Lichte Momente.

Schwülwarmer Bärlauchdunst schwappt durch den für einen Frühlingsferientag ungewöhnlich leeren Englischen Garten. Viele Seitenwege haben wir ganz für uns allein, prima ungestört lässt sich das Feuerwerk, das die Pollen mindestens minütlich in der Nase zünden, abniesen.

Kaum etwas geht – mal rein stadtimmanent gedacht – über diese herrlichen Münchner Parks mit all ihren Großzügigkeiten.
Diese Pracht noch dazu in fußläufiger Distanz, nicht selbstverständlich, das alles, wie mir erst neulich in Wien wieder bewusst wurde, wo so ein Hund ja fast nirgendwo in innerstädtischen Grünanlagen mal ohne Leine laufen darf.
Das ist Luxus pur!, rufe ich dem Dackelfräulein zu, das geschäftig durch das flache Bachbett schnorchelt, sich anschließend auf der Wiese den Pelz trockenschubbert und sich danach zum Sandburgbau an die Uferböschung begibt.

Ich setze mich auf eine Parkbank, um sie einerseits gewähren zu lassen und andererseits ihr Tun genau im Auge zu behalten und gegebenenfalls pfeilschnell und mahnend den Finger heben zu können, wenn sie sich klammheimlich einen fingerdicken, grüngrauen Gänsehäufchenimbiss einverleiben möchte (klammheimlich ist, nebenbei bemerkt, schon immer mein Lieblings-Hendiadyoin gewesen: wie Trüffelschweine waren wir ab der 9. Klasse in lateinischen Texten auf der Suche nach diesem Stilmittel, gedrillt von Herrn Konrad R., den ich verehrte, so streng und unbeliebt er auch war).
Das Hundetier und ich haben uns im Laufe der Jahre hervorragend eingespielt bei der Ausübung dieses perfiden Belauerungssports. Wachsamkeit, Geschick und Flinkheit sind hierbei alles, und ich gebe zu: meist liegt die Madame knapp in Führung, was ja auch keine Kunst ist, da ihr Rüssel den begehrten Trophäen naturgemäß näher ist als meiner.

*****

Ein sehr unösterliches Ostern war das.
Keine Auferstehung in Sicht, immer noch bleierne (Frühjahrs-?)Müdigkeit oder einfach ein konstitutioneller Durchhänger.

Der Lindt-Goldhase, den mir mein großer Freund S. schenkte, bekam am Ostermontag auf den letzten Drücker und ganz unerwartet noch Gesellschaft von einem kleinen Goldhäschen und ein paar Lindor-Eiern. Die kleinen roten. Als hätt’s der Schenker gewusst, dass genau das die Ostereier meiner Kindheit waren.

Der Papa war Jahr für Jahr am frühen Morgen des Ostersonntags mit 10 bis 15 dieser köstlichen Minischokoeier in der Wohnung unterwegs. Während die Mutter und ich noch schliefen, spielte er den Osterhasen und versteckte diese Leckereien für mich.
Zusätzlich noch ein paar handgefärbte, echte Eier. Die platzierte er meist bruchsicher an den immer gleichen Stellen: im Futterschälchen von Cocolinos Käfig, im tönernen Kerzenständer im Bücherregal und – nach dem Herausdrehen der Glühbirne – in der Fassung der weißen Lampe mit dem verchromten Fuß, die auf dem schwarzen Ecktisch stand.

Der Ecktisch hieß so, weil er die Ecke zwischen dem Zweisitzer und dem Dreisitzer der Ledercouchgarnitur, die ich nie leiden konnte, bis auf einen kleinen Spalt passgenau ausfüllte. Er war einer der wichtigsten Orte meiner irgendwie zu kurz geratenen Kindheit. Wenn die Eltern stritten, kroch ich unter diesen ca. 40cm hohen Tisch und versteckte mich dort und wagte mich manchmal stundenlang nicht mehr hervor.
Als sich die Verweildauer unterm Ecktisch indirekt proportional zum Freudefaktor der elterlichen Ehe zu verhalten begann, richtete ich mir dort unten ein kleines Lager ein, ausgestattet mit dem Nötigsten, wie es immer so schön heißt. In meinem Fall waren das irgendein Knabberkram, etwas zu Trinken, eine Wolldecke, der Olympia-Waldi, mein Hansipolster und das kleine Notizbüchlein samt Stift, denn selbstverständlich führte ich akribisch Buch über meine Ecktisch-Aufenthalte und die Beobachtungen, die ich – durch den schmalen Ritz zwischen den beiden Sofas bang ins Wohnzimmer spähend – so machte (oder machen musste).

Auch die kleinen roten Lindt-Eier wanderten oft in mein Survival-Depot. Womit wir wieder bei Ostern wären, wovon ich ja eigentlich berichten wollte und nicht von einer dieser zermürbenden Retrospektiven auf biografisch längst Kompostiertes. Sondern von Ostern, wie es früher mal war und wie ich es mochte. Genauer: von der Eiersuche.

Der Papa war kein geschickter Versteckfinder, die meisten Eier leuchteten rotglänzend und dadurch besonders gut sichtbar aus ihren Verstecken hervor und ich musste mich weder recken noch strecken, um sie meist schon beim Betreten eines Raumes mühelos zu entdecken. Des Papas Bemühen, mir mit der frühmorgendlichen Versteckerei eine Freude zu machen, rührte mich als Kind so sehr an, dass ich mich meinerseits bemühte, so zu tun als hätte ich allergrößte Mühe, die kleinen Lindt-Eier zu finden. Selbst mit den großen, bemalten Eiern ließ ich mir Zeit, obwohl man Tomaten auf den Augen hätte haben müssen, um die zu übersehen.

Ich tappte also mehrfach von Zimmer zu Zimmer und stellte mich bei der Suche so ungeschickt an, dass der Papa, geduldig wartend immer tiefer in den Zweisitzer einsinkend, weil das Töchterchen dermaßen lang erfolglos umherirrte, irgendwann anfing, mir Tipps zu geben.
Kleine, knifflig gemeinte Hinweise wie beispielsweise Denk mal an Fasching! und dann tat ich, die ich das Ei im Hut des Holzclowns neben den Bildbänden schon längst gesehen hatte, so, als würde ich noch ein wenig grübeln müssen, bis mir schließlich beim Schweifenlassen des suchenden Blickes über die Regalwand – endlich, endlich! – der Clown ins Auge stach und ich übertrieben freudig – Ach ja, genau, der Clown, der passt ja zum Fasching! – nach dem roten Schokoei grapschte.

So ging das jedes Jahr dahin, bis zum letzten Ei, und alle waren eine Eiersuche lang glücklich, auch die Mutter, die während der Eierodyssee aus ihren Gemächern zu uns schwankte und sich auf den Dreisitzer drapierte und der Suchorgie kreislaufschwach vor sich hin blinzelnd beiwohnte, ein Zustand familiärer Harmonie und Friedlichkeit, den es ganz unbedingt in die Länge zu ziehen galt, in der Hoffnung, dass er vielleicht noch bis nach dem gemeinsamen Osterfrühstück oder gar bis nach dem Osterspaziergang anhalten würde.

