Rudirallala und Holladrio.

Der September war schon immer mein Lieblingsmonat: Das schönste Licht, die wärmsten Farben, der Sommer noch spür- und sichtbar, auf dem Rücken eine hübsch geschwungene tan line einer langen Freibad-Saison (dieses Jahr sponsored by „Adidas Infinity“), die Biergärten, Hütten und Autobahnen langsam wieder leerer, und zum Ende des Monats hin – quasi als abschließende Krönung – noch der Geburtstag des verehrten Barden aus Freehold, NJ.

So war es ein Leichtes, bei überwiegend septemberlichem Kaiserwetter die viertägige Pressereise durch die Region Hall-Wattens zu absolvieren, zumal wir weder in einer Menschen-, noch in einer Hundegruppe unterwegs sein mussten, sondern individuell betreut wurden und all unsere Änderungswünsche stets berücksichtigt wurden (Lokalbesuch bitte nur außerhalb der gewohnten Gassizeiten, geführte Wanderungen bitte nicht nur auf popligen Themenwegen, sondern in alpinem Gelände, Besuch der Kristallwelten bitte am vernieselten Abreisetag und nicht am sonnigen Bergtag davor usw.).

Der Donnerstag ganz nach unseren Wünschen: Nach üppigen Hundekeks-Kostproben aus Silber-Etagèren am Vormittag…

…trainierte sich Fräulein Hund die angefressenen Kalorien am Nachmittag im Berggelände wieder ab…

…und wir waren ziemlich froh, dass wir uns schon eine gewisse Bergtauglichkeit erlaufen haben in diesem Jahrhundertsommer, der nun hinter uns liegt, denn auf den Schildern fehlten manchmal die Gehzeiten und an manchen Wegstrecken kamen die Warnhinweise auch ein bisserl spät, nämlich erst dann, wenn man bereits zwei Stunden die steilsten Bergwälder und Geröllfelder gequert hatte und sich doch allmählich wunderte, wann man denn mal endlich diese Hinterhornalm erreichen würde, die unten auf der Wandertafel am Parkplatz eigentlich eher unschwierig zu erreichen wirkte (ein Fehler, ohne eigenes Kartenmaterial gereist zu sein!).

Aber is‘ ja auch wurscht, wir hatten schließlich sonst nix zu tun, und so war der Weg tatsächlich das Ziel, wir dann allerdings doch froh, irgendwann die Alm auch mal erreicht zu haben.
Dort dann so erschöpft angekommen, dass für einen Augenblick unklar war, ob man jetzt vielleicht schon deliriert oder halluziniert und Trugbilder am Horizont sieht…

…was gottseidank nicht der Fall war, wie mir das Schnüffeln und Knurren des Dackelfräuleins unterm Tisch schnell verriet: Hinter der Hütte hausten in der Tat knuffige Alpakas, die immer mal wieder um die Ecke lugten und denen beim Kauen zuzusehen eine wahre Wonne ist (diese Zähne! der bewegliche, beinahe frei schwenkbare Unterkiefer!).

Wir ließen uns nieder und ruhten, guckten hinüber zu den Zentralalpen, hinunter nach Wattens und Hall, tranken ein heimisches Weißbier, da die Tiroler kein eigenes haben, das schmecken täte, weshalb sie gleich das unsrige importieren.

Ruhen taten wir auch unten in der historischen Altstadt ganz gern…

…weil man sich zwischendrin ja einfach mal von der Kopfsteinpflasterlatscherei, den vielen Fotoshootings und all den Eindrücken erholen muss.
Und selbst in solchen Momenten konnte man sich neuer, beeindruckender Wahrnehmungen nicht entziehen.

Tiroler Schnäppchen: Halber Preis, doppelte Größe?!

Hall ist übrigens ein Einkaufsparadies, wenn man der Shopping-Typ ist oder zumindest ein passionierter Schaufensterbummler. Leider bin ich beides nicht, ich hatte dafür bislang entweder nicht die Zeit oder das Geld (oder keins von beidem) oder die Muße oder überhaupt das Bedürfnis – und seit wir einen Hund haben, kommt diese Art „Ausgang“ sowieso nicht mehr vor, außer man braucht neue Gassigeh-Treter oder eine neue Funktionsjacke oder endlich mal eine wirklich regendichte Hose.

