Every day is like survival oder: Karma, das verflixte Chameleon.

Der Gabenzaun ist gnadenlos gescheitert. Zu viel Verhau, zu viel Unrat, zu wenig gut verpackt, zu wenig (oder gar nicht) mitgedacht. Die Stadt hat jetzt andere Örtlichkeiten für diese Art von Spenden organisiert.
Das Finale des Gabenzauns bestand schlussendlich aus einer bemerkenswerten Synthese der hochbrisanten Klopapierthematik mit einem altgedienten spirituellen Konzept.

Urban Fenceart vom Feinsten.

Ich muss unweigerlich an Boy George und Schulpartys denken. Anfang der 1980er Jahre war das, als man noch nichts hinter sich, aber alles noch vor sich hatte und das für ein Füllhorn an Verheißungen hielt. Der Song war grad aktuell als ich mich in den dunkeläugigen Pseudo-Adligen aus der Nachbarklasse verknallt habe, der dann 20 Jahre später für L’Oréal modelte und mittlerweile Beautykrempel vertickt. Ewig nicht mehr gehört:

Der Frühling ist zurück. Der Wind ist noch frisch, aber die Sonne scheint. Konstant trudeln nun Autos auf der gegenüberliegenden Seite der Theresienwiese beim Drive-in ein, von 8 bis 18 Uhr. Die Ordnungshüter drehen ihre Runden hier mittlerweile ohne brüllendlaute Megafondurchsagen. In den Supermärkten die üblichen Erlebnisse, man gewöhnt sich dran und ich habe beschlossen, mich über manches nicht mehr zu echauffieren. Darüber hinaus erlebt man draußen ja nicht mehr viel bzw. manches möchte man mittlerweile lieber nicht mehr öffentlich mitteilen (womit ich in dem Fall gar nicht das Negative meine). Nur so viel: das Dackelfräulein hat sich gefreut, die Pfötchen mal wieder in Seewasser zu einzutunken.

Wir beballern uns mittlerweile nur noch einmal am Tag mit Nachrichten (der TV hat seine Wackelkontaktfrequenz netterweise nochmals reduziert), das genüg völlig, verstört-verwundert-verärgert einen nicht dauernd, und vertiefen uns ansonsten in die Alltagsdinge und -erledigungen, die berufliche Arbeit und das Praktizieren der neuen Strukturen.

Der Gatte ist glücklich darüber, nicht nach Frankfurt pendeln zu müssen und dass fast alle lästigen Meetings entfallen, weil die Uni geschlossen hat und die Kollegen im Homeoffice weniger besprechungswütig sind. Mit meiner Arbeit geht es zäh voran, es macht mir keinen Spaß, jetzt Reportagen übers Reisen zu schreiben. Aber zugesagt ist zugesagt – nur gut, dass der Verlag den Erscheinungstermin coronabedingt verschoben hat.

Nächste Woche erfolgt der hoffentlich letzte handwerkliche Handschlag in Sachen „neues Bad“. Falls die Duschtrennwand tatsächlich geliefert wird und diesmal auch in den korrekten Maßen. Und falls Lolek noch arbeitet und Hausbesuche macht. Nach meiner Zeitplanung, die ich in Woche 1 nach dem Wasserschaden machte, hatte ich mal „Karfreitag“ drinstehen, als Endtermin sowohl für meine Reportagen als auch für die häuslichen Baustellen. Ab Ostern war Neues und Anderes geplant, das nun alles in den Sternen steht.

Der Papa hat die Freude am Kochen wiedergefunden, das schlägt sich ungut aufs eh schon zu üppige Körpervolumen nieder, konstatiert er. Seit gestern trägt er daher nach eigener Aussage eine „Fressbremse“ (wie er die Atemschutzmaske nennt, die der Sohn der Lebensgefährtin dieser Tage per Post an den Tegernsee geschickt hat). Offenbar hat er auch seinen Humor wiedergefunden.
Mit größter Mühe gelingt es ihm nach 20-minütiger telefonischer Instruktion, mir per Whatsapp das Foto von sich im maskiertem Diät-Outfit zu schicken, das die Lebensgefährtin am Vortag von ihm geschossen hat.

Soweit für heute.
Ich grüße Sie herzlich und hoffe, dass bei Ihnen auch alles so einigermaßen seinen (neuen) Gang geht!

Laura ist wieder nackt oder: Are you lonesome tonight?

Man kann ja dieser Tage kaum noch einen Schritt tun, ohne von dem Coronagedöns terrorisiert zu werden. Das Virus ist nahezu überall präsent, dabei hat die BILD München doch schon einen Plan, wie der Krise beizukommen ist: Laura soll sich wieder nackig machen. Dann wird alles gut und unser Land die Epidemie überstehen.

Sie hat das anscheinend auch gleich getan, die Laura (warum haben sie eigentlich keine Corin(n)a auftreiben können für diese Aktion, fragt man sich), wie man auf dem Titelblatt sieht.

Ich tat es ihr gleich und ging zum Schwimmen. Ein sehr schönes Sportstündchen heute, denn das Lieblingsbad ist krass leer.
Kein Wunder, sagt der Bademeister, denn jeder Zweite wäre verunsichert, ob das Virus einem nicht beim Luftholen (was ja knapp über der Wasseroberfläche stattfindet) in den Rachen oder beim Tauchen in die Nüstern geraten könne.
Die Belegschaft überlegt daher, ein Schild neben dem Kassentresen aufzustellen, um den besorgten Schwimmbadbesucher zu informieren, dass im Becken keinerlei Gefahr bestünde, sich mit Sars-CoV-2 zu infizieren, allein der Chlorgehalt (aber auch andere Faktoren) verhindere dies. Bis die Stadtwerke diesem Schild zugestimmt haben, wird sich die Kassiererin weiterhin den Mund fusselig reden.

In der Schwimmbadumkleide stehe ich in Unterwäsche vor der großen Spiegelfront, um meine Haare trockenzupusten. Das Licht dort ist so grell (und erbarmungslos: nirgends habe ich so viele Falten und graue Haare wie vor dem verdammten Spiegel in der Schwimmbadumkleide) und ein paar Dachfenster sind so ungünstig gekippt, dass ich zur Pollensaison regelmäßig Niesanfälle bekomme, wenn ich mich an diesem Fleck länger als 2 Sekunden aufhalte. 15x hintereinander sind keine Seltenheit, neben der herumfliegenden Hasel befeuert der Lichtreiz das Ganze zusätzlich.

Hinter mir kräht ein kleines Mädchen, das das Geschniefe mitbekommt, weil man es gar nicht nicht mitbekommen kann, entsetzt: „Du, Mama, hat die Frau da vorn Corona?“
Der Mutter ist das peinlich, sie beschwichtigt die Tochter, nimmt sie beiseite und ermahnt sie, nicht so laut zu sprechen.
Ich drehe mich mit triefenden Augen und laufender Nase zu der Kleinen um und sage: „Keine Sorge, die Frau hat nur Heuschnupfen.“

Apropos Herumrotzen. Gestern Nachmittag beiläufig mein persönliches Wort der Woche entdeckt, in einem erfreulich informativen und sachlichen Beitrag der ZEIT zum Coronagedöns, den mein geschätzter Blogkollege Bernd kurz nach Erscheinen gepostet hatte: Niesetikette.

Niesetikette! Ist das nicht großartig? Sprechen Sie’s dreimal hintereinander laut und deutlich aus, spätestens dann werden Sie es lieben!
Ich war jedenfalls sofort völlig aus dem Häuschen und klickte alle weiterführenden Links in dem Artikel an, die dieses sprachliche Kleinod näher illustrierten.
So auch jenen, der zu einem Filmchen der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung führte, das mir das ganz genau erläuterte, was es mit der Niesetikette auf sich hat:

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, wenn Sie dieses putzige Rotz-Tutorial angucken – ich für meinen Teil muss zugeben, dass ich davon noch so manches (*hüstelhüstel* – natürlich auch dies nur noch hinter vorgehaltener Hand oder in die Armbeuge hinein oder wie hier: virtuell und damit automatisch mit gebührendem Abstand zu Ihnen) lernen kann. Ich stamme nämlich leider aus einer Familie der hemmungslosen Lautnieser und Taschentuchtrompeter und bin auch mit einem Gleichgenossenen (oder -geniesten?) verheiratet.

Anderes, das mir das Filmchen verklickern will, habe ich aber schon längst gewusst:
1. Zum ersten Date lässt man sich abholen oder gurkt zumindest nicht mit dem Bus dorthin, weil man sich in dem kurzen Röckchen beim Warten an der Haltestelle verkühlen könnte und außerdem auch nicht Gefahr laufen möchte, unterwegs den ollen Ex-Freund mit seinem neuen blonden Gspusi zu treffen, das verhagelt einem ja gleich die Laune.
2. Dem neuen Typen bringt man beim ersten Date doch keine so überdimensionierte Präsentbox mit, schon gar nicht, wenn der Bursche seinerseits nur eine dürftige Rose besorgt hat (sofern die nicht eh eine vom Restaurant gestellte Deko war), eine selbstgebrannte CD tut’s auch und wäre gleich ein erster Lackmustest, ob man sich denn nicht nur was zu sagen, sondern auch gemeinsam was zu hören hat.

Wobei, wie mir gerade einfällt, das mit der selbstgebrannten CD auch ziemlich schiefgehen kann, also der Lackmustest gar kein solcher ist, sondern nur eine fiese Falle (und in dem Sinne dann aber ein Hardcore-Lackmustest), wie es mir zu Studienzeiten mal passiert ist.
Da überreichte mir der attraktive M. beim ersten richtigen Ausgehen (Würzburger Weinlokal mit Schummerlicht) eine CD, hübsch eingepackt, und fixierte mich mit neugierigem Blick während ich das Ding auswickeln sollte, um auch ja meine Erstreaktion haarklein mitzubekommen, total unangenehm war das, ich hasse es, wenn man mich beim Geschenkeauspacken so anstarrt, es macht einen so unfrei, erzeugt so einen Freu-Druck, zumindest, wenn man einander noch nicht jahrelang und gut kennt.
Und tja, was soll ich sagen?!? Prompt ging das auch schief.
Mir fiel nämlich justament die Kinnlade runter als ich das Papier entfernt hatte und eine Compilation der größten Hits von Chris de Burgh in Händen hielt. Und eine verräterische Röte stieg mir auch noch ins Gesicht, weil ja in dem Moment sonnenklar war, dass das nichts werden würde mit uns zwei Hübschen, trotz aller damaligen Hübschheit, denn alles an und in mir war mit Chris de Burgh absolut inkompatibel, aber vor mir saß der attraktive M. und strahlte mich im Kerzenlicht so schön an und wartete auf meine Reaktion, auf ein Zeichen der Rührung und Freude.
Herrje, war das gräßlich, ich stammelte irgendwas, um Zeit zu gewinnen für die Konstruktion eines halbwegs passenden, sozialverträglichen Satzes, da sah ich, dass M. immer noch strahlte und zugleich komisch verkniffen und verkrampft um die Mundpartie wirkte, was meine Augen sogleich genauer untersuchten, weil dieser seltsame Zug um die Lippen ganz untypisch war für M., den ich immerhin schon ein ganzes Semester lang gründlich beobachtet hatte, und dann konnte M. nicht mehr und seine Mimik lockerte sich, der Krampf um den Mund löste sich und er brach in schallendes Gelächter aus.
Weil er natürlich gewusst hatte, dass mich der Schlag träfe, wenn er mir eine CD von Chris de Burgh schenken würde, und mich aber genau damit auf die Probe stellen wollte, um sich daran zu ergötzen, wie wohl eine, die neben dem Boss nur noch Dylan und Waits ähnlich exzessiv hörte, mit der Schmalzmucke von Chris, dieser harmlosen Heulboje mit den Waigel-Augenbrauen und dem Schulbubenpony, umginge. Würde sie ihm Begeisterung vorheucheln? Würde sie sich irgendwie aus der Sache rauswinden, und wenn ja, wie? Oder würde sie die CD auf den Tisch knallen, ihre Serviette obendrauf schmeißen, aufstehen und gehen?

Nun, so weit kam es nicht.
Eben weil M. schon vorher vor Lachen platzte. Und dann in seinen Rucksack griff und zwei weitere Päckchen hervorholte: 1x Dylan und 1x Elvis.
Großartig, beides. Wir haben nächtelang Karaoke-Singen zu der zweiten CD veranstaltet und viele Bocksbeutel dazu geleert. Ich sehe M. noch vor der geöffneten Balkontür stehen und diese göttliche Sprechpassage aus „Are you lonesome tonight“ in die Nacht hinaus schmettern, Sie wissen schon, die, die so beginnt: „I wonder if you’re lonesome tonight, you know someone said that the world’s a stage and each of us must play a part…“
Ein Paar wurden wir übrigens nie, obwohl es vor allem vom Humor und auch vom Gesang her durchaus gepasst hätte.

Haben Sie einen guten Start ins Wochenende – und falls Sie Pollenallergiker sind: werfen Sie unbedingt genug Antihistaminika ein, damit Sie nicht für einen Corona-Infizierten gehalten werden, sich die Menschen also nicht unnötig von Ihnen abwenden oder kleine Kinder sich vor Ihnen ekeln.

Is your heart filled with pain, shall I come back again?
Tell me dear, are you lonesome tonight?

Matrjoschka (5).

Matrjoschka Nr. 5 tritt schlotternd aus der Reihe ihrer Schwestern hervor, besinnt sich dann aber ihres Erwachsenseins und erzählt die Geschichte von jenem Samstag. Ist da ein Beben in ihrer Stimme? Oder sind das die Corroventen?

*****

Es war ein Samstag.
Einer dieser völlig gewöhnlichen und bedrückenden Samstage in unserer Familie. Der Papa hatte sich frühmorgens alle Mühe gegeben, den Tag in eine Spur zu bringen, in der er gut vorübergehen (oder einfach passieren) könnte, wären da nicht die vielen Nebengleise gewesen und die Mutter eine so unberechenbare Weichenstellerin.

Beim Bäcker war er gewesen und hatte für jeden von uns etwas mitgebracht, was dessen Frühstücksherz höher schlagen ließ: für die Mutter ein Sesamringerl, für die Tochter eine Breze, für sich ein Mohnzöpferl (die Sachen hießen wirklich so) und vermutlich gleich noch etwas Vorrat für den Sonntag (das waren ja noch Zeiten, zu denen Bäcker sonntags ihre Ruhe hatten vor der gefräßigen, verwöhnten Kundschaft).
Er erhitzte die Milch und rührte holländischen Kakao für sich und die Tochter an, bereitete der Mutter ihren Schwarztee zu, viertelte die Zitrone, die sie zum Tee nahm, kochte vier Eier, schnitt die Semmeln auf, deckte den Tisch und rief irgendwann, als alles zubereitet war: „Guten Morgen! Frühstückelchen ist fertig!“

Sein Ruf verhallte ohne Echo, verlor sich in den Teppichplattenritzen des langen Flurs, der zum Schlafzimmer der Mutter und zum Kinderzimmer führte. Niemand reagierte. Auch nicht auf den zweiten und dritten Ruf.
Erst wenn der Papa ein resigniertes „Ich fang jetzt an, sonst werden die Eier kalt!“ hinterherschickte, rumorte es im hinteren Teil der Wohnung.

*****

Dann wetzte ich aus meinem Zimmer, vor ins Wohnzimmer, setzte mich im Nachthemd an den gedeckten Tisch und nahm einen ersten Schluck von der köstlichen heißen Schokolade.
Ein paar Minuten später hörte man, wie sich eine Türklinke senkte und die Mutter bog in den Flur ein, nahm unterwegs ihren samtenen Morgenmantel von einem Haken und erschien mit der üblichen Leidensmiene im Wohnzimmer.

Irgendetwas war vorgefallen, es stand ihr ins Gesicht geschrieben, aber keiner hätte nachzufragen gewagt, weil das zu einem vorwurfsvollen „Ach, das weißt du nicht?“ oder gleich zu einem theatralisch-stummen Weinkrampf geführt hätte, wenn nicht gar zu größeren Ausbrüchen, bei denen einem das leckere, frische Gebäck im Halse steckengeblieben wäre.
Fast immer war ja irgendetwas vorgefallen, die Mutter selbst war bereits der größte Vorfall in ihrem Leben, und alles, was da noch hinzukam, verschärfte die eh schon dramatische Ausgangslage.

Der Papa begann eine harmlose Frühstücksplauderei, machte ein paar Vorschläge zur familiären Tagesgestaltung und köpfte sein zweites Ei. Der Mutter missfielen das Geplauder (als wenn nichts wär‘! wie konnte er nur!), die Ausflugsideen (sah er denn nicht, wie es ihr ging? wie konnte er nur!) und das Zweitei sowieso (wie konnte er nur! war sein Bauch nicht schon dick genug?). Ich hantierte mit einer sonnengelben Schokocremetube, drauf ein pausbackiger Struwwelpeter und drinnen ein ölig-zuckriges Nutella-Imitat (kennen Sie diese Tuben noch? waren nicht lang auf dem Markt, obwohl der Papp besser schmeckte als Nutella!). Auch das missfiel der Mutter.

Sie legte ihren Eierlöffel geräuschvoll auf den Tisch und erhob die Stimme zu einer ersten Anklage. Alles war falsch, der Tag hatte ungut begonnen, ach wäre sie nur im Bett geblieben und überhaupt: wir wüssten doch, wie schwach ihr Kreislauf in der Früh sei und dass man ihr da keine Unterhaltung und auch nicht diese viel zu frühe und fettige Frühstückerei zumuten könne, überhaupt wäre sie im falschen Leben gelandet und in der falschen Familie sowieso, alle so grob, nur sie so fein und zart, das könne ja nicht gutgehen!

Ihre Stimme nahm während solcher Litaneien eine Tonlage an, die ich noch heute präszise erinnere, obwohl es rund 15 Jahre her sein dürfte, dass ich sie letztmals hörte (bei unseren letzten Begegnungen im Jahr vor ihrem Tod konnte sie ja bereits nicht mehr sprechen).
Es war eine kleinkindhaft nölende, kraftlos jammernde und zugleich gespielt liebliche Tonlage und sie drückte dem Zuhörenden schon nach wenigen Takten das Etikett des Täters auf, ganz en passant geschah das, und auch ihre Körpersprache trug eifrig dazu bei, die anderen zu Kreuze kriechen zu lassen.

Der Samstag war in dem Moment gelaufen, in dem die Mutter ihre Anklage vorgetragen hatte, anschließend Kopf und Schultern hängen ließ, sichtlich schwach und mit blassen Lippen in die mit Orangenmarmelade bestrichene Sesamringerlhälfte biss und unendlich lange an diesem einen Bissen kaute, bevor sie das Gebäck auf den Teller sinken ließ und zu weinen anfing. Daraufhin begann der Papa sein hilfloses Trostplädoyer zu halten und wurde dabei selbst immer bedrückter und kraftloser und irgendwann, als ich mich schon längst mit meinem schokoladenverschmierten Mund in mein Zimmer zurückgeschlichen hatte, hörte ich die Eltern dann streiten und wenig später schloss sich eine Tür und die Mutter hatte sich ins Schlafzimmer verkrochen.

Denke ich an Samstage meiner Kindheit, so denke ich automatisch an die weinende Mutter am Frühstückstisch, obwohl es sich statistisch gesehen nicht so verhielt, dass 90% aller Samstage so verlaufen wären, aber schon 50% haben bereits ausgereicht, dass ich keine anderen Samstagserinnerungen an früher habe als diese.

*****

Jener spezielle Samstag muss sich im dritten Quartal des Jahres 1983 abgespielt haben, was ich nur deshalb weiß, weil der für mich zentrale Satz dieses gruseligen Tages lautete: „Mit 11 Jahren braucht man keine Mutter mehr!“, und da ich im Juli Geburtstag habe, muss es also ein Samstag nach dem Juli ’83 gewesen sein und da ich noch weiß, welche Kleidung die Mutter an dem Tag trug, nachdem sie ihrem Morgenmantel entstiegen war, muss es noch ein einigermaßen milder Monat im Herbst des genannten Jahres gewesen sein.
Die Mutter sprach diesen Satz ungefähr zur Mittagszeit hinter ihrer verschlossenen Tür aus, dennoch laut genug, dass man ihn auch im Flur vor dieser Tür hören konnte.

Wie es sich genau zutrug, dass es von diesem nassgeweinten Teller bis zu jenem Satz kam, weiß ich nicht mehr.

Ich weiß nur noch, dass die Mutter sich an diesem Herbstsamstag nach dem Frühstück nicht nur ins Schlafzimmer begeben, sondern dort sogar eingeschlossen hatte.
Das war außergewöhnlich, denn eigentlich wollte sie, dass wir nach ihr sahen, dass wir an ihrem Bett saßen und sie zu besänftigen versuchten, dass wir einfach alles versuchten, um das Ruder wieder herumzureißen, das sie zuvor enttäuscht und wütend zerbrochen und in den Untiefen ihres Seelensumpfes versenkt hatte.

Nicht so an diesem Samstag. Die Tür war verschlossen und der Papa und ich standen davor und rüttelten abwechselnd an der Klinke. Von drinnen nur Schluchzen oder Schweigen, aber keine Mutter, die sich anschickte, den Schlüssel im Schloss wieder umzudrehen.
Wir ließen sie in Ruhe, wir hatten eh keine andere Wahl. Ich ging in mein Zimmer, der Papa setzte sich aufs Sofa und nahm sich die Zeitung vor. Gelegentlich stand er auf, ging den Flur hinter und klopfte an die Schlafzimmertür. Ohne eine Reaktion zu ernten.

Gegen Mittag hörten wir plötzlich ein klirrendes Geräusch aus dem Mutterbunker.
War da ein Glas zu Bruch gegangen? Was war da drinnen los? Der Papa wurde nervös, rüttelte wieder an der Klinke und bat die Mutter, sie möge die Tür aufsperren, wir würden uns Sorgen machen. Auf einmal antwortete sie ihm. Er solle sie in Ruhe lassen, wir alle sollten sie in Ruhe lassen.
Der Papa erschrak als er das hörte. Sein Schreck hatte aber nicht das Geringste mit dem Inhalt des Satzes zu tun, sondern galt dem Tonfall: denn die Mutter hatte gelallt. Nun nahm auch das Klirren Gestalt an, und zwar die Gestalt eines Cognacglases, dessen Fehlen der Papa kurz nach dem gelallten Satz der Mutter in der Wohnzimmervitrine feststellte. Zusammen mit dem gläsernen Schwenker war auch eine Flasche Rémy Martin verschwunden.

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Der Elfjährigen gefror sofort das Blut in den Adern.
Alkohol war böse, so viel wusste sie, vor allem jener Alkohol, der nicht im Kühlschrank stand, sondern in dem abgeschlossenen Fach der typischen 70er-Jahre-Schrankwand, in dem sich eine beleuchtete, kleine „Bar“ befand.
Was dort aufbewahrt wurde, kam nur bei besonderen Anlässen zum Einsatz, meist, wenn Gäste da waren. Die Mutter war keine routinierte Trinkerin, sie trank selten mehr als ein Glas Wein, Bier sowieso ungern, bestenfalls ein kleines Pils, und höchstens, wenn Gäste da waren, nahm sie mal ein kleines Stamperl Hochprozentiges zu sich.

Die Elfjährige bekam Angst und fing an zu weinen.
Der Papa tröstete sie, obwohl auch er Angst hatte und sich nicht zu helfen wusste. Er sprach die Mutter wieder und wieder durch die verschlossene Tür an, flehte sie an, keinen Unsinn zu machen, sondern herauszukommen aus ihrem Verlies. Ab und an lallte die Mutter irgendwas zurück.
Eine gefühlte Ewigkeit ging das so dahin, bis dem Papa der Kragen der platzte und er den Werkzeugkasten aus der Kammer holte und sich mit allerlei Gerätschaften an dem Türschloss zu schaffen machte, während ihm die Tochter in den Nacken heulte.

Als die Mutter mitbekam, dass ihr Ehemann dabei war, die Tür gewaltsam zu öffnen, fing sie an zu schimpfen und zu schreien. Der Papa reagierte darauf zunächst nicht, erst als sie schnaubte, wieso sie da drinnen nicht in Ruhe sterben dürfe, schnaubte er zurück: „Weil hier draußen deine Tochter weint und die Welt nicht mehr versteht!“

So kam es also zu dem oben zitierten Satz der Mutter.

Es war einer der drei schlimmsten, die ich je von ihr zu hören bekam. Es war der einzige, der trotz (oder wegen?) seines Alkoholgehalts eine tief empfundene Wahrheit der Mutter zum Vorschein brachte (die anderen beiden waren zwar ähnlich hart, aber nüchtern verkündete Gehässigkeiten, die wesentlich besser wegzustecken waren).
Als ich ihn hörte, taute das Blut in meinen Adern schlagartig wieder auf. Ich wischte mir mit meinem Ärmel die Tränen vom Gesicht und starrte fassungslos auf die Schlafzimmertür.

Ich hatte verstanden.
Und ich spürte, dass ab sofort mit allem zu rechnen war.
Im nächsten Moment begann ich mit dem Erwachsenwerden, viel zu früh und ohne zu wissen, was das ist und wie das gehen sollte, vor allem ohne eine Mutter, die einen dabei begleiten würde.

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Jetzt wissen Sie, warum ich Cognac hasse. Und dunkelbraune Holztüren.

Auch mein Verhältnis zu Samstagen ist nach wie vor nicht das allerbeste. Und von Menschen, die sich aus Frust betrinken, halte ich mich nach Möglichkeit fern.

Aber das Erwachsenwerden, das hat geklappt, gnadenlos. Und Wochenendfrühstücke mit Breze und Ei habe ich auch beibehalten.

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Matrjoschka (4).

Halbzeit: Die Figur in der Mitte ist heute dran, Matrjoschka Nr. 4. Sie stottert ein bisschen und ihre Finger sind etwas klamm und ihre Bäckchen leuchten so rot.

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Heute vor vier Jahren, die Tochter saß gerade in ihrem neuen Büro, von wo aus sie als administrative Leitung den ihr anvertrauten kleinen Verband zu leiten versuchte, was eine ziemliche Herausforderung war, weil die Chefin des ganzen Unternehmens zwar sehr nett, aber ein kreativer Chaot war, womit die Tochter zwar menschlich, aber nicht beruflich zurechtkam, außerdem noch ganz unter dem Schock der Beerdigung des viel zu jung und unerwartet gestorbenen Freundes stand, dessen Urne vor drei Tagen recht sang- und klanglos in die Erde eines Waldfriedhofs südlich von München versenkt worden war, klingelte ihr Telefon. Nicht das Bürotelefon, sondern das Handy.
Es war kurz vor 10 Uhr. Eine unbekannte Münchner Nummer stand im Display. Die Tochter nahm den Anruf entgegen („nahm ab“ kann man ja in Zeiten, in denen eine Gesprächsannahme via Smartphone ein seltsamer Wischvorgang ist, der dem einfingrigen Wegwischen eines verendeten Mini-Insekts auf dem Gartentisch ähnelt, nicht mehr guten Gewissens sagen).

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„Ihre Mutter ist heute Nacht verstorben, Ihre Telefonnummer hat uns die Betreuerin gegeben“, meldet sich mit Dialektunterdrückung eine bayrische Frauenstimme und fügte sogleich pflichtschuldigst ein „Mein herzliches Beileid zu diesem Verlust“ an.
Nach kurzem anfänglichen Holpern und Stottern und zwei, drei Rückfragen meinerseits, klärte man mich darüber auf, dass die Betreuerin der Mutter ab sofort nicht mehr zuständig sei (eine Sozialpädagogin, mit der ich nicht konnte: bei jedem Kommunikationsversuch verhedderten wir uns ungut, weil sie keine Gelegenheit ausließ, mir ihr Unverständnis darüber um die Ohren zu hauen, dass ich mich nicht selbst um die kranke Mutter kümmerte und regelrecht entsetzt war, als ich eine ihrer ungebührlichsten moralischen Nebenbemerkungen mit einem „Möchten Sie ernsthaft mal die Geschichte hören? Die ganze Geschichte von meiner Mutter und mir? Nein? Na dann verkneifen Sie sich bitte künftig Ihr unqualifiziertes Geunke!“).
Die Sozialpädagogin hätte „den Vorgang“ bereits abgeschlossen, hieß es seitens des Pflegeheims, sie stünde aber telefonisch noch für Rückfragen zur Verfügung.

Desweiteren erfuhr ich, dass der Leichnam der Mutter innerhalb von 24h aus dem Pflegeheim abgeholt werden müsse. Hui, dachte ich da, wie soll das denn so rasend schnell gehen?
Vorbereitet war ich auf diesen Moment oder Tag nicht, denn die Mutter starb schon seit über anderthalb Jahren mit kurzen Unterbrechungen vor sich hin, der Hirntumor wuchs viel langsamer als gedacht und die Mutter war viel zäher als angenommen.
Da hatte man es sich nach den ersten paar Alarmen wieder abgewöhnt, jedes Mal gleich völlig aus dem Häuschen zu sein, den Stift fallen zu lassen und in wilden Aktionismus zu verfallen, wohl wissend, dass es, also die Todesnachricht, einen dann eines Tages wie aus heiterem Himmel treffen würde.

Und in der Tat: der Himmel war heiter an diesem 1. Februar 2016. Die Sonne schien unaufhörlich, der Himmel war blau, der See, von dem mein Büro keine 250 Meter entfernt war, funkelte im Morgenlicht der gerade beginnenden Woche.
Als das Telefonat beendet war und ich zugesagt hatte, dass man alle Rechnungen an meine Adresse senden dürfe und entschieden hatte, dass ich die tote Mutter nicht mehr sehen wolle, was dem Pflegeheim sehr recht war, da man sie sonst noch länger in ihrem Zimmer hätte belassen müssen, so aber konnte sie gleich in den Keller verlegt werden (in dem es keine Kühlung gäbe, wie man mir mitteilte, deswegen ja die Eile mit der Abholung). Auch ihre paar persönlichen Dinge wollte ich weder sehen noch an mich nehmen, ich wusste, was da neben ihrem Bett stand, und es erinnerte mich nur an Zeiten und Geschehnisse, an die ich nicht mehr erinnert werden wollte.

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Ich starrte aus dem Bürofenster in den großen Garten hinaus. In der Eisschicht auf dem Fischteich war ein Sprung zu erkennen, es taute wohl. Die Katze der Chefin saß im Schilf und linste neugierig ins Wasser rein. Was machen so Teichfische eigentlich im Winter? – schoss es mir durch den Kopf.
Drumherum, auf der geschlossenen Schneedecke im Garten, waren diverse Hüpfspuren des Dackelfräuleins zu sehen. Pippa begleitete mich an den meisten Arbeitstagen nach Starnberg, mittags gingen wir immer am See spazieren, manchmal über eine Stunde lang, denn die Arbeitszeit war frei einteilbar, die kreative Chaotin hatte selbst keinen festen Rhythmus und gestand Selbiges auch ihren paar Angestellten zu.

Nachdem ich ausreichend lange aus dem Fenster gestarrt hatte, sagte ich halblaut zu mir selbst: Nun gut, jetzt bist du nochmal dran, du musst das jetzt auf die Reihe kriegen!
Ich rief die Sozialpädagogin an, die mir kondolierte und danach meinte, sie hätte jetzt leider keine Zeit, den Kontostand der Mutter nachzusehen, der läge in irgendeinem Ordner und sie müsse die Sachen eh in den nächsten Tagen in die Hand nehmen, um alle Unterlagen zum Betreuungsgericht zu schicken, aber leider, leider könne sie das jetzt nicht vorziehen.

Meine Befürchtung war die, dass die Mutter Schulden hinterlassen haben könnte oder aber nur so wenig Guthaben auf ihrem Konto vorhanden wäre, dass die Kosten für die Beerdigung davon nicht getragen werden könnten.
Auf meinem Konto sah es zu der Zeit ohnehin nicht rosig aus: es war die fünfte Woche im neuen Job, das erste Gehalt war noch nicht eingegangen und in den Monaten davor gab es sowieso keine Geldeingänge zu verzeichnen, und den Gatten wollte ich aus der Sache raushalten, wenn es denn irgendwie ging, er hatte die Mutter schließlich nie kennengelernt.
Aber keine Chance, aus der Betreuerin eine Zahl (und ihr Vorzeichen) herauszubekommen. Dann musste es eben ein Blindflug werden.

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Bis der Leichnam der Mutter das Pflegeheim zu verlassen hatte, waren es jetzt nur noch 22 Stunden. Ich musste heulen, weil ich überfordert war. Kniete mich neben den Hundekorb und drückte das Dackelmädchen an mich (nebenbei bemerkt: Heulen ist mit diesem Hund absolut unmöglich, weil die Trostbemühungen so extrem und so zudringlich sind, dass man meist lieber ganz schnell aufhört mit dem Tränenvergießen, nur damit der Hund sich endlich wieder beruhigt).

Dann rief ich den Gatten an. Keine Erinnerung mehr an das, worüber wir gesprochen haben oder auch nicht, ich habe vermutlich wieder geheult.
Irgendwann betrat die Chefin mein Büro, sah mich am Schreibtisch sitzen, kein einziges Fenster einer Anwendung auf dem Monitor zu sehen, nur Springsteen als Bildschirmschoner (ich erinnere noch: als sie den zum ersten Mal sah, fragte sie allen Ernstes „Ist das Ihr Mann?“, und ich sagte „Dann säße ich jetzt nicht hier, sondern auf einer Ranch in New Jersey und würde edle Pferde striegeln!“, naja, die Gute war 72, da konnte man ihr so einen Faux pas schon nachsehen) und daher guckte sie mich verdutzt an und als sie fragen wollte, was denn los sei, sah sie gerade noch rechtzeitig mein rotfleckiges, verquollenes Gesicht und fragte nichts mehr, sondern sagte sehr anteilnehmend: „Oh je, Sie Arme, das ist wegen dem verstorbenen Freund, nehme ich mal an!?“.

„Nein, meine Mutter ist heute gestorben.“, antwortete ich.
Das muss man sich ja auch mal vorstellen: Da stellt man jemanden neu ein, betraut ihn mit einer Leitungsfunktion und in den ersten fünf Wochen hat der/die Neue gleich zwei Todesfälle an der Backe und kommt aus dem Heulen nicht mehr raus (Randnotiz: bevor es aber im Herbst 2016 den nächsten Toten zu beweinen gegeben hätte, hatte ich schon über ein halbes Jahr den Dienst quittiert, Ende März kündigte ich, löschte den schönen Bildschirmschoner, packte das Hundekörbchen und meine Siebensachen wieder ein, und nun weinten die Chefin und ich zur Abwechslung mal beide, weil wir zwar wussten, dass es von den Arbeitsweisen her nicht zusammenpasste, aber uns eben wirklich mochten, so dass es neben aller Notwendigkeit, auch ein trauriger Abschied war, es war wirklich ein nervenaufreibendes erstes Quartal, damals in 2016).

*****

Der restliche 1. Februar des Jahres 2016 verging damit, dass ich nachhause fuhr, eine Breze aß, die der Gatte für mich geholt hatte, weil er weiß, dass mich frische Brezen immer aufbauen und zu den konstant guten und lebensfroh stimmenden Dingen in meinem Leben gehören, mich zwei Stunden an den Schreibtisch setzte und eine sogenannte Discount-Beerdigung organisierte. Nie zuvor gehört, diesen Begriff – Sie etwa?
Ein Euphemismus zudem, denn trotz Discount geht sowas nicht unter 1.800€, wie ich dann bald bemerkte.
Fragen über Fragen waren zu beantworten und zig Entscheidungen zu treffen: Leichenhemd ja/nein?, Holzart des Sarges? (- Hä, wieso Holz, die Mutter soll doch verbrannt werden und ihre Asche in einer Urne beigesetzt werden? – Ja schon, aber sie wird vor der Einäscherung in einen Sarg gelegt und samt Sarg verbrannt. – Achso, wusste ich nicht.) Sammelgrab oder Einzelgrab? Anonymes Grab oder mit Schild? Traueranzeige ja/nein, Benachrichtigung von Verwandten gewünscht?

Mir zitterten die Hände, als ich den Bestattungsvertrag inklusive Vollmacht für die Abwicklung von nahezu allem unterzeichnete, einscannte und nach Leipzig schickte, wo sich der Mitarbeiter eines Bestattungsunternehmens emsig um mich kümmerte. Er hieß Thomas Mann, irgendwie hatte das was, und es passte prima zu der Absurdität all dieser im Hauruckverfahren zu erledigenden Dinge.

Thomas Mann und ich telefonierten etliche Male in diesen Stunden. Dazwischen musste ich den Papa, den ich natürlich auch schon über das plötzliche und endgültige Sterben der Mutter informiert hatte, darum bitten, eine Leiter aus seinem Keller zu holen, um trotz seines Parkinsons, der ihm solche Klettereien eigentlich nicht mehr erlaubte, im obersten Regal seines Arbeitszimmers den Scheidungsordner hervorzukramen, da Thomas Mann für das Ausstellen der Sterbeurkunde für die Mutter eine beglaubigte Abschrift des Scheidungsurteils (aus dem Jahre 1989!) benötigte. Formalitäten und Anforderungen, die man ja kaum glauben mag, aber so waren die amtlichen Vorschriften. Ordentlich wie der Papa ist, hatte er das Dokument nach fünf Minuten zur Hand, steckte es in ein Kuvert und schickte es direkt per Einschreiben nach Leipzig, vertraulich und zu Händen von Herrn Thomas Mann.

Um 15 Uhr informierte ich das Pflegeheim, dass die Mutter heute noch abgeholt werden würde. Man war zufrieden. Und ich war fertig mit der Welt für diesen Montag und überhaupt. Vor lauter Formalkrempel alles Emotionale ebenso stumm und tot wie die Mutter.
Der Gatte bot jedwede Unterstützung an, ich wusste aber nicht, wobei ich nun akut hätte unterstützt werden müssen. Ich wusste eigentlich gar nichts mehr. Alle Blätter waren unterschrieben, alles ging seinen Gang. Auf Thomas Mann, so sagte mir mein Gefühl, wäre Verlass. Der klang kompetent und professionell und so, als hätte er die Sache im Griff.
Was also sollte ich nun tun, was wollte ich tun, was konnte ich tun, an einem solchen Tag?

Gegen 16 Uhr sprang ich in das golden glitzernde Wasser des Winterfreibades und schwamm um mein Leben und als ich wieder aus dem Becken kletterte, ging die Sonne bereits langsam unter und tauchte das Schwimmbadgelände in ein wunderschönes, tiefrotes Licht.

Rot wie die Liebe, die wir vor langer Zeit schon beigesetzt hatten.
Rot wie jenes vom Neurochirurgen bei der OP zugeschaltete Licht die Tumorzellen im Kopf der Mutter fluoreszieren ließ.
Rot wie das lodernde Feuer, in dem die Mutter, von schlichtem Birkenholz und einem Leinenhemd umgeben, in einem sächsischen Ofen verbrennen würde.

Rot wie das Blut, das in unseren Adern fließt, und das die Herrschaft hat über Leben und Tod.

*****

Song des Tages (45).

Im Gasthof der Ersthochzeitsfeier sitzend. Um 17 Uhr, ziemlich alleine, ziemlich hungrig, nach einem längeren Marsch durch Wald, Feld und Moor.
Wie oft bin ich genau diese Runde in meinem Leben wohl schon gegangen? Hundertfünfzigmal? Oder noch viel öfter? Seit 1990 jedenfalls jährlich mehrfach, vermutlich mit jedem Menschen, der mir je wichtig war oder ist oder es mal sein könnte, und natürlich auch mit allen drei Dackeldamen, die Teil meines Lebens waren oder sind.

Quasi das „Thunderroad“ unter meinen Spazierwegen, diese Rundwanderung: lebenslang und durch alle Gezeiten (und alle Gefährten) wird sie einen begleiten, sofern sie nicht das schöne Moor trockenlegen und eine hässliche Neubausiedlung draufklotzen, was im Naturschutzgebiet ja zumindest während meiner noch verbleibenden Lebenszeit kaum zu anzunehmen ist, ich aber auch nachfolgenden Generationen nicht wünsche.

Der Gasthof Georg Ludwig. Zuletzt mit meinem großen Freund S. hier gewesen, vor zwei oder drei Jahren, glaube ich. In den 1990er Jahren oft mit dem Papa in diesem Wirtshaus gesessen, in den 2000er Jahren einige Male mit dem Ex-Gatten, seitdem nur noch alle paar Jahre, wenn es sich grad ergibt, und das tut es eher selten.

Ich sitze im Stüberl, am selben Platz wie bei den Feierlichkeiten damals, das Fräulein schnarcht zufrieden in ihrem sogenannten Schmuddelkörbchen, ein ausrangiertes Exemplar einer Dackelschlafstatt, das hinten im Kofferraum liegt und überallhin mitfährt, um jederzeit für eine Einkehr auch im Wildschweinlook mit Rundum-Dreckverkrustung gerüstet zu sein und keinen Wirt zu verärgern, weil sein Boden nach des Fräuleins Besuch ausschaut wie Sau.

Äonen her, diese Feier, nur der schöne alte Holzboden ist noch derselbe, ansonsten macht man jetzt auch hier auf gediegen und some kind of Cottage-Shabby-Chic.
WLAN gibt’s nun ebenso wie ein paar hübsche Hotelzimmer (was ist nur dem herrlichen Begriff Fremdenzimmer widerfahren, wieso existiert der nimmer?) und Vegetarisches auf der Speisekarte (sogar Formulierungen wie „Duett von…“ und „Kreation aus…“ treten dort mutig an gegen allerlei „Hausgemachtes“). Beim Blick aus dem Fenster aber immer noch vergilbte CSU-Plakate und gegenüber der alte Bauernhof (hinter dessen Scheune mich einst ein verheirateter Chirurg aus Oldenburg küssen wollte, aber das ist eine andere Geschichte, noch dazu eine reichlich banale, obwohl der Typ ein bisschen wie Damian Lewis aussah, aber das war auch das einzig Interessante daran).
Manches ändert sich in Bayern eben nie, genau wie im richtigen Leben.

Die Menschen, die man schon Jahrzehnte kennt, ändern sich ja auch weitaus weniger als sie den Anschein zu erwecken bemüht sind (oder das wirklich glauben, weil sie sich dem Diktakt, sich selbst zu finden oder gar neu zu erfinden, verschrieben haben oder irgendeinem vergleichbaren Quark auf den Leim gegangen sind).
Mich brauch ich da gar nicht explizit einschließen, in den Kreis der sich kaum Veränderthabenden, da ich mich nie aus jenem ausgeschlossen habe, weil ich mich im Kern (von dem wir jetzt einfach mal so annehmen, dass es ihn überhaupt gibt) nicht mehr wesentlich neu ge- oder erfunden, verwirklicht oder optimiert habe, seit ich zum ersten Mal die eingangs erwähnte Spazierrunde durch Wald, Feld und Moor drehte – auf meine relative Unveränderbarkeit ist schon seit 30 Jahren relativ unverändert Verlass, was so seine Vor- und Nachteile hat, über die ich mich jetzt aber nicht auszulassen gedenke, weil es mir gerade gut geht und ich diesen Zustand unverändert belassen und nicht sezieren möchte.

Gestern Abend, nach anderthalb Jahren, M. wiedergesehen. Einst mein bester Freund, zu Zeiten, als man an diesem sozialen Exzellenz-Label noch hing und es gelegentlich hochhielt wie eine kleine Trophäe (in der irrigen Annahme, man würde sich damit irgendwie vom Rest der nurnormalefreundehabenden Menschheit abheben). Mittlerweile eine Kategorie, die mir eh wurscht ist.
Freundschaften kommen und gehen (oder kommen wieder, obwohl sie zuvor gegangen sind), nur wenige haben Bestand über Jahre oder Jahrzehnte, etliche überstehen kaum ein Sommergewitter oder ein Blitzeis, manche sind an einzelne Themen oder Lebensphasen gebunden, eine Handvoll funktioniert nur, wenn die Befreundeten in einem ähnlichen Ausmaß vor Glück und Gesundheit strotzen oder in Leid und Krankheit versinken, andere wiederum sind völlig losgelöst von Zeit, Raum, Befindlichkeiten, Situationen und Dingen, die man teilt oder nicht teilt (und mit hoher Wahrscheinlichkeit hab ich noch x weitere Möglichkeiten und Gesichter von Freundschaft hier überhaupt nicht aufgezählt, weil sie mir grad nicht einfielen).

M. ist jedenfalls der erste meiner Freunde, mit dem die Freundschaft endete, ohne dass ich einen radikalen oder zumindest deutlich ausgesprochenen Schlussstrich gezogen hätte, was meiner Ordnungsliebe und dem Bedürfnis nach Klarheit zunächst sehr zuwiderlief.
Es gab lediglich ein paar Auseinandersetzungen, weil M. im Gegensatz zu mir damals nicht der Ansicht war, etwas ganz Entscheidendes sei uns abhanden gekommen. Richtig ausdiskutiert wurde das nie, zwar offen und ehrlich angesprochen, besonders kontrovers oder allzu emotional ging es dabei aber nicht zur Sache, geklärt wurde auch nichts, sondern es blieb dann irgendwann so stehen, in seiner ganzen unübersehbaren Beschädigtheit und der Runzligkeit von Phänonemen, die ihren Glanz verloren haben. Nur ab und an verspürte ich kurz den Drang, M. vielleicht doch besser nie wieder zu sehen, weil ich keinen Abklatsch dessen erleben wollte, was wir mal hatten, gab diesem Impuls aber nicht nach.

Nun also das dritte Treffen seit dem Bruch. Immer noch vertraut, weil man sich zu lange kannte und zu viel zusammen erlebt hatte, um einander je völlig fremd werden zu können, solange keine Extremfälle eintreten wie: einer wird Hedgefondsmanager und der andere Anhänger einer religiösen Sekte (oder andere biographische Disparitäten dieser Dimension).
M. ist im Grunde immer noch der, den ich vor zwanzig Jahren kennenlernte. Dieselbe Art, seine zahlreichen Anekdoten einzuleiten („der Story muss ich erstmal zwei, drei Sätze vorausschicken“) und zu erzählen (locker, lustig, langatmig: inklusive Einleitung dauern als kurz angekündigte Stories gern mal 45 Minuten oder länger). Derselbe trockene Humor, dieselbe wohlplatzierte Selbstironie, und sogar bei neuen Vorlieben (die ja nun völlig getrennt voneinander entwickelt wurden) noch eine Schnittmenge zu den meinen erkennbar.
Und auch dieselben Dinge, die mich vor ein paar Jahren so ermüdet und frustriert hatten, dass ich die noch verbliebenen Reste des blassen und rissigen Beste-Freunde-Aufklebers von der dünner und dünner werdenden Blase, in der wir uns noch manchmal gemeinsam aufhielten und die darin dünner und dünner werdende Luft einatmeten, und eine Weile hechelnd und heuchelnd so taten, als sei alles noch wie immer, abkratzen musste.

Bei unserem letzten Wiedersehen im Herbst 2018 war ich enttäuscht, dass auf eine ominöse Art in den paar Stunden alles war wie immer, obwohl ja zugleich nichts mehr so war wie zu früheren Freundschaftszeiten, keiner von uns sprach das an, stattdessen brachten wir einander auf Stand (eine selten dämliche Redewendung, passt aber gut zu dem Missmut, den ich oft gegenüber der damit bezeichneten Aktivität empfinde), vor allem M. mich, denn M. ist einfach der größere und bessere Auf-Stand-Bringer und Redner von uns beiden, und auch der, der für den Redebeginn keine Frage benötigt oder erhofft und für den das auch im Fortgang der Rede keine Rolle spielt, wenngleich ich fairerweise sagen muss, dass Ms Gerede nie dumm oder langweilig ist, im Gegenteil, es ist eher wie einer recht unterhaltsamen Sendung im Radio zu lauschen, und so kam ich nachhause und sagte zum Gatten, dass ich nicht wisse, was das noch solle, und dass der Abend zwar durchaus kurzweilig und ganz nett war, ich aber zugleich ein Gefühl von umfassender Belanglosigkeit verspüre (alles irgendwie einerlei: ob das nun war oder nicht, ob es nochmal sein würde oder nicht) und ich doch ein Leben mit so wenig Belanglosigkeiten wie möglich führen wolle und daher nicht sagen könne, ob ich mich je nochmal mit M. treffen würde, das aber erstmal sacken lassen müsse, bevor ich eine Entscheidung träfe. Die ich dann wieder nicht traf, weil sie sich mir nicht aufdrängte, folglich wohl auch nicht dringend getroffen werden musste, und weshalb wir uns gestern eben erneut treffen konnten.

Gestern gegen 23 Uhr, nach fünf Stunden mit M. – er war gerade zur Toilette verschwunden und ich hatte einen kurzen, anekdotenfreien und ruhigen Moment für mich allein, da wir die letzten im Lokal waren – , saß ich da, spürte, wie man so sagt, in mich hinein und hatte zum allerersten Mal den Gedanken: Vielleicht werde ich allmählich altersmilde.
Denn ich ertappte mich dabei, dass ich es letztlich gut fand, ihn wiederzusehen. Nicht existenziell wichtig und auch nicht tagelang beglückend oder anderweitig nachwirkend, auch weder große Zukunft verheißend noch viel Vergangenes aufwühlend, beileibe nicht mehr diese große Sache von früher und auch nicht mehr diese alte Begeisterung, aber dennoch eben auf eine simple Art einfach in Ordnung und gut.

Zu hören, dass auch er zufällig denselben zum Nachfolger des leider mehr und mehr von der Bildfläche (treffender noch wäre: von der Hörfläche) verschwindenden Klaus Maria Brandauers auserkoren hat, nämlich Nicholas Ofczarek.
Ihm zu erzählen, ich hätte zwar nicht ganz wie einst Jon Landau die Zukunft des Rock ’n‘ Roll, dafür aber die Zukunft dieser Zukunft gesehen und ihm dann einen Forenbacher-Song vorzuspielen und mitzuerleben, dass ihn das sofort erwischt, beim ersten Hören, und er sich gleich den Namen notiert.
Vor Monaten den gleichen Artikel von Kurt Kister gelesen und dabei gedacht zu haben, dass man den Text eigentlich dem anderen schicken sollte, falls der ihn verpasst hätte und es dann doch nicht getan hat.
Beim Abschied vor dem Lokal die Mütze aufzusetzen und gefragt zu werden, ob das immer noch diese Sturmhaube sei, die er damals, vor zwanzig Jahren, so albern fand, dass er mich wochenlang Frau Pipolaki nannte, nach dem eingestickten Markenamen in der Mütze, was wir dann beide albern finden konnten.
„Nein, das ist sie nicht!“, antwortete ich, und dachte: aber es ist eine verdammt ähnliche Mütze und auch ich bin’s immer noch und du bist’s ja auch noch, und dann sagten wir „Ja also dann, bis zum nächsten Mal!“, in einem Jahr vielleicht, oder wann auch immer, es ist auf eine nicht völlig belanglose, aber völlig zeitlose Art egal, kein Schlussstrich hat uns den Weg abgeschnitten, und dass das nun so ist, ist womöglich ja doch ein winziges Indiz für eine gewisse Veränderbarkeit von dieser Frau Pipolaki, die ja heutzutage eher unter Frau Kraulquappe firmiert und nach der Wildschweinreinigung daheim auch gleich wieder als solche in die Freitagabendfluten eingetaucht und ihnen soeben erfrischt wieder entstiegen ist.

Auf dem gestrigen Heimweg durch die nächtliche Allee an diese Sentenz (vergessen, von wem) gedacht, in der es heißt, man müsse die Menschen nehmen wie sie sind, es gäbe schließlich keine anderen.
Was angesichts der Vielzahl der Menschen und der daraus resultierenden Auswahlmöglichkeiten natürlich ein Schmarrn ist, aber wenn man die Aussage mal eingrenzt auf die Wegbegleiter, die man so hatte oder immer noch hat oder mal haben wird, und eine Schippe Altersmilde und eine Prise Panta rhei dazugibt, freilich ohne den kritischen Blick und das No-surrender-Feeling früherer Jahre (inklusive mancher seiner zu recht kompromisslosen Aspekte) gänzlich über Bord zu werfen, dann bleibt vielleicht ja doch mehr übrig von dieser Strophe, die M. und ich anno 2002 mal zu „unserer“ erklärt hatten, als ich es in den letzten Jahren gedacht habe:

It’s a long dark highway and a thin white line
Connecting baby, your heart to mine
We’re runnin‘ now but darlin‘ we will stand in time
To face the ties that bind
The ties that bind
Now you can’t break the ties that bind
You can’t forsake the ties that bind

Himmel der Bayern (71) und Song des Tages (44): Obi, obi!

Freitag, 17. Jänner. Morgens, irgendwo über dem Murmeltierbau des Carl-von-Stahl-Hauses.

Gegen 2 Uhr nachts, dank des Fleecepullovers, den ich mir zusätzlich zur Mütze um den Kopf gewickelt habe, fühlt sich das Ein- und Ausatmen nicht mehr ganz so eisig an und ich bin gerade mühsam ein bisschen eingenickt, knurrt es unter meiner Bettdecke und den drei darüberliegenden Wolldecken hervor. Pippa hat die Hüttenhündin gehört, die um die Zeit im Alleingang ums Torrener Joch zu stromern pflegt und den Mond anheult.

An meiner Seite robbt sie sich hoch bis auf Kopfkissenhöhe, ich beruhige sie ein bisschen und schiebe sie sanft wieder zurück unter die Decke, wohl wissend, dass es ihr sonst bald zu frisch werden würde. Jede Bewegung ist anstrengend, auch Umdrehen geht unter diesen Decken kaum, das Zeug hat ein ordentliches Gewicht, also wechsle ich höchstens jede Stunde einmal die Position. Auf der rechten Seite liegend kann ich aus dem Fenster direkt in den Sternenhimmel blicken, zwischendrin stelle ich die Augen scharf und schaue ich in den Raum zwischen mir und dem Fenster und wäre nicht überrascht, wenn ich dort meinen Atem sehen könnte.

Einmal muss ich kurz raus zur Toilette, als Eiszapfen kehre ich zurück und krabble wieder in den wärmenden Dachsbau. Es ist eine dieser Nächte, in denen ich bewusst nicht auf die Uhr sehe, um mich ja nicht zu vergewissern, dass ich so gut wie gar nicht geschlafen habe.

Um 7 Uhr stehe ich auf, steige vom Bett aus direkt in die Bergstiefel (alles andere habe ich sowieso schon an), schlüpfe in die Jacke, schnappe mir meine Kamera und gehe nach draußen. Dort ist es eher wärmer als im Zimmer, zumindest dann, wenn man von der Terrasse aus nach Österreich guckt, wo die Sonne hinter dem Schneibstein hervorlinst.

Die Sächsin kreuzt kurz nach mir auf der Terrasse auf und wirkt trotz der frühen Stunde schon äußerst munter und frisch frisiert. Wir holen uns gemeinsam einen ersten Kaffee und sie erzählt mir von der kalten Dusche, die sie hinter sich hat (trotz Münzeinwurf für 5 warme Minuten, welch Glück, dass mir das gestern Nachmittag nicht widerfuhr) und fährt strahlend fort, dass sie im Keller eine Steckdose gefunden hätte, für ihren Lockenstab (leckomio, denke ich, was mancher so alles mitnimmt auf den Berg).

Eigentlich hatte sie für zwei Nächte gebucht, wird aber heute schon zur Jenner Bergstation laufen und mit der Bahn hinunterfahren, weil sie ihre Blutdruckpillen im Auto vergessen hat. Und „dos gehd goor nich“. Zufrieden nehme ich das mit der Bergbahn zur Kenntnis, weil damit klar ist, dass unser Weg ins Tal nicht derselbe sein wird, denn dieser Beschallung hätte ich sonst durch einen unangenehmen Sprint oder eine Notlüge ausweichen müssen.

Der Österreicher kommt in den Gastraum, setzt sich zu uns und fragt als Erstes nach dem Dackelfräulein. „Liegt noch im Bett“, antworte ich, „steht ungern vor halb acht auf“. Man tauscht sich noch ein Weilchen über die jeweiligen Erfrierungen aus und wie jeder sich so beholfen hat. Mittlerweile ist es 7:45 Uhr und als die beiden Jungs aus BGL in die Stube hereinpoltern, erhebe ich mich und gehe in meinen „Murmeltierbau“ zurück.

Die Beule unter dem Deckenberg (= Hund) noch exakt an derselben Stelle wie vor 45 Minuten, als ich aufgestanden bin. So kenn‘ ich meine Kleine!
Ich wecke sie, hebe sie aus der Koje und führe sie nach draußen. Das Thermometer auf der Terrasse zeigt minus 10 Grad an. So schnell hab ich sie noch nie ihre Geschäfte erledigen sehen, alles geht zackzack, und danach sofort ab zur Hüttentür, rein in den Flur, rechts abgebogen in die Stube, schnurstracks zum Tisch und dem frühstückenden Österreicher in die Kniekehle gesprungen. Die Sächsin ruft „Halloh Bibboh“, die Jungs sagen „Griaß di, du Hex“ und der Österreicher fragt, ob er ihr „a Stückl Gselchts“ geben darf.
Sagte ich schon mal, dass ich’s nicht so habe mit Gruppen, erst recht nicht am frühen Morgen?

Ich lasse den anderen Vorsprung und mir Zeit, füttere das Fräulein, wasche mich, packe mein Glump zusammen, trinke noch eine Kanne Tee, hänge meine Wandersocken an den Kachelofen, stelle die Bergstiefel davor und platziere das Dackelfräulein nebenan. Möglichst durchwärmt aufbrechen lautet die Devise!

Großes Verabschieden allerseits, die Sächsin klinkt sich in ihre Schneeschuhe ein und stakst ungelenk Richtung Osten, der Österreicher verabschiedet sich hinab nach Salzburg, die beiden Jungs preschen los auf den Schneibstein und ich schnüre um 9:30 Uhr meine Stiefel und trete hinaus in die Kälte.

Noch bevor wir das Schneibsteinhaus erreichen, das keine Viertelstunde Marsch entfernt unter uns liegt, bleibt Pippa auf dem völlig vereisten Weg sitzen und hebt abwechselnd mal die linke, mal die rechte Vorderpfote. Dazu ein Gesichtsausdruck, der einem durch Mark und Bein geht.
Als ich zu ihr gehe, rast sie los, bergauf, zurück zum Stahlhaus. Ein kleiner Kampf, bis ich ihr klarmachen kann, dass wir aber hinunter müssen. Sie versucht es noch ein Stück, aber der Weg liegt völlig im Schatten und der Boden ist zu kalt, der ganze kleine Hund schlottert erbärmlich.

Ich verwerfe die Option, den Rucksack abzusetzen, um den Hundemantel herauszukramen, weil der für die Isolation der Pfoten ja gar nichts bringt, stattdessen schnalle ich die Stöcke außen an den Rucksack, ziehe den Beckengurt straffer, damit er die unteren 15cm der Jacke fixiert, öffne meinen Anorak, stecke Pippa hinein, ziehe den Reißverschluss bis zu ihrem Hals wieder hoch, schlinge beide Arme zur Stabilisierung um dieses Gebilde – und weiter geht’s.
Es geht aber weder gut, noch zügig, denn ohne Stöcke bin ich allein auf die Grödeln angewiesen und muss eine andere Gangart wählen, damit ich sicheren Tritts und ohne Stürze nach gut einer Stunde die Königsbachalmen erreiche.

Klitschnass geschwitzt sind wir nun endlich auf der Sonnenseite des Lebens Bergs angekommen, und vor allem endlich in etwas weniger steilem und vereistem Gelände. Ich öffne den dampfenden Anorak und setze das Fräulein wieder auf dem Boden ab. Putzmunter saust und springt sie vor mir her und ich humple und hechle völlig erschöpft hinter ihr her.
Ein Skitourengeher kommt uns entgegen und kommentiert schmunzelnd unser ungleiches Tempo, ich bin zu erschöpft für eine schlagfertige Replik.

Aber nach und nach trocknet die Sonne meinen Schweiß, der Hund hat sichtlich Spaß im Schnee, alles ist so sonnenglitzernd und prächtig und der Watzmann schaut dermaßen toll aus, dass es dann irgendwann wieder geht und wir doch noch ein gemeinsames Tempo finden, bevor wir unten am Parkplatz ankommen.

Auf der Heimfahrt nehme ich diesmal den Weg über Inzell und rufe, als ich den Ort passiere, aus dem Auto den Papa an, weil wir in meiner Kindheit öfter zusammen dort waren.

Der Papa hatte nur wenige Freunde außerhalb seines Berufslebens, einer davon leitete in Inzell eine „Stotterschule“, wie das damals allen Ernstes und ohne jede Verfremdwortung noch hieß. Der Freund war ein lustiger, rothaariger Mann, der selbst einen kleinen Sprachfehler hatte, er hieß Pit und ich mochte ihn sehr. Die Mutter mochte ihn überhaupt nicht, weil sie aus Prinzip die Freunde des Papas nicht mochte, vor allem die fröhlichen nicht. Also besuchte der Papa ihn immer ohne die Mutter, nahm nur mich mit und verband diese Fahrten meist noch mit einem beruflichen Termin in Berchtesgaden, wo er seinerzeit ein Bauprojekt betreute.

„Ich fahre gerade durch Inzell!“, plärre ich in die schlechte Bluetooth-Freisprech-Verbindung. Der Papa freut sich und will wissen, ob ich mich an das Eisstadion erinnere, in dem wir zusammen gewesen sind und wo ich so geweint hätte, weil ich mehrfach gestürzt sei. „Eis mochte ich noch nie und für heute habe ich auch schon wieder genug vom Eis“, antworte ich und erzähle ihm von meinem Ausflug in die Berchtesgadener Alpen.
Ob ich an der Gebirgsjägerstraße vorbeigekommen sei, möchte er nun wissen, und wie die Jugendherberge denn mittlerweile so aussähe, und ist etwas enttäuscht, als ich berichte, dass ich zwar an Strub vorbeigefahren sei, aber von der Straße aus nur die Kaserne gesehen hätte, in der in grauer Vorzeit der Gatte mal stationiert war.

Wir machen aus, dass wir beizeiten nochmal gemeinsam in diese Gegend fahren wollen, und überlegen, wohin genau, und ob er dort vielleicht noch aussteigen und ein paar Schritte gehen könnte, ohne allzu viele Strapazen.
Dann möchte er noch die Einzelheiten zu der Tour hören, vor allem die Namen der Berge rund ums Stahlhaus herum, und kurz bevor wir auflegen, sagt er glatt „Ich bin stolz auf dich“, aber da bin ich leider bereits auf der Autobahn und der Verkehr ist so dicht, dass ich nicht mehr losheulen kann, wie man das sogar als erwachsene Tochter noch sofort tun möchte, wenn der Papa mal so einen seltenen Satz raushaut, obwohl man mit dem Begriff Stolz ja an sich nie warm geworden ist.

Übers Wochenende begeben wir uns nun in kreative Klausur, wünschen Ihnen schöne Winterträume und sagen Servus & bis bald!

Matrjoschka (3).

Am mütterlichsten war die Mutter, wenn das Kind krank war.

Vielleicht war die Tochter ja deshalb als Kleinkind so häufig krank. Um so ein bisschen mehr Mütterlichkeit abzubekommen als es im normalen Alltag je drin gewesen wäre. Wobei die Tochter in ihrer Erinnerung gar nicht so häufig krank war wie die Mutter es früher stets behauptet hatte.
Vielleicht hatte sie es ja vor allem deshalb behauptet, um die Schuld, in der die Tochter ihr gegenüber bereits qua Geburt stand, noch zu erhöhen. Denn ihrem unermüdlichen Einsatz fürs kranke Kind war mindestens eine Extraportion Dankbarkeit zu zollen.

Aber wie das mit Kindern eben so ist: von moralischem Gedöns noch völlig unverbogen sind sie halt einfach nur krank und bedürftig (und in diesem Zustand naiven Versehrtseins wohl auch undankbar, sofern das bereits eine Kategorie für sie wäre, was ziemlich sicher aber nicht der Fall ist in ihrem kindlichen Universum, das sie leider meist eh zu früh verlassen müssen).

Matrjoschka Nr. 3 putzt sich das Näschen, räuspert sich, kratzt sich noch eine Narbe blutig, steht langsam auf und spricht. Über Grießbrei und andere Torturen.

*****

In der Lebensphilosophie der Mutter gehörte Undankbarkeit bestraft.

Bei jeder grippal bedingten Bettlägerigkeit wurde ich von der Mutter mit Lindenblütentee und Hühnersuppe malträtiert. Alternative: Kamillentee und Rinderbrühe. Alles nah am Brechreiz für mich, bis heute. Was an damals liegt, denn nichts davon habe ich je freiwillig zu mir nehmen können. Als Kind wurde mir regelrecht übel, wenn der Geruch einer dieser vier Plörren durch die Wohnung bis zu meinem Krankenlager kroch oder mir dampfend unter die Nase gehalten wurde.

Da ich zu einer Zeit aufwuchs, in der manche noch an den ehernen Gesetzen der vorigen Generation festhielten, die in dem Fall lauteten „Es wird gegessen, was auf den Tisch kommt!“ und „Wenn dir das nicht schmeckt, hast du eben Pech gehabt – was anderes gibt’s nicht!“, hatte ich doppelt Pech.
Zum einen war ich krank und zum anderen bekam ich nichts zu essen, was ich mochte. „Verzogene Göre“, hieß es dann, und im Krieg und danach wäre man froh gewesen und so weiter… – na, Sie wissen schon. Dabei hätte mir schon etwas Zwieback und Hagebuttentee völlig gereicht, aber wenn die Mutter der Ansicht war, diese Krankheit müsse mit Hühnersuppe und Lindenblütentee und jene mit Rinderbrühe und Kamillentee kuriert werden, dann war das so.
Denn die Mutter war Legislative, Exekutive und Judikative in ein und derselben Person.

War ich auf dem Weg der Besserung, drohte mir die nächste kulinarische Eskalationsstufe. Unter der Überschrift „Dem Kind was Gutes tun“ kochte mir die Mutter Grießbrei oder briet Pfannkuchen. Pur wäre das vielleicht tatsächlich eine Leckerei für mich gewesen, die Crux war nur: es wurden Äpfel zugesetzt. Säuerliche, mehlige Äpfel, die ich nicht mochte. Im Grießbrei wurden sie als Stückchen mitgekocht, von denen nur die Schale übrigblieb, die sich immer in den Zahnzwischenräumen verfing, in die Pfannkuchen kamen sie als große Spalten hinein, die nie gar wurden und beim Draufbeißen sauer, morsch und eben halbgar schmeckten.
Die ultimative Krönung hieß schließlich Zimtzucker. Der kam über beide Speisen drüber, recht reichlich sogar, damit das Saure der Äpfel abgemildert wurde. Dummerweise mochte ich keinen Zimt, was die Mutter auch wusste, aber mit einem strengen „Alle Kinder mögen Zimt“ beiseite zu wischen pflegte.

Denken Sie jetzt bitte nicht, ich sei ein geschmäcklerisches Kind gewesen. So eines, das fast nichts essen mag und immer die Nase rümpft, egal, was man ihm vorsetzt. So war das nicht. Ich aß gerne und gut, ich liebte sogar Bitteres wie Chicorrée und Endivie, ich mochte eben nur diese Krankheitsgerichte der Mutter nicht. Schon in gesundem Zustand war ich kein Apfel- oder Zimtfan und auch kein Freund von klaren Brühen, aber wenn ich krank war, wurde ich davon eher noch kränker. Es war einfach anstrengend, sich ein Essen oder ein Getränk reinzuwürgen, das einem nicht schmeckte.

*****

Zwanzig Jahre nach diesen Kinderkrankheitsjahren, die Mutter und ich gingen schon längst getrennter Wege, mussten meine Mandeln entfernt werden.

Ich verließ die Studienstadt und fuhr für die Operation und den kurzen Krankenhausaufenthalt heim nach München. Durch eine Verkettung unglücklicher Umstände hatte der Papa der Mutter am Telefon berichtet, dass ich in München im Krankenhaus läge und die Mutter entschloss sich zu einem Überraschungsbesuch. Schließlich war das Kind krank – eine Situation, der sie sich gewachsen fühlte.

Dummerweise hatte der Operateur mir nach der Entfernung der Mandeln den Mund nicht achtsam genug geschlossen. Die Zunge war zwischen die Backenzähne geraten und beim Zusammenklappen des Kiefers eingeklemmt worden. Als ich aus der Narkose erwachte, hatte ich scheußliche Schmerzen im Rachen, die ich nicht zuordnen konnte und zunächst auf die OP an sich schob.
Erst am Tag drauf entdeckte eine Schwester das eitrige Loch hinten in meiner Zunge, ich hatte sie mir fast durchgebissen. Konnte nichts schlucken und auch kaum ein Wort sprechen.

In genau diese Phase fiel der Überraschungsbesuch der Mutter. Wir hatten uns über zwei Jahre nicht mehr gesehen, nur ein paar wenige unerfreuliche Telefonate geführt oder wegen irgendwelcher Formalitäten führen müssen. Da saß sie nun neben meinem Bett, redete auf mich ein, hielt mein ersticktes Krächzen für Getue, wunderte sich lautstark darüber, wie man nur nach einer läppischen Mandeloperation so fertig sein könne („Das ist doch heuzutage ein Routineeingriff!“), mokierte sich über meine Einsilbigkeit und drängte mir – Sie ahnen es, was jetzt kommt?! – ihren mitgebrachten Grießbrei mit Apfelstücken und Zimt auf. Allen Ernstes derselbe verdammte Brei mit  Apfelstücken und Zimt, den ich schon als Kind gehasst hatte! – und als ich mich abwandte und ihr andeutete, dass ich vor lauter Schmerzen nichts schlucken könne, setzte sie sich auf den Rand meines Bettes und wollte mich füttern.

Hätte ich eine Stimme gehabt, hätte ich geschrien, aber ich hatte keine, ich hatte nur meine Hände, um mich zu wehren, und so fegte ich mit einem Handschlag den Breipott von meiner Bettdecke, er fiel polternd zu Boden, und während die Mutter sich unter wütenden Exklamationen nach dem Gefäß bückte, riss ich die Klingel aus ihrer Halterung über meinem Kopf und läutete nach einer Schwester, die kurz darauf das Krankenzimmer betrat.
Ich heulte mittlerweile vor Anstrengung, Halsschmerzen und Verzweiflung, die Mutter stand schimpfend mit einem Fuß im Brei und hielt den halbleeren Pott in ihrer Hand wie eine Granate, die nur auf ihren Einsatz wartete, die Schwester beugte sich zu mir und fragte, was denn los sei und mit zerquetscher Stimme und letzter Kraft presste ich noch ganze drei Worte aus meiner wunden Kehle: SIE SOLL GEHEN!

*****

Und sie ging.

Als wir uns weitere zwanzig Jahre später wiedersahen (dazwischen gab es nur noch zwei Begegnungen, von denen möglicherweise ein andermal die Rede sein wird), lag sie abgemagert und leichenblass und von zig Schläuchen umgeben, die irgendetwas in sie hinein- oder aus ihr herausleiteten im Krankenbett der Palliativstation, musste gefüttert werden, konnte nicht mehr sprechen, vermochte nur noch eine Hand und die Augenlider minimal zu bewegen, alles andere hatte der Hirntumor komplett lahmgelegt.

Ich besuchte sie, um mich von ihr zu verabschieden, saß neben ihrem Bett und saß überwiegend schweigend dort. Es gab nicht mehr viel, das ihr hätte sagen wollen oder können nach all den Jahren und bei dieser unserer letzten Begegnung. Zwischen uns war manches zu oft gesagt worden und vieles unsagbar geblieben. Es war stimmig, dass es nun sprachlos endete. Reglos lag sie in ihrem Bett, sah mich ab und zu an und blinzelte oder zupfte mit der Hand an ihrer Bettdecke. Ich sah sie an und dachte: „Jetzt ist es wenigstens einmal friedlich zwischen uns.

Eine Pflegerin durchbrach dann diese Stille und betrat den Raum. Sie brachte einen Tee und ein Schälchen Grießbrei mit, stellte die Sachen auf den Nachttisch der Mutter, guckte mich an und fragte: „Wollen Sie vielleicht Ihre Mutter mit dem Grießbrei füttern?“
Die Frage traf mich wie ein Blitz. Völlig paralysiert starrte ich erst auf den Grießbrei, dann auf die bleiche Mutter und schließlich zur Pflegerin – alles fühlte sich an wie eingefroren oder wie in Zeitlupe, kein Wort wollte über meine Lippen kommen, mein Hals war wie zugeklebt. Irgendwann gelang es mir, verneinend den Kopf zu schütteln.

Kurz darauf bin ich gegangen.
Und sie dann auch.

*****

Uijuijui oder: Servus 2019!

Der letzte Tag des alten Jahres beginnt denkbar gut: Ausgeschlafen, mit Schokohagel auf dem Toast und Sonnenschein zum Morgengassi. Kurz drauf Post vom Finanzamt: Auf den letzten Metern des alten Jahres dem sachbearbeitenden Frollein M. eine Änderung des Steuerbescheids 2018 rausgeleiert und noch eine Erstattung kassiert.

Sehr erfreulich, das Ganze, wenn auch nicht ganz so ein krasser Jubelanlass wie vor zwei Wochen das Einschreiben von der alten Vermieterin: im November schickte sie die Nebenkostenabrechnung zur (längst in der Erinnerung ausgelöschten) Wohnung am Stadtrand, in 2018 hatten wir da noch für 6 Monate Heizung, Wasser, Hausmeister etc. aufzukommen. Absurd hoch erschien mir der nachzuzahlende Betrag, 368€ für nur noch 4 Monate Anwesenheit, danach waren wir ja schon weg, also ging ich der Sache erst allein, dann mit Hilfe des Mietervereins auf den Grund und verweigerte in einem saftigen Antwortschreiben die Nachzahlung, erbat Belegeinsicht und stellte allerhand Nachfragen zu den Einzelposten.
Die Vermieterin ließ meine Einwände ebenfalls juristisch prüfen und sandte uns schließlich eine überarbeitete Abrechnung zu, die schlussendlich – da alle Einwände berechtigt waren – eine reduzierte Nachzahlung von nur noch 8€ ergab, die sie uns, natürlich ohne Entschuldigung für ihre 360€ zuvor verkehrt berechneten Posten, in altbekannter Gnade und Großgrundbesitzerattitüde erließ.

Ich kann Ihnen gar nicht sagen, auf wie vielen Ebenen mir dieser Brief Anlass zur Freude war – besser hätte diese elende Sache nicht zu einem Ende kommen können als genau so.

(Und hätte ich in meiner Jugend nicht so viel Schule geschwänzt und diese Zeit walkmanhörend am See, in die Sonne blinzelnd auf Bootsstegen oder plantschend im Wasser verbracht, wäre das Abitur vielleicht die Eintrittskarte in eine glänzende berufliche Zukunft als Juristin gewesen, sofern sich die angeborene Lust am Müßiggang und der Mangel an Eifer und Fleiß während des Studiums noch gelegt hätten, damit dann auch ein vernünftiges Staatsexamen dabei rausgekommen wäre.)

*****

Nach dieser Morgenfreude das Schwimmbad zum 86. Mal in diesem Jahr aufgesucht. Zusammen mit 60 Läufen, 22 Bergtouren und fast 2.100 per pedes zurückgelegten Gassi-Kilometern eine zufriedenstellende Bewegungsbilanz für so ein Jahr.

Aus dem immer noch spürbaren Sixpack hat sich allerdings ein dezenter Sevenpack entwickelt, irgendeine neuartige Ebene (nennen wir sie mal Streuselschicht oder Weißbierwattierung) hat sich nun dazugesellt.
Das Alter halt, es zieht überall seine Furchen hinein, hinterlässt Ablagerungen oder Verfärbungen und das passt ja auch prima zu den diversen orthopädischen Hakligkeiten und anderen Malaisen körperlicher Natur. Wäscht man sich 86x im Jahr in einer Schwimmbaddusche, hat man allerdings ein so breites Vergleichsspektrum, dass man weiß: der Sevenpack muss einen wirklich noch nicht ängstigen, da gibt’s ganz anderes.

Ein sehr schöner Jahresabschluss-Schwumm, obwohl bereits ein paar Weihnachtsklöße und etliche gute Vorsätze die Bahnen verstopfen, zu Jahresbeginn wird das aber erfahrungsgemäß für etwa 6 Wochen noch übler werden.
Die Sonne flutet das Freibad, scheint einem rückenschwimmend direkt ins Gesicht, die Flossen tragen einen kraulend flink durchs Wasser – es geht nichts über dieses sanfte, stille Dahingleiten im Wasser.

Hier und da fließt auch ein Gedanke, ein Gefühl, eine Erinnerung durch mich hindurch, schwimmend gelingt es mir immer, dass nichts zu lang an mir haftet oder mich zu Boden zieht, sondern alles an mir abgleitet. Im Wasser sein, das heißt Freisein. Der schwarze Balken am Boden wie eine Leitlinie, seine Botschaft: „Atmen, Bewegen – vorwärts!“, trotz Bursitis, trotz Strömung, trotz Gegenwind.

Falls Sie mit der Schwimmerei nichts am Hut haben, illustriert vielleicht dieses kurze Video, was ich meine:

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Während ich meinen ersten selbstgekochten Vanillepudding seit Jahrzehnten löffle und draußen auf der Theresienwiese ein paar Unverbesserliche trotz Böllerverbot rumballern, schreibe ich Ihnen noch ein bisschen.

Einen Jahresrückblick gibt’s nicht, denn wie das Jahr so war, das muss ich nicht wiederkäuen, Sie haben das ja in Auszügen hier mitverfolgt.
Wofür ich Ihnen danken möchte: es ist doch recht wohltuend, sowohl bei diversen Höhenflügen als auch bei Wasserschäden und anderen Unbilden des Daseins verbal anteilnehmende, konkret mitfühlende oder gar real unterstützende Weggefährten um sich zu haben.

Wofür ich dem vergangenen Jahr danken möchte:
Für alles Schöne und Gute, Bereichernde und Aussichtsreiche, Stärkende und Verheißungsvolle.
Für ein beheizbares Dach über dem Kopf sowie ausreichend Essen, Kleidung, Kultur, Mobiliät und Teilhabe am Leben da draußen.
Dafür, dass ich eine kleine Familie habe und ein paar echte Freunde, so dass mein Leben von Liebe und Freundschaft begleitet wird.
Dafür, dass ich immer noch gesund genug bin, um mich fast überall hin bewegen zu können, wohin es mich zieht: ins Wasser, in die Berge, in Konzerte, in die Eisdiele um die Ecke – und sogar bis nach Gotland.
Dafür, dass ich in einem Jahr gleich zwei Stars kennenlernen durfte, einen Bayern und einen Österreicher, deren Werke und Taten mich zutiefst begeistern.

Dafür, dass ich neue, wohltuende Menschen in mein Leben lassen konnte und mich von anderen, die mir gar nicht gut taten, trennen konnte.
Dafür, dass das Dackelfräulein eine erste, richtige Freundin gefunden hat (bislang gab es „nur“ Männer in ihrem Leben).

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An der Hundefront zum Jahresende noch zwei Erkenntnisse:

  1. So ein Anti-Schling-Napf ist eine feine Erfindung. Er verlängert die Nahrungsaufnahme von 20 Sekunden auf 10 Minuten und verhindert tatsächlich Magenprobleme und Aufstoßen.
    Finden wir, nicht Pippa, die hätte lieber ihren alten Pott zurück, der ungebremstes Reinschaufeln ermöglichte.
  2. Im siebten (!) gemeinsamen Winter haben wir endlich kapiert, was dem Dackelfräulein auf Autofahrten an sehr kalten Tagen schon immer gefehlt hat: eine vom Menschen vorgewärmte Jacke in und über ihrem Transportkorb auf der Rückbank. Kein Zittern mehr bis das Auto warm ist, kein Ungeduldswinseln mehr nach ein oder zwei Stunden – Madame verschwindet in ihrer Höhle und ward nicht mehr gehört oder gesehen.
    Schöner Nebeneffekt: die Jacke riecht anschließend wunderbar nach Dackelschlaf. Manchmal auch nach Hasenkötteln oder Jauche.

 

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Bevor das Getöse nun bald losgeht, verabschieden wir uns von Ihnen und dem zu Ende gehenden Jahr, und freuen uns, Sie im nächsten Jahr (also schon morgen!) wieder bei uns begrüßen zu dürfen…

… kommen Sie gut rüber & lassen Sie es sich heut Abend ganz nach Ihrer Fasson gut gehen!

Lassen Sie die freudvollen, kreativen, mutmachenden, hoffnungsfrohen und wegweisenden Dinge, die Sie in 2019 erlebt haben, Revue passieren, schauen Sie ansonsten mehr nach vorn als zurück, verballern Sie weder Ihr Geld noch Ihre Gehirnzellen, verfallen Sie nicht in düstere und unnütze Grübeleien darüber, wieso Sie wieder nicht zu rauschenden Festen mit zig Freunden eingeladen wurden (wir hocken hier auch zu zweit mit Hund und grämen uns nicht) oder beim Bleigießen auch dieses Jahr nichts als Sargnägel oder Pilze produzieren (so ging es mir jedenfalls immer, als ich noch mit Freunden feierte und gegen 1 Uhr nachts kochende Bleiklumpen in Wasserschüsseln schmiss) und nehmen Sie sich bitte, bitte nicht ausgerechnet heute wieder irgendwelche Dinge vor, die schon ab morgen eh nicht oder nur mit größter Anstrenung und gräßlichster Selbstgeißelung klappen und mit denen Sie sich in exakt einem Jahr, wenn Sie dann die nächste Bilanz ziehen (falls Sie zu sowas neigen sollten), nur selbst runterziehen.

Und wenn Sie heute Abend noch 9 Minuten und 15 Sekunden rumbringen müssen übrig haben und wissen möchten, wieso dieser Beitrag mit „Uijuijui“ betitelt ist, dann gucken Sie das hier:

Sollte Ihnen gerade nicht nach polterndem Lachen zumute sein, empfehle ich Ihnen diesen beschaulichen Naturfilm, der von sympathischen Laiendarstellern an der schwedischen Westküste gedreht wurde (bei einem Wind, der ebenfalls unter Uijuijui verbucht werden kann):

Ich hau‘ mich jetzt mit einem Kaltgetränk und meiner neuen Bibel auf die Couch…

Weihnachtspräsente 2019.

…sage Servus & Baba und wünsche Ihnen & Euch einen angenehmen Jahresausklang!

Die Chefredaktion.

Tickticktick.

Es könnte der letzte Frühlingstag in diesem Jahr gewesen sein…

…und nach dem gestrigen Abend ist uns sowieso nach Auslüften zumute, also laufen wir von St. Quirin (an dem man immer nur vorbeifährt, zu Unrecht!) über Gmund (Hundestrand, Thomas-Mann-Skulptur) nach Gut Kaltenbrunn (seit einiger Zeit in der Hand vom Käfer)…

…wo sie auf der Terrasse des Cafés tatsächlich nochmal Gartenpolster auf ein paar Stühle und Bänke gelegt haben…

…so dass sich das Dackelfräulein genüsslich auf den Holzplanken in der Sonne ausstreckt und eine Mütze Schlaf nimmt und ich mich mal wieder in der Kunst des Geradeausguckens übe, der Blick also nach Wiessee hinüberschweift, und sehe ich Wiessee, denke ich unweigerlich an H., die dort geheiratet hat, und ich überlege, wie lange das nun eigentlich schon her ist, 14 Jahre müssten es sein, meine Güte, was sind die Jahre schnell verflogen, damals allein im grünen Seidenkleid zu der Hochzeitsfeier gegangen, weil der U. mal wieder einen Totalausfall hatte, also lieber allein als mit ihm im Schlepptau, hätte H. nur noch ein Jahr gewartet mit ihrer Eheschließung, hätte ich mit einem vernünftigen Begleiter kommen können, aber was soll’s, alles Schnee von gestern, sowieso unzählige Erinnerungen an diesen See und sein bergiges Umland, weil der Haubau der Lebensgefährtin vom Papa ja bereits 17 Jahre her ist, so lange fahre ich nun schon regelmäßig hier raus, um die 200 Mal dürften es locker schon gewesen sein bislang, obwohl’s nie mein Liebslingstal und auch nicht mein Lieblingssee werden wird, aber manche Weichen stellt man eben nicht selbst, denn wenn’s nach mir gegangen wäre, hätte der Papa sein Altersdomizil ein Tal westlicher wählen sollen, in dem zwar der See fehlt, aber die Bergwelt die schönere ist, und während ich die Gedanken von A wie Abwinkl bis Z wie Zenettihäusl kreisen lasse, beiße ich auf eine matschige, große Rosine, obwohl ich den Kellner sogar zweimal fragte, ob sich in dem Apfelstreuselkuchen auch ganz sicher keine gedemütigten Weintrauben befänden, weil mir sein wackliges Ja beim ersten Mal nicht so geheuer war, fast immer wird man in puncto Rosinen beschissen, vor allem, wenn Apfel mit im Spiel ist, dann wird’s unseriös, und beim Herausfieseln der Rosine aus dem Mund, um sie am Tellerrand abzustreifen, denke ich an den Papa und dass Rosinen zu den Dingen gehören, in denen unsere Vorlieben konträrer nicht sein könnten, und dass es eigentlich eh immer eine Menge solcher Dinge gab und gibt, bei denen wir uns massiv unterscheiden oder uneins waren, es ist gut, dass einem sowas auch mal wieder ein- und auffällt, denn je älter er wird und je gebrechlicher, desto verklärter und friedvoller betrachte ich ihn und uns, erst heute Vormittag wieder eine Aufwallung größter Rührung, als wir zusammen am PC sitzen, weil er einige Fragen hat, er, der früher nie Fragen an die Tochter hatte, außer vielleicht Wann kommst du heim? oder Wie alt ist der Knilch? und plötzlich hagelt es nun Fragen, weil er mit der Technik nicht klarkommt und beispielsweise die Speicherkarte die Fotos nicht rausrückt, ich sehe ihm zu, wie seine zittrige Parkinsonhand die Maus bewegen will, gefühlt dauert es eine Ewigkeit, bis der Zeigefinger endlich den Klick ausführt und noch eine weitere Ewigkeit, bis er mir sein Problem vorgeführt hat, unterm Tisch liegt das Dackelfräulein und leckt ihm den großen Zeh ab, was ihn freut, so wie ihn überhaupt die Gegenwart des kleinen Hundes unglaublich erheitert, dann überlässt er mir Maus und Tastatur, und ich helfe ihm, lege Ordner an, kopiere 352 Russlandfotos an zwei verschiedene Stellen, tippe ihm eine Anleitung für zwei weitere Probleme, und er sitzt da neben mir auf dem Stuhl in seinem Morgenmantel, staunt und guckt, was ich da mache und dass ich Antworten habe, kindlich wirkt er, immer kindlicher, auch morgens kicherte er heute wie ein Kind, als ich das Fräulein zu ihm ins Schlafzimmer ließ, sie mit Anlauf in sein Bett sprang und schwanzwedelnd über ihn herfiel, ihm die Ohren polierte, was ihn so kitzelte, dass er sich zur Seite rollte und kicherte, wie ich ihn lang nicht mehr kichern hörte, sich das Kissen über den Kopf hielt, was natürlich einen waschechten Teckel keinesfalls von seinem Tun abhalten kann und so ging das Gebalge weiter, bis ich den Hund wieder aus seinem Bett klaubte und auf den Boden zurücksetzte und beide noch ein Weilchen erschöpft hechelten, aber ziemlich glücklich wirkten, kostbare Momente, und immer kostbarer wird ja die Zeit, wenn da auf einmal eine Uhr tickt, die vormals vierzig Jahre oder länger eine solch geräuschlose Existenz führte, dass man nie dran erinnert wurde, dass diese Uhr überhaupt Zeiger hat, die sich – tickticktick – bewegen und auf etwas zuschreiten, ja, da naht etwas, das spüre ich deutlich, ein Advent der anderen Art, dieses Nahen, denn wenn es angekommen sein wird, ist keine Geburtstagsfete angesagt, so viel ist klar.

Was man nicht so alles erinnern und denken kann, wenn man mal ein Dreiviertelstündchen dasitzt und den letzten Frühlingstag inhaliert und einen niemand vollquatscht oder anderweitig auf den Wecker geht.

Song des Tages (40).

Es muss in den frühen Jahre meiner Springsteenliebe gewesen sein – diese wunderbaren Zeiten, in denen es Platten gab, auf denen so gut wie kein Titel war, der mir nicht gefiel – als ich zuletzt das Gesamtwerk ein und desselben Interpreten dauerinhaliert habe.

Das nun nochmal zu erleben, ist einfach toll.
Solch neue Entdeckungen machen zu dürfen, und in ihnen ab und zu sowas wie Zuflucht und Rettung zu finden vor allem, was grad sonst noch so ist.

Sigh! Genau!

Dem ist nichts mehr hinzuzufügen.

Außer herzlichen Grüßen in die Steiermark & an die treue Leserschaft.
Ihnen allen morgen einen schönen dritten Advent!