Sichabsetzen.

Nur ein paar Mark in der Badehose sind wir an einem Samstag zuerst ins Schilf und dann ins Wasser gegangen, um gegen strenges Verbot in die Schweiz zu schwimmen (…).

Beide hatte wir diese Idee einer Flucht, auch wenn M. das Vorhaben anders nannte und damit mehr vorantrieb; er sprach vom Sichabsetzen ins neutrale Ausland, das wir in Angriff nehmen sollten. Immer wieder diese Formulierung, Sichabsetzen, sein Appell an uns, und auf einmal ist es soweit, wir schwimmen einfach los, von einer Bucht im Schilf aus, schwimmen, obwohl das Wasser nicht warm ist, kaum zwanzig Grad, und obwohl wir keine Übung haben, nur uns beide und etwas Mut.
Wir schwimmen nebeneinander, nicht zu hastig, nicht zu langsam, wir reden nicht, wir atmen nur.

(…) Und als das Schilf hinter uns nur noch ein gelber Streif ist, zittrig im Dunst, und unsere Füße plötzlich in kalte Strömungen kommen, da gibt es schon kein Zurück mehr, nur noch ein Weiter, jetzt doch etwas hastig, wie die Vierbeiner, und auch unter Tierlauten, rauen Tönen, um sich Mut zu machen.

(…) Und so schwimmen wir weiter, Seite an Seite bis zum Landungssteg. Und den erklimmen wir, als keiner hinschaut, und lassen uns hinter dem Zollhäuschen trocknen, dann geht’s in Badehosen zum nächsten Kiosk, und M. legt seine Münzen hin. (…) Und das reicht für eine Tafel Sprüngli und vier Maryland-Zigaretten, die es in der Schweiz damals einzeln zu kaufen gab, für eine Cola und ein Päckchen Streichhölzer. Wir gehen mit dem Einkauf ans Wasser, an eine geschützte Stelle, die sich gleich findet, vor der Mauer einer Caféterrasse – der Instinkt für geschützte Stellen begleitet uns beide überall hin. Wir teilen Schokolade und Cola, wir rauchen die vier Zigaretten und sehen den Möwen zu; unser Haar ist schon lange getrocknet, aber wir spüren noch den See an der Kopfhaut.

(…) Wir wollen bleiben, wo wir sind, in der Schweiz, die wir schwimmend erreicht haben – wie die Emigranten, sagt M., nur ohne Mantel; wir wollen uns vorstellen, dass es kein Zurück mehr gibt, dass drüben die Häscher warten und wir uns hier durchschlagen müssen, dass wir unsere letzten Zigaretten rauchen, bevor wir uns weiter absetzen, über die Alpen in den Süden.

Wir hocken da und schöpfen Kraft, nicht aus der Schokolade, nicht aus den Zigaretten oder der Cola, nur aus der gemeinsamen Sicht auf die Dinge.

[Bodo Kirchhoff: Eros und Asche, S.270 f.]

Nach etlichen Jahren wiedergelesen, anlässlich eines Geschenks für eine Freundin in der Schweiz (was ein plötzlicher und so stimmiger Impuls war: dieses Buch, für diese Freundin, jetzt).

Beim Wiederlesen ans erste Lesen erinnert, vor fast sieben Jahren in Süditrol war es, unterhalb einer verwitterten Festung in einer Hollywoodschaukel sitzend, ab und an von der Lektüre aufblickend und die Augen in den wilden Garten des Hotels versenkend, bis Butz, der entzückende Rauhaardackel eines wellnessurlaubenden Männerpärchens, durchs Bild fegte und mit dem Fallobst spielte (oder den Blick an die Berge auf der anderen Talseite heftend, hinter denen bei klarer Sicht die Spitzen des Rosengartens hervorblitzten).

Und wieder die letzten 20 Seiten mit feuchten Augen gelesen (sogar mehr als das): Freundschaft, Hund, Jugend, Liebe, Alter, Tod…
Dazwischen die passenden Fetzen aus einem Song des so zarten, androgynen Antony: „I find you with red tears in your eyes“ und „I whisper the secret in the ground“.

Damals schließlich den Buchdeckel mit zitternden Händen zugeklappt, eine Stunde lang nicht aufstehen können und in der Schaukel hin und her gewippt, bis die Tränen getrocknet waren.

Diesmal ohne Schaukel, Garten und Berge, dafür nun selbst so einen Butz habend, der einen mit nachdrücklichem Fiepsen darauf hinweist, dass sowohl Gustl, der Geburtstagsgeier, dessen Thorax bereits schlimme Bissverletzungen aufweist, als auch ich justament zu Opfern der heutigen Spiellaune auserkoren wurden.