Zum Abschluss dann am Freitag noch die unvermeidbaren „Kristallwelten“, Österreichs am zweithäufigsten besuchte Sehenswürdigkeit (nach Schloss Schönbrunn), ein Eldorado für nach buntem Kitsch und teuren Klunkern lechzenden Amerikanern und Indern (und anderen).

An der Kassa erhalten wir ein hinterlegtes Ticket, das einen an der langen Schlange vorbeilässt und direkt zum Schlund des Riesen schleust…

…dahinter wartet schon ein lispelnder, schwuler, niederländischer Scherge, der einem eine Privat-Einführung in die 17 Wunderkammern gibt, die einen in dieser Glitzerwelt erwarten.

Es ist dann besser als gedacht, viel besser sogar, also zumindest wirklich so gut, dass man an einem Regentag und noch dazu für umme da glatt hingehen und sich diese wahnwitzigen, schrillen, mehr oder minder ästhetischen, knallig-kitschigen und jenseits aller Budgetreglementierungen designten Erlebnishöhlen zu Gemüte führen kann.

Kristallwelten / Wunderkammer (1)

Kristallwelten / Wunderkammer (2)

Kristallwelten / Wunderkammer (3)

Ein paar preiswertere Stücke in der Shopping-Area der Kristallwelten.

Kristallweltenwolken vor echten Wolken vor Tuxer Alpen.

So sagten wir also vorgestern Hall und seinen Bewohnern „Servus, danke für alles & schee woars!“:

Nette Menschen, gutes Essen, hübsches Städtchen, tolle Bergwelt – das Dackelfräulein und ich hatten wirklich einen Spaß und eine Freude dort. Vielleicht kooperiert man demnächst mit den Hallern und schreibt noch einen Beitrag für deren Touristenmagazin übers bayerisch-tirolerische Grenzgebiet, das zu durchstreifen ja ein Hochgenuss ist, aber bis es so weit ist, spitzen wir nun den Bleistift und schreiben die Notizen zu der feinen, kleinen Reise mal ins Reine.

Gut gelaunt gondelten wir über den nebligen Achenpass wieder hinüber ins heimatliche Bayern, machten noch einen Zwischenstopp im Tegernseer Tal und dann ab nachhause, wo jetzt der Fünfer-Looping und alles andere fertig aufgebaut vor der Haustür steht und einen sogleich dran erinnert, dass man in gut einer Woche schon wieder das Weite suchen wird dürfen.

Beim Auspacken fiel mir dann nach Jahrzehnten das Lied aus Kindertagen wieder ein, das der Papa manchmal sang, wenn wir in Felix Austria unterwegs waren:

Wenn’S scho a Kriagal intus ham, hearn’S ruhig nei und wenn ned, dann hoid ned 🙂

Hall_uzinationen.

Diese Reise hat beinahe etwas Unwirkliches: Wenn wir nicht gerade von netten Tiroler Bergführern oder freundlichen Menschen vom Tourismusverband umhergeführt oder verköstigt werden, sitzen wir bei 30 Grad unter Palmen, gucken uns staunend um und können diese unglaubliche Bergwelt, die uns hier in Hall umgibt, einfach nicht fassen.

Und um sie vielleicht doch fassen zu können, gehen wir los – hinauf, hinab, hinüber, herum – und dennoch bleibt sie unfassbar.

Obwohl ich das Karwendel kenne, obwohl ich da einst komplett drübermarschiert bin und jedes Jahr Touren dort unternehme, obwohl mir all das ja eigentlich so vertraut ist, ergreift mich der bloße Anblick, die herbe Schönheit und die weiße, leuchtende Schroffheit dieser Kalkalpen immer wieder zutiefst: Verneigen möchte mich vor dieser stillen, gewaltigen Erhabenheit – oder aber meinen Tränen freien Lauf lassen.

Nirgendwo war ich je so verbunden mit Gesteinsmassen, nirgendwo je so verbunden mit dem, was man gemeinhin „Seele“ nennt. Allein dafür hat sich’s gelohnt, diese Einladung anzunehmen. Ob ich hernach in der Lage sein werde, einen Artikel darüber zu schreiben? Ich weiß es nicht.

