Ruhig, Brauner!

Im Gewölk bricht Blitzesglanz aus, eine Walküre hoch zu Ross wird sichtbar, über ihrem Sattel hängt ein gefallener Krieger.
Beim Zusammentreffen der Walküren, die auf ihren Pferden die Gefallenen mit sich führen, kommen sich zwei der Rösser zu nahe, wodurch Helmwige sich veranlasst sieht, dem durch seine tote Traglast in Aufruhr geratenen Hengst mit den Worten „Ruhig, Brauner! Brich den Frieden nicht!“ Einhalt zu gebieten.

Die Szene entstammt Wagners „Die Walküre“, Teil der Tetralogie „Ring des Nibelungen“. Ich musste das googeln, denn Opernhäuser gehören nicht zu meinem natürlichen Habitat.

Manche solcher Redewendungen erschließen sich einem sowieso besser im praktischen Erleben und nicht durch Opern- oder Theaterbesuche (oder die Lektüre der Bibel).

Der Braune, hier ganz ruhig.

Als ich am späten Donnerstagabend in Braunschweig eintraf und das liebevoll für mich hergerichtete Gästezimmer betrat (inkl. Dackelstofftier, falls einen das Heimweh überkäme sowie einem Kopfkissensortiment für Mehrfach-Lädierte), wärmte mir Hausherr Bobby bereits meine Schlafstatt vor.

Momente, in denen man spürt: Man ist willkommen hier, die Gastgeber haben an alles gedacht – und frieren würde man des Nachts auch nicht.

Auch am nächsten Morgen war er noch recht ruhig, der Braune. Dann landete das Münchner Mitbringsel im „Napf“ (der in der Wahrnehmung eines Dackelfrauchens einer Auflaufform für 4 Personen glich)…

Die (kurze) Ruhe vor dem Sturm auf den Bottich.

…und zu Recht guckt ein echter Harzer Bursche erstmal skeptisch, wenn man ihm ungewohntes Bavarian-Street-Food – „Ochsenfetzen mit Wurzelgemüse, Hopfen und Kräutern“ – vorsetzt. 

Bavarian bowl for Bobby.

Zwei Minuten später war die Freundschaft besiegelt und ich vollends als Rudelgast akzeptiert.

Frisch gestärkt war es nun vorbei mit der Ruhe. Geschirr und Rucksäcke wurden angelegt – und los ging es!
Zum Dank für die Ochsenfetzen erhielt ich eine 13 Kilometer lange Privatführung durch den Nationalpark Harz.

Andrea, Bobby und ich fuhren nach Bad Harzburg: Details unserer schönen Rundwanderung empfehle ich im „Anwolf“-Blog nachzulesen, denn dort finden sich auch die besseren Fotos.

Vom Parkplatz aus wanderten wir über die Zwischenetappe Molkenhaus hinauf zu den Rabenklippen…

Von den Rabenklippen eröffnet sich der Blick zum verschneiten Brocken (rechts hinten).

…unterzogen die Redensart „Augen wie ein Luchs haben“ einem Praxistest, scheiterten kläglich und waren froh, dass wenigstens einer von uns den richtigen Riecher hatte und die Wildkatze orten konnte.

Luchs in der Nase – da wurde er unruhig, der Braune.

Wir passierten das Kreuz des Ostens…

Meine Reise vom Stern des Südens zum Kreuz des Ostens.

…und erreichten schließlich den Burgberg, von dem aus man eine schöne Sicht auf Bad Harzburg hätte haben können, wenn nicht wieder dichter Nebel aufgezogen wäre. Entschädigung für den entfallenen Talblick bot – namentlich wie kulinarisch – das Hotelrestaurant „Aussichtsreich“. Hier stärkten wir uns so ausgiebig, dass wir die letzte Etappe in der Dämmerung zum Auto zurückwanderten und erst im Dunkeln dort ankamen.

