Song des Tages (50).

Gestern. Sonntagabend, nach 22 Uhr.
Wir liegen nicht nur erschlagen auf der Couch, sondern auch in den letzten Zügen der ersten Staffel einer neuen Serie.
Das Festnetztelefon klingelt. Wir schrecken sofort hoch, denn a) klingelt das abends üblicherweise sehr selten und b) schon gar nicht sonntags und nach 22 Uhr. Der Gatte springt vom Sofa hoch und rennt ins Nebenzimmer. Zu spät, das Klingeln verstummt in dem Moment, als er das Telefon aus der Basisstation reißt. Gerade noch rechtzeitig konnte er aber auf dem Display die zwei Worte „Papi zuhause“ erkennen. „Das war dein Papa!“, ruft er mir zu, und ich bekomme sofort Herzrasen, denn der Papa ruft nie zu so einer Uhrzeit an. Nie! Außer im Notfall.

Ja um Himmels Willen! Das Herz pocht mir sofort bis in die Schläfen, in mir denkt es in Sekundenschnelle: Ist er selbst der Anrufer gewesen, dann liegt die Lebensgefährtin im Krankenhaus, und wenn es aber nicht er war, der den Hörer dort am fernen Tegernsee in der Hand hält, sondern die G., dann ist der Papa im Krankenhaus. Den Drittgedanken behalte ich lieber für mich, der hat hier nichts verloren.
Panik steigt in mir hoch. Hektisch wühle ich zwischen den Sofakissen nach meinem Smartphone (der Papa wählt beim Zweitversuch immer die Mobilnummer), finde es, klappe die Schutzhülle auf und sehe justament den eingehenden Anruf (ich höre Anrufe in den seltensten Fällen, weil ich das Handy zu 98% seiner eingeschalteten Zeit pro Tag auf lautlos geschaltet habe).
„Papi zuhause“, lautet die Botschaft auch in diesem Display. Eilig wische ich das winzige Telefonhörer-Symbol zur Seite, das der Anrufannahme dient, und keuche fast in den Hörer: „Hallo Papi, was ist los?“

Am anderen Ende ertönt die krächzige, aber alles in allem muntere Sonntagabendstimme meines Herrn Vaters, ein verlegenes Lächeln schwingt in ihr mit, als er sagt: „Mir fiel grad siedend heiß ein, dass ja vorgestern der Geburtstag meines Schwiegersohnes war – vor lauter Coronadegöns hab ich das doch tatsächlich verschwitzt.“
Ich kreische ein „Na gottseidank!!!“ in den Hörer und füge an, wie froh ich sei, dass es „nur das“ sei und reiche den Hörer mit immer noch bebendem Arm und klopfendem Herzen an den bereits in ein erleichtertes Glucksen ausbrechenden Gatten neben mir weiter.

Mannomann. O tempora, o menses!

*****

Nachts geträumt, dass ich ein Tablett mit Frühstücksutensilien von der Küche durch den langen Flur ins Wohnzimmer trage und mir beim Gehen so denke: „Huch, der Boden hat ja eine Neigung, ist irgendwie leicht abschüssig, das ist ja seltsam!“.
Kurz vor dem Wohnzimmer entdecke ich dann einen Riss, etwa einen Meter breit, der quer durchs Parkett geht und den südlichen Teil der Wohnung vom nördlichen trennt (was jetzt nach nobler Villa oder Mega-Altbauwohnung klingt, es aber nicht im Geringsten ist) und eine Schlucht freigibt.
Der Graben durchteilt also die Wohnung, ein Blick in den Abgrund offenbart morsches Gebälk, das modrig riecht (vielleicht schon wieder ein Wasserschaden, irgendwo?) und alles sieht entsetzlich marode aus (ich kneife die Augen zusammen und meine, weit unten sogar ein Loch zu erkennen, durch das ich in den Flur der Nachbarsfamilie unter uns spähen kann).

Immerhin erklärt sich nun schlagartig die zuvor empfundene Neigung beim Gehen durch den langen Flur, und weiterträumend ist mir völlig klar, dass es nur noch eine Frage der Zeit sein wird, bis auch der Flurboden Risse bekommt und einbricht.
Es folgt die glasklare Gewissheit, dass nun alles im Eimer ist. Danach die Überlegung, wie wir vielleicht ein paar Möbelstücke retten könnten, abrupt unterbrochen von dem Gedanken, dass wenigstens die Frage nach der Mietminderung diesmal eine eindeutige Antwort erfahren wird und ja eigentlich auch die Hausratsversicherung einspringen müsste.
Als nächstes schreie ich nach dem Gatten, schreie laut und fast hysterisch seinen Namen und dass er bitte schnell herkommen soll und dass etwas Furchtbares passiert und unser Zuhause für immer ruiniert sei. Bevor er an dem Abgrund, vor dem ich stehe, eintrifft, wache ich auf.

Schöne Nächte sind das zur Zeit. Kaum Schlaf. Daher auch kaum Ausflüge in irgendwelche Traumwelten, aber wenn, dann gleich richtig dolle Abenteuertrips, so wie der von heute Nacht: Grand Canyon in der eigenen Bude. Wow! Das war noch nicht alles, da geht noch mehr, das spüre ich.

Beim Aufwachen und dem bald folgenden Griff zum Handy (kurzer Check, ob die Welt noch steht bzw. die Tageszeitung imstande war, das noch zu vermelden) dann die Erleichterung, dass der Arzt des Vertrauens auf meine Mail geantwortet hat und mir ein Rezept ausstellt, das künftig beim abendlichen Steckerziehen helfen wird. Hab sowas noch nie genommen, möchte aber das leidige Experiment „Leben mit Schlafmangel in Wasserschaden- und Coronazeiten“ nach nunmehr 7 Wochen (und seiner Intensivierungsphase in den letzten drei Wochen) jetzt gern mal unterbrechen oder am liebsten komplett beenden, selbst wenn man derzeit niemanden mehr trifft, der einen auf die Augenringe ansprechen könnte. Die zwanzig Kilometer, die ich nun jogge, um das Wasservermissen und den Schwimmentzug aus dem Körpergedächtnis zu vertreiben, sind sonst bald auch keine sinnvolle Ertüchtigung mehr, in dem müden Zustand droht vieles eine bleierne Schwere zu bekommen, was dann ja kontraproduktiv wäre, weil es ja der Rekreation und Kräftigung dienen soll.

*****

Aufgestanden, die Jalousien hochgezogen und gestutzt: schon wieder alles weiß. Aha. Naja, auch schon egal. Wieder hingelegt und mit dem Fräulein gekuschelt, das ist immer wie Frühling und Sommer und alles Glück der Welt konzentriert auf einem dackeldonutgroßen Stück der Matratze.

Der Gatte macht Frühstück und trägt das Tablett ins Wohnzimmer und kommt auch unbeschadet dort an, weil vor dem Wohnzimmer nur der übliche verschrammelte Parkettboden liegt, sich aber kein meterbreiter und -tiefer Graben auftut. Beruhigend. Ist also doch noch nicht alles im Eimer. Ich stehe auf.

Routinen tragen einen sanft in einen neuen Tag hinein, manche formieren sich derzeit auch neu, aber wie immer ist es wichtig, dass man sie überhaupt hat, diese Routinen, sie sind stützend und sie erinnern einen daran, dass es trotz allem ja immer noch sehr verlässlich sowas wie einen Alltag gibt und man sich nicht täglich alles neu zusammenklauben muss, damit man durch den Tag kommt.

Kleine Konstanten wie das dampfende Kaffeehaferl auf dem Frühstückstisch, daneben die Ausbeute des Pressespiegels vom Wochenende, vom Gatten mit den vertrauten Textmarker-Kreuzchen versehen, damit ich auf jeder der sorgsam herausgetrennten und zusammengefalteten Seiten gleich erkenne, welcher Artikel der zu lesende ist.
Der kleine Hund, der sich nochmal mit dem üblichen wohligen Grunzer ins Körbchen neben dem Esstisch plumpsen lässt, sich dort einkringelt und geduldig ausharrt, bis die Zeit fürs Morgengassi gekommen ist.

*****

Morgengassi dann bei klirrend kalten minus 1 Grad durch die weiß bepuderte Allee.
Der Gabenzaun hat sich über Nacht exakt gemäß meiner Befürchtung entwickelt. Wenn ich ehrlich bin, sogar noch etwas krasser.
Nasse Klamotten, heruntergefallene Klamotten, eingeschneite Klamotten, aufgerissene Tüten, verteilter Tüteninhalt, hier ein paar Milchpackungen, dort ein paar Damenbinden, extra-saugfähig, daher dekorativ aufgequollen.
Irgendeine besonders helle Leuchte hat am Fuße des Zaunes einen Karton mit Semmeln abgestellt. Ohne Abdeckung. Sehr clever. Sogar die Krähen gucken irritiert und fragen sich, was sie mit einer vereisten Semmel vom Vortag anfangen sollen, versuchen dann aber ihr Glück und zerhacken in trautem Teamwork einen der Tiefkühlwecken.

Woran ich noch gar nicht gedacht hatte, ist, dass diese Müllmeile ja neben all den Klamotten auch bergeweise „Biomüll“ enthalten würde, und dass ich ja mit einem Interessenten für Biomüll jeder möglichen und unmöglichen Herkunft und Beschaffenheit dort entlangspazieren müsste.

Das Dackelfräulein ist nämlich ein sogenannter „Staubsaugerhund“, was, selbst wenn man, so wie ich, ein passionierter Zusammenleber mit diesem sauberkeitsherstellenden Hausgenossen ist, ein ziemlicher Graus ist.
Hundebesitzer, die ebenfalls einen Staubsaugerhund haben, wissen, was ich meine. Darum geht unsereins auch lieber außerhalb der vielbegangenen Routen spazieren, weil sich dann die Objekte der kaniden Begierde wenigstens auf Hasenköttel, Pferdeäpfel, Marderkot, Fischgräten, Jauche, Kadaver und Gebeine reduzieren.

Es bleibt zu hoffen, dass die städtische Müllentsorgung bald zur Tat schreitet, damit das Morgengassi jetzt nicht täglich ein zehnminütiger Spießrutenlauf wird, wonach es aber nicht aussieht, wenn ich mir die Mülleimer und Wertstoffcontainer so ansehe.

Wieder zuhause angekommen warten gottseidank noch eine zweite Tasse Kaffee und ein Toast mit Quittengelee auf mich.
Immer her mit den Routinen (und an dieser Stelle nochmal ein großes Dankeschön an die liebe B. aus O., die dafür sorgte, dass es keine Geleeengpässe gibt, speziell jetzt wäre das wirklich nur schwer verkraftbar gewesen)!

*****

Die derzeitige „Lage der Nation“ verdichtet, wie ich hier eh schon mehrfach sagte (oder dachte?), gerade nahezu alles, was schon vor der Verbreitung dieses Virus‘ zu dicht, zu brisant, zu fragil oder sonstwie zu schwer zu ertragen war.
Auf all das kommt jetzt unter Umständen nochmal eine Schippe obendrauf, wenn es dumm läuft. Und teilweise treten diese Umstände nun auch ein und es läuft dann auch dumm, so wie vorgestern.

Da beschließe ich am späten Nachmittag, nochmal kurz mein Hirn durchzulüften, schnappe mir mein Feierabendbierfläschchen, gieße 0,25 l davon in mein Störtebeker-Säbelglas und begebe mich nach draußen.
Möchte mich einfach mal für 15 Minuten auf die vertraute Parkbank am Rande des Coronatest-Drive-In-Geländes (formerly known as „Wiesn“) setzen und der Bavaria gegenüber zuprosten und ein paar Surfern zusehen, wie sie ihre Runden auf der großen Freifläche vor den Testzelten drehen und sich vom Wind mal hierhin, mal dorthin treiben lassen.
Auch so ein Ritual, so eine kleine Konstante und Angewohnheit, die Struktur gibt und einfach wohltut, selbst wenn die Szenerie vor meiner Nase nicht mehr so ganz dieselbe ist.

Auf dem Bürgersteig angekommen, der sehr breit ist und eher einer gediegenen Allee gleicht als einem normalen Trottoir, will ich zur Überquerung ansetzen, sehe dann aber von rechts jemanden im Stechschritt heranmarschieren, ein komplettvermummter, vermutlich eher junger Mann (wegen Atemmaske und zusätzlicher Gesichtsverhüllung ist das schwer zu erkennen), in kurzer Hose (eigentlich zu kühl für den Tag) und ansonsten mit Turnschuhen, Kapuzenshirt und Baseballmütze bekleidet.
Ich bleibe mit meinem Weißbierglaserl in der Hand am Rand des breiten Weges stehen, um abzuwarten, bis er vorbeigegangen ist und dadurch sogar einen Abstand von mehr als zwei Metern wahren zu können.
Anstatt einfach weiter seines Weges zu gehen, macht der Kerl aber, auf meiner Höhe angelangt, auf einmal einen großen Sprung in meine Richtung, fuchtelt mit den Armen in der Luft herum, stampft mit dem Fuß auf und brüllt mir ein „Huh!“ entgegen. Und dann nochmal: „Huh!“

Ich bezweifle, dass er Isländer oder ein engagierter Botschafter für Fußballgesänge ist, vielmehr lag in diesem „Huh!“ eine Aggression, die mich recht unangenehm anwehte und mir den kurzen Aufenthalt auf meiner Parkbank schon eintrübte, bevor ich diese überhaupt erreicht hatte.

Im Treppenhaus höre ich eine Viertelstunde später dann zufällig mit, wie ein Nachbar einen anderen mit seinen kruden Verschwörungstheorien bequatscht: „Alles Fake, alles inszeniert.“ und „Mir macht das Virus keine Angst, nur unsere Regierung.“
Momente, in denen ich fast geneigt bin, zu verstehen, warum manch einer sich gern in Sphären der Transzendenz flüchtet oder Trost in der Religion sucht (oder sogar findet).
Momente aber auch, in denen ich sehr froh darüber bin, gleich die Tür hinter mir zuzumachen und in der Wohnung bleiben zu dürfen.