Mein glücklichstes Ostern war zweifellos jenes, an dem uns bei diesem Spaziergangsritual jener Welpe über den Weg lief, der mein erster Hund werden sollte. Dieses Glück half mir über so manch trostlose Ecktischstunden hinweg, denn von da an hatte ich immer eine verlässliche Gefährtin an meiner Seite, auch in meiner kleinen Survival-Höhle, und eines Tages übernahm sie meinen dortigen Beobachtungsposten, weil ich endgültig zu groß geworden war, um mich noch unter diesen Tisch zu zwängen und so überließ ich ihr den für mich zu eng gewordenen Dachsbau und ich durfte fortan die letzten Etappen des Rosenkriegs ungeschützt mitansehen.

Ja: durfte. Denn ich war trotz aller Splitter, derer man sich im näheren Umkreis dieser Gefechte kaum erwehren konnte, froh darum, das meiste mitzubekommen und nachvollziehen zu können, weshalb es nötig und wichtig war, dass die Parteien letztlich auseinandergingen.

*****

Die Frühlingssonne steht mittlerweile hoch genug, um die zur Ostseite hin gelegenen Räume jeden Morgen ganz wunderbar mit Licht zu durchfluten, in diesem unbarmherzigen Flutlicht aber zugleich auch das zum Vorschein zu bringen, was der flache Winkel der Wintersonne (zusätzlich verstärkt durch die bis vor kurzem völlig verdreckten Fenster) noch gnädig vertuscht hatte.

Diverse Unebenheiten der letztjährigen Renovierungsarbeiten kommen nun zum Vorschein: Lolek, Bolek und Konsorten haben dann doch den einen oder anderen kleinen Pfusch hinterlassen, wie man nun sieht. Natürlich sind sie längst mit dem Salär über alle Berge und dort auch nicht mehr zu erreichen oder schuften sich anderswo in schlecht bezahlten Jobs die Seele aus dem Leib, so dass sie für Nachbesserungen leider keine Kapazitäten mehr frei haben.

So legt man jetzt eben selbst Hand an, schleift hier und da etwas ab, zieht da und dort etwas nach, justiert und montiert neu, liest sich in Lackiertechniken ein, spritzt eine Probefuge, kratzt sie wieder heraus, oder sucht mit einem Magneten den Türstock der Schiebetür nach den Befestigungsschrauben derselben ab, die der Handwerker seinerzeit perfekt plattgehobelt und zugepinselt hat („Isse schöner so!“), ohne allerdings – wie munter hobelnd zunächst noch zugesagt – vor dem Zupinseln eine kleine Skizze anzufertigen, wo man die Schrauben ggf. wiederfinden würde.

Betrachten wir’s als ein Sich-Vertraut-Machen mit Nischen und Feinheiten des eigenen Zuhauses, das schadet einem ja nicht, höchstens dem elenden Ellbogen setzt es zu.

Als Ausgleich dazu nach monatelanger Suche endlich eine Stehlampe fürs Wohnzimmer gefunden. Grauenhaftes Gegoogel, bis man sich da überhaupt mal einen Überblick in diesem Dschungel verschafft hat! Immer nach spätestens einer Stunde Kopfweh bekommen (manchmal allein wegen der Preise: es muss massenhaft Menschen geben, die sich Stehlampen im Wert eines Kleinwagens kaufen wollen/können, oder wie erklärt es sich, dass diese Lichtobjekte auf dem Markt überleben?) und es entnervt wieder bleiben lassen. Und eines Abends dann durch Zufall doch noch fündig geworden.

Heute mal in das Geschäft spaziert, um das Ding in echt zu besichtigen.
Pardon, es heißt ja nicht mehr Geschäft, man nennt das jetzt Showroom. Das gute alte Geschäft hat ausgedient, das Möbelhaus eh.
In diesen Showrooms laufen lässige Showmaster herum, keine schnöden Verkäufer mehr. Jeder von denen trägt ein mattsilbriges Tablet mit sich herum, hat man eine Frage – und die meine war heute eine ganz simple, nämlich: Wie zum Teufel schalt‘ ich diese Funzel ein? – loggt sich der personal consultant in den entsprechenden room ein, in dem man grad ganz real steht und ebenso analog wie erfolglos an dem Schalter der Lampe herumdrückte, und bringt per Mouseclick das Ding zum Leuchten. Never seen before – mir, dem entmündigten Kunden, unfähig eine Lampe allein anzuknipsen, bleibt vor lauter Staunen der Mund offen stehen. Fremd bin ich geworden, in manchen Sphären der Konsumwelt.

Die Lampe ist aber toll. Ich trage sie mir in eine stille, leere und eher dunkle Ecke am Rand der riesigen Lampenbühne, damit ich mal mit ihr allein sein kann. Bitte den smarten Simon, der sich mit seinem Tablet diskret hinter ein paar voluminösen, mit japanischem Reispapier ummantelten Lichtobjekten aufhält, um ja nicht aufdringlich zu wirken, dann nochmal, sie mir auch dort, in meinem entlegenen Eckchen, erneut einzuschalten.

Dann stelle mich neben sie, setze mich unter sie, betaste sie rundum, trete ein Stück beiseite und lasse sie einfach mal auf mich wirken. Diese Dinge, mit denen man länger zu leben beabsichtigt, wollen ja erstmal be_griffen werden, bevor man sie sich ins Haus holt und ein veritables Zusammenleben beginnen kann.
Größe passt, Farbe passt, Lichtkegel und -intensität auch. Zeitloses Design, sehr geringes Risiko also, dass man sie schon in 5 oder 10 Jahren nicht mehr erträgt.

Und sie ist dimmbar, das ist mir wichtig. Ich liebe dimmbare Lampen. Je älter ich werde, desto mehr, denn damit lassen sich eventuelle Unebenheiten – in der Wohnung wie auch in der Visage und im Leben – einfach mal mit milder Schummerbeleuchtung kaschieren oder ganz wegzaubern, wenn man sie nicht mehr sehen will.
Ein kleines Schieben mit dem großen Zeh auf dem sehr kommoden Fußschalter genügt – und schon ist die Atmosphäre wonnig, weich und warm. Herrlich!

Wieder so ein Objekt, das der Versmoothieierung ihren Weg zu einer immer umfassenderen Regentschaft über uns Freunde der Weichzeichnerei, des Rumdum-Airbags und der Pürierung der Lebenswelt weiter planiert.
Vor langer Zeit schrieb ich mal einen Blogbeitrag über diesen Paradigmenwechsel in der Handhabung des Lebensalltags – und es wär‘ eigentlich an der Zeit, denk ich grad, diesem Beitrag einen weiteren folgen zu lassen, Notizen dazu gäbe es ja längst.

Für heute aber genug der Worte, die letzte Nacht war schrecklich und kurz, das Abendgassi ruft – und dann nichts wie ab ins Bett.
Kommen auch Sie erleuchtet und gut durch die ausgehende Osterwoche!
Ihre Kraulquappe.

