Schluss mit dem elenden Schönwettertourismus für Hochglanzmagazine.

Eine etwas andere Pressereise diesmal.
Nix eitel Sonnenschein & null Probleme, wie bei den bisherigen Einladungen, denen wir folgten. Der Juli hatte es wohl einfach zu gut mit mir gemeint: zusammen mit Pippas Daumenkrallenabriss riss auch die Glückssträhne ab und der August begann.

Montagmorgen.
Kurz vor der Abreise nach Österreich reißt auch der Schnappverschluss am Karabinerhaken der Hundeleine ab. Der Regen reißt allerdings die gesamte Fahrt über nicht ab. Stattdessen reiße ich auf einem Rastplatz das Bordbuch aus dem Handschuhfach, weil das Auto mich mit einer Fehlermeldung traktiert, deren Inhalt ich nicht verstehe. Leider reißt mir bei der Lektüre des Kapitels „Warnhinweise“ der Geduldsfaden.

Dazu rundherum alles grau und düster, nur die Erinnerung sagt einem: da sind sonst tolle Berge und schöne Seen, die man sehen könnte, wenn man halt überhaupt irgendwas sehen könnte außer dem pitschnassen Asphalt, ein paar Rücklichtern und dem alles verhüllenden Schlechtwetterdunst. Ein Blitzgassi in der Nähe von Admont muss genügen, schließlich will ich uns danach nicht auf der Sitzheizung trocknen und im Auto einen triefnassen Pfotenverband wechseln müssen.

Erste Station in Graz: Fressnapf.
Eine Kette, die ich sonst ungern aufsuche, nun aber froh bin, dass es die so autobahnnah und im nördlichen Industriegebiet der steirischen Landeshauptstadt gibt, damit ich nicht lange suchen muss, um eine neue Leine zu erstehen.
Leider führt das Geschäft zwar ca. 50 Leinenmodelle, aber nicht die, die ich mir vorstelle, also entscheide ich mich notgedrungen für eine andere Länge und Kordeldicke. Als ich diese Entscheidung getroffen habe, folgt die Feststellung, dass es genau diese Leine nicht mehr in schwarz gibt, sondern nur noch in grün, blau, pink und rot. Na dann eben rot, passend zum Pfotenverband des Fräuleins, allerdings völlig unpassend zum Halsband, aber mei.
Beim Verlassen des Fressnapf-Marktes kommt plötzlich die Sonne zwischen den Wolken hindurch – hurra!

Die Phase des kurzen Zwischenhochs beginnt.
Einen Steinwurf von Fressnapf entfernt, entdecke ich einen Wegweiser mit Skoda-Logo und folge ihm. Der riesige Autohändler trägt den schönen Namen KUSS und der Besuch dort hat auch ein bisschen was von Küss-die-Hand-gnä‘-Frau: ein sehr netter Servicemitarbeiter, früher noch ganz schnöde Kfz-Mechaniker genannt, liest die Fehlermeldung des Cockpits aus, erklärt sie mir, drückt die Reset-Taste und sichert mir Ruhe für die nächsten paar tausend Kilometer zu.

Das Uni-Viertel ist gut beschildert, ich finde problemlos in die Liebiggasse, wo ich in einem Hinterhof parke. Der Student, dessen Wohnung ich angemietet habe, steht schon vor dem Haus als ich vom Parkplatz zur Haustür gehe und reckt mir seinen Ellenbogen zum Corona-Gruß entgegen. In einer Hand die Hundeleine (mit Hund dran) und in der anderen einen Rucksack (mit viel Zeug drin), so kann ich beim besten Willen keinen meiner Ellenbogen heben, ohne ein Aufflammen der Epicondylitis zu riskieren.

Man zeigt mir die Wohnung: der Router erinnert an ein Objekt zwischen Babyflaschenwärmer und Dicoskugel, ist aber tatsächlich ein Router, das Passwort dann österreichischer Humor pur, ansonsten findet sich wenig High-Tech und Amüsantes, stattdessen viel IKEA, 80er-Jahre-Nichtcharme, zu jedem Raum eine 70er-Jahre Holztüre und an jedem Fenster Lamellenjalousien, deren Zugschnüre man nicht allzu oft anfassen möchte.

Der einzige mir bekannte Einheimische, den ich schon von München aus kontaktiert und um Tipps zu „Graz mit Hund“ gebeten hatte, hat einen nahegelegenen Park zum Spazierengehen empfohlen. Nach Auspacken, Einrichten und Pfotenverbandwechsel (mittlerweile eine Technik gefunden, wie wir das bewerkstelligen, ohne anschließend für Stunden zerstritten zu sein) geht es direkt dorthin.

