10 Dinge, die ich in 5 Jahren Bloggen gelernt habe.

WordPress gratuliert mir morgens um kurz vor 4 zum 5-jährigen Jubiläum. Zeit für ein kleines Resümee.

1. Die Blogosphäre: Eine unendliche Spielwiese für Identitätsentwürfe aller Art und Unart. Ein Blick durchs Schlüsselloch in die Reinräume diverser Selbsttherapien und in die Verliese vermeintlich Austherapierter – ein weites Feld und noch mehr, das alles.

2. Zwischen bloggender Kunstfigur und realer Person hinter Text/Bild unterscheiden zu können, ist gleichfalls Kunst. Eine, die ich mangels diesbezüglicher Phantasie oft nur ungenügend beherrsche.

3. Es gibt Blogger, die unter lautstarkem Vorgeben von Authentizität schreibenderweise eine komplette Biographie erfinden. Um sich dann ganz authentisch darüber zu freuen, wenn andere das lesenderweise für bare Münze nehmen.

4. Man kann überall Freunde finden. Auch in der World of WordPress.

5. Beim Bloggen über Fußball hört der Spaß auf. Bei bestimmten Vereinen sowieso.

6. Worte verbinden nur dort, wo Wellenlängen übereinstimmen. Da hatte Max Frisch schon recht.

7. Dass jemand Follower wird, heißt noch lange nicht, dass derjenige dir folgt (im Wortsinne) oder dem, was du schreibst, folgen kann (im Hirn- oder Humorsinne). Und es heißt erst recht nicht, dass er deinen Blog aufmerksam oder überhaupt verfolgt.

8. Ein Like bedeutet manchmal weder, dass der Liker deinen Beitrag gelesen hat, noch, dass er ihm gefällt. Manchen rutscht einfach nur die Maus oder der Finger aus.

9. Ein Dackelfoto (be)wirkt mehr als 1000 Worte. Diese Erkenntnis sollte womöglich ernster genommen werden (doch besser zu Instagram auswandern?).

10. Mehrere Fotos von zwei Dackeln (wie gestern) – und die Aufrufzahlen gehen durch die Decke (ich bin noch nicht im Stande, „viral“ korrekt in einen anständigen Satz einzubauen, daher die altmodische „Decke“, aber immerhin eine im Altbau). Das gibt mir ziemlich zu denken.

So sollte es sein.

Notiz aus der Blogpause.

Unterwegs im Bierbichler-Country. Der Hammer, dieses Hinterland am Ostufer des Starnberger Sees. Warum ist man da nur so selten?

Wiesenpfade nach des Fräuleins Geschmack, zumal bei 27 Grad, wo jedwede Kühlung willkommen ist. Schönste Kircherl und Friedhöfe. Ein paar Kühe und Bächlein. Beste Aussicht auf See und Berge.

In Oberambach kurz das Hotel besichtigt, das man im Magazinbeitrag zu empfehlen gedenkt. Nette Chefin. Zeigt einem das Gelände und die Remise mit den sechs Zimmern für Urlauber mit Hund. Spendiert einem einen Hugo auf der schattigen Terrasse des Schlossguts, „(…) schreiben’S was Gutes über uns!“. Hätte ich eh, bei der Lage und dem Preis-Leistungs-Verhältnis.

So sollte es sein. Wenn man damit eines Tages mal mehr verdienen würde als den Hungerlohn, den so ein Beitrag einbringt, dann wär’s geradezu perfekt. Ambulare et delectare. Scribere et bibere.

Dann hinunter nach Ambach, wo der Bierbichler Sepp lebt, isst, trinkt und schreibt. Ins Familienlokal mit Biergarten – und eigenem Seezugang. Endlich mal ein Fleckerl in diesem Landkreis, wo der Hund ins Wasser darf. Wo keiner meckert. Dank der hohen Tennisballdichte hier hat Madame auch gleich wieder was zum Spielen gefunden.

Warum eigentlich irgendwohin in Urlaub fahren? Alles da.

Sie hat manchmal wollen den Sonnenschein auf ihren Hut stecken und die Abendröte umarmen.

[Blogbeitragsüberschrift frei nach Adalbert Stifter]

Weil die liebe B., die derzeit in N. auf U. weilt, sich schon latent sorgt, ob wir womöglich im See oder Freibad ertrunken sein könnten, weil es hier derzeit etwas ruhig geworden ist, nun ein kleines Lebenszeichen in Bildern, quasi eine Dokumentation so mancher Stationen oder Aktivitäten der letzten Tage:

Ausflug an den Ammersee: Diesmal Westufer, wieder viele Fotos, vor allem von Fräulein Seehund…

…aber auch von den Sehenswürdigkeiten in Dießen.

Erstes Selfie mit dem neuen Handy: Schön schattig, das kaschiert fast alle Falten.

Begleitung hatten wir auch: Meinen großen Freund S. und seine Kamera, die viel besser ist als meine.

Wanderung von Dießen zur Schatzbergalm: Könnte eine sehr schöne Tour sein, wenn wir nicht auf dem Schatzberg von einer Mückeninvasion heimgesucht worden wären.

Szenen auf dem Tisch: Die König-Ludwig-Desinfektion der Mückenstiche von innen.

Szenen unter dem Tisch: „Warum esst ihr was und ich krieg nur einen doofen Napf voll Wasser?“

Der Sommerhitze trotzen: Erfrischung, und zwar für alle (sagt auch die Abendzeitung – ich check nur nicht, was die Gourmets mit Baden zu tun haben).

Absurd: Die längste Hundewurst der Welt, aus ihrem 60cm x 75cm-Korb gerutscht.

Mein erstes Erfolgserlebnis auf Balkonien (von der blauen Hortensie wollen wir lieber schweigen).

Pfingsten in München: Englischer Garten, große Gassirunde, Rast im Aumeister.

Clever Shoppen: Am Tag nach dem Mega-Unwetter im Münchner Westen in einen Pflanzenmarkt im Münchner Westen fahren und die wegen Topf- und Blattschäden stark reduzierte Ware als Ersatz für so manch misslungenes Balkonprojekt mitnehmen.

Unterschlagen wurden in dieser bunten Auflistung:

  • diverse langweilige Büroarbeiten
  • stundenlange Recherchen für den nächsten Magazinbeitrag
  • einige Akquisitonstätigkeiten
  • Matthias Forenbacher in Endlosschleife hören
  • zeitaufwändiges Einbalsamieren der zehn fetten Mückenstiche nach dem Ausflug mit S.
  • alle weiteren Haushaltstätigkeiten der letzten sechs Tage
  • zwei Läufe im benachbarten Park
  • zwei Schwimmbadbesuche, einer davon mit Kampfeinsatz (Pfingstandrang, Beckenquallen, Randspringer)
  • Kauf und Zubereitung eines sündteuren Bio-Rindersteaks zur Aufrechterhaltung des Ferritinwerts
  • kontemplative Stunden mit Sonne und Weißbier auf der Parkbank vorm Haus
  • Installation eines neuen Handys inkl. Datenübertragung vom alten Handy
  • Reiseplanungen für den Spätsommer samt haarsträubender Mailkommunikation mit etlichen Hotels im Ausland, die sich erdreisten, für einen kleinen Dackel pro Nacht 25€ kassieren zu wollen, was jeweils in keiner Relation zum Zimmerpreis für den Menschen steht
  • extensiver Konsum von Huberbuam-DVDs in den späteren Abendstunden, um den nachfolgenden Träumen ein paar neue Impulse zu geben (leider die 3D-Brille nicht vertragen)

Herzliche Grüße an die Leserschaft & der lieben B. noch eine erholsame Zeit an der Ostsee!
Die Kraulquappe.

Hund haben (16).

Wie könnte ein Dienstag schöner beginnen!?