Gegenmaßnahme.

Danke, München! Danke, Dieter!
Endlich greift die Stadt den verzweifelten Wohnungssuchenden (und den luxussanierten Entmieteten) sinnvoll unter die Arme, nachdem die Mietpreisbremse hier eh nie funktioniert hat (hätten wir vor einem Jahr auch mal gut brauchen können…).

Song des Tages (26).

Fertig sind wir, in jeder Hinsicht.
Das aber immerhin bei gutem Licht in allen Räumen.

Advent, Advent, ein Lichtlein brennt!

Mit einem finalen großen Dankeschön an unseren Handwerksfreund Wiktor und einer Verneigung vor unseren eigenen Kräften & Nerven beschließen wir nun zufrieden und erleichtert das Projekt (besser gesagt: den Lebensabschnitt) „Wohnungswechsel in der Weltstadt mit Herz ( & Wuchermieten)“.

Saw you stretched out in Room Ten O Nine
With a smile on your face and a tear right in your eye
Oh, couldn’t see to get a line on you
My sweet honey love

May the good Lord shine a light on you
Make every song (you sing) your favorite tune
May the good Lord shine a light on you
Warm like the evening sun

And the angels beating all their wings in time
With a smile on their face and a gleam right in their eyes
Could not seem to get a high on you
Come on up now, come on up now, come on up!

Einen lichten ersten Advent wünscht Ihnen –
Die Kraulquappe.

(Kaum war die letzte Leuchte angebracht und der letzte Pinselstrich getan, sank sie mit einer stattlichen Erkältung in die Kissen und zog sich für drei Tage die Decke über den Kopf und lupfte sie nur, wenn der Gatte einen Tee brachte oder das Dackelfräulein hinein oder hinaus wollte.)

Der Lack ist ab.

Hurra. Der alte, fleckige, schmutzige Lack ist ab.
Wiktor liegt recht gut in der Zeit. Noch nicht mal Halbzeit und schon mehr als die Hälfte geschafft.

23:45 Uhr: Die letzten Pinselstriche am Rahmen des Flurschranks.

Gut so, kann man nächste Woche noch Flur und Diele neu streichen, letztere vielleicht sogar in skandinavisch-rauchblaugrau, dann wären die Spuren des Handwerkssommers und -spätherbstes auch gleich getilgt (überall die Werkzeugkistenstriemen und die Rucksackspuren, weil man anderswo offenbar alles an die Wand lehnt oder das unter „Kunst am Bau“ läuft).

Jetzt aber erstmal Wochenende hier!

Am Morgen: Wiktor bucht sich sein Busticket für die Wochenend-Heimfahrt (Mithilfe bei der Steckrübenernte & Schneefräse auf Unimog schrauben).

Am Nachmittag: Das Dackelfräulein zieht zufrieden ins verlassene Handwerkerlager ein – endlich mal eine Decke ganz für sie alleine!

Da fällt mir die Posse ein, die mir meine Braunschweiger Freundin beim vorletzten Umzug zur Ermunterung schickte, als ich wieder einmal sehr zermürbt rumsaß, vom stundenlangen Warten auf einen Handwerker (muss ich nun noch mehr lachen als vor anderthalb Jahren, gerade wegen des Pfusches, den Lolek zu Wochenbeginn hier an den Türschwellen hinterlassen hat.)

Heute Abend zur Abwechslung mal Kultur (weiß man schon kaum noch, wie das buchstabiert wird), vorher aber Reifenwechsel und Innenreinigung des Autos.

Wir wünschen der Leserschaft ein schönes Wochenende und danken herzlichst für die rege Anteilnahme an der ersten Etappe der letzten Renovierungsphase!

Song der Woche.

Rain pourin‘ down, I swing my hammer
My hands are rough from working on a dream
I’m working on a dream

Let’s go!

I’m working on a dream
Though trouble can feel like it’s here to stay

Drei Tage hatten wir hier bei absolutem Mistwetter Besuch vom Handwerksfreund – und ich muss sagen: Diridari hin oder her, es hat sich dermaßen gelohnt, die ganze Aktion, und am Ende waren alle glücklich und zufrieden.

Das Gepäck vom Handwerksfreund aus dem Allgäu (ein Ausschnitt).

Gemeinsame Unternehmungen wie Baumarktbesuche können die Freundschaft festigen (alleine Ausladen ebenfalls).

Kammerspiel, Part I: Rohrumbauungen.

Kammerspiel, Part II: Weitere Rohrumbauungen.

Kammerspiel, Part III: Rohrkurven ohne Ende.

Kammerspiel, Part IV: Die Kammerzofe erhält ein maßangefertigtes Stiefelfach.

Kammerspiel, Part V: Sonderschnitzerei für den Sicherungskasten.

Kammerspiel, Part VI: Das Kammerkonzert kann beginnen!

Eine Spitzen-Abstellkammer ist das geworden, sag‘ ich Ihnen!

Individuellst gestaltet, jeder noch so schräge Wunsch wurde berücksichtigt („Könntest du die Regalhöhe bitte an die Klorollenhöhe anpassen?“ / „Ich bräuchte bitte noch einen Haken für die Fliegenpatsche!“).

Gut, ein bisserl viel Leergut ist zammkemma, aber im Kammerl drin ist’s halt recht warm, da laufen die Heizungsrohre durch, die man jetzt auf einer Seite gar nimmer sieht, weil sie – schick holzverschalt – das kritische Hausfrauenauge nicht mehr beleidigen.
Also hat er eben an Durscht ghabt, der Herr Handwerker. Zum äußeren Abkühlen isser eh immer raus aufn Balkon – immerhin eine Loggia! – so dass er nicht im strömenden Regen hat sägen müssen.

Mit dem Dackelfräulein hat er lustiges Werkzeug- und Krepprollen-Kullern im Flur gespielt und tapfer das Scheinmutterschaftsgejammer ertragen.
Gekehrt hat er auch ordentlich und für die im Sitzen eingenommenen Imbisse auf den cremeweißen Vitra-Stühlen hat er sich stets brav alle Sägespäne vom Gwand geklopft. Solche Sperenzchen würd‘ ein „normaler“ Handwerker, den man sich ins Haus bestellt, ja niemals mitmachen (aber dem serviert man auch kein indisches Curry oder einen Quinoa-Salat nebst einem Schoppen Roten).

Letzter Akt nach dem Kammerspiel: Zusammenpacken der Gerätschaften für das Pfingstprojekt (Renovierung der alten Wohnung).

Insgesamt waren und sind wir hochzufrieden mit der ersten Werkelwoche im neuen Zuhause.
Es lebe das Handwerk & das Hausmöbel!

