Grateful.

*****

Wenn ihn seine Medikamente mal wieder besonders müde machen, kommt ihm ihr Name manchmal nicht zu Bewusstsein.

Der in solchen Momenten schmerzlich träge Geist greift dann gern zurück auf ein ehemals Vertrautes aus längst vergangenen Zeiten. Auf ein Früher, ein Damals, das „die beste Zeit seines Lebens“ zu nennen er sich konsequent verbietet, seit es ihm abhanden kam und das doch all die Jahrzehnte im Inneren so präsent war.

Er nennt sie dann Penny, wie unseren ersten Dackel, der damals, 1984, als die Mutter bereits im zweiten Jahr ihres Krankseins angekommen war, in unser im Ableben begriffenes Familienleben hineinpurzelte (wie ein wildes Aufbäumen des Schicksals gegen das leider eh schon Unvermeidbare und wie ein verzweifelter letzter Versuch, ein wenig Heiterkeit und Lebenslust zu retten – wäre da noch etwas zu retten gewesen).
Beugt er sich zu ihr hinunter und spricht sie mit Penny an, schaut sie genauso treuherzig zu ihm hinauf als hätte er Pippa gesagt und ihr Schwänzchen klopft dabei auf den Holzboden. Ein unerschütterliches tock-tock-tock, so als sei nicht das Geringste gewesen (und dem Papa tut die Kontinuität, die dieses Geräusch vermittelt, sichtlich gut).

Einmal versprach er sich völlig und nannte sie Pizza, was ja recht nah an Pippa ist, und ihm sogar gleich auffiel, kaum war das falsche Wort zwischen seinen Lippen hindurchgeschlüpft.
Wir mussten beide lachen. Der Hund zu unseren Füßen rollte sich dankbar zu einem kleinen Kringel ein, denn Hunde sind immer dankbar und beruhigt, wenn sie merken, dass ihre Menschen heiter sind. Sie spüren es an unserem Atem, am Tonfall, an der Körperhaltung, an der Art, wie man sich durchs Haar fährt oder die Brille zurechtrückt (und an vielen weiteren kleinen Zeichen, die wir Menschen an einander allenfalls in besonders wachen Momenten wahrzunehmen imstande sind, wenn überhaupt).

Vor vielen Jahren verkündete er bei einem Telefonat mit unverhohlen stolzem Unterton, dass ihm aufgefallen sei, wie sehr die Worte Papi und Pippa sich doch ähneln würden und wollte wissen, ob ich den Namen deshalb ausgewählt hätte.
„Nein“, musste ich ihn enttäuschen, „ich habe sie nach einer Romanfigur benannt – und außerdem entstammt sie ja einem P-Wurf, so dass der Anfangsbuchstabe bereits gesetzt war“.

Als er vor ein paar Tagen von Pippas bevorstehender Operation erfährt (die teurer wird, als wir zunächst annahmen), ruft er sofort an und weist mich ohne große Einleitung (und ohne sich zum eigentlichen Anlass zu äußern) an, ich solle mal in meinen Kontoauszug gucken, da müsse etwas für Penny eingegangen sein.
Genau genommen hat er nun den Großteil der OP-Kosten übernommen. Ich schlucke, als ich den Betrag sehe, bin hin und her gerissen zwischen Dankbarkeit und Rührung.

Der Verwendungszweck lautet „Von Papi für Pippa“.

Bei Bankgeschäften ist der Kopf also hellwach und klar, denke ich und nehme mir vor, diesen Gedanken zu konservieren, als kleines Bollwerk wider den viel zu oft wahrnehmbaren Verfall.

*****

It all will come out fine
I’ve learned it line by line
One common wire
One silver thread
All that you desire
Rolls on ahead

Suburbia (2): Das Hotel-California-Gefühl.

There she stood in the doorway
I heard the mission bell
And I was thinking to myself
„This could be heaven or this could be hell“

***

„Wenn’s dem Esel zu geht, geht er aufs Eis“ waren ihre letzten Worte, als ich mich auf dem Treppenabsatz umdrehte und ihr Lebewohl sagte.
Vor 27 Jahren und 9 Monaten trug sich das zu, hier um die Ecke.
Sie warf mir einen dieser Blick hinterher, die einen für immer verurteilen sollten.
Die Tür fiel ins Schloss. Unten wartete der Papa mit hochgekrempelten Ärmeln, einem seiner Mitarbeiter und dem Kleintransporter.
Ich war 17, und ich ging weg von Zuhause.

***

You can check out any time you like
But you can never leave

***

Diesem Hotel-California-Gefühl wollte ich endlich entkommen, dessen Ausweglosigkeit hinter mir lassen, selbst wenn ich dafür den über alles geliebten Hund bei der Mutter zurücklassen musste.
Penny hieß sie, ein Dackelmischling war sie, beim Münchner Zamperlrennen 1986 ist sie die Schnellste von allen gewesen. Der damalige OB überreichte uns den Siegerpokal, der vermutlich vor zwei Jahren zusammen mit dem übrigen Hausstand der Mutter irgendwo von einer Schrottpresse zermalmt wurde.
Sie war mein einziger Anker zu dieser Zeit, und sie jaulte jämmerlich, als sie begriff, dass ich ging.
Es gibt Trennungen, über die man nie hinwegkommt. Jener Hundeabschied gehört dazu.

Wie ein Lasttier fühlte ich mich tatsächlich, allerdings nicht wie eines, dem es zu gut gegangen war.
Folglich ging ich auch nicht aufs Eis, wo mich nur neue Gefahren erwartet hätten, außerdem war es bereits April und der Winter hatte sich längst verabschiedet. Ich suchte mir einen sicheren, warmen Unterschlupf, eine Zwischenstation auf dem langen Weg zum eigenen Zuhause, das ich so ersehnte.
Eines, in dem man Türen schließen durfte und nie mehr auf der Hut sein musste.

***

***

Mit eisernem Griff hielt sie die Kinderhand umklammert, was sie vor den Augen der Öffentlichkeit durch stetiges Lächeln und einen spielerischen Hüftschwung perfekt zu kaschieren verstand. Das Stakkato ihrer Schritte auf dem Asphalt übertönte zuverlässig jedes „Komm endlich!“ oder „Halt dich gerade!“, das sie dem Kind zuzischte.
Parierte es nicht sofort, verstärkte sie den Druck auf die kleine Hand.

17 Jahre lang bin ich mitgekommen, wohin auch immer sie ging, habe ihre Schwermut zu lindern und ihre Launen zu beschwichtigen versucht, habe feinste Antennen entwickelt, einem Seismografen gleich. Um ihre Stimmungen möglichst schon wahrzunehmen, bevor sie selbst sie bemerkte, um das Ruder vielleicht noch herumreißen zu können, bevor sie in die nächste Stromschnelle geriet, die auch mich unweigerlich mit hinwegraffen würde.
Es empfahl sich, flink, vorsichtig und vorbereitet zu sein, denn trafen einen die Attacken überraschend, war es verheerend.

Auch das mit meiner Haltung hat sie hinbekommen. Sie wusste genau, dass man das Eisen schmieden musste, solange es heiß ist, und sie war ein ebenso geduldiger wie gnadenloser Schmied.
An dem Tag, an dem ich sie verließ, ging ich innerlich gebückt, aber äußerlich aufrecht davon.

***

Up ahead in the distance
I saw a shimmering light

***

Davonzugehen, das verhieß Freiheit. Ihrem eisigen Griff und ihrem Zuckerbrot- und Peitsche-Prinzip von Liebe zu entkommen sowie all ihren Netzen, die sie um mich gesponnen hatte. Nachdem ich gegangen war, warf ich 20 Jahre lang säckeweise Lasten von mir, unternahm ein paar erfolglose Versuche, eine neue oder andere Basis zu ihr zu finden.

Bei ihrem einzigen Besuch in meiner ersten eigenen Wohnung komplimentierte ich sie nach einer Auseinandersetzung hinaus in die Winternacht.
„Du bist genauso kalt und herzlos wie dein Vater“, hatte sie kurz vorher zu mir gesagt.
Ihr letzter verzweifelter Versuch, mich anzuklagen und zu manipulieren, ein letzter Hinweis auf ihr lebenslanges Opferdasein. Opfer ihrer Herkunft, Opfer ihrer schlechten Startbedingungen, Opfer ihres Ehemanns, der Zeiten, der Leute, der Krankheiten, der Arbeitswelt.
Was hätte aus ihr werden können, hätte sie nicht ihre besten Jahre an diesen Mann und dieses Kind verschwendet!
Diesmal schloß ich meine Tür für immer.

Kaum hatte ich alle Bemühungen um sie ad acta gelegt, befasste ich mich freiwillig jahrzehntelang mit weiteren Opfertypen. Wäre beinahe ein Opfer des Opferphänomens geworden, hätte mein Verstand mich nicht hartnäckig auf der Täterseite festgenagelt. Erst als ich zum absoluten Opferexperten avanciert war, konnte ich mit diesem nutz-, sinn- und endlosen Programm aufhören.
Schlagartig und für alle Zeiten hatte ich es satt, mich um die zu kümmern, die keine Verantwortung für sich selbst übernehmen wollen, obwohl sie es sehr wohl könnten.

***

Zwei Straßen weiter steht immer noch das Haus, das ich damals verlassen habe. 1.OG rechts, ein Südbalkon, dessen Holz nun verwittert aussieht, eine ehemals weiße Fassade, die ergraut ist.
Erst als die Mutter aus dieser Gegend wegzog, war es mir wieder möglich, ab und an hierher zu fahren, um in dem herrlichen Wald zu joggen oder mit Hummel, meinem damaligen Dogsharing-Dackel, spazierenzugehen. Weitere Jahre später dann zum Waldlauf mit dem Gatten und eines Tages zum Gassigehen mit Pippa.
Gelegentlich kehrten wir nach unseren Waldausflügen in einem netten Lokal samt Biergarten ein, das ich noch von früher kannte, wenn die Mutter mal zum Ausgehen aufgelegt war oder Besuch kam, der ausgeführt werden sollte. Nach mehreren Pächterwechseln ist es letzten Sommer, kurz nach unserem Umzug in diese Gegend, zu einer geschmacklosen Gaststätte mit haarsträubender Apostrophierung im Namen und ebenso haarsträubenden Fleischgerichten auf der Speisenkarte verkommen.

Hier wieder zu wohnen, wäre mir zu ihren Lebzeiten nicht möglich gewesen, obwohl ich immer am Münchner Süden hing und sie sich längst in ein 60km entferntes Nest im Voralpenland verkrümelt hatte. Die bloße Vorstellung, dass sie hier noch jemanden kennen könnte, besuchen würde und wir uns über den Weg liefen, erstickte diese Überlegung bereits im Keim.
Als sie vor zwei Jahren starb und damit das letzte Kapitel unserer unseligen, unheilbaren Geschichte abgeschlossen war, nahm ich an, dass nun „die Luft rein“ sei und auf der verbrannten Erde wieder angepflanzt werden könne, man sich hier gar selbst eintopfen könne und gedeihen würde.

***

And still those voices are calling from far away
Wake you up in the middle of the night
Just to hear them say
Welcome to the Hotel California

***

Leider war das einer der Irrtümer, die sich erst weit nach dem Umzug offenbarten.
Manche Erinnerungen besitzen die Robustheit von Kakerlaken. Sie starren einen von Hauswänden an, lauern einem hinter Zäunen auf, selbst aus vermoosten Ritzen zwischen den Pflastersteinen kriechen sie bisweilen empor. Du willst wegsehen, sie verscheuchen, drauftreten – aber es ist zwecklos.
So tot die Mutter auch ist, manchmal schwirrt sie hier am südlichen Rand der Stadt, wo wir unsere 17 gemeinsamen Jahre verbrachten, noch durch die Luft und macht mir das Atmen ähnlich schwer wie es sonst nur die Pollen der Hasel im Frühjahr vermögen.

Zum Trost: Der Briefkasten an dem kleinen Platz um die Ecke, in den ich vor 30 Jahren die ersten Liebesbriefe nach Köln einwarf, steht immer noch dort, wohingegen die Telefonzelle, aus der ich die Freundinnen oder den Papa anrief, um meinen Kummer in den Hörer zu heulen, durch einen Wertstoffcontainer ersetzt wurde.
Das fühlt sich stimmig an: Ein Hort der stofflichen Verwertung statt nicht recyclebarem Seelenmüll.

Über kurz oder lang werde ich nun ein zweites Mal von hier fortgehen.
Vielleicht war diese Rückkehr, diese Wiederholung dazu gut, um spürbar zu begreifen, dass das Hotel-California-Gefühl zwar mich verlassen hatte, aber heimatlos, wie es dann geworden war, seine Zelte für alle Ewigkeit hier in dieser Gegend, wahrscheinlich irgendwo am nahen Waldrand, aufgeschlagen hatte.
Dort modert und vegetiert es trotzig und einsam vor sich hin, sitzt des Nachts am knisternden Feuer, um seine Klauen zu wärmen und die alten Lieder anzustimmen, auf dass es ihm vielleicht doch gelänge, mich wieder zu sich zu locken – und sei es nur für eine Nacht, was ja beileibe genügen kann für eine erfolgreiche Infektion.

***

Last thing I remember
I was running for the door
I had to find the passage back
To the place I was before

***

Eine feine und auch so heitere neue Serie auf diesem Blog, nicht wahr?
Sie kam ungeplant, aber jetzt ist sie da und wir wollen hoffen, dass sie nur ein vorübergehender Gast ist.

Ein schönes Wochenende wünscht
Die Kraulquappe.

Vom Kiefer-Koma ins Kloster.

Orff-Zitat im Bräustüberl zu Andechs.

Zunächst erwog ich, den Beitrag mit „Von Passionen und Pilgern“ zu betiteln, aber das wäre reine Schönfärberei gewesen. Denn es geht um Kontrollverlust und den anschließenden (wie immer mühsamen) Versuch, den Verlust wieder loszuwerden, sprich: die Kontrolle zurückzugewinnen.

Nach acht Staffeln suchtartigem Konsum von „24“, von denen wahrlich nicht alle acht Staffeln exzellenter Stoff waren, fiel ich nach dem Finale nicht nur komatös von der Couch, sondern schlug am Morgen danach auch auf den Boden der Realität auf, die wohlgemerkt eine Realität ohne Kiefer Sutherland ist.

Es war, wie es immer war, wenn wir uns an einer Serie festgefressen haben: Wir ziehen das in einer Maßlosigkeit durch, die ihresgleichen sucht (wenn irgend möglich: täglich), schotten uns von der Außenwelt ab (Kontaktversuche werden ab spätestens 20 Uhr komplett ignoriert), bis das letzte Krümelchen Stoff verbraucht ist. Plötzlich ist es aus und vorbei, ein gleichermaßen katastrophaler wie befreiender Moment. Und dann? Gnadenloser Cold Turkey.
Wenigstens haben wir es diesmal gut terminiert, bewusst zum Feiertags- und Jahreswechsel-Leerlauf hin (quasi ein kontrollierter Kontrollverlust, was die Rekonvaleszenz aber kaum erleichtert).

Mein Suchtpotenzial erschreckt mich immer wieder.
Die 1x jährlich auftretende, mehrwöchige Kokos-Intensiv-Phase ist da mit Abstand das harmloseste Phänomen.
Musik, Berge, Sprache, Wasser, Verliebtheit, Bewegung, Essen, Reisen, Serien – ich bin für vieles offen. Hauptsache, es begeistert mich dermaßen, dass der Endorphinrausch zuverlässig eintritt und ich auf dieser Welle surfen kann, weg von hier, weg von mir, weg von unguten Gedankenschleifen (das könnte – ja: sollte! – noch gründlicher durchdacht und ausgeführt werden, vielleicht ein andermal).
Am jeweiligen Suchtmittel überfresse ich mich, bis es a) mir zu den Ohren rauskommt, mich der Selbstekel ergreift und ich es nie mehr sehen/hören/essen/tun will (bis es mich, variiert oder identisch, ein weiteres Mal heimsucht) oder b) mir unfreiwillig entzogen wird, oder zur Neige gegangen ist und nicht wiederbeschaffbar ist.

Just aus dem Kiefer-Koma erwacht, merke ich, dass ich ein schier unglaubliches Bedürfnis habe, das alles loszuwerden, frei zu werden von all diesen Bildern und Emotionen, für die die Serie nur den Anstoß gab zum Weiterspinnen und -spüren. Höchste Zeit ist es, anderes zu sehen, zu hören, zu lesen und wahrzunehmen.
Nicht, dass ich zwischendrin nicht draußen in der Natur gewesen wäre oder mich zu wenig bewegt hätte, aber jetzt, in diesen ersten Tagen des Entzugs, tut eine höhere Dosis frische Luft und flottes Gehen mehr als sonst not.

Vom Queriwirt in Frieding aus marschieren wir mit wohltuendem Weitblick über die sonnigen Felder…

…bis zu dieser einen wunderbaren Kuppe, hinter der das Ziel erstmals hervorlugt: Kloster Andechs!

Das Dackelfräulein schlurft im Hormontaumel neben mir her und gibt nur dann Gas, wenn die Mäuselöcher im Acker besonders zahlreich locken oder ein zerstückelter Dachskadaver am Waldrand feilgeboten wird. Mit Dachsfellborsten um die Dachshundnase kommt sie nach dem dritten Abruf mit der Trillerpfeife sogar schmatzend zurückgeschwänzelt – und verfällt augenblicklich wieder in den PMS-Schlurfschritt.

Nach 7 Kilometern nähern wir uns dem Klosterberg und man staunt immer wieder, wer da an einem Mittwoch/Werktag außer uns noch so alles herumrentnert oder -touristet.

Einfachste bajuwarische Basis-Symbole weisen dem hungrigen und durstigen Wanderer den Weg:

Wir passieren den Kiosk (geschlossen), der in Kindertagen das einzig taugliche Argument war, mit dem ich mich zu einem Ausflug nach Andechs überreden ließ – hier gab mir der Papa stets eine Mark und ich durfte mir davon drei Liebesperlen-Armbänder oder fünf weiße Mäuse kaufen…

… eine pädagogisch äußerst wertvolle Maßnahme, da der ausgesprochen schön gelegene Wallfahrtsort sonst niemals so früh eine solch positive Konnotation erfahren hätte und wohl dem kindlichen Vergessen anheimgefallen wäre (wie all die Museumsbesuche).
Mit Tieren, Eis, Knödeln, Schwimmbädern, Tretbooten und Seilbahnen geködert lernte ich meine Heimat kennen (und später auch lieben). Hat er schon gut gemacht, der Herr Vater.

Auf dem Heiligen Berg angekommen, bekommt Pippa ein Würstchen und ich eine Aussicht auf die heute etwas diesig-verschwommene Alpenkette.

Sattes Orgelspiel ertönt aus der Klosterkirche und ich beschließe, kurz hineinzugehen, was meiner Begleitung so gründlich missfällt, dass sie das frisch verzehrte Würstchen – ummantelt von einem Stück borstigem Dachsfell – demonstrativ auf die Pflastersteine kotzt.

Da sich der Todestag des Freundes jährt, möchte ich ein paar Kerzen in der angrenzenden Kapelle anzünden…

…und weil sonst niemand da herin sitzt, kann ich das Dackelfräulein sogar mit hinein nehmen (warum sind eigentlich brave Hunde in Kirchen verboten, frage ich mich) und ein wenig dort verweilen.

Anschließend folgt der weltliche Part der Pilgertour:

Dank ausreichender Vorbildung muss ich nicht alle 7 Sorten probieren und dabei ein Vermögen verpulvern, sondern kann zielsicher das eine Lieblingsbier ordern und während der Wartezeit beratend tätig werden.

Einen Tisch weiter verlangt das junge Paar aus dem Norden höflich nach einem „kleinen, kräftigen Bier“, hat offensichtlich keine Ahnung vom bayrischen Bier, deutet übermütig an, mehrere probieren zu wollen, aber halt so, dass man danach noch Autofahren könne, und verfällt dann angesichts der barschen Antwort der Kellnerin („Dann nehmts hoid an 0,3 Doppelbock!“) in hilfloses Stottern und nervöses Blättern in der Karte.
Darin allein vier Seiten zum klösterlichen Brauereiwesen nebst detaillierter Beschreibung der sieben vor Ort gebrauten Sorten, die in je drei Ausführungen (normal/leicht/alkoholfrei) sowie drei Größen (0,3/0,5/Maßkrug) aufgeführt sind – das kann den Fremden schon mal verwirren.

Ungefragt schalte ich mich ein, rate klar vom Doppelbock ab (wg. des Alkoholgehalts von 7,1%) und empfehle das Helle (Variante „Spezial“), das noch Platz für ein zweites oder drittes Kleines ließe.
So machen sie’s dann – und zum Dank erhält das Dackelfräulein später ein Stückerl von der Surhaxn, die sich das Pärchen teilt und dabei zufrieden feststellt, dass auch hier auf meinen Tipp Verlass war, dass von einer Portion auch locker zwei sattwerden.

Nach dem Genuss meines Kleinen steige ich mit meiner Kleinen wieder von Heiligen Berg hinab und begebe mich zügig auf den Rückweg, damit wir noch vor Einbruch der Dunkelheit das Auto erreichen.

Soweit ein durchaus gelungener zweiter Entzugstag.
Auf der Heimfahrt die Sutherland-CD gehört, ein bisschen Substitution muss erlaubt sein.
Prosit.

Für immer 20 Jahre.

Beim heutigen Spaziergang an der Isar kam uns im Schneetreiben ein Jogger entgegen. Ich war gerade viel zu sehr mit Bällchenschießen beschäftigt, um genauer auf den sich nähernden Läufer zu achten und sah erst auf, als mir eine wohlbekannte Stimme „Das gibt’s ja nicht!“ zurief. In winterliche Laufklamotten vermummt hätte ich J. sowieso nicht erkannt, aber seine Stimme ist für mich unverkennbar, ich höre sie schon seit vier Jahrzehnten und es ist eine der wenigen Stimmen, die ich mir jederzeit präzise in Erinnerung rufen könnte.

J. ist ein langjähriger Mitarbeiter meines Vaters gewesen, ausgebildeter Bergführer, alpiner Hobbyfotograf, Sportler durch und durch, ansonsten Griechenland-Fan und ein Freigeist, wie ich wenige kennengelernt habe.
Schon als ich klein war, mochte ich seine Stimme und die John-Lennon-Brille, die er heute noch trägt. Wenn der Papa mich ins Büro mitnahm, so hielt ich mich entweder bei der Telefonistin auf und sortierte begeistert Büroklammern und anderen Kleinkrusch in die dafür vorgesehenen Holzfächer der Schreibtischschubladen ein oder ich wollte zu J., um in dessen riesigen Fundus an Wanderkarten und Fotos herumstöbern.
Bei der alljährlichen Faschingsfeier im Büro durfte ich, wenn mein Job als Utensilienträgerin vom Papa (ging er als Lili Marleen, war ich die Laterne, trat er als Cowboy auf, trug ich den Colt) erledigt war und es den Anwesenden eh längst mehr um Trinken, Tanzen und Tuchfühlung ging als um eine gut sitzende Maskerade, gelegentlich mit J. tanzen. Er wirbelte mich herum, warf mich in die Luft, fing mich auf und ich fand das toll, vor allem weil die anderen sich nie so ungezwungen mir gegenüber benommen hätten, weil ich für sie mindestens bis zur 2. Maß Bier (und für die meisten gottseidank auch darüber hinaus) immer die Tochter des Chefs war und entsprechend befangen und korrekt mit mir umgegangen wurde.
J. war da anders – unverkrampft, unkonventionell, ungeniert.

In meinen Teenager-Sommerferien, die ich jobbend in der Jugendherberge Lenggries verbrachte, überschnitten sich unsere Aufenthalte dort meist für ein paar Wochen. Täglich sah ich ihn mit seiner Truppe in die Berge aufbrechen, an meinen freien Tagen durfte ich mich anschließen und ich war jedes Jahr aufs Neue ein wenig verliebt in ihn. Er war immer umschwärmt, die Frauen in den von ihm geführten Bergsteigergruppen hingen wie gebannt an seinen Lippen, wenn er morgens im Frühstückssaal, in dem ich die Semmelkörbe auf den Tischen verteilte, Kaffee servierte und 240 Käsescheiben auf Platten drapierte, seinen Schäfchen die Tour des Tages erklärte und abends, wenn man gemeinsam am Lagerfeuer sitzend dem Bergtag nachsann, waren die beiden Plätze neben ihm die begehrtesten in der ganzen Runde.

Viele Jahre später, als ich in den Semesterferien regelmäßig im väterlichen Büro arbeitete, bemerkte ich, dass J. nun endlich zu bemerken schien, dass ich nicht mehr die Kleine oder die Tochter vom Chef war. Was war das für ein Gefühl!
Wir gingen in den Mittagspausen plötzlich zusammen Eis essen, er stellte mir interessierte Fragen und schnippte vorsichtig einen Marienkäfer von meiner nackten Schulter, ich lauschte seiner Stimme und träumte den restlichen Bürotag über von Bergabenteuern, Alpenglühen, einem sportlichen Mann wie J. an meiner Seite und Marienkäfern auf meinen Schultern. Mit Semesterbeginn klinkte ich mich jedesmal wieder in mein Leben in der unterfränkischen Studienstadt ein und die Schwärmerei für J. verblasste bis zu den nächsten Semesterferien.

Ferien kamen und gingen, bis der Uniabschluss unweigerlich das Ende des sommerlichen Jobbens und Flirtens einläutete. J. hatte sich mit Mitte 40 dann doch noch fest gebunden, ich mich mit Mitte 20 ebenso. Als ich für meinen ersten Job zurück nach München zog, kreuzten sich unsere Wege nicht mehr im Büro des Papas, sondern wir begegneten uns nun zufällig im Schlosspark beim Laufen, an der Isar, in der U-Bahn, beim Schwimmen und einmal sogar im Gebirge (er runter, ich rauf, wir beide in Begleitung, schade eigentlich).
Seit 20 Jahren laufen wir einander also im Schnitt alle zwei Jahre unerwartet irgendwo über den Weg.

Wenn uns diese ebenso schöne wie überraschende Regelmäßigkeit heimsucht, drücken wir uns zur Begrüßung und zum Abschied, tauschen die aktuellen Eckdaten aus, und finden, dass wir uns unbedingt mal verabreden sollten, weil wir jedes Mal feststellen, dass wir uns nach wie vor prima verstehen und es noch so viel zu fragen und zu sagen gäbe.

Heute umarmen wir uns im Schneegestöber, J. begleitet das Dackelfräulein und mich ein Stück, so dass wir uns eine Weile unterhalten können. Diesmal erfahre ich, dass sein kleines Häuschen auf Kreta letzten Sommer abgebrannt ist, er es jetzt neu aufbaut und daher vor allem im Winter mehr Zeit in Griechenland verbringt als in München. Im Gegenzug erfährt er, dass ich umgezogen bin und den Job in Starnberg schon längst wieder an den Nagel gehängt habe. Ihm fällt auf, dass ich schmaler geworden bin seit dem letzten Mal, mir ist nicht entgangen, dass seine sonnengegerbte Haut mittlerweile von vielen Falten durchzogen ist.
Er sei jetzt in Frührente, erklärt er, und könne endlich wochentags zum Bergsteigen gehen. Ich sei auch in Rente, entgegne ich, so eine Art befristete Ultrafrührente, die ebenfalls Bergtouren unter der Woche ermöglichen würde. Wir lachen über unsere ähnlichen und doch so ungleichen Rentnerexistenzen.

Heute vor 20 Jahren hast Du bei meiner Hochzeit vor dem Standesamt gestanden und Konfetti und Reis geworfen, sage ich, weißt Du noch? Klar, er weiß es noch. Einige der Mitarbeiter des Papas waren als Überraschungsgäste erschienen, hatten den Dienst-Mercedes direkt vor dem Standesamt geparkt, hübsch dekoriert und zur Champagner-Bar umfunktioniert. Aus dem CD-Player des Wagens dröhnte Musik, die ich vergessen oder verdrängt habe.

12.12.1997, Standesamt München-Nymphenburg.

Umtrunk vor dem Standesamt.

Die hässlichste Karte von allen, leider sehr verblichen (Text: Freie Fahrt ins Eheglück).

20 Jahre soll das her sein? Ja, sage ich, exakt 20 Jahre. Heute wäre die sogenannte „Porzellanhochzeit“ gewesen. Aber da die Mutter dieser Porzellankiste nicht Vorsicht, sondern Einsicht hieß, hat sich das schon weit vor dem heutigen Jubiläum zerschlagen. Der Mann von damals lebt und lehrert längst wieder in Unterfranken und das schöne, alte Gebäude des Nymphenburger Standesamts hat sich irgendeine schicke Investmentfondsgesellschaft unter den Nagel gerissen. So ändern sich die Zeiten.

Was von dem Mann von damals denn geblieben sei, fragt J. mich. Ich zögere erst (wozu diese bilanzierenden Nachforschungen?), denke dann aber doch nach und antworte schließlich, drei Dinge wären mir wohl von ihm geblieben: die seither endgültig festsitzende Abneigung gegen Zuspätkommen, sechs sehr formschöne Bierkrüge, und dass er mir beigebracht hat, wie man effizient Orangen schält.
Drei, wie ich finde, nicht zu unterschätzende Errungenschaften, die einem das Leben enorm erleichtern können (für einen kurzen Moment versetzt mich diese spontane Erkenntnis in aberwitzige Heiterkeit).

Als J. in seinen Laufklamotten zu frösteln beginnt und das Dackelfräulein ungeduldig quengelt, weil das Ballspiel für ihren Geschmack nun zu oft ins Stocken geraten ist, finden wir wie immer, dass wir uns wirklich mal verabreden sollten, verabschieden uns aufs Herzlichste und gehen unserer Wege (nach ein paar Metern drehe ich mich noch einmal um, sehe J. sportlich wie eh und je davonsprinten, dann befördere ich Pippas Ball mit einem für meine Verhältnisse passablen Schuss in die verschneiten Isarauen).

Es ist über die Jahrzehnte ein ungeschriebenes Gesetz geworden, dass es nicht dazu kommen wird und wir uns einfach aufs nächste Mal freuen. Vermutlich also irgendwann im jubiläumslosen 2019, er dann 67, ich 47, und wenn alles gut geht, haben wir noch weitere 10 Begegnungen in den nächsten 20 Jahren vor uns. Eine beruhigende Perspektive.

Vielleicht liegt darin das Geheimnis, wie es gelingen kann, sich ein Leben lang gekannt und gemocht zu haben.

Pigmente, Panini, Paarhufer.

Unser heutiger, fünfter Stadtspaziergang hatte einen etwas ungewöhnlichen Startpunkt: die Seumestraße 3, in Obersendling.

Dort befindet sich das Zentrum für Kleintiermedizin, wo wir um 10:30 Uhr zu einem längeren Termin erscheinen mussten, weshalb ich eine Tour geplant hatte, die wir gleich im Anschluss gehen konnten, zur beiderseitigen Sofort-Auslüftung und -Ablenkung nach den Strapazen.

Die eine Pippa hat Panik vor der Hochzeit…

… die andere vor dem Gang zum Arzt.

Die Praxisräume verließen wir um 52€ ärmer und um ein paar Diagnosen/Informationen reicher: die Dermatologin hat sich die schwarzen Flecken an Pippas Flanke wirklich sehr gründlich angesehen und kommentiert. Jetzt heißt es Nachdenken, ob bzw. wann wir die Stellen operativ entfernen lassen.

Obersendling ist kein Viertel, sondern eine Gegend, wie ich feststellte. Viel Industrie, viele Neubauten, alles etwas lieblos hingespuckt, weiße, gesichtslose Projekte aus der Kategorie „München schafft Wohnraum“, vermutlich trotzdem oder gerade deshalb teuer verkauft oder vermietet.

Wir gehen der Sonne entgegen, überqueren die Siemensallee, die einst die nördliche Grenze meines kindlichen Lebensraums markierte, und stehen an einem der wenigen Felder aus Kindheits- und Jugendtagen, das bis heute Feld geblieben ist: ein grünes Quadrat hinter meinem ehemaligen Gymnasium, das ich bereits mit meinem ersten Dackeltier umrundete und das mir, wie so vieles in der Kindheit, damals riesig vorkam.

Das Marienstern-Feld (keine Ahnung, wie es heute heißt).

De facto sind wir in knapp 20 Minuten einmal drumrum gegangen, nebenbei kommen wir an dem Türchen vorbei, durch das ich zu Schulzeiten immer zum verhassten Sportunterricht gehen musste, in den Siemens-Sportpark, den unser kleines Gymnasium mitnutzen durfte.

Es sieht verwittert aus, was daran liegen mag, dass das Gymnasium aufgelassen wurde bzw. der Flachbau mittlerweile als heilpädagogische Einrichtung fungiert.

Die am meisten verabscheute Tür meiner Schulzeit.

Mein ehemaliger Pausenhof, etliche Erinnerungen liegen dort unter Laub begraben (und da liegen sie gut).

Weiter geht es durch die Allescherstraße, stets in südlicher Richtung, durchs schöne, alte Solln mit den Villen und Gärten, in denen man schon als Kind gern gewohnt hätte und manchmal zu Gast war (legendär der riesige, verwilderte Garten von T., in dem es geburtstags Schokoladenfondue unter Lampions gab).

Die Sollner Kirche St. Johann Baptist.

Unser Ziel ist das Petit Café in der Grünbauerstraße 1.
Das ist jene Straße, in der die Kirche meiner Erst(und Letzt-)kommunion steht. Um die Ecke die Grundschule, in die ich vor 37 Jahren zum Klavierunterricht ging. Zwei Straßen weiter westlich der Bäcker, in dem der Papa samstags Semmeln und Brezen holen fuhr, zwei Straßen weiter östlich das Café, in dem er sonntags Kuchen für sechs kaufte, obwohl wir nur zu dritt waren.
Gegenüber immer noch das schaurige Modegeschäft von damals, in dem sich meine Mutter gelegentlich ein Oberteil aussuchte, während ich die Auslagen des Schreibwarengeschäfts nebenan inspizieren durfte, um nicht zu stören, die Markisen sehen noch aus wie damals. Es war das Schreibwarengeschäft, in dem mir die nette Verkäuferin 1982 das Rummenigge-Bildchen, das ich doppelt hatte, gegen den von mir so heiß ersehnten Littbarski eintauschte.

Auf einen Imbiss im petit-café, natürlich kleingeschrieben, wie alles, was vorgibt, einfach & gut zu sein.

Milde 17 Grad und Sonnenschein erlauben es, draußen zu sitzen. Während ich einen Kaffee und ein winziges Sandwich (resp. Panini) zu horrenden Münchner-Süden-Preisen zu mir nehme (und heute nur mit Mühe unter der 10€-Marke bleibe), hänge ich diesen und anderen Erinnerungen nach, blättere in der ausliegenden Abendzeitung, grusle mich angesichts des Artikels über den anhaltenden Irrsinn auf dem Münchner Mietmarkt, beobachte die edel bestiefelten, perfekt frisierten Sollner Mütter mit ihren rausgeputzten Doppelnamen-Kindern, denen die knapp 6€ teuren Smoothies eingeflößt werden, die die Mama der frisch manikürten Nägel wegen oder einfach aufgrund genereller Unlust, sich die Finger mit irgendwas schmutzig zu machen, nicht selbst zubereiten möchte.

Ein wenig gestärkt schlendern wir auf Umwegen – hier das Sträßchen, in dem einst der angebetete S. wohnte, der etwas hohl war und heute als L’Oréal-Model arbeitet, dort der Laden, in dem es die Songbooks mit den begehrten lyrics zu den aktuellen Hits gab, die heute jeder mit zwei Mausklicks im Internet nachgucken kann – zur südlichen Grenze dieses südlichsten Münchner Stadtteils.

Im Grunde passt der heutige Marsch überhaupt nicht in die Rubrik Stadtspaziergang. Denn Obersendling ist kein Viertel und Solln wiederum ist nicht mehr Stadt, sondern Stadtrand, zwar ein recht schönes Stück davon, aber nichtsdestotrotz Rand. Mit dem Vorteil, dass wir von dortaus keine U-Bahn mehr für den Heimweg benötigten, sondern eine weitere Stunde durch den Wald nachhause laufen konnten. Nach Tierarzttermin, gut 16.000 Schritten und ein paar davon mit heftigem Herzklopfen, weil einige Wildschweine links und rechts des Weges auftauchten, waren wir ziemlich bedient und froh, nicht auch noch städtischen Trubel erlebt zu haben.

Nächste Woche gibt’s wieder einen richtigen Stadtspaziergang!

Einen schönen Mittwochabend wünscht
Die Kraulquappe.

Isarvorstadt, facking koid.

Was ich mir vornehme, ziehe ich üblicherweise auch durch. Weil mir Plänehaben gut tut und Pläneumsetzen erst recht.
Wenn wacklige Zeiten gerade so einigermaßen überstanden sind, man sich innerlich also halbwegs wieder zusammengesetzt hat, haben sich stabile Gerüste schon immer bewährt, um die gewohnte Trittsicherheit zurückzugewinnen.
Als Geländer, als Struktur, als Rahmen – insgesamt wohl als Präventivmaßnahme, um das Leben (oder sich selbst) davor zu bewahren, erneut in seine Einzelteile zu zerfallen.

Daher heute – wie letzte Woche beschlossen – der nächste Stadtausflug, ohne Rücksicht aufs Wetter: 5 Grad, Nieselregen, düster, aber ich finde, es gab den Sommer über wahrlich genug Blaue-Himmel-Bilder auf diesem Blog.

Bayrisch-Englisch-Mix unter der Wittelsbacherbrücke: Too facking koid.

Planungsprämisse Nr. 1: Die Strecke muss dem Dackelfräulein ausreichend Gelegenheit bieten, um ungehindert sausen zu können.
Maßgabe Nr. 2: Es muss ein Spaziergang sein, der ohne viele Umstände mit den Öffentlichen machbar ist, da ich nur von A nach B laufen möchte, aber nicht zu A zurück.
Und Nr. 3: Am Zielpunkt der Tour muss mich eine nette Einkehr erwarten, in der auch ein triefender Dackel willkommen ist.

Vom U-Bahnhof Thalkirchen (Tierpark) starten wir also bei ekligem Novemberwetter und spazieren zunächst durch den graubraunen Flaucher an der graugrünen Isar entlang.

Das Dackelfräulein überquert die Thalkirchner Brücke.

Später folgen wir dem Aubach, der seinen Namen irgendwo in Untergiesing in „Freibadbächl“ ändert und schließlich in den Frühlingsanlagen, die man getrost in Winteranlagen umtaufen könnte, versickert.

Kein Schwein unterwegs bei dem Wetter. Oder doch?

 

Große Hundefreude: Waten durch Laubmatsch und Aubachbett.

 

Meist mit von der Partie: Der orangefarbene Mittelpunkt des Dackeluniversums.

 

Man freut sich über jeden Farbtupfer…

 

…daher auch der kleine Abstecher in den Rosengarten…

 

… bevor wieder alles in Graubraugrünschwarz verschwimmt.

Nach etwa 6km sind wir in der Unteren Au angelangt, überqueren die Reichenbachbrücke hinüber zur Isarvorstadt und landen vor dem Haus, in dem mal meine Wiege stand: Auenstraße 4. Hier verbrachte ich meine ersten Lebensjahre.

Ein Kreis schließt sich: Wo ich heute meinen Hund ausführe, schoben mich meine Eltern im Kinderwagen durch die Isarauen.
Natürlich erinnere ich mich daran nicht im Geringsten.
Mir sind aus dieser Lebensphase nur fünf Dinge im Gedächtnis geblieben: Das Eis im Laden vom netten Herrn Ranftl, weil es da immer eine Extra-Waffel für mich gab, die Frau Loichinger im Nebenhaus, bei der es penetrant nach den Zigarren ihres Mannes Gustl und nach Selbstgebackenem roch, die Anni aus der Bäckerei Reichenbach-, Ecke Fraunhoferstraße, die mir die köstlichen Brezen mit den Noppen auf der Unterseite in die Hand drückte, der Pullover meiner Mutter mit dem psychedelischen Muster, ein kratziger Wollalptraum in 70er-Jahre-Orange mit pinken Kringeln drauf und eingewebten Silberfäden drin sowie ein schmerzlicher Sturz aufs Steißbein, als ich entgegen elterlicher Anweisungen die im Türrahmen befestigte Schaukel mit einem Loopingversuch, der nicht gelingen konnte, überstrapaziert hatte.
Einzig das mit den Brezen wirkt bis in die Gegenwart hinein: Ich habe nie aufgehört, in ganz München und Oberbayern nach vergleichbaren Noppenbrezen zu fahnden (fündig wurde ich bislang nur beim Altinger in der Donnersbergerstraße und beim Tremmel in Rottach-Egern – weitere sachdienliche Hinweise nehme ich jederzeit dankbar entgegen!).

Das Haus in der Auenstraße gibt es nicht mehr, es musste einem hässlichen Neubau weichen, und die Eisdiele vom netten Herrn Ranftl ist durch ein Steuerbüro ersetzt worden. Heute macht das nichts, ist ja kein Eisdielenwetter.

Dafür befindet sich um die Ecke ein Café, das als würdiger Abschluss des novembergrauen Stadtausflugs durchgeht: „Hungriges Herz“ heißt es, vermutlich wurde es von einem Springsteen-Fan eröffnet (womit es bereits einen Vertrauens- und Sympathievorschuss erhält), drinnen läuft zur Tarnung allerdings Lou Reed, was aber auch sehr ok ist, besonders im November.

Everybody’s got a hungry heart…

 

Everybody needs a place to rest…

Frei nach dem Springsteenschen Hungry-Heart-Vers „We took what we had and we ripped it apart“ gab es dann die Pizza des Tages.

Tagespizza für 6,90€ – damit weder heart, noch belly hungry bleiben müssen (und auch Bello nicht).

Nächste Woche dann: Sendling.
Unter anderem, weil es die Postleitzahl hat, die ich gern hätte.

 

Eine gute Woche, stay hungry, stay alive!
Herzlich grüßt euch –
die Kraulquappe.

http://www.youtube.com/watch?v=0My2AqPFpFg

F63.9 oder: Der Wunderfitz.

In ein paar Wochen werde ich 45. Ein Alter, von dem ich, als ich noch jung war, eine bestimmte Vorstellung hatte: Davon, wie ich dann sein bzw. nicht mehr sein würde. Nicht äußerlich betrachtet (hier ist ein gewisser Verfall nun mal unaufhaltsam), sondern in Bezug auf Verhaltensweisen, Einstellungen, Temperament etc.

Vor 35 Jahren z.B. bin ich spätestens ab Anfang Juli neugieriger als sonst durch die Wohnung getigert, habe meine Eltern aufmerksamer als üblich beobachtet, v.a. wenn sie von Einkäufen zurück kamen. Ich platzte vor Neugierde und Vorfreude, was ich wohl zum Geburtstag bekommen würde. Ich zählte die Tage bzw. wie viele Male ich noch schlafen musste, bis es endlich soweit wäre.

Zweimal – noch heute treibt es mir die Schamesröte ins Gesicht, wenn ich dran denke – kam es ganz krass, und ich nahm heimlich den Küchenhocker zu Hilfe, um in die obersten Fächer des elterlichen Schlafzimmerschrankes gucken zu können. Einmal habe ich dort meinen allergrößten Wunsch im Karton stehen sehen – der allererste, heiß ersehnte Radio-Kassettenrekorder (Stereo!) – und glatt gewagt, ihn schon mal auszuprobieren. Was für ein Graus war es, das Kabel wieder aufzuwickeln und in das winzige Tütchen zu zwängen, in dem es originalverpackt gesteckt hatte! Und danach noch tagelang wie auf glühenden Kohlen zu sitzen, bis ich endlich „offiziell“ mit dem Gerät Musik hören durfte.

Es muss so um meinen 25. Geburtstag herum gewesen sein, als mir bewusst wurde, dass ich aus diesen Verhaltensweisen immer noch nicht herausgewachsen war, obwohl ich mich bereits für mordsmäßig erwachsen hielt. Seinerzeit ertappte ich mich nämlich dabei, zu Beginn des Julis beim Staubsaugen im Zimmer meines ersten Gatten, plötzlich auch sehr gründlich unter dem Bett, in Schubladen und Schränken nach Abzustaubendem zu fahnden…
Fortan arbeitete ich hart an mir, diese Neigungen zu unterbinden, mich in Geduld und Gelassenheit zu üben. Überraschungen sind doch schließlich sowas Wunderbares und Vorfreude ist die schönste Freude!

Mit den Jahren wurde es dann wirklich besser und mittlerweile hab ich’s im Griff: Warte ab, wühle nicht mehr, zähle keine Tage oder Nächte mehr und kann trotzdem ruhig schlafen. Bin drüber weg, habe diese Kindereien endlich überwunden. Dachte ich.

Bis diese Woche ein großes, in vollendetem Schwimmer-Design gestaltetes Kuvert im Briefkasten lag. Es war an mich adressiert und auf der Rückseite – ich traute meinen Augen kaum – mit dem Hinweis „Bitte erst am Geburtstag öffnen!“ versehen.
Wie bitte?!? Über drei Wochen sollte ich die Finger davon lassen? Das konnte nur ein Scherz sein, allerdings ein schlechter.

Während ich überlegte, welcher meiner Freunde aktuell Anlass haben könne, ein solches Attentat auf meinen so mühsam errungenen Erwachsenenstatus zu verüben, sah ich mir den Absender an und war sogleich milder gestimmt. Das Kuvert kam aus Paderborn, von Frau Hikeonart.

Nun gut, dachte ich, wir kennen einander noch nicht so lange, und offenbar weiß sie trotzdem, dass sich mein erster Schrei in diese Welt jetzt irgendwann jährt, aber eben nur so ungefähr. Ich schickte ihr eine WhatsApp, bedankte mich artig, erwähnte dennoch offen die Bürde, die sie mir mit ihrer doch sehr frühen Briefsendung auferlegt hatte, gelobte aber, die gewünschte Frist einzuhalten. Schlappe drei Wochen… – das wird man ja wohl schaffen, nach 44,9 Lebensjahren.

Die Antwort war erfreulich ehrlich, aber zugleich knallhart: Das Ganze sei ein Test für meine Impulskontrolle. Das saß.
Woher wusste die das? Nur 2x live gesehen und schon dermaßen durchschaut worden? Oder hatte sie heimlich den Gatten über meine wunden Punkte ausgefragt, hatte er mich verraten?

Ich beschloss, standhaft zu bleiben und packte das Kuvert in eine Schublade meines abschließbaren Sekretärs. Leider merkte ich schon am selben Abend, dass dem Frieden nicht zu trauen war. Es ist wie mit Chipstüten, die im hintersten Winkel des Küchenschranks gelagert werden, damit man sich ihrer möglichst erst dann erinnert, wenn eine adäquate Gelegenheit zu ihrem Verzehr gekommen ist (Gäste, WM-Endspiel, Fernseh-Abend am Ende eines Tages, an dem man nicht sonst schon esstechnisch über die Stränge geschlagen hat etc.) und nicht einfach so bzw. aus purer Gier zuschlägt. Diese Tüten rascheln ständig vor sich hin, bisweilen sind sogar fiese Lockrufe aus dem Schrank zu hören (wie das endet, ist hier nachzulesen). Wir kaufen deshalb keine Chipstüten mehr. Denn: keine Tüte => kein Rascheln und Rufen => keine sinnlose Fresserei bis zum letzten Krümel am Tütenboden.
[Randnotiz: Dummerweise haben wir jetzt einen „Notausgang“ entdeckt, quasi die Hintertür zu unseren ungezügelten Gelüsten gefunden. Unser neuer Nachbar hat immer Chipsvorräte in seiner Küche gebunkert. Unvorsichtigerweise hat er uns das mal erzählt. Also: Nebenan klingeln => Notfall verkünden => aus mehreren Tüten eine aussuchen dürfen => sinnlose Fresserei bis zum letzten Krümel am Tütenboden. Gestern getestet, mit Erfolg.]

Zurück zu der gut verstauten Sendung aus Paderborn. Sie verhielt sich also wie eine Chipstüte, das Miststück. Drei Tage ging das so dahin, einen davon bin ich sogar in die Berge geflüchtet, um ihr enervierendes Plärren nicht hören zu müssen. Gestern habe ich dann kapituliert.

Ich schloss den Sekretär auf, riss die Schublade auf, danach den Umschlag, aber damit noch nicht genug: drin war ein weiterer Umschlag! Der war zu hübsch zusammengebastelt, um ihn aufzureissen, also musste ich auch noch ein Messer holen gehen, dachte dabei an Schulzeiten und diese Kuverts im Kuvert im Kuvert im Kuvert…, die einem Freundinnen damals schenkten – und im allerletzten, kleinsten Kuvert lag dann ein verziertes Zettelchen mit „Ätsch“ drauf.

Im Zweitkuvert verbarg sich gottseidank kein Drittkuvert, sondern das, was ich erst in drei Wochen auspacken und an mein Geburtstagsfrühstücksei hätte lehnen sollen: das Präsent.

Und zwar ein sogenanntes „persönliches Präsent“. Ein Kunstwerk. Ein zum Original transformiertes Original, Teil der aktuellen Postkarten-Serie, die Frau Hikeonart gerade entstehen lässt.

Mit meinem absoluten Lieblingsmotiv drauf!

@hikeonart: WauWow! Herzlichen Dank dafür. Es wird eingerahmt auf meinem Sekretär stehen.
Und eine Frage noch zum Kartenmotto „geführte Touren 2017“: ich dich ziellos durch München oder du mich an der Nase herum oder nochmal ganz anders?

Bin ich also beim Test durchgefallen, kläglich gescheitert. Mal wieder auf ganzer Linie versagt.

Ich dachte immer, Mitte Vierzig wäre ein Alter, in dem man entspannt abwarten, sich Überraschungen aufheben, Impulse im Zaum halten könnte. Keine schöne Erkenntnis, dass das nicht klappt. Immer noch auf dem Niveau einer Zehnjährigen. Und wenn es bei einem Kuvert schon nicht klappt, klappt es bei einem Päckchen oder Paket erst recht nicht.

Daher die Bitte an alle anderen, die vorhaben, etwas zu schicken, ganz egal, in welcher Größe und Verpackung: Bitte erst drei Tage vorher losschicken (der 10.07. wäre ein guter Tag, da hat die Post noch einen Puffer oder DHL Gelegenheit für den üblichen zweiten Zustellversuch).

Dann kommt das hier so an, dass niemand mit Psychotests für Erwachsene drangsaliert wird und in dem einzigen meist durchweg positiven Monat im Jahr, in dem das sonst wacklige Seelenleben mal einigermaßen in der Balance ist, dermaßen über die eigenen Unzulänglichkeiten stolpern muss.

Besten Dank für die Rücksichtnahme!

Himmel der Bayern (20): Die Zwiebel bzw. mein Beitrag zur Blogparade „Heimatorte“.

My Hometown.

Meine Dog&Blog-Freundin Andrea aus Braunschweig hat vor einiger Zeit zu einer Blogparade aufgerufen. Bislang habe ich einen Bogen um die Beteiligung an Awards und Paraden gemacht, ungefähr einen so großen, wie ich ihn um Kettenbriefaktionen, Treuepunktesammeln im Supermarkt oder Gewinnspiele à la „Lebenslange Sofortrente“ mache.

Andreas Aufruf zur Blogparade „Heimatorte“ aber berührt etwas in mir, das mir erst vor einiger Zeit als wichtiges, vielleicht sogar zentrales Thema in meinem Leben bewusst geworden ist: das Verhältnis zu meiner Heimat, zu München und Oberbayern. Vor allem im Augenblick beschäftigt mich das wieder sehr, da ich gerade einen Umzug hinter mir habe – zwar „nur“ vom Westen Münchens in den Süden, aber für jemanden wie mich ist selbst das schon ein großer Schritt und eine weitreichende Veränderung. Die Heimat-Orte haben gewechselt: es galt, Abschied vom vertrauten Umfeld zu nehmen und sich auf das Ankommen in der neuen Gegend einzulassen.
So definiert sich durch den Umzug momentan wieder ein Teil dessen, was Heimat für mich ausmacht, ganz neu.

Also, liebe Andrea, ich beteilige mich gerne an deiner Blogparade, wenn’s auch auf den letzten Drücker ist, da sie ja in drei Tagen endet.
Hier ist meine Geschichte!

Seit du die Blogparade gestartet hast, dachte ich zwischen Ausmisten und Kistenpacken immer wieder darüber nach, wo und wann in meinem Leben eigentlich das Heimatgefühl geboren wurde. Und fand heraus: Seine Wiege steht im Süden von München, in meiner frühen Kindheit, und geschaukelt wurde sie von meinem Papa.

Mit dem Papa in Siebenhütten.

Mein Vater hatte den Niederrhein, seine Herkunftsgegend (wie ich es mal im Unterschied zu „Heimat“ bezeichnen möchte), nach dem Abitur verlassen, es zog ihn schon immer nach Bayern, genauer gesagt nach München (zu Bier, Brezen, Bergen). Als Chef des Bayerischen Jugendherbergswerks fand er dann einen Beruf, in dem er sich gleich noch enger mit dem geliebten Bayernland verbinden konnte: Ständig waren Herbergen im Neu- oder Umbau, häufig war er zwischen Mittenwald und Bad Kissingen, zwischen Donauwörth und Passau unterwegs. Oft nahm er meine Mutter und mich zu diesen Dienstreisen mit. Und wenn er das nicht tat oder tun konnte, wurden nahezu jedes Wochenende Ausflüge gemacht.

Hängengeblieben sind in meiner Erinnerung nicht etwa Schlösser, Kirchen oder andere städtebauliche Eindrücke, sondern Erlebnisse wie:

  • das Gefühl der ersten Lowa-Bergstiefel an meinen Füßen (und wie ich damit die vielen Holzstufen im Münchner „Sport Schuster“ Probe gehen musste/durfte)
  • der Geruch des smaragdgrünen Walchensees bei meinem Sturz in selbigen (als ich im Alter von 3 Jahren keine Schwimmflügel mehr anziehen wollte und auf dem Boot zu sehr rumzappelte)
  • der Geschmack der großen Eisportionen im Sollner „Monreale“ oder Neuhauser „Sarcletti“ (mit meinem Vater durfte man immer mehr als 3 Kugeln bestellen)
  • das wohltuende Alleinsein auf einer Alm unterhalb der Notkarspitze mit Aussicht hinunter nach Ettal (meine Eltern ließen mich auf halber Wegstrecke sitzen, weil ich nicht mehr weitergehen wollte und nahmen mich auf dem Abstieg wieder mit)
  • der sprechende Beo in der Jugendherberge Saldenburg, der jeden seiner Sätze mit dem „Sigi“ von Bayern 3 ankündigte (eine prägende Melodie für alle hier Aufgewachsenen)
  • meine roten Clogs mit der lächelnden gelben Birne drauf, die ich mir in einem Würzburger Schuhgeschäft erquengelt hatte (und in denen man sich sofort Blasen lief)
  • die sabbernden Bernhardiner der Jugendherberge auf dem Kleinen Arber (die uns nach der Motorschlittenfahrt hinauf freudig begrüßten und mit ihren riesigen Zungen ableckten)
  • mein 10. Geburtstag im „Trimini“ in Kochel (das Freibad mit dem damals legendären Slogan „Heit trimm i mi im Trimini“ und der längsten Wasserrutsche überhaupt, heute zum Wellnesstempel verkommen)
  • mein 11. Geburtstag in der JH Sudelfeld (mit Mitternachtsparty draußen im Schwimmbad, mitten auf dem Berg)
  • all die anderen Kindergeburtstage an oberbayerischen Seen oder im Oberammergauer „Wellenberg“ (seinerzeit das größte Wellenbad im Land)
  • die Beerdigung unseres Wellensittichs Cocolino in Thalkirchen (am Hinterbrühler See, unter einer Trauerweide)
  • die Kaulquappen vom Leutstettener Weiher (die ich in einem Kübel auf unserem Balkon großziehen durfte, bis sie ausgewildert wurden)
  • das Füttern der Frischlinge im Forstenrieder Park (und auf dem Rückweg das Kuchenholen im Café Kustermann)
  • die Radltouren zur Waldwirtschaft (wo ich Schiffschaukeln durfte, bis mir schlecht wurde)
  • das Pilzesuchen in den Wäldern bei Buchendorf (mit genauen Erklärungen zu den Standortvorlieben der diversen Schwammerl, die ich bis heute nicht essen mag)
  • die Ruderbootsfahrten an Sommernachmittagen auf dem Starnberger See (weil man da ohne von Steinen zerpiekte Fußsohlen mit einem Satz ins Wasser springen konnte)
  • der Osterspaziergang auf dem Pullacher Höhenweg, bei dem wir die Dackelwelpen trafen (von denen einer unser erster Hund werden sollte)

Meinem Vater habe ich es also zu verdanken, dass ich kreuz und quer durch München, Oberbayern und Bayern geschleift wurde, auf Berge hinauf, in Seen hinein, durch Wälder hindurch – und dass er mich vertraut machte mit den ihm wichtigen Tierarten (Hund, Wildschwein, Vogel, Frosch).
Man rutscht da ja so hinein, als Kind. Wird hineinsozialisiert in diese Welt, ob man will oder nicht. Wählt nichts selbst aus (bis auf Clogs und Eissorten), trabt mit (lustlos oder neugierig), guckt, hört, riecht, fühlt, denkt so vor sich hin und wächst halt auf. In einer Umgebung, die einem mehr oder weniger Heimat ist und die man sich ebenfalls nicht ausgesucht hat. Wahrscheinlich hat das kontinuierliche Bemühen meines Vaters um das gemeinsame Unterwegssein hier in der Region bei mir den Grundstein dafür gelegt, dass ich heute behaupten kann, meine Heimat sowohl zu kennen als auch zu lieben (was sich ja stets gegenseitig bedingt).

Sowas wie ein „Heimatgefühl“ kristallisierte sich bei mir allerdings erst durch Distanz-Erfahrungen (Ortswechsel, Umzüge, Reisen) heraus. Zunächst noch eher schleichend und unbemerkt, mit dem Älterwerden drang es dann stärker in mein Bewusstsein. „Heimat“ ist für mich nicht intellektuell begreif- oder beschreibbar, denn mein Herz hängt weder an den Bayern an sich, noch an ihrer Sprache, noch am Schweinsbraten, der Wies’n, der Blasmusik, der ewig regierenden CSU oder all dem, was gemeinhin als „typisch bayrisch“ kursiert und kultiviert wird. „Heimat“ ist etwas zutiefst Emotionales – sei es nun positiv oder negativ besetzt. Die Ausprägung des Heimatgefühls findet man ganz leicht heraus, indem man weggeht und nach räumlichem/zeitlichem Abstand zurückkehrt – und dann einfach in sich hineinhorcht, welche Schwingungen diese Rückkehr erzeugt.

Meine Studienjahre in Würzburg bescherten mir erstmals dieses konkret positive Heimatgefühl. Jedes Mal, wenn ich mit meinem kleinen Ford Fiesta das letzte Stück auf der A9 gen München zuckelte, kam irgendwann diese Stelle, von der aus man erstmals in der Ferne den Olympiaturm erspähen konnte – und bei Föhnwetter dahinter auch die Silhouette der Alpen.
Jedes Mal empfand ich in diesem Moment pure Freude, ein Gefühl von Heimkommen, Verbundenheit und Verbindung mit dieser Stadt und ihrem Umland sowie die spürbare Gewissheit, dass ich „da hingehöre“: Nach München, zur Isar, ins südliche Oberbayern, zu den Seen und den Bergen.

Meine heißgeliebte Bergwelt bei Mittenwald.

Für meinen ersten Job bin ich wieder „nachhause“ zurückgekommen. Ich habe es also nie aus Bayern herausgeschafft und nehme mir das auch für meine zweite Lebenshälfte nicht mehr vor, weil ich hier genau am richtigen Fleck bin.
Wenngleich es immerhin zwei andere Städte gibt, in denen ich mir das Leben und Wohnen gut vorstellen könnte: Wien und Köln. An Wien mag ich den gemütlichen Rhythmus der Stadt, die vor sich hinzuckelnde rote Bim, die Donau, das Essen und die Sprache. An Köln mag ich den Dom, die Mentalität der Menschen, den rheinischen Frohsinn, den Dialekt und den Rhein.
Als Kind habe ich immer behauptet: „Wenn ich mal groß bin, heirate ich einen Rheinländer oder Österreicher, wohne in einem Haus in den Bergen und habe einen Hund.“

Mit dem Dackelfräulein in den Ammergauer Alpen.

Geheiratet habe ich einen Oberbayern (na gut, im ersten Versuch einen Mittelfranken), bin jetzt wieder im Münchner Süden gelandet, wo ich auch aufgewachsen bin (also einigermaßen bergnah), habe einen Dackel (wenigstens ein Kindheitswunsch, der zu 100% in Erfüllung ging) und da die Preise links und rechts der Isar einen Immobilienerwerb für uns ausschließen, werden wir immer in einer Mietwohnung leben (und uns damit trösten, dass ein Haus letztlich eh ungeeignet wäre, da das Dackelfräulein mit ihren Platzhirsch- und Buddel-Attitüden ganz sicher ein Zaunkläffer und Gartenterrorist werden würde).

Nun lautet der Titel der Blogparade nicht „Heimat“, sondern „Heimatorte“ (wenngleich Andreas Fragen sich überwiegend auf das Phänomen „Heimat“ generell beziehen), und im Nachdenken über den räumlich-lokalen Aspekt kam ich zu dem Ergebnis, dass „Heimatorte“ für mich wie eine Zwiebel sind.

Das Herzstück der Zwiebel ist mein Zuhause, meine Heimat im engsten Sinne: Die vier Wände, in denen ich lebe, der Balkon, mein eigenes Zimmer. Wenn’s hier nicht passt (warum auch immer), verfault das ganze Knollengewächs quasi von innen heraus. Ohne meinen festen Rückzugsort „daheim“ wäre ich verloren!
Folglich gehöre ich nicht zu den Menschen, die überall heimisch werden könnten, in Zelten oder Hotelzimmern oder Ferienwohnungen oder gar im Unterwegssein selbst, sondern ich bin passionierter „Wohner“. Zwar bewege ich mich genauso gern von meinem Wohnmittelpunkt weg, ich unternehme auch durchaus längere Reisen, dies aber nur vor dem beruhigenden Hintergrund, dass mir das Herzstück meiner Zwiebel erhalten bleibt und ich wieder heimkommen kann.

Monatelange Auslandsaufenthalte oder Auswander-Pläne sind meine Sache nicht. Das finde ich etwas schade, einfach wegen der Horizonterweiterung, die damit verknüpft wäre, aber für mich kommt das nun mal nicht in Frage. Ich bin mit meinem „oberbayrischen Horizont“ rundum zufrieden. Ich finde es hier so schön, dass ich gar nicht oft weg muss oder will. Meist genügt es mir, wenn ich mit Bergblick am Seeufer sitze und eine Breze verzehre oder umgekehrt: wenn ich mit Seeblick brezenessend auf einem Berggipfel sitze. Je nach Tageszeit noch ein Weißbier dazu und „ois bassd“, wie man hier sagt.

Ohne Breze in Dießen am Ammersee.

Zurück zu meinem Zwiebelmodell der „Heimatorte“. Die weiteren Schichten, die den Zwiebelkern umgeben, sind (von Kern ausgehend): das Haus & die Nachbarn, die Straßen rund ums Haus, die unmittelbare Umgebung, die Freunde in der Nähe, der Stadtteil & seine Bewohner, Geschäfte, Institutionen und schließlich die weitere Umgebung.

Ich habe mich mal vor Google Maps gehockt und geguckt, wo eigentlich die äußerste Schicht meiner Zwiebel liegt. Oder anders gesagt: Wo mein Heimatgefühl und meine Heimatorte enden. Es ist eine relativ klar umrissene Grenze: Nördlich ist kurz hinter Dachau Schluss, westlich bei Landsberg, östlich bei Wasserburg und südlich bei Mittenwald. So gesehen wohne ich gar nicht im geografischen Mittelpunkt meiner persönlichen Heimatzwiebel, sondern zu weit nördlich! Wenn ich das ernst nähme, sollte mich der nächste Umzug nach Königsdorf im Tölzer Land (und dort am besten in den Alpenblickweg 13) verpflanzen. Mal schaun. Vielleicht ließe sich dort ja das finden, was heutzutage ebenso intensiv wie verzweifelt gesucht wird: die innere Mitte 🙂

Bis dahin wohne und heimat(m)e ich einfach mal weiter vor mich hin, hege und pflege die kleine Heimatzwiebel, auf dass sie weiter wachsen, gedeihen und niemand ihre Schale anritzen möge, was ja bekanntlich zu Tränen führt.

Die hebe ich mir lieber für die Glücksmomente auf, in denen ich fühle: „Da bin i dahoam.“

(Von links nach rechts: 3x Karwendelgebirge mit Hund, Gatten und Rind, 1x Sylvensteinstausee mit Vorkarwendel, 1x Kochelsee mit Jochberg, 1x Dante-Freibad-Foto mit Erlaubnis des Bademeisters.)

Jetzt muss ich hier weiterwurschteln, damit das Heimischwerden voranschreitet!

Und nicht zu vergessen: Home is where your dog is!

Ein schönes Wochenende wünscht dir, liebe Andrea, und allen anderen Lesern und Blogparadenteilnehmern,
Die Kraulquappe.

Kraulquappenkindheit oder: Bubbles, grün-blau.

Während der Kombi heute Morgen beim Service war, bin ich zum Duschen gegangen. Man kann sich das schon angewöhnen, nicht mehr daheim, sondern im Schwimmbad zu duschen. Selbst wenn’s zuhause wieder ginge. Das Auto kann man auch ungeduscht abgeben.

Die Service-Zeit musste überbrückt werden und ich hatte keine Lust, sie mit Wochenendeinkäufen zu verbringen. Sondern ich wollte nach über 30 Jahren dem Schwimmbad meiner Kindheitstage einen Besuch abstatten, weil das in der Nähe liegt. Das will ich schon ewig machen!

Das 70er-Jahre-Moosgrün ist an nahezu allen Stellen durch ein modernes Dunkelrot ersetzt worden. Schön. Ein architektonisches Glanzstück ist es dadurch trotzdem nicht geworden.

Was 1978 noch „Familienumkleide“ hieß, ist heutzutage patchwork-konform unterteilt in „Vater-Kind“- und „Mutter-Kind“-Umkleide.

Und wie fast immer, wenn ich fremde Bäder aufsuche, ist MEIN Spind belegt und wie ebenfalls fast immer sind links und rechts davon mindestens 10 Spinde frei. Aber ich bin geübt darin, mir 3 Ziffern zu merken.

Nach dem Duschen ab in die Schwimmhalle. Ich kann Hallenbäder eigentlich nicht ausstehen, mir ist Frischluft beim Schwimmen einfach lieber. Und 25m-Becken sind auch nicht mein Ding. Heute mache ich mal eine Ausnahme. Wobei die Halle wirklich hässlich ist, dafür ist die Belüftung besser als vermutet.

Hier, in diesem Becken, und zwar auf den Bahnen im linken Bereich des Beckens, hat die Kraulquappe das Schwimmen gelernt. So zwischen 1976 und 1978. Der Hallenhimmel ist immer noch blau und vernetzt.

Aber das Beste ist, …

… dass die Bubbles noch da sind! In den Originalfarben auf den Originalkacheln meiner Originalkindheit!
Damals habe ich in dem Gesamtgebubble immer ganz klar die Umrisse von Elliot, dem Schmunzelmonster erkannt.

Heute wirkt es auf mich wie grüne und blaue Kreise, bestenfalls wie das Modell einer chemischen Reaktion (was wird man doch einfältig).

Als ich so schwimme und nach 20 Minuten wie immer am Beckenrand meine Flossen anlege, überkommt mich die stärkste aller Erinnerungen.
Ich greife an den Beckenrand, meine Hand spürt diesen rauen, leicht geriffelten Rand, und erinnert sich sofort, wie oft sie dieses Material schon angefasst hat (bewusst hätte man das nie erinnern können, aber im Körpergedächtnis ist’s noch wie in Stein gemeißelt da!) und ich fühle mich um 40 Jahre zurückversetzt.

Das Kind, sich an den Beckenrand klammernd, weil 25 Meter damals so unendlich weit schienen, und weil man ihm die Schwimmflügel abgenommen hatte, fieserweise auch noch auf der tiefen Seite des Beckens, damit es nicht schummeln und sich hinstellen konnte.
Der Papa, ein paar Meter vor dem Kind im Wasser paddelnd und die Arme ausbreitend, mit allerhand Lockrufen und Pommes- oder Steckerleisversprechen, damit sich das Kind, das ja längst schwimmen konnte, auch ohne Schwimmflügel die 3 Meter bis zum Papa wagt: „Komm, du kannst das! Schwimm, du gehst nicht unter, ich bin doch da!“.
(Dann hat er geschummelt, ist heimlich ein paar Meter zurückgewichen, damit ich weiter und weiter schwimme.)

Und jetzt ist man da, ganz allein, am Beckenrand und im Wasser, 1 Stunde lang, ohne Angst, ohne Sich-Überwindenmüssen.
Aber eben auch ohne die Aussicht auf die genoppte blau-weiße 70er-Jahre-Badekappe des Papas und auf Pommes und Steckerleis.

Erwachsensein heißt: Freiwillig ins Wasser gehen, ohne Hilfsmittel, zur Leibesertüchtigung, danach einen gesunden, frisch gepressten Saft trinken und das Auto vom Service abholen.

Schade, dass einem das damals keiner gesagt hat, man wär‘ glatt Kind geblieben.

Wünsche allseits ein schönes Wochenende,
Eure Kraulquappe.

Gans schön gefährlich.

Vielleicht zieht es mich auch deshalb so nach Schweden, weil die prägenden Bücher und Filme meiner Kindheit hier beheimatet sind. Das waren allen voran Pippi Langstrumpf und Nils Holgersson (zumindest was die skandinavischen Einflüsse angeht).

So musste ich vor zwei Jahren unbedingt die Pippi-Langstrumpf-Drehorte auf Gotland abklappern und heute – da ich ohnehin schon rund um Skurup unterwegs war – natürlich die Nils-Holgersson-Statue aufsuchen.

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Die imposante Statue von Jon Leifsson zeigt Nils auf seiner Gans Martin und steht nahe der Ortschaft Skurup. Dass sie ausgerechnet bei einem Dorf steht, das mehr nach Krankheit oder seltsamen Körperteilen klingt als nach Kindermärchen von Selma Lagerlöf, liegt schlicht daran, dass dem Märchen nach die Wildgänse ihre Reise genau hier begonnen haben.

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Unfassbar eigentlich, dass die sonst so kluge Leitgans Akka von Kebnekaise mit ihrem Gänseschwarm ausgerechnet hier, auf einem Hügel bei Skurup, gestartet sein soll, wo es doch hier haufenweise Ortschaften mit hübscheren Namen und Hügeln gäbe.

Noch unfassbarer, dass die Statue zwar in den meisten Broschüren und Reiseführern zur südschwedischen Region Skåne abgebildet und erwähnt ist, aber niemals mit einer genaueren Wegbeschreibung als „an der Autobahn E65 zwischen Malmö und Ystad“. Auch Recherchen im Internet führen zum selben Ergebnis.

Und das hat seinen guten Grund, wie ich beim Herumgehen/-fahren und Ausschauhalten nach der Statue rund um Skurup schließlich feststelle: Sie steht wirklich an der Autobahn. Nicht an einem Rastplatz, nicht über eine Landstraße oder einen Weg erreichbar – nein, es ist ein kleiner Hügel neben der Autobahn, der von keiner Seite zugänglich ist, außer man hält mitten auf der Autobahn an.

Von einem nahegelegenen Gehöft aus robben wir uns ganz nah an die Autobahn heran – wenigstens der Hund hält das für ein neues Outdoor-Spiel und hat Spaß – und in einem verkehrsarmen Moment schieße ich – in der einen Hand die Hundeleine, in der anderen die Kamera – ein wolkiges und wackliges „Ich war da“-Foto.

Ich möchte nicht wissen, wie viele Unfälle dieses Gänsedenkmal schon provoziert hat, trotz des schwedenweiten Tempolimits von 110km/h.

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Bleibt zu hoffen, dass Akka von Kebnekaise, deren Skulptur im 10km entfernten Smygehuk steht, leichter zu erreichen ist. Es heißt, sie stünde „nah am Hafen“.