Über Erinnerung und Innenarchitektur. Zum 12. Januar 2021.

Ein Scharlatan ist sie, die Erinnerung.
Aus dem Erlebten schnitzt sie sich nachgerade das heraus, was sie behalten möchte oder kann. Heftet sodann jenes willkürlich Herausgeschnitzte als lose (oder wahllos?) aneinandergereihte, biographische Bilder (mit oder ohne Erläuterungstext) an die schier unendlich große Pinnwand unserer Lebenssouvenire.
Von dort gucken sie uns an, all diese arrangierten Andenken. Oder lassen sich von uns angucken.
Etliche lächeln uns freundlich zu, manche zwinkern auffordernd, ein paar strahlen vor Glück und springen uns regelrecht an mit ihrem übermütigem „Mensch, weißt du noch…?“-Gehabe.
Andere hingegen glotzen mahnend oder anklagend oder grausam von ihrem Pinnwandplatz aus herüber, manche blinzeln müde durch einen Tränenschleier hindurch und es ist kaum möglich, länger Blickkontakt mit ihnen zu halten.

Im Laufe der Jahre gewöhnen wir uns an diese Sammlung, leben mit ihr zusammen, ungefähr so, wie man mit einem Möbelstück zusammenlebt, das man liebgewonnen hat, weil es einem gefällt oder weil es seinen Zweck so treu erfüllt oder weil es einfach bloß zu teuer oder zu sperrig ist, um in einer Aufwallung spontanen Unbehagens oder Überdrusses hinausgeworfen zu werden.
Wir kultivieren sie jedenfalls auf die eine oder andere Weise, ordnen die Bilder vielleicht mal neu und anders oder hängen die gesamte Pinnwand an einen lichteren oder finstereren Ort – aber es wird kaum einen geben, der ihre Existenz und Aufrichtigkeit ernsthaft in Frage stellen würde.
Sie ist da, sie begleitet uns, und sie beeinflusst uns, mal mehr, mal weniger.

Zu selten fragen wir uns, ob das Memorierte damals wirklich genau so war, wie wir es uns (in welcher Gemütsverfassung auch immer) irgendwann einmal zurechtgeschnitzt haben, sondern wir pappen ein „So war das damals!“ drauf und heften es zu all den anderen Postkarten aus der Vergangenheit, die wir uns selbst geschrieben haben, um unsere Lebensreise und deren Stationen zu dokumentieren.
Ein Akt der Selbstvergewisserung quasi, denn es muss doch möglich sein, das gelebte Lebens in der Rückschau als etwas wahrzunehmen – ein Etwas, das sich auch irgendwie als irgendwas fassen lässt (damit es nicht dem Vergessen anheimfiele und damit vermeintlich zur Bedeutungslosigkeit verkäme).

In der Erinnerung richtet man sich die Räume der Vergangenheit so ein, wie man sie bewohnen möchte.
Manche werden zu wahren Prunkzimmern ausstaffiert, die von protzigen Kronleuchtern bis in den letzten Winkel ausgeleuchtet werden, denn erstrahlen soll es, das alte, edle Mobiliar, und uns vorgaukeln, wie toll sie doch gewesen sei, diese Zeit damals. Dabei war die Episode, auf die sich die opulente Inszenierung bezieht, eine recht gewöhnliche, unspektakuläre Lebensphase.
Egal – betreten wir einen so gestalteten Erinnerungsraum, hauen wir uns dort zufrieden in den samtenen Fauteuil, entledigen uns mit einer lässigen Wippbewegung der Pantoffeln und lassen mal alle Fünfe gerade sein.
[Wenn ich das so schreibe, fällt mir sofort ein ehemaliger Freund ein, einer der besten Anekdotenerzähler, die ich je kannte: jeder auch noch so banalen Lebensphase verlieh er durch sein Erzählen mindestens einen Hauch von Glamour, Skurillität oder Sensation, ein Highlight jagte das nächste, ja, man konnte leicht neidisch werden auf diese Vita, die so völlig unbesudelt zu sein schien von glanzloser Gewöhnlichkeit und temporärer Tristesse, und er erzählte seine Glitzerstories über die Jahre so oft und mit so viel Inbrunst, dass er sich nicht nur dauerverliebte in seine Biographie, sondern auch in sich selbst, den Protagonisten all dieser grandiosen Geschichten.]
Anderes hingegen, das klein, zart und schön war, landet zu Unrecht auf dem Speicher, wird von schnödem Spinnweb befallen und allenfalls ein Umzug oder eine Generalsanierung könnten es diesem traurigen Schicksal entreißen, weil man es nur dann nochmal anfassen und drüberpusten würde und plötzlich der Anmut gewahr würde, die viel zu lang unter all dem Staub begraben lag.
Der Großteil unserer erinnerten Vergangenheit verteilt sich aber kreuz und quer durch die alltäglichen Räume unserer Behausung: sickert hier ein in Dielen, klebt dort hinter Spiegeln, schlummert in Schubladen, hängt an Haken oder ruht in Regalen, das eine wird ein bisserl hindrapiert, das andere eher versteckt, und das meiste ist einfach nur zufällig da, wo es eben gerade ist.
Und ein paar unserer Erinnerungen werden schließlich zu hässlichen Kellerkammern, in denen nichts als Moder und Mief wohnt. Orte, an denen es einen schon als Kind gegraust und gegruselt hat und denen auch die Taschenlampe in der Hand des Erwachsenen oder Jahre später die Sitzungen beim Therapeuten nie ganz und gar ihren Schrecken nehmen konnten.

*****

Heute denke ich an den 12. Januar vor fünf Jahren, der Tag, an dem N. starb, und zugleich erinnere ich mich an den 12. Januar vor einem Jahr, als ich zu Gast auf einer Geburtstagsfeier war und neben M. zu sitzen kam, eine Begebenheit, die zur Geburtsstunde einer neuen Freundschaft wurde.
Es ist das erste Mal, dass ich nun zwei Erinnerungen an diesen 12. Januar habe, ab jetzt wird das immer so sein, und wer weiß, vielleicht kommt irgendwann noch eine dritte hinzu.

Während N. nach seinem nächtlichen Lauf heute vor fünf Jahren für immer in den Schnee sank, machten M. und ich uns heute vor einem Jahr bei Sonnenschein auf, fortan als Freunde durch die Welt zu wandern.
Gut, zwischen diesen beiden bedeutsamen Ereignissen im Reich der Freundschaft lagen 4 intensive Lebensjahre, 2 aufreibende Umzüge, 1 gottseidank schnell bemerkter Jobirrtum und allerhand andere Schicksalsschmankerl – so gesehen wäre es ziemlich albern, jetzt zu behaupten, dass sich immer dann eine Tür öffnen würde, wenn eine andere sich schließt, ein Sinnspruch, an den sich ja bereitwillig geklammert wird, wenn man erstmal aus dem Garten Eden vertrieben und von den unvermeidbaren Unbilden des Lebens schon ein wenig zerschunden im Vorgarten der Verzweiflung angekommen ist und um einen herum nirgends ein tieferer Sinn aus dem kargen Erdreich zu sprießen scheint.
Eben jener im Schnee gestorbene Freund war es passenderweise auch, der seinem maturierenden Sohne einst auf die Frage, ob das Leben denn irgendeinen Sinn habe, die ebenso ernüchternde wie ehrliche Antwort gab, dass der Sinn des Lebens im Leben selbst bestünde, was den Filius erst wie besessen ins Pianospiel, dann nach Passau und schließlich in eine psychiatrische Klinik flüchten ließ (was der Vater größtenteils nicht mehr mitbekam und sich wahrscheinlich auch nicht auf dieselbe Weise zugetragen hätte, wenn er noch weiter unter den Lebenden geblieben wäre).

Ständig öffnen oder schließen sich alle möglichen Türen (manchmal bekommt man’s leider erst zeitversetzt oder gar nicht mit), und auch hier spielt einem die Erinnerung nicht selten einen Streich, was die nachträgliche Bewertung angeht.
Fünf Jahre nach dem Tod von N. sortiere ich also heute jene Ecke auf meiner Lebenssouvenirpinnwand, die mit Bildern aus der Zeit, in der wir einander kannten, bestückt ist, plötzlich neu (um nicht zu sagen: ich miste dort gründlich aus). Fünf Jahre hat es gedauert, um zu erkennen, dass da manche Erinnerung in einem vergoldeten Rahmen hing, obwohl ein schlichter Cliprahmen angemessener gewesen wäre. Und dass das eine oder andere Bild arg schief hing, fiel mir, die ich ansonsten sehr genau bin in solchen Dingen, ebenfalls jahrelang nicht auf.
Ist es das Los mancher zu früh aus dem Leben Geschiedenen, dass sie durch ihren so unerwarteten Tod die Nachwelt zu Verklärung und Vergoldung anstiften? Oder war hier abermals der Adjutant der Erinnerung, dieser munter herumstümpernde Innenarchitekt am Werk?

Wie dem auch sei – eigentlich wollte ich anlässlich des heutigen (nun in doppelter Hinsicht) Jahrestages ja nur festhalten, dass ich ein kleines Verdutztsein darüber verspüre, dass es exakt dieses Datum ist, an dem der eine Freund ging und der andere in mein Leben trat, wobei Letzterer binnen eines Jahres ein engerer Freund wurde als Ersterer in einem ganzen Jahrzehnt.

Und ich wollte sagen: Danke, lieber M., für dieses vergangene Jahr, das so reich war an Freude, Ausflügen, Perspektiven, Erlebnissen, Gesprächen, Entdeckungen, Verbundenheit und Kuchenstücken!

Himmel der Bayern (88): Mit der Lütten zu den Bütten.

Große Hunderunde bei Gmund: Weil das Dackelfräulein ausgeführt werden muss und weil vor dem Besuch beim Papa ein paar erfreuliche Eindrücke getankt werden sollen, um für die, die einen dann dort ereilen werden, besser gewappnet zu sein. Der zweite Lockdown (und überhaupt dieses ganze Jahr) hinterlässt so seine Spuren im Leben eines Parkinsonkranken.

Von Gmund-Seeglas den Uferweg entlang, inklusive Hundestrandbesuch, dann hinauf nach Elend, weiter über Niemandsbichl und von dort via Louisenthal zurück nach Gmund.

Muss ja nicht immer ein Berg sein, See und Hügelland sind auch mal schön. Und die Büttenpapierfabrik erst!

Abends dann Formularausfüllhilfe, Krankengeschichtsupdate, Haushaltsprobleme, Coronathemen und die unvermeidliche Weihnachtsfrage mit der altbekannten Antwort.

Das Fräulein guckt derweil genüsslich Hundefernsehen – so einen fetten Martinibraten bekommt sie daheim schließlich nie zu sehen.

Nach fünf Stunden dröhnt mein Kopf von all dem Besprochenen und der immer lauter werdenden Lebensgefährtin des Papas. Wie hält er das nur den ganzen Tag aus?

Als ich aufbreche, trete ich im dunklen Garten auf einen toten Igel und muss heulen.

Zum Feste der leiblichen Gegenwart…

…empfehle ich Ihnen diese ebenso weltliche wie weise elfminütige Lesung von einem, den ich ausgesprochen schätze, was auch für seinen Heimatort und den dazugehörigen Biergarten mit Seeblick und Unertl-Weiße gilt.

„Das Leben muss bis zum Tod hin gelebt werden können, sonst kann der Tod nicht gestorben werden.“

Den vollen Genuss bieten nur die vollen 11 Minuten und 12 Sekunden, aber wenn’s denn unbedingt die Instant-Version sein muss, weil sie gerade fronleichnamsprozessieren oder sonstwo herummarschieren an diesem Feiertag, dann hören Sie sich in Gottes Namen erstmal nur den Epilog an (ab 8:54).