*****

Eigentlich hatte ich als Song des Tages für heute den freitags so überraschend veröffentlichten Song des Großmeisters aus Duluth, MN, vorgesehen, diesen apokalyptisch anmutenden Abgesang auf die USA – God’s own country, über das nun der Zorn des Herrn gekommen ist (wie irgendein Amerikaner aus dem dortigen Politbetrieb kürzlich mutmaßte) -, der einen, nur dreimal in Folge und mit Bedacht angehört (das Stück ist 17 Minuten lang!), mal für ein ganzes Stündchen total wegbeamt von all den viralen Plagen, mit denen wir uns arrangieren müssen und auch die soziologischen Feldstudien, deren Teilnehmer wir so unfreiwillig geworden sind, mal für ein Weilchen vergessen lässt.
Und die restlichen Minütchen, um diese Stunde vollzumachen, sollte man unbedingt der Lektüre der Willi-Winkler-Rezension zu diesem Requiem widmen. Vielleicht noch die andere Hälfte des Weißbierflascherls dazu, so zur Abrundung des Genusses auf allen Ebenen.
Gut verbrachte Zeit, das versichere ich Ihnen (natürlich nur, sofern Sie irgendwas mit Dylan am Hut haben, klar).

Spontan erschien mir nun, beim Niederschreiben dieser Zeilen und meinem dabei immer wieder aus dem Fenster und auf die Allee hinuntergleitenden Blick, aber ein anderer Song die passendere musikalische Allegorie meiner Verfassung an diesem Montagnachmittag zu sein:

Well, everyone has said that I might go
‚Cause my red suitcase and my Ray Bans weren’t quite so
I’d bear the heavy wind and rain that falls
I’ll never come back again
‚Cause you know how I laugh when winter shows her hand

With that picture framed, there is a saddest thing you’ll see
But it bought me time and a place that love could be
And since I’m goin‘ now, please rearrange
‚Cause I’d like to think that things have changed
I don’t believe you’ll be open anymore

So tell me if you want to see
A world outside your window
A world outside your window isn’t free
Oh and tell me if you want to catch that feelin‘ of redemption
That feelin‘ of redemption don’t do much for me

Well, everyone was hopin‘ you would stay awhile
Tell us ‚bout that great land in the South
Then you’ll see that man
Now ain’t he under offer?
Well, I tell you child, you go wash out your mouth

So tell me if you want to see
A world outside your window
A world outside your window isn’t free
Oh and tell me if you want to catch that feelin‘ of redemption
That feelin‘ of redemption don’t do much for me

Now what can you say?
I’m hidin‘ in the belfry
How can you say I want to catch time?
How can you say you know anythin‘ about me?
Because I knew about you but I won’t care about you

Now, everyone has come to see
But some things have to die
Flowers out for this graphic haunt
But they all pass me by

But the age is not
A funny game
It don’t give such a buzz
And when I winced with ignorance
I had to kiss this dust

So tell me if you want to see
A world outside your window
A world outside your window isn’t free
Oh, and tell me if you want to catch that feelin‘ of redemption
That feelin‘ of redemption don’t do much for me

*****

Grau ist es heute da draußen. Bleigrau. Und kalt. Eiskalt.
Aber es kommen auch wieder hellere und wärmere Tage.
Tage, an denen man wieder ein feelin‘ of redemption wird spüren können.

Marode oder: Ein Plädoyer für die Ruhe.

Ein kurzer, kräftiger Atemstoß von Sturmtief Yulia genügte, um eine der morschen Garagentüren dieser Tage endgültig aus ihrer Verankerung in der nicht minder morschen Wand zu reißen.

Jetzt muss man zu zweit sein, wenn man das Auto in die Garage oder aus ihr heraus fahren möchte. Einer bewegt die Karre, der andere hält die Tür fest. Der Hausmeister ist im Fasching verschollen und kümmert sich danach um eine Lösung, wahrscheinlich wird’s ein Provisorium, das bis zum Frühsommer irgendwie halten wird. Denn ab Mai möchte der Vermieter die Garagen im Hinterhof, eine baufälliger als die andere, sanieren lassen, was auch immer das heißt (wenn Münchner Vermieter von „Sanierung“ sprechen, bedeutet das manchmal kaum mehr als einen neuen Anstrich, der die vorhandenen Risse kaschieren soll, so dass man getrost noch ein paar Jahre warten kann, bis die Mauer endgültig zerbröselt).

Manchmal kann ich all das Marode, all das Provisorische, die Notlösungen und das Sanierungsstückwerk, das so ein Durchschnittsaltbau bietet, nicht mehr sehen. Was nicht heißen soll, dass ich mich wieder in den Neubau am Stadtrand zurücksehe, wirklich nicht. Es soll eigentlich nur heißen, dass ich es toll fände, wenn man für seinen saftigen Mietzins einfach mal etwas bekäme, das rundum intakt ist. Eine Utopie in dieser Stadt, ich weiß, und daher stelle ich das unnütze Mietergejammere auch gleich wieder ein.

Was ich auch nicht mehr sehen kann, ist das zu häufige Grau und Geniesel draußen vor dem Fenster. Die Gemütslage ist derzeit nur durch regelmäßigen (!) Sonnenschein und möglichst täglichen (!) Hagebuttenkrapfenkonsum stabilisierbar und beides scheint Mangelware zu sein.

Kaum je mehr als zwei sonnige Tage am Stück, und bei Kustermann, der Münchner Traditionskonditorei hier ums Eck, die wirklich den mit Abstand besten, luftigsten, unfettigsten Hagebuttenkrapfen der Stadt täglich dutzendfach und liebevoll per Hand formt und in ihren Vitrinen zum Verkauf drapiert, ist jeden zweiten Tag bereits vor (!) 12 Uhr das gesamte (!) Krapfensortiment ausverkauft.

Dankenswerterweise saust der Gatte heute extra vor 9 Uhr aus dem Haus, um an der Krapfenmangelfront verlässlich Abhilfe zu schaffen, denn morgen (Aschermittwoch!) ist ja das köstliche Gekrapfe leider schon wieder vorbei und die in Kürze in den Bäckereien Einzug haltenden Osterbackwaren sind bis auf den klassischen Hefezopf (ohne klebrige Rosinen und anderes Beiwerk) allesamt nicht so mein Ding.

Oder man greift zur dritten, verlässlich stimmungsfestigenden Maßnahme: 2.000 Meter durchs Lieblingsbad pflügen. Aber selbst das wird einem bisweilen vergällt. Grad noch schön und friedlich die 40 Bahnen gezogen und wie neugeboren dem Wasser entstiegen, wird man schon wieder ungut beschallt.

In der Dusche plärren zwei mitduschende Frauen in meinem Alter einander Banalitäten zu („Nein, zu dem Shampoo gibt’s leider keinen Conditioner“ / „Ich hatte von gestern noch Quinoasalat übrig, den hab ich mir für nach dem Schwimmen gleich mitgenommen“). In dem gekachelten Raum hallt ja alles dreimal so laut wie draußen oder in der Umkleide, aber nein, man muss überall labern und auch die Umwelt an dem Gelabere teilhaben lassen. Noch dazu erzeugen ja bereits die Duschen einen nicht unerheblichen Dauerlärmpegel.

Ich gebe mir einen Ruck (und Mühe, nicht zu gucken wie ein Kojote kurz vor dem Erlegen seiner Beute), bitte die beiden höflich um etwas mehr Ruhe, werde dann aber angepöbelt: Ja man müsse hier in der Dusche doch lauter sprechen, weil man sich ja sonst bei dem lauten Geplätschere nicht verstünde. Themaverfehlung!, denke ich, gebe den Kampf um Ruhe aber sofort auf, verzichte spontan auf die Haarwäsche und suche das Weite bzw. die Umkleide auf.

Momentan muss ich jeden nicht zwingend nötigen sozialen Aufruhr und Kraftakt meiden, um Energie zu sparen für den Kontakt mit der Firma, die den Wasserschaden saniert und mit anderen Unbilden, die im Kontext der heimischen Misere daherkommen.

[Und die Erfahrung sagt: da kommen schon noch welche daher, wenn es nächste Woche am Montag mit all den Handwerkereien erstmal so richtig losgeht für mehr als zwei Wochen. Leider ist ja Lolek nicht für alles zuständig, schade auch, denn mit dem läuft es weiterhin wie am Schnürchen – wir schicken uns mittlerweile sogar kleine, selbstgedrehte Videos von Duschtüren mit Hebe-Senk-Mechanismus in Aktion. Alles Zubehör ist nun bestellt-besprochen-bereitgestellt, auch ein großer Vorrat an Vinzenz-Murr-Gutscheinen ist schon besorgt, den wir Lolek zu Beginn der Bauphase überreichen werden, damit er für sich und Bolek täglich eine Krakauer kaufen kann. Das wird ihn sicher ebenso freuen wie die Tatsache, dass ich ihm zwei tolle, haargenaue Skizzen zum neuen Badezimmer angefertigt habe („Was kommt wo hin“) und ihm schon am Nachmittag von Tag 1 den Hausschlüssel anvertrauen werde, um ihm hier nicht weiter auf den Wecker zu gehen…]

Auch in der Umkleide ist nicht das zu finden, was ich mir unter Ruhe vorstelle. Einen Gang weiter kreischen vier aufgekratzte Teenager herum, weil der einen das iPhone auf den gefliesten Boden gefallen ist und das Display nun ein Spinnennetzmuster hat (wie konnte ich nur vergessen, dass dieser Tage ja schulfrei ist?).
Neben meinem Spind sitzt eine ältere Frau auf der Bank und ölt sich mit schmatzenden Glitschgeräuschen und unter permanentem Stöhnen eine gruselige, 30 cm lange, blutrote, halbverkrustete Narbe auf ihrem Schienbein ein. Vor dem Spiegel verrenkt sich eine Amazone, um sich ihre Achselhöhlen zu rasieren und daneben verteilt ein Mauerblümchen die Ladung einer ganzen (FCKW-)Haarspraydose auf ihrer Frisur, die durch die betonartige Fixierung kein bisschen schöner wird, im Gegenteil.

Respekt vor der Intimsphäre anderer Menschen und/oder Hemmungen (gar Scham?!), was die Präsentation der eigenen Intimverrichtungen angeht, verkommen im öffentlichen Raum mehr und mehr zu Fremdworten und zu verblassten Phänomenen aus einer anderen, leider fernen und ziemlich vergangenen Zeit. Einer, in der die Menschen noch nicht dauerdämlich, laut und indiskret vor sich hinlabernd mit diesen weißen Pfriemeln im Ohr durch die Stadt stolperten (oder, wie eine Nachbarin: sogar durchs Treppenhaus des Mietshauses) und in der nach den allwöchentlichen Unwettern und Stürmen die Bürgersteige noch nicht zuhagelt waren von diesen blödsinnigen Vehikeln für „die letzte Meile“, die seit letztem Sommer den bis dahin angenehm geringen Unratsfaktor in dieser schönen Stadt verzehnfacht haben.

[Woran man merkt, dass man selbst marode älter wird? Unter anderem daran, dass einen neue Trends und Moden seltener begeistern und die Alltagstoleranz ungefähr im selben Maße abnimmt, in dem die Alltagsdünnhäutigkeit zunimmt. Ich tippe diese Zeilen übrigens in einem der Lieblingscafés sitzend, zwei Tische weiter zwei italienische Pärchen, die so laut sind, dass man von der schönen Musik, die hier üblicherweise läuft, nicht mehr das Geringste hört. Auch deshalb sind mir Skandinavier die angenehmeren Zeitgenossen.)

Verzehnfacht haben wird sich auch unser Stromverbrauch für den Monat Februar. Die Corroventen pusten nach wie vor 24/7 vor sich hin, Ende der Woche werden die Dinger endlich abgeholt. Dank des Geräuschpegels in unserer Wohnung geht uns allerdings die sechsstündige Faschingsparty der Familie unter uns weniger auf den Keks als sie es täte, wenn wir hier ohne Trocknungsgeräte wohnen würden. Eigentlich muss die Bausubstanz dieses Hauses doch eine recht robuste sein: dass das 4. OG und das 1. OG, wo die jeweils zwei kinderreichsten Mitbewohner leben, noch nicht eingestürzt ist bei den vielen Feiern und Familienbesuchen, grenzt an ein Wunder.

Was hingegen an eine Zumutung grenzt: dass in Staffel 2 von „Big little lies“ ausgerechnet Meryl Streep , die ich früher mal so gern mochte, frappierend an die Mutter erinnert. Dasselbe Geschau, wenn man Kritik an ihr übt, derselbe Opferblick, wenn man sich von ihr abwendet, dasselbe Lächeln und derselbe Zuckertonfall, wenn sie einem gleich die nächste Gemeinheit reinreiben wird. Ich schlafe unruhig nach allen drei Serienabenden, was aber wurscht ist, da ich sonst (halt aus anderen Gründen) bestimmt ähnlich unruhig geschlafen hätte.

Zum Beispiel, weil seit zehn Tagen die linke Niere schmerzt, sogar in Ruheposition. Ich bin ja kein Freund von diesen pseudopsychologischen Pathogenesen, dennoch passt das grad hervorragend zusammen: diese Redewendung „etwas geht einem an die Nieren“ und eben genau dieser Schmerz. Also setze ich darauf, dass die Niere sich auch wieder beruhigt, wenn ich mich erstmal im Tegernseer Exil befinden und hier die Bauarbeiten im Gange sein werden (und ein Ende dieser Unbehaustheit absehbar wird).
Wenn sie dort weiterhin piekt, die Niere, kann ich’s für die Dauer des Exils ja auch noch auf die Lebensgefährtin des Papas schieben oder auf den Schwimmbadentzug (zumindest was das 50m-Becken angeht).
Sicherheitshalber habe ich mir dennoch eine nephrologische Praxis am Tegernsee rausgesucht, die Gegend dort ist ja gesegnet mit einer hohen Arztpraxendichte, und gegebenenfalls möchte man ja schnell handeln können.
Spätestens, wenn Lolek mir den Hausschlüssel zurückgibt und die Wohnung wieder ein Ort ist, an dem man gerne wohnt, wird die Niere jeden Schmerz eingestellt haben.

Und bis dahin müsste auch das Dackelfräulein wieder in eine normale mentale und körperliche Spur zurückgefunden haben. Seit zwei Wochen brütet Madame permanent in einem Filzkorb, in dem wir unsere zwei Sofadecken aufbewahren, ihre Nachkommen aus, und vor wenigen Tagen wurde (während einer unserer kurzen Abwesenheiten) der Schaumstoff ihrer Liegeunterlage zu 10.000 Flöckchen zerrupft, mit denen das Nest für den Nachwuchs ausgepolstert werden sollte, damit es die Welpenschar auch gemütlich hat.