No time to shed a tear.

Suburbia (2): Das Hotel-California-Gefühl.

There she stood in the doorway
I heard the mission bell
And I was thinking to myself
„This could be heaven or this could be hell“

***

„Wenn’s dem Esel zu geht, geht er aufs Eis“ waren ihre letzten Worte, als ich mich auf dem Treppenabsatz umdrehte und ihr Lebewohl sagte.
Vor 27 Jahren und 9 Monaten trug sich das zu, hier um die Ecke.
Sie warf mir einen dieser Blick hinterher, die einen für immer verurteilen sollten.
Die Tür fiel ins Schloss. Unten wartete der Papa mit hochgekrempelten Ärmeln, einem seiner Mitarbeiter und dem Kleintransporter.
Ich war 17, und ich ging weg von Zuhause.

***

You can check out any time you like
But you can never leave

***

Diesem Hotel-California-Gefühl wollte ich endlich entkommen, dessen Ausweglosigkeit hinter mir lassen, selbst wenn ich dafür den über alles geliebten Hund bei der Mutter zurücklassen musste.
Penny hieß sie, ein Dackelmischling war sie, beim Münchner Zamperlrennen 1986 ist sie die Schnellste von allen gewesen. Der damalige OB überreichte uns den Siegerpokal, der vermutlich vor zwei Jahren zusammen mit dem übrigen Hausstand der Mutter irgendwo von einer Schrottpresse zermalmt wurde.
Sie war mein einziger Anker zu dieser Zeit, und sie jaulte jämmerlich, als sie begriff, dass ich ging.
Es gibt Trennungen, über die man nie hinwegkommt. Jener Hundeabschied gehört dazu.

Wie ein Lasttier fühlte ich mich tatsächlich, allerdings nicht wie eines, dem es zu gut gegangen war.
Folglich ging ich auch nicht aufs Eis, wo mich nur neue Gefahren erwartet hätten, außerdem war es bereits April und der Winter hatte sich längst verabschiedet. Ich suchte mir einen sicheren, warmen Unterschlupf, eine Zwischenstation auf dem langen Weg zum eigenen Zuhause, das ich so ersehnte.
Eines, in dem man Türen schließen durfte und nie mehr auf der Hut sein musste.

***

***

Mit eisernem Griff hielt sie die Kinderhand umklammert, was sie vor den Augen der Öffentlichkeit durch stetiges Lächeln und einen spielerischen Hüftschwung perfekt zu kaschieren verstand. Das Stakkato ihrer Schritte auf dem Asphalt übertönte zuverlässig jedes „Komm endlich!“ oder „Halt dich gerade!“, das sie dem Kind zuzischte.
Parierte es nicht sofort, verstärkte sie den Druck auf die kleine Hand.

17 Jahre lang bin ich mitgekommen, wohin auch immer sie ging, habe ihre Schwermut zu lindern und ihre Launen zu beschwichtigen versucht, habe feinste Antennen entwickelt, einem Seismografen gleich. Um ihre Stimmungen möglichst schon wahrzunehmen, bevor sie selbst sie bemerkte, um das Ruder vielleicht noch herumreißen zu können, bevor sie in die nächste Stromschnelle geriet, die auch mich unweigerlich mit hinwegraffen würde.
Es empfahl sich, flink, vorsichtig und vorbereitet zu sein, denn trafen einen die Attacken überraschend, war es verheerend.

Auch das mit meiner Haltung hat sie hinbekommen. Sie wusste genau, dass man das Eisen schmieden musste, solange es heiß ist, und sie war ein ebenso geduldiger wie gnadenloser Schmied.
An dem Tag, an dem ich sie verließ, ging ich innerlich gebückt, aber äußerlich aufrecht davon.

***

Up ahead in the distance
I saw a shimmering light

***

Davonzugehen, das verhieß Freiheit. Ihrem eisigen Griff und ihrem Zuckerbrot- und Peitsche-Prinzip von Liebe zu entkommen sowie all ihren Netzen, die sie um mich gesponnen hatte. Nachdem ich gegangen war, warf ich 20 Jahre lang säckeweise Lasten von mir, unternahm ein paar erfolglose Versuche, eine neue oder andere Basis zu ihr zu finden.

Bei ihrem einzigen Besuch in meiner ersten eigenen Wohnung komplimentierte ich sie nach einer Auseinandersetzung hinaus in die Winternacht.
„Du bist genauso kalt und herzlos wie dein Vater“, hatte sie kurz vorher zu mir gesagt.
Ihr letzter verzweifelter Versuch, mich anzuklagen und zu manipulieren, ein letzter Hinweis auf ihr lebenslanges Opferdasein. Opfer ihrer Herkunft, Opfer ihrer schlechten Startbedingungen, Opfer ihres Ehemanns, der Zeiten, der Leute, der Krankheiten, der Arbeitswelt.
Was hätte aus ihr werden können, hätte sie nicht ihre besten Jahre an diesen Mann und dieses Kind verschwendet!
Diesmal schloß ich meine Tür für immer.

