Suburbia (2): Das Hotel-California-Gefühl.

There she stood in the doorway
I heard the mission bell
And I was thinking to myself
„This could be heaven or this could be hell“

***

„Wenn’s dem Esel zu geht, geht er aufs Eis“ waren ihre letzten Worte, als ich mich auf dem Treppenabsatz umdrehte und ihr Lebewohl sagte.
Vor 27 Jahren und 9 Monaten trug sich das zu, hier um die Ecke.
Sie warf mir einen dieser Blick hinterher, die einen für immer verurteilen sollten.
Die Tür fiel ins Schloss. Unten wartete der Papa mit hochgekrempelten Ärmeln, einem seiner Mitarbeiter und dem Kleintransporter.
Ich war 17, und ich ging weg von Zuhause.

***

You can check out any time you like
But you can never leave

***

Diesem Hotel-California-Gefühl wollte ich endlich entkommen, dessen Ausweglosigkeit hinter mir lassen, selbst wenn ich dafür den über alles geliebten Hund bei der Mutter zurücklassen musste.
Penny hieß sie, ein Dackelmischling war sie, beim Münchner Zamperlrennen 1986 ist sie die Schnellste von allen gewesen. Der damalige OB überreichte uns den Siegerpokal, der vermutlich vor zwei Jahren zusammen mit dem übrigen Hausstand der Mutter irgendwo von einer Schrottpresse zermalmt wurde.
Sie war mein einziger Anker zu dieser Zeit, und sie jaulte jämmerlich, als sie begriff, dass ich ging.
Es gibt Trennungen, über die man nie hinwegkommt. Jener Hundeabschied gehört dazu.

Wie ein Lasttier fühlte ich mich tatsächlich, allerdings nicht wie eines, dem es zu gut gegangen war.
Folglich ging ich auch nicht aufs Eis, wo mich nur neue Gefahren erwartet hätten, außerdem war es bereits April und der Winter hatte sich längst verabschiedet. Ich suchte mir einen sicheren, warmen Unterschlupf, eine Zwischenstation auf dem langen Weg zum eigenen Zuhause, das ich so ersehnte.
Eines, in dem man Türen schließen durfte und nie mehr auf der Hut sein musste.

***

***

Mit eisernem Griff hielt sie die Kinderhand umklammert, was sie vor den Augen der Öffentlichkeit durch stetiges Lächeln und einen spielerischen Hüftschwung perfekt zu kaschieren verstand. Das Stakkato ihrer Schritte auf dem Asphalt übertönte zuverlässig jedes „Komm endlich!“ oder „Halt dich gerade!“, das sie dem Kind zuzischte.
Parierte es nicht sofort, verstärkte sie den Druck auf die kleine Hand.

17 Jahre lang bin ich mitgekommen, wohin auch immer sie ging, habe ihre Schwermut zu lindern und ihre Launen zu beschwichtigen versucht, habe feinste Antennen entwickelt, einem Seismografen gleich. Um ihre Stimmungen möglichst schon wahrzunehmen, bevor sie selbst sie bemerkte, um das Ruder vielleicht noch herumreißen zu können, bevor sie in die nächste Stromschnelle geriet, die auch mich unweigerlich mit hinwegraffen würde.
Es empfahl sich, flink, vorsichtig und vorbereitet zu sein, denn trafen einen die Attacken überraschend, war es verheerend.

Auch das mit meiner Haltung hat sie hinbekommen. Sie wusste genau, dass man das Eisen schmieden musste, solange es heiß ist, und sie war ein ebenso geduldiger wie gnadenloser Schmied.
An dem Tag, an dem ich sie verließ, ging ich innerlich gebückt, aber äußerlich aufrecht davon.

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Up ahead in the distance
I saw a shimmering light

***

Davonzugehen, das verhieß Freiheit. Ihrem eisigen Griff und ihrem Zuckerbrot- und Peitsche-Prinzip von Liebe zu entkommen sowie all ihren Netzen, die sie um mich gesponnen hatte. Nachdem ich gegangen war, warf ich 20 Jahre lang säckeweise Lasten von mir, unternahm ein paar erfolglose Versuche, eine neue oder andere Basis zu ihr zu finden.

Bei ihrem einzigen Besuch in meiner ersten eigenen Wohnung komplimentierte ich sie nach einer Auseinandersetzung hinaus in die Winternacht.
„Du bist genauso kalt und herzlos wie dein Vater“, hatte sie kurz vorher zu mir gesagt.
Ihr letzter verzweifelter Versuch, mich anzuklagen und zu manipulieren, ein letzter Hinweis auf ihr lebenslanges Opferdasein. Opfer ihrer Herkunft, Opfer ihrer schlechten Startbedingungen, Opfer ihres Ehemanns, der Zeiten, der Leute, der Krankheiten, der Arbeitswelt.
Was hätte aus ihr werden können, hätte sie nicht ihre besten Jahre an diesen Mann und dieses Kind verschwendet!
Diesmal schloß ich meine Tür für immer.

Kaum hatte ich alle Bemühungen um sie ad acta gelegt, befasste ich mich freiwillig jahrzehntelang mit weiteren Opfertypen. Wäre beinahe ein Opfer des Opferphänomens geworden, hätte mein Verstand mich nicht hartnäckig auf der Täterseite festgenagelt. Erst als ich zum absoluten Opferexperten avanciert war, konnte ich mit diesem nutz-, sinn- und endlosen Programm aufhören.
Schlagartig und für alle Zeiten hatte ich es satt, mich um die zu kümmern, die keine Verantwortung für sich selbst übernehmen wollen, obwohl sie es sehr wohl könnten.

***

Zwei Straßen weiter steht immer noch das Haus, das ich damals verlassen habe. 1.OG rechts, ein Südbalkon, dessen Holz nun verwittert aussieht, eine ehemals weiße Fassade, die ergraut ist.
Erst als die Mutter aus dieser Gegend wegzog, war es mir wieder möglich, ab und an hierher zu fahren, um in dem herrlichen Wald zu joggen oder mit Hummel, meinem damaligen Dogsharing-Dackel, spazierenzugehen. Weitere Jahre später dann zum Waldlauf mit dem Gatten und eines Tages zum Gassigehen mit Pippa.
Gelegentlich kehrten wir nach unseren Waldausflügen in einem netten Lokal samt Biergarten ein, das ich noch von früher kannte, wenn die Mutter mal zum Ausgehen aufgelegt war oder Besuch kam, der ausgeführt werden sollte. Nach mehreren Pächterwechseln ist es letzten Sommer, kurz nach unserem Umzug in diese Gegend, zu einer geschmacklosen Gaststätte mit haarsträubender Apostrophierung im Namen und ebenso haarsträubenden Fleischgerichten auf der Speisenkarte verkommen.