Praktischerweise musste ich eh in den Baumarkt, um für Lolek die rauchblaue Farbe anmischen zu lassen (nett: das freundliche Männeken an der Farbenmischstation erinnert sich an einen, „Ist ja erst anderthalb Jahre her!“ sagt er und stellt den Farbkübel fröhlich in die Rüttelmaschine), mit der die Diele zu streichen ist, also dort gleich noch neue Schaumstoffplatten besorgt und zuschneiden lassen.

Und als Konsequenz dieser sonst nie auftretenden Zerstörungswut kommt die Hundedame nun einfach überallhin mit. Natürlich nicht mit mir zum heutigen Konzertabend, dafür darf sie aber nachher den Gatten in die lauschige Lokalität begleiten, wo dieser zum Fußballgucken in größtmöglicher Ruhe hinzugehen pflegt.

Die vier Italiener haben das Café soeben verlassen, man hört die Musik wieder. Ein Aufatmen ist das! Der Cafébesitzer nickt mir zu und dreht die Lautstärke hoch. Manchmal liegen die gesamte Ruhe und das ganze Glück des Universums in einem richtig laut gehörten „You Angel You“.

Was mich auch glücklich machen würde: eine Ruhebank unter den alten Linden an der Theresienwiese mit einem eigens für mich und dieses Mußeplätzchen angefertigten Messingschildchen (ich bastle gedanklich schon seit Jahren an der ultimativen Inschrift, wenn ich bei Regen durch den Englischen Garten oder die Isarauen spaziere).

Auf Hochtouren.

Nach einer geruhsamen Zeit voller Rudelglück, Seriengenuss und Feiertagsfaulenzen läuft das neue Jahr mittlerweile auf Hochtouren.

Der dank des Wasserschadens beschlossene Badumbau ist seit ein paar Tagen im Detail besprochen, die Terminvorschläge harren nun Loleks Überprüfung und Zustimmung, bald drauf geht’s dann zum Fliesen- und Wannenkauf. Das Fachvokabular sitzt jedenfalls schon und bescherte anerkennendes Nicken.

Gesundheitlich geht es größtenteils aufwärts oder zumindest nicht weiter abwärts, man weiß zwischenzeitlich, mit 47,5 Lenzen, dass Glück tatsächlich auch in der Abwesenheit von Unglück bestehen kann.
Auch. Nicht nur.

Vor einem Jahr war tiefster Winter hier, auf der Wiesn bauten sie Schneeskulpturen aller Art. Wir frästen uns durch die weißen Massen hinüber zur Schwanthalerhöhe, um den Film zur 150-Jahr-Feier des DAV anzugucken – und zwei Stunden später war die Spur vom Hinweg bereits nicht mehr zu sehen.
Im Januar 2020 wird an der Isar in kurzen Höschen gejoggt. So sieht man im diesjährigen Winter ganz andere Skulpturen, denn hie und da hoppeln einige Festtagspfunde mit, immerhin ein körperlicher Kampf, der mir seit einigen Jahren meistens erspart bleibt.
Erste Übermütige werfen die Hüllen komplett ab oder den Grill an, die Kioske am Flussufer stellen die Eistafeln raus, an den Stehtischen im Freien leuchtet jedes zweite Glas grellorange und die Hunde testen zaghaft die Wassertemperatur.

Der Friseurwechsel hat weiterhin Bestand. Die zweite Schur ebenso zufriedenstellend wie die erste, nur ohne die schnarchende Bully-Dame anbei, die leider zwischenzeitlich einem Hirntumor erlag. Die Art und Weise, wie der neue Coiffeur mir davon erzählt (plus das anschließende Einlegen einer Live-CD von den frühen Stones), hat zur Folge, dass wir zum Du übergehen. Eh fast derselbe Jahrgang.
Auch Pippa hat den Friseur gewechselt, da die gute S. nun geheiratet hat und in neue Wirkungskreise abtaucht (eigener Salon, aber diesmal Fingernägel oder sowas). Ihre Nachfolgerin wurde allein deshalb kritisch beäugt, weil sie das Begrüßungsritual (Vor dem Rasierer kommt die Wurst!) noch nicht kannte.
Man merkt, dass man älter wird, denn das Ausmaß, in dem einen solche Veränderungen auf einmal beschäftigen, verhält sich in etwa proportional zum Wachstum der grauen Haare.

Der nette Nachbar lädt einen zum Geburtstagsbrunch ein. Das muss heißen, wir bewegen uns wohl defintiv Richtung freundschaftliche Verbandelung.
Alle verstehen sich bestens: sowohl sein Gatte mit meinem, als auch die Hundedame der beiden mit unserer Pippa (wir berichteten hier und hier). Das ist nicht nur in sozialer, nachbarschaftlicher, tierischer und zwischenmenschlicher Hinsicht recht erfreulich, sondern diese Entwicklung passt auch ideal zum demnächst drohenden sanitären Totalausfall in unserer Wohnung: zumindest ich werde dann dort unten ganz unbekümmert um tägliche Nutzung der Dusche ersuchen, notfalls vielleicht auch um Asyl, sollte es bei uns oben gar zu unwohnlich und staubig werden (Lolek kündigte eine Abdichtung des Flurs an, bei der wir nur noch durch einzelne, abgeklebte Schlitze in unsere Zimmer schlüpfen können, das klingt irgendwie ungemütlich).
Bei der brunchenden Gästeschar erwartungsgemäß ein deutlicher Männerüberschuss. Neben mir sitzt der Ex vom Nachbarn, ein sehr sportlicher, hübsch bewimperter Kerl, er sitzt da in Begleitung seiner Mischlingshündin mit nicht ganz so hübschem Unterbiss.
Wir verstehen uns auf Anhieb, stellen etliche gemeinsame Interessen fest, vor allem in alpinistischer Hinsicht, weshalb wir nach dem zweistündigen Gespräch die Telefonnummern austauschen, um die überaus erquickliche Unterhaltung in Kürze bei einem Hundespaziergang fortzusetzen und über eine Tourplanung nachzudenken.
Sonst habe ich dort mit niemandem länger geredet, was mal wieder die These untermauert, dass in diesem Leben aus mir kein Gruppenmensch mehr wird (ein Brunch-Fan im übrigen auch nicht, aber das ist ein anderes Thema).
Schon immer lauter Einzelfreundschaften, bestenfalls mal eine Paarfreundschaft.

Freund P. schickt aus Sylt eine Wien-Atrappe voller Zuckerzeug, fast zeitgleich trifft ein Care-Paket von Freundin H. aus der Schweiz ein, das mit holländischem Hagel gefüllt ist.
Man meint es also gut mit mir und ist um Aufpäppelung bemüht. Ich danke den beiden ganz herzlich für all die Kalorien, verhänge hiermit aber bis zum Spätherbst einen Süßwarensendestopp.
Einen Dackelschlafsack könnten wir jedoch nach wie vor brauchen. Auch neue Ohrringe fände ich mal wieder fein. Oder einen Massagegutschein, bitte nicht unter 40 Minuten. Aber mit Schokokram ist jetzt erstmal finito, ok?

Die berufsbedingte Pendelei hat diese Woche wieder begonnen und somit auch die Strohwitwen- und Alleinererziehenden-Tage (und -Wochen).
Während der fleißige Gatte heute Abend unter den Linden der Hauptstadt weilt und dort über philosophische Treppen zum Hörsaal hinaufsteigt, um über den Körper zu referieren, bereiten das Dackelfräulein und ich andere körperliche Aufstiege vor.
Morgen geht’s ins bayerisch-österreichische Grenzgebiet, Material sammeln für eine kleine Winterreportage.

 

Mitten im Rucksackpacken piest das Handy. Eine Whatsapp aus Berlin. Der Gatte schickt kurz vor Vortragsbeginn ein Foto von etwas, das aussieht, wie ein in eine Serviette eingepacktes Nutellaglas. Wenig später ein zweites Piepsen. Eine Mail aus Berlin. Frau Tontöppe schickt ein Foto von jemandem, der aussieht wie der Gatte. Aha!

Trotz meines Feierabendweißbiers, das ich schon intus habe, schlussfolgere ich messerscharf zweierlei: 1.) Frau Tontöppe hat sich in die Uni zur Ringvorlesung begeben und 2.) bei dem eingepackten Etwas könnte es sich mit ein bisschen Glück nicht um ein Nutellaglas, sondern um Quittengelee-Nachschub aus dem Tontöppeschen Garten handeln.
Na sowas! Haben die beiden sich jetzt glatt zuerst kennengelernt (wohingegen ich Frau Tontöppe ja noch nicht live zu Gesichte bekam).

Herzliche Abendgrüße nach Berlin & natürlich auch an die übrige Leserschaft zwischen Zürich und Sylt!

Was sonst noch so war (oder ist oder sein wird).

Der heutige Dienstag beginnt ungeahnt fröhlich: mit Lachtränen am Frühstückstisch. Mein Privater Pressespiegel, den ich seit Jahren abonniert habe und dessen morgendliche Präsenz neben meinem Schokostreuseltoast ich nicht mehr missen möchte, hat heute wieder ein paar besondere Schmankerl für mich vorgesehen, unter anderem einen Artikel von Max Scharnigg über das antiquierte Katalogwesen. Er lag ganz oben auf dem Stapel der sorgsam vom häuslichen Pressebeauftragten aus der Süddeutschen Zeitung herausgetrennten und gefalteten Seiten, auf denen jeweils mit buntem Leuchtstift der von mir zu lesende Artikel markiert ist, damit ich nicht aus Versehen meine wertvolle Lebenszeit mit nutzloser Lektüre vergeude. Aus allen Ressorts erhalte ich so stets das nach meinen individuellen Maßstäben Wichtigste (bzw. das nach denen des häuslichen Pressebeauftragten als solches Erachtete) – und das verzehrfertig portioniert. Besser geht es nicht, vor allem morgens.

Dem Gatten gebührt wirklich ein Orden dafür, dass er seine Nebentätigkeit als häuslicher Pressebeauftragter schon seit Jahren zu meiner vollen Zufriedenheit ausübt (genauso wie seinen Job als Serienbeauftragter, der besonders dann, wenn eine Serie von Feiertagen ansteht, gewissenhafteste Planung voraussetzt, um Pannen wie z.B. jene, dass einem plötzlich am 25.12. gegen 20:37 Uhr der Stoff ausgehen könnte und man womöglich hinaus ins Kino müsste – oder überhaupt irgendwie hinaus in die Welt des weihnachtsfeiernden Volkes -, unbedingt zu vermeiden) und mir dadurch das Hantieren mit der für meinen Geschmack einfach viel zu großen, unhandlichen Gesamtzeitung konsequent erspart (und bitte kommen Sie mir jetzt nicht mit dem Hinweis auf digitale Abos: eine Zeitung ist und bleibt etwas, das ich auch mal anfassen können möchte und das keine teuren Reparaturen verursachen darf, wenn es mir in die Badewanne fällt).
Da der Private Pressespiegel meist im Laufe von ein paar Tagen entsteht, da er ja von Hand gesammelt und erstellt wird (der Begriff handverlesen erschließt sich einem hier ganz neu, fällt mir gerade auf) – je nachdem eben, wie der Gatte neben seinem universitären Hauptjob halt grad die Zeit findet für diese nebenberuflichen Sperenzchen – erspart er mir sogar die Druckerschwärze an den Fingern, da die Seiten bis dahin oft schon gut abgehangen sind.
Sehr angenehm, so ein Pressespiegel, ich kann es Ihnen nur empfehlen, falls Sie auch zu denen gehören, die sich nicht gern beim Umblättern von diesen monströsen Tageszeitungen die Butter vom Brot nehmen lassen.

Zurück zu dem Katalog-Artikel von Scharnigg. Toll geschrieben zum einen, zum anderen eine herrliche Erinnerung an uralte Zeiten, in denen ich mir abendelang mit H., als es noch nett und entspannt war mit ihm, aus dem Manufactum-Katalog vorlas und wir aus dem Gegackere und den Begeisterungsstürmen ob dieser Sprache gar nicht mehr herauskamen.
H. war übrigens der schwäbische Theologe und Psychologe, mit dem ich seinerzeit einen nicht mal einjährigen Beziehungsversuch praktizierte, der dann aber an Hs Eifersuchtswahn scheiterte (Bsp.: Ich, mit nassen Haaren, auf dem Rad sitzend, vom Schwimmen heimkehrend und ihn freundlich grüßend – er, mit trockener Miene, vor meiner Haustür wartend und mich sofort anmeckernd, wen ich denn im Schwimmbad getroffen hätte, da ich ja so glücklich aussähe – und wehe, es entfuhr einem dann auch noch ein Lachen), was insgesamt gut so war, denn auf lange Sicht hätte mich dieser Dialekt sowieso zu sehr strapaziert.

Auch Gemütslage und daraus resultierende Handlungsaussetzer bei der Lektüre des Sport-Schuster-Katalogs fasst Scharnigg grandios zusammen (dasselbe gälte auch für den Globetrotter-Katalog, mein erklärter Liebling unter den etablierten Outdoor-Œuvres). Mit den anderen drei Katalogen habe ich persönlich kaum Erfahrung, dennoch habe ich mehrfach geschmunzelt beim Lesen.

*****

Stirnrunzeln und Kopfschütteln löste hingegen dieser Tage die bahnbrechende Erkenntnis aus, dass ich meine ersten drei Lebensjahre ja im Glockenbachviertel verbracht habe. Es war daheim immer nur die Rede von „Auenstraße“, die Eltern haben nie das Viertel dazu genannt.
Hätte man in 47 Lebensjahren durchaus schon ein klein wenig eher herausfinden können. Es verhielt sich hiermit aber wohl wie mit Liedern, die man in frühester Kindheit gelernt hat: manche Worte, Sätze, Refrains hat man nie so recht verstanden, sie in ihrer Bedeutungsentleertheit aber auch nie hinterfragt, und erst Jahrzehnte später fiel’s einem wie Schuppen von den Augen, dass der See gar nicht stahlig herumlag, sondern dass es schlicht und einfach still und starr liegt der See hieß. Holla!