Über das Innerste zu schreiben, das kostet stets so viel Kraft. Gelingt es, entsteigt man gestärkt seinem eigenen Text. Aber der Zeitpunkt, um hineinzuspringen in dieses noch unsortierte, aufgewühlte Wörtermeer, da hineinzuspringen und es erst zu zerteilen und dann zusammenzusetzen (und dies mehrfach, und manchmal so lange, bis man fast nicht mehr kann, und dann doch weiterzumachen, weil man auch nicht aufhören kann damit) – dieser Zeitpunkt, den wählt man nicht, sondern er erwählt einen.

Man spürt es sofort, wenn es soweit ist.

Und bis dahin sortieren wir eben Fotos.

Das Dackelfräulein besucht die erste Hundeboutique.

Madame Hund testet Gebäck in der zweiten Boutique.

Pippa gähnt Wolfi, den Coiffeur in der Bellness-Oase, an.

Kraxeldackel im Südkarwendel: SB-Theke in der Knappenkammer unterhalb des Lafatscherjochs.

Tiroler Landesfarben hinter Teckel auf 1.601m Höhe.

(Und bevor jemand fragt: Nein, wir, resp. ich, mögen Hundeboutiquen überhaupt nicht. Wir müssen da halt hin. Das ist nämlich eigentlich gar keine Pressereise, sondern eine Fressireise.)

Nickerchen vor 4-Sterne-Kulisse.

Mit der Beschränkung aufs Allernötigste, was Frauchen und Wauwauchen halt so benötigen für 4 Tage in der Fremde…

…sind das Dackelfräulein und ich heute Morgen in München losgedüst Richtung Berge.

Das angebliche 4-Sterne-Hotel empfängt uns mit verhaltener Tiroler Freundlichkeit, dafür aber einem erstklassigen Panoramablick aus unserem Turm-Zimmer:

Zur einen Seite das Karwendel, zur anderen die Haller Altstadt mit den Tuxer Alpen im Hintergrund. Wau!

Da kann man nicht meckern und sieht gnädig über den nicht geleerten Mistkübel und die Bartstoppeln des Rauhaardackels oder Geschäftsreisenden, der vor uns hier logiert hat, hinweg.

Machen wir also noch ein kleines Nickerchen mit Aussicht hinüber zur Bettelwurfhütte, über die ich einst, als ich noch jung und topfit war, die dritte Etappe meiner Alpenüberquerung ging und von dort ins Inntal hinabstieg…

…und freuen uns auf die Delegation, die uns nachher in der Lobby zur Stadtführung abholen wird.

S’Glück is a Vogerl…

… – wie’s in Österreich so schön heißt – und in diesem Sinne fliegen wir morgen dann mal los zu unserer kleinen Pressereise nach Tirol, wo wir auf ein paar schöne Tage, Erlebnisse, Eindrücke und Fotos hoffen, so dass im Anschluss ein feiner Artikel draus werden kann.

Das Fräulein in Vorfreude auf die Bellness-Oase.

Das Rad des Lebens dreht sich recht munter im Moment, größere Loopings brauch‘ ich dieses Jahr allerdings (nach allem, was so war und ist) keine mehr…

…irgendwelche Höllenfahrten schon gleich gar nicht…

…stattdessen gucken wir lieber der Lebensfreude unters Röckchen…

…oder bei einem Glaserl Gerstensaft in den Himmel der Bayern oder der Tiroler hinauf.

Slogans, die man sich zu Herzen nehmen sollte.

Sie hören von uns & haben auch Sie einen freudigen Wochenstart!

Erster Aufschlag.

In der neuen Wohnung bekommen wir unsere Post nun etwas old-fashioned durch den Briefkastenschlitz direkt in den Flur geworfen. Peng, bumms, zack – geräuschvoll landen Rechnungen, Briefe und Zeitungen auf dem Holzboden, und das täglich zu einer anderen Uhrzeit.