Hügeliges Areal, saftig grün, teils urwaldähnlich, verschlungene Pfade, dazwischen kleine Teiche und weite Wiesen, auf einer besonders hohen Kuppe ein Café mit Blick über die hübsche Domstadt, weiter unten ein paar Spielplätze und die vom Einheimischen erwähnte Hundewiese, die genauso trostlos ist wie die Hundezonen in Finnland und Schweden. Ein völliges Miss- und Unverständnis von Hundhaben liegt dieser eingezäunten Ödnis zugrunde: kein Hund hat ernsthaft Lust, dort seine Runden zu drehen, man kann nur hoffen, dass derlei nie in Deutschland Schule macht.

Der Park ist menschenleer, ich lasse das Fräulein also frei laufen, die zwei Dutzend Enten in einer Wiese, an der wir vorbeigehen, sind ihr völlig wurscht (und umgekehrt), denn sie hat schon Witterung von etwas viel Spannenderem aufgenommen, es sind nämlich Tennisplätze in der Nähe, und legt mir wenig später die ranziggelbe Trophäe vor die Füße: der ca. 24ste Tennisballfund dieser Saison. Glückwunsch, Pippa!
Kurz drauf ist dann Schluss mit dem Sonnenintermezzo, wir laufen durch den Regen zurück und stellen uns „zuhause“ gleich gemeinsam unter die Dusche. Es folgt Pfotenverbandwechsel, der dritte. Und ein Nickerchen.

Dann ruft der Einheimische an und schlägt vor, dass er uns zu einem Stadtspaziergang abholt. Wir vereinbaren uns für 17:30 Uhr. Wegen eines Gewitters verschieben wir das nochmal um ein Stündchen, aber irgendwann muss man sich ja mal hinauswagen und so stiefeln wir schließlich mit Regenschirmen bewaffnet los, müssen uns ein paarmal unterstellen und kommen weitgehend trockenen Fußes in dem Beisl an, das M. für unsere Einkehr ausgesucht hat.
Herzl heißt es, dennoch schmeißt uns der Ober kurz nach Mitternacht mit einem schmallippigen Scherzl raus. Eh spät genug geworden, es war ein langer Tag.
Und ein schönes Ankommen in Graz. Es geht ja nichts über so einen Einheimischen, mit dem man nicht nur prima spazierengehen, sondern auch noch so gut ratschen kann, dass man glatt das Trinken vergisst (2 Bier sind für über 4 Stunden Sitzen & Sprechen ja ein Witz, findet vor allem der Kellner).

Dienstagmorgen.
Schwülwarme Luft flutet den Raum, als ich nach dem Aufwachen die Balkontür öffne. Die Sonne scheint. Ich beeile mich mit den morgendlichen Verrichtungen, notiere mir noch die diversen Tipps für besonders lohnende Fotospots, die M. mir am Abend gab und ziehe leichtbekleidet am Vormittag mit dem Fräulein Richtung Altstadt los.
Im Stadtpark werde ich von ein paar Junkies angepöbelt, die mit der um meinen Hals baumelnden Kamera ein Problem haben, dessen Kern ich gar nicht näher wissen möchte. Wir biegen schnell ab zum Schlossberg.
Es ist zwar nicht heiß, auch brennt die Sonne nicht vom Himmel, aber die Schwüle setzt dem Dackelfräulein zu. Sie wird immer langsamer, setzt sich gelegentlich hin, wirkt lustlos. Irgendwann mag sie gar nicht mehr, bleibt abrupt stehen und hebt ihr verbundenes Pfötchen hoch, mit einem Geschau dazu, das einen schon fast als Tierquäler anprangert.
Die Fotos, die ich da heroben machen wollte, kann ich vergessen, denn der Hund soll ja drauf sein, doch kein Reisemagazinleser fühlt sich animiert, den Grazer Schlossberg zu erklimmen, wenn dem Blick des Models zufolge schon ein Dackel dabei keine rechte Freude hatte.

Wir setzen uns hin und machen eine Trink- und Denkpause. Pippa legt sich nicht ab, sondern bleibt sitzen, mit gekrümmtem Rücken und zitternder Pfote. Ich werde immer unsicherer, ob da nicht doch was im Argen liegt. Es hat keinen Sinn, mit diesen Fragezeichen im Hinterkopf weiterzugehen. Ich google nach der nächstgelegenen Tierarztpraxis und wir kehren dem Schlossberg den Rücken.