„Das Hausmöbel“ (Aus dem Konversationslexikon „Der Große Polt“)

Und genau so war’s: zum Abschied sagte er leise „Service!“ und „Bis Sonntag!“, man klopfte einander anerkennend für das gemeinsam Durchgestandene und Entstandene auf die Schulter (schnaufte dann unbeobachtet erst amal durch) und versprach zum Abschied, nach einem wohlverdienten Pausentag dahoam die To-Do-Liste für die vier Tage ab Pfingsten zu studieren (Schwerpunkt „Speisekammer“ und „Kleinkram, vermeintlicher“).

Wir wünschen der Leserschaft schöne Feiertage, tolle Ferien und erholsame Urlaube und was die Menschheit halt so macht, wenn sie nicht gerade den letzten Zaster in den Um- und Ausbau der Wohnung steckt.

Herzlich grüßt Euch –
Die Kraulquappe.

Mit Löwenkräften.

Kommen 5 Löwen pünktlich um 8 Uhr in die Wohnung spaziert, werkeln 7 Stunden gut gelaunt vor sich hin („Ey, Seppi, was macht dein Asthma heute?“ – „He, Tarek, nicht heimlich an den Hundeknochen knabbern!“), trinken 5 Liter Cola, knuddeln abwechselnd das Dackelfräulein (immer wieder rührend: muskulöse Kerle, die säuselnd in die Knie gehen – wegen einem kleinen Hund!), futtern 10 belegte Semmeln + 8 Nussschnecken und verschwinden um 15 Uhr mit einem fröhlichen „Servus, bis morgen!“ wieder.

Alles ist eingepackt & verpackt & zerlegt oder anderweitig für den morgigen Transport vorbereitet.

Für den schwächelnden Normalo mit Epicondylitis schwer nachvollziehbar. Ehrlich gesagt geradezu unfassbar!

Muss man halt mal ein Stückerl klettern für die Abendlektüre im Lesesessel!

Für das Dackelfräulein wurden nette Labyrinthe und Durchschlupfe angelegt…

…und für die Zweibeiner immerhin der Durchschlupf auf den Balkon freigelassen…

…so dass dem Feierabenddrink nichts im Wege steht.

Und dass Sie nun nicht denken, wir hätten hier faul in der Sonne gesessen!

Weit gefehlt!

Der eine war auf dem KVR, um den Wohnsitzwechsel anzumelden, Kfz-Papiere anzupassen und eine Parklizenz zu beantragen, die andere fuhr mit vollbepacktem Kombi zum Wertstoffhof, kümmerte sich um die Löwenfütterung und die Koordination der Handwerksarbeiten für die nächsten 4 Wochen.

3x dürfen Sie raten, für wen der Tag am nettesten war.

Richtig! 😎🐕🌴

So viel steht fest: In meinem nächsten Leben werde ich Hund.

Suburbia (5): Dum dum dee dum (The moving dachshund’s theme).

Suburbia – 5. und letzter Akt (ganz unklassisch: ohne Katastrophe)!

Alle Schlüssel fürs neue Zuhause sind seit gestern übergeben, (fast) alle To-Do-Listen im alten Zuhause abgearbeitet (sind ja noch 18 Std. Zeit, bis die Jungs von der Umzugsfirma hier aufschlagen), alle anstehenden Bau- und Renovierungsarbeiten in Tabellen gegossen und zur Vorbereitung ins Allgäu geschickt, alle Hassbriefe an Vodafone versandt (den hierzu angekündigten Beitrag bekommen Sie erst zu Gesichte, wenn das Drama überstanden ist), alle Ellenbogen dank Spritzen für die kommenden Tage geölt, alle Bier- und Weinvorräte ausgetrunken, alle Alpträume des nachts geträumt (zuletzt: Umzugswagen hatte einen Unfall und unser gesamter Hausstand ging dabei kaputt)…

*****

Morgen um 8 Uhr kommen die Jungs von der Spedition und legen hier los.

Hoffentlich ist mal wieder auf das gute „nomen est omen“ Verlass und sie bringen nicht nur weitere 100 hübsche Löwen-Kartons, sondern auch die Kraft mehrerer Löwen mit, so dass wir unsere lädierten Pranken ein wenig schonen bzw. deren klägliche Restenergie fürs Auspacken aufsparen können.

Der Gatte, ein eingefleischter FC Bayern-Fan (wenngleich „eingefleischt“ für einen Vegetarier ein zweifelhaftes Attribut ist), hat ein bisserl gezuckt, dass ihm hier ausgerechnet Löwen in seine Arena einmarschieren, aber mei. Wir hatten die Spedition schon letztes Jahr in die engere Auswahl genommen, uns dann aber dummerweise für die preiswertere Scheißfirma entschieden, mit deren Versicherung wir uns im Anschluss schlappe 4 Monate rumgekloppt haben, bis endlich alle Schäden ersetzt waren.

Dabei waren wir damals wie auch heute sogleich vom Charme des Ober-Löwen eingenommen. Herr A. hat sich ein kleines, feines Familienunternehmen aufgebaut, ist selbst bei jedem Umzug mit dabei (stets frisch geduscht und deodoriert, bestens gelaunt und in Strahlemannoptik, das blitzsaubere Firmen-Shirt stramm über die Muskeln gespannt), alles läuft sehr individuell und persönlich ab (Herr A.: „So ein Umzug besteht zu 50% aus Psychologie!“ oder „Ihr Lieben, entspannt euch, alles wird gut!“).
Ein Profi, der sofort die neuralgischen Punkte seiner werten Kundschaft erspürt und so geschickt darauf eingeht, dass man sich beinahe auf den Umzug mit seiner Firma zu freuen beginnt (was seit heute Morgen auch meine Devise ist: mache man sich doch einfach mal einen Spaß draus, falls möglich…, ich werd‘ Fotos schießen und das Ganze als Artikel „Wohnungswechsel mit Waldi“ an irgendein Magazin verkaufen, Herr A. hat zudem bereits Interesse an Fotos vom Dackelfräulein als Kartonmodel bekundet).

Überhaupt wäre der nette Herr A. einen eigenen Beitrag wert.
Falls wir unerwarteterweise von Vodafone noch vor Weihnachten wieder ein funktionierendes Internet zur Verfügung gestellt bekommen, reiche ich die Story gerne nach.

*****

Es gibt übrigens keine Lebenslage, zu der der Boss nicht den passenden Song beisteuern könnte – man muss einfach nur alle Songs kennen!

Und wenn ich es schon sonst zu nicht allzu viel gebracht habe in meinem Leben, so doch immerhin dazu, ein wandelndes Springsteen-Songbook zu sein (sollte „Wetten, dass“ nochmal neu aufgelegt werden, könnte das glatt mal eine Einnahmequelle sein: anhand einer (!) beliebigen Textzeile den Song zu erkennen, alternativ könnte ich auch mit einer anderen, etwas bajuwarischeren Nummer auftreten und nach je einem (!) mit verbundenen Augen genossenen Schluck Weißbier aus insgesamt 27 Gläsern treffsicher die Schneider Weiße, TAP7, „Ein Bier wie daheim“, identifizieren, beides immerhin auch Wetten, bei denen man sicher nicht im Rollstuhl landet).