Für heute will ich’s dabei belassen, der erste Schwimmausflug – so wunderbar er auch war, und so leiblich ich mich durch ihn auch endlich wieder in der Gegenwart verankern konnte – steckt mir noch ein wenig in den Oberarmmuskeln.

Genauere Berichterstattung folgt, sobald ich von der lokalen Pressefotografin das Bildmaterial erhalten habe und sofern ich darauf halbwegs chlorreich aussehe bei meinen ersten Schwimmzügen nach fast drei Monaten.

Scherz! Oder nicht?
Warten Sie’s ab.

Like a window in your heart.

Drei Tage hab ich gebraucht.

Drei Tage, um den Deckel des Kartons, den mir der Papa am Abend des Vatertagsbesuchs mitgegeben hatte, ein zweites Mal zu lupfen, vorsichtig in das Innere der Kiste zu greifen, erneut eine Handjedervoll Fotos herauszunehmen und sie zu betrachten.

Der Erstversuch mündete nach wenigen Sekunden in einen Sturzbach aus Tränen. Nur ein einziges Foto hatte ich am Freitag einer dieser typischen 70er Jahre Agfa-Fototaschen, derer ungefähr 8 bis 10 in dem Karton schlummern, entnommen:

Und dieses eine Bild, das riss mich dermaßen…
Der Papa und ich bei einer Bergtour, in uralten Zeiten, er noch so schlank und ich vermutlich noch so quengelig, seine Frisur, sein kariertes Hemd und überhaupt: diese Klamotten!, und mein roter Kinderrucksack, den ich völlig vergessen hatte!

Wie ich mich da an ihn klammere, und wie er so dasteht mit der kleinen Tochter, also mit mir, und wie mir in diesem (im wahrsten Wortsinne:) Augen-blick letzte Woche am Freitagmorgen so schlagartig bewusst wird, wieso ich heute so bin wie ich bin (bzw. zumindest ein großer Teil von mir genau so ist wie er eben ist). Quasi ein Donnerschlag der Bewusstwerdung, den dieses eine Bild auslöste.

Und was ich nicht alles von ihm habe, was er mir nicht alles vermittelt und mitgegeben hat. Wie er sich bemüht und abgestrampelt hat, um nicht nur beruflich seine Sache so gut wie möglich zu machen, sondern auch als Vater.
So bewusst wird mir das, dass ich eben nach nur ein paar Sekunden nichts mehr sehen kann vor lauter Tränen und dann schluchzend wie ein Kleinkind im Flur stehe, bis das Dackelfräulein in wilder Sorge angaloppiert kommt und mich so lange und mit so vielen Hundebussis bedrängt (es ist mit diesem Hund beim besten Willen nicht möglich, mal ungestört und ungetröstet zu heulen – wie ist das eigentlich: machen andere Hunde das genauso, sind das auch solche Heul-Hemmer und Trost-Tyrannen?) bis dann auch noch der Gatte etwas irritiert herbeieilt, mir das Foto abnimmt und mich eine Weile festhält, bis ich mich wieder beruhigt habe.

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Drei Tage später schaffe ich ganze drei Bilder, mehr geht nicht.

(Wenn ich mich in dem Tempo weiter durch den Karton wühle, bin ich mit der Sichtung des Inhalts vielleicht gerade noch rechtzeitig fertig, bevor mir eine bis dahin hoffentlich top bezahlte Pflegekraft eine Schnabeltasse in die Hände drückt und ich mit runzligen Lippen meinen vorletzten Schluck Fencheltee daraus nehme.)

Bild Nr. 2.

Der Papa und ich im Ruderboot, auf dem Starnberger See. Bis auf meine flotte Oberbekleidung und das alberne Käppi tragen wir fast die gleichen Sachen wie auf dem Bergfoto. Meine Güte: diese großen Hände, die immer wussten, was zu tun ist (und wie es zu tun ist), neben meinen kleinen, speckigen Kinderfingern.

Er war für mich damals der Größte. Er wusste alles, er konnte alles, nichts schien ihn je umhauen zu können, und ich hatte noch keinen blassen Schimmer, welch naiver Illusion ich da aufsaß.
Kinderglück eben. Selig sind die Ahnungslosen, zumindest manchmal (oder für kurze Zeit).

Allzu viel Glück gab es bei uns ja sowieso nicht, also klammerte ich mich an jedes Stück Glück, das ich finden konnte. Und der Papa, der war diesbezüglich zehn Jahre lang eine prima Fundgrube.

Erst danach dämmerte mir allmählich, wie es um die Eltern und ihr Glück bestellt war, nämlich schlecht, vermutlich sogar schon sehr schlecht, aber bis ihnen ihr Unglück sichtbar aus jeder Pore quoll und in jede Ritze unseres Lebens sickerte, sollte es noch ein Weilchen dauern, ungefähr anderthalb Jahre, bis ich knapp zwölf war und die Mutter in Schladming auf der Planai ihre Unsportkarriere mit einem dramatischen Skiunfall beschloss (ach ja, die Mutter, sie beherrschte die Kunst des Dramas auf wirklich jedem Terrain), womit der Anfang vom Ende besiegelt war, und fortan ging es nur noch bergab (erst mit dem Akia und dem lädierten Bein der Mutter, dann mit unserer Familie).

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Das dritte Foto.

Holland, Vrouwenpolder, Sommerferien. Der Papa und ich am Strand.
Auf meinen weißen Haarspangen war ein Schmetterlingsmotiv aufgeklebt und der beige Gummi der Spange riss ständig. Unsere Windjacken rochen in diesen Sommern nach Salzluft und Wattwanderungen.
Es war eh die Ära der Windjacken, so nannte man diese spießigen Blousons mit Strickbund, jeder besaß damals so ein Ding, heute läuft fast niemand mehr in sowas herum.
Mein ockergelbes Exemplar trug ich, bis die Bündchen morsch und ausgeleiert und das Innenfutter mit dem Ankermuster total zerschlissen war. Ich hing so an dieser Jacke, weil an ihr die Erinnerungen an diese wenigen Sommer der Unversehrtheit hingen.

Holland, das waren jene drei oder vier Wochen im Sommer, in denen der Papa jeden Tag Zeit hatte. Zeit, in der wir uns auch mal vor der Mutter davonstahlen und an der Bude hinterm Deich Pommes futterten oder auf der anderen Seite des Deiches Wattwürmer ausgruben, gestrandete Quallen auf einem Spaten ins Meer zurücktrugen oder mit einem Kescher Garnelen fingen, sie in einen Eimer setzten, ein Weilchen beobachteten und wieder freiließen.

Holland, das bedeutete kartonweise Vla (in drei Geschmacksrichtungen) und Schokohagel (in zwei Hagelgrößen) und zum Frühstück diese Labbersemmeln, die Bolletjes hießen und auf die wir ungeachtet des Geschimpfes der Mutter erst dick Sahnequark schmierten und dann noch dicker diese köstliche Sauerkirschmarmelade obendrauf packten, die wir aus dickbauchigen Gläsern mit lustigen Zwergen drauf (die „De Vruchtenplukkers van Hero“ oder so ähnlich hießen) herauslöffelten.

Holland, das waren kleine, khakifarbene Frösche, die in dem sandigen Grundstück rund um das Ferienhaus der Bonner Patentante herumhüpften, unzählige Karnickel, die sich in den Dünen hinterm Haus versteckten und kreischende Möwen, die uns Tag für Tag den gelb-orangefarbenen Windschutz neben unserem Strandhäuschen vollkackten.

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Viertes und letztes Bild.

Mein erstes Stofftier und ich. Dasselbe Baujahr, wir zwei, olympischer Jahrgang 1972.
Auch in diesem Foto bereits ein eindeutiger Bezug zum weiteren Verlauf meines Lebens und zentralen Neigungen erkennbar, manches war mir wohl buchstäblich in die Wiege gelegt worden und hat sich offensichtlich nie verändert.

Gut, ganz so kurze Kleidchen trage ich heutzutage nicht mehr, trotz weniger wulstigen Beinen, deutlich besserer Haltung und meist minimal freundlicherer Miene.

Erst muss ich herzhaft über das Foto lachen, weil mich diese frühkindliche Dackelprägung so erheitert, dann aber kullern mir schon wieder die Tränen übers Gesicht.
Zum einen hat die Mutter meinen Original-Waldi eines Tages einfach konfisziert und nie mehr herausgerückt, und irgendwann wird er kläglich in ihrer Messie-Wohnung verendet sein. Er fehlt mir immer noch, und was gäbe ich drum,… (lassen wir das lieber).
Zum anderen erinnere ich mich auf einmal, dass der Papa nach der Trennung jahrelang drum betteln musste, dass die Mutter die Negative der Familienfotos rausrückte, damit er sich Abzüge machen lassen konnte, und mir wird klar, wie viele Abende oder Nächte er mit zusammengekniffenen Augen über diesen Negativen gesessen haben muss und all die Kreuzerl auf den Nachbestelltäschchen gemacht hat (so wie das damals eben war: man saß da mit einer Lupe und bei möglichst gutem Licht und hat Nummern von Negativstreifen abgeschrieben und dann die entsprechenden Felder angekreuzt), damit er wenigstens einen Teil der bebilderten Erinnerungen an seine 12 Jahre als Ehemann und Familienvater irgendwie retten oder konservieren konnte.

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Wo sind sie nur geblieben, die Jahrzehnte?
Wieso ging das alles nur so verdammt schnell vorbei, es waren doch immerhin über vierzig Jahre?
Wie ging er bloß vonstatten, dieser Übergang vom vermeintlich immerstarken, unverwüstlichen Papa hin zu dem parkinsonkranken, alten Mann?
Was haben wir schon verloren, was ist uns noch geblieben, was können wir weiterhin festhalten – und was werden wir nach und nach loslassen müssen, und vor allem wann und wie?

Als das Coronavirus aufkreuzte, war das für den Papa der Startschuss, um seine Habseligkeiten zu sichten, zu sortieren und gründlich auszumisten. Die Wochen des Lockdowns haben ihm auch gereicht, um dieses Vorhaben abzuschließen.
Die Fotokiste ist nun der erste von drei Kartons, die er mir übergeben möchte. Einen gerahmten Druck von Theuerjahr sollte ich auch gleich mitnehmen, der lehnt jetzt hier an einer Wand und erinnert mich an so vieles, und ich überlege, ihn vorerst in den Keller zu stellen, bis ich ein klares Gefühl dafür habe, ob ich dieses Bild hier bei mir zuhause und in meiner Gegenwart aufhängen kann und will.

Noch zwei solche Übergaben, dann hat er sich von allem befreit. „Mehr zu vererben gibt’s nicht!“, und alles andere sei auch schon geregelt, sagt er. So sehr mir das an die Nieren geht, so klar und gut finde ich es auch. Die Mutter hat einen Mordsverhau hinterlassen als sie abtrat von der Lebensbühne, der Papa würde das nie tun, das war zwar zu erwarten und doch ist’s komisch, wenn er zu einer Zeit „aufräumt“, in der noch schwer vorstellbar ist, dass „es“ bald soweit sein könnte.

Nun ja. Nach diesen beiden ersten Fotokistenerlebnissen bin ich tagelang ein wenig neben der Spur.
Dann fasse ich den Beschluss, mich nun auch vorzubereiten. Auf meine Art: schreibend.

