Song des Tages (67).

Passend zur Nummer 67 dieser Serie ein Song aus dem Jahre 1967:

Und hier dasselbe Lied gleich nochmal, in der für mich relevanteren Version aus dem Jahre 2021:

So eine Maschine hätt‘ ich ja auch mal gern gehabt (oder halt jemanden, der so eine hat), damals, als ich noch blutjung und unversehrt war, mich meist in gitarrespielende Motorradfahrer verliebte, die entweder planlose Zivildienstleistende waren oder Jura oder Medizin studierten (und verlobt oder verheiratet waren), bis auf den einen, der Schreiner und Kajaklehrer gewesen ist, das schönste Bike von allen hatte, am Isarstrand abendfüllend Dylan spielen konnte (aber leider ungebunden bleiben wollte).
Naja, wenigstens hab ich nicht so viele Haare auf den Beinen wie der Kerl in dem Clip, da verteilt sich das Voltarengel auch viel einfacher.

Mit 17 hatte man noch solche Träume.

Der Orthopäde und Unfallchirurg, der gestern mein Knie von allen Seiten durchleuchtete, entließ mich mit der Diagnose Schleimbeutelentzündung (was ja für sich genommen schon widerlich genug klingt) und obendrein der Empfehlung, ich solle vernünftigerweise in den nächsten Wochen nicht auf die Zugspitze steigen, sondern im Flachland flanieren, und bei guter Führung dürfe ich alle 7 Tage mal testen, ob vielleicht ein kleines Läufchen schmerzfrei möglich ist. Aber ein Schwimmbadbesuch zum Rücken- oder Kraulschwimmen, das sei durchaus erlaubt (subversiver Sportmedizinerhumor in Seuchenzeiten).

Der See hat zwischenzeitlich wieder winterliche 6 Grad, vor Anfang Mai ist also nicht mit neoprentauglichen Badetemperaturen zu rechnen.

Frühlingsspaziergang am 7. April.

Deprimierende Aussichten, mal abgesehen von dem wunderbaren Poster aus meinem Geburtssommer, das im Praxisflur gegenüber des Röntgenraumes hing.

Überhaupt: die ganze Bude voll mit schönen Sportbildern. Empathie ist des Orthopäden Sache nicht.

Am besten besuch‘ ich dieser Tage nochmal den Papa und überbrücke dort den Brücken-Lockdown oder was auch immer da in Kürze auf uns zukommt (ich bin sicher, bis zur MPK wird ein klangvoller, neuer Begriff geboren sein), da gäbe es wenigstens einen Liegestuhl mit Bergblick.

Tegernseer Tal am 7. April.

Ihnen noch eine erfreuliche Woche – und bitte stürzen Sie nicht.
Weder in Verzweiflung noch auf ihr Knie.

But it’s so hard to dance that way when it’s cold and there’s no music.

[aus: „Hold on“ von Tom Waits – einem jener 10 Songs, die ich mitnähme, wenn ich auf eine einsame Insel verbannt würde und nur 10 Songs dorthin mitnehmen dürfte – er quillt schier über vor Zeilen, an denen ich extrem hänge, nicht nur in lyrischer Hinsicht, und zu seinem Refrain schlüge ich die Kokosnusshälften rhythmisch aneinander, wenn ich hüftwippend, so es die Gelenke noch hergäben, am Sandstrand dem Sonnenuntergang entgegenschwankte.]

Ganz richtig: kalt ist es wieder geworden. Auf den Schwingen eisiger Winde reitet der Winter nun hoffentlich ein letztes Mal durch die Lande.
Wir folgen seinen Spuren, was soll man auch sonst tun, außer die meteorologischen Launen so zu nehmen, wie sie nunmal daherkommen, ein klein wenig irritiert sind wir halt, dass wir binnen einer Woche gleichermaßen intensive Begegnungen mit Sister Spring und Väterchen Vrost zu verzeichnen haben.
Auf der neu entdeckten Privat-Alm in den Garmischer Bergen, auf der der hübsch Bewimperte und ich eben noch leichtbekleidet in die Sonne blinzelnd unsere Kuchenstückchen verzehrten, frieren der Gatte und ich uns bloß wenige Tage später ziemlich den Hintern ab, was aber auch damit zu tun haben mag, dass wir, verschwitzt wie wir nach zwei Stunden Bergtour sind, unsere Ersatzpullover nicht selbst anziehen, sondern das Dackelfräulein damit umwickeln, damit wir wenistens eine kurze Rast einlegen können ohne dass die Hundedame zu zittern anfängt.

Und, um nochmal auf das Waits-Zitat zurückzukommen: die live genossene Musik, sie fehlt mir, und wie, schließlich futtert man ja auch sonst nicht gern dauerhaft Konservenkost.
Wobei ich mich momentan gelegentlich mit Waits zudröhne oder am Willy DeVille berausche (während ich diesen Absatz tippe, höre ich beispielsweise zum wiederholten Mal „The Way We Make A Broken Heart“ – welch göttliche Diktion, und überhaupt: was für ein cooler, begabter Typ mit so einem Mordsorgan, leider braucht man auf seine Live-Auftritte ja nicht mehr zu hoffen).

Kunst im Café Kustermann.

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Vor einem Jahr, wir befanden uns gerade mitten in den Nachwehen der wasserschadenindizierten Badsanierung und kurz vor dem Antrittsbesuch der Vorhut einer zähen Psocopterapopulation, wurde der erste Lockdown verkündet.
Krass, ein Jahr Pandemie, und ein Ende noch immer nicht absehbar. Hat niemand hören wollen, als Wissenschaftler das damals genauso voraussagten („Eine Pandemie dauert üblicherweise zwei Jahre.“ )
Als Rückschau sei Ihnen diese vortreffliche Zusammenfassung auf einem benachbarten Blog wärmstens empfohlen, ich hoffe, der Verfasser führt seine gelungene Chronik auch in 2021 fort, ich schätze seinen Schreibstil ebenso sehr wie viele seiner Sichtweisen.

Mittlerweile haben wir nicht nur eine neue Sprache sowie die Kunst der Selfmade-Überbrückungsfrisur erlernt, sondern uns auch die Füße wundspaziert (oder -gejoggt), die Finger wundgekocht (oder -gebacken) und haben einander ungefähr in jenem Maß viel zu selten gesehen, in dem wir einander demnächst oder bereits jetzt viel zu verzeihen haben (wer auch immer die Beteiligten des „einanders“ sein mögen). Kleine oder größere Zerwürfnisse schleichen sich im Schlepptau der Seuche ja auch im Privaten ein – ich möchte wetten, jede/r von Ihnen ist irgendwo in ihrem/seinem näheren Umfeld schon mit einem Virusverharmloser oder Querquengler konfrontiert gewesen.

Seit Monaten treffe ich beispielsweise B. nicht mehr, und das nicht nur, weil man derzeit die Kontakte reduzieren soll, sondern weil B. sehr eng mit Menschen zusammenlebt, die sich nach wie vor fröhlich mit Gleichgesinnten zum Singen oder zu Kaffeekränzchen versammeln, ungern Maske tragen, aber gern unmaskiert und distanzlos zu Protestmärschen gehen.
Er sieht das zwar durchaus kritisch, im Falle des Falles würde mir sein Stirnrunzeln aber nicht viel helfen, außerdem gehört er, wie ich erst jetzt erfuhr, weil wir uns in den zwanzig Jahren unserer Freundschaft schändlicherweise nie übers Impfen unterhalten hatten (wozu auch?), zu denen, die allen Impfungen gegenüber gewisse Vorbehalte (um nicht zu sagen: eine kritische Distanz) hegen, wenn auch nicht wegen Mr. Gates und seinen Mikrochipmachenschaften. Wir gerieten daher im Januar ein klein wenig aneinander, was die jeweilige Bereitschaft zur Injektion eines Vakzins (und den möglichen Konsequenzen daraus) anging, Stichwort: Impfzwang kommt zur Hintertür herein.
Bestenfalls könnten wir nun versuchen, unsere Unstimmigkeiten draußen ausdiskutieren (denn B. mag längeres Telefonieren noch weniger als ich), aber mal ehrlich: Spazierengehen mit anderthalb Metern Abstand haut in den allermeisten Fällen doch eh nicht hin, wenn man sich lange und gut kennt, die wenig frequentierten Wege schmal sind, einem ein kalter Wind um die Ohren pfeift und man normal reden und einander nicht anbrüllen möchte.
In einer Email habe ich ihm meine Haltung erläutert, einiges zu der seinen nachgefragt und meinem Unmut über sein umgangserschwerendes Umfeld Luft gemacht, jetzt schlummert seit 14 Tagen seine ungelesene Antwort in meinem Postfach. Als ich die vierzeilige Textvorschau im Handy erblickte, ärgerte ich mich nämlich so sehr, dass mir die Lust aufs Weiterlesen augenblicklich verging. Ich verschob es auf den nächsten Tag, dann auf den übernächsten und so weiter.
Dabei fiel mir der Freund ein, der kein Freund war: der las manchmal seine Emails monatelang nicht, manche wahrscheinlich sogar nie (und zwar auch solche, die gar keine Antwort auf etwas waren, sondern einfach so eintrudelten). Ich hielt das damals für reichlich bekloppt und paranoid, aber siehe da – nun bin ich auch mal an diesem Punkt angekommen.
Mein Pensum an Coronacolloquien dieser Couleur ist längst erreicht und ich habe gelernt: ab einem gewissen Grad der Meinungsverschiedenheiten oder des Aneinandervorbeiredens kann man sich die Worte sparen und zieht sich besser darauf zurück, dass ja eh noch Kontaktbeschränkung herrscht.
Warten wir also (m)eine Impfung ab oder gleich das Ende der Pandemie, wobei die beiden Ereignisse (wahrscheinlich und hoffentlich) zeitlich einigermaßen zusammenfallen dürften.

Die KoCo19-Studie der Uni München geht gerade in die dritte Runde, auch hier ist kein Ende absehbar. Was insofern gut ist, als ich eh noch etwas üben muss, um mir den Piekser nicht jedes Mal zu tief in die Fingerbeere zu rammen. Ich praktiziere das exakt auf die Weise, in der ich mir als Kind die Pflaster von den Knien abgerissen habe: ratzfatz & mit einem schnellen und festen Ruck, damit es nicht unnötig schmerzt. Bei Blutentnahmen aus der Fingerbeere scheint das aber keine ideale Technik zu sein: diesmal habe ich stundenlang nachgeblutet und die Fingerkuppe tat Tage später, als ich den umfangreichen Fragebogen zur aktuellen Studienrunde ausfüllte, immer noch weh.

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Der Papa ist zwischenzeitlich vollends zum Pandemiepessimisten mutiert, der auf jede düstere Prognose von Wieler, Drosten & Co. stets noch eine Schippe drauflegt, natürlich nicht in virologischer oder epidemiologischer Hinsicht, sondern in wirtschaftspolitischer, womit er sich nach wie vor auszukennen glaubt, und ich fürchte (mich an seine Aussagen vom Frühjahr 2020 erinnernd), mit so manchem wird er wohl auch weiterhin richtig liegen.
Morgen werde ich ihn, sofern der Schnelltest nichts Gegenteiliges anordnet, am tief verschneiten Tegernsee besuchen und ihm endlich die Fondant-Eier mitbringen, die er so liebt und die ich neulich in einer Confiserie in Tölz für ihn mitgenommen habe.
Diesmal habe ich mir fest vorgenommen, die Themen Parkinson, Treppenlift & Co. nicht von mir aus anzusprechen, nachdem wir uns unlängst am Telefon in die Haare bekommen haben als er mir die Schnapsidee unterbreitete, sich nun doch nicht bei einer Seniorenresidenz auf die Warteliste setzen zu lassen, weil er (und die Lebensgefährtin) ja dann, wenn es im Haus gar nicht mehr ginge, erstmal in ein Hotel oder in eine Ferienwohnung umziehen könnten, um dort (unter Zuhilfenahme einer Zugehfrau und anderer externer Dienstleister) die Wartezeit auf einen Platz im Altenheim zu überbrücken. Gerade rund um den Lago di Bonzo ist das wirklich ein ausgesprochen cleverer Einfall, der eigentlich sehr gegen eine ökonomische Expertise des Papas spricht.

Der Begriff Pandemiepessimist ist übrigens auf meinem Mist gewachsen, schließlich möchte auch ich mal einen Beitrag zum Seuchensprachschatz leisten, nachdem solche Kracher wie Impfneid oder Masken-Raffke bedauerlicherweise anderen schon eher eingefallen sind als mir.
In dem Kontext ist auch die „atmende Öffnungsmatrix“ (Markus Söder, am 4. März 2021) ganz unbedingt erwähnenswert, nicht zuletzt deshalb, weil ich just an jenem Tag, an dem ich erstmals von diesem Neologismus las, meine persönliche „nicht-atmende Isolationsmatrix“ geordert hatte.