Hier wieder zu wohnen, wäre mir zu ihren Lebzeiten nicht möglich gewesen, obwohl ich immer am Münchner Süden hing und sie sich längst in ein 60km entferntes Nest im Voralpenland verkrümelt hatte. Die bloße Vorstellung, dass sie hier noch jemanden kennen könnte, besuchen würde und wir uns über den Weg liefen, erstickte diese Überlegung bereits im Keim.
Als sie vor zwei Jahren starb und damit das letzte Kapitel unserer unseligen, unheilbaren Geschichte abgeschlossen war, nahm ich an, dass nun „die Luft rein“ sei und auf der verbrannten Erde wieder angepflanzt werden könne, man sich hier gar selbst eintopfen könne und gedeihen würde.

***

And still those voices are calling from far away
Wake you up in the middle of the night
Just to hear them say
Welcome to the Hotel California

***

Leider war das einer der Irrtümer, die sich erst weit nach dem Umzug offenbarten.
Manche Erinnerungen besitzen die Robustheit von Kakerlaken. Sie starren einen von Hauswänden an, lauern einem hinter Zäunen auf, selbst aus vermoosten Ritzen zwischen den Pflastersteinen kriechen sie bisweilen empor. Du willst wegsehen, sie verscheuchen, drauftreten – aber es ist zwecklos.
So tot die Mutter auch ist, manchmal schwirrt sie hier am südlichen Rand der Stadt, wo wir unsere 17 gemeinsamen Jahre verbrachten, noch durch die Luft und macht mir das Atmen ähnlich schwer wie es sonst nur die Pollen der Hasel im Frühjahr vermögen.

Zum Trost: Der Briefkasten an dem kleinen Platz um die Ecke, in den ich vor 30 Jahren die ersten Liebesbriefe nach Köln einwarf, steht immer noch dort, wohingegen die Telefonzelle, aus der ich die Freundinnen oder den Papa anrief, um meinen Kummer in den Hörer zu heulen, durch einen Wertstoffcontainer ersetzt wurde.
Das fühlt sich stimmig an: Ein Hort der stofflichen Verwertung statt nicht recyclebarem Seelenmüll.

Über kurz oder lang werde ich nun ein zweites Mal von hier fortgehen.
Vielleicht war diese Rückkehr, diese Wiederholung dazu gut, um spürbar zu begreifen, dass das Hotel-California-Gefühl zwar mich verlassen hatte, aber heimatlos, wie es dann geworden war, seine Zelte für alle Ewigkeit hier in dieser Gegend, wahrscheinlich irgendwo am nahen Waldrand, aufgeschlagen hatte.
Dort modert und vegetiert es trotzig und einsam vor sich hin, sitzt des Nachts am knisternden Feuer, um seine Klauen zu wärmen und die alten Lieder anzustimmen, auf dass es ihm vielleicht doch gelänge, mich wieder zu sich zu locken – und sei es nur für eine Nacht, was ja beileibe genügen kann für eine erfolgreiche Infektion.

***

Last thing I remember
I was running for the door
I had to find the passage back
To the place I was before

***

Eine feine und auch so heitere neue Serie auf diesem Blog, nicht wahr?
Sie kam ungeplant, aber jetzt ist sie da und wir wollen hoffen, dass sie nur ein vorübergehender Gast ist.

Ein schönes Wochenende wünscht
Die Kraulquappe.

For you.

[Same question as every year: Wohin mit dem Dackelfräulein (und uns) an Silvester?
Gerne wären wir in irgendeine stille Lodge in die Berge verreist (zu teuer),
beinahe hätten wir uns mit Freunden in der feuerwerksfreien Zone einer Kleinstadt einquartiert (zu spät dran),
spontan dachten wir noch an eine Nacht im Hilton Munich Airport (zu wenig Grün)
– und letztlich bleiben wir nun doch zuhause.]

Gerade bin ich vom letzten Schwimmausflug des Jahres zurückgekehrt. Der Schwimmsport ist ja, so übers Jahr oder die Jahrzehnte betrachtet, ein Abbild des Lebens im Allgemeinen wie im Besonderen. Manchmal ein friedliches, genussvolles Dahingleiten, mal ein ambitioniertes, beständiges Vorankommen, mal ein energisches, verzweifeltes Herumrudern. Mal liegt man entspannt auf dem Rücken und guckt in den weißblauen Bayernhimmel, mal zieht man an allen anderen ohne jede Anstrengung vorbei, mal haut einem der Nebenmann seine Flossen in die Fresse, dass einem der Atem stockt und entschuldigt sich nicht mal. Schwimmen ist wie das Leben, nur chlorreicher. Bemerkenswert ist übrigens, dass sich bei den diversen Varianten die Zeiten pro Kilometer kaum unterscheiden – auch hier ist eine gewisse Analogie zum Leben außerhalb des Wassers feststellbar: wie oft könnt‘ man sich das ganze Gezappel sparen, weil schlussendlich eh vieles aufs Gleiche hinausläuft.

Im Becken war es heute erwartungsgemäß voll:  All diejenigen, die noch die persönliche Sportbilanz frisieren, sich die Weihnachtspfunde wegschwimmen oder den Frust über den binnen 24 Stunden komplett weggeschmolzenen Winterzauber rauskloppen wollen. Oder die, die sich vor der Silvesterparty nochmal was Gutes tun möchten sowie die, die eh immer sonntags zum Schwimmen gehen – plus ein Schwung Väter, von daheim rausgeworfen mit den Worten „Jetzt mach du halt auch mal was mit den Kindern!“. Urlaubszeit, Schulferien, Sonne und milde 13 Grad locken an einem Silvestersonntag leider viel zu viele ins Schwimmbad.

Dennoch war heute unterm Strich noch der bessere Schwimm-Tag als Neujahr, wenn das Becken überquillt vor lauter guten Vorsätzen, die dann erfahrungsgemäß bis Anfang Februar die Bahnen nicht nur zu den beliebten Zeiten sehr unangenehm verstopfen.

Der Gatte bespaßt gerade da draußen in den ruhigen Wäldern das Dackelfräulein, bevor wir am Spätnachmittag dann die Schotten dichtmachen, damit Pippa die Hundehorrornacht des Jahres einigermaßen gut übersteht.
Wir wagen uns erst wieder nach draußen, wenn der ganze Krach vorüber, die letzte Rakete erloschen und das sinnlose Blei vergossen ist.