Direkt aus dem Nachthemd in die Regenmontur gestiegen. Hund liegt noch im Bett, hebt ein Augenlid und guckt einen ungläubig an. Man fragt dann höflich, ob er, resp. sie, einen freundlicherweise begleiten würde, weil man unbändige Lust hätte, einen schönen Morgenspaziergang zu machen. Hund gähnt, räkelt und erhebt sich, dehnt sich ausgiebig und fällt beim Zweitgähnen seitlich um. Offenbar keine Lust.
Bevor man in der Ganzkörpergoretexhülle zu schwitzen beginnt, beschleunigt man das Ganze etwas, hebt den Hund aus dem Bett und trägt ihn zur Wohnungstür, legt ihm das Halsband an, was nicht so einfach ist, weil der Hund sich schon wieder zur Seite umfallen lässt. Dann steigt man in die wasserdichten Schuhe und verlässt die Wohnung, schiebt den Hund aus der Wohnung raus ins Treppenhaus. Hund sitzt nun wie ein Pflock auf dem Fußabstreifer und guckt einen groß an, schlurft nach dem dritten Rufen gnädig zum Aufzug rüber, der uns nach unten befördert.

Draußen dann zwei Meter durch die Pfützen gestakst. Igitt. Wie ungemütlich, das alles. Schnüffeln an den unteren Ästchen der Hecke vorgetäuscht (worum es eigentlich geht: unter der Hecke liegt ein aufgeweichtes Stück Breze). Erster kleiner Disput.

Zweiter Disput hundert Meter weiter, als – noch vor dem ersten Morgengeschäft – der asoziale Husky im Dackelterritorium aufkreuzt und das Fräulein vor lauter Wut abhebt (kennen Sie das: wenn sich der Hund bellenderweise so echauffiert, dass er vor lauter Bellen ein kleines Stück vom Boden abhebt?).

Dritter Disput drüben auf der Allee: Unterschiedliche Interpretations- und Umgehensweise mit einem halbleeren Pizzakarton, der unter einer Parkbank liegt.
Stimmung droht zu kippen. Der nette Beagle von Hausnummer 30 rettet die Situation. Große Begrüßung, Schwanzwedeln, Spielversuch mitten im Batz. Gute Sache – lockert den morgenmüden Körper, was den Geschäftsvorgängen dann sehr zuträglich ist.

Nach 7 Minuten wieder daheim, trotzdem triefnass und dreckig. Im Treppenhaus aus den Regenklamotten schälen, an der Tür den graubraune Sauce tropfenden Hund ins Handtuch wickeln und dem Gatten in den Arm drücken – ab in die Wanne.

Dezente Vorfreude auf weitere 48 Stunden bei ebendieser Wetterlage (nur ohne Duschassistenz).

Und die bange Frage, ob der Wonnemonat Mai wenigstens noch einen foto-freundlichen Tag beinhalten wird, da man allmählich dringend das Bildmaterial braucht für den nächsten euphemistischen Artikel über das Unterwegssein mit Hund.

Ab morgen am Kiosk: die neue Dog&Travel.

Schlagen Sie zu, wenn Sie – mit oder ohne Teckel – nach Tirol wollen. Und am besten auch, wenn Sie keinen Teckel haben oder da nicht hinwollen – denn vom Fortbestand solcher Magazine hängt ja auch unsere kleine Existenz ein Stück weit ab.

Lesen Sie ab Seite 18 von unseren großartigen Abenteuern im mittelalterlichen Hall und beim Kraxeln im Karwendel.
Leider haben wir es nicht auf den Großen Bettelwurf geschafft, auch nicht auf den kleinen. Dabei gibt es so Berge, die man allein aufgrund ihres Namens als bergsteigender Hundebesitzer eigentlich nicht auslassen darf (immerhin querten wir ein Kar unterhalb des Hundskopfes, leider ohne es fotografisch festhalten zu können, man geriet in ein Unwetter und es verhagelte einem die Ambitionen).

Außerdem lesenswert: der Artikel ab Seite 80 übers SUP, zusammen mit dem Vierbeiner.
Passt gerade gut. Ist einer meiner Geburtstagswünsche, neben zahlreichen anderen. Halt ein klassischer Kraulquappen-Wasserwunsch (und auch schon etwas zurechtgestutzt, da der Gatte mein „Ich würd‘ gern mal Surfen gehen“ mit einer ebenso amüsierten wie rüden Bemerkung abtat, irgendwas mit Alter und so, ich hab’s gleich wieder verdrängt).

Eigentlich wünsch ich mir, das SUP ohne Hund auszuprobieren, weil das in meinen Augen wenig Spaßpotenzial für den Hund birgt, aber wer weiß: das Dackelfräulein ist ja auch eine Wasserratte und in dem Beitrag ist von Hunden die Rede, die das wohl durchaus gern mitmachen.

Ansonsten drücken Sie uns bitte die Daumen, dass wir es hier bald mal wieder ein paar Tage am Stück (!) trocken und sonnig haben, damit Sie auch Ende August wieder in Dog&Travel von uns lesen können!

Kurz vor dem nächsten Gassi durch die Sintflut grüßt Sie herzlich –
Die Kraulquappe.

Himmel der Bayern (57): It’s all about soul.

Wal(l)difahrt zum Heiligen Berg, beruflich quasi.

Lange Wanderung zu einem der touristischen Hotspots im Münchner Umland, dort Fotoshooting mit dem Fräulein, Material sammeln, das man demnächst in einer Reportage hundegerecht verwurschten (sic!) wird.
Muss jetzt alles recherchiert, marschiert, fotografiert und ausprobiert werden.

Schenk ich mir selbst zum Geburtstag, dieses Projekt, denn Aufwand und Ertrag stehen selbstredend in keinerlei vernünftigem Verhältnis, nicht mal dann, wenn es neben dem Honorar noch einen Sack begeisterte Leserbriefe gäbe. Das gedruckte Wort ist einfach nicht mehr viel wert, leider.
Egal, die Sache an sich tut dem grad etwas geschundenen Körper und dem derzeitigen Nervenkostüm wirklich gut:
Die Bewegung, der Hund, die Natur, die Heimat (die Seelenlandschaft!).

Allein die Fahrt durch diese seit Urzeiten vertrauten Gefilde.

Perchting. Ich denke an H., wie wir noch zu Schulzeiten dort im Dorfladen einkauften, für eine unserer Partys da draußen am Moorsee, in dem Häuschen, das der Papa uns vertrauensvoll überlassen hatte und das wir – Party hin oder her – stets blitzblank geputzt zurückgaben. Erinnere mich daran, wie bei einer Vollbremsung – H. hatte den Führerschein noch nicht lang und den Toyota ihrer Mutter ausgeliehen – die Bierflaschen aus der Kiste, die wir kreuzdämlich auf die Rückbank gestellt hatten, geschossartig und mit wildem Schäumen nach vorne flogen – eine unglaubliche Sauerei. Hatten wir noch mehr zu putzen.

Zwischen Landstetten und Frieding an der Einmündung zu dem Feldweg vorbeigekommen, wo ich mit 18 Fahrübungen im Mercedes des Papas machen durfte musste, zur Vorbereitung auf die Prüfung (Damit du mit der Pflichtstundenzahl hinkommst!).
Diese doofe Feststellbremse, die nur mit der linken Hand zu lösen war, irgendwo da unten neben dem Lenkrad. Der schnaufende, schwitzende und schimpfende Papa neben mir (Ja kruzifix, is‘ denn das so schwierig?!), als ich die Karre beim Berganfahren dreimal hintereinander abgewürgt habe, weil das halt mit dieser blöden Handbremsenkonstruktion nicht besser ging. Erst recht nicht auf einem Schotterweg. Geduld war nicht des Papas größte Tugend. Naja, war halt auch der Dienstwagen.