Wir sind diese Attacken noch nicht gewöhnt: Steht man gerade am Spülbecken (keine 3 Meter vom Aufschlagsort entfernt), fällt einem vor Schreck fast das Geschirr aus der Hand, sitzt man am Schreibtisch und ist in die Arbeit vertieft, denkt man bei dem Geräusch als Erstes an einen Einbrecher und am Allermeisten erschrickt natürlich das Dackelfräulein, wenn plötzlich die Post aufs Parkett herniederpoltert. Friedlich in ihrer Wurfkiste schlummernd, die ihr der Handwerksfreund hergerichtet hat, springt sie dann wie von der Tarantel gestochen in die Höhe und rast bellend zur Wohnungstür, wild entschlossen, uns und ihr neues Revier zu verteidigen.

[Hinter der Tür spricht die nette Briefträgerin sogleich beruhigende Worte, denn heutzutage erhält das Personal der Post ja spezielle Schulungen für solche „Gefahrensituationen im Berufsalltag“, unsere hat schon „Challenge IV: Calming the dog personally“ absolviert und flötet durch den halb offenen Briefkastenschlitz höflich in den Flur hinein, ob man einander nicht die Pfote reichen sollte, denn wenn man sich mal persönlich kennen würde, wäre doch alles gleich viel einfacher und die Bedrohungslage gewissermaßen entschärft. Der Gatte öffnet also die Tür, die Briefträgerin kniet vor ihm und unserem Hund nieder, lässt sich beschnuppern, hält dem Fräulein die ausgestreckte Hand gekonnt unter den Rüssel und binnen weniger Sekunden ist alles geritzt, die Postbeamtin darf mit frisch abgeschlecktem Gesicht wieder aufstehen, um ihr Tagwerk zu verrichten und der Wachhund trollt sich in seine Kiste, um sein Schläfchen fortzusetzen.]

Die neue Woche beginnt mit dem lautstarken Ein- und Auftreffen der neuesten Ausgabe des Hundemagazins „Dog and Travel“, in der das Dackelfräulein auf dem Cover zumindest Erwähnung findet, wenn man ihr schon nicht den Platz in der Hängematte angeboten hat.

Wer die Wartezeit auf die noch zu schreibende Sensationsstory „Mit Waldi auf den Watzmann“ sinnvoll überbrücken möchte, marschiert übermorgen in den gut sortierten Zeitschriftenhandel und gönnt sich also „Mit dem Zamperl durchs Zugspitzland“.

Und obwohl kaum einer meiner Artikel ohne diese unsäglichen Alliterationen auskommt, würde ich nicht gänzlich ausschließen, dass Sie Gefallen an dem Beitrag finden.
Denn drei Jahre Bloggen haben mir eine wichtige Erkenntnis beschert: Die meisten Likes staubt immer die Hundemadame ab – und zwar einfach nur, weil sie guckt wie sie eben guckt oder daliegt wie sie eben daliegt und ist wie sie eben ist.
So weit wird man es als Mensch niemals bringen, weder durchs Aussehen oder den Augenaufschlag oder durch Rumliegen und schon gar nicht durch Worte.
Viel Freude also beim Betrachten der Bilder und lassen Sie sich einfach nicht von dem Text dazwischen stören!

Der Artikel ist meinem großen Freund S. gewidmet, der Pippa und mich auf einer der Touren im Zugspitzland nicht nur chauffiert, begleitet und verpflegt hat, sondern auch die eine oder andere zähe Fotosession geduldig mit uns gemeistert hat.
Danke dafür!

Mit S. auf seiner lila Decke am Eibsee.

Himmel der Bayern (35): Denkmäler.

Denen, die man liebt, schon zu Lebzeiten ein kleines Denkmal zu setzen…

…ich wünschte, das würde mir öfter gelingen!

Nähere Informationen und Bildmaterial zu den Denkmälern sowie zu dem in allen Jahreszeiten (er)lebenswerten Tegernseer Tal finden Sie ab heute im gut sortierten Zeitschriftenhandel in der neuen Ausgabe von Dog & Travel.

Mit Liebe für meinen Papa & meine Pippa…

…mit herzlicher Empfehlung für alle anderen, die’s interessiert oder nach Oberbayern zieht…

…und nicht zuletzt mit großem Dank an den Gatten für seine Unterstützung, immerzu und bei allem, woran ich herumwürge!