In der Praxis muss ich vor dem Anmeldetresen warten, weil die Empfangsdame noch etwas zu tippen hat. Auf dem Tresen thront ein übergroßes Deko-Objekt: ein garfieldähnliches Katzenkaliber, täuschend echt schaut der aus. Und zu meinem Entsetzen ist er das auch, denn plötzlich bewegt die Dekofigur den Kopf und starrt mich an! Das entgeht auch Pippa nicht, ein Gezeter sondergleichen bricht los, der Garfield flüchtet mit einem Satz hinter den Tresen und meine eben noch so gehbehinderte, leidende Hundedame zieht mit der Energie eines ganzes Huskyrudels hinterher.

Die Empfangsdame wendet sich uns nun zwangsläufig zu und ich plärre ihr mein Anliegen durch den Spuckschutz entgegen, während Pippa sich die Kehle aus dem Leib bellt. Erfreulicherweise werden wir sofort in ein Behandlungszimmer geleitet und eine Minute später, das Fräulein hat sich gerade halbwegs beruhigt, kommt die Tierärztin hinein.

An der Daumenkralle ist nichts, möglicherweise hat also „nur“ der Pfotenverband genervt oder beim Gehen gedrückt. Oder die angeschlagene Verfassung ist der schwülen Witterung geschuldet. Vielleicht ist’s auch der Ortswechsel oder die nahende Läufigkeit, was weiß man schon.
Die Ärztin rät, stundenweise auf den Verband zu verzichten und notiert mir den Namen eines Sprühverbands, den ich stattdessen – zum Schutz vor Dreck – in der Apotheke besorgen und auf die Daumenkralle auftragen soll.

Um 15€ (und auch sonst) erleichtert verlasse ich die Praxis. Klappe den Stadtplan auf und schaue, was wir von hier aus noch als kleine Unternehmung anschließen könnten. Pippa setzt sich aufs Trottoir und hebt die versehrte Pfote hoch und guckt mich dramatisch an.
Ich beschließe also, dass wir uns auf den Heimweg machen und zuhause erstmal ausruhen. Mittlerweile ist der Himmel wolkenverhangen und ein kräftiger Wind kommt auf.

Pippa verzieht sich zuhause sofort in ihr Körbchen. Ich hingegen ziehe nochmal los, um den Sprühverband und etwas zu Essen zu besorgen. Der Himmel ist nun pechschwarz, der Wind pfeift durch die Gassen, in der Ferne hört man bereits ein Donnergrollen. Als ich aus der Apotheke komme, beginnt es zu regnen. Wenige Meter später schüttet es wie aus Kübeln. Ich rette mich in einen Falafel-Laden. Dort sitze ich eine Dreiviertelstunde und gucke gemeinsam mit Ali, dem Falafel-Mann, auf die Straße hinaus: es hagelt, wie man es schon lange nicht mehr gesehen hat. Nach Sekunden sind die Bürgersteige komplett übersät mit den weißen Kügelchen. Ein paar Äste und Fahrräder und anderes Zeug wird über die Wege geschleudert. Die Trambahn kommt zum Stillstand, die Autos halten ebenfalls größtenteils an. Menschen rennen vorbei, mit beiden Armen über dem Kopf.

Ali ruft seine Frau an und bittet sie, das Auto sofort unterzustellen. Etwas bang denke ich an mein Auto im Hinterhof der Liebiggasse – es steht dort unter einem alten Baum. Ich rufe meine Kontaktperson vom Tourismusverband an und frage, ob das geplante Abendessen in dem Buschenschank heute stattfinden wird, man verspricht, mich alsbald zurückzurufen.

Als der Hagel vorbei ist, renne ich durch den Regen nachhause. Unterwegs sieht man Ladenbesitzer, die mit Besen die Hagelkörner aus ihren Geschäften schippen, wegen der Schwüle stand die Tür offen und wurde zu spät geschlossen. Die Grünstreifen sehen aus als hätte es geschneit. Der Verkehr ist zum Stillstand gekommen. Wassermassen donnern die leicht abschüssige Straße hinunter. Teilweise bilden sich kleine Stauseen am Straßenrand oder auf Kreuzungen. Es ist nicht so einfach, eine Stelle zu finden, an der man die Straße überqueren kann. Die ersten Feuerwehrautos und Krankenwägen sind unterwegs. Überall Sirenen und Wasserrauschen. Triefnass erreiche ich die Liebiggasse. Das Dackelfräulein wirkt nun ausgeschlafen und kommt mir munter mit einem Spielzeug in der Schnauze entgegen als ich die Wohnungstür aufschließe.