Eigentlich wär‘ dieser Beitrag auch was für die Rubrik „Song des Tages“ oder „Soundtrack meines Lebens“ gewesen. Aber dann fand ich, die Chefin des Hauses sollte nochmal ganz im Vordergrund stehen:

Ein Löwe zieht um!

The moving dachshund’s theme
(aka „Lion’s den“ by Bruce Springsteen)

You broke my heart, tore it apart
Thought it was cute, thought it was smart
But now I’m back and I’ve got the strength of ten
So I got a message for you my friend

I’m Pippa waiting in the lion’s den
Dum dum dee dum dum dee dee dum dum

That old lion’s mean and long in the tooth
And like you, baby, he’s out on the loose
Messing hearts up time and time again
Well it’s the time for that messing to end

I’m Pippa waiting in the lion’s den
Dum dum dee dum dum dee dee dum dum
Here we go!

At night I hear you out prowling around
Tearing guys up, scaring ‚em down
Now all that growling’s gonna come to an end
‚Cause I’m just biding my time, my little friend

*****

Ja, liebe Leserinnen und Leser, unsere Zeit in Suburbia neigt sich nun dem Ende entgegen.

Auf 371 Tage haben wir es hier am Stadtrand gebracht, 137 wären mir lieber gewesen, aber immerhin ist es überhaupt auf eine Kombination der Lieblingszahlen hinausgelaufen. Da bin ich abergläubisch – und zwar im positiven Sinne!
Und es hätte uns schließlich auch ärger erwischen können, wenn es 713 Tage geworden wären, wonach es ja zwischenzeitlich, als wir noch knöcheltief durch den Morast des Münchner Wohnungsmarktes wateten, fast aussah.

Nun aber flink weiter gewerkelt, damit wir nachher pünktlich zur Arrivederci-Pizza mit unserem Lieblingsnachbarn beim Suburbia-Italiener eintreffen.

Ein schönes Wochenende noch und drücken Sie uns und den Löwen die Daumen, liebe Leserinnen und Leser!

Bleiben Sie dran, bleiben Sie uns gewogen & bis bald – dann von gegenüber der Bavaria!

Himmel der Bayern (38): West of Wiesn.

München, Samstagmittag. 22 Grad, blauer Himmel und Sonne satt.

Alles fährt raus aus der Stadt, wir fahren rein (merke: immer antizyklisch unterwegs sein, das erspart einem sehr viel Nervensalat!).

Und gucken uns mal ein bisschen um im künftigen Westflügel der neuen Heimat.

Über die menschenleere Theresienwiese geht es hinauf zur Münchner Freiheitsstatue…

…danach hinter der Ruhmeshalle vorbei…

…in den Bavariapark hinein…

…in dem nicht nur schöne Männer zu finden sind…

…sondern – fast ebenso wichtig – auch schöne Biergärten.

Und im angrenzenden Viertel – noch wichtiger – sogar eine schöne Eisdiele, in wir uns das erste Zitroneneis des Jahres holen…

…und das Waffel-Endstück zehn Minuten später seiner einzig wahren Bestimmung zuführen.

Vom Westend dann in großem nördlichen Bogen von der Theresienhöhe wieder hinab auf die Wiesn, wo man sich über die unbewusst sehr geschickte Wahl des Umzugstermins freut (knapp nach Ende des Frühlingsfestes)…

…und nebenbei auf seltene, in der Bergwelt leider noch nie angetroffene Almen stößt.

Nebenan kraxeln ein paar Möchtegern-Alpinisten unbeholfen herum.

Wieder an der Ostkante der „Wiese“ angekommen, schnappt das Dackelfräulein zwei bärtigen Kerlen geschickt den Tischtennisball weg…

…und saust davon, stolz wie Oskar, und als ich sie wieder einfange, sieht der Ball aus wie ein zerdeppertes Frühstücksei.

Aber das Tolle an so einem Dackelfräulein ist, dass ihm quasi nie jemand etwas übel nimmt: die Jungs lachen und nehmen gelassen ihren Zweitball.

Ich glaube, das wird gut werden, dort und überhaupt.

Suburbia (4): Ein Traktat über Flüssigseife und Freundlichkeit.

Damals, im Frühherbst 2017, als man sich hier in Suburbia zähneknirschend eingestehen musste, dass man am neuen Wohnort im Süden der Stadt weder Fuß fassen, noch Wurzeln schlagen würde und erst recht nicht alt werden wollte, und daher nach nur einem halben Jahr Pause in Sachen Wohnungssuche (eine „Pause“, die man mit viel Stress rund um einen großen Umzug und seine Nachwehen verbrachte) erneut einen beherzten Sprung in das Haifischbecken „Mietmarkt München“ machte bzw. machen musste, weil Selbstbetrug nun mal mittelfristig nicht als tragfähiges Lebens- und Wohnkonzept taugt, damals also versuchte ich, mir irgendeinen imaginären Strohhalm zu konstruieren, nach dem ich greifen könnte, wenn die Wohnungssuche uns wieder so zermürben würde wie beim ersten Mal, das uns noch spürbar in den Knochen steckte (vor allem in den ramponierten Ellenbogen).

„Weißt du was?“, sagte ich daher eines trüben Tages in einem Anfall von Pseudo-Optimismus zum Gatten, der hinter der Süddeutschen verschanzt auf dem Sofa lümmelte während ich das Abendmahl zubereitete und mir nach dem Zwiebelschneiden die Hände überm Spülbecken wusch, „Noch bevor diese Flüssigseife hier alle ist, werden wir eine neue Wohnung gefunden haben und wieder in der Stadt leben!“.

Der Gatte quittierte meine waghalsige Prognose mit einem kurzen, eher tonlosen „Hm, na hoffentlich“ und las weiter. Trotzig beschloss ich, auch ohne seinen aktiven Zuspruch an meinem soeben zum rettenden Strohhalm auserkorenen Seifenspender-Konstrukt festzuhalten: Wir hatten den zum Einzug gekauft und bis er leer wäre, würden wir hier wieder ausgezogen sein, jawohl!

An irgendwas muss man sich ja klammern, wenn die Hoffnung von Wohnungsbesichtigung zu Wohnungsbesichtigung schwindet, weil einem in etlichen Monaten zähen Suchens auf professionellstem und zeitintensivstem Niveau noch keine einzige Bude untergekommen war, die ihren horrenden Mietzins auch nur annähernd wert gewesen wäre, geschweige denn uns gefallen hätte oder nicht mit irgendwelchen baulichen oder vertraglichen Zumutungen oder Absurditäten behaftet gewesen wäre.

Und ob Sie’s nun glauben oder nicht: Meine Rechnung ist aufgegangen! Sogar quasi tropfengenau!