 

Und weiter geht’s.

So, da samma wieder.
Alle miteinand in relativ aufgeräumter Verfassung.

Der Artikel geschrieben und abgegeben:
Zu meiner großen Freude hat die Redaktion mit meiner mitgelieferten Fotoauswahl ziemlich genau das angestellt, was ich mir erhofft hatte. Oft setzen sie ein Foto ins Großformat, das man selbst völlig nebensächlich findet, lassen die besten Aufnahmen ganz weg, oder sie nehmen eines der Top-Bilder zwar mit rein, platzieren es aber in Streichholzschachtelgröße irgendwo zwischen den Textspalten, wo es unbemerkt verschwindet.

Das Dackelfräulein nicht mehr im Hormonrausch:
Wir genießen nun die 9-wöchige Ruhe vor dem nächsten Sturm, der Scheinmutterschaft. Und widmen uns bis dahin anderen Herzensangelegenheiten.

Den medizinischen Kram auch erstmal wieder überstanden:
Zwischen bildgebendem Verfahren Nr. 1 und bildgebendem Verfahren Nr. 2 lag ich wartend auf einer Pritsche und starrte auf einen August Macke an der gegenüberliegenden Wand. Ich zählte die Hüte und Rechtecke auf dem Gemälde, versuchte jedes Zeitempfinden und jede Panik zu eliminieren, im Nebenzimmer sehr wohl um den Arzt wissend, der sich Teil 1 der Bilder schon mal ansah, um Teil 2 ggf. gezielter anfertigen zu können.
Dauert es lange, fragt man sich: Sucht der noch oder hat er schon gefunden und sucht nur noch nach den passenden Worten? Oder bedeuten die 4,5,6 oder 7 Minuten, dass es nichts zu sehen gibt und der Arzt froh ist, mal in Ruhe einen Kaffee runterkippen zu können? Oder sitzt der gar nicht mehr nebenan und bespricht sich bereits mit Kollegen, was zu tun sei? Würde mich die Erinnerung an jenes Bild von August Macke fortan daran erinnern, dass bei der Betrachtung desselben mein Schicksal besiegelt wurde?

[Dabei fällt mir immer die allererste der Situationen ein, in der mich dieses schicksalshafte Gefühl erstmals beschlich. Über 20 Jahre her, ich noch Studentin, brachte zum ersten Mal in meinem Leben den Papa mit meiner kleinen Karre zum Flughafen, dreiwöchige Dienstreise nach China, vor der Sicherheitskontrolle drückten wir uns zum Abschied, er reihte sich unter die Wartenden, ich lief zum Ausgang, drehte mich aber kurz vorher nochmal um, erwischte genau den Moment, in dem auch er sich umsah, unsere Blicke trafen sich, dazwischen etlicher Abstand und diese dicke Glasscheibe, wir hoben beide winkend die Hand zu einem allerletzten Gruß und lächelten etwas schief, ich ging zum Auto, schloss auf, ließ mich auf den Sitz fallen und brach in Tränen aus wegen des plötzlichen Bewusstwerdens, dass ich diesen letzten Blick immer und ewig erinnern würde, aber dass er nur dann eine erträgliche Erinnerung wäre, wenn er bloß ein vorübergehend letzter Blick gewesen sein würde, weil der Papa unversehrt wieder nach München zurückkäme, was er auch tat, dennoch hatte dieser Augenblick eine nie zuvor in dem Kontext dagewesene Wucht, die in dem Wissen um die potentielle Endgültigkeit immer und überall bestand, und seither versuche ich, solche letzten Bilder/Blicke/Berührungen auf keinen Fall bewusst zu bemerken, ich praktiziere das wie einen kleinen, albernen Aberglauben, so als gelänge dann ein Deal mit dem Schicksal und es würde mir nie etwas nehmen von dem oder denen, die mir so wichtig sind, was natürlich so nicht funktioniert, zum einen, weil ich weder ernsthaft an den Deal, noch an das Schicksal glaube, zum anderen, weil es sich mit diesem Wissen über die bloße Möglichkeit, was aus diesen letzten Bildern/Blicken/Berührungen werden könnte, genauso verhält wie mit der Unschuld, die Rede ist hier nicht von der des Körpers, sondern von der des denkenden Geistes: Einmal verloren, kehrt sie nie mehr zurück. Das nur so am Rande und aus der Rubrik „Was so alles in einem herumdenkt, während man wartet, und zwar in Sorge wartet.“]

Zurück ins Behandlungszimmer. Da ich beim Macke auf 7 Hüte und 31 Rechtecke kam, das Ergebnis also alle meine Lieblingszahlen enthielt, musste das wohl ein gutes Omen sein und weder ein letztes Bild, noch eine letzte Berechnung. Und so war es auch.