Ich werde anfangen, die Rede aufzusetzen, die eines Tages zu halten sein wird, und die ich – das ist mir nach diesen vier Fotos klar geworden – auf keinen Fall erst dann verfassen kann, wenn dieser Tag schon kurz bevorsteht. Freilich werde ich sie niemals selbst halten, diese Ansprache, diesen Abriss über sein Leben und darüber, was er für mich war, weil ich an dem Tag aller Wahrscheinlichkeit nach nicht mehr als einzelne Worte (oder nicht mal die) werde sprechen können, denn je älter, desto näher am Wasser…, na, Sie wissen schon. (Ich setze drauf, dass der Gatte dann das Vortragen übernimmt, ohnehin der geübtere Redner von uns beiden.)

Während ich die ersten Stichpunkte notiere, verspüre ich das Bedürfnis, dabei Musik zu hören.
Musik, die manch gemeinsames Erlebnis begleitet hat oder die meinem Gedächtnis auf die Sprünge hilft beim Nachzeichnen dieses langen Weges.

Ich notiere mir, welche Songs und Interpreten das sind, aus denen der Soundtrack zu dieser Vater-Tochter-Geschichte gewoben wurde, deren Anfänge mir nach so langer Zeit wieder (oder überhaupt erstmals?) klar vor Augen stehen und deren Ende (sofern solche Enden denkbar oder gedanklich antizipierbar sind), mir einst ein beängstigend großes Loch ins Herz fräsen wird, mit dem ich etwas schutzlos und staunend und trotzdem weiterleben werde, darauf wartend und hoffend, dass aus dem Loch mit der Zeit ein Fenster wird.

Ein Fenster mit durchsichtigen Flügeln, die ich zu schließen oder zu öffnen vermag, je nach Windstärke da draußen oder Abwehrschwäche da drinnen.

And I see losing love
Is like a window in your heart
Everybody sees you’re blown apart
Everybody feels the wind blow

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Matrjoschka (6).

Vier Wochen ohne Wassersport! Die vorletzte Matrjoschka steht am Seeufer, vermisst das Schwimmen so schmerzlich und versucht, sich mit einer Wassergeschichte diese Sehnsucht wenigstens ein bisschen aus dem Leib zu schreiben.

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Zurückkehren muss ich, an jenen Kindheitsort am Wasser, wo vieles begann und manches endete. Hinausblicken muss ich, auf den tiefblauen See, seinem leichten Wellengang und dem sanften Klatschen der kleinen Wogen gegen die Kiesel lauschen, bis die Erinnerungen nach und nach an Land getragen werden und meine Stiefel umspülen, bis ich vierzig Jahre später noch einmal mittendrin stehe, in den verblichen geglaubten Sommerbildern und ihnen zugleich soweit erwachsen bin, dass ich ihre Geschichte erzählen kann.

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In meiner Grundschulzeit hatte mich die Mutter an sonnigen Tagen nach dem Mittagessen oft in ihren orangefarbenen VW Käfer gesetzt und war mit mir an den See gefahren. Immer an ein und denselben Ort, in all diesen Kindheitssommern. Sie parkte das Auto in einem schattigen Wohnsträßchen, mit unseren Badetaschen über den Schultern liefen wir den Wiesenhang hinab zum Ufer und bogen links in die Seestraße ein. Unser Ziel war die windschiefe Hütte mit der Nummer 13, ein dunkles Bootshaus mit bemoostem Dach, an das sich ein kleiner Steg mit unebenen Holzplanken anschloss. Auf einer wackligen, selbst-gezimmerten Bank vor der Hauswand saß an jedem dieser Sommertage Herr S., der von der Fischerei und seinem Bootsverleih lebte.

Im Unterschied zur Mutter war Herr S. stets braungebrannt, überaus entspannte Gesichtszüge unterstrichen seinen Teint, und er hatte permanent ein Späßchen auf den Lippen, zwischen denen sonst, wenn er allein und schweigend vor seinem Häuschen in der Sonne saß und sich unbeobachtet wähnte, recht lässig eine halb gerauchte oder erloschene Zigarette klemmte.

Vor allem aber hatte Herr S. die Gabe, der Mutter einen Frohsinn einzuhauchen, der ihr wesensfremd war oder den sie strikt verborgen hielt, jedenfalls kam er in ihrem Alltag fast nie zum Vorschein. Ich beneidete Herrn S. sehr um dieses Talent, über das der Papa und ich trotz redlicher Bemühungen nicht zu verfügen schienen, gleichwohl schwante mir ungeachtet meiner noch jungen Jahre, dass diese Bootsverleiherbegabung offenkundig etwas damit zu tun haben musste, dass Herr S. wohl das war, was man einen attraktiven Mann zu nennen pflegte, der sich noch dazu vortrefflich darauf verstand, die Damenwelt zu umgarnen.

Verlangte die Mutter nach dem tannengrünen Ruderboot, das sie am liebsten mochte, weil dessen Ruderdollen besonders tief und synchron quietschten, begab sich Herr S. sofort schwingenden Schrittes zum hinteren Bootsschuppen, band dort die kleine Barke los und führte sie mit einem Stab, den er an ihrem Bug einhakte, durch das Wasser und um den Steg herum, bis zur Einstiegsstelle vor der kleinen Holzleiter.

Nun folgte der Augenblick, für den die Mutter hierhergekommen war und an dem ihre Stimmung jedes Mal verlässlich von normalgrau in sonnengelb umschlug: Sie betrat den Steg, ging über die knarzenden Planken zur Leiter, und sobald sie ihren Fuß etwas ungelenk auf der obersten Sprosse platziert hatte, reichte ihr der charmante Herr S. seine kräftige, gebräunte Pranke, in die sie dann nur allzu willig ihre blasse, zartgliedrige Hand hineinsinken ließ.

Er hielt die Mutter mindestens so lange fest, bis sie mit beiden Beinen stabil und ohne zu schwanken im Ruderboot zu stehen kam, meist aber hielt er sie noch über diesen Moment hinaus, da die Mutter häufig einen kleinen Gleichgewichtskampf als eine Art Zugabe zur Einstiegszeremonie inszenierte – vielleicht kokettierte sie auch nur, um etwas länger als eigentlich nötig mit ihrem feschen Fischer verbunden zu sein.

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Barfuß stand ich am Ufer, in einem türkisen Jerseykleid mit Segelschiffmuster, das die Mutter mir eigens für unsere Sommerausflüge genäht hatte, damit sie zusammen mit ihrer Tochter auch ja ein adrettes Gesamtbild abgäbe.

Sachte tippte ich mit den Zehen auf die Wasseroberfläche oder drehte meine Fersen in den kühlen Kieseln hin und her und sah der Tändelei zu, die sich auf dem Steg abspielte. Ich harrte artig aus, bis sich das kleine Spektakel seinem letzten Akt näherte, erst dann hob ich meine Sandalen vom Boden auf, ging langsam ins Wasser hinein und balancierte vorsichtig über die großen, glitschigen Steine auf dem Seegrund zum Boot hinüber. Den Weg über den Steg und die Leiter zu nehmen, hätte ich niemals gewagt, denn das dort stattfindende Kammerspiel schien keinesfalls mehr als jene zwei Protagonisten zu vertragen.

Es war, als hätten die Mutter und ich eine stillschweigende Übereinkunft für jene Besuche am See getroffen: dass ich mich diskret von ihr fernhielt, wenn sie ihren Auftritt auf dem Steg hatte, dass ich ihr diesen Moment uneingeschränkt gönnte, sie dabei mit nichts störte und dass ich auf diese Weise zumindest einen Teil meiner töchterlichen Schuld zu tilgen suchte. Die Schuld, ein Dauereindringling in ihrem Leben und die personifizierte Verhinderung ihrer Chancen zu sein – oder was auch immer das Grundschulkind von damals aus Anwürfen wie Wegen dir muss ich bei deinem Vater bleiben – Wegen dir musste ich meine Karriere aufgeben – Wegen dir habe ich auf vieles verzichtet, dabei hätte ich so tolle Optionen gehabt abgeleitet haben mochte.

So war der Deal: sie dort auf dem Showtreppchen tänzelnd, mit ihrem schlanken Arm nach dem Seemann haschend, ich hier am Ufer wartend, mit meinen nackten Füßen im nassen Kies scharrend.

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Bis uns die Mutter schließlich ein Stück aufs Wasser hinausgerudert hatte, verging eine gefühlte Ewigkeit. Alle paar Ruderschläge hielt sie inne, um sich unter mädchenhaftem Winken gen Osten zu recken, wo Herr S. und sein Bootshaus kleiner und kleiner zu werden drohten.

Befand sich unser Schiffchen weit genug von Land entfernt, wurde es von der Strömung sogleich nach Süden getrieben. Dann war sie ganz mit mir allein, die Mutter, obwohl sie viel lieber mit Herrn S. alleine gewesen wäre und zur Not auch mit sich selbst.
Nun kam der Part, dessentwegen ich diese Ausflüge liebte: Unser kleines grünes Ruderboot lag jetzt mitten auf dem weiten See!

Die Mutter saß zwar gerne am oder auf dem Wasser, sie blickte auch gern übers Wasser, aber in Seemitte ein Bad zu nehmen, das kam für sie nicht in Frage. Sie war eine klassische Uferplantscherin und Wellenbestaunerin, die dunkle Tiefe des Sees aber wirkte bedrohlich auf sie, das Bodenlose schreckte sie geradezu ab und mit der aquatischen Ambivalenz von Geborgenheit und Gefahr wollte sie nichts zu tun haben.
Vielleicht hat all das sie zu sehr an ihr eigenes Sein erinnert, ihr den Spiegel vorgehalten – denn der Charakter der Mutter war durchzogen von derselben Ambivalenz.

Wasser ist nie verlässlich, sondern stets ein anderes, von einer Stunde zur nächsten kann der klarste, friedlichste See sich zu einem finsteren, unwetterumtosten Gewässer entwickeln.
Und genauso verhielt es sich mit der Mutter – nur dass mir niemals Sturmwarnleuchten anzeigten, dass ihre Stimmungslage sich demnächst ändern würde.

Beinahe ein Hohn des Schicksals, dass es mich, die Tochter, schon immer ins Wasser zog. Im Wasser zu sein, das bedeutete wohliges Getragenwerden von Weichheit, beruhigendes Umgebensein von Stille und mich für die Dauer eines Schwimmgangs sicher fühlen zu können inmitten dieser großen Schwere und Ungewissheit, die meine Kindheit umgab.

*****

In einem von der Mutter unbeobachteten Moment stand ich auf, zog mir flink das Kleid über den Kopf, sprang über den Bootsrand und glitt mit ein paar kraftvollen Schwimmzügen tief in das Wasser hinein. Der Sprung in den See kam jedes Mal dem Umlegen eines Mantels mit Kapuze gleich: ganz und gar behütet war ich dort, wie von einer Schutzhülle umgeben. Im Wasser war das Leben grenzenlos und weit, es konnte ungehindert fließen, es nahm mich mit.

Tauchte ich dann in einiger Entfernung wieder auf, stand die Mutter bereits zornrot und mit zittrigen Knien im Boot und schrie Ermahnungen in meine Richtung, die schrille Stimme ein einziges Echo ihrer eigenen Ängste. Über den genauen Inhalt ihrer Rufe konnte ich nur mutmaßen, weil ich dank des Wassers in meinen Ohren so gut wie nichts von alldem verstand. Bevor ich hätte reagieren müssen, schob ich den Kopf einfach erneut unter die Wasseroberfläche – und weg war ich, weit weg!

Ich schwamm, als ginge es um mein Leben, ich schwamm, um dem flüssigen Element möglichst viel seiner so belebenden Energie abzuringen und sie in mir aufzunehmen, damit ich mich später, zurück an Land mit der Mutter, eine Weile im wahrsten Wortsinne besser über Wasser halten würde.