Die Wassertaufe der Ausrüstung für das zwangsweise neue Hobby muss noch etwas warten, zum einen, weil (wie eingangs erwähnt) der Winter wieder zurückgekehrt ist, zum anderen, weil ich die 30-tägige Rückgabefrist voll ausnutzen möchte, um mir darüber klar zu werden, ob die Gummihaut wirklich so sitzt wie sie soll (an dieser Stelle ein herzliches Dankeschön an den Blognachbarn & Neoprenexperten, der mich so geduldig berät), und falls ich das Teil behalte, muss ja noch weiteres Equipment bestellt werden, weil man auch Kopf, Hände und Füße im 10-12 Grad warmen kalten See irgendwie bedecken sollte, bevor man da drin einen oder zwei Kilometer ohne Zähneklappern schwimmen kann.

Ob die Frühlingsschur bis dahin halten wird? Ob ich meinen Friseur in 8 Wochen wohl erneut aufsuchen kann? Das Wiedersehen nach vier Monaten war letzte Woche – so weit ist es schon gekommen! – tatsächlich ein kleines Highlight. Auch für den Friseur, weil der sich über jeden Kunden gefreut hat, der mit einem ähnlich dämlichen Gag wie dem meinigen seinen Salon betrat (eine Kundin kam wohl mit Lamettaperücke, eine andere mit Sturmhaube verhüllt, ich kam komplett maskiert und mit umgehängten Identifikationsschild).

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Am vergangenen Wochenende fällt nicht nur einen Tag lang das warme Wasser im Mietshaus aus, sondern auch die neuen Nachbarn gestatten sich ihren ersten Ausfall. Zwei Nächte in Folge ordentlich Krach, bis nachts um 2 Uhr. Wüsste man nicht, dass es Franzosen sind, man würde sie für ein Rudel Italiener halten, so laut, durcheinander und schnell wie die quasseln können.
Ich ringe 36 Stunden mit mir, verfasse dann aber doch ein für meine Verhältnisse überfreundliches (und zugleich sehr direktes) Schreiben und lege es auf die hässliche, ebenfalls recht unfranzösische Fußmatte der Wohnung über uns.
Ja, ich weiß, man sollte reden in solchen Fällen, immer und überall wird einem dazu geraten: man muss reden.
Ganz bewusst habe ich mich diesmal dagegen entschieden zu reden, weil ich nämlich nicht Gefahr laufen möchte, womöglich redend in einer Diskussion mit mir wildfremden Menschen zu landen, die zufällig seit 7 Wochen über uns leben, mit Bodenblick durchs Treppenhaus huschen ohne sich ihrerseits mit den Nachbarn bekannt zu machen und die mir nun zwei Nächte in Folge kolossal auf den Keks gegangen sind.
Da gibt es nix zu diskutieren, sondern lediglich etwas mitzuteilen und eine Bitte zu äußern (und dank Corona hat man ja derzeit einen handfesten Grund, längeres Gerede im Treppenhaus noch mehr zu meiden als ich das eh schon immer tat).
Zur Zeit rede ich ohnehin schon viel mehr als mir lieb ist, aus Gründen, über die ich mich hier nicht näher auslassen möchte, weil das einer mir nahestehenden Person gegenüber zu indiskret wäre.
Jedenfalls bin ich in Sachen Reden momentan am Anschlag, da brauch ich nicht auch noch ein Problempalaver mit französischen Nachbarn italienischen Temperaments.

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Nicht nur mit den Nachbarn ist es gelegentlich ein Kreuz, man hat ja auch noch sein innerfamliäres Kreuz zu tragen.
Kommt der Gatte neulich vom MRT-Termin nachhause, die 240 Bilder von seinem Schädel auf einer CD mit im Gepäck, und aus Neugier stecken wir den Datenträger gleich ins Laufwerk, klicken einfach mal irgendwo hinein in diesen schwarzweißwinzigen Kästchensalat, weil vielleicht erkennt man ja irgendwas, auch wenn man außer längst verstaubten Schulwissensresten nicht mehr viel parat hat zum Thema Gehirn.
Ein Doppelklick öffnet das jeweilige Bildchen und vergrößert es sofort bildschirmfüllend. Beim zwanzigsten Klick erkennen wir plötzlich etwas, erschrecken und finden es dann doof, dass es bis zur Besprechung der Aufnahmen mit der Neurologin noch über eine Woche dauert.

Unverantwortlich von dem Radiologen, einen mit so einer Horrorsache heimzuschicken, erst recht in Zeiten wie diesen, finden Sie nicht auch?
(Um das gleich auflösen: inzwischen gab es Entwarnung. Unsere Interpretation war blanker Unsinn und im Oberstübchen des Gatten befindet sich nichts, was dort nicht auch sein sollte, zumindest aus neurologischer Sicht.)

In den überschaubaren Schlafphasen zwischen den nächtlichen Gelenkschmerzattacken träume ich derzeit viel und intensiv, leider nur selten verständliche oder vollständige Geschichten, es handelt sich eher um einzelne Episoden ohne richtiges Ende. So träume ich beispielsweise von einem weiteren Wasserschaden in unserer Wohnung, der meinen gesamten Kleiderbestand ruiniert, generell kommt häufig irgendwas mit Wasser vor, aber auch von nebligen Gassen in Bad Gastein, in denen ich etwas finde, von dem ich gar nicht wusste, dass ich es überhaupt suche, träume ich. Oder von grünen Holzbooten mit Hundekörbchen im Heck sowie von der leicht zernäselten Stimme Karl Lauterbachs, die mir im Radio eine Parabel von Kafka vorliest während ich Rosenkohl putze und von einer Begegnung mit einem feschen Fremden, der aussieht wie Johnny Depp zu jenen Zeiten, als Johnny Depp noch so aussah wie Johnny Depp und nicht wie ein trauriges, verdörrtes, bleiches Nachtschattengewächs.

Tagsüber rede ich zu viel, schreibe zu wenig, und komme insgesamt nur bedingt zu dem, wozu ich kommen möchte oder sollte, die Alltagsroutinen leiden aber nicht allzusehr darunter.
Das Akkordeon ruht im Augenblick, ich war an einem Punkt angelangt, an dem ich neuen Input und Unterricht bräuchte, aber mein Lehrer mit dem schönen bayrischen Namen sitzt gelockdownt irgendwo an der Grenze zur niederbayrischen Provinz und alleine schaffe ich das mit Lili Marleen nicht.
Einmal pro Woche geht’s nach Möglichkeit auf einen Berg und ebenfalls einmal geht’s auf die Yogamatte. Dazwischen die üblichen Runden im Park, zur Abwechslung gestern sogar mal in entgegengesetzter Richtung. Und kaum ändert man etwas, da rächt sich das auch sogleich, denn indem ich eine der Parkbänke mal aus anderer Perspektive sehe, kann ich zwangsläufig erkennen, wer auf ihr sitzt. Und das ist ausgerechnet R., einer der fünf Männer in meinem Leben, die meinten, mich heiraten zu wollen, was freilich – und ich sage das ohne jede Koketterie – nicht nur grob fahrlässig, sondern ein grober Irrtum war bzw. spätestens nach Umsetzung des Vorhabens sich als ein solcher erwiesen hätte (und es 1x auch hat), zumindest bei vieren von ihnen (am absurdesten seinerzeit der Antrag von U.: der kam zwei Jahre nach dem Ende unserer katastrophalen Beziehung mitten in eine schon länger andauernde Funkstille hinein, und das auch nur, weil ihm zu Ohren gekommen war, dass der Gatte auf der Matte stand).
Glücklicherweise sieht R. mich nicht (oder tut so als ob er’s nicht täte), er starrt stur in seine To-go-Lunch-Box, ich denke noch kurz, wie alt er doch geworden ist (7 Jahre nicht gesehen) und ändere umgehend meine Laufrichtung.
Abends essen wir nach wie vor gut und reichlich, sogar ein paar neue Gerichte bereichern zwischenzeitlich den Speiseplan.
Zu fortgeschrittener Stunde stürzen wir uns meist auf unsere derzeitige Serie „Better call Saul“ , Staffel 4, glaube ich, der Gatte wüsste es genauer, weil das ja sein Metier ist. Dieses Kleingangstermilieu lässt mir wie schon so oft das Herz aufgehen, ich gestehe, dass mich gewaltfreies Ganoventum wirklich anspricht und manche der gelungenen Gaunereien gehen mir danach noch tagelang durch den Kopf. In jedem Fall ist die Serie ein wunderbarer Kontrapunkt zur vorherigen, die „In Therapie“ hieß und nach der ich beinahe auf ungute Weise süchtig war und häufig schlecht oder wirr träumte.
Ab und an sehe ich mir abends auch Natur- oder Tierfilme an, der Anblick sich an den Westküstenstränden Irlands paarender Kegelrobben oder ausgedehnte Adlerflüge über die Walliser Alpen bescheren mir wenigstens ansatzweise das, was früher mal ein Saunabesuch bewirken konnte, sofern kein Frauenratschclub in den Schwitzkammern schwatzte: Ruhe, Tiefenentspannung, Regeneration.

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Der Kalender offenbart heute noch ein weiteres Jubiläum, das wesentlich feiernswerter ist als der Jahrestag des Virus‘ oder des Lockdowns Nr. 1: Am 17. März vor neun Jahren fuhren wir aus einem kleinen Dorf im Landkreis Erding bei strahlendem Sonnenschein (und ebensolchen Gesichtern) mit einem fast frisch geschlüpften, total entzückenden Minihund auf dem Schoß nachhause.

Und der Alltag wurde ein ziemlich anderer als zuvor – so viel haben sie dann immerhin doch gemeinsam, diese beiden heutigen Jahrestage.

Kurt knurrt.

Sie erinnern sich bestimmt: Kurt Kister ist mein erklärter Favorit unter den hiesigen Journalisten, ich erfreue mich jede Woche mindestens an seiner Kolumne, meist noch an einem weiteren Artikel.

Hier und heute zwei Kisters für Sie, wie sie kistriger nicht sein könnten.
Ersterer ist schon von letzter Woche und wurde daher bereits vom sehr geschätzten Bonner Blognachbarn zitiert, ich erlaube mir, ihn hier in Gänze hineinzukopieren. Kister spricht mir darin absolut aus der Seele, was das Sterben und unseren sprachlichen Umgang damit angeht.
Ich möchte ganz unbedingt eines Tages auch gestorben sein dürfen und keinesfalls verstorben sein. Und erst recht nicht verschieden! Und geschieden natürlich auch nicht, das hatte ich schon mal und das war eher doof (das Procedere, nicht das Ergebnis).

Meine Lieblingspassage im Erstkister ist der einleitende Absatz, dicht gefolgt von dem Halbsatz über Günter Grass. Und dass Lucy Jordan erwähnt wird, ist auch super. Wir könnten vermutlich eh gut zusammen Musik hören, der Kurt und ich (sogar Springsteen).

Aber lesen Sie selbst:

16. Februar 2021
Sehr geehrte Frau Kraulquappe,
es war eine dieser Nachrichten, die man mit doppeltem Erschrecken hört: Chick Corea ist tot. „Unerwartet verstorben“, wie es so schön heißt, wobei man sich fragt, woher die unheimliche Karriere des Verbs „versterben“ rührt, das eigentlich nur „sterben“ heißen sollte, auch weil man die Vorsilbe „ver-“ nicht braucht, um tot zu sein.

Nein, dass so häufig verbalbürokratisch von „versterben“ gesprochen wird, hat nichts mit Corona zu tun, sondern eher damit, dass immer mehr Menschen, auch solche, die keine IT-Gebrauchsanweisungen schreiben, über einzelne Wörter und Sätze, die in der richtigen Art zusammengefügt, die Verständlichkeit und im allerbesten Falle die Schönheit unserer Sprache ausmachen, nicht mehr nachdenken. Gestorbene auch als Verstorbene zu bezeichnen, ist das eine. „Versterben“ aber ist, wie ich früher in der Volksschule gelernt habe, kein schönes Tu-Wort, auch wenn in Grimms Wörterbuch darauf verwiesen wird, dass schon Goethe die Zeilen schrieb: „Ein junger Mann, ich weiß nicht wie, verstarb an der Hypochondrie.“ Sie wissen ja, quod licet Jovi, non licet bovi.