*****

Bei frühlingshaften Temperaturen geht’s morgen endlich mal wieder an den See, der putzmunter und ohne jede Eisscholle drauf im Föhnsturm vor sich hinwogen wird.
Das Fräulein und ich wollen den Papa besuchen, ein paar Dinge für ihn regeln, gemeinsam ein vorgezogenes Weihnachtsessen verdrücken, auch wenn die für morgen angekündigten 17 Grad am Alpenrand dem Wallberg das dünne Schneekapperl, das er schon trug, schnell wieder abziehen werden und dort dann nicht viel an Weihnachten oder Winter erinnern wird.
Mir aber eh wurscht, da ich ja mit diesem Fest nicht viel am Hut habe (und ehrlich gesagt auch nicht mal einen Hut besitze).

*****

Apropos Redewendungen: ein netter Österreicher, mit dem ich gelegentlich Mails tausche, schreibt mir neulich „Wünsche Dir baldige Besserung mit Deiner Backe“ und ich stutze und frage mich, was er damit wohl meinen könnte. Zahnprobleme hab ich ja nun keine. Und auch kein Furunkel am Allerwertesten.

Scrolle dann in der Mail weiter runter, bis zu meiner letzten Mail, um zu gucken: hab ich mich da vielleicht irgendwo vertippt? Nein, hab ich nicht, ich schrieb ihm dort lediglich, ich hätte grad „gesundheitliche Probleme an der Backe“.
Das lässt in der Tat zwei Lesarten zu – und es erheitert mich wirklich sehr, welche der beiden er gewählt hat.

*****

Nicht minder erheiterte mich die vom Postillon vor einigen Tagen veröffentlichte Liste der 25 häufigsten Google-Suchanfragen der Deutschen in 2019. Tatsächlich konnte ich nach zweifachem Genuss dieser Aufzählung lange nicht einschlafen, vor lauter Gekicher. Es gibt wahrliche schlimmere Ursachen für Schlaflosigkeit, sagte ich mir, und las die Liste gleich noch ein drittes Mal.
Falls Sie auch mal nicht einschlafen können, nehmen Sie doch einfach an einem kleinen Gewinnspiel teil: Finden Sie meine drei Favoriten in dieser Liste und Sie gewinnen eine selbstgebrannte Mandel oder Musik-CD, ganz nach Gusto (oder meinetwegen auch ganz nach Gustl).

*****

Zurück zur Gesundheit und dem, was da so an der Backe haftet. Ziemlich hartnäckig pappt es da. Aber man muss auch kleine Erfolge wertschätzen sowie das Drumrum dieser kleinen Erfolge. Der Osteopath hat einige Schmerzpunkte weggezaubert, ich check‘ es zwar nicht, wie der das macht, aber er macht’s. Sogar zum Freundschaftspreis, weil man kennt einander nun seit 15 Jahren, 10 davon als Privatpatient, da ist man quasi für magerere Jahre schon ein wenig in Vorleistung gegangen. Der Ellenbogen nun um Welten beweglicher, die Schulter tageweise schmerzfrei, der Nachtschlaf auch besser.

Und weil sich’s so ergab – er ist nämlich wirklich ein sehr netter Mensch, dieser Osteopath – bot er an, sich das Fräulein auch mal anzusehen. Umsonst, weil er ja keine spezielle Ausbildung für Tierbehandlung hätte.

Die Sitzung hat mich extrem angerührt: diese großen Therapeutenhände auf dem kleinen Hundekörper, und so erstaunlich, wie schnell sie ganz ruhig wurde und still hielt und ihn, den sie noch nie zuvor gesehen hatte, einfach machen ließ. Beruhigendes Ergebnis zudem, dass der Knubbel rechts neben der HWS, den ich seit längerem beim Kraulen spüre, eine muskuläre Sache ist – mir fällt ein Stein vom Herzen.

*****

Wenn aber momentan ein Stein vom Herzen fällt, kippt das Schicksal sogleich ein paar Brocken nach. Der Obdachlose aus der Unterführung hier in der Nähe ist nur zwei Wochen nach seinem Hund gestorben.
Mir bleibt die Spucke weg und wird noch kälter als mir eh schon ist, als ich’s erfahre.

„Bubi, du darfst mir nicht erfrieren!“, das sagte er noch vor rund einem Monat zu seinem alten Hund. Ich hörte es, weil ich durch die Unterführung joggte und meinem Walkman just der Saft ausgegangen war (genau wie mir, nachdem ich Zeuge dieser Szene geworden war).

Brachte ihm später eine Decke für seinen Bubi. Hat aber nichts mehr geholfen, der Hund starb trotzdem wenige Tage später. Und neulich, wieder durch die Unterführung zum Park laufend, sehe ich die alte Decke bei einem anderen Obdachlosen und frage spontan nach, wo denn der ursprüngliche Besitzer der Decke sei. „Is‘ tot“, sagt der Unterführungskollege, rollt sich in die Decke ein und dreht sich zur Seite.
Da gefriert einem echt das Blut in den Adern und der heimische Wasserschaden wirkt auf einmal reichlich banal.

*****

Dennoch möchte ich Ihnen den Status quo zu diesem kleinen, heimischen Desaster nicht vorenthalten, zumal mir klar ist, dass manch eine/r von Ihnen mich sonst eh per Mail oder fernmündlich um Auskunft ersuchen würde. Weil das ja schon ein arg hässlicher und fieser Fleck war, der sich da in unserer Kammer ausbreitete und die Regalreihen eine nach der anderen zu okkupieren drohte. Da würde ich auch nachfragen, wenn ich wüsste, ein Freund oder eine Freundin hätte einen solchen Fiesling mitten in der Wohnung sitzen.

Sage und schreibe 13 Tage nach meiner Schadensmeldung klingelte hier – natürlich zur absoluten Lieblingszeit (vor 8 Uhr morgens) – ein Mitarbeiter einer Firma mit dem verheißungsvollen, aber verlogenen Namen „Schaden365“. Verlogen, weil mindestens 13 Tage gehören hier ja abgezogen und man weiß nicht, wie’s anderen ergeht.

Ein freundlicher Mann in – mit noch schlafverklebten Augen betrachtet – Glen-Hansard-Optik, nur jünger und mit schlechter sitzenden Hosen, betritt schwer bewaffnet die Wohnung. Das Dackelfräulein begrüßt ihn aufs Herzlichste, denn sie weiß: Handwerker kommen grundsätzlich nur hier vorbei, um mit ihr zu spielen (und man muss sagen: manchmal ist das ja tatsächlich das einzig positive Ergebnis solcher Besuche). Sie bringen immer große Boxen mit, in denen viele Spielsachen drin sind, die sich toll von einer Dackelschnauze stibitzen lassen und wunderbar über den Parkettboden gekickt werden können. Außerdem gehen sie kurz nach Ankunft auf die Knie, um auch auf Augenhöhe mit ihr spielen zu können, nachdem sie sich zuvor intensiv die Ohren und den Bart säubern ließen. Pippa liebt Handwerker, Heizungsableser und Hausmeister, bislang beruhte das auch meist auf Gegenseitigkeit.

Der nette Herr von „Schaden365- minus-mindestens-13“ hat Spielsachen dabei, die auch ich noch nie gesehen habe. Eine Wärmebildkamera beispielsweise. Damit kann man den Verlauf der Rohre hinter der verschimmelten Wand nachvollziehen, wenn man Wasser hindurchschickt, und auch noch einiges andere wie heimliche Nebenpfade, die das Wasser sich gesucht hat, aufspüren. Klasse Sache!

Nach anderthalb Stunden ist die undichte Stelle hinter der Wannenarmatur gefunden und abgedichtet, in der Kammer der Putz oberflächlich, aber fürs Erste gründlich genug abgeschlagen und alles stinkt nach Chlorbleiche. Wir haben außerdem ein paar neue Begriffe aus der Wunderwelt der Wasserschäden gelernt und die Empfehlung erhalten, dass der gesamten Wand zwischen Bad und Kammer im Frühjahr, wenn das Bad erneuert wird, ein Neuaufbau gut täte. Na, das wird ein Spaß!

*****

Das habe ich Ihnen, glaube ich, noch gar nicht berichtet, oder? Im Zuge des Wasserschadens und des Begehungstermins letzte Woche hier vor Ort, habe ich unserem Vermieter die Zusage für ein komplett neues Badezimmer aus den Rippen geleiert. Das war eigentlich so ein Fernziel von mir, für 2021 oder 2022, man muss ja die Wünsche an diese Münchner Vermieter sehr wohldosiert platzieren und bloß nicht zu viele oder zu kostspielige auf einmal, aber jetzt bot es sich an, das vorzuziehen, denn so schnell kommt so eine Gelegenheit nicht wieder, dass der Vermieter höchstselbst die vergilbten Silikonfugen am Wannenrand und die fragwürdigen Fugen im gesamten Fliesenspiegel mal zu Gesichte bekommt und ich mich live sowohl sehr glaubhaft als spießige Hausfrau als auch als bemitleidenswerte Allergikerin präsentieren kann.

„Schauen Sie, wir halten Ihre Wohnung wirklich sehr gut in Schuss und haben hier auch schon viel investiert, das sehen Sie ja, da wäre es doch schön, wenn ich nicht dauernd niesen müsste und mir endlich mal keine Sorgen mehr machen bräuchte, wo vielleicht als nächstes der Schimmel durchbricht…“ – bei diesem (inhaltlich weit übertriebenem) Satz den Vermieter wie beiläufig ins ordentlich gewienerte Bad geführt, so dass ihm der Kontrast zwischen der schon seit weit vor Einzug vorhandenen Baufälligkeit dieser Nasszelle und meinem redlichen Bemühen, das Beste daraus zu machen, zwangsläufig auffällt, ja: auffallen muss, und als ich zum nächsten, die Notwendigkeit eines neuen Badezimmers untermauernden Argument ausholen möchte, unterbricht er mich bereits und meint „Ja dann wird das jetzt einfach mal gemacht. Und zwar gleich im Februar oder März. Was hätten Sie denn gern alles erneuert? Fliesen? Wanne? Der Boden, geht der noch?“
Nein, natürlich geht auch der Boden nicht mehr bzw. der vorhande wird dann nicht mehr zu den Fliesen passen, die wir uns vorstellen. Alles muss raus. Wenn schon, denn schon.

In die große Vorfreude auf eine nahende Badzukunft ohne Ekelsilikon und Schimmelsporen mischt sich allerdings auch bald blanker Realismus.
Zu präsent sind sie noch, die Wochen der Umzüge und der Handwerkeleien aus den Jahren 2017 und 2018, zu präsent ist auch noch die Erinnerung daran, dass Renovierungen jeder Art immer auch Baustellen jenseits der eigentlichen Baustelle mit sich bringen, neben all den anderen möglichen Seiteneffekten, dem Dreck, dem Terminchaos und dem unvermeidbaren Verhau hier herinnen.

Im Hinterkopf formiert sich daher schon seit Tagen ein Fluchtszenario: Wenn man das Ganze so richtig gut vorbereiten würde, sich da selbst organisatorisch reinhängen würde, anstatt das alles dem Vermieter zu überlassen, dann wäre es ja eventuell denkbar, dass man nach ein paar Tagen, in denen man Lolek & Bolek (treue Leser erinnern sich vielleicht noch an die beiden und tatsächlich besteht nun die Aussicht auf ein „Lolek&Bolek 2.0“, ja wer hätte das gedacht?, aber die können halt alles, von der Türschwellenschreinerei über Lackierungen und Anstriche bis hin zum Fliesenlegen) hier eingewiesen und ihnen ein bisschen auf die Finger geschaut hat, vielleicht die restliche Zeit allein werkeln lässt, sich währenddessen anderswo einquartiert, wo man auch Duschen und Baden kann – und erst dann wiederkehrt, wenn hier alles erledigt und alles wieder gut ist.

****

Dass alles gut sein möge, diese Sehnsucht wohnt ja nicht nur still und leise in jedem Einzelnen von uns, sondern auch unüberhörbar in urbanen Treppenhäusern. Die Nachbarin, im Grunde eine ganz Nette und Unkomplizierte, ist auf dem besten Wege, sich den Status nett und unkompliziert, den sie bislang bei mir genoss, nachhaltig zu ruinieren. Seit einiger Zeit schleudert sie mir bei unseren Zufallsbegegnungen im Treppenhaus jedesmal ein mit Hast rausgeprustetes „Und? Wie isses? Geht’s euch gut?“ entgegen. Bislang habe ich das mit einem sozialverträglichen „Ja“ quittiert, wohl wissend, dass ein „Nein“ ja nicht das wäre, was die nette, unkomplizierte Nachbarin zu hören beabsichtigt.

Diese nachbarschaftliche Anpassungsleistung meinerseits war jedoch ein großer Fehler, denn jetzt hat sie ihre unselige Floskelfrage zu einem noch zeitsparenderen „Na, alles super?“ umgemodelt und sich damit nun das längst fällige „Nö!“ von mir eingehandelt.
Woraufhin wir dann ins Gespräch kamen, was eigentlich auch nicht in meiner Absicht lag, da ich es vorziehe, Treppenhausbegegnungen kurz, nett und unkompliziert zu halten und mich nicht in längere oder gar persönlichere Unterredungen verwickeln zu lassen.

Womöglich ist mein Wunsch, es bei einem freundlichen „Hallo“ samt Blickkontakt zu belassen auch nichts wesentlich Anderes als das ehemalige „Und? Wie isses? Geht’s euch gut?“ der Nachbarin. Hätte sie es nur dabei belassen!

*****

Für heute belasse ich es bei diesen Einblicken und Ausblicken, sende Ihnen herzliche Grüße, verbunden mit dem Wunsch, dass bei Ihnen alles gut oder sogar super sein möge – und sollte das nicht rundum der Fall sein, so wie bei mir ja auch, dann wünsch‘ ich Ihnen, dass Sie’s auch nicht zu bitter oder zu ernst nehmen, erst recht nicht in dieser für viele ja eh schon recht anstrengenden Vorweihnachtswoche.

Lichte Momente.

Schwülwarmer Bärlauchdunst schwappt durch den für einen Frühlingsferientag ungewöhnlich leeren Englischen Garten. Viele Seitenwege haben wir ganz für uns allein, prima ungestört lässt sich das Feuerwerk, das die Pollen mindestens minütlich in der Nase zünden, abniesen.

Kaum etwas geht – mal rein stadtimmanent gedacht – über diese herrlichen Münchner Parks mit all ihren Großzügigkeiten.
Diese Pracht noch dazu in fußläufiger Distanz, nicht selbstverständlich, das alles, wie mir erst neulich in Wien wieder bewusst wurde, wo so ein Hund ja fast nirgendwo in innerstädtischen Grünanlagen mal ohne Leine laufen darf.
Das ist Luxus pur!, rufe ich dem Dackelfräulein zu, das geschäftig durch das flache Bachbett schnorchelt, sich anschließend auf der Wiese den Pelz trockenschubbert und sich danach zum Sandburgbau an die Uferböschung begibt.