Denn die Mutter und ich, wir waren zwei elementar verschiedene Existenzformen: sie Erde, ich Wasser, und die klägliche Schnittmenge daraus nichts als Matsch und Morast, in dem wir gemeinsam feststeckten, bis unsere Wege früh sich trennten.

So wurde mir der See zu meinem kindlichen Refugium, zu meinem Rückzugsort vor dem Regiment der Mutter, zu einem schallisolierten Raum, in den ihre Vorwürfe und Angstschreie nicht eindringen konnten.

*****

Meinen Freischwimmer machte ich an jenem Sommernachmittag, an dem hinter den Hügeln im Westen plötzlich eine düstere Wolkenfront aufzog. Bald war der Wind stärker als die schwachen Ruderzüge der Mutter, der kleine Kahn bewegte sich nicht mehr vom Fleck und tat dies umso weniger, je mehr die Mutter jammerte und schimpfte. Das Bootshaus war zwar in Sichtweite und zugleich schien es unerreichbar.

Obwohl das Gewitter noch nicht unmittelbar bevorstand, war Eile geboten – diese Botschaft blies uns der Wind mit aller Deutlichkeit ins Gesicht.
Als ich beschloss, in den See zu springen und an Land zu schwimmen, um Herrn S. zu sagen, dass er uns helfen müsse, dass er das Ruderboot mit der Mutter drin vom See holen müsse, keimte in mir erstmals die Ahnung von einer Zukunft auf.

Von meiner Zukunft: einer Zeit, in der ich unabhängig sein würde von der Mutter, frei und selbstbestimmt handeln würde. Ohne sie.

Noch nie zuvor war ich so lange im Wasser gewesen. Etwas atemlos erreichte ich schließlich das Bootshaus, Herr S. hatte mich bereits erspäht, empfing mich am Steg mit einem Handtuch in der Hand, klopfte mir anerkennend auf die Schulter und machte sich sofort per Motorboot auf den Weg zur Mutter.
In das Handtuch des Bootsverleihers gehüllt stand ich am Ufer, sah der Rettungsaktion zu und empfand zum ersten Mal im Leben auch zu Land so etwas wie Sicherheit.
Eine, die ganz allein aus mir entsprang.

*****

Heute, an einem weißblauen Frühlingstag, stehe ich vor jenem Bootshaus aus Kindertagen, knirsche mit den Absätzen im Kies und blicke hinaus auf den See.
Unverwandt liegt er da, so wie vor vierzig Jahren, ist immer noch derselbe und doch ein anderer, genau wie ich.

Die Mutter ist längst auf ewig vereint mit ihrem Element, der Erde, und mit einer Mischung aus Befremdung und Wehmut denke ich an unsere Sommer am Wasser zurück.

Auf dem Steg fegt ein Mann die ersten verblühten Vorboten des nahenden Sommers zusammen.
Ich beobachte ihn bei seinem Tun, was er zu bemerken scheint, denn auf einmal sieht er in meine Richtung. Unsere Blicke treffen sich kurz, er lächelt, nickt mir zu und fährt mit seiner Arbeit fort.
An der Holzleiter, über die sich die Mutter einst mit Hilfe von Herrn S. in das tannengrüne Ruderboot hinabließ, hängt ein schwarzer Plastiksack, in den der Mann die welken Blüten hineinstopft. Anschließend knotet er ihn zu und schultert ihn.

Nach vier Jahrzehnten betrete ich nun wieder den alten Holzsteg. Der Mann kommt mir entgegen, wir grüßen einander, er geht an mir vorbei zu seinem Auto.
Aus einem Impuls heraus drehe ich mich um und frage ihn, ob er zufällig den früheren Besitzer dieses Bootshauses kennen würde, den Herrn S., der sei vor vierzig Jahren hier mal Bootsverleiher gewesen.

Schwungvoll bugsiert der Mann die schwarze Tüte auf die Ladefläche seines Anhängers, dann wendet er sich mir zu und antwortet: Er ist mein Vater.

Für einen kurzen Augenblick verspüre ich das Bedürfnis, nach seiner kräftigen, gebräunten Hand zu greifen, sie festzuhalten, so als könne sich dadurch ein Kreis schließen, der in Wahrheit kein Kreis, sondern nur eine von vielen Lebenslinien ist, deren Zickzackmuster sich auf der gekräuselten Oberfläche des frühlingsflirrenden Sees widerspiegelt.

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About leaving oder: Abendliche Depesche aus dem Exil.

Zur Frühstücksbreze gibt’s Ruhe, Regen und die regionale Tageszeitung. Gerade mal seit vier Tagen habe ich mühsam eine Haltung gefunden, die es mir ermöglicht, während meines Wasserschadensanierungs-Exils einigermaßen schmerz- und wutfrei mit G., der Lebensgefährtin des Papas, umzugehen (wir berichteten hier), damit ich diese 9 Tage in G.s Haus halbwegs unbeschadet überstehe – und schon muss ich die nächste Haltung finden: Denn übermorgen geht’s heimwärts, zwar noch nicht in die Wohnung, aber immerhin schon mal in die Nähe der Wohnung, in ein Hotel ums Eck, und all diese Orte befinden sich in der „Corona-Hauptstadt“, wie der hiesige Merkur titelt.

Ich weiß noch nicht so recht, wie ich das finden soll, eigentlich freute ich mich aufs Ende des Exils, der Unbehaustheit und der Heimatlosigkeit. Aber nun? Corona-Hauptstadt?!?
Naja, man wird sehen, was da noch alles kommt. Sollten wir uns wegsperren müssen, haben wir immerhin ein neues Bad und keine Flecken mehr an den Wänden.

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G., die Lebensgefährtin des Papas, kommentiert auch an Tag 7 meines Aufenthalts noch unbeirrt jeden Happen und jeden Schritt von mir, sobald wir uns begegnen. Ich kommentiere nun grundsätzlich zurück, in ähnlichem Tonfall, mit ähnlichem Gesichtsausdruck, nur die Wortwahl ist etwas deftiger, denn ein bisserl Kontrast muss schon sein.

Einer der Spitzendialoge war in den letzten Tagen dieser hier:

Ich, in der Küche stehend, mir ein Müsli mit frischem Obst zubereitend.
G., im angrenzenden Wohnzimmer sitzend, eigentlich lesend, aber permanent den Papa, der ebenfalls im Wohnzimmer sitzt, mit irgendwas zutextend.
G. sieht, dass ich in die Küche gehe, hört von dort Zubereitungsgeräusche (die Tür steht immer offen, man hört jedes Löffelklappern) und sagt im Keifton zum Papa: „Die isst ja ständig was!“
Der Papa entgegnet: „Auch nicht öfter als wir.“
G.: „Doch! Wenn wir morgens runterkommen, hat die ja schon gefrühstückt. Dann holt sie sich vormittags noch irgendwas. Und dann meist noch dieses Müsli, bevor sie mit dem Hund loszieht! Die isst dauernd!“
Der Papa: „Ist doch egal, lass sie doch.“
G.: „Ich staune aber schon. Dass die so oft was isst. Wie kann man nur so viel essen? Naja, erlauben kann sie sich’s ja…“
Ich schalte mich von der Küche aus ein, also ohne Blickkontakt, was die Sache vereinfacht: „DIE kann euch übrigens hören. Und DIE isst was, so oft sie möchte. Und selbst wenn DIE es sich nicht erlauben könnte und kugelrund wäre, wäre es immer noch IHRE Sache.“

Mich hingegen versetzt es in Staunen, dass und wie G. sich wirklich über alles echauffieren kann, was ihren Vorstellungshorizont sprengt oder sich mit ihrem Weltbild nicht verträgt. Zumal das so vieles ist. Wie schafft man das, sich über so vieles zu ereifern? Wie fühlt sich das an, einen anderen immer nur abzuwerten und zu kritisieren? Wie geht es einem damit, jemandem 7 Tage lang keine Verständnisfrage gestellt zu haben, ihn/sie aber in einer Tour bemeckert zu haben für nahezu alles, was er/sie tut?

Noch mehr aber staune ich, als ich neben G.s Sessel auf einem Beistelltischchen dieses Buch entdecke:

Einerseits möchte ich G. zurufen: „Ja super, fahr doch einfach los und such deine Freiheit!“. Andererseits schnürt mit der Anblick des Covers die Kehle zu, lässt mich eher still werden und denken: „So ein Buch liegt da nicht zufällig. Schon gar nicht mit einem Lesezeichen, das bereits in Buchmitte steckt.“

So viel unerfülltes Leben, wohin man nur blickt. Unerfüllte Träume, unerfüllte Bedürfnisse, unerfüllte Beziehungen, unerfüllte Vergangenheit, unerfüllte Gegenwart.
Beklemmende Biografien mit noch beklemmenderen Fazits, spätestens, wenn der letzte Lebensabschnitt mal erreicht ist. Alles so welk, so trist, so trostlos.

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Wenn ich gelegentlich kurz hinter das ganze Gemecker und Gekeife von G. schaue, sehe ich eine alte, unzufriedene Frau, wohlhabend und geizig zugleich, sich der Welt und Umwelt immer mehr entfremdend (vielleicht auch durch beginnende Demenz und/oder sich manifestierende, unbehandelte psychische Probleme), mit zwei Söhnen, die sich nicht für sie interessieren und mit einem Partner, für den sie sich nur interessiert hat, so lange er gut funktionierte und „jemand“ war und für „etwas“ stand.

Der Papa ist nicht mehr der große Geschäftsführer und Chef oder der Leiter und Lenker einer Institution mit mehreren hundert Angestellten, er lässt keine Gebäude mehr bauen, er hantiert nicht mehr mit Budgets, er hat keinen Fahrer mehr und auch keine Sekretärin.
Er ist jetzt alt und gebrechlich und bereits zur Hälfte von Mr. Parkinson zernagt.

Seine rechte Körperhälfte gehört ihm immer weniger. Mit der rechten Hand trifft er kaum noch die Maustasten, Bestellvorgänge im Internet werden schwieriger, weil er sich verklickt oder zu langsam ist. Unterschriften werden zur Qual. Schuhe anziehen sowieso. Alles ohne Klettverschluss ist Strapaze, egal, ob Knopf oder Schnürung oder Gürtel.
Kochen, einst eines seiner größten Hobbies, erfordert so viel Feinarbeit und motorische Anstrengung, dass ihm der Appetit vergeht, bevor das Essen auf dem Tisch steht. Und steht es dann doch auf dem Tisch, kann er manches nicht mehr in mundgerechte Stücke schneiden oder verliert diese auf dem Weg zum Mund.
Die Mimik wird starrer und starrer, wirkt manchmal unfreundlich eben wegen dieser Starrheit, die rechte Gesichtshälfte streikt zusehends und produziert statt einem Lächeln einen Speichelfaden, der auf dem Hemd landet, direkt neben dem Fleck vom Abendessen, das ihm von der Gabel fiel.

Der Alltag ist zur Zitterpartie geworden. Er ist froh, wenn ihm nichts entgleitet oder gar herunterfällt, denn Bücken ist eine Herausforderung fürs Gleichgewichtsorgan geworden, also fasst er manches lieber gar nicht mehr an. Im alltäglichen wie auch im übertragen Sinne. Er klinkt sich aus. Was er nicht mehr berührt, kann ihm auch nicht mehr entgleiten, meint er. Was er nicht an sich nimmt, kann ihm auch nicht mehr herunterfallen und zerspringen, meint er. Er klinkt sich aus.
„Du irrst dich, Papa!“, will ich zu ihm sagen und dann bringe ich es doch nicht übers Herz, weil ich kein tragfähiges Alternativkonzept weiß, das ihn mit sich und der Welt wieder verbinden könnte, zumindest keines, das für ihn taugen würde. Ich lasse ihn sich ausklinken, sehe ihm dabei zu, in einer dumpfen Ohnmacht.