Der Große Braune hatte sich so ausgetobt, dass er für den restlichen Abend friedlich schnarchend mein Gästebett okkupierte, wohingegen wir Menschen nach dem zweiten Weißbier (und dank der inspirierenden musikalischen Untermalung zu den Antipasti) nochmal auftauten und angeregt diverse Ideen zu gemeinsamen privaten und beruflichen Unternehmungen diskutierten.
Geschwiegen wurde in Braun_schweig jedenfalls nicht viel, dachte ich mir, als ich etwas übernächtigt und mit leichtem Halskratzen in den ICE nachhause einstieg.

Wer hätte das gedacht, dass sich aus einer Bekanntschaft in der Blogosphäre und dem ersten Beschnuppern in Nörten-Hardenberg ein so wohltuender und ergiebiger Kontakt entwickeln würde? Schön war’s!

Herzlichen Dank an die drei Anwölfe für die tolle gemeinsame Zeit, die guten Gespräche und die perfekten Frühstückseier…

Brooding Bobby Brown.

…und allen anderen Lesern einen gemütlichen Ausklang des ersten Adventswochenendes!

Song des Tages bzw. Monats (14).

Der November geht zu Ende. Bislang gehörte dieser Monat allein wegen des Umschwungs von Herbst zu Winter nicht zu meinen bevorzugten Monaten. Diesmal hat er mir auch aus anderen Gründen zugesetzt: Das Schicksal spie mir nochmal einen großen Klumpen meines persönlichen Jahresthemas vor die Füße.

In 2016 ist Resonanz das wiederkehrende Thema gewesen, dieses Jahr ist es Täuschung.
Vertrauens- und Loyalitätsbruch von Menschen, denen ich das nicht zugetraut hätte.
Und auch im erweiterten Umfeld ein paarmal: Heuchelei statt Aufrichtigkeit, Rückzug statt Klärung, hintenrum statt gradheraus.

Nicht, dass die Menschen nicht reden könnten – das können sie sehr wohl: bei anderen wird das Herz ausgeschüttet oder gelästert, aber der, den’s betrifft, wird aus Feigheit umgangen bzw. „verschont“. Oder sie basteln sich im stillen Kämmerlein ihre „Wahrheiten“ zusammen, mixen sich ein Gebräu aus Unhinterfragtem und Unterstellungen, fällen Urteile. Bekommt man das Ganze eines Tages doch noch serviertt, staunt man nicht schlecht, fühlt sich gleichermaßen ratlos wie verraten.

Eine dieser Lebenserfahrungen, auf die ich hätte verzichten können, die aber natürlich nicht an meiner Schwelle Halt macht. Warum sollte sie auch. Wer weiß, wo und wie oft ich Vertrauen gebrochen habe, verurteilend oder illoyal war, ohne das zu wollen, es aber dennoch getan habe. Meist erfährt man das ja erst, wenn einen der Aufschrei des Verletzten erreicht. Manches Mal habe ich aufgeschrien in 2017, teils so ausgiebig, dass ich ganz heiser davon wurde.

Was hilft: Salbeitee mit Honig, die unverbrüchliche Treue einer Hundeseele, intakte Beziehungen und wuchtige Novembermusik.

Nothin‘ lasts forever
And we both know hearts can change
And it’s hard to hold a candle
In the cold November rain

I know it’s hard to keep an open heart
When even friends seem out to harm you
But if you could heal a broken heart
Wouldn’t time be out to charm you

(Nicht so leicht, eine Version zu finden, in der Axl Rose einigermaßen vollständig bekleidet und bei Stimme ist. Und keine Ahnung, was Elton John da am Zweitflügel verloren hat, aber er stört ja auch nicht.)

Ich verkrümel mich nun übers Wochenende nach Braunschweig, freu‘ mich drauf, und wünsche allseits einen verträglichen Novemberausklang ohne Husten und Heiserkeit.

Die Kraulquappe.

Hund haben (9).

Fast hätt‘ ich’s ja nicht gemerkt, was sich da in meinen Koffer geschmuggelt hat!

Ein freundliches „Raus da!“ bringt gar nichts außer einem vorwurfsvollen Blick.

Ein strenger Tonfall bringt das ganze Hundeelend zum Vorschein.

(Bilder der nachfolgenden Szenen können aus ethischen Gründen nicht veröffentlicht werden.)

Früher bin ich gerne allein verreist. Mittlerweile schleiche ich mich mit schlechtem Gewissen aus dem Haus.