Ich setze mich auf eine Parkbank, um sie einerseits gewähren zu lassen und andererseits ihr Tun genau im Auge zu behalten und gegebenenfalls pfeilschnell und mahnend den Finger heben zu können, wenn sie sich klammheimlich einen fingerdicken, grüngrauen Gänsehäufchenimbiss einverleiben möchte (klammheimlich ist, nebenbei bemerkt, schon immer mein Lieblings-Hendiadyoin gewesen: wie Trüffelschweine waren wir ab der 9. Klasse in lateinischen Texten auf der Suche nach diesem Stilmittel, gedrillt von Herrn Konrad R., den ich verehrte, so streng und unbeliebt er auch war).
Das Hundetier und ich haben uns im Laufe der Jahre hervorragend eingespielt bei der Ausübung dieses perfiden Belauerungssports. Wachsamkeit, Geschick und Flinkheit sind hierbei alles, und ich gebe zu: meist liegt die Madame knapp in Führung, was ja auch keine Kunst ist, da ihr Rüssel den begehrten Trophäen naturgemäß näher ist als meiner.

*****

Ein sehr unösterliches Ostern war das.
Keine Auferstehung in Sicht, immer noch bleierne (Frühjahrs-?)Müdigkeit oder einfach ein konstitutioneller Durchhänger.

Der Lindt-Goldhase, den mir mein großer Freund S. schenkte, bekam am Ostermontag auf den letzten Drücker und ganz unerwartet noch Gesellschaft von einem kleinen Goldhäschen und ein paar Lindor-Eiern. Die kleinen roten. Als hätt’s der Schenker gewusst, dass genau das die Ostereier meiner Kindheit waren.

Der Papa war Jahr für Jahr am frühen Morgen des Ostersonntags mit 10 bis 15 dieser köstlichen Minischokoeier in der Wohnung unterwegs. Während die Mutter und ich noch schliefen, spielte er den Osterhasen und versteckte diese Leckereien für mich.
Zusätzlich noch ein paar handgefärbte, echte Eier. Die platzierte er meist bruchsicher an den immer gleichen Stellen: im Futterschälchen von Cocolinos Käfig, im tönernen Kerzenständer im Bücherregal und – nach dem Herausdrehen der Glühbirne – in der Fassung der weißen Lampe mit dem verchromten Fuß, die auf dem schwarzen Ecktisch stand.

Der Ecktisch hieß so, weil er die Ecke zwischen dem Zweisitzer und dem Dreisitzer der Ledercouchgarnitur, die ich nie leiden konnte, bis auf einen kleinen Spalt passgenau ausfüllte. Er war einer der wichtigsten Orte meiner irgendwie zu kurz geratenen Kindheit. Wenn die Eltern stritten, kroch ich unter diesen ca. 40cm hohen Tisch und versteckte mich dort und wagte mich manchmal stundenlang nicht mehr hervor.
Als sich die Verweildauer unterm Ecktisch indirekt proportional zum Freudefaktor der elterlichen Ehe zu verhalten begann, richtete ich mir dort unten ein kleines Lager ein, ausgestattet mit dem Nötigsten, wie es immer so schön heißt. In meinem Fall waren das irgendein Knabberkram, etwas zu Trinken, eine Wolldecke, der Olympia-Waldi, mein Hansipolster und das kleine Notizbüchlein samt Stift, denn selbstverständlich führte ich akribisch Buch über meine Ecktisch-Aufenthalte und die Beobachtungen, die ich – durch den schmalen Ritz zwischen den beiden Sofas bang ins Wohnzimmer spähend – so machte (oder machen musste).

Auch die kleinen roten Lindt-Eier wanderten oft in mein Survival-Depot. Womit wir wieder bei Ostern wären, wovon ich ja eigentlich berichten wollte und nicht von einer dieser zermürbenden Retrospektiven auf biografisch längst Kompostiertes. Sondern von Ostern, wie es früher mal war und wie ich es mochte. Genauer: von der Eiersuche.

Der Papa war kein geschickter Versteckfinder, die meisten Eier leuchteten rotglänzend und dadurch besonders gut sichtbar aus ihren Verstecken hervor und ich musste mich weder recken noch strecken, um sie meist schon beim Betreten eines Raumes mühelos zu entdecken. Des Papas Bemühen, mir mit der frühmorgendlichen Versteckerei eine Freude zu machen, rührte mich als Kind so sehr an, dass ich mich meinerseits bemühte, so zu tun als hätte ich allergrößte Mühe, die kleinen Lindt-Eier zu finden. Selbst mit den großen, bemalten Eiern ließ ich mir Zeit, obwohl man Tomaten auf den Augen hätte haben müssen, um die zu übersehen.

Ich tappte also mehrfach von Zimmer zu Zimmer und stellte mich bei der Suche so ungeschickt an, dass der Papa, geduldig wartend immer tiefer in den Zweisitzer einsinkend, weil das Töchterchen dermaßen lang erfolglos umherirrte, irgendwann anfing, mir Tipps zu geben.
Kleine, knifflig gemeinte Hinweise wie beispielsweise Denk mal an Fasching! und dann tat ich, die ich das Ei im Hut des Holzclowns neben den Bildbänden schon längst gesehen hatte, so, als würde ich noch ein wenig grübeln müssen, bis mir schließlich beim Schweifenlassen des suchenden Blickes über die Regalwand – endlich, endlich! – der Clown ins Auge stach und ich übertrieben freudig – Ach ja, genau, der Clown, der passt ja zum Fasching! – nach dem roten Schokoei grapschte.

So ging das jedes Jahr dahin, bis zum letzten Ei, und alle waren eine Eiersuche lang glücklich, auch die Mutter, die während der Eierodyssee aus ihren Gemächern zu uns schwankte und sich auf den Dreisitzer drapierte und der Suchorgie kreislaufschwach vor sich hin blinzelnd beiwohnte, ein Zustand familiärer Harmonie und Friedlichkeit, den es ganz unbedingt in die Länge zu ziehen galt, in der Hoffnung, dass er vielleicht noch bis nach dem gemeinsamen Osterfrühstück oder gar bis nach dem Osterspaziergang anhalten würde.

Mein glücklichstes Ostern war zweifellos jenes, an dem uns bei diesem Spaziergangsritual jener Welpe über den Weg lief, der mein erster Hund werden sollte. Dieses Glück half mir über so manch trostlose Ecktischstunden hinweg, denn von da an hatte ich immer eine verlässliche Gefährtin an meiner Seite, auch in meiner kleinen Survival-Höhle, und eines Tages übernahm sie meinen dortigen Beobachtungsposten, weil ich endgültig zu groß geworden war, um mich noch unter diesen Tisch zu zwängen und so überließ ich ihr den für mich zu eng gewordenen Dachsbau und ich durfte fortan die letzten Etappen des Rosenkriegs ungeschützt mitansehen.

Ja: durfte. Denn ich war trotz aller Splitter, derer man sich im näheren Umkreis dieser Gefechte kaum erwehren konnte, froh darum, das meiste mitzubekommen und nachvollziehen zu können, weshalb es nötig und wichtig war, dass die Parteien letztlich auseinandergingen.

*****

Die Frühlingssonne steht mittlerweile hoch genug, um die zur Ostseite hin gelegenen Räume jeden Morgen ganz wunderbar mit Licht zu durchfluten, in diesem unbarmherzigen Flutlicht aber zugleich auch das zum Vorschein zu bringen, was der flache Winkel der Wintersonne (zusätzlich verstärkt durch die bis vor kurzem völlig verdreckten Fenster) noch gnädig vertuscht hatte.

Diverse Unebenheiten der letztjährigen Renovierungsarbeiten kommen nun zum Vorschein: Lolek, Bolek und Konsorten haben dann doch den einen oder anderen kleinen Pfusch hinterlassen, wie man nun sieht. Natürlich sind sie längst mit dem Salär über alle Berge und dort auch nicht mehr zu erreichen oder schuften sich anderswo in schlecht bezahlten Jobs die Seele aus dem Leib, so dass sie für Nachbesserungen leider keine Kapazitäten mehr frei haben.

So legt man jetzt eben selbst Hand an, schleift hier und da etwas ab, zieht da und dort etwas nach, justiert und montiert neu, liest sich in Lackiertechniken ein, spritzt eine Probefuge, kratzt sie wieder heraus, oder sucht mit einem Magneten den Türstock der Schiebetür nach den Befestigungsschrauben derselben ab, die der Handwerker seinerzeit perfekt plattgehobelt und zugepinselt hat („Isse schöner so!“), ohne allerdings – wie munter hobelnd zunächst noch zugesagt – vor dem Zupinseln eine kleine Skizze anzufertigen, wo man die Schrauben ggf. wiederfinden würde.

Betrachten wir’s als ein Sich-Vertraut-Machen mit Nischen und Feinheiten des eigenen Zuhauses, das schadet einem ja nicht, höchstens dem elenden Ellbogen setzt es zu.

Als Ausgleich dazu nach monatelanger Suche endlich eine Stehlampe fürs Wohnzimmer gefunden. Grauenhaftes Gegoogel, bis man sich da überhaupt mal einen Überblick in diesem Dschungel verschafft hat! Immer nach spätestens einer Stunde Kopfweh bekommen (manchmal allein wegen der Preise: es muss massenhaft Menschen geben, die sich Stehlampen im Wert eines Kleinwagens kaufen wollen/können, oder wie erklärt es sich, dass diese Lichtobjekte auf dem Markt überleben?) und es entnervt wieder bleiben lassen. Und eines Abends dann durch Zufall doch noch fündig geworden.

Heute mal in das Geschäft spaziert, um das Ding in echt zu besichtigen.
Pardon, es heißt ja nicht mehr Geschäft, man nennt das jetzt Showroom. Das gute alte Geschäft hat ausgedient, das Möbelhaus eh.
In diesen Showrooms laufen lässige Showmaster herum, keine schnöden Verkäufer mehr. Jeder von denen trägt ein mattsilbriges Tablet mit sich herum, hat man eine Frage – und die meine war heute eine ganz simple, nämlich: Wie zum Teufel schalt‘ ich diese Funzel ein? – loggt sich der personal consultant in den entsprechenden room ein, in dem man grad ganz real steht und ebenso analog wie erfolglos an dem Schalter der Lampe herumdrückte, und bringt per Mouseclick das Ding zum Leuchten. Never seen before – mir, dem entmündigten Kunden, unfähig eine Lampe allein anzuknipsen, bleibt vor lauter Staunen der Mund offen stehen. Fremd bin ich geworden, in manchen Sphären der Konsumwelt.

Die Lampe ist aber toll. Ich trage sie mir in eine stille, leere und eher dunkle Ecke am Rand der riesigen Lampenbühne, damit ich mal mit ihr allein sein kann. Bitte den smarten Simon, der sich mit seinem Tablet diskret hinter ein paar voluminösen, mit japanischem Reispapier ummantelten Lichtobjekten aufhält, um ja nicht aufdringlich zu wirken, dann nochmal, sie mir auch dort, in meinem entlegenen Eckchen, erneut einzuschalten.

Dann stelle mich neben sie, setze mich unter sie, betaste sie rundum, trete ein Stück beiseite und lasse sie einfach mal auf mich wirken. Diese Dinge, mit denen man länger zu leben beabsichtigt, wollen ja erstmal be_griffen werden, bevor man sie sich ins Haus holt und ein veritables Zusammenleben beginnen kann.
Größe passt, Farbe passt, Lichtkegel und -intensität auch. Zeitloses Design, sehr geringes Risiko also, dass man sie schon in 5 oder 10 Jahren nicht mehr erträgt.

Und sie ist dimmbar, das ist mir wichtig. Ich liebe dimmbare Lampen. Je älter ich werde, desto mehr, denn damit lassen sich eventuelle Unebenheiten – in der Wohnung wie auch in der Visage und im Leben – einfach mal mit milder Schummerbeleuchtung kaschieren oder ganz wegzaubern, wenn man sie nicht mehr sehen will.
Ein kleines Schieben mit dem großen Zeh auf dem sehr kommoden Fußschalter genügt – und schon ist die Atmosphäre wonnig, weich und warm. Herrlich!

Wieder so ein Objekt, das der Versmoothieierung ihren Weg zu einer immer umfassenderen Regentschaft über uns Freunde der Weichzeichnerei, des Rumdum-Airbags und der Pürierung der Lebenswelt weiter planiert.
Vor langer Zeit schrieb ich mal einen Blogbeitrag über diesen Paradigmenwechsel in der Handhabung des Lebensalltags – und es wär‘ eigentlich an der Zeit, denk ich grad, diesem Beitrag einen weiteren folgen zu lassen, Notizen dazu gäbe es ja längst.

Für heute aber genug der Worte, die letzte Nacht war schrecklich und kurz, das Abendgassi ruft – und dann nichts wie ab ins Bett.
Kommen auch Sie erleuchtet und gut durch die ausgehende Osterwoche!
Ihre Kraulquappe.

Song des Tages (26).

Fertig sind wir, in jeder Hinsicht.
Das aber immerhin bei gutem Licht in allen Räumen.

Advent, Advent, ein Lichtlein brennt!

Mit einem finalen großen Dankeschön an unseren Handwerksfreund Wiktor und einer Verneigung vor unseren eigenen Kräften & Nerven beschließen wir nun zufrieden und erleichtert das Projekt (besser gesagt: den Lebensabschnitt) „Wohnungswechsel in der Weltstadt mit Herz ( & Wuchermieten)“.

Saw you stretched out in Room Ten O Nine
With a smile on your face and a tear right in your eye
Oh, couldn’t see to get a line on you
My sweet honey love

May the good Lord shine a light on you
Make every song (you sing) your favorite tune
May the good Lord shine a light on you
Warm like the evening sun

And the angels beating all their wings in time
With a smile on their face and a gleam right in their eyes
Could not seem to get a high on you
Come on up now, come on up now, come on up!

Einen lichten ersten Advent wünscht Ihnen –
Die Kraulquappe.

(Kaum war die letzte Leuchte angebracht und der letzte Pinselstrich getan, sank sie mit einer stattlichen Erkältung in die Kissen und zog sich für drei Tage die Decke über den Kopf und lupfte sie nur, wenn der Gatte einen Tee brachte oder das Dackelfräulein hinein oder hinaus wollte.)