Eine Stunde später, der Spuk scheint vorbei zu sein, machen wir uns nochmal auf zu einem Spaziergang. Es ist ein einziges Pfützenhopping, bis wir den Hilmteich, ein riesiges, hügeliges Naherholungsgebiet erreichen. Wir kämpfen uns ein Stück auf den Hauptwegen voran, die viel schöneren Nebenpfade sind alle überflutet, manche haben sich in reißende Bächlein verwandelt. Überall steigt Dampf auf, es riecht nach Erde, Laub und Tümpel. Ich kürze dieses zweifelhafte Outdoorvergnügen daher etwas ab.

Auf dem Rückweg sehen wir etliche verzweifelte Hausbesitzer mit dem Wasser kämpfen, das in ihre Kellerschächte gelaufen ist. Die Stadtbäche sind eine schlammbraune, tosende Flut, die über die Ufer zu treten droht.
Ganz Graz versinkt im Wasser.

Die Frau vom Tourismusverband ruft an und bestellt mich in ein anderes Lokal. Schöner Gewölbekeller in der Altstadt, schön trocken.
„Gelangen Sie und Ihr Hund da gut hin?“, fragt sie, und gibt zu bedenken, dass die öffentlichen Verkehrsmittel auch in den nächsten Stunden nicht oder nur eingeschränkt fahren werden. „Wir schaffen das schon“, entgegne ich.

Der Einheimische ruft auch an und erkundigt sich, wie wir zurechtkommen mit den krassen Wetterverhältnissen und fragt, ob er irgendwas helfen könne oder zumindest noch ein Getränk ausgeben dürfe zum Abschluss dieses Sintflut-Tages, und wir verabreden uns für nach dem Abendessen im Kunsthaus-Café.

Beim Abendessen überhäuft man mich mit Entschuldigungen für die misslichen Umstände hier vor Ort, als gäbe es einen Schuldigen für Wind und Wetter. Man verstünde vollauf, wenn es unmöglich sei, bei dieser Witterung werbetaugliche Fotos zu machen und eine einladende Reportage zu schreiben.
Das kommt mir sehr gelegen, da ich seit dem Hagelsturm darüber nachdenke, mal einen ganz anderen Bericht anzufertigen: Über das Reisen, wie es eben auch sein kann, wenn nichts mehr strahlt und glänzt, wenn es einem buchstäblich alle Pläne verhagelt, wenn die Reisebegleitung unpässlich ist, wenn man ständig die Klamotten wechseln muss, weil man zu dick oder zu dünn angezogen oder völlig durchnässt ist, wenn einem von Stunde zu Stunde mehr die Lust abhandenkommt, die angepriesenen Sehenswürdigkeiten überhaupt noch abzuklappern.

Wenn einem dafür mehr und mehr der Sinn danach steht, all das festzuhalten, was man stattdessen erlebt hat, einen Text zu verfassen über verdunstende Regenschwaden und verschneit wirkende Wiesen mitten im Hochsommer, über strahlendweiße K&K-Architektur vor pechschwarzem Himmel, über die Unterschiede zwischen deutschen und österreichischen Veterinären, über die wunderbaren sprachlichen Entdeckungen an jeder Ecke, auf Schildern, Speisenkarten und in Gesprächen, über die vielen Insidergschichtln, die der Einheimische erzählt, von Graz und Umgebung, von Land und Leuten, über die beiden Straßenmusiker, die auf dem Domplatz ein so schlechtes „Who’ll stop the rain“ zum Besten geben, dass es schon wieder gut ist, über Franz-Josef, den Bullterrier aus der Nachbargasse, der sich beim gemeinsamen Warten vor der Bäckerei ins Fräulein verguckt hat, über verregnete Stadtspaziergänge, auf denen nichts, aber auch gar nichts zum Verweilen einlädt, außer den Cafés, die allesamt überfüllt sind und in denen nasse Hunde ebenso unerwünscht sind wie Gäste, die sich zwei Stunden je an ein Glas klammern und dann noch zu laut lachen, als das abgenudelte „Summer of 69“ aus den Lautsprechern scheppert, während der nächtliche Regen im selben Takt gegen die Scheiben trommelt.

That summer seemed to last forever
And if I had the choice
Yeah, I’d always wanna be there
Those were the best days of my life

Danke an M. für die kurzweiligen Abende und die Gespräche über Gott und die Welt (Psalm 91 habe ich zwischenzeitlich nachgeschlagen, du auch?).
Danke, Graz, dass ich diese andere Seite an dir entdecken darf und du mich mit aller Wucht an deinem Ungemach teilhaben lässt.
Und danke an die Damen vom Tourismusverband für die Einladung, die Verköstigung und die gemeinsame Verständigung darüber, was journalistische Freiheit bedeutet.