Ludwig Anzengruber, ein hierzulande und heute nicht mehr sehr rezipierter österreichischer Schriftsteller und Stückerl-Schreiber, machte sich jedenfalls Gedanken darüber, welche Beziehung „versterben“ zu „sterben“ respektive „tot“ hat, indem er schrieb, „wenn einer verstorben (gestorben) ist, da ist er wohl ganz und gar verstorben (tot)“. „Verstorben“, heißt es in dem Wörterbuch der Gebrüder Jacob und Wilhelm Grimm, bezeichne „bisweilen den Augenblick des Abscheidens, manchmal aber auch die abgeschlossene Handlung“. Sterben ist da wohl die Handlung, also das Tun, „verstorben“ ist der Zustand, nachdem die Handlung vollendet wurde. Sterben, um verstorben zu sein – was für eine vielfältige Sprache, was für ein schönes Deutsch, das man nicht immer sprechen oder schreiben muss, aber mit dessen Kenntnis man auch keine 29-schrittigen Prozessanleitungen zur Neuanmeldung des Diensttelefons verschicken würde.

Ich blättere hin und wieder im sehr umfangreichen Grimm, dem Wörterbuch, von dem zwischen 1854 und 1961 sechzehn Bände erschienen sind. Zwar schreibe ich „blättern“, obwohl ich das fast ausschließlich online tue, auch wenn das Blättern online eigentlich ein Widerspruch in sich ist. Die Geschichte der Wörter ist eben auch die Geschichte der Menschen – oder vielleicht ist es auch umgekehrt. Der verstorbene Günter Grass, der 2015 starb und seitdem tot ist, brachte 2010 als eines seiner letzten Bücher „Grimms Wörter“ heraus. Grass sollten Wörterliebende nicht vergessen, obwohl er auch manches krude Zeug geschrieben hat. Nehmen Sie einfach sein „Grimms Wörter“ in den nächsten Urlaub mit, den es wieder geben wird, ganz bestimmt, trotz Mutationen und Mutanten. Den Grass gibt es als Taschenbuch für ein paar Mark fuffzich (ja, liebe Schlussredaktion, ich weiß, dass man jetzt in Euro zahlt).

Nun bin ich sehr von dem abgewichen, worüber ich eigentlich schreiben wollte, auch wenn eine Funktion dieser Kolumne darin besteht, grundsätzlich von dem abzuweichen, was man eigentlich schreiben will. Variety is the spice of life, sagte der englische Dichter William Cowper, was ungefähr heißt, dass Vielfalt, also auch Abweichung, das Leben interessant macht. Also: Eigentlich wollte ich schreiben, warum mich der Tod von Chick Corea doppelt erschreckt hat.

Chick Corea habe ich bewusst zum ersten Mal in den Siebzigerjahren wahrgenommen, als er 1976 seine Doppel-LP „My Spanish Heart“ herausbrachte. Zwar hörte ich damals eher das, was man bei Spotify heute ProgRock nennt, hatte aber keine Vorurteile gegenüber Jazz oder seinen Verwandten. Je älter ich wurde, desto mehr hörte ich auch Jazz. Corea war in seinen vielen verschiedenen Musikphasen immer einer meiner Begleiter; als ich mir es leisten konnte, besuchte ich auch das eine oder andere Konzert. Leider habe ich nie seine fantastische Band Return to Forever live gehört, aber ihn selber doch in diversen Formationen gehört und gesehen. Ich hatte und habe seine Musik auf Platten, auf Kassetten, auf CDs, auf diversen Pods, und seit geraumer Zeit fließt sie auch aus der Großen Wolke über das Telefon in den Verstärker. Chick Corea war immer da – so wie Thelonious Monk, Keith Jarrett oder, andere Baustelle, Leonard Cohen. Tja.

Das ist der eine Grund für das Erschrecken:  Ein wichtiger, vielleicht genialer, großartiger Musiker ist tot.(SZ Plus) Der andere Grund: Er, oder zumindest seine Musik, hat jahrzehntelang zu meinem Leben gehört. Das ist jetzt zwar nicht vorbei, aber so wie für manche Klassikhörer mit dem Tod von Mariss Jansons oder Enoch zu Guttenberg etwas zerbrochen ist, höre ich jetzt Light as a feather über Scherben, die man nicht sieht, aber spürt. Und die Melancholie wegen Coreas Tod ist natürlich auch Melancholie über das, was man selbst alles verloren hat im Leben oder verloren zu haben glaubt, oder was zumindest unwiederbringlich vorbei ist.

Im Oktober 1993 zum Beispiel war ich bei einem Konzert von Chick Corea in Virginia vor den Toren Washingtons. Es war mir ziemlich egal, dass man sich damals in Deutschland gerade darüber aufregte, dass Corea Scientologe war, auch wenn ich nicht verstehen kann und konnte, wie sich halbwegs vernünftige oder gar halbwegs geniale Menschen einer so obskurantistischen Religion mit totalitären Zügen anschließen können. Andererseits sind die meisten Religionen … aber diese Abweichung hebe ich mir für eine andere Kolumne auf. Jedenfalls war es ein großartiger, warmer Herbstabend, und als ich nach dem Konzert nach Washington zurückfuhr, wollte ich nirgends anders sein als dort und nichts anderes erlebt haben als das, was ich gerade erlebt hatte. Dieses Gefühl stellt sich mit zunehmendem Alter seltener ein, und deswegen macht auch der Tod von Chick Corea doppelt traurig.

Es gibt diesen Song von Marianne Faithfull, den ich gerne zitiere, in dem es über die depressive Titelheldin Lucy Jordan heißt, sie habe mit 37 erkannt, dass sie niemals in einem Cabrio durch das sommerwarme Paris fahren würde. Was soll man sagen: Ich war damals 36, hatte ein Cabrio und fuhr nach Washington, das Pianospiel von Chick Corea im Ohr.

Und heute? Draußen hat es fünf Grad minus, es schneit leicht, und man sitzt am Computer, um melancholisches Zeug zu schreiben, weil Chick Corea gestorben ist. Man kann nirgends hingehen, es hat nichts offen, und das meiste, was real ist, ist auch irgendwie künstlich. Der Kerl auf dem Bildschirm, mit dem man dienstliche Absprachen treffen muss, sieht so aus, als befände er sich auf der „emotionalen Tonskala“ – der Begriff stammt aus dem Scientologen-Gedöns – ungefähr bei „covert hostility“, also versteckter Feindschaft. Selten war es so sehr Zeit, dass es endlich wieder Sommer wird.

Kurt Kister
Kolumne mit dem Titel: „Gestorben um tot zu sein“. Von Kurt Kister, 16.02.2020.

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Der zweite Artikel, in dem Kurt kräftig knurrt, erschien gestern Abend.
Der Gatte leitete ihn mir umgehend nach Veröffentlichung weiter (ich saß ja am Tegernsee, war tief in das Tauchbecken der Seniorenthemen gesprungen und hatte folglich keine Zeit und keinen Kopf für Zeitungslektüre) und dieser Text war wirklich eine erfreuliche Ergänzung zu den ungefähr 5-6 Messenger-Nachrichten von Freunden und Freundinnen (ich kann das mit dem * noch nicht), die mich gestern über den Tag verteilt auf den neu erschienenen Podcast von Bruce Springsteen & Barack Obama hinwiesen, mit dem die beiden Chiefs nun die Menschheit (oder auch nur sich selbst) beglücken wollen.

Verstehen Sie das bitte nicht falsch: ich möchte unbedingt auch weiterhin auf jeden Pups aufmerksam gemacht werden, der durch die Lüfte von Colts Neck, jenem Kaff im Monmouth County im US-Bundesstaat New Jersey, in dem der Boss seinen Ruhestand auf dieser kleinen Ranch verbringt, weht. Unbedingt!
Aber wie das eben mit Pupsen (Püpsen?- wie lautet der korrekte Plural dieser Winde?) so ist: nicht alle ziehen sie angenehm geruchs- oder geräuschlos vorüber, manchmal poltern oder stinken sie auch ganz erheblich. Und dieser hier, der mieft nach Selbstbeweihräucherung, nach einem saturierten Sermon zweier (weitgehend) Zufriedener, die sich zum nachmittäglichen Genuss eines edlen Eisteegesöffs aus zirbenkugelverschlossenen Karaffen auch noch ein Stück Rebellionsküchlein genehmigen wollen, das sie – jeder für sich und doch irgendwie gemeinsam – verzehren und zuvor entsprechend (age-appropriate) gründlich zerkauen. (Nebenbei: Obama hat übrigens fast den gleichen Thermostrinkbecher (travel mug) wie ich.)
Das einzig (nachhaltig) Erfreuliche daran: er (der Pups bzw. der Podcast) lieferte Kister die Munition für einen weiteren wunderbaren Kommentar, hier der Link zum Artikel.

Meine Lieblingsstellen: die mit der Harman-Kardon-Anlage im BMW und natürlich der Schlussteil mit Alois & Susi.

[Werde nachhher mal im Keller nach diesen Kassetten stöbern gehen. H. und ich nahmen in den 1980er-Jahren bergeweise solche Unterredungen auf, ich hab die selbstverständlich alle aufgehoben und archiviert, und da H. nächste Woche Geburtstag hat, bestünde noch eine reelle Chance, dass ich unsere Werke bis dahin digitalisiere und der Freundin als Podcast zukommen lasse.
Sollte mir das technisch nicht so fix gelingen, kann ich ja immer noch eine Glaskaraffe mit Zirbenkugel schenken
.]

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Über Erinnerung und Innenarchitektur. Zum 12. Januar 2021.

Ein Scharlatan ist sie, die Erinnerung.
Aus dem Erlebten schnitzt sie sich nachgerade das heraus, was sie behalten möchte oder kann. Heftet sodann jenes willkürlich Herausgeschnitzte als lose (oder wahllos?) aneinandergereihte, biographische Bilder (mit oder ohne Erläuterungstext) an die schier unendlich große Pinnwand unserer Lebenssouvenire.
Von dort gucken sie uns an, all diese arrangierten Andenken. Oder lassen sich von uns angucken.
Etliche lächeln uns freundlich zu, manche zwinkern auffordernd, ein paar strahlen vor Glück und springen uns regelrecht an mit ihrem übermütigem „Mensch, weißt du noch…?“-Gehabe.
Andere hingegen glotzen mahnend oder anklagend oder grausam von ihrem Pinnwandplatz aus herüber, manche blinzeln müde durch einen Tränenschleier hindurch und es ist kaum möglich, länger Blickkontakt mit ihnen zu halten.

Im Laufe der Jahre gewöhnen wir uns an diese Sammlung, leben mit ihr zusammen, ungefähr so, wie man mit einem Möbelstück zusammenlebt, das man liebgewonnen hat, weil es einem gefällt oder weil es seinen Zweck so treu erfüllt oder weil es einfach bloß zu teuer oder zu sperrig ist, um in einer Aufwallung spontanen Unbehagens oder Überdrusses hinausgeworfen zu werden.
Wir kultivieren sie jedenfalls auf die eine oder andere Weise, ordnen die Bilder vielleicht mal neu und anders oder hängen die gesamte Pinnwand an einen lichteren oder finstereren Ort – aber es wird kaum einen geben, der ihre Existenz und Aufrichtigkeit ernsthaft in Frage stellen würde.
Sie ist da, sie begleitet uns, und sie beeinflusst uns, mal mehr, mal weniger.

Zu selten fragen wir uns, ob das Memorierte damals wirklich genau so war, wie wir es uns (in welcher Gemütsverfassung auch immer) irgendwann einmal zurechtgeschnitzt haben, sondern wir pappen ein „So war das damals!“ drauf und heften es zu all den anderen Postkarten aus der Vergangenheit, die wir uns selbst geschrieben haben, um unsere Lebensreise und deren Stationen zu dokumentieren.
Ein Akt der Selbstvergewisserung quasi, denn es muss doch möglich sein, das gelebte Lebens in der Rückschau als etwas wahrzunehmen – ein Etwas, das sich auch irgendwie als irgendwas fassen lässt (damit es nicht dem Vergessen anheimfiele und damit vermeintlich zur Bedeutungslosigkeit verkäme).