Der Seifenspender gab seit etwa einer Woche ein knorzendes Röcheln von sich, wenn die kleine Pumpvorrichtung in seinem Inneren versuchen musste, noch ausreichend Seife nach oben zu befördern. Ich nahm das Geräusch des Behälters zwar zur Kenntnis und dachte natürlich auch an meinen diesbezüglich mit dem Schicksal abgeschlossenen Deal, war aber ehrlich gesagt frustriert vom Nahen des Augenblicks, in dem ich mir würde eingestehen müssen, dass der Deal geplatzt war und auf dem Friedhof meiner Imaginationen beigesetzt werden musste. Denn die letzten paar Wohnungsbesichtigungen waren allesamt dermaßen deprimierend gewesen, so dass ich mir allmählich kaum noch vorstellen konnte, mir jemals in irgendeiner Küche irgendeiner neuen Wohnung mit irgendeiner Flüssigseife meine Hände zu waschen. Mir schwante, dass ich den leeren Flüssigseifebehälter bald stumm in den Mülleimer werfen und ihn desillusioniert durch einen neuen ersetzen würde.

Doch dann zog das Schicksal alle Register.
Völlig überraschend erhielten wir letzten Montag eine Reaktion auf eine Wohnungsbewerbungsmail, die wir längst abgehakt hatten, weil mal wieder tagelang jegliche Antwort ausblieb. Wir erfuhren, dass der Vermieter sich durch Dutzende solcher Mails hatte kämpfen müssen (was eben seine Zeit dauerte) und schließlich 12 Kandidaten ausgewählt hatte, die er nun ins Heiligste vorlassen wollte. Wir schnappten uns den ersten der 12 Termine und standen noch am selben Abend gebügelt und gestriegelt vor dem Haus in der Ludwigsvorstadt, in dem sich die Wohnung befand.

20 Minuten später verließen wir das Haus wieder, sahen uns kurz an, nickten uns zu und sagten: „Das wär‘ die Wohnung, nach der wir gesucht haben!“. Der Konjunktiv hier weniger als Ausdruck einer Möglichkeit, sondern vielmehr im Übergang zum Irrealis begriffen, sich bereits darauf einstimmend, dass man schon in ein paar Tagen wohl sagen würde „Das wäre unsere Wohnung gewesen“, weil der Vermieter unter den 12 Ja-Sagern halt einen anderen erwählt hatte (die dackelfreien Kandidaten oder die dynamischen Doppelverdiener oder das solide Beamtenpaar). Der Gatte schickte dem Vermieter gleich am nächsten Morgen, im flackernden Schein seiner Geburtstagskerze, eine Interesse-Bekräftigungs-Mail hinterher, anschließend wandten wir uns der geburtstäglichen Tagesordnung zu.

Abends wartete ich als Shuttleservice vor dem Schwimmbad, in dem sich der Geburtstägler einen Saunabesuch gegönnt hatte. Recht aufgeräumt und erholt stieg er ins Auto und ließ sich zum Lokal chauffieren. Vor dem Anstoßen hielt er inne und meinte zu mir, er wolle zu Beginn seines neuen Lebensjahres einen Beschluss verkünden und sich durchs sofortige Mitteilen desselben auf verbindlichere Weise zu dessen Umsetzung bekennen. Man kennt das ja: hat man’s erstmal rausposaunt, verwirft sich’s die Sache nicht mehr so leicht als hätte man’s nur im stillen Kämmerlein beschlossen.
Gespannt wartete ich also, was da nun käme. Er raucht nicht, er trinkt nicht, er hat kein Übergewicht und auch sonst keine erkennbaren Baustellen, Laster oder Leiden vorzuweisen, die einer dringenden Änderung oder Abschaffung bedurften.
„Ich möchte ab sofort ein freundlicherer Mensch sein!“, meinte er nach einer kleinen Kunstpause und mit einem verschmitzten Lächeln im Gesicht, von dem ich nicht wusste, ob es seinem Beschluss galt oder der von mir zu erwartenden Reaktion auf diesen Beschluss. Ich musste jedenfalls lauthals lachen, denn mit einem Vorhaben aus der Rubrik „Charakterglättung“ hätte ich defintiv nicht gerechnet. Zumal – und das muss an dieser Stelle wirklich klipp und klar gesagt werden! – ich dem Gatten niemals Unfreundlichkeit attestiert hätte, weder Menschen, noch Tieren gegenüber, ja vor allem keinesfalls Letzteren gegenüber. Am ehesten noch Gegenständen oder „der Technik“ gegenüber – allen voran zum Beispiel dem Drucker, diesem heimtückischen Arschloch („Drecksglump, verreckts!“) – aber hier würde das Vornehmen von mehr Freundlichkeit ja am allerwenigsten zu einer Beziehungsverbesserung führen, da es sich um leblose Materie handelt, die sich weder über Freundlichlichkeit freuen, noch gegen Jähzorn wehren kann.
Im weiteren Gesprächsverlauf erhellte sich mir alsbald, wie er es meinte. Die Details spare ich hier aus Diskretionsgründen natürlich aus, grob gesagt bezog es sich vor allem auf das berufliche Schlachtfeld Terrain, das ja leider nicht frei von Gemenschel ist und wo man je nach Druck und Arbeitsbelastung mal mehr oder weniger beherrscht/geschickt/sozialverträglich reagiert und somit ja immer irgendwie Luft nach oben ist, was die Geschmeidigkeit des eigenen Verhaltens angeht.

Nur 13 Stunden nach diesem Beschluss (auch diese Anzahl an Stunden mit Sicherheit kein Zufall, denn die 13 ist meine GlücksZahl) – es war Mittwochvormittag, ich saß gerade unmotiviert an einer Schreibarbeit und guckte hinaus in das Suburbia-Grau – klingelte mein Handy und der Vermieter war dran und sagte etwas hemdsärmelig: „Wir haben uns für euch entschieden, also falls ihr halt nach wie vor noch Interesse an der Wohnung hättet.“.
Mich hätt’s fast vom Stuhl geschmissen als der Satz vom Ohr bis ins Hirn gekrochen war und dort seine Wirkung entfaltete.
Do legst di nieda!!! Nach einem halben Jahr des intensiven Suchens und bei der ersten wirklich brauchbaren Wohnung sollte es nun geklappt haben (wo ist der Haken? wer verarscht einen da jetzt schon wieder?, schießt’s einem durch den Kopf).
Man kann das einfach nicht glauben. Selbst wenn der Mietvertrag einen Tag später schon im Postkasten liegt – man glaubt’s immer noch nicht. Erst wenn man mit dem besten Juristenfreund von allen stundenlang am Telefon die einzelnen Paragraphen und Formulierungen durchfieselt, da dämmert’s einem so langsam, dass da jetzt echt ein Mietvertrag für eine Wohnung in München vor einem liegt. Nicht der perfekte Vertrag, selbstredend mehr zu Gunsten des Vermieters als des Mieters („Es ist nun mal ein Angebotsmarkt, Natascha!“, sagte mir der Juristenfreund wiederholt, um mir den Sehnsucht-nach-Fairness-Zahn ein für allemal zu ziehen), aber summa summarum für hiesige Verhältnisse doch einer, den man unterschreiben kann, ohne damit den ersten Spatenstich zum Ausheben des eigenen Grabes gesetzt zu haben oder sich die Telefonnummer des Mietervereins schon wieder einprägen zu müssen, um vermieterseitige Pflichtverweigerungen oder Schikanen entsprechend parieren zu können.