Wir nutzen das jetzt. Legen die Arbeit nieder und uns auch.
Draußen regnet es.

 

„Der Großteil der Demonstranten kam aus dem bürgerlichen Lager.“

Heute Nachmittag, vor meiner Haustür.

Sehen Sie mir bitte die miserable Bildqualität nach – der Zoom vom Handy ist nicht der beste und mir war wichtig, den Mindestabstand zur dargebotenen Vielfalt der Meinungsfreiheit einzuhalten.

(Überschrift des Blogbeitrags: Zitat aus der“Rundschau“ vom 16. Mai 2020, Bayerisches Fernsehen.)

Tossing & turning.

Wasser, Sand, Wiese, Freilauf. Wir lieben diese Isarspaziergänge!

Song des Tages (36) & Himmel der Bayern (63): Grenzgang.

Gestern und heute einen lang gehegten Traum realisiert: Ins Wettersteingebirge gegangen (eines der zwei heimatlichen Lieblingsgebirge), Übernachtung auf der Meilerhütte und kurz nach Sonnenaufgang hinauf auf die Westliche Törlspitze. Seit Jahren davon geredet und geträumt. Wirklich seit Jahren!

Beim gedanklichen Ausmalen dieser Tour immer das Dackelfräulein als meine treue und erprobte Bergkameradin mit mir dort hochlaufen sehen. Mit etwas Geschick hätte man das Zweierzimmerchen schon bekommen, in dem brave Hunde nach Absprache erlaubt sind.

Schweren Herzens, aber leichten Verstandes nun Abschied genommen von dieser Idee. Zu lang und zu steil der Weg für unsere kleine Hundedame, momentan zumindest, und bei dem Wetter eh völlig undenkbar, da auf der Hälfte des Weges ja nicht mal mehr ein Baum oder Strauch Schatten spendet.
Vor ein, zwei Jahren wär’s wohl noch problemlos gegangen, woraus mal wieder die Lehre zu ziehen ist, dass die paar Lebensträume, die man hat, nicht zu lang aufgeschoben werden sollten.

Catch your dreams before they slip away, wie die Stones schon 1967 sangen – schließlich wird man weder jünger noch beweglicher (wer weiß, wie lang Schulter, Ellbogen und Knie solche Aufstiege noch gut mitmachen und die Trittsicherheit noch in dem Maß vorhanden ist, wie diese Tour es ab und an erfordert).

Besser also nicht weiter vertagen, dachte ich, denn eines Tages kommt evtl. nicht nur Pippa nicht mehr hinauf, sondern auch ich nicht mehr – und damit stand der beste Zeitpunkt fest: jetzt.
Das Wetter ist mir grad recht, denn so weit oben ist es herrlich frisch und luftig, man schwitzt halt ein bisschen, um hinaufzukommen. Auf rutschignasse Felsen kann ich, vor allem abwärts, gut und gern verzichten, da nehm ich lieber das Hochsommerwetter wie’s ist.

Das ist schon eine Wucht da heroben: diese Steinriesen, soweit das Auge reicht, und es reicht bis ins Zugspitzplatt und den Schneeferner hinein und wenn man sich umdreht bis tief ins Karwendelgebirge. Und diese Hütte, die sich wie ein Adlerhorst auf 2.374m Höhe (exakt auf den Landesgrenzen) an den Fels schmiegt, von Dohlen umkreist und von Murmeltieren bepfiffen. Atemberaubend ist das! Zweitausdendreihundertvierundsiebzig Meter, was sagen Sie dazu?!? Und zu dem Panorama?

Mich befiel Sprachlosigkeit und Demut, als ich da gestern am frühen Nachmittag stand und schaute (war eh niemand da, mit dem man ein Wort hätte wechseln können oder müssen, nur ein Steinbock im Kar unter mir).

Nirgends sonst ist Erhabenheit für mich so greif- und spürbar wie auf solchen Gipfeln oder Graten – und ich bin sicher: auch Schiller hätte seine Freude daran gehabt, hier zu stehen, zu schauen und vor sich hin zu fühlen.

Wenn sich der Morgennebel auflöst und den Blick freigibt auf den Wettersteinkamm und die Dreitorspitzen ist das nicht einfach nur eine schöne Aussicht. Es ist ein ernster, ein erhabener Anblick.