Und ich denke an unsere Radtouren hier in der Gegend, damals, als er noch der Bewegungsfreudigere und Unternehmungslustigere von uns beiden war. Den Frühstückstisch bereits mit Radkarten tapeziert, er frisch und munter, ich müde und muffig, dann ging es los, meist mit mehreren Zielen: See, Biergarten, Kirche, Eisdiele, Kloster, Wildgehege.
Er, der mir alles hier im Oberbayrischen gezeigt hat, dem es unermüdlich darum zu tun war, ans Töchterchen weiterzugeben, was er eben von diesem kleinen Ausschnitt der Welt wusste.

Ich staune heute manchmal, was doch so alles hängengeblieben ist, denn wenn ich zurückdenke an diese Jahre, dann seh‘ ich uns eher im Auto zanken: sein Vortrag über das von Konrad Lorenz gegründete Institut in Seewiesen (weil man grad dran vorbeifuhr und sich diese Lektion anbot) gegen meine Manie, den Sendersuchlauf dreimal rauf und dreimal runter zu betätigen (Musik interessierte mich! – und nicht Verhaltensforschung).

Kloster Andechs. Jahrzehntelang ein beliebtes Ziel solcher Ausflüge. Verhasst war mir das Krippeanguckenmüssen. Der Papa war nie gläubig, aber an Weihnachten meinte er, das Kind müsse nun eine Krippe zu Gesichte bekommen, obwohl das Kind lieber daheim den Baum geschmückt, Plätzchen gefuttert und Seidenpapiersterne auf die Fenster geklebt hat.

Geliebt habe ich hingegen die sommerlichen Besuche in Andechs: da gab es (bis ca. 10) ein Aufess-Armband vom Kiosk bzw. (ab der Teenagerzeit) eine Riesenbreze ganz für mich alleine und später (ab der Studienzeit) konsumierten wir dann tatsächlich mal eine zeitlang dasselbe.

Man staunt ja auch immer wieder, wer so alles tagsüber an einem gewöhnlichen Dienstag unterwegs ist und mit wem man die wenigen Premiumplätze an der sonnigen Klosterbiergartenmauer teilen muss (hat NRW immer noch Ferien oder wat machen die alle hier?).
Jedenfalls: der Kölner am Nebentisch mampft unter großem Gelabere und mit noch größerem Genuss eine Blutwurst und freundet sich währenddessen – der Kölner an sich ist ja freundlich und offen – mit dem Dackelfräulein an, die noch nie zuvor ein Stück Blutwurst gegessen hat, aber spontan sichtlich angetan davon ist und gern noch ein zweites nimmt.
Hast du einen Hund, musst du Menschenkontakt haben, sogar Blutwurstmenschenkontakt.

Ich packe mein Käsebrot und die Tomaten aus und hole mir dazu an der Klosterschänke eine Maibock-Halbe.
Geradeaus guckend: die nun wieder tief verschneiten Alpen. Unter den Tisch guckend: der nun wieder tief zufriedene Hund.
Lese in einem Reiseführer, mache mir Notizen.
Schicke dem Papa eine Live-Foto von Fräulein Hund, Maibock und mir aus dem Klosterbiergarten.
Das freut ihn. War die Bildungsarbeit ja doch nicht umsonst, schreibt er.

Anschließend ein Rundgang durch die klösterlichen Anlagen.
Ein Fotoversuch hier und dort, aber ohne Assistenz ist das heute schwierig, Pippa hat keine Lust oder die Sonne steht ungünstig oder der Maibock ist schuld am Misslingen. Gehen wir halt demnächst nochmal hin.

In der Kapelle wie immer ein Kerzlein angezündet.
Ein Weilchen dort im Dunkeln gesessen, den warmen Wachsgeruch eingeatmet, ein bisschen den Gedanken nachgehangen. Auf einmal an ein Lied von Billy Joel gedacht, bekam die Strophen nicht mehr alle zusammen (dank YouTube kann man auf dem einsamen Weg zurück zum Auto dem Gedächtnis gleich auf die Sprünge helfen: meine Güte, auch schon wieder ein Vierteljahrhundert her, der Song).

It’s all about soul
It’s all about faith and a deeper devotion
It’s all about soul
‚Cause under the love is a stronger emotion
She’s got to be strong
‚Cause so many things getting out of control
Should drive her away
So why does she stay?

Und auf dem Rückweg gelingen uns doch noch ein paar Verrenkungen Zeckenaufklaubungen Übungen in den Frühlingswiesen mit dem Smartphone.

Exactly, it’s all about soul.

Von Schwindegg über Gmund nach Andechs.

Spielen liebe ich ja, seit ich auf der Welt bin.

Die ersten Objekte meiner Spielliebe waren die alljährlich vom Papa zu Weihnachten angeschafften Gesellschafts-/Brettspiele, mit denen wir uns dann (als wir noch eine Familie waren) bis zum Dreikönigstag in Klausur begaben.
Unterjährig vergnügte ich mich vor allem mit Lego und Playmobil oder versaute mit Slime oder Fimo die elterliche Wohnung.
Nicht zu vergessen: die Welt da draußen, die Wohnanlage, das Wäldchen hinter der Schule – alles herrliche Spieloasen, vor allem jene, an denen der mütterliche Ruf „Essen ist fertig!“ nicht mehr zu hören war.

In der Schulzeit reduzierten sich die Spielmöglichkeiten etwas, vor allem, wenn man – wie ich – kein Fan von Mannschaftssportarten oder Wettkämpfen (und ehrlich gesagt von überhaupt keiner sportlichen Betätigung außer Schwimmen & Eisessen war) und die Mutter einem mit 11 die drei Boxen Playmobil einfach weggenommen (und verkauft) hatte. Sogar das geliebte Playmobil-Hausboot (was ich ihr nie verziehen habe).

Mit der Studienzeit begann dann wieder eine intensive Ära des Spielens, und dank der Liaison mit dem Wiener Medizinstudenten lernte ich großartige neue Spiele kennen.
„Activity“ hielt Einzug in mein Leben, vor allem die österreichische Version liebte ich über alles, weil wer mit dem österreichischen Vokabular nix am Hut hatte, der hatte einen eklatanten Nachteil, Begriffe wie „Gelsenkirchner Barock“ pantomimisch darzustellen – und so wurde daraus ein Spiel für Insider oder Hochbegabte, zumindest wenn man es mit den Würzburger Studentenfreunden abendelang spielte. Und wir spielten das damals ganze Wochenenden lang!
Gut, ab und zu auch mal unterbrochen von „Pictionary“ oder „Therapy“ oder eine Runde „Der wahre Walter“ (meine Güte: ganz wehmütig wird mir, wenn ich an diese Zeiten zurückdenke, das waren die besten alkoholfreien Räusche, die ich je erlebt habe!).
Aber hauptsächlich spielte ich 12 Semester lang „Activity“ in allen erdenklichen Versionen, die es auf dem Markt gab.
Paare gerieten in die Trennungszone an diesen Abenden, wenn der eine mal wieder nicht in der Lage war, aus dem Bleistiftgekritzel des anderen, das aussah wie die Kleinkindzeichnung eines Wollknäuels, binnen einer Sanduhrlänge den Begriff „Globalisierung“ herauszulesen!
Frauen gegen Männer war auch stets eine sehr stimmungsfördernde Variante, vor allem, wenn das Frauenteam fortwährend gewonnen hat (die wenigen Male, in denen das nicht der Fall war, hat man halt verdrängt).
Zum Schluss hin empfahl sich jedoch der Partnertausch als beste Team-Zusammenstellung, weil man dabei erleben durfte, dass auch andere Männer die von einem selbst für so kreativ & genial gehaltenen Paraphrasen, Zeichnungen oder Pantominen nicht sofort zu erraten befähigt waren, was einen sogleich mit dem eigenen Partner, den man kurz zuvor noch unter „Das musst du doch kapieren!“- oder „Wie kann man sich nur so anstellen!“-Rufen am liebsten in die Wüste geschickt hätte, wieder etwas aussöhnte.