Sollte sich die Sache nun auch weiterhin nicht als Neuauflage der Truman Show oder ausgebuffte Verschwörung von Münchner Miethaien entpuppen, werden Sie hier demnächst also wieder von allerhand gruseligen Umzugsvorbereitungen und -erlebnissen lesen, gratis die besten Tipps und Tricks im Umgang mit dem nicht minder gruseligen Kundendienst von Vodafone abstauben können oder auf den neuesten Stand bzgl. orthopädischer Therapeutika für Umzugskrüppel (Rücken, Schulter, Ellenbogen, Handgelenk) gebracht werden.

Darüberhinaus dürfen Sie beizeiten mit neuen Stadtviertelstories rechnen, wir werden uns auf jeden Fall ausführlich über Freud‘ und Leid des dann wieder urbanen Lebens verbreiten und mit Sicherheit auch wieder was zum Granteln finden – spontan fallen mir da schon mal die zu erwartenden Parkplatznöte, vollgekackte Grünstreifen und zu lange Schlangen am Sonntagnachmittag bei Café Kustermann ein – aber das mit größtmöglicher Demut, ich versprech’s Ihnen, denn wir sind wirklich außerordentlich froh, dass wir dem Puls der Stadt wieder ein Stückerl näher kommen.

Und das schon in wenigen Wochen, mitten im Sommersemester vom Gatten, was zeitlich und organisatorisch alles andere als ein Spaß werden wird, aber auch hier verneigen wir uns demütig vor dem Schicksal und sind einfach nur dankbar, uns vom täglichen Mietmarkt-App-Checken ebenso verabschieden zu dürfen wie von all den haarsträubenden Entblößungen im Bewerbungsprozess um ein Stück Wohnraum und den vielen stimmungsversauenden Abend- und Wochenendterminen auf den geschüsselten Parkettböden unserer schönen, geliebten und überteuerten Isarmetropole.

In diesem Sinne: Stay tuned – wie ein geschätzter Bloggerfreund von mir an solchen Punkten des Geschehens zu sagen pflegt!

Überschwängliche Gratulationen, Hopfengetränke zum Anstoßen auf das Neue oder für die bessere Bewältigung des Bevorstehenden sowie Hilfsangebote aller Art (und nicht zu vergessen: kleine und große Spenden für die doppelte Mietbelastung und einen ellenbogenschonenden Umzug) nehmen wir jederzeit dankend entgegen.

Was lernen wir jetzt aus dem Ganzen?

1.) Nie mehr an den Stadtrand ziehen. Das ist nix Halbes und nix Ganzes. Alle Vorteile der Stadt sind weg oder nur noch durch eingepferchtes Ausharren in Staus bzw. U-Bahnen zu erreichen, was du dir angesichts der aufzuwendenden Zeit stets zweimal überlegst und dann (zu) oft bleiben lässt, wodurch du dann aber bald Gefahr läufst, provinzielle Patina anzusetzen. Die Vorteile, die das Landleben bieten könnte, findest du am Stadtrand nicht, denn dort bist du ja eben nicht auf dem Land, sondern in einer Grauzone dazwischen, die tagsüber von Pendlern zugeparkt wird, abends an einen Friedhof erinnert und nicht mal eine vernünftige Kneipe bietet, die du als Zufluchtsort aufsuchen könntest (von netten Cafés, in denen du dich mit Kuchenstücken trösten könntest, ganz zu schweigen).

2.) Falls du 1.) jemals wieder versemmeln solltest, wähle wenigstens eine deutlich geschicktere Verknüpfung zwischen gewünschtem Ziel (=Auszug) und dem für den Zeithorizont zur Zielerreichung maßgeblichen Bezugsrahmen als einen Pott Flüssigseife neben dem Küchenspülbecken, der dann, wenn nur eine Person in deinem Haushalt kocht und sich dort die Hände wäscht, vergleichsweise verbrauchsträge und langlebig ist. Clever wäre z.B. ein Schälchen Quark gewesen, das hat üblicherweise ein MHD von 7-14 Tagen, oder meinetwegen auch ein Glas Nutella, das ja gerade in Phasen seelischer Belastung zu extremer Kurzlebigkeit tendiert. Oder, wenn es denn unbedingt wieder Seife sein müsste, nimm ein kleines, aus irgendeinem Hotel mitgenommenes Handseifenstück, das schnell aufgebraucht ist.

3.) Falls 2.) auch zu nix führt (oder du dich kein zweites Mal an so einen abstrusen Pakt ranwagen möchtest), beschließe einfach, ein freundlicherer Mensch zu werden. Bei Paaren genügt es auch, wenn einer von beiden das tut. Und beschließe das besser heute als morgen. Denn wenn es dich erstmal an den Stadtrand verschlagen hat, wo es weder so idyllisch noch so ruhig noch so wohnlich noch so preiswert und auch nicht so verkehrsarm ist wie du’s dir erhofft hast in deinen naiven Träumen, und dich nicht mal ein Deal mit Flüssigseifenspendern aus den Klauen der Suburbia befreit, dann geht’s ans Eingemachte und du musst selbst ran. An dir arbeiten, dich ändern, dich anpassen, dich fordern, dich quälen, dich optimieren. Halt all das, womit sie dich in diesen durchgestylten Persönlichkeitsentwicklungsseminaren bombardieren, damit das Miteinander flutscht und du deinen Beitrag zum Human Capital leistest. Als Mensch, als Mitarbeiter oder eben auch als Mieter in München.

Charmant (= sth. between Folsom Prison and Mercedes Benz).

„Wir haben heute Mittag einen Besichtigungstermin“, sagt der Gatte und hält mir das Exposé der Sonnigen, charmanten, ruhigen und gepflegten Dachgeschosswohnung unter die Nase.
„Aha“, sage ich, lese mir die Eckdaten durch, werfe mein Laptop an und guglmäpse die Lage. Leider ist vorab keine Zeit mehr für die sonst übliche Kurzvisite zur genaueren Vorab-Überprüfung. Dachgeschosswohnungen sind eigentlich nicht unser Favorit, abgesehen davon, dass einem dort niemand auf dem Kopf herumtanzt (außer Vermieter und Hausverwaltung).
Aber man muss flexibler werden, wenn man bereits in Monat 6 der Wohnungssuche angelangt ist und die Chancen ein klein wenig erhöhen möchte, dieses Projekt vielleicht doch noch bis zum Jahresende abzuschließen.

Die Wohnung liegt in einem netten Viertel und hat einen Grundriss, mit dem man was anfangen kann und der einem nicht abverlangt, die Hälfte aller Möbel auszutauschen. Der nächste Grünstreifen ist 80 Meter entfernt, die Infrastruktur passt und der Mietpreis bewegt sich noch unterhalb der Wuchergrenze.
Sonnig, charmant, ruhig und gepflegt – prima, denke ich, das sind ja genau jene Attribute, die einen bei einer Partnerbörsenannonce auch sofort aufmerken ließen. Klingt nach was Langfristigem, Attraktivem und Solidem.