In der Erinnerung richtet man sich die Räume der Vergangenheit so ein, wie man sie bewohnen möchte.
Manche werden zu wahren Prunkzimmern ausstaffiert, die von protzigen Kronleuchtern bis in den letzten Winkel ausgeleuchtet werden, denn erstrahlen soll es, das alte, edle Mobiliar, und uns vorgaukeln, wie toll sie doch gewesen sei, diese Zeit damals. Dabei war die Episode, auf die sich die opulente Inszenierung bezieht, eine recht gewöhnliche, unspektakuläre Lebensphase.
Egal – betreten wir einen so gestalteten Erinnerungsraum, hauen wir uns dort zufrieden in den samtenen Fauteuil, entledigen uns mit einer lässigen Wippbewegung der Pantoffeln und lassen mal alle Fünfe gerade sein.
[Wenn ich das so schreibe, fällt mir sofort ein ehemaliger Freund ein, einer der besten Anekdotenerzähler, die ich je kannte: jeder auch noch so banalen Lebensphase verlieh er durch sein Erzählen mindestens einen Hauch von Glamour, Skurillität oder Sensation, ein Highlight jagte das nächste, ja, man konnte leicht neidisch werden auf diese Vita, die so völlig unbesudelt zu sein schien von glanzloser Gewöhnlichkeit und temporärer Tristesse, und er erzählte seine Glitzerstories über die Jahre so oft und mit so viel Inbrunst, dass er sich nicht nur dauerverliebte in seine Biographie, sondern auch in sich selbst, den Protagonisten all dieser grandiosen Geschichten.]
Anderes hingegen, das klein, zart und schön war, landet zu Unrecht auf dem Speicher, wird von schnödem Spinnweb befallen und allenfalls ein Umzug oder eine Generalsanierung könnten es diesem traurigen Schicksal entreißen, weil man es nur dann nochmal anfassen und drüberpusten würde und plötzlich der Anmut gewahr würde, die viel zu lang unter all dem Staub begraben lag.
Der Großteil unserer erinnerten Vergangenheit verteilt sich aber kreuz und quer durch die alltäglichen Räume unserer Behausung: sickert hier ein in Dielen, klebt dort hinter Spiegeln, schlummert in Schubladen, hängt an Haken oder ruht in Regalen, das eine wird ein bisserl hindrapiert, das andere eher versteckt, und das meiste ist einfach nur zufällig da, wo es eben gerade ist.
Und ein paar unserer Erinnerungen werden schließlich zu hässlichen Kellerkammern, in denen nichts als Moder und Mief wohnt. Orte, an denen es einen schon als Kind gegraust und gegruselt hat und denen auch die Taschenlampe in der Hand des Erwachsenen oder Jahre später die Sitzungen beim Therapeuten nie ganz und gar ihren Schrecken nehmen konnten.

*****

Heute denke ich an den 12. Januar vor fünf Jahren, der Tag, an dem N. starb, und zugleich erinnere ich mich an den 12. Januar vor einem Jahr, als ich zu Gast auf einer Geburtstagsfeier war und neben M. zu sitzen kam, eine Begebenheit, die zur Geburtsstunde einer neuen Freundschaft wurde.
Es ist das erste Mal, dass ich nun zwei Erinnerungen an diesen 12. Januar habe, ab jetzt wird das immer so sein, und wer weiß, vielleicht kommt irgendwann noch eine dritte hinzu.

Während N. nach seinem nächtlichen Lauf heute vor fünf Jahren für immer in den Schnee sank, machten M. und ich uns heute vor einem Jahr bei Sonnenschein auf, fortan als Freunde durch die Welt zu wandern.
Gut, zwischen diesen beiden bedeutsamen Ereignissen im Reich der Freundschaft lagen 4 intensive Lebensjahre, 2 aufreibende Umzüge, 1 gottseidank schnell bemerkter Jobirrtum und allerhand andere Schicksalsschmankerl – so gesehen wäre es ziemlich albern, jetzt zu behaupten, dass sich immer dann eine Tür öffnen würde, wenn eine andere sich schließt, ein Sinnspruch, an den sich ja bereitwillig geklammert wird, wenn man erstmal aus dem Garten Eden vertrieben und von den unvermeidbaren Unbilden des Lebens schon ein wenig zerschunden im Vorgarten der Verzweiflung angekommen ist und um einen herum nirgends ein tieferer Sinn aus dem kargen Erdreich zu sprießen scheint.
Eben jener im Schnee gestorbene Freund war es passenderweise auch, der seinem maturierenden Sohne einst auf die Frage, ob das Leben denn irgendeinen Sinn habe, die ebenso ernüchternde wie ehrliche Antwort gab, dass der Sinn des Lebens im Leben selbst bestünde, was den Filius erst wie besessen ins Pianospiel, dann nach Passau und schließlich in eine psychiatrische Klinik flüchten ließ (was der Vater größtenteils nicht mehr mitbekam und sich wahrscheinlich auch nicht auf dieselbe Weise zugetragen hätte, wenn er noch weiter unter den Lebenden geblieben wäre).

Ständig öffnen oder schließen sich alle möglichen Türen (manchmal bekommt man’s leider erst zeitversetzt oder gar nicht mit), und auch hier spielt einem die Erinnerung nicht selten einen Streich, was die nachträgliche Bewertung angeht.
Fünf Jahre nach dem Tod von N. sortiere ich also heute jene Ecke auf meiner Lebenssouvenirpinnwand, die mit Bildern aus der Zeit, in der wir einander kannten, bestückt ist, plötzlich neu (um nicht zu sagen: ich miste dort gründlich aus). Fünf Jahre hat es gedauert, um zu erkennen, dass da manche Erinnerung in einem vergoldeten Rahmen hing, obwohl ein schlichter Cliprahmen angemessener gewesen wäre. Und dass das eine oder andere Bild arg schief hing, fiel mir, die ich ansonsten sehr genau bin in solchen Dingen, ebenfalls jahrelang nicht auf.
Ist es das Los mancher zu früh aus dem Leben Geschiedenen, dass sie durch ihren so unerwarteten Tod die Nachwelt zu Verklärung und Vergoldung anstiften? Oder war hier abermals der Adjutant der Erinnerung, dieser munter herumstümpernde Innenarchitekt am Werk?

Wie dem auch sei – eigentlich wollte ich anlässlich des heutigen (nun in doppelter Hinsicht) Jahrestages ja nur festhalten, dass ich ein kleines Verdutztsein darüber verspüre, dass es exakt dieses Datum ist, an dem der eine Freund ging und der andere in mein Leben trat, wobei Letzterer binnen eines Jahres ein engerer Freund wurde als Ersterer in einem ganzen Jahrzehnt.

Und ich wollte sagen: Danke, lieber M., für dieses vergangene Jahr, das so reich war an Freude, Ausflügen, Perspektiven, Erlebnissen, Gesprächen, Entdeckungen, Verbundenheit und Kuchenstücken!

Himmel der Bayern (86): Auf den Spuren des „Man in black“.

Unangenehm kalt und windig ist es in der Früh. Der Gatte schleppt seine Reisetasche zur Tür, schlüpft in den Mantel und reist ab in sein Erdhaus, das dann in letzter Sekunde doch noch zu einem Quartier mit anständigen Mauern drumrum (und drinnen mit einem richtigen Bett anstelle des Laubhaufens) mutiert ist. Somewhere out of Rosenheim.
Wir wünschen ihm gute Erholung, schließlich steht die strapaziöse Phase der Läufigkeit des Fräuleins erst noch bevor, und dann werde ich ohne Hund ausgeflogen sein (endlich mal wieder eine Gelegenheit für das Futur II) und er ein paar Tage allein daheim.

Bis kurz vor 12 sitze ich am Schreibtisch, dann packe ich das Dackelfräulein mit der Androhung „Heut machen wir mal was ganz anderes!“ ins Auto. Sie schaut mich etwas bang an, rollt sich dann aber auf ihrer Decke ein und pennt.

46 Minuten später steigen wir an einem Waldparkplatz westlich von München aus.
Es weht noch immer ein frischer Wind, der Himmel ist grau, es riecht nach Regen. Wurscht, auf geht’s!

Als erstes ein Gruß aus dem feuchten Unterholz: Eine Mücke fliegt mir in den Ausschnitt und sticht mich neben das Schlüsselbein. Andenken, von denen ich mindestens zwei Wochen lang intensiv zehre und die seit Neuestem einen lila Fleck auf meiner Haut hinterlassen, der noch Monate nach dem Stichtag erkennbar ist (wenn ich das bei meiner Mückenstichausbeute pro Saison mal grob hochrechne, dürfte ich spätestens zu meinem 60. Geburtstag völlig lila sein).

Anstelle einer Wandertafel oder eines Wegweisers begrüßt uns das hier:

Da flieht man vor dem Virus und der Großstadt und den Menschen und den Rüden… – aber irgendwas ist immer, irgendeine Gefahr lauert halt auch noch in der letzten Einöde oder in den Weiten der Wälder.

Und dieser Wald hier, der ist sowieso anders. Ganz anders.
Wir geraten zwar nicht in einen Regen, folglich auch nicht von dort aus in eine Traufe, stattdessen aber in Teufels Küche.

Die allerdings der Wahnsinn ist, so rein landschaftlich betrachtet. Die Teufelsküche ist ein riesiges Quell- und Naherholungsgebiet südlich von Landsberg am Lech, sie gehört zur Pössinger Au und ist durchzogen von zahlreichen Wanderwegen.

Wilde Schluchten, hinabstürzende Bächlein, urwaldähnliche Steilufer, modrige Waldtümpel, vermooste Hänge, kleine Wasserfälle – das Fräulein ist außer sich vor Freude.

Der Sage nach ist in der Gegend einst eine Frau, die im Rufe stand, eine Hexe gewesen zu sein, ihrem Sarg entstiegen und hatte an ihrer Grabstelle nur einen Kohlenhaufen hinterlassen. Die entsetzten Landsberger trugen diese Kohlen aus der Stadt hinaus, zur Teufelsküche, um sie dort ins Wasser (also in den Lech) zu kippen, doch die Kohlen gerieten plötzlich von selbst in Brand und der Rauch ist angeblich immer noch über der Teufelsküche zu sehen.

Der einzige Rauch, den man hier und heute noch sehen könnte, wäre wohl der des Schornsteins der gleichnamigen Ausflugsgaststätte. Weil die aber montags Ruhetag hat, weshalb wir, die Freunde der Einsamkeit und Ruhe, ja heute dort unterwegs sind, raucht es nirgends.

Das türkisgrüne Wasser des kleinen Waldsees erinnert mich an die Blaue Lagune auf Gotland, der Weg durch die Schlucht lässt mich an die Wanderung durch den Küsnachter Tobel zurückdenken…, aber ein Schild holt mich jäh in die Gegenwart zurück:

Kopfbedeckung tragen? Langsam gehen? Angriff mitteilen? Sappradi!

Schnell steigen wir hinauf zum Lech-Höhenweg, verkrümeln uns auf dicht bewipfelte Nebenpfade, und googeln sicherheitshalber mal, wann er denn brütet, dieser Kampfgeier, der sich auf mein Mäuschen und mich stürzen könnte. Ende März bis Anfang Mai, na dann!

Wir wagen uns wieder auf die Hauptwege zurück und später auch an den Lech hinunter. Nichts los auf dem schönen Uferweg, nur ab und an ein Nagelfluhbrocken. Außer dem Ruf des Eichelhähers und dem whirlwind in the thorn trees (geklaut aus dem Song „The Man Comes Around“ von Johnny Cash) ist es herrlich still hier.

Das war arg jetzt holprig, ich weiß schon, aber irgendwie muss ja die Überleitung gelingen.
Hä?, denken Sie nun sicher, oder (die etwas Komplexeren unter Ihnen): Was hat denn der versoffene Cash jetzt mit der Teufelsküche und dem Lechwanderweg zu tun?

Ganz einfach: „I went downtown to a store in 1952 in Landsberg and paid about 20 marks for the guitar. That’s where I learnt to play on.“ (aus einem Interview mit J. Cash, 1997)

Dass Elvis Presley als Soldat in Deutschland war, das weiß so ziemlich jeder. Weitaus weniger bekannt ist dagegen die Geschichte von Staff Sergeant John Ray Cash, der in der Landsberger Kaserne bei Penzing, die man sogar von der Autobahn aus erspähen kann, zur Musik fand. Fast auf den Tag genau vor 69 Jahren kam der junge Cash in Landsberg an. Kurz drauf, am 13. Oktober 1951, sah er im Truppenkino den Film „Inside the Walls of Folsom Prison“. Ein paar Monate später kaufte er sich eine Gitarre, fünf Jahre danach veröffentlichte er, wieder zurück in den USA, den „Folsom Prison Blues“, einen Song, den er hier, in der oberbayerischen Lechstadt, komponiert hatte.

Cash schrieb in den drei Jahren, die er in Landsberg stationiert war etliche Songs, übte wie ein Besessener Mundharmonika und Gitarre, tingelte durch die Lokale der Stadt und spielte sich nächtelang die Finger wund. Trank zu viel, langweilte sich in seinem Job, guckte sich an seinen freien Tagen in Oberbayern um und vermisste seine Vivian, in die er sich kurz vor seiner Versetzung nach Deutschland verliebt hatte:

„Liebste Viv, heute bin ich in die Poststelle und habe nach meiner Post gefragt. Und stell dir vor! Ich habe von dir noch keine Briefe bekommen. Was ist los, Schatz? Hast du deinen Stift verloren? Gut, ich habe meinen noch, und ich werde dich mit meinen Briefen quälen, bis ich einen von dir kriege. Ich habe ohnehin nichts anderes zu tun, als zu schreiben, obwohl es Samstagabend ist. Ich hatte bisher einen sehr friedlichen Abend. Ich war heute im Kino und habe den Thriller „Folsom Prison“ gesehen – und weißt du was? Wir haben heute Vollmond, und er ist fast so groß wie in Texas. Das einzige, was nicht passt, ist, dass wir nicht zusammen sind.“ (J. Cash in einem Brief vom 13.10.1951)

Telefonieren war den Soldaten nur einmal im Jahr erlaubt (verklickern Sie das mal heutzutage einem verknallten Twen!), Heimaturlaub erhielt er gar keinen (das heißt, das Pärchen sah einander drei Jahre lang nicht!), also schrieb er Vivian fast täglich einen Brief (kann sich heut auch kaum einer mehr vorstellen: einen Stift zur Hand zu nehmen und der/dem Liebsten zu schreiben!). Das waren noch Zeiten!