Mit dem Diplom in der Tasche begann dann der sogenannte Ernst des Lebens, das Berufsleben nämlich, und das brach den Spielorgien leider alsbald endgültig das Genick.
Alle mussten plötzlich früh ins Bett, damit sie montags wieder fit waren oder bekamen Kinder und hatten deshalb eh keine Zeit und Energie mehr oder waren so fertig von ihren Überstunden und Dienstreisen, dass als einzig möglicher Abend für lange Spiel-Sessions bestensfalls noch der Samstag übrigblieb, der dann aber mit Grillabenden, Schwiegerelternbesuchen und Theater-Abos konkurrierte.
Kurz: im Wesentlichen war nun Schluss mit lustig. Sozusagen game over.
Allenfalls zu Silvester konnte ich noch gelegentlich meiner Spielsucht frönen… – im Grunde aber spiele ich nur noch mit dem Dackelfräulein.

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Vor ein paar Wochen dann plötzlich die seit Jahren allererste Spielaufforderung. Vom Herrn Spike.
Zu einem Sprachspiel, angelehnt an Der tiefere Sinn des Labenz. Hurra!

Als Studenten nannten wir’s das „Lexikonspiel“.
Einer suchte sich einen Begriff im Lexikon aus, von dem er überzeugt war, dass niemand ihn kennen würde, dann schrieb jeder eine im Lexikon-Stil verfasste Definition zu diesem Begriff nieder, der Wort-Geber sammelte alle Versionen ein, mischte die echte Erläuterung drunter, las die Definitionen dann vor und einen Punkt bekam schließlich derjenige, dessen Version von den meisten für „die wahre“ gehalten wurde.

Der Herr Spike und ich spielen das nun seit Januar, schicken uns alle paar Wochen eine Mail, schlagen einander neue Begriffe vor, aus denen man sich einen aussuchen darf, aber ich muss erstmal wieder warm werden, merk ich, wohingegen mein Spielpartner schon auf Hochtouren läuft, was ich heut Abend daran sah, dass der ja gar keine Auswahl mehr trifft, sondern gleich alle drei Begriffe ausarbeitet…

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… und hier das Ergebnis, mit dem herzlichsten Dank an Herrn Spike, der heute diese großartigen Lexikoneinträge zu meinen drei Ortsvorgaben verfasst hat, die mich so amüsiert haben, dass ich sie unbedingt hier veröffentlichen möchte:

Schwindegg, der:
Das Gefühl, wenn man nichtsahnend und ohne Vorwarnung unvermittelt vor einem Abgrund steht und, sich leicht vorbeugend, einen prüfenden Blick in die Tiefe wirft.
Die Bandbreite des Schwindegg kann je nach Mentalität des In-die-Tiefe-Schauenden von einem wohlig-prickelnden Schauer bis hin zu purer Panik reichen, und je nach Veranlagung besteht durchaus Suchtgefahr.
So findet man immer wieder Schwindegg-Süchtige, die auf den Umrandungen der Dächer von Wolkenkratzern balancieren. Ein beliebter Treffpunkt von Schwindegg-Fetischisten ist die Trolltunga am Sørfjord in Norwegen, wo sich die Wagemutigsten unter den „Schwindeggern“ im Sprintduell der Vorderkante nähern, um auf dem letzten Meter vor der Kante abrupt abzustoppen oder sich, wie manche Speerwerfer es vor der Abwurflinie tun, per Hechtsprung im Liegestütz nur wenige Zentimeter vor der Kante abzufangen.

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Gmund, das:
Ein Speiserest, der sich in einem Zahnzwischenraum festgesetzt hat und sich hartnäckig allen Versuchen widersetzt, ihn mit der Zungenspitze zu lösen und ohne Zuhilfenahme der Finger oder eines Zahnstochers unauffällig zu entfernen.
In katholischen Gegenden auch weit verbreitet das Stück der Hostie, das sich bei der Heiligen Kommunion an der Gaumenplatte festsaugt und den gelegentlichen Kirchgänger nötigt, länger als geplant in scheinbar stummem Gebet zu verharren, während er mit versteinerter Miene versucht, mit der Zungenspitze das Problem zu lösen. Der tiefgläubige Kirchgänger nutzt die Gelegenheit, sämtliche Verblichene in seinem Stammbaum bis zurück zum Dreißigjährigen Krieg in seine stille Fürbitte aufzunehmen. Gelegentlich kommt es vor, dass Gläubige, versunken in diesen Kampf, das Gottesdienstende verpassen und vom Messner vorsichtig auf diesen Umstand aufmerksam gemacht werden müssen. Vereinzelt finden sich in Kirchen-Chroniken sogar Gmund-bedingte Todesfälle durch Herzinfarkt.

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Andechs (Adj):
Schläfrig, behäbig, leicht benebelt, jedoch eine Grundzufriedenheit ausstrahlend, wie man es z.B. von in der Sonne liegenden Waranen kennt. Ein Zustand, der sich z.B. nach ausgiebigem Genuss von der Gattung Weißbier zugeordneten Produkten von Klosterbrauereien einstellt.
Nicht unähnlich dem paulan genannten Zustand, der sich jedoch durch eine penetrante Note von überheblichem Gönnertum auszeichnet.

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Sollten Sie mal wieder in unser schönes Bayernland kommen, lieber Herr Spike, so ist Ihnen jetzt schon eine andechse Maß auf dem Heiligen Berg gewiss. Die geb‘ ich Ihnen aus, denn die haben Sie sich verdient!

Kommen Sie aber bitte nicht schon paulan hier an (und auch nicht spatian, augustian, löwisch, pschorrisch und erst recht nicht hofbräuslich), denn so ein klösterlicher Doppelbock, der hat’s in sich!

Und bis dahin lassen Sie uns frohgemut weiterspielen.

Herzlich grüßt –
Die Kraulquappe.

Nicht ohne meinen Dackel…

… und auch nicht morgens um 5:30 Uhr!
So mein zweiter Gedanke, bei näherer Betrachtung der Details.

Der erste, als gestern diese Mail aus Hamburg hereinflatterte, war: Ey cool, mal so im Oldtimer durch England zuckeln und abends die Füße in irgendwelchen Schlossgemächern hochlegen!

Schon lustig, wozu man so eingeladen wird: eine Charakterreise!?

Aber auch ein ganz schöner Stress – vier proppenvolle Tage, ein Programmpunkt nach dem anderen, eine Menge Fresserei und permanente Gesellschaft (ohne das tägliche „enjoy the end of day with a nice drink“ defintiv nicht zu verkraften).

Um 5:30 Uhr am Hamburger Flughafen aufkreuzen? Echt nicht!
Da wär‘ ich schon fertig mit dem Tag, bevor’s um 9 Uhr das breakfast in dem award-winnig country pub gäbe (nüchtern fliegen? undenkbar!) und würde wohl um 11 Uhr von der Hufeisensammlung in Oakham Castle nicht mehr viel mitkriegen, außer eines der edlen Stücke fiele von der Decke und mir auf den Kopf…
Kein Vergleich zu der Pressereise nach Hall in Tirol, wo man uns artgerecht anreisen und das Programm ganz gemütlich zu zweit mit privater Fremdenführerin oder privatem Bergführer abwickeln ließ!