Wer hat hier eigentlich wen (v)erzogen und wie war das doch gleich mit dem „allzeit souveränen Rudelchef“?

Verflixt nochmal.

Go West(falen).

Sägen Großstadt, November und Zwist an den Nerven

Hilft gelegentlich auch die Flucht nach vorn

Mit dem Fahrtwind den ganzen Ballast von sich werfen

Nur vier Stunden dreizehn bis Paderborn 😊

Bin dann mal weg & wünsche ein schönes Wochenende –

Die Kraulquappe.

Wuthering heights oder: Bajuwarische Freizeitgestaltung.

Die erste Nacht in der Jachenau war kurz.

Durch das gekippte Fenster hörte man das Rauschen des Baches dermaßen laut und um 2 Uhr kam die vorletzte Stechmücke der Saison hereingesurrt… Natur verzückt nicht immer!

Das Dackelfräulein schläft weiter, während ich um 7:50 Uhr zum Frühstück wanke. Eine unfreundliche Alte in Tracht knurrt mich an, dass es erst ab 8 Uhr Buffet gäbe, bringt mir dann aber gnädigerweise schon ein Kännchen Kaffee. Die 12-köpfige Motorradfahrer-Gang, die den Nebentisch im Beschlag nimmt, verjagt mich bereits um 8:20 Uhr durch ihr Gegröle.

Um 10 Uhr passieren wir die Brücke über den Sylvensteinstausee, einem meiner Lieblingsorte im Tölzer Land. Der Schafreuter winkt uns bereits entgegen (Berg mit flach abfallender Gipfelkante, in Bildmitte hinten).

Vom Parkplatz Kaiserhütte kurz hinter der Tiroler Grenze starten wir den Aufstieg zum Schafreuter.
Der farbenprächtige Bergwald gibt immer wieder den Blick auf den Mahnkopf und die Lalidererwände frei…

…und in der Halbzeitpause, wenn man die Baumgrenze hinter sich gelassen hat, liegt einem beinahe das gesamte Karwendelgebirge zu Füßen.

Was die kitschigen Bergfotos und der kackblaue Himmel allerdings völlig verschleiern: Mangels Schutz des Bergwaldes ist es ab 1.600m ziemlich windig (siehe abhebende Dackelohren im Bild!). Xavier ist im Anmarsch.

Nutzen Sie auch heute wieder das linke Dackelohr: ziehen Sie von dort aus eine Diagonale zur linken oberen Bildecke – unterhalb des letzten Liniendrittels erkennen Sie die Tölzer Hütte!

Kurz vor der Einkehr orientieren wir uns hinsichtlich der weiteren Expeditionsoptionen…

…aber mittlerweile bläst es dermaßen, dass wir uns lieber schnell zur Hütte flüchten. In den klitschnassen Klamotten friert man verdammt schnell, wenn man rumsteht (alles Lüge, dieser Hightech-Atmungsaktiv-Membran-Quatsch, es hilft nur Umziehen).

Trotz der garstigen Orkanböen beharrt die schwäbische (!) Hüttenwirtin darauf, dass Hunde nicht in die Stube hineindürfen und befiehlt mir, Pippa allein (!) auf der Terrasse anzubinden, was natürlich nicht in Frage kommt.

An der Hauswand ist es einigermaßen windgeschützt und die bessere Aussicht hat man sowieso.

Wenig später befehle ich mir, es als ausgleichende Gerechtigkeit, über die kein Wort verloren werden muss, zu betrachten, dass sich die schwäbische Hütten-Xanthippe beim Abkassieren meines kleinen Bergmenüs ganz unschwäbisch, nämlich extrem zu meinen Gunsten, verrechnet.

Während die Spinatknödel wohlig sacken, beschließe ich, den Gipfelaufstieg bleiben zu lassen. Eine weitere Stunde bei Sturmböen von 85km/h und mit einigen ausgesetzten Stellen, zudem noch mit angeleintem Dackeltier (zu viele Gemsen!), und alles wieder retour – das ist mir zu riskant. Und die knapp 1.000Hm bis hierher stecken uns ja auch schon in den Knochen.