Und sonst so?

Das große Triefen hat begonnen…

…und die große Suche geht ebenfalls weiter.

Zur Stimulation oder zum Abreagieren gucke ich mir dazu mittlerweile gern Youtube-Videos wie dieses an, die an Aktualität und Realitätsnähe schwer zu übertreffen sind (obwohl in den 1970er und 80er Jahren gedreht).
Polt-Sketche als orwellsche Münchner Mieter-Dystopie, großartig ist das (unklar nur, wieso die Serie „Fast wia im richtigen Leben“ hieß).

Wär’s nicht so ein kabarettistisch abgegrastes Thema, hätt‘ man jetzt genug Stoff für ein Mieter-in-München-Buch beisammen. Man kommt ja rum, wenn man sucht, lernt viele Menschen und Häuser kennen, letztere sogar von innen, sieht und hört Sachen, die man sich nicht hätt‘ träumen lassen. Es weht schon ein rauer Wind da draußen in den Straßen unserer schönen Stadt.

Und je länger man sucht, desto rabiater und radikaler wird man auch selbst. Das fängt schon beim Auswählen der Inserate an.
Eine Annonce wie diese, bei der mir als einziges (!) Bildmaterial zu einer 91m²(!)-Wohnung nur dieses poplige Foto von einem Schlafzimmer mit einer geschmacklosen Bettdecke für zwei, heruntergebrannten Duftkerzen, billigem Funkwecker, IKEA-Funzel und Eau-de-Toilette-Humpen auf dem Sideboard geliefert wird…

…ich aber im Gegenzug per Mail alle (!) unsere Daten liefern soll, bevor der Eigentümer sich vielleicht herablässt, einem dann noch eine Ansicht der anderen Zimmerseite (mit Sicherheit: 2-3 Meter Schrank mit Schwebetüren und Spiegel in der Mitte, in Buche-Nachbildung und mit Lichtdekorleiste oben) zuzusenden, kann mir den Buckel runterrutschen, obwohl die gut geschnittene Bude angeblich in Schwabing und sogar parknah liegt und nicht mal so viel kostet, dass man gleich jegliche Urlaubsvorhaben für die nächsten 10 Jahre streichen müsste.

Das Leben ist eine ewige Baustelle. Mal dominiert die Abrissbirne, mal hält das Gerüst.
Und Zuversicht, das ist die Einsicht in die Chance auf Aussicht.

Also, weiter geht’s.

Have a break, have a hot dog.

alternativer Beitragstitel: Ein Päuschen (fürs Mäuschen).

Manchmal entstehen ja auf einen Schlag und ziemlich unvorhergesehen gewisse Verdichtungen (und das ist jetzt leider nicht lyrisch gemeint).

Der Gatte schon wieder die ganze Woche weg (=mit allem, was so anliegt, allein daheim), das Dackelfräulein justament in den heißen/willigen Tagen (=erhöhter Aufwand wg. Auswahl einsamer Gassirouten, Rüdenverscheuchen und hormoneller Hibbeligkeit), einen beruflichen Abgabetermin im Nacken (=Schreiben auf Knopfdruck geht oft nicht so fix von der Hand wie erhofft) und demnächst eine Wohnungsbesichtigung vor uns (=Vorbereitungsaufwand ebenfalls allein an der Backe).

Dazwischen noch allerhand anderes zu tun – Soziales, Gesundheitliches, Alltägliches, Häusliches und Familiäres.
Plus Schwimmen, damit die Seelenlage im Lot bleibt (sonst wird alles andere auch nix).