Habe natürlich professionell auf die Einladung geantwortet (man will sich ja nix verbauen: wer weiß, was die noch so in petto haben):

„Lieber Herr N.,
haben Sie vielen Dank für Ihre Einladung zu dieser äußerst verlockenden und interessanten Pressreise. Prinzipiell käme Ihr Angebot für mich sofort in Frage, sofern es denn auch die Mitnahme meiner aristokratischen Dackeldame inkludieren würde (die aufgrund ihrer adligen Abstammung gut in die Gärten und Teesalons der von Ihnen zur Übernachtung ausgesuchten Herrenhäuser passen würde), der uns zugedachte Oldtimer über einen adäquaten Hundeplatz auf der ledergepolsterten Rückbank verfügte (eine kuschlige Lammfellauflage versteht sich sich von selbst), die Abflugzeit erst nach geruhsamer Erledigung unserer Morgengeschäfte läge (was üblicherweise gegen 8:30am der Fall ist), wir nicht in einer Gruppe reisen müssten (wir haben’s nicht so mit andauernder Gesellschaft) und der Reisezeitraum einigermaßen mit der Blütephase der Bluebells korrespondierte, was dann nach sich zöge, dass als Gefährt auch ein netter kleiner Oldtimer-Roadster wie beispielsweise der Triumph TR6 denkbar wäre (das gäbe hübsche Fotos: das Fräulein und ich mit Fliegermützen im Cabrio durch South Yorkshire brausend).
Vielleicht ließen sich diese Kleinigkeiten ja noch anpassen?
Besprechen Sie sich doch diesbezüglich nochmal mit Ihrem Auftraggeber und kontaktieren Sie uns dann gern erneut!
Mit freundlichen Grüßen aus München
Mrs. N. & Miss P.“

Gedanken, wie Hochseevögel über einer schroffen Inselschönheit kreisend.

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Durch weite Wacholdersteppen streifen wir Richtung Meer, der raue Küstenwind weht uns um die Nase, verwaiste Ställe säumen die Ränder der Schafweiden, sandige Pfade durchziehen Kiefernwälder, in denen Äste in der stürmischen Luft ächzen oder das Sonnenlicht flirrende Muster auf den hellen Boden malt.

Im Spätsommer, sobald der Großteil der Urlauber an die Schreibtische zurückgekehrt ist oder von der Schulpflicht nachhause aufs Festland beordert wurde, ist es eine Insel für Außenseiter.
Alles hier passt zu einer Art von Alleinsein, das keinerlei Aufmerksamkeit auf sich ziehen will. Auf vollendete Weise kann man tagelang allein umherziehen, völlig für sich sein.
Nicht jenes Für-Sich-Sein, dem es insgeheim darum geht, irgendein Ich oder eine Mitte zu finden (oder eine Leere oder eine Fülle), auch wenn es diese Zwecke hartnäckig zu leugnen sucht, sondern eines, das einfach entsteht: ohne eigenes Zutun, ohne dass man es initiiert oder gesucht oder auf andere Weise herbeizuführen versucht hätte.

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Eine mehrstündige Überfahrt, deren schönste Stunden die waren, in denen rundum nichts als Wasser war, Wasser und Weite, wohin der Blick sich auch wandte, überall am Horizont das Verschmelzen der Blautöne.

Nicht mehr auszumachen, wo das Meer endet und der Himmel beginnt, unerheblich auch, sich dieser Differenzierung zu widmen, wenn die äußeren Bilder das innere Erleben dazu drängen, sich ganz und gar vom Begriff „Universum“ ergreifen zu lassen, ihn neu zu begreifen oder überhaupt erstmals zu buchstabieren.

Irgendwann schiebt sich ein schmaler Streifen Land zwischen die Ostsee und den Himmel: Gotland.

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Wir verlassen den dunklen Bauch der großen Fähre und fahren hinaus ins Helle.
Es erwartet uns keine Hektik wie an so manch anderen Häfen, sondern ein überschaubarer Parkplatz und wenig Betriebsamkeit. Nur einen Steinwurf vom Fährhafen entfernt schlummern die Gässchen der hübschen, buckligen Altstadt.

Wir umrunden die Stadt auf einem Spazierweg, der durch die Wiesenhügel unterhalb der Stadtmauer verläuft, in denen das Dackelfräulein, das so brav und ruhig war auf der langen Überfahrt, sich erstmal austoben kann.
An mehreren Stellen gewährt der Weg einen Durchschlupf durch die dicke, steinerne Mauer ins Stadtinnere, einen davon nutzen wir, denn die Essenszeit naht und vor Sonnenuntergang will die abgelegene Stuga im Süden der Insel erreicht sein bzw. gefunden werden.

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In den Seitenstraßen niedrige Häuser, kühles, klares Licht, ein paar Platanen am Rand des Kopfsteinpflasters, zeternde Möwen, die sich in der Luft fetzen. Eine alte Frau in Blumenrock und Strickpullover schiebt sich langsam aus ihrer gelben Tür heraus und tritt vor ihr blaues Haus, um dort ein paar Spitzen von den roten Rosen zu schneiden.

Gelb, blau, rot, Farben fluten das Auge, dieses Schweden ist ein Land der satten und kräftigen Farben, aber auf Gotland trifft man das Bunte niemals flächendeckend, sondern es versammelt sich nur an auserwählten Orten: in der kleinen Hauptstadt der Insel oder in Lummelunda und Kneippbyn sowie auf Dorfplätzen, Friedhöfen und natürlich in den süßen Auslagen der zahlreichen Bäckereien.

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Ein erster Duft des einfachen und milden Alleinseins, das neben Pippa mein beständiger Begleiter werden wird in dieser Inselstille und das nichts zu tun hat mit dem hohlen Schmerz, der Alleinreisende manchmal in den Abendstunden befällt, strömt aus den schmalen Mauerspalten der bunten, eng beieinander liegenden Häuschen und aus den sandigen Ritzen zwischen den abgewetzten Pflastersteinen.

Ich atme ihn ein, inhaliere diesen Duft geradezu, die Lungen weiten sich, ihre Flügel werden schon nach wenigen Atemzügen freier und freier, ein Gefühl wie beim ersten Spaziergang nach einem zähen, endlich überstandenen Bronchialkatarrh.

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Unterhalb der Kirchenruine auf dem Stora Torget, dem schiefen Marktplatz von Visby, plötzlich noch ein anderer Duft.
Safranpannkaka. Allein das Wort: so saftig, süss und sonnengelb. Wenn man aber aufmerksam hinhört, warnt schon sein im Abgang spitz klingendes -kaka davor, dass diese Köstlichkeit limitiert ist: So ist es dann auch, ins Café lassen sie uns nämlich nicht hinein.
Bo utanför! – Bitte draußenbleiben!, darüber das durchgestrichene Hundesymbol, und das fast überall.

Als Hundebesitzer ist man auf Gotland zwar willkommen, gleichwohl zum Außenseiterdasein verdammt – und zwar in jeder Saison.
Miete dir also dein eigenes Häuschen, verpflege dich selbst, reise außerhalb der Hauptsaison, so dass die Strände leergefegt sind, die meisten Lokale geschlossen haben und dich und deinen Hund diese unglaubliche Stille umgibt, die nur vom Blöken der grauen Gotlandschafe, dem Kreischen der Hochseevögel oder dem Schlag der Wellen gegen die bizarren Rauken bei Slite oder die schroffen Felsen vor Högklint durchbrochen wird.

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Die Erinnerungen alle noch so präsent: die Schlaglöcher auf den krummen Inselstraßen, das leere Schwimmbad in Hemse, die klebrigen Kanelbullar aus Hablingbo, der kilometerlange Strand von Nisseviken, der fiese Dorn in Pippas Pfote bei Fidenäs, das Versäumnis mit Fårö und die Entdeckung, dass man ab Tag fünf des Inselexils (der auf Tag 12 der gesamten Reise fiel), allmählich mit Selbstgesprächen beginnt.

Kurze Sequenzen zwar nur und diese freilich nicht zur Wand hin oder ins Spülbecken oder übers Verandageländer gesprochen, sondern an den kleinen Hund adressiert, der immer neben einem ist und für nahezu alles einen wachen Blick oder ein freundliches Schwanzwedeln parat hat. Ein verlässliches Reagieren und Antworten, manchmal auch ein Auffordern und Fragen (Geh’n wir jetzt los? Spielst du mit mir?), ein so wohltuendes und selbstverständliches Bezogensein aufeinander, mehr als von so manchem Menschen zu erwarten ist, und vor allem so gleichbleibend freudig und zugewandt, so fern von jeglichem Wankelmut und Seelenzirkus, dass einem das Herz aufgeht und es ganz und gar überflüssig wird, auch nur einen Moment lang über den Unterschied zwischen Alleinsein und Einsamkeit zu sinnieren.