Also treten wir ohne Gipfelerlebnis den Abstieg an, dafür mit der erfreulichen Feststellung, dass zum ersten Mal seit langem wirklich keinerlei überflüssiges Glump im Rucksack mitgeschleppt wurde. Sogar die Windbreakerjacke und die Stormlockmütze kommen mal zum Einsatz (nicht zu vergessen: die roten Lindor-Kugeln, die der Lieblingsnachbar einem geschenkt hat als er zur Apfelstreuselkuchenschlacht kam)!

Pünktlich zur 16 Uhr-Fütterung der Madame sind wir wieder am Auto, eine halbe Stunde später schon auf der Sylvensteinbrücke.
Noch ein wehmütiger Blick zurück, denn vermutlich war’s für dieses Jahr der letzte Ausflug dorthin.

Im Dorfladen der Jachenau besorge ich mir einen Kornspitz und ein Wiener Würstchen als Abendimbiss im Sonnenuntergang auf Balkonien.

Das Dackelfräulein fläzt bereits friedlich schnarchend im Körbchen als ich noch schnell runtersause ins Restaurant, um mir ein Weißbier zu holen. So zur Abrundung dieses tollen Tages.

2 Minuten später betrete ich mit dem Bier in der Hand das Zimmer wieder und freue mich auf meine Brotzeit. Zu meinem Erstaunen liegt der Hund nicht mehr im Körbchen, sondern sitzt auf dem Bett, wirkt etwas krumm im Rücken, hält den Kopf gesenkt und guckt elend drein. Dann rülpst sie. Und guckt anschließend noch elender. Und dann schwant es mir!

Ganz genau. Mein Wiener Würstchen ist verschwunden. Heimtückisch gemopst (bzw. gedackelt) und vernichtet, in nur 2 Minuten – und aus dem Tiefschlaf heraus.

Das Papier, in das es eingewickelt war, liegt säuberlich aufgefaltet auf dem Tisch. Sowas hat sie in all den Jahren noch nie gewagt. Man darf wirklich nie denken, dass man einander zu 100% kennen würde und vertrauen könnte, nur weil man schon seit über 5 Jahren so eine innige Beziehung führt!

Während ich den trockenen Kornspitz mit dem Weißbier runterspüle und versuche, den Wurst-Diebstahl irgendwie zu vergessen, kommt mir ein Aushang im Entree des Gasthofs nochmal in den Sinn:

Ich meine, wie ich’s auch drehe und wende – ich check‘ dieses „Angebot“ einfach nicht.

Die Halbe (egal, welche) kostet hier 3,20€, also kosten 10 Halbe 32€ und 11 würden 35,20€ kosten. Wenn ich mir also diesen Pass ausstellen lasse, mir 11 Bier reinschütte und dafür 34€ blechen muss, dann hat mir der Gasthof für diese komatöse Aktion, nach der nicht nur der Bierpass voll ist, sondern vor allem ich, nur schlappe 1,20€ „geschenkt“?!?

Was wird hier beworben und worin besteht das Angebot? Oder spielt dieser knausrige Nachlass nach 11 Halben sowieso keine Rolle mehr? Und was zum Teufel soll der Hinweis auf Silvester und diese Verlosung? Oder hab‘ ich da was übersehen, so wie früher in der Schule? Hängen mir vielleicht immer noch diese 4 Punkte nach, mit denen ich vor einem Vierteljahrhundert das Fach Mathe abgewählt habe? Mit diesen fiesen Textaufgaben kam ich noch nie zurande!

In diesem Sinne:
1.) Niemals zum Bier holen verschwinden, wenn’s um die Wurst geht.
2.) Falls die Wurst bereits verschwunden ist, den Ärger mit 34 Bier runterspülen und über Goldfische und Palmen nachdenken – das lenkt hervorragend ab.

Einen schönen restlichen Abend ohne Sturmschäden und Wurstverlust wünscht
Die Kraulquappe.

Himmel der Bayern (28): Das Sackgassenglück.