Suburbia (5): Dum dum dee dum (The moving dachshund’s theme).

Suburbia – 5. und letzter Akt (ganz unklassisch: ohne Katastrophe)!

Alle Schlüssel fürs neue Zuhause sind seit gestern übergeben, (fast) alle To-Do-Listen im alten Zuhause abgearbeitet (sind ja noch 18 Std. Zeit, bis die Jungs von der Umzugsfirma hier aufschlagen), alle anstehenden Bau- und Renovierungsarbeiten in Tabellen gegossen und zur Vorbereitung ins Allgäu geschickt, alle Hassbriefe an Vodafone versandt (den hierzu angekündigten Beitrag bekommen Sie erst zu Gesichte, wenn das Drama überstanden ist), alle Ellenbogen dank Spritzen für die kommenden Tage geölt, alle Bier- und Weinvorräte ausgetrunken, alle Alpträume des nachts geträumt (zuletzt: Umzugswagen hatte einen Unfall und unser gesamter Hausstand ging dabei kaputt)…

*****

Morgen um 8 Uhr kommen die Jungs von der Spedition und legen hier los.

Hoffentlich ist mal wieder auf das gute „nomen est omen“ Verlass und sie bringen nicht nur weitere 100 hübsche Löwen-Kartons, sondern auch die Kraft mehrerer Löwen mit, so dass wir unsere lädierten Pranken ein wenig schonen bzw. deren klägliche Restenergie fürs Auspacken aufsparen können.

Der Gatte, ein eingefleischter FC Bayern-Fan (wenngleich „eingefleischt“ für einen Vegetarier ein zweifelhaftes Attribut ist), hat ein bisserl gezuckt, dass ihm hier ausgerechnet Löwen in seine Arena einmarschieren, aber mei. Wir hatten die Spedition schon letztes Jahr in die engere Auswahl genommen, uns dann aber dummerweise für die preiswertere Scheißfirma entschieden, mit deren Versicherung wir uns im Anschluss schlappe 4 Monate rumgekloppt haben, bis endlich alle Schäden ersetzt waren.

Dabei waren wir damals wie auch heute sogleich vom Charme des Ober-Löwen eingenommen. Herr A. hat sich ein kleines, feines Familienunternehmen aufgebaut, ist selbst bei jedem Umzug mit dabei (stets frisch geduscht und deodoriert, bestens gelaunt und in Strahlemannoptik, das blitzsaubere Firmen-Shirt stramm über die Muskeln gespannt), alles läuft sehr individuell und persönlich ab (Herr A.: „So ein Umzug besteht zu 50% aus Psychologie!“ oder „Ihr Lieben, entspannt euch, alles wird gut!“).
Ein Profi, der sofort die neuralgischen Punkte seiner werten Kundschaft erspürt und so geschickt darauf eingeht, dass man sich beinahe auf den Umzug mit seiner Firma zu freuen beginnt (was seit heute Morgen auch meine Devise ist: mache man sich doch einfach mal einen Spaß draus, falls möglich…, ich werd‘ Fotos schießen und das Ganze als Artikel „Wohnungswechsel mit Waldi“ an irgendein Magazin verkaufen, Herr A. hat zudem bereits Interesse an Fotos vom Dackelfräulein als Kartonmodel bekundet).

Überhaupt wäre der nette Herr A. einen eigenen Beitrag wert.
Falls wir unerwarteterweise von Vodafone noch vor Weihnachten wieder ein funktionierendes Internet zur Verfügung gestellt bekommen, reiche ich die Story gerne nach.

*****

Es gibt übrigens keine Lebenslage, zu der der Boss nicht den passenden Song beisteuern könnte – man muss einfach nur alle Songs kennen!

Und wenn ich es schon sonst zu nicht allzu viel gebracht habe in meinem Leben, so doch immerhin dazu, ein wandelndes Springsteen-Songbook zu sein (sollte „Wetten, dass“ nochmal neu aufgelegt werden, könnte das glatt mal eine Einnahmequelle sein: anhand einer (!) beliebigen Textzeile den Song zu erkennen, alternativ könnte ich auch mit einer anderen, etwas bajuwarischeren Nummer auftreten und nach je einem (!) mit verbundenen Augen genossenen Schluck Weißbier aus insgesamt 27 Gläsern treffsicher die Schneider Weiße, TAP7, „Ein Bier wie daheim“, identifizieren, beides immerhin auch Wetten, bei denen man sicher nicht im Rollstuhl landet).

Eigentlich wär‘ dieser Beitrag auch was für die Rubrik „Song des Tages“ oder „Soundtrack meines Lebens“ gewesen. Aber dann fand ich, die Chefin des Hauses sollte nochmal ganz im Vordergrund stehen:

Ein Löwe zieht um!

The moving dachshund’s theme
(aka „Lion’s den“ by Bruce Springsteen)

You broke my heart, tore it apart
Thought it was cute, thought it was smart
But now I’m back and I’ve got the strength of ten
So I got a message for you my friend

I’m Pippa waiting in the lion’s den
Dum dum dee dum dum dee dee dum dum

That old lion’s mean and long in the tooth
And like you, baby, he’s out on the loose
Messing hearts up time and time again
Well it’s the time for that messing to end

I’m Pippa waiting in the lion’s den
Dum dum dee dum dum dee dee dum dum
Here we go!

At night I hear you out prowling around
Tearing guys up, scaring ‚em down
Now all that growling’s gonna come to an end
‚Cause I’m just biding my time, my little friend

*****

Ja, liebe Leserinnen und Leser, unsere Zeit in Suburbia neigt sich nun dem Ende entgegen.

Auf 371 Tage haben wir es hier am Stadtrand gebracht, 137 wären mir lieber gewesen, aber immerhin ist es überhaupt auf eine Kombination der Lieblingszahlen hinausgelaufen. Da bin ich abergläubisch – und zwar im positiven Sinne!
Und es hätte uns schließlich auch ärger erwischen können, wenn es 713 Tage geworden wären, wonach es ja zwischenzeitlich, als wir noch knöcheltief durch den Morast des Münchner Wohnungsmarktes wateten, fast aussah.

Nun aber flink weiter gewerkelt, damit wir nachher pünktlich zur Arrivederci-Pizza mit unserem Lieblingsnachbarn beim Suburbia-Italiener eintreffen.

Ein schönes Wochenende noch und drücken Sie uns und den Löwen die Daumen, liebe Leserinnen und Leser!

Bleiben Sie dran, bleiben Sie uns gewogen & bis bald – dann von gegenüber der Bavaria!

Himmel der Bayern (38): West of Wiesn.

München, Samstagmittag. 22 Grad, blauer Himmel und Sonne satt.

Alles fährt raus aus der Stadt, wir fahren rein (merke: immer antizyklisch unterwegs sein, das erspart einem sehr viel Nervensalat!).

Und gucken uns mal ein bisschen um im künftigen Westflügel der neuen Heimat.

Über die menschenleere Theresienwiese geht es hinauf zur Münchner Freiheitsstatue…

…danach hinter der Ruhmeshalle vorbei…

…in den Bavariapark hinein…

…in dem nicht nur schöne Männer zu finden sind…

…sondern – fast ebenso wichtig – auch schöne Biergärten.

Und im angrenzenden Viertel – noch wichtiger – sogar eine schöne Eisdiele, in wir uns das erste Zitroneneis des Jahres holen…

…und das Waffel-Endstück zehn Minuten später seiner einzig wahren Bestimmung zuführen.

Vom Westend dann in großem nördlichen Bogen von der Theresienhöhe wieder hinab auf die Wiesn, wo man sich über die unbewusst sehr geschickte Wahl des Umzugstermins freut (knapp nach Ende des Frühlingsfestes)…

…und nebenbei auf seltene, in der Bergwelt leider noch nie angetroffene Almen stößt.

Nebenan kraxeln ein paar Möchtegern-Alpinisten unbeholfen herum.

Wieder an der Ostkante der „Wiese“ angekommen, schnappt das Dackelfräulein zwei bärtigen Kerlen geschickt den Tischtennisball weg…

…und saust davon, stolz wie Oskar, und als ich sie wieder einfange, sieht der Ball aus wie ein zerdeppertes Frühstücksei.

Aber das Tolle an so einem Dackelfräulein ist, dass ihm quasi nie jemand etwas übel nimmt: die Jungs lachen und nehmen gelassen ihren Zweitball.

Ich glaube, das wird gut werden, dort und überhaupt.

Suburbia (4): Ein Traktat über Flüssigseife und Freundlichkeit.

Damals, im Frühherbst 2017, als man sich hier in Suburbia zähneknirschend eingestehen musste, dass man am neuen Wohnort im Süden der Stadt weder Fuß fassen, noch Wurzeln schlagen würde und erst recht nicht alt werden wollte, und daher nach nur einem halben Jahr Pause in Sachen Wohnungssuche (eine „Pause“, die man mit viel Stress rund um einen großen Umzug und seine Nachwehen verbrachte) erneut einen beherzten Sprung in das Haifischbecken „Mietmarkt München“ machte bzw. machen musste, weil Selbstbetrug nun mal mittelfristig nicht als tragfähiges Lebens- und Wohnkonzept taugt, damals also versuchte ich, mir irgendeinen imaginären Strohhalm zu konstruieren, nach dem ich greifen könnte, wenn die Wohnungssuche uns wieder so zermürben würde wie beim ersten Mal, das uns noch spürbar in den Knochen steckte (vor allem in den ramponierten Ellenbogen).

„Weißt du was?“, sagte ich daher eines trüben Tages in einem Anfall von Pseudo-Optimismus zum Gatten, der hinter der Süddeutschen verschanzt auf dem Sofa lümmelte während ich das Abendmahl zubereitete und mir nach dem Zwiebelschneiden die Hände überm Spülbecken wusch, „Noch bevor diese Flüssigseife hier alle ist, werden wir eine neue Wohnung gefunden haben und wieder in der Stadt leben!“.

Der Gatte quittierte meine waghalsige Prognose mit einem kurzen, eher tonlosen „Hm, na hoffentlich“ und las weiter. Trotzig beschloss ich, auch ohne seinen aktiven Zuspruch an meinem soeben zum rettenden Strohhalm auserkorenen Seifenspender-Konstrukt festzuhalten: Wir hatten den zum Einzug gekauft und bis er leer wäre, würden wir hier wieder ausgezogen sein, jawohl!

An irgendwas muss man sich ja klammern, wenn die Hoffnung von Wohnungsbesichtigung zu Wohnungsbesichtigung schwindet, weil einem in etlichen Monaten zähen Suchens auf professionellstem und zeitintensivstem Niveau noch keine einzige Bude untergekommen war, die ihren horrenden Mietzins auch nur annähernd wert gewesen wäre, geschweige denn uns gefallen hätte oder nicht mit irgendwelchen baulichen oder vertraglichen Zumutungen oder Absurditäten behaftet gewesen wäre.

Und ob Sie’s nun glauben oder nicht: Meine Rechnung ist aufgegangen! Sogar quasi tropfengenau!

Der Seifenspender gab seit etwa einer Woche ein knorzendes Röcheln von sich, wenn die kleine Pumpvorrichtung in seinem Inneren versuchen musste, noch ausreichend Seife nach oben zu befördern. Ich nahm das Geräusch des Behälters zwar zur Kenntnis und dachte natürlich auch an meinen diesbezüglich mit dem Schicksal abgeschlossenen Deal, war aber ehrlich gesagt frustriert vom Nahen des Augenblicks, in dem ich mir würde eingestehen müssen, dass der Deal geplatzt war und auf dem Friedhof meiner Imaginationen beigesetzt werden musste. Denn die letzten paar Wohnungsbesichtigungen waren allesamt dermaßen deprimierend gewesen, so dass ich mir allmählich kaum noch vorstellen konnte, mir jemals in irgendeiner Küche irgendeiner neuen Wohnung mit irgendeiner Flüssigseife meine Hände zu waschen. Mir schwante, dass ich den leeren Flüssigseifebehälter bald stumm in den Mülleimer werfen und ihn desillusioniert durch einen neuen ersetzen würde.

Doch dann zog das Schicksal alle Register.
Völlig überraschend erhielten wir letzten Montag eine Reaktion auf eine Wohnungsbewerbungsmail, die wir längst abgehakt hatten, weil mal wieder tagelang jegliche Antwort ausblieb. Wir erfuhren, dass der Vermieter sich durch Dutzende solcher Mails hatte kämpfen müssen (was eben seine Zeit dauerte) und schließlich 12 Kandidaten ausgewählt hatte, die er nun ins Heiligste vorlassen wollte. Wir schnappten uns den ersten der 12 Termine und standen noch am selben Abend gebügelt und gestriegelt vor dem Haus in der Ludwigsvorstadt, in dem sich die Wohnung befand.

20 Minuten später verließen wir das Haus wieder, sahen uns kurz an, nickten uns zu und sagten: „Das wär‘ die Wohnung, nach der wir gesucht haben!“. Der Konjunktiv hier weniger als Ausdruck einer Möglichkeit, sondern vielmehr im Übergang zum Irrealis begriffen, sich bereits darauf einstimmend, dass man schon in ein paar Tagen wohl sagen würde „Das wäre unsere Wohnung gewesen“, weil der Vermieter unter den 12 Ja-Sagern halt einen anderen erwählt hatte (die dackelfreien Kandidaten oder die dynamischen Doppelverdiener oder das solide Beamtenpaar). Der Gatte schickte dem Vermieter gleich am nächsten Morgen, im flackernden Schein seiner Geburtstagskerze, eine Interesse-Bekräftigungs-Mail hinterher, anschließend wandten wir uns der geburtstäglichen Tagesordnung zu.

