Traumtour durch sonnengeflutete Bergwälder östlich des Tegernsees.
Über letzte, nahezu unberührte Restschneefelder, die das Dackelfräulein zur Abkühlung nutzt und ich zum Fotografieren. 12 Kilometer, 640 Höhenmeter, über 4 Stunden unterwegs.
Zusätzlich zwei lange Pausen, die erste auf einem Baumstamm mit Blick zur Bodenschneid, die zweite auf der alten, hübsch verfallenen Kühzaglalm mit schönster Sicht auf die Valepp und den Wallberg.

Aus dem Freitag wurde so der reinste Freutag, erst im Tal wieder Nachrichtenempfang & Negativschlagzeilen (Mail des Vermieters & das unsägliche #allesdichtmachen-Zeugs), sofort schalte ich alles wieder ab, gönne mir noch eine Viertelstunde Musikhören bei weit geöffneten Autotüren, dann muss ich losfahren zum Papa, um das Abendessen zuzubereiten.

Den letzten gemeinsamen Abend verbringen wir mit einer Diskussion, die sich völlig unerwartet ergibt und sich gegen 22 Uhr überraschend zu einem Streit auswächst, wie wir ihn lange nicht mehr hatten (und der sich ebenfalls hervorragend mit #allesdichtmachen verschlagworten ließe).

Ich ertrage nicht, dass der Papa sich rundum hinter seiner Krankheit verschanzt, sie ihm als Ausrede für alles, was nicht (mehr) geht, dient, da ist keinerlei Motivation mehr, zu opponieren oder Möglichkeiten auszuloten, wie sich seine Lage verbessern oder wenigstens stabilisieren ließe, ein Jahr Corona hat das in aller Deutlichkeit auf den Punkt gebracht. Wenn ein Großteil der äußeren Ablenkungen und Gewohnheiten brachliegt, ist in manchen Fällen ja nicht mehr viel übrig von dem, was zuvor das vertraute Leben war, und der schon länger eingetretene innere Stillstand zeigt schonungslos sein glückleeres Gesicht.
Um es in einem Satz zu sagen: der Papa hat aufgegeben.
Hat sich gefügt und kapituliert, hat den Parkinson ein umfassendes Urteil fällen lassen über den Rest seines Lebens und behauptet steif und fest, er vermisse nichts und sei zufrieden und so sei das jetzt eben (andere hätten es schließlich schlechter erwischt oder wären längst tot).

Freilich spricht der Wutanfall, den mein Insistieren bei ihm auslöst, eine andere Sprache, doch als der Zenit des Zorns überschritten ist, sind wir bloß noch erschöpft und die deprimierende Diskussion mündet zu später Stunde in einen holprig herbeigeheuchelten Frieden.
Ein frustrierender Fatigue-Frieden, der sich atmosphärisch bis zu meiner Abreise nicht mehr verflüchtigt, bei ihm, weil er weiß, dass ich ihm die Zufriedenheit mit seinem Zustand nicht abkaufe, bei mir, weil ich weiß, dass ich nichts, aber auch gar nichts daran ändern kann, wenn er nichts mehr ändern will.

Als ich mich verabschiede, bleibt er auf dem Stuhl, auf dem er seine Lebenszeit abzusitzen beschlossen hat, hocken, er versucht nicht mal mehr, aufzustehen, und womöglich ist er in der Vermeidung jeglichen Dem-anderen-zuliebe-Verhaltens sogar authentischer als bei all unseren Abschieden zuvor.
Neben seinem dick geschwollenen Fuß kauert das Dackelfräulein und blickt ebenso besorgt wie ich auf diesen großen, bewegungslosen Berg aus Fleisch und Blut. Dann brechen wir auf.
Durchs Küchenfenster schaue ich nochmal hinein ins Haus, wo er unverändert so dasitzt, seinen Blick gen Boden gesenkt, und ich muss an Cocolino denken, genauer gesagt: an dessen Tod.

Cocolino hatte ein angeborenes Phlegma und eine physische Plumpheit, wie ich sie bei keinem anderen meiner Wellensittiche je erlebt hatte, er war der Flugfaulste von allen, er fraß gern und saß gern, und je älter er wurde, desto ausgeprägter pflegte er diesen nicht sehr lebendigen Lebensstil.
Das ging erstaunlich lange gut, wenngleich es mich in seinen letzten Jahren oft bekümmerte, wenn ich ihn so bräsig und bedröppelt dasitzen sah, während seine Artgenossen, die auch nicht jünger waren als er, noch munter durchs Zimmer zu ihrem Vogelbaum flogen, fröhlich zwitscherten, miteinander zankten und zirkusreife Akrobatik aufführten.