Das Gefühl von Sackgasse oder Endstation mag ich im Inneren gar nicht, draußen in der Welt aber umso mehr. An solchen Endpunkten erübrigen sich die Entscheidungen, ob man nun links/rechts/geradeaus/hoch/runter/zurück fahren soll. Es gibt keine Richtungen mehr, es ist einfach mal Schluss – und damit meist auch Ruhe. Allenfalls zu Fuß geht es noch ein Stückerl weiter, manchmal nicht einmal das.

Die schönsten Endstationen, an denen ich mich je aufgehalten habe, waren Altaussee im Salzkammergut (hier endet die Straße im Ort bzw. am See und am Berg) und Hoburgen auf Gotland (hier endet der Weg am Leuchtturm bzw. am Meer). Natürlich muss man nicht ins Ausland fahren, um dieses beglückende Sackgassengefühl zu erleben. Sowas gibt’s auch in heimatlichen Gefilden.

Das Dackelfräulein am Ende (der Jachenau).

Hier in der Region habe ich drei Lieblingsendstationen, an denen sich das perfekte „Am Arsch der Welt“-Feeling erleben lässt: Das Elmauer Hochtal am Fuße der Wettersteinwand, das Almdorf Eng im Karwendelgebirge (na gut, das ist ganz knapp schon nicht mehr Bayern) und die Jachenau, Bayerns kleinste Gemeinde, südlich von Lenggries.

Ersteres ist, wenn man nicht mit einem Millionär verheiratet ist, nur für Tagestouren geeignet, denn die Nobelherbergen Schloss Elmau und Das Kranzbach sind unerschwinglich (Hotels, die ihre Exklusivität hervorheben wollen, erkennt man heutzutage am vorangestellten, gern auch großgeschriebenen Artikel oder an Untertiteln wie Hideaway und dergleichen).

In der Eng gibt es leider nur einen potthässlichen Alpengasthof, ansonsten muss man nach Hinterriß ausweichen, wo es nur einen mittelscheußlichen Gasthof direkt am tosenden Rißbach gibt oder gleich in die Ortschaft Fall am Sylvensteinsee, die immerhin ein passables Outdoorhotel im modernen Jugendherbergsstil bietet – allerdings mit morschen Aufbacksemmeln am Morgen (großspurig beworben als „Ludwig-Ganghofer-Brunch“).

Die Jachenau ist von den drei Supersackgassen die einzige, die touristisch nicht ganz so beliebt ist, obgleich sie ähnlich schön ist: Umgeben von Bergen, in unmittelbarer Nachbarschaft des Walchensees und mit dem rauschenden Jachen als pulsierende Ader des sonnigen Tals, an der die paar kleinen Ortschaften liegen. Man kann in schmucken Bauernhöfen oder einem der urigen Gasthöfe Quartier nehmen, die Halbe kostet noch keine 3,50€ und für ein zierliches Dackelfräulein werden einem nicht unverschämte Aufschläge berechnet, wie sich das die besseren Häuser gern erlauben.

[Randnotiz: Das wär‘ auch nochmal so ein Projekt – ein Hotelführer für Hund&Mensch in Oberbayern. Wo gibt’s die schönsten, hundefreundlichsten und günstigsten Unterkünfte, die, in denen es morgengassitaugliche Wiesenwege in Hotelnähe gibt, am besten noch mit Gassisackerlspender und Mülleimer am Wegesrand, die, in denen Waldi unkompliziert mit zum Frühstück darf, ohne dass der Tussi am Nebentisch das Proseccoglas aus der Hand fällt, die, in denen es frische Brezn gibt und Eier von glücklichen Hühnern sowie kein Hofbräu- oder Spatenbier und mehr als nur Schweinereien auf der Karte.]

Jedenfalls sind das Dackelfräulein und ich heute Morgen spontan in die Jachenau gefahren. Zu Schulzeiten habe ich meine Sommer in Lenggries verbracht, da hab ich die Gegend rundum kennengelernt. Später war ich meist im Winter hier, zum Langlaufen.
Seit N. viel zu früh gestorben ist, war ich überhaupt nicht mehr in der Jachenau, es war seine Lieblingsgegend, vor allem im Winter, weil die Sonne so lang hier ins Tal reinscheint – man kann über 30km Kilometer in der Loipe runterspulen und hat ununterbrochen Sonne im Gesicht.