Sein Radius wird kleiner und kleiner, der betretbare Ausschnitt der Welt wird schon bald einer sein, bei dem die Hauptgefahr darin besteht, sich selbst auf die eigenen Füße zu treten. Dieses sich so deutlich anbahnende Um-die-eigene-Achse-Drehen spürt er und es jagt ihm Angst ein, aber da er nie gelernt hat, sich mit Ängsten auseinanderzusetzen, weil er, als er noch Chef war und den ganzen großen Laden alleine gut im Griff hatte und haben musste, einfach keine Ängste hatte, außer den paar persönlichen, die aber durch ein paar Bier in Schach zu halten oder zu verdrängen waren, steht er nun recht hilflos vor einer völlig neuen Situation.

Da kommt etwas auf ihn zu, ist sogar schon fast da, Mr. Parkinson atmet und keucht ihm nämlich nicht nur täglich spürbar in den Nacken, sondern hockt da wie ein Klammeräffchen und zischt ihm in das Ohr, das ängstlich lauschend über seine zitternde rechte Hälfte wacht: „Bald bin ich ganz Du und Du bist ganz Ich und dann fallen wir gemeinsam ins Bodenlose!“
Das hört er wohl und es beklemmt ihn, aber er kann das Klammeräffchen nicht mehr aus seinem Nacken entfernen (wie auch, wenn der Arm doch so zittert) und fängt an, Augen und Ohren zu verschließen. Nicht nur vor dem alten Affen Angst, sondern vor allem, auch vor dem, was ihn ans Leben erinnert, wie es mal war oder wie er dachte, dass es noch sein würde, wenn er in Rente wäre und endlich Zeit und Ruhe hätte, für all das, was ihm das Chefsein und er sich selbst verwehrt hatten.

Alles auf eine Karte gesetzt und die für einen Trumpf gehalten, lange geglänzt wie einer, der die Asse, eines nach dem anderen, nur so aus dem Ärmel zieht, Privates dem Beruf und Eigenes der Familie untergeordnet, wie das halt so läuft, wenn es läuft und irgendwann läuft einem doch alles davon, obwohl es so gut zu laufen schien.
Die alten Freunde verloren, keine neuen gefunden, Arbeit-Arbeit-Arbeit, Anstrengung-Anstrenung-Anstrengung, also nur noch berufliche Weggefährten, von denen die wenigsten bleiben, wenn der berufliche Weg mal geendet hat, also viel Raum da, der zu füllen gewesen wäre, aber bevor eine konkrete Idee auf den Plan trat, womit, trat Mr. Parkinson durch die Hintertür ein und füllte von dort aus die Räume, einen nach dem anderen und bald wird das ganze Haus, dessen Herr er mal war und immer bleiben wollte, eine einzige Besatzungszone sein.

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Bei der Hunderunde durch den strömenden Regen komme ich an dem Café vorbei, in dem ich letzte Woche mit dem Theologen und dem Onkologen zusammensaß und den Nachmittag verplauderte. Ich gucke durchs Fenster in das Café hinein und prompt sehe ich die beiden auf ihrem Stammplatz sitzen. Bin versucht, sofort weiterzugehen (trüber Tag heute, nicht gesellschaftsfähg), aber sie haben mich bereits entdeckt und winken mich fröhlich zu sich herein.

Triefend vor Nässe betreten das Dackelfräulein und ich das kleine Café, die alten Herren haben schon einen dritten Stuhl zu ihrem Tisch gezogen, nehmen mir den pitschnassen Mantel ab und organisieren eine Decke, auf die sich die Hundedame zum Abtropfen legen kann.
Die beiden überschlagen sich vor Höflichkeit, ich muss mir ein paar Trüffel aussuchen und einen Tee bestellen. Der Theologe möchte meine Meinung zu seiner neuesten Grabrede hören, die er heute Morgen verfasst hat, der Onkologe möchte hören, wie es am Wochenende in den tief verschneiten Bergen war.

Dann müssen die beiden los, der eine zum Augenarzt, um ein Rezept abzuholen, der andere zum Bestatter, um die Grabrede abzuliefern.
Ich bleibe noch eine Weile allein in dem Café sitzen, gucke auf den grauen See hinaus und trinke noch einen Kaffee, schreibe dem Gatten und einem Freund ein paar Zeilen per Whatsapp und hänge meinen Gedanken nach.

Die Himbeertrüffel in dunkler Schokolade sind übrigens meiner Ansicht nach die besten.

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Diese Tage im Wasserschadensanierungs-Exil führen mir nicht nur meine konkrete akutelle Heimatlosigkeit vor Augen. Neben dem Nicht-im-eigenen-Zuhause-Wohnen-Können offenbart sich mir im (voraussichtlich letzten längeren) Zusammenleben mit dem Papa auch noch eine ganz andere Art von Heimatlosigkeit, derzeit noch mehr als Ahnung, aber wer weiß, wie lange noch.

Als ich heute eine Stunde durch den Regen jogge, immer monoton an der tosenden Weißach entlang, immer schnurgradaus, immer die Repeat-Taste des Walkmans drückend, um „About Leaving“, diesen Hammer-Song von Matthias Forenbacher, endlich voll und ganz aufzusaugen, zu erfassen und zu verstehen, da mischt sich plötzlich mein Schweiß mit dem Regen, und alles fließt mir in Strömen übers Gesicht, vielleicht sogar noch viel mehr als nur Schweiß und Regen, und einfach alles, der Rausch dieser Lyrics und das Tosen des Gebirgsbachs und mein bis in die Schläfen pochender Herzschlag und das schmatzende Geräusch meiner Laufschuhe in dem Matsch des Uferweges kulminieren in der Frage: Wer bin ich, wenn er nicht mehr ist, welcher Teil von mir wird mit ihm sterben, welcher wird weiterleben und wie wird meine Welt aussehen, wenn die seine komplett untergegangen ist?

What is the truth when you’re going to leave?

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Matrjoschka (4).

Halbzeit: Die Figur in der Mitte ist heute dran, Matrjoschka Nr. 4. Sie stottert ein bisschen und ihre Finger sind etwas klamm und ihre Bäckchen leuchten so rot.

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Heute vor vier Jahren, die Tochter saß gerade in ihrem neuen Büro, von wo aus sie als administrative Leitung den ihr anvertrauten kleinen Verband zu leiten versuchte, was eine ziemliche Herausforderung war, weil die Chefin des ganzen Unternehmens zwar sehr nett, aber ein kreativer Chaot war, womit die Tochter zwar menschlich, aber nicht beruflich zurechtkam, außerdem noch ganz unter dem Schock der Beerdigung des viel zu jung und unerwartet gestorbenen Freundes stand, dessen Urne vor drei Tagen recht sang- und klanglos in die Erde eines Waldfriedhofs südlich von München versenkt worden war, klingelte ihr Telefon. Nicht das Bürotelefon, sondern das Handy.
Es war kurz vor 10 Uhr. Eine unbekannte Münchner Nummer stand im Display. Die Tochter nahm den Anruf entgegen („nahm ab“ kann man ja in Zeiten, in denen eine Gesprächsannahme via Smartphone ein seltsamer Wischvorgang ist, der dem einfingrigen Wegwischen eines verendeten Mini-Insekts auf dem Gartentisch ähnelt, nicht mehr guten Gewissens sagen).

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„Ihre Mutter ist heute Nacht verstorben, Ihre Telefonnummer hat uns die Betreuerin gegeben“, meldet sich mit Dialektunterdrückung eine bayrische Frauenstimme und fügte sogleich pflichtschuldigst ein „Mein herzliches Beileid zu diesem Verlust“ an.
Nach kurzem anfänglichen Holpern und Stottern und zwei, drei Rückfragen meinerseits, klärte man mich darüber auf, dass die Betreuerin der Mutter ab sofort nicht mehr zuständig sei (eine Sozialpädagogin, mit der ich nicht konnte: bei jedem Kommunikationsversuch verhedderten wir uns ungut, weil sie keine Gelegenheit ausließ, mir ihr Unverständnis darüber um die Ohren zu hauen, dass ich mich nicht selbst um die kranke Mutter kümmerte und regelrecht entsetzt war, als ich eine ihrer ungebührlichsten moralischen Nebenbemerkungen mit einem „Möchten Sie ernsthaft mal die Geschichte hören? Die ganze Geschichte von meiner Mutter und mir? Nein? Na dann verkneifen Sie sich bitte künftig Ihr unqualifiziertes Geunke!“).
Die Sozialpädagogin hätte „den Vorgang“ bereits abgeschlossen, hieß es seitens des Pflegeheims, sie stünde aber telefonisch noch für Rückfragen zur Verfügung.

Desweiteren erfuhr ich, dass der Leichnam der Mutter innerhalb von 24h aus dem Pflegeheim abgeholt werden müsse. Hui, dachte ich da, wie soll das denn so rasend schnell gehen?
Vorbereitet war ich auf diesen Moment oder Tag nicht, denn die Mutter starb schon seit über anderthalb Jahren mit kurzen Unterbrechungen vor sich hin, der Hirntumor wuchs viel langsamer als gedacht und die Mutter war viel zäher als angenommen.
Da hatte man es sich nach den ersten paar Alarmen wieder abgewöhnt, jedes Mal gleich völlig aus dem Häuschen zu sein, den Stift fallen zu lassen und in wilden Aktionismus zu verfallen, wohl wissend, dass es, also die Todesnachricht, einen dann eines Tages wie aus heiterem Himmel treffen würde.

Und in der Tat: der Himmel war heiter an diesem 1. Februar 2016. Die Sonne schien unaufhörlich, der Himmel war blau, der See, von dem mein Büro keine 250 Meter entfernt war, funkelte im Morgenlicht der gerade beginnenden Woche.
Als das Telefonat beendet war und ich zugesagt hatte, dass man alle Rechnungen an meine Adresse senden dürfe und entschieden hatte, dass ich die tote Mutter nicht mehr sehen wolle, was dem Pflegeheim sehr recht war, da man sie sonst noch länger in ihrem Zimmer hätte belassen müssen, so aber konnte sie gleich in den Keller verlegt werden (in dem es keine Kühlung gäbe, wie man mir mitteilte, deswegen ja die Eile mit der Abholung). Auch ihre paar persönlichen Dinge wollte ich weder sehen noch an mich nehmen, ich wusste, was da neben ihrem Bett stand, und es erinnerte mich nur an Zeiten und Geschehnisse, an die ich nicht mehr erinnert werden wollte.

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Ich starrte aus dem Bürofenster in den großen Garten hinaus. In der Eisschicht auf dem Fischteich war ein Sprung zu erkennen, es taute wohl. Die Katze der Chefin saß im Schilf und linste neugierig ins Wasser rein. Was machen so Teichfische eigentlich im Winter? – schoss es mir durch den Kopf.
Drumherum, auf der geschlossenen Schneedecke im Garten, waren diverse Hüpfspuren des Dackelfräuleins zu sehen. Pippa begleitete mich an den meisten Arbeitstagen nach Starnberg, mittags gingen wir immer am See spazieren, manchmal über eine Stunde lang, denn die Arbeitszeit war frei einteilbar, die kreative Chaotin hatte selbst keinen festen Rhythmus und gestand Selbiges auch ihren paar Angestellten zu.

Nachdem ich ausreichend lange aus dem Fenster gestarrt hatte, sagte ich halblaut zu mir selbst: Nun gut, jetzt bist du nochmal dran, du musst das jetzt auf die Reihe kriegen!
Ich rief die Sozialpädagogin an, die mir kondolierte und danach meinte, sie hätte jetzt leider keine Zeit, den Kontostand der Mutter nachzusehen, der läge in irgendeinem Ordner und sie müsse die Sachen eh in den nächsten Tagen in die Hand nehmen, um alle Unterlagen zum Betreuungsgericht zu schicken, aber leider, leider könne sie das jetzt nicht vorziehen.