Direkt nach seiner Rückkehr heirateten die beiden.

„Einen schrecklichen Moment lang dachte ich, sie [Anm.: das Militär] würden versuchen, mich lebenslänglich an sich zu binden, aber das taten sie nicht. Sie ließen mich gehen. Es war gut, dass sie mich gehen ließen. Das Bier und die Wurst schmeckten hervorragend, aber ich sehnte mich danach, wieder in den Südstaaten zu sein.“ (aus einem Interview mit J. Cash, 1997)

Kurz vor der Heimreise nahm Cash in München noch seine erste Platte auf, in einem kleinen Studio in Hauptbahnhofnähe, danach begann seine Weltkarriere beim Label Sun Records.

Wir laufen also begleitet von den whirlwinds in the thorn trees lechaufwärts, bis wir Cash-City erreichen.
Drehen eine große Runde durch das hübsche Städtchen…

…bis das Fräulein etwas müde wirkt und ich hungrig und durstig bin. Seit meiner bescheidenen Stulle (Dinkelsesamseele mit Käse drauf) und einem Heißgetränk (Tee aus der Thermoskanne) in der Teufelsschlucht habe ich nichts mehr zu mir genommen und wir sind ja nun doch schon einige Zeit unterwegs.

Merken Sie sich bitte unbedingt: in Landsberg am Lech haben montags fast alle Lokalitäten geschlossen. Das ist coronatechnisch prima, weil in der Stadt absolut nix los ist, denn die Touris wollen schließlich Futter und dafür nicht ewig herumlaufen und suchen müssen.

Mit Müh und Not finden wir ein kleines Café, das geöffnet hat und lassen uns an einem der drei Tischchen nieder. Für einen Safrankeks nebst Cappucino tut’s das schon, gemütliche Einkehr geht anders.

Beleidigter Hund unterm Barhocker.

Wir sind schließlich nicht zum Mampfen hergekommen, sondern wegen der Teufelsschlucht, den Auwäldern und der Kleinstadt, in der ich zuletzt vor vielen Jahren (empfundenermaßen: in einem früheren Leben) bei einem Betriebsausflug war (ich erinnere nur noch die Kollegen, neben denen ich im Bus saß und das sehr durchschnittliche Essen auf irgendeiner Terrasse in einem Altstadtwirtshaus, bevor es wieder heimwärts ging).
Ziemlich sicher hat mich der Papa in meiner Kindheit auch schon mal hierher gekarrt (denn es gab keine oberbayerische Stadt, die nicht irgendwann aufgesucht und angeguckt wurde, damit das Kind eine Bildung und eine Orientierung bekommt), aber jener Besuch muss mir komplett entfallen sein. Wahrscheinlich gab es kein leckeres Eis oder keine Tiere, die man streicheln konnte, und dass es hinter der östlichen Stadtmauer von Landsberg fast genauso ausschaut wie in den Wiesenhügeln neben der Ringmauer in Visby auf Gotland, wo bekanntlich Pippi Langstrumpf gedreht wurde, damit hat er mich nicht locken können, der Herr Vater, weil er das nicht wusste, da er mit Skandinavien leider nie was am Hut hatte.

Nach dem Kaffeepäuschen und ein paar kontemplativen Minuten am Lechfall – zwischenzeitlich pfeift der Wind etwas weniger und die Sonne blinzelt immer öfter durch die Wolkendecke – geht’s weiter.
Eine letzte Station haben wir noch, bevor wir uns auf den Rückweg zum Wanderparkplatz machen wollen.

Landsberg am Lech: Die nördliche Seite der Schulgasse.

Das Musikhaus Ballach in der Schulgasse, in dem Johnny 1952 seine Gitarre erstand, die er anschließend sechseinhalb Kilometer durch den eiskalten Wald hinauf zum Fliegerhorst trug, existiert nicht mehr. Erwartbar, dennoch schade.
Der Herrenausstatter, bei dem ich nachfrage, kann den Standort der ehemaligen Musikalienhandlung zumindest auf vier Hausnummern und eine Straßenseite eingrenzen – suchen Sie sich also einfach aus, welches Häuschen Ihnen für einen Klampfenkauf am geeignetsten erscheint.
Ich bin für die Vinothek Wein & Sein und beschließe einfach, dass das der Cash-Laden gewesen sein soll (auf keinen Fall war es das Nagelstudio Orchid Nails am Ende der Gasse, so viel ist klar).

Die Stunde Fußmarsch zurück vergeht dann wie im Fluge, weil wir diesmal den Weg durch den Wildpark wählen. Bevor wieder jemand mault und meckert: Ja, da darf man mit Hund hinein. Angeleint, versteht sich. Ja, machen wir auch brav, wir sind ja nicht deppert. Denn da laufen ja Rehe herum. Und Wildschweine. Letztere erfreulicherweise nur im Gehege.
Jedenfalls gibt es viel zu schauen und viel zu schimpfen, das gilt für uns beide gleichermaßen.Nach 13,92 Kilometern sind wir wieder am Parkplatz angelangt. Der whirlwind hat sich gelegt. Der Bussard hat uns nicht den Skalp geraubt. Der afrikanischen Schweinepest sind wir hoffentlich auch entkommen.Schön war’s. Vielfältig. Regenfrei. Bunt.
Wir kommen auf alle Fälle nochmal hierher. Durchaus wieder montags, wenn fast alles zu hat.Auf der Heimfahrt hören wir…, na was wohl? Genau!
Aus dem Spätwerk hier für Sie eine nächtliche Kostprobe, in meinen Augen bzw. Ohren einer der besten Cash-Songs überhaupt.

Johnny Cash erzählte einmal, dass ihn kein Song so viel Zeit gekostet habe wie dieser – mehrere Dutzend (!) Strophen schrieb er und nur vieren gelang der Einzug in die finalen Lyrics (plus die beiden Refrainstrophen). Die Idee für das Lied entsprang einem Traum, den Cash in den 1990er Jahren hatte und in dem er der Königin von England begegnet war, die ihn mit einem Dornbusch im Wirbelwind verglich. Coole Sache, oder? Wenig später stieß Cash dann im Buch Hiob erneut auf diese Metapher und verwurstete nun den whirlwind in the thorn tree im Refrain von „The Man Comes Around“.
Ein biblisch düsterer und berückend morbider Song. Einer seiner letzten zudem.

Lassen Sie sich für ein paar Minuten mitnehmen von den apokalyptischen Reitern und schlafen Sie danach trotzdem gut!

Hear the trumpets, hear the pipers
One hundred million angels singin‘
Multitudes are marching to the big kettle drum
Voices callin‘, voices cryin‘
Some are born and some are dyin‘
It’s Alpha and Omega’s Kingdom come.

And the whirlwind is in the thorn tree
The virgins are all trimming their wicks
The whirlwind is in the thorn tree
It’s hard for thee to kick against the pricks.

Einer fehlt noch oder: Der Weg ist das Ziel.

Lessen Sie heute aus der Reihe „Schicksalsberge„: Der Krottenkopf.

Zum sechsten Mal war ich nun dort oben. Zweimal habe ich auf der knapp unter dem 2.088m hohen Gipfel des Krottenkopfes gelegenen Weilheimer Hütte genächtigt, die anderen vier Male bin ich an einem Tag rauf & runter gelaufen.

Mindestens ein weiteres Mal werde ich noch auf diesen Berg hinaufgehen, denn: von den möglichen Zustiegen fehlt mir nur noch einer, und der Krottenkopf ist nun mal einer der Berge, den ich mir von allen erdenklichen Seiten erlaufen haben möchte, bevor ich ins Gras beiße.

Aussichtskanzel: Die Weilheimer Hütte.

Bayern par excellence: Was vom Wochenende übrig blieb.

Da wäre man ohne die Beschriftung echt nicht draufgekommen…

Jede der bisherigen Touren erinnere ich präzise. Keiner der wesentlichen Eindrücke ist im Schweiß zeronnen oder über die Jahrzehnte verblasst, denn es waren stets denkwürdige Unternehmungen (logisch, sonst hätte er es ja auch nicht zum Schicksalsberg gebracht):

a) Die Erstbesteigung mit dem Ex-Ehemann im Jahre ’95, als wir noch blutjung, übermütig und unverheiratet waren und gerade erst so richtig anfingen, längere Touren zu gehen.
Von Eschenlohe stiegen wir über das Pustertal und die Hohe Kisten hoch zum Krottenkopf und über eine leicht östlich des Aufstiegsweges verlaufende Forststraße, die ziemlich dröge 12 km lang ist, wieder hinunter. Ich schwor mir damals, die Tour nie wieder auf diesem Weg zu beenden.

b) Die Zweitbesteigung von Wallgau aus, zusammen mit H., dem Mega-Sportler und Mega-Eifersüchtler, mit dem ich beim Abstieg in einer Diskussion über … (ach, vergessen Sie’s, es war einfach unschön) so heftig aneinandergeriet, dass Hs Brille, weil er sich gar so echauffierte, zu Boden fiel und dabei zu Bruch ging, genau wie diese unselige Beziehung, und ich sagte kein Wort mehr und heulte, bis wir wieder in Wallgau am Parkplatz waren (oder heulte ich sogar bis zur Ankunft in München?). Zwei Tage später brachte ihm eine Freundin von mir all sein Geraffel, das er in meiner Wohnung deponiert hatte, in einigen großen Tüten vorbei, und danach war erstmal für ein paar Jahre Schluss mit dem Krottenkopf, ich wollte ihn keinesfalls allzu bald wiedersehen, um mich ja nicht an H. und dieses Ende erinnern zu müssen. Das war 2001.

c) Die Drittbesteigung dann etliche Jahre später, im Sommer 2007, mit dem Mann meines Lebens, dem wenige Tage zuvor die Tour auf den Schachen zu gemütlich gewesen war und der sich nach Größerem sehnte. Sollte er haben! Der Krottenkopf war ihm dann allerdings etwas zu groß, nicht im Aufstieg (wieder von Eschenlohe via Pustertal), dafür aber im Abstieg via Forststraße. Jene, die ich lebenslang nicht mehr hatte gehen wolle , und dann gingen wir sie doch, weil der Gatte in spe keinesfalls durch das Kar voller Geröll, das wir beim Aufstieg im zähen Tippelschrittgang gequert hatten, auch wieder hinuntergehen wollte, also blieb uns nur diese Forststraße, und sie war leider immer noch 12 km lang, und der Zukünftige war gelinde gesagt not amused als wir erst spätabends im (eigentlich ja romantischen) Mondschein das Auto erreichten (die noch frische Verliebtheit half ihm gottseidank bald über dieses Tourerlebnis hinweg, heutzutage dürfte ich es nicht mehr wagen, mit so einem „Spaziergang“ daherzukommen).

d) Zum vierten Erklimmen des Krottenkopfes 2014 schien es mir ratsam, mal alleine zu gehen. No man, no cry, wie es ja schon in der uralten, weisen Reggae-Ballade heißt. Und überhaupt wollte ich diesmal alles anders machen: Nicht per Auto, sondern mit dem Zug anreisen, von Farchant aus auf einem neuen Weg hochgehen, oben auf der Hütte übernachten, über den Fricken nach Oberau hinunterlaufen, mit dem Zug wieder nachhause. Hat auch genauso geklappt. Problem diesmal: ich selbst. Zumindest während des Aufstiegs. Ich wälzte unablässig schwierige Themen (die Kündigung, die Zukunft, der Hirntumor der Mutter), die mir ebenso im Nacken saßen wie der übervolle Tourenrucksack. Auf der Hütte dann halb ohnmächtig vor Erschöpfung angekommen, nach dem sensationellen Sonnenuntergang wurde plötzlich alles besser bzw. leichter und tags drauf hätte ich Bäume ausreißen können, nahm ungeplant einen weiteren Gipfel mit, den Bischof, und hüpfte leichtfüßig hinunter ins Tal.