Kaum hatte ich alle Bemühungen um sie ad acta gelegt, befasste ich mich freiwillig jahrzehntelang mit weiteren Opfertypen. Wäre beinahe ein Opfer des Opferphänomens geworden, hätte mein Verstand mich nicht hartnäckig auf der Täterseite festgenagelt. Erst als ich zum absoluten Opferexperten avanciert war, konnte ich mit diesem nutz-, sinn- und endlosen Programm aufhören.
Schlagartig und für alle Zeiten hatte ich es satt, mich um die zu kümmern, die keine Verantwortung für sich selbst übernehmen wollen, obwohl sie es sehr wohl könnten.

***

Zwei Straßen weiter steht immer noch das Haus, das ich damals verlassen habe. 1.OG rechts, ein Südbalkon, dessen Holz nun verwittert aussieht, eine ehemals weiße Fassade, die ergraut ist.
Erst als die Mutter aus dieser Gegend wegzog, war es mir wieder möglich, ab und an hierher zu fahren, um in dem herrlichen Wald zu joggen oder mit Hummel, meinem damaligen Dogsharing-Dackel, spazierenzugehen. Weitere Jahre später dann zum Waldlauf mit dem Gatten und eines Tages zum Gassigehen mit Pippa.
Gelegentlich kehrten wir nach unseren Waldausflügen in einem netten Lokal samt Biergarten ein, das ich noch von früher kannte, wenn die Mutter mal zum Ausgehen aufgelegt war oder Besuch kam, der ausgeführt werden sollte. Nach mehreren Pächterwechseln ist es letzten Sommer, kurz nach unserem Umzug in diese Gegend, zu einer geschmacklosen Gaststätte mit haarsträubender Apostrophierung im Namen und ebenso haarsträubenden Fleischgerichten auf der Speisenkarte verkommen.

Hier wieder zu wohnen, wäre mir zu ihren Lebzeiten nicht möglich gewesen, obwohl ich immer am Münchner Süden hing und sie sich längst in ein 60km entferntes Nest im Voralpenland verkrümelt hatte. Die bloße Vorstellung, dass sie hier noch jemanden kennen könnte, besuchen würde und wir uns über den Weg liefen, erstickte diese Überlegung bereits im Keim.
Als sie vor zwei Jahren starb und damit das letzte Kapitel unserer unseligen, unheilbaren Geschichte abgeschlossen war, nahm ich an, dass nun „die Luft rein“ sei und auf der verbrannten Erde wieder angepflanzt werden könne, man sich hier gar selbst eintopfen könne und gedeihen würde.

***

And still those voices are calling from far away
Wake you up in the middle of the night
Just to hear them say
Welcome to the Hotel California

***

Leider war das einer der Irrtümer, die sich erst weit nach dem Umzug offenbarten.
Manche Erinnerungen besitzen die Robustheit von Kakerlaken. Sie starren einen von Hauswänden an, lauern einem hinter Zäunen auf, selbst aus vermoosten Ritzen zwischen den Pflastersteinen kriechen sie bisweilen empor. Du willst wegsehen, sie verscheuchen, drauftreten – aber es ist zwecklos.
So tot die Mutter auch ist, manchmal schwirrt sie hier am südlichen Rand der Stadt, wo wir unsere 17 gemeinsamen Jahre verbrachten, noch durch die Luft und macht mir das Atmen ähnlich schwer wie es sonst nur die Pollen der Hasel im Frühjahr vermögen.

Zum Trost: Der Briefkasten an dem kleinen Platz um die Ecke, in den ich vor 30 Jahren die ersten Liebesbriefe nach Köln einwarf, steht immer noch dort, wohingegen die Telefonzelle, aus der ich die Freundinnen oder den Papa anrief, um meinen Kummer in den Hörer zu heulen, durch einen Wertstoffcontainer ersetzt wurde.
Das fühlt sich stimmig an: Ein Hort der stofflichen Verwertung statt nicht recyclebarem Seelenmüll.