Für zwei Tage sind wir nun im Sackgassenendstationsparadies. Der Wirt schenkt uns zur Begrüßung nicht nur ein Lächeln, sondern ein Upgrade. Weil er auch einen Dackel hat. Die haben ja gern den Überblick, weiß er. Deshalb nun ein Zimmer mit Balkon und Aussicht aufs Ende der Straße und den „Dorfplatz“. Und mit Flauschteppich zum Schubbern des vom Wandern strapazierten Hunderückens.

Heute Jochberg, morgen Scharfreuter, übermorgen Walchensee – falls das kurze Zwischenhoch noch bis Freitag durchhält.

An dieser Stelle besonders liebe Grüße an D.: nächstes Mal gehen wir gemeinsam von hier aus los, denn nach 25 Jahren Jochbergbegehungen hab‘ ich heute festgestellt, dass die Ostroute ja viel schöner ist!

Und schon wieder: Immer diese Entscheidungen!

Immerhin mit Entscheidungshilfe (siehe kleines Schild).

Aussicht auf den Herzogstand.

Ziehen Sie vom linken Dackelohr aus eine gerade Linie nach oben – und Sie landen direkt auf dem 2.100m hohen Berg, auf den wir erst morgen hochschnaufen.

Blick ins Vorkarwendel und Karwendel (man kann das schöne Wort gar nicht oft genug schreiben) – leider wird die westliche Karwendelspitze von den Tannen verdeckt.

Manchmal seh ich den Wald vor lauter Bäumen nicht, heute sah ich den Weg vor lauter Laub kaum – eine vierbeinige Vorhut ist da von unschätzbarem Wert.

Wald, Walchensee, Wettersteingebirge.

Die drei Dorfenten auf der Flucht vor dem Dackelfräulein (verwackelt wegen Sauseschritt).

Hund haben (7).

Episode aus der Endlos-Serie „Please don’t go“.

Von Alpen, Hörnern und Beschaulichkeit.

Heute kamen wir zunächst etwas schwer aus den Federn. Der gestrige Hitzemarsch steckte uns noch arg in den Knochen…

…so dass ich um ein Haar dem auffälligsten und am unstressigsten wirkenden Wegweiser gefolgt wäre…

…wenn das Dackelfräulein nicht plötzlich so verdammt fit gewesen wäre…

…und munter von Alpe zu Alpe bergauf wieselte und nur an manchen Gefahrenstellen mein Geleit suchte.

Nachdem ich 7 kg Dackel durch mehrere Kuhherden und meine müden Gebeine samt des vollen Rucksacks die 850Hm zum Immenstädter Horn geschleppt hatte, dankte ich beinahe dem Herrn, dass wir Gipfel Nr.1 sogar noch vor dem 12 Uhr-Läuten erreicht hatten.

Von den 3 Litern Wasser wurden wir hier oben die Hälfte los…

…danach ging’s weiter, und wenn ich etwas in den Bergen nicht mag, dann sind das Zwischenabstiege, bei denen man den nächsten Anstieg samt Ziel permanent vor Augen hat…

… so wie in dem Fall das Kemptener Naturfreundehaus, dessen Erreichen bei üblem Unterzucker und hochsommerlichen Temperaturen heute echt eine harte Nuss war…

…so hart, dass die eine oder andere schöne Aussicht kaum noch gewürdigt werden konnte.

Bei der Hütte angekommen, mussten zunächst noch die Nachbarschaftsverhältnisse geklärt werden…

…dann ließen wir uns zur wohlverdienten Stärkung nieder und wurden nicht enttäuscht: Bei der Portion hätte glatt noch ein Bernhardiner mitfuttern können!

Mit neuer Energie ausgestattet packten wir noch den Gipfel des Gschwender Horns und sogar den langen Abstieg in praller Sonne…

…die einzige Etappe, auf der ich mich heute besser schlug als mein Hund!

Dank einiger Bäder in Viehtränken hat Pippa dennoch tapfer durchgehalten…

…und geschafft und zufrieden kamen wir beide wieder beim Parkplatz an.

Game over!