Man hat ihn im Visier, den Felskamm, der hinauf zur Törlspitze führt, und von neuen Kräften belebt (nach einer vergleichsweise passablen Nacht im oberen Einzel-Stockbett – merke: wähle immer den Lagerplatz mit dem größtmöglichen Abstand zu den Mitschläfern und dem kleinsten Abstand zum Fenster), steigt man wieder sicheren Schrittes voran. Der Rucksack wartet unten bei der Hütte (nichts irgendwie Belastendes möchte ich mit hinaufnehmen auf diesen letzten Metern), er lehnt windgeschützt neben der eigenen, kleinen Alltagsexistenz an der steinernen Hüttenwand (gestern, bei Ankunft, alles abgelegt).

Das Erhabene ist mehr als Natur – es ist Herausforderung und Übung zugleich. Das Gebirge ist so viel stärker, größer, gewaltiger als wir, und als kleiner Wicht, als der man oft auf Erden umherirrlichtert und dennoch meint, das meiste im Griff zu haben oder zumindest emsig daran zu arbeiten (denn man muss ja heutzutage an allem arbeiten), muss man einsehen, wie ohnmächtig man doch den Gewalten der physischen Welt gegenübersteht, wie sehr man ihnen als Wesen der sinnlichen Welt im Grunde ausgeliefert ist.

Eine Übermacht, gegen die wir uns nur behaupten können, indem wir als Wesen der geistigen Welt, die wir nicht auch, sondern vor allem sind, uns auf unsere eigene Freiheit besinnen (keine Sorge: das hab ich von Schiller, und vor Urzeiten, in meiner Abschlussarbeit, sicher auch mal treffender formulieren können, ich musste nur gestern Abend, durch diese krasse Stille und Steilheit um die Hütte streifend, nach Langem mal wieder dran denken). Der Mensch, sagt Schiller, ist immer schon mehr als Natur: Er ist freier Wille, und das Erhabene fordert ihn gerade in jenen Momenten, in denen es ihn physisch vernichten könnte, dazu heraus, dieses Mehr auch zu sein.

Eine Art vorübergehender Nullpunkt der Existenz und zugleich ihre ganze Möglichkeit und Fülle. Das sag ich jetzt mal so, ganz unschillernd.

Was dieser pathetische Exkurs soll, fragen Sie sich? Hat Frau Kraulquappe einen Sonnenstich? Oder einen Höhenkoller? Oder ticken die Hormone mal wieder aus?
Nein, nichts von alledem, glaube hoffe ich. In den Bergen kann ich machmal einfach freier herumdenken als unten im Tal. Und den Schiller hab ich damals wirklich gern und mit großem Interesse gelesen.

Genug geschwafelt. Nun mal zurück in die Niederungen, die Hälfte des Abstiegs liegt ja noch vor mir.

Und wissen Sie, worauf ich mich jetzt schon am meisten freue? Auf eine ausgiebige Dusche und frische Kleidung am Leib. Auch das wird sich erhaben anfühlen, für so einen verzärtelten Großstädter. Das Alpspitzbad wartet!

Stood alone on a mountain top
Starin‘ out at the Great Divide
I could go east, I could go west
It was all up to me to decide

Just then I saw a young hawk flyin‘
And my soul began to rise
And pretty soon
My heart was singin‘

Roll, roll me away
I’m gonna roll me away tonight
Gotta keep rollin‘, gotta keep ridin‘
Keep searchin‘ till I find what’s right

And as the sunset faded I spoke
To the faintest first starlight
And I said next time
Next time, we’ll get it right

Suburbia (2): Das Hotel-California-Gefühl.

There she stood in the doorway
I heard the mission bell
And I was thinking to myself
„This could be heaven or this could be hell“

***

„Wenn’s dem Esel zu geht, geht er aufs Eis“ waren ihre letzten Worte, als ich mich auf dem Treppenabsatz umdrehte und ihr Lebewohl sagte.
Vor 27 Jahren und 9 Monaten trug sich das zu, hier um die Ecke.
Sie warf mir einen dieser Blick hinterher, die einen für immer verurteilen sollten.
Die Tür fiel ins Schloss. Unten wartete der Papa mit hochgekrempelten Ärmeln, einem seiner Mitarbeiter und dem Kleintransporter.
Ich war 17, und ich ging weg von Zuhause.