„Alles klar“, rufe ich also nach meinen schnellen Recherchen dem Gatten zu, „dann lass uns da mal hinfahren!“.
Pelle mich in mein Wohnungsbesichtigungsoutfit, kämme mir nochmal fix durchs Haar, poliere kurz über die Lederstiefel und stelle meinen Schwimmbadrucksack in die Diele.
Denn es hat sich sehr bewährt, direkt nach solchen Terminen ein Stündchen rekreative Reinwaschung und befreiende Bewegung anzuschließen. Quasi das beschwerte Besichtigungsgemüt durch die Schwerelosigkeit im Wasser etwas ausbalancieren. Kann ich nur empfehlen!

Mieter in München: Ein einziges Witzleben.

Vor dem Haus Nummer 9 schleicht schon ein anderes Paar herum. Dass es sich um Mitbewerber handelt, ist unschwer am Outfit sowie am nach oben – zum Dachgeschoss – gerichteten Blick zu erkennen (kurzer Check: jünger, schwangerer, duldsamer, also ist ein gelassenes „Hallo“ angesagt).

Im Treppenhaus stinkt es nach erkaltetem Zigarettenrauch, ein uncharmanter Aufzug befördert uns ins 4.OG, wo uns Frau Huber durch den leukoplastfarbenenen Hausflur bereits mit zur Begrüßung ausgestrecktem Arm entgegeneilt.
Frau Huber ist die Maklerin: Erkältet, ahnungslos, aufgebklebte Billigfingernägel, emsig plappernd. Als sie bzgl. der vom Vermieter angestrebten Mietdauer den Satz „Der Eigentümer wünscht sich daher nachhaltige Mieter“ raushaut, frage ich charmant nach, wo denn die Komposttonnen stünden. „Im sonnigen Innenhof“, entgegnet Frau Huber und verweist darauf, dass wir den nachher natürlich auch noch besichtigen würden.

Der Gatte möchte wissen, wer denn der Eigentümer sei und wie es in puncto Eigenbedarf aussähe. Erst letzte Woche kam eine Wohnung u.a. deshalb nicht in Frage, weil der Wohnungsbesitzer drei studierende Töchter hatte, die vielleicht demnächst aus dem Ausland zurückkehren und dann sicher gern in Daddys Schwabinger Wohnung einziehen möchten, so dass Daddy dann leider sofort seine Mieter vor die Tür setzen müsste (immerhin wurde dieser kleine Haken offen angesprochen).
Heute ist in dieser Hinsicht wohl nichts zu befürchten, Frau Huber beschreibt den Eigentümer als „steinreich“ und im Süden von München in einem großen Haus wohnend. Außerdem hätte er mehrere Wohnungen in München zur Kapitalanlage, da könnten wir uns also entspannen, der würde nie Eigenbedarf anmelden.

Die Dachgeschosswohnung verfügt über etliche „Schreinereinbauten“ in diversen Nischen und Ecken. Sideboards, Besenschrank, Regale, ein Kleiderschrank. Dafür möchte der Vermieter eine stolze Ablöse haben sowie „einen Mieter, der die schönen Einbauten zu schätzen weiß“. Das Glump ist 20 Jahre alt. Ebenso das Parkett. Und die Einbauküche. Und die Plastiktürklinken.
Hieß es in der Annonce nicht „gepflegt“?!?

Da der Holzboden in allen Räumen gleichermaßen ramponiert ist, wage ich die Nachfrage, ob die Böden denn noch renoviert würden. „Oh nein“, meint Frau Huber, „dafür ist leider keine Zeit mehr, denn die Wohnung muss zum 1. April vermietet sein.“
Völlig klar, wo kämen wir denn da hin, wenn ein steinreicher Typ so einen Mietausfall hinnähme, nur um seinen nachhaltigen Mietern für eine ordentliche Miete auch einen ordentlichen Boden zu bieten?

An der Tür zur Duschkabine fehlt der Griff, die angeschimmelten Silikonfugen lenken aber perfekt von derlei Kleinkram ab, außerdem brummt die Lüftung im Bad sowieso so laut, dass man hier nicht länger als unbedingt nötig verweilen möchte.

Neue Serie in der Münchner tz: „Vom Aussterben bedrohte Arten“.

Während Frau Huber drinnen weiterquakt und das schwangere Paar andächtig lauscht, treten wir hinaus auf das „Highlight“ der sonnigen, charmanten, ruhigen und gepflegten Dachgeschosswohnung: die Dachterrasse.
„Südseitige Dachterrasse zum ruhigen, idyllischen Innnhof gelegen“, hieß es in der Anzeige. Wir lehnen uns an das rostige Geländer und spähen nach unten. Der idyllische Innhof ist eine betonierte Ödnis mit vergitterten Durchgängen zu den umgebenden Häuserblocks in klosteinmint und ausgekotztapricot (im farblichen Wechsel).

Durch die Gitterstäbe würden vermutlich auch der Straßenlärm und das Rattern der Züge in die Ruhe des Innenhofs dringen. Nicht so heute, denn an dem einzigen Stück Erdreich im Hof macht sich geräuschvoll ein kleiner Bagger zu schaffen. Wahrscheinlich der Beginn der Aushubarbeiten für den überfälligen Mieter-Komposter im Herzen der Idylle. Als Soundtrack zu all diesen Eindrücken fällt mir spontan der „Folsom Prison Blues“ ein.

I hear the train a comin‘
It’s rollin‘ ‚round the bend
And I ain’t seen the sunshine
Since, I don’t know when
I’m stuck in Folsom Prison

Ich richte meinen Blick wieder nach oben. Lasse ihn über die Hausdächer schweifen und denke über den steinreichen Vermieter dieses charmanten Gesamtpakets nach. Hinter den Ziegeldächern des diagonal gegenüberliegenden Hauses guckt die Spitze des Mercedes-Benz-Turms hervor, der Stern des Kapitalismus‘ sich unaufhörlich auf dessen Dach drehend, Runde um Runde, 24h lang, nachts sogar beleuchtet.

Auf dem Weg zum Schwimmbad suche ich in der Musiksammlung nach diesem vor Ironie triefenden Prolog „I’d like to do a song of great social and political importance. It goes like this!“ und trällere anschließend in einer Stimmung, die irgendwo zwischen apathisch-abgestumpft und aggressiv-aufgedreht liegt, ein bisschen mit:

I’m counting on you lord, please don’t let me down.
Prove that you love me and buy the next round.
Oh lord won’t you buy me a flat in the town.

Mercedes Benz München an der Donnersberger Brücke.

Einen Glauben müsste man haben, dann wäre das mit der Hoffnung vielleicht auch manchmal leichter.

Mrs. Joplin fuhr übrigens keinen Benz, sondern einen Porsche, der aber weder für nachhaltiges Glück, noch ein langes Leben sorgen konnte.

Frohes Wohnen und ein schönes Wochenende wünscht
Die Kraulquappe.