Für die Madame hieß es, 2 Stunden bis München gemütlich auf der Rückbank durchratzen, während ihre verklebte, müde Chauffeuse erneut Fußarbeit leisten musste (wg. Landstraßen, Traktoren, LKWs, Entenfamilien).

Schön war’s im Allgäu, wir kommen auf jeden Fall wieder – der Grünten fehlt uns noch und auch Oberstdorf müsste man sich ja endlich mal im Sommer anschauen.

Als irgendwo hinter Huglfing der erste Blick auf Heimgarten, Jochberg und Benediktenwand möglich ist, da kriecht es massiv in mir hoch: Das Gefühl von Heimat, von Nachhausekommen, von Zugehörigkeit. Je älter ich werde, desto häufiger und deutlicher spüre ich das. Vor nicht allzu langer Zeit war mir das noch peinlich, mittlerweile kann ich es genießen.

Eine gute Nacht wünscht

Die Kraulquappe.

PS: Ach ja, liebe Allgäuer, erklärt mir doch bitte mal, was ein „beschaulicher Fußgänger“ sein soll?! Wir haben das Strandpromenaden- und Badevolk gründlich beschaut…

… und waren recht froh, dass wir kein Miteinander mit denen hatten.

Himmel der Bayern (24): Des möcht i ned Missen.

Da samma wieder!

Terminierte Arbeiten erledigt, einigen Ärger und Frust gehabt, ätzende Regenwoche durchgestanden, viel Grundsätzliches durchdacht, mit wenigen Ergebnissen. Den Pony selbst gekürzt. Das Auto endlich gereinigt. Erfreulichen Besuch aus Braunschweig und der Schweiz gehabt. Im See geschwommen, im Freibad sowieso.

Bevor es ab Freitag weitergeht mit so entzückenden Angelegenheiten wie der Steuererklärung 2016, Fensterputzen, Keller ausmisten und dem Termin mit dem Gutachter der Versicherung des Umzugsunternehmens, sind das Dackelfräulein und ich noch schnell für 36 Std ausgeflogen.

Der bayerische Himmel erstreckt sich ja bis ins Allgäu, das in meiner ganz persönlichen Heimatgeografie ein sehr stiefmütterliches Dasein fristet.

Zu Unrecht, denn die Wanderwege sind mal eine willkommene Abwechslung zum Altbekannten daheim im Oberbayrischen. Nur den Dialekt hier, den bräucht‘ ich nicht. Aber auf der 16km-Tour haben wir außer Kühen eh niemanden getroffen (was auch gereicht hat, so wie die uns verfolgt haben).

Luft-Kuh-Ort im Allgäu.

Aus Missen – im Herzen des Allgäus (Geburtsort des Alpkönigs Carl Hirnbein!?!) – grüßt euch

Die Kraulquappe.

Der Tag in Bildern:

Der Wandertag beginnt auf kritischen Pfaden…

…wird dann aber wunderschön.

Blick auf die Allgäuer Alpen. Ned schlecht.

Jede schattige Wiese zum Kühlen nutzen.

Weiter geht’s! Scheiß-Hitze.

Zwischenziel auf dem Weg zum Hauchenberg.

Ahh – das da hinten ist also der Grünten!

Das Ziel zum Greifen nah: Aussichtsturm „Alpkönigblick“.

Ganz da hinten irgendwo: Die Zugspitze.

Kuhnigundenweg 😄! Ich liebe diese schlichten Sprachspiele.

Ein Hydrant, ein Hydrant! (Mit den besten Grüßen nach Paderborn.)

Brauereigasthof Schäffler, unsere Schnäppchenpreisbleibe für 1 Nacht.

Ein adäquates Nachtlager für uns zwei.

Homeward bound.

In 527 Kilometern werde ich wieder dort sein, wo ich hingehöre.

In München-Neuhausen, um die Ecke der Bäckerei Neulinger, bei der es die weltbesten Brezen gibt, die ich nun mindestens so sehr herbeisehne wie vor 5 Wochen die Südküste Schwedens.