Eines Abends, ich kam von einer Tour auf den Hohen Kranzberg nachhause und war ziemlich geschafft, öffnete ich die Tür zum Vogelzimmer und sah Cocolino tot auf dem Boden liegen. Nicht auf dem Käfigboden, sondern auf dem Fußboden, direkt unter einem der Äste des Vogelbaums, dem mit der Astgabel, in die er sich bei seinen seltenen Ausflügen zum Baum fläzte, um sich ausgiebig von den anderthalb Metern Flugstrecke zu erholen.
Exakt in seiner kugeligen Astgabellümmelposition lag er dort, offebar einfach in senkrechter Falllinie hinabgestürzt, völlig undramatisch, ohne weggestreckte Schwingen, ohne steife Füßchen, ohne Sekret, das aus seinem Schnabel floss.
Die Art und Weise seines Ablebens war ein Abbild seines Lebens: plumps & perdu.
Wahrscheinlich war es ein schnelles und (trotz des unsanften Aufpralls aus zwei Metern Höhe) sanftes Sterben, so sah es jedenfalls aus.
Bei dieser plötzlich aufpoppenden Erinnerung an Cocolino fühle ich eine starke Parallele zum Papa: es würde mich nicht wundern, wenn es mit ihm eines Tages ähnlich zuende ginge.
Es wäre ihm vielleicht sogar zu wünschen, denn jede andere Möglichkeit seines Endes, die ich auch nur andenke, endet in unerträglicher Undenkbarkeit.

*****

Nach nur schlappen 24 Stunden Freude über das (endlich) weitgehend genesene Knie serviert das Schicksal prompt das Dessert zu dieser wenig schmackhaften, vierwöchigen Ausschlussdiät.
Erwartungsgemäß schmeckt das Dessert genauso grausig wie schon alles andere zuvor, da hat sich der Koch wirklich Mühe gegeben, dass auch ja alles zusammenpasst bei diesem Malaisenmenü.

Vom Tegernsee heimgefahren, unterwegs ein leichtes Ziehen in der Hüfte und im Piriformis (den ich auch erst kenne, seit ich das Anatomiebuch aufschlug), im Hinterhof geparkt, ausgestiegen und beim Hochtragen der Habseligkeiten bereits sowas wie einen Schmerz wahrgenommen, natürlich ignoriert, denn grad erst daheim angekommen und einen angenehmen Abstand von den Themen am Tegernsee empfindend, stand erstmal anderes auf dem Programm. Beim Feierabendbier auf der Sonnenbank an der Theresienwiese das Eingeständnis, dass der Schmerz wohl mehr Betäubung braucht als jene, die das zu leichtprozentige Weißbier schenkte.

Am Tag drauf dann wohlverteilt über den Tag drei starke Ibuprofen (die wahren Junkies nennen diese Tabletten nur „Ibus“, das sind diese Lässigen unter den Lohnsklaven, die auch „Lunch“ sagen und nach Feierabend zum „Doc“ gehen, der ihnen dann zur Einnahme von „Ibu“ rät, you know), gefolgt von einer eher schlechten Nacht samt der Erkenntnis, dass es sich um einen eingeklemmten Nerv handeln muss (vor 10 Jahren mal was am Ischias gehabt, das war so ähnlich), wobei auch immer der eingezwickt wurde (vielleicht doch durch eine andere Sitzposition in all den Kniewochen, die nun Auswirkung zeigt?).

Der Osteopath ist die nächsten zehn Tage ausgebucht, also Termin beim Orthopäden vereinbart und ein Döschen Pantoprazol aus der Apotheke geholt, damit das Ibuprofen auch noch weitere Tage halbwegs verträglich bleibt – dank mehr als zwanzig Endometriosejahren verfügt man ja über ausreichend Erfahrung im Umgang mit Analgetika.

Frau Merkel hatte weit über das Politik- und Pandemiespektakel hinaus recht, als sie im Oktober lange, harte Wintermonate prophezeite. Zwischenzeitlich ist der Frühling zwar auch im bayerischen Bergland angekommen, wenngleich immer noch zaghaft und mit sturen Schneeresten kämpfend. Dennoch: er ist da!
Nur noch ein paar warme Tage, so dachte ich, bevor das doloröse Dessert daherkam, und ich zöge mir den Neoprenanzug an (als Neuling darf man noch nicht „Neo“ sagen, und als „Ibu„-Verweigerer und erklärter Gegner von zu viel Abkürzungskram sagt man’s vielleicht eh nie) und spränge nach einem halben Jahr Schwimmabstinenz in den See, dessen Wassertemperatur in den letzten Tagen bereits stundenweise über der 12°C-Marke lag.

Aber der Nerv heißt schließlich Nerv, weil er nervt, und noch ist offen, wie lange er das zu tun gedenkt. Die Orthopädenbesuche und Schmerzmittel nerven ebenfalls und so sehen wir entnervt einer weiteren Nervenprobe entgegen.

Das Fräulein indes von kaniden Nervenkrisen gebeutelt, das Filmchen an anderer Stelle bereits veröffentlicht unter der Überschrift „Alte Rezepte, neu interpretiert. Heute: Handkäs mit Musik.

Bevor Sie schimpfen oder nachfragen: Ja natürlich habe ich was abgetreten von meiner Jause!

9 Kommentare zu “Nervenproben.

  1. evaannacarola

    Meine Mutter ist jahrelang an Krebs gestorben. Was immer für sie getan wurde, sie hat es um unseretwegen zugelassen. Interessiert war sie nicht mehr. Auch nicht an ihren Kindern, ihrem Leben. Bei Kranken schrumpft der Lebensbereich zusammen bis auf wenige Zentimeter um sich herum zusammen. Das ist schwer zu ertragen. Besonders aber für die, die täglich mit ihnen zusammen leben. Und zum Nerv der nervt: er hört eines Tages wieder auf. Versprochen. Und Geduld lernen wir doch gerade alle.

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  2. Vielen Dank für den Satz mit den Lohnsklaven! Sie schreiben mir mal wieder aus der Seele.

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  3. frau frogg

    Ich wünsche Geduld mit dem Nerv – und mit dem Herrn Papa. Wie Menschen auf Krankheiten reagieren, ist manchmal schwierig zu verstehen. Ich spreche da durchaus aus eigener Erfahrung. „Du brauchst ein Projekt!“ sagten meine Freundinnen, als ich vor zehn Jahren von Hörsturz zu Hörsturz taumelte. Es war schwierig, ihnen zu erklären, dass ich nicht mal in der Lage war, zwei zusammenhängende Sätze in einem Buch zu lesen. Dieser Zustand dauerte gut und gern zwei Jahre. Danach wurde ich gelassener. Das wünsche ich Deinem Vater auch. Hat er Physiotherapie und gute Medikamente?

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    • Geduld war noch nie meine Stärke, aber ich übe fleißig – so eine Pandemie bietet da ja ideales Übungsterrain.
      Dank dir für deine Worte und: ja, der Herr Vater nimmt starke Medikamente (mit starken Nebenwirkungen) und bekommt auch Physiotherapie (allerdings entzündete sich genau an dem Thema der Streit: die ist über die Jahre zu einem rein passiven Behandeltwerden geworden…)
      Herzliche Grüße in die Schweiz!

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  4. Pingback: Himmel der Bayern (95): Oh mei oh Mai. – Kraulquappe

  5. Mein Vater starb am 16. Mai. Nach langer Qual an vielen Schläuchen.
    Waren das nun 2 Jahre Todeskampf oder 5? Er rutschte von einer Krise in die andere, war auf nichts mehr ansprechbar und wollte nur noch seine Frau in der Nähe wissen und im übrigen in Ruhe gelassen werden. „Redet doch in meiner Nähe, aber lasst mich in Ruhe.“ Das war so die Essenz.
    Alte Indianer wissen, wann es vorbei ist. Sie setzten sich in die Prärie und warten unter Verweigerung aller Nahrung auf den Tod. Der Kopf arbeitet. Die Jugend zieht immer wieder in Bildern vorbei. Die vorangegangenen Gefährten locken: „Komm!“
    Ich glaube, dass das in uns ist. Aber unsere Zivilisation zwang uns, diese Normalität zu vergessen.
    Jetzt hat er Ruh. Nie wieder Infusionen, die nur den Jammer mehren!

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    • Das tut mir leid für dich, dass du deinen Vater nach so einer langen Phase seines Ringens mit dem Tod verloren hast, selbst wenn es für ihn wohl an der Zeit war, in die endgültige Ruhephase einzutreten…
      Was meinen Vater angeht, so sieht er zwar aus wie der Typ „alter Indianer“, hat aber mindestens in Sachen Nahrungsaufnahme eine gänzlich andere Haltung. Das mit dem Ruhebedürfnis stimmt allerdings. Rund ums Altern und Sterben ist sicherlich vieles in Vergessenheit geraten, was allen Beteiligten eine Menge Leid und Streit ersparen würde – ich werd’s mir zu Herzen nehmen und dennoch weiterhin auch auf mein Herz hören, wie ich mit all dem umgehen möchte und kann.
      Liebe Grüße!

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