Über kurz oder lang werde ich nun ein zweites Mal von hier fortgehen.
Vielleicht war diese Rückkehr, diese Wiederholung dazu gut, um spürbar zu begreifen, dass das Hotel-California-Gefühl zwar mich verlassen hatte, aber heimatlos, wie es dann geworden war, seine Zelte für alle Ewigkeit hier in dieser Gegend, wahrscheinlich irgendwo am nahen Waldrand, aufgeschlagen hatte.
Dort modert und vegetiert es trotzig und einsam vor sich hin, sitzt des Nachts am knisternden Feuer, um seine Klauen zu wärmen und die alten Lieder anzustimmen, auf dass es ihm vielleicht doch gelänge, mich wieder zu sich zu locken – und sei es nur für eine Nacht, was ja beileibe genügen kann für eine erfolgreiche Infektion.

***

Last thing I remember
I was running for the door
I had to find the passage back
To the place I was before

***

Eine feine und auch so heitere neue Serie auf diesem Blog, nicht wahr?
Sie kam ungeplant, aber jetzt ist sie da und wir wollen hoffen, dass sie nur ein vorübergehender Gast ist.

Ein schönes Wochenende wünscht
Die Kraulquappe.

Hold on. Zum 23. Dezember 2017.

In Gedenken an Niklas, der heute 56 geworden wäre.

When there’s nothing left to keep you here
When you’re falling behind in this big blue world

Oh you got to
Hold on, hold on
You got to hold on
Take my hand
I’m standing right here

You got to hold on

Hold on! (Olympiapark München, im Dezember 2017)

Maybe everything that dies someday comes back.

Fridolin ist wieder da.
Ich habe ihn sofort erkannt, als ich ihn letzte Woche beim Morgengassi entdeckte. In Gestalt einer Krähe saß er auf einem Gartenzaun, putzte sein glänzendes Gefieder und hüpfte anschließend auf die Wiese hinab. Es war ein spezielles Hüpfen, nämlich das eines Vogels, der einen gelähmten Fuß hat. Exakt so hüpfte auch Fridolin.

Mein 2012 in sehr hohem Wellensittichalter verstorbener Gefährte hatte ein verkrüppeltes Füßchen, seit er im Jahre 2002 bei einer missglückten Landung meiner damaligen Dogsharing-Dackeldame Hummel in den Fang geraten war. Die hervorragenden Ärzte der Münchner Vogelklinik, in der wir bange Stunden wartend, hoffend und staunend zwischen Fasanen, Hühnern, Enten und anderem Geflügel zubrachten, haben ihm seinerzeit das Leben gerettet, indem sie sein streichholzdünnes, gebrochenes Beinchen kunstvoll geschient haben (eine teure Angelegenheit, aber die Versicherung von Hummels Herrchen hat alles bezahlt).

Wie ein humpelnder Pirat sah er aus, mein kleiner Vogel, aber er war zäh und tapfer, und hat den schlimmen Unfall überstanden. Der Bruch heilte, nur seine Zehen blieben lebenslang gelähmt, weshalb die hintere Zehe so nach vorn gebogen war, dass er nur alle vier Zehen als taubes Bündel auf der Stange aufsetzen konnte. Mit der Zeit lernte er, trotz seiner Behinderung das Gleichgewicht zu halten, sicher auf seinem Vogelbaum zu landen und mit Hilfe seines Schnabels und des intakten anderen Fußes genauso gut zu klettern wie zuvor mit zwei gesunden Füßen.

Er war eine große Vogelseele, konnte ganz wunderbar gluckern und schimpfen, liebte „Jungleland“ und Hirsekolben, quittierte jedes aus dem Bad ertönende Nagelknipsgeräusch sowie das morgendliche Abklopfen des Portionierlöffels an der Kaffeedose mit einem Spezialpiepton, der ausschließlich diesen beiden Geräuschen vorbehalten war.
Von all den Wellensittichen, die ich in meinem Leben hatte, war er der, mit dem ich am innigsten verbunden war. Als ich ihn nach über zehnjährigem Zusammenleben gehen lassen musste, war ich untröstlich. Was habe ich seine Stimme vermisst, wie sehr haben mir sein schräg gelegtes Köpfchen mitsamt dem neugierigen Blick, mit dem er mir beim Arbeiten zuguckte, gefehlt!

Und nun hüpfte er durch die morgendlich gefrorene Wiese, dieser schwarze Wiedergänger von Fridolin, wir hatten mehrmals Blickkontakt und mir schossen Tränen in die Augen.
Daheim angekommen, informierte ich sofort den Gatten, dass unser Wellensittich als Krähe zurückgekommen sei und ob er nicht auch fände, dass er sich doch dadurch  – so rein ornithologisch betrachtet – verbessert hätte.

Seitdem begegnen wir uns öfter, ab und zu sitzt er sogar auf der Dachrinne des gegenüberliegenden Hauses, legt seinen Kopf schräg und blinzelt mir zu, mit seinen klugen, schwarzen Knopfaugen.