Abends wartete ich als Shuttleservice vor dem Schwimmbad, in dem sich der Geburtstägler einen Saunabesuch gegönnt hatte. Recht aufgeräumt und erholt stieg er ins Auto und ließ sich zum Lokal chauffieren. Vor dem Anstoßen hielt er inne und meinte zu mir, er wolle zu Beginn seines neuen Lebensjahres einen Beschluss verkünden und sich durchs sofortige Mitteilen desselben auf verbindlichere Weise zu dessen Umsetzung bekennen. Man kennt das ja: hat man’s erstmal rausposaunt, verwirft sich’s die Sache nicht mehr so leicht als hätte man’s nur im stillen Kämmerlein beschlossen.
Gespannt wartete ich also, was da nun käme. Er raucht nicht, er trinkt nicht, er hat kein Übergewicht und auch sonst keine erkennbaren Baustellen, Laster oder Leiden vorzuweisen, die einer dringenden Änderung oder Abschaffung bedurften.
„Ich möchte ab sofort ein freundlicherer Mensch sein!“, meinte er nach einer kleinen Kunstpause und mit einem verschmitzten Lächeln im Gesicht, von dem ich nicht wusste, ob es seinem Beschluss galt oder der von mir zu erwartenden Reaktion auf diesen Beschluss. Ich musste jedenfalls lauthals lachen, denn mit einem Vorhaben aus der Rubrik „Charakterglättung“ hätte ich defintiv nicht gerechnet. Zumal – und das muss an dieser Stelle wirklich klipp und klar gesagt werden! – ich dem Gatten niemals Unfreundlichkeit attestiert hätte, weder Menschen, noch Tieren gegenüber, ja vor allem keinesfalls Letzteren gegenüber. Am ehesten noch Gegenständen oder „der Technik“ gegenüber – allen voran zum Beispiel dem Drucker, diesem heimtückischen Arschloch („Drecksglump, verreckts!“) – aber hier würde das Vornehmen von mehr Freundlichkeit ja am allerwenigsten zu einer Beziehungsverbesserung führen, da es sich um leblose Materie handelt, die sich weder über Freundlichlichkeit freuen, noch gegen Jähzorn wehren kann.
Im weiteren Gesprächsverlauf erhellte sich mir alsbald, wie er es meinte. Die Details spare ich hier aus Diskretionsgründen natürlich aus, grob gesagt bezog es sich vor allem auf das berufliche Schlachtfeld Terrain, das ja leider nicht frei von Gemenschel ist und wo man je nach Druck und Arbeitsbelastung mal mehr oder weniger beherrscht/geschickt/sozialverträglich reagiert und somit ja immer irgendwie Luft nach oben ist, was die Geschmeidigkeit des eigenen Verhaltens angeht.

Nur 13 Stunden nach diesem Beschluss (auch diese Anzahl an Stunden mit Sicherheit kein Zufall, denn die 13 ist meine GlücksZahl) – es war Mittwochvormittag, ich saß gerade unmotiviert an einer Schreibarbeit und guckte hinaus in das Suburbia-Grau – klingelte mein Handy und der Vermieter war dran und sagte etwas hemdsärmelig: „Wir haben uns für euch entschieden, also falls ihr halt nach wie vor noch Interesse an der Wohnung hättet.“.
Mich hätt’s fast vom Stuhl geschmissen als der Satz vom Ohr bis ins Hirn gekrochen war und dort seine Wirkung entfaltete.
Do legst di nieda!!! Nach einem halben Jahr des intensiven Suchens und bei der ersten wirklich brauchbaren Wohnung sollte es nun geklappt haben (wo ist der Haken? wer verarscht einen da jetzt schon wieder?, schießt’s einem durch den Kopf).
Man kann das einfach nicht glauben. Selbst wenn der Mietvertrag einen Tag später schon im Postkasten liegt – man glaubt’s immer noch nicht. Erst wenn man mit dem besten Juristenfreund von allen stundenlang am Telefon die einzelnen Paragraphen und Formulierungen durchfieselt, da dämmert’s einem so langsam, dass da jetzt echt ein Mietvertrag für eine Wohnung in München vor einem liegt. Nicht der perfekte Vertrag, selbstredend mehr zu Gunsten des Vermieters als des Mieters („Es ist nun mal ein Angebotsmarkt, Natascha!“, sagte mir der Juristenfreund wiederholt, um mir den Sehnsucht-nach-Fairness-Zahn ein für allemal zu ziehen), aber summa summarum für hiesige Verhältnisse doch einer, den man unterschreiben kann, ohne damit den ersten Spatenstich zum Ausheben des eigenen Grabes gesetzt zu haben oder sich die Telefonnummer des Mietervereins schon wieder einprägen zu müssen, um vermieterseitige Pflichtverweigerungen oder Schikanen entsprechend parieren zu können.

Sollte sich die Sache nun auch weiterhin nicht als Neuauflage der Truman Show oder ausgebuffte Verschwörung von Münchner Miethaien entpuppen, werden Sie hier demnächst also wieder von allerhand gruseligen Umzugsvorbereitungen und -erlebnissen lesen, gratis die besten Tipps und Tricks im Umgang mit dem nicht minder gruseligen Kundendienst von Vodafone abstauben können oder auf den neuesten Stand bzgl. orthopädischer Therapeutika für Umzugskrüppel (Rücken, Schulter, Ellenbogen, Handgelenk) gebracht werden.

Darüberhinaus dürfen Sie beizeiten mit neuen Stadtviertelstories rechnen, wir werden uns auf jeden Fall ausführlich über Freud‘ und Leid des dann wieder urbanen Lebens verbreiten und mit Sicherheit auch wieder was zum Granteln finden – spontan fallen mir da schon mal die zu erwartenden Parkplatznöte, vollgekackte Grünstreifen und zu lange Schlangen am Sonntagnachmittag bei Café Kustermann ein – aber das mit größtmöglicher Demut, ich versprech’s Ihnen, denn wir sind wirklich außerordentlich froh, dass wir dem Puls der Stadt wieder ein Stückerl näher kommen.

Und das schon in wenigen Wochen, mitten im Sommersemester vom Gatten, was zeitlich und organisatorisch alles andere als ein Spaß werden wird, aber auch hier verneigen wir uns demütig vor dem Schicksal und sind einfach nur dankbar, uns vom täglichen Mietmarkt-App-Checken ebenso verabschieden zu dürfen wie von all den haarsträubenden Entblößungen im Bewerbungsprozess um ein Stück Wohnraum und den vielen stimmungsversauenden Abend- und Wochenendterminen auf den geschüsselten Parkettböden unserer schönen, geliebten und überteuerten Isarmetropole.

In diesem Sinne: Stay tuned – wie ein geschätzter Bloggerfreund von mir an solchen Punkten des Geschehens zu sagen pflegt!

Überschwängliche Gratulationen, Hopfengetränke zum Anstoßen auf das Neue oder für die bessere Bewältigung des Bevorstehenden sowie Hilfsangebote aller Art (und nicht zu vergessen: kleine und große Spenden für die doppelte Mietbelastung und einen ellenbogenschonenden Umzug) nehmen wir jederzeit dankend entgegen.

Was lernen wir jetzt aus dem Ganzen?

1.) Nie mehr an den Stadtrand ziehen. Das ist nix Halbes und nix Ganzes. Alle Vorteile der Stadt sind weg oder nur noch durch eingepferchtes Ausharren in Staus bzw. U-Bahnen zu erreichen, was du dir angesichts der aufzuwendenden Zeit stets zweimal überlegst und dann (zu) oft bleiben lässt, wodurch du dann aber bald Gefahr läufst, provinzielle Patina anzusetzen. Die Vorteile, die das Landleben bieten könnte, findest du am Stadtrand nicht, denn dort bist du ja eben nicht auf dem Land, sondern in einer Grauzone dazwischen, die tagsüber von Pendlern zugeparkt wird, abends an einen Friedhof erinnert und nicht mal eine vernünftige Kneipe bietet, die du als Zufluchtsort aufsuchen könntest (von netten Cafés, in denen du dich mit Kuchenstücken trösten könntest, ganz zu schweigen).

2.) Falls du 1.) jemals wieder versemmeln solltest, wähle wenigstens eine deutlich geschicktere Verknüpfung zwischen gewünschtem Ziel (=Auszug) und dem für den Zeithorizont zur Zielerreichung maßgeblichen Bezugsrahmen als einen Pott Flüssigseife neben dem Küchenspülbecken, der dann, wenn nur eine Person in deinem Haushalt kocht und sich dort die Hände wäscht, vergleichsweise verbrauchsträge und langlebig ist. Clever wäre z.B. ein Schälchen Quark gewesen, das hat üblicherweise ein MHD von 7-14 Tagen, oder meinetwegen auch ein Glas Nutella, das ja gerade in Phasen seelischer Belastung zu extremer Kurzlebigkeit tendiert. Oder, wenn es denn unbedingt wieder Seife sein müsste, nimm ein kleines, aus irgendeinem Hotel mitgenommenes Handseifenstück, das schnell aufgebraucht ist.

3.) Falls 2.) auch zu nix führt (oder du dich kein zweites Mal an so einen abstrusen Pakt ranwagen möchtest), beschließe einfach, ein freundlicherer Mensch zu werden. Bei Paaren genügt es auch, wenn einer von beiden das tut. Und beschließe das besser heute als morgen. Denn wenn es dich erstmal an den Stadtrand verschlagen hat, wo es weder so idyllisch noch so ruhig noch so wohnlich noch so preiswert und auch nicht so verkehrsarm ist wie du’s dir erhofft hast in deinen naiven Träumen, und dich nicht mal ein Deal mit Flüssigseifenspendern aus den Klauen der Suburbia befreit, dann geht’s ans Eingemachte und du musst selbst ran. An dir arbeiten, dich ändern, dich anpassen, dich fordern, dich quälen, dich optimieren. Halt all das, womit sie dich in diesen durchgestylten Persönlichkeitsentwicklungsseminaren bombardieren, damit das Miteinander flutscht und du deinen Beitrag zum Human Capital leistest. Als Mensch, als Mitarbeiter oder eben auch als Mieter in München.

Suburbia (3): (…) den Vorhang zu und alle Fragen offen.

Von To-go-furniture, Ghost-Living und Spongebob-Having.

Eine der Wohnungen in unserem Haus habe ich „die Pechwohnung“ getauft.
Nein, nicht unsere, die ist schön, auch wenn wir wegen des Drumherums hier nicht glücklich werden. Die Pechwohnung befindet sich im Erdgeschoss.

Bereits an unserem Umzugstag fragte mich die Belegschaft der Metzgerei gegenüber, bei der ich für die Möbelpacker zu Mittag ein gutes Dutzend Leberkässemmeln geordert hatte (weshalb man dort sogleich Hoffnung schöpfte, zukünftige Kundschaft zu gewinnen, was sich als Irrtum entpuppen würde bei einem Haushalt mit 1,5 Vegetariern, aber das behielt ich erstmal für mich), gründlich darüber aus, in welche der Wohnungen in dem Neubau wir denn einzögen.
Ins erste OG? Achso, naja, schade, dann blieben wohl im Erdgeschoss weiterhin die Jalousien unten, das sähe halt arg unbewohnt und verrammelt aus und das auch schon so lange. Man frage sich ja seit Monaten, wann denn überhaupt mal jemand in das Haus einziehen würde, es wirke so unbewohnt, selten ginge dort mal jemand ein oder aus, aber nun seien ja wir da – so kommentierten sie’s und schoben mir die in Alufolie gewickelten Kraftspender über den Tresen, damit ich sie in meinen Korb packen konnte. Zum Abschied noch der freundliche Hinweis, dass man jederzeit gern für das Dackelfräulein Fleischreste beiseite legen würde – für „ummasunsd“ (mia san jetzad ja Nachbarn).

Schon ein paar Wochen nach unserem Eintreffen sollte Schluss sein mit der dauerverrammelten Erdgeschosswohnung, zumindest dachten wir das, als der Möbelwagen vorfuhr.
Dr. B., ein pomadiger Finanzheini in den Spätdreißigern mit Schweizer Autokennzeichen, zog ein, entpuppte sich jedoch beim Erstkontakt als Exilschwabe, immerhin aber als Dackelfan, so dass man gewogen war, über Pomade, Beruf und Herkunft erstmal gnädig hinwegzusehen. Dr. B. zog an einem einzigen Tag ein und richtete sich auch an diesem einen Tag bereits fertig ein.
Das war nur insofern möglich, weil Dr. B. ausschließlich „furniture to go“ besaß: alles – Geräte, Möbel, Vorhänge – war neu, schick und schmerzfrei, alles war im Nu aufgestellt, installiert und betriebsbereit.
Wenn man keinerlei persönliche Gegenstände besitzt und Individualität lediglich aus dem persönlichen Freischaltungscode des Vodafone-Multimedia-Highspeed-Pakets besteht, ist so ein Umzug nämlich richtig schnell erledigt.

Dr. B. war also binnen 24 Stunden eingezogen und angekommen. Noch am Tag seines Eintreffens machte er seine Runde durchs Haus, um sich seinen neuen Nachbarn vorzustellen, höflich und freundlich, aber man merkte wohl, dass er das vor allem hinter sich haben wollte. In den Folgewochen wurden die wenigen noch fehlenden Utensilien per Amazon geliefert: Joggingschuhe, DVD-Player, Espressomaschine und notgedrungen auch ein kleiner Rasenmäher für den vermutlich eher ungewollten Garten, der bis dahin recht trostlos vor den verschlossenen Fenstern der Pechwohnung vor sich hin vegetieren musste.
Seinen dicken, dunklen VW Touareg tauschte er nach den ersten Erfahrungen mit der vom Architekten dieses Hauses sehr platzsparend konzipierten Garage notgedrungen gegen einen schlanken VW Polo ein.
Ansonsten hörte und sah man nicht viel von ihm. Im Wäschekeller wälzte der Miele-Trockner manchmal um Mitternacht stoisch die fünf Oberhemden um (five shades of boring business-blue), die Dr. B. durch seine business-week geleitet hatten.

Gleichwohl roch man morgens im Treppenhaus, wenn er gerade aufgebrochen war zu seinen Finanzkumpels im City-Office (five cl of Joop!), ab und an traf man ihn sogar mal leibhaftig, meist beim Aufbruch zum Morgengassi. Das Dackelfräulein durfte ihm sodann ungestüm unter das gebügelte Anzughosenbein rüsseln.
Dr. B. mochte Dackel, seine Mutter hatte nämlich mal einen, daher patschte er ihnen nicht ungelenk mit der flachen Hand auf dem Kopf herum (was ja viele Hunde, besonders die kleinen, hassen), sondern verstand es, sich korrekt mit einen tiefergelegten Kinnkraulen dem Hund zu nähern. Zwar konnte er sich in den wenigen Monaten seiner To-go-Existenz hier in unserem Haus nicht merken, dass Pippa kein „er“ ist und „Pippa“ heißt, aber das nahmen wir ihm nicht krumm.