***

You can check out any time you like
But you can never leave

***

Diesem Hotel-California-Gefühl wollte ich endlich entkommen, dessen Ausweglosigkeit hinter mir lassen, selbst wenn ich dafür den über alles geliebten Hund bei der Mutter zurücklassen musste.
Penny hieß sie, ein Dackelmischling war sie, beim Münchner Zamperlrennen 1986 ist sie die Schnellste von allen gewesen. Der damalige OB überreichte uns den Siegerpokal, der vermutlich vor zwei Jahren zusammen mit dem übrigen Hausstand der Mutter irgendwo von einer Schrottpresse zermalmt wurde.
Sie war mein einziger Anker zu dieser Zeit, und sie jaulte jämmerlich, als sie begriff, dass ich ging.
Es gibt Trennungen, über die man nie hinwegkommt. Jener Hundeabschied gehört dazu.

Wie ein Lasttier fühlte ich mich tatsächlich, allerdings nicht wie eines, dem es zu gut gegangen war.
Folglich ging ich auch nicht aufs Eis, wo mich nur neue Gefahren erwartet hätten, außerdem war es bereits April und der Winter hatte sich längst verabschiedet. Ich suchte mir einen sicheren, warmen Unterschlupf, eine Zwischenstation auf dem langen Weg zum eigenen Zuhause, das ich so ersehnte.
Eines, in dem man Türen schließen durfte und nie mehr auf der Hut sein musste.

***

***

Mit eisernem Griff hielt sie die Kinderhand umklammert, was sie vor den Augen der Öffentlichkeit durch stetiges Lächeln und einen spielerischen Hüftschwung perfekt zu kaschieren verstand. Das Stakkato ihrer Schritte auf dem Asphalt übertönte zuverlässig jedes „Komm endlich!“ oder „Halt dich gerade!“, das sie dem Kind zuzischte.
Parierte es nicht sofort, verstärkte sie den Druck auf die kleine Hand.

17 Jahre lang bin ich mitgekommen, wohin auch immer sie ging, habe ihre Schwermut zu lindern und ihre Launen zu beschwichtigen versucht, habe feinste Antennen entwickelt, einem Seismografen gleich. Um ihre Stimmungen möglichst schon wahrzunehmen, bevor sie selbst sie bemerkte, um das Ruder vielleicht noch herumreißen zu können, bevor sie in die nächste Stromschnelle geriet, die auch mich unweigerlich mit hinwegraffen würde.
Es empfahl sich, flink, vorsichtig und vorbereitet zu sein, denn trafen einen die Attacken überraschend, war es verheerend.

Auch das mit meiner Haltung hat sie hinbekommen. Sie wusste genau, dass man das Eisen schmieden musste, solange es heiß ist, und sie war ein ebenso geduldiger wie gnadenloser Schmied.
An dem Tag, an dem ich sie verließ, ging ich innerlich gebückt, aber äußerlich aufrecht davon.

***

Up ahead in the distance
I saw a shimmering light

***

Davonzugehen, das verhieß Freiheit. Ihrem eisigen Griff und ihrem Zuckerbrot- und Peitsche-Prinzip von Liebe zu entkommen sowie all ihren Netzen, die sie um mich gesponnen hatte. Nachdem ich gegangen war, warf ich 20 Jahre lang säckeweise Lasten von mir, unternahm ein paar erfolglose Versuche, eine neue oder andere Basis zu ihr zu finden.

Bei ihrem einzigen Besuch in meiner ersten eigenen Wohnung komplimentierte ich sie nach einer Auseinandersetzung hinaus in die Winternacht.
„Du bist genauso kalt und herzlos wie dein Vater“, hatte sie kurz vorher zu mir gesagt.
Ihr letzter verzweifelter Versuch, mich anzuklagen und zu manipulieren, ein letzter Hinweis auf ihr lebenslanges Opferdasein. Opfer ihrer Herkunft, Opfer ihrer schlechten Startbedingungen, Opfer ihres Ehemanns, der Zeiten, der Leute, der Krankheiten, der Arbeitswelt.
Was hätte aus ihr werden können, hätte sie nicht ihre besten Jahre an diesen Mann und dieses Kind verschwendet!
Diesmal schloß ich meine Tür für immer.

Kaum hatte ich alle Bemühungen um sie ad acta gelegt, befasste ich mich freiwillig jahrzehntelang mit weiteren Opfertypen. Wäre beinahe ein Opfer des Opferphänomens geworden, hätte mein Verstand mich nicht hartnäckig auf der Täterseite festgenagelt. Erst als ich zum absoluten Opferexperten avanciert war, konnte ich mit diesem nutz-, sinn- und endlosen Programm aufhören.
Schlagartig und für alle Zeiten hatte ich es satt, mich um die zu kümmern, die keine Verantwortung für sich selbst übernehmen wollen, obwohl sie es sehr wohl könnten.