Jedem Blick und Kontakt dieses „Wo du bist, dort will ich auch sein, dort bin ich zuhause und zufrieden“ innewohnend, das einen ebenso trägt wie bindet, das Struktur gibt und einen bewegt, Letzteres sogar im doppelten Wortsinne.

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Die Zeit ist nicht nur die Komplizin des Vergessens, sondern auch die Kumpanin der Verklärung und Verzerrung. Manches, was nicht dem Vergessen anheimfällt, wird, je mehr Zeit vergangen ist, gern zum Gegenstand verklärender oder verzerrter Betrachtung.
In der Retrospektive und im Erinnern erscheint uns das Erlebte dann intensiver als es tatsächlich war: Gipfel werden höher, Wegstrecken länger, Verletzungen tiefer, Unwetter widriger, Liebe leuchtender, Schmerzen schrecklicher, Begegnungen einzigartiger, Gespräche bedeutender, Töne klangvoller und Farben satter.
Dieses Phänomen macht auch vor unseren Reiseerinnerungen nicht immer Halt: das Entlanghatschen des Jakobsweges wird im Rückblick tatsächlich zur ersehnten Seelenkatharsis, die Alpenüberquerung zum überfälligen Befreiungsschlag und Aufbruch in eine neue Ära, selbst ein viertägiger Kurztrip nach Passau kann – mit der falschen Begleitung, bei Dauerregen und in einer schlecht beheizten Unterkunft – zu einer Expedition in psychische und physische Gefilde werden, die denen eines Survivalcamps in der Wildnis Neufundlands in nichts nachstehen.

Ja, die Zeit (bzw. man selbst in ihr und durch sie) ist sogar imstande, die Toten in einem Licht erstrahlen zu lassen, in dem man sie zu Lebzeiten kaum je wahrnahm oder sie in der unbarmherzigen Dunkelheit des Vergessens zu versenken, was ihnen womöglich auch nicht gerecht wird.

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Gedanken, die ich niederschreibe, während ich eigentlich damit beschäftigt war, mich auf eine berufliche Unterredung in der kommenden Woche vorzubereiten, für die sich ein recherchierendes Kramen in Erinnerungen und Notizen durchaus empfahl und der es vielleicht sogar zuträglich ist, dass sich das Kramen dann verselbständigte, weil man dadurch ja nochmal richtig eintaucht in das, was damals war und sich daraus das, was nun kommen könnte oder sollte, besser herausschälen lässt.

Vielleicht verleitete auch nur das Drumherum – Sofa, Tee, Schokolade, Wolldecke mit Dackel drunter- zum gemütlich-genüsslichen Abschweifen.

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57 questions (and nothin‘ less) oder: Es ist nie zu spät.

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Die Menschheit unterteilt sich ja nicht nur in Männer und Frauen, Katzenliebhaber und Hundefreunde, Pechvögel und Glückspilze, Couchpotatoes und Bewegungsjunkies, Pessimisten und Optimisten, Landbewohner und Stadtmenschen – nein, sie unterteilt sich auch in Frager und Nichtfrager. Man ist keinesfalls beides, sondern immer nur eines von beidem.
[Im Folgenden wird aus Gründen der Vereinfachung bewusst auf genauere Differenzierung verzichtet. Nur so viel: Selbstredend gibt es Frager, die nicht immer und überall fragen, sowie Nichtfrager, die gelegentlich auch mal Fragen stellen. Dennoch: in Tendenz ist jemand entweder das eine oder das andere.]

Was mich angeht, so gehöre ich zu den Fragern und umgebe mich, das muss ich gestehen, auch lieber mit Gleichgesinnten. Weil es auf lange Sicht kommunikativ besser und runder läuft, weil die Beteiligten einfach weniger holpern und stolpern, wenn man in der Hinsicht aus dem gleichen Holz geschnitzt ist. Man tut sich leichter im Miteinanderreden, erfährt mehr voneinander, gerät öfter in spannende Diskussionen, kann den eigenen Standpunkt durchs Gefragtwerden besser überprüfen, zeigt dem anderen durchs Nachfragen, dass man sich seine Belange nicht nur gemerkt hat, sondern aktiv daran Anteil nimmt und wirklich wissen will, wie es um ihn bestellt ist.

Dennoch bin ich aufrichtig darum bemüht, meinen Kommunikationshorizont zu erweitern und mich auch im Umgang mit Nichtfragern zu üben, vereinzelt sind mir sogar schon längere Freundschaften mit selbigen geglückt. Ich weiß mittlerweile, dass diese ihr Nichtfragen teils mit „Diskretion“ oder „Vorsicht“ erklären oder damit, nicht zu aufdringlich, plump, direkt oder neugierig wirken zu wollen und daher lieber abwarten, ob und wenn ja, was der andere von sich preisgeben möchte. Zu dem Mitgeteilten fragen sie dann wiederum aus Diskretion/Vorsicht/Rücksichtnahme nicht viel (oder gar nichts) nach, nehmen das Erzählte aber wohl zur Kenntnis, so versicherte man es mir zumindest schon des Öfteren.

Manche betreiben das sogar innerhalb ihrer Partnerschaft so, vermutlich handelt es sich hier auch um Beziehungen unter Gleichgesinnten – also zweier Nichtfrager.
Für mich wäre das ziemlich undenkbar: Von jemandem, mit dem ich Tisch, Bett, Badewanne, Sofa, Plätzchenteller von Rischart, Alltag, Freizeit, Hotelzimmer und Hund (kurz: mein ganzes Leben) teile, erwarte ich keine Diskretion in der Kommunikation, mit der Ausnahme, dass er Dritten gegenüber Stillschweigen darüber bewahren möge, welches Design meine Badeente hat oder wie ungelenk ich aussehe, wenn ich in meiner ausgebeulten Haushose und unter enormen Verrenkungen auf die Couch klettern muss, um das darauf bereits in aller Länge ausgestreckte Dackelfräulein keinesfalls in ihrem Schönheitsschlaf zu stören.

Und auch in Freundschaften brauch‘ ich das nicht, diese Vorsicht oder Diskretion. Mich darf man alles fragen – und ich halte es genauso. Denn schließlich hat man es ja mit erwachsenen Menschen zu tun, die gegebenenfalls (also falls ihnen eine Frage als zu indiskret aufstieße oder anderweitig unpassend vorkäme) einfach sagen können, dass sie jetzt gerade oder generell dazu nichts antworten können oder wollen. Das habe ich dann zu respektieren.
Umgekehrt handhabe ich es ebenso: es gibt durchaus manchmal Fragen, die ich nicht beantworten kann oder will, und dann sag‘ ich das eben. Für mein Empfinden ist das der einfachste Weg, miteinander zu kommunizieren. Alles andere ist in meinen Augen komplizierter, denn schließlich unterstellt man seinem Gesprächspartner mit diesem aus Vorsicht nichtfragenden Verhalten ja auch, dass er/sie evtl. nicht in der Lage sein könnte, sich gegen die Frage zu wehren, ja, als wäre er ihr geradezu hilflos ausgeliefert und womöglich überfordert von ihr. Das mutet fast schon wie eine Art von Bevormundung an (so nach dem Motto „ich frag sie/ihn das lieber nicht, nicht dass sie/er sich bedrängt fühlt“), mindestens aber wie eine unangebrachte Unterstellung.