Meine Befürchtung war die, dass die Mutter Schulden hinterlassen haben könnte oder aber nur so wenig Guthaben auf ihrem Konto vorhanden wäre, dass die Kosten für die Beerdigung davon nicht getragen werden könnten.
Auf meinem Konto sah es zu der Zeit ohnehin nicht rosig aus: es war die fünfte Woche im neuen Job, das erste Gehalt war noch nicht eingegangen und in den Monaten davor gab es sowieso keine Geldeingänge zu verzeichnen, und den Gatten wollte ich aus der Sache raushalten, wenn es denn irgendwie ging, er hatte die Mutter schließlich nie kennengelernt.
Aber keine Chance, aus der Betreuerin eine Zahl (und ihr Vorzeichen) herauszubekommen. Dann musste es eben ein Blindflug werden.

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Bis der Leichnam der Mutter das Pflegeheim zu verlassen hatte, waren es jetzt nur noch 22 Stunden. Ich musste heulen, weil ich überfordert war. Kniete mich neben den Hundekorb und drückte das Dackelmädchen an mich (nebenbei bemerkt: Heulen ist mit diesem Hund absolut unmöglich, weil die Trostbemühungen so extrem und so zudringlich sind, dass man meist lieber ganz schnell aufhört mit dem Tränenvergießen, nur damit der Hund sich endlich wieder beruhigt).

Dann rief ich den Gatten an. Keine Erinnerung mehr an das, worüber wir gesprochen haben oder auch nicht, ich habe vermutlich wieder geheult.
Irgendwann betrat die Chefin mein Büro, sah mich am Schreibtisch sitzen, kein einziges Fenster einer Anwendung auf dem Monitor zu sehen, nur Springsteen als Bildschirmschoner (ich erinnere noch: als sie den zum ersten Mal sah, fragte sie allen Ernstes „Ist das Ihr Mann?“, und ich sagte „Dann säße ich jetzt nicht hier, sondern auf einer Ranch in New Jersey und würde edle Pferde striegeln!“, naja, die Gute war 72, da konnte man ihr so einen Faux pas schon nachsehen) und daher guckte sie mich verdutzt an und als sie fragen wollte, was denn los sei, sah sie gerade noch rechtzeitig mein rotfleckiges, verquollenes Gesicht und fragte nichts mehr, sondern sagte sehr anteilnehmend: „Oh je, Sie Arme, das ist wegen dem verstorbenen Freund, nehme ich mal an!?“.

„Nein, meine Mutter ist heute gestorben.“, antwortete ich.
Das muss man sich ja auch mal vorstellen: Da stellt man jemanden neu ein, betraut ihn mit einer Leitungsfunktion und in den ersten fünf Wochen hat der/die Neue gleich zwei Todesfälle an der Backe und kommt aus dem Heulen nicht mehr raus (Randnotiz: bevor es aber im Herbst 2016 den nächsten Toten zu beweinen gegeben hätte, hatte ich schon über ein halbes Jahr den Dienst quittiert, Ende März kündigte ich, löschte den schönen Bildschirmschoner, packte das Hundekörbchen und meine Siebensachen wieder ein, und nun weinten die Chefin und ich zur Abwechslung mal beide, weil wir zwar wussten, dass es von den Arbeitsweisen her nicht zusammenpasste, aber uns eben wirklich mochten, so dass es neben aller Notwendigkeit, auch ein trauriger Abschied war, es war wirklich ein nervenaufreibendes erstes Quartal, damals in 2016).

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Der restliche 1. Februar des Jahres 2016 verging damit, dass ich nachhause fuhr, eine Breze aß, die der Gatte für mich geholt hatte, weil er weiß, dass mich frische Brezen immer aufbauen und zu den konstant guten und lebensfroh stimmenden Dingen in meinem Leben gehören, mich zwei Stunden an den Schreibtisch setzte und eine sogenannte Discount-Beerdigung organisierte. Nie zuvor gehört, diesen Begriff – Sie etwa?
Ein Euphemismus zudem, denn trotz Discount geht sowas nicht unter 1.800€, wie ich dann bald bemerkte.
Fragen über Fragen waren zu beantworten und zig Entscheidungen zu treffen: Leichenhemd ja/nein?, Holzart des Sarges? (- Hä, wieso Holz, die Mutter soll doch verbrannt werden und ihre Asche in einer Urne beigesetzt werden? – Ja schon, aber sie wird vor der Einäscherung in einen Sarg gelegt und samt Sarg verbrannt. – Achso, wusste ich nicht.) Sammelgrab oder Einzelgrab? Anonymes Grab oder mit Schild? Traueranzeige ja/nein, Benachrichtigung von Verwandten gewünscht?

Mir zitterten die Hände, als ich den Bestattungsvertrag inklusive Vollmacht für die Abwicklung von nahezu allem unterzeichnete, einscannte und nach Leipzig schickte, wo sich der Mitarbeiter eines Bestattungsunternehmens emsig um mich kümmerte. Er hieß Thomas Mann, irgendwie hatte das was, und es passte prima zu der Absurdität all dieser im Hauruckverfahren zu erledigenden Dinge.

Thomas Mann und ich telefonierten etliche Male in diesen Stunden. Dazwischen musste ich den Papa, den ich natürlich auch schon über das plötzliche und endgültige Sterben der Mutter informiert hatte, darum bitten, eine Leiter aus seinem Keller zu holen, um trotz seines Parkinsons, der ihm solche Klettereien eigentlich nicht mehr erlaubte, im obersten Regal seines Arbeitszimmers den Scheidungsordner hervorzukramen, da Thomas Mann für das Ausstellen der Sterbeurkunde für die Mutter eine beglaubigte Abschrift des Scheidungsurteils (aus dem Jahre 1989!) benötigte. Formalitäten und Anforderungen, die man ja kaum glauben mag, aber so waren die amtlichen Vorschriften. Ordentlich wie der Papa ist, hatte er das Dokument nach fünf Minuten zur Hand, steckte es in ein Kuvert und schickte es direkt per Einschreiben nach Leipzig, vertraulich und zu Händen von Herrn Thomas Mann.

Um 15 Uhr informierte ich das Pflegeheim, dass die Mutter heute noch abgeholt werden würde. Man war zufrieden. Und ich war fertig mit der Welt für diesen Montag und überhaupt. Vor lauter Formalkrempel alles Emotionale ebenso stumm und tot wie die Mutter.
Der Gatte bot jedwede Unterstützung an, ich wusste aber nicht, wobei ich nun akut hätte unterstützt werden müssen. Ich wusste eigentlich gar nichts mehr. Alle Blätter waren unterschrieben, alles ging seinen Gang. Auf Thomas Mann, so sagte mir mein Gefühl, wäre Verlass. Der klang kompetent und professionell und so, als hätte er die Sache im Griff.
Was also sollte ich nun tun, was wollte ich tun, was konnte ich tun, an einem solchen Tag?

Gegen 16 Uhr sprang ich in das golden glitzernde Wasser des Winterfreibades und schwamm um mein Leben und als ich wieder aus dem Becken kletterte, ging die Sonne bereits langsam unter und tauchte das Schwimmbadgelände in ein wunderschönes, tiefrotes Licht.

Rot wie die Liebe, die wir vor langer Zeit schon beigesetzt hatten.
Rot wie jenes vom Neurochirurgen bei der OP zugeschaltete Licht die Tumorzellen im Kopf der Mutter fluoreszieren ließ.
Rot wie das lodernde Feuer, in dem die Mutter, von schlichtem Birkenholz und einem Leinenhemd umgeben, in einem sächsischen Ofen verbrennen würde.

Rot wie das Blut, das in unseren Adern fließt, und das die Herrschaft hat über Leben und Tod.

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Matrjoschka (3).

Am mütterlichsten war die Mutter, wenn das Kind krank war.

Vielleicht war die Tochter ja deshalb als Kleinkind so häufig krank. Um so ein bisschen mehr Mütterlichkeit abzubekommen als es im normalen Alltag je drin gewesen wäre. Wobei die Tochter in ihrer Erinnerung gar nicht so häufig krank war wie die Mutter es früher stets behauptet hatte.
Vielleicht hatte sie es ja vor allem deshalb behauptet, um die Schuld, in der die Tochter ihr gegenüber bereits qua Geburt stand, noch zu erhöhen. Denn ihrem unermüdlichen Einsatz fürs kranke Kind war mindestens eine Extraportion Dankbarkeit zu zollen.

Aber wie das mit Kindern eben so ist: von moralischem Gedöns noch völlig unverbogen sind sie halt einfach nur krank und bedürftig (und in diesem Zustand naiven Versehrtseins wohl auch undankbar, sofern das bereits eine Kategorie für sie wäre, was ziemlich sicher aber nicht der Fall ist in ihrem kindlichen Universum, das sie leider meist eh zu früh verlassen müssen).

Matrjoschka Nr. 3 putzt sich das Näschen, räuspert sich, kratzt sich noch eine Narbe blutig, steht langsam auf und spricht. Über Grießbrei und andere Torturen.

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In der Lebensphilosophie der Mutter gehörte Undankbarkeit bestraft.

Bei jeder grippal bedingten Bettlägerigkeit wurde ich von der Mutter mit Lindenblütentee und Hühnersuppe malträtiert. Alternative: Kamillentee und Rinderbrühe. Alles nah am Brechreiz für mich, bis heute. Was an damals liegt, denn nichts davon habe ich je freiwillig zu mir nehmen können. Als Kind wurde mir regelrecht übel, wenn der Geruch einer dieser vier Plörren durch die Wohnung bis zu meinem Krankenlager kroch oder mir dampfend unter die Nase gehalten wurde.

Da ich zu einer Zeit aufwuchs, in der manche noch an den ehernen Gesetzen der vorigen Generation festhielten, die in dem Fall lauteten „Es wird gegessen, was auf den Tisch kommt!“ und „Wenn dir das nicht schmeckt, hast du eben Pech gehabt – was anderes gibt’s nicht!“, hatte ich doppelt Pech.
Zum einen war ich krank und zum anderen bekam ich nichts zu essen, was ich mochte. „Verzogene Göre“, hieß es dann, und im Krieg und danach wäre man froh gewesen und so weiter… – na, Sie wissen schon. Dabei hätte mir schon etwas Zwieback und Hagebuttentee völlig gereicht, aber wenn die Mutter der Ansicht war, diese Krankheit müsse mit Hühnersuppe und Lindenblütentee und jene mit Rinderbrühe und Kamillentee kuriert werden, dann war das so.
Denn die Mutter war Legislative, Exekutive und Judikative in ein und derselben Person.

War ich auf dem Weg der Besserung, drohte mir die nächste kulinarische Eskalationsstufe. Unter der Überschrift „Dem Kind was Gutes tun“ kochte mir die Mutter Grießbrei oder briet Pfannkuchen. Pur wäre das vielleicht tatsächlich eine Leckerei für mich gewesen, die Crux war nur: es wurden Äpfel zugesetzt. Säuerliche, mehlige Äpfel, die ich nicht mochte. Im Grießbrei wurden sie als Stückchen mitgekocht, von denen nur die Schale übrigblieb, die sich immer in den Zahnzwischenräumen verfing, in die Pfannkuchen kamen sie als große Spalten hinein, die nie gar wurden und beim Draufbeißen sauer, morsch und eben halbgar schmeckten.
Die ultimative Krönung hieß schließlich Zimtzucker. Der kam über beide Speisen drüber, recht reichlich sogar, damit das Saure der Äpfel abgemildert wurde. Dummerweise mochte ich keinen Zimt, was die Mutter auch wusste, aber mit einem strengen „Alle Kinder mögen Zimt“ beiseite zu wischen pflegte.