Diese Ruhe vor dem Sturm möchte ich nutzen, um auch den Kraulquappen-Blog noch in den Reigen der Jahresrückblicke einzureihen.

Erst dachte ich an eine Rückschau in 12 Kapiteln, was ich wieder verwarf, als ich feststellte, dass sich 7 der 12 Kapitel zu sehr ähneln würden in Tat, Wort und Bild. Eine tabellarische Darstellung wäre auch fein gewesen, aber zugleich albern, da die drei vorzeigbaren Kennzahlen fix zu dokumentieren sind: 85-33-58 (und das sind nicht etwa meine Maße, sondern die Zahlen für Schwimmen-Bergtouren-Läufe).
Und auf anderes bezogen tracke ich mein Self oder die von ihm erreichten Ergebnisse/Nicht-Ergebnisse lieber gar nicht erst (wobei: die Gassigänge und die Weißbieranzahl könnten sich auch noch sehen lassen, wenn ich sie denn nicht nur genossen, sondern auch gezählt hätte).

Ebensowenig dürstet es mich nach einem Abgleich der vor genau einem Jahr gefassten Pläne mit der nun hinter ihnen liegenden Realität eines ganzen langen Jahres – das Fazit wär‘ wenig erbaulich. Mehr und mehr komme ich davon ab, überhaupt vorauszuplanen und hinterherzubilanzieren, weil sich das für den tatsächlichen Verlauf des Lebensweges als zu wenig hilfreich erwiesen hat.

Wider die überzogenen, unnützen Erwartungen. (Aus: „Der große Polt: Ein Konversationslexikon.“)

Stattdessen habe ich mich für eine bebilderte Retrospektive entschieden, mit der ich die schönen Augenblicke/Erlebnisse/Begegnungen/Entwicklungen/Impulse aus dem vergangenen Jahr Revue passieren lassen und denjenigen widmen möchte, die daran beteiligt waren.
Die Reihenfolge der Fotos sagt – von den ersten dreien mal abgesehen – nichts über ihren jeweiligen Stellenwert in meinem Leben/Herzen/Jahr aus, bestenfalls ist sie chronologisch, ansonsten aber rein zufällig.

Jubiläum am Tegernsee – mit dem Lieblingsmenschen und allem, was man(n) sonst noch so brauchen kann für eine kurze Auszeit.

Im Zugspitzland unterwegs – mit dem zweitwichtigsten Menschen in meinem Leben.

Zur beruflichen Fotosession auf den Wallberg – mit dem Papa, der Pippa & dem alten Cabrio.

Sommergenuss am Eibsee – mit S., seiner tollen lila Picknickdecke und Zugspitzblick.

Geführte und gefühlte Touren 2017 – wunderbares Geburtstags-Kunstwerk von H., der Paderborner Postkartenübermalerin.

Geführte und gefühlte Touren 2017 – sonniges Saisonende mit D. im Karwendegebirge auf dem Weg zur Brunnsteinhütte.

Im Starnberger See – mit den langstrecken-bewährten Kraulquappenflossen auf den Spuren des Kinis.

Geführte und gefühlte Touren 2017 – wahlweise Karwendel- oder Wettersteinblick mit W. auf dem Krottenkopf, dem höchsten Gipfel im Voralpenland.

Mein zweitliebster Flügelflitzer (nach dem Dackelfräulein) – mit herzlichem Dank an den Lieblingsnachbarn für die (freudig verwackelte) Live-Aufnahme.

Geführte und gefühlte Touren 2017 – mit Andrea für einen Brockenblick auf die winterlichen Rabenklippen im Harz.

Mit herzlichem Dank an Dr. T. für das Jahresabschlussgespräch über eingebildete Nadelöhre und geglückte Brückenschläge zwischen damals und heute.

Ich danke Euch allen für diese Augenblicke & Erlebnisse!

Diesen letzten Tag des Jahres 2017 möchte ich außerdem zum Anlass nehmen, um mich bei allen Leserinnen & Lesern, allen Freunden & Followern meines Blogs (und natürlich auch bei den vielen treuen Fans des Dackelfräuleins!) herzlich zu bedanken für die rege Anteilnahme, die wohlwollende Unterstützung, die vielen Kommentare und nicht zuletzt auch die wunderbaren Kontakte, die auf diesem Weg entstanden sind!

Danke dafür & kommt alle gut rüber ins neue Jahr!
Eure Kraulquappe.

PS: …and this one’s for you, Sori, pleased to meet you!

 

Pigmente, Panini, Paarhufer.

Unser heutiger, fünfter Stadtspaziergang hatte einen etwas ungewöhnlichen Startpunkt: die Seumestraße 3, in Obersendling.

Dort befindet sich das Zentrum für Kleintiermedizin, wo wir um 10:30 Uhr zu einem längeren Termin erscheinen mussten, weshalb ich eine Tour geplant hatte, die wir gleich im Anschluss gehen konnten, zur beiderseitigen Sofort-Auslüftung und -Ablenkung nach den Strapazen.

Die eine Pippa hat Panik vor der Hochzeit…

… die andere vor dem Gang zum Arzt.

Die Praxisräume verließen wir um 52€ ärmer und um ein paar Diagnosen/Informationen reicher: die Dermatologin hat sich die schwarzen Flecken an Pippas Flanke wirklich sehr gründlich angesehen und kommentiert. Jetzt heißt es Nachdenken, ob bzw. wann wir die Stellen operativ entfernen lassen.

Obersendling ist kein Viertel, sondern eine Gegend, wie ich feststellte. Viel Industrie, viele Neubauten, alles etwas lieblos hingespuckt, weiße, gesichtslose Projekte aus der Kategorie „München schafft Wohnraum“, vermutlich trotzdem oder gerade deshalb teuer verkauft oder vermietet.

Wir gehen der Sonne entgegen, überqueren die Siemensallee, die einst die nördliche Grenze meines kindlichen Lebensraums markierte, und stehen an einem der wenigen Felder aus Kindheits- und Jugendtagen, das bis heute Feld geblieben ist: ein grünes Quadrat hinter meinem ehemaligen Gymnasium, das ich bereits mit meinem ersten Dackeltier umrundete und das mir, wie so vieles in der Kindheit, damals riesig vorkam.

Das Marienstern-Feld (keine Ahnung, wie es heute heißt).

De facto sind wir in knapp 20 Minuten einmal drumrum gegangen, nebenbei kommen wir an dem Türchen vorbei, durch das ich zu Schulzeiten immer zum verhassten Sportunterricht gehen musste, in den Siemens-Sportpark, den unser kleines Gymnasium mitnutzen durfte.