Die 10 wichtigsten Erkenntnisse dieser Reise waren für mich (ohne Rangfolge, einfach so notiert):

  1. Es gibt einen fundamentalen Unterschied zwischen Urlaubmachen und Reisen. Das eine ist erholsam, das andere ist spannend. Von den 33 Tagen waren 8 Urlaub und der Rest Reise – diese Gewichtung würde ich beim nächsten Mal anders gestalten.
  2. Schweden ist wunderschön, aber leben könnte ich dort nicht. Ich habe tatsächlich ab und zu meine Heimat – Oberbayern und München – vermisst. Ein ganz neues Gefühl. Gesondertes Schweden-Fazit folgt.
  3. Ich bin definitv ein Bewegungsmensch, kann längeres Rumsitzen nicht ausstehen und bin daher etwas (an)gespannt, wie sich das mit meiner beruflichen Zukunft vereinbaren lassen wird.
  4. Meine Dackelhündin ist die allerbeste Reisegefährtin, die ich mir vorstellen kann – mit keinem Menschen der Welt käme ich in 5 Wochen, in denen man bis auf 8 Schwimmbadbesuche, 11 Laufrunden, 7 Supermarkteinkäufe und 5 Hotelfrühstücke permanent zusammen ist und sogar noch nachts aneinander klebt, auf nur 4 kurze Streits (kurz = max. 2 Std. schiefer Haussegen).
  5. Schnell (Weiter-)Reisen geht für mich nicht mehr. Ich brauche ca. 48 Stunden Zeit und Ruhe, um irgendwo anzukommen und wirklich etwas von dem Ort auf- und mitzunehmen, an dem ich bin.
  6. Dass man in 4 Wochen Alleinsein und Unterwegssein mit Hund bahnbrechende Gedanken wälzt und lebensverändernde Beschlüsse fasst, ist und bleibt eine Illusion (so war es schon damals bei meiner Alpenüberquerung – und nun wieder).
  7. Es gibt nur zwei Gegenden, in denen ich leben möchte, falls ich weiterhin die Möglichkeit haben sollte, das frei zu wählen: bergnah oder meer-/wassernah. Alles andere fühlt sich für mich beliebig und unrund an.
  8. Vom dialektalen Einschlag her gehöre ich zu 98% nach Niedersachsen (das war eine echte Neuentdeckung). Null Assimilationsprobleme beim Sprechen, genau mein Ausdruck.
  9. Gut verzichten kann ich wochenlang auf: Fernsehen, Zeitungen, Geselligkeit, Gespräche, Klamottenauswahl, Fahrradfahren, Fönen, Großstadt.
  10. Schwer verzichten kann/könnte ich auf: Musik, Schwimmen, Hagebuttenmarmelade, Brezen, bayrisches Weißbier, feste Matratzen, Sauberkeit, Smartphone, WLAN, Auto, Fleecejacke, Trekkingschuhe, Hundepfotengeruch am Morgen.

So, nun aber rein ins Auto und rauf auf die A7 mit ihren Baustellen und Staus, die heute hoffentlich alle eine Pause einlegen, so dass wir störungsfrei bis zu unserer üblichen Spazierstation in einem Wald bei Tennenlohe durchkommen (weitere Idee: Reiseführer schreiben, Titel „Die schönsten Gassirouten links und rechts der Autobahn“).

Ich danke euch allen fürs Dabeisein, Mitfühlen, Kommentieren, Kritisieren und konstante Mitlesen – trotz der Dackel-, Schwimm- und Bruce-Lastigkeit, die mein Blog bisweilen aufweist (und auch in Zukunft aufweisen wird 🙂 ).

Zu unser aller Erholung verabschiede ich mich nun in einen einwöchigen Blogurlaub – zum Auspacken, Eingewöhnen und Neustart daheim – und bin dann in alter Frische (irgendwie suspekte Formulierung: alt + Frische?!?) ab dem 26.10. wieder hier (oder da?).

Bis dahin wünsche ich euch bunte Herbsttage, frohe Gedanken und eine gute Zeit.
Die Kraulquappe & die Pippa (aka kvinnan med tax).

(Da sich die halbe Belegschaft des Burghotels zum Abschied mit Pippa in der Lobby ablichten ließ, dachte ich, das könnte ich ja auch tun.)