Denken Sie jetzt bitte nicht, ich sei ein geschmäcklerisches Kind gewesen. So eines, das fast nichts essen mag und immer die Nase rümpft, egal, was man ihm vorsetzt. So war das nicht. Ich aß gerne und gut, ich liebte sogar Bitteres wie Chicorrée und Endivie, ich mochte eben nur diese Krankheitsgerichte der Mutter nicht. Schon in gesundem Zustand war ich kein Apfel- oder Zimtfan und auch kein Freund von klaren Brühen, aber wenn ich krank war, wurde ich davon eher noch kränker. Es war einfach anstrengend, sich ein Essen oder ein Getränk reinzuwürgen, das einem nicht schmeckte.

*****

Zwanzig Jahre nach diesen Kinderkrankheitsjahren, die Mutter und ich gingen schon längst getrennter Wege, mussten meine Mandeln entfernt werden.

Ich verließ die Studienstadt und fuhr für die Operation und den kurzen Krankenhausaufenthalt heim nach München. Durch eine Verkettung unglücklicher Umstände hatte der Papa der Mutter am Telefon berichtet, dass ich in München im Krankenhaus läge und die Mutter entschloss sich zu einem Überraschungsbesuch. Schließlich war das Kind krank – eine Situation, der sie sich gewachsen fühlte.

Dummerweise hatte der Operateur mir nach der Entfernung der Mandeln den Mund nicht achtsam genug geschlossen. Die Zunge war zwischen die Backenzähne geraten und beim Zusammenklappen des Kiefers eingeklemmt worden. Als ich aus der Narkose erwachte, hatte ich scheußliche Schmerzen im Rachen, die ich nicht zuordnen konnte und zunächst auf die OP an sich schob.
Erst am Tag drauf entdeckte eine Schwester das eitrige Loch hinten in meiner Zunge, ich hatte sie mir fast durchgebissen. Konnte nichts schlucken und auch kaum ein Wort sprechen.

In genau diese Phase fiel der Überraschungsbesuch der Mutter. Wir hatten uns über zwei Jahre nicht mehr gesehen, nur ein paar wenige unerfreuliche Telefonate geführt oder wegen irgendwelcher Formalitäten führen müssen. Da saß sie nun neben meinem Bett, redete auf mich ein, hielt mein ersticktes Krächzen für Getue, wunderte sich lautstark darüber, wie man nur nach einer läppischen Mandeloperation so fertig sein könne („Das ist doch heuzutage ein Routineeingriff!“), mokierte sich über meine Einsilbigkeit und drängte mir – Sie ahnen es, was jetzt kommt?! – ihren mitgebrachten Grießbrei mit Apfelstücken und Zimt auf. Allen Ernstes derselbe verdammte Brei mit  Apfelstücken und Zimt, den ich schon als Kind gehasst hatte! – und als ich mich abwandte und ihr andeutete, dass ich vor lauter Schmerzen nichts schlucken könne, setzte sie sich auf den Rand meines Bettes und wollte mich füttern.

Hätte ich eine Stimme gehabt, hätte ich geschrien, aber ich hatte keine, ich hatte nur meine Hände, um mich zu wehren, und so fegte ich mit einem Handschlag den Breipott von meiner Bettdecke, er fiel polternd zu Boden, und während die Mutter sich unter wütenden Exklamationen nach dem Gefäß bückte, riss ich die Klingel aus ihrer Halterung über meinem Kopf und läutete nach einer Schwester, die kurz darauf das Krankenzimmer betrat.
Ich heulte mittlerweile vor Anstrengung, Halsschmerzen und Verzweiflung, die Mutter stand schimpfend mit einem Fuß im Brei und hielt den halbleeren Pott in ihrer Hand wie eine Granate, die nur auf ihren Einsatz wartete, die Schwester beugte sich zu mir und fragte, was denn los sei und mit zerquetscher Stimme und letzter Kraft presste ich noch ganze drei Worte aus meiner wunden Kehle: SIE SOLL GEHEN!

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Und sie ging.

Als wir uns weitere zwanzig Jahre später wiedersahen (dazwischen gab es nur noch zwei Begegnungen, von denen möglicherweise ein andermal die Rede sein wird), lag sie abgemagert und leichenblass und von zig Schläuchen umgeben, die irgendetwas in sie hinein- oder aus ihr herausleiteten im Krankenbett der Palliativstation, musste gefüttert werden, konnte nicht mehr sprechen, vermochte nur noch eine Hand und die Augenlider minimal zu bewegen, alles andere hatte der Hirntumor komplett lahmgelegt.

Ich besuchte sie, um mich von ihr zu verabschieden, saß neben ihrem Bett und saß überwiegend schweigend dort. Es gab nicht mehr viel, das ihr hätte sagen wollen oder können nach all den Jahren und bei dieser unserer letzten Begegnung. Zwischen uns war manches zu oft gesagt worden und vieles unsagbar geblieben. Es war stimmig, dass es nun sprachlos endete. Reglos lag sie in ihrem Bett, sah mich ab und zu an und blinzelte oder zupfte mit der Hand an ihrer Bettdecke. Ich sah sie an und dachte: „Jetzt ist es wenigstens einmal friedlich zwischen uns.

Eine Pflegerin durchbrach dann diese Stille und betrat den Raum. Sie brachte einen Tee und ein Schälchen Grießbrei mit, stellte die Sachen auf den Nachttisch der Mutter, guckte mich an und fragte: „Wollen Sie vielleicht Ihre Mutter mit dem Grießbrei füttern?“
Die Frage traf mich wie ein Blitz. Völlig paralysiert starrte ich erst auf den Grießbrei, dann auf die bleiche Mutter und schließlich zur Pflegerin – alles fühlte sich an wie eingefroren oder wie in Zeitlupe, kein Wort wollte über meine Lippen kommen, mein Hals war wie zugeklebt. Irgendwann gelang es mir, verneinend den Kopf zu schütteln.

Kurz darauf bin ich gegangen.
Und sie dann auch.

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Matrjoschka (1).

Matrjoschka Nr. 1: Die Kleinste von allen hat als Erste das Wort.

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Die Mutter war Russin, weshalb ihre Tochter eine Natascha Irina sein musste.

Hätte sie einen Sohn geboren, säße hier nun mein männliches Pendant auf dem Sofa. Ein Boris Alexander, mit seinem Laptop auf dem Schoß, er hätte vielleicht kein weißes, sondern ein silbernes oder schwarzes.
Vielleicht würde er Wodka trinken statt Weißbier und bestimmt hätte er zur Winterzeit im Unterschied zu mir stets warme Füße. Und vielleicht läge anstelle einer Rauhaardackeldame ein Sibirischer Huskyrüde unter seiner Wolldecke.

Aber wie dem auch sei: Er hätte dieselbe Mutter gehabt, und er hätte sich ebenso als ihr einziges Kind unter ihrem Regiment behaupten müssen.

Was hätte er für eine Überlebensstrategie entwickelt?
Wäre er stärker gewesen als ich? Oder schwächer?
Ob auch er eines Tages davongelaufen wäre? Oder geblieben wäre?
Hätte er sie wohl länger lieben können als ich? Oder gar noch kürzer?
Und wäre es ihm möglich gewesen, an ihrem Sterbebett zu sitzen? Oder ebenso wenig?

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Ein russisches Original: Birkenholz, handbemalt und aus sieben Teilen bestehend.

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Der Papa brachte sie mir neulich aus Russland mit.

Er hätte eine ganze Weile suchen müssen, sagte er, bis er eine gefunden hatte, die der, die zu meinen Kindheitstagen im großen Bücherregal der Mutter stand und von dort, aus einer Lücke zwischen dem grün ummantelten Pschyrembel und den blau eingebundenen technischen Wörterbüchern, völlig reglos, aber mit wachem Augenaufschlag auf unser Familienleben hinunterblickte und das, was sie sah, sich verpuppen ließ, um es dann gut in ihrem Inneren zu verbergen, zum Verwechseln ähnlich sah und die aus genauso vielen Figuren bestand: nämlich aus sieben Puppen.

Schließlich hatte er sie gefunden.

Nach 35 Jahren habe ich nun wieder eine Matrjoschka. Eine echt russische!
So wie die, die ich als Kind immer wieder auseinandernahm und zusammensetzte, um sie dann erneut zu zerlegen und wieder zusammenzubauen – und immer so fort.
Es war die Hauptaufgabe, die ich in dieser Familie hatte: all diese Figuren irgendwie zusammenzuhalten oder sie zu separieren, je nach Temperatur, die das familiäre Thermometer gerade anzeigte, und mit viel Fingerspitzengefühl, damit das feine Birkenholz, aus dem sie gedrechselt waren, ja nicht zerbrach.
Mal stellte ich sie als Ganzes zurück ins Bücherregal der Mutter, mal platzierte ich alle sieben Puppen einzeln dort, was der Mutter missfiel.
Sie geriet dann in Sorge, eine der kleineren Matrjoschkas könne zu Boden fallen und dabei kaputtgehen.

Rückblickend denke ich, dass ich schon früh die Verwandtschaft zwischen der Matrjoschka und unserer Familie wahrgenommen hatte und sie mich deshalb so faszinierte.
Denn unsere Dreiheit war genau wie diese Matrjoschka: ein zurechtgedrechseltes Kunstprodukt, ein ineinander verschachteltes Etwas, nach außen hin zwar bunt und lächelnd, tief drinnen aber mit einem harten, hölzernen Kern, der umgeben war von vielen Hüllen, jede davon schmerzerprobt, weil potentiell jederzeit in ihrer Mitte durchtrennbar und zu oft allein dastehend (und dann diesen unheimlichen Hohlraum in sich spürend).

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Nun, da ich der Mutter nichts mehr übelnehme – und das nicht etwa, weil ich ihr alles verziehen hätte, was ich ihr einst übelnahm, sondern: seit der irdische Part unserer Geschichte ein Ende fand, fühlt sich die Vergangenheit von Jahr zu Jahr friedlicher an, wohl weil ihr jede Zukunft genommen wurde und sich das als heilsam erweist – kann ich über sie schreiben.
Kann sie be_schreiben, die Mutter und die 17 Jahre, die ich mit ihr verbrachte.

Freuen Sie sich also auf „Matrjoschka“, die neue Winterserie hier im Kraulquappen-Blog.
Oder besser gesagt: Seien Sie zumindest gespannt auf etwas dunkle Lektüre in der dunklen Jahreszeit, die gut zu einem Pott schwarzem Tee mit zu viel Rum drin passen könnte, aber richten Sie Ihre Freude vielleicht doch lieber auf Bekömmlicheres wie z.B. Weihnachtsplätzchen oder die Schokoladenstückchen aus Ihrem Adventskalender, die demnächst ja Einzug halten werden.

Diese Serie wird sieben Teile umfassen, so wie auch die Matrjoschka, mit der ich als Kind unter dem großen Schreibtisch der Mutter hockte und spielte, aus sieben Figuren bestand. In jeder Folge wird eine der Puppen ihre Geschichte erzählen.
Obwohl es noch exakt sieben Wochen bis Weihnachten sind, werden wir bis dahin nicht fertig sein, sondern erst dann, wenn der Schnee, der jetzt noch gar nicht gefallen ist, langsam wieder zu schmelzen beginnt.