e) Fünfte Begehung vor drei Jahren, 2017, mit Übernachtung und mit einem, der vorgab, ein Freund zu sein und keiner war (oder sein konnte), weil er fortwährend nur in sich selbst verschraubt war und zur Tour nicht nur eine Überdosis Unausgeschlafenheit mitbrachte, sondern auch ein zu Viel an Unaufrichtigkeit, aber wir wollen das jetzt nicht vertiefen oder wiederkäuen. Denn die Tour, erneut von Eschenlohe aus gestartet, war eine äußerst schöne, zumal ich den ganzen langen Abend (inklusive Alpenglühen drüben im Zugspitzmassiv) für mich allein hatte, weil der Nichtfreund vor lauter Müdigkeit bereits nach dem Abendmahl in die Koje gekippt war und sich erst am nächsten Morgen wieder regte. Der Abstieg via Esterbergalm nach Farchant war dann eine interessante neue Variante und wäre die der Tour folgende Entwicklung mit dem Begleiter eine erfreulichere gewesen, hätte mich Farchant mit Sicherheit nicht erst drei Jahre später wiedergesehen.

f) Der sechste Marsch auf diesen besonderen Berg also vor drei Tagen, mit dem Morgenzug nach Oberau, den Oberauer Steig hinauf, zu Füßen des Hohen Fricken kurze Tomaten-Mozzarella-Rast (keine Alm, eigener Proviant), am Bischof vorbei, an dessen Nordflanke noch eine kleine Trinkpause (dabei an den passenden Springsteen-Song gedacht und fast ein Freudentänzchen vollführt), danach mit Krottenkopfblick flott weiter, erst hoch zum Gipfelkreuz, danach ziemlich bedient von dem stundenlangen Gesteige auf der Hüttenterrasse niedergelassen. Der Wirt weist mir einen Tisch in der Sonne an der Hauswand zu, dort sitzt schon eine Einzelperson. J. ist auch aus München, wir kommen beim Anstoßen mit dem verdienten Weißbier ins Gespräch, über Kuchensorten, über Corona und über die jeweils hinter uns liegenden Aufstiege, und kommen dann gar nicht mehr raus aus dem Gespräch, brechen schließlich gemeinsam auf und als wir die Esterbergalm passieren, liegen nicht nur über 700 Höhenmeter Abstieg in erstaunlicher Harmonie des Gehtempos hinter uns, sondern auch zwei in Auszügen erzählte Biografien, die bis zum Abschied vor meiner Haustür noch diverse weitere Ausschmückungen erfahren, denn J. hat sein Auto unten in Farchant auf dem Wanderparkplatz stehen und ich bin so dermaßen platt von dem Tag, dass ich heilfroh bin, nicht mehr über die ruppigen Asphaltsträßchen bis zum Farchanter Bahnhof laufen zu müssen, sondern direkt am Ende des Bergsteigs die schweren Stiefel ausziehen und mich in den Beifahrersitz plumpsen lassen kann.

Auf geht’s, hinab!

Die spinnen, die Bayern (abgelegene Alm auf 1.300m).

Zurück im Tal & ein Schatten meiner selbst.

Offenbar ist der Krottenkopf für mich ein Berg, mit dem ich so Einiges auszutragen habe, und wenn der Begegnungsrhythmus mit diesem einzigen Zweitausender in der Region sich wie gehabt fortsetzt, dürfte irgendwann zwischen 2023 und 2026 die nächste Begehung anstehen. Und die wird von Krün aus starten, denn das ist der einzige Weg, der mir noch fehlt in meiner Krottenkopfserie (und wer weiß; vielleicht ist es der Zustieg, der alles abrundet und zu einem Ganzen fügt, vielleicht ist es aber auch bloß ein weiterer Zugang, der mich in die Höhen des Estergebirges führt und mit meinen Abgründen bekanntmacht, ich werd’s sehen).

Der Weg ist das Ziel (oder auch einfach nur ein Weg).

Jedenfalls möchte ich Ihnen, so Sie sich denn überhaupt für die Bergwelt interessieren oder gar begeistern können, diese Tour (ganz egal, welche Wegvariante) nicht etwa als möglichen Erkenntnisgewinntrip oder veritablen Verausgabungs-/Fitnesstest oder als gnadenlosen Beziehungsprüfstein ans Herz legen, sondern schlicht und einfach ob ihrer landschaftlichen Schönheit und der atemberaubenden Aussichten, die sie bietet.

Zugspitze zwischen Bischof und Fricken.

Hetzen Sie sich nicht, übernachten Sie unbedingt dort oben, trinken Sie ein süffiges Mittenwalder und keine dürre, blonde Hopf-Weiße und genießen Sie die stille, wohltuende Bergeinsamkeit da heroben, alleine oder in ausgesuchter Gesellschaft, und mit Blick auf wirklich alles, was meine Heimat in alpiner Hinsicht zu bieten hat.

Falls Ihnen das nicht behagt, weil zu lang, zu hoch oder zu was-weiß-ich-was, dann gehen Sie doch einfach mal auf der anderen Seite des Loisachtales ein bisschen auf dem Kramerplateauweg spazieren, von Burgrain oder Sonnenbichl (beides Ortsteile von Garmisch) nur ein paar Meter hinauf und weiter auf dem Höhenweg bis zum Gasthof Pflegersee oder – noch besser – bis zur Werdenfelser Hütte und gucken Sie von dort aus gemütlich hinüber zum imposanten Estergebirge.

Den Krottenkopf sehen Sie zwar von da aus nicht, doch der ihm vorgelagerte Hohe Fricken tut’s auch, denn zum einen muss man ja echt nicht jeden Hügel in Oberbayern gesehen haben und zum anderen hat der Fricken schon auch mal einen Blick verdient, weil er meist achtlos links liegen gelassen wird, denn durch Oberau rauscht man üblicherweise blicklos hindurch (bzw. stur geradeaus guckend, weil da sieht man schließlich schon die Zugspitze) und ist froh, wenn man (mit oder ohne Stau, meist aber mit) überhaupt bis dorthin vorgedrungen ist – und weiter geht’s nach Garmisch oder Mittenwald (das eine ein so hässlicher, verbauter Ort, das andere zwar wunderbar, aber nochmal eine halbe Stunde mehr zu fahren).

Und Oberau wird in nicht allzu ferner Zukunft noch groß rauskommen, das sage ich Ihnen schon heute, denn sobald der Tunnel, über dessen Bau jetzt alle so fluchen, weil er den Erholungssuchenden noch einen Staugrund mehr beschert, mal fertig ist, wird das Dorf sich zu seinem Vorteil verändern, es wird wieder ein Gesicht bekommen, und zwar ein hübsches, so wie es seinerzeit auch Farchant widerfuhr. Es wird im neuen Tunnel oder kurz davor eine Abfahrt geben, die einen explizit in diesen ehemals trostlosen Transit-Ort führt, der dann ein beliebtes Ausflugsziel sein wird und nicht bloß der Blinddarm der A95 oder das unbedeutende Kaff kurz vor dem Olympiaort Garmisch mit seiner gigantischen Bergkulisse.

Aus der Badewanne wünsche ich Ihnen eine gute Nacht und ein schönes Spätsommerwochenende!

Himmelreich 52.

Wieder sehr früh auf, dank des unüberhörbaren Arbeitsbeginns der Polen unten im Hof.
Als ich die Jalousien hochziehe und das Fenster öffne, winkt Lolek vom Garagendach herüber, auf dem er kniet und die dahinterliegende Mauer neu verputzt (kurz der Gedanke, dass er vermutlich zu den Menschen gehört, die ich in 2020 dank anderthalb Wasserschäden und einer Badsanierung mit etlichen Nachbesserungen am häufigsten/regelmäßigsten gesehen habe).

Bis mittags gearbeitet, alle halbe Stunde in der Webcam die Ammergauer Alpen beobachtet. Gegen 11:30 Uhr reißt es tatsächlich auf.
Proviant in den Rucksack und Dackel ins Auto gepackt – und um Punkt 12 Uhr los ins Himmelreich.
Einer der Kindheitsorte, die fast ausschließlich mit guten Erinnerungen gepflastert sind, es gibt nicht viele davon.

Die A95 ist bis auf die übliche Stelle am Autobahnende bei Eschenlohne frei, es könnte wahrlich scheußlichere Fleckchen für einen zehnminütigen Stau geben, überhaupt ist ja die gesamte A95 wie das Blättern in einem Bayern-Bildband (unbegreiflich, dass ausgerechnet diese Autobahn bei Rasern so beliebt ist, wie man immer wieder liest, wo man doch hier aus dem Schauen und Staunen nicht rauskommt).

Chrome wheeled, fuel injected
And steppin‘ out over the line

Zeitgleich fährt auch B. los, der von Westen über die Landstraßen zum Treffpunkt zuckelt. Da er schwer bepackt ist, muss er zuckeln. Um 13:15 Uhr erreichen wir beide den Parkplatz gegenüber von Himmelreich Nr. 52 in Oberammergau.
B. löst die Spanngurte vom Gepäckträger seiner BMW und hebt ein monströses Etwas herunter. Mit zwei Isomatten hat er den großen Akkordeonkoffer, den er mir überreicht, transportsicher umhüllt.

Quasi eine nachträgliche Geburtstagsgeschenkleihgabe: bis er in Rente geht, gehört die Quetschn nun mir. Große Freude!
Im Gegenzug überreiche ich ihm, ebenfalls nachträglich, auch ein Präsent, ein sogenanntes „praktisches Geschenk“, für das er bis weit über seine Rente hinaus Verwendung finden dürfte.
Dass ich das schöne Instrument ausgerechnet in einer Straße namens Himmelreich, umgeben von Bergen und direkt neben dem Kindheits-Wellenbad in Empfang nehme, gefällt mir.

Über den Himmelreichgraben und zahlreiche andere Bachquerungen geht es knapp 700 Höhenmeter hinauf zum Großen Aufacker, ein nur vermeintlich unspektakulärer Berg in den Ammergauer Alpen, denn auf dem Gipfelplateau steht eine Bank neben dem Gipfelkreuz und Sie haben dort herrlich viel Ruhe und Platz und noch dazu eine Premiumaussicht: Zugspitze, Wettersteingebirge, Estergebirge, zu Ihren Füßen das Ammertal, dahinter das Graswangtal, schade nur, dass der Laber einen so hohen Südzacken hat, denn sonst sähe man auch noch das Kloster von Ettal.

Bayrische Bergbank-Deko.

Weiter westwärts einen kleinen Grat entlang, vorbei am Schnitzelgraben und kurz dahinter hinunter zur Romanshöhe, wo wir im Berggasthof etwas trinken, bevor wir über den Altherrenweg zurück zum Ausgangspunkt wandern.
Das Dackelfräulein in Topform, wie immer eigentlich, wenn man ihr a) etwas Neues bietet und b) der verwöhnte kleine Hund seine krummen Füßchen nicht auf schnöde, öde Forststraßen setzen muss, sondern durchweg die präferierte Pfadbreite vorfindet.
Zudem ideales Hundewanderwetter, im Tal 22 Grad, oben entsprechend kühler, ein Sonne-Wolken-Mix erlaubt sogar eine richtig lange Gipfelrast, was sonst oft in Ermangelung schattiger Plätzchen kurz gehalten werden muss.

Just wrap your legs around these velvet rims
And strap your hands across my engines

Die BMW schnurrt vom Akkordeon befreit leichtreifig hinüber zum „Ähndl“ im Murnauer Moos, wo uns der Wirt einen feinen Platz auf seiner Terrasse zuweist. Erstmals sehe ich die neue Art der Speisekartenpflege: 20 laminierte Karten werden in eine Wanne mit Desinfektionsbrühe gelegt und danach in einen eigens für die Trocknung konstruiere Halterung einsortiert. Die Bedienung trägt eine Maske im Söderdesign und hält uns routiniert den QR-Code unter die Nase, den wir einscannen müssen, um uns als Gäste zu registrieren. So viele neue Alltagspraktiken, manches ruckelt noch in der Handhabung, an anderes hat man sich tatsächlich schon gewöhnt.

Wir arbeiten mit Blick auf die langsam im Sommerabendlicht versinkende Alpenkette die seit dem letzten Treffen vergangenen vier Wochen auf. Auch eine Meinungsverschiedenheit bzgl. der Corona-Maßnahmen lässt sich leicht klären, was uns beide sichtlich erleichtert in diesem Jahr, in dem man sich schon mit einigen Weggefährten temporär oder gar nachhaltig entzweit hat, weil die Standpunkte plötzlich zu unvereinbar waren und sich weder handelnd noch redend Kompromisse finden ließen.

Well the night’s busting open
These two lanes will take us anywhere

Als ich durch die sternenklare Nacht heimwärts fahre, bin ich gedankenleer und todmüde, aber glücklich und zufrieden.
Auf der Rückbank liegen in Reihe: der kleine, selig schnarchende Hund, der nach Bergluft duftende Rucksack und das aus jahrelangem Speicherexil befreite Schifferklavier.
Im Rückspiegel sehe ich die Scheinwerfer der BMW noch eine Weile hinter mir leuchten, bis sie schließlich auf die B472 abbiegen und in der Dunkelheit verschwinden.

Manchmal fühlt sich das Leben für ein paar Stunden tatsächlich an wie ein früher Springsteen-Song.

Song des Tages (58).

Langer und aufwühlender Ausflug heute. War so nicht geplant, ergab sich dann aber.

Wacklige Verfassung, trotz Morgenschwimmen. Müde, schwach, ständig nah am Unterzucker. Morgens viel zu früh wach, weil Loleks Bruder bereits um 6:58 Uhr im Hinterhof den ersten Hammerschlag tat. Dummerweise nachts von 3 bis 5 Uhr wachgelegen, weil ich wild geträumt hatte und das Fräulein wild nach einer Mücke schnappte, die wir beide hörten, aber nicht zu fassen bekamen.
Fürchterlich. Wird immer schlimmer, mit jedem Lebenjahr, jede dieser kleinen, leicht paranoiden Anwandlungen. Und zwar bei uns beiden.

Münsing, Holzhausen, Oberambach, Ambach, Seeheim und zurück.
Unterwegs zweimal umgezogen, Leinenhose aus, Shorts an, später wieder umgekehrt, und am Schluss war eh alles wurscht, weil alles nass war. Zweimal lange auf schönen Bänken gerastet.

Traumgegend, nur auf Nebenpfaden unterwegs, nichts los. Erst unten am See ein paar Radfahrer.
Beim „Fischmeister“ auch nichts los. Seltsam. Im Netz stand, bei gutem Wetter hätten sie ab 12 Uhr den Kiosk offen und ab 16 Uhr den Biergarten.

Es ist 15 Uhr und der Kiosk ist zu, dabei rinnt mir der Schweiß auf Stirn und Rücken hinunter und das Fräulein hechelt, weil die Sonne so vom Himmel brennt – wenn das nicht gutes Wetter bedeutet, dann weiß ich auch nicht..

Ich sehne mich nach einem Getränk und der nächsten Bank und Pippa sehnt sich nach einem Bad im See.
Die Seegrundstücke am Ostufer sind weitgehend verrammelt, alles Privatbesitz und eingezäunt oder mit hohen Hecken vor den sehnsüchtigen Blicken des Pöbels geschützt. Oder Erholungsgelände und damit von Mai bis September für Hunde verboten.
Der „Fischmeister“ hat gegenüber vom Biergarten ein kleines Areal direkt am Wasser, und wenn nicht viel los ist und man den Wirt nett fragt, lässt er einen dort auch mit Hund hinein. Was aber nur funktioniert, wenn der „Fischmeister“ wenigstens seinen Kiosk geöffnet hat.

Erst stehe ich ratlos herum, dann gehe ich frustriert weiter. Hinter einem Traktor am Straßenrand tritt ein Mann hervor, alles behäbigbeige und greisgrau an ihm, die Kleidung, die Haare, der Teint, der Gang. Nur die Augen so wach und funkelnd und in letzter Sekunde, ich bin schon fast an ihm vorbeigegangen, kapier ich, wer das ist: Sepp Bierbichler.
Mich reißt’s und ich dreh mich um und er guckt auch her und grüßt freundlich, so freundlich, wie einen nur die grüßen, die das gewöhnt sind, dass sie ständig erkannt werden und trotzdem im Herzen Philantropen geblieben sind.

Ich grüße zurück und starre ihn wahrscheinlich eine Sekunde zu lang an oder aber er ist einfach so nett, das soll’s ja auch geben, jedenfalls wendet er sich nun mit zwei weiteren freundlichen Sätzen an die Dackeldame.
Da jene immer noch hechelt, antworte ich stellvertretend für sie. Und als er daraufhin fragt, ob er uns irgendwie helfen könne, ob wir was suchen würden, weil wir vor dem „Fischmeister“ ja ein Weilchen herumgestanden wären, da frage ich zurück, ob er vielleicht eine Bademöglichkeit für meinen Hund wüsste, hier sei das ja überall so schwierig und ich hätte auf den Mini-Strand vom „Fischmeister“ gehofft, aber der hätte leider zu.

Er fischt mit seiner großen Hand einen Schlüsselbund aus der Tasche seiner beigen Hose, dreht sich schwerfällig um und sagt „Kommen’S mit, ich sperr Ihnen wo auf, da kann das Zamperl ins Wasser!“ und so gehen wir ein paar Meter weiter zu einem kleinen Seegrundstück, dessen Gartentürl er uns öffnet. Wendet den wuchtigen Körper wieder und sagt zum Abschied „Ziehen’S einfach die Tür wieder zu, wenn’S fertig san“ und weg ist er. Wenig später badet die Hundedame glücklich im See und ich hocke erschöpft auf einer Bank in der Sonne und trinke das im Rucksack viel zu warm gewordene Wasser.

Drüben in Possenhofen und Starnberg ist der Himmel schon dunkelblau bis schwarz, ein Wind zieht auf, die blöden Wespen weht’s allesamt davon, ein rauer Wellengang entsteht, der See saugt die Farben des Gewitterhimmels auf, mit jeder Woge schnappt er sich eine neue Farbe und verleibt sie sich gierig ein, und als wir aufbrechen, fallen erste, dicke Tropfen auf den Uferweg und eine halbe Stunde später erreichen wir, zuletzt durch Pfützen rennend, das Auto und sind von Kopf bis Fuß tropfnass.

*****

In der Mittagssonne lag es da, ganz unschuldig, am äußersten Rand der Holzbank. Daneben eine zusammengeknüllte Brotzeittüte mit dem blauweißen Aufdruck der Hofpfisterei und eine leere Halbliterflasche Maracujaschorle.

Das Büchlein wirkte auf mich zunächst wie ein Kalender: schnöde Optik, schwarzes Kunstleder, ein bisschen abgestoßen an den Ecken, ein Gummiband um seine Mitte, damit keiner der in seinem Inneren verborgenen Termine herauspurzeln würde.

Eine Stunde saßen wir ohne jede Berührung beisammen, das verschlossene Etwas und ich, bis mir klar wurde: der Besitzer oder die Besitzerin der kleinen Kladde würde wohl nicht mehr kommen, um sie zu holen.
Ich entsorgte Brotzeittüte und Flasche im Mülleimer hinter der Bank, nahm das schwarze Lederbüchlein in die Hand, löste den Gummi und schlug es auf. Möglicherweise fänden sich ja Kontaktdaten des Eigentümers darin.

Weder vorne noch hinten war ein Name, eine Telefonnummer oder Adresse zu finden. Stattdessen stand auf der Innenseite handgeschrieben und in Großbuchstaben DIESES BESCHISSENE JAHR UND ICH.
Um einen klassischen Terminkalender würde es sich wohl eher nicht handeln, schlussfolgerte ich, und begann zu lesen.

*****

*****

Noch bevor sie einander näher kamen, also zu einem frühen Zeitpunkt ihrer Bekanntschaft, ließ er nebenbei die Bemerkung fallen, er habe sich schon vor vielen Jahren sterilisieren lassen. Sie hörte das wohl und obwohl es noch zu früh war, diese Information konkret auf das Geschehen zwischen ihr und ihm zu beziehen, merkte sie, wie diese Tatsache sie entspannte. Würde sie je – was natürlich hoch unwahrscheinlich war, weil sie beide anderweitig liiert waren – in seinen Armen landen, dann wäre im Falle des Falles das Fallenlassen ein leichteres und sorgloseres. In ihrem Alter wollte sie keine Kinder mehr und aufgrund ihrer labilen Gesundheit konnte sie sich auch sonst keine Eskapaden erlauben.

Die Ereignisse nahmen ihren Lauf, wenngleich von Anbeginn einen komplizierten, trotz dieser erleichternden Nebenbemerkung, die weit vor dem eigentlichen Anfang fiel. Nichts war einfach mit diesem Mann und seiner Persönlichkeitsstruktur, klug war er zwar und auch nicht ganz unpraktisch veranlagt, aber im Sozialen und Emotionalen überwiegend unbeholfen und von allem und jedem schnell überfordert. Mit dem Leben hatte er einerseits auf seltsame Weise bereits abgeschlossen, andererseits gierte er geradezu nach einer Zugabe, bevor der Vorhang endgültig fiele.

Sie wusste von Anfang an, dass eine Beziehung mit ihm – welcher Art auch immer – zum Scheitern verurteilt wäre, sie erkannte sehr früh, dass er ihr gegenüber nicht immer aufrichtig war und ihr schillernde Facetten seines Charakters vorspielte, die er momenthaft gut als Rolle inszenieren konnte, aber niemals auf lange Strecke durchhalten würde.
Das und noch vieles mehr fühlte sie mit starker Gewissheit und dennoch hechelte sie der Fährte, die gelegt worden war (von ihm, von ihr, von ihnen beiden?), hinterher wie eine läufige Hündin.

Sie kratzte ihr Geld zusammen, um ihn zu treffen oder um ihm – er war nahezu mittellos – die Fahrten zu gemeinsamen Treffpunkten zu bezahlen. Sie schrieben einander, telefonierten, hangelten sich von Wiedersehen zu Wiedersehen, und in den Zeiten dazwischen sehnten sie sich nach einander bzw. nach der Vorstellung, die sie sich bei ihren wenigen Begegnungen in der Realität von einander gemacht hatten.

Dennoch kam es eines Tages wie es wohl kommen musste, obwohl es besser nie so hätte kommen sollen und daher beileibe kein Schicksal war, sondern eine Entscheidung von zwei erwachsenen Menschen. Die Zeit des Balztanzes war jämmerlich kurz und die beiden fanden sich alsbald auf einem Laken wieder und zerwühlten es heftig.
Fortan wurden die Laken oft gewechselt, teils auch die Betten und die Orte, an denen der noch so frischen und so heimlichen Verbindung Kapitel um Kapitel beigefügt wurde. Dazwischen blieb es kompliziert, verworren und verlogen. Beide rangen in ihren Partnerschaften um das unauffällige Beibehalten einer Normalität, die schon längst zerbrochen war, weit vor dem, was man landläufig Betrug nannte.

„Vielleicht nennt man es ja „Fremdgehen“, weil man mit einem Fremdem geht?“, fragte sie sich. Aber sie wollte in ihm partout einen Vertrauten sehen, weil sie halb blind war vor Glück, dass da einer war, der vorgab, nur sie zu wollen, und das auch noch in einer Intensität, die ihr schon lange nicht mehr begegnet war.
Große Worte wechselten den Besitzer und es war schwer zu sagen, wer daraus mehr Wonne sog: der, der sie aussprach oder der, der sie empfing. Der ganze Reigen von Du bist die große Liebe meines Lebens bis hin zu Wir müssen zusammenleben wurde abgefackelt, in vergleichsweise kurzer Zeit. Sogar in sehr kurzer, bedenkt man, dass die beiden bis zu diesen Versprechungen zusammengerechnet höchstens drei Wochen miteinander verbracht hatten (und diese nicht mal am Stück, was ja, wie man weiß, die rosarote Brille schnell beschlagen lassen würde).

Eines schönen Sommertages dann der große Knall. Ihre Regelblutung war eine Weile ausgeblieben, für die Wechseljahre war es noch deutlich zu früh und so trieb sie schließlich die Sorge, es könne sich um eine Zyste oder ähnliches handeln, in eine Arztpraxis. Dort gratulierte man ihr jedoch nach kurzer Vergewisserung zu einer Zwillingsschwangerschaft.
Das kann nicht sein!, weinte sie in den Ultraschallmonitor hinein, den ihr der Arzt hindrehte, damit sie die zwei kleinen schwarzen Punkte selbst sehen konnte. Denn er sei doch sterilisiert, dieser Mann, mit dem sie das Bett und all die geheimen Pläne geteilt hatte. Ob er das je habe kontrollieren lassen, wollte der Arzt wissen, weil mit dem bloßen Eingriff sei die Sache ja noch nicht für alle Zeiten wasserdicht.

Natürlich hatte er es nicht kontrollieren lassen. In einem Leben, das längst außer Kontrolle geraten war, ließ er nichts mehr kontrollieren. Das erfuhr sie, als sie ihm davon erzählte, dass sie Zwillinge in sich trug.
Unter Schock stehend wollte zunächst sie sich umbringen. Kurz darauf, als die erste Wut unter dem Schock hervorkroch, ihn. Schlussendlich brachte sie die Zwillinge um, wenngleich sie es eher als Notwehr und Selbstschutz empfand, denn als Mord am ungeborenen Leben.

Er war nicht bei ihr an diesem Tag. Auch am Tag danach nicht.
Er überwies ihr in Raten seinen Anteil an diesem letzten Kapitel ihrer verkorksten gemeinsamen Geschichte. Er fragte nicht nach, wie es ihr ginge und er war auch dann nicht bei ihr, als es ihr schlecht ging und ihr Leben in lauter Einzelteile zerfiel, die sich nicht mehr zusammensetzen ließen.
Er hatte Angst, dass ihm dasselbe widerfahren könnte und verschwand auf Nimmerwiedersehen in den auf einmal so schützend erscheinenden Schoß seiner ausgeleierten Beziehung.

So stand sie allein vor den Trümmern ihres Lebens und denen des zerbrochenen Traumes von einer Zukunft mit ihm. Nach einiger Zeit fand sie einen Besen und begann nach und nach, in unendlicher Langsamkeit, aber größter Akribie, all den Schmutz und die Scherben dieses einen beschissenen Jahres aufzukehren und zu entsorgen.

„Lieben mal wieder mit Leiden verwechselt, trotzdem muss ich nicht alles verzeihen können, was ich erlitten habe.“, lautete der letzte Satz.

*****

Als ich die 30 eng beschriebenen Seiten gelesen habe, lege ich das Buch wieder neben mich. Überlege, ob ich es auf der Bank liegenlassen, es beim Fundbüro abgeben oder es mitnehmen und einen Aushang im Umkreis der Bank machen soll, auf der ich es gefunden habe.
Nach einigem Nachdenken entscheide ich mich gegen jede dieser Optionen.

Schließlich hatte die Verfasserin auf einer der mit türkisblauer Tinte beschriebenen Seiten, zwei klare Wünsche geäußert, was mit dieser ihrer Geschichte geschehen solle.
Zwei Wünsche, die ich hier nicht zitieren möchte, die ich ihr aber beide erfüllen werde bzw. nun schon zum Teil erfüllt habe.

Der letzte Eintrag in dem Buch war auf März 2019 datiert, die darauffolgenden Seiten allesamt leer geblieben.
Ganz hinten hatte sie noch ein Foto mit einer Büroklammer befestigt, darauf zwei Menschen, auf einer Bank sitzend und einander anblickend als ginge es um etwas und als bestünde Einigkeit darüber, dass man das um nichts in der Welt verlieren dürfe.

Meine Güte, wie der Schein doch trügen kann oder wie zerbrechlich so ein Augenblick ist, den eine Kamera als eindeutig und stimmig eingefangen hat.

*****

Als kleines Requiem am Buchgrabe, dessen Ort ich nicht benennen möchte, ein paar passende Worte von einem, den ich momentan manchmal vermisse, vor allem die alten Zeiten mit ihm.

When the promise is broken you go on living
But it steals something from down in your soul
Like when the truth is spoken, and it don’t make no difference
Something in your heart turns cold

Strapaza del Sole.

Zweite Etappe des Heimwegs: Nirgendwohin. Wir bleiben in Goisern.
Ein Frevel wär’s, so eine geschenkte Nacht (samt dazugehörigem Tag) auszuschlagen. Oder wie sehen Sie das?

Bei 30 Grad und wolkenlosem Himmel bleibt heute nur die Wahl zwischen dolce far niente und strapaza del sole. Wir wählen beides.

Erst gibt’s eine gemächliche Flusswanderung durch die Traun, danach eine kleine, gerecht geteilte Brettljause.

Anschließend sind meine Notunterkunfts-Gemächer in der Sauna bezugsfertig, so dass sich das Fräulein in seiner neuen, kühlen Höhle schlafen legen und ich mich auf den Sole-Wanderweg zum Trailrunning begeben kann.

Ist trotz Schatten eine ziemliche Strapaze, aber ohne Schweiß kein Eis, zumindest keines mit Sahne obendrauf, und außerdem mag ich diese kleinen Bergläufe auch, wenn keine Belohnung winkt.
Nach einer guten Stunde bin ich zurück in meiner Sauna. Erst unter die Dusche und dann ab in den Liegestuhl zum Lufttrocknen. Bald drauf ruft die Eisdiele. Das Dackelfräulein ist mittlerweile auch wieder ausgeschlafen, gestärkt und startklar.

Wir verlassen unseren Wellnessbereich und auf dem Weg in den Ort denke ich: All das Spontane und wie sich eins aus dem andern ergibt und man es einfach annimmt, das fühlt sich an wie zu Studentenzeiten. Wie der brüllheiße Sommer im vorletzten Semester vor dem Diplom, in dem ich mir den Wilhelm Meister und seine Lehr- und Wanderjahre vorknöpfte und mich inspiriert vom Protagonisten des Romans von hier nach da treiben ließ (freilich auch an der Abschlussarbeit schrieb) und einem gefühlt noch die ganze Welt offenstand.

Was für Hundstage, was für ein Hundeleben, nicht wahr?

Sollten Sie jetzt Lust aufs Salzkammergut bekommen haben – die Pritsche neben uns wär noch frei. Nur an züchtige, ruhige Nicht-Schnarcher zu vergeben. Eh klar.
Sonst quartieren wir Sie sofort ins Dampfbad aus oder ins leere Tauchbecken.

Wieder hoam (erste Etappe: von Graz nach Goisern).

Kurzentschlossen die 430 Kilometer lange Heimfahrt auf zwei Etappen aufgeteilt. Keine Lust, die Strecke mehr oder weniger am Stück und an einem 30°C-Hochsommertag mit Dauerklimaanage runterzureißen. Solche Fahrten versauen einem immer jedes Gefühl von Urlaubgehabthaben, was ich eh erst seit gestern so empfinde. Dem gestrigen Ferientag also noch einen hinzugefügt.

Von Graz über die Landstraßen – meine Güte, ist das schön in der Steiermark! – nach Altaussee. Wollte sowieso schon seit Jahren mal wieder hierher.
Unvergessen, diese Pfingsttage damals an diesem Ort (wie lang mag das her sein? 15 Jahre? länger?): Brandauers Heimat einatmen. Geliebtes Endstationsgefühl. Tägliche Seeumrundung. Auf den Loser. In den See. Den Kirchhoff gelesen. Wichtige Briefe geschrieben. Rote Gauloises auf dem Balkontischchen.

Alles sofort wiedererkannt. Und doch ist alles so anders.
Es gibt nun mehrere riesige Parkplätze mit teuren Tagestickets. Halb Wien tummelt sich hier in der Sommerfrische, dazwischen ein paar Porsches mit Salzburger Kennzeichen. Und so viele andere, dass kein einziger Stellplatz mehr frei ist.
Die Zugangswege zum See und in den Ort sind nun perfekt beschildert, die Touristenströme werden geleitet. Ein megaschickes Wellness-Resort (oder Hideaway oder wie der Quatsch auch heißen mag) neben der Seevilla. Jedes zweite Haus vermietet Ferienwohnungen. Kein Quadratmeter mehr ungenutzt.
Ich muss an den Horror am bayrischen Königssee oder Eibsee denken: beides wunderschöne Seen umgeben von traumhafter Bergkulisse, aber heillos überlaufen, ein Alptraum. Kann man nur noch an nicht-sonnigen Wochentagen in der Nebensaison aufsuchen, außer man liebt es, sich in Kolonnen am Ufer entlangzuschieben.

So habe ich mir das nicht vorgestellt. Enttäuscht lege ich den Rückwärtsgang ein und will den staubigen Parkplatz wieder verlassen, da sehe ich eine Heckklappe aufspringen. Ein Paar nähert sich, wirft die Badesachen in den Kofferraum, ich lasse das Fenster runter und frage, ob sie etwa im Aufbruch seien. Was sie sind. Ich stelle den Motor ab und warte. Der Mann kommt zu mir ans Fenster und schenkt mir seinen Parkschein: „Hier, das ist ein Ganztagesticket, nehmen Sie’s bitte gern!“.In Ortsnähe wie befürchtet ein Strandbadwahnsinn vom Feinsten. Corona? War da was? Hatte nicht Österreich angeblich irgendwelche zu früh gelockerten Maßnahmen wieder verschärft? Was versteht man hier unter Verschärfung?

Auf dem 7 km langen Rundweg trennt sich glücklicherweise bald die Spreu vom Weizen und das gute Aerosol vom womöglich bösen Aerosol. Eltern wollen die Leiterwagen mit dem ganzen Badegeraffel drin nicht so weit ziehen, Kinder wollen nicht so weit laufen um endlich ins Wasser dürfen, adipöse Rentner schaffen es eh nur bis zur Terrasse des See-Cafés, Sportlern ist es zu eng zum Sporteln, bis auf die Wassersportler, aber die sind ja im Wasser und verstopfen den Weg nicht.

Nach 2 km wird es immer leerer, nicht mehr jede Bucht ist belegt, das Dackelfräulein darf längst frei laufen und wir suchen uns ein schattiges Plätzchen am Ufer, wo wir ungestört sind. Auf Baden war ich nicht eingestellt, aber im Rucksack ist gottseidank ein Hundehandtuch, das als Unterlage für eine Einkehr gedacht war, weil manchmal passt der Untergrund dem Fräuleini nicht (zu heiß, zu staubig, zu was weiß ich was) und dann ruht Madame lieber auf so einem Stück Frottee. Nun dient es eben der Trocknung des Menschen nach dem Bade, was ja eh sein eigentlicher Zweck ist.

Auf der anderen Seite des Sees angelangt, kehren wir ein und erwischen einen Tisch mit Rasen drunter, ideal fürs Fräulein. Der Gugelhupf ist leider schon ausverkauft. Ich ringe mit der Entscheidung zwischen fünf offerierten Strudelsorten, da bringt mir die Bedienung, eine charmante steirsiche Version von Annie Lennox, den „Verschnitt“ aller Gugelhüpfe des Tages. Gratis! Ja so ein Glück!

Die restlichen 4 km verläuft der Weg auf sehr sonniger Strecke, weshalb wir alle Viertelstunde die Haxn zur Kühlung in den See halten. Pippas Verband habe ich abgenommen, ob das Sprühpflaster wirklich wasserdicht ist, wage ich zu bezweifeln. Da der See Trinkwasserqualität hat, wird der verletzten Daumenkralle schon nichts passieren.

Der Rundweg um den Altausseer See ist paradiesich, weil gänzlich unverbaut. Vom Nordufer guckt man bis ins schneebedeckte Dachsteinmassiv, östlich auf den Trisselkogel und westlich auf den Loser. Damals mit dem weltbesten Kaiserschmarrn oben auf der Hütte, auch unvergessen.

Im Ortsteil Fischerndorf besuchen wir noch den Friedhof, der eine Lage hat, die wirklich zum Sterben schön ist. Der Loser, passenderweise einer der Ausläufer des Toten Gebirges, wacht dort über die Toten und zur anderen Seite hin können sie auf den See gucken, wenn sie nachts aus ihren Gräbern kommen.

Nach viereinhalb Stunden sind wir zurück am Parkplatz. Noch 20 km Fahren, dann haben wir das Tagesziel erreicht: Bad Goisern.
Mit Müh und Not das letzte Einzelzimmer im Ort erwischt. Hätte nicht unbedingt das kleine Hotel sein müssen, in dem mich M., der Gymnasiallehrer, vor weit über 20 Jahren mit Verlobungsringen überraschte. Hat er geschickt gemacht damals, mich in so einem Bergurlaub, in dem ich der Euphorie stets arg nahe bin, mit sowas zu überrumpeln.
Zwischenzeitlich hat das Hotel einen Anbau und ist gar nicht mehr klein, aber unter den Balkonen rauscht immer noch der Bach vorbei.

Zur Ankunft drückt mir die Rezeptionistin eine Kurkarte und eine Freikarte fürs Freibad in die Hand. Wir lassen ja hier nix anbrennen, also noch schnell ein paar Bahnen richtig geschwommen. Danach Abendessen auf der Terrasse mit Bergblick, das Bächlein plätschert, das Fräulein liegt friedlich im Körbchen unterm Tisch. Nur Weißbier können sie hier nicht, schon wieder dieses mittelmäßige Edelweiss.

Die Abendsonne taucht den Predigtstuhl, den Goiserer Hausberg, in kupfernes Licht. Die Gäste am Nebentisch erzählen von einem Konzert, das morgen hier stattfindet. Beides wirkt verlockend.
Ich frage den Hotelchef, ob das Zimmer eventuell noch eine Nacht länger zu haben wäre, was er verneint. Sie sind komplett ausgebucht hier, wie überall in der Region.

Nach einer Weile kommt er nochmal raus auf die Terrasse, beugt sich zu mir hinunter und macht mir mit gedämpfter Stimme ein Angebot: „Also wenn Sie möchten, dann könnten wir Ihnen und Ihrem Hund die Sauna herrichten. Die ist ja wegen Corona nicht in Betrieb. Wir stellen Ihnen ein Bett in den Ruheraum, Dusche usw. haben Sie dort eh und absperren können Sie die Räume auch. Mehr als den Preis fürs Frühstück kann ich Ihnen dafür allerdings nicht berechnen. Überlegen Sie sich’s einfach bis morgen Früh.“

Na dann schlafen wir da mal drüber 🙂