***

Zwei Straßen weiter steht immer noch das Haus, das ich damals verlassen habe. 1.OG rechts, ein Südbalkon, dessen Holz nun verwittert aussieht, eine ehemals weiße Fassade, die ergraut ist.
Erst als die Mutter aus dieser Gegend wegzog, war es mir wieder möglich, ab und an hierher zu fahren, um in dem herrlichen Wald zu joggen oder mit Hummel, meinem damaligen Dogsharing-Dackel, spazierenzugehen. Weitere Jahre später dann zum Waldlauf mit dem Gatten und eines Tages zum Gassigehen mit Pippa.
Gelegentlich kehrten wir nach unseren Waldausflügen in einem netten Lokal samt Biergarten ein, das ich noch von früher kannte, wenn die Mutter mal zum Ausgehen aufgelegt war oder Besuch kam, der ausgeführt werden sollte. Nach mehreren Pächterwechseln ist es letzten Sommer, kurz nach unserem Umzug in diese Gegend, zu einer geschmacklosen Gaststätte mit haarsträubender Apostrophierung im Namen und ebenso haarsträubenden Fleischgerichten auf der Speisenkarte verkommen.

Hier wieder zu wohnen, wäre mir zu ihren Lebzeiten nicht möglich gewesen, obwohl ich immer am Münchner Süden hing und sie sich längst in ein 60km entferntes Nest im Voralpenland verkrümelt hatte. Die bloße Vorstellung, dass sie hier noch jemanden kennen könnte, besuchen würde und wir uns über den Weg liefen, erstickte diese Überlegung bereits im Keim.
Als sie vor zwei Jahren starb und damit das letzte Kapitel unserer unseligen, unheilbaren Geschichte abgeschlossen war, nahm ich an, dass nun „die Luft rein“ sei und auf der verbrannten Erde wieder angepflanzt werden könne, man sich hier gar selbst eintopfen könne und gedeihen würde.

***

And still those voices are calling from far away
Wake you up in the middle of the night
Just to hear them say
Welcome to the Hotel California

***

Leider war das einer der Irrtümer, die sich erst weit nach dem Umzug offenbarten.
Manche Erinnerungen besitzen die Robustheit von Kakerlaken. Sie starren einen von Hauswänden an, lauern einem hinter Zäunen auf, selbst aus vermoosten Ritzen zwischen den Pflastersteinen kriechen sie bisweilen empor. Du willst wegsehen, sie verscheuchen, drauftreten – aber es ist zwecklos.
So tot die Mutter auch ist, manchmal schwirrt sie hier am südlichen Rand der Stadt, wo wir unsere 17 gemeinsamen Jahre verbrachten, noch durch die Luft und macht mir das Atmen ähnlich schwer wie es sonst nur die Pollen der Hasel im Frühjahr vermögen.

Zum Trost: Der Briefkasten an dem kleinen Platz um die Ecke, in den ich vor 30 Jahren die ersten Liebesbriefe nach Köln einwarf, steht immer noch dort, wohingegen die Telefonzelle, aus der ich die Freundinnen oder den Papa anrief, um meinen Kummer in den Hörer zu heulen, durch einen Wertstoffcontainer ersetzt wurde.
Das fühlt sich stimmig an: Ein Hort der stofflichen Verwertung statt nicht recyclebarem Seelenmüll.

Über kurz oder lang werde ich nun ein zweites Mal von hier fortgehen.
Vielleicht war diese Rückkehr, diese Wiederholung dazu gut, um spürbar zu begreifen, dass das Hotel-California-Gefühl zwar mich verlassen hatte, aber heimatlos, wie es dann geworden war, seine Zelte für alle Ewigkeit hier in dieser Gegend, wahrscheinlich irgendwo am nahen Waldrand, aufgeschlagen hatte.
Dort modert und vegetiert es trotzig und einsam vor sich hin, sitzt des Nachts am knisternden Feuer, um seine Klauen zu wärmen und die alten Lieder anzustimmen, auf dass es ihm vielleicht doch gelänge, mich wieder zu sich zu locken – und sei es nur für eine Nacht, was ja beileibe genügen kann für eine erfolgreiche Infektion.

***

Last thing I remember
I was running for the door
I had to find the passage back
To the place I was before

***

Eine feine und auch so heitere neue Serie auf diesem Blog, nicht wahr?
Sie kam ungeplant, aber jetzt ist sie da und wir wollen hoffen, dass sie nur ein vorübergehender Gast ist.

Ein schönes Wochenende wünscht
Die Kraulquappe.