Es sieht verwittert aus, was daran liegen mag, dass das Gymnasium aufgelassen wurde bzw. der Flachbau mittlerweile als heilpädagogische Einrichtung fungiert.

Die am meisten verabscheute Tür meiner Schulzeit.

Mein ehemaliger Pausenhof, etliche Erinnerungen liegen dort unter Laub begraben (und da liegen sie gut).

Weiter geht es durch die Allescherstraße, stets in südlicher Richtung, durchs schöne, alte Solln mit den Villen und Gärten, in denen man schon als Kind gern gewohnt hätte und manchmal zu Gast war (legendär der riesige, verwilderte Garten von T., in dem es geburtstags Schokoladenfondue unter Lampions gab).

Die Sollner Kirche St. Johann Baptist.

Unser Ziel ist das Petit Café in der Grünbauerstraße 1.
Das ist jene Straße, in der die Kirche meiner Erst(und Letzt-)kommunion steht. Um die Ecke die Grundschule, in die ich vor 37 Jahren zum Klavierunterricht ging. Zwei Straßen weiter westlich der Bäcker, in dem der Papa samstags Semmeln und Brezen holen fuhr, zwei Straßen weiter östlich das Café, in dem er sonntags Kuchen für sechs kaufte, obwohl wir nur zu dritt waren.
Gegenüber immer noch das schaurige Modegeschäft von damals, in dem sich meine Mutter gelegentlich ein Oberteil aussuchte, während ich die Auslagen des Schreibwarengeschäfts nebenan inspizieren durfte, um nicht zu stören, die Markisen sehen noch aus wie damals. Es war das Schreibwarengeschäft, in dem mir die nette Verkäuferin 1982 das Rummenigge-Bildchen, das ich doppelt hatte, gegen den von mir so heiß ersehnten Littbarski eintauschte.

Auf einen Imbiss im petit-café, natürlich kleingeschrieben, wie alles, was vorgibt, einfach & gut zu sein.

Milde 17 Grad und Sonnenschein erlauben es, draußen zu sitzen. Während ich einen Kaffee und ein winziges Sandwich (resp. Panini) zu horrenden Münchner-Süden-Preisen zu mir nehme (und heute nur mit Mühe unter der 10€-Marke bleibe), hänge ich diesen und anderen Erinnerungen nach, blättere in der ausliegenden Abendzeitung, grusle mich angesichts des Artikels über den anhaltenden Irrsinn auf dem Münchner Mietmarkt, beobachte die edel bestiefelten, perfekt frisierten Sollner Mütter mit ihren rausgeputzten Doppelnamen-Kindern, denen die knapp 6€ teuren Smoothies eingeflößt werden, die die Mama der frisch manikürten Nägel wegen oder einfach aufgrund genereller Unlust, sich die Finger mit irgendwas schmutzig zu machen, nicht selbst zubereiten möchte.

Ein wenig gestärkt schlendern wir auf Umwegen – hier das Sträßchen, in dem einst der angebetete S. wohnte, der etwas hohl war und heute als L’Oréal-Model arbeitet, dort der Laden, in dem es die Songbooks mit den begehrten lyrics zu den aktuellen Hits gab, die heute jeder mit zwei Mausklicks im Internet nachgucken kann – zur südlichen Grenze dieses südlichsten Münchner Stadtteils.

Im Grunde passt der heutige Marsch überhaupt nicht in die Rubrik Stadtspaziergang. Denn Obersendling ist kein Viertel und Solln wiederum ist nicht mehr Stadt, sondern Stadtrand, zwar ein recht schönes Stück davon, aber nichtsdestotrotz Rand. Mit dem Vorteil, dass wir von dortaus keine U-Bahn mehr für den Heimweg benötigten, sondern eine weitere Stunde durch den Wald nachhause laufen konnten. Nach Tierarzttermin, gut 16.000 Schritten und ein paar davon mit heftigem Herzklopfen, weil einige Wildschweine links und rechts des Weges auftauchten, waren wir ziemlich bedient und froh, nicht auch noch städtischen Trubel erlebt zu haben.

Nächste Woche gibt’s wieder einen richtigen Stadtspaziergang!

Einen schönen Mittwochabend wünscht
Die Kraulquappe.

Isarvorstadt, facking koid.

Was ich mir vornehme, ziehe ich üblicherweise auch durch. Weil mir Plänehaben gut tut und Pläneumsetzen erst recht.
Wenn wacklige Zeiten gerade so einigermaßen überstanden sind, man sich innerlich also halbwegs wieder zusammengesetzt hat, haben sich stabile Gerüste schon immer bewährt, um die gewohnte Trittsicherheit zurückzugewinnen.
Als Geländer, als Struktur, als Rahmen – insgesamt wohl als Präventivmaßnahme, um das Leben (oder sich selbst) davor zu bewahren, erneut in seine Einzelteile zu zerfallen.

Daher heute – wie letzte Woche beschlossen – der nächste Stadtausflug, ohne Rücksicht aufs Wetter: 5 Grad, Nieselregen, düster, aber ich finde, es gab den Sommer über wahrlich genug Blaue-Himmel-Bilder auf diesem Blog.

Bayrisch-Englisch-Mix unter der Wittelsbacherbrücke: Too facking koid.

Planungsprämisse Nr. 1: Die Strecke muss dem Dackelfräulein ausreichend Gelegenheit bieten, um ungehindert sausen zu können.
Maßgabe Nr. 2: Es muss ein Spaziergang sein, der ohne viele Umstände mit den Öffentlichen machbar ist, da ich nur von A nach B laufen möchte, aber nicht zu A zurück.
Und Nr. 3: Am Zielpunkt der Tour muss mich eine nette Einkehr erwarten, in der auch ein triefender Dackel willkommen ist.

Vom U-Bahnhof Thalkirchen (Tierpark) starten wir also bei ekligem Novemberwetter und spazieren zunächst durch den graubraunen Flaucher an der graugrünen Isar entlang.

Das Dackelfräulein überquert die Thalkirchner Brücke.

Später folgen wir dem Aubach, der seinen Namen irgendwo in Untergiesing in „Freibadbächl“ ändert und schließlich in den Frühlingsanlagen, die man getrost in Winteranlagen umtaufen könnte, versickert.

Kein Schwein unterwegs bei dem Wetter. Oder doch?

 

Große Hundefreude: Waten durch Laubmatsch und Aubachbett.

 

Meist mit von der Partie: Der orangefarbene Mittelpunkt des Dackeluniversums.

 

Man freut sich über jeden Farbtupfer…

 

…daher auch der kleine Abstecher in den Rosengarten…

 

… bevor wieder alles in Graubraugrünschwarz verschwimmt.