Ich wünsche mir also, dass andere mir ihre Fragen zumuten und mir damit (statt allem möglichen Unsinn) die Mündigkeit unterstellen, dass ich mich so zu reagieren traue, wie ich in dem Moment empfinde: antwortend, ablehnend, ahnungslos, auf später verweisend oder – was ja auch ab und an mal vorkommt – die Frage an sich zurückweisend und ggf. (sofern ich mir dessen schon gewahr sein sollte) erläuternd, wieso diese Frage für mich die „falsche“ Frage ist (es gibt ja so Themen, die im eigenen Universum nicht mal ansatzweise vorkommen, so dass man dazu definitiv nichts sagen könnte, selbst wenn man wollte – beispielsweise, wenn mich jemand fragte, ob ich eher Horrorfilme oder Science-Fiction bevorzuge oder ob ich lieber Trippa alla fiorentina oder Surströmming essen würde).
Fragen sind jedenfalls niemals indiskret, lediglich Antworten können es bisweilen sein. Ich finde Fragen und Gefragtwerden spannend, weil es Nähe schafft, zu Genauigkeit anhält, Differenzen offenlegt, Austausch fördert, Verständnis vertiefen und Unverständnis vermeiden hilft.

Manch einer findet ja auch deshalb keinen Gefallen an der Fragerei, weil er die eventuellen Konsequenzen einer Antwort nicht tragen möchte. Weil ihm die Antworten, die er erhalten könnte, womöglich erneut das Ungemach des Eingehens auf den anderen, einer wahrhaft dialogischen Auseinandersetzung mit ihm, bescheren könnten. Oder sie ihn gar zu einer spontanen Reaktion nötigen könnten. Denn es gibt ja so Antworten, da kannst du nicht nichts dazu sagen, wenn du nicht als völliger Stoffel oder Ignorant dastehen willst (Fragen kann also auch riskant sein, wenn sich mit der Antwort ein Abgrund auftut, in den man nicht hat blicken wollen, wenn’s auch nicht der eigene ist).

Auch hier ist die Unterstellung die Prämisse des Handelns: denn der Nichtfragende kann ja nicht a priori wissen, was der Nichtgefragte im Falle des Gefragtwordenseins überhaupt geantwortet hätte. Er unterstellt ihm aber munter und bar jeder vernünftigen Grundlage eine irgendwie heikle Antwort, vermeidet schließlich aufgrund dieser Unterstellung die Frage und bleibt dadurch nicht nur unwissend, sondern als Konsequenz seiner unüberprüften Annahme auch noch sehr ungut auf seiner womöglich ziemlich falschen Spekulation sitzen.

Der Nichtgefragte hingegen bleibt ratlos und vielleicht etwas enttäuscht sitzen, sofern er selbst ein Nichtfrager ist. Ist er aber ein Frager, wird er eventuell wissen wollen, wieso der andere nicht nachfragt und genau diese Frage auch stellen. (Zu-viel-)Gefragt-Werden ist für den Nichtfrager jedoch meist ein großer Stress, so dass sich an diesem Punkt gern weiteres Konfliktpotential auftut: ein weites Feld der Verhedderung und Verständnislosigkeit wird betreten (und nicht selten suchen beide dann lieber das Weite).
Frager und Nicht-Frager brauchen gutes Schuhwerk und viel Ausdauer, um diesen Acker gemeinsam zu beschreiten, ihn zu bestellen, ihm gar Fruchtbarkeit und Ertrag abzuringen.

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In dem Kontext fällt mir eine Situation aus dem Kollegenkreis meiner ehemaligen Firma wieder ein.

Von den über 60 Kollegen in der Abteilung wussten seinerzeit – die Begebenheit ist viele Jahre her – mindestens die Hälfte, dass mir eine größere Operation bevorstand, denn die längere Abwesenheit war bereits weit vor dem Eingriff verkündet worden. Von diesen 30 Personen hatte ich mit gut der Hälfte durchaus viel zu tun.
Genau einer hat mir damals, bevor ich für ein paar Wochen den Dienst quittierte, eine Frage gestellt: „Hast du denn Angst vor dieser Operation?“, wollte er wissen. Ich habe mich riesig gefreut, dass einer sich traute, genau diese Frage zu stellen, und damit den Mut bewies, die Antwort nicht nur hören zu wollen, sondern sie auch auszuhalten, egal wie sie ausfallen würde.
„Ja, ich habe Angst“, antwortete ich, und J. sah mich an und ertrug es einfach, dass ich genau das sagte (und nicht mehr, aber auch nicht weniger) und entgegnete, das würde ihm wohl auch so gehen und er wünsche mir, dass alles gut ginge. Das werde ich ihm nie vergessen, wenngleich ich schon vorher wusste, dass er nicht zu denen gehörte, die sich ständig durch übermäßig lautes und persönliches Getue auf dem Flur oder in der Kaffeeküche anzuwanzen versuchten, aber bei der erstbesten Gelegenheit, bei der mal mehr als nur Getue gefragt gewesen wäre, kläglich und geradezu hilflos verstummten.

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Neulich erhielt ich überraschend Post aus Rheinland-Pfalz (um ein Haar hätt‘ ich wieder „Saarland“ geschrieben, dabei ist das grottenfalsch).

Der Absender war T., mit dem ich nahezu seit Beginn unserer Freundschaft in unregelmäßigen Abständen immer wieder in Diskussionen, wenn nicht sogar Streit darüber gerate, dass und v.a. wieso unser jeweiliger Wissensstand vom (Leben des) anderen ein recht unterschiedlicher sei und dass dieses Ungleichgewicht daher rühre, dass er so gut wie nie Fragen stellen würde.
Auch hier vereinfache ich nun stark, denn Sie wollen wirklich nicht in die Einzelheiten dieser Dispute eintauchen, da bin ich sicher. Sehr sicher sogar, denn nicht mal T. oder ich wollen da im Nachhinein nochmal tiefer eintauchen. In zähen Phasen unserer Verbindung hatte das geschilderte Phänomen schon zu wechselseitiger Totalverstummung geführt. In guten Phasen begleitete es uns als Running Gag.

Nach über fünf Jahren soll nun offenbar, so wirkt es auf mich, seit ich die Postsendung öffnete, die Zeit des Nichtfragens enden und eine neue Ära eingeläutet werden: denn T. hat sich hingesetzt und alles notiert, was er schon immer mal wissen wollte (mich aber bisher nicht zu fragen wagte oder mal abwarten wollte, ob ich mich eines Tages auch ungefragt dazu äußern würde).
57 Fragen sind es geworden, fein säuberlich abgetippt und durchnummeriert, auf 6 DIN A4-Seiten (natürlich kein Zufall, dass es 57 an der Zahl sind, denn T. ist wie ich Springsteen-Fan und versucht an jeder möglichen und unmöglichen Ecke einen versteckten oder auch offenen Hinweis auf einen Psalm aus dem gemeinsamen Bruceeversum einzuflechten).

57 Fragen also.
Ein Meisterwerk der Indiskretion und Unvorsicht ist dabei herausgekommen! Aber hallo!
Dinge will er wissen, von denen ich gar nicht weiß, ob ich sie je gewusst habe oder noch wissen will… (wie z.B. die Abiturnote oder die ursprünglichen Berufswünsche u.v.m.).
Heute Abend – die Wohnung ist endlich fertig, ich bin erkältet und habe folglich Zeit und Ruhe – werde ich mich nun hinsetzen und seine Fragen beantworten.
Ja, da brauchen Sie jetzt gar nicht staunend die Augenbrauen hochziehen wegen der Anzahl.
57 Fragen bzw. 57 Antworten, das geht locker an einem Abend, denn T. hat – in weiser Voraussicht und weil er mich nach fünf Jahren fraglosen Befreundetseins vielleicht doch gar nicht so schlecht einschätzen kann – unter jeder Frage nur Platz für einen etwa zweizeiligen Freitext gelassen, so dass man gar nicht in Versuchung geraten kann, ins Schwafeln zu kommen.
Manche der Fragen sind zudem bereits so gestellt, dass sie eher auf eine Ja/Nein-Antwort hinauslaufen, wofür dann ja nicht mal die zweite Zeile benötigt würde, außer man ist unschlüssig und streicht die Antwort mehrfach durch und schreibt sie erneut hin usw. Und im Fall der Abiturnote bedarf es eh nicht mehr als einer Zahl – da lasse ich sogar freiwillig die Nachkommstelle weg und fasse mich extrem kurz.