Daher geht’s hier erst weiter, wenn Obiges hinter uns liegt, sprich: der Januar mal über die Bühne ist.

Euch allen eine gute Zeit & bis demnächst in alter Frische!
Die Kraulquappe.

DRT – try it!

Stellen Sie sich mal Folgendes vor:

Sie haben einen kleinen, quirligen und tendenziell ungeduldigen Hund.

Sie sind allein unterwegs mit diesem Hund.
Die Umgebung ist so dermaßen aufregend für Ihren Hund (Wildgehege, Mäuselöcher, andere Hunde, neuer Weg), dass „Komm!“, „Sitz!“ und „Bleib!“ ohnehin nur mühsam funktionieren.

Sie wollen aber, um ein bescheidenes Zubrot zum Rudeleinkommen beizusteuern, unbedingt Fotos von diesem Hund schießen, um Ihre Magazinbeiträge, auf die die Welt nicht gewartet hat Hundehalter dieser Welt geradezu brennen, hübsch zu bebildern.

Sie sind kein Profi, haben kein Stativ dabei, haben im Grunde auch keine Ahnung von Fotografie, weil Sie ja eigentlich mehr dem Wort als dem Bild zugetan sind, führen also nur eine alte, aber gerade so für die von den Verlagen gewünschte Auflösung taugliche Kamera mit sich, und selbst die können Sie meistens nicht kompetent bedienen, weil Sie das ausführliche Lesen von Bedienungsanleitungen hassen.

Außerdem sind Sie ähnlich ungeduldig wie Ihr Hund.

Ihr Hund ist zudem eine Hündin und gerade läufig, befindet sich also gewissermaßen in einer Art Ausnahmezustand. Sie will sausen, schnuppern, aufdringliche Aspiranten erst anschwänzeln und dann verbellen, nach Fressbarem suchen und alle 5 Meter die Botschaft „Huhu, ihr feschen Gebirgsjäger des Werdenfelser Landes, ich bin’s, die kesse Pippa aus der großen Stadt, und in ein paar Tagen darf der Beste von euch auf mich drauf!“ an ein Grasbüschel oder auch wahllos an den Wegesrand pinnen.

Na, schwant es Ihnen schon?
Genau!
Ihr Vorhaben ist nicht gerade das, was man eine Routineübung oder ein leichtes Unterfangen nennen könnte!

Fahren Sie also zeitig los und nicht erst am späten Vormittag, planen Sie für Weg und Bilder die doppelte Zeit ein. Oder die dreifache, wenn Sie der Kulisse wegen in den Bergen unterwegs sind, wo es ja auch mal unwegsames Gelände oder Höhenunterschiede geben kann. Oder biwakieren Sie gleich vor Ort auf dem schönen Höhenweg, Halbgefrorenes zappelt ja vielleicht auch weniger.

Wenn Sie aber nur ein paar Stunden Zeit haben, verrate ich Ihnen heute einen Trick.
In Insiderkreisen kursiert er unter dem Akronym DRT (Dried Rumen Trick).

In der Variante für kleine Hunde geht der so:

  • Locken Sie Ihr Fotomodell auf eine exponierten Platz (Tipp: ein Stück Brie auf die Stelle legen, wo der Hund hin soll, der riecht/klebt gut, so dass Sie Zeit gewinnen).
  • Schreien Sie „Halt-Sitz-Bleib!“ und werfen Sie sich dabei in Ihrer nagelneuen Thermohose in die hartgefrorenen Altschneereste vor Ihrer Versuchsanordnung.
  • Halten Sie währenddessen permanent Blickkontakt mit Ihrem schon wieder quengelnden Hund, damit er halbwegs bei der Sache bleibt.
  • Klemmen Sie sich so fix Sie können ein Stück getrockneten Pansen zwischen die Zähne und rufen Sie dann „Schau!“ oder verwenden Sie, falls „Schau!“ nichts bringt, das ultimative Schlüsselreizwort „Leckerlecker!“
  • Achten Sie auf behutsame Artikulation, damit Ihnen das Pansenstück nicht auskommt und der Hund es natürlich schneller aufhebt als Sie gucken können.
  • Passen Sie bloß auf, dass Sie beim Luftholen keinen bereits durch Ihren Speichel bzw. die vielen vorausgegangenen Fehlversuche aufgeweichten Pansenkrümel verschlucken, das schmeckt widerlich.
  • Drücken Sie ab!