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Unsere Fußbodenheizung muss ihren ersten Winter stemmen und weiß noch nicht so recht, wie das geht. In einem Raum verhält sie sich vorbildlich, im anderen ist sie launisch, im dritten rauscht sie.

Gestern traf ich zufällig den Heizungsinstallateur im Keller, der vom Hausmeister zur Behebung eines kleinen Wasserschadens gerufen worden war.
Schön, dachte ich, dann müssen wir den nicht extra kontaktieren und er kann sich gleich mal die Probleme bei uns in der Wohnung ansehen, wenn er eh schon im Haus ist.
Als ich seine Stimme hörte, zuckte ich zusammen. Sie kam mir sofort vertraut vor, aber so mitten im Gespräch – ein Dialog mit Heizungsvokabular erfordert meine volle Konzentration! – konnte ich dem nicht nachspüren. Erst als er oben in unserer Wohnung stand, ich seine schlacksige Gestalt, die lässige Haltung, die Mir-sind-doch-Haare-egal-Frisur und seine Gesichtszüge in Kombination mit dem unterdrückt-bayrischen Klang seiner Worte wahrnahm, wusste ich es.
Niklas, der vor noch nicht mal zwei Jahren nach dem abendlichen Joggen einfach tot umgefallen war, stand bei uns im Flur, um 10 Jahre verjüngt!

Diesmal hatte ich ob des Wiedergänger-Gefühls keine Tränen in den Augen, sondern empfand Freude, die vertraute Stimme wiederzuhören und mich erinnern zu dürfen.

Im Unterschied zu Fridolin, der statt eines erneuten Daseins als Kleinpapagei einen Karrieresprung gemacht hat und unter die großen Rabenvögel gegangen ist, hat Niklas das Gegenteil getan und anstelle der Juristerei diesmal einen Handwerksberuf erwählt. Was sich stimmig anfühlt, denn das viele Rumsitzen im Büro hat ihn ja immer genervt.

Da lag er also nun, in unserem Flur vor dem geöffneten Technikkasten der Heizung, fummelte an den Ventilen herum, erzählte uns was von Küken, Pumpen und Motoren, und das alles in demselben Tonfall, in dem er früher über Abeitsrecht, Datenschutz und Betriebsvereinbarungen gesprochen hatte.

Schön, euch beide so unerwartet wiedergesehen zu haben!

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Everything dies baby that’s a fact
But maybe everything that dies someday comes back

It’s only our bodies that betray us in the end.

(Für Niklas.)

Sie pflegen dein Grab so gut wie gar nicht.
Obwohl das zu erwarten war, schnürt es mir kurz die Kehle zu, als ich mit Pippa heute dort ankomme.

Dann lege ich die weiße Calla nieder, die dritte, seit du dich nach dem Abendlauf im Januar 2016 zum Sterben in den Schnee gelegt hast.

Ich komme nicht mehr dazu, mir die Kopfhörer aufzusetzen und das Lied anzuhören, weil uns eine keifende Alte vertreibt: „Hunde verboten!“ (als würden Hunde per se auf Friedhöfen rumbellen, Grabsteine anpinkeln oder Besucher anfallen).

Let your mind rest easy, sleep well, my friend
It’s only our bodies that betray us in the end

I awoke last night in the dark and dreamy deep
From my head to my feet, my body’d gone stone cold

There were worms crawling all around me
My fingers scratching at an earth black and six foot low
And alone in the blackness of my grave
Alone I’d been left to die

Then I heard voices calling all around me
The earth rose above me, my eyes filled with sky
We are alive
And though our bodies lie alone here in the dark
Our souls and spirits rise
To carry the fire and light the spark
To fight shoulder to shoulder and heart to heart
To stand shoulder to shoulder and heart to heart
We are alive

 

In der Not.

Vorgestern im Ammergebirge.

Der Oktober ist bislang recht golden, fast könnte man meinen, er wolle so gut als möglich Trost dafür spenden, dass Blog-Weggefährten ihre geliebten Hunde verlieren oder man nach Jahren den Ex-Freund im Krankenhaus mit einer Krebs-Diagnose wiedersieht und auch sonst manches nicht so läuft wie man sich das noch im Sommer erhofft hatte.

Also laufe ich. So oft ich kann.
Hoch & runter, vor & zurück, weiter & weiter.

Ganz neuer Tourentipp: Von Oberammergau auf den Pürschling.
Seit Jahren laufe ich immer von Unterammergau auf den Pürschling, dank des Dackelfräuleins Abneigung gegen Forststraßen suche ich nun stets Alternativen mit so vielen Bergsteigen wie möglich. Die neue Route ist viel schöner, etwas länger und fast komplett mountainbikerfrei.

Start: Parkplatz Kolbensattellift in Oberammergau.
Rummel rund um den Event-Kram an der Talstation ignorieren und gleich linkerhand auf den Wanderweg Richtung Kolbensattel/Pürschling einklinken.

Erste Etappe: Kolbenalm (1.040m) mit beachtlich gräuslicher Fassaden-Deko…

… inklusive tiefer Lebensweisheit.

(Ergänzender Hinweis: Bier tut’s auch. Entscheidend ist, dass man ist weder Tod noch tot ist.)

Kurz nach der Kolbenalm links halten und statt der Forststraße den Bergpfad wählen, der sich in Serpentinen bis zum Kolbensattel hinaufschlängelt.
Ohne Rast auf der Kolbensattelhütte (1.270m) und ohne Umweg über Zahn und Sonnenspitz geht’s auf einsamem Waldpfad weiter gen Osten…

…gemeinsam rascheln wir durchs bunte Laub bergan…

…und zumindest ich genieße die Aussicht zum benachbarten Estergebirge…

…und talwärts Richtung Ettal – das Dackelfräulein ist mehr an Ausgrabungen am Wegesrand interessiert.

Nach kurzer Rast auf dem August-Schuster-Haus (1.554m, DAV-Hütte, fast ganzjährig geöffnet), von wo aus sich eine schöne Sicht aufs Graswangtal vor der Kulisse des Wettersteins bietet, geht’s wieder zurück.

Pippa kann mit der Hüttenhündin nicht, ich kann mit den Bellanfällen unter dem kritischen Blick der anderen Gäste nicht – und so ein Weißbier ist nach 2 Stunden Aufstieg ja eh schnell getrunken.

Beim Kolbensattel (auch so eine überflüssige Event-Arena in den Bergen, mehr Spielplatz als Alm!) nochmals kurze Einkehr auf eine heiße Schokolade…

…und auf dem Anstiegsweg hinunter nach Oberammergau…

…wo der Bergausflug endet, wie er immer endet: mit einem gut gefüllten Napf.

An diesem Wochenende schließen die allermeisten Hütten und Almen, die Oktobersonne gibt hingegen nochmal Vollgas, voraussichtlich noch bis Mitte nächster Woche.

Bewegung ist Leben.
Man steigt den grünen Berg des Lebens hinauf, um oben auf dem Eisberge zu sterben (sagte ein Pädagoge).

Es war ein guter Bergsommer und -herbst, es ist ein schönes Saisonende.

Sonnige & bewegte Tage wünscht euch
Die Kraulquappe.

Heast, des is makaber…

…singt der Wolfgang Ambros in seinem uralten Song „Da Hofa“.

Der Großteil des gestern Abend im Münchner Prinzregententheater dargebotenen Repertoires kam zwar (noch) nicht makaber, aber doch reichlich morbid daher. Es war allerdings weit mehr als die erwartbare, typisch wienerische Morbidität.
Verzweiflung, Vergänglichkeit, Verfall waren spürbar – in Text, Ton und – worauf ich überhaupt nicht vorbereitet war – auch in personam. Das Gitarrenspiel oft wacklig, die Stimme manchmal brüchig und dünn, das Betreten und Verlassen der Bühne ein sichtlicher Kraftakt. Nur momenthaft waren der Ambros meiner Jugendjahre und der, den ich vor über zehn Jahren auf der überaus gelungenen „Ambros singt Waits“-Tour erlebt hatte, noch wiederzuerkennen.

Zum ersten Mal in meinem Leben war ich dankbar, ein bestuhltes Konzert zu besuchen, andernfalls hätt‘ ich mich erstmal setzen müssen.

Schlecht sieht er aus. Zaundürr, sehr geschwächt, immens gealtert, eigentlich schwer krank. Die erste halbe Stunde des Konzerts bin ich fast ausschließlich damit beschäftigt, den ebenso unerwarteten wie schockierenden Anblick des Austropop-Altmeisters zu verdauen und im Schutz der Rückenlehne vor mir zu googeln: Seit wann geht’s dem so mies und warum isser so beinand? Operationen, Alkohol, Tabletten, Depressionen, Trennungen? (Nächstens, wenn ich wieder zu Konzerten von Vertretern der Ü60-Generation gehen sollte, werde ich das vorher googeln – um vorbereitet zu sein.)

Etwa eine Stunde hat’s gebraucht, bis Auge und Ohr sich an die fahrigen, ungelenken Bewegungen, die langsamen und oft vernuschelten Zwischenmoderationen, die die Darbietung der Songs umrahmen, einigermaßen gewöhnt haben. Die zwei exzellenten Musiker an seiner Seite fangen die diversen Holprigkeiten auf so gut sie können  (und das können sie gut!), und holen ihren Chef auch zurück in die Spur, wenn er sich gelegentlich in langatmigen Monologen verliert, die ihren Reiz deutlich mehr aus dem sympathischen Wienerisch ziehen als aus ihrem Inhalt.
„So gsehn muass ma des betrachdn!“ meint der Bandleader in einer dieser Plaudereien zwischen den Liedern. Und das war kein Fazit des vorausgegangenen Schwanks, nein, es war das ambros’sche Pendant zu „von demher“, das mein kroatischer Friseur immer von sich gibt, und das sowohl nichts als auch alles bedeuten kann. Au weia.

Blauer Nebel kriecht über die Bühne als der Barde Lieder wie „Tendenz zur Demenz“ und „Gezeichnet fürs Leben“ anstimmt oder über alte Zeiten oder die Zeit an sich sinniert. Schwer auszumachen, wann und wo hier Schmäh, Galgenhumor, Melancholie oder tiefe Verzweiflung Regie führen. Düster ist’s jedenfalls.

Lediglich der unvermeidbare „Zentralfriedhof“ fällt schlussendlich völlig aus der Reihe dieses Endzeitszenarios: da hätte ich eher den finalen Hieb des Sensenmannes erwartet als einen Gastauftritt des wie eh und je bubihaft wirkenden Michael Mittermeiers, der vital in die Saiten haut und mit kräftiger Stimme „Wann’s Nochd wird über Simmering, kummt Leben in die Toten“ rausschmettert.
Na sowas.

Ein teils beklemmendes und zugleich sehr anrührendes Herbstkonzert, vor allem, wenn einen die Gegebenheiten so unvorbereitet erwischen.

Als wir das Theater nach drei Stunden verlassen, nieselt es. Auf dem Weg zur U-Bahn höre ich Satzfetzen anderer Konzertbesucher. Manch einer meckert, weil es ja nimmer der Ambros von früher ist, den er da gehört und gesehen hat. Warum hört der nicht früher auf und bleibt seinen Fans so in Erinnerung wie er war als er noch funktioniert hat. An sauber’n Schlussstrich hätt‘ er zieh’n soll’n, bevor’s peinlich wird. Die meisten aber wirken auf die eine oder andere Weise ergriffen, gucken andächtig und sind still.

„Ambros pur“ lautet der Titel der Tour – und in der Tat war es eine Veranstaltung „on the rocks“, ohne Zusatzstoffe, künstliche Aromen und realitätsverschleiernde Hilfsmittel.
Ja, so sieht ein Mann aus, der stramm auf die 70 zugeht und trotz mancher Gebrechen immer noch das tun will und vor allem auch tut, was er immer gern getan hat: Musik machen.

Er zeigt sich so wie er jetzt eben ist, versteckt sich nicht, steht zum Nachlassen seiner Kräfte, singt und spielt weiter, um den Motor am Laufen zu halten, winkt mit zittrigem Arm ins Publikum, humpelt müde und gebückt wie ein 90-Jähriger von der Bühne. Ja, es schmerzt, das mitanzusehen. Als Zumutung empfinde ich es aber nicht, schließlich kann jeder, der das nicht ertragen kann oder will, einfach heimgehen (oder gar nicht erst hingehen).

Entscheidend war für mich, zu erleben, wie er übers ganze Gesicht strahlt, der Wolfgang Ambros, als der Saal geschlossen aufsteht und minutenlang applaudiert.

Der Respekt, die Präsenz und die Liebe der Mitmenschen können einen schon am und im Leben halten.

As sure as night is dark and day is light. Zum 23. Dezember 2016.

In memoriam memoriae

Die Erinnerung ist eine mysteriöse
Macht und bildet die Menschen um.
Wer das, was schön war, vergißt, wird böse.
Wer das, was schlimm war, vergißt, wird dumm.
(Erich Kästner)

dsc03718

Für Niklas.

Spontan habe ich mich entschlossen, ab sofort nicht deines Todestages im Januar zu gedenken, sondern deines Geburtstages.
Heute hätte ich dir, wie jedes Jahr, um 23:12 Uhr zum Geburtstag gratuliert, so wie du mich immer um 13:07 Uhr beglückwünscht hast, meist in der Kantine sitzend.

Seit du tot bist, hallen Sätze in mir nach, die du gesagt hast, während wir im „La Fiera“ saßen. Mal diese, mal jene. Im Augenblick ist es einer von Erich Kästner, den du gern zitiert hast: „Das Leben muss noch vor dem Tode erledigt werden.“. Exakt zeitgleich mit David Bowie hast du dich dann still und plötzlich vom Acker gemacht und vieles unerledigt zurückgelassen.

Ich kannte dich 13 Jahre lang. 50% unserer gemeinsamen Zeit haben wir im „La Fiera“ verbracht, einem Italiener im Westend, um die Ecke von unserer Firma. 20% haben wir mit Rumsitzen und Reden in deinem Büro verbracht. Und die restlichen 30% haben wir am Kicker gestanden, uns gefreut und beschimpft. Dein elendes Gekurbel hat uns so manche Punkte gekostet- und leider war das Kickern eines der ganz wenigen Dinge, bei denen ich je ehrgeizig war (und du wie immer überhaupt nicht)!
Draußen pfiff der Wind um die 15. Etage des Hochhauses, in die unsere Firma den Kicker verbannt hatte, damit die Mitarbeiter nicht in jeder Pause dort landeten und zu spät oder verausgabt an ihren Arbeitsplatz zurückkehrten.
Wir haben mit anderen Kicker-Junkies ganze Feierabende da oben verbracht und sind mit klitschnassen T-Shirts und wunden Handflächen heimgefahren. Wir haben dort für 2 EMs und 2 WMs trainiert. Du warst Kroatien, ich war Argentinien, gewonnen haben aber immer die Jungs von der Haustechnik, egal, welches Land das Los ihnen zugeteilt hatte.

Im Winter haben wir immer in der Tiefgarage ins Auto des anderen geschielt, um zu sehen, wer wohl zuerst die Langlaufski eingepackt und die Saison eröffnet hat. Jeden Montag haben wir uns über die sportliche Wochenendbilanz ausgetauscht. So viele Kilometer in der Loipe wie du hab‘ ich nie geschafft. Du meintest dazu nur, ab 40 liefe man dem Tod davon, das würde ich schon noch verstehen, wenn ich mal 40 wäre (ich bin jetzt 44 und rätsle noch immer). Hast du etwas geahnt, hast du es kommen sehen, bist du deshalb so viel gerannt?, frage ich mich.

Dein Geburtstag ging immer unter. Du sagtest, einen oder acht Tage später wäre noch doofer gewesen. Niemand hatte je den Nerv, mit dir zu feiern, so dass du dir das Feiern bereits mit 18 abgewöhnt hast, die meisten Präsente erst am Tag drauf bekommen hast und stattdessen deinen Geburtstag genutzt hast, um Geschenke für andere zu kaufen oder den Weihnachtsbaum in euer Haus zu schleppen.

In manchen Jahren lief es besser für dich, nämlich dann, wenn der 23.12. noch ein Arbeitstag war, dann haben immerhin ein paar Kollegen in eh schon vorweihnachtlicher Arbeits-und-Jahresausklangs-Verfassung mit dir angestoßen (dieses Jahr hättest du also Glück gehabt). Und im „La Fiera“ hast du dir dann mittags ausnahmsweise 2 Stamperl von diesem ekelhaften Limoncello gegönnt, den du mir all die Jahre lang beharrlich anzudrehen versuchtest (1x hab ich dieses WC-Reiniger-artige Gesöff auch tatsächlich probiert, brrr!).

Genug erinnert für heute.

Statt der üblichen SMS, die nun unverschickbar ist, bekommst du diese Zeilen, pünktlich um 23:12 Uhr und obwohl ich eigentlich gerade blog-pausiere (was ich anschließend auch wieder tun werde).

Und einen Song, den du mochtest, noch obendrauf.

Wish you’d kept a closer watch on this heart of yours.

Für Peter.

»Wir lebten etwas anderes als wir waren, wir schrieben etwas anderes als wir dachten, wir dachten etwas anderes als wir erwarteten, und was übrig bleibt, ist etwas anderes als wir vorhatten.«  Gottfried Benn

Heute Morgen ist sie zu Ende gegangen, Deine Reise.

Ich bin froh, dass ich mich am Vorabend meiner Abreise von Dir verabschiedet habe. Du hast mir nachgewunken als ich zur Tür ging, und ein Lächeln versucht. 

Es ist gut so, wie es nun ist, gleichwohl bin ich traurig, dass Du nicht mehr da bist.

Wir werden Dich vermissen – Deine Klugheit, Deinen Witz, Deine Menschlichkeit, Deine Nachbarschaft und Deine Freundschaft.

Stegreifaufgabe.

Ist es da hinten zu Ende? Oder geht es da noch weiter?

dsc02550

Kurz in die Eiseskälte eingetaucht komme ich zu dem Schluss, dass der Horizont dem Meer die Unendlichkeit ebenso vorgaukelt wie manch einer sich das Leben nach dem Tod.

Oder andere sich einen immerwährenden Sommer. Es ist Herbst, zumindest im Wasser.

Einen erfrischenden Start ins Wochenende wünscht
Die Kraulquappe.