Nach etwa 6km sind wir in der Unteren Au angelangt, überqueren die Reichenbachbrücke hinüber zur Isarvorstadt und landen vor dem Haus, in dem mal meine Wiege stand: Auenstraße 4. Hier verbrachte ich meine ersten Lebensjahre.

Ein Kreis schließt sich: Wo ich heute meinen Hund ausführe, schoben mich meine Eltern im Kinderwagen durch die Isarauen.
Natürlich erinnere ich mich daran nicht im Geringsten.
Mir sind aus dieser Lebensphase nur fünf Dinge im Gedächtnis geblieben: Das Eis im Laden vom netten Herrn Ranftl, weil es da immer eine Extra-Waffel für mich gab, die Frau Loichinger im Nebenhaus, bei der es penetrant nach den Zigarren ihres Mannes Gustl und nach Selbstgebackenem roch, die Anni aus der Bäckerei Reichenbach-, Ecke Fraunhoferstraße, die mir die köstlichen Brezen mit den Noppen auf der Unterseite in die Hand drückte, der Pullover meiner Mutter mit dem psychedelischen Muster, ein kratziger Wollalptraum in 70er-Jahre-Orange mit pinken Kringeln drauf und eingewebten Silberfäden drin sowie ein schmerzlicher Sturz aufs Steißbein, als ich entgegen elterlicher Anweisungen die im Türrahmen befestigte Schaukel mit einem Loopingversuch, der nicht gelingen konnte, überstrapaziert hatte.
Einzig das mit den Brezen wirkt bis in die Gegenwart hinein: Ich habe nie aufgehört, in ganz München und Oberbayern nach vergleichbaren Noppenbrezen zu fahnden (fündig wurde ich bislang nur beim Altinger in der Donnersbergerstraße und beim Tremmel in Rottach-Egern – weitere sachdienliche Hinweise nehme ich jederzeit dankbar entgegen!).

Das Haus in der Auenstraße gibt es nicht mehr, es musste einem hässlichen Neubau weichen, und die Eisdiele vom netten Herrn Ranftl ist durch ein Steuerbüro ersetzt worden. Heute macht das nichts, ist ja kein Eisdielenwetter.

Dafür befindet sich um die Ecke ein Café, das als würdiger Abschluss des novembergrauen Stadtausflugs durchgeht: „Hungriges Herz“ heißt es, vermutlich wurde es von einem Springsteen-Fan eröffnet (womit es bereits einen Vertrauens- und Sympathievorschuss erhält), drinnen läuft zur Tarnung allerdings Lou Reed, was aber auch sehr ok ist, besonders im November.

Everybody’s got a hungry heart…

 

Everybody needs a place to rest…

Frei nach dem Springsteenschen Hungry-Heart-Vers „We took what we had and we ripped it apart“ gab es dann die Pizza des Tages.

Tagespizza für 6,90€ – damit weder heart, noch belly hungry bleiben müssen (und auch Bello nicht).

Nächste Woche dann: Sendling.
Unter anderem, weil es die Postleitzahl hat, die ich gern hätte.

 

Eine gute Woche, stay hungry, stay alive!
Herzlich grüßt euch –
die Kraulquappe.

http://www.youtube.com/watch?v=0My2AqPFpFg

Himmel der Bayern (20): Die Zwiebel bzw. mein Beitrag zur Blogparade „Heimatorte“.

My Hometown.

Meine Dog&Blog-Freundin Andrea aus Braunschweig hat vor einiger Zeit zu einer Blogparade aufgerufen. Bislang habe ich einen Bogen um die Beteiligung an Awards und Paraden gemacht, ungefähr einen so großen, wie ich ihn um Kettenbriefaktionen, Treuepunktesammeln im Supermarkt oder Gewinnspiele à la „Lebenslange Sofortrente“ mache.

Andreas Aufruf zur Blogparade „Heimatorte“ aber berührt etwas in mir, das mir erst vor einiger Zeit als wichtiges, vielleicht sogar zentrales Thema in meinem Leben bewusst geworden ist: das Verhältnis zu meiner Heimat, zu München und Oberbayern. Vor allem im Augenblick beschäftigt mich das wieder sehr, da ich gerade einen Umzug hinter mir habe – zwar „nur“ vom Westen Münchens in den Süden, aber für jemanden wie mich ist selbst das schon ein großer Schritt und eine weitreichende Veränderung. Die Heimat-Orte haben gewechselt: es galt, Abschied vom vertrauten Umfeld zu nehmen und sich auf das Ankommen in der neuen Gegend einzulassen.
So definiert sich durch den Umzug momentan wieder ein Teil dessen, was Heimat für mich ausmacht, ganz neu.

Also, liebe Andrea, ich beteilige mich gerne an deiner Blogparade, wenn’s auch auf den letzten Drücker ist, da sie ja in drei Tagen endet.
Hier ist meine Geschichte!

Seit du die Blogparade gestartet hast, dachte ich zwischen Ausmisten und Kistenpacken immer wieder darüber nach, wo und wann in meinem Leben eigentlich das Heimatgefühl geboren wurde. Und fand heraus: Seine Wiege steht im Süden von München, in meiner frühen Kindheit, und geschaukelt wurde sie von meinem Papa.

Mit dem Papa in Siebenhütten.

Mein Vater hatte den Niederrhein, seine Herkunftsgegend (wie ich es mal im Unterschied zu „Heimat“ bezeichnen möchte), nach dem Abitur verlassen, es zog ihn schon immer nach Bayern, genauer gesagt nach München (zu Bier, Brezen, Bergen). Als Chef des Bayerischen Jugendherbergswerks fand er dann einen Beruf, in dem er sich gleich noch enger mit dem geliebten Bayernland verbinden konnte: Ständig waren Herbergen im Neu- oder Umbau, häufig war er zwischen Mittenwald und Bad Kissingen, zwischen Donauwörth und Passau unterwegs. Oft nahm er meine Mutter und mich zu diesen Dienstreisen mit. Und wenn er das nicht tat oder tun konnte, wurden nahezu jedes Wochenende Ausflüge gemacht.