Vergessen Sie übrigens nicht, zuvor die Kamerafunktion „Serienbild“ einzustellen, das erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass eines der 10 Fotos vielleicht etwas wird.

Und wackeln Sie verdammt nochmal nicht mit Ihren eiskalten Händen herum!

Offerten.

Ich mag Rewe nicht. Atmosphärisch nicht, und auch sonst nicht. Häufig hohe Proletendichte. Und oft gibt’s genau das nicht, was wir bräuchten oder möchten. Heute: kein Rahm-Porree. Vorgestern: keinen griechischen Rahmjoghurt. Haben die was gegen Rahm? Blöder Laden jedenfalls.

Bei Edeka fühl ich mich trotz der FDP-affinen Farbgebung wohler. Das Sortiment taugt mir auch mehr, die Klientel ebenso. Gerade habe ich erfolgreich all die Sachen mit Rahm gekauft, die Rewe mir die ganze Woche über verweigert hat.

Hinter mir in der langen Freitagnachmittagskassenschlange ein gepflegter Mittfuffziger, lässige Frisur, coole Brille, abgewetzte Lederjacke, sportliche Statur. Sein Handy klingelt, während ich meine Rahmporreepakete aufs Warenband staple.

(…) [Intro-Geplänkel, dem zu entnehmen ist, dass es sich bei dem Anrufer um eine Mischung zwischen gutem Bekannten und beruflichem Kontakt handelt.]

„Ja, danke, dass du zurückrufst. Wir brauchen da jetzt dringend jemanden, denn die Paula ist plötzlich abgesprungen.“

(…) [Gesprächspartner scheint Paula zu kennen und hat Einiges dazu zu sagen oder zu fragen.]

„Genau, möglichst sofort.“

(…) [Das andere Ende der Leitung stellt eine kurze Frage.]

„Nein, nur für die Sexkolumnen. Das andere schreibt der Herbert erstmal.“

(…) [Sexkolumnen! Alles glotzt den Mittfuffziger an, ich dreh mich samt Rahmjoghurt in der Hand um, kann mir das Schmunzeln nicht verkneifen. Telefonat nähert sich dem Ende.]

„Super, dann ruf mich einfach an, wenn du jemanden weißt. Servus!“

Mittfuffziger verstaut Handy wieder in seiner Lederjacke, guckt mich an und grinst zurück.

„Tja, also, wenn Sie das ganze Gemüse verzehrt haben und dann Zeit hätten…? Wir zahlen auch ganz anständig. 25€ pro 1.000 Zeichen. Allerdings müssten Sie wöchentlich eine Kolumne liefern.“

[Spontan aufkommende, kurze Freude, dass man mir ansieht, dass ich gern schreibe, dann kurzes Nachdenken, was ich entgegnen soll.]

„Hm, meine Themen sind eher Hunde und Outdooraktivitäten.“

„Das lässt sich ja vielleicht ausbauen!?“

Mit seinem Kärtchen in der Hand trete ich den Heimweg an, setze mich in die U-Bahn, den mit Rahmjoghurt bis obenhin vollgestopften Schwimmrucksack neben mir, den eiskalten Rahmporree auf meinem Schoß. Ich rechne. Für eine gute Wintertrekkinghose müsste ich 7.200 Zeichen zustandebringen… Plus Stirnlampe, plus Grödel, plus neue Stöcke wären wir bei 16.800 Zeichen. Was schreibt man da nur alles?
Nee, echt nicht, da setze ich lieber auf die Weihnachtsgroßzügigkeit des Papas oder auf überraschenden Geldsegen aus anderen Quellen.

Dennoch: Edeka ist ganz klar der bessere Laden, sogar Jobs gibt’s da und die Männer sehen dort auch besser aus als bei Rewe.
Nun verkaufe ich erstmal meine alte Matratze und arbeite weiter an dem Artikel über Urlaub mit dem Zamperl in der Zugspitzregion.

Ein schönes Wochenende wünscht
Die Kraulquappe.