Dafür gestattete ich es mir jetzt hier in meinem Blog, dieses Thema nochmal ohne Beschränkung auf zweizeilige Zusammenfassungen aufgefächert zu haben, mich quasi warm geschrieben zu haben für die abendliche Antwort-Orgie zu T.s Fragenkatalog.

Und außerdem verdient manche Erkenntnis es einfach, festgehalten zu werden.
Diesmal: Man sollte die Nichtfrager unter seinen Freunden niemals nicht unterschätzen, manche sparen sich das ganze Gefrage einfach nur fünf Jahre lang auf (für den einen, großen Wurf 🙂 ).

Es ist wirklich nie zu spät für Überraschungen.

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I came home and I pointed it out into the stars
A message came back from the great beyond
There’s fifty-seven questions and nothin‘ on…

Sky of memory and shadow (a dream of life). Zum 21. November 2018.

Lieber P.T.,

es ist an der Zeit, Ihnen mal ganz explizit zu danken.
Und Ihr Geburstag ist ein sehr guter Anlass dafür.

Ohne Ihren beharrlichen Zuspruch und Ihre Unterstützung hätte ich es vor vier Jahren mit Sicherheit nicht so (vergleichsweise und für meine Verhältnisse) schnell geschafft, mich aus meiner beruflichen Sackgasse zu befreien und den Horror vor all den damit verbundenen „Amtswegen“ zu überwinden (und erst recht den, anschließend ins Bodenlose zu fallen).
All meine Schreckensvisionen haben Sie sich angehört, nachgefragt, seziert und behutsam darauf hingewirkt, sie zu eliminieren oder sie zumindest auf ein realistisches, rationales Maß zurechtzustutzen. Heute muss ich über so manches schmunzeln, was ich damals für unmöglich oder nicht umsetzbar hielt (und feststellen: sogar noch viel mehr als DAS war machbar und die Welt ist selbst dann nicht untergegangen, sogar die in dem Kontext innerlich ausgemalten Kleinkatastrophen blieben aus – das Schicksal ist wirklich in vielerlei Hinsicht ein mieser Verräter).

Ohne Ihren klugen und empathischen Beistand hätte ich mich noch weitere Jahre mit dem Fehlen einer Antwort auf diese eine zentrale Frage (die Mutter betreffend, Sie wissen schon) herumgequält, die mich vor 13 Jahren erstmals in Ihre Praxis führte. Mittlerweile liegen Frage und Antwort ungeahnt friedvoll nebeneinander in einem Ruheforst und die Qualen sind weitgehend über- und ausgestanden.

Ach ja, und dann noch diese andere Riesensache aus der Rubrik „Endlosschleife der Verhaltensmuster aus der Kindheit“. Ohne Ihr geduldiges Zuhören und Ihr kritisches Nachfragen hätte ich mich vermutlich noch ein weiteres Jahr in dem absurden Rettungsprogramm dieser recht hoffnungslosen Knalltüte Person (der U., Sie erinnern sich) sinnlos aufgearbeitet. Und den Absprung erst viel später geschafft und dann womöglich den Gatten nicht mehr getroffen, endlich einen Menschen, der nicht gerettet werden musste und nicht im düsteren Kerker seines nicht gelebten Lebens und seiner Ideenlosigkeit vor sich hin trank und jammerte.

All die Jahre war ich Ihnen übrigens auch immer wieder dankbar dafür, wenn ich heulend dasitzen durfte ohne dass Sie dann je in einen betulichen Trostmodus verfallen wären – ich schätzte es immer sehr, dass Sie meine Tränen mit genau dem richtigen Gesichtsausdruck ausgehalten und angenommen haben (und einfach ein Taschentuch herüberreichten).

Nicht zu vergessen: Ihr Hinweis auf einen definitiv lebenswichtigen Film für Hunde- und Dackelliebhaber. Auch dafür herzlichen Dank. Denn seit wir Pippa haben, kriegen wir das Kinoprogramm meist nicht mal mehr mit, sondern sind zu Serienjunkies auf der heimischen Couch avanciert, weil da der Hund mit dabeisein kann.

Zu guter Letzt sei erwähnt, dass ohne Ihre Impulse diese Zeilen heute wohl nicht hier stünden, denn Sie waren es, der mir den Widerwillen (und die Vorurteile) gegen das Bloggen nahm und mich vor meiner großen Schwedenreise 2014 zum Schreiben animierte.
Wer weiß, ob ich ohne diesen Anfang später je versucht hätte, meine Texte auch anderswo unterzubringen und das eines Tages sogar gegen Bezahlung…

Und wissen Sie was? Wenn alles gutgeht, dann fahre ich nächstes Jahr erneut über die geliebte Öresundbrücke, wo Sie zwar leider wieder nicht als Kassierer sitzen und mir ein fröhliches „Hej hej“ und „Trevlig resa“ zurufen werden, aber ich würde diesmal die Brückenmaut auch nicht mehr selbst bezahlen müssen, weil mir die gesamte Fahrt gesponsert würde, bis nach Gotland!
Sollte das wirklich klappen, fotografiere ich Ihnen alle schwarzen Schafe, die ich auf der Insel treffe und bring‘ Ihrem Hund eine Decke aus Gotlandwolle mit – versprochen!

Als Zeichen meines Danks für alles, das Sie für mich getan haben bzw. mich konsequent anstupsten und ermutigten, es selbst für mich tun zu können, gebührt auch Ihnen ein Song vom Boss (Sie ahnten es natürlich, dass das kommen würde 🙂 ).

Es ist keiner meiner favorites, dafür sind über weite Strecken die lyrics wirklich sehr passend für das, was ich damals empfand und das, was über die Jahre daraus erwuchs: The rising (somehow).

Can’t see nothin‘ in front of me
Can’t see nothin‘ coming up behind
Make my way through this darkness
I can’t feel nothing but this chain that binds me
Lost track of how far I’ve gone
How far I’ve gone, how high I’ve climbed
On my back’s a sixty pound stone
On my shoulder a half mile of line

A dream of life comes to me
Like a catfish dancin‘ on the end of my line
Sky of blackness and sorrow (a dream of life)
Sky of love, sky of tears (a dream of life)
Sky of glory and sadness (a dream of life)
Sky of mercy, sky of fear (a dream of life)
Sky of memory and shadow (a dream of life)
Your burnin‘ wind fills my arms tonight
Sky of longing and emptiness (a dream of life)
Sky of fullness, sky of blessed life
Come on up for the rising!

 

Wir sehen uns dann demnächst beim üblichen „Jahresabschlussgespräch über die aktuellen Lebensbaustellen“. Das Fundament nun ein so anderes als vor 5 Jahren, das Grundgefühl ein so viel stabileres und die Aussichten bei Weitem nicht mehr so trüb wie damals, im Gegenteil. Nur hätte ich nicht gedacht, wie lange das dauern würde, dieses Sich-Rausschälen aus dem, was nicht mehr passte und vielleicht eigentlich nie passte, was krank machte, einen blockierte und abhielt oder ablenkte.

Auch da hatten Sie recht: es ist ein langer Weg.
Drehe ich mich um, kann ich all den zähen Morast, die tiefen Furchen, die üblen Stolpersteine noch sehen. Schaue ich nach unten, fühle ich jetzt festen Boden unter meinen Füßen. Und richte ich den Blick nach vorn, sehe ich zwar noch keinen klar umrissenen Weg, aber doch schon viel mehr als nur eine Andeutung desselben – und vor allem sehe ich dieses Leuchten am Horizont.

Bis bald & zum heutigen Tag die allerbesten Glückwünsche für Sie –

Ihre N.H. alias Kraulquappe.