Hängengeblieben sind in meiner Erinnerung nicht etwa Schlösser, Kirchen oder andere städtebauliche Eindrücke, sondern Erlebnisse wie:

  • das Gefühl der ersten Lowa-Bergstiefel an meinen Füßen (und wie ich damit die vielen Holzstufen im Münchner „Sport Schuster“ Probe gehen musste/durfte)
  • der Geruch des smaragdgrünen Walchensees bei meinem Sturz in selbigen (als ich im Alter von 3 Jahren keine Schwimmflügel mehr anziehen wollte und auf dem Boot zu sehr rumzappelte)
  • der Geschmack der großen Eisportionen im Sollner „Monreale“ oder Neuhauser „Sarcletti“ (mit meinem Vater durfte man immer mehr als 3 Kugeln bestellen)
  • das wohltuende Alleinsein auf einer Alm unterhalb der Notkarspitze mit Aussicht hinunter nach Ettal (meine Eltern ließen mich auf halber Wegstrecke sitzen, weil ich nicht mehr weitergehen wollte und nahmen mich auf dem Abstieg wieder mit)
  • der sprechende Beo in der Jugendherberge Saldenburg, der jeden seiner Sätze mit dem „Sigi“ von Bayern 3 ankündigte (eine prägende Melodie für alle hier Aufgewachsenen)
  • meine roten Clogs mit der lächelnden gelben Birne drauf, die ich mir in einem Würzburger Schuhgeschäft erquengelt hatte (und in denen man sich sofort Blasen lief)
  • die sabbernden Bernhardiner der Jugendherberge auf dem Kleinen Arber (die uns nach der Motorschlittenfahrt hinauf freudig begrüßten und mit ihren riesigen Zungen ableckten)
  • mein 10. Geburtstag im „Trimini“ in Kochel (das Freibad mit dem damals legendären Slogan „Heit trimm i mi im Trimini“ und der längsten Wasserrutsche überhaupt, heute zum Wellnesstempel verkommen)
  • mein 11. Geburtstag in der JH Sudelfeld (mit Mitternachtsparty draußen im Schwimmbad, mitten auf dem Berg)
  • all die anderen Kindergeburtstage an oberbayerischen Seen oder im Oberammergauer „Wellenberg“ (seinerzeit das größte Wellenbad im Land)
  • die Beerdigung unseres Wellensittichs Cocolino in Thalkirchen (am Hinterbrühler See, unter einer Trauerweide)
  • die Kaulquappen vom Leutstettener Weiher (die ich in einem Kübel auf unserem Balkon großziehen durfte, bis sie ausgewildert wurden)
  • das Füttern der Frischlinge im Forstenrieder Park (und auf dem Rückweg das Kuchenholen im Café Kustermann)
  • die Radltouren zur Waldwirtschaft (wo ich Schiffschaukeln durfte, bis mir schlecht wurde)
  • das Pilzesuchen in den Wäldern bei Buchendorf (mit genauen Erklärungen zu den Standortvorlieben der diversen Schwammerl, die ich bis heute nicht essen mag)
  • die Ruderbootsfahrten an Sommernachmittagen auf dem Starnberger See (weil man da ohne von Steinen zerpiekte Fußsohlen mit einem Satz ins Wasser springen konnte)
  • der Osterspaziergang auf dem Pullacher Höhenweg, bei dem wir die Dackelwelpen trafen (von denen einer unser erster Hund werden sollte)

Meinem Vater habe ich es also zu verdanken, dass ich kreuz und quer durch München, Oberbayern und Bayern geschleift wurde, auf Berge hinauf, in Seen hinein, durch Wälder hindurch – und dass er mich vertraut machte mit den ihm wichtigen Tierarten (Hund, Wildschwein, Vogel, Frosch).
Man rutscht da ja so hinein, als Kind. Wird hineinsozialisiert in diese Welt, ob man will oder nicht. Wählt nichts selbst aus (bis auf Clogs und Eissorten), trabt mit (lustlos oder neugierig), guckt, hört, riecht, fühlt, denkt so vor sich hin und wächst halt auf. In einer Umgebung, die einem mehr oder weniger Heimat ist und die man sich ebenfalls nicht ausgesucht hat. Wahrscheinlich hat das kontinuierliche Bemühen meines Vaters um das gemeinsame Unterwegssein hier in der Region bei mir den Grundstein dafür gelegt, dass ich heute behaupten kann, meine Heimat sowohl zu kennen als auch zu lieben (was sich ja stets gegenseitig bedingt).

Sowas wie ein „Heimatgefühl“ kristallisierte sich bei mir allerdings erst durch Distanz-Erfahrungen (Ortswechsel, Umzüge, Reisen) heraus. Zunächst noch eher schleichend und unbemerkt, mit dem Älterwerden drang es dann stärker in mein Bewusstsein. „Heimat“ ist für mich nicht intellektuell begreif- oder beschreibbar, denn mein Herz hängt weder an den Bayern an sich, noch an ihrer Sprache, noch am Schweinsbraten, der Wies’n, der Blasmusik, der ewig regierenden CSU oder all dem, was gemeinhin als „typisch bayrisch“ kursiert und kultiviert wird. „Heimat“ ist etwas zutiefst Emotionales – sei es nun positiv oder negativ besetzt. Die Ausprägung des Heimatgefühls findet man ganz leicht heraus, indem man weggeht und nach räumlichem/zeitlichem Abstand zurückkehrt – und dann einfach in sich hineinhorcht, welche Schwingungen diese Rückkehr erzeugt.

Meine Studienjahre in Würzburg bescherten mir erstmals dieses konkret positive Heimatgefühl. Jedes Mal, wenn ich mit meinem kleinen Ford Fiesta das letzte Stück auf der A9 gen München zuckelte, kam irgendwann diese Stelle, von der aus man erstmals in der Ferne den Olympiaturm erspähen konnte – und bei Föhnwetter dahinter auch die Silhouette der Alpen.
Jedes Mal empfand ich in diesem Moment pure Freude, ein Gefühl von Heimkommen, Verbundenheit und Verbindung mit dieser Stadt und ihrem Umland sowie die spürbare Gewissheit, dass ich „da hingehöre“: Nach München, zur Isar, ins südliche Oberbayern, zu den Seen und den Bergen.

Meine heißgeliebte Bergwelt bei Mittenwald.

Für meinen ersten Job bin ich wieder „nachhause“ zurückgekommen. Ich habe es also nie aus Bayern herausgeschafft und nehme mir das auch für meine zweite Lebenshälfte nicht mehr vor, weil ich hier genau am richtigen Fleck bin.
Wenngleich es immerhin zwei andere Städte gibt, in denen ich mir das Leben und Wohnen gut vorstellen könnte: Wien und Köln. An Wien mag ich den gemütlichen Rhythmus der Stadt, die vor sich hinzuckelnde rote Bim, die Donau, das Essen und die Sprache. An Köln mag ich den Dom, die Mentalität der Menschen, den rheinischen Frohsinn, den Dialekt und den Rhein.
Als Kind habe ich immer behauptet: „Wenn ich mal groß bin, heirate ich einen Rheinländer oder Österreicher, wohne in einem Haus in den Bergen und habe einen Hund.“

Mit dem Dackelfräulein in den Ammergauer Alpen.