Was sich durch Dr. B.s Ankunft allerdings nicht die Bohne verändert hatte, war die Jalousiensituation: die Dinger blieben unten. Hartnäckig. Und grundsätzlich. Tagsüber sollte wohl das nagelneue to-go-furniture vor neugierigen Blicken geschützt werden oder Dr. B. vergaß einfach frühmorgens – zwischen Coffee-to-go, dem Hantieren mit der Pomade und der „Börse vor 8“ – jene Taste zu betätigen, die die Rolladen geöffnet hätte (oder ärgerte sich darüber, dass es hierfür nicht auch eine Fernbedienung gab).
Abends, wenn er spät vom Job heimkam und vor dem Fernseher einen Absacker trank, lohnte es sich auch nicht mehr, die Rollos hochzufahren. Nur manchmal, an lauen Sommerabenden, war tatsächlich ein 20cm breiter Spalt offen, wahrscheinlich der Belüftung wegen. Man sah dann etwas Licht, vermutlich das Flimmern der Aktienkurse im TV, und ab und zu sogar die Füße von Dr. B., die stets in schwarzen Socken steckten oder barfuß auf einem Lederhocker ruhten.

An den Wochenenden war er grundsätzlich in der Schweiz und die Jalousien blieben natürlich dort, wo sie eh schon waren: unten.
Irgendwann blieben sie dann für immer geschlossen, denn Dr. B. war völlig unbemerkt wieder ausgezogen. Der Finanzjob hatte nicht den expectations entsprochen oder war keine adäquate challenge – wer weiß das schon so genau, Dr. B. war jedenfalls wieder weitergezogen.
Sein To-go-Mobiliar hatte er der Einfachheit halber dagelassen, wir vermuteten, dass er es entweder an arbeitslose Banker gespendet hat oder fachgerecht entsorgen ließ, bevor er die Pechwohnung an den Vermieter zurückgab.

Die zwei Räume plus Küche-Bad-Flur hatten also kein Glück gehabt, sie mussten weiterhin im Dunkeln ihr Dasein fristen und aufpassen, nicht trübsinnig zu werden bei diesem Kaspar-Hauser-Leben, das zu führen sie verdammt waren. Die bunte Welt da draußen kannten sie nur vom Hörensagen oder aus Fernsehbildern.

Und wieder blieben die Jalousien monatelang dicht.

Ein paar Wochen nach Dr. Bs Verschwinden tat ich der Metzgereibelegschaft den Gefallen, ein Schälchen Kartoffelsalat zu kaufen und dabei ungefragt die aktuelle Lage zu erläutern, weil ich ahnte, dass das verrammelte Erdgeschoss weiterhin kritisch beäugt und diskutiert wurde.

Einige Zeit später wurde bekannt, dass ein neuer Mieter für die Pechwohnung gefunden sei: Herr F., den wir – Google sei Dank – in Nullkommanix als BWL- und Versicherungsfuzzi entlarven konnten. Gewissermaßen also ein Klon von Dr. B., nur ohne Promotion, in benachbarter Brangsche tätig und etwas jünger, wahrscheinlich daher noch ohne Pomade und Bügelfalten, vielleicht nicht mal ein Dackelfreund.
Wir wissen es nicht genau bzw. überhaupt nicht, denn Herr F. zog nie in seine neue Bleibe ein. Einzig sein großes TV-Gerät (das basic jeder To-Go-Möblierung) traf eines Tages ein und wurde irgendwo hinter den heruntergelassenen Jalousien versteckt.
Herr F. hat vor noch Einzug wieder gekündigt. Tja, auch das ist München at its best: wer ko, der ko! – das muss man sich ja erstmal leisten können, hier 3-4 Monatsmieten in den Sand zu setzen und die Moneten nicht mal ansatzweise persönlich abzuwohnen…

So wurde eines Tages der TV unbemerkt wieder entfernt und die Pechwohnung stand erneut leer. Der Eigentümer nahm einen Maklerwechsel vor, vermutlich hatte er zum bisherigen, sehr schleimigen Wohnungsverschacher-Hai (ich hatte den Typen mehrfach mit diversen Dr.B.-Klonen bei Besichtigungsterminen gesehen – seltene Stunden, zu denen die Jalousien jeweils komplett hochgezogen wurden, obwohl das der Wohnung weder entsprach, noch bekam, ja womöglich ein schwerer Schock für sie gewesen sein muss, so wie wenn einem des Nachts in einer DAV-Hütte, wenn man grad endlich mal eingeschlafen ist bei all dem Geschnarche ringsum, plötzlich ein angeschwipst umherirrender Zimmerkumpan mit seiner Taschenlampe grell ins Gesicht leuchtet, weil er ausgerechnet dort seine Schlafstatt vermutet) nach den zwei Fehlschlägen einfach kein Vertrauen mehr.

Das Jahr ging für die Erdgeschosswohnung verrammelt und in Dunkelheit zuende, so wie es auch begonnen hatte. Und 2018 begann zunächst ebenso düster.

Kurz nach dem Jahreswechsel kam uns zu Ohren, dass erneut ein Mieter für die Pechwohnung gefunden sei, der angeblich noch im Januar einziehen würde. Gespannt blickte man nun bei jedem Kommen und Gehen auf die hellgrauen Jalousienfronten im Erdgeschoss. War da vielleicht ein kleiner Ritz zu sehen? Tat sich da schon etwas? Oder standen die Lamellen noch so wie am Vortag?

Eines Tages, die Rolläden waren noch immer verschlossen, befanden sich im Waschkeller plötzlich zwei neue Geräte. Wenig später klebten zwei neue Namen an der Klingel zur Pechwohnung. Aha – ein Paar wollte hier sein Glück suchen und der Düsternis ein Ende bereiten! Und in den letzten Januartagen, ich fuhr gerade mit dem Aufzug in den Keller, war auf dem Weg Richtung Garage, um das Dackelfräulein zum See zu kutschieren, war es dann tatsächlich so weit: der männliche Part des Pechwohnungs-Paares stand plötzlich im Kellerflur vor mir.
Ein Gruß wurde ausgesprochen, mit schwäbischer Note (zieht die Pechwohnung etwa bevorzugt Schwaben an?!?), ansonsten fiel mir nur auf, dass der Neue dem Gebaren nach ganz bestimmt kein Finanz- oder Versicherungsfritze sein konnte (korrekt!, wie das Internet bestätigte) und dass er in seinem Leben offenbar noch nie einen Hund oder gar Dackel gesehen hatte.
Grad dass er nicht zur Seite sprang, als das Dackelfräulein ihn freundlich schwänzelnd begrüßen wollte, oder ihm ein angeekeltes „Iiih!“ entfuhr! Sekunden später kam seine Angetraute oder Lebensabschnittsgefährtin aus der Garage. Als sie Pippa sah, zuckte auch sie zusammen, und kaum wuselte ihr unser liebreizender Hund um die Füße, zog sie ein Gesicht als würde sich ein blutender Blobfisch über ihre Schuhe schieben.

Was soll ich sagen? Die Sache war gelaufen! Quasi binnen Sekunden waren die Würfel gefallen!
Bei der Zweit- und Drittbegegnung wurde dieses Verhalten keineswegs besser, lockerer oder entspannter.
Ja, besonders die Drittbegegnung war heikel, denn die Neue trug ein spongebobähnliches Riesenstofftier durchs Treppenhaus und für Pippa war sonnenklar, dass das nun endlich das ihr zugedachte Einstandspräsent sein müsse und sie schien daher sogar geneigt, der seltsamen Nachbarin ihr bisheriges Verhalten zu verzeihen. Aber nein, das kastige Monster wurde quietschend vor Angst oder Ekel in die Höhe gehoben und dem Dackelfräulein verweigert!

Zugegeben, diesmal kostete ich die Lage aus und rief Pippa nicht sofort zu mir, sondern ließ die Neue ein Weilchen zappeln, weil das gar so ulkig aussah: die kreischende Frau auf Zehenspitzen mit dem knallgrünen Monsterstofftier in den Armen. Herrlich!
Derweil erklärte ich ihr seelenruhig, dass mein Hund ihr Spongebob-Plagiat als Spielgefährten betrachtet und sich deshalb so exorbitant freut.
Ihr Mann kam ihr zu Hilfe, fuchtelte unbeholfen mit einem Arm herum und versuchte, die Situation mit einem „Desch is ja ’n aufg’weckta Kerl!“ zu entschärfen. Da er aber einen Geländewagen unter dem anderen Arm trug (so ein Teil in Bobbycar-Größe – man fragt sich ja schon, was Leute, die um die 50 sind und keine Kinder haben, für Krempel besitzen), fiel er bei Pippa natürlich in dieselbe Kategorie wie seine Gefährtin („Potentiell neuer Kamerad mit Spielgerät zur besänftigenden Überlassung inkl. Antragstellung auf gute Nachbarschaft beim 1. Haus- und Hofhund am Platze“).
Ich klemmte mir dann (quasi aus paritätischen Gründen) meinen Hund unter den Arm und machte mich aus dem Staub.

Staub. Gutes Stichwort!
Denn bei der vierten Begegnung sprach mich der Neue unfreundlich und grußlos an (es war der Umzugstag, er trug Baseballkappe und Sweatshirt und wirkte etwas gestresst ob der vier kein schwäbisches Wort verstehenden Inder, die sein Umzugsgut ganz offensichtlich nicht in der gewünschten Weise in die Pechwohnung trugen) und fragte mich unvermittelt, ob ich ihm meinen Staubsauger für den Reschd des Tages ausleihen könne, da die Inder bereits Löcher in die Wände bohren würden, und da wäre es ja schon praktisch, den Bohrstaub und das doch recht reichlich splitternde Mauerwerk gleich an Ort und Stelle mit einem Sauger aufzufangen. „Ungern“, entgegnete ich, da ich mir bei unserem Einzug unseren alten Staubsauger mit vergleichbaren Aktionen ruiniert hatte und den neuen nicht in Hände geben wollte, die ich noch nicht mal selbst in gutem Gefühl geschüttelt hatte.

Da war der Schwabe beleidigt, glaube ich. Entsprechend kurz angebunden verliefen die nachfolgenden Begegnungen. Auch Pippa ignoriert die beiden mittlerweile – wer es sich erst mal gründlich mit ihr verscherzt hat, ist logischerweise keines Dackelblickes oder Schwanzwedelns mehr würdig.

Aber häufig sieht man einander eh nicht, denn – Sie ahnen es sicher schon! – die Jalousien sind mal wieder unten.
Sogar tagsüber sehr konsequent, und das, obwohl der Neue daheim arbeitet. Vielleicht ist er Pornofilmproduzent oder Geldfälscher – oder die beiden haben zuvor im Souterrain oder Keller gewohnt und müssen sich erst langsam ans Tageslicht gewöhnen (man soll ja nicht immer gleich das Übelste annehmen).

Den neuen Nachbarn gebe ich dennoch deutlich länger als Dr. B. und dem nie erschienenen Herrn F., ich tippe tollkühn auf mehr als 3 Jahre.
Einfach deshalb, weil ich davon ausgehe, dass Menschen mit spongebobähnlichen Monsterstofftieren, albernen Kleinjeeps, schwäbischer Herkunft und einer doch erklecklichen Anzahl von vier Indern hineintransportierten Möbelstücken und Kisten nicht in drei Monaten wieder weg sind (einen haben sie ja bereits geschafft).

Möge uns das Schicksal gewogen sein und uns den näheren Fortgang sowie das Ende dieser Pechwohnungs-Episode nicht mehr live miterleben lassen, obwohl ich mikrosoziologischen Langzeitstudien dieser Art durchaus etwas abgewinnen kann.

Was für eine verrammelte, verschlossene Welt.
Ein bedrückendes Verstecken, Verbarrikadieren und Verschließen – so empfinde ich das zumindest.
Wenn ich hier in Suburbia nachts mit unserem Hund durch die Straßen spaziere, dann ist alles dicht, alle haben sich abgeschottet. Keine Menschenseele ist irgendwo zu sehen.
Leben die noch oder sterben die schon?, frage ich mich manchmal, wenn ich auf die vielen bodentiefen, blickdichten Lamellenfronten gucke.

Unweigerlich denke ich dann an diesen Spätsommer vor ein paar Jahren, den ich auf Gotland verbrachte.
Wie ich mit dem Dackelfräulein in der Dunkelheit über die Insel fuhr oder wanderte, und überall waren warme Lichter zu sehen, die Fenster so offen wie die Türen, hie und da mal ein zugezogener Schlafzimmervorhang, ansonsten aber sichtbares Leben in all seinen Schattierungen und Zuständen.
Die Menschen dort verstecken sich nicht bei Einbruch der Dunkelheit, sondern sie wagen es, sich in ihrer ganzen Banalität oder Besonderheit zu zeigen. In Gesprächen erfuhr ich, dass sie das nicht mal als ein Wagnis oder ein Sich-Zeigen betrachten, sondern es ist stinknormal, dass man abends weiterlebt und -wohnt als wäre es draußen noch hell.
Der Schwede geht einfach nicht davon aus, dass ihm jemand was wegglotzt und es juckt ihn auch nicht, wenn der Nachbar sieht, dass man mal kurz in der Nase bohrt (und aus Kindheitsurlauben in Holland erinnere ich mich noch gut daran, dass man es dort genauso hielt).

Man sieht sie alle in ihren Häusern herumlaufen, -liegen oder -sitzen, in ausgebeulter Jogginghose oder im eleganten Etuikleid oder irgendwas dazwischen, allein, zu zweit oder in Gesellschaft, mit Hund oder Katze, lesend, lernend, denkend, weinend, lachend, essend, trinkend, putzend, sich unterhaltend, sich berieseln lassend, schweigend, liebend, streitend, genießend, leidend – und vielleicht sogar sterbend.

Mich hat dieser Anblick, diese Offenheit, diese Sichtbarkeit des Lebens zutiefst beruhigt, ich war dort ganz alleine unterwegs und fürchtete mich nirgends, nicht mal nachts.

In den letzten Tagen meiner Zeit auf der Insel schloß auch ich die Tür meiner Hütte nicht mehr ab und zog die Vorhänge nicht mehr zu. Frühmorgens, wenn ich mit dem Dackelfräulein im Arm langsam die steile Holztreppe von der Schlafkammer hinunterstieg, guckte das Pferd des Nachbarn durch das Sprossenfenster neben der Verandatür direkt in mein verschlafenes Gesicht und entlockte dem Dackelchen ein erstes Brummeln.

Ein schöner Start in den Tag und ein perfektes Lebensgefühl war das.