Ich versichere Ihnen, mir Mühe zu geben, die Memoiren der sieben Holzpüppchen jeweils so zu lektorieren, dass Ihnen die veröffentlichten Beiträge nicht ähnliche Frostbeulen bescheren wie sie sie in der damaligen Kinderseele der Tochter hinterließen – es ist draußen ja schon zapfig genug.

Und falls Sie sich fragen, wieso Sie diesen Siebenteiler nicht während der dauerheißen Sommermonate kredenzt bekommen, wo ein bisschen Frösteln ja durchaus wohltäte, so kann ich das schlicht und schnell damit beantworten, dass manche Geschichten emotional und auch sonst Wintergeschichten sind und daher in keiner anderen Jahreszeit erzählt werden können.

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Die sieben Mütterchen aus Russland packen aus.

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Die Welt ist nicht größer als das Fenster, das du ihr öffnest.

Gestern Mittag auf der Gindelalm.

Ein weiß-blaues Fenster öffnet sich.
Auf der Holzbank direkt darunter sitze ich. In der Sonne. Denke die ersten paar gewichtigeren Gedanken in diesem neuen Lebensjahr. Erfreue mich an der Wärme, dem Licht, dem Panorama. Habe mir vorgenommen, hier heroben in Ruhe tippenderweise den letzten Gratulanten zu danken, um den Geburtstagsreigen abzuschließen. Daraus wird aber nichts, das Handy bleibt im Rucksack.

Ich komme mit zwei Kielern ins Gespräch bzw. die mit mir, natürlich zunächst wegen des Dackelfräuleins, diesem Plauschinitiator der Extraklasse. In den folgenden drei Stunden geht’s dann um alle möglichen Themen. Ja, Sie lesen richtig: drei Stunden. Sowas passiert mir quasi nie. Mit Fremden, und einfach so, und trotz meiner misanthropischen Tendenzen. Und ausgerechnet gestern, wo ich mich nach Alleinsein gesehnt hatte und was zu denken mit auf den Berg geschleppt hatte, was ja auch gerade im Begriff war, gedacht zu werden als diese Unterhaltung ihren Anfang und dann kein Ende mehr nahm.

Noch ungewöhnlicher als das lange Gespräch auf der Alm ist, dass wir dann sogar beschließen, zu dritt hinabzugehen ins Tal. Normalerweise beende ich solche Berghüttenkontakte spätestens mit dem letzten Schluck aus meinem Weißbierglas oder Kaffeehaferl, weil ich gern in Ruhe und in meinem Tempo gehe, und bei Fremden, tja, da weiß man ja erst recht nicht, wie’s läuft und wie sich’s läuft.
Aber es hat alles gepasst mit den beiden Kielern, es war so offen, interessiert, lustig und einfach, dass ich fast schon geneigt war, mich für kontaktfreudiger zu halten als ich es mir bislang unterstellt hätte, und dass es völlig krampfig gewesen wäre, nicht gemeinsam mit den netten Nordlichtern abzusteigen, zumal wir unsere Autos am selben Parkplatz stehen hatten.
Zu guter Letzt tauschen wir auch noch Telefonnummern aus (ebenfalls eine Seltenheit für mich) und wenn ich möchte, kann ich im Spätsommer den bereits gebuchten, letzten Hotel-Zwischenstopp vor der dänischen Grenze wieder stornieren und mitsamt Pippa im schönen Kiel in einem Gästezimmer logieren.

Soweit der beschwingte Teil des Tages.

Anschließend noch eine Viertelumdrehung am See weitergefahren, um den Papa zu besuchen, wie immer eigentlich, wenn ich in den Tegernseer Bergen herumstiefle.

Stehen wir gemeinsam in der Küche, der Papa am Herd und schon mit dem Abendessen beschäftigt, ich an der Spüle, um den Wandernapf vom Fräulein und meine Trinkflasche auszuwaschen.
Er rührt in einem großen Wok, es gibt ein Curry. Wenn er sich neben dem Herd zur Anrichte beugt, um ins Rezept zu gucken, meint man, er fiele gleich vornüber, so schief ist seine Haltung. Auch wenn er sich nicht zu einem Rezept beugt, meint man das häufig.
Seine Lesebrille beschlägt von den Dämpfen, die aus dem Wok aufsteigen. Alles wirkt angestrengt und beschwerlich.

Schließlich ist eine Limette auszupressen. Seine linke Hand hält die kleine Edelstahlpresse fest, die rechte versucht, die halbierte Limette im Uhrzeigersinn zu drehen, um ihr den Saft abzuringen. Ja, „abzuringen“. Das trifft es genau, denn die Szene wirkt wie ein Ringkampf im Kleinen.
Und der Papa verliert diesen Kampf, die Limette rutscht ab und plumpst in die Spüle, wo ich sie auffange und dann sage: „Lass mich das machen.“. Er sagt daraufhin gar nichts, dreht sich zurück zum Herd und rührt wieder stumm in seinem Wok herum.
Wie er da so steht, dieser voluminöse Mensch, dieser Fels, der er immer war, und kaum noch rühren kann, das rührt mich wiederum so sehr, dass ich die Küche verlassen muss und lieber draußen auf der Terrasse den Tisch decke.

Die Lebensgefährtin vom Papa sitzt am Tisch und flucht leise und ein bisschen senil über einem Sudoku, das sich offenbar nicht lösen lässt. Ich ignoriere sie, was unserem Verhältnis auch irgendwie angemessen ist oder zumindest keinem von uns als störend aufstößt.
Hinter der Hecke hört man aus dem Garten nebenan den unerzogenen Terrier der beiden uralten Nachbarinnen kläffen und ich denke in dem Moment: Halb Rottach-Egern besteht aus Rentnern und Greisen, die andere Hälfte sind Sportler, Tagesausflügler und Touristen.
Im Grunde ist es beklemmend, was aus diesem einst bäuerlichen Dorf am Fuße des Wallbergs geworden ist. Alle fünf Minuten donnert ein Krankenwagen mit Blaulicht durch die Hauptstraße, vorbei an all den Nobelboutiquen und Zweigstellen von Sansibar, Dallmayr & Co., in denen geliftete und betuchte Urlauberinnen absurd teure Tees trinken oder dämliche Accessoires kaufen und danach mit ihrem straßbehalsbandeten Chihuahua in der Designerumhängetasche in der Gondel auf den Wallberg hinaufschweben, um in dem potthässlichen Panoramarestaurant einen Prosecco zu trinken.
Dieses Tegernseer Tal ist ein so wunderschöner Fleck Oberbayerns, aber zum einen sehen das zu viele so und zum anderen hat das Geld die Einheimischen so sehr an die Randbereiche der vier den See umgebenden Ortschaften verdrängt, dass man sie in den Orten mittlerweile schon mit der Lupe suchen muss.
Ab und an sieht man noch einen, abends am Lago di Bonzo, wenn die Ausflügler alle wieder weg sind und die Touristen sich ihr 4-Gang-Dinner in der „Überfahrt“ oder beim „Bachmair“ reinziehen. Abends gehen die Einheimischen baden, oder frühmorgens. Da haben sie ihre Ruhe und ihren See einen Moment lang für sich und so wie er war, als hier noch nicht die Prominenz regierte, die Reichen ihre Zweitwohnsitze hierher verlegt hatten und die Almwiesen für ihre Doppelgaragen plattmachen ließen. Aber ich schweife ab.

Das Curry schmeckt sehr gut. Alles schmeckt sehr gut hier, immer noch. Der Papa war zeitlebens ein passionierter Hobbykoch und sah auch immer so aus. Es ist neben dem Reiseführer- und Zeitunglesen die letzte Passion, die ihm noch geblieben ist.
Beim Essen fallen ihm ein paarmal die Augen zu und sein Kinn sinkt zum Brustkorb, er ist für einen Moment komplett weg und bekommt nichts mehr mit. „Papa, schläfst du?“, frage ich und er schreckt hoch, reißt die Augen auf, lächelt und meint: „Aber nein, ich bin doch wach!“
Nach solchen Szenen leite ich dann gern über zum Thema Autofahren und ob das denn alles noch gut ginge, was von ihm beharrlich bejaht und von mir ebenso beharrlich nicht geglaubt wird.

Weil es sich so ergibt und die Lebensgefährtin gestern auch Einiges zu beklagen hat („Dein Vater wird immer unbeweglicher!“ / „Manchmal verlässt er das Haus zwei Tage lang nicht!“) sprechen wir auch noch über Treppenlifte, Rollatoren, Rollstühle und einen Umzug vom Haus der Lebensgefährtin in eine Wohnung, in der manches einfacher zu bewerkstelligen wäre.
Damit wollen dann aber doch beide noch nichts Näheres zu tun haben und wir verheddern uns recht bald ungut in Details zu Treppenliftkonstruktionen und der albernen Frage, ob dann das Treppenhaus überhaupt noch für Gehende zu benutzen wäre, was natürlich hanebüchen ist, weil das Rottacher Treppenhaus weder besonders eng, noch baulich irgendwie speziell beschaffen ist.
Ich mache also mal wieder einen Punkt (der insgeheim ein Gedankenstrich ist, was ich aber nicht verrate) und erzähle von der Tour in Oberammergau letzte Woche, weil der Papa dort noch jeden Stein und Pfad erinnert und das ein Thema ist, bei dem die Wege gleich wieder zusammenführen und der Geruch von Alter und Gebrechlichkeit und noch Schlimmerem, den die Treppenliftsache unweigerlich mit sich bringt, so wieder einigermaßen verfliegt, während die Sonne idyllisch hinter dem Ringberg versinkt und man in ihren letzten Strahlen schon den Fuchs über das Feld schleichen sieht.

Als der Papa nochmal in die Küche schlurft, um einen Wein zu holen, sehe ich ihm durch die geöffnete Terrassentür hinterher. Und sehe auf einmal unseren alten Nachbarn aus dem ehemaligen Mietshaus in Neuhausen in ihm. Der alte Oberstudienrat, mit dem wir Tür an Tür lebten und in seinen letzten Jahren sehr befreundet waren – bis zu seinem Ende, d.h. bis er beschloss, sterben zu wollen, was ihm binnen weniger Wochen gelang.
Es ist dieselbe Schwerfälligkeit, dieselbe Art, mitten im Gehen zu schwanken und zu pausieren, dasselbe Schnaufen bei jedem Schritt (und als ich beim Heimfahren noch weiter drüber nachdenke: es ist sogar derselbe Galgenhumor, nur leider nicht dieselbe Offenheit für Hilfe und Unterstützung).
Der Papa wirkt viel älter als er ist, aber Krankheit ist nunmal keine Frage des Alters und das Alter nichts weiter als eine Zahl (erst letzte Woche auf der Hütte einen Mann getroffen, der mit 75 fit wie ein Turnschuh da heraufspaziert war und zwar über den Steig, über den Pippa und ich uns später doch etwas mühsam hinunterzitterten).

Momente, in denen kurz aufscheint, wie es noch werden könnte und was uns noch so bevorstünde – und die mir mit etwas Abstand zu dem Trübsal und den Ängsten, die sie jedes Mal in mir auslösen, auch eine seltsam intensive Art von Lebensimpuls und -gier geben und recht deutlich zurufen, dass man verdammt nochmal das Glück am Schopf packen solle, wenn es einem denn vor den Augen steht oder gar vor die Füße fällt, und dass man dort, wo man sogar selbst den Glücksschmied spielen kann, weil Gesundheit und Umstände das jetzt gerade erlauben, das auch tun sollte ohne zu viel Wenn und Aber und Konjunktive.

Gelegenheiten ergreifen, sich ein Stück vom Himmel oder der Welt schnappen – so lange sich diese weiß-blauen Fenster noch öffnen und man noch Herr oder Frau über seine zwei Haxn ist.

Heute Mittag in München.