Geheiratet habe ich einen Oberbayern (na gut, im ersten Versuch einen Mittelfranken), bin jetzt wieder im Münchner Süden gelandet, wo ich auch aufgewachsen bin (also einigermaßen bergnah), habe einen Dackel (wenigstens ein Kindheitswunsch, der zu 100% in Erfüllung ging) und da die Preise links und rechts der Isar einen Immobilienerwerb für uns ausschließen, werden wir immer in einer Mietwohnung leben (und uns damit trösten, dass ein Haus letztlich eh ungeeignet wäre, da das Dackelfräulein mit ihren Platzhirsch- und Buddel-Attitüden ganz sicher ein Zaunkläffer und Gartenterrorist werden würde).

Nun lautet der Titel der Blogparade nicht „Heimat“, sondern „Heimatorte“ (wenngleich Andreas Fragen sich überwiegend auf das Phänomen „Heimat“ generell beziehen), und im Nachdenken über den räumlich-lokalen Aspekt kam ich zu dem Ergebnis, dass „Heimatorte“ für mich wie eine Zwiebel sind.

Das Herzstück der Zwiebel ist mein Zuhause, meine Heimat im engsten Sinne: Die vier Wände, in denen ich lebe, der Balkon, mein eigenes Zimmer. Wenn’s hier nicht passt (warum auch immer), verfault das ganze Knollengewächs quasi von innen heraus. Ohne meinen festen Rückzugsort „daheim“ wäre ich verloren!
Folglich gehöre ich nicht zu den Menschen, die überall heimisch werden könnten, in Zelten oder Hotelzimmern oder Ferienwohnungen oder gar im Unterwegssein selbst, sondern ich bin passionierter „Wohner“. Zwar bewege ich mich genauso gern von meinem Wohnmittelpunkt weg, ich unternehme auch durchaus längere Reisen, dies aber nur vor dem beruhigenden Hintergrund, dass mir das Herzstück meiner Zwiebel erhalten bleibt und ich wieder heimkommen kann.

Monatelange Auslandsaufenthalte oder Auswander-Pläne sind meine Sache nicht. Das finde ich etwas schade, einfach wegen der Horizonterweiterung, die damit verknüpft wäre, aber für mich kommt das nun mal nicht in Frage. Ich bin mit meinem „oberbayrischen Horizont“ rundum zufrieden. Ich finde es hier so schön, dass ich gar nicht oft weg muss oder will. Meist genügt es mir, wenn ich mit Bergblick am Seeufer sitze und eine Breze verzehre oder umgekehrt: wenn ich mit Seeblick brezenessend auf einem Berggipfel sitze. Je nach Tageszeit noch ein Weißbier dazu und „ois bassd“, wie man hier sagt.

Ohne Breze in Dießen am Ammersee.

Zurück zu meinem Zwiebelmodell der „Heimatorte“. Die weiteren Schichten, die den Zwiebelkern umgeben, sind (von Kern ausgehend): das Haus & die Nachbarn, die Straßen rund ums Haus, die unmittelbare Umgebung, die Freunde in der Nähe, der Stadtteil & seine Bewohner, Geschäfte, Institutionen und schließlich die weitere Umgebung.

Ich habe mich mal vor Google Maps gehockt und geguckt, wo eigentlich die äußerste Schicht meiner Zwiebel liegt. Oder anders gesagt: Wo mein Heimatgefühl und meine Heimatorte enden. Es ist eine relativ klar umrissene Grenze: Nördlich ist kurz hinter Dachau Schluss, westlich bei Landsberg, östlich bei Wasserburg und südlich bei Mittenwald. So gesehen wohne ich gar nicht im geografischen Mittelpunkt meiner persönlichen Heimatzwiebel, sondern zu weit nördlich! Wenn ich das ernst nähme, sollte mich der nächste Umzug nach Königsdorf im Tölzer Land (und dort am besten in den Alpenblickweg 13) verpflanzen. Mal schaun. Vielleicht ließe sich dort ja das finden, was heutzutage ebenso intensiv wie verzweifelt gesucht wird: die innere Mitte 🙂

Bis dahin wohne und heimat(m)e ich einfach mal weiter vor mich hin, hege und pflege die kleine Heimatzwiebel, auf dass sie weiter wachsen, gedeihen und niemand ihre Schale anritzen möge, was ja bekanntlich zu Tränen führt.

Die hebe ich mir lieber für die Glücksmomente auf, in denen ich fühle: „Da bin i dahoam.“

(Von links nach rechts: 3x Karwendelgebirge mit Hund, Gatten und Rind, 1x Sylvensteinstausee mit Vorkarwendel, 1x Kochelsee mit Jochberg, 1x Dante-Freibad-Foto mit Erlaubnis des Bademeisters.)

Jetzt muss ich hier weiterwurschteln, damit das Heimischwerden voranschreitet!

Und nicht zu vergessen: Home is where your dog is!

Ein schönes Wochenende wünscht dir, liebe Andrea, und allen anderen Lesern und Blogparadenteilnehmern,
Die Kraulquappe.

We busted out of class, had to get away from those fools. Zum 4. März 2017.

Liebe H.,

als ich dich vor über 35 Jahren zum ersten Mal sah – in einem braunen Strickpulli (aus venezulanischer Alpakawolle?) mit deinen Eltern in der Aula unserer Schule und direkt neben mir sitzend -, hat wohl keine von uns geahnt, dass das der Anfang einer Freundschaft sein würde, die uns ein Leben lang begleitet.
Nachdem wir jetzt so viele Jahre hinter uns haben, in denen wir uns trotz noch so viel räumlicher Distanz und unterschiedlicher Lebenswege nicht aus den Augen verloren haben, gehe ich davon aus, dass wir uns auch in der Zeit, die wir noch vor uns haben, weiterhin erhalten bleiben.

Du & ich, du & meine Penny, wir & unsere Partys.

Apropos Zeit.
Neulich erschrak ich ziemlich, als ein Geschenk von dir plötzlich und unerwartet den Geist aufzugeben drohte. Ich tendiere blöderweise gelegentlich dazu, sowas für „ein Zeichen“ zu halten…
Das Handrührgerät, das du mir 1992 geschenkt hast – du erinnerst dich hoffentlich: es war das Jahr, in dem wir in meiner Würzburger Studentenbude gemeinsam Anti-Familien-Weihnachten feierten, uns erst an Nudeln überfraßen und danach im „Zauberberg“ Tanzen gingen -, schien nach 25 Jahren Einsatz allmählich seinen Dienst quittieren zu wollen. Es läuft nicht mehr so quirlig wie gewohnt und macht neuartige Geräusche, die nichts Gutes verheißen. Seine Tage sind, fürchte ich, gezählt. Die Trennung wird mir schwerfallen, wenn es dann mal soweit ist.

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Ich will nicht meckern, denn was hält heutzutage überhaupt noch 25 Jahre?! Und, ganz ehrlich, dieses Handrührgerät ist ein Stück weit auch zum Sinnbild für unsere Freundschaft geworden: Solide und robuste Markenware, auf die man sich jahrzehntelang verlassen kann, selbst wenn sie zwischendurch mal seltener in Gebrauch war.

Geschätzte 3.017 Mal ist das gute Stück im Einsatz gewesen für Teige und Füllungen aller Art, und wenn ich einen Wunsch äußern dürfte (obwohl heute der Tag ist, an dem nicht ich, sondern du Wünsche erfüllt bekommst), wäre es dieser: Möchtest du nicht eines Tages den Nachfolger von Bosch-Spot besorgen, dann könnte der uns weitere 25 Jahre als Sinnbild dienen, und wir hätten schon fast die Zeit bis zum Heim überbrückt (dort püriert und quirlt ja dann die Heimküche für uns).

Verzeih‘ den kleinen Exkurs. Dein Geburtstag ist natürlich kein geeigneter Anlass, um über die ferne Zukunft im Altenheim zu philosophieren (davor passiert ja schließlich noch viel anderes im Leben wie z.B. unsere bereits als Teenager beschlossene gemeinsame Krampfader-OP). Zwar erinnert jeder Geburtstag zwangsläufig auch ein bisschen ans Älterwerden, aber mit unserem Jahrgang muss einen das ja noch nicht allzu nachdenklich stimmen oder gar bestürzen.

Sofern du die bisherigen Beiträge dieser Geburtstagsserie auf meinem Blog verfolgt hast, weißt du ja, dass das Highlight des Beitrags stets ein fürs Geburtstagskind maßgeschneiderter Song ist – nach Möglichkeit einer aus dem schier unerschöpflichen Bruce-for-birthday-Fundus (wenn schon leider nicht „for president“).

Bei niemandem fällt mir das leichter als bei dir!

Denn ohne dich gäbe es diese Art der Gratulation womöglich gar nicht. Wären wir nicht 1985 dicke Freundinnen gewesen, hättest du vielleicht eine andere mit ins Münchner Olympiastadion genommen, als deine Mutter von ihrem Chef diese Freikarten für Bruce Springsteen bekommen hat.
Für mich war das der Beginn einer lebenslangen Liebe, bestimmt auch, weil es (im zarten Alter von 12 bzw. 13) unser allererstes Konzert war – quasi ein Initiationserlebnis.

Und kein Song passt besser zu unserer Geschichte als dieser hier:

Well, we busted out of class
had to get away from those fools

We learned more from a three minute record
than we ever learned in school

Tonight I hear the neighborhood drummer sound
I can feel my heart begin to pound
You say you’re tired and you just want to close your eyes
and follow your dreams down

We made a promise
We swore we’d always remember

No retreat, baby, no surrender
Like soldiers in the winter’s night with a vow to defend
No retreat, baby, no surrender

Dem habe ich nichts mehr hinzuzufügen, liebe H.
Und hör‘ genau hin, es ist eine leicht abgewandelte Version, mit einer tollen weiteren Zeile drin (außerdem ist die verwackelte, aber rührende Aufnahme aus den 1980er Jahren, von einem Konzert in Kanada, wohin es dich ja mal kurz verschlagen hatte).

Happy birthday & alles Liebe & no retreat, baby, no surrender!
Deine Kraulquappe.

Gans schön gefährlich.

Vielleicht zieht es mich auch deshalb so nach Schweden, weil die prägenden Bücher und Filme meiner Kindheit hier beheimatet sind. Das waren allen voran Pippi Langstrumpf und Nils Holgersson (zumindest was die skandinavischen Einflüsse angeht).

So musste ich vor zwei Jahren unbedingt die Pippi-Langstrumpf-Drehorte auf Gotland abklappern und heute – da ich ohnehin schon rund um Skurup unterwegs war – natürlich die Nils-Holgersson-Statue aufsuchen.

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Die imposante Statue von Jon Leifsson zeigt Nils auf seiner Gans Martin und steht nahe der Ortschaft Skurup. Dass sie ausgerechnet bei einem Dorf steht, das mehr nach Krankheit oder seltsamen Körperteilen klingt als nach Kindermärchen von Selma Lagerlöf, liegt schlicht daran, dass dem Märchen nach die Wildgänse ihre Reise genau hier begonnen haben.

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Unfassbar eigentlich, dass die sonst so kluge Leitgans Akka von Kebnekaise mit ihrem Gänseschwarm ausgerechnet hier, auf einem Hügel bei Skurup, gestartet sein soll, wo es doch hier haufenweise Ortschaften mit hübscheren Namen und Hügeln gäbe.

Noch unfassbarer, dass die Statue zwar in den meisten Broschüren und Reiseführern zur südschwedischen Region Skåne abgebildet und erwähnt ist, aber niemals mit einer genaueren Wegbeschreibung als „an der Autobahn E65 zwischen Malmö und Ystad“. Auch Recherchen im Internet führen zum selben Ergebnis.

Und das hat seinen guten Grund, wie ich beim Herumgehen/-fahren und Ausschauhalten nach der Statue rund um Skurup schließlich feststelle: Sie steht wirklich an der Autobahn. Nicht an einem Rastplatz, nicht über eine Landstraße oder einen Weg erreichbar – nein, es ist ein kleiner Hügel neben der Autobahn, der von keiner Seite zugänglich ist, außer man hält mitten auf der Autobahn an.

Von einem nahegelegenen Gehöft aus robben wir uns ganz nah an die Autobahn heran – wenigstens der Hund hält das für ein neues Outdoor-Spiel und hat Spaß – und in einem verkehrsarmen Moment schieße ich – in der einen Hand die Hundeleine, in der anderen die Kamera – ein wolkiges und wackliges „Ich war da“-Foto.

Ich möchte nicht wissen, wie viele Unfälle dieses Gänsedenkmal schon provoziert hat, trotz des schwedenweiten Tempolimits von 110km/h.

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Bleibt zu hoffen, dass Akka von Kebnekaise, deren Skulptur im 10km entfernten Smygehuk steht, leichter zu erreichen ist. Es heißt, sie stünde „nah am Hafen“.