Right here by my side.

Zurück zuhause.
Abbracci & Dolomiti wirken noch nach, aber es ist der übliche Effekt: Kaum ist man wieder daheim, umarmt einen auch der Alltag wieder (und der besteht wahrlich nicht nur aus panna fresca oder derlei Balsam).

Die Wunden der Urlaubstage heilen allmählich.
Tagsüber wärmt uns noch die heimische Herbstsonne, aber nachts, da müssen wir mittlerweile schon enger zusammenrücken, um nicht zu frieren. Fürs Winterbett ist’s dennoch zu früh, eindeutig.

*****

Heute, so belehrt einen jede Zeitung, jeder Radiosender und sogar die Biergartentischnachbarn, die dem Dackelfräulein unbedingt eine Pommes andrehen wollen, heute ist Welthundetag.
Darüber darf ich dann ausführlich mit den Biergartentischnachbarn sprechen, was mich eigentlich zunächst im stillen Genuss meines nachmittäglichen Getränks etwas stört, aber man will auch nicht unhöflich sein. Gestattet sogar, dass Madame Hund die Pommes verspeisen darf, die ihr angeboten wird. Was soll’s. Von der Figur her kann sie sich’s ja allemal erlauben.
So erfährt man schließlich, woran Basset Ernie seinerzeit tragisch verschied. Das Ehepaar in den späten Sechzigern verdrückt sich ein Tränchen. Ist ja schon über 10 Jahre her, dass Ernie von ihnen ging, man müsse da ja irgendwann mal drüber weg sein, zumal in ihrem Alter.

Nein, das muss man nicht, sage ich zu den beiden.
Über manches kommt man eben nicht hinweg.
Manche Lebewesen hinterlassen Spuren, die unauslöschbar sind – und es auch bleiben dürfen.

Aber noch hab ich leicht reden, ergänze ich, denn noch wuselt das Dackelfräulein ja hier putzmunter umher, gräbt ein Loch nach dem anderen ins biergartennahe Schilf, verbellt mit Inbrunst andere Hunde, die es wagen, auch nur einen Blick in ihr Schilfareal zu werfen oder einfach (ohne im Besitz eines Passierscheins zu sein) an der Grabungsstätte vorbeizugehen, und sie ist so gesund und munter wie man sich das nur wünschen kann.
Wir sind mittendrin, so fühlt es sich an, und es gibt keinen Grund, ans Ende zu denken, oder doch?

In Südtirol brach ich mal urplötzlich in Tränen aus, als mir – anlässlich der Schinkenspeck-Besorgungen für den nahenden 75. Geburtstag vom Papa – erstmals bewusst wurde, dass es, wenn alles normal liefe, womöglich sein könne, dass es den Papa und unsere Dackeldame eines Tages relativ zeitnah erwischen könnte.
Er hat, optimistisch geschätzt, noch ca. 10 Jahre, eher weniger. Und Pippa hat, realistisch geschätzt, auch noch ca. 10 Jahre, ebenfalls eher weniger. Da kann man sich dann schon mal einen Abend lang hineinsteigern in diese gruselige Vorstellung, dass zwei emotionale Großkatastrophen in einen ähnlichen Zeitraum fallen könnten.
Rüsten kann man sich dafür nicht, es gibt für jeden Schwachsinn Seminare, aber auf die großen Schicksalsschläge bereitet einen keine Sau vor. Da muss man drauf vertrauen, dass man, wenn’s soweit ist, in sich selbst Halt findet und bei ein paar nahen Menschen, die einen auffangen (und drauf hoffen, dass der Psychotherapeut des Vertrauens dann noch nicht in Rente gegangen ist, was durchaus knapp werden könnte).

Ich sitze also am See und unterhalte mich mit Fremden über den Welthundetag und die weltschlimmsten Hundetode. Die Tode, die schon gestorben wurden und die, die eines Tages noch zu sterben sind.
Irgendwann haben wir alle wässrige Augen. Und dann sagt der Mann zu mir, ob wir nicht auch noch ein Wort über die Anfänge verlieren wollen. Und fragt, ob ich mich denn an den Anfang erinnern würde und was meine erste, prägende Erinnerung sei.

Ein Foto, entgegne ich.
Darauf der kleine Hund, den wir schon ausgesucht hatten (um nicht die abgedroschene Formulierung „der sich uns ausgesucht hatte“ zu verwenden).
Sie wurde, noch bei der Züchterin lebend, an ihre (von uns mitgebrachte) Hundebox gewöhnt. War ein Tipp der Züchterin, um dem Welpen dann später die Eingewöhnung ins neue Zuhause zu erleichtern.

Herrje, und dann schickte uns die Züchterin DIESES Bild:

Sehen Sie das Auge?
Und diesen Blick, den dieses winzige Häufchen Hund – mit hochgezogener Braue und so vollkommen authentisch! – in die Welt wirft?
So scheu, so klein, so ausgeliefert, so fragend.
Das hat mich zutiefst ergriffen!

6 Jahre, 8 Monate und 2 Tage nach diesem Foto muss ich sagen: Die Scheu hat sie doch ziemlich abgelegt, ein gestandener Dachshund ist aus ihr geworden, ausgeliefert sind wir einander jeden Tag auf andere Art, die wesentlichen Fragen sind zwischen uns längst alle geklärt, wenngleich nicht immer zur beiderseitigen Zufriedenheit.

Aber ihr Blick, wenn sie denn auf eine dieser bestimmten Weisen dreinblickt, was sie regelmäßig tut und natürlich auch bewusst einzusetzen weiß, also wenn sie mich SO ansieht, dann schießt mir das noch immer mitten ins Herz und ergreift mich ganz und gar (falls Sie das näher interessiert, dann lesen Sie dazu doch mal den Artikel „Der Dackelblick. Phänomenologie einer besonderen Hund-Mensch-Vergemeinschaftung.“ – da haben der Gatte und ich das vor einiger Zeit mal zusammengefasst und illustriert).

Wir wünschen allen Hunden und ihren Menschen einen schönen Welthundetag:
Freut euch aneinander und liebt euch, so lange ihr euch habt!

 

Stay with me
My love I hope you’ll always be
Right here by my side if ever I need you
(…)
I will follow you will you follow me
All the days and nights that we know will be
I will stay with you will you stay with me
Just one single tear in each passing year

But stories always end.

Da warst Du plötzlich wieder. Nachts um 3, im Zentrum eines Traumes, der ebenso zappenduster wie beschwingt war.

Eine Weihnachtsfeier in der Firma. Die beschwipsten Kollegen tanzen, wir stehen am Rande des Geschehens und schauen ihnen zu, die Szenerie hat was von abendlichem Apfelsinentanz unter Pauschaltouristen auf griechischen Inseln. Die Musik zu laut und zu klebrig, wie ein billiger Fusel, lediglich fürs schnelle Besäufnis geeignet, mit Schädelweh-Garantie. Wir schütteln den Kopf.

Da holst Du Dein iPhone aus der Hemdtasche, stöpselst zwei Kopfhörer dran und reichst mir eines der weißen Kabel. Ich drücke mir die beiden Knöpfe fest in die Ohrmuscheln.

Dann hören wir das hier und weinen und alles ist gut.

If I could read your mind
What a tale your thoughts could tell
Just like a paperback novel
The kind the drugstores sell
When you reached the part where the heartaches come
The hero would be me
But heroes often fail
And you won’t read that book again
Because the ending’s just too hard to take

If you could read my mind
What a tale my thoughts could tell
Just like an old time movie
‚Bout a ghost from a wishing well
In a castle dark or a fortress strong
With chains upon my feet
But stories always end
And if you read between the lines
You’ll know that I’m just tryin‘ to understand

The feelin’s that you lack.

Knarzende Scharniere oder: I got my finger on the trigger.

Mit Süßkram hab ich’s nicht so sehr.
Würde sich der gezuckerte Teil der Welt auf Nutella, Pistazieneis und Streuselkuchen beschränken, würde mir nichts Wesentliches fehlen (wenn mir hingegen die Brezen genommen würden – dann gute Nacht!). Letzterer, also der Streuselkuchen, hat jetzt Hochsaison, das erntereife Obst, so wirkt’s, wenn man den Blick über die Kuchenvitrinen schweifen lässt, kann es kaum erwarten, sich dicht aneinander geschmiegt unter die buttrigknusprigen, goldbraunen Streusel zu legen und sein Fruchtfleisch genüsslich auf Hefe- oder Mürbteigböden auszustrecken.

Heute Morgen rief mich überraschend B. an. Ob er kurz vorbeikommen dürfe, er hätte zwei Bleche Streuselkuchen gebacken und das sei eigentlich als kleines kulinarisches Beiwerk für den geplanten Umtrunk im Büro zu viel des Guten. Die Kollegen wüssten das eh nicht zu schätzen. Da habe er an mich gedacht.
Eher Birne oder Zwetschge, habe er sich gefragt, sich dann aber erinnert, dass ich in derlei Gebäck lediglich die Matschigkeit von Äpfeln nicht allzu sehr goutiere. Ob der Gatte da sei, dann brächte er gern die doppelte Menge. Er könne ruhig die doppelte Menge bringen, obwohl der Gatte in Frankfurt sei, entgegnete ich. Bei Streuselkuchen darf man mir ruhig was zutrauen.
Und so fuhr er mittags zu mir, stellte mir vier große Stücke des duftenden Kuchens in die Küche, drückte mich kurz, sah mich an, machte eine Bemerkung zur Müdigkeit, die mir wohl ins Gesicht geschrieben stand sowie zur Herpesinvasion auf meiner Oberlippe, gab damit zu erkennen, dass er in etwa wusste, wie es mir geht, schnürte daraus noch einen anteilnehmenden Schlusssatz und musste leider gleich wieder los, zurück ins Büro.

*****

Als ich die Tür hinter ihm schloss, war mir nach Heulen zumute.
Weil B. – obwohl sehr sprachgewandt und sicher im Ausdruck – Gefühle kaum je mit schönen Worthülsen ummantelt, sondern überwiegend in Taten ausdrückt.
In den anderthalb Jahrzehnten, die wir uns kennen, hat er mit einer Kontinuität hinhören, sehen und wissen wollen, wie ich sie nur bei wenigen Menschen erlebt habe. Beständig stellte er Fragen, wenn er nicht verstand, und gab Antworten, wenn ich verstehen wollte. Mit Kritik hielt er ebensowenig hinterm Berg wie mit Zuspruch. Von allergrößter Einigkeit bis hin zu kaum überbrückbaren Differenzen haben wir alle Stadien an Mitteilungslust und -frust durchlaufen. Beide hassen wir Rumsitzen und Rumtrödeln, beide lieben wir es, wenn der andere Ideen hat und die Initiative ergreift, beide freuen wie uns, den anderen mitreißen zu können, beide sind wir bekennende Resonanzjunkies und ekelhafte Korinthenkacker, wenn es um Klippen und Klappen der Kommunikation geht.
Es gibt nicht viele Menschen, von denen ich behaupten würde, dass sie mich wirklich kennen oder erkannt haben (und umgekehrt), B. gehört jedenfalls zu ihnen.

Dieses Glück ist wie ein Scheck, den man überall und jederzeit einlösen kann, selbst wenn man einander zwischendurch, so wie B. und ich, zweimal zwei Jahre nicht gesehen hat, unterbrochen nur von einer Beerdigung und einem Krankenhausbesuch (absurd eigentlich, aber so ergab es sich).
Man steht sich gegenüber, nimmt den Faden wieder auf als hätte man ihn erst gestern fallen lassen oder sowieso nie aus der Hand gelegt, nichts ist verloren oder vergessen, aber alles verziehen und verwunden.
Ein Glück, dass wir seit ein paar Monaten wieder in Verbindung sind.

Ich legte mir eines der Kuchenstücke auf den Teller, nahm es mit an den Schreibtisch, begann genussvoll zu essen und riss mir bereits beim zweiten Bissen eines meiner Beulenpestbläschen an einer krustigen Streuselkante auf. Es war nicht das Bläschen, das ich mir morgens beim Abtrocknen mit dem Frotteehandtuch aufgehobelt hatte, sondern ein anderes. Etwas Blut tropfte hinunter und landete recht adrett exakt zwischen zwei Zwetschgenschnitzen.
Man wird also beim Zubeißen in den nächsten Tagen ebenso Acht geben müssen wie beim Lachen oder Schreien oder Zähneputzen.

*****

*****

Manche Menschen überschütten einen mit Liebesschwüren, man fühlt sich wonnig überzogen von ihrem verbalen Zuckerguss, schleckt mal links, mal rechts an der süßen Schicht, überfrisst sich vielleicht sogar ein bisschen an der köstlichen Klebrigkeit. Und stellt wenig später erstaunt fest: praktisch und faktisch bleibt nicht viel mehr davon übrig außer einem klebrigen Gefühl auf der Zunge.

Den größten Worten folgen oft nicht mal die kleinsten Taten. Eine leise Kritik, ein falsches Wort, ein einziges mitgeteiltes eigenes Bedürfnis kann ausreichen und schon treten sie den Rückzug an, wenden sich gekränkt ab. Flugs verwandelt sich das gerade noch lodernde Feuer ihrer Zuneigung zum kläglich glimmenden Kohleklumpen, der noch ein Weilchen die Temperatur hält und wenig später in stummer Kälte erlischt.

Sie lieben sich in ihrem Liebestaumel und in der Vorstellung ihrer selbst als Liebende so sehr, sonnen sich in ihren Bekundungen, wälzen sich wohlig darin und vergessen darüber völlig, dass sie den anderen, die Zielscheibe ihrer Schwüre, entweder gar nicht oder nicht gut genug kennen, um ihn überhaupt und noch dazu mit diesem Überschwang lieben zu können.

Aber ums Kennen geht es ihnen ja auch nicht, schon gar nicht ums Erkennen, dazu sind sie viel zu verstrickt in sich selbst, verheddert in die ewige Nabelschau ihres von der Welt ach so missachteten oder beschädigten Ichs oder völlig aufgeweicht vom Bad in ihren zerquälten Seelentümpeln, in denen schon seit Jahren keine Rose mehr gedeihen möchte und alles Lebendige mangels Licht und Pflege längst veralgt oder verendet ist.

*****

Auch die Mutter war so gestrickt.
Sie gefiel sich so sehr in den wenigen Szenen unseres 17 Jahre währenden Theaterstücks, in denen sie als „die Liebende“ auftrat. Dankbarkeit und Applaus waren angesagt, wurden geradezu eingefordert: „Schau her, wie ich dich liebe und was ich dir alles opferte!“ lag in jedem ihrer Schritte, mit denen sie über die Bühne stolzierte, das Haar in den Nacken und mir ein Lächeln zuwerfend.

Dankbar sollte ich sein, wenn sie, die ewig Angeschlagene, trotz allem in der Lage war, mir dieses Lächeln zu schenken.
Einmal im Jahr gab es Streuselkuchen, mit matschigen Äpfeln darin, dankbar sollte ich sein für diese Anstrengung, die sie meinetwegen auf sich genommen hatte.
Hatte sie sich tagelang von allem zurückgezogen und kam für einen Moment wieder hervorgekrochen aus ihrem Elendssumpf, hätte ich besonders dankbar sein müssen, denn schließlich hatte sie diesen Kraftakt nur für mich vollbracht.

Für mich, die ich sie qua meiner Existenz in dieses Jammertal verbannt hatte, weil man als Frau mit Kind am Hals in den 70er Jahren nun mal nicht hätte davonlaufen können aus einer Ehe, die nichts weiter war als die Eintrittskarte in das Tal der Tränen.
Also schickte sie den Mann davon, diesen undankbaren Klotz, dem sie doch ihre besten Jahre geschenkt hatte, die ihr nun niemand mehr zurückgeben konnte. Blieb, wo sie war, behielt das Kind und den Hund, und war fortan noch überforderter.

Mit aufgeschlagenen Kinderknien konnte sie noch umgehen, auch mit Erkältungen, aber als die Wunden und Infekte des Heranwachsens größer und schwieriger wurden, begann ein Wettstreit, bei dem der Sieger bereits feststand. Egal, was ich auch hatte: ihr Leid war größer, wichtiger, langwieriger.
Die wenigen Male, die ich es wagte, trotz ihres schwereren Leidens um Aufmerksamkeit, Zuwendung oder Trost für mich zu bitten, wies sie mich schroff und zutiefst erschüttert von sich.
Ob ich denn nicht sähe, wie schlecht es ihr ginge und dass es ihr nicht möglich sei, sich jetzt auch noch mit mir zu befassen. Es ginge um ihr Überleben, ob ich das denn nicht begreifen würde. Noch ein Mucks und sie verstummte mit einer Dramatik, die einem Angst und Bange werden ließ (von den Strafen soll hier und heute nicht die Rede sein).
Schon Jahre vor dem ersten Krebs gab es dieses gefühlte „Es“, dieses unheimliche Etwas, das größer war als sie und das über sie kam wie eine Heimsuchung, der sich alles zu beugen hatte. Ich beugte mich. So tief ich konnte, aber nur bis zu einem Punkt, von dem aus es immer noch möglich war, hinaufzuschielen zu der Mater dolorosa, um die ich mich zu kümmern hatte und nach deren Befinden alles ausgerichtet werden musste.

Ich verschwand ganz und gar hinter dieser Aufgabe, wurde unsichtbar und zugleich an der Oberfläche zur perfekten Marionette und zur allzeit aufmerksamen Besorgerin, wie die Haushaltshilfen in Österreich so schnöde tituliert werden. Und wetzte des nachts in meinen Träumen die Messer, mit denen ich eines Tages diese Schnüre alle durchtrennen würde.

Ab und an ließ ich eine der noch unfertigen Klingen aufblitzen, wenn ich in Diskussionen merkte, dass meine Argumente die besseren waren und ich sie damit mühelos in die Enge hätte treiben können, was ich freilich niemals gewagt hätte (die drohende Strafe, nicht auszudenken!), ritzte meine Worte damit heimlich unter die Tischplatte, wo ich sie später, in den vielen so hilflosen Momenten, zumindest noch mit den Fingerspitzen ertasten konnte wie ein Blinder die Brailleschrift.
Zur Selbstvergewisserung und zur Ablenkung von dem Unsäglichen, das sich oberhalb der Tischplatte zutrug.

Als der erste Krebs kam, und er kam leider recht früh, hatte sie zeitgleich mit der Diagnose auch ihr ultimatives Totschlagargument erhalten. Sie nutzte es reichlich.
Selbst in den Runden, in denen sie das schlechtere Blatt hatte, zog sie dieses düstere Ass aus ihrem Ärmel und warf es mit versteinerter Miene auf den Tisch. Game over.
Da lag es, glotzte uns mit seinen fahlen Augen drohend an und verdammte uns für die noch folgenden Jahrzehnte ihres Überlebens zum Schweigen.

*****

I got my finger on the trigger
But I don’t know who to trust
When I look into your eyes
There’s just devils and dust
We’re a long, long way from home
Home’s a long, long way from us
I feel a dirty wind blowing
Devils and dust

Well I dreamed of you last night
In a field of mud and bone
Your blood began to dry
And the smell began to rise

And I’m just trying to survive
What if what you do to survive
Kills the things you love
Fear’s a dangerous thing
It can turn your heart black you can trust
It’ll take your God filled soul
Fill it with devils and dust

*****

Hier stehe ich nun. Das ist meine Geschichte.
Nun kann ich sie erzählen, die Zeit ist reif dafür.

30 Jahre sind vergangen seit „damals“.
30 Monate, seit sich ein Deckel für immer geschlossen hat. Ihrer.
Und ein anderer sich öffnen konnte. Meiner.

Ich drücke ihn nach oben, stemme mich gegen den Widerstand seiner knarzenden Scharniere, hebe ihn schließlich ganz hoch, bis er einrastet und ohne mein Zutun geöffnet bleibt, recke meinen Kopf empor und sehe den Himmel.

So rein die Luft – und so weit der Raum.

*****

I’ll be watching you.

Aus der Rubrik: „Ecken, in denen man nicht sitzen mag.“

Every move you make | Every steak you take | I’ll be watching you!

Song des Tages (23).

Starry, starry night, portraits hung in empty halls
Frameless heads on nameless walls with eyes that watch the world and can’t forget
Like the stranger that you’ve met, the ragged man in ragged clothes
The silver thorn of bloody rose, lie crushed and broken on the virgin snow

Lang nicht mehr gehört, diesen Song, der im Sommer meiner Geburt durch die Top Ten’s wanderte.
Den H. und ich zusammen in unseren Teenie-Jahren zelebrierten, auf Hs cremeweißen IKEA-Sofa sitzend, die geblümten Vorhänge ihres Jugendzimmers wehten sanft im Sommerwind (der durch die gekippten Fenster die ersten zarten Verheißungen kommender Verliebtheiten hineintrug in unseren musikerfüllten Raum).
An Melancholie und Wehmut nur noch zu toppen durch „Seasons in the sun“.

Danke übrigens für die zahlreichen Nachfragen auf allen Kanälen.
Mir geht’s gut. Ehrlich.
Der innere Katalysator läuft halt manchmal auf Hochtouren, aber das putzt das System ja meist wohltuend durch.

Genießen Sie den Sommerabend, schon morgen steht wieder ein Temperatursturz bevor!

Steiler Zahn.

*****

Da kraxeln das Dackelfräulein und ich den recht steilen Zahn und die zackige Sonnenspitze hinauf und von dort wieder zur Alpenvereinshütte mit Zugspitzblick hinab, das Stimmungsbarometer (zumindest vorübergehend) ebenso im Aufwärtstrend wie das Thermometer, und dann sind da herobn auf der Hüttn kurz vor uns unerwarteter- und, wie die Wirtin grantig anmerkt, auch unangemeldeterweise zwei Schulklassen eingefallen und haben uns alle Portionen des AV-Bergsteigeressens weggefressen.

So wird das heut‘ eine sehr preiswerte Einkehr, nur mit einer leichten Weißen und dem Steckerleis aus der Kindheit, das grad ein Revival erlebt. Dolomiti, allein der Name ein Versprechen, heut‘ erneut gegeben unter dem Himmel der Bayern (übrigens: exakt da herobn begann sie seinerzeit, die gleichnamige Serie auf diesem Blog – ist das echt schon zwei Jahre her?!). Nur die grüne Schicht vom Dolomiti, die ist nicht mehr das, was sie vor 35 Jahren mal war.

Und ich lobe mir mein Proviantsackerl mit Käsebrot und Tomaten, da ist man unabhängig von Schulklassen und Nahrungsangebot und hat eh die bessere Qualität zwischen den Kiemen (nun, da man ja en detail weiß, was da so serviert wird, auf den Hütten).

*****

*****

Die Welt ist ja klein.

Am Nachbartisch ein junger Mann, der freundlicherweise das Dackelfräulein observiert während ich mich umziehen gehe. Das Observieren ist nötig, weil Pippa den permanent auf der Terrasse herumpatrouillierenden Hüttenhund noch mehr hasst als die zahlreich umherschwirrenden Fliegen.

Aus dem Waschraum kann ich hören, dass der junge Mann gut zu tun hat. Hernach danke ich ihm herzlich, wie souverän er die Bellattacken gemeistert hat. Wir kommen ins Gespräch. 6. Semester Klavier an der Musikhochschule (meine Güte, so jung!). Und er kennt natürlich den hochbegabten Sohn des toten Freundes (wie gesagt: die Welt ist klein). Er heißt jetzt nicht mehr wie sein Vater, erfahre ich. Hat seinen Nachnamen geändert, um den Vater und überhaupt die ganze Sippe zu vergessen. Als ob man seine Wurzeln loswürde, wenn man die Blätter oder die Rinde anders einfärbt. Der neue Nachname lässt mich dennoch auflachen (ins Deutsche übersetzt bedeutet er: „der Glückliche“) und ich weiß, dass der tote Freund mitlachen würde, wenn er davon erführe (später werde ich an einer einsamen Stelle am Berghang gen Himmel gucken – wenngleich es gen Erde logischer wäre – und es ihm sagen).

Das Piano bespielt der Sohn wohl immer noch göttlich. Möge er seinem neuen Namen die Ehre erweisen und glücklicher sein als sein Vater.

*****

*****

Unterwegs zwei Bergdialoge.

Nr. 1: (Ein Paar – dicker Bayernprolet mit angeheirateter, dünner Katalogthailänderin – kommt uns in Turnschuhen entgegengehatscht, die zierliche Frau kiekst vor Begeisterung als sie Pippa erblickt.)

Sie: „Bist du ein süßer Hund! Komm mal her!“

Er: „Des is a Dackl. A Rau-haar-dac-kel. Heast?“

(Dackelfräulein reagiert auf Weiberkieksen grundsätzlich mit wildem Gewedel und Wadln-Abschlecken. Auch bei dünnen thailändischen Wadln.)

Sie (kreischt nun): „Iiiii! Der hat ja eine Zunge!“

Er (dumpf, repetierend): „Des is a Rau-haar-dac-kel, heast?“

Nr. 2: (Vom lustlosen Kinde, der Hitze und einigen Wochen Sommerferien zermürbte Kleinfamilie schlurft durch den Bergwald. Tochter bleibt schon wieder stehen. Pippa und ich setzen zum Überholen an.)

Mutter (süßlich-streng): „Nein, Annalina, die Beere darf man nicht essen. Das ist eine Tollkirsche und die ist giftig.“

Tochter (sehr fix): „Aber warum heißt die dann ‚toll‘, wenn die so böse ist?“

Vater (lakonisch): „Vieles im Leben ist eine Mogelpackung.“

Tochter: „Was ist eine Mogelpackung?“

(Leider muss ich in dem Moment das Fräulein anleinen, weil ich Rotwild erspähe und bekomme daher die Fortsetzung der väterlichen Lebensweisheit nicht mehr mit.)

Bergwandern allein hat schon auch was für sich.

*****

*****

Ein langer Marsch heute. Wir sitzen nun bei Zweitgetränk und Zweitnapf im Tal, kühles Gras unter unseren Füßen.

Erinnerungen an dieselbe Tour vor ca. 12 Jahren. Ich damals auf dem Höhepunkt meiner Rastlosigkeit, unterwegs zwischen mancherlei Extremen, citius-altius-fortius war die Devise, wie eine Getriebene, den Kopf voller Ziele, niemals frei ‚da oben‘.

Geschunden hab‘ ich mich, gerannt bin ich als wär‘ ich auf der Flucht, vielleicht war ich’s auch. Dabei ist Alpinismus weder Sport, noch Wettkampf, sondern eine Art Philosophie, eine Lebensform.

Meinem kleinen Hund sei Dank, dass ich das grad noch früh genug kapiert habe.

*****

Verloren.

Mein Ellenbogen und ich auf dem Weg in die orthopädische Praxis. Mal wieder.

Als ich in Großhadern aus der U-Bahn steige und die Treppe zum Ausgang hinaufschnaufe, höre ich ein vertrautes Schimpfen. Tschätschätschätschätschä schallt es mir von oben entgegen. Es klingt nah. Sehr nah sogar. Nach über 30-jährigem Zusammenleben in der Vergangenheit weiß ich a) sofort, wer der Verursacher ist und b) was das Gemecker zu bedeuten hat: Ein Wellensittich ist mit irgendetwas nicht einverstanden – und äußert das in aller Deutlichkeit (eine Deutlichkeit, die ich 12 Semester lang auf meiner Schulter oder der Schreibtischlampe sitzen hatte, während ich Seminararbeiten schreiben musste).

Auf den letzten Treppenstufen gucke ich bereits neugierig nach oben, dort ein nah gelegenes Wohnhaus vermutend, in dem auf einem Balkon der unteren Stockwerke ein Käfig zu sehen sein wird, in dem der kleine, energische Grantler hockt.

Stattdessen sitzt er auf dem Treppengeländer des U-Bahn-Aufgangs.

Grün-gelb ist er, dünn vor Schreck oder Aufregung und seine Füßchen finden nicht richtig Halt auf dem glatten Handlauf des Metallgeländers. Für den Bruchteil einer Sekunde haben wir Blickkontakt, dann rutschen seine streichholzdünnen Beinchen endgültig ab und er flattert davon.

Ich renne ihm hinterher. Erst zur Mauer, dann zur Kastanie, doch von dort fliegt er in den Hinterhof einer Wohnanlage.

Der Hausmeister ist nicht da. Ein anderer Bewohner, bei dem ich läute, schnauzt mich an, dass ich mir fürs Hausieren eine bessere Story ausdenken müsse. Der dritte Versuch ist erfolgreich: eine Omi lässt mich ins Haus. Ich irre durchs Erdgeschoss und finde die Tür zum Hinterhof. Es ist ein riesiger Hof, mit vielen Bäumen. Ich stelle mich in die Mitte der Anlage und lausche. Fünf Minuten hoffe ich inständig, dass ich das Tschätschätschätschätschä höre. Nichts.

[Ganz schnell muss ich dann einen Gedanken verdrängen, der immer hochkommt beim Thema „entflogene Vögel“: Die Ex-Schwägerin, die sich zur Unterstützung in einer ihrer labilen Phasen mal ein Wellensittichpärchen angeschafft hatte, dann aber bald von Gezwitscher und Käfigputz überfordert war und den beiden vom Balkon ihrer Wohnung aus, die im 12. Stock eines Erlanger Hochhauses lag, „die Freiheit schenkte“, wie sie es damals relativ ungerührt berichtete und wäre es nicht das Kaffeekränzchen zum 70. der Ex-Schwiegermutter gewesen, hätte ich sie vermutlich angeschrien oder geohrfeigt (oder am liebsten beides).]

Ich verlasse den Hof wieder und trotte traurig die Straße entlang. Verloren ist er, der kleine Kerl. Mit großer Sicherheit ist er verloren.

Es sind oft diese kleinen Erlebnisse, die mir das Herz brechen, so unerwartet und mitten im Tag.

Auf ein Isarkindl!

Spätnachmittags auf der Wiesn.

*****

Beim morgendlichen Weg zum Wochenend-Waldlauf bemerke ich, dass nach Langem mal wieder ein dunkler VW Touran vor mir herfährt. Dieses Modell mit den noch leicht eckigen Rücklichtern sieht man mittlerweile nur noch selten. Es war das letzte Auto, das N. fuhr (einer italienischen Prostituierten müsse es gehört haben, behauptete er stets, weil es innen auch noch zwei Jahre, nachdem er es gekauft hatte, penetrant nach billigem, süßem Parfüm roch) und das – genauso wie N. – nirgends mehr zu sehen sein wird, da sein Sohn es kurz nach Ns Tod gegen einen Zaun gesetzt hatte.

Manchmal gingen wir mittags nicht zum Italiener in dem Viertel, in dem unsere Firma lag, sondern fuhren an den Stadtrand zu einem anderen italienischen Lokal. Weil man dort garantiert keine Kollegen treffen würde.
N. sagte dann immer: „Dort können wir mal ganz in Ruhe über Persönliches reden!“. Wir stiegen jeder in sein Auto, um den durch einen gemeinsamen Aufbruch in einem Fahrzeug entstehenden Bürotratsch zu vermeiden (dazu muss man sagen: wir waren stets über 2 Stunden außer Haus, was alle Mittagspausengepflogenheiten sprengte und daher schon genug Fragen aufwarf) und trafen uns meist kurz nach Verlassen der Firmentiefgarage draußen auf der Straße. Er fuhr dann vor mir her, daher haben sich mir die Rücklichter seines Tourans so eingeprägt. Sie passten zu ihm. So unzeitgemäß und eckig (und dennoch so weich wirkend, durch die kleineren runden Lichtkreise in ihrer Mitte).

Saßen wir schließlich bei dem Stadtrand-Italiener und waren völlig ungestört, kam es entgegen Ns Ankündigungen niemals zu besonders persönlichen Gesprächen.
N. nahm sich nämlich selbst nicht so wichtig, und wenn er mal kurz (und womöglich sogar ungefragt) von sich sprach, dann auf eine bescheidene, zurückhaltende Weise, obwohl es durchaus Einiges gegeben hätte, worüber zu klagen oder gar zu verzweifeln gewesen wäre. Es war seine Sache nicht, in den immer lauter werdenden Ich-Ich-Ich-Kanon der Zeitgenossen drumherum einzustimmen, im Gegenteil. Seine Haltung war die, nicht aus jeder Seelenregung, Kränkung oder Belastung eine Nabelschau oder ein Drama zu machen, sondern auch mal von sich abzusehen und den Blick bewusst nach außen zu wenden. Ihn auf ein Tun zu richten oder auf andere Menschen (oder auch bloß auf das Fußballspiel am Feierabend oder auf die Natur, durch die er bei seinen Runden an der Isar streifte).

Wie sehr ich diesen Zug an ihm mochte!, denke ich, als der Touran vor mir abbiegt und auf Nimmerwiedersehen im Dunkel des Luki-Tunnels verschwindet.

*****

Neulich erzählt mir der Papa am Telefon, dass ein gemeinsamer Bekannter von uns (den wir jetzt einfach mal so nennen wollen, obwohl wir eigentlich keine „Bekannten“ zu haben pflegen, weder der Papa, noch ich, aber „Freund“ wäre wiederum übertrieben, und leider gibt’s für die Nähegrade dazwischen ja irgendwie keinen treffenden Begriff) an Krebs erkrankt sei.

Schlagartig wird mir klar, wieso ich so lange nichts von dem Bekannten gehört habe. Ich ringe einige Tage nach den passenden Worten und dem passenden Zeitpunkt (und da er bald Geburtstag hat, eilt es, denn der Geburtstag ist mit Sicherheit nicht der passende Zeitpunkt). Vor ein paar Tagen, in der Abendsonne an der Theresienwiese sitzend, finde ich dann Sätze, die mir einigermaßen angemessen erscheinen und ich schicke sie ihm aufs Handy, was sich ein kleines Bisserl absurd anfühlt, da er ja dort drüben auf der anderen Seite der Theresienwiese wohnt, sofern er da grad überhaupt wohnt und nicht in einer Klinik ist.

Letzteres ist der Fall, wie ich heute erfuhr, als mir mein Handy seine Antwort überbrachte.
Die John-Lennon-Frisur fiel der wochenlangen Chemo zum Opfer, die anschließende OP habe er halbwegs gut überstanden, schreibt er. Und dass er sich freue, so unverhofft von mir zu hören und jetzt gern zur Motivation vor seiner Reha fest ausmachen würde, dass wir noch diesen Sommer (weil das sei dann mal eine konkrete Aussicht!) zusammen nach Lenggries fahren und aufs Seekar oder Demeljoch steigen. Oder sogar auf den Scharfreuter, wenn er es packen würde.

Aber natürlich machen wir das!, schreibe ich sofort zurück, und dabei fällt mir eine Passage aus einem Glattauer-Roman ein, bei der ich mich seinerzeit in den Untiefen und Alltagsabgründen meines Charakters so wunderbar verstanden fühlte und die mir auch auf diese Situation zu passen scheint, in der wir ja irgendwie einen Optionsschein auf die Zukunft auszustellen versuchen:

„In der Küche machte ich Wasser heiß und goss es in die dicke gelbe Tasse, in die ich vor dem Schlafengehen einen Beutel Schwarztee mit Pfirsichgeschmack hineingehängt hatte. So machte ich es immer. Immer die gleiche gelbe Tasse. Immer Schwarztee mit Pfirsichgeschmack. Und immer hatte ich den Beutel schon am Vorabend in die Tasse gehängt. Damit war schon etwas vom nächsten Tag verraten. Das nahm mir die Scheu davor.“

Dieser Absatz fand sich auf der ersten Seite des Romans und er war der Hauptgrund, weshalb ich das Buch damals auf einen Schlag zu Ende las. Obwohl ich aromatisierte Tees verabscheue, erst recht welche mit Pfirsicharoma.
Eine gelbe Tasse verwende ich allerdings ebenso, nur halt für Kaffee, der aber – wie ich gern umgehend klarstellen möchte, damit Sie mich nicht für deppert halten! – natürlich nicht am Vorabend irgendwo eingefüllt wird (das Aroma ginge ja über Nacht flöten!) – ich pflege das im Roman beschriebene Ritual für ein anderes Segment meiner Frühstücksgewohnheiten und nehme mir auf diese Weise die Scheu vor dem nächsten Tag.

*****

Apropos Lenggries & die dortige Bergwelt.

Seit meinem Hüttenwochenende erreichen mich auf diversen Kanälen Nachfragen, wie es denn nun war und wann es denn jetzt weiterginge, mit mir, dort oben, hinter dem Zapfhahn (und am Spülbecken). Manch ein Leser scheint sogar aufgrund des Beitrags vor zwei Wochen davon auszugehen, ich wäre seither dort oben – und das nun durchgehend und heidi-idyllisch bis zum Ende der Bergsaison.

Höchste Zeit, diese Illlusion gründlich zu zerstören und die Nachfragen konkret zu beantworten. Da mich der Ausgang der Sache immer noch etwas schmerzt, fasse ich mich eher kurz (außerdem geziemt es sich nicht, zu viele Interna von dort oben zu verraten).

Nachdem ich von den 52 Stunden dort oben schlappe 32 Stunden gearbeitet (besser: brutal malocht) hatte, zwar in einem netten Team, in schönster Umgebung und sogar mit einem täglichen Springsteen-Song, der trotz der Koch-/Spüldämpfe und -geräusche bis an meine Ohren drang, war klar: das machen weder ich, noch mein lädierter Ellbogen ein zweites Wochenende lang mit.

Das ist körperliche Akkordarbeit, täglich 12 bis 14 Stunden ohne nennenswerte Pausen, für die man gemacht sein muss. Und das ist man definitiv nur, wenn man zwei kerngesunde Arme und jahrelange Erfahrung in der Gastronomie hat.

Am Samstag vor 2 Wochen wankte ich nach 14 Stunden Schuften (in allen Bereichen der Berghütte) in meine Kammer und selbst dort war an Erholung nicht zu denken, weil Andreas Gabalier noch gefühlte 90 Minuten auf meiner Bettkante saß und plärrte (der Junggesellenabschied, der Mountainbiker-Stammtisch? – beide nebenan im Gastraum und nur durch eine dünne Holzwand getrennt!).

Eine tiefgreifende Erfahrung war’s allemal, auf vielen Ebenen, aber nach dem vergeblichen Versuch, dort oben anzuregen, dass man so einen 14-Std-Tag ja vielleicht auf 2 Personen aufteilen könne, die dann jeweils nach 7 Stunden Reinklotzen noch ohne zu stammeln ihren Namen sagen und aufrecht in ihren Feierabend gehen könnten, hab ich das Projekt für mich ganz schnell als beendet erklärt.

Seit ein paar Jahren bin ich gut drin geworden, Dinge, die mich über Gebühr strapaziert haben (oder es noch tun würden), ganz schnell ad acta zu legen. Bringt nix.
Mit Mitte 40 weiß man langsam, was man stemmen kann (oder will) – und was nicht.

*****

Durch das gekippte Fenster wummert das Getrommel der Afrika-Tage ins Zimmer hiein. Wie ein wilder Herzschlag des Sommers, direkt vor unserer Tür, pulsierende Lebensfreude, mitten in der Stadt (man hört ja gerne das, was man hören will oder was man eh schon fühlt).

Es ist so unglaublich schön hier. Das muss einfach mal gesagt werden.

Die Aussicht aus dem Fenster, hinunter in die breite Allee voller Linden (die einem täglich aufs Neue das Auto dermaßen zukleistern mit ihrem Saft), das Gassigehen mit Blick auf die Weiten der Wiesn, hinüber zur Bavaria (geht ein Lüftchen, und das ist häufig der Fall, muss man beinahe den Atem anhalten, weil die Kamille so wuchert und blüht), die Menschen, die hier flanieren, pausieren, mit ihren Hunden oder Kindern spielen, auf Bänken sitzen, sinnieren, musizieren und auf der riesigen Freifläche alle möglichen Sportarten praktizieren (an die noch ausstehende Disziplin „Kampftrinken“ mit ihren begleitenden gymnastischen Verrenkungen wollen wir jetzt lieber noch nicht denken) – all das hat mir binnen der fünf Wochen, die wir jetzt hier leben, eine Energie und Freude geschenkt, die das gesamte Lebensgefühl doch ziemlich schnell und nachhaltig verändert hat.

Ein Geschenk, für das ich mich gern bedanken würde, wenn ich denn wüsste, bei wem.

*****

Ich strahle die Spätnachmittagssonne an und sie strahlt zurück (oder umgekehrt? – egal!), sitze auf der Parkbank (mehr und mehr bin ich geneigt, sie „meine Bank“ zu nennen, denn ich verweile recht oft hier, schaue, denke und schreibe hier vor mich hin) und genieße mein tägliches Feierabendbier (das eine, das ich mir am Tag gestatte).

Endlich wieder ein Zuhause.
Eine Heimat nicht nur draußen, sondern auch drinnen.

Irgendwer hat ja mal gesagt, Heimat sei kein Ort, sondern ein Gefühl.
Auf mich passt der Satz überhaupt nicht. Ich kann „Heimat“ nur an speziellen Orten empfinden und es wird kein Zufall sein, dass diese Orte alle regional recht nah beisammenliegen.
„Beheimatet“ fühle ich mich an und zwischen all diesen Heimatorten aber nur dann, wenn der Kern des Ganzen passt (bzw. es überhaupt einen gibt).

Gern heimzukommen und zu spüren, dass man genau dort am richtigen Fleck ist.
Auch das ein Geschenk.

*****

Ein schönes Wochenende wünsch‘ ich Ihnen und dass Sie sich wohlfühlen, dort, wo Sie sind!

Beyond and all over, 24/7.

[Und ich denke an N., den ich exakt heute vor 3 Jahren letztmals lachen hörte und lebendig vor mir sah, in unserer Nische im „La Fiera“, der war ein hohes Tier in der ehemaligen Firma und hat sich nie von seinem lässigen Stil oder seiner Storchennestfrisur abbringen lassen und stets ein Vokabular gepflegt, das schon damals ebenso wenig zeitgemäß war wie sein metallicmintgrüner, uralter Nissan.
Und ich denke an K. und D. mit denen ich mich seinerzeit – war das echt schon vor 10 Jahren? ja, so lang ist’s wohl her! – totlachte über dieses Video, das uns auf zynische Weise Trost spendete, wenn wir uns morgens noch vor 8 Uhr unlustig am Franz-Josef-Strauß-Airport trafen und uns aufmachten, um eine quälende Business-Week lang die User in Cologne oder in Saint Ingbert zu supporten… – ja was für Zeiten waren das noch, und was bin ich froh, dass ich damit nix mehr zu tun habe und die Woche nicht mehr mit dem Anblick der Blauhemden (geschmückt mit Gelbkrawatten) an irgendwelchen Flughäfen beginnt.]

Ich wünsche Ihnen eine gute weitere Arbeitswoche, ob Sie diese nun in Berlin, Köln, Frankfurt, München oder Bangkok verbringen – Hauptsache, Sie müssen möglichst wenig herumkaschpern und haben – trotz being brutally busy between Berlin and Bangkok (or only Munich and Frankfurt)– mal wieder ein bisserl Zeit für Ihre Freunde (oder was Ihnen sonst noch wichtig war ist im Leben).

Nicht dass Sie so enden:

Apropos: Das Dackelfräulein möchte jetzt Spazieren gehen (gotta walk the dog).
Tschüssikowsky oder cu, ganz wie es Ihnen beliebt (as you like it)!

Sichabsetzen.

Nur ein paar Mark in der Badehose sind wir an einem Samstag zuerst ins Schilf und dann ins Wasser gegangen, um gegen strenges Verbot in die Schweiz zu schwimmen (…).

Beide hatte wir diese Idee einer Flucht, auch wenn M. das Vorhaben anders nannte und damit mehr vorantrieb; er sprach vom Sichabsetzen ins neutrale Ausland, das wir in Angriff nehmen sollten. Immer wieder diese Formulierung, Sichabsetzen, sein Appell an uns, und auf einmal ist es soweit, wir schwimmen einfach los, von einer Bucht im Schilf aus, schwimmen, obwohl das Wasser nicht warm ist, kaum zwanzig Grad, und obwohl wir keine Übung haben, nur uns beide und etwas Mut.
Wir schwimmen nebeneinander, nicht zu hastig, nicht zu langsam, wir reden nicht, wir atmen nur.

(…) Und als das Schilf hinter uns nur noch ein gelber Streif ist, zittrig im Dunst, und unsere Füße plötzlich in kalte Strömungen kommen, da gibt es schon kein Zurück mehr, nur noch ein Weiter, jetzt doch etwas hastig, wie die Vierbeiner, und auch unter Tierlauten, rauen Tönen, um sich Mut zu machen.

(…) Und so schwimmen wir weiter, Seite an Seite bis zum Landungssteg. Und den erklimmen wir, als keiner hinschaut, und lassen uns hinter dem Zollhäuschen trocknen, dann geht’s in Badehosen zum nächsten Kiosk, und M. legt seine Münzen hin. (…) Und das reicht für eine Tafel Sprüngli und vier Maryland-Zigaretten, die es in der Schweiz damals einzeln zu kaufen gab, für eine Cola und ein Päckchen Streichhölzer. Wir gehen mit dem Einkauf ans Wasser, an eine geschützte Stelle, die sich gleich findet, vor der Mauer einer Caféterrasse – der Instinkt für geschützte Stellen begleitet uns beide überall hin. Wir teilen Schokolade und Cola, wir rauchen die vier Zigaretten und sehen den Möwen zu; unser Haar ist schon lange getrocknet, aber wir spüren noch den See an der Kopfhaut.

(…) Wir wollen bleiben, wo wir sind, in der Schweiz, die wir schwimmend erreicht haben – wie die Emigranten, sagt M., nur ohne Mantel; wir wollen uns vorstellen, dass es kein Zurück mehr gibt, dass drüben die Häscher warten und wir uns hier durchschlagen müssen, dass wir unsere letzten Zigaretten rauchen, bevor wir uns weiter absetzen, über die Alpen in den Süden.

Wir hocken da und schöpfen Kraft, nicht aus der Schokolade, nicht aus den Zigaretten oder der Cola, nur aus der gemeinsamen Sicht auf die Dinge.

[Bodo Kirchhoff: Eros und Asche, S.270 f.]

Nach etlichen Jahren wiedergelesen, anlässlich eines Geschenks für eine Freundin in der Schweiz (was ein plötzlicher und so stimmiger Impuls war: dieses Buch, für diese Freundin, jetzt).

Beim Wiederlesen ans erste Lesen erinnert, vor fast sieben Jahren in Süditrol war es, unterhalb einer verwitterten Festung in einer Hollywoodschaukel sitzend, ab und an von der Lektüre aufblickend und die Augen in den wilden Garten des Hotels versenkend, bis Butz, der entzückende Rauhaardackel eines wellnessurlaubenden Männerpärchens, durchs Bild fegte und mit dem Fallobst spielte (oder den Blick an die Berge auf der anderen Talseite heftend, hinter denen bei klarer Sicht die Spitzen des Rosengartens hervorblitzten).

Und wieder die letzten 20 Seiten mit feuchten Augen gelesen (sogar mehr als das): Freundschaft, Hund, Jugend, Liebe, Alter, Tod…
Dazwischen die passenden Fetzen aus einem Song des so zarten, androgynen Antony: „I find you with red tears in your eyes“ und „I whisper the secret in the ground“.

Damals schließlich den Buchdeckel mit zitternden Händen zugeklappt, eine Stunde lang nicht aufstehen können und in der Schaukel hin und her gewippt, bis die Tränen getrocknet waren.

Diesmal ohne Schaukel, Garten und Berge, dafür nun selbst so einen Butz habend, der einen mit nachdrücklichem Fiepsen darauf hinweist, dass sowohl Gustl, der Geburtstagsgeier, dessen Thorax bereits schlimme Bissverletzungen aufweist, als auch ich justament zu Opfern der heutigen Spiellaune auserkoren wurden.

No time to shed a tear.