon eine recht gelungene Beisetzung, zumindest war das seinerzeit mein Gefühl nach dem Schreiben und der enormen Resonanz, die dazu kam.

Nun tanzen wir erstmal in den Mai hinein, das wünsche ich Ihnen auch!

Wien (4): Erlustigungen und Befrustigungen.

Nach dem gestrigen Schwimmausflug weiter in die Leopoldstadt, dort über den Karmelitermarkt und durchs Grätzl geschlendert.

Anschließend in den Augarten.

Im Hundereiseführer angepriesen als eine der größten Parkanlagen, in denen Hunde „mitgeführt werden dürfen“. An der Leine, versteht sich. Aber der Augarten wirbt ja damit, dass er über zwei „Hundeauslaufzonen“ verfügt. Das schaut dann in der Praxis so aus:

Vollkommen trostlos. Wir gehen hinein in das öde, eingezäunte Platzerl mit erdig-sandigem Boden. Pippa guckt uns irritiert an, so ein „Was sollen wir denn hier?“- Blick. Wissen wir auch nicht. Denken wir im Augarten-Café bei einem Törtchen drüber nach (meine Güte: die Kuchen und Torten und Mehlspeisen hier, die sind dermaßen lecker), mit Blick auf den Flakturm (Codename „Peter“).

Nachdem wir uns diesen Erlustigungen gewidmet haben, für die der Park ja auch vorgesehen ist…

…marschieren wir über die Aspernbrücke (ach, die Urania dort am Donaukanal, das erinnert mich an den Kinoabend mit K., vor gefühlt 100 Jahren, als Johnny Depp, der die Hauptrolle in dem Film damals spielte, noch so wunderschön war im Vergleich zu dem Schatten, der er heutzutage ist) rüber in den ersten Bezirk und von dort nachhause.

Nur 14 km diesmal. Nur 1 Std Ruhe, dann weiter zur nächsten Erlustigung, diesmal ohne jede Befrustigung.

Dieses Bauwerk, diese Pracht, diese Flure, dieser rote Samt in den Logen, diese Bühne, dieser Text, diese Sprache, dieser Mann – ein Wahnsinn.

Und sogar Freunde gefunden, beim Anstehen an der Theatergarderobe. Solche wie damals in Eppan. Aber das ist eine andere Geschichte.

Satz des Tages: „Bitte